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Einfach mal nachgucken gehen, anstatt alle Thesen zu glauben

In Wien bin ich gewesen. Nicht das erste Mal, aber diesmal fiel mir etwas auf, dass mit Öffentlichen Bibliotheken, den von ihnen gepflegten Diskursen und Obsessionen und damit, wie sie zu Entscheidungen über ihre eigene Entwicklung kommen, zu tun hat. Nämlich grundsätzlich, dass viele Behauptungen, welche die Basis für reale Entwicklungen in Bibliotheken bilden, eigentlich ohne grosse Probleme überprüft werden könnte, bevor sie einfach geglaubt und wiederholt werden. Das möchte ich hier schildern, aber zuvor noch darauf eingehen, wieso ich das relevant finde.

Unterschiedliche Wissenskulturen

Ein Leben als Bibliothekswissenschafter hat – wie auch das Leben mit anderen Jobs – viele frustrierende Momente. Öffentlichen Bibliotheken dabei zuzusehen, wie sie regelmässig die immer gleichen Behauptungen über die Entwicklung von Bibliotheken, über die aktuelle und zukünftige Mediennutzung oder über gesellschaftlichen Entwicklungen wiederholen, die oft einfach nicht stimmen und – noch schlimmer – wie sie oft offensichtlich falsche Aussagen von Berater*innen als scheinbare sinnvolle Argumente übernehmen – das sind oft solche frustrierende Augenblicke. Frustrierend ist dabei nicht etwa, dass nicht anstatt der jeweiligen Berater*in einfach ich gefragt werde: Das wäre nur die Ersetzung mit einem anderen Berater (allerdings, im Gegensatz zu vielen Berater*innen, die alles sind, aber keine Bibliothekar*innen, jemand mit fachlicher Qualifikation). Frustrierend ist, mit wie wenig Anstrengung Bibliotheken eigentlich diese Obsessionen und Behauptungen selber überprüfen und als falsch (oder mindestens unterkomplex) erkennen können. Sie wiederholen oft Behauptungen entgegen einfach zugänglichen Wissens. Das ist das Frustrierende.1

Und dann werden auf der Basis dieses Obsessionen oder Behauptungen die oft immer wieder gleichen Entscheidungen getroffen – die dann (a) oft auch schon vorher vorausgesagt werden können und (b) Ressourcen (Zeit, Personal, Geld, Goodwil von Personal und Nutzer*innen, Infrastruktur und so weiter) verschwenden, weil selbstverständlich nichts anderes herauskommt, wenn Bibliotheken das gleiche nochmal machen, wie andere Bibliotheken vor ihnen auch.

Manchmal, muss ich zugeben, möchte ich einfach tief und vernehmbar durchatmen, dabei einen frustrierten Ton ausstossen und dann einfach nur fragen: „Warum, um alles in der Welt, glauben Sie dann das jetzt schon wieder?” wenn ich Kolleg*innen aus Bibliotheken über Makerspaces oder 3. Orte oder „neue Stadtgesellschaft” oder „Wohnzimmer der Stadt” oder „Coding als die neue Sprachkompetenz” oder Ähnliches reden höre.

Aber selbstverständlich ist auch das unterkomplex. Es gibt wohl Gründe dafür, dass die Dinge sind, wie sie sind (sonst wären sie anders).

Wissenschaft, Praxis, Beratung: Das sind drei verschiedene Wissenskulturen mit drei unterschiedlichen Wissensparadigmen. Man würde erwarten, dass die sich sinnvoll aufeinander beziehen, aber das tun sie selbstverständlich nicht. Dann wäre die Welt ja zu einfach.

  1. Wissenschaft – jetzt einmal einfach und kritiklos gefasst – ist vor allem daran interessiert, strukturiert und methodisch neues Wissen zu generieren. Schon vorhandenes Wissen wird benutzt, strukturiert, ausgewertet und dann daraus neues Wissen geniert (oft über neue Fragen, die dann systematisch beantwortet werden). Bei Luhmann hat Wissenschaft als System die Aufgabe, zu entscheiden, ob etwas wahr oder nicht wahr ist. (So wie alle Systeme bei Luhmann genau eine Aufgabe haben.)

  2. In der Bibliothekspraxis ist das Interesse an Wissen ein anderes: Es geht darum, Wissen zu erhalten, vielleicht auch zu generieren, welches Entscheidungen ermöglicht: Soll man Ressourcen für XYZ einsetzen oder nicht? Soll man Angst vor Veränderung ABC haben oder nicht? Soll man sich Gedanken um dies machen oder um das? Am Ende des Prozesses muss jeweils eine Entscheidungen darüber stehen, wie die Arbeit gemacht wird. Man würde vielleicht vermuten, dass dieses „Entscheidungswissen” und das Wissen, wie es in der Wissenschaft produziert wird, übereinstimmt – aber das tut es nicht. Für die Praxis ist es nicht so wichtig, ob etwas wahr oder nicht wahr ist, sondern das eine Entscheidung getroffen wird. [Das sich das nicht nachhaltig ausgeht, weil Ressourcen so falsch investiert werden und weil so auch Erfahrungen aus anderen Einrichtungen oder gar abstrakteren Wissen oft nicht genutzt werden… das ist ein anderes Thema.]

  3. Beratung hat auch kein grosses Interesse dran, ob Wissen wahr oder nicht wahr ist. Stattdessen wird, abstrakt gesagt, Wissen in der Beratung eingesetzt, um in Bibliotheken Entscheidungsprozesse zu motivieren (also oft erst den Eindruck zu vermitteln, dass Veränderungen nötig sind, aber gleichzeitig auch möglich) und dann diese Entscheidungen zu ermöglichen. Das heisst nicht, dass Beratung unbedingt falscher Wissen präsentiert oder das die Berater*innen nicht von dem, was sie erzählen, überzeugt sind. Aber die Funktion des Wissens ist eine ganz andere: Wenn es nur Entwicklungsprozesse anstösst, ist es gut. Dann wird nichts mehr nachgeprüft. Auch die Methoden, die genutzt werden, haben dann eine sehr andere Funktion als in der Wissenschaft: Sie sollen Ergebnisse ermöglichen, nicht – wie in der Wissenschaft – neues Wissen generieren.

Wie gesagt könnte man vermuten, dass sich diese Wissenskulturen sinnvoll ergänzen würden. Aber sie tun es nicht. So oft wird das vorhandene Wissen aus der Forschung nicht genutzt und stattdessen nochmal die gleichen Aussagen wiederholt, weil Sie Entscheidungen ermöglichen. Ich kann mir vorstellen, dass das hilfreicher ist: Zu glauben, das Makerspaces und Coding-Workshops gross etwas verändern würden, ist wohl motivierender, als die tatsächlichen Ergebnisse aus Forschungen zu Makerspaces und Coding-Workshops, die eher geringe nachhaltige Effekte zeigen, wahrzunehmen und von diesen auszugehen. Aber gleichzeitig ist hoffentlich verständlich, wie frustrierend es sein kann, wenn man als Bibliothekswissenschaftler all die Studien zu Makerspaces in Bibliotheken und zu anderen Makerspaces kennt, deren Ergebnisse eigentlich eindeutig sind (siehe hier und hier) – und dann wieder und wieder stattdessen etwas anderes behauptet wird.

Umzugehen mit diesen Frustrationen; aus dem Wissen daraus, dass die Wissenskulturen anders sind etwas machen: Das mag eine Aufgabe sein, die man vielleicht gemeinsam angehen sollte. Ein Schritt dahin wäre wohl, wahrzunehmen, dass es diese Unterschiede gibt und zumindest zu schauen, was man einfach und schnell besser machen könnte.

Mein Vorschlag hier für die Praxis wäre: (1) Sich bei allen Entscheidungen bewusst sein, dass die Behauptungen, die so in der bibliothekarischen Presse und unter der Hand verbreitet werden, vielleicht gut klingen, aber deshalb nicht unbedingt stimmen müssen – und auch nicht dadurch richtiger werden, dass sie wiederholt werden. (2) Einfach mal bedenken, wie viele dieser Behauptungen schon gemacht wurden, um dann wieder aus dem Diskurs zu verschwinden und (3) deshalb Behauptungen überprüfen, bevor auf ihrer Basis Entscheidungen getroffen und Ressourcen eingesetzt werden.

Wien liefert ein gutes Beispiel dafür, wie einfach das oft möglich ist.

Wien: Kaffeehäuser, public space, Stühle und Bänke

Wien kommt in Ray Oldenburgs „The Great Good Place: Cafes, Coffee Shops, Community Centers, Beauty Parlors, General Stores, Bars, Hangouts, and How They Get You Through the Day” (New York, 1989) prominent vor. In diesem Buch formuliert Oldenburg seine, well, Analyse vom „3. Place”, auf dem viele bibliothekarische Diskurse heute basieren. [Dass das Buch 1989 erschien – und vieles darin auch schon anderswo gesagt wurde –, die Diskurs in Englisch aber erst gegen 2000, in Deutsch und Französisch gegen 2010 anfingen, ist eine der komischen Eigenheiten, die eigentlich aufhorchen lassen sollten – aber das hat dem Diskurs auch bisher nicht aufgehalten.]

Zur Erinnerung: Oldenburg suchte nach Einrichtungen, welche die gesellschaftliche Kohärenz der US-amerikanischen Gesellschaft (wieder) erhöhen könnten – und fand diese vor allem in Europa oder der US-amerikanischen Geschichte. Diese nannte er „3. Place” (als Kurzform für „great good place”).2 In diesen Orten würden Menschen in einem besonderen Raum aufeinander treffen, angeregt durch „anregende Getränke” über gesellschaftliche Grenzen hinweg miteinander kommunizieren und somit lernen, Gesellschaft herzustellen.

Kaffeehäuser

Bibliotheken haben daraus heute selbstverständlich etwas ganz anderes gemacht. Aber trotzdem: Die Kaffeehäuser in Wien sind für Oldenburg – neben englischen Pubs und französischen Bistros – die Vorzeige 3. Orte der Jetztzeit (beziehungsweise der späten 1980er Jahre). Die Kaffeehäuser gibt es heute noch – nicht mehr alle; einige sind so touristifiziert, das sie nicht mehr als der 3. Ort gelten können, von dem Oldenburg sprach. Es gibt (und gab) selbstverständlich in Wien auch ganz andere Lokalitäten als nur die Kaffeehäuser. Und auch die Kaffeehäuser, welche weiterhin vor allem die lokale Bevölkerung bedienen, haben sich seit den späten 1980ern etwas verändert [bei dem um die Ecke von meiner Unterkunft konnte man jetzt explizit vegetarisch essen und wurde sofort, wenn auch weiterhin mit Wiener Schäm, bedient – das war vor einigen Jahren nicht so].

Dennoch sind es weiter Wiener Kaffeehäuser. Was Oldenburg an diesen hervorhob, war (a) das „soziale Spiel”, also vor allem das Verhalten der Ober, die erstmal warten lassen, wenn man die ersten Mal kommt, dann von oben herab fragen, was es sein soll, dann betont unhöflich servieren; dann aber nach wenigen Besuchen schnell Personen zu Stammgäst*innen erheben, sich deren Namen und Vorlieben merken, mit einem Titel eine Stufe über dem tatsächlichen Titel ansprechen und so schnell Personen in eine Gemeinschaft einbinden, (b) die Stammgäst*innen, welche den spezifischen Ort Kaffeehaus prägen würden, mit ihrem raumnehmenden Verhalten, langer Kommunikation, Sonderwünschen und so weiter. Solche Personen, so betont Oldernburg, wären für 3. Orte nötig. Erst sie würden den Raum sozial machen und dafür sorgen, dass er als ein Ort funktionieren würde, der Gesellschaft herstellt.

Stimmt das? Also: Ist das Wiener Kaffeehaus wirklich ein Ort, der so Gesellschaft herstellt? Erfüllt der 3. Ort par excellence seine Funktion? Wenn ja: Was heisst das für die Versuche von Bibliotheken, 3. Orte zu werden? Erfüllen sie die Funktion, Stammgäst*innen einzubinden, wie es das Personal der Kaffeehäuser tut? Und wenn nein (was gut sein kann, das Buch von Oldenburg ist nicht unbedingt immer überzeugend): Heisst das vielleicht, dass schon Oldenburg einer fixen Idee gefolgt ist, die sich so gar nicht umsetzt? Ist es dann wirklich sinnvoll, der zu folgen?

Was jetzt interessant ist: Anstatt dass Bibliotheken immer wieder in Workshops, Strategiepapieren, Gesprächen mit Journalist*innen einfach nur die sehr verkürzte Formel, der 3. Ort seie nicht der 1. und nicht der 2. Ort, wiederholen, könnte man auch einfach mal für zwei-drei Tage nach Wien fahren und dort Kaffeehäuser besuchen. Die Thesen, denen gefolgt wird, könnte man überprüfen, bevor man sich daran macht, aus ihnen Entscheidungen abzuleiten. [Auch die anderen beiden Beispiele, Bistro und Pub könnte man besuchen – nach dem Brexit vielleicht eher Pubs in Irland, aber soviel anders als die britischen sind die auch nicht.] Folgt man einer forschenden Wissenskultur, wäre das selbstverständlich – Thesen müssen systematisch überprüft werden; man kann die nicht einfach glauben. Aber auch in einer praxisorientierten Wissenskultur wäre das sinnvoll – auch wenn es am Ende heissen könnte, dass man eventuell die eigenen Vorstellungen ändern müsste. [Was nicht unwahrscheinlich ist: So sehr ich Kaffeehäuser und Bistros selber mag, so sehr denke ich mir, dass das nicht das ist, was Bibliotheken machen. Aber nicht mir glauben: Lieber mal hinfahren, selber nachgucken.]

Public space

Wien ist auch eine sehr progressive Stadt. Was gut ist. Bekannt ist sie heute für ihre Lebensqualität, die immer wieder verbessert werden soll. Dazu gehört der Versuch, Autos möglichst aus der Stadt herauszuhalten, dafür einen guten ÖPNV anzubieten und den öffentlichen Raum zu beleben. Das 365-Euro-Jahresticket gehört dazu, ebenso die doch sehr zuverlässigen Trams, Busse und Bahnen. Das mag bekannt sein.

Was man aber eher erst bei einem Besuch sieht, ist der Ausbau des öffentlichen Raumes in der Stadt. Zum Beispiel haben viele Restaurants und Cafés, die an einer Strasse situiert sind, heute einen Vorbau neben dem Trottoir. Da wo in anderen Städten zwei, drei Autos parken würden, finden sich in Wien abgegrenzte Bereiche für Stühle, Tische, Schirme. Weniger Platz für Autos, mehr Platz für Menschen und freiere Trottoirs. Daneben sind im öffentlichen Raum zahllose Stühle und Bänke gestellt. Massiv viele, viel mehr als anderswo. In allen Parks scheinen die Gehwege lückenlos mit Bänken bestückt, auf den kleinen Plätzen, teilweise an den Strassenkreuzungen, stehen neue, fest installierte Sitzgelegenheiten (alle so, was auf den zweiten Blick aufhält, dass niemand dort schlafen könnte, dafür sind sie „zufällig” zu klein, die Lehnen zu hart). Es ist offensichtlich, was hier versucht wird: Die Stadt folgt der gerne geäusserten Behauptung, dass ein Ort geschaffen werden muss, wo sich Menschen treffen können; dann würden sie miteinander kommunizieren und damit über Unterschiede hinweg gesellschaftliche Nähe entstehen.

Das sollte aufhören lassen, weil es die gleiche These ist, die aktuell bei vielen Umbauten bei Bibliotheken im Hintergrund steht: Der Raum Bibliothek soll belebt werden, indem Barrieren abgebaut und Kommunikationsmöglichkeiten eröffnet werden.

Was man jetzt in Wien machen kann – und das war es, was mir vor allem auffiel –, ist, zu überprüfen, ob diese Annahme stimmt. Funktioniert es? Wird so ein öffentlicher Raum hergestellt?

Nein, das passiert nicht. Besonders gut kann man das in Bezirken sehen, wo diese Stühle und Bänke neben Cafés und Restaurants stehen. Kaum jemand sitzt auf den freien Bänken, praktisch niemand kommuniziert; aber in den Restaurants und Kaffeehäusern daneben sind Menschen und kommunizieren. (Ist das dann schon ein public space in den Restaurants oder reden einfach nur die miteinander, die sich auch schon kennen? Das ist eine andere Frage. Erstmal geht es um den Vergleich.)3 Das ist vielleicht zu erwarten, aber in Wien, gerade in den Jahreszeiten, wo man draussen sitzen kann, kann man das gut selber sehen: Es ist offensichtlich nicht so, dass die vorgebaute Situation Kommunikation ermöglicht, sondern das, was im Raum passiert und was der Raum ausdrückt, hat eine grössere Bedeutung. Bibliotheken bräuchten sich also von Berater*innen nicht erzählen lassen, dass die Gestaltung des Raumes zur Belebung führt und das glauben – sondern könnten diese These einfach mal selber überprüfen. [Auch anderswo. Wien ist hier ein wenig zufällig gewählt, weil ich (a) nach Wien wollte (wer will das nicht) und (b) sich gleich zwei Thesen einfach überprüfen lassen.]

Eine Konsequenz wäre dann wohl, die These zurückzuweisen und mehr über die tatsächliche Nutzung – also die Veranstaltungen, Angebote und so weiter – zu reden. (Das wäre auch bei Oldenburg angelegt, der hat auch betont, das der 3. Ort plain sein müsste und vor allem die Stammkund*innen, Kommunikation und anregender Getränke wichtig wären.) Und zwar wirklich drüber reden, nicht behaupten, dass das irgendwie „doch klar” wäre, aber dann wieder nur vom Raum reden.

Schauen kann man überall

Was ich sagen will ist wohl vor allem:

  1. Es ist erstaunlich, was Bibliotheken in ihren Diskursen und Zukunftskonzepten so alles an Behauptungen wiederholen, die auch ohne grosses Nachdenken überprüft und dabei als fehlerhaft erkannt werden könnten. Erklärbar ist das zum Teil mit den unterschiedlichen Wissenskulturen: Die Bibliothekspraxis braucht vielleicht solche Behauptungen, weil sie Entscheidungen treffen muss; mich in der Forschung interessiert eher, ob die überhaupt stimmen und sinnvoll sind.

  2. Aber es sollte klar sein, dass Entscheidungen, die auf der Basis falscher Behauptungen getroffen werden, wohl vor allem Ressourcen verschwenden und irgendwann auch demotivierend auf Personal und Leitung wirken müssen, wenn sich immer und immer wieder Versprechen, die auf der Basis dieser Behauptungen gemacht werden, nicht einlösen.

  3. Dabei gäbe es in vielen Fällen einen einfach Weg, die Thesen zu überprüfen: Einfach mal nachschauen, ob sie wirklich stimmen. Zwei Beispiele dazu: Ich war nicht nur in Wien diesen Sommer, sondern auch in den Niederlanden. In den Niederlanden [weil ich dort mit jemand anders war, mit dem man das machen kann] war ich auch in Öffentlichen Bibliotheken. Das kann ich auch empfehlen. Gerade deutsche Bibliotheken hängen bestimmten Entwicklungen ja lange hinterher. Was in Deutschland als innovativ besprochen wird, ist in den Niederlanden oft schon eingerichtet; nicht nur in den grossen Städten, sondern auch in den kleineren. Man kann sich also live angucken, wie aufgelockerte Bibliotheken mit Hands-On-Labs und Ausstellungen und offenen Räumen und Makerspaces eigentlich im Normalbetrieb wirken. Oder wie hippen Sitzgelegenheiten genutzt werden.4 [Ausserhalb der Veranstaltungszeiten: Leise, leise, leise. Viele Leute, die leise vor sich hinarbeiten oder lesen.] Anstatt Oldenburg nochmal zu lesen habe ich auch Richard Sennetts neues Buch (Building and Dwelling. Ethics for the City. London 2019) Was man in dem Buch lernen kann, auch für Bibliotheken, ist das der 3. Ort keine neue Fragestellung ist und das schon viel darüber nachgedacht wurde, wie Menschen überhaupt „Stadt machen”, also Beziehungen miteinander herstellen – das man also auf viel mehr Erfahrungen, Teste, Nachdenken zurückgreifen könnte, wenn man über Räume nachdenkt, als die einfachen Behauptungen, auf die immer wieder zurückgegriffen wird. Die Thesen bei Sennett – und nicht nur bei ihm, er geht so ein bisschen durch die Geschichte der Stadtplanung – sind auch viel differenzierter. Man könnte also auch mal weitergehen und muss nicht bei den gleichen drei Behauptungen stehen bleiben.

Das sind alles ganz einfache Vorschläge: Obsessionen als solche erkennen; Behauptungen nicht glauben, insbesondere wenn sie beständig wiederholt werden, sondern überprüfen; die unterschiedlichen Wissenskulturen beachten. Das würde, davon bin ich überzeugt, zu besseren Entscheidungen in Bibliotheken über ihre eigene Entwicklung führen und zu besser eingesetzten Ressourcen.

Warum kann das nicht die Forschung machen? Ich hoffe, dass ist klar geworden: Bibliotheken interessieren sich für anderes Wissen als das, was die Forschung produziert. Die Forschung hat viele Behauptungen schon schon widerlegt, bevor die Bibliothekspraxis sie sich aneignet. Bibliotheken wiederholen sie dann trotzdem gerne weiter. Deshalb müssen offenbar sie selber sich daran machen, die zu überprüfen (was vielleicht auch ein leicht anderes Mindset als jetzt bedarf). Ich wollte hier nur zeigen, wie einfach solche Überprüfungen von Thesen möglich sind.

 

Fussnoten

1 Es gibt selbstverständlich noch weit mehr Frustrationsquellen als Bibliothekswissenschafter, aber um die soll es hier nicht gehen.

2 Falls das überrascht, dann überrascht vielleicht auch, dass er in diesem Buch explizit ausschliesst, dass Bibliotheken 3. Places sein können. Aber auch das hat den bibliothekarischen Diskurs nicht gestoppt.

3 Zumindest unter der Woche. Kaum hatte ich das geschrieben, fiel mir – weil ich durch sie gegangen bin – auf, dass in der einen Hälfte der Bergmannstrasse in Berlin-Kreuzberg auch ähnliche Vorbauten stehen: Dort, wo sonst Autos parken würden, aber nicht für Plätze von Restaurants und Kneipen, sondern als öffentliche Sitzgelegenheiten. Und auf diesen sassen tatsächlich einige Menschen und redeten – lange nicht so viele wie in den Restaurants drumherum, aber doch einige. Allerdings: Am Samstag Abend. Zu anderen Zeiten, in denen ich dort vorbeigegangen bin, ist mir nicht erinnerlich, dass sie merklich benutzt worden wären.

4 Was man in diesen Bibliotheken auch lernen kann, ist, dass man die Toiletten in der Bibliothek 50 Cent kosten lassen kann – manchmal für alle, manchmal kostenlos für Nutzer*innen mit Bibliothekskarte. Ich weiss aber nicht, ob das ein gutes Beispiel ist.

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Armut und Bibliotheken: Wo stehen wir? Wo wollen wir stehen? (Impulsvortrag, Wien, 12.06.2017)

Vorwort: Der Büchereiverband Österreich (BVÖ) veranstaltete am 12.06.2017 „Unsichtbar – Eine Expertentagung des BVÖ zum Thema Armut als Barriere“ und ich war – aufgrund meines letztens publizierten Buches – als Experte geladen, der einen der Impulsvorträge halten sollte. Was mir noch nie passiert ist. Anbei dieser Impulsvortrag (der auch als eine kurze Zusammenfassung und Weiterführung des Buches gelesen werden kann).

 

Armut und Bibliotheken: Wo stehen wir? Wo wollen wir stehen?

1. Einleitung

Werte Kolleginnen und Kollegen,

ich danke Ihnen für diese Einladung. Vorneweg: Ich sehe mich nicht als Experte zum Thema Armut und Bibliotheken, sondern nur als jemand, der sich für das Thema interessiert und gerne dazu beitragen möchte, dass es aus der Sphäre gut gemeinter, aber allgemeiner Aussagen heraus geholt wird und in Diskussionen im Bibliothekswesen, die sich an der Realität orientieren, eingefügt wird. Deshalb bin ich auch sehr erfreut, dass der BVÖ diese Tagung organisiert hat. Sie scheint mir ein sehr guter Schritt in diese Richtung zu sein.

Gerne kläre ich ein paar Vorannahmen, weil ich hoffe, dass wir uns nicht an diesen aufhalten müssen:

Es geht nicht darum, ob Bibliotheken etwas Positives für Menschen in Armut tun sollten. Das wird vorausgesetzt. Es geht auch nicht darum, ob es Armut in unseren reichen Gesellschaften gibt (ich rede hier vom DACH-Raum, also Österreich, Schweiz, Deutschland und Liechtenstein). Es gibt sie, sie ist ein Skandal, auch wenn bestimmte politische Strömungen nicht darüber reden wollen. Dabei sollt auch klar sein, dass Armut immer relativ zur jeweiligen Gesellschaft ist, in der jemand arm ist. Es geht darum, dass Menschen, ökonomisch vermittelt, ein schlechtes Leben in Gesellschaften führen müssen, obwohl das nicht so sein müsste, obwohl die Gesellschaften mehr bieten könnten, wenn sie anders eingerichtet wären. Vergleiche mit Armut in anderen Weltregionen sind dafür nicht hilfreich. Es geht auch nicht darum, ob Menschen in Armut an ihrer sozialen Situation schuld sind oder aber gesellschaftliche Strukturen. Es ist klar, dass so eine große Verbreitung von Armut, so eine ständige Reproduktion dieser sozialen Situation, wie wir sie unseren Gesellschaften sehen, nur strukturell zu erklären ist und anzugehen wäre.

Worum es mir hier geht, in diesem Vortrag, sind zwei einfache, aber immer noch komplexe Fragen:

  1. Was genau sollen Bibliotheken in Bezug auf Menschen in Armut tun?

  2. Was können Bibliotheken, realistisch betrachtet, wirklich tun?

Es sollte auch klar sein, dass wir uns heute hier auf Öffentliche Bibliotheken beschränken.

In diesem Vortrag werde in mich vom Aufbau her an meinem Buch zum Thema orientieren, weil sich diese Struktur, nach mehreren gescheiterten Anläufen, für mich als sinnvoll herausgestellt hat. Zuerst werden ich einige Irritationen durchgehen, die auftauchen, wenn man über den Zusammenhang von Armut und Bibliotheken nachdenkt. Die Irritationen nehmen nichts von der grundsätzlich zustimmenden Haltung zum bibliothekarischen Engagement zu diesem Thema fort, aber sie zeigen, dass die Realität komplex ist, zu komplex für einfache Lösungen.

Anschließend werde ich kurz durchgehen, was wir über das Leben von Menschen in Armut wissen. Beides, die Irritationen und das Wissen über das Leben der Menschen in Armut, werde ich im dritten Schritt zu einigen Vorschlägen für die Arbeit, die das Bibliothekswesen leisten kann (und meiner Meinung nach müsste) hinführen.

2. Irritationen

Das Bibliotheken für Menschen in Armut eine positive Rolle spielen können – formulieren wir es einmal so allgemein – ist eine weit verbreitete Annahmen. Und es ist auch ein Ziel, dass sich Bibliotheken setzen. Der BVÖ hat dies zum Ziel erklärt, auch der DBV hat sich in diese Richtung geäußert, ebenso gibt es Dokumente der IFLA, die dies explizit Verlautbaren. Geht man in die Bibliotheken, gerade in die größer Städte, sieht man dieses Bemühen zumindest indirekt auch immer wieder. (Der Schweizer Verband, BIS, fehlt hier in der Aufzählung, aber meiner Erfahrung nach nicht die einzelnen Bibliotheken in der Schweiz.)

Doch – und dies ist die erste Irritation, die ich Ihnen vorlegen möchte – wie wird sich vorgestellt, wie dies funktioniert, diese Arbeit von Bibliotheken für Menschen in Armut? Zumeist betonen die Dokumente, dass Bibliotheken einen freien Zugang zu Informationen und Medien bieten. Dieser Zugang würde ohne Diskriminierung ermöglicht und somit gegen Armut wirken. Gerade in Bibliotheken vor Ort wird dieser Zugang auch als Ausgleich verstanden: In der Bibliothek könnten Menschen auf Medien zurückgreifen, die sie sich ökonomisch nicht leisten können.

Sicherlich bieten Bibliotheken diesen Zugang. Aber die Vorstellung ist irritierend einfach: Es wird nicht erklärt, wie der freie Zugang zu Informationen Menschen in Armut helfen würde und wobei. Vor allem ist nicht klar, warum er Menschen in Armut mehr, anders, besser zu Gute kommen würde, als Menschen in anderen Situationen. Es ist ja nicht so, dass alles, was Menschen in Armut benötigen, um aus der Armut auszusteigen, mehr Informationen wären. Man müsste schon sagen, welche Informationen und Medien.

Zudem müssten man auch erklären können – und ich glaube nicht, dass das geht, wenn man so eine einfache Vorstellung vertritt –, warum der freie Zugang zu Informationen in einer Gesellschaft, in der Ungleichheiten existieren, nicht einfach heißt, dass diese Ungleichheiten beibehalten werden, also alle Menschen, egal in welche Schicht, gleich viel vom freien Zugang zu Informationen profitieren und am Ende die Armen weiter arm sind.1

Ich denke, was diese Irritation zeigt, ist, dass wir im Bibliothekswesen bislang zu einfache Vorstellungen davon haben, wie unsere Arbeit Menschen in Armut helfen oder unterstützen kann. Das sollten wir genauer fassen, dann wüssten wir auch besser, was wir wirklich tun können.

Eine zweite Irritation, die ich Ihnen gerne vorlege: Wenn wir uns die bibliothekarische Literatur und die Forschungen zur Bibliotheksnutzung ansehen, fällt auf, dass Menschen in Armut in ihnen so gut wie nicht vorkommen. Wir – als Bibliothekswesen – haben Dutzende von Ansätzen, um die Nutzung von Bibliotheken durch Dutzende von unterschiedlichen Gruppen zu untersuchen oder zu motivieren. Sie wissen ja zum Beispiel selber, wie oft und wie viel Bibliotheken alleine darüber nachdenken, wie sie von Jugendlichen gesehen und genutzt werden und wie mehr Jugendliche dazu gebracht werden sollen, die Bibliotheken zu nutzen. Aber für Menschen in Armut gilt dies nicht. Es ist auch auffällig, dass bei all den Umfragen zur Nutzung von bibliothekarischen Angeboten und Bibliotheken, fast nie nach der ökonomischen Situation gefragt wird, aber zum Beispiel nach Alter und Geschlecht. Und wenn es doch einmal passiert – wie vor Kurzem beim Nutzungsmonitoring für Bibliotheken in Berlin – ist es nachher schwierig herauszufinden, ob diese Daten überhaupt genutzt werden.

Ich hoffe, Sie stimmen mir zu: Wenn man darüber nachdenken will, wie und ob Bibliotheken für Menschen in Armut eine positive Wirkung haben können, sollte man versuchen, zu verstehen, wie diese heute die Bibliotheken nutzen oder gerade nicht nutzen. Darüber wissen wir fast nichts. Vielleicht beschäftigen wir uns mit zu vielen anderen Fragen, dass wir das immer wieder übersehen. Aber bislang machen wir die meisten Angebote, die für Menschen in Armut positiv sein sollten, auf der Basis von Vermutungen. Gewiss gut gemeinten Vermutungen, aber doch solchen, die wir anhand der realen Situation überprüfen sollten.

Die dritte Irritation, die ich hier vorlege, deutet sich schon in meinen Formulierungen an, wenn ich von „positiven Wirkungen für Menschen in Armut“ spreche. Es ist nicht einfach zu sagen, was Bibliotheken in Bezug auf Menschen in Armut tun sollen: Sollen sie möglichst wenig Barrieren bieten, so dass Menschen in Armut die Bibliotheken genauso nutzen können, wie Menschen in anderen sozialen Situationen auch? Heißt das, dass man Barrieren aktiv identifiziert und angeht? Oder das man darauf achtet, sie nicht neu zu errichten? Oder sollen Bibliotheken Menschen in Armut helfen? Aber dann: Wobei helfen? Beim Ausstieg aus der Armut oder beim Führen eines Lebens in Armut? Sollen sie dafür sorgen, dass der Rest der Gesellschaft darüber informiert wird, wie Menschen in Armut in unseren Gesellschaften tatsächlich leben?

Ganz abgesehen davon, dass alle möglichen Antworten auf diese Fragen Konsequenzen für die bibliothekarische Arbeit hätten: Es scheint, als wären sie im Bibliothekswesen nicht geklärt, sondern als würden – zumeist, ohne explizit benannt zu werden – unterschiedliche Vorstellungen nebeneinander existieren. Dabei ist aber klar: Wenn man aktiv dazu beitragen möchte, dass Menschen aus der Armut aussteigen, heißt das etwas sehr anderes dafür, was die Bibliotheken tun sollen, als wenn man vor allem darüber nachdenkt, ob Barrieren zur Nutzung existieren und ob man sie abbauen könnte.

Ich selber werde am Ende dieses Vortrages dafür plädieren, dass Bibliotheken heute vor allem darauf zielen können, das Leben von Menschen in Armut lebbarer zu machen. Aber man kann auch Argumente für die anderen Positionen finden. Irritierend ist, dass wir als Bibliothekswesen diese unterschiedlichen Zielsetzungen nicht thematisieren, sondern – so zumindest mein Eindruck – immer wieder alle irgendwie gleichzeitig zu meinen scheinen.

3. Was wir wissen

Ich habe eben gesagt, dass wir wenig darüber wissen, wie Menschen in Armut eigentlich die Bibliotheken nutzen und wofür. Hingegen wissen wir recht viel darüber, wie Menschen in Armut in unseren Gesellschaften leben und welche Auswirkungen dieser gesellschaftliche Status auf ihr Leben hat. Ich werde hier nur Einiges darstellen können, was meiner Meinung nach für die Frage relevant ist, wie Bibliotheken in Bezug auf Menschen in Armut agieren können.

Zum ersten zur Dimension von Armut. Nehmen wir einmal, ohne deren Herkunft weiter zu diskutieren, die Daten von Eurostat, dann lebten 2015 in Österreich 1,55 Millionen Menschen, oder 18,3% der Bevölkerung, in Armut. In Deutschland waren es 16,08 Millionen Menschen oder 20%, in der Schweiz 2014 1,32 Millionen Menschen oder 16,4%. Wir können also nicht davon ausgehen, dass es sich nur um einige, wenige Fälle handeln würde, denen man leicht irgendwie helfen könnte, wenn man es nur ehrlich und richtig will. Vielmehr wird das Gesamtproblem Armut nur auf Ebene der gesamten Gesellschaft anzugehen sein, wobei – dies als Nebenbemerkung – die Gesellschaft sich dazu überhaupt erst einmal klar sein muss, dass es dieses Problem gibt.

Was wir wissen über das Leben der Menschen in Armut in unseren Gesellschaften ist unter anderem:

  1. Die meisten Menschen haben sich auf niedrigem finanziellen Niveau, unter Verzicht auf bestimmte, zum normalen Lebensstandard zählende Dinge und mithilfe von Substituten eingerichtet. Sie schaffen es unter großem Druck und Stress, mit viel Selbstverleugnung, nach außen den Eindruck von Normalität aufrecht zu erhalten. Die sichtbaren Armen sich die, die dies nicht mehr schaffen, aber sie sind Ausnahmen. Dieses Leben in scheinbarer Normalität ist immer prekär: Eine Institution, auf die man vertraut, muss ihr Angebot ändern oder umziehen, eine Möglichkeit, etwas zu substituieren, muss wegfallen oder eine andere größere Änderung eintreten – beispielsweise eine Waschmaschine, die kaputt geht – und dieses Leben wird grundlegend erschüttert. Menschen in Armut brauchen in unseren Gesellschaften Verlässlichkeit in der eigenen Umwelt, um ihr Leben zu meistern.

  2. Arm sein heißt in unseren Gesellschaften, über einen langen Zeitraum, teilweise das ganze Leben, wenig ökonomische Mittel zu Verfügung zu haben. Aber das ist nicht das einzige Merkmal. Arm sein heißt in unseren Gesellschaften auch, die ständige Erfahrung des Scheiterns zu machen. Dieses Scheitern bezieht sich auf die gesamten Ebenen der Lebenserfahrungen. Während zum Beispiel Personen aus dem Mittelstand Erfolge durch Bildung kennenlernen – also durch Schulbildung oder Weiterbildung aufsteigen und sich Möglichkeiten eröffnen – gilt das für Menschen in Armut nur in Ausnahmefällen. Zumeist ist die Schule schon ein Ort des Scheiterns, auch weil viele Dinge gelernt werden, die mit dem Leben in Armut nicht viel zu tun haben. Das Scheitern bezieht sich ebenso auf Lebenspläne, Planungen von Karrieren und des Alltags. Wenn das Leben prekär ist, ist zum Beispiel der Plan, auf einen Auslandsaufenthalt zu sparen, einer, der weit eher scheitert, als wenn das Leben einigermaßen planbar verläuft. Dieses ständige Scheitern lehrt Menschen in Armut eher eine Lebenshaltung, die vor zu großen Plänen und Hoffnungen warnt. Hinzu kommt, dass das Leben in Armut durch eine große Enge gekennzeichnet ist. Man hat wenig Möglichkeiten und ökonomischen Spielraum, um Erfahrungen zu machen. Das gilt nicht nur für den Auslandsaufenthalt, den sich viele Menschen aus dem Mittelstand leisten, Menschen in Armut aber kaum. Dies gilt auch für Zeiten des Ausprobierens, des Experimentierens, das Einfach-mal-Machens. Wer zum Beispiel das Geld für Museums-, Zoo-, Konzertbesuche oder den Besuch von Sportereignissen lange im Vorfeld planen muss, investiert es eher in schon bekannte Dinge und lernt vielleicht nie, was es noch alles für Möglichkeiten und Chancen gibt. Dies führt zudem zu oft engen, ökonomisch ähnlich gestellten, Netzwerken, die wieder wenig Chancen ermöglichen, aber einigermaßen Sicherheiten bieten. Kurz: Leben in Armut in unseren Gesellschaften ist, bei allen individuellen Ausnahmen, gekennzeichnet von ökonomischem Mangel, der ständigen Erfahrung des Scheiterns, der wenigen Erfahrungen und Chancen, eines prekären Lebens und enger sozialer Netzwerke.

  3. Wir leben gleichzeitig in Gesellschaften, deren Leitidee die der Meritokratie ist. Eine Meritokratie wäre eine Gesellschaft, in der Menschen aufgrund ihrer Fähigkeiten und Anstrengungen ihre jeweilige soziale Position erreichen. Oder anders: Wer sich anstrengt, soll gesellschaftlich weit oben ankommen, wer sich nicht anstrengt oder nichts kann, weit unten. Quasi alle relevanten politischen Richtungen gehen heute davon aus, dass eine solche Gesellschaft fair wäre und das wir grundsätzlich heute alle Barrieren abgebaut hätten, die Menschen davon abhalten würden, durch eigene Anstrengung eine soziale Position zu erreichen. Es gibt immer Diskussionen darum, ob man nicht mehr Chancengleichheit ermöglichen müsste, damit diese Vorstellung Realität wird, ob es nicht doch noch Barrieren gibt, beispielsweise angezeigt durch die ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern oder ob nicht gar – das ist jetzt eine andere politische Richtung – der Staat durch seine Regelungen den angeblich leistungswilligen Mittelstand davon abhält, seine angemessene soziale Position zu erreichen. Grundsätzlich aber ist das meritokratische Ideal eine der Leitideen der heutigen Gesellschaften. Daraus ergibt sich auch, dass der Großteil der Lösungen für die Frage, ob jemand aus Armut aussteigen kann und wie, im Rahmen dieses meritokratischen Ideals verortet wird. Man sucht nach etwas, was den Menschen zu einer besseren Position verhilft und da man davon ausgeht, dass einzig Fähigkeiten und Anstrengungen die soziale Position bestimmen, ist die Antwort immer wieder: (a) die Menschen in Armut mehr oder minder anzutreiben, sich anzustrengen – darin ist gerade Deutschland mit den Hartz IV-Regime gut – und (b) Bildung, Bildung und noch mehr Bildung, die man irgendwie an diese Menschen bringen möchte. Die erste Lösung zeugt von einem bedenklichen Menschenbild, die zweite scheint menschenfreundlicher. Grundsätzlich ist nichts gegen Bildung zu sagen, insbesondere wenn sie zu mehr Chancen, mehr Blickwinkeln oder einem kritischen Geist verhilft. Aber sie ist nur dann eine wirkliche Lösung, wenn die Gesellschaft wirklich meritokratisch ist. Und das ist sie nicht. Es ist nur eine Vorstellung, die ständig im Hintergrund politischer Überzeugungen steht. Manchmal hat man den Eindruck, dass dieser Überzeugung gefolgt wird, weil man dann das Vorhandensein von Armut den Menschen in Armut selber als Versagen – sie hätten sich halt nicht richtig angestrengt – vorwerfen kann und damit nicht mehr über gesellschaftliche Strukturen reden muss. Das Ergebnis ist aber, dass (a) Bildung als Lösung überbewertet wird, so dass jede Bildung als Lösung gilt und nicht mehr erläutert wird, wie spezifische Bildungsaktivitäten spezifischen Menschen in Armut genau helfen sollen und somit Bildung – ich erinnere an die ständige Erfahrung des Scheiterns – für Menschen in Armut, die damit ständig behelligt werden, eine negative Erfahrung wird – weil sich Hoffnungen auf einen Aufstieg durch Bildung halt oft nicht realisieren –, (b) dass wir auch nicht über andere Gründe für das Entstehen und die ständige Reproduktion von Armut reden können, wenn wir immer annehmen, dass es eigentlich die Fähigkeiten und Anstrengungen der Menschen selber sind, die sie aus dieser Situation befreien könnten (und sie im Umkehrschluss hineingebracht hätten) und (c) dass deshalb vielleicht andere Hilfestellungen, als noch mehr Bildung oder noch mehr Antreiben, Motivieren etc. nicht mehr thematisiert werden, worunter vor allem die leiden, die von solchen anderen Hilfeleistungen profitieren könnten – nämlich Menschen in Armut.

  4. Wenn wir uns anschauen, welche Interessen Menschen in Armut haben, dann sind das grundsätzlich drei: (a) Das Aussteigen aus der Armut, auch wenn dies teilweise mit unrealistischen Vorstellungen, wie dies zu erreichen sei, einhergeht. (b) Sehr oft geht es aber auch darum, dass Leben in Armut lebbar zu gestalten. Dies wird viel seltener thematisiert, auch weil es wie eine Kapitulation vor den Verhältnissen wirkt, so als wäre man gar nicht daran interessiert sein, dass Armut abgeschafft wird. Die Realität ist aber, dass es Menschen in Armut gibt und das ihre Chance, diesen Zustand zu verlassen, zumindest sofort, gering ist. Selbst wenn eine der politischen Parteien es tatsächlich schaffen würde, einen Weg zu finden, Armut in einer unserer Gesellschaften abzubauen und sich damit durchsetzen würde – zwei Dinge, die in den letzten 150 Jahren nicht passiert sind – würde dies einige Zeit dauern. Es gibt Menschen in Armut, sie sehen realistisch, dass sie längere Zeit in Armut leben werden und sie haben deshalb ein Interesse, dies so gut es geht, zu tun. Institutionen können darüber nachdenken, wie sie ihnen dies ermöglichen oder zumindest nicht noch schwerer machen können. (c) Entgegen aller Vorstellungen davon, dass Menschen in Armut schlechtere Eltern wären – und sei es nur aus Unkenntnis –, kann man festhalten, dass sie ein Interesse daran haben, dass es ihren Kindern besser geht, als ihnen selber und das zumindest diese aus Armut aussteigen können. Das unterscheidet sie nicht von anderen Eltern. Was sie unterscheidet, ist die soziale und ökonomische Situation.

4. Vorschläge für Bibliotheken

Ich will all dies jetzt zusammenfassen in Aufgaben für das Öffentliche Bibliothekswesen, die sich in Bezug auf das Thema Armut stellen:

  1. Die Bibliotheken sollten sich darüber klar werden, was sie eigentlich tun wollen. Gegen Armut sein, ist nett, aber wenig hilfreich, weil es nicht zu sinnvollen Angeboten führt. Wollen sie (a) die Menschen in Armut dabei unterstützen, ihr Leben in Armut besser lebbar zu gestalten, also zum Beispiel zugängliche Institutionen sein, auf die man sich verlassen kann? Wollen sie Informationen vermitteln, wie man dieses Leben besser führen kann, indem man sich zum Beispiel der eigenen Rechte gegenüber der zuständigen Ämter bewusst wird? (b) Oder wollen sie Menschen in Armut dabei unterstützen, aus der Armut auszusteigen? Das würde dann aber auch heißen, zu klären, wie das funktionieren soll: „Zugang zu Information vermitteln“ oder „Bildung, Bildung, Bildung“ sind keine immer sinnvollen Lösungen. Das heißt nicht, das nicht doch einzelne Menschen durch Bildung den Ausstieg aus Armut schaffen oder gerade in der Bibliothek die nötige Information finden, um das zu tun, aber es sind Vorschläge, die ihnen ehedem ständig gemacht werden, von den Ämtern, von der Gesellschaft, von der Presse – Bibliotheken wären da nur eine weitere Einrichtung, die das Gleiche sagen würde. Die gälte auch, wenn man es auf Kinder und Jugendliche oder die Unterstützung von Bildung in der Familie reduzieren würde. (c) Oder – der Vollständigkeit halber erwähnt – sollten Bibliotheken die Gesellschaft darüber aufklären, wie Menschen in Armut leben? Wann die verbreitete Vorstellung ist, dass jede oder jeder es mit eigener Anstrengung und Bildung schaffen könnte, nicht arm zu sein, wäre es für eine realistische gesellschaftliche Debatte vielleicht sinnvoll zu zeigen, dass dies nicht so ist.

  2. Bibliotheken sollten sich aktiv darüber informieren, wie Menschen in Armut leben und wie sie Bibliotheken tatsächlich nutzen. Das ist bislang ein ganz blinder Fleck, der jede Diskussion zum Thema im Ungefähren verlässt. Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Das Bibliothekswesen könnte auf Forschungen zur Armut aus anderen Wissenschaftsfeldern – der Soziologie, den Erziehungswissenschaften, der Forschung zur Sozialen Arbeit – bauen. Bibliotheken könnten sich aber auch selber informieren, sich gegenseitig ihrer Vorannahmen zum Thema hinterfragen und an der Realität testen oder aber sich direkt von Menschen in Armut informieren lassen, zum Beispiel indem sie diese bitten, von ihrem Leben zu berichten. Zu vermuten ist, dass Bibliotheken längst eine Rolle im Leben von Menschen in Armut spielen oder spielten, Bibliotheken dies aber bislang nicht wissen, weil sie nicht danach fragen.

  3. Aus diesen zwei Schritten ergibt sich erst, was Bibliotheken in Bezug auf Armut tun können. Auch wenn wir uns heute hier eigentlich treffen, um eine Antwort darauf zu finden, denke ich, dass eine richtige Antwort erst später möglich sein wird. Vermuten würde ich aber, dass Bibliotheken am sinnvollsten Handeln werden, wenn sie realistisch bleiben. Es ist für sie wohl einfach und machbar, als Einrichtungen zu funktionieren, die das Leben von Menschen in Armut lebbar machen, insbesondere indem sie eine verlässliche Einrichtung darstellen. Solche Einrichtungen als Basis des eigenen Lebens zu haben, kann einzelnen Menschen in Armut auch die Möglichkeit geben, Schritte aus der Armut heraus zu unternehmen. Das ist bestimmt richtig. Aber das gleich als Ziel zu setzen und Bibliotheken zum Beispiel als Einrichtung zu verstehen, die Menschen beim Ausstieg aus Armut helfen, scheint mir unrealistisch. Ebenso scheint es mir sinnvoll festzuhalten, dass die Lösung für Armut – also letztlich die Veränderung der Gesellschaft dahingehend, dass niemand arm sein muss – nicht in der Macht der Bibliothek liegt, sondern eine politische Aufgabe wäre. So gerne man manchmal den einen Hebel hätte, der diesen für unsere reichen Gesellschaften so skandalösen Zustand Armut zu beenden – es gibt ihn nicht. Deshalb werden die Bibliothek sich auch weiter mit der Frage Armut auseinandersetzen müssen.

5. Fazit

Am Schluss möchte ich noch einmal festhalten: Grundsätzlich haben Bibliotheken gute Voraussetzungen, um Menschen in Armut dabei zu unterstützen, ein besseres Leben zu führen. Dazu zählen:

  • Die hohe Verlässlichkeit der Angebote von Bibliotheken. (Wenn sie nicht gerade, ohne Rücksicht auf die konkreten Auswirkungen, sich ständig neu erfinden.)

  • Den Fakt, dass diese Angebote freiwillig genutzt oder auch nicht genutzt werden können.

  • Der Sicherheit, die der Raum Bibliothek bietet, nicht nur faktisch, sondern auch als imaginären Ort, in dem man sich der Alltagssorgen oder auch der Enge der eigenen sozialen Netzwerke für einen gewisse Zeit entledigen kann.

  • Und, nie zu vergessen, der kostenlose Zugang zum Raum und der kostengünstigen Zugang zu den bibliothekarischen Angeboten.

Aber, man darf sich dies auch nicht zu einfach vorstellen:

  • Die positive Wirkung, die Bibliotheken im Leben von Menschen in Armut haben oder haben können, wird wohl vor allem indirekt sein und nicht direkt auf ein Angebot, eine Struktur, eine Regelung zurückgeführt werden können.

  • Ohne das klar wird, was Bibliotheken in Bezug auf Armut tun sollen, wird unklar bleiben, ob sie tatsächlich eine positive Wirkung haben.

  • Bibliotheken müssen mehr darüber lernen, wie Menschen in Armut leben. Erst so kann klar werden, wie und wieso Bibliotheken in deren Leben wirken oder nicht wirken. Und nur so kann verhindert werden, dass Bibliotheken Menschen in Armut abstoßen, indem sie zum Beispiel Auswirkungen sozialer Situationen als moralisches Problem definieren und sich vielleicht vorstellen, Eltern in Armut beibringen zu müssen, dass zu Hause mit den Kindern über Gelesenes gesprochen werden muss, damit Literaturförderung funktioniert – weil diese dies vorgeblich nicht wüssten –, wenn das Problem eigentlich ist, dass diese Eltern mit zwei Jobs per Person einfach nicht die Zeit dafür haben.

  • Bibliotheken müssen sich, so mein abschließendes Wort, angewöhnen, mit Menschen in Armut zu reden und sie als Gruppe in ihre Forschungen, Befragungen und Planungen einzubeziehen.

 

Fussnote

Das ist ein Unterschied zu Menschen, die in unsere Gesellschaften migrieren. Da ist klar, dass diese vom Zugang zu Medien, die die jeweiligen Landessprachen vermitteln oder über das Leben in Österreich, Schweiz, Deutschland, Liechtenstein informieren, profitieren, weil diese sie beim Ankommen unterstützen, während der Rest der Gesellschaft ja schon da ist und die Landessprachen spricht.