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Umfragen, um dann zu machen, was alle machen?

Letztens, in einer Kneipe bei mir aber auch bei der „Helene Nathan Bibliothek” in Berlin-Neukölln um die Ecke, fielen mir die aktuellen Informationen (vom April 2019) des Quartiersmanagements in die Hände (flugblätter 1.19 – Informationen rund um den Flughafenkiez, https://qm-flughafenstrasse.de/fileadmin/user_upload/2019/04_April/flugblätter_1.19-web.pdf̈), vorne drauf ein Artikel zum Umbau der Bibliothek. Dieser Artikel liess mich einigermassen ratlos zurück. Es gibt ihn dutzende Male, hunderte Male für verschiedene Bibliotheken in hunderten ähnlichen Publikationen. Dieser bezog sich einfach auf eine Bibliothek, die ich direkt kenne. Ich bin auch nochmal vorbeigegangen, um zu schauen, ob meiner Irritation verfliegt, wenn ich die neu umgebaute Bibliothek direkt sehe – aber nein, nein. Die Irritation bleibt. Ich versuche sie hier mal zu fassen.

Es beginnt mit dem Bild, das – selbstverständlich nicht von der Bibliothek, sondern von jemandem im Quartiersmanagement, die oder der die Ausgabe gesetzt hat – als Illustration gewählt wurde: Die Bildungsstadträtin sitzt in einem Sonic Chair (nicht etwa diesen Chair „nutzend”, also zurückgelehnt irgendetwas hörend, sondern irgendwie das Tablet festhaltend, aber irgendwoandershin schauend). Was soll das? Was drückt das aus? Sicherlich: Die Bildungsstadträtin steht hinter der Bibliothek – das wäre die eine positive Interpretation. Aber wie lange noch muss eine Sonic Chair – von dessen Nicht-Nutzung im Alltag aus so vielen Bibliotheken berichtet wird – noch als „Zukunftsmöbel” einstehen? Nochmal 10 Jahre? Vielleicht 20? Ich weiss nicht, vielleicht bin ich zu zynisch. Aber ich muss noch die Bibliothek finden, welche die Anschaffung eines solchen Chairs im Nachhinein als sinnvoll bezeichnet. Gleichzeitig werden solche Bilder jetzt schon seit Jahren eingesetzt, um neu umgebaute Bibliotheken zu symbolisieren. Das scheint mir je länger je mehr absurd. Irgendwann müsste der Neuigkeitswert doch aufgebraucht sein – aber offenbar nicht.

„Ein Ort für alle”

Aber zum Text: Es geht darum, dass die Bibliotheken umgebaut wurde. Vor einigen Jahren gab es in der Bibliothek Probleme damit, wie und von wem sie wofür genutzt wurde (angesichts der Verdrängung billiger Aufenthaltsorte und dem Zubauen von freien Flächen hier im Kiez kann man sich wohl denken: Es ging vor allem darum, ob die Bibliothek ruhig sein sollte oder auch ein lauter Aufenthaltsort, aber laut durch Jugendliche, die sich nicht wie lernwillige Mittelstands-Jugendliche verhalten – und nicht laut durch die vorgeblich so lebendige Stadtgesellschaft.). Diese Probleme seien, so der Text, jetzt durch den Umbau vorbei. (Was ich, Nebenbemerkung, eine ganz absonderlich unsoziologische Interpretation durch das Quartiersmanagement, finde. Ich würde zumindest fragen, ob sich nicht einfach durch Verdrängung und Prioritätenverschiebung bei Jugendlichen eine andere Klientel eingefunden hat, während Teile der alten Klientel jetzt anderswo wohnen müssen – was das Quartiesmanagement eigentlich interessieren müsste.) Aber auch das ist nicht, was mich irritiert. Bibliotheken werden umgebaut, erneuert, neu geplant. Das gehört zur bibliothekarischen Arbeit, dazu muss man eigentlich keinen grossen Grund angeben. Aber vielleicht darf man das nicht in einen Artikel schreiben, weil es dann keine richtigen Artikel mit Neuigkeiten wäre.

Was mich wirklich irritierte war dieser Satz: „Nach einer Befragung von Mitarbeiter*innen und Nutzer*innen wurde beschlossen, die Bibliothek zu einem Ort für alle umzubauen.”

Da wurde also eine Umfrage durchgeführt, um dann das zu machen, was alle (Öffentlichen Bibliotheken) machen (wollen): Umbauen und „Ort für alle” werden? Was ist dann der Sinn dieser Umfrage? Mir ist das nicht klar. Vielleicht, weil ich zu oft Anfragen kriege, dass entweder ich oder aber Studierende solche Umfragen in Bibliotheken durchführen sollen – aber es erscheint mir eine ganz absonderliche Vorgehensweise. Wenn man eine Umfrage macht und dann anschliessend eh das, was die anderen Bibliotheken auch machen – wozu macht man dann die Umfrage? Wieso betreibt man diesen Aufwand?

Es gibt immer wieder zwei Antworten, die ich dazu: (1) Bibliotheken vermuten, dass es bei Ihren Nutzer*innen ganz anders wäre und (2) Bibliotheken vermuten, dass sie die Ergebnisse als Argumentation für … die Politik (?) benötigen würden.

Ad (1): Mir ist nie klar, was die einzelnen Bibliotheken denn denken, dass bei Ihnen so anders wäre, als bei anderen Bibliotheken. Klar: Alles ist spezifisch, jede Stadt, jeder Kiez ist anders. Alle Menschen sind verschieden (und sollen es sein). Aber mal ehrlich – im Bezug darauf, wie eine Bibliothek genutzt und was von ihr gefordert wird: Was soll da so spezifisch anders sein? Mal werden mehr Angebote für Kinder gefordert – weil mehr Kinder im Kiez wohnen. Oder mehr Angebote für Senior*innen – weil mehr davon im Kiez wohnen. Dazu braucht es aber keine Umfrage, dass kann man auch aus den demographischen Daten herauslesen. Ich habe mir schon mehrfach den Spass gemacht, bei solchen Umfragen vorher zu schätzen, was rauskommt und hatte da bislang immer Recht. Man kann das alles reduzieren, ähnliche Bibliotheken nach deren Umfragen fragen, deren Ergebnisse zusammenfassen, die etwas wichten (Demographie, Einkommensverhältnisse etc.) – und hat am Ende das gleiche Wissen, mit einer besseren Basis (weil aus mehreren Bibliotheken), aber viel weniger Aufwand.

Ad (2): Falls sich Politiker*innen oder Verwaltungs*angestellte etc. überhaupt von Daten aus Umfragen etc. beeinflussen lassen (was bislang von Bibliotheken vermutet, aber auch nie nachgewiesen wird), dann würde das auch für Zusammenfassung von Daten aus ähnlichen Umfragen gelten. Nochmal: Was soll schon anderes herauskommen, wenn man zum gleichen Thema nochmal praktisch die gleichen Fragen einer ähnlichen Personengruppe stellt? Nix.

Das es wirklich nicht sehr sinnvoll ist, zeigt das Beispiel dieser Bibliothek im oben angeführten Text: Am Ende wird nur das Konzept gewählt, dass aktuell eh schon die ganze Zeit durch das Bibliothekswesen genudelt wird. Und umgesetzt wird es, indem von einem Bibliotheksanbieter [der hier nicht genannt werden soll] die gleichen „hippen” Möbel gekauft werden, die der schon seit Jahren so im Angebot hat und die man auch in hunderten anderen Bibliotheken findet.

Das scheint mir alles eine immense Verschwendung von Zeit und Ressourcen zu sein, denn, wie schon gesagt, das wird in so vielen Bibliotheken immer und immer wieder gemacht. Berliner Bibliotheken sind da einfach nur sehr spät dran, aber ansonsten sind sie da in nichts spezifisch.

Was man auch machen könnte

Was mich auch irritiert ist, dass es sehr einfach sehr viel besser gehen könnte:

  1. Es ist wirklich ein Leichtes, die Ergebnisse solche Umfragen und Prozesse vorherzusagen. Inhaltlich ergibt sich da nichts Neues. Man könnte also die Zeit und die Ressourcen auch für weitergehende Fragen und Projekte nutzen. Wenn man z.B. weiss, dass man am Ende eh einen „Raum für alle” bauen und einen Sonic Chair reinstellen will – kann man die Zeit verwenden, um zum Beispiel mehr über die Veränderung der Klientel nachzudenken. Oder andere Fragen zu stellen. Oder zu schauen, ob die Sonic Chairs irgendwo anders überhaupt verwendet werden. Irgendwas anderes halt, nur nicht wiederdie gleichen Umfrage.

  2. Wenn solche Umfragen und Veränderungsprozesse genutzt werden, um die Arbeitskultur zu verändern und beispielsweise ab jetzt bei Entscheidungen das Personal einzubeziehen und nicht autoritär von oben zu treffen – dann liesse sich der Aufwand vielleicht rechtfertigen. Aber ist das der Fall? Nicht, wenn in der jetzigen Umfrage das Personal erstmal befragt werden musste.

  3. Der Aufwand wäre vielleicht auch zu rechtfertigen, wenn die Umfrage praktisch eine Fingerübung dafür wäre, ab jetzt evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen – also erstmal etwas einfaches, wo man anhand der Daten aus anderen Umfragen in anderen Bibliotheken schauen kann, ob man alles richtig macht bei Erheben von Evidenz. Und dann aber in Zukunft mehr Methoden, mehr Fragen etc. Ist das hier der Fall? Ich glaube nicht.

Und ehrlich: Mich irritiert das mehr und mehr. Mir ist schon klar, dass Bibliotheken im Alltag vor allem auf sich schauen, dass das intensive Lesen der Fachliteratur (in der Ergebnisse aus ähnlichen Umfragen drin steht) oder das Treffen von Entscheidungen auf der Basis das best-möglichen Wissens nicht verbreitet sind. Aber je öfter je mehr ist mir nicht klar, was das soll. Haben Bibliotheken so viele Ressourcen und so viel Zeit, diese ständige Doppelarbeit zu machen? Wäre es nicht sinnvoller, gemeinsam voranzuschreiten und auf dem Wissen anderer Bibliotheken aufzubauen?

[Und warum jemand den Sonic Chair für eine gute Idee hält, habe ich auch nie verstanden – but maybe that’s just me.]

Was war eigentlich vorher?

Eine Spezifika der Helene Nathan Bibliothek ist es übrigens, dass sie in einem Einkaufszentrum untergebracht ist. In einer Meldung im Bibliotheksdienst 2001 [oder so, gerade nicht greifbar] wird geschildert, dass der Bezirk dem Bau des Einkaufszentrum nur mit der Voraussetzung zugestimmt hat, dass in diesem die Bibliothek untergebracht wird. Die Gründe waren die, die immer bei solchen Projekten angegeben werden: Die Bibliothek soll da sein, wo das Publikum ist; sie soll verkehrsgünstig liegen (was sie tut, direkt am U-Bahnhof); sie soll mit anderen Funktionen verbunden werden (was zumindest soweit auch funktioniert, als das das Zentrum heute neben Einkauf und Cafés auch Kino, Fitnessstudio und Hipster-Bar mit Urban Gardening und Tanzveranstaltungen auf dem Dach beinhaltet).

Es gibt also eine Geschichte von Überlegungen, wie man die Bibliothek beleben könnte und wie sie genutzt werden soll. Kommt das im Artikel hervor? Nein. (Da wird Helene Nathan erwähnt, was schon richtig ist, sie war eine wichtige Person – aber der Verweis hilft wenig, auch ihre Überlegungen zur Volksbibliothek Neukölln werden im Text nicht aufgegriffen.) Wurde diese Geschichte, also vor allem die Versprechen, die man sich machte und die entweder nicht eintraten oder zu sehr eintraten (auf einmal waren Jugendliche in der Bibliothek, die etwas machten, was sie nicht sollten), bei der Neuplanung beachtet? Das scheint mir nicht so. Zumindest ist es nicht sichtbar.

Die Erzählung im Artikel (in so vielen Artikeln zum Umbau von Bibliotheken) ist: Erst war es schlecht, dann machten wir eine Umfrage, jetzt werden wir ein Ort für alle und sind zukunftsgerichtet. Überzeugt das wen? Es ist doch klar, dass, wenn das so weiter geht, einfach in zehn-fünfzehn Jahren wieder behauptet wird: Bis jetzt war es schlecht, jetzt machen wir eine Umfrage, dann werden wir ein Ort für alle und sind zukunftsgerichtet. Ein Kreislauf. Die Bibliothek hier sollte aber auch schon „Ort für alle” sein, als sie ins Einkaufszentrum gebaut wurde – und irgendwas ist schiefgelaufen.

Wäre es nicht sinnvoller, aus der Geschichte zu lernen anstatt einfach diesen Kreislauf wieder und wieder und wieder zu wiederholen? Nein? Dann bin ich zumindest davon irritiert.

Wie schlimm kann es sein, ehrlich gesagt?

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass mir so ein Text in die Hände fiel. Noch nicht mal das erste Mal, dass er mir über diese Bibliothek in die Hände fiel. Vielmehr finden sich solche Texte in lokaler Presse oder solchen peripheren lokalen Publikationen immer und immer und immer wieder. In Berlin fallen sie mir in den Kneipen in die Hände, anderswo, zum Beispiel im Urlaub, irgendwo anders. Aber doch in schöner Regelmässigkeit. Und auch wenn ich an den Texten und Bildern in ihnen verzweifle, weil sie immer wieder gleich sind, gilt doch: So gleichförmig das alles ist, kommen Bibliotheken in ihnen doch auch immer gut weg. Es finden sich Texte darüber, wie sie umgebaut wurden, welche neuen Angebote sie haben etc. Manchmal wird gesagt, dass XYZ noch mehr sein könnte (mehr Öffnungszeiten oder so), aber wirklich Kritik wird in solchen Texten eigentlich nie geäussert.

Das liegt quer dazu, wie einige Bibliothekar*innen das Bild von Bibliotheken in der Öffentlichkeit wahrnehmen. Diese Idee, Bibliotheken würden praktisch nicht betrachtet und würden als langweilig, „verstaubt” etc. gelten… Ich kann das einfach nicht verstehen. Ich weiss, es gehört offenbar zur Identität als Bibliothekar*in, solch einen Eindruck zu haben. Aber immer wieder, wenn mir so ein Text in die Hände fällt – und ich kann ja nicht der Einzige sein, dem das passiert, einige Freund*innen und Familienmitglieder bringen mir solche Texte auch immer wieder einmal mit, das wird bei anderen Kolleg*innen ähnlich sein – kann nicht umhin zu denken: Was genau ist eigentlich das Problem? Die Öffentlichkeit hat ein positives Bild von Bibliotheken. Welche Einrichtung wird sonst noch kontinuierlich so positiv dargestellt? Die Feuerwehr vielleicht. Aber sonst? Das irritiert mich nur noch mehr.

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10 Jahre Aargauische Schulbibliotheken 1944-1954 (1957). Schulbibliotheken gegen Schundliteratur (Zur Geschichte der Schulbibliotheken, XI)

Nicht alle, aber viele Projekte, die sich mit Schulbibliotheken befassen, beginnen mit einer Bestandsaufnahme der Schulbibliotheken in ihrem Bereich (Stadt, Gemeinde, Kanton, Bundesland) und versuchen, von dieser Übersicht ausgehend, das weitere Vorgehen zu planen. Oft werden diese Übersichten mittels Umfragen erstellt. Beispiel dafür wäre das Projekt „Die multimediale Schulbibliothek“ (2003) aus Österreich, das auf einer solchen Umfrage aufbaute. (Schöggl et al., 2003) Teilweise ist im Nachhinein nicht mehr klar, ob über diese Umfrage hinaus das Projekt jeweils noch fortgeführt wurde, wie beispielsweise bei einer Umfrage im Kanton Frybourg, die 2008 ohne weitere Hinweise publiziert wurde (Association des bibliothèques fribourgeoises, 2008) oder einer Umfrage in Schleswig-Holstein, die 2009 veröffentlicht wurde, ohne das heute erkennbar ist, wie die erhobenen Werte genutzt wurden (Arbeitsstelle Bibliothek und Schule der Büchereivereins Schleswig-Holstein, 2009). Dieses Vorgehen ist also ein gewisser Standard in solchen Projekten – auch wenn sich die einzelnen Projekte nicht erkennbar (zum Beispiel durch Zitationen) aufeinander beziehen und sich dieses Vorgehen offenbar jedes Mal neu „ausdenken“ –, es ist aber auch nicht sehr neu. Die aufgezählten Beispiele stammen alle aus den letzten Jahren, aber das heisst nicht, dass solche Umfragen erst mit der Jahrtausendwende aufkamen. Vielmehr finden sich auch in Texten aus den Jahrzehnten zuvor immer wieder Hinweise auf solche Umfragen, teilweise als angedacht, aber nicht durchgeführt, teilweise als schwierig, weil es nur einen geringen Rücklauf der verschickten Fragebögen gäbe, teilweise werden auch nur einzelne Zahlen referiert, ohne das die Umfragen selber noch auffindbar wären. Es scheint eher, dass heute die Ergebnisse so publiziert werden, dass sie langfristig vorliegen.

Allerdings gibt es Ausnahmen und einige der früheren Umfragen sind samt ihrer Ergebnisse noch aufzufinden. Dies ist der Fall mit der hier zu besprechenden Broschüre, die sich mit den Ergebnissen zweier Erhebungen (Enquête) im Kanton Aargau im Jahr 1944 und 1954 befasst. (Halder, 1957)

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Geld verteilen

1940 wurde im Schulgesetz des Kantons eindeutig festgelegt, dass für jede Schule eine Bibliothek obligatorisch sei. (Diese Regelung besteht auch noch im heute gültigen Schulgesetz, in dem jede Schule verpflichtet wird, eine Mediothek zu unterhalten.) Vier Jahre später wurde vom Staatsarchivar des Kantons, beauftragt von der Erziehungsdirektion, eine Umfrage bei allen Schulen des Kantons durchgeführt, in welcher Grunddaten der Schulbibliotheken abgefragt wurden. Auf diesen Ergebnissen gestützt unternahm es der Kanton, den Schulen Förderung für ihre Schulbibliotheken – gestaffelt nach Schulgrösse und Schultyp – zukommen zu lassen.

Zehn Jahre später, also 1954, baute der Kantonsbibliothekar – also der Leiter der Kantonsbibliothek –, ebenfalls nach Auftrag der Erziehungsdirektion, auf diesen Ergebnissen auf und führte eine weitere Umfrage durch. Die Broschüre „10 Jahre Aargauische Schulbibliotheken 1944-1954“ (Halder, 1957) berichtet von diesen Ergebnissen. Grundsätzlich sollten die Daten der Umfrage genutzt werden, um zu entscheiden, ob die Förderung des Kantons in der gültigen Form weitergeführt oder angepasst werden sollte. Zudem sollte erhoben werden, ob diese Förderungen einen Einfluss auf die Schulbibliotheken hatte. Dieser jetzt schon über 60 Jahre alte Text erlaubt vor allem einen Einblick in ein vergangenes Denken über Schulbibliotheken.

Enquête

Erhoben wurden die Daten mittels eines einseitigen Fragebogens an die Schulen (Halder, 1957: 29). Dieser Bogen fragte nach der Bestandsgrösse, Anzahl der entliehenen Bücher, Kosten für Bücher, Buchbinderei und Verwaltung, aber auch danach, ob die Bibliothek „zentralisiert“ (also als eine Bibliothek pro Schule) geführt wurde, ob Klassenbibliotheken bestünden, wer die Ausleihe besorgen würde, ob Lernende die Bibliothek selbst verwalten, ob es eine Freihandausleihe gäbe – und ob die Bücher für Jungen und Mädchen getrennt aufgestellt wären. Letzte Frage klingt heute absurd, letztlich war sie es auch 1954, da nur eine Schulbibliothek im Kanton die Medien nach Geschlecht trennte. Aber es ist doch bezeichnend für den schweizerischen Zeitgeist der 1950er Jahre, das so eine Frage überhaupt gestellt wurde.

Die Darstellung der Ergebnisse erfolgt grundsätzlich in zahllosen Tabellen, die neben dem Bestand, der Ausleihe und den aufgegliederten Kosten auch Angaben dazu machten, wie viel der kantonalen Förderung jeweils für die Schulbibliothek genutzt würde und wie viel aus anderer Quelle (vor allem der jeweiligen Gemeinde) beigetragen würde. (Halder, 1957:31-53) Neben den Daten für die einzelnen Bibliotheken gibt es auch Tabellen, die bestimmte Daten sowohl nach Bezirk getrennt als auch allgemein zusammenfassen. (Halder, 1957: 54-67). Dem folgen Tabellen zu den Bibliotheken einzelner Schulanstalten (also Schulheimen der Kirche, die in den 1950er Jahren noch nicht den schlechten Ruf hatten, den sie heute haben). (Halder, 1957:68-71) Abschliessend sind die Daten noch einmal in Listen geordnet (Bibliotheken mit einem Bestand mit mehr als 500 Büchern, Bibliotheken mit einem Bestand mit mindestens 5 Bücher pro Lernenden und so weiter). (Halder, 1957:73-79)

Diese Listen sind schwierig zu interpretieren. Insbesondere die Angaben von Kosten in Franken und Rappen lassen sich schwerlich in heutige Franken und Rappen übersetzen, obwohl ein Grossteil der Tabellen aus solchen Angaben besteht. Andere Zahlen lassen sich besser einordnen: So gab es 1954 im Aargau 317 Schulen mit Bibliotheken, wobei 172 Bibliotheken für das gesamte Schulhaus zuständig waren, 33 für bestimmte Klassenstufen und 112 für einzelne Klassen. Ein Grossteil dieser Bibliotheken wurde von Lehrkräften geführt (195), explizites Schulbibliothekspersonal hatten 76 Einrichtungen, 15 wurden ganz und 23 teilweise von Schülerinnen und Schülern geführt, 16 von Rektoren. Nur 84 waren als Freihand organisiert, 22 zum Teil. Bei den anderen Bibliotheken durften die Schülerinnen und Schüler den Bestand nicht direkt nutzen, sondern nur über die jeweils ausleihende Person.

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Erläuterung

Den Tabellen vorangestellt ist eine längerer Text des Kantonsbibliothekars, der die einzelnen Daten einordnet. Grundsätzlich hält er fest, dass es zwischen 1944 und 1954 eine grosse Verbreitung und ein qualitatives Wachstum der Schulbibliotheken gegeben hätte. Daraus schliesst er, dass die Förderung an sich wirkt (die aber mit einer gesetzlichen Vorgabe verbunden war), auch wenn es teilweise gegenteilige Entwicklungen gab, beispielsweise Bibliotheken, die geschlossen wurden und einzelne Gemeinden, die ihre Förderung für andere Dinge benutzen als für eine Schulbibliothek. Letztlich befand sich die Schulbibliothekslandschaft in Aargau zwischen 1944 und 1954 in einer dynamischen Entwicklung.

Im Vergleich zu 1944 stellte er zudem fest, dass sich die Freihandausleihe ausbreiten würde. Gleichzeitig wurden Schulbibliotheken nur zum Teil von Personal geführt, dass dafür auch finanziell entschädigt wurde, was ein Hinweis auf die mangelnde Professionalität der Arbeit zu sein scheint. Interessant im Vergleich zu späteren Texten zu Schulbibliotheken aus der Schweiz ist, dass er die drei Formen Schulhausbibliothek (Zentrale Bibliothek), Stufenbibliothek und Klassenbibliothek nebeneinander führt, ohne diese gesondert zu bewerten. (Halder, 1957:14) In späteren Texten wird eine regelrechte Kampagne gegen Klassenbibliotheken geführt, die dann als unmodern gelten.

Gegen Schundliteratur

Der Autor des Textes benennt auch sehr klar, wofür Schulbibliotheken notwendig wären: Für den Kampf gegen Schundliteratur. Dabei setzt er in gewisser Weise voraus, dass bekannt sein müsste, was diese Literatur sei und was nicht. Zumindest hält er sich nicht mit einer klaren Definition auf, sondern führt den „Kampf“ gegen diese Literatur als allgemein bekannt und notwendig ein:

In der Sitzung des Großen Rates vom 13. Dezember 1954 kam die Gefährdung der heutigen Schuljugend durch die beängstigend anwachsende Flut von Schund- und Schmutzliteratur zur Sprache. Ihre Eindämmung kann nicht durch passive Verbote und platonische Aufklärung, sondern nur durch aktive Förderung der Lektüre guter und wertvoller Bücher erreicht werden. Dieser Einsicht folgt der Große Rat duch die Erhöhung des staatlichen Beitrages um weitere Fr. 10 000.–, so daß im Budget pro 1955 erstmals Fr. 21 200.– für den Ausbau der Schulbibliotheken bereitgestellt wurden. (Halder, 1957:6)

Der Kanton seinerseits hat die Aufgabe, die Maßnahmen der Erziehungsbehörden und der Lehrerschaft zur Bekämpfung der untergeistigen Literatur und zur Förderung der guten Jugendliteratur tatkräftig zu unterstützen. (Halder, 1957:22)

Solche Überlegungen finden sich im Text immer wieder. Grundsätzlich sollen Schulbibliotheken so organisiert sein – in ihrem Bestand, ihrer Ausleihordnung und so weiter –, dass sie das „gute Buch“ fördern würden. Diese Angst vor angeblicher Schundliteratur, welche die Jugend verderben würde, ist keine schweizerische Eigenheit (obgleich sie in die öffentlichen Diskurse der „Geistigen Landesverteidigung“ passt), sondern waren ebenso in Deutschland, Österreich und – mit dem Twist, diese Literatur als Waffen des Kapitalismus zu begreifen – in der DDR verbreitet, auch schon weit vor den 1950er Jahren. (Siehe unter anderem Maaase, 2012)

Mit dem Abstand der Jahrzehnte fällt auf, dass durch diesen Fokus andere Aufgaben, die Schulbibliotheken heute zugeschrieben werden, gar nicht erst in den Überlegungen des Autors auftauchen: Beispielsweise findet sich kein Wort zu einer möglichen Leseförderung oder gar Freizeitlesen (was gewiss als „Schund“ angesehen würde), ebenso wird keine Einbindung in den Unterricht angedacht – und das, obwohl explizit Klassenbibliotheken akzeptiert werden – und es finden sich auch keine Überlegungen zu einem Recherchetraining (was auch schwierig wäre, da es in den meisten Bibliotheken gerade keinen freien Zugriff der Schülerinnen und Schüler auf den Bestand gab). Die Schulbibliotheken im Aargau 1954 hatten offensichtlich ganz andere Zielsetzungen, als die heutigen Schulbibliotheken (was auch zeigt, wie sehr die Aufgaben von Bibliotheken an die jeweiligen gesellschaftlichen Diskurse gebunden ist).

Eine alte Idee findet sich allerdings auch in dieser Broschüre wieder: Auch Halder geht davon aus, dass Schülerinnen und Schüler, welche die Schulbibliothek aktiv nutzen, später auch die Öffentlichen Bibliotheken nutzen würden. (Halder, 1957:20) Diese Vorstellung wird über die Jahrzehnte konstant beständig wiederholt, ohne das dieser Zusammenhang – zumindest soweit bislang ersichtlich – jemals untersucht worden wäre.

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Fazit

Zwei Dinge, die sich in der Broschüre finden, sind aus der heutigen Sicht erstaunlich: Zum einen erwähnt der Autor, dass Kinder, die in der Freizeit in der Landwirtschaft tätig sein müssten, im Sommer weniger lesen würden als im Winter – im Gegensatz zu anderen Kindern. (Halder, 1957:11) Dies verweist auf eine heute kaum vorstellbare Praxis von Kinderarbeit, zumal in der Schweiz, die vom Autor als gegeben akzeptiert wird. Nicht nur die Schulbibliotheken, sondern auch die Gesellschaft und der gesellschaftliche Wohlstand haben sich offenbar in den letzten Jahrzehnten massiv verändert.

Der andere erstaunliche Fakt ist die Einschätzung, dass ein niedriger Umsatz ein gutes Zeichen wäre:

Starke Ausleihe bei niedrigem Bestand ergibt hohe Umsatzzahlen pro Band. Niedriger Umsatz bedeutet umgekehrt ein gutes Verhältnis zwischen Bücherbestand und Beanspruchung. […] Zur Schonung der Bücher pflegen verschiedene Bibliothekare die Bände nicht mehr als dreimal nacheinander auszugeben. (Halder, 1957:12)

Heute steht die Bestandserhaltung bei nicht-historischen Beständen nicht mehr im Vordergrund. Eher wird angestrebt, den gesamten Bestand möglichst oft umzusetzen, also gerade Medien anzuschaffen, die oft nachgefragt werden. Offenbar ist auch dieses Ziel nicht universell.

Im Abschluss empfiehlt der Autor eindringlich, die kantonale Förderung für Schulbibliotheken fortzuführen. Grundsätzlich schliesst er, dass sie einen positiven Einfluss hatte, wenn auch nicht überall. Ganz so eindeutig ist diese Deutung allerdings nicht. So fällt auf, dass ausser der Förderung durch den Kanton keine weiteren Entwicklungen besprochen werden, die einen Einfluss auf die Schulbibliotheken gehabt haben könnten, insbesondere das Ende des Zweiten Weltkriegs, das auch für die Schweiz einen Neubeginn bedeutete, der sich in einem steigenden Wohlstand und einer steigenden Bevölkerungszahl niederschlug. Dies bedeutete auch für das Kanton Aargau wachsende Schulen und bessere Gemeindefinanzen, die sich unter anderem in mehr und besseren Schulbibliotheken niedergeschlagen haben könnten.

Trotzdem kann man die Förderungspraxis der Kantons als Hinweis darauf nehmen, dass es möglich ist, Schulbibliotheken sinnvoll zu unterstützen, wenn dies langfristig und mit genügend Mitteln passiert.

Gleichzeitig zeigt diese Broschüre, wie sehr sich die Schulbibliotheken heute gewandelt haben. Halder thematisiert beispielsweise nur Bücher, keine anderen Medien, was verständlich ist, wenn ein Grossteil der Bibliotheken keine Freihandbibliotheken sind, es also beispielsweise überhaupt nicht möglich ist, Zeitschriften im Bibliotheksraum zu lesen oder Spiele zu spielen. Gleichzeitig ist vor allem sichtbar, dass heutige Bibliotheken – trotz gelegentlicher Klagen des Personals gegen die Boulevardpresse – sich nicht mehr als Bollwerk gegen angebliche Schundliteratur verstehen; egal wie sie sich genau verstehen. Die Diskurse über Schulbibliotheken sind offenbar in Bewegung.

Literatur

Arbeitsstelle Bibliothek und Schule der Büchereivereins Schleswig-Holstein (Hrsg.) (2009) / Schulbüchereien in Schleswig-Holstein: Ergebnisse der Umfrage zum Stand von Schülerbüchereien in Schleswig- Holstein (Arbeits- und Informationsmaterialien , 4). – Rendsburg: Arbeitsstelle Bibliothek und Schule, 2009

Association des bibliothèques fribourgeoises (Hrsg.) (2008) / Rapport du Groupe de travail sur les bibliothèques scolaires et mixtes du canton Fribourg. 24th Jun 2008. – Fribourg: Association des bibliothèques fribourgeoises / Vereinigung der Freiburger Bibliotheken.

Halder, Nold (1957) / 10 Jahre Aargauische Schulbibliotheken 1944-1954 : Im Auftrage der Aargauischen Erziehungsdirektion bearbeitet von Nold Halder, Kantonsbibliothekar. – Aarau : Aargauische Erziehungsdirektion, 1957

Maase, Kaspar (2012) / Die Kinder der Massenkultur : Kontroversen um Schmutz und Schund seit dem Kaiserreich. – Frankfurt am Main : Campus, 2012

Schöggl, Werner ; Hofer, Stephan ; Hujber, Wendelin ; Macho, Margit ; Rathmayr, Jürgen ; Sygmund, Bruno (2003) / Die multimediale Schulbibliothek. –Wien: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, 2003