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Forderung der Bibliothekspraxis an die Forschung: Leider so nicht zu erfüllen

Noch einmal zur Podiumsdiskussion Öffentliche Bibliotheken in Forschung und Lehre, die am 04.12.2018 in Berlin stattfand. (https://www.ibi.hu-berlin.de/de/aktuelles/termine/paneldiskussion_oeff_bib) Auf dieser erhoben Dr. Ulrike Koop und Maria Schmidt als Vertreterinnen der Praxis (neben Danilo Vetter, der aber – vielleicht weil er sich zu sehr herausfordert fühlte – eher sagte, was er so macht) einige Forderungen an die Forschung, die dann leider untergingen – wie auf Podiumsdiskussionen immer Dinge untergehen. Ich würde aber gerne auf diese Vorschläge antworten, auch weil sie immer wieder einmal geäussert werden.

Ich bleibe grundsätzlich bei meiner These, dass Öffentliche Bibliotheken strukturell nicht darauf eingerichtet sind, Wissen aus der Forschung zu nutzen. Deshalb sind diese Forderungen, auch wenn sie zuerst vielleicht logisch klingen, unerfüllbar. Es gab (und gibt weiterhin) Versuche, sie zu erfüllen; offenbar wird in der Praxis aber nicht wahrgenommen, dass sie immer wieder scheitern. [Darüber nachzudenken, warum, wäre sinnvoll. Das ist der Sinn meiner These. Es mehr oder minder als Aufgabe an die Forschung abzutreten mit dem Hinweis, dass irgendwie „neu‟ und „anders‟ zu machen – wie Danilo Vetter es tat – ist da letzlich nicht hilfreich. Was da als „neu‟ angesehen wird, ist oft nicht neu, sondern es vielleicht oft einfach nicht mehr erinnerlich, aber oft schon mehrfach gescheitert.]

Das sie immer wieder einmal geäussert werden, zeigt aber auch, dass es da gewisse Wünsche und Hoffnungen gibt, die unerfüllt sind – nur, dass ich mehr und mehr der Meinung bin, dass sie bei der Forschung an der falschen Adresse sind.

1. Forschung soll Trends aufzeigen, insbesondere frühzeitig

Frau Schmidt äusserte den Wunsch, dass Forschung den Bibliotheken Trends aufzeigen sollte, auf die sie schnell reagieren können. Sie habe den Eindruck, dass Bibliotheken immer erst einige Jahre zu spät auf Trends reagieren würden.1

Hinter dieser Forderung steht wohl die Vorstellung, dass die Forschung in der Lage sei, Trends zu erkennen und zu benennen. Und gleichzeitig die Vorstellung, dass es in der Gesellschaft (oder Teilbereichen wie der Technik oder den Schulen) Trends gibt, die man erkennen und bedienen müsse. Wenn sie nur früh genug erkannt und benannt würde, würden Bibliotheken darauf reagieren können.

So ist das aber nicht.

  1. Bibliotheken reagieren überhaupt nicht darauf, wenn Trends aufgezeigt werden. Was Bibliotheken machen, ist selber Trends auszuwählen, die sie als relevant ansehen und diesen sie dann in grosser Zahl folgen. Es gibt dann oft einen Diskurs, in denen sich Bibliotheken gegenseitig versichern, dass der jeweilige Trend wichtig sei. Es gibt dann eine grosse Überzeugung innerhalb des Bibliothekswesens, die keine richtigen Überprüfung ausgesetzt werden kann. Das zeigt sich immer wieder in der Geschichte der Öffentlichen Bibliotheken. Diese aktuell breit geteilte Überzeugung, dass es einen gesellschaftlichen Bedarf nach etwas, was Bibliotheken „Dritter Ort‟ nennen, gäbe, ist nur eines davon. Die Überzeugung, dass es eine „Schmutz und Schund‟-Literatur gäbe, die vor allem mit guter Literatur (aus Bibliotheken) zu bekämpfen sei, war eine andere, zu einer anderen Zeit. Wieso sich Bibliotheken wann für einen Trend entscheiden, wann sie ihn wieder fallen lassen — das ist nicht so richtig zu bestimmen (scheint mir, vielleicht verstehe ich das eines Tages noch). Aber es hat nichts damit zu tun, ob diese Trends in der Gesellschaft wirklich existieren oder ob und wann diese Trends den Bibliotheken vorgestellt werden. Es sind Bibliotheken, die die als relevant auswählen. Viele andere Vorschläge / Vorstellungen von Trends werden nicht beachtet.
  2. Bibliotheken reagieren vor allem oft negativ oder zumindest abwiegelnd, wenn darauf hingewiesen werden, dass die Trends, die sie als relevant ansehen, es vielleicht doch nicht sind. Das ist machnmal eine ganz absonderliche Sache. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir auf einem Zürcher Bibliothekstag mal vorstellten, was wir zum „Dritten Ort‟, Stadtentwicklung und so weiter wissen. Das hatten wir aus unserer Forschung an der HTW Chur gezogen. Und das hiess zum Beispiel, dass wir zeigen konnten, dass Bibliothekscafés nicht so funktionieren, wie sich das erhofft wird (aber auch nicht negativ) und das „Dritter Ort‟ in Bibliotheken nicht das heisst, was er bei Ray Oldenburg (der den Begriff geprägt hat) heisst und auch das Bibliotheken mit ihrem Verständnis von „Dritten Ort‟ gar nicht das versuchen zu erreichen, was „Dritte Orte‟ bei Oldenburg erreichen sollten. Die Einzelheiten sind hier egal. Relevant war, dass nachher sowohl die Chefin eines grossen Bibliothekssystems als auch der Vorsitzende eines Bibliotheksverbandes als auch eine Bibliothekarin unbedingt zurückmelden mussten, das sie das nicht so sehen. Die Bibliothekarin fand das noch interessant, weil sie Dinge anders verstanden hatte. Aber die beiden anderen fanden es einfach falsch – nicht, weil sie irgendwelche Fakten hatten, sondern… weil sie es falsch fanden. Es war nicht das, was sie erwarteten. Dabei hatten wir genau das gemacht, was wir sollten: Forschung zu den Trends vorstellen, die Bibliotheken für wichtig ansahen. Wie soll man es sonst machen? Oder: Nach der Podiumsdiskussion in Berlin wurde mir auch vorgeworfen, dass ich für meine Aussage, dass diese Coden mit Robotern in Bibliotheken nicht wirklich funktionieren würde, keine Beweise anbringen hätte – auf einer Podiumsdiskussion, wo niemand die Zeit hat, irgendwelche Beweise anzubringen (und die in einer Bibliothek stattfand, die genügend Literatur zum Thema Coden enthält, wo man die gewünschten „Beweise‟ selber finden könnte – aber das ist noch ein anderes Thema).
  3. Gleichzeitig, wenn man gut fundierte Trends anspricht, auf die Bibliotheken reagieren könnten oder solten, zum Beispiel die zunehmende soziale Spaltung (in einer Stadt wie Berlin auch die Verdrängungen durch steigende Mieten bei stagnierenden Löhnen) oder aber – ein viel besser fundiertes Thema als z.B. Makerspace – Bibliotheraphie, erntet man bestenfalls ein zustimmendes Nicken, dem aber oft nichts weiter folgt.

In Summa: Die Vorstellung, Forschung solle Trends präsentieren, bricht sich einfach an der Realität, dass (a) Bibliotheken sich selber dafür entscheiden, was sie als relevanten Trend auswählen und was sie als Trend nicht akzeptieren und (b) das auf die Hinweise aus der Forschung teilweise sehr negativ reagiert wird. Es ist also – ganz abgesehen davon, dass so ein Trends-zeigen auch irgendwie finanziert werden müsste – eine aktuell unmöglich zu erfüllende Aufgabe.

2. Forschung soll mehr Fakten darüber liefern, was funktioniert und was nicht funktioniert

Frau Schmidt äusserte auch den Wunsch, dass Forschung mehr zeigt, welche Angebote, Veranstaltungen et cetera wie funktionieren. Sie schien unzufrieden damit, dass ständig neue „Best Practice‟-Vorschläge präsentiert würden und dann Bibliotheken versuchen, denen irgendwie zu folgen – und eben nicht auf gesichertem Wissen aufbauen können.

Grundsätzlich verstehe ich diese Frustration. Mir ist diese Begeisterung für Best Practice, neue Vorschläge und diese vielleicht manchmal fehlende Nachdenken darüber, was eigentlich sinnvoll ist oder zumindest wie es funktioniert, auch unverständlich. Aber: Wie gerade gesagt, reagieren Öffentliche Bibliotheken sehr oft gerade nicht positiv darauf, wenn man Veranstaltungen, Angebote und so weiter kritisch untersucht. Sie entscheiden sich für Projekte, kämpfen sie vielleicht über Jahre hinweg gegenüber der jeweiligen Verwaltung durch und wollen sie dann durchziehen. Oder auch: Sie einigen sich darauf, dass XYZ der richtige Trend ist und wollen dann nicht hören, dass dem vielleicht gar nicht so ist. Das ist dann auch irgendwann einmal (als Forscher) deprimierend.

Abgesehen davon – wie auf dem Podium geäussert – dass viele Abschlussarbeiten vorliegen, die eng an der Praxis orientiert gerade genau das machen, was hier gefordert: aktuelle Angebote prüfen – die dann aber von der Praxis auch nicht wahrgenommen werden.

Wie gesagt: Öffentliche Bibliotheken scheinen nicht daraufhin eingerichtet zu sein, auf solches Wissen zu reagieren. (Meine Vermutung ist schon, dass dies so, wie Projekte in Bibliotheken durchgeführt werden, einfach nicht vorgesehen ist.) Insoweit ist auch dieser Wunsch leider nicht einfach zu erfüllen. Beziehungsweise wird er schon oft erfüllt, ohne das dies viel ändert.

[Es ist halt auch so, dass Forschende sehr wohl Auskunft geben können zu Fragen von Bibliotheken – es muss halt oft finanziert werden. Und es darf nicht mit diesem Confirmation Bias gefragt werden, wie man dem ausgewählten Trend XYZ in der Bibliothek folgen kann (weil der halt oft von Bibliotheken ausgewählt wurde, aber nicht aufgrund dessen, weil er einfach umzusetzen wäre – dass müsste man dann auch hören wollen) oder Ding XYZ, dass Bibliotheken ABC hat (oder angeblich hat) auch haben kann – das kann Forschung oft nicht beantworten, weil dieses Ding oft vor allem ein schönes Bild ist, keine Realität; was Bibliotheken aber auch oft nicht hören wollen. Anderes Thema.]

3. Mehr Weiterbildung mit Informationen aus der Forschung, auch der ausländischen

Beide, Dr. Kopp und Frau Schmidt (wenn ich mich richtig erinnere) wünschten sich mehr Informationen über Ergebnisse aus der Forschung. Sowohl Weiterbildungen, in denen nicht einfach nur neue Angebote vorgestellt werden, sondern Ergebnisse aus der Forschung als auch mehr Informationen über Forschung aus anderen Sprachen.

Dazu: Einerseits organisiert nicht die Forschung die Weiterbildungen, sondern andere Anbieter (in der Schweiz zum Beispiel der Bibliotheksverband). Selbst wenn Hochschulen Weiterbildung anbieten, tun sie das eigentlich immer mit Blick darauf, was Bibliotheken wollen. So oft, wie die gefragt werden, was die wollen, sollte es eigentlich schon solche Weiterbildungen geben, wenn so ein Interesse angemeldet würde. Insoweit: Wenn Bibliotheken den Eindruck haben, dass die Weiterbildungen nicht in die richtige Richtung gehen, wäre zu fragen wieso. Wieso organisieren das die Anbieter nicht, wenn es ein Interesse gibt?

Andererseits ist vielleicht schon klar geworden, dass ich auch meine Zweifel habe, ob es dafür wirklich eine grosses Interesse gibt. Vor allem, wenn es über das Vorstellen von Projekten geht, also wenn vor allem Ergebnisse präsentiert werden. Ergebnisse von Forschung sind nun mal (es ist ja Forschung) fast nie nur positiv bestätigend, auch nicht nur negativ, sondern eher realistisch komplex – mir scheint nicht, dass viele Bibliotheken an dieser Komplexität kein Interesse haben, sondern eher an einfacher fassbaren Bildern. [Ich kann mich täuschen. Aber mal als Forschender: Irgendwann hat man auch keinen Bock mehr, sich als unrealistisch oder unwissend oder so beschimpfen zu lassen, nur weil man Forschungsergebnisse präsentiert und lieber Fakten nennt, als hübsche Bilder zu zeichnen. Würde man hübsche Bilder zeichnen wollen, wäre man in der Bibliotheksberatung; würde man Utopien zeichnen, durchsetzen und dafür auch mal angegangen werden wollen, wäre man in der Politik. Aber es gibt ja Gründe, warum man diese beiden Wege nicht eingeschlagen hat.]

Interessant finde ich aber auch, dass es selbstverständlich Versuche dieser Art gab und gibt. In der LIBREAS haben wir (bekanntlich ?) seit einigen Zeit eine eigene Rubrik „Das liest die LIBREAS‟, in der wir nichts anderes machen, als möglichst kurz Fach- und andere Literatur vorzustellen (selbstverständlich nach unseren subjektiven Interessen, aber nach welchen auch sonst – immerhin entsteht die Zeitschrift in unserer Freizeit). Es gab auch das Portal B2I, welches so eine Verbreitung von Wissen anstrebte – vielleicht nicht so, wie es gewünscht war; aber es hätte während der Zeit, in der es bestand (2006-2015) genügend Möglichkeiten gegeben, Veränderungswünsche anzumelden. Stattdessen ging es unter, ohne dass sich Bibliotheken gross dazu geäussert haben. Der Eindruck, der entsteht, ist – obwohl ich das persönliche Interesse der Personen auf dem Podium ernstnehmen möchte – doch schon eher der, als ob die bestehenden Angebote, das Wissen aus der Forschung zur Kenntnis zu nehmen, zumindest vom grossen Teil des Öffentlichen Bibliothekswesens gar nicht genutzt werden. [Kurz Polemik: Herr Vetter würde jetzt vielleicht, wie auf dem Podium sagen, dann müssen man halt neue und andere Wege begehen – aber welche den noch? Das müsste geklärt werden. Herr Hobohm hat aus dem Publikum auf eine Studie dazu verwiesen, wie Bibliotheken überhaupt Fachliteratur wahrnehmen – mit dem Ergebnis „praktisch gar nicht‟. Und andere Anwesende aus Hochschulen, die zu Bibliotheken forschen und ausbilden teilten diese Einschätzung. So etwas, Jahr um Jahr erfahren, hinterlässt dann schon einen Nachgeschmack. Während ich nicht daran zweifle, dass Prof. Koop und Frau Schmidt Interesse an Weiterbildungen über Forschungsergebnisse hätten, zweifle ich doch, ob das für das Öffentliche Bibliothekswesen im Allgemeinen zutrifft. Ich kann mich täuschen – es läge aber an Anbieter von Weiterbildungen, dass auszuprobieren.]

4. Forschung soll die Rolle und Aufgabe von Bibliotheken klären

Eine weitere Forderung von Frau Schmidt war, dass Forschung die Rolle der Bibliotheken in der heutigen Gesellschaft klären sollte, damit diese nicht einfach immer weiter ausprobieren, wie man sich verändern kann, sondern wüssten, worauf sie aufbauen können.

Das muss ich zweimal zurückweisen:

  1. Es sind die Bibliotheken, die diesen Kern bestimmen. Bei meinem ongoing Rechercheprojekt zu der Frage, wie sich der Diskurs über „moderne Bibliotheken‟ in den letzten 150 Jahren verändert hat, scheint mir das immer klarer zu werden: Die Bibliotheken sind es, die sich gegenseitig sagen, was sie gerade als Kern ansehen. Es ist nicht die Gesellschaft oder irgendeine Entwicklung, es ist auch niemand von aussen. Fast alles richtigen Veränderungen im Verständnis der Rolle von Bibliotheken kam aus den Bibliotheken selber. Auf einiges mussten sie reagieren, auf Kriege, sinkenden Etat, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – aber nicht halb so sehr, wie sie das vielleicht selber wahrnehmen. (Schon die Langlebigkeit der Thekenbibliothek über verschiedene Gesellschaftssystem und zwei Weltkriege hinweg sollte dafür ein Beispiel sein.) Bibliotheken fühlen sich vielleicht von aussen getrieben, aber eigentlich sie sind es, die sich treiben oder auch nicht treiben. Das zu zeigen: Dafür kann Forschung gut sein. Aber zu sagen, was „der Kern ist‟, dass kann nicht Forschung machen. Die Aufgabe wäre falsch adressiert.
  2. Die Hauptaufgabe von Öffentlichen Bibliotheken ist weiterhin das Sammeln, Ordnen, Zur-Verfügung-stellen von Literatur, zum Teil auch die Förderung von Literatur. Und der grösste Teil dieser Literatur in gedruckten Medien. Da wäre ein Kern (die Bibliotheksstatistik liefert dafür Daten, aber auch jeder Besuch in einer Öffentlichen Bibliothek), aber das wollen Öffentliche Bibliotheken offenbar nicht hören, vielmehr streiten sie es gerne ab und wehren sich dagegen. Aber was soll Forschung daran ändern? Die Selbstwahrnehmung der Bibliotheken und die Realität der Bibliotheken streben auseinander. Forschung kann das benennen und vielleicht auch fragen, warum das so ist – aber ändern kann sie es nicht. Das wäre vielleicht die Aufgabe von Bibliothekspolitik.

5. Forschung soll – zum Beispiel durch Langzeitstudien – Fakten liefern, die dann als Argumente für Bibliotheken verwendet werden können

Gerade Dr. Koop forderte mehrfach, dass in Langzeitstudien nachgewiesen werden sollte, was Bibliotheken an Leistungen erbringen, welche (positiven) Wirkungen sie haben. Von der Forschung werden sich Fakten gewünscht, die man dann in der politischen und gesellschaftlichen Sphäre nutzen will, um Bibliotheken eine besser Position zu ermöglichen.

Diese Forderung wird nicht selten erhoben, mir scheint da aber ein Missverständnis vorzuliegen: Offenbar wird sich vorgestellt, dass Politik und Gesellschaft rational funktioniert; dass halt die mit den am Besten untermauerten Fakten die sind, die die besten Argumente haben. Dem ist einfach nicht so. Politik funktioniert nicht rational, sondern indem Gesellschaftsentwürfe formuliert werden und dann versucht wird, diese umzusetzen. Man darf sich von dem vorgeblichen Primat ökonomischer Rationalität nicht irritieren lassen: Politik ist ein Machtspiel und eines um die Wahrheit, nicht um das abgesicherste Argument. Gesellschaft verändert sich durch Politik und Diskursverschiebungen.

Wir haben zum Beispiel schon eine ganze Anzahl von Studien, die sich auf das vorgeblich unsere Gesellschaft prägende ökonomische Dispositiv stützen und versuchen, auszurechnen, was „Bibliotheken wert sind‟ (auf dem Bibliotheksportal gibt es sogar den Bibliothekswertrechner); wir haben auch eine ganze Anzahl von Studien, die fragen, wie zum Beispiel Politikerinnen und Politiker Bibliotheken sehen (im Allgemeinen ganz positiv und als wichtig). Was bringt es? Nicht soviel, dass sich Bibliotheken nicht doch ständig als in einer Krise befindlich ansehen.

Forschung kann da nicht einfach noch mehr Daten liefern (man müsste schon sagen, welche es den noch sein wollen – und das müsste die Praxis tun, wenn noch nicht mal der Bibliothekswertrechner ihren Ansprüchen entspricht – und danach fragen, wie es finanziert werden muss [aber über den letzten Punkt herrschte wohl Konsens]).

[Was Forschung tun kann, ist eher diesen Krisendiskurs hinterfragen, aber das ist eine andere Frage.]

Struktur anschauen – Struktur verändern

Wenn ich hier so klinge, als würde ich einfach alle Ansprüche der Praxis abwehren wollen: So ist das nicht. Ich fände es sehr sinnvoll, wenn Praxis und Forschung näher zueinander kommen. (Das ist auch in meiner Arbeit so. Ich suche schon die Nähe zur Praxis, anders geht das heute gar nicht, schon weil man anders gar nicht mehr forschen könnte.) Aber wie ich es am Anfang meiner Statements auf der Podiumsdiskussion sagte: Wir müssen auch mal daraus lernen, dass wir dass alles schon oft angegangen sind. Das Beiheft 102-103 des Bibliotheksdienstes „Bibliothekswissenschaft und öffentliche Bibliothek‟ (1974) und andere Texte aus dieser Zeit enthielen schon fast alle die hier genannten Forderungen. Die Forschung hat versucht darauf zu reagieren. Wie kann es sein, dass wir immer noch am gleichen Punkt stehen?

Nicht, weil nicht genügend versucht wurde, etwas zu ändern, sondern weil es eine Struktur ist. Und nach all meinen Erfahrungen scheint mir klar zu sein, dass die Veränderung dieser Struktur heisst (a) dass diese überhaupt benannt werden muss, (b) dass dann geschaut werden kann, was sich ändern muss (und dabei die Bringschuld nicht einfach auf die Forschung abgeschoben werden kann), (c) dass sich dabei vielleicht zeigt, dass es gar nicht wirklich geht, dass zum Beispiel das Bibliotheken etwas von der Forschung erwarten, was eigentlich sie lösen müssten, weil sie auch das „Problem‟ erst selber produzieren. Und dazu ist es dann auch gut, wenn sich darüber unterhalten wird. (Und, wie ich auch auf dem Podium erwähnte, sinnvoll wäre es, dafür auf die Forschung zum gleichen Thema – wie kommt überhaupt wissenschaftliches Wissen in die Praxis – in der Erziehungswissenschaft, aufzubauen. Man muss ja nicht alles nochmal machen – aber vielleicht denke ich da zu sehr wie ein Wissenschaftler.)

Ich habe nur wirklich kein Interesse (mehr), die gesammelten Erfahrungen mit all den Versuchen der Forschung, auf die Praxis einzugehen, zu ignorieren. Das führt doch nur dazu, dass sie wiederholt werden. Immer und immer und immer und immer wieder. Und wer will das?

 

Fussnote

1 Mir scheint eigentlich, dass Bibliotheken, im Vergleich zu anderen Kultureinrichtungen, recht schnell darin sind, auf bestimmte Trends (die sie als wichtig anerkennen) zu reagieren. Es fiele mir schwer zu sagen, wer da schneller ist. Theater vielleicht, aber Oper, Museen, gar Archive… nein.

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Der Blick nach Skandinavien, Bücherbusse: Von Blinden Flecken. Von der Frage, warum diese Blinden Flecken sich wiederholen.

Es gibt immer wieder Sachen im Bibliothekswesen, die mich erstaunen und vermuten lassen, dass es um mehr oder zumindest um etwas anderes geht, als es auf den ersten Blick scheint. Hier mal ein solches Themenbündel, aber schon mit Vorwarnung, dass es nicht alle überzeugen wird: Bibliotheksbusse, der ständige Blick nach Skandinavien, Begehren und professionelle Identität des Bibliothekswesens.

Aarhus, Bücherbusse

Zuerst zwei kurze Geschichten.

Erstens: Im Unterricht in diesem Semester, im Kurs “Aktuelle Trends in Bibliothekswissenschaft und -praxis”. Die Idee des Kurses ist es, nicht Trends vorzustellen (weil, well: die bald keine Trends mehr sein sollten, wenn es wirklich Trends sind), sondern darüber zu reden, wie Bibliotheken überhaupt dazu kommen, etwas als Trend zu erkennen, zu nutzen und so weiter. Die Studierenden sollen später selber Trends bewerten können, auch all die Trendberichte und ähnliche Dokumente. Also: Es selber tun und gleichzeitig sich intellektuell gegen die ganzen bodenlosen “das ist jetzt Trend”-Behauptungen verteidigen können, wenn sie dann in Entscheidungspositionen sind.

Eines der Dinge, die Bibliotheken gerne machen, um Trends zu finden, ist bekanntlich zu bestimmten Bibliotheken, die gerade als fortschrittlich gelten (und / oder sich selber massiv so darstellen), zu fahren und sich die anzuschauen. Oder aber, wenn das Hinfahren nicht geht, ständige Artikel zu schreiben (in der bibliothekarischen Fachpresse) oder Vorträge zu halten, welche diese Bibliotheken vorstellen. Als Übung schauten sich die Studierenden online die Bibliothek in Aarhus an, weil es jetzt gerade (nach der Zentralbibliothek in Amsterdam und wohl – These von Bernd Schmidt-Ruhe – vor der Bibliothek in Helsinki, die demnächst eröffnet wird) diejenige ist, die als Ort gilt, an welchem man die Zukunft der Bibliotheken (zumindest der Öffentlichen) sehen würde.

Im Laufe des Semesters stellte sich dann ein potentieller neuer Kollege mit einer Probevorlesung vor. Thema war, grob, die aktuellen Entwicklungen im Bibliothekswesen. Als Beispiel für Öffentliche Bibliotheken wählte er: Aarhus.

Weiterhin wird in das Seminar immer wieder jemand eingeladen, die oder der in einem Thema im Bibliothekswesen mit eigenständiger Stimme aktiv ist. Diesmal lud ich Bernd Schmidt-Ruhe ein (Stadtbibliothek Mannheim). Er diskutierte Fragen der Bibliothekspädagogik und der Bibliotheksentwicklung. Ein wichtiges Beispiel: Aarhus.

Es scheint also keine falsche Wahrnehmung von mir zu sein, dass gerade ständig der Blick nach Aarhus gerichtet wird, um dort etwas zu finden. Wohl die zukünftigen Trends, welche für Bibliotheken wichtig werden. Oder gar die Zukunft. Zumindest: Etwas Wichtiges. Sonst würde nicht ständig nach Aarhus geschaut werden. Das hat auch Tradition. Aus dem deutschen und dem schweizerischen Bibliothekswesen heraus wird ständig nach Skandinavien geschaut, um dort etwas zu finden. Es muss also im Bibliothekswesen vermutet werden, dass es dort etwas gibt, was es zu finden lohnt.

 

Zweitens: In einem Forschungsprojekt, dass von Kolleginnen und Kollegen aus Norwegen geleitet wird, führte ich eine Umfrage unter Bibliothekarinnen und Bibliothekaren in der Schweiz durch. Die Umfrage wurde so auch in anderen Ländern durchgeführt (länger habe ich über diese im Blog des SII geschrieben). Wichtig hier: Auch wenn es eigentlich ein gemeinsames Forschungsprojekt ist, setzen die Kolleginnen und Kollegen aus Skandinavien (hier Dänemark, Schweden, Norwegen) eher ihre Sicht und ihre Fragen durch. Deshalb fanden sich in der Umfrage auch Themen, die so vielleicht gar nicht auftauchen würden, wenn sie zum Beispiel nur in der Schweiz entworfen worden wäre.

Ein solches Thema war ein kleines Item in einer spezifischen Frage: Wie sind im Arbeitsalltag der Befragten bestimmte Themen gewichten? Das betreffende Item war “Buchmobil, Bücherbus”. Die Antworten dazu waren eindeutig: Praktisch gar nicht. Das ist nicht überraschend: Es gibt in der Schweiz kaum Bibliotheksbusse. Einige wenige finden sich in den französisch-sprachigen Kantonen, aber die Umfrage wurde leider nur in Deutsch durchgeführt. Aber ansonsten habe ich schon erlebt, dass ich erklären musste, was das eigentlich sein soll, ein Bücherbus, Buchmobil etc. Auch Studierende an der HTW Chur, die in Arbeiten über Bücherbusse schreiben wollten, fanden in ihren Recherchen kaum Beispiele in der Schweiz. So unbekannt sind diese. (In Deutschland gibt es mehr Bücherbusse, die in der Fachkommission Fahrbibliotheken im dbv vertreten sind. Aber auch nicht so viele. http://www.fahrbibliothek.de)

Das Item stand in der Umfrage aber, weil es für die Kolleginnen und Kollegen aus Skandinavien ganz normal ist, dass Öffentliche Bibliotheken auch Bücherbusse betreiben. (Auch in anderen Ländern. Ich stand schon in Australien neben einem Buchmobil, das da ganz normal an der Haltestelle für dieses Mobil abgestellt war. Leider geschlossen, weil Mittagspause.) Gerade im ländlichen Raum in Skandinavien sind Bücherbusse ein normales Angebot. Schaut man sich die Darstellungen der skandinavischen Bibliothekswesen an, die direkt aus diesen Ländern stammen, tauchen sie auch ständig auf. (Beispielsweise in der leider eingestellten Sandinavian Library Quarterly, früher Scandinavian Public Library Quarterly, http://slq.nu)

Was passiert hier?

Nimmt man diese beiden Geschichten zusammen, fällt auf, das irgendwas nicht stimmt: Es gibt die Tradition, wenn man nach Trends oder der Zukunft der Bibliothek fragt, nach Skandinavien zu schauen. Manchmal hat man fast das Gefühl, als wäre man durch die bibliothekarische Fachpresse besser über Entwicklungen dort informiert, als über die aus der Schweiz oder Deutschland. Aber so zusammen genommen scheint es, als würde nur nach bestimmten Dingen geschaut, nicht nach dem Bibliothekswesen selber.

Man würde erwarten, dass vor allem geschaut wird, was man in der eigenen Bibliothek, im eigenen Bibliothekswesen irgendwie übernehmen könnte – immer angepasst an die jeweilige Situation, sicher. Allerdings: Das Gebäude in Aarhus wird man nicht so einfach nachbauen, die Ausstattung mit Personal et cetera nicht so schnell realisieren können, wie man einen Bibliotheksbus als Angebot einer Bibliothek einrichten könnte.

Das Beispiel mit den Bücherbussen ist einfach gut, weil es praktisch keine Barrieren bei der Übernahme solcher Angebote in die Angebotspalette von schweizerischen Bibliotheken gäbe: Sicher, auch so ein Bus kostet; aber für ein Projekt, dass sinnvoll ist, lässt sich das in der Schweiz schon finden. Für die Busse gibt es Firmen, die sie produzieren und anpassen (das ist der Vorteil eines bestehenden Marktes für solche Busse). Das wäre kein Problem. Ländlichen Raum (und städtischen), der praktisch keine bibliothekarische Grundversorgung hat: Gibt es in der Schweiz auch. Wie man so eine “Filiale” aufbauen könnte (also: Was muss das Personal machen, was muss man organisieren, welche Medien eignen sich und so weiter): Das könnte man praktisch eins zu eins übernehmen, aus Skandinavien, aus Australien, Grossbritannien, Kanada, selbst aus Deutschland und Frankreich. Alles Notwendige ist da: Problem, Geld, Lösung, Konzepte, Erfahrungen. Es wäre sogar einmal etwas, was man Umsetzen könnte, ohne das jemand Angst vor Deprofessionalisierung oder vor dem Schliessen von Bibliotheken haben müsste. Würde mich jemand fragen, wie man ein ländliches Bibliothekswesen in der Schweiz ausbauen sollte, mit möglichst wenig Aufwand, ich würde als eine Lösung eigentlich immer Bücherbusse vorschlagen.

 

Und wenn es keine praktischen Barrieren gibt, dann liegt eine Vermutung nahe, dass es eine andere Barriere gibt. Eine psychologische? Wenn in sozialen Systemen oder bei der Identitätsbildung von Menschen, von Professionen, von Gruppen etwas ständig wiederholt wird, für das es eigentlich keinen rationalen Grund gibt, muss es einen anderen Grund geben. Sonst würde es nicht ständig wiederholt.

Was ist die Funktion dieses “Vorbeiguckens”?

Für mich scheint diese beiden Dinge eng zusammenzuhängen: Erstens, dass dieser ständige Blick nach “Skandinavien” ein sehr gerichteter ist, der nicht das gesamte dortige Bibliothekswesen erfasst, sondern unter dem Vorwand (?), nach Trends zu schauen, die etwas über die Zukunft von Bibliotheken aussagen können, nur auf sehr ausgewählte Bibliotheken oder Themen schaut. Und zweitens, dass dadurch mehr oder minder gezielt an Dingen “vorbeigeschaut” wird, die viel sinnvoller und vor allem praktischer scheinen.

Wenn man darüber nachdenkt, was eigentlich in der bibliothekarischen Literatur immer wieder aus Skandinavien angeführt wird, scheint es einen gemeinsamen Nenner zu geben: Es sind praktisch immer Sachen, die gar nicht wirklich übernommen werden können. Das gilt für Bibliotheken (Aarhus, Amsterdam), die so gross, so spezifisch, so besonders (beide sind zum Beispiel Teil der neoliberalen Aufwertung von Hafenquartieren, die jetzt nicht mehr proletarisch und industriell geprägt sind / sein sollen → Aber wie viele solche “leeren” Häfen hat es den in der Schweiz eigentlich? Wo sollte man das eigentlich reproduzieren?) sind, dass es unwahrscheinlich ist, dass sie (und wenn auch im Kleinen) nachgebaut werden können. Das gilt auch für den Wunsch nach nationalen Bibliotheksgesetzen, der seit einigen Jahren immer wieder auftaucht, obwohl es sehr klar ist: Bildung und Kultur sind Ländersache beziehungsweise Sache der Kantone. Es wird kein nationales Bibliotheksgesetz geben, nicht in Deutschland, nicht in der Schweiz, egal wie oft davon in der bibliothekarischen Presse geschrieben wird und egal, wie oft auf Beispiele aus Skandinavien (die auch nicht unproblematisch sind, aber darüber wird in der deutschsprachigen bibliothekarischen Diskussion praktisch immer hinweggesehen – während Kolleginnen und Kollegen aus den betreffenden Staaten anderes berichten könnten) verwiesen wird.

 

Wie gesagt: Der Blick wird nach Skandinavien gerichtet, um dort etwas über die Zukunft der Bibliotheken zu erfahren. So steht es in den Vorworten der betreffenden Bachelor- und Masterarbeiten, in den Artikeln in der bibliothekarischen Presse und so wird es bei Vorträgen auf Tagungen und Kongressen verkündet. Das ist der postulierte Grund.

Ich vermute aber etwas anderes: Hinter diesem “Verhalten” des Bibliothekswesens gibt es einen anderen Grund. Mir scheint – aber vielleicht bin ich da zu sehr durch meine “postmodernen” Studien geprägt –, dass es eher um Begehren und Identität geht. Nicht nur Menschen bilden Identitäten aus, sondern es scheint auch Identitäten von Professionen zu geben. Und Identitäten sind nicht (gerade bei Menschen nicht) rational. Es gibt immer absurde Gefühle, Widersprüche. So entstehen Fetische, bei einigen Menschen ausgeprägter und ungewöhnlicher, bei anderen langweiliger. Aber praktisch nicht sinnvoll auflösbar. (Wir als Gesellschaft haben in breiten Teilen (wieder) gelernt, dass das auch okay ist und man Menschen nicht ihre vielleicht von aussen absurd erscheinen Teile ihrer Identitäten vorwerfen oder abtrainieren müsste, solange sie niemand damit schaden.)

Wie gesagt: Dieses Verhalten der Bibliothekswesen als Profession scheint mir besser mit diesem Modell von Identitätsbildung erklärbar als mit rein rationalen Argumenten. Es ist hoffentlich klar geworden: Wäre es rational, gäbe es keinen Grund, ständig die Bibliotheksbusse zu übersehen.

 

Hier meine These: Es ist wichtig für die Bibliothekswesen in der Schweiz und Deutschland, wenn sie nach Skandinavien schauen, auf etwas zu schauen, was praktisch nicht erreichbar und umsetzbar im eigenen Bibliothekswesen ist. Es geht nicht wirklich um Trends, sondern darum, ein Begehren zu entwickeln. Aber ein unerfüllbares Begehren, von dem eigentlich auch klar ist, dass es unerfüllbar ist. Dafür ist es besser, nicht zu genau zu schauen, nicht zu genau zu beschreiben; sich lieber von begeisterten Bibliotheksdirektoren schildern zu lassen, was alles super läuft als bei anderen Kolleginnen und Kollegen nachzufragen, was wirklich läuft und was weniger; besser sich in hübschen Bildern und Geschichten zu wälzen als mal nachzuschauen, was aus den Versprechen geworden ist, die vor einigen Jahren gemacht wurden. Es geht eher darum, ein Gefühl zu entwickeln, dass es da etwas gibt, dass man selber (als Profession) nicht erreichen kann. Niemand im schweizerischen oder deutschen Bibliothekswesen wird jemals die Bibliothek in Aarhus nachbauen können. Aber selbst wenn sich mal die Möglichkeit ergibt, werden sich Gründe finden, warum es doch noch “ein wenig so” funktionieren wird. (Beispiel: Beim Planen stellt man fest, dass die Gesellschaften doch so anders sind, dass auch das Nachbauen nicht dazu führen wird, die Bibliothek reproduzieren zu können.)

Ein Begehren, das unerreichbar bleibt, heisst das nicht, dass die Identitätsbildung scheitert. Das gilt bei Menschen wie wohl auch – so meine These hier – bei Professionen. Ein unerreichbares Begehren eignet sich gut, um sich daran abzuarbeiten. Das Sehnen nach etwas, das nicht zu erreichen ist, kann dazu führen, sich doch in diese Richtung zu bewegen. Oder gerade wegzubewegen, abzugrenzen, zumindest eine Position dazu zu finden. Oder zumindest die eigene Position realistischer zu verstehen. Dazu ist es dann aber auch nötig, ständig über dieses Begehren nachzudenken und zu reden, auch wenn es eigentlich gar nicht zum Thema passt. (Bei Freud ist es das Unbewusste, dass dann doch immer wieder auftaucht; bei Foucault gibt es diese ständige Thematisieren auch: Das ständige Reden über die Gefahren der Mastrubation für die Jugend im 19. Jahrhundert führt erst zur Ausprägung moderner Identitäten und Sexualdispositive. Die bibliothekarische Profession redet nicht über Mastrubation, aber sie redet halt ständig über Skandinavien. Oft auch ohne erkennbaren Grund, so als würde sie unbewusst immer wieder zu diesem Thema getrieben.)

 

Sicherlich: Das klingt wohl weit hergeholt. Aber mir scheint, es erklärt das Verhalten der bibliothekarischen Profession (in der Schweiz und Deutschland) in Bezug auf “Skandinavien” viel mehr, als andere Erklärungsansätze.

Wenn es eher darum geht, die professionelle Identität als Bibliothekswesen auszubilden und immer weiter zu reproduzieren (was, jetzt Butler, immer wieder zu neuen “Kopien ohne Original” führt, die sich immer wieder leicht verschieben), und wenn es bei den Blicken nach Skandinavien mehr darum geht, ein Begehren zu reproduzieren und zu aktualisieren, das nicht erreicht werden kann (weil, was wäre dann die Antriebsfeder für die Reproduktion der Identität, wenn es erreicht wäre?), dann wäre verständlich,

  1. warum dieser Blick eigentlich immer auf Dinge gerichtet wird, die nicht wirklich umgesetzt werden können, und nicht auf das, was tatsächlich zu Veränderungen führen kann
  2. warum die Trends, die da in Skandinavien “gefunden” werden, eigentlich nie zu Veränderungen führen, sondern nur dazu, dass man sie einige Jahre später wieder “findet”,
  3. warum nicht die Breite zählt, sondern immer wieder Bibliotheken oder spezifische Themen, an denen sich dann länger abgearbeitet wird,
  4. warum die bibliothekarischen Texte, die sich mit diesen skandinavischen Bibliothekswesen befassen, sehr an der Oberfläche bleiben und kaum diskutieren, was alles nicht funktioniert oder wirklich anders ist (weil, was Begehrt wird, muss nicht lange diskutiert und abgewogen werden, sonst wäre es viel zu rational),
  5. warum die Texte, liest man sie aus dem Blickwinkel, aus dem sie angeblich geschrieben sind (Trends finden, Zukunft anschauen), eher unbefriedigend unklar und ungenau bleiben (weil es halt eigentlich doch nicht darum geht),
  6. warum stattdessen mal direkt, mal indirekt in diesen Texten der Eindruck vermittelt wird, dass das schweizerische oder deutsche Bibliothekssystem unfertig sei, immer unfertig und auf dem vorgegeben Weg zurückgeblieben (so als würde die professionelle Identität davon abhängen, sich als “auf dem Weg”, aber auch “unerreichbar weit weg vom Ziel” zu verstehen)
  7. warum eigentlich die Auswahl der beschriebenen Länder und Bibliotheken nie wirklich begründet wird, aber sich immer wieder die gleichen Länder und (für eine Zeit, bis sie abgelöst werden durch neue Beispiele) immer wieder die gleichen Bibliotheken finden (würde es wirklich um “neue Trends” gehen, wäre es viel sinnvoller anderswo zu schauen, wo halt noch nicht geschaut wurde, in anderen Ländern, in anderen Bibliotheken; dass schon mal jemand über Aarhus geschrieben hat, sollte dann eher ein Grund sein, genau dort nicht zu schauen; zudem wäre es wohl mehr zu begründen, wenn man zum Beispiel nach “Anregungen und Trends” für Bibliotheken schaut, eher nach den Bibliotheken zu schauen, die Parallelen zu den eigenen Bibliotheken aufweisen, was in der Schweiz halt nicht so sehr grossstädtische Bibliotheken wie Aarhus wären, sondern mittelgrosse)

 

Wenn das überzeugt, dann wäre es aber auch falsch, es als ungenügend zu bezeichnen, wenn der nächste solche Text, die nächste solche Abschlussarbeit, der nächste solche Vortrag um die Ecke kommt. Es wäre dann eher so, als seien solche Beiträge notwendig, um die Profession des Bibliothekswesens als solche zu aktualisieren und zu reproduzieren (und damit auch zu verändern, weil jede Reproduktion eine ist, die etwas verändert). Halt als Rhetorik.

 

Und es würde selbstverständlich auch bedeuten, dass wir anderswie schauen müssten, ob Trends zu erkennen sind. Aber vielleicht gehört auch das Suchen nach Trends (die dann nur ungenau beschrieben werden) zum aktuellen Identitätskern des Bibliothekswesens.

Wie könnte ein besserer Zukunftsreport für Bibliotheken aussehen?

Der Horizon Report ist nicht mehr

Einige Jahre lang (2015-2017) gab es bekanntlich einen Horizon Report Library Edition; jetzt nicht mehr. Der Horizon Report war, im Anschluss an den “originalen” Horizon Report, der jährlich über die Trends der Technologie für Bildung / Hochschulbildung berichtete, der Versuch, einen Trendreport für Bibliotheken auf internationaler Ebene zu etablieren. Es gab auch offenbar ein Interesse an einem solchen. Zumindest fanden sich (in der Schweiz und Deutschland) Einrichtungen, die den Report finanzierten, inklusive einer deutschen Übersetzung im ersten Jahr. Zudem waren die Downloadzahlen massiv. Rudolf Mumenthaler, der – jetzt kann man es ja sagen – vor allem dafür verantwortlich war, dass der Report überhaupt begonnen wurde, berichtete im Unterricht mehrfach davon, dass schon in der ersten Woche mehr als eine Millionen Downloads zustande gekommen waren. Ob alle, die den Report lasen, wirklich diese Art von Report haben wollten, würde ich bezweifeln. Zur schon recht rapiden Methodik, wie der Text erstellt wurde (Diskussion von Expertinnen und Experten in einem Wiki in sehr kurzer Zeit, Abstimmungen mit Punktevergabe, thematischen Fokus, Auswahl der Expertinnen und Experten) hat Rudolf Mumenthaler in der LIBREAS publiziert. Die Methodik hat dazu geführt, dass ein Text entstand; aber ob sie wirklich dazu führte, dass belastbar Trends benannt wurden, welche in den nächsten Jahren Bibliotheken beeinflussen werden, ist nicht so klar.

Sie war halt, meiner Meinung nach, an der Methodik anderer Trendreports orientiert, die ein Geschäftsfeld darstellen. Überall da, wo Geld in grossen Mengen fliesst, gibt es Institutionen, die (entscheidungsschwachen?) Managern und Managerinnen für viel Geld Trendreports verkaufen, damit diese ihre Entscheidungen (Vor allem: Wo investieren? wo nicht investieren?) daran orientieren können. Dazu braucht man klar strukturierte Aussagen, überzeugend vorgetragen, gerne mit gewichteten Listen. Aber das ist ja eigentlich nicht, was Bibliotheken brauchen (und das Team, welches der Horizon Report für Bibliotheken anstoss, versuchte auch, diese Methodik und die Thematik des Reports zu beeinflussen).

Trotzalledem: Der Report wird nicht wiederkommen. Die Organisation hinter den Horizon Reports – die Not-for-Profit Einrichtung (also quasi die Stiftung) New Media Consortium – verkündete Ende 2017, dass sie pleite sei und sich auflösen würde. Das scheint unumkehrbar.

Einen neuen Report / einen bess’ren Report / den könnten wir uns dichten

Nach den beiden Ausgaben 2015 und 2017 wird es also keine weiteren dieser Reports mehr geben. Man kann das bedauern, aber man könnte es auch als Ausgangspunkt dafür nehmen, darüber nachzudenken, ob das Bibliothekswesen (egal ob weltweit oder nur im DACH-Raum) eigentlich einen solchen Trend-Report braucht, wie er vielleicht (das ist die Chance) besser gemacht werden könnte (und dabei, was besser eigentlich heisst, auch, was er überhaupt bringen soll und wem) – und dann vielleicht organisieren, dass er auch erstellt wird.

Dafür müsste eine Anzahl von Kolleginnen und Kollegen – egal, ob aus Bibliotheken, Bibliotheksverbänden oder bibliothekarischen Ausbildungseinrichtungen – zusammenkommen und einen solchen Report aufgleisen. (Beim Horizon Report konnte man auf eine schon fertige Methodik und Infrastruktur setzen.) Ich persönlich bin keine dieser Personen, weil ich, ehrlich gesagt, den Sinn hinter solchen Reports immer noch nicht sehe. Aber ich sehe auch, dass es ein Interesse an den Horizon-Reports gab. Insoweit muss es Personen geben, die von ihnen überzeugt sind. Und ich denke, dass gerade jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, darüber zu diskutieren, ob es einen Nachfolger des Horizon-Reports geben sollte. Jetzt ist der noch im Hinterkopf, später muss man alles wieder neu aufbauen.

Ich werfe diesen Beitrag mal in die Runde, in der Hoffnung, dass er als Anstoss wirkt für Kolleginnen und Kollegen, die sich für einen solchen, neuen Report engagieren wollen. (Per Twitter hatten sich Ende 2017 Rudolf Mumenthaler und Ursula Georgy daran interessiert gezeigt. Es müssten selbstverständlich mehr werden. Und die müssten sich organisieren.)

Eine kurze Bewertung des Horizon-Reports

Um zu entscheiden, wie eine besserer Report – und nicht einfach nur eine Fortsetzung, wenn man schon die Chance auf einen Neuanfang hat – aussehen könnte, ist es sinnvoll, sich den alten nochmal anzuschauen. Was waren negative und positive Punkte?

Erst einmal die kritischen:

  • Der Horizon-Report war, bei allen Versuchen, dass zu ändern, Techniklastig. Es ging immer um die Frage, welche Techniken wann eine Relevanz für die Bibliotheken haben werden. Das ist verständlich, wenn man sich das Ziel des (herausgebenden) New Media Consortiums anschaut. Dem ging es bei der Gründung darum, die Integration von Technik in Schulen und anderen Lehreinrichtungen zu befördern. (Deshalb erinnerte wohl auch die ganze Methodik hinter dem Report stark an IT-Projekte.) Bibliotheken und Museen kamen dann in den letzten Jahren hinzu. Aber Technik ist nicht alles; ein neuer Report muss wohl unbedingt auch andere Foki enthalten. (Als Beispiel: Die ganzen Beschäftigungen mit der Frage, was der “Raum Bibliothek” ist, werden soll und sein wird, konnten im Horizon Report so gar nicht wirklich bearbeitet werden, obwohl sie für Bibliotheken ein unheimlich wichtiges Thema darstellt.)
  • Diese Techniklastigkeit führt meiner Meinung nach auch zu einem falschen Bild von Entwicklung. Es kann sehr schnell so aussehen, als würde die Technik sich einfach so, von alleine oder zumindest auf Bahnen, die wir Normalsterblichen nicht verstehen können, entwickeln, und alles was wir – in diesem Fall die Bibliotheken – tun könnten, wäre zu verstehen, was die Technik kann, wie sie genutzt werden wird und dann rauszufinden, wie wir uns verändern müssen, um uns der Technik anzupassen. (Polemisch dargestellt. Man könnte selbstverständlich auch sagen: Wie wir uns verändern müssen, um die Potentiale der Technik auszuschöpfen.) Aber so ist das ja nicht: Wie Technik sich entwickelt, in welche Richtungen, mit welchen Schwerpunkten etc. und in welche Richtungen etc. nicht, ist immer eine Entscheidung, die auch von jemand getroffen wird. Und wie Technik genutzt, integriert etc. wird, ist auch immer eine Entscheidung, die sich nicht alleine aus der Technik ergibt, sondern aus Entscheidungen von Menschen, aus Infrastrukturen (die auch nicht einfach so entstehen), auch aus Anforderungen, die dadurch entstehen, dass etwas als modern / neu / besser etc. verstanden wird oder nicht. Es ist also nicht so, dass die Technik alleine die Richtung vorgibt. Oder anders: Die Bibliotheken haben eine grosse Agency darin, zu entscheiden, welche Technik wie “ankommen” wird oder nicht. (Es ist ja keine Überraschung, dass quasi keine Technik, auch nicht die in den Horizon Reports besprochene, jemals die Versprechen, mit der sie eingeführt wurde, einhält.)
  • Kritisch scheint an diesem Bild aber vor allem die spezifische Vorstellung davon, wie Entwicklung funktioniert, die im Horizon Report implizit vermittelt wurde. So, wie er aufgebaut und beschrieben war, wurde der Eindruck vermittelt, als gäbe es einen unaufhaltsames Vorwärtsschreiten von Entwicklung, die immer in die Richtung gehen würde, die im Report beschrieben wurde, und wir, die wir diesem Fortschritt ausgeliefert sind, können ihm eigentlich nur noch folgen – oder untergehen. Das wäre die eine, kleine Form von Agency, die man hätte: Entscheiden könnte man eigentlich nur, wann man sich auf das Eintreffen des jeweiligen Fortschritts vorbereiten würde. Aber (ganz abgesehen von den offensichtlichen geschichtsphilosophischen Hintergründen dieses Fortschrittsglaubens): so ist die Realität ja nicht. Schon die Horizon-Reports selber, liest man sie heute, zeigen ja, dass viele der Voraussagen gar nicht eingetroffen sind. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein, es könnten sich zum Beispiel die falschen Expertinnen und Experten geäussert haben. Aber ich würde argumentieren, dass das Problem in diesem impliziten Denken liegt. Entwicklung, egal ob gesamtgesellschaftlich, auf ein Feld oder einen Institution bezogen oder auch individuell, funktioniert nicht so gradlinig und vorhersehbar. Wäre es so, würden wir in einer viel besseren Welt leben. Eine Darstellung wie im Horizon Report vermittelt ein falsches Bild, weil sie z.B. über all die Entscheidungen, die von irgendwem getroffen werden, über die Widersprüche bei der Umsetzung von Veränderungen, über die gewachsenen Strukturen und Überzeugungen, die immer einen Einfluss darauf haben, was wie umgesetzt wird und auch über die unterschiedlichen Interessen von Institutionen und Menschen einfach hinweg geht.
  • Grundsätzlich, das sollte klar geworden sein, scheint der Horizon-Report viel zu wenig von der Gesellschaft wissen zu wollen. Es gibt in ihm einige einfache Überzeugungen (wie dass die Menschen immer individueller würden und gleichzeitig immer mehr in Gruppen lernen würden). Aber viel weiter geht das Nachdenken über Menschen und die Gesellschaft nicht. Und das ist eigentlich nicht ausreichend, wenn man über irgendetwas nachdenkt, was mit Menschen zu tun hat. Auffällig ist aber auch, dass die Reports praktisch ohne ein Bewusstsein von Geschichte, auch der Geschichte der Technologien und Trends, die sie selber erwähnen, auskam. Gerade so, als wären Technik und Trends vom Himmel gefallen. Aber wenn man Trends in oder für irgendwelche Einrichtungen beschreiben will, muss man selbstverständlich verstehen, wo diese herkommen, wie sie sich entwickelt haben und warum sie jetzt so sind, wie sie sind. Schon, weil auch Institutionen ein “Gedächtnis” haben und weitere Trends immer auf der Basis schon gesammelter Erfahrungen bewerten. Die Horizon-Reports hatten aber noch nicht einmal eine Methodik, um aus den eigenen Voraussagen (also ob sie eingetroffen waren oder nicht oder, was wohl öfter vorkommt, anders als gedacht eingetroffen waren) in die nächsten Reports einzubinden. Die Expertinnen und Experten hätten das jeweils untereinander diskutieren können, hatten dafür aber wenig Zeit. Ansonsten ging es immer nur vorwärts.
  • Der Horizon Report war gleich für die ganze Welt gedacht, mindestens für den ganzen globalen Norden. Das an sich ist nicht kritisch. Man muss nicht jede Frage immer nur auf ein Land oder so beziehen. Gleichzeitig schien der Report aber nicht zu beachten, dass er für verschiedene Länder – und damit auch Bibliothekskulturen – geschrieben war. Ein Beispiel war das ständig auftretende Thema Learning Analytics, dass in praktisch allen Horizon Reports (nicht nur der Library Edition) als wichtiges Thema beschrieben wird; immer wieder als eines, dass praktisch vor der Tür stände. Das ist nicht nur nicht eingetroffen, es schien auch immer wieder absurd. Im DACH-Raum lässt die Idee, dass Lehrpersonen möglichst viele Daten von Lernenden sammeln und dann auswerten sowie mit den Daten anderer Lernender vergleichen, sofort (berechtigte) Überlegungen zum Datenschutz aufkommen. Selbst wenn es technisch möglich wäre, scheint es gesellschaftlich überhaupt kein diskutierbares Thema zu sein. In solchen Fällen vermittelte der Report den Eindruck, als wäre er am Ende doch nur für die USA geschrieben. So, als würde man den eigenen Anspruch (für den ganzen globalen Norden zu schreiben) gar nicht einlösen wollen.

Aber, sonst wäre der Report ja nicht so erfolgreich gewesen, es gab selbstverständliche Positionen:

  • Der Horizon Report versuchte, die nahe Zukunft greifbar zu machen – was offenbar für viele im Bibliothekswesen von Interesse ist. Es scheint an sich, als wollten Bibliothekarinnen und Bibliothekare gerne einmal hören, was sich demnächst verändern wird und wie sie reagieren sollten. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich mir z.B. die bibliothekarischen Tagungen und Konferenzen ansehe. Wie gesagt bin ich kritisch, ob das überhaupt möglich ist; für mich sind solche Aussagen oft eher umformulierte Wünsche Einzelner, die wohl besser diskutiert werden müssten, aber stattdessen als “so wird es sein”-Aussagen präsentiert werden und dann aber auch Auswirkungen oft die strategischen Entscheidungen von Bibliotheken haben. So oder so: Es scheint, dass es ein Interesse daran gibt, dass geklärt wird, wie sich z.B. die Technologie entwickeln wird, die Einfluss auf Bibliotheken haben wird. Der Horizon Report schien auf dieses Interesse einzugehen und vielleicht damit Bibliotheken zu ermöglichen, Entscheidungen über die eigene Entwicklung zu treffen oder aber zumindest als Thema vorzuschlagen. Und das regelmässig. (Ob es wirklich wichtig ist, dass Trendberichte regelmässig erscheinen, ist nicht so klar. Es ist aber schon so, dass auch andere Trendberichte im bibliothekarischen Feld, regelmässig erscheinen, beispielsweise die “top trends in academic libraries” der Association of College and Research Libraries, die alle zwei Jahre erscheinen oder das IFLA Trend Report Update, welches jährlich erscheint.)
  • Man musste etwas genauer hinschauen, aber es war nicht unmöglich, herauszubekommen, wie der Horizon Report erstellt wurde, wer an ihm beteiligt war und wie man selber an ihm arbeiten konnte. Es wurde versucht, eine grössere Anzahl von Expertinnen und Experten einzubeziehen und diese Gruppe möglichst divers zu gestalten. Natürlich hatte das immer Grenzen (Grenze eins: Alles wurde in Englisch kommuniziert. Auch im Wiki, in welchem die beteiligten Expertinnen und Experten diskutierten, wurde vor allem auf englischsprachige Quellen verwiesen, was natürlich dem Ziel, international Trends zu benennen, zuwiderläuft.) Das steht aber positiv im Gegensatz zu anderen Trendreports. Bei diesen ist manchmal nicht klar, wer an diesen beteiligt war oder – was wichtiger erscheint – wie an diesen mitgewirkt werden kann. Manchmal werden Commitees genannt, welche einen Report erstellt haben, aber nicht, wie diese gearbeitet haben. Die Methodik ist auch selten sichtbar. Das alles galt so für den Horizon Report nicht. Es stand zumindest der Versuch dahinter, möglichst viele Personen und Positionen einzubinden.

Was bräuchte eine besserer Zukunftsreport?

Also, wenn der Horizon Report ein Anfang, aber nicht der bestmögliche Report war: Was müsste der nächste besser machen?

Mir scheint, egal mit welcher Methodik man in einem anderen Report versucht, die Zukunft irgendwie zu bestimmen, eines wichtig: Es muss viel mehr kontextualisiert werden. Diese fast religiöse Überzeugung, dass der Fortschritt in der Technik liegt und man ihm nur folgen kann und dass die Zukunft mit klaren Aussagen zu bestimmen ist, die muss weg. Neben aller Kritik, die schon weiter oben geleistet wurde, führt diese Darstellungsweise nur dazu, dass man den Aussagen entweder glauben oder nicht glauben kann. Ein Dazwischen, wo Diskussion stattfinden, gibt es dann gar nicht. Ein seriöser Trendreport könnte das auch anders. Ihm ihm sollte dargestellt werden:

  • Wie das Team hinter dem Report auf die Trends gekommen ist. Und zwar nicht mit die Realität überschreibenden Worten (“an in-depth, contextualised analysis of the most outstanding studies of this field”), sondern tatsächlich so, wie es passiert ist; damit Bibliotheken, welche den Report lesen, einordnen können, wie untermauert oder nicht untermauert die Aussagen in ihm sind.
  • Klare Aussagen dazu, ob eine Trend wirklich kommen wird (dann mit Begründungen, warum, z.B. weil bestimmte Gesetze oder Änderungen in Kraft treten oder weil bestimmte Technik eingestellt wird), welche Trends wahrscheinlich kommen werden (dann auch, wieso das Team dieser Meinung ist) und welche vielleicht kommen.
  • Da Trends nicht einfach so auftauchen, wäre es auch sinnvoll, wenn ein solcher Report zeigt, was Bibliothekswesen oder einzelne Bibliotheken jetzt aus diesem Trend machen sollen. Insbesondere, wenn nocht nicht klar ist, ob er wirklich kommt, sollte auch klargemacht werden, ob und wie man diesen befördern oder verhindern könnte, also welche Agency die Bibliotheken haben.
  • Die Quellen sollten klarer sein, als sie es bislang bei Trends Reports sind. Teilweise erscheinen sie so – besonders, wenn man sie öfter liest – als wären einzelne Trend Reports die Hauptquelle für andere Reports, was natürlich den ganzen Sinn solcher Reports aufhebt.

Der Horizon Report vermittelt auch, durch seine Methodik, den Eindruck, als sei Zukunft irgendwie durch die richtige Methode vorherzusagen (oder aus den Expertinnen und Experten herauszuholen). Man kann das versuchen, wenn man die Methodik darstellt. Aber es muss gar nicht so sein. Wenn ein Report wirklich daraus entsteht, dass einige Kolleginnen und Kollegen zusammenkommen und sich eine Zukunft ausmalen / wünschen / befürchten, kann das auch eine Methode sein.

Was mich an all diesen Reports viel mehr erstaunt, ist, wie sehr der Eindruck von Konsens vermittelt wird. Immer scheint es, als wären die Beteiligten (egal, ob man sie kennt oder nicht) zu einer gemeinsamen Meinung gekommen. Das erscheint doch absurd, wenn man über die Zukunft spricht. Ist es nicht eher, so hatte ich die Vermutung beim Horizon Report, das dies das Ergebnis der Methodik selber war, die gar nicht vorsah, dass es unterschiedliche Meinungen geben könnte? Sinnvoller – auch für die Glaubhaftigkeit der Reports selber – schiene mir, wenn abweichende Meinungen unter den Expertinnen und Experten sichtbar gemacht werden können, wenn also z.B. die, die von einem Trend überzeugt sind, dass auch zeigen können, auch wenn sie die Minderheit sind, oder aber wenn klar wird, dass einen Trend gibt, den alle gleich einschätzen (was ja auch eine Aussage ist).

An sich sollte ein solches Dokument gar nicht erst so tun, als wäre es möglich, die zukünftigen Trends vorauszubennen. Vielmehr wäre wohl ein Dokument besser, das benennt, welche Themen eventuell in Zukunft relevant werden können. Nicht weniger und nicht mehr. Das würde die Interessen von Bibliotheken (Entscheidungen treffen können, Themen benannt bekommen) wohl auch erfüllen, aber ohne den ganzen missionarischen Gestus. Ein solches Dokument würde ich auch viel eher als eine Einladung verstehen (und konzipieren) mögliche Zukunftsbilder zu gestalten, auf die man zustreben kann.

Kriterien für einen neuen Trend Report

Zusammenfassend lassen sich einige Kriterien benennen, die ein neuer Trend Report, der an den Horizon Report anschliessen würde, erfüllen müsste, zumindest meiner Meinung nach:

  • Es muss klar sein, wie er zustande kam und was das Ziel des Reports ist. Bibliotheken auf eine Zukunftsentwicklung einschwören? Mögliche Entwicklungen aufzeigen? Diskussionen über die zukünftige Entwicklung zusammenfassen?
  • Es muss klar sein, ob (und wenn ja, wie) am Report mitgearbeitet werden kann.
  • Es muss ein Bewusstsein für die Entwicklung von Bibliotheken (also ihre Agency und ihre Strukturen) vorhanden sein. Man kann nicht einfach mehr sagen: “Das kommt, bereitet euch darauf vor, sonst geht ihr unter.” Das hat noch nie gestimmt. Ebenso muss ein Bewusstsein dafür da sein, welche Voraussagen alle schon gemacht wurden in diesem und anderen Trend Reports und was aus diesen Vorhersagen geworden ist.
  • Sinnvoll wäre, darüber nachzudenken, ob es unbedingt ein internationaler Trend Report sein muss. Per se ist ein weiter Blick immer gut. Die Verengung der Sicht auf die Welt, die anderswo gerade stattfindet, muss man nicht mitmachen. Aber es schien immer ein Schwachpunkt des Horizon Reports zu sein, auf lokale Gegebenheiten gar nicht eingehen zu können. Eventuell wäre ein Bericht für den DACH-Raum, bei dem zwar international (und nicht nur im englischsprachigen Raum) nach Trends geschaut wird, dann aber gefragt wird, ob und wie das für Bibliotheken in Schweiz, Deutschland, Österreich und Liechtenstein wirken kann, ausreichend.
  • Sinnvoll am Horizon Report war der Versuch, möglichst unterschiedliche Personen (und damit Positionen) einzubinden. Das sollte ein neuer Report auch tun.
  • Offenbar wird versucht, Trend Reports irgendwie regelmässig erscheinen zu lassen. Eventuell lässt sich nur so die Arbeit bewältigen (sonst würden die Beiträge nur hinausgeschoben werden) oder die Finanzierung sicherstellen (weil lieber für regelmässige Dinge bezahlt / gesponsort wird)? Vielleicht sind Trend Reports auch nur so überzeugend? Aber ich denke, es wäre sinnvoll darüber nachzudenken, ob das wirklich notwendig wäre. Vielleicht wären regelmässig zusammenkommende Gruppen, die aber nur dann etwas publizieren, wenn es zu einem Trend etwas zu sagen gibt, viel besser – weil dann nämlich nur etwas gesagt wird, wenn es notwendig ist. Eventuell könnte man dies auch anders organisieren, beispielsweise als öffentliche Treffen.
  • Und zuletzt muss einfach geklärt werden, was Bibliotheken eigentlich von so einem Trend Report haben oder zumindest haben sollen. Das scheint mir auch noch nicht geklärt.