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Eine kurze Geschichte zum Arbeiten in Bibliotheken (als Leser) im 21. Jahrhundert

Die Auseinandersetzungen zu der Frage, ob und wie die Bibliotheken heute einen besseren Zugang zu Medien bieten, sind bekanntlich noch lange nicht vorbei. Die Behauptung, Bibliotheken würden verschwinden und durch das Internet ersetzt, wird selten wirklich gemacht, aber beständig in bibliothekarischen Debattenbeiträgen widerlegt. Aus meiner Erfahrung würde ich dazu gerne eine kurze Geschichte beitragen, die aus der Sicht des Lesers berichtet. (Als einem priviligierten Leser, der in Chur und Berlin lebt, also die Bibliothekssysteme zweier Länder nutzen kann. Mit nur einem Bibliothekssystem könnte die Geschichte noch interessanter sein.)

Ausgangslage ist ein kurzer Text zur Geschichte der Freihandbibliothek, an dem ich schon eine Weile sitze und von dem auch nicht klar ist, ob er je fertig wird. Geschichte bedeutet immer, ältere Texte lesen. In einer Anzahl von ihnen (z.B. Volbehr, Lilli (1953) / Die Freihandbücherei : Wesen und Technik. Hamburg : Verlag Eberhard Stichnote, 1953 und de Bruyn, Günter (1957) / Über die Arbeit in Freihandbibliotheken. Berlin : Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1957) findet sich eine wiederkehrende Angabe: im Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien sei eine Zahl von 25 Freihandbüchereien für Deutschland angeführt. Das ist von Interesse, zumal zu vermuten ist, dass die angeführte Quelle noch mehr hergeben wird, als die Zahl die 25 selber.

Auf der Suche nach dem 25 Büchereien

Die Recherche in meinem normalen Bibliothekskatalog – dem nebis, der viele, aber nicht alle Hochschulbibliotheken und viele Bibliotheken schweizerischer Forschungseinrichtungen umfasst – führt leider zu der Erkenntnis, dass in diesem System kein Exemplar des Jahrbuchs zu finden ist. Das ist nicht normal. Zumeist hat die Zentralbibliothek Zürich ältere (deutsche) Texte aus der Bibliotheksgeschichte. In vielen Fällen kann ich diese einfach nach Chur schicken lassen, manchmal muss ich sie vorbestellen und anderthalb Stunden (plus Weg durch die Stadt) fahren, um sie vor Ort zu nutzen. (Was mit den Arbeitszeiten konkurrenzieren kann, aber ich muss zum Glück öfter nach Zürich, oder halt am Samstag fahren.) Aber nicht immer funktioniert das. Das sind wohl Auswirkungen von Bestandsentscheidung die weit vor meiner Geburt getroffen wurden.

Die Idee, dass ein solches Medium gescannt und irgendwo angeboten würde, läge den Erzählungen von der Bibliothek im Internet nach nahe. Aber nein, ist es (noch immer) nicht. Wie übrigens die meisten Dokumente zur Bibliotheksgeschichte oder die älteren bibliothekarischen Zeitschriften noch lange nicht digital vorliegen.

Der swissbib als schweizerischer Metakatalog zeigt mir, dass das nächste Exemplar des besagten Jahrbuch in St. Gallen in der Vadiana, der Kantonsbibliothek, steht. Der swissbib hat allerdings den Nachteil, dass ich oft sehe, dass die Medien anderswo in der Schweiz stehen, aber doch nicht einfach an sie herankomme. Ein Medium aus der Westschweiz zu bestellen ist genauso viel Aufwand, wie aus dem Ausland. (Ich habe es schon ausprobiert, die wirklich grossartige Bibliothek der HTW Chur hat mir dann nicht das Exemplar aus Genf, sondern aus Bamberg besorgt, weil das einfacher ging. Heute nutze ich oft – wie damals als Student, wenn ich etwas aus der Staatsbibliothek Berlin benötigte, mir aber die Ausleihgebühr nicht leisten konnte oder wollte – private Kontakte für Medien aus der Westschweiz. Ich weiss, dass das sonicht gedacht ist, aber „alle tun es“.) An sich ist St. Gallen von mir aus gleich der nächste Kanton, aber „aus Gründen“ werden keine Medien zwischen Graubünden (also meinem Kanton) und St. Gallen ausgetauscht. Lokalpatriotismus per se, weil: Zürich und Graubünden, da klappt der Austausch super, St. Gallen und Graubünden – nie. (Es gibt offenbar auch einen historischen Beef zwischen St. Gallen und Graubünden, aber das sollte kein wirklicher Grund. Sollte.)

Nun liegt St. Gallen von Chur gesehen aus einigermassen am Rand (der Strecke zwischen Zürich und Chur). Zum Glück musste ich eh dort hin und konnte den Besuch in der Kantonsbibliothek mit anderem verbinden. Aber ansonsten sind dies – bislang, der Fahrplan wird gerade umgestellt – etwas mehr als anderthalb Stunden Fahrt (plus Weg durch die Stadt). Immerhin hat mir die elektronische Datenverarbeitung ermöglicht, zu wissen, dass es das Medium in St. Gallen gibt. Aber in der Kantonsbibliothek selber gibt es weiterhin einige, wenige Medien, die aus dem Magazin per Leihschein bestellt werden müssen – zum Beispiel das Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien, Ausgabe 1927. Also durfte ich einen Leihschein ausfüllen, immerhin im Jahre 2013.

Die Arbeit am Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien selber dauerte rund eine Stunde im wirklich herrlich altmodischen Lesesaal (der immer noch so aussieht, wie vor hundert Jahren). Neben den Namen der deutschen Bibliotheken mit Freihandsystem im Jahr 1927 lieferte es auch Angaben zur Verteilung anderer Ausleihverfahren. Selbstverständlich keine Angaben, die man einfach als Wahrheit übernehmen kann, aber wichtige Hinweise.

Auf der Suche nach den anderen Jahrbüchern

Doch damit nicht genug. Auf der Heimfahrt wuchs die an sich naheliegende Idee, zu schauen, ob es mehr Ausgaben des Jahrbuch gab und ob dort ähnliche Daten enthalten sind. Sicherlich wären die Zahlen alle prekär, aber doch immerhin Zahlen. Das Bild einer Tabelle entsteht: Im Jahr XYZ so und so viele Bibliotheken mit Buchkartensystem, mit Indikator, mit Freihand. Im Jahr darauf so und so viele Bibliotheken mit den jeweiligen Systemen. (Was ist ein Indikator als Ausleihsystem? Das hat dann eine weitere Recherche ausgelöst. Sagen wir so: Es ist umständlich; ein System, bei dem den Nutzerinnen und Nutzern durch Holzklötze angezeigt wurde, ob ein Medium vorhanden war oder nicht.) Wenn es genügend Ausgaben des Jahrbuch gab und in diesen genügend Zahlen gefunden werden können, bietet sich vielleicht sogar eine graphische Darstellung an, die zeigen müsste (These), wie sich die Freihand schon in der Weimarer Republik – und nicht erst, wie sonst angenommen im Dritten Reich – durchzusetzen beginnt. Das wäre doch eine Erkenntnis. Sicherlich: Wenn es so einfach ist, warum hat es noch niemand gemacht? Aber am Anfang ist noch Hoffnung.

Immerhin, nicht die schweizerischen Kataloge, aber die deutsche Zeitschriftendatenbank gibt Auskunft zur Erscheinungsweise des Jahrbuchs. Vier Ausgaben, über die Jahre 1926, 1927, 1928 und 1928/29-1929/30 verteilt. (Strange.) Danach fortgesetzt in einem Handbuch, auch mit sehr unterscheidlicher Erscheinungsweise. Aber bleiben wir beim Jahrbuch. So einfach ist das auch wieder nicht. Es steht laut swissbib in Luzern in der Zentral- und Hochschulbibliothek (etwas mehr als zwei Stunden Fahrt, offen zumeist in meinen Arbeitszeiten, dafür praktisch direkt am Bahnhof und dieser Standort in einem herrlich überholten 50er-Jahre Bibliotheksbau). Ich wohne weiterhin in Berlin, auch wenn ich leider nicht oft genug da bin. Laut KOBV stehen alle vier Bände im Grimm-Zentrum (Humboldt-Universität). Ich entscheide mich gegen die Fahrt nach Luzern, also merke ich mir den Bibliotheksbesuch für den nächsten Aufenthalt in Berlin, insbesondere für den Montag, der fürs Arbeiten reseviert ist, vor.

In Berlin finde ich dann heraus, dass die Medien da sind, aber es wieder so einfach nicht ist. Sie müssen aus dem Magazin bestellt werden, per Leihschein. Der Leihschein ist sehr interessant: Er ist noch ein Vordruck des alten Leihscheins, aber man muss nur noch wenige Angaben ausfüllen. (Historisch gewachsener vs. Entwicklung des Datenschutzes, wenn ich es richtig verstanden habe.) Allerdings darf man auch nicht zuviele Medien auf einmal mit einem Leihschein bestellen. Nachdem ich den Leihschein mit Hilfe der Kollegin ausgefüllt habe, verkündet sie mir, dass die Medien am nächsten Tag ab 15.30 Uhr bereitstehen werden. Das hilft mir wenig, sitze ich um die Zeit doch schon am Flughafen und warte auf dem Flug zurück nach Zürich. Also darf ich für den nächsten Berlinaufenthalt wieder zwei Besuche des Grimm-Zentrums einplanen. (Einmal bestellen, einmal nutzen. Ausleihe kann ich vergessen, die ist im Grimm-Zentrum zwei Wochen, da bin ich noch in der Schweiz, wenn jemand zufällig die Medien anfordert. Nur: Funktioniert die Ausleihe aus dem Magazin auch am Wochenenden?) Oder ich fahre doch noch nach Luzern.

Immerhin: Am Montag bin ich noch durch Berlin gefahren und eher zufällig an der Warschauer Strasse gewesen. Dort ein Blick auf die Bibliothek für bildungsgeschichtliche Forschung geworfen und auf die Idee gekommen, nachzuschauen, ob das Jahrbuch vielleicht auch dort steht. (Darauf muss man auch mal kommen, wieso sollte in der alten „Schulbuchbibliothek“ ein Jahrbuch zu Öffentlichen Bibliotheken stehen? Aber irgendwie fühlt es sich richtig an.) Dank mobilem Internet gemerkt, dass die gesuchten Medien tatsächlich friedlich in dieser Bibliothek stehen, die Bibliothek (die ich wegen der Arbeitsatmosphäre mag und die mir schon in vielen anderen Fragen weiter geholfen hat) hat aber genau diesen Montag Nachmittags wegen einer Stiftungssitzung geschlossen. Hätte ich die Idee einfach mal ein paar Stunden früher gehabt.

Was bleibt also? Die Verabredung für den Dienstag Morgen verschieben, pünktlich zur Öffnung um zehn in die Bibliothek stürmen, und da steht es: Das Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien, alle vier Bände, friedlich im offenen Magazin. Was für ein Glück. Also konnte ich in gewisser Hektik (weil: Verabredung noch offen, Flieger für Nachmittag gebucht, Koffer noch zu Hause, da die Schliessfächer in der Bibliothek zu klein sind etc.) mit allen vier Bänden arbeiten.

Bibliotheken angucken

Ich will mich gar nicht beschweren, so ist die Arbeit nun mal in der Geisteswissenschaft. Es hat ja auch seinen Stil und es macht Spass, die unterschiedlichen Bibliotheken zu besuchen; es ist immer wieder ein Erfolgserlebnis, wenn man das eine Buch, für das man tagelang planen und stundenlang fahren musste, in den Händen hält. Immer wieder fühlt man sich ein wenig so, als hätte man das Schicksal ein wenig geschlagen. Und ja: Besser planen würde einige dieser Wege unnötig machen. (Aber die Idee, mit allen vier Bänden zu arbeiten muss zum Beispiel erstmal wachsen. Hätte ich sie sofort gehabt, hätte ich St. Gallen nicht aufsuchen müssen.) Zudem hat das Internet und die elektronischen Datenverarbeitung einiges verbessert. Die ganze Recherche nach Medien fand bei dieser Erzählung ja im Netz statt.

Aber dennoch hat es immer wieder sein erstaunlichen Seiten, wenn man – statt, wie schon lange angekündigt – alle notwendigen Medien als Scan zu finden, manchmal durch eine unbekannte Stadt irrt, eine noch unbekannte Bibliothek sucht, um dann dort per Hand und nach einigen Nachfragen einen Leihschein auszufüllen. Es ist einfach komisch.

Vielleicht auch interessant: Was verlangen die Bibliothekssysteme eigentlich alles von den Nutzerinnen und Nutzern zu kennen? Hier in dieser Erzählung waren es mehrere Bibliothekskataloge (nebis, swisslib, KOBV, nicht erwähnt, aber benutzt, auch der KVK), dazu Datenbanken (Zeitschriftendatenbank), das System der Leihscheine und das Vermögen, in mehrere Bibliotheken, mit ihren jeweils eigenen Systemen und Befindlichkeiten, zu nutzen oder zumindest in Ihnen das Personal zu fragen. Das scheint mir einiges zu sein.

PS.: Die anderen drei Ausgaben des Jahrbuch der Deutschen Volksbüchereien enthalten übrigens keine Angaben zur Verteilung der Ausleihverfahren. Es wird keine Tabelle geben. Das wird wohl auch der Grund sein, warum es bislang niemand gemacht hat.

Das Unbehagen mit der Informationskompetenz

Es gibt ein Unbehagen mit der Informationskompetenz, eines das langsam, aber merkbar zunimmt und nicht weggeht mit der Zeit. Dieses Unbehagen äussert sich eher leise. Nicht so auftrumpfend laut wie diejenigen, welche Informationskompetenz in den letzten Jahren zu einem ihrer Hauptthemen gemacht haben. Denn die gibt es auch, fraglos. Das Handbuch Informationskompetenz [Sühl-Strohmenger, Wilfried (Hrsg.) / Handbuch Informationkompetenz. Berlin: de Gruyter, 2012] beispielweise ist voll von solchem lauten Auftreten; auch die Vorträge zum Thema auf den Bibliothekskongressen (egal in welchem der deutschsprachigen Länder) sind immer voll und werden beherrscht von Vortragenden, die sehr klar ihre Meinung sagen. Und viele, viele hören zu. Kritik gibt es, wenn überhaupt, an den Umsetzungen. Es sieht dann auch oft gut aus: Immer mehr Angebote, Kurse, welche in die Curricula von Hochschulen eingebunden werden, steigende Zahlen von Teilnehmenden, Nachfragen von ausserhalb der Bibliotheken, Erklärungen zur Informationskompetenz von Forschungsfördereinrichtungen und politischen Gremien werden berichtet.

Meeeeeeeeeh.

Aber wer einmal genauer hinhört, spürt meines Erachtens doch ein wachsenden Unbehagen.

  • Immer wieder hört man auf den Gängen der Bibliotheken, in den Ausbildungseinrichtungen, in den privaten Gesprächen zwischen bibliothekarisch und bibliothekswissenschaftlich Tätigen Zweifel daran, dass Informationskompetenz wirklich so wichtig ist, wie es gehandelt wird. Ist es nicht eher doch ein kleiner Teilbereich bibliothekarischer Arbeit? Ist es nicht eher ein Nebenschauplatz, der gross geredet wird?
  • In diesen Gesprächen klingt von Zeit zu Zeit der Zweifel an, ob das, was als Informationskompetenz beschrieben wird, wirklich etwas ist, was Bibliotheken vermitteln könnten und sollten. Ist nicht das, was Bibliotheken tun, heute mehr und strukturierte Rechercheschulungen durchzuführen? (Was nicht schlimm ist, aber: Ist das wirklich Informationskompetenz? Ist das nicht etwas zu hoch gegriffen?)
  • Von den Öffentlichen Bibliotheken her klingt unter der Hand immer wieder die Frage, ob es sich bei der Informationskompetenz nicht um ein Konzept handelt, dass vielleicht für Wissenschaftliche Bibliotheken wichtig wäre, aber: Ist es für Öffentliche Bibliotheken interessant?
  • In den Ausbildungsgängen (die ja wohl alle mindestens einen Kurs [ein Modul, ein Seminar etc.] zu diesem Thema eingerichtet haben) erntet man von den Studierenden immer mehr ein müdes, abwehrendes Lächeln, wenn man das Thema anspricht; eines das zu sagen scheint: „Ja ja, schon gehört. Informationskompetenz. Aber das überzeugt uns nicht mehr. Erzähl was neues, bitte.“
  • In den Redaktionen bibliothekarischer Zeitschriften und den Gremien, die Abschlussarbeiten zulassen; in den Vereinigungen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, welche Konferenzen und Weiterbildungen organisieren; in den losen Netzwerken wird; so hört und sieht man; immer wieder einmal mit den Augen gerollt, wenn das Wort fällt. Sicher: Die Artikel werden nicht abgelehnt, die Abschlussarbeiten zugelassen, die Vorträge abgenickt, die Weiterbildungen angeboten. Doch es scheint, als wäre langsam aber sicher die Luft raus aus dem Thema. Die Anekdoten zu diesem Unwollen häufen sich, auch wenn sie nicht offen berichtet werden.
  • Und wieder ein anderer Teil der Kolleginnen und Kollegen möchte gleich weiter. Informationskompetenz sei nicht mehr ausreichend, Datenkompetenz muss es sein – was gute Gründe hat (Wachstum der Forschungsdaten, Open Data etc.). Oder halt an die Kompetenz muss noch mehr angedockt werden, zum Beispiel mit ordentlichem wissenschaftlichen Arbeiten und nicht nur Recherchieren (was eigentlich eh Teil der Information Literacy ist, aber „in der Übersetzung“ am Anfang der Debatten um Informationskompetenz im deutschsprachigen Raum „irgendwie“ verschwunden ist).

Remember 2000: Wir werden unnötig.

Ist das nur mein Eindruck? Ich denke nicht. Was ist den passiert in den letzten Jahren? Anfang der 2000er Jahre kam das Thema Informationkompetenz auf, wurde gross beworben, in den Bibliotheksalltag integriert. Es sei, so tönte es, ein Konzept aus den englischsprachigen Bibliothekswesen. (Das stimmt so nicht. Die Übersetzung von Literacy ist nicht Kompetenz und das aus einem guten Grund: Das sind zwei unterschiedliche Konzepte. Auch wurde bei der „Übersetzung“ in die deutschsprachigen Bibliothekswesen einiges auf der Strecke gelassen, insbesondere die Fähigkeit zum Verarbeiten von Informationen. Aber so recht schien das niemand zu interessieren. Vielleicht hat es auch niemand richtig nachgeprüft.) Das Konzept sollte in gewisser Weise die Bibliotheken retten. Sie würden bald untergehen: Stichwort Digitale Medien, Buchverkauf übers Internet, immer schnelleres Studium. Studierende würden diese Kompetenz benötigen, so tönte es weiter, ansonsten würden sie im Studium nicht mehr bestehen können; würden nicht mehr wissenschaftlich arbeiten können. Und zudem seien Bibliotheken der Ort, wo diese Kompetenz schon angesammelt sei und angeboten werden könnte. (Wieder hat kaum jemand bemerkt, dass von Anfang an davon geredet wurde, dass Informationskompetenz vermittelt werden soll, obgleich der Witz an Kompetenzen in der Pädagogik eigentlich ist, dass sie nicht vermittelt, sondern von den Lernenden aufgebaut werden. Aber vielleicht wollte wieder nur niemand genau hinschauen.) Immerhin: Die Argumentation klang gut.

Unterfüttert wurde sie damals auch noch mit der Panik, welche die PISA-Studien ausgelöst hatten; obgleich in diesen Studien nicht wirklich etwas über Informationsnutzung etc. stand. Aber damals, 2002, 2003, konnte man fast alles mit den PISA-Studien begründen, ohne das es einen richtigen Zusammenhang zu diesen geben musste. Heute tauchen die Studien kaum noch in den Debatten auf.

Nun, einige Jahre später, wie sieht die Realität aus? Es gibt an fast allen grösseren Wissenschaftlichen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum Personen, die für Informationskompetenz zuständig sind; oft sind diese Stellen mit sehr engagierten Kolleginnen und Kollegen besetzt. Ebenso gibt es an den meisten dieser Bibliotheken strukturierte Angebote für Studierende und zum Teil auch für Forschende unter diesem Motto. Teilweise gibt es auch Kurse, die im Studium integriert wurden.

Aber: Ist es das wirklich, was versprochen wurde?

Was ist eigentlich wirklich passiert?

Zum ersten: Entgegen der Panik, die noch vor einigen Jahren verbreitet war, sind Bibliotheken nicht untergegangen. Sie haben sich verändert, sind zum Beispiel zur Verwalterinnen von elektronischen Medien, von Lizenzverträgen und ähnlichem geworden. Sie sind ebenso (wieder einmal) zu Lernorten geworden, nicht so sehr bezogen auf ihr eigenes Programm, sondern als Ort, an den immer mehr Studierenden hingehen, um selbstständig zu lernen. Alles anstrengend, aber der ganz grosse Kladderadatsch, der angekündigt wurde, kam nicht. Er wird auch nicht kommen.

Zum zweiten: Obgleich die Zahlen der Teilnehmenden in den Kursen gestiegen sind, herrscht doch immer mehr der Eindruck vor, dass es das im Grossen und Ganzen dann auch war. Sicher: Ein paar Studierende oder junge Lehrende lernen mehr mit Informationen etc. umzugehen. Aber nicht nur in Bibliotheken scheint sich der Eindruck durchzusetzen, dass das nicht heisst, dass Informationen im Allgemeinen besser genutzt würden; schon gar nicht die, welche über die Bibliotheken zugänglich gemacht wurden. Die vorhandene Informationskompetenz bei den Studierenden und Lehrenden steigt gar nicht so sehr, wie man sich das erhoffte. Gleichzeitig ahnt man, dass sie vielleicht auch gar nicht so wichtig war, wie man sich als Bibliothekswesen das selber eingeredet hatte. Alle sagen was Nettes über die Bibliothek und deren Anstrengungen, alle rollen die Augen, wenn sie davon berichten, dass Studierende (oder zumindest die anderen Studierenden) „nur noch Google benutzen“ würden; aber so Recht scheint sich das auf die Noten der Studierenden oder auch die wissenschaftlichen Arbeiten nicht niederzuschlagen.

Und drittens: Die Zweifel mehren sich, dass das, was die Bibliotheken über Informationskompetenz sagen, von anderen Einrichtungen auch so geteilt wird. Sicher: Es gibt einige Studiengänge – weil die Bibliotheken persistent darauf gedrängt haben – in denen Studierende Kurse in Bibliotheken besuchen müssen. Aber einen Diskurs ausserhalb der Bibliotheken, in den Studiengängen und Forschungsrichtungen (und seien es nur die Erziehungswissenschaften) über diese Informationskompetenz – die ja, so die Behauptung der bibliothekarischen Debatten, eine Grundkompetenz sein soll – gibt es immer noch nicht. Sicher: Ein wenig Google-Gedisse, ein wenig „ja ja, die Studierenden recherchieren nicht richtig“ hört man. Aber ansonsten agiert zum Beispiel die Medienpädagogik konsequent an den Bibliotheken vorbei.

Und viertens: Bis heute hat sich die bibliothekarische Debatte darauf kapriziert zu beschreiben, wie die jeweiligen Schulungen organisiert und durchgeführt; wie deren Notwendigkeit den Lehrenden in den Hochschulen oder gleich den Hochschulen selber verständlich gemacht; wie die Studierenden (und manchmal auch die Forschenden) erreicht werden können; gleichzeitig wurden zahllose (zumeist ungetestete und eher prekär hergeleitete) Standards beschrieben (die sich aber, weil es so viele sind, oft auch widersprechen) und zudem immer wieder gegenseitig erklärt, dass Bibliotheken wichtig für Informationskompetenz seien. Nur: was bislang nicht gezeigt wurde, meiner Meinung nach auch nicht untersucht, ist, ob die Fähigkeiten, die als Informationskompetenz umschrieben werden, wirklich für die Studierenden oder jungen Forschenden notwendig wäre.

Ist das alles wirklich so wichtig?

Mich irritiert der vierte Punkt sehr, schon länger. Die Vorstellung ist, dass Studierende und Forschende heute mit Informationen anders umgehen müssten, um erfolgreich in Studium und Forschung zu sein. Das Bestimmen, Finden, Auswählen und Interpretieren der jeweils besten Information sein eine Voraussetzung dafür. (Sehen wir einmal davon ab, dass der letzte Punkt, nämlich das Interpretieren, selten Inhalt der Kurse in Bibliotheken ist.) Deshalb muss ihnen das jemand beibringen und diese jemands seien die (Hochschul-)Bibliotheken.

Mir scheint das ein grundsätzliches Verkennen der Realität in Studium und Forschung zu sein. (Was auch deshalb absurd ist, weil die meisten Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die sich in diese Debatten einmischen, selber studiert haben.) Meine Gegenthese wäre: erfolgreich studieren – und zwar auf der Ebene von Bestnoten – kann man auch mit passenden Informationen, die im Studium zusammengegoogelt, mehr zufällig in Katalogen oder erst in den Abschlussarbeiten einigermassen systematisch gefunden werden. Die Suchwerkzeuge sind heute gut genug, um sogar mit weniger Aufwand passende Informationen zu finden. Besser recherchieren zu können oder gar kritischer ist eine nicht notwendige Fähigkeit für das Bestehen des Studium. Nicht, dass sie etwas schadet, aber sie bringt auch nichts für das Studium selber. (Warum? Höchstwahrscheinlich auch, weil es im Studium um etwas anderes geht, als das richtige Recherchieren.)

Wenn das stimmt, wäre es für die bibliothekarische Überzeugung schrecklich, weil: Dann bräuchte es auch keine Rechercheschulungen. Aber ich denke, es wäre realistisch.

Ebenso ist auch in der wissenschaftlichen Praxis nicht das effiektive Finden der besten Information notwendig. Durch die Projektorientierung der Wissenschaft (die dazu führt, dass die Forschenden immer mehr Multitalente werden), durch die immer grössere Zahl von Publikationsorten und der Überforderung der Qualitätssicherungssyteme, durch den ständigen Drang zur Publikation und den Drang zum „einfacher Schreiben“ (der sich u.a. darin äussert, dass Forschende ernsthaft verkünden, dass sie Texte, die länger als fünf Seiten lang sind, zu schwierig finden und deshalb nicht lesen) nimmt die reale Qualität der wissenschaftlichen Publikationen eh tendenziell ab, ohne dass dies direkt bemerkt würde, weil ja weder wissenschaftliche Streitkultur (in der man solche Fakten klar benennen dürfte) noch ausreichendes Expertinnen- und Expertentum existieren. In einer solchen Kultur reicht es vollkommen aus, wenn Forschende in der Lage sind – und das sind sie intellektuell auch ohne Rechercheschulung – eine Suchmaschine, eine freie Datenbank und einen Bibliothekskatalog zu bedienen. Alles andere ist netter Surplus, der einer wissenschaftlichen Karriere nicht schadet, aber auch nicht notwendig ist.

Auch hier: Wenn das stimmt, dann würde die Grundthese der Informationskompetenz-Diskussionen nicht stimmen. Aber wieder: Ich denke, es wäre realistischer.

Nun aber: Kann es wirklich sein, dass Bibliotheken im deutschsprachigen Raum seit Jahren quasi im Blindflug agieren und auf einer These aufbauen, die nicht belegt ist? Das mag erstaunlich erscheinen, ist es aber nicht. (Beziehungsweise: Das ist nicht ohne historisches Vorbild.) Mir scheint eher, dass innerhalb des bibliothekarischen Diskurses eine verstärkender Effekt eingetreten ist: Da immer wieder in Texten zur Informationskompetenz auf diese Grundthese – mehr Informationskompetenz ist notwendig – verwiesen wird und sich diese Texte gegenseitig zitieren, erscheint dies mehr und mehr als bewiesene oder zumindest selbsterklärende Aussage. Nur ist sie weder selbsterklärend noch bewiesen.

Was nötig wäre an dieser Stelle wäre wohl eine klare Untersuchung, welche Fähigkeiten – sagen wir gar nicht erst Kompetenz am Anfang – wirklich zu einem besseren Studium oder einer besseren wissenschaftlichen Arbeit notwendig sind. Und zwar nicht aus Sicht der Bibliotheken, da kommt immer wieder das gleiche raus (nämlich das, was die Bibliotheken anbieten können [das wird eh beständig getan, siehe z.B. kürzlich Tappenbeck, Inka (2013) / Vermittlung von Informationskompetenz an Hochschulbibliotheken: Praxis, Bedarfe, Perspektiven. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 37 (2013) 1, 59-69 und Kiszio, Blanche ; Favre, Nathalie & Ding, Sandrine (2013) / Ein neues Online-Tutorial zur Förderung von Informationskompetenz: ein Praxisbericht. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 73 (2013) 1, 11-114 die genau das wieder einmal taten und deshalb auch die zu erwartenden Ergebnisse erhielten]), sondern aus der Realität. Vergleichen wir doch einmal die guten und die weniger guten studentischen Arbeiten: Welche Fähigkeiten im Bezug auf den Umgang und die Suche von Informationen führen denn zu besseren oder weniger guten Arbeiten? Nachdem ich selber eine gute Anzahl von unterschiedlich guten studentischen Arbeiten gelesen habe, würde ich behaupten, die Informationskompetenz von der Bibliotheken sprechen, ist es nicht. Sicherlich gibt es einige sehr sehr gute Arbeiten, die auch sehr gut und kritisch mit Informationen umgehen. Aber für eine sehr gute Arbeit (also eine 6 in der Schweiz beziehungsweise eine 1,0 in Deutschland) ist das nicht notwendig. Die wird oft auch mit Hilfe von Quellen erreicht, die eher zufällig gefunden wurden. Ähnliches gilt für wissenschaftliche Arbeiten, die ich gelesen habe. Es ist meiner Meinung nach nicht notwendig, gut mit Informationen umzugehen, um eine wissenschaftliche Karriere zu machen. Gehen wir doch einfach mal und schauen, was die erfolgreichen und weniger erfolgreichen Forschenden so mit Informationen machen; wie die genau arbeiten (nicht was sie sagen, wenn sie von den Bibliotheken, mit denen sie zusammenarbeiten, gefragt werden, was vielleicht wichtig und gut wäre, sondern was sie wirklich tun, wenn sie Texte schreiben, Projekte entwerfen etc.). Zu oft habe ich dieses wissenschaftliche Arbeiten in den letzten Jahren live beobachtet, als das ich einfach davon überzeugt werden könnte, dass es überhaupt so etwas wie Informationskompetenz bedarf, um erfolgreich in der Wissenschaft zu sein. Ein funktionierender Internetanschluss, eine Bibliothek mit Fernleihe und vielen Lizenzen – das ja; aber die Fähigkeiten ordentlicher und kritischer Recherche – nein.

Jessa Lingel und danah boyd haben desletztens die Informationsflüsse und -praktiken in der Extrem Body Modification Scene untersucht [Lingel, Jesse & boyd, danah (2013) / „Keep it secret, keep it save“ : Information poverty, information norms, and stigma. In: Journal of the American Society for Information Science and Technology 64 (2012) 5, 981-991] und dabei wenig überraschend festgestellt, dass es die kontextangepasste Informationssuche ist, die relevant für die gesellschaftliche Praxis innerhalb dieser Szene ist; wobei es nicht um die richtigen oder effektiv zu findenden, sondern die passenden und über mehrfache Codes und Zugänge abgesicherten vertrauenswürdigen Informationen geht, die relevant für das Handeln in dieser Szene werden. Solche Untersuchungen über die tatsächlich erfolgreich genutzten Informationen und Informationsstrategien von Studierenden und Forschenden (gerade auch erfolgreichen) fehlen einfach; dabei sollten sie die Basis von Debatten über Informationskompetenz sein, auch wenn das Ergebniss sein könnte, dass diese Formen der Informationsnutzung nichts mit Bibliotheken zu tun haben.

Informationskompetenz. Nichts dagegen, aber…

Um es noch einmal klar zu sagen: Nichts gegen die Kolleginnen und Kollegen, die engagiert und aktiv im Bereich Informationskompetenz tätig sind. Nur scheint mir je länger je mehr Informationskompetenz eine relativ fixe Idee eines Teils des Bibliothekswesens geworden zu sein, dessen Entstehen mehr mit einer historischen Situation und weniger mit einer realen Anforderung von ausserhalb der Bibliotheken zu tun hatte.

Es ist gar nicht so, dass etwas gegen Recherecheschulungen, in welcher Form auch immer, zu sagen wäre. Aber nicht nur bei mir scheint sich ein Unbehagen aufgebaut zu haben mit den Jahren. Wird hier nicht in eine Themenbereich investiert (und zwar sowohl intellektuell als auch personell und materiell), der nicht halb so wichtig ist, wie es behauptet wird? Wird hier nicht von Bibliotheken ein Diskurs geführt – der auch an die Ausbildungeinrichtungen herangetragen wird – der andere Diskurse und Entscheidungen, die notwendig wären, überdeckt? Ist das alles realistisch oder sind die Bibliotheken nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Wette eingegangen, die sich als immer weniger zu gewinnen herausstellt? Ist das Getöse um Informationskompetenz nicht auch so gross, weil es gerade prekär ist und nicht so untermauert, wie es eigentlich bei der vorgeblichen Wichtigkeit des Diskurses sein sollte? Sollten wir nicht vielleicht nochmal zum Anfang zurück und fragen, was das eigentlich wirklich sein soll und ob es wirklich sinnvoll ist – sinnvoll nicht für Bibliotheken und deren Zukunftssorgen, sondern den Studierenden und Forschenden, um die es angeblich gehen soll?

Nein…? Na gut. Aber dann wird das Unbehagen wohl einfach so ansteigen und vielleicht das Thema irgendwann einfach liegen gelassen werden. (Auch das wäre nicht ohne historisches Vorbild.)