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Domestizierte Neuheit: Das Kreativitätsdispositiv und Öffentliche Bibliotheken

„The answer to one of your questions, though, is that I’m in love with all of you except the part I don’t like. That’s the part of you that’s like all the other girls I see. The part of you that thinks everyone – even Hunter – has to settle down sooner or later with a nine to five job and a mortgage on the house and two chrome-covered cars in every garage and a slew of stupid, happy neighbors and nothing to look forward to but eternal manipulation by forces you never took the trouble to understand. That’s the part of you I don’t like, and the part I’ll never like.” (Hunter S. Thomson, (Letter to Ann Frick, 1959), 1997, 176)

“Grundsätzlich basiert das Regime des Neuen, welches das Kreativitätsdispositiv in allen seinen Segmenten hervorbringt, auf der Struktur des Neuen als Reiz. Was zählt, ist die Hervorbringung und die Rezeption immer neuer, möglichst intensiver Reizereignisse, die jeweils allein in ihrer Gegenwart interessieren. Hier geht es nicht darum, besser zu sein, sondern anders.“ (Reckwitz, 2012, 327)

Die Hauptargumentation in Die Erfindung der Kreativität von Andreas Reckwitz (Reckwitz, 2012) lautet, dass sich beginnend spätestens in den 1960er Jahren und dann verstärkt seit den 1980er Jahren ein Kreativitätsdispositiv ausgebildet hätte, welches aktuell die gesellschaftlichen Sphären dominieren würde. Insbesondere würde es auf die Arbeitswelten und die Konstitution der Individuen wirken, aber nicht nur.

Dispositiv ist dabei, im direkten Anschluss an Foucault, als Anordnung wirkungsmächtiger Diskurse, Leitsätze und Moralvorstellungen zu verstehen, die durch gesellschaftliche Institutionen und Entwicklungen umgesetzt und in gewisser Weise als „selbstverständlich“ etabliert würden. (Foucault, 2000) Dabei ist diese „Selbstverständlichkeit“ von Dispositiven – bei Foucault die um Sexualität und Überwachung, bei Reckwitz das um Kreativität – immer geschichtlich erwachsen und auch als Antwort auf vorherige Krisen der gesellschaftlichen Moral zu verstehen. Das Kreativitätsdispositiv, welches Reckwitz nachzeichnet, ist als Reaktion auf eine tatsächliche oder wahrgenommene Motivationskrise der Angestellten und Arbeitenden, aber auch der Individuen in der gesamten Gesellschaft zu verstehen. (Ganz explizit versteht es Reckwitz als theoretische Weiterentwicklung der Arbeit von Chiapello und Boltanski, welche zwei Kritiktraditionen innerhalb des Kapitalismus ausmachten – die „Arbeiterkritik“, welche sich am Wert sozialer Gerechtigkeit orientiert und die „Künstlerkritik“, welche die Entfremdung durch Arbeit in den Mittelpunkt rückt – die sich über einen längeren Zeitraum gesehen regelmässig in ihrer Wirksamkeit abwechselnd würden. (Boltanski & Chiapello, 2003)) Und gleichzeitig sind alle Dispositive nicht so ewig, wie sie sich selbst präsentieren, sondern immer offen für Veränderungen – schliesslich haben sie immer andere Dispositive als vorherrschende abgelöst, insoweit ist immer die These zu stellen, dass auch sie abgelöst werden.

Gleichwohl sind die jeweils vorherrschenden Dispositive wirkmächtig: Sie werden benutzt, um Menschen, Strukturen, die Lebensgestaltung, die Arbeitsbedingungen und gesellschaftlichen Ziele zu definieren und zu bewerten; sie werden auch als Grundlage der Subjektivierung der Menschen vermittelt und also mehr oder minder von Menschen genutzt, um sich als Subjekte zu konstituieren. Insoweit sind Dispositive keine Pläne, den es gibt niemand, der oder die ihre Durchsetzung im Gesamt planen und steuern würde oder könnte; aber sie sind auch nicht nur unbedeutende Worte.

Kreativität als Normalfall

Das Kreativitätsdispositiv, dessen Entstehung Reckwitz nachzeichnet und das er als aktuell grundlegend begreift, setzt voraus: dass (a) alle Menschen kreativ wären und es auch sein wollen, das heisst dass sie alle Potentiale hätten, die es zu entwickeln gälte, (b) das dieses Streben nach Kreativität, also die Umsetzung der eigenen Potentiale, grundsätzlich motivierend wäre (und zum Beispiel von Firmen und Einrichtungen gefördert werden müsste, um wirtschaftlichen Erfolg zu haben, weil sonst die Mitarbeitenden unmotiviert wäre) und das (c) Menschen, welche ihre Kreativität nicht umsetzen, scheitern würden. Daraus ergibt sich in der Gesellschaft eine ständige Anforderung an Menschen, kreativ zu sein. Das muss nicht unbedingt heissen, Dinge zu schaffen (obwohl es das oft auch ist), sondern ebenso, den eigenen Alltag als ständige Möglichkeit zu begreifen, die Welt aufgrund ihrer Kreativität zu bewerten: Ist etwas neu und anregend (kreativ) oder nicht? Beispielsweise die Konsumangebote, das Lebensumfeld, die Urlaubsziele? Als kreativ und damit erfolgreich gilt, was anregt und Aufmerksamkeit erheischt.

Sichtbar ist, dass diese Anforderungen leicht zur Überlastung führen können, dass ihnen auch nur durch ständige Überbietung des schon Dagewesenen oder aber ständigem Interessenwechsel nachgekommen werden kann. Gleichzeitig wird, historisiert man den Anspruch an Kreativität – wie es Reckwitz tut – schnell sichtbar, wie sehr solche Aussagen, dass zum Beispiel alle Menschen potentiell kreativ seien und auch sein sollen, ein Dispositiv und keine „natürliche“ oder „selbstverständliche“ Aussage darstellen. Historisch wurde hier ein Bild, das noch ein Jahrhundert zuvor als abseitig und tendenziell krank galt – der einsame Künstler, das a-soziale Genie und so weiter – über mehrere Schritte ins Positive gewendet. Dies begann, wie die meisten Dispositive, von den Rändern der Gesellschaft her, ausgehend von Subkulturen (insbesondere seit den 1960er mit ihrer Kritik an der Konformativität der Gesellschaft und der „normalen Biographien“) und selbstgestalteten Avantgarden (vor allem in der Kunst), aber es wurde schliesslich erst gesellschaftlicher Mainstream und dann unhintergehbare Anforderung. Dabei geschah dies immer auch im guten Willen. Es geht nicht unbedingt (nur) um Vereinnahmung non-konformer Subkulturen, sondern tatsächlich darum, dass zum Beispiel die Wirtschaft, aber auch die Bildung, nach besseren Wegen suchte, die Individuen zu steuern und zu unterstützen (beim Produktiv sein oder beim ein-besseres-Subjekt-Werden).

Allerdings, darauf weisst Reckwitz recht weit am Beginn und noch einmal ganz am Ende seiner Studie hin, mit der Etablierung des Kreativitätsdispositiv einher geht eine Produktivmachung der Kreativität für die gesamte Gesellschaft. War bei Avantgarden (beispielsweise der Arts and Craft-Bewegung, dem Surrealismus, aber auch anderen) oder Subkulturen (zu denken ist hier beispielhaft an die Kommunebewegungen der 1960er und 1970er Jahre) die Kreativität immer in den Dienst einer Veränderung gestellt, ist sie heute ein Selbstzweck. Die Dadaistinnen und Dadaisten im Zürich 1915 wollten mit ihren kreativen Handlungen und der Gestaltung ihres Lebens die Kunst und darüber die Gesellschaft aufrütteln, schockieren, ändern und wurden deshalb auch zum Teil von der Gesellschaft abgelehnt; die Design-Studierenden, die heute, 2015, im gleichen Haus der Zürcher Altstadt im Cabaret Voltaire einkehren, müssen kreativ sein, um das Studium zu bestehen und darauf folgend im Arbeitsmarkt zu reüssieren – aber sie wollen es auch. Das Dispositiv, kreativ zu sein, ist ihnen im grossen Teilen zur Selbstverständlichkeit geworden. (Und nur, weil es der gleiche Ort und genau 100 Jahre später ist, ist es so offensichtlich.)

Formen des Neuen

Reckwitz unterteilt, was zum Verständnis der Veränderungen über die Zeit sehr hilfreich ist, das „Neue“, dass durch die Kreativität jeweils hervorgebracht wird, in drei Formen (Reckwitz, 2012, S. 44):

  • Neues I: Das Neue als Stufe (also als fortschrittliche Überwindung des jetzigen Zustandes, eine Form der Neuheit, die eine ständige Weiterentwicklung in Richtung einer besseren Entwicklung, einer besseren Gesellschaft oder einer besseren Kunst anstrebt; kurzum: eine Revolution oder zumindest ein grosser Schritt im Vergleich zum Vorhergehenden, der aber dann auch ein gewisses Ende bedeuten soll, egal ob der „International Style“ als „letztmöglicher Stil“ oder der Kommunismus als letzte Entwicklungsstufe der Gesellschaft).
  • Neues II: Das Neue als Steigerung und Überbietung (also ständige Verbesserung des Vorhandenen, insbesondere verständlich als neue Technik, die besser ist als die Vorhergehende oder naturwissenschaftlicher Fortschritt; kurzum: das, was in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen grosser Betriebe in den 1950er und 1960ern erarbeitet wurde, war dafür prototypisch, wobei es bei dieser Form des Neuen immer weiter geht, alles immer noch besser werden kann).
  • Neues III: Das Neue als Reiz (also das „neu-entdeckte“ Restaurant, die bislang unbekannte Strassenecke, das anregende Urlaubsziel oder das überraschend neuartige Essen; kurzum: ein Neues, das wenig verändert, ausser neue Veränderung – und wenn es die der eigenen Person ist – anzuregen).

Von oben nach unten gelesen wird „das Neue“ das durch Kreativität hervorgebracht wird, domestiziert. Oder auch anders gelesen: Die Kreativität wird in eine bestimmte Richtung hin interpretiert. Die Aufforderung an die Subjekte ist es, kreativ in diese eine Richtung zu sein: nicht etwas verbessernd (Neues II) oder gar grundsätzlich umstürzend (Neues I), sondern kreativ als ständige Anregung im Alltag. Die gesamte Gesellschaft wird damit argumentativ auf ständige Veränderung gestellt: Firmen, Einrichtungen, Städte, Menschen sollen in ständiger Bewegung begriffen werden und begreifen sich auch so – man denke nur an die regelmässig neu geschriebenen, fortgeschrieben und wieder über den Haufen geworfenen Strategiepapiere –, aber nicht, um etwas zu verändern, sondern weil andere Firmen, Einrichtungen, Städte und Menschen sich ständig verändern würden (und es unter dem gleichen Dispositiv auch tun). Damit wird Kreativität aber zu einem Selbstzweck, der das Leben tendenziell interessanter und offener macht (und wir leben ja auch in einer Gesellschaft, die, trotz aller Rückschläge, offener und interessanter ist als einige Jahrzehnte zuvor, obgleich nicht soviel auf der Kippe zu stehen scheint, wie Ende der 1960er – was aber dem unterschiedlichen Verständnis von „Neu“ nach nur konsequent ist), aber auch neue Formen der Scheiterns (persönlich und als Institution) etabliert: Wer nicht genügend Kreativität entwickeln kann, geht daran zugrunde – manchmal tatsächlich durch Krankheiten wie der Depression, deren rasante Verbreitung ganz offensichtlich in einen Zusammenhang mit den steigenden Ansprüchen, kreativ zu sein steht. (Vergleiche auch Menke & Rebentisch, 2010)

Das Neue und damit die Kreativität ist im aktuellen Kreativitätsdispositiv erst einmal nicht mehr umwerfend oder verbessernd, sondern „nur“ spannend oder interessant. Reckwitz (2013) bespricht ganz am Ende seines Buches Auswirkungen und mögliche politische Reaktionen auf dieses Dispositiv (unter anderem das Ausprägen einer Kreativität, die nicht auf Neues zielt oder sich dem „Anregenden“ verweigert – was in der zeitgenössischen Kunst zum Teil tatsächlich ausprobiert wird, womit sich ein gewisser Zirkel schliesst, weil diese Kunst sich wieder ausserhalb der gesellschaftlich prägenden Diskurse zu stellen versucht). In diesem Text hier aber, nach dieser Darstellung, einige Anmerkungen im Bezug auf bibliothekarische Fragen.

Öffentliche Bibliotheken und das Kreativitätsdispositiv

Auffällig ist, dass die Beiträge, die sich aktuell im deutschsprachigen Bibliothekswesen zu Makerspaces, Fablabs und ähnlichen Einrichtungen finden (u.a. Nötzelmann, 2013, Abresch, 2014, Meinhardt, 2014, Vogt, 2014), genau in dieses Dispositiv passen: In ihnen wird gemeinhin angenommen, dass die Menschen – vor allem die Jugendlichen – kreativ sein wollen und müssen. Daraus folgend müsse ein Raum geschaffen werden, welcher diese Kreativität ermöglicht. Ob diese Anforderung überhaupt vorliegt, wird in den Texten nicht wirklich thematisiert (in der Praxis sieht es etwas anders aus). Doch davon abgesehen ist die Kreativität, die in Makerspaces und ähnlichen Einrichtungen gefördert werden soll, überhaupt nicht auf irgendetwas Veränderndes abgestellt. (Dies ist in den Anweisungen zu Makerspaces sichtbar, die zumeist davon ausgehen, dass nach der Nutzung der Geräte und des Raumes alles wieder in den immer gleichen Normalzustand versetzt werden kann.) Es geht um Kreativität und Anregung um der Kreativität und Anregung willen. Einzig Vogt (2014) spielt kurz mit Verweisen auf die Start-Up-Szene in Köln auf eine mögliche wirtschaftliche Bedeutung des Makerspaces in Köln an. Grundsätzlich aber zielt die Kreativität nicht darauf, ein Neues II oder gar Neues I zu produzieren, sondern immer ein Neues III.

Das ist keine Besonderheit von Bibliotheken. Auch andere Makerspaces sind so eingerichtet und argumentativ begründet. Weitere Einrichtungen folgen dem gleichen Diskurs. Abresch (2014) diskutiert das Thema zum Beispiel explizit im Zusammenhang mit Schulen. Aber es ist auch auffällig, wie leicht diese Begründung akzeptiert wird, so als wäre sie selbstverständlich: Alle Menschen wollen kreativ sein. Das genügt einigermassen als Grundbegründung, obwohl es eben nicht selbstverständlich ist. Es ist etwas historisch neues, dass Kreativität so hoch geschätzt wird. Und es ist etwas, dass auch nicht per se gut sein muss.

Eine zweite Auffälligkeit ist, dass die Vorstellung der ständigen Veränderung um der Veränderung willen (beziehungsweise begründet mit der ständigen kreativen Veränderung der Gesellschaft und anderer Einrichtungen) in der Weise, wie Reckwitz sei zeigt, auch bei der Steuerung von Bibliotheken zu finden ist. Mehr und mehr Bibliotheken akzeptieren die Vorstellung, dass die gesamte Gesellschaft (egal, wie dies gefasst ist, und wenn es einfach nur als „Bedürfniss der Kundinnen und Kunden“ oder „wechselnder Konkurrenz“ behauptet wird) sich ständig verändern, wenn auch nicht radikal neu schaffen würde – halt Neu III – und darauf selber mit ständiger Veränderung zu reagieren sei. Diese Veränderung selber müsse kreativ, offen und anregend sein, und eben möglichst wenig starr auf reine Verbesserungen hin geplant (Neu II) oder gar radikal (Neu I) anders. Bezeichnend für diese Form der Steuerung sind Veränderungsprozesse, die als Projekte (vor allem in der Schweiz zum Teil sogar mit festen Projektstellen) gefasst sind, welche erfolgreich vor allem dann funktionieren, wenn sie das Mitdenken möglichst grosser Teile der jeweiligen Bibliothek anregen – also Kreativität einfordern und nutzen, gleichzeitig aber dadurch auch offener und partizipativer funktionieren, als Anweisungen „von oben“.

Ebenso bezeichnend ist der spezifische Diskurs von Innovation in Bibliotheken, wobei diese generell als Notwendigkeit vorausgesetzt zu werden scheint (oft begründet damit, dass Einrichtungen, die nicht innovativ wären, im Rahmen der sich ständig verändernden Gesellschaft untergehen würden) und gleichzeitig kaum klar ist, was Innovation im Rahmen von Bibliotheken bedeutet, abgesehen von neuen technischen Lösungen (die oft aber auch ohne den Begriff der Innovation, einfach als Weiterentwicklung, eingeführt werden könnten).

Zuletzt muss auch auf die strategischen Planungen, niedergelegt in regelmässig in kreativen Prozessen fortzuschreibenden Strategiepapieren, verwiesen werden, welche in den letzten Jahren (im deutschsprachigen Raum nicht nur, aber stark von ekz.bibliotheksservice beziehungsweise SBD.bibliotheksservice gefördert) einer wachsenden Anzahl von Bibliotheken als Notwendigkeit präsentiert wurde (wobei bekanntlich die Akzeptanz dieses Vorschlags in den Bibliotheken sehr unterschiedlich ist). Auch dieses Mittel der Steuerung, das darauf setzt, die Kreativität der jeweiligen Bibliothek – also des Personals – zu aktivieren und für sie zu nutzen, folgt dem Kreativitätsdispositiv: Es wird ständig Neues geschaffen, dass aber nicht umwerfend oder verbessernd, sondern fluide auf vorgebliche oder tatsächliche gesellschaftliche Ansprüche reagierend sein soll. Relevant ist auch, dass es als Vorschlag existiert, der umgesetzt werden kann – und nicht als Anweisung.

Damit präsentieren sich die Bibliotheken, anders als sie es vielleicht selber verstehen (zum Beispiel, wenn sie sich selber in Berufsbilddiskussion als zu wenig veränderlich und zu viel traditionell beschreiben), als Einrichtungen, die sich im Mainstream gesellschaftlicher Diskussionen und Entwicklungen befinden. Reckwitz (2012) weist zurecht daraufhin, dass das Benennen eines gesellschaftlich prägenden Dispositivs die Möglichkeit eröffnet, darüber nachzudenken, was die unintendierten Folgen dieses Dispositivs sind, was an ihm zu verteidigen oder abzulehnen wäre und auch, worauf dieses Dispositiv antwortet und ob diese Antwort die richtig ist. Damit beginnen mögliche politische Fragen – auch wenn es gerade nicht einfach möglich ist, sich ausserhalb des gesellschaftlichen Raumes zu stellen, den dieses Dispositiv hervorbringt. Das Befragen des Dispositivs und das Leben „im Dispositiv“ gehen einher, solange es aktuell ist. (Foucault, 2000) Bibliotheken scheinen – wie andere Einrichtungen auch – mitten im aktuellen Kreativitätsdispositiv situiert zu sein. Damit haben sie auch die Möglichkeit, dies aktiver zu gestalten, als einfach dem Dispositiv zu folgen. Sie können es ebenso gut ignorieren oder abstreiten, aber auch damit würden sie sich politisch verhalten. So oder so: „Kreativität“ (von Nutzerinnen und Nutzern) – genauso wie Innovation – kann nicht einfach als selbsterklärender Grund für Veränderungen oder strategische Entscheidungen angenommen werden. Das alleine würde nur soweit tragen, bis sich ein nächstes Dispositiv etabliert, welches versuchen wird, auf die Unzulänglichkeiten des aktuell vorherrschenden zu reagieren.

Literatur

Abresch, Sebastian (2014) / Bibliothek und Schule : Makerspace in der Praxis. 19 (2014) 2, 56-57, http://www.bibliotheken-nrw.de/fileadmin/Dateien/Daten/ProLibris/2014-2_ProLibris_WEB_01.pdf

Boltanski, Luc ; Chiapello, Ève (2003) / Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz : UVK, 2003

Meinhardt, Haike (2014) / Das Zeitalter des kreativen Endnutzers : Die LernLab-, Creatorspace- und Makerspace-Bewegung und die Bibliotheken. BuB 66 (2014) 6, 479 – 485, http://www.b-u-b.de/pdfarchiv/Heft-BuB_06_2014.pdf

Menke, Christoph ; Rebentisch, Juliane (Hrsg.) (2010) / Kreation und Depression : Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus. Berlin : Kulturverlag Kadmos, 2010

Michel Foucault, Michel (2000 [1978]) / Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Neuauflage. Berlin: Merve Verlag, 2000

Nötzelmann, Cordula (2013) / Makerspaces – eine Bewegung erreicht Bibliotheken. Bibliotheksdienst 47 (2013) 11, 873-876, http://www.degruyter.com/view/j/bd-2013-47-issue-11/bd-2013-0099/bd-2013-0099.xml?format=INT

Reckwitz, Andreas (2014 [2012]) / Die Erfindung der Kreativität : Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung (suhrkamp taschenbuch wissenschaft ; 1995). 4. Auflage. Berlin : Suhrkamp Verlag, 2014

Thomson, Hunter S. (1997) / The Proud Highway : Saga of a Desperate Southern Gentleman 1955-1967 (The fear and Loathing Letters, Volume 1). New York : Ballantine Books, 1997

Vogt, Hannelore (2014) / Makerspace, Digitale Werkstatt und Geeks@Cologne : Ungewöhnliche Veranstaltungsformate in der Stadtbibliothek Köln. BuB 66 (2014) 4, 295-297, http://www.b-u-b.de/pdfarchiv/Heft-BuB_04_2014.pdf

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Zitat (1979): Schulbibliothekarische Arbeitsstelle Berlin

Es gibt für Berlin als Ganzes keine Schulbibliothekarische Arbeitsstelle (das ist und war in den einzelnen Bezirken anders, wenn auch die meisten ohne einen solche Arbeitsstelle auskommen und trotzdem die Zahl der Schulbibliotheken wächst). Vielleicht wird es nie ein geben. Was es aber seit Jahrzehnten gibt, sind Diskussionen darum, dass eine solche Arbeitsstelle notwendig wäre und bei der heutigen Zentral- und Landesbibliothek (früher „nur“ die Amerika Gedenk-Bibliotheke / Zentralbibliothek Berlin) anzusiedeln wäre. Zuletzt hat die Arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Berlin / Brandenburg im letzten Jahr darüber berichtet, dass eine solche Einrichtung geplant sei, Günter Schlamp dann vor kurzem berichtet, dass daraus nichts wird. Wieder einmal. Aber auch in den Bibliotheksplänen für Berlin und anderen Dokumenten hat diese Idee eine Spur hinterlassen. Immer wieder wurde die Stelle angedacht, teilweise ausführlich projektioniert oder zumindest gefordert.

Geschrieben werden müsste einmal die Geschichte dieser Versuche, die dann unter Umständen auch Auskunft darüber geben könnte, warum diese Versuche (a) immer wieder scheitern und (b) trotzdem immer wieder neu unternommen werden. Das alles an Einleitung für ein Zitat, über das ich gerade gestolpert bin. Es ist von 1979 und liefert eigentlich ähnliche Argumente, die heute zum Beispiel von der AG Schulbibliotheken in Berlin / Brandenburg geliefert werden. Einerseits erstaunlich, andererseits interessant. Vielleicht sind es gar nicht die Argumente, an denen es scheitert. Oder aber sie sind gar nicht so richtig, wie sie klingen. Ich kann das nicht entscheiden, aber wenn jemand ein Thema sucht, um sich zu beschäftigen oder eine Arbeit zu schreiben, hier wäre eines verborgen: Das ständige Scheitern der Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle Berlin.

Schon vorher [vor der Einführung der Datenverarbeitung in der Katalogisierung, K.S.] ist es dringend erforderlich, die schulbibliothekarische Arbeitsstelle an der AGB einzurichten, denn wenn sie nicht bald errichtet wird und energisch ihre Funktionen wahrnimmt, ist es wahrscheinlich, daß die einzelnen Schulbibliotheken sich noch weiter auseinander entwickeln, als das jetzt schon der Fall ist und daß es dann kaum noch möglich sein wird, auf eine annähernd vergleichbare Art mit diesen Bibliotheken zu arbeiten und Koordinationsaufgaben wahrzunehmen. Schon jetzt ist die Entwicklung der einzelnen Typen der Schulbibliotheken so verschieden geraten, daß unbedingt in allerkürzester Zeit diese Schulbibliothekarische Arbeitsstelle geschaffen werden muß, um eine sinnvolle Weiterentwicklung der Schulbibliotheken zu erreichen. (Liebenow, Peter K. / Aufgaben heute und morgen. In: ders. (Hrsg.): 25 Jahre Amerika-Gedenkbibliothek Berliner Zentralbibliothek. München u.a. : K. G. Saur, 1979, 227-240, S. 238f.)

Der „gläserne Aufzug“; ein feministisches Analyseinstrument, herausgearbeitet (unter anderen) am Beispiel Bibliotheken

„[…], theoretische Begriffe, die im reinen Philosophieren verbleiben und dabei die materiellen Grundlagen unseres Denkens ignorieren, verlieren ihre analytische Brisanz und ihr kritisches Potential für gesellschaftliche Transformation. Daher ist es notwendig, zwischen rhetorischer Kosmetik und gesellschaftskritischen Interventionen zu unterscheiden. Kritik, so Theodor W. Adorno, beginnt dort, wo Zweifel an der authentischen Repräsentation von Realität aufkommt. Dort, wo das Gegebene seine ideologischen Züge aufscheinen lässt, beziehungsweise dort, wo Repräsentation auf ihren ideologischen Wert hin befragt wird. Gesellschaftskritik ist daher nicht an einer identitären Wiedergabe von Gesellschaft interessiert. Vielmehr zeigt es die Grenzen einer identitären Widerspiegelung von Gesellschaft auf.“ (Rodríguez, Encarnación Gutiérrez / Intersektionalität oder: Wie nicht über Rassismus sprechen. In: Hess, Sabine ; Langreiter, Nikola ; Timm, Elisabeth (Hrsg.) / Intersektionalität revisited : Empirische, theoretische und methodische Erkundungen. Bielefeld : Transcript Verlag, 2011, 77-100, hier: S. 99f.)

Die Gläserne Decke, kurz

Die „Gläserne Decke“ (glass ceiling) ist als Begriff einigermassen bekannt. Das Konzept beschreibt das Phänomen, dass Frauen (oder andere Personengruppen, aber meist geht es um Frauen) in Institutionen und Firmen beruflich nur bis zu einem bestimmten Level aufsteigen und dieses Level dann nicht oder nur viel seltener als Männer (oder die jeweils anderen Gruppen) überwinden können. Das Ergebniss ist bekannt: Chefetagen aus lauter Männern, Verwaltungsgremien aus lauter Männern, Gruppen, die politische und andere Entscheidungen treffen, bestehend aus lauter Männern. Die Frauen in diesen Gruppen sind so sehr Ausnahmen, dass sie mächtig auffallen, gerne in der Öffentlichkeit nach vorne gestellt werden (und dennoch in den Gremien oft gerade mit „weichen“ Themen betraut werden, also eher PR und Personalentwicklung verantworten und nicht Etat und Firmenstrategie.) Nicht ganz so sichtbar ist als Ergebnis die Flucht der qualifizierten Frauen in andere Tätigkeiten, das Verkümmern von individuellen Möglichkeiten, auch die Reproduktion von defizitären Selbstbildern.

Die „Gläserne Decke“ dürfte eigentlich nicht existieren, die Gesellschaft ist heute darauf ausgerichtet, sich als meriokratisch – also an den Leistungen, Fähigkeiten und Zielsetzungen der Individuen orientiert – zu verstehen. Nicht das Geschlecht (oder bei anderen Gruppen zum Beispiel die soziale Herkunft, der Geburtsort und so weiter) soll bestimmen, welche soziale Position eine Person einnimmt, sondern nur die Wünsche der Personen, der Leistungen und deren Drang, bestimmte Positionen zu erreichen. Dies ist sowohl unter sozialen und demokratietheoretischen Gesichtspunkten gefährlich als auch – interessanterweise – unter ökonomischen Gesichtspunktne (egal ob auf eine einzelne Firma oder auf die gesamte Gesellschaft bezogen) unproduktiv. Es ist halt ungerecht (sozial), gleichzeitig eine Verschwendung von ökonomischen Potentialen; wenn Frauen nur deshalb nicht über bestimmte Level aufsteigen und sich einbringen können, weil sie Frauen sind.

Sicherlich gibt es immer wieder Menschen, die behaupten, es gäbe die „Gläserne Decke“ gar nicht. Vielleicht ist das ein Verkennen der Realität, vielleicht wird der gesellschaftlich verbreitete Anspruch auf gleiche Chancen zu sehr als tatsächlich vorhandene Situation missverstanden, vielleicht gehört es auch ins eigene Selbstbild. Akzeptiert man nämlich dieses Konzept der „Gläsernen Decke“, so kann man jedem männlichen Chef vorwerfen, auf diesem Posten nur zu sein, weil Frauen es unendlich schwerer haben, auf Chefposten zu kommen, und zwar weil sie Frauen sind, nicht weil sie weniger kompetent sind. (Genauer: Wenn sie Chefin werden, sind sie meist viel besser, weil sie weit mehr Barrieren überwinden mussten.) Deshalb hätte der Chef es leichter gehabt und sei gar nicht besser gewesen, als bestimmte Frauen. Das Fiese: Egal wie gut der Chef in Realität vielleicht ist (es gibt ja auch Chefs, die wirklich gut sind), so recht wird er diese Vermutung nie abweisen können. (Zumal, wie gesagt, die gläserne Decke auch für andere Gruppen existiert. Ist der Chef vielleicht auch deshalb Chef, weil er Weiss ist? Oder Deutscher / Schweizer? Oder aus der Grosststadt kommt, nicht vom Dorf? Wie soll er das Gegenteil beweisen?) Einfacher ist es, die Gesellschaft als meriokratisch organisiert zu verstehen und zu behaupten, alle Menschen wären durch ihre Kompetenzen in der beruflichen und gesellschaftlichen Position (oder würden in bestimmter Zeit dort ankommen), die sie innehaben. (Allerdings erklärt man dann auch im Umkehrschluss, dass zum Beispiel diejenigen Menschen, die über Jahrzehnte in einem Dead-End-Job arbeiten, dass auch wollten beziehungsweise keine Kompetenzen hätten, etwas anderes zu tun.)

Gleichzeitig ist die „Gläserne Decke“ so oft empirisch nachgewiesen worden – inklusive ihrer Veränderung durch politische Massnahmen, die auch möglich sind, wenn man nur einmal ihre Existenz anerkennt – das sie bis weit in konservative Kreise als existent begriffen wird. Es gibt die „Gläserne Decke“, sie muss weg. Die Frage ist „nur“, wie genau sie zustande kommt, wie genau sie aussieht und für wen sie gilt.

Der Gläserne Lift

Ein Konzept, dass eng mit der „Gläsernen Decke“ zusammenhängt, aber weit weniger bekannt ist, ist der „Gläserne Fahrstuhl“ (glass escalator). Dabei wurde er unter anderem anhand des Bibliothekswesens geprägt.

Er stammt aus einer 1995 erschienen und immer noch lesenswerten Studie von Christine L. Williams [Williams, Christine L. / Still a Man’s World: Men Who Do “Women’s Work” (Men and Masculinity). Berkeley ; Los Angeles ; London : University of California Press, 1995]. Williams untersuchte in dieser anhand von vier „typischen Frauenberufen“, wie sich Männer in feminisierten Berufsfeldern verhalten. Diese vier Berufsfelder sind Pflege (also Krankenschwestern und Pfleger), Schulunterricht, Bibliothekswesen und Soziale Arbeit.

In einem frühen Teil der Studie stellt Williams dar, wie diese Berufszweige zu „weiblichen Berufen“ wurden – was sie alle vier zu Beginn nicht von Beginn an waren, vielmehr sind sie alle, zumindest im US-amerischen Kontext, von „männlichen“ zu „weiblichen“ Berufen geworden – und weist gleichzeitig auf ein Missverständnis hin, welches in allen vier Berufszweigen zu finden. Der soziologische Nachweis, dass die Berufe als „weibliche“ Berufe als weniger professionell angesehen und auch bezahlt werden, wurde von den Beurfsverbänden dahingehend verstanden, dass sie professioneller würden, wenn mehr Männer in ihnen arbeiten würden. Deshalb gab es immer wieder den Versuch, Männer für die Berufe zu gewinnen, obgleich der Zusammenhang, wenn überhaupt, andersherum gilt: Männer arbeiten eher in als professioneller angesehenen Berufen; Berufe sind nicht professioneller, weil dort mehr Männer arbeiten würden. (Das würde ja auch im Umkehrschluss bedeuten, dass Männer irgendwie professioneller Handeln würden als Frauen, was garantiert so nicht stimmt.)

Weiterhin führt Williams den vor ihr schon mehrfach nachgewiesenen Fakt an, dass ein Grossteil der Männer, die einen der vier untersuchten Berufszweige wählen, davon ausgehen können, innert kurzer Zeit eine Führungsposition oder aber eine spezifische, als professioneller angesehene – und deshalb oft auch besser entlohnte und mit anderen Vorteilen verbundene – Spezialposition (zum Beispiel die technische Abteilung in einer Bibliothek) innerhalb ihrer Institutionen zu besetzen.

“[M]any men entering these [feminized, KS] professions today anticipate working in these masculine enclaves [high specialized positions, KS]. But others find themselves pressured into these specialties despite their inclinations otherwise. That is, some men who prefer to work in the more ‘feminine’ specialties ‒ such as pediatric nursing or children’s librarianship ‒ encounter inexorable pressure to ‘move up,’ a phenomenon I refer to as the ‘glass escalator effect.’ Like being on an invisible ‘up’ escalator, men must struggle to remain in the lower (i.e., ‘feminine’) levels of their professions.” (Williams 1995, p. 12)

Williams interessiert sich, wie im Zitat sichtbar, aber weniger für die Männer, die mit Erwartungen auf höher bezahlte Positionen in diese Berufe eintreten,1 sondern für die, welche tatsächlich die Arbeit machen wollen, für welche die Berufsfelder bekannt sind. Also zum Beispiel Menschen pflegen, Unterrichten (und zwar alle Schulklassen), als Bibliothekar an der Ausleihe und in der Katalogisierung arbeiten. Sie interviewt eine ganze Anzahl dieser Männer und kommt zu dem Ergebnis, dass es für sie einen Aufwärtsdrang gibt, dass sie sich also dazu gedrängt fühlen, sich zu spezialisieren, wichtige Positionen innerhalb der Institution einzunehmen, im Allgemeinen: Aufzusteigen. Und dies in einem erstaunlichen Masse, nämlich so sehr, dass sie sich teilweise dazu gedrängt fühlen, ihren Nicht-Aufstieg zu erkämpfen, also sich zum Beispiel dafür einsetzen zu müssen, in der Primarschule zu unterrichten und nicht zum Lehrer in einer High-School oder zum Direktor der Primarschule aufzusteigen.

Hingegen gibt es nur eine sehr, sehr kleine Zahl von Bereichen, in denen sich die Befragten wirklich benachteiligt fühlen. Diese sind mit „Angst vor der männlichen Sexualität“ zu überschreiben; vor allem Männer, die als Lehrer oder als Kinderbibliothekar viel mit Kindern arbeiten, fühlen sich immer wieder einmal einer devianten Sexualität verdächtigt. Ansonsten aber profitieren die Befragten von der geschlechtlichen Strukturierung der Beurfszweige, auch dann, wenn sie dies gar nicht anstreben.

Williams beschreibt diesen Effekt – der ja auch gegen die meriokratische Überzeugung spricht, dass die Personen selber dafür verantwortlich sind, welche soziale Position sie einnehmen – als „Gläsernen Fahrstuhl“. Dieses Konzept erklärt zum Teil die Überrepräsentation von Männern in spezialisierten Bereichen „weiblicher Berufe“ und in den verantwortlichen Posten innerhalb der Institutionen (aber zum Beispiel auch in Berufsverbänden et cetera). Dabei muss beachtet werden, dass dieses Konzept – genauso wie die gläserne Decke – eine gesellschaftliche Struktur erklärt, die nicht durch moralisch falsches Verhalten – beispielsweise einer explizit sexistischen Beförderungspraxis, die man ja einfach abstellen könnte – zustande kommt; sondern vielmehr durch das mehr oder minder unreflektierte Nachvollziehen gesellschaftlicher Strukturen.

Ein bekanntes Beispiel ist, wenn eine Auswahlkomission für einen Chefposten bedauert, dass sich kaum qualifizierte Frauen für den Posten gefunden hätten und am Ende einen Mann als Chef empfehlen. Ist das dann ein falscher Blick auf Qualifikationen und Befähigungen von Menschen? Ist das ein Effekt von negativen Selbstbildern bei Frauen, die zu oft an die gläserne Decke gestossen sind? Ist es ein Effekt von Zuschreibungen an Frauen und Männer? Ist es ein Effekt, der in dieser Situation realistisch ist, aber nicht bedenkt, dass dieses „Fehlen“ von qualifizierten und / oder für den Posten gewillten Frauen Ergebnis gesellschaftlicher Bilder ist? Oder das „Vorhandensein“ von qualifizierten und / oder für den Posten gewillten Männern Ergebnis der gleichen gesellschaftlichen Bilder?

Während das Konzept der „Gläsernen Decke“ einen Teil dieses Phänomens zu erklären hilft, hilft das Konzept des „Gläsernen Fahrstuhls“ einen damit zusammenhängenden Teil des Phänomens aufklären. Dass es gerade am Bibliothekswesen und ähnlichen Berufszweigen erarbeitet wurde, ist deshalb beachtlich, weil es selbstverständlich Frauen in den Führungspositionen und in den Spezialabteilungen der Bibliotheken gibt; aber weit überdurchschnittlich – im Vergleich zum Männeranteil im Berufsfeld – Männer. Dabei fühlen sich die Angestellten, welche Willams befragt, zumeist fair behandelt; ebenso finden sich – wie schon erwähnt – in der Profession auch immer wieder Stimmen, die postulieren, dass es bei der Frage, wer in den Bibliotheken wo arbeite, einzig um die Befähigungen der Personen, nicht um das Geschlecht ginge.2

„Both men and women who work in nontraditional occupations encounter discrimination, but the forms and the consequences of this discrimination are very different for the two groups. Unlike ‘nontraditional’ women workers, most of the discrimination and prejudice facing men in the ‘female’ professions comes from clients. For the most part, the men and women I interviewed believed that men are given fair ‒ if not preferential ‒ treatment in hiring and promotion decisions, are accepted by their supervisors and colleagues, and are well-intergrated into the workplace subculture. Indeed, there seem to be subtle mechanisms in place that enhance men’s positions in these professions ‒ a phenomenon I refer to as a ‘glass escalator effect’.“ (Williams 1995, p. 107f.)

Komplexere Verhältnisse

In einem bislang nur als „OnlineFirst“ erschienen – und hinter einer Paywall versteckten – Artikel, äussert sich Williams selber nach nicht ganz zwanzig Jahren zu ihrem Konzept. [Williams, Christine L. / The Glass Escalator, Revisited : Gender Inequality in Neoliberal Times. In: Gender & Society, Online First (June 11, 2013), doi: 10.1177/0891243213490232] Grundsätzlich kann sie darauf verweisen, dass sich das Konzept empirisch bestätigt hat, auch wenn es ergänzt wurde. So ist es, um den Effekt des „Gläsernen Aufzugs“ zu bestimmen, immer wieder notwendig, in den Berufen zu bestimmen, was überhaupt als höherwertige Spezialisierung gilt.3

Gleichzeitig übt Sie selber Kritik an Ihrem Konzept. Zuerst sei es unter der Voraussetzung relativ stabiler Jobchancen in den untersuchten vier Berufen gebildet worden, was heute nicht mehr gegeben sei, da auch diese Spardiktaten und Flexibilisierungen unterworfen seien. Das macht es schwieriger, zu bestimmen, was die Vorteile bestimmter Berufspositionen sind.

„[…] I will argue, that the concept is limited because it is based on traditional assumptions about work organizations, such as the expectation of stable employment, bureaucratic hierarchies, and widespread support for public institutions.“ (Williams 2013, p. 2)

Zudem, und dies ist die wichtigere Kritik Williams, war Ihre Analyse zu sehr auf die Kategorien Mann / Frau gerichtet und beachtete andere Ungleichheitsverhältnisse praktisch nicht.

„When I originally formulated the concept of the glass escalator, I realized that it did not apply to all men. Gay men and racial/ethnic minority men, in particular, seemed to be excluded from the benefits of the glass escalator. But I didn’t theorize that exclusion – I merely mentioned that the experiences of gay men and nonwhite men were ‚different‘ and left is at that.“ (Williams 2013, P. 5)

Williams greift dabei auf die Debatte um Intersektionalität zurück, die zur Zeit in den feministischen Wissenschaften starke Relevanz erhalten hat. Intersektionalität verweist darauf, dass die Gesellschaft nicht anhand eines Ungleichheitsverhältnisses zu bestimmen ist, sondern dass sich die gesellschaftlichen Strukturen aus unterschiedlichen Ungleichheitsverhältnissen kumulieren. Wer nur über die Kategorie Frau/Mann nachdenkt, kann zum Beispiel den Effekt, welchen die Kategorie Weiss/Nicht-Weiss zeitigt, nicht beachten. Gleichzeitig sind die Ungleichheitsverhältnisse nicht additiv strukturiert, also nicht einfach in dem zu beschreiben als: die Kategorie Frau wirkt ABC, die Kategorie Nicht-Weiss wirkt XYZ, also ist eine Person, die Frau und Nicht-Weiss ist, sowohl ABC als auch XYZ unterworfen. Vielmehr ist sie in einer bestimmten Form als Nicht-Weisse Frau wirksam.

„Unter dem Begriff ‚Intersektionalität‘ hat sich in der internationalen Geschlechterforschung […] eine Perspektive formiert, die insbesondere die Einsicht der Interdependenz der Kategorie Geschlecht zum Programm macht und kritisch erörtert: Ein Gegenstand ist stets auf die Schnittpunkte, auf das je spezifische Verhältnis beziehungsweise die Wechselwirkungen von – insbesondere – Geschlecht, Klasse und Ethnizität hin zu untersuchen.“ (Langreiter, Nikola ; Timm, Elisabeth / Editorial: Tagung Macht Thema. In: Hess, Sabine ; Langreiter, Nikola ; Timm, Elisabeth (Hrsg.) / Intersektionalität revisited : Empirische, theoretische und methodische Erkundungen. Bielefeld : Transcript Verlag, 2011, 9-13, hier: S. 9)

Williams greift diese Perspektive auf und zeigt an Beispielen, die andere Forschende in Auseinandersetzung mit dem Konzept der „Gläsernen Aufzugs“ geleistet haben, wie viel komplexer die Realität ist.

So findet sich der 1995 bei Pflegern beschriebene Effekt nicht bei black nurses. Vielmehr: Während die von Williams einst interviewten Pfleger schilderten, dass sie immer wieder einmal als Ärzte wahrgenommen und angesprochen wurden – weil sie Männer im Krankenhaus waren –, schildern black nurses in anderen Studien, dass ihnen von Zeit zu Zeit jede Kompetenz abgesprochen wird. (Williams 2013, p. 7f.)

Gleichzeitig gilt der „Gläserne Aufzug“ nicht im gleichen Masse für Schwule. Hier wird es noch komplexer. Schaffen es Schwule, ein „passing“ zu performen, also gerade als wenig oder nicht-schwul „durchzugehen“, können sie vom „Aufzug“ profitieren. Allerdings: Gibt es gesonderte gesetzliche Regelungen, die auch durchgesetzt werden – Williams führte eine Studie von Catherine Connell an, die dies in Californien, also einem explizit progressiven Bundesstaat der USA, untersuchte –, kann es sein, dass Schwule und Lesben nur akzeptiert werden und von dieser gesetzlich bestimmten Förderung profitieren können, wenn sie gerade den Stereotypen von Homosexuellen entsprechen. (Williams 2013, 8f.)

Weiterhin ist die Klasse (oder soziale Schicht) eine wichtige Voraussetzung für das „Nutzenkönnen“ des „Gläsernen Aufzugs“. Nur in Berufsfeldern, die überhaupt einen Aufstieg oder eine Spezialisierung erlauben, ist er nutzbar. Je mehr aber ein Berufsfeld als „proletarisch“ gilt und von Personen aus proletarischen Familien als gewünschtes Berufsfeld angestrebt wird – was ja auch ein bekannter Effekt der gesellschaftlichen Strukturierung ist –, um so weniger gibt es solche Aufstiegschancen überhaupt. Dead end jobs wie Verkäufer oder Coiffeur führen eher dazu, dass Menschen egal welchen Geschlechts, zeitlebens wenig berufliche und damit auf finanzielle Änderungen erfahren. (Williams 2013, p. 9f.)

Hinzu kommt die Veränderung des Arbeitsmarktes, die dazu führen, dass Menschen in bestimmten Berufszweigen immer mehr und immer schneller die Arbeitsplätze wechseln. Dies führt zum Teil zu einem noch schwieriger festzustellenden Verteilen von Berufschancen, da sich diese nicht mehr nur dadurch auszeichnen, wer wann in welche Position aufsteigt, sondern zum Beispiel auch darin, wer wann bestimmte Jobs in Richtung welcher anderen Jobs oder Tätigkeiten verlässt. Williams führt den Fall von women geoscientists an, die an sich zu ungefähr gleichen Zahlen wie Männer ihr Studium abschliessen und ebenso in ungefähr gleicher Zahl von den grossen Firmen in der Öl- und Gasindustrie angeworben werden, aber zehn Jahre später fast vollständig aus diesen – gut bezahlten und herausfordernden – Jobs „verschwunden“ sind. (Williams 2013, p. 14)

Williams schliesst daraus, dass zur Beschreibung dieser Effekte neue Begrifflichkeiten notwendig werden und „Gläserner Aufzug“ (ebenso wie „Gläserne Decke“) nur ungenügend genau beschreibt, was in den Berufsfeldern passiert.

„Gender inequality characterizes both the traditional and the neoliberal models of work organizations. […] But I believe we need new metaphors to capture the workings of gender inequality in the neoliberal context. The glass ceiling and the glass escalator seem far too static to capture what is going on in our current era of flexible, project-based, horizontal, and contingent employment.“ (Williams 2013, p. 13)

„I now believe that any discussion of the gass escalator must be attuned to how racism, homophobia, and class inequality advantage some groups of men, and exclude and discriminate against others.“ (Williams 2013, 16)

Des Weiteren fordert Williams, dass eine Kritik der Geschlechterverhältnisse, die – im Sinne der Intersektionalität – mit einer Analyse weiterer Ungleichheitsverhältnisse verbunden sein muss, grundiert sein sollte in einer Kritik des Kapitalismus. (Williams 2013, p.16-18) Für Williams scheint es offensichtlich, dass ein Ignorieren der Realität der Arbeitsverhältnisse bei einer Analyse der Geschlechterverhältnisse diese Situationen nur verschlimmert. Die Realität der Arbeitsverhältnisse sei in den letzten rund 20 Jahren zu schlecht geworden, um nicht zur Kenntniss genommen zu werden.

„Do women janitors deserve to be treated the same as men janitors? Yes, of course they do. But they also deserve more than $8.35 an hour, which will not happen unless their employers are forced to pay them more. That is why a critique of capitalism must accompany our critique of gender inequality.“ (Williams 2013, p. 17)

Der „Gläserne Aufzug“, so schliesst Williams, würde nur die Situation von weissen, heterosexuellen Männern in traditionell strukturierten Arbeitsfeldern beschreiben.

Bibliothek

Auch wenn man Williams Selbstkritik vollständig teilt,4 bleibt die Frage offen, ob die Bibliothek als Berufsfeld immer noch die Effekte von „Gläserner Decke“ und „Gläsernen Aufzug“ zeitigen. (Weitergehend könnte man fragen, ob dies nur in den USA – wo Williams forscht – gilt. Aber ich sehe keinen Grund, warum dem so sein sollte. In dem Punkt sind die deutdschsprachigen Bibliothekswesen gewiss nicht anders als das US-amerikanische.) Dabei würde es gar nicht nur darum gehen, dies nachzuweisen oder zu widerlegen; es würde sich vor allem die Frage stellen, was es für die Praxis in Bibliotheken bedeutet. (Gerne wird ja vergessen, dass die Wissenschaft auch die Aufgabe hat, die Realität so darzustellen, dass sie veränderbar wird, zumindest aber ein Reflexionvorgang angeregt werden kann.) Würde es zu verändern sein? Sollte es verändert werden? Eine Forschungsfrage wäre, was den Bibliotheken tatsächlich durch einen „Gläsernen Aufzug“ entgeht. Sicherlich: Er ist unfair, demokratietheoretisch untragbar und vor allem führt er wohl auch dazu, dass Fehlurteile getroffen werden, die Individuen betreffen. Aber wie gross sind die negativen Effekte eigentlich? Wie könnte die Bibliothek heute aussehen, wenn sie zumindest diese Ungerechtigkeit ausmerzen würde. Hätte sie bessere Chefinnen und Chefs (halt die wirklich besten)? Motivierte Mitarbeitende (weil nicht in Ihrer Karriere auf Positionen geschoben, die sie nicht wollen oder davon abgehalten, die Positionen zu erreichen, die sie erreichen könnten)? Hätte die Bibliothek ein anderes Selbstbild? Weniger Personal, dass in andere Berufszweige wechselt oder sich in anderen Lebensbereichen mehr engagiert?

Williams Konzept, dass wie gesagt unter anderem am Berufsfeld Bibliothek gebildet wurde, als auch ihre Selbstkritik, ist – wie gute Wissenschaft – eine ständige Provokation. Die Personalzusammensetzung von Bibliotheken, bibliothekarischen Verbänden, Redaktionen bibliothekarischer Zeitschriften, der Bibliothekswissenschaft, der Beratungsdienstleistungsfirmen für Bibliotheken sowie der Aus- und Weiterbildung im bibliothekarischen Feld sind nicht zufällig so besetzt, wie sie es sind. Sie sind offen für theoretischen und politische Interventionen.

Literatur

Accart, Jean-Philippe (2013) / L’information documentaire: une affaire de „genre“ ou de compétences et d’aptitudes particulères?. In: arbido (2013) 2, 41-42

Langreiter, Nikola ; Timm, Elisabeth (2011) / Editorial: Tagung Macht Thema. In: Hess, Sabine ; Langreiter, Nikola ; Timm, Elisabeth (Hrsg.) / Intersektionalität revisited : Empirische, theoretische und methodische Erkundungen. Bielefeld : Transcript Verlag, 2011, 9-13

Rodríguez, Encarnación Gutiérrez (2011) / Intersektionalität oder: Wie nicht über Rassismus sprechen. In: Hess, Sabine ; Langreiter, Nikola ; Timm, Elisabeth (Hrsg.) / Intersektionalität revisited : Empirische, theoretische und methodische Erkundungen. Bielefeld : Transcript Verlag, 2011, 77-100

Snyder, Karrie Ann ; Green, Adam Isaiah (2008) / Revisiting the Glass Escalator: The Case of Gender Segregation in a Female Dominated Occupation. In: Social Problems 55 (2008) 2, 271-299, doi: 10.1525/sp.2008.55.2.271

Williams, Christine L. (2013) / The Glass Escalator, Revisited : Gender Inequality in Neoliberal Times. In: Gender & Society, Online First (June 11, 2013), doi: 10.1177/0891243213490232

Williams, Christine L. (1995) / Still a Man’s World: Men Who Do “Women’s Work” (Men and Masculinity). Berkeley ; Los Angeles ; London : University of California Press, 1995

Fussnoten

1 Wobei dies berechtigte Interessen sind, um einen Beruf zu wählen. Die Frage ist nur, warum diese Erwartungen der Männer statistisch so berechtigt sind.

2 Zuletzt wohl: Accart, Jean-Philippe / L’information documentaire: une affaire de „genre“ ou de compétences et d’aptitudes particulères?. In: arbido (2013) 2, 41-42.

3 Vgl. u.a. Snyder, Karrie Ann ; Green, Adam Isaiah / Revisiting the Glass Escalator: The Case of Gender Segregation in a Female Dominated Occupation. In: Social Problems 55 (2008) 2, 271-299, doi: 10.1525/sp.2008.55.2.271.

4 Darauf soll explizit verwiesen werden: Willimas zeigt in ihrem Text beispielhaft, wie eine offene Forschung aussehen sollte. Sie akzeptiert die Grenzen Ihres eigenen Konzeptes, hat kein Problem damit, Fehleinschätzungen einzugestehen und akzeptiert (und nutzt) die Arbeiten anderer Forschender vor allem als Beitrag zu einem gemeinsamen Forschungsprojekt und nicht als Angriff auf ihre Position oder gar sie selber als Person. Zudem verteilt sie expliztit Dank an diejenigen Forschenden, die ihr Denken vorangebracht haben.

Let’s talk about Änderung des Urheberrechtmodells. Maybe.

Aaron Swartz ist tot. Der Suizid des Internetaktivisten war in den letzten Tagen ein wichtiges Thema der betreffenden Presse. [1] [2] [3] [4] [5] [6] Sicherlich tragen zu einer Entscheidung, dass eigene Leben zu beenden, immer sehr viele unterschiedliche Situationen, Erfahrungen, Strukturen bei. Das ist niemals monokausal zu erklären. Dennoch scheinen sich Viele sicher zu sein – und das mit einigem Recht –, dass die aktuelle Urheberrechtssituation, die Umsetzung dieser Gesetze aber auch der Diskurs um sie, ein relevanter Grund für den Suizid von Swartz war. Seine Familie und Partnerin schreiben vom kriminellen Justizsystem und ihnen wird dabei breit zugestimmt. [7] [8] [9]

Hier soll gar nicht auf das Leben von Swartz und die betreffende Auseinandersetzung (eher Auseinandersetzungen) näher eingegangen werden. Das lässt sich anderswo nachlesen. Was ich hier kurz und unstrukturiert thematisieren will, weil es mir im Kopf herumgeht, ist etwas anderes: Wir haben einen Toten. Die ganze Problematik um Urheberrechte, Zugangsrechte, die gesellschaftliche Nutzung von Informationen, closed access, die Contentindustrie, die Strukturen wissenschaftlicher Kommunikation, die Wege, wie wir als Bibliothekssysteme und wie die Menschen im Allgemeinen mit diesem Konstrukt Urheberrecht und dem Lobbyismus von Contentindustrie, Verlagen, Verwertungsgesellschaften und so weiter umgehen – all das, was in den letzten Jahren beständig thematisiert wurde, was Witze hervorgebracht hat, neue Verhaltensformen, neue bibliothekarische Strukturen und eine gesellschaftliche verbreitete Informationskompetenz, die sich über die Barrieren hinwegsetzt, all das scheint nicht mehr lustig.

Wie war das bisher? Lustig?

Sicher: Auch bislang war das kein reiner Spass. Menschen werden mit Knast bedroht oder hoch verschuldet, weil sie Kulturgüter getauscht haben (sollen). Wissen wurde nicht geteilt. Bibliotheken sind übervorsichtig, was sie anbieten und nicht anbieten. Die Bibliotheksetats sind von Zeitschriften und Datenbanken aufgebraucht, bevor auch nur ein Buch gekauft werden kann. Menschen haben tierischen Stress. Aber trotz allem fühlten wir uns doch immer auf der richtigen Seite in einem grossen Kampf, den die Gegenseite an sich schon verlohren hatte. All die Argumente der Contentindustrie, die Behauptung, Künstlerinnen und Künstler, die Qualität wissenschaftlicher Publikationen und was weiss ich zu sichern, haben doch immer auch ein mitleidiges Lächeln auf unsere Lippen gezaubert.

War es nicht das? Internetausdrucker vs. (irgendwie) Nerds. Hollywood und Gema vs. gesunder Menschenverstand. Verknöcherte Justiz und Politik, die die Welt nicht verstehen vs. Anonymous und Kim Dotcom und Richard Stallman und Linus Torvalds und Horden von hippen jungen Leuten, die sich doch downloaden, was sie wollen.

War es nicht das? Es war stressig. Wir haben uns aufgeregt, als Jammie Thomas 1.2 Millionen Dollar zahlen sollte, weil sie ein paar Musikstücke angeboten haben soll. Wir haben gerade in der Wissenschaftscommunity gerne vorgerechnet, welches Wissen der Welt vorbehalten bleibt. Und wenn sich Verlage dann einmal darauf einliessen, zu erklären, wie sie zu den hohrenden Summen für wissenschaftliche Zeitschriften kommen, haben wir innerlich den Kopf geschüttelt: Halt Leute von Vorgestern. o.o o.O O.O LOL ROFL n00bs :-) (^o^)

Das klang alles ärgerlich, aber irgendwie schien es, dass wir am Ende eh gewinnen würden. Vielleicht würde es ein paar Generationen dauern, aber es würde sich schon irgendwie regeln. Kein Medium bleibt ungeknackt. Kein Geschäftsmodell lebt auf ewig. (Jetzt erinnert das schon ein wenig an die Haltung, die Thomas Kuczynski in seinem Dialog mit meinem Urenkel schrieb, nämlich dass er als Kommunist nicht daran zweifelt, dass der Kommunismus kommen wird, sondern dass er sich nur fragt, wie lange es dauert und was getan werden kann, um dieses Kommen zu beschleunigen. Tja…)

Und sicher: Gerade bei der Wissenschaft konnten wir immer darauf verweisen, wie viele Krankheiten nicht geheilt, wie viel Wissen über das Heilen von Krankheiten oder das Verhindern von Unfällen et cetera nicht geteilt wurde, alles wegen den aktuellen Urheberrechtssystemen. Auch das wird Menschenleben gekostet und die Qualität des Lebens von anderen Menschen eingeschränkt haben. Zumindest einige von uns wird das wütend gemacht haben. Aber ehrlich: Das war inhaltlich richtig, allerdings schwer greifbar. Kim Dotcom in Neuseeland am Strand war ein viel greifbareres Bild.

Doch jetzt haben wir es: Ein Opfer des Urheberrechtssystems. Sicherlich: Niemand – nun ja, vielleicht ein bestimmter Staatsanwalt – wird daran ursächlich Schuld sein, dass Aaron Swartz seine schlussendliche Entscheidung traf. Und sicher werden viele, die wir hier, von „der guten Seite“ aus, als mitverantwortlich sehen, sich bestürzt zeigen.

Was soll das immer noch?

Aber seien wir doch einmal ehrlich, offen und direkt: Das ist doch Unsinn.

Das gesamte Urheberrechtssystem, die ganzen Argumente der Contentindustrie und Verlage, die ganzen Drohungen mit dem Gesetz, das ist alles einfach nicht mehr lustig. Es ist keine Auseinandersetzung um Geld und Macht mehr, es geht offenbar um Menschenleben. Und wir wissen es ja auch alle. Wenn wieder einmal behauptet wird, das Urheberrecht müsste dazu beitragen, Künstlerinnen und Künstlern, Autorinnen und Autoren fair zu entlohnen, denken wir doch alle, dass das Unsinn ist. Wir wissen es. Quasi niemand der oder die schreibt, singt, malt lebt vollständig davon. Quasi niemand hat es bislang getan. Dafür ist das Urheberrecht nicht da und dafür war es auch nie da. Es war einmal dazu da, die gesamte Gesellschaft und deren Fortschritt zu fördern und es ist heute dazu da, um Geld einzuspielen. Und gerade nicht für die kleinen, netten, kulturell oder politsch engagierten Verlage, Labels, Filmstudios und so weiter, die ständig um das Überleben kämpfen und niemand ordentlich bezahlen können und von ständiger Selbstausbeutung leben. Auch das wissen wir. Und wir wissen doch auch, dass es bei den Kosten für wissenschaftliche Publikationen nicht um Qualitätssicherung geht. Wir – jetzt als Studierende und Lehrende im Bibliothekswesen – haben es doch oft genug in unseren Seminaren durchgesprochen, gelehrt und irgendwie versucht, objektiv alle Seiten darzustellen. (Wobei wir einfach objektiv sagen könnten: Wenn BWLerinnen und BWLer Verlage leiten, machen sie halt das, was sie gelernt haben. Es ist nur nicht gut für die Gesellschaft, dass sie das tun.) Vielleicht ist es der Jahresanfang, aber mir scheint, dass wir – jetzt nicht unbedingt das Bibliothekswesen, aber die Leute, die wissen, was Chanspeak heisst und wieso Kim Dotcom lustig ist – zu lange gespielt haben. Mag sein, dass das Urheberrechtssystem und alles was daran hängt, irgendwann eingehen wird. Aber mir scheint, dass die Entscheidung von Aaron Swartz – die, um das klar zu sagen, eine persönliche war, die man nicht als Fanal umdeuten sollte – einen ersten Endpunkt markiert. Hier bringt sich jemand, der relevant war für die Entwicklung des Internets und der Open Access Bewegung, wie wir sie kennen, um, weil er wegen absurder und moralisch falscher Gesetze bedroht wird. (Wieder: Gewiss nicht nur deshalb, aber auch deshalb.) Das darf nicht sein. Das muss aufhören. So einfach ist das.

Vielleicht sind das viel zu unausgegorene Gedanken, vielleicht ist es auch die Midlifecrisis, aber mir scheint, dass jetzt ein Zeitpunkt ist, wo eine radikale Bewegung gegen dieses Urheberrechtssystem nötig und möglich wäre. Es wurde schon oft gesagt, aber: Menschen sterben deswegen. Das gesamte System ist unmoralisch. Alle, die es aufrecht erhalten oder verschärfen wollen, sind auf der moralisch falschen Seite. Alle, die es weiter nur reformieren wollen, sind auf der moralisch falschen Seite. Alle, die weiter implizit darauf hoffen, dass man es mit Witz umgehen kann und es schon absterben wird, haben nicht Unrecht, sollten sich aber fragen, ob es nicht moralisch richtiger wäre, endlich klare Forderungen zu erheben und die, die Unsinn reden, auch so zu nennen: Die, die Unsinn reden; weil sie zuviel Geld verdienen wollen, weil sie nicht wissen, was sie erzählen und / oder weil sie moralisch falsch sind.

Bei SOPA haben wir gesehen, dass sich Gesetze verhindern lassen. Jetzt gälte es zu beweisen, dass Urheberrechtssysteme – die ja, wie alles Recht, zuvorderst menschengemacht sind – abgeschafft werden können. Dieses ganze Gedöns, dass zum Beispiel die Piratenparteien veranstalten, mag ja manchmal nett sein, aber es ist nicht ausreichend. Was die Welt eigentlich bräuchte, wäre eine starke Bewegung, die mit Massenaufläufen und klaren Positionen zeigt, dass es Zeit ist, alle Inhalte zu befreien. (Dabei geht es nicht darum, in den Tod von Aaron Swartz im Nachhinein einen Sinn zu interpretieren. Es geht darum zu sagen, hier ist offenbar geworden, was das Urheberrecht und seine Durchsetzung anrichten.) Manchmal ist es vonnöten, angriffig zu sein. In einer solche Situation ist es vonnöten, angriffig zu sein.