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Gibt es einen gewissen Jugendwahn bei den (Öffentlichen) Bibliotheken?

Vor kurzem, bei einem weiteren deprimierenden Bewerbungsgespräch in einer Öffentlichen Bibliothek – deprimierenden nicht nur, weil es wieder nur in einer Ablehnung endete, sondern auch weil sich Fragen und Stimmung und Situation immer wiederholen – wurde wieder die Frage gestellt, was ich, würde ich in der Bibliothek angestellt, den tun würde, um mehr Jugendliche in die Bibliothek zu bekommen. Sicherlich hatte ich da eine Antwort, weil man in solchen Gesprächen immer eine Antwort haben muss; aber eigentlich, ehrlich gesagt, scheint mir diese – immer wieder in Bewerbungsgesprächen gestellte Frage – mehr und mehr absurd.

Zum ersten ist die Formulierung meist sehr komisch, so als wäre es wichtig, Jugendliche irgendwie in die Einrichtung Bibliothek zu bekommen und dann… weil sie da wären, würden sie die nutzen. So funktioniert das nirgends, aber im Bibliothekswesen hört man solche Vorstellungen als „in die Bibliothek locken“ etc. recht oft. Zum anderen aber, und das werde ich hier kurz darlegen, scheint mir dieser Fokus auf Jugendliche, nun ja… weltfremd.

Bilder der Jugend im bibliothekarischen Diskurs

Zur Erinnerung: Zum Thema Jugend gibt es mehrere Diskursfiguren, die in der bibliothekarischen Debatte herumschwirren. Die eine ist negativ und spricht von einem „Leseknick“. Kinder würden en masse in die Bibliothek kommen, dann würden sie zu Jugendlichen, hörten auf zu lesen und kämen nicht mehr. So die Darstellung, die sich auf Nutzungszahlen und Beobachtungen im Alltag stützt. Interessant finde ich daran, dass dafür oft tatsächlich der Begriff Leseknick verwendet, also Bibliothek und Lesen gleichgesetzt wird.

Eine andere, sehr wirkungsmächtige Diskursfigur ist die Gleichsetzung von Jugendlichen, die aktiv etwas machen und damit eine „andere Nutzung der Bibliothek“ andeuten. Gerade die Bilder von Jugendlichen, welche in bibliothekarischen Medien verwendet werden – vor allem solchen, die nach aussen wirken sollen, beispielsweise Jahresberichte – stellen Jugendliche, die irgendwie kommunizieren (gerne um einen Tisch herum sitzend), lachen, auf Tablets rumtippen oder auch mal vor 3D-Druckern sitzen, dar, um Veränderung oder Attraktivität darzustellen. Jugendlich gleich Veränderung. Mir scheint, auch viele Projekte in Öffentlichen Bibliotheken setzen das irgendwie gleich: Jugendliche sollen in die Bibliothek kommen, die dadurch beleben und dann… ist die Bibliothek modern (oder so).

(Das erinnert mich schon stark an die Jugendbewegung und die Bilder von „der Jugend“, wie sie anfangs des 20. Jahrhunderts in den europäischen Gesellschaften entstanden. Die Jugend ist per se die Veränderung, die Kinder die Zukunft, alle anderen… tja.)

Das klappt alles nicht

Dagegen stehen aber Erfahrungen. Zum Beispiel haben wir in Chur im letzten Jahr dieses Projekt zu kleinen Makerspaces für Gemeindebibliotheken gemacht, vier Veranstaltungen durchführen lassen und beobachtet. Wer kam? Kinder, oft mit Familie, und ältere Leute. Wer nicht kam waren Jugendliche, so ab 14 / 15 Jahren. Oder die E-Books: Immer noch finden sich Kolleginnen und Kollegen (aber auch erstaunlich oft Lehrpersonen, die einen Schulbibliothek aufbauen wollen), die der Meinung sind, man müsse E-Books anbieten, dass wäre das, was die jungen Leute wollen, und dann kämen die schon in die Bibliothek. Wer nutzt E-Books? Wir haben genügend Daten, um zu sagen (a) nicht so viele Menschen, wie erwartet, (b) Menschen über 30. [In Wissenschaftlichen Bibliotheken anders, aber es geht hier um Öffentliche.] Wer nutzt sie nicht: Jugendliche. Oder, auch im letzten Jahr, auf der Fachstellenkonferenz in Saarbrücken zum Thema Leseförderung, gab es mehrere Vorträge, die vorschlugen, wie man durch „spannende Medien“ oder „spannende Aufbereitung von Büchern“ (z.B. die Verarbeitung als Theaterstück) Jugendliche „erreichen“ könnte. (Auch so eine Formulierung, die irritiert: Was soll den „erreichen“ heissen? Wenn ich eine Partei bin, will ich Menschen erreichen, damit die meine Positionen kennenlernen. Aber was will die Bibliothek vermitteln? Das sie Medien anbietet? Mir scheint, dass ist schon bekannt.)

Oder anders: Es geht nicht ums Lesen, die Jugendlichen machen per se irgendetwas anderes, als in die Bibliothek kommen; egal was man macht. (So stimmt das nicht, siehe weiter unten, aber einfach mal in der Abstraktionsebene, in der auch Diskursfiguren wie „der Leseknick“ verortet sind, gesagt.)

Es ist die Jugend, mehr nicht

Hier meine These zu diesem Phänomen:

Es ist falsch von „Leseknick“ zu sprechen, es wäre richtig, es einfach Jugend zu nennen (oder Adoleszenz).

Und wenn man akzeptiert, dass es gar nicht ums Lesen geht (weil Jugendliche sehr wohl lesen), sondern um einen Lebensabschnitt, wird es auch einfacher, die ganzen Projekte und Diskursfiguren der Realität anzupassen.

Zumal, was mich immer wieder irritiert, scheint bei solchen Frage der alleinige Fokus auf der Bibliothek zu liegen. Es wird die Frage gestellt, wie Jugendliche „in die Bibliothek geholt werden können“, aber es ist gar kein Phänomen, dass sich nur auf die Bibliotheken beziehen würde. Das gleiche Phänomen, dass Jugendliche mit 14 / 15 / 16 ihre Interessen ändern und Institutionen „verlassen“, die sie bislang genutzt hatten beziehungsweise denen sie angehörten, gibt es in Sportvereinen – die in dieser Zeit massiv an Mitgliedern, auch engagierten, verlieren – und Musikgruppen, Chören, Zoos, auf Spielplätzen (wenn sie nicht zu Orte des jugendlichen Rumhängens werden, dann aber ohne Kinder) und so weiter. Die Bibliothek ist da nur eine von vielen Einrichtungen.

Und: Dass Jugendliche das machen, ist nur gut. Täten sie es nicht, würden sie sich (und damit auch die Gesellschaft) nicht mehr weiterentwickeln.

Lebensabschnitt Jugend

Jugendliche zu sein ist kein Spass. Vielleicht haben wir das vergessen (oder sind indivuduell noch recht gut durch unsere Jugend durchgekommen), aber spätestens seit sich der Lebensabschnitt „Jugend“ Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts in unseren Gesellschaften als ein Abschnitt, der allgemein durchlaufen wird, etabliert hat, ist er auch mit Anforderungen der Gesellschaft an Jugendliche verbunden. Wir erwarten, dass Menschen im Anschluss an die Kindheit einige Jahre des intensiven Lernens über sich selber durchlaufen und am Ende – mal mit 20, mal mit 30 – als vollständige und eigenverantwortliche Erwachsene mit ausgeprägter Identität, Lebenserfahrung, Wissen über die eigenen Wünsche, Verantwortung gegenüber anderen und gleichzeitig einer realistischen Ader etc. pp. herauskommen. Das hat spassige Phasen, aber ist auch eine Anstrengung.

Nur kurz, um daran zu erinnern, was so von Menschen erwartet wird, wenn sie zur Jugend werden (also so ab 14 / 15 / 16):

  • Sie sollen binnen weniger Jahre eine eigene, neue Identität ausprägen, das heisst suchen, ausprägen und sich mit ihr in die Gesellschaft enkulturieren, also einbinden.

  • Sie sollen sich von ihrem Elternhaus abtrennen (es nicht sofort, aber auch schon in naher Zukunft, am Besten am Ende der Jugendphase, verlassen), also einen Ort finden, wo sie nicht direkt als Mittelpunkt die eigene Familie haben. (Und das gleichzeitig bitte nicht als radikale Ablösung im Sinne von einfach alles Abbrechen, sondern… irgendwie in der Mitte einen Weg finden.)

  • Dieser partielle Auszug aus der Familie und das Finden der eigenen Identität soll mit dem Einbinden in neue Peer-Groups einhergehen: Neue Freundeskreise, neue Gruppen, an denen man teilnimmt, Kulturen oder Subkulturen. Und in diesen Gruppen – die oft aus anderen Jugendlichen bestehen, die ja ebenso gerade erst austesten, wie es so ist, „da draussen“ – muss man auch noch einen Platz finden. Und oft sind die Gruppen nicht sofort die richtigen, also wechselt man wieder. Am Ende heisst es, auf die eine oder andere Weise eine eigene Welt zu bauen, wo Familie (und andere Erwachsene) nicht dazugehören.

  • All dieses Finden ist auch immer ein Ausprobieren, Testen, Scheitern und Lernen, mit diesem Scheitern umzugehen. Das heisst oft auch, über die Strenge zu schlagen, Dinge exzessiv zu tun. (Alles, alles: Vom exzessiv Meinungen vertreten über exzessive Partys und Urlaube mit exzessiven Programmen über exzessives Ausleben von Hobbys, egal ob tägliche fünf Stunden Lesen oder Gamen oder Fan von irgendwas sein zu exzessiven Kleidungsstilen und vielem mehr.)

  • Dazu ist gerade die Jugend von vielen, vielen ersten Malen geprägt: Das erste Mal Durchmachen, Gesetze übertreten, Grenzen austesten, mit Peergroup und ohne Eltern in den Urlaub fahren, eigene Veranstaltungen organisieren oder zumindest Treffen, oft die ersten Lieben (auch als Austesten von emotionalen Beziehungen ausserhalb des Schutzraumes Familie), der erste Sex und so weiter. Der / die Jugendliche, welche mit 15 den Sportverein und die Bibliothek verlässt kann vier Jahre später schon darin erste Erfahrungen gesammelt haben, wie man alleine durch das Nachbarland fährt, einen Joint dreht, drei Tage wach bleibt und sagen, was ihr / ihm bei Intimitäten nicht gefällt. Das geht rasant.

  • Rasant gehen in dieser Phase auch körperliche Veränderungen. Und egal, wie weit wir als Gesellschaften uns da in den letzten Jahren entwickelt haben und eigentlich (zum Glück) weithin der Grundkonsens herrscht, dass Schönheitsideale scheisse sind und jeder Körper (und jede sexuelle Identität, die sich ja auch noch in der Jugend das erste Mal ausprägt) okay ist, ist das trotzdem Stress. Selbst wenn wir irgendwann dahin kommen, dass es wirklich nur noch wichtig ist, ob man sich selber im eigenen Körper wohl fühlt – muss man als Jugendliche / Jugendlicher auch das mit sich ausmachen, wenn gerade während der Jugend dieser Körper beginnt, verrückt zu spielen.

  • Neben dem Finden der eigenen Identität müssen Jugendliche auch gewichtige Zukunftsentscheidungen treffen. Bei allem Gerede von Lebenslangen Lernen und allen Möglichkeiten, die sich später im Leben stellen, ist es doch diese Lebensphase, in der gewichtige Grundentscheidungen getroffen werden. Selbst wenn man sie nicht trifft, werden sie erwartet.

  • Nicht zuletzt geht die Lebensphase „Jugend“ heute auch immer mehr mit steigenden Lernanforderungen einher. Absurderweise soll es mit Lebenslangem Lernen möglich geworden sein, immer zu Lernen und davon zu profitieren, aber gleichzeitig steigen die Anforderungen daran, was und vor allem wie – weniger auswendig, dafür mehr aktiv, in Kommunikation – in der Jugendphase zu lernen ist.

Das nur eine kurze Übersicht, darüber, was in einer „normalen Jugend“ zu leisten ist. Neben dem Alltag, den man auch noch lebt. Und neben den zusätzlichen Herausforderungen, die sich stellen, wenn man nicht „zum Durchschnitt“ gehört, zum Beispiel nicht mittelständig und ohne Migrationshintergrund lebt.

(Nicht zuletzt muss einer / einem auch gar nicht alles gefallen, was die Jugend macht. Ich bin alt genug, um selber schon bei Jugendlichen beliebte Musik gehört und gedacht zu haben, dass man zu meiner Zeit noch richtig Musik gemacht hat, aber das… nein, ist doch keine Musik. Aber das ist okay. Jugendliche müssen sich abgrenzen, dazu gehört auch Autotune.)

Was sollen den Jugendliche in der Bibliothek?

Gestresst? Ich schon (und ich muss sagen, persönlich bin eigentlich recht gut durch die Jugend gekommen, war aber auch extrem privilegiert). Für mich ist sehr klar, dass Jugendliche, wenn sie dann jugendlich werden, sich beginnen, sich anders zu verhalten, andere Ziele zu entwickeln und vor allem andere Einrichtungen aufzusuchen, als zuvor. Das gilt für Bibliotheken wie für andere Einrichtungen.

Wenn Bibliotheken wirklich ein Interesse daran haben, dass mehr Jugendliche Bibliotheken nutzen, müssen sie auch auf diese Lebensphase reagieren. Und mit reagieren meine ich nicht, irgendwie eine gute Werbestrategie entwickeln, aber dahinter doch immer wieder das Gleiche anbieten. Sie müssen klären, was den Jugendliche, mit all diesen Aufgaben, von der Bibliothek haben können.

Dabei sollte klar sein, dass bestimmte Dinge einfach nicht in der Bibliothek stattfinden können. Viele der Exzesse werden immer anderswo stattfinden, am Besten da, wo Jugendliche unter sich sind. Auch viele der ersten Male (die sind ja gerade, weil sie so „erwachsen“ sind, aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen). Und: Jugendliche werden immer – solange die Lebensphase Jugend als Normalität gelebt wird – getrieben sein. Die ganzen Klagen darüber, dass sie sich früher langfristig engagiert hätten, aber jetzt nur noch kurzfristig, zeigt doch eher, dass sie früher autoritärer angebunden wurden, aber jetzt mehr Möglichkeiten haben, sich auszuprobieren. Was gut ist. Die Vorstellung, wenn man Jugendliche einmal in die Bibliothek holen könnte (z.B. durch einen Makerspace oder eine Theatergruppe), würden sie da bleiben, ist doch illusorisch, wenn man sich vor Augen hält, dass es ihre Aufgabe ist, sich zu finden, was heute heisst, mehr auszuprobieren, zu testen, auch wieder zu verwerfen (früher vielleicht eher hiess, sich einzugliedern in vorgesehene Rollen).

Solange Bibliotheken das nicht klären, werden sie Jugendliche nicht ansprechen können. Oder nur kurzfristig.

Zu bedenken ist auch, dass die Idee, man müsse unbedingt Jugendliche ansprechen, meiner Meinung nach von zwei Dingen beeinflusst ist: Zum einen von der immer noch vorhandenen Vorstellung, dass da, wo die Jugend ist, die Zukunft ist. Was zum Teil bestimmt stimmt, zum Teil aber auch nicht. Mir scheint das eine jetzt rund 100, 150 Jahre alte Vorstellung zu sein, die man mal überprüfen sollte. Zum anderen aber, weil man die Nutzungszahlen von Kindern, die in die Bibliothek kommen, mit der von Jugendlichen vergleicht. (Nur so kommt man ja zum Bild vom „Knick“.) Das ist aber nicht sinnvoll. Das Kinder in so grosser Zahl in die Bibliothek kommen (bzw. Familien mit Kindern) scheint mir auch sehr mit der Lebensphase „Kindheit“ und den Lebensaufgaben, die da zu lösen sind, zusammenzuhängen. Die Bibliotheken bieten Dinge, die in diese Lebensphase passen. Aber nur, weil man das nicht beachtet, erscheint die Nutzung in der Jugend ein Knick zu sein. Dabei wäre es bedenklich, würden Jugendliche sich wie Kinder verhalten und die gleichen Angebote nutzen.

Übrigens: Stimmt das auch nicht

Was mich bei diesen Frage auch immer wieder irritiert sind Besuche in normalen Öffentlichen Bibliotheken. Wenn da Menschen in der Bibliothek sind, so meiner Erfahrung, sind da auch Jugendliche. Nicht, wenn die Bibliothek ganz leer ist oder wenn gerade Schule ist, aber sonst schon. Es ist immer so, dass für einige Jugendliche, zumindest für einige Zeit in der Jugend, das intensive Lesen dazugehört zu dem, was als Identität ausgetestet wird. Die Geschichten kennen wir doch auch alle: Jugendromane, die en masse weggelesen werden; Klassiker der Jugendliteratur, die immer ein bisschen komisch sind, weil die Eltern oder Lehrpersonen sie auch schon gelesen haben (catcher in the rye, Howl, Die neuen Leiden des jungen W. etc. pp.), aber doch zu vielen Jugendleben dazu gehören; Jugendliche, die sich in Lyrik oder Geschichtenschreiben versuchen und dazu Lyrik oder Geschichten lesen; Jugendliche, die sich Philosophie oder Kunst stürzen (Expressionismus, Dadaismus, Beat gehen da immer noch gut, Camus bestimmt auch noch). Es ist gerade nicht so, dass Jugendliche nicht lesen (die ganze Jugend als Lebensphase hat sich ja über Literatur erst richtig etabliert, Stichworte: Sturm und Drang sowie „Schmutz und Schund“), nur machen Sie es als eine Aktivität unter vielen anderen Dingen und immer wieder in unterschiedlichen Intensität.

Daneben fanden sich in allen Öffentlichen Bibliotheken, die ich in den letzten Jahren besucht habe, wenn da Menschen waren, Jugendliche, die gelernt haben. In grossen Bibliotheken auch en masse. Nicht unbedingt so, wie auf den Bildern der Jahresberichte (mit dem ständigen Kommunizieren, Lächeln, auf Tablets patschen), sondern oft solitär an einem Arbeitsplatz, gerne mit Büchern oder anderen Unterlagen. Aber eben doch: Jugendliche, die die Bibliothek intensiv nutzten. Anders, als es Kinder machen, aber ihrer Lebensphase (Stichwort: steigende Lernanforderungen) angepasst. Manchmal, wenn die Frage in Bewerbungsgesprächen kommt, was man den tun würde, um Jugendliche in die Bibliothek „zu kriegen“, bin ich versucht zurückzufragen, ob die etwa nicht da wären, lernend, weil das in allen anderen Bibliotheken eigentlich doch so ist. (Aber darf man ja nicht zurückfragen, wenn man das Gespräch gut abschliessen will.)

Was ich tun würde, um Jugendliche in die Bibliothek zu bekommen. Unheimlich viel, ja ja, z.B. [xyz]

Mir scheint, wir haben im Bibliothekswesen eine absonderlich realitätsferne Vorstellung davon, was Jugendliche angeht, beziehungsweise scheint vergessen zu gehen, dass es für die Jugendlichen selber und für die Gesellschaft im Allgemeinen wichtig ist, wenn sie auch mal andere Dinge tun, sich ausprobieren, Räume und Orte verlassen, die sie in der Kindheit besucht haben. Wir wollen doch am Ende Gesellschaften haben, die aus Individuen bestehen, welche selbstbewusst sind und eine ausgeprägte Identität haben, die sie halt auch durch Ausprobieren, Exzesse und Scheitern erwerben. Bibliotheken können dafür vielleicht nicht so viel bieten, wie sie gerne würden (weil sie spezifische Räume sind und bleiben werden, egal wie viele Makerspaces und Cafés – übrigens auch so ein Ort, der von Jugendlichen weniger besucht zu werden scheint, als von Erwachsenen, das Bibliothekscafé – dort hineingebaut oder wie hell die Räume gemacht werden (zumal helle und lichte Räume nicht unbedingt das sind, was man als Jugendlicher braucht)).

Die richtig Antwort auf die Bewerbungsgesprächsfrage wäre also eigentlich: Gar nicht. Die sollen mal draussen feiern und nur reinkommen, wenn sie sich in Literatur versenken wollen. Selbstverständlich wird das nicht meine Antwort sein, weil ich ja die Jobs haben möchte, auf die ich mich bewerbe. Neben meinen Zweifeln werde ich also eher Veranstaltungsreihen, Medienwerkstätten etc. vorschlagen und Zweifel an den bibliothekarischen Hypes äussern. Veranstaltungen und Workshops passen besser zur Lebensphase Jugend als langfristig wirksame Angebote.

Aber für das gesamte Bibliothekswesen wäre es bestimmt besser, wir würden einmal die Vorstellung davon, was Jugendliche machen und sollen und was die Bibliothek damit zu tun hat, hinterfragen. Sonst dreht sich das halt weiter im Kreis.

Über einige Bibliotheken in Ontario, Kanada

So, also, der Urlaub hat die Kollegin Eliane Blumer und mich dieses Jahr nach Ontario, Kanada (und ein wenig nach Quebec) gebracht, sowohl in die Metropole Toronto als auch 300-400 Kilometer höher in den Norden, um das Kleinstadtleben und die Parks zu sehen; so mit richtigen Touridingen wie den Niagarafällen und mit richtig kanadischen Dingen wie schlechtem Essen und echten Bären, die auf der Strasse stehen. Alles ganz nett und entspannend, aber am Rand haben wir selbstverständlich auch die Bibliotheken besucht, die sich auftaten. Nicht alle, in Toronto gibt es z.B. über 100 Branches der Public Library, die alle zu besuchen ein eigenes Projekt wäre;1 sondern eher eine Zufallsauswahl, wenn es sich halt unterwegs ergab. (Deshalb leider auch keine Bibliothek in Quebec, weil die zu hatten, als wir gerade vorbeikamen.) Die ganzen Besuche waren auch Besuche ohne Vorbereitung, d.h. ohne vorherige Anmeldung oder Recherche. Einerseits soll man im Urlaub eh nicht so viele Pläne machen, sonst wäre es kein Urlaub. Andererseits: Wenn man sich anmeldet kriegt man manchmal nicht die alltägliche, normale Nutzung mit, die mir aber immer interessanter erscheint, als vorbereitete Touren. So sieht man zwar nicht unbedingt immer die spannendsten Dinge und hört nicht unbedingt von den allerneusten, allerinnovatisten Plänen, die Bibliotheken so haben, aber man sieht die Bibliotheken so, wie sie tatsächlich genutzt werden.

Ich kann das immer nur empfehlen für längere Urlaubsreisen. Man erfährt so anderes, als in Überblicktexten zu den Bibliothekswesen in bestimmten Ländern oder in Berichten zu gerade als innovativ geltenden Bibliotheksbauten. (Protipp: reingehen, jemand finden, die oder der Verantwortlich aussieht und sich vorstellen – „We are librarians from Switzerland on a holiday trip through Canada. We take a look on every library we see.“ – und fragen, ob man Bilder machen kann. Es ist in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich, was man sozial „darf“ oder nicht darf, deshalb ist nachfragen immer gut. Oft hat man dann auch nette Gespräche, weil so eine Vorstellung ein guter Gesprächsöffner ist. Und dann einfach durchgehen und offen beobachten, nicht gleich werten – weder positiv noch negativ –, sondern akzeptieren, dass das, was man sieht, sich aus Gründen so entwickelt hat, die man mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht kennt.)

Hier ein kurzer Überblick zu diesen Besuchen.

Allgemein

Der allgemeine Eindruck ist, dass die Bibliotheken in Ontario grundsätzlich gut ausgestattet sind und auch von ihren jeweiligen Communities genutzt werden – wobei wir selbstverständlich vor allem die Nutzung während der Urlaubszeit gesehen haben – und etabliert sind. Die Standardangebote, die man in schweizerischen oder deutschen Bibliotheken der jeweils ähnlichen Grösse erwarten würde, fanden sich auch in Ontario: Gedruckte und andere Medien, Arbeits- und Leseplätze, Kinderecken, E-Books, WLAN etc. Teilweise schienen sich auch noch ältere Angebote erhalten haben, zumindest von den Infrastruktur her. Es hatte manchmal den Eindruck, als wären die 90er nicht so richtig vorbei, mit den vielen Mikrofichereadern, Hinweisschildern in Folie an den Wänden etc. Die ganz grossen Bibliotheken (insbesondere die Toronto Reference Library, die grösste Öffentliche Bibliothek in Toronto) verstehen sich explizit als innovativ. Als wir dort waren, liefen z.B. gerade die Vorbereitungen für den Maker-Day am nächsten Tag. Aber ansonsten scheint die Nutzung sehr, tja— sagen wir einmal: traditionell.

Während die deutschsprachigen bibliothekarischen Debatten von der Vorstellung geprägt scheinen, dass (a) die gedruckten Medien weniger und die anderen Nutzungsweisen mehr Raum benötigen würden und (b) man ständig neue Angebote entwerfen müsse, um „neue Zielgruppen“ „zu gewinnen“, scheinen die Bibliothek in Ontario ihren Fokus auf Bücher und Zeitschriften nicht aufgegeben zu haben und sich auch eher mit lange etablierten Angeboten zu beschäftigen. Die Öffentlichen Bibliotheken verschiedener Grössen und Communities – also in Toronto’s Innenstadt und weiter draussen, bei einer First Nation und auch in kleineren Gemeinden im Norden – waren alle mit dem gleichen Sommerleseprogramm beschäftigt. Nicht nur war dieses landesweit organisiert, sondern auch viel weiter beworben, z.B. in den U-Bahnen und Strassenbahnen Torontos, viel stärker etabliert und organisiert – bei der Nipissing First Nation wurde z.B. der Schulbus eingesetzt, um Kinder aus anderen Siedlungen für diese Veranstaltung zur Bibliothek zu bringen (während der Ferien, die gerade waren) – , als die Lesesommer-Programme in deutschen und schweizerischen Bibliotheken (die selbstverständlich für sich genommen grossartig sind), und war zudem stark inklusiv angelegt; nicht nur im „liberalen“ Toronto, sondern auch in den kleinen Bibliotheken fanden sich z.B. die Flyer dazu in Braille. Zudem war das Progamm so etabliert, dass es als vollkommen selbstverständlich galt.

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Die Bibliotheken, zumindest die Öffentlichen, haben allesamt Veranstaltungen und kleine Angebote, die zur jeweiligen Community zu passen scheinen, z.B. Veranstaltungen dazu, wie man Library Ressorces nutzen könnte, um ein kleines selbstständiges Unternehmen aufzubauen in Toronto (in der grossen Bibliotheken gleich beim Financial District) oder die Ausleihe von Angelsachen in North Bay (das direkt am Nipissing und zwischen zahllosen anderen Seen und Flüssen liegt). Aber diese Angebote standen alle relativ am Rand. Die Bibliotheken scheinen nicht so sehr davon besessen zu sein, wir in Europa, noch mehr „öffentlich“ zu werden, als sie es schon sind. Nur die grosse ÖB und die Universitätsbibliothek in Toronto (aber nicht die in North Bay) hatten ein Cafe bzw. eine Cafeteria. Die anderen… einfach nicht.

Zudem boten die Öffentlichen Bibliotheken immer einen Bestand über die lokale Geschichte, meist Sammlungen von Broschüren und Zeitungsausschnitten in einem gesonderten Schrank. Ich habe niemand gesehen, der oder die diese Sammlungen benutzte, aber auch sie gehören offenbar einfach zu einer ÖB in Ontario (und ich vermute mal, auch im Rest von Kanada).

Akzeptiert scheint, dass die Bibliotheken Angebote für Kinder machen. Sonst vor allem: Bücher, Bücher, Bücher und Plätze zum Lesen.2

Dabei, dass muss man sagen, sind die Bibliotheken sehr gut besucht. Ausserhalb der Kinderabteilungen war es überall erstaunlich ruhig, aber nicht, weil keine Menschen da waren, sondern weil sie ruhig dasassen und lasen bzw. am Rechner sassen (eher an Bibliotheksrechnern als am eigenen Laptop) bzw. durch die Regalen gingen. Eine Bibliothek haben wir z.B. besucht, gleich nachdem sie nach der Mittagspause aufmachte3 und während wir uns mit der Bibliothekarin unterhielten, kamen mehrere ältere Menschen, nahmen eine Zeitung, setzten sich in die Ecke und liessen sich von nichts mehr ablenken. Das geschah so ruhig, dass ich sie erst nach dem Gespräch bemerkte, als wir Bilder der Bibliothek machten; obwohl die Bibliothek nur aus einem (grossen) Raum bestand.

Es gibt selbstverständlich auch in Kanada Kolleginnen und Kollegen, die ständig Neues versuchen, aber ich habe von den Besuchen auch mitgenommen, dass gute Bibliotheken in Kanada, wenn sie etabliert in ihrer Community sind, nicht unbedingt ständig innovativ etc. sein müssen, sondern von vielen Menschen offenbar als offener Raum mit vielen Büchern, Arbeitsplätzen, Computern, einer ruhigen Atmosphäre und Angeboten für Kinder geschätzt und genutzt werden. (Das ist nicht polemisch gemeint. Etabliert heisst wirklich etabliert. Als es an einem Tag überheiss war, bemerkte die Moderatorin im lokalen Radio z.B., dass die Bibliothek ein super Ort wäre, um den Tag im Innern zu verbringen; eine Bibliothek, die aussah, wie seit den 1980ern nicht mehr gross verändert, aber doch so etabliert, dass für sie von anderen Werbung gemacht wird.)

Die Bibliotheken

University of Toronto: Robarts Library, iSchool, Thomas Fisher Rare Book Library

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In diesem Auswuchs des Brutalismus (was eine wirkliche Architektur-Richtung ist) befindet sich die University Library der University of Toronto (Robarts), in einem Seitenflügel die Thomas Fischer Rare Book Library und in einem anderen die iSchool, also die School of Library and Information Science.

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Auch vom Nahen ist es eine „Festung der Bücher“ (eine Bezeichnung, die sich im Gebäude tatsächlich findet).

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Man sieht dem Gebäude die 80er Jahre an. In der Bibliothek bewegt man sich frei zwischen den Etagen, aber es hat den Eindruck einer Parallelwelt.

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Ein bedienter Tresen.

Die iSchool

Thomas Fischer Rare Book Library

Der interessanteste Teil des Gebäudes ist die Rare Book Library. Hier sind die Bücher noch einmal durch einen gesonderten Zugang gesichert. Aber… imposant. Gleichzeitig ist dies (wie auch andere Teile des Gebäudes) Platz für Ausstellungen, aktuell über Lesepropaganda unter Mao.

Art Gallery of Ontario, Library

Die Art Gallery of Ontario zeigt u.a. viele kanadische Kunst (Wobei, was ist kanadische Kunst? Das ist so einfach nicht zu beantworten, da lange ein Grossteil der Kunst, die in Kanada gemacht wurde entweder ignoriert wurde – wenn sie von First Nations kam – oder sehr europäisch war, und selbst dann, als sie – mit der Gruop of Seven, wie wir gelernt haben – „kanadisch“ wurde, sehr am skandinavischer Kunst orientiert war, halt nur besessen von der „great canadian landscape“… Aber das ist eine andere Frage.) und hat eine Museumsbibliothek, die auch für die langfristige Nutzung von Forschenden genutzt wird.

Toronto Reference Library

Die grösste Öffentliche Bibliothek in Toronto ist die Reference Library. Vorne mit Café (eine Kette) und Buchladen (spezialisiert auf gut gedruckte Bücher), selber mehrere Etagen hoch und beeindruckend weitläufig, mit Infrastruktur wie Veranstaltungsflächen und schliessbare Glaskästen zum ruhigen Lernen, zudem Computercentre und Mediaspace, in dem man selber Bücher drucken kann. Teile sind offensichtlich renoviert und neu gemacht (dann auch oft mit Namen der Sponsoren), aber im ganzen hat sie auf den Charme einer etwas verbrauchten Einrichtung, die gut genutzt wird. Es ist erstaunlich ruhig. Gleichzeitig mit vollem Programm.

Die Bibliothek liegt an einer Ecke, in der aktuell die richtige Stadt (also die lebendige, mit Wohnhäusern, kleinen Geschäften, Leben auf der Strasse) von Condos und Finanzbauten (die dann selber mehrere Dutzend Etagen hoch sind) „vertrieben“ wird (d.h. abgerissen und überbaut). Das wird sich die Nutzung der Bibliothek auswirken.

Toronto: High Park Public Library, Beaches Branch Public Library

Diese beiden Filialen der Öffentlichen Bibliothek in Toronto sind beide noch in Original-Gebäuden, die als „Carnegie-Bibliotheken“ geplant und finanziert wurden untergebracht (es gibt noch eine dritte im Stadtgebiet). Carnegie hatte damals ja strenge Regeln, für welche Bibliotheken er Geld zuschoss, so dass die Strukturen immer gleich sind. Das sieht man auch in diesen Branches (die beide später Anbauten erhielten und beide fast 100 Jahre alt sind): zwei Etage, unter die Kinder und ein Veranstaltungsraum, oben der Pult an zentraler Stelle mit Überblick in den Raum, Kamin, lichtdurchlässig, diese zweite Etage auch auf das stille Lesen ausgerichtet. Obwohl umgebaut, ist die Grundstruktur immer noch klar zu sehen.

High Park Public Library

Beaches Branch Public Library

Temagami Public Library

Temagami ist eine Siedlung mit rund 850 Einwohnerinnen und Einwohnern (und, wenn ich das richtig verstanden habe, noch einer Zahl Menschen drumherum, für die diese Siedlung ein Zentrum darstellt). Direkt am Lake Temagami gelegen gibt es ein Community Center mit einer Bibliothek (es gibt auch ein Post Office, Supermarkt und Imbissstände; erstaunlich viel für 850 Personen). Angesichts dieser Lage ist die Bibliothek erstaunlich gross und hat ein sehr komplettes Angebot.

North Bay Public Library

North Bay ist eine Stadt von rund 50.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, etwas weniger als 400 Kilometer nördlich von Toronto, mit einer gewissen Zentrumsfunktion. Im Vergleich zu anderen Städten der Region, die wir besucht haben, erstaunlich gut funktionierend. Die kulturelle Infrastruktur ist schon erstaunlich, z.B. Hipster-Bar, Health-Shop, Comicladen etc. Die Bibliothek liegt gleich neben der City Hall (wobei die City dort steht, wo lange eine Carnegie-Library stand, die dann als City Hall genutzt wurde, als 1966 das neue Bibliotheksgebäude eröffnet wurde. Der Eindruck ist komisch: Einerseits sieht die Bibliothek verbraucht und irgendwie in der Zeit irgendwann in den 80er, 90er Jahren steckengeblieben; andererseits ist sie voll und etabliert.

Nipissing First Nation Public Library

Die Nipissing First Nation ist ebenso eine kleine Gemeinschaft von rund 1500 Menschen, in deren Siedlung Garden Village, direkt am Nipissing, gibt es neben dem Community Centre eine Public Library, untergebracht in einem eigenen Gebäude, dass von aussen nicht sehr gross, von innen dann aber doch ausreichend gross aussieht. (Benutzt wird in dieser Bibliothek die DDC. Ich hatte zuvor von der Brian Deer Classification gelesen, die von First Nations in Kanada, USA, Australien und Neuseeland verwendet werden und ganz anders funktionieren soll, als die DDC. Aber leider habe ich die nicht „in Aktion“ gefunden.)

Harris Learning Library, Nipissing University Library, North Bay

Die Nipissiong University hat einen eigenen Campus, der zwar auf dem Stadtgebiet von North Bay liegt, aber so gebaut ist, dass man sich eigentlich nicht von ihm fortbewegen muss, d.h. alles Nötige ist da: Unterrichtsräume, soziale Angebote wie Sporträume, Wohnungen, Mensa, Blick auf den See und in die Wälder, und auch einen Bibliothek. Man sieht, dass sie recht neu ist und mit Platz nicht sparen muss (was kanadisch zu sein scheint: ausser in der Mitte Torontos ist einfach alles viel grösser und weiter). Sichtbar ist auch, dass die Bibliothek eine Bibliothek zum Lernen ist, erstaunlich ist aber auch hier, wie viele Bücher in dern Regalen stehen. Zudem gibt es, was sich aus der Ausbildung von Lehrpersonen erklärt, Sammlungen von Lehrmitteln.

Sudbury, Ontario: Free Speech

Sudbury ist die nächste grosse Stadt von North Bay aus, 160.000 Einwohnerinnen und Einwohner und ganz anders als North Bay eine der Städte, wie man sie aus der Literatur von untergehenden nordamerikanischen Städten kennt. Keine Ahnung, wie die wirtschaftliche Situation tatsächlich ist, aber die Innenstadt sieht aus, als wäre sie tot. Viele freie Flächen, viele geschlossene Geschäfte und Häuser, die verfallen, viele billige Läden, eine grosse Anzahl von Menschen, die obdachlos und/oder Teil der offenen Drogenszene sind. Dazwischen aber erstaunliche Restaurants, in die man eintritt und dann in einer ganz anderen Welt ist. Wir waren in einem, dass neben leeren Geschäften liegt, von aussen aussieht, wie eine Bierkneipe, aber dann drinnen auf einmal ein italienisches Restaurant mit Comic-Stil ist. Das Essen erstaunlich gut (aber viel zu viel, diese Megaportionen). Geht man raus, füllt man sich wieder wie in einem untergehenden Stadtzentrum.

Sudbury hat Öffentliche Bibliotheken, wir haben keine besucht. Aber ich fand diesen, well, interessanten Flyer an der Ampel, der dazu einlud, den revolutionären Kommunismus kennenzulernen, mit dem man den eigenen Boss, den Vermieter, die Bullen und andere Klassen-Feinde überwinden kann. Grossartig, oder? So einfach ist es offenbar. Und vierfarbig gedruckt, weil dass ist es, wie man sich revolutionären Kommunismus vorstellt. Was ich interessant fand, war, dass die drei Veranstaltungen dazu nicht irgendwo stattfanden, sondern in drei Branches der Public Library. Ich bin mir fast sicher, dass dies nicht passiert, weil die Bibliothekarinnen und Bibliothekare dem revolutionären Kommunismus anhängen, diese Räume für die Revolution enteignet und zu „richtigem Volkseigentum“ gemacht haben, sondern weil die Bibliotheken sich als das verstehen, was in den bibliothekarischen Ethik-Text immer wieder steht: Als Ort der Freien Meinungsäusserung.

(Hier steht mehr zu der Gruppe. Vielleicht ist der Plan doch nicht so gut, wie er dargestellt wird. Überraschend…)

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Fussnoten

1 Bzw., jemand hat das schon getan und ein Ausmal-Buch daraus gemacht: http://allthelibraries.ca/.

2 Man muss aber auch erwähnen, dass wir erstaunlich viele Buchhandlungen gesehen und besucht haben. Nachdem man über die USA hört, dass dort ausserhalb der grossen Städte fast alle Buchhandlungen eingegangen seien, war es doch erstaunlich – obwohl Kanada selbstverständlich nicht die USA ist –, wie viele Bücher zu kaufen waren. Fast überall. In North Bay, dass nur etwas grösser ist als Chur, gibt es z.B. eine riesige Second Hand Buchhandlung, nach Eigenangaben mit rund 2.5 Kilometern laufenden Büchern, zudem einen Comic-Buchladen und bestimmt noch mehr Shops, die wir nicht gesehen haben (weil die Koffer eh schon zu voll waren). Und Toronto… zu viele Bücher, um sie zu tragen. Aber alleine auf dem Weg zum Glad Day – der als ersten Gay Book Store der Welt gilt, keine Frage, das der besucht werden musste – sind wir an zwei anderen Buchläden vorbei (okay, hinein) und haben andere gekonnt ignoriert. Der Tod des Buches durch die E-Books… nicht in Kanada. Das wird sich auch auf die Bibliotheken auswirken.

3 Ja, Mittagspause, wo die Bibliothek geschlossen hatte. Und das war nicht nur in dieser Bibliothek so, sondern scheint in den kleinen Gemeinden normal. Nicht nur für Bibliotheken, sondern auch z.B. für Post Offices (weshalb ich keine Postkarte aus Nöelville schicken konnte, was sehr ärgerlich ist, weil… Nöelville; wer will denn keine Post aus einer Weihnachtsstadt schicken?). Aber mit einer Diskussion um Sonntagsöffnungszeiten muss man in diesen Gemeinden gar nicht erst anfangen. In Toronto ist die Situation selbstverständlich anders.

Domestizierte Neuheit: Das Kreativitätsdispositiv und Öffentliche Bibliotheken

„The answer to one of your questions, though, is that I’m in love with all of you except the part I don’t like. That’s the part of you that’s like all the other girls I see. The part of you that thinks everyone – even Hunter – has to settle down sooner or later with a nine to five job and a mortgage on the house and two chrome-covered cars in every garage and a slew of stupid, happy neighbors and nothing to look forward to but eternal manipulation by forces you never took the trouble to understand. That’s the part of you I don’t like, and the part I’ll never like.” (Hunter S. Thomson, (Letter to Ann Frick, 1959), 1997, 176)

“Grundsätzlich basiert das Regime des Neuen, welches das Kreativitätsdispositiv in allen seinen Segmenten hervorbringt, auf der Struktur des Neuen als Reiz. Was zählt, ist die Hervorbringung und die Rezeption immer neuer, möglichst intensiver Reizereignisse, die jeweils allein in ihrer Gegenwart interessieren. Hier geht es nicht darum, besser zu sein, sondern anders.“ (Reckwitz, 2012, 327)

Die Hauptargumentation in Die Erfindung der Kreativität von Andreas Reckwitz (Reckwitz, 2012) lautet, dass sich beginnend spätestens in den 1960er Jahren und dann verstärkt seit den 1980er Jahren ein Kreativitätsdispositiv ausgebildet hätte, welches aktuell die gesellschaftlichen Sphären dominieren würde. Insbesondere würde es auf die Arbeitswelten und die Konstitution der Individuen wirken, aber nicht nur.

Dispositiv ist dabei, im direkten Anschluss an Foucault, als Anordnung wirkungsmächtiger Diskurse, Leitsätze und Moralvorstellungen zu verstehen, die durch gesellschaftliche Institutionen und Entwicklungen umgesetzt und in gewisser Weise als „selbstverständlich“ etabliert würden. (Foucault, 2000) Dabei ist diese „Selbstverständlichkeit“ von Dispositiven – bei Foucault die um Sexualität und Überwachung, bei Reckwitz das um Kreativität – immer geschichtlich erwachsen und auch als Antwort auf vorherige Krisen der gesellschaftlichen Moral zu verstehen. Das Kreativitätsdispositiv, welches Reckwitz nachzeichnet, ist als Reaktion auf eine tatsächliche oder wahrgenommene Motivationskrise der Angestellten und Arbeitenden, aber auch der Individuen in der gesamten Gesellschaft zu verstehen. (Ganz explizit versteht es Reckwitz als theoretische Weiterentwicklung der Arbeit von Chiapello und Boltanski, welche zwei Kritiktraditionen innerhalb des Kapitalismus ausmachten – die „Arbeiterkritik“, welche sich am Wert sozialer Gerechtigkeit orientiert und die „Künstlerkritik“, welche die Entfremdung durch Arbeit in den Mittelpunkt rückt – die sich über einen längeren Zeitraum gesehen regelmässig in ihrer Wirksamkeit abwechselnd würden. (Boltanski & Chiapello, 2003)) Und gleichzeitig sind alle Dispositive nicht so ewig, wie sie sich selbst präsentieren, sondern immer offen für Veränderungen – schliesslich haben sie immer andere Dispositive als vorherrschende abgelöst, insoweit ist immer die These zu stellen, dass auch sie abgelöst werden.

Gleichwohl sind die jeweils vorherrschenden Dispositive wirkmächtig: Sie werden benutzt, um Menschen, Strukturen, die Lebensgestaltung, die Arbeitsbedingungen und gesellschaftlichen Ziele zu definieren und zu bewerten; sie werden auch als Grundlage der Subjektivierung der Menschen vermittelt und also mehr oder minder von Menschen genutzt, um sich als Subjekte zu konstituieren. Insoweit sind Dispositive keine Pläne, den es gibt niemand, der oder die ihre Durchsetzung im Gesamt planen und steuern würde oder könnte; aber sie sind auch nicht nur unbedeutende Worte.

Kreativität als Normalfall

Das Kreativitätsdispositiv, dessen Entstehung Reckwitz nachzeichnet und das er als aktuell grundlegend begreift, setzt voraus: dass (a) alle Menschen kreativ wären und es auch sein wollen, das heisst dass sie alle Potentiale hätten, die es zu entwickeln gälte, (b) das dieses Streben nach Kreativität, also die Umsetzung der eigenen Potentiale, grundsätzlich motivierend wäre (und zum Beispiel von Firmen und Einrichtungen gefördert werden müsste, um wirtschaftlichen Erfolg zu haben, weil sonst die Mitarbeitenden unmotiviert wäre) und das (c) Menschen, welche ihre Kreativität nicht umsetzen, scheitern würden. Daraus ergibt sich in der Gesellschaft eine ständige Anforderung an Menschen, kreativ zu sein. Das muss nicht unbedingt heissen, Dinge zu schaffen (obwohl es das oft auch ist), sondern ebenso, den eigenen Alltag als ständige Möglichkeit zu begreifen, die Welt aufgrund ihrer Kreativität zu bewerten: Ist etwas neu und anregend (kreativ) oder nicht? Beispielsweise die Konsumangebote, das Lebensumfeld, die Urlaubsziele? Als kreativ und damit erfolgreich gilt, was anregt und Aufmerksamkeit erheischt.

Sichtbar ist, dass diese Anforderungen leicht zur Überlastung führen können, dass ihnen auch nur durch ständige Überbietung des schon Dagewesenen oder aber ständigem Interessenwechsel nachgekommen werden kann. Gleichzeitig wird, historisiert man den Anspruch an Kreativität – wie es Reckwitz tut – schnell sichtbar, wie sehr solche Aussagen, dass zum Beispiel alle Menschen potentiell kreativ seien und auch sein sollen, ein Dispositiv und keine „natürliche“ oder „selbstverständliche“ Aussage darstellen. Historisch wurde hier ein Bild, das noch ein Jahrhundert zuvor als abseitig und tendenziell krank galt – der einsame Künstler, das a-soziale Genie und so weiter – über mehrere Schritte ins Positive gewendet. Dies begann, wie die meisten Dispositive, von den Rändern der Gesellschaft her, ausgehend von Subkulturen (insbesondere seit den 1960er mit ihrer Kritik an der Konformativität der Gesellschaft und der „normalen Biographien“) und selbstgestalteten Avantgarden (vor allem in der Kunst), aber es wurde schliesslich erst gesellschaftlicher Mainstream und dann unhintergehbare Anforderung. Dabei geschah dies immer auch im guten Willen. Es geht nicht unbedingt (nur) um Vereinnahmung non-konformer Subkulturen, sondern tatsächlich darum, dass zum Beispiel die Wirtschaft, aber auch die Bildung, nach besseren Wegen suchte, die Individuen zu steuern und zu unterstützen (beim Produktiv sein oder beim ein-besseres-Subjekt-Werden).

Allerdings, darauf weisst Reckwitz recht weit am Beginn und noch einmal ganz am Ende seiner Studie hin, mit der Etablierung des Kreativitätsdispositiv einher geht eine Produktivmachung der Kreativität für die gesamte Gesellschaft. War bei Avantgarden (beispielsweise der Arts and Craft-Bewegung, dem Surrealismus, aber auch anderen) oder Subkulturen (zu denken ist hier beispielhaft an die Kommunebewegungen der 1960er und 1970er Jahre) die Kreativität immer in den Dienst einer Veränderung gestellt, ist sie heute ein Selbstzweck. Die Dadaistinnen und Dadaisten im Zürich 1915 wollten mit ihren kreativen Handlungen und der Gestaltung ihres Lebens die Kunst und darüber die Gesellschaft aufrütteln, schockieren, ändern und wurden deshalb auch zum Teil von der Gesellschaft abgelehnt; die Design-Studierenden, die heute, 2015, im gleichen Haus der Zürcher Altstadt im Cabaret Voltaire einkehren, müssen kreativ sein, um das Studium zu bestehen und darauf folgend im Arbeitsmarkt zu reüssieren – aber sie wollen es auch. Das Dispositiv, kreativ zu sein, ist ihnen im grossen Teilen zur Selbstverständlichkeit geworden. (Und nur, weil es der gleiche Ort und genau 100 Jahre später ist, ist es so offensichtlich.)

Formen des Neuen

Reckwitz unterteilt, was zum Verständnis der Veränderungen über die Zeit sehr hilfreich ist, das „Neue“, dass durch die Kreativität jeweils hervorgebracht wird, in drei Formen (Reckwitz, 2012, S. 44):

  • Neues I: Das Neue als Stufe (also als fortschrittliche Überwindung des jetzigen Zustandes, eine Form der Neuheit, die eine ständige Weiterentwicklung in Richtung einer besseren Entwicklung, einer besseren Gesellschaft oder einer besseren Kunst anstrebt; kurzum: eine Revolution oder zumindest ein grosser Schritt im Vergleich zum Vorhergehenden, der aber dann auch ein gewisses Ende bedeuten soll, egal ob der „International Style“ als „letztmöglicher Stil“ oder der Kommunismus als letzte Entwicklungsstufe der Gesellschaft).
  • Neues II: Das Neue als Steigerung und Überbietung (also ständige Verbesserung des Vorhandenen, insbesondere verständlich als neue Technik, die besser ist als die Vorhergehende oder naturwissenschaftlicher Fortschritt; kurzum: das, was in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen grosser Betriebe in den 1950er und 1960ern erarbeitet wurde, war dafür prototypisch, wobei es bei dieser Form des Neuen immer weiter geht, alles immer noch besser werden kann).
  • Neues III: Das Neue als Reiz (also das „neu-entdeckte“ Restaurant, die bislang unbekannte Strassenecke, das anregende Urlaubsziel oder das überraschend neuartige Essen; kurzum: ein Neues, das wenig verändert, ausser neue Veränderung – und wenn es die der eigenen Person ist – anzuregen).

Von oben nach unten gelesen wird „das Neue“ das durch Kreativität hervorgebracht wird, domestiziert. Oder auch anders gelesen: Die Kreativität wird in eine bestimmte Richtung hin interpretiert. Die Aufforderung an die Subjekte ist es, kreativ in diese eine Richtung zu sein: nicht etwas verbessernd (Neues II) oder gar grundsätzlich umstürzend (Neues I), sondern kreativ als ständige Anregung im Alltag. Die gesamte Gesellschaft wird damit argumentativ auf ständige Veränderung gestellt: Firmen, Einrichtungen, Städte, Menschen sollen in ständiger Bewegung begriffen werden und begreifen sich auch so – man denke nur an die regelmässig neu geschriebenen, fortgeschrieben und wieder über den Haufen geworfenen Strategiepapiere –, aber nicht, um etwas zu verändern, sondern weil andere Firmen, Einrichtungen, Städte und Menschen sich ständig verändern würden (und es unter dem gleichen Dispositiv auch tun). Damit wird Kreativität aber zu einem Selbstzweck, der das Leben tendenziell interessanter und offener macht (und wir leben ja auch in einer Gesellschaft, die, trotz aller Rückschläge, offener und interessanter ist als einige Jahrzehnte zuvor, obgleich nicht soviel auf der Kippe zu stehen scheint, wie Ende der 1960er – was aber dem unterschiedlichen Verständnis von „Neu“ nach nur konsequent ist), aber auch neue Formen der Scheiterns (persönlich und als Institution) etabliert: Wer nicht genügend Kreativität entwickeln kann, geht daran zugrunde – manchmal tatsächlich durch Krankheiten wie der Depression, deren rasante Verbreitung ganz offensichtlich in einen Zusammenhang mit den steigenden Ansprüchen, kreativ zu sein steht. (Vergleiche auch Menke & Rebentisch, 2010)

Das Neue und damit die Kreativität ist im aktuellen Kreativitätsdispositiv erst einmal nicht mehr umwerfend oder verbessernd, sondern „nur“ spannend oder interessant. Reckwitz (2013) bespricht ganz am Ende seines Buches Auswirkungen und mögliche politische Reaktionen auf dieses Dispositiv (unter anderem das Ausprägen einer Kreativität, die nicht auf Neues zielt oder sich dem „Anregenden“ verweigert – was in der zeitgenössischen Kunst zum Teil tatsächlich ausprobiert wird, womit sich ein gewisser Zirkel schliesst, weil diese Kunst sich wieder ausserhalb der gesellschaftlich prägenden Diskurse zu stellen versucht). In diesem Text hier aber, nach dieser Darstellung, einige Anmerkungen im Bezug auf bibliothekarische Fragen.

Öffentliche Bibliotheken und das Kreativitätsdispositiv

Auffällig ist, dass die Beiträge, die sich aktuell im deutschsprachigen Bibliothekswesen zu Makerspaces, Fablabs und ähnlichen Einrichtungen finden (u.a. Nötzelmann, 2013, Abresch, 2014, Meinhardt, 2014, Vogt, 2014), genau in dieses Dispositiv passen: In ihnen wird gemeinhin angenommen, dass die Menschen – vor allem die Jugendlichen – kreativ sein wollen und müssen. Daraus folgend müsse ein Raum geschaffen werden, welcher diese Kreativität ermöglicht. Ob diese Anforderung überhaupt vorliegt, wird in den Texten nicht wirklich thematisiert (in der Praxis sieht es etwas anders aus). Doch davon abgesehen ist die Kreativität, die in Makerspaces und ähnlichen Einrichtungen gefördert werden soll, überhaupt nicht auf irgendetwas Veränderndes abgestellt. (Dies ist in den Anweisungen zu Makerspaces sichtbar, die zumeist davon ausgehen, dass nach der Nutzung der Geräte und des Raumes alles wieder in den immer gleichen Normalzustand versetzt werden kann.) Es geht um Kreativität und Anregung um der Kreativität und Anregung willen. Einzig Vogt (2014) spielt kurz mit Verweisen auf die Start-Up-Szene in Köln auf eine mögliche wirtschaftliche Bedeutung des Makerspaces in Köln an. Grundsätzlich aber zielt die Kreativität nicht darauf, ein Neues II oder gar Neues I zu produzieren, sondern immer ein Neues III.

Das ist keine Besonderheit von Bibliotheken. Auch andere Makerspaces sind so eingerichtet und argumentativ begründet. Weitere Einrichtungen folgen dem gleichen Diskurs. Abresch (2014) diskutiert das Thema zum Beispiel explizit im Zusammenhang mit Schulen. Aber es ist auch auffällig, wie leicht diese Begründung akzeptiert wird, so als wäre sie selbstverständlich: Alle Menschen wollen kreativ sein. Das genügt einigermassen als Grundbegründung, obwohl es eben nicht selbstverständlich ist. Es ist etwas historisch neues, dass Kreativität so hoch geschätzt wird. Und es ist etwas, dass auch nicht per se gut sein muss.

Eine zweite Auffälligkeit ist, dass die Vorstellung der ständigen Veränderung um der Veränderung willen (beziehungsweise begründet mit der ständigen kreativen Veränderung der Gesellschaft und anderer Einrichtungen) in der Weise, wie Reckwitz sei zeigt, auch bei der Steuerung von Bibliotheken zu finden ist. Mehr und mehr Bibliotheken akzeptieren die Vorstellung, dass die gesamte Gesellschaft (egal, wie dies gefasst ist, und wenn es einfach nur als „Bedürfniss der Kundinnen und Kunden“ oder „wechselnder Konkurrenz“ behauptet wird) sich ständig verändern, wenn auch nicht radikal neu schaffen würde – halt Neu III – und darauf selber mit ständiger Veränderung zu reagieren sei. Diese Veränderung selber müsse kreativ, offen und anregend sein, und eben möglichst wenig starr auf reine Verbesserungen hin geplant (Neu II) oder gar radikal (Neu I) anders. Bezeichnend für diese Form der Steuerung sind Veränderungsprozesse, die als Projekte (vor allem in der Schweiz zum Teil sogar mit festen Projektstellen) gefasst sind, welche erfolgreich vor allem dann funktionieren, wenn sie das Mitdenken möglichst grosser Teile der jeweiligen Bibliothek anregen – also Kreativität einfordern und nutzen, gleichzeitig aber dadurch auch offener und partizipativer funktionieren, als Anweisungen „von oben“.

Ebenso bezeichnend ist der spezifische Diskurs von Innovation in Bibliotheken, wobei diese generell als Notwendigkeit vorausgesetzt zu werden scheint (oft begründet damit, dass Einrichtungen, die nicht innovativ wären, im Rahmen der sich ständig verändernden Gesellschaft untergehen würden) und gleichzeitig kaum klar ist, was Innovation im Rahmen von Bibliotheken bedeutet, abgesehen von neuen technischen Lösungen (die oft aber auch ohne den Begriff der Innovation, einfach als Weiterentwicklung, eingeführt werden könnten).

Zuletzt muss auch auf die strategischen Planungen, niedergelegt in regelmässig in kreativen Prozessen fortzuschreibenden Strategiepapieren, verwiesen werden, welche in den letzten Jahren (im deutschsprachigen Raum nicht nur, aber stark von ekz.bibliotheksservice beziehungsweise SBD.bibliotheksservice gefördert) einer wachsenden Anzahl von Bibliotheken als Notwendigkeit präsentiert wurde (wobei bekanntlich die Akzeptanz dieses Vorschlags in den Bibliotheken sehr unterschiedlich ist). Auch dieses Mittel der Steuerung, das darauf setzt, die Kreativität der jeweiligen Bibliothek – also des Personals – zu aktivieren und für sie zu nutzen, folgt dem Kreativitätsdispositiv: Es wird ständig Neues geschaffen, dass aber nicht umwerfend oder verbessernd, sondern fluide auf vorgebliche oder tatsächliche gesellschaftliche Ansprüche reagierend sein soll. Relevant ist auch, dass es als Vorschlag existiert, der umgesetzt werden kann – und nicht als Anweisung.

Damit präsentieren sich die Bibliotheken, anders als sie es vielleicht selber verstehen (zum Beispiel, wenn sie sich selber in Berufsbilddiskussion als zu wenig veränderlich und zu viel traditionell beschreiben), als Einrichtungen, die sich im Mainstream gesellschaftlicher Diskussionen und Entwicklungen befinden. Reckwitz (2012) weist zurecht daraufhin, dass das Benennen eines gesellschaftlich prägenden Dispositivs die Möglichkeit eröffnet, darüber nachzudenken, was die unintendierten Folgen dieses Dispositivs sind, was an ihm zu verteidigen oder abzulehnen wäre und auch, worauf dieses Dispositiv antwortet und ob diese Antwort die richtig ist. Damit beginnen mögliche politische Fragen – auch wenn es gerade nicht einfach möglich ist, sich ausserhalb des gesellschaftlichen Raumes zu stellen, den dieses Dispositiv hervorbringt. Das Befragen des Dispositivs und das Leben „im Dispositiv“ gehen einher, solange es aktuell ist. (Foucault, 2000) Bibliotheken scheinen – wie andere Einrichtungen auch – mitten im aktuellen Kreativitätsdispositiv situiert zu sein. Damit haben sie auch die Möglichkeit, dies aktiver zu gestalten, als einfach dem Dispositiv zu folgen. Sie können es ebenso gut ignorieren oder abstreiten, aber auch damit würden sie sich politisch verhalten. So oder so: „Kreativität“ (von Nutzerinnen und Nutzern) – genauso wie Innovation – kann nicht einfach als selbsterklärender Grund für Veränderungen oder strategische Entscheidungen angenommen werden. Das alleine würde nur soweit tragen, bis sich ein nächstes Dispositiv etabliert, welches versuchen wird, auf die Unzulänglichkeiten des aktuell vorherrschenden zu reagieren.

Literatur

Abresch, Sebastian (2014) / Bibliothek und Schule : Makerspace in der Praxis. 19 (2014) 2, 56-57, http://www.bibliotheken-nrw.de/fileadmin/Dateien/Daten/ProLibris/2014-2_ProLibris_WEB_01.pdf

Boltanski, Luc ; Chiapello, Ève (2003) / Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz : UVK, 2003

Meinhardt, Haike (2014) / Das Zeitalter des kreativen Endnutzers : Die LernLab-, Creatorspace- und Makerspace-Bewegung und die Bibliotheken. BuB 66 (2014) 6, 479 – 485, http://www.b-u-b.de/pdfarchiv/Heft-BuB_06_2014.pdf

Menke, Christoph ; Rebentisch, Juliane (Hrsg.) (2010) / Kreation und Depression : Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus. Berlin : Kulturverlag Kadmos, 2010

Michel Foucault, Michel (2000 [1978]) / Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Neuauflage. Berlin: Merve Verlag, 2000

Nötzelmann, Cordula (2013) / Makerspaces – eine Bewegung erreicht Bibliotheken. Bibliotheksdienst 47 (2013) 11, 873-876, http://www.degruyter.com/view/j/bd-2013-47-issue-11/bd-2013-0099/bd-2013-0099.xml?format=INT

Reckwitz, Andreas (2014 [2012]) / Die Erfindung der Kreativität : Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung (suhrkamp taschenbuch wissenschaft ; 1995). 4. Auflage. Berlin : Suhrkamp Verlag, 2014

Thomson, Hunter S. (1997) / The Proud Highway : Saga of a Desperate Southern Gentleman 1955-1967 (The fear and Loathing Letters, Volume 1). New York : Ballantine Books, 1997

Vogt, Hannelore (2014) / Makerspace, Digitale Werkstatt und Geeks@Cologne : Ungewöhnliche Veranstaltungsformate in der Stadtbibliothek Köln. BuB 66 (2014) 4, 295-297, http://www.b-u-b.de/pdfarchiv/Heft-BuB_04_2014.pdf