Die eigene Situation als Bibliothekar*in verstehen. Ein Beispiel von Autoethnographien

Arellano Douglas, Veronica ; Gadsby, Joanna (2020). Deconstructing Service in Libraries: Intersections of Identities and Expactations. (Series on Gender and Sexuality in Information Studies; 11) Sacramento: Litwin Books, 2020


Das Buch, welches diesen Blogpost motiviert, ist ein «hard read». Es geht eigentlich darum zu klären, was «Services» in (vor allem Wissenschaflichen) Bibliotheken sind, wie gering sie wertgeschätzt werden und warum. Die Grundidee, die sich durch fast alle Beiträge in diesem Band zieht, ist die, dass Services – von Beratungen über Unterricht durch Bibliothekar*innen bis hin zu Angeboten, die entwickelt werden, weil auf Nutzende gehört wird – auch «emotional labor» sind und dieser Teil der Arbeit nicht wahrgenommen, teilweise auch aktiv negiert wird. Stattdessen gäbe es eine Überbewertung von einfach zu erheben Zahlen, die als Ausweis von Arbeit interpretiert werden, und von technischen Lösungen. Grundsätzlich wäre das Ausdruck eines neoliberalen Denkens, dass alle Arbeit in reproduzierbare (und von den Effekten her einfach mess- und vergleichbare) Produkte fassen will. Ein Effekt sei, dass die Arbeit von Bibliothekar*innen den Interessen der Universitäten untergeordnet wird, nicht den der Nutzenden, mit denen man aber in der bibliothekarischen Arbeit zu tun hat, so dass ständig unterschiedliche Wertigkeiten das Handeln bestimmen würden. Eine andere Kritikebene ist, dass so «weiblich» konnotierte Tätigkeiten ab- und «männlich» konnotierte aufgewertet werden.

All das kann man diskutieren und ist auch in der Realität von bibliothekarischer Arbeit (zumindest in den USA) fundiert. Aber eigentlich ist dieses Buch für mich eines über die Möglichkeiten von Autoethnographie (und offenen Essays) dafür, diese Realität abzubilden und über den Einzelfall hinaus verständlich zu machen. Es zeigt, dass problematische Strukturen und Entwicklungen auch im Bibliothekswesen greifbar gemacht werden können. Viele der Texte vermitteln zudem den Eindruck, als wären die schreibenden Kolleg*innen – die zumeist aktiv Bibliothekar*innen und nicht vor allem Forschende sind – durch das Schreiben der Texte dazu gekommen, darzustellen, wie ihre persönliche Situation tatsächlich ist. Schreiben scheint hier das Werkzeug gewesen zu sein, um sich und anderen die eigene Situation überhaupt verständlich zu machen.

Es gab einen Call for Papers für dieses Buch. Aus diesem ist ersichtlich, dass es wenig formale Vorgaben für die Beiträge gab. Das zeigt sich dann auch. Es gibt ausgewertete Umfragen und Interviews, persönliche Reflexionen, die Beschreibung einer Lerngruppe. Aber hauptsächlich gingen die Autor*innen autoethnographisch vor: Die eigenen Erfahrungen wurden als Datenmaterial genommen, um nach Strukturen, Funktionsweisen von Institutionen und Settings, von wirkmächtigen Vorannahmen und so weiter zu fragen. Das macht das Buch zum erwähnten «hard read», weil es sehr oft sehr erschreckend ist, was die Autor*innen darstellen.

Es wird aus sehr unterschiedlichen Subjektpositionen geschrieben: gay asian-american, fat female librarians, disabled staff, Kolleg*innen mit Depressionen. Die Schreibenden bestimmen (meist) mittels der Frage «Wie funktionieren die sozialen Beziehungen in meiner Einrichtung?» und fragendem Vorgehen, bei dem eigene Erfahrungen und Wissen aus anderen Quellen verbunden werden, ihre eigene Situation in den Bibliotheken zu verstehen, aber auch, was diese Situation über die Institution Bibliothek aussagt. Und – wie gesagt – das führt nicht immer zu positiven Antworten.

Dabei geht es weniger um konkrete Diskriminierung und vielmehr um strukturelle Einschränkungen sowohl bezogen auf die persönliche Ebene als auch auf die institutionelle Ebene (hier vor allem der Bibliothek gegenüber der Universität, aber auch der Servicebereiche gegenüber anderen Bereichen in der Bibliothek selber). Beispielsweise geht es immer wieder darum, für was Kolleg*innen als kompetent oder nicht kompetent wahrgenommen werden oder was für sie faktisch schwieriger ist aufgrund dessen, was Personen ihrer jeweiligen Identität zugeschrieben wird und wie die Institution konstituiert ist. Es geht auch oft um die kontinuierliche Devaluation der Erfahrungen und Arbeit in Servicebereichen gegenüber shiny tech projects oder Wirkungen, die in «harten Zahlen» zu fassen sind.

Das alles ist – trotzdem im CfP zu Einreichungen aus anderen Ländern aufgerufen wurde – sehr US-lastig und lässt sich nicht direkt in den DACH-Raum übertragen. Alle Ungleichheitskategorien haben ihre eigenen Geschichten und Bedeutungen in unterschiedlichen Gesellschaften, also auch die in diesem Buch diskutierten. Autoethnographie als Methode produziert zudem immer erst einmal lokales Wissen. (Aber, wie das Buch zeigt: Viel lokales Wissen, dass immer wieder ähnliche Strukturen aufzeigt, deutet darauf hin, dass es nicht einfach um lokale Probleme geht.)

Was das Buch zeigt, ist, dass ein solches Vorgehen, bei dem Bibliothekar*innen autoethnograpisch über ihre Position schreiben, hilfreich ist. Hilfreich für Kolleg*innen selber, um zu klären, in welcher Position sie sich befinden, warum die Situation so ist, wie sie ist und welche Strukturen wie auf ihre Möglichkeiten einwirken. (Das gilt nicht nur für Personen, deren Identität «am Rand» der Mehrheitsgesellschaft verortet wird.) Aber hilfreich auch, um als Bibliothek oder Bibliothekswesen darüber nachzudenken, was geändert werden kann.

Dieses Vorgehen macht das Vorhandensein von Strukturen und deren Wirkung sichtbar – und wenn sie benannt sind, lassen sich auch ändern. Es zeigt, dass es oft nicht einfach um persönliche Probleme oder Lösungen geht. Was die Texte machen, ist, Wissen zum Beispiel aus der Literatur und Praxis zusammenzubringen, indem «theoretisches Wissen» anhand persönlicher Erfahrungen überprüft und in seiner Wirkung aufgezeigt wird. Es ist zum Beispiel das eine, wenn grundsätzlich über bestimmte Vorurteile gesprochen wird, aber das andere, wenn man liest, wie sie Kolleg*innen tatsächlich betreffen.

Bibliotheken im DACH-Raum (und nicht nur dort) machen sich in den letzten Jahren darum Gedanken, wie sie auf die wachsende gesellschaftliche Diversität reagieren können und sollen. (Manchmal geht das sehr dahin, vor allem darüber nachzudenken, wie das Personal diverser werden kann – was nur ein Teilbereich ist. Aber vielleicht ist das einfach das greifbarste Thema.) Dieses Buch gibt dazu praktisch ein Werkzeug in die Hand, dass mitgenutzt werden sollte. Insbesondere zeigt es, dass autoethnographisches Vorgehen hilft, die ganzen Theorien zu Ungleichheitskategorien (die ja auch nicht einfach am Schreibtisch erarbeitet wurden, sondern vorrangig anhand empirischen Materials) mit praktischen Erfahrungen in Bibliotheken zu verbinden. Es hilft einerseits Kolleg*innen, sich zu verorten, aber e hilft anderen auch, diese Verortung nachzuvollziehen. Oder genauer: Es würde Bibliotheken (und dem Bibliothekswesen) helfen zu verstehen, was zu bearbeiten ist, wenn man dem Anspruch, die gesellschaftliche Diversität mindestens in der Bibliothek auch abzubilden, gerecht werden möcchte.

Kurz: Ich empfehle das Buch, wenn auch nicht unbedingt für den eigentlichen Inhalt (der einen weiteren Text wert wäre). Aber man sollte sich auf eine längere Lesezeit einstellen. So einfach «weglesen» lässt es sich nicht.