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Was heisst es, dass es keine Bibliothekspädagogik gibt?

In der Juni-Ausgabe der BuB – Schwerpunkt „Bibliothekspädagogik‟ – findet sich ein Text von Richard Stang (Stang 2020), indem darlegt wird, dass es bislang eigentlich keine solche Pädagogik gibt und auch, was geklärt werden müsste, um eine solche zu schaffen. Dazu würde ich gerne etwas sagen. Einerseits hat Stang meiner Meinung nach vollkommen Recht, aber andererseits scheint mir die Lösung – wenn man das so nennen will – eine ganz andere zu sein, als die, die Stang einfordert. Weil das Problem ein anderes ist.

Zuerst werde ich dafür darstellen, wo ich Stang zustimme (I.), um dann zu diskutieren, wo ich denke, dass er zu kurz ansetzt (II.). Es geht wieder einmal darum, dass hier eine Struktur des Bibliothekswesens vorliegt, die mehr betrifft, als „nur‟ das Thema Bibliothekspädagogik. Dabei, so wird nochmal kurz diskutiert (III.), ist es natürlich nicht so, dass in diesem Bereich niemand versucht, etwas zu verändern. Aber eine Struktur verändert sich wohl nicht, nur weil einige Engagiert das wollen, solange andere durch die Struktur (unbewusst) etwas gewinnen. Am Ende (IV.) möchte ich kurz andeuten, was sich den sonst ändern sollte, weil das, was Stang einfordert, wohl nicht kommen wird. (Sichtbar sollte im Text auch werden, dass dies keine Kritik an Richard Stang oder seinem Text ist, sondern dass der Text vor allem einen Aufhänger darstellt, um etwas Weitergehendes zu besprechen.)

I.

In seinem Text stellt Stang zu Recht dar, dass zwar – wie zum Beispiel auch der restliche Schwerpunkt der BuB nach seinem Artikel zeigt – in der Bibliothek immer wieder von Lernen, Bildung und so weiter gesprochen wird, aber gleichzeitig in Bibliotheken keine pädagogische Planung oder Reflexion stattfindet. Er betont, dass pädagogisches Handeln immer auf der Basis von Lerntheorien – also Theorien, die darstellen, wie Lernen stattfindet – fusst, von denen aus jeweils geplant wird, was und wie in welchen Veranstaltungen, Settings oder mit welcher Infrastruktur gelernt wird. Planungen auf der Basis von Lerntheorien ermöglichen dann die Durchführung von Veranstaltungen, den Aufbau von Infrastruktur und letztlich auch die Überprüfung, ob die Lerneffekte, die man geplant hat, tatsächlich eingetreten sind.

Das findet in der bibliothekarischen Arbeit nicht statt: Fast kein Nachdenken über Lerntheorien, kein pädagogisches Planen, keine pädagogisch basierte Überprüfung dessen, was an Lernen angeboten wird. Eine pädagogische Fundierung all dessen, was im Bibliothekswesen – vor allem einmal im Öffentlichen – unter Schlagworten wie Lernen, Bildung, Pädagogik stattfindet, fehlt.

„Die Bibliothekslandschaft steht vor der Herausforderung, den Diskurs über die Orientierung von Bibliothekspädagogik zu intensivieren, wenn sich Bibliotheken auch als pädagogische Einrichtungen beziehungsweise Bildungseinrichtungen verstehen wollen. In diesem Fall führt kein Weg an einer erziehungswissenschaftlichen Fundierung der Bibliothekspädagogik vorbei.‟ (Stang 2020: 318)

[Man könnte vielleicht für die medienpädagogische Arbeit, die in Öffentlichen Bibliotheken durchgeführt wird, eine Ausnahme machen. Aber diese ist, wie in einem Text im gleichen Schwerpunkt diskutiert wird (Müller 2020), auch nicht wirklich in der bibliothekarischen Arbeit verankert – vielleicht gerade deshalb.]

Stang spitzt schon zu Anfang seines Textes zu und fragt die Bibliotheken:

„Wie wird pädagogisches Handeln definiert, oder dient der Begriff der Pädagogik nur einer marketingbezogenen Aufladung von Veranstaltungen?‟ (Stang 2020: 316)

Am Ende seines Textes fordert er das Bibliothekswesen dann auf, die Situation zu verändern und kurz gesagt die Arbeit an einer Bibliothekspädagogik zu beginnen, die wirklich nicht nur ein Sammelname für eine Anzahl von Angeboten sein soll, sondern eine Pädagogik wie – so sein Beispiel im Artikel – die Erlebnispädagogik.

„Die Problemlagen lassen sich nur auflösen, wenn eine klare Positionierung erfolgt.‟ (Stang 2020: 318)

Über weite Strecken ist Stang bis hierhin zu folgen. Das er in seinem Artikel nochmal die drei wichtigsten Lerntheorien erklären muss und sie nicht einfach voraussetzen kann, ist nur ein Zeichen dafür, wie wenig basiert die bibliothekarische Arbeit im Bereich Pädagogik ist: Das müsste man in anderen Zusammenhängen gerade nicht. Ich werde zu dem Eindruck, dass vielleicht Angebote in Bibliotheken nur pädagogisch genannt werden, weil dies einen Marketingeffekt hat, weiter unten noch etwas sagen. Aber grundsätzlich kann ich ihn verstehen. Auch der Lösung, die Stang einfordert, kann ich einiges abgewinnen: Wenn das Bibliothekswesen sich dazu durchringen könnte, eine Position dazu zu beziehen, was genau bei ihm „pädagogisch‟ heisst, und daraus Konsequenzen ziehen würde, könnte es diese Situation endlich verändern. (In meiner Promotion, die sich um die Bildungseffekte Öffentlicher Bibliotheken kümmerte, bin ich grundsätzlich zu einem ähnlicher Ergebnis gekommen. (Schuldt 2009))

Aber – und hier setze ich im nächsten Teil an – das wird so nicht geschehen. Und zwar nicht, weil es nicht hilfreich wäre. Sondern, weil es nicht in den Rahmen der bibliothekarischen Arbeit, so wie sie aktuell organisiert ist, hineinpassen würde.

II.

Stang fokussiert in seinem Artikel aus gutem Grund auf die Pädagogik. Aber wenn wir den Blick einmal auf andere mögliche Veränderungen in Bibliotheken weiten – also vor allem die, die in der bibliothekarischen Literatur aktuell immer wieder vorkommen, also offenbar als Thema Relevanz haben –, wie zum Beispiel wenn Bibliotheken davon reden, Teil einer „neuen Stadtkultur‟ werden zu wollen oder Communities stärken zu wollen, zeigt sich eher eine Struktur: In der bibliothekarischen Literatur, nicht nur in der BuB sondern zum Beispiel auch in Jahresberichten oder Bibliotheksstrategien, werden immer wieder Themenbereiche angesprochen, auf die sich Bibliotheken beziehen, und bei denen man erwarten würde, dass es dann tiefer gehen würde, aber die doch sehr oberflächlich bleiben (wenn man als Grundsatz anlegt, dass mindestens die Hauptpunkte, die ansonsten bei diesen Themen erwähnt werden, diskutiert werden sollten).

Wenn Stang Wert darauf legt, das pädagogisches Planen und Handeln auf einer Lerntheorie basieren muss, dann liesse sich ähnlich beim Thema „Stadtkultur‟ erwarten, dass geklärt wird, was eigentlich Stadtkultur heisst – ob zum Beispiel über Verdrängungsprozesse und die Domestizierung von Gegenkultur nachgedacht wird oder über Entwicklung von Wohnverhältnissen oder über Planung und Entwicklung von Immobilien – oder bei Communities, wie eigentlich verstanden wird, wie diese sich bilden und reproduzieren – praktisch, in Analogie zu Lerntheorien, Communitytheorien. Aber das passiert nicht.

Man kann festhalten, dass es offenbar zu bibliothekarischen Arbeit gehört, nach Ansätzen von ausserhalb zu schauen und sich von dort Begriffe anzueignen, aber diese dann nur eingeschränkt zu verarbeiten und praktisch nicht auf den Hintergrund dieser Begriffe einzugehen. Einige dieser Begriffe werden in die bibliothekarische Arbeit oder zumindest in die bibliothekarische Literatur übernommen, aber die tatsächliche bibliothekarische Arbeit scheinen sie kaum zu berühren.

Warum ist das so? Ich hätte eine These, die auch damit zu tun hat, über was in der bibliothekarischen Literatur so gut wie nicht gesprochen wird: nämlich von der „normalen‟ Arbeit von Bibliotheken, dem Bestandsmanagement, der Beratung der Nutzer*innen, der Ausleihe. Das wenig über diese reale bibliothekarische Arbeit gesprochen wird, und viel über andere Themen, scheint mir strukturell angelegt. Das Reden und Nachdenken über andere Themen deckt in gewisser Weise die reale bibliothekarische Arbeit.

Mir fällt das zum Beispiel oft auf, wenn ich in Bibliotheken Strategieprozesse begleiten soll (oder Ähnliches). Nicht selten sitze ich dann mit Kolleg*innen in der Bibliothek und mache in Workshops Bestandsaufnahmen, diskutiere Ziele und Wege, um diese Ziele zu erreichen – das wiederholt sich ja. Und wir reden über vieles: Darüber, wie die Bibliotheken sich und die eigene Arbeit wahrnehmen. Darüber, was sie sich wünschen. Darüber, welche Angebote anderer Bibliotheken sie kennen und gut oder weniger gut finden. Aber praktisch nie reden wir über die Prozesse, wie eigentlich die Medien – zwischen denen wir zumeist sitzen – in die jeweilige Bibliothek kommen und auch fast nie darüber, wie die normale Ausleihe stattfindet oder andere „normale‟ Tätigkeiten organisiert sind. Es geht immer wieder um Themen, bei denen Begriffe aufgerufen werden, die von ausserhalb des Bibliothekswesens stammen und die dann oft trotzdem nicht so genau gefüllt sind. Dabei könnte man immer auch über die Bestandsarbeit reden.

Das heisst aber nicht, dass das nur aus Marketingzwecken gemacht wird. Der Eindruck, den ja, wie weiter oben gesagt, Stang auch erwähnt, drängt sich manchmal auf, wenn man mit etwas Wissen zu einem Thema auf das schaut, was Bibliotheken unter diesem Thema tun. Zugegeben.

Aber vielmehr scheint mir dieses Verhalten als Struktur erklärbar: Bibliotheken verstehen sich heute als Einrichtungen, die sich immer irgendwie in Bewegung sehen. Irgendwas muss verändert werden, irgendwie muss über immer über Entwicklungen nachgedacht werden. Gleichzeitig scheinen Bibliotheken oft den Eindruck zu haben, irgendwie hinter den notwendigen Entwicklungen zu sein. Dabei ist erst mal egal, ob das ein realistisches Bild ist. Auffällig ist für mich eher, dass diese Grundeinstellung, dass man etwas verändern müsse, vorherrschend ist.

Sicherlich würden sich gute Gründe für die Notwendigkeit von Veränderungen finden lassen. Aber auffällig ist, dass diese in der bibliothekarischen Literatur gar nicht diskutiert werden, sondern oft nur mit einigen, oft stereotypen Floskeln abgehandelt werden, um dann schnell dazu überzugehen, die jeweilige Veränderung zu diskutieren. In diesem Zusammenhang ist das Übernehmen von Begriffen aus anderen Bereichen als dem Bibliothekswesen selber Teil dieser Struktur: Bibliotheken haben den Drang, sich zu verändern. Aber eigentlich läuft die normale bibliothekarische Arbeit recht gut (selbstverständlich könnte man auch die immer besser machen; dafür müsste man sie thematisieren – aber sie läuft). Insoweit wendet man sich anderen Bereichen zu. Veränderungen, die aus diesen anderen Bereichen kommen, stellt man sich aber fast immer als Ergänzung der schon getätigten bibliothekarischen Arbeit vor – auch wenn man das nicht richtig thematisiert. Es geht aber eigentlich immer um einen gewissen „Anbau‟: Veranstaltungen neben der eigentlichen Arbeit. Räume, die zusätzliche Funktionen haben. Personal (gerne aktuell Medienpädagogik*innen, wie oben schon gesagt), die zusätzliche Funktionen übernehmen.

Strukturell geht es offenbar immer wieder darum, den Kern wenig oder gar nicht zu verändern, sondern zu ergänzen. Auch das erlebe ich bei Strategieberatungen: Über die bibliothekarische Arbeit am Bestand und mit dem Bestand wird sich, wenn überhaupt, eher abwehrend geäussert. Manchmal wird das als der Bereich beschrieben, den die weniger veränderungsbereiten Kolleg*innen machen. Aber dann schaut man sich um in der Bibliothek und — es ist weiterhin der wichtigste Teil der eigentlichen Arbeit. Egal, wie sich über diesen in den Strategieworkshops geäussert wird. (Was manchmal passiert, ist, dass in den Pausen solcher Workshops die Kolleg*innen anfangen, über Bestandsarbeit zu reden, beispielsweise über Verlage, mit denen sie gerade Kontakt hatten oder darüber, wie Bestand umgeräumt werden soll. Aber nach der Pause geht es wieder um anderes.)

Das scheint mir aufeinander bezogen zu sein: Das kaum-Reden über die eigentliche Arbeit in der Bibliothek und das recht oberflächliche Übernehmen von Begriffen aus anderen Bereichen, ohne den eigentlichen Hintergrund aus diesen Bereiche mit zu Übernehmen. Würden Bibliotheken aber zum Beispiel anfangen, so wie das Stang fordert, Position zu pädagogischen Grundlagen zu beziehen, würde es um den eigentlichen Kern der bibliothekarischen Arbeit gehen, der verändert werden müsste. Aber solange die Übernahme von Begriffen sich vor allem auf „Anbau‟ bezieht, lässt sich die eigene Forderung von Bibliotheken an sich selber (Veränderung) mit dem Aufrechterhalten der eigentlichen Struktur (also dem Kern der Arbeit) verbinden.

Wie so oft ist das Reden über Veränderung im Bibliothekswesen (nicht nur dort) eigentlich ein Nicht-Reden über die vorhandene Realität, das Reden über (die Bibliothek) Zukunft ein Nicht-Reden über (die Bibliothek) Heute. Aber nicht als bewusstes Verdecken irgendeines Zustandes, sondern als Ergebnis der Struktur, das Bibliotheken nominell Veränderung anstreben, aber gleichzeitig die eigentliche Arbeit oft recht profan, recht alltäglich, aber auch erfolgreich ist. Nicht schlecht, nicht falsch, aber nicht im Diskurs von Veränderungen etc. gut darzustellen.

III.

Das Beispiel Bibliothekspädagogik ist dabei noch ein besonderes: Hier ist es einfach, mehrere Engagierte zu finden, die seit Jahren versuchen, etwas zu verändern. Einige tun dies aus eine Position an Fachhochschulen heraus. Stang ist nur einer davon. In der gleichen BuB-Ausgabe findet sich auch ein Text, in welchem Kerstin Keller-Loibl (2020) ein „Plädoyer für die Etablierung einer Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin‟ vorlegt – was man machen kann, aber was Keller-Loibl schon seit Jahren versucht. Die beiden bei Stang erwähnten Holger Schultka und Wilfried Sühl-Strohmenger arbeiten daran auch sehr sichtbar seit Langem aus Bibliotheken und bibliothekarischen Vereinigungen heraus. Im „Handbuch Informationskompetenz‟ von Sühl-Strohmenger und Martina Straub (Sühl-Strohmenger & Straub 2016) gibt es beispielsweise auch schon eine Darstellung von Lerntheorien, wie sie kurz bei Stang gegeben werden, weil dort ebenso davon ausgegangen wird, dass diese eine Grundlage für pädagogisches Handeln darstellen müssen.

Ich selber hatte über lange Jahre einen Lehrauftrag an der FH Potsdam um in „Bildungsdienstleistungen‟ (nicht mein Wort) für Bibliotheken einzuführen – weil die FH es einst als notwendig für eine moderne Bibliothek ansah, das dieses Thema vorkommt. (Was jetzt nicht mehr der Fall ist. Dieses Thema wurde mit anderen Themen ersetzt.)

Und vor allem finden sich an vielen, vielen Stellen im Bibliothekswesen Kolleg*innen, deren Aufgabe es ist, Angebote unter der Bezeichnung „Bibliothekspädagogik‟ zu machen und die selbstverständlich das auch nicht tun, ohne zu versuchen, dass Thema zu verstehen und zu gestalten – auch wenn es, wie Stang andeutet, oft gerade nicht so geschieht, wie man es aus einem pädagogischen Blickwinkel her angehen würde. Aber auch diese Kolleg*innen machen sich selbstverständlich Gedanken. Einige ziehen sich darauf zurück, dass sie ihre Arbeit „aus dem Bauch heraus machen‟ (was Stang kritisiert), aber andere versuchen immer auch mehr zu tun. Nur wird das wenig sichtbar.1 Es gibt auch keinen richtigen Ort dafür (also keine regelmässigen Veranstaltungen oder Diskussionen oder so weiter), dass sichtbar zu machen.

Es gibt also zahlreiche ernsthafte und auch schon lange laufende Versuche, die Situation bei der Bibliothekspädagogik zu verändern und in Bibliotheken pädagogisches Handeln zu etablieren. Nur: Das es die schon so lange gibt und trotzdem immer wieder neu begonnen wird (also zum Beispiel Stang nochmal die Lerntheorien referiert oder Keller-Loibl nochmal die Etablierung der Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin einfordert) ist ein Hinweis, das es wohl nicht darum geht, ob es einzelne Engagierte gibt. Die gibt es.

Hingegen fällt am Text von Stang eines auf: Er hat gar keinen Ort, keine Institution, keine Struktur die er ansprechen könnte, um die Veränderung (beziehungsweise Positionierung), die er einfordert, einzufordern. Er kann die Forderung nur an das gesamte Bibliothekswesen stellen. Trotz all der Beiträge in der bibliothekarischen Literatur dazu, wie Bibliotheken sich ändern oder ändern sollen, gibt es keine Struktur, die so eine Änderung in der Profession anleiten oder begleiten könnte. Das gilt nicht nur für die Bibliothekspädagogik, sondern auch für alle anderen Themen, die mal mehr mal weniger im Bibliothekswesen besprochen werden. (Das ist kein Fehler von Stang. Niemand wüsste, an wen man so eine Forderung richten könnte, um Bibliotheken zur Veränderung aufzufordern. Bei allen Verbänden und AGs und internen Strukturen und so weiter, die im Bibliothekswesen existieren, hat sich so eine Struktur nicht etabliert. Für mich ein Zeichen, dass sie nicht notwendig ist, weil es strukturell gar nicht so sehr um Veränderung geht. Würden Bibliotheken eine solche Struktur benötigen, würden sie schon eine etablieren.)

Hinzu kommt: Ich wollte diesen Blogpost schon mehrfach schreiben. Vor drei Jahren erschien zum Beispiel ein Beitrag von Haike Meinhardt (2017) – auch eine Kollegin aus einer Fachhochschule – in dem den Bibliotheken vorgeschlagen wurde, die vorhandene Leseforschung zu nutzen, um diese bei der Planung der Leseförderung in Bibliotheken zu benutzen. Konkret geht Meinhardt dabei auf die Bildung von phonetischen Kompetenzen und der Ausbildung von Lesefähigkeit ein – ein Thema das ganz nahe bei der bibliothekarischen Arbeit ist. Eigentlich. Und schon damals wollte ich schreiben, das Meinhardt selbstverständlich Recht damit hat, zu postulieren, dass Leseförderung besser zu planen ist, wenn man das Wissen darüber, wie sich Lesefähigkeit ausprägt, dafür benutzt. Aber das es gleichzeitig nicht stattfinden wird, weil es strukturell für Bibliotheken nicht sinnvoll ist. Es würde wieder den „Kern‟ der Bibliotheksarbeit betreffen, über den praktisch nicht geredet wird. (Und es heisst nicht, dass nicht einzelne Kolleg*innen sich trotzdem mit dieser Leseforschung beschäftigen. Aber halt nicht so öffentlich, dass es sichtbar würde.)

Es waren eher persönliche Gründe, warum ich damals den Beitrag nicht geschrieben habe – aber heute kann ich sagen, dass es tatsächlich auch so gekommen ist. Trotz der Vorarbeit von Meinhardt ist die konkrete Leseforschung weiter kein Thema in der bibliothekarischen Literatur. Das liegt nicht an der Arbeit von Meinhardt, sondern an der Struktur des Bibliothekswesens.

Ich will gar nicht bewerten, ob das richtig oder falsch ist. (Es geht mir gerade auch nicht darum, bestimmte Personen zu kritisieren – was verständlich sein sollte, aber manchmal fühlen sich Einzelpersonen im Bibliothekswesen von so einer Kritik persönlich angegriffen. Also sage ich es lieber einmal.) Wichtig ist mir, diese Struktur zu benennen.

Nur indem man solche Strukturen benennt, lassen sie sich erkennen, verständlich machen und dann auch verändern. (Aber die konkrete Veränderung kann nur aus dem Bibliothekswesen heraus geschehen.)

IV.

Aber wenn es eine Struktur ist, ist dann nicht die Arbeit von Stang, Meinhardt und anderen, die (a) zeigen, dass im Bibliothekswesen bei Themen, die in der bibliothekarischen Literatur besprochen werden, oft die eigentliche Basis (Begriffsdefinitionen, Theorie, Empirie) fehlt, obwohl sie (oft) in angrenzenden Wissenschaftsbereichen vorliegt, die dann (b) zeigen, wie die bibliothekarische Arbeit besser werden könnte, wenn man dieses Wissen einbezieht und (c) vorschlagen (Meinhardt) oder fordern (Stang), dass Bibliotheken dieses Wissen auch wirklich einbeziehen, vergebens, wenn es eher um eine Struktur geht, die den Alltag verdeckt, indem sie über Veränderungen spricht, die kaum mehr sein wird, als ein „Anbau‟ an die alltägliche bibliothekarische Arbeit? Ist das nicht in vain? Ist es nicht so, dass es innerhalb des jetzigen Bibliothekswesen wohl keine Veränderung in die Richtungen, die Stang, Meinhardt und so weiter vorschlagen, geben wird?

Auf den ersten Blick vielleicht. Aber mir – vielleicht bin ich da theoretisch zu sehr von meinen marxistischen Freund*innen geprägt – scheint sich das Bild des Fortschritts durch Dialektik aufzudrängen. Bei Hegel und den „Junghegelianern‟, die Hegel auf gesellschaftliche Fragen übertrugen, gibt es diesen berühmten Dreisatz: Das Denken, die Gesellschaft, die Produktionsverhältnisse und so weiter ändern sich – dadurch entstehen Widersprüche – diese lassen sich in der vorhandenen Struktur nicht auflösen, sondern nur durch eine grundlegende Veränderung „auf die nächste Stufe heben‟ – dadurch wird die Situation wieder der Entwicklung angepasst (bis dann das Denken, die Gesellschaft, die Produktionsverhältnisse sich wieder grundlegend verändern).

(Man verstehe mich nicht falsch: Hegel und Junghegelianer erwarten einen kontinuierlichen „Aufstieg‟ hin zu einem Endzustand, an dem alle Widersprüche zumindest auf einem Feld – der Philosophie, der Religionskritik, der Gesellschaft – aufgelöst sind. Dieser Teleologie soll hier nicht gefrönt werden. Was hier aber passt, ist die Auflösung der Widersprüche in einem anderen, veränderten Zustand.)

Was passiert, wenn zum Beispiel Meinhardt zeigt, dass wir viel mehr (und zum Teil Widersprüchliches zur aktuellen Praxis in Bibliotheken) dazu wissen, wie Lesenlernen geschieht? Oder wenn Stang zeigt, dass pädagogisches Handels geplant, auf Lerntheorien basiert und auf geklärte Ziele hin organisiert sein muss? Oder wenn ich – wie ich hoffe – zeige, dass bestimmte Entwicklungen im Bibliothekswesen sich immer wieder und wieder wiederholen, ohne offenbar so grosse Veränderungen anzustossen, dass sie nicht nach zehn Jahren oder so nochmal angegangen werden können / müssen?

Nimmt man die Dialektik als Modell, dann wird auf diese Weise ein Widerspruch aufgezeigt. Einer, der irgendwann einmal in der Geschichte des Bibliothekswesens (und der Gesellschaft um das Bibliothekswesen) entstanden sein muss. Hier wohl, dass der Diskurs um Veränderung, bei dem nicht mehr von der alltäglichen Bibliotheksarbeit geredet wird und die Veränderung, die (meist gar nicht so schwer) eigentlich möglich wäre, sich immer weiter auseinander entwickelt haben. (Was nicht nur in einer Richtung geschehen sein muss. Gut möglich, dass die Veränderungen schon lange Zeit möglich waren, aber der Widerspruch gewachsen ist, seit Bibliotheken davon ausgehen, dass sie sich verändern müssen und nicht einfach selbstbewusst Bestandsarbeit in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellten.)

Den offensichtlichen Widerspruch zu benennen, ermöglicht immer zu zeigen, dass es anders sein könnte. Die Situation wird ja nicht einfach benannt, sondern auch das Bild erzeugt, dass sich der Widerspruch auflösen liesse. Nur halt nicht, indem die Struktur, die diesen Widerspruch erzeugt, immer weiter reproduziert wird. Das man auch nach den Texten von Stang oder Meinhardt nicht weiss, wer genau jetzt darauf reagieren soll, zeigt ja, dass es keine richtige Möglichkeit gibt, auf deren Vorschläge / Forderungen in der aktuellen Situation einzugehen. Sondern – so würden Hegel, Marx, Feuerbach und so weiter sagen – die Lösung der offensichtliche Widersprüche müsste man suchen, indem man sie in einer höheren Ebene auflöst. (Ersetzen wir das „höheren‟ durch „anderen / neuen‟.)

Ein anderes Bibliothekswesen, dass – nur skizziert, weil („Utopieverbot‟) man nie wissen kann, wie dieses mögliche zukünftige Bibliothekswesen aussehen sollte – es zum Teil professioneller bibliothekarischer Arbeit gemacht hat, Wissen aus angrenzenden Wissensgebieten zur Planung der eigenen Arbeit zu nutzen (was auch heisst dieses Wissen erstmal wahrnehmen, dann aber auch Strukturen zu haben, um es aktiv nutzen zu können, beispielsweise sich auf dem Laufen bei der Leseforschung zu halten, um dann davon ausgehend Leseförderung, Bestandsarbeit und so weiter zu planen). Und damit wohl auch eines, dass selbstbewusst sagt, welche Aufgaben die Bibliotheken haben sollen und deshalb nicht (mehr) vor allem über Veränderung in einer Art spricht, die eigentlich nichts am verdeckten „Kern‟ ändert.

Aber: Diese Veränderung kann nicht erzwungen werden. Schon gar nicht von ausserhalb des Bibliothekswesens – wo wir in den Fachhochschulen (Stang, Meinhardt, Keller-Loibl, ich und andere) uns alle befinden, auch wenn wir doch sehr nahe am Bibliothekswesen sind – und auch nicht von einzelnen Engagierten (Sühl-Strohmenger, Schultka und andere). Die Position, aus der Stang, Meinhardt und andere auf das Bibliothekswesen schauen können, ermöglicht, Widersprüche zu zeigen. Sie ermöglicht auch zu zeigen, dass anderes als die jetzige Situation möglich wäre. Das ist wohl alles wichtig, wenn es tatsächlich zu einer Veränderung kommt, weil diese dann nicht ziellos verlaufen muss. Aber durchführen müssten die Bibliotheken diese Veränderung selber.

Wann wird das geschehen? Es gab bei der Dialektik immer die Vermutung, dass Widersprüche dann aufgelöst werden, wenn sie zu gross geworden sind – wenn also das Leiden an ihnen so gross geworden ist, dass das Auflösen den Beteiligten (zumindest den meisten) mehr bringt, als das Beibehalten des Zustands. Aber das ist aus der Teleologie abgeleitet, dass Entwicklung immer irgendwie gesetzmässig in eine Richtung gehen müsse, der ich hier je gerade nicht folgen will.

Vielleicht gibt es keine Antwort darauf, wann eine solche Veränderung stattfinden wird. Eventuell wäre es besser zu fragen, was Bereitstehen sollte, wenn diese, sagen einmal, Wende hin zu einer „wissenschaftsbasierten Professionalisierung des Bibliothekswesens‟ beginnt. Wovon könnte das Bibliothekswesen dann profitieren? Sicherlich von den Hinweisen darauf, was an Leseforschung, Pädagogik et cetera existiert. Aber, um nur eine Möglichkeit herauszugreifen, vielleicht wären dann auch Utopien eines Bibliothekswesens, wie es dann sein könnte (doch) hilfreich. Also Beschreibungen einer Zukunft, in der (a) der Kern (Bestandsarbeit und Ausleihe von Medien) nicht übergangen wird und (b) Wissen aus anderen Bereichen als dem Bibliothekswesen selber professionell im Bibliothekswesen genutzt wird.

Aber immer wieder neu Widersprüche zwischen Möglichkeiten und Realität im Bibliothekswesen aufzeigen – vielleicht auch bei noch mehr Themen als bislang schon – mag zwar intellektuell richtig sein (so wie Stang und Meinhardt ja Recht haben), doch nicht unbedingt befriedigend. Und gerade dann, wenn eine andere Reaktion auf diese Widersprüche erfolgt, also tatsächlich Veränderung eintritt, die man als „Auflösung des Widerspruchs in einer anderen Ebene‟ beschreiben könnte, mag das auch nicht mehr ausreichend sein. Es gibt bislang keine gute Antwort auf die Frage, was die Aufgabe von Bibliothekswissenschaft (oder der Fachhochschulinstitute, die sich mit Bibliotheken beschäftigen) eigentlich ist. Die Antwort könnte also gut sein: Das Wissen vorbereiten, dass benötigt wird, wenn das Bibliothekswesen sich grundlegend ändert und gleichzeitig zu zeigen, dass eine solche Veränderung möglich wäre.

Ich weiss es nicht und bin mir selbstverständlich auch bewusst, dass diese kurze (wirklich kurze) Ausflug in die etwas abstrakte Spekulation ein für viele nicht vollständig überzeugend sein wird. Aber: Mir scheint er eine Ausweg zu bieten aus dem Dilemma, immer wieder richtig zu zeigen, was das Bibliothekswesen nicht macht – und dann irgendwie doch nur berechtigt damit zu rechnen, dass auch dieser Nachweis zu keiner Veränderung führen wird.

Literatur

Keller-Loibl, Kerstin (2020). Bibliothekspädagogik in der Hochschullehre: Eine Bestandsaufnahme und eine Plädoyer für die Etablierung einer Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin.In: BuB 06 (72) 2020: 319-321

Meinhardt, Haike (2017). Leseforschung und ihr Potential für die bibliothekarische Leseförderung. In: Bibliothek Forschung und Praxis 03 (41) 2017: 319-329, https://doi.org/10.1515/bfp-2017-0044

Müller, Raphaela (2020). Wer macht jetzt eigentlich was?: Ein Überblick über das Feld der Medienpädagogik in Bibliotheken. In: BuB 06 (72) 2020: 322-325

Schuldt, Karsten (2009). Bibliotheken als Bildungseinrichtungen (Dissertation). Berlin: Humboldt Universität zu Berlin, 2009, https://doi.org/10.18452/16071

Stang, Richard (2020). Viel Bibliothek, wenig Pädagogik. In: BuB 06 (72) 2020: 316-318

Sühl-Strohmenger, Wilfried ; Straub, Martina (2016). Handbuch Informationskompetenz (De Gruyter Reference). (2. Auflage) Berlin: De Gruyter Saur, 2016

Fussnote

1 Selbstverständlich auffällig, dass sich auch bei diesem Thema vor allem Männer so äussern (können?), dass es sichtbar wird, während wohl die meisten Kolleg*innen, die sich mit dem Thema in der konkreten bibliothekarischen Arbeit befassen, nicht Männer sind.

Bibliotheks- und Informationswissenschaft · Bibliotheksgeschichte · Bibliothekswesen

Begründungen für die Bibliotheksentwicklung: Wie stark sind sie mit der tatsächlichen Bibliotheksarbeit verbunden?

Eine Sache, die mich umtreibt, ist der Zusammenhang zwischen den Gründen, die dafür genannt werden, warum sich Bibliotheken ändern müssten (zum Beispiel in der bibliothekarischen Literatur, Konferenzbeiträgen oder Bibliotheksstrategien) auf der einen Seite und der Bibliotheksarbeit, die dann tatsächlich geleistet wird auf der anderen Seite. Mir scheint sehr einfach zu zeigen zu sein, dass es da ein Missverhältnis gibt: Das, was in den Bibliotheken tatsächlich gemacht, geändert, gearbeitet wird, scheint immer wieder nicht wirklich mit dem zusammenzubringen zu sein, wieso dafür argumentiert wurde, etwas zu ändern (oder, viel seltener, etwas zu lassen wie es ist).

Behauptungen über die PISA-Studien und die Digitalisierung

Aufgefallen ist mir das wieder einmal, als letztens (03.12.2019) die neue PISA-Studie erschien und im Bibliothekswesen darauf schnell reagiert wurde. Zum Beispiel wurde behauptet: „Schulbibliotheken spielen eine große Rolle in Sachen #Bildung und #Lesekompetenz, das zeigte die aktuelle #PISA-Studie.”1 Der Deutsche Bibliotheksverband postulierte in einer direkt einen Tag nach der Veröffentlichung der Ergebnisse publizierten Erklärung, die Studie hätte gezeigt, dass man Lesen früh fördern müsse und schliesst daraus, dass deshalb die Zusammenarbeit von Schulen und Bibliotheken gefördert werden müsse.2

Das steht alles in der Studie nicht drin. (Das lässt die Methodik gar nicht zu.) Es ist auch nur ein Reflex, der jedesmal nach dem Erscheinen der PISA-Studie, also alle drei Jahre, einmal angeregt wird. In früheren Runden war das alles viel massiver, die Behauptungen und Forderungen grösser, die Nachwirkung länger. Seit einigen Runde werden die PISA-Studien in der bibliothekarischen Diskussion (und nicht nur da) nach ein paar Wochen praktisch wieder vergessen.

Aber es erinnerte mich daran, wie es bei den ersten PISA-Studien war: Die Behauptungen waren die gleichen, aber Bibliotheken machten sich länger Gedanken dazu, was es den heisst, das Lesen langfristig zu fördern etc. Was dann aber in den Bibliotheken tatsächlich gemacht wurde, hatte wenig mit den Erkenntnissen aus den Studien selber zu tun. Mich hat damals schon irritiert, wie man eine Studie zitieren kann, die eindeutig zeigt, dass der Lernerfolg in der Schule (um den es in den PISA-Studien geht) sozialen Strukturen folgt, also mit der sozialen Herkunft der Kinder und Jugendlichen verbunden ist, und daraus dann zu schlussfolgern, dass man mehr Leseförderung für alle anbieten müsse. Und dann vor allem solche machte, die gerade nicht darauf abzielt, soziale Ungleichheiten zumindest auszugleichen, sondern stattdessen nicht mehr über diese Strukturen redet.3

Jetzt bin ich älter und habe mehr Erfahrungen mit dem Bibliothekswesen. Und während ich es immer noch falsch finde, sich auf die PISA-Studien zu berufen, ohne sie offenbar gelesen zu haben,4 erkenne ich eine Struktur: Das, was zur Begründung für Bibliotheken und Veränderungen von / in Bibliotheken angeführt wird und das, was dann passiert, ist nicht einfach aufeinander zu beziehen.

Ein anderes Beispiel ist das Phänomen, dass heute in vielen, vielen, vielen Bibliotheksstrategien steht, dass diese auf die Digitalisierung reagieren wollen. Und zwar mit dem, was Bibliotheken als „3. Ort” beschreiben: Veranstaltungen, „erhöhte Aufenthaltsqualität”, Bibliothekscafé usw. Manchmal Makerspaces. Das ist kein richtiger Zusammenhang. Was hat Digitalisierung mit Cafés und Aufenthaltsqualität zu tun? Gewiss, man kann Zusammenhänge konstruieren (Digitalisierung heisst das mehr Menschen mehr Einsam sind, deshalb müssen Bibliotheken Veranstaltungen machen, damit Menschen sich treffen können. So in etwa.), aber das wird in den Bibliotheksstrategien im Allgemeinen nicht gemacht.5

Bibliotheksgeschichte: Begründungen für Bibliotheksentwicklung in der DDR

Im Rahmen meines Quest, anhand zeitgenössischer Quellen in die moderne Geschichte der Bibliotheken im DACH-Raum einzutauchen, lese ich gerade die Reihe „Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit” (still ongoing) des Zentralinstitut für Bibliothekswesen, welches in der DDR für Forschung und „Anleitung” der allgemeinbildenden Bibliotheken (also der Öffentlichen Bibliotheken) zuständig war. Die Reihe erschien von Anfang der 1970er bis 1989.

In vielen Nummern dieser Reihe scheint mir eine ähnliche Struktur zu finden zu sein: Es wird erst ein Begründung für eine Veränderung angegeben, dann aber etwas gemacht, dass sich nicht ganz aus der Begründung selber ergibt. Zumindest nicht direkt. An diesen Beispielen kann man ganz gut sehen, wie diese Struktur aussieht. Das ist auch ungefährlicher, als über den 3. Ort oder die PISA-Studien zu diskutieren, weil die DDR und ihr Bibliothekswesen Geschichte ist und niemand (kaum jemand) mehr einen Einsatz in diesem Spiel hat.

Wer sich also die Struktur einmal ohne grosse Emotionen anschauen will, dem würde ich empfehlen, das in den im folgenden besprochenen Publikationen zu tun.

Strategie 1: Dialektik

1974 publizierte das Zentralinstitut den Vorschlag für die Gründung „Wissenschaftlicher Allgemeinbibliotheken in den Bezirken” [WAB(B)], die als – so die Behauptung – neuer, sozialistischer Bibliothekstyp das Bibliothekswesen verändern sollten. (WAB(B) 1974) Es ging also direkt um Veränderung des Bestehenden.

Die WAB(B) sollten an der Spitze des Öffentlichen Bibliothekswesens des jeweiligen Bezirkes (also der mittleren staatlichen Ebene) stehen, den sogenannten „Spitzenbedarf” an Bestand abdecken (beispielsweise die spezielle wissenschaftliche Literatur, die zur Verfügung stehen, aber nicht in den anderen Bibliotheken angeschafft werden sollte, weil sie so speziell sei) und fachliche Anleitung für die anderen Bibliotheken im Bezirk bieten. Ob das sinnvoll war, warum es angestrebt wurde, wie die Bibliotheken (die dann wirklich eingerichtet wurden) tatsächlich wirkten: Das ist hier erstmal egal. Was interessiert, ist, wie es begründet wurde.

Die WAB(B) würden „dialektisch die besten Traditionen […] der allgemeinen öffentlichen Bibliotheken und der wissenschaftlichen Allgemeinbibliotheken [aufnehmen]” (WAB(B) 1974:10). Das ist eigentlich auch die Argumentation, die man in einer marxistisch orientierten Gesellschaft erwarten würde6: Die Dialektik ermöglicht den Fortschritt. Das ist bekanntlich das Denkmodell, welches von Marx und Engels von Hegel übernommen und auf die Gesellschaft übertragen wurde. Es entstehen durch ökonomischen und anderen Fortschritt gesellschaftliche Widersprüche, die werden dialektisch mit einer neuen Lösung in einer nächsten Ebene überwunden. (Und da entstehen neue Widersprüche, die wieder dialektisch gelöst werden müssen.) So ungefähr.

Ganz nachvollziehbar ist diese Argumentation am Ende nicht. Was ist das Problem beziehungsweise der Widerspruch, welcher durch die WAB(B) dialektisch gelöst wird? Das wird nicht klar. Was ist die nächste Ebene, die WAB(B) anzeigen? Auch das wird nicht diskutiert. Es wird behauptet, dass sie ein neuer Bibliothekstyp seien – und weil dieser in einer sozialistischen Gesellschaft eingerichtet würde, seien sie auch ein sozialistischer Bibliothekstyp. Haben die WAB(B) diesen Anspruch später eingelöst? Das lässt sich auch nicht so richtig sagen, weil dieser Anspruch nicht so richtig zu bestimmen ist. Sie fungierten als neue Zentren im Netz der Bibliotheken, dass immerhin.

Aber: Wir sehen hier eine der akzeptierten Begründungen für gesellschaftliche Veränderung, welche in der DDR akzeptiert war. Dialektik ist Teil des „wissenschaftlichen Sozialismus”, insoweit kann man mit ihm Veränderung begründen.

Strategie 2: Hinweise

In der zuerst 1970 zum 100. Geburtstag Lenins erschienen Arbeit zu „Sowjetischen Massenbibliotheken” zeigt Hanna Spiegel (Spiegel 1974) eine andere Argumentationsstrategie: Sie behauptet, dass sich das Sowjetische Bibliothekswesen aus „Hinweisen” und Anweisungen Lenins ergeben hätte.

Ganz explizit bespricht sie, wann Lenin was über Bibliotheken gesagt hätte und wie das dann später interpretiert wurde, damit daraus das Öffentliche Bibliothekswesen der Sowjetunion entstand. Es kommen die bekannten (?) positiven Äusserungen Lenins zur New York Public Library, zum britischen und schweizerischen Bibliothekswesen ebenso vor, wie seine Anweisungen bezüglich Bibliotheken gleich nach der Oktoberrevolution. Laut Spiegel hätte sich aus diesen, eher kurzen, Bemerkungen das System der Bibliotheken ergeben, wie sie 1970 in der Sowjetunion bestanden. (Das ist selbstverständlich absurd, weil sie unterstellt, Lenin hätte ein System bei diesen Äusserungen gehabt, obwohl es oft viel eher Gelegenheitsarbeiten waren oder kurze Äusserungen.7)

Sie beschreibt das als Schritte: Lenin hätte quasi schon in seinen Äusserungen in den 1910er und 1920er Jahren beschrieben, dass die Bibliotheken verbreitet, für die Bevölkerung offen, im System organisiert und so weiter sein müssten, die r;alen Bibliotheken hätten sich dem dann immer mehr angenähert. Das Buch liest sich als Beschreibung der Schritte. Immer wieder gehen die Bibliotheken daran, besser zu werden. Immer wieder entdeckt man, dass sie noch nicht genügend als gemeinsames Netz arbeiten. Immer wieder wird deshalb neu, besser, systematischer zentralisiert. Aber immer auf der Basis, dass Lenin einst erwähnte, dass es sinnvoll wäre, wenn sie als Netz organisiert werden.

Man könnte vermuten, dass diese Argumentation mit dem 100. Geburtstag zusammenhängt, aber sie ist in dieser Arbeit nur expliziter als sonst ausgebreitet. Sie war etabliert. Sühnhold und Schurzig (1971) zum Beispiel begründen die Notwendigkeit ihrer Arbeit zur „Rationalisierung der Arbeitsorganisation in zentralen Einarbeitungsstellen” damit, dass es im Rahmen des VIII. SED-Parteitages „Hinweise” gegeben und die Aufgabe „hervorgehoben wurde” (Sühnhold & Schurzig 1971:5) die Rationalisierung der gesellschaftlicher Produktion voranzutreiben. Auch hier wird der Verweis auf ein Proxy benutzt, um nicht selber dialektisch zu argumentieren, sondern praktisch Äusserungen derer, deren Aufgabe es sei, dialektisch voranzudenken (Lenin, SED) diese Arbeit machen zu lassen und dann diese Äusserungen „auszuwerten”, zu interpretieren und als Arbeitsanweisung zu verstehen.

Dies war eine zweite akzeptierte Möglichkeit, Veränderungen zu begründen: Das Berufen auf die richtigen Quellen (Personen, Institutionen) und die Interpretation ihrer Aussagen. Selbstverständlich ist das auch keine einfache Strategie – man muss trotzdem wählen, was eine akzeptierte Quelle ist und interpretieren, was deren Aussagen meinen. [Ist das überhaupt ein dialektisches Vorgehen? Selbstverständlich nicht. Aber es hat ja auch niemand gesagt, dass die DDR und das Argumentieren in ihr widerspruchsfrei war. Das ist nicht das Thema. Das Thema ist, dass diese Form von Begründung akzeptiert war.]8

Hat Lenin wirklich 1918 das Bibliothekssystem, wie es 1970 in der Sowjetunion bestand, vorhergesehen und in seinen Schriften Hinweise darauf versteckt? Bestimmt nicht. Aber die Arbeit von Spiegel (1974) zeigt, dass es möglich war, mit dieser Begründung bestimmte Entwicklungen durchzuführen.

Strategie 3: Erst begründen, dann ignorieren.

Eine dritte Strategie wählte Hans Boden in der Studie dazu, wie sich Nutzer*innen („Benutzer”) in der Freihandbibliothek verhalten. (Boden 1976. „Seine” Studie wäre falsch gesagt. Er leitet Studierende zu Forschungen an und fasste die Ergebnisse dann zusammen.) Die Publikation hat ihre 200 Seiten. In den ersten („Einleitung” und „Theoretische Grundlagen der Benutzerforschung”) leitet Boden den Zusammenhang von Nutzung und Bibliothek als Institution marxistisch – wieder so, wie das in der DDR verstanden wurde – her: Dialektisch, Beachtung der Wechselwirkung von gesellschaftlicher Entwicklung und Benutzung, Verhältnis von Selbstständigkeit und Lenkung, all das.

Und dann, nach diesen Abschnitten, setzt er nochmal an und stellt die „Kommunikationstheorie” vor, die sich bei ihm sehr wie die theoretischen Arbeiten der „bürgerlichen” Informationswissenschaft lesen. Nur mit anderen Grundlagenwerken, auf die verwiesen wird, und der Behauptung, dass die Theorie Teil der theoretischen Entwicklung im Marxismus sei, weil sie helfen würde, die Benutzung der Bibliothek zu erfassen, zu beschreiben und dann im grösseren theoretischen Modell – welches er gerade beschrieben hätte – einzuordnen. Anschliessend, im längsten Teil der Publikation, folgen empirische Ergebnisse, die am Ende mit Hilfe der „Kommunikationstheorie” interpretiert werden.

Müsste dann nicht noch ein Schritt folgen, also die Verortung der interpretieren Ergebnisse in die marxistische Analyse der Bibliotheksbenutzung? Die findet sich nirgends. Die Studie ignoriert diesen ganzen ersten Abschnitt einfach. Nicht nur am Ende, sondern in der gesamten Publikation findet sich keine Rückgriff mehr auf diese lange Darstellung. Wozu war sie dann da? (Sie war da, damit die Studie erscheinen konnte. Man darf nie die Umstände verkennen, unter denen solche Texte publiziert wurden. Heute wäre das aber eine richtige Frage an einen Text: Warum so ein lange Begründung schreiben, wenn am Ende eine zweite Theorie eingeführt und benutzt wird?)

Wo ist der Zusammenhang?

In einer logisch organisierten Welt wäre es so, dass aus den Begründungen für bestimmte Entwicklungen von Institutionen sich auch etwas ergibt, was sich auf diese Begründungen bezieht. Die Begründung sollte nachvollziehbar, begründet und logisch sein – und so überzeugen; aus ihnen sollten sich dann logisch nachvollziehbare Veränderungen ergeben. Das ist nicht der Fall. Die drei Strategien aus der DDR, Veränderungen zu begründen, zeigen dies. Solange man bei ihnen am Text bleibt, gilt: Es ist nicht nachvollziehbar, warum gerade WAB(B) sich dialektisch als Lösung anbieten. Es ist nicht klar, warum sich aus Lenins „Hinweisen” gerade das Bibliothekssystem ergab, das es dann gab (oder aus den „Hinweisen” vom SED-Parteitag gerade die eine Untersuchung von Rationalisierung bei der Buchbearbeitung). Es ist nicht nachvollziehbar, warum eine theoretische Herleitung zur Benutzung von Bibliotheken geliefert wird, wenn sich später nicht mehr darauf zurück bezogen wird.

Zu vermuten ist, dass die Struktur ähnlich auch für heute genutzt Begründungen gilt. Sicherlich: Einiges an den Widersprüchen in den genannten Texten lässt sich aus den Zwängen in der DDR erklären – keine akzeptable Begründung hiess damals keine Publikation. Aber es ist Zufall, dass ich gerade diese drei Begründungsstrategien so schnell hintereinander gelesen habe. Das ist nur Ergebnis meines zumindest etwas strukturierten Vorgehens, Reihen nacheinander zu lesen. Es gibt ähnliche Phänomene die ganzen Jahre des modernen Bibliothekswesens hindurch.

Die Welt (des Bibliothekswesens) ist offenbar nicht logisch strukturiert. Die Begründungen und die dann tatsächlich durchgeführte Bibliotheksarbeit haben keinen direkten Zusammenhang, sondern entweder einen indirekten oder manchmal auch gar keinen. Was der Blick zurück in die Geschichte zu klären hilft, ist, darauf hinzuweisen, worauf man achten kann oder sollte, wenn man sich mit diesem Zusammenhang beschäftigt. (Was kein rein intellektuelles Spiel ist, sondern sich zum Beispiel immer wieder auch als Problem stellt, wenn Bibliotheken versuchen, aus den Begründungen, die in anderen bibliothekarischen Texten geliefert werden, konkrete Arbeitsschritte herzuleiten.)

  • Sollte man die Begründungen vor allem als Rhetorik begreifen? Wenn ja: Wozu werden sie dann eingesetzt? Wer will mit ihnen was erreichen? Und was wird erreicht? Nehmen auch alle anderen die nur als Rhetorik wahr? (Das würde zum Beispiel nicht erklären, warum sie sich zum Teil weitflächig durchsetzen.)

  • Oder sollte man an sie die Forderung stellen, dass Begründungen für Veränderungen nachvollziehbar, begründet und logisch sind – und wenn nicht, sie dann ablehnen? Sollten sie also „wahr” sein müssen? Sollte man zum Beispiel vom Bibliotheksverband fordern, Studien erst zu lesen, bevor sich zu ihnen inhaltlich geäussert wird? Oder von begeisterten Redner*innen auf Konferenzen und von Berater*innen fordern, dass sie zeigen, dass die behaupteten Entwicklungen überhaupt stattfinden? Wenn nicht, was sagt das dann über solche Begründungen?

  • Ist das eine Struktur, die man vielleicht hinnehmen – aber dann reflektiert – muss oder macht hier wer Fehler? Wer? Welche? Ist es zum Beispiel ein Fehler, dass die Begründungen nicht wahr sind – oder ist es ein Fehler, das zu fordern? Wissen die Personen, welche Begründungen für Bibliotheksentwicklung liefern, dass diese oft nicht mit der dann später geleisteten Arbeit, die sich diese Begründungen bezogen wird, übereinstimmen? Streben sie das an und scheitern daran?

  • Sollte man vielleicht aufgeben, diesen Begründungen zu glauben und sie als reines (vielleicht mal durch die Umstände erzwungen, mal zynisch eingesetztes) Spiel verstehen? Als wirkungslos? Was würde das dann heissen?

Für das Nachdenken über Bibliotheksentwicklung heisst das aber erstmal, dass man die Begründungen nicht direkt als Aussagen interpretieren kann, die direkt in der Bibliotheksarbeit umgesetzt werden. Man kann aus ihnen wohl eher ableiten, was Bibliotheken über sich selber und ihre Umwelt denken. (Eher als Diskurs, der eine Wirkung hat – wie jeder Diskurs – aber eben keine eins zu eins-Beziehung.)

Das macht es selbstverständlich schwieriger – nicht nur historisch, sondern auch in der „praxisorientierten Forschung”, die gerne gefordert wird – über Bibliotheksentwicklung nachzudenken. Es zeigt zum Beispiel, dass man nicht einfach Einfluss in der Bibliothek haben kann, nur weil man den Diskurs ändert / kritisiert. (Was dann zumindest Hoffnung macht, dass bestimmte, eher absonderliche Behauptungen, die als Begründung für Veränderungen genutzt werden, wenig oder keinen Einfluss auf die Bibliotheken hat, bevor er dann wieder durch neue Begründungen abgelöst wird.)

Literatur

Boden, Hans (1976). „Kommunikation in der Freihandausleihe. Eine theoretisch-empirische Studie zur Ausleihmethodik”. – [Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit; 21] – Berlin: Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1976

Deutscher Bibliotheksverband (2019). „PISA-Studie 2018. Leseförderung muss höchste Priorität bekommen: Pressemitteilung des dbv”. https://www.bibliotheksverband.de/dbv/presse/presse-details/archive/2019/december/article/pisa-studie-2018-lesefoerderung-muss-hoechste-prioritaet-bekommen.html?tx_ttnews[day]=04&cHash=2f5c1a17a638c25aaa1477384e17c343

Krupskaja, Nadežda (1956). „Was Lenin über die Bibliotheken schrieb und sagte”. Leipzig : VEB Verlag für Buch- und Bibliothekswesen, 1956

Spiegel, Hanna (1974). „Die Entwicklung der sowjetischen Massenbibliotheken unter besonderer Berücksichtigung der Neuordnung und Zentralisierung ihres Netzes”. – [Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit; 15] – Berlin: Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1974

Sühnhold, Karl Heinz; Schurzig, Edith (1971). „Rationalisierung der Arbeitsorganisation in zentralen Einarbeitungsstellen: Ergebnisse einer Untersuchung in Stadt- und Kreisbibliotheken”. – [Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit; 8] – Berlin: Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1971

[WAB(B) 1974] „Zur Entwicklung Wissenschaftlicher Allgemeinbibliotheken in den Bezirken – Empfehlungen”. – [Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit; 14] – Berlin: Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1974

 

Fussnoten

2 „Das Potential der Partnerschaft zwischen Bibliotheken und den formalen Bildungsinstitutionen muss erkannt und systematisch gefördert werden. Für den Ausbau und die Intensivierung dieser Partnerschaft bedarf es bildungspolitischer Unterstützung über die Verankerung der Kooperation in den jeweiligen Bildungsplänen der Bundesländer.” (dbv 2019)

3 Was kommt dann wohl raus, wenn man eine soziale Ungleichheit hat, ein Angebot macht, dass das verändern soll, aber gleichzeitig nicht mehr über diese soziale Ungleichheit nachdenkt? Man reproduziert die soziale Ungleichheit. Mindestens. Vielleicht verstärkt man sie auch noch.

4 Mir kann niemand erzählen, im dbv hätte jemand innert eines Tages die Studie gelesen und dann auch gleich eine fundierte Meinung dazu formuliert. Und wie in einer Studie, in deren Ergebnisband (https://doi.org/10.1787/1da50379-de) noch nicht mal das Wort „Bibliothek” vorkommt, gezeigt werden sein soll, dass Schulbibliotheken notwendig wären, muss auch erstmal erklärt werden.

5 Aber sagen Sie sowas nicht in einem Bewerbungsgespräch. Man würde vermuten, Bibliotheken fänden es gut, wenn sie auf so einen Widerspruch aufmerksam macht, weil man damit zeigt, das man tatsächlich über die Begründungen nachdenkt; aber eigentlich schauen dann alle nur betroffen. Für Sie ausprobiert.

6 Zumindest in einer, die Marxismus als „historisch-dialektisch” begreift, was man in der DDR tat. Andere marxistische Traditionen, welche die Geschichtsphilosophie überdachten oder gar gestrichen haben, würden die Dialektik nicht unbedingt so hoch ansetzen. Aber wir sind nicht hier, um über die verschiedenen marxistischen Strömungen zu diskutieren.

7 Es ist wirklich nicht so viel, „was Lenin über die Bibliotheken schrieb und sagte”. Nadežda Krupskaja – die es wissen musste – hat unter diesem Titel eine Sammlung publiziert und die ist wirklich nicht umfangreich. (Krupskaja 1956) Vor allem enthält wenige längere Arbeiten.

8 Nebenbemerkung: Während meines Studiums las ich für ein Seminar zu Literatur in der DDR eine Reihe von in der DDR geschriebenen Promotionen zu Sagen. Sagen standen offenbar unter dem Verdacht, rückständige Literatur zu sein. Aber Engels hatte einmal drei-vier Sätze dazu geschrieben, wie sehr Sagen in Südamerika das Denken der dortigen Bevölkerung spiegel würde und wie wichtig es wäre, dieses Denken zu kennen. Deshalb wurden am Anfang jeder dieser Arbeiten diese Sätze zitiert und dann aus diesen abgeleitet, dass es sich lohnen würde, sich mit Sagen auseinanderzusetzen. Die Argumentationsstrategie war nicht nur in der bibliothekarischen Literatur zu finden.