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Eigenständiges Lernen im Makerspace einer Bibliothek. Ein australisches Beispiel

Bibliotheken müssen im Bezug auf eigenständige Bildungsaktivitäten (also solchen, die nicht im Zusammenhang mit Schule / Ausbildung / Hochschule stattfinden) mit einem Paradox umgehen: Sie würden gerne einer der Orte sein, die solche Bildungsaktivitäten unterstützen – wofür sie in gewisser Weise auch sinnvoll sind –, aber gleichzeitig ist es schwierig, aufgrund der Freiwilligkeit, mit der diese Aktivitäten durch die potentiellen Lernenden durchgeführt wird, mehr zu tun, als Angebote an Räumen und Medien zu machen. (Wobei das nicht unterschätzt werden sollte.) Man kann niemand dazu nötigen, eine solche Bildungsaktivität durchzuführen; gleichzeitig ist bekannt, dass die Motivation bei solchen Bildungsaktivitäten viel höher ist, als bei angeleiteten, also zum Beispiel Schulprojekten. Mark Bilandzic, der offenbar die bestimmt gute Entscheidung getroffen hat, aus Deutschland nach Australien auszuwandern, um dort an einem PhD zu arbeiten, berichtet in einem Artikel über eine Aktivität der State Library of Queensland (Brisane), welche dieses Paradox relativ erfolgreich angeht. Gleichzeitig scheint mir dieser Text eine der intensivsten publizierten Auseinandersetzungen mit diesem Paradox darzustellen. [Bilandzic, Mark (2013) / Connected learning in the library as a product of hacking, making, social diversity and messiness. In: Interactive Learning Environments (In Press), http://eprints.qut.edu.au/61355/]

Bilandzic betont im theoretischen teil seiner Arbeit, dass Bibliotheken und ähnliche Einrichtungen zwar Räume für soziales Lernen zur Verfügung stellen können und ohne solche Räume soziales Lernen auch nicht stattfinden kann, aber das solche Räume nicht automatisch zu sozialem Lernen führen. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie Bibliotheken quasi den Sprung vom reinen Angebot des Raumes zum Anstossen direkter Lernprozesse gehen können.

In der State Library of Queensland findet sich – wie in zunehmend mehr Bibliotheken im englischsprachigen Raum – eine „The Edge“ genannte Einrichtung, welche als Learning Commons funktioniert. Learning Commons sind Räume, die Lern- und Arbeitsgeräte zur freien Verfügung stellen und zudem einen Raum schaffen, in denen unterschiedliche Lernprozesse möglich sind. The Edge ermöglicht es zum Beispiel, Computer und Arbeitsräume zu mieten, bietet täglich, ausser Montags, Workshops sowie drei thematische Labs (screen and sound, mobile and physical, record and mix) zur Benutzung an. Allerdings, so Bilandzic, motiviert dieser Raum nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre, gemeinsames Lernen.

„[…] outside of such workshops, i.e. when The Edge simply functions as a free space with infrastructure for people to work, study and engage in self-driven activities around digital culture, most people work next to each other in isolation, rather than with each other. When collaborative activities were observed, then mostly among people who have known each other prior to coming to The Edge. The conceived vision of The Edge’s designers as a space for serendipitous encounters and collaborative, incidental learning did not translate into user activities during their everyday visits.” (Bilandzic 2013, p. 5)

Der Autor versuchte erfolgreich, dieses Nebeneinander-her-arbeitens mit einer Gruppe namens „Hack The Edge“ zu überwinden. Diese, immer noch wöchentlich angebotene Gruppe („Weekly on Thursday, forever“), hat das Ziel, unterschiedliche Personen zusammen dazu zu bringen, voneinander zu lernen. In der kostenlosen Gruppe treffen sich Menschen, die mit unterschiedlichen Hintergründen (technisch, kreativ etc.) an offenbar eher technischen Projekten arbeiten wollen – Basteln mit Hard- und Software wäre vielleicht der richtige Ausdruck dafür. In der ersten Sitzung dieser Gruppe versuchte Bilandzic mit einer halbstündigen Einführung in einen Open Source Hard- und Software-Satz das „Hacking“ zu motivieren. Allerdings wollten die Anwesenden offenbar lieber selber an Projekten arbeiten. Die Mitglieder der losen Gruppe formten schnell eine eigene Agenda mit gemeinsamen Projekten aus, treffen sich in The Edge auch vor den offiziellen Treffzeiten und nutzen den Raum in wechselnden Projekten. Die Gruppe hat einige ständige und viele wechselnde Mitglieder.

Bilandzic, welcher die Gruppe praktisch organisiert, führte nach der ersten Sitzung und zu einem späteren Zeitpunkt als Follow-Up Fokusgruppen-Interviews durch. Zudem ergänzte er sie mit weiterführenden Interviews mit Beteiligten an der Gruppe. Als Ergebnis dieser Untersuchungen berichtet er folgendes:

  • Die Beteiligten an der Gruppe kommen mit sehr unterschiedlichen Kompetenzen. Es gibt zum Beispiel einige Mitglieder des lokalen Hackerspaces, welche die Diversität der Gruppe im Gegensatz zum Hackerspace herausstellen. Ihrer Meinung nach sind die Personen bei Hack The Edge weit kreativer, die im Hackerspace technisch kompetenter.
  • Ebenso kommen die Personen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen. Bilandzic führt zum Beispiel an, dass Teile der Gruppe nach der Schliessung der Bibliothek (um 20:00) in eine Snackbar weiterzieht. Ein Teil der Gruppe kann diese Treffen aus finanziellen Gründen nie folgen. Insoweit finden sich Menschen in Armut und Menschen in sichereren finanziellen Lagen in der Gruppe wieder. Zudem betont er, dass in The Edge auch Frauen und Kinder kämen, die in sonstigen, ähnlichen Settings eher nicht anzutreffen wären.
  • Die Beteiligten an der Gruppe engagieren sich nach jeweils eigenen Agenden, die unter ihnen ausgehandelt (und immer wieder verändert) werden. Zudem lernen sie direkt in einem sozialen Zusammenhang. Der Autor stellt dies eher vorgegebenen Agenden gegenüber, bei denen eher weniger selbstbestimmtes Lernen stattfindet. Seiner Auswertung nach erfolgt das Lernen in der Gruppe aus intrinsischer Motivation, selbstgesteuert und sozial. Hierfür führt er auch die genannten Nachtreffen in der Snackbar an, bei denen die Gespräche zwischen den sehr unterschiedlichen Teilnehmenden schnell zwischen Lerninhalten und sozialen Themen wechseln. (Kneipengespräche auf einer höheren Ebene, quasi.)
  • Brilandzic stellt heraus, dass der Habitus der Bibliothek zu diesem Lernen in der Gruppe beiträgt. Für ihn zeichnet sich der Raum The Edge dadurch aus, „a universal, open and socially inclusive space“ (Brilandzic 2013, 9) zu sein. (Wobei daran erinnert werden muss, dass der Zugang zu australischen Bibliotheken per se relaxter gehandhabt wird als in der Schweiz oder Deutschland. Zum Beispiel scheint niemand Taschen oder Sachen abzugeben, bevor er oder sie eine australische Bibliothek betritt. Man sollte nicht sofort schliessen, dass gerade die sozial inklusive Rolle in der Schweiz oder Deutschland genauso gut von den Bibliotheken übernommen wird.) Dieser Habitus zieht im Vergleich zu einer ähnlichen Veranstaltungsform – nämlich eine offene Gruppe zum Hacken von Hard- und Software – weit andere Personen an, als der Hackerspace, welcher solche Runden selbstverständlich – wie quasi jeder andere Hackerspace – auch im Programm hat.
  • Das Lernen bei Hack The Edge ist eher ungerichtet. Die Personen begreifen die Gruppe zum Teil als Ort für Projekte, teilweise als loses soziales Netzwerk. Bei Aktivitäten innerhalb der Gruppe lernen sie etwas, aber dies steht nicht im Vordergrund.

Was Bilandzic mit seinem Beispiel zeigt, ist, dass Lernen in Bibliotheken nicht stattfindet, indem der Raum Bibliothek zum Lernort umgestaltet wird. Der Raum Bibliothek mit seinem Habitus, seinem Angeboten und so weiter ist eine gute Grundlage für selbstgesteuertes Lernen, aber kein Garant für solches Lernen. (Wobei auch der Zustand, dass Menschen in die Bibliothek kommen, um alleine oder mit Menschen, die sie schon kennen, zu lernen, nicht per se schlecht ist. Es stimmt aber nicht mit dem Selbstbild vieler Bibliotheken – in Australien oft noch mehr als im deutschsprachigen Raum – als Ort, welcher Lernen motiviert, überein.) Lernmöglichkeiten müssen und können geschaffen und beständig neu initiiert werden; gleichzeitig funktionieren sie offenbar über die Freiwilligkeit der Teilnahme.

Eine gewichtige Einschränkung ist selbstverständlich, dass sich die Bibliothek in Brisbane in einer Millionenstadt, zudem einer australischen – was heisst, einer mit global gesehen wenigen sozialen Friktionen – befindet. Eventuell funktionieren solche Modelle nur in bestimmten Regionen oder Städten (die sich allerdings im deutschsprachigen Raum mit hoher Wahrscheinlichkeit auch finden), eventuell benötigen sie eine bestimmte Anzahl von Personen, um sich ständig zu erneuern. Wichtig scheint mir an dem Beispiel und dem Text aber vor allem, dass der Autor die Grenzen selbst der bestausgestatteten Lernorte (oder auch Makerspaces) benennt und erfolgreich versucht zu klären, wie mit diesen umgegangen werden kann.

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Eine Bibliothek als Zentrum der Community (Mount Gambier)

Die Text- und Beispielsammlung Museums, Libraries and Urban Vitality [Kemp, Roger L. ; Trotta, Marcia (edit.) / Museums, Libraries and Urban Vitality : A Handbook. Jefferson ; London : McFarland Publishers, 2008] basiert auf einer einfachen, oft wiederholten These: Eine Bibliothek kann, wenn sie dazu gemacht wird, zum kulturellen Zentrum einer Community werden. Allerdings kann auch ein Museum diese Funktion einnehmen. Und: Diese These bezieht sich vor allem auf US-amerikanische (teilweise auch kanadische und australische) Kleinstädte und Settlements, nicht auf europäische Gemeinden oder auf Grossstädte. In all den Beispielen, die in diesem Buch angesprochen werden, geht es darum, dass in vielen kleinen Communities – egal ob Vorstadt, Stadtteil oder eigenständiger Gemeinde – keine wirklichen öffentlichen Plätze mehr bestehen würden. Ohne öffentliche Plätze keine Möglichkeit einer Gemeinschaft, so die Vorstellung. In solchen Gemeinden aber würden Bibliotheken und Museen die Rolle eines Community-Centres bilden können. Sie würden der Öffentlichkeit als Treffpunkt dienen, an dem sich überhaupt Gemeinschaft bilden könnte. (Und sie würden den kleinen Firmen wirtschaftliche Beratung und Daten geben können. Das ist eine weitere These, die in dem Buch mehrfach ausgebreitet wird.)

Aber stimmt das überhaupt? Erstaunlicherweise ja. Zumindest erinnerte mich das Buch an eine Bibliothek, die ich während meines Urlaubs besuchen konnte. Was mich traurig gemacht hat, den der Urlaub ist es schon eine so lange Weile her und jetzt ist wieder die Arbeit angesagt… Anyway.

Ich war damals von der Bibliothek begeistert, aber zu faul etwas über sie zu schreiben, also hole ich das mal nach.

Mount Gambier

Mount Gambier ist keine wirklich grosse Stadt, aber wirklich grosse Städte gibt es in Australien eh nur wenige (Wie auch, wenn von 22,5 Millionen Menschen allein in Sydney 3,6, 3,4 in Melbourne, 1.2 in Adelaide und 1.6 in Perth wohnen?). 23.400 Menschen, gelegen in South Australia, praktisch direkt an der Grenze zu Victoria und auch direkt am Ozean. Das Stadtzentrum eher weitläufig. Und interessanterweise ist dieses Stadtzentrum jetzt auch nicht wirklich unwirtlich, zumindest nicht so, wie in anderen Städten an der Küste. Im Zentrum der Stadt findet sich sogar ein kleiner, aber sehr schöner viktorianischer Park, Cave Garden, welcher sich um eine kleine Grotte gruppiert, in der täglich eine Show zur Stadtgeschichte und eine Aboriginal Dream Time stattfinden. (Berühmt ist eigentlich auch ein Vulkansee in der Stadt, aber ehrlich… der Park ist imposanter.)

Cave Garden (Mount Gambier)

Cave im Cave Garden (Mount Gambier)

Ansonsten ist die Stadt flach, eingeschossige Gebäude prägen – wie fast überall in Australien ausserhalb der Grossstädte – das Stadtbild, was nach einer Weile langweilig werden kann. Aber: Mittendrin steht, auf den ersten Blick unauffällig, die Bibliothek, ebenfalls auf einem Geschoss untergebracht. Auffällig an der Einrichtung ist zuerst das Café welches direkt in der Bibliothek betrieben wird.

Blick ins Café. So sieht das aus in der Bibliothek…

Beim zweiten Blick fällt auf, wie neu die gesamte Bibliothek eigentlich ist. Insbesondere, da wir auf unserem Trip die ganzen Tage vorher zwar auch immer Bibliotheken in Melbourne und den kleinen Städten an der Great Ocean Road gesehen haben, die aber eher so aussahen, als wären sie das letzte Mal in den 1980er Jahren renoviert worden.

Warum ist das so? Eine Kollegin in der Bibliothek war so nett, es mir zu erkläutern. Noch vor einigen Jahren hatte auch Mount Gambier eine solche eher veraltete Bibliothek, dann aber wurde beschlossen, sie zu erneuern. Diese Erneuerung ging einher mit mehreren Befragungen und Informationsveranstaltungen bei und für die lokale Bevölkerung. Gefragt wurde, welche Einrichtung die Bevölkerung als sinnvoll ansehen würde. Heraus kam eine Bibliothek, die wohl den internationalen Debatten um die (Öffentliche) Bibliothek als Raum entspricht, aber auch in dieser Form von der Bevölkerung gewünscht wurde.

Zuerstallererst versteht sich die Bibliothek als community space:

Our place reinvents ‚library‘ as a state-of-the-art multipurpose community space totally relevant to its location. It’s a place where practicality takes on fantasy to draw people of all ages to an information-rich gathering place at the heart of our community, adding immeasurably to creative and intellectual life. [Mount Gambier Library / Learn – Connect – Explore (ohne Jahr), p. 2]

Dies zeigt sich darin, dass die Bibliothek vor allem für eine flexible Nutzung ausgelegt ist. Gruppenräume, Rückzugsecken, Jugendbereich (beziehungsweise: „A youth lounge area, complete with PlayStation 3 consoles, magazines, televisions and three specially commissioned ‚youth chairs’“ [Mount Gambier Library, a.a.O., p. 12], eine Kinderzone, die gleichzeitig Platz für Familien zum Spielen hat, das schon beschriebene Cafe direkt in der Bibliothek, ein ständiges Veranstaltungsprogramm, Infopanels, die Veranstaltungen und Kurse anpreisen, helle Farben, eine Bibliothekarin, die durch die Gänge streunt und gezielt Hilfe anbietet. Ausserdem der in Australien verbreitete Brauch, dass niemand Jacken oder Taschen abzugeben braucht, um eine Bibliothek zu benutzen, der relaxte und offene Umgang, die Freundlichkeit des Personals (Obgleich die sehr australisch zu sein scheint. Wer schon glaubt, in der Schweiz wären die Leute so viel freundlicher als in Deutschland wird sich in Australien wundern, wie offen und nett Menschen sein können. [Solange man sich selber nicht als Arsch benimmt, was über Backpacker leider oft berichtet wird – oder halt die falsch Hauptfarbe hat. Alles ist auch nicht gut dort unten, man sagt das Wort racism nicht, aber…])

Gleichzeitig, so erklärt die schon zitierte Broschüre der Bibliothek, aber auch die Kollegin vor Ort, versteht sich die Bibliothek als offener Treffpunkt, was auch in der Architektur, die mittels einer enormen Terasse weit über die Bibliothek selber hinausgreift, vermittelt wird. Hier findet sich auch der einzige Ort in der Stadt, wo es schnelles und kostenlosen Internet gibt (für uns TouristInnen glücklicherweise ohne jede Anmeldung). Das mag in Europa niemand erstaunen, aber das Internet in Australien ist so erstaunlich 1990er, dass es relevant ist. In Australien zahlt man immer noch extra für schnelleres Internet, an vielen Orten wird die Nutzung noch immer nach Downloadmenge berechnet. (In Hotels heisst „freies Internet“ zumeist 50 MB pro Tag, 200 MB pro Tag. Alles andere kostet extra.) Selbst in Melbourne ist schnelles unnd freies Internet eine Ausnahme. Eigentlich ist es nur in Universitäten, Bibliotheken und am Federation Square zu finden. [Zum Projekt, welches dieses Problem endlich angehen will, siehe Dias, Marcos Pereira / Australia’s project for universal broadband access: From policy to social potential. In: First Monday 17 (2012) 9, http://firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/article/view/4114/3299]

Der Bibliothek in Mount Gambier, um darauf zurückzukommen, gelingt es so tatsächlich einen Mittelpunkt der Community zu bilden, direkt bei den Einkaufmöglichkeiten. (Oder genauer: direkt an der Grenze zwischen den Multistores wie Target und den kleinen Geschäften in der Innenstadt.)

Eingang zur Mount Gambier Library

Beim Target auf dem Parkplatz stehen, die Library sehen.

Wir besuchten die Bibliothek an einem späten Vormittag unter der Woche, dass heisst über die Nutzung die gesamte Woche entlang (oder auch nur der Kulturveranstaltungen der Bibliothek) kann ich nichts sagen. Aber selbst zu diesem Zeitpunkt sassen im Café mehrere Gruppen von Seniorinnen und Senioren, die das offensichtlich des Öfteren dort tun, in die ruhigen Orte der Bibliothek hatten sich Personen zum Lesen und Lernen zurückgezogen, einige Familien spielten in der Familienzone.

Falls eine Bibliothek tatsächlich, wie es in Museums, Libraries and Urban Vitality postuliert wird, dazu beitragen kann, die Communities in kleinen Städten zu beleben, dann solche Einrichtungen, wie die in Mount Gambier.

Zielführend ist dabei offenbar gar nicht so sehr, sich an anderen Bibliotheken zu orientieren, sondern sich auf die lokale Gemeinschaft einzulassen. Das dabei immer wieder ähnliche Lösungen herauskommen (viele der in Museums, Libraries and Urban Vitality beschriebene Bibliotheken ähneln der in Mount Gambier), hat seinen Grund wohl darin, dass die Interessen der Communities ähnlich sind.

Trend zur Gemeinschafts-Orientierung

Dabei ist Mount Gambier nicht alleine mit dieser Entwicklung. Wie gesagt: Eine ganze Anzahl der Bibliotheken in Australien sieht – wie allerdings eh vieles in diesem Land – aus, als wären sie direkt aus den 1980er Jahren herübergebeamt worden. Aber das scheint sich auch zu ändern. Die State Library of South Australia in Adelaide hat zum Beispiel an ihre Eingangstür folgendes geschrieben:

Our vision: To provide unique, flexible, accessible, community focused facilities that inspire and stimulate community life“

Man beachte: Nicht Standards, nicht bibliothekarische Werte, nicht irgendwelche Rankingplätze, sondern „to inspire and stimlate community life“ steht im Mittelpunkt. Nicht die Bestandswünsche von Nutzerinnen und Nutzern, nicht die Informationskompetenz, sondern ein vitales „community life“ gilt als Leitziel. Und das, obwohl diese Bibliothek an vielen Stellen selber historisch aussieht.

Eingang der (noch) geschlossenen State Library of South Australia (Adelaide).

Auch in Bendigo, einer Kleinstadt „in der Nähe“ von Melbourne (was halt so Nähe heisst in Australien, zwei Stunden zügige Fahrt, zweieinhalb, wenn man die Mautstrassen umfährt) wird aktuell die Bibliothek komplett umgebaut und zwar genau zu dem Community Center, dass in Mount Gambier quasi schon steht. Insoweit scheint es sich um eine gewisse Tendenz zu handeln, auf die Community zu hören.

Ankündigung: Die Library in Bendigo wird ganz anders.

Ankündigung: Für die Bauzeit wird umgezogen.

Hier (direkt an die Hauptstrasse gegenüber dem grossen Park in der Mitte der Stadt) zieht sie solange hin.

Wie gesagt: Nicht alles ist perfekt down under, aber einige Bibliotheken sind grossartig. Zu fragen wären, ob daraus auch etwas für kleine Gemeinden in Europa zu lernen ist. Das ist keine einfache Frage. In Museums, Libraries and Urban Vitality wird immer wieder die These aufgestellt, dass europäische Städte, auch kleine, eine urbane Lebendigkeit hätten, die in den USA, Kanada oder Australien teilweise erst (wieder) über Bibliotheken oder Museen hergestellt werden müsste. Nimmt man das ernst, bräuchte es in Europa keine Bibliotheken als Community Center. Mir scheint aber, dass die Vorstellung von der urbanen Lebendigkeit in kleinen Gemeinden in Europa vom US-amerikanischen Fokus der meisten Autorinnen und Autoren her in dem Buch vollkommen überschätzt wird. Zudem ist die lokale Gemeinschaft auch nicht alles. Aber: Das ist eine andere Diskussion. Ich kann hie rnur kurz andeuten, dass sie geführt werden sollte.

Jetzt erstmal: Wer zufällig mal in Mount Gambier (oder demnächst auch Bendigo) vorbeikommt, sollte in die dortigen Bibliotheken schauen. Sie sind sehr erfrischend offen und lebendig.