Tag-Archiv | Aufgabe von Bibliotheken

Vocational Awe: Vom Glauben der Bibliotheken an die eigene Bedeutung

Aktuell, in der COVID-Pandemie, präsentieren sich Bibliotheken als wichtige Einrichtungen, welche die Wissenschaft am Laufen halten und den Zusammenhalt der Gesellschaft rstützen. Unter anderem unter den Hashtags #BibliothekSindDa und #BibAtHome sowie auf diesem Etherpad und noch an anderen Stellen werden aktuell kostenlose Anmeldungsmöglichkeiten per Internet, Zugang zu Online-Medien, Lieferdienste von Bibliotheken und so weiter verbreitet. In den bibliothekarischen Mailinglisten und an anderen Stellen werden weitere Einzellösungen von Bibliotheken verbreiten. Listen über Listen von Lernressourcen wurden zusammengestellt. Aktivitäten allenthalben, offenbar mit dem Verständnis, das in der jetzigen Situation Richtige zu tun. Und ein wenig klingt es schon so, als würden sie sich dabei selber auf die Schulter klopfen.

Emotionale und andere Belastungen?

Die Situation sieht aber auch so aus:

  • Menschen machen sich Sorgen, auch Kolleg*innen. Jeder Gang nach draussen ist bekanntlich ein Risiko. Eine ganze Anzahl von Kolleg*innen muss jetzt in die Bibliotheken, ins Back-Office oder auch den Bestand, um all diese Angebote von Bibliotheken aufrecht zu erhalten oder Projekte vorwärts zu treiben. Oft ist es nicht so, dass diese Kolleg*innen eine Wahl hätten – das sie zum Beispiel gefragt worden wären, ob sie dieses Risiko übernehmen wollten. Und ein wenig ist der Eindruck auch (das wird vielleicht nach der Krise einmal empirisch zu erheben sein), dass vor allem Kolleg*innen aus den niedrigeren Gehaltsstufen für solche Arbeiten eingesetzt werden, nicht unbedingt das Personal aus den „Chefetagen‟. (Aber das kann täuschen.)
  • Kolleg*innen, egal ob im Einsatz oder Daheim, kommen mit der jetzigen Situation auch schlecht zurecht. Nicht alle, aber genauso wie bei anderen Menschen auch, gibt es beim Bibliothekspersonal solche und solche: Einige sind jetzt entspannter und produktiver (wobei produktiver nicht immer gut ist, sondern bekanntlich auch gerade eine Verdrängungsstrategie sein kann), aber andere sind emotional, körperlich und geistig stark belastet, vielleicht auch schon kurz vor dem Zusammenbruch. Das kann wieder sehr unterschiedliches heissen: Die, die mit den unstrukturierten Tagen weniger gut klarkommen oder den offeneren Arbeitsstrukturen; die, die mit dem Leben in nur einer Wohnung – mit Kindern oder Partner*innen oder vielleicht Mitbewohner*innen oder alleine – nicht gut klar kommen; die, die mit der Unsicherheit, wie die Situation sich entwickeln wird, nicht gut umgehen können oder unter den Regelungen, wie jetzt die Supermärkte und Parks und Promenaden zu nutzen sind; die, die sich Sorgen um Eltern oder Bekannte oder Freund*innen machen, die von Corona betroffen sind oder sein könnten. All die und noch mehr.
  • Kolleg*innen sind nicht unbedingt davon überzeugt, dass die Bibliotheken so wichtige Einrichtungen wären wie zum Beispiel Supermärkte und Apotheken, sondern in dieser Situation auch für einigen Wochen geschlossen haben könnten. (Nicht zuletzt, da sie teilweise extra in Schliessungsanordnungen von Gemeinden oder Kantonen / Bundesländern erwähnt wurden.)

Aber darüber wird praktisch nicht geredet. Im wahrnehmbaren Diskurs von Bibliotheken sind vor allem die zuerst genannten, positiv gemeinten Beispiele präsent. Dabei wäre es bestimmt gut, auch die tatsächlichen jetzigen Arbeitsbedingungen in den Bibliotheken zu thematisieren. Oder sich gegenseitig, als Kolleg*innen durch diese Krise zu helfen. Oder einmal zu diskutieren, ob Bibliotheken wirklich versuchen müssen, jede Lücke der Verordnungen auszunutzen, um doch noch Medien verleihen oder gescannt zur Verfügung stellen zu können.

Einige, wenige Widersprüche

Nur ganz selten scheint diese Kritik öffentlich auf:

  • Eine Kollegin äusserte sich am 26.03. auf ForumOeb mit einem klaren „habt ihr grade alles nichts Besseres zu tun?‟ und kritisierte die Diskussionen darum, wie Bibliotheken doch noch irgendwie ihre Dienste aufrecht erhalten könnten. Sie erntete einige Zustimmung, aber dann war es mit der Diskussion dazu auch vorbei.
  • Einige Kolleg*innen, die sich mit Open Access beschäftigten, kritisierten hier und da – vollkommen zu Recht – dass Bibliotheken jetzt immer wieder auf Angebote grosser Verlage, die vorübergehend während der Krise „freigeschaltet‟ wurden, hinwiesen, anstatt auf die schon immer offenen (und mit Open Access-gerechter Lizenz publizierten) Angebote ausserhalb der Verlage. Das ist keine unwichtige Anmerkungen, da Bibliotheken so nur wieder daran mittun, die Quasi-Monopole der grossen Verlage auf dem wissenschaftlichen Publikationsmarkt zu stärken.
  • Für den englisch-sprachigen Raum existiert als Ventil für solche Beschwerden der anonyme Twitter-Bot LIS Grievances ([1], [2]). Hier findet sich einiges an Bemerkungen, insbesondere (wohl) von Kolleg*innen, die von ihren Bibliotheksleitungen entweder gegen ihre eigenen Überzeugungen dazu gezwungen werden, ihre jeweilige Bibliothek offen zu halten oder aber neben Ihrer eigentlichen Arbeit, die sie in der jetzigen Situation eh schon kaum schaffen, auch noch Sonderaufgaben übernehmen sollen. ([1], [2], [3])

Kritik ist vorhanden; Kolleg*innen sind unzufrieden damit, wie die Situation gehandhabt wird. Aber warum wird das kaum artikuliert?

Ein gelöschter Tweet

Ich selber habe zum Beispiel einen Tweet über die absonderliche Situation geschrieben, dass Bibliotheken (hier in der Schweiz) jetzt damit Werbung machen, dass sie weiterhin Medien per Post verschicken, während gleichzeitig die Schweizer Post (aber nicht nur die, alle Lieferdienste von Paketen) darauf hinweisen, dass sie nicht mehr hinterherkommen mit all den Lieferungen, dass die Systeme und das Personal vollkommen überlastet sind und sie schon Angebote reduzieren und strecken mussten. Aber ich habe den Tweet gelöscht und eben nicht geschickt. Warum? Ich konnte mir gut vorstellen, wie Kolleg*innen den uminterpretierten würden als Angriff auf ihre Arbeit („und das, Herr Schuldt, obwohl man doch sehen würde, wie wichtig sie wären — all die Pakete, die geschickt werden müssen, all die Dokumente, die gescannt werden müssen – – -‟), nicht als Aufforderung, einmal über die Konsequenzen dieser hektischen Aktivitäten nachzudenken. Ich hatte das Gefühl, dass das vielleicht jetzt (in der Krise) auch nicht sein muss.

Offenbar liegt hier ein Problem vor: Die Situation, die Bibliotheken nach aussen darstellen, ist nicht die Situation, wie sie wohl wirklich ist, zumindest nicht die vollständige Situation. Und es gibt keinen Ort, wo das Bibliothekswesen (im DACH-Raum) wirklich über die Situation, wie sie ist, reden kann, ohne das man zumindest das Gefühl hätte, Gefahr zu laufen, dass den Diskutierenden unterstellt wird, die Mission der Bibliotheken zu unterlaufen. Wie kann das sein? Ich würde hier gerne ein Konzept vorstellen, dass das meiner Meinung nach recht gut erklärt (und damit auch eine Möglichkeit bietet, die Situation zu verändern – siehe weiter unten).

Voactional Awe: Die Mission der Bibliothek als Über-Bibliothekarisch

In der Angloamerikanischen Bibliothekswelt gibt es das Konzept des „Vocational Awe‟ als Begriff seit vielleicht zwei Jahren. Eingeführt wurde es durch einen Artikel von Fobazi Ettarh (Ettarh 2018), welcher seitdem zahlreich kommentiert, zitiert und anderweitig aufgegriffen wurde. (Beispielsweise ohne weitere Erklärung, so, als würden ihn alle kennen, bezogen auf die aktuelle Pandemie beim schon genannten LIS Grievances-Bot [1], [2]) Das Konzept hat also offenbar einen Nerv getroffen, nicht nur in der Forschung, sondern auch Kolleg*innen aus der Praxis – ansonsten hätte es sich nicht so schnell verbreitet.

Wie kann die Bibliothek einfach nur eine Einrichtung unter vielen sein?

Ettarh beginnt – wie auch dieser Blogpost – mit Beispielen von Arbeiten, bei denen Bibliotheken eine wichtig Rolle einzunehmen scheinen: Davon, wie Bibliotheken in den USA auf die „Opioid crisis‟ reagierten – mit dem Bereitstellen von Erste Hilfe Sets in Bibliotheken und mit tatsächlich geleisteter Erster Hilfe für Opfer der Krise. Und damit, wie sich Bibliotheken gegenseitig davon berichteten und sich versicherten, das sie lebenswichtig seien. Wie könnte man, so Ettarh, dem nicht zustimmen?

Indem man sich fragt, was hier eigentlich passiert und wie es auf die tatsächliche Arbeit von und in Bibliotheken Auswirkungen hat. Erzählungen davon, wie wichtig Bibliotheken wären, würden dazu führen, dass diese die eigene Bedeutung und den eigenen Einfluss massiv überschätzten. Gleichzeitig würden so Bibliotheken quasi zu „heiligen Einrichtungen‟, die von sich aus immer gut und richtig wären und an denen deshalb keine Kritik möglich wäre. (Ettarh schrieb in den USA, dort sind die Vergleiche mit religiösen Institutionen und ihren übergreifenden Ansprüchen vielleicht noch etwas näher liegend als hier im mehr säkularisierten Mitteleuropa, wo auch die religiösen Einrichtungen zumeist solche Ansprüche nicht mehr ernsthaft formulieren. Aber auch hierzulande ist die Analogie sinnvoll.)

„Awe‟ ist ein Begriff, der stark mit religiöser Erfahrung konnotiert ist: Gläubige stehen in awe vor Gott und seiner/ihrer Schöpfung. Im Gottesdienst / Ritual sind sie durch diesen awe in eine andere Sphäre transportiert – so ungefähr (ausgedrückt als Atheist). Die Übersetzung von awe als „Ehrfurcht‟, „Schauer‟ treffen es also vielleicht nicht ganz.

Ettarh benutzt diesen Begriff, bezogen auf die Profession Bibliothek, um die Haltung vieler Kolleg*innen zu beschreiben: Die awe über die Bedeutung der eigene Arbeit, genauer der eigenen „Berufung‟ (im DACH-Raum würde man hierzu Max Weber zitieren), welche die Aufgabe der Bibliotheken als wichtiger begreift, als die sichtbaren Tätigkeiten: Nicht nur werden Medien verliehen und zugänglich gemacht, Lesen und andere Kompetenzen gefördert, sondern der Zusammenhalt der Gesellschaft wird hergestellt, die Ungleichheiten überwunden, das Gute an sich wird verbreitet.

Das ist vielleicht eine überzogene Darstellung, aber… so einfach ist sie nicht von der Hand zu weisen. (Bibliotheken als „Tempel des Wissens‟ zu beschreiben oder gar zu bauen, ist ja dann auch nicht ungehört.) Die Selbstdarstellungen von Bibliotheken sind voll von solchen Anspielungen auf grössere Aufgaben und Behauptungen von Wirkungen, die praktisch nie nachgewiesen werden – bei denen auch selten versucht wird, sie nachzuweisen, sondern die geglaubt werden (müssen). Wie halt in Religionen, die zwar auch durchdacht, untersucht, diskutiert, verglichen und so weiter werden können (in Theologie, Religionswissenschaften oder Religionssoziologie), aber bei den alle Gläubigen darauf beharren werden, dass dabei immer ein wichtiger Teil unerklärbar, ununtersuchbar, unverstehbar bleiben wird – ein Teil, der über dem reinen Verständnis der Menschen existiert und der geglaubt und gefühlt werden muss. Der awe, der ein*en überfällt.

Glaubenssätze des Bibliothekswesens

Die Analogie hält, auch wenn sie überspitzt erscheint: Das (Öffentliche) Bibliothekswesen ist geprägt von gewissen Grundüberzeugungen, die auch als Glaubenssätze beschrieben werden können (und die weit über die Arbeit mit Medien hinausgehen). Diese werden regelmässig – in Reden, Texten, Vorträgen, Diskussionen, Jahresberichten und so weiter – wiederholt. Zum Beispiel, wenn sich in der aktuellen Situation wieder einmal gegenseitig die Bedeutung der Bibliotheken bestätigt wird, als eine Einrichtung, die selbstverständlich irgendwie ihre Angebote auch in der Krise aufrechterhalten muss. Oder wenn, wieder einmal, in einer grösseren Tageszeitung oder Radiosendung ein (positiver) Beitrag über Bibliotheken erschienen ist und dieser zur Bestätigung innerhalb des Bibliothekswesens herumgeschickt wird. Diese Grundüberzeugungen sind schwer zu kritisieren. Wer es versucht, wird meist ignoriert oder aber die Wortmeldungen werden tendenziell als Polemik wahrgenommen. (Sicherlich, wie auch die meisten Religionen, ist das Bibliothekswesen heute liberal. Solange Personen zu „unserem Kreis‟ gezählt werden, weil sie sich bewiesen haben, lässt man sie sagen, was sie zu sagen haben. Aber halt oft, ohne dann selber viel zu ändern.1)

Was sind die Funktionen solcher Grundüberzeugungen, eines solchen vocational awe? Ettarh stellt in ihrem Text dar, wie hinter diesen gegenseitigen Erzählungen von Bibliotheken über Bibliotheken die tatsächliche Arbeit, die in Bibliotheken geleistet wird, verschwindet. Was ist der Bestandsaufbau, die Organisation von Lesungen und Veranstaltungen, die Zusammenstellung von Medienkisten schon, wenn die eigentliche Aufgabe offenbar das Leben retten (Opiod-Krise) oder das Zusammenhalten der Gesellschaft (COVID-Pandemie) ist? Ist das dann überhaupt relevant? Ist das wirklich Arbeit, die als Arbeit zählt? (Oder ist es, wie beim Gottesdienst, Dienst, der einfach dazugehört, aber nicht das eigentlich Wichtige, awe-Auslösende ist?)

Gleichzeitig verschwindet, wie Ettarh auch zeigt, hinter diesem vocatinal awe die tatsächliche Arbeitssituation. Wenn die Bedeutung der Arbeit so gross ist, dann gehört es sich nicht, sich über die Arbeitsbedingungen (Lohn, Arbeitszeit, aktuell Risiken, Überlastung, ungewollte Teilzeitarbeit, temporäre Arbeitsverhältnisse und so weiter) zu unterhalten. So was kann man in „richtigen‟ Jobs tun, aber nicht, wenn es sich um „Berufungen‟ handelt. Berufene handeln aus eigenem Interesse und Wunsch, andere arbeiten „einfach‟ für Geld. Das führt dann aber zu einem Arbeitsalltag, dessen Strukturen kaum zu thematisieren (und zu verändern) sind und der gleichzeitig überlastet ist: Neben der „normalen‟ bibliothekarischen Arbeit auch noch Leben retten, Urban Gardens anlegen und damit Food-Crises überwinden, soziale Ungleichheiten ausgleichen, die Gesellschaft zusammenhalten und so weiter. (Das ist nicht nur in Bibliotheken so, auch andere soziale Berufe werden gesellschaftlich solchen „Berufungen‟ zugeordnet und haben dann schlechte Arbeitsbedingungen bei viel zu grossen Aufgaben, die sie sich selber zuschreiben. Soziale Arbeit wäre da ein gutes Beispiel. Nicht zufällig ist das Risiko von Burn-Out in solchen Berufen – und auch in Öffentlichen Bibliotheken – höher als in anderen.)

Zusammengefasst: Die Überschätzung der eigenen Bedeutung – das awe vor dieser Bedeutung – führt zu einem Verschwinden der tatsächlichen Arbeit von Bibliotheken und auch dazu, dass Strukturen nicht thematisiert werden können. Wenn alles heroisches, heldenhaftes Handeln sein muss (und das ist es, wenn das Ziel so gross ist, dass man nicht einfach für Lohn für dieses arbeitet, sondern sich dafür „aufopfert‟), dann ist kein Platz für alltägliche Arbeit und alltägliches Leben.

Professionelle und individuelle Identität

Was bringt das? Auch hier hilft die Analogie zur Religion: Es gibt Identität. Den einzelnen Personen, den Institutionen, der gemeinsamen Gruppe (also hier dem Personal, den Bibliotheken, dem Bibliothekswesen). Dabei ist zu vermuten, dass tendenziell die, die emotional mehr in diese Glaubensgrundsätze „investieren‟ und die, welche länger in sie sozialisiert wurden, diese eher für die Aufrechterhaltung der eigenen Identität „benötigen‟. (Aber auch hier: Das gilt bei Religionen auch nicht für alle und jede*n.) Wie überall haben Identitäten nicht nur den Effekt, dass sie den Menschen, die Institutionen und so weiter bestimmen, ihnen Aufgaben im Leben geben und so weiter, sondern dass sie auch zur Abgrenzung und zur Aufrechterhaltung des Status Quo führen. Nicht absichtlich, aber doch praktisch. Wenn es ein grosses, gemeinsames Ziel gibt und wenn man vor allem „heroisch‟ handelt, nicht einfach arbeitet, dann ist auch nie die richtige Zeit oder eine gute Situation, darüber nachzudenken, ob die Strukturen, in denen man so handelt, sinnhaft sind.

Vocational awe: Ein Konzept, um die jetzige Situation zu verstehen?

Ist das so? Kann man mit dem Konzept vocational awe etwas im Bibliothekswesen im DACH-Raum erklären? Mir scheint, ja. Gerade jetzt zeigt sich, wie am Anfang des Blogpost geschildert, wohin das führen kann. Bibliotheken, die sich in Aktivitäten überschlagen und Schlupflöcher in – eigentlich ganz klar formulierten und einsichtigen – Verordnungen suchen, ohne das auch nur diskutiert wird, ob das sinnvoll ist – weil die Überzeugung von der eigenen Bedeutung (als Institution) so gross ist, dass sich offenbar diese Frage erst gar nicht stellt. Kolleg*innen, die zum Teil ungefragt dazu genötigt werden, sich Risiken auszusetzen – also „heroisch‟ zu handeln, obwohl sie vielleicht doch eigentlich dafür nicht in der Bibliothek arbeiten, sondern „nur‟ Lohnarbeit leisten wollen (also keiner „Berufung‟ folgen, sondern dem Zwang, irgendwie am Ende des Monats die Rechnungen zu zahlen) – und für die es offenbar keinen Ort gibt, das zu thematisieren. An sich das auffällige Fehlen der Frage, wie es eigentlich uns, als Personen im Bibliothekswesen, geht – so als wären halt alle okay, weil sie immer heldenhaft handeln könnten.

Wenn wir einmal annehmen, dass vocational awe etwas beschreibt, dass existiert, dann wird diese Situation verständlich. Eine ganze Anzahl von Personen benötigt vielleicht gerade jetzt eine solche Grundüberzeugung, vielleicht weil daran ihre Identität hängt. Würde sie sich eingestehen, dass Arbeit in Bibliotheken weiterhin vor allem Arbeit ist (und oft ganz unheroische, aber notwendige Lohnarbeit, wie die Arbeit am Bestand und bei Veranstaltungen, nicht die Rettung der Welt), die halt auch mal für eine Weile ruhen könnte, wenn es die Situation – eine Pandemie, bei der die Hauptaufgabe darin besteht, jeden unnötigen sozialen Kontakt zu meiden – erfordert, würde vielleicht ihr Selbstbild und das von der Institution, in der sie arbeiten oder die sie leiten, brüchig. Nur, dass das halt dazu führt, dass andere Kolleg*innen leiden, sich Risiken aussetzen müssen und „die Kurve‟ vielleicht nicht so flach wird, wie sie sein könnte.

Vom Nutzen solcher Konzepte

Was ein solches Konzept möglich macht, ist, die Situation zu benennen, zu thematisieren und damit dann auch zu diskutieren und zu verändern. Deshalb wollte ich es hier einführen. Ich sehe einige Parallelen zu dem, was Ettarh für die USA beschreibt, im DACH-Raum und gerade in der aktuellen Situation. Ich schaue mir das aktuelle Handeln von Bibliotheken an und frage mich oft, wie die oben zitierte Kollegin, ob es nicht aktuell anderes gibt, dass zu tun wäre. Warum diese Hyperaktivität? Warum dieses nicht-diskutieren der aktuellen Situation? (Warum zum Beispiel auch auf einmal diese Begeisterung für die Onleihe, wenn sie einmal für mehr Nutzer*innen freigeschaltet wird, die aber zuvor oft kritisiert wurde? Warum diese ganzen Sammlungen von Lernangeboten, die zusammengestellt und verbreitet werden – wenn die Leute doch garantiert auch anders benötigen und begrüssen würden? Muss es „Bildung‟ sein, weil das ein grosses Ziel ist, und darf nicht einfach Unterhaltung und Ablenkung sein?) Selbstverständlich weiss ich die Antworten auf diese Fragen nicht. Auch ich sitze, wie viele andere, vor allem in der gleichen Wohnung und kommuniziere vor allem Online. Aber das Konzept vocational awe scheint mir sehr viel von diesen Fragen besser zu erklären.

Persönlich würde ich immer dafür plädieren, wenn Diskussionen, Grundüberzeugungen, Handlungen möglichst nahe an der Realität sind; wenn sie auch immer wieder einmal abgeglichen werden. Nicht einfach Überzeugungen folgen und vor allem erst einmal handeln. Nicht, sich heldenhaft fühlen, sondern „postheroisch‟ (Metz & Seeßlen 2014). Alles andere hilft vielleicht kurzzeitig über aktuelle Zweifel, Verunsicherungen und so weiter hinweg, führt aber langfristig immer dazu, dass schlechte Strukturen weiterbestehen und zum Beispiel emotionale Belastungen gar nicht thematisiert werden können. (Aber, zugegeben, man könnte jetzt zynisch argumentieren, dass ich gerade deshalb für die Wissenschaft berufen wäre. Was ich nicht bin – das ist auch nur Lohnarbeit.) Wenn vocational awe eine Erklärung für das jetzige Handeln von Bibliotheken ist, dann hat dieses Handeln wohl auch eine Funktion, für die Kolleg*innen, die so handeln. Diese Funktion könnten wegfallen, wenn man die Grundüberzeugungen thematisiert. Wäre das gut? Aber auch: Ist es etwa gut, wie es jetzt ist? Ich weiss es nicht. Aber das ist wohl der Grund, warum ich meinen Tweet gelöscht habe. (Gleichwohl: Bibliotheken sollten wirklich überlegen, ob sie aktuell Buchpakete mit der Post durch die Gegend schicken müssen.)

Literatur

Ettarh, Fobazi (2018). ‚Vocational Awe and Librarianship. The Lies we Tell Ourselves‛. In: In the Library with the Lead Pipe, 10. Januar 2018, http://www.inthelibrarywiththeleadpipe.org/2018/vocational-awe/

Metz, Markus & Seeßlen, Georg (2014). ‚Wenn Helden nicht mehr nötig sind. Heldendämmerung: Anmerkungen zur postheroischen Gesellschaft‛. In: Deutschlandfunk Kultur, https://www.deutschlandfunkkultur.de/postheroismus-wenn-helden-nicht-mehr-noetig-sind.976.de.html?dram:article_id=299526

Velasquez-Potts, Michelle (2019). ‚Imagine Otherwise: Fobazi Ettarh on the Limits of Vocational Awe‛. In: Ideas of Fire-Podcast, 23. Oktober 2019, https://ideasonfire.net/98-fobazi-ettarh/

 

Fussnote

1 Ich kenne Personen, die durch ihre Familien Angehörigen unterschiedlicher Religionen waren, und die sich in ihren Heimatgemeinden irgendwann in ihrer Jugend kritisch zu Homophobie in der jeweiligen Religion äussern durften (weil sie doch als Teil der jeweiligen Gemeinden angesehen wurden), dann irgendwann in wegzogen – und heute berichten können, dass sich in dieser Frage in ihrer jeweiligen alten Gemeinde wenig geändert hätte. So ungefähr scheint das im Bibliothekswesen auch manchmal zu funktionieren.

Armut und Bibliotheken: Wo stehen wir? Wo wollen wir stehen? (Impulsvortrag, Wien, 12.06.2017)

Vorwort: Der Büchereiverband Österreich (BVÖ) veranstaltete am 12.06.2017 „Unsichtbar – Eine Expertentagung des BVÖ zum Thema Armut als Barriere“ und ich war – aufgrund meines letztens publizierten Buches – als Experte geladen, der einen der Impulsvorträge halten sollte. Was mir noch nie passiert ist. Anbei dieser Impulsvortrag (der auch als eine kurze Zusammenfassung und Weiterführung des Buches gelesen werden kann).

 

Armut und Bibliotheken: Wo stehen wir? Wo wollen wir stehen?

1. Einleitung

Werte Kolleginnen und Kollegen,

ich danke Ihnen für diese Einladung. Vorneweg: Ich sehe mich nicht als Experte zum Thema Armut und Bibliotheken, sondern nur als jemand, der sich für das Thema interessiert und gerne dazu beitragen möchte, dass es aus der Sphäre gut gemeinter, aber allgemeiner Aussagen heraus geholt wird und in Diskussionen im Bibliothekswesen, die sich an der Realität orientieren, eingefügt wird. Deshalb bin ich auch sehr erfreut, dass der BVÖ diese Tagung organisiert hat. Sie scheint mir ein sehr guter Schritt in diese Richtung zu sein.

Gerne kläre ich ein paar Vorannahmen, weil ich hoffe, dass wir uns nicht an diesen aufhalten müssen:

Es geht nicht darum, ob Bibliotheken etwas Positives für Menschen in Armut tun sollten. Das wird vorausgesetzt. Es geht auch nicht darum, ob es Armut in unseren reichen Gesellschaften gibt (ich rede hier vom DACH-Raum, also Österreich, Schweiz, Deutschland und Liechtenstein). Es gibt sie, sie ist ein Skandal, auch wenn bestimmte politische Strömungen nicht darüber reden wollen. Dabei sollt auch klar sein, dass Armut immer relativ zur jeweiligen Gesellschaft ist, in der jemand arm ist. Es geht darum, dass Menschen, ökonomisch vermittelt, ein schlechtes Leben in Gesellschaften führen müssen, obwohl das nicht so sein müsste, obwohl die Gesellschaften mehr bieten könnten, wenn sie anders eingerichtet wären. Vergleiche mit Armut in anderen Weltregionen sind dafür nicht hilfreich. Es geht auch nicht darum, ob Menschen in Armut an ihrer sozialen Situation schuld sind oder aber gesellschaftliche Strukturen. Es ist klar, dass so eine große Verbreitung von Armut, so eine ständige Reproduktion dieser sozialen Situation, wie wir sie unseren Gesellschaften sehen, nur strukturell zu erklären ist und anzugehen wäre.

Worum es mir hier geht, in diesem Vortrag, sind zwei einfache, aber immer noch komplexe Fragen:

  1. Was genau sollen Bibliotheken in Bezug auf Menschen in Armut tun?

  2. Was können Bibliotheken, realistisch betrachtet, wirklich tun?

Es sollte auch klar sein, dass wir uns heute hier auf Öffentliche Bibliotheken beschränken.

In diesem Vortrag werde in mich vom Aufbau her an meinem Buch zum Thema orientieren, weil sich diese Struktur, nach mehreren gescheiterten Anläufen, für mich als sinnvoll herausgestellt hat. Zuerst werden ich einige Irritationen durchgehen, die auftauchen, wenn man über den Zusammenhang von Armut und Bibliotheken nachdenkt. Die Irritationen nehmen nichts von der grundsätzlich zustimmenden Haltung zum bibliothekarischen Engagement zu diesem Thema fort, aber sie zeigen, dass die Realität komplex ist, zu komplex für einfache Lösungen.

Anschließend werde ich kurz durchgehen, was wir über das Leben von Menschen in Armut wissen. Beides, die Irritationen und das Wissen über das Leben der Menschen in Armut, werde ich im dritten Schritt zu einigen Vorschlägen für die Arbeit, die das Bibliothekswesen leisten kann (und meiner Meinung nach müsste) hinführen.

2. Irritationen

Das Bibliotheken für Menschen in Armut eine positive Rolle spielen können – formulieren wir es einmal so allgemein – ist eine weit verbreitete Annahmen. Und es ist auch ein Ziel, dass sich Bibliotheken setzen. Der BVÖ hat dies zum Ziel erklärt, auch der DBV hat sich in diese Richtung geäußert, ebenso gibt es Dokumente der IFLA, die dies explizit Verlautbaren. Geht man in die Bibliotheken, gerade in die größer Städte, sieht man dieses Bemühen zumindest indirekt auch immer wieder. (Der Schweizer Verband, BIS, fehlt hier in der Aufzählung, aber meiner Erfahrung nach nicht die einzelnen Bibliotheken in der Schweiz.)

Doch – und dies ist die erste Irritation, die ich Ihnen vorlegen möchte – wie wird sich vorgestellt, wie dies funktioniert, diese Arbeit von Bibliotheken für Menschen in Armut? Zumeist betonen die Dokumente, dass Bibliotheken einen freien Zugang zu Informationen und Medien bieten. Dieser Zugang würde ohne Diskriminierung ermöglicht und somit gegen Armut wirken. Gerade in Bibliotheken vor Ort wird dieser Zugang auch als Ausgleich verstanden: In der Bibliothek könnten Menschen auf Medien zurückgreifen, die sie sich ökonomisch nicht leisten können.

Sicherlich bieten Bibliotheken diesen Zugang. Aber die Vorstellung ist irritierend einfach: Es wird nicht erklärt, wie der freie Zugang zu Informationen Menschen in Armut helfen würde und wobei. Vor allem ist nicht klar, warum er Menschen in Armut mehr, anders, besser zu Gute kommen würde, als Menschen in anderen Situationen. Es ist ja nicht so, dass alles, was Menschen in Armut benötigen, um aus der Armut auszusteigen, mehr Informationen wären. Man müsste schon sagen, welche Informationen und Medien.

Zudem müssten man auch erklären können – und ich glaube nicht, dass das geht, wenn man so eine einfache Vorstellung vertritt –, warum der freie Zugang zu Informationen in einer Gesellschaft, in der Ungleichheiten existieren, nicht einfach heißt, dass diese Ungleichheiten beibehalten werden, also alle Menschen, egal in welche Schicht, gleich viel vom freien Zugang zu Informationen profitieren und am Ende die Armen weiter arm sind.1

Ich denke, was diese Irritation zeigt, ist, dass wir im Bibliothekswesen bislang zu einfache Vorstellungen davon haben, wie unsere Arbeit Menschen in Armut helfen oder unterstützen kann. Das sollten wir genauer fassen, dann wüssten wir auch besser, was wir wirklich tun können.

Eine zweite Irritation, die ich Ihnen gerne vorlege: Wenn wir uns die bibliothekarische Literatur und die Forschungen zur Bibliotheksnutzung ansehen, fällt auf, dass Menschen in Armut in ihnen so gut wie nicht vorkommen. Wir – als Bibliothekswesen – haben Dutzende von Ansätzen, um die Nutzung von Bibliotheken durch Dutzende von unterschiedlichen Gruppen zu untersuchen oder zu motivieren. Sie wissen ja zum Beispiel selber, wie oft und wie viel Bibliotheken alleine darüber nachdenken, wie sie von Jugendlichen gesehen und genutzt werden und wie mehr Jugendliche dazu gebracht werden sollen, die Bibliotheken zu nutzen. Aber für Menschen in Armut gilt dies nicht. Es ist auch auffällig, dass bei all den Umfragen zur Nutzung von bibliothekarischen Angeboten und Bibliotheken, fast nie nach der ökonomischen Situation gefragt wird, aber zum Beispiel nach Alter und Geschlecht. Und wenn es doch einmal passiert – wie vor Kurzem beim Nutzungsmonitoring für Bibliotheken in Berlin – ist es nachher schwierig herauszufinden, ob diese Daten überhaupt genutzt werden.

Ich hoffe, Sie stimmen mir zu: Wenn man darüber nachdenken will, wie und ob Bibliotheken für Menschen in Armut eine positive Wirkung haben können, sollte man versuchen, zu verstehen, wie diese heute die Bibliotheken nutzen oder gerade nicht nutzen. Darüber wissen wir fast nichts. Vielleicht beschäftigen wir uns mit zu vielen anderen Fragen, dass wir das immer wieder übersehen. Aber bislang machen wir die meisten Angebote, die für Menschen in Armut positiv sein sollten, auf der Basis von Vermutungen. Gewiss gut gemeinten Vermutungen, aber doch solchen, die wir anhand der realen Situation überprüfen sollten.

Die dritte Irritation, die ich hier vorlege, deutet sich schon in meinen Formulierungen an, wenn ich von „positiven Wirkungen für Menschen in Armut“ spreche. Es ist nicht einfach zu sagen, was Bibliotheken in Bezug auf Menschen in Armut tun sollen: Sollen sie möglichst wenig Barrieren bieten, so dass Menschen in Armut die Bibliotheken genauso nutzen können, wie Menschen in anderen sozialen Situationen auch? Heißt das, dass man Barrieren aktiv identifiziert und angeht? Oder das man darauf achtet, sie nicht neu zu errichten? Oder sollen Bibliotheken Menschen in Armut helfen? Aber dann: Wobei helfen? Beim Ausstieg aus der Armut oder beim Führen eines Lebens in Armut? Sollen sie dafür sorgen, dass der Rest der Gesellschaft darüber informiert wird, wie Menschen in Armut in unseren Gesellschaften tatsächlich leben?

Ganz abgesehen davon, dass alle möglichen Antworten auf diese Fragen Konsequenzen für die bibliothekarische Arbeit hätten: Es scheint, als wären sie im Bibliothekswesen nicht geklärt, sondern als würden – zumeist, ohne explizit benannt zu werden – unterschiedliche Vorstellungen nebeneinander existieren. Dabei ist aber klar: Wenn man aktiv dazu beitragen möchte, dass Menschen aus der Armut aussteigen, heißt das etwas sehr anderes dafür, was die Bibliotheken tun sollen, als wenn man vor allem darüber nachdenkt, ob Barrieren zur Nutzung existieren und ob man sie abbauen könnte.

Ich selber werde am Ende dieses Vortrages dafür plädieren, dass Bibliotheken heute vor allem darauf zielen können, das Leben von Menschen in Armut lebbarer zu machen. Aber man kann auch Argumente für die anderen Positionen finden. Irritierend ist, dass wir als Bibliothekswesen diese unterschiedlichen Zielsetzungen nicht thematisieren, sondern – so zumindest mein Eindruck – immer wieder alle irgendwie gleichzeitig zu meinen scheinen.

3. Was wir wissen

Ich habe eben gesagt, dass wir wenig darüber wissen, wie Menschen in Armut eigentlich die Bibliotheken nutzen und wofür. Hingegen wissen wir recht viel darüber, wie Menschen in Armut in unseren Gesellschaften leben und welche Auswirkungen dieser gesellschaftliche Status auf ihr Leben hat. Ich werde hier nur Einiges darstellen können, was meiner Meinung nach für die Frage relevant ist, wie Bibliotheken in Bezug auf Menschen in Armut agieren können.

Zum ersten zur Dimension von Armut. Nehmen wir einmal, ohne deren Herkunft weiter zu diskutieren, die Daten von Eurostat, dann lebten 2015 in Österreich 1,55 Millionen Menschen, oder 18,3% der Bevölkerung, in Armut. In Deutschland waren es 16,08 Millionen Menschen oder 20%, in der Schweiz 2014 1,32 Millionen Menschen oder 16,4%. Wir können also nicht davon ausgehen, dass es sich nur um einige, wenige Fälle handeln würde, denen man leicht irgendwie helfen könnte, wenn man es nur ehrlich und richtig will. Vielmehr wird das Gesamtproblem Armut nur auf Ebene der gesamten Gesellschaft anzugehen sein, wobei – dies als Nebenbemerkung – die Gesellschaft sich dazu überhaupt erst einmal klar sein muss, dass es dieses Problem gibt.

Was wir wissen über das Leben der Menschen in Armut in unseren Gesellschaften ist unter anderem:

  1. Die meisten Menschen haben sich auf niedrigem finanziellen Niveau, unter Verzicht auf bestimmte, zum normalen Lebensstandard zählende Dinge und mithilfe von Substituten eingerichtet. Sie schaffen es unter großem Druck und Stress, mit viel Selbstverleugnung, nach außen den Eindruck von Normalität aufrecht zu erhalten. Die sichtbaren Armen sich die, die dies nicht mehr schaffen, aber sie sind Ausnahmen. Dieses Leben in scheinbarer Normalität ist immer prekär: Eine Institution, auf die man vertraut, muss ihr Angebot ändern oder umziehen, eine Möglichkeit, etwas zu substituieren, muss wegfallen oder eine andere größere Änderung eintreten – beispielsweise eine Waschmaschine, die kaputt geht – und dieses Leben wird grundlegend erschüttert. Menschen in Armut brauchen in unseren Gesellschaften Verlässlichkeit in der eigenen Umwelt, um ihr Leben zu meistern.

  2. Arm sein heißt in unseren Gesellschaften, über einen langen Zeitraum, teilweise das ganze Leben, wenig ökonomische Mittel zu Verfügung zu haben. Aber das ist nicht das einzige Merkmal. Arm sein heißt in unseren Gesellschaften auch, die ständige Erfahrung des Scheiterns zu machen. Dieses Scheitern bezieht sich auf die gesamten Ebenen der Lebenserfahrungen. Während zum Beispiel Personen aus dem Mittelstand Erfolge durch Bildung kennenlernen – also durch Schulbildung oder Weiterbildung aufsteigen und sich Möglichkeiten eröffnen – gilt das für Menschen in Armut nur in Ausnahmefällen. Zumeist ist die Schule schon ein Ort des Scheiterns, auch weil viele Dinge gelernt werden, die mit dem Leben in Armut nicht viel zu tun haben. Das Scheitern bezieht sich ebenso auf Lebenspläne, Planungen von Karrieren und des Alltags. Wenn das Leben prekär ist, ist zum Beispiel der Plan, auf einen Auslandsaufenthalt zu sparen, einer, der weit eher scheitert, als wenn das Leben einigermaßen planbar verläuft. Dieses ständige Scheitern lehrt Menschen in Armut eher eine Lebenshaltung, die vor zu großen Plänen und Hoffnungen warnt. Hinzu kommt, dass das Leben in Armut durch eine große Enge gekennzeichnet ist. Man hat wenig Möglichkeiten und ökonomischen Spielraum, um Erfahrungen zu machen. Das gilt nicht nur für den Auslandsaufenthalt, den sich viele Menschen aus dem Mittelstand leisten, Menschen in Armut aber kaum. Dies gilt auch für Zeiten des Ausprobierens, des Experimentierens, das Einfach-mal-Machens. Wer zum Beispiel das Geld für Museums-, Zoo-, Konzertbesuche oder den Besuch von Sportereignissen lange im Vorfeld planen muss, investiert es eher in schon bekannte Dinge und lernt vielleicht nie, was es noch alles für Möglichkeiten und Chancen gibt. Dies führt zudem zu oft engen, ökonomisch ähnlich gestellten, Netzwerken, die wieder wenig Chancen ermöglichen, aber einigermaßen Sicherheiten bieten. Kurz: Leben in Armut in unseren Gesellschaften ist, bei allen individuellen Ausnahmen, gekennzeichnet von ökonomischem Mangel, der ständigen Erfahrung des Scheiterns, der wenigen Erfahrungen und Chancen, eines prekären Lebens und enger sozialer Netzwerke.

  3. Wir leben gleichzeitig in Gesellschaften, deren Leitidee die der Meritokratie ist. Eine Meritokratie wäre eine Gesellschaft, in der Menschen aufgrund ihrer Fähigkeiten und Anstrengungen ihre jeweilige soziale Position erreichen. Oder anders: Wer sich anstrengt, soll gesellschaftlich weit oben ankommen, wer sich nicht anstrengt oder nichts kann, weit unten. Quasi alle relevanten politischen Richtungen gehen heute davon aus, dass eine solche Gesellschaft fair wäre und das wir grundsätzlich heute alle Barrieren abgebaut hätten, die Menschen davon abhalten würden, durch eigene Anstrengung eine soziale Position zu erreichen. Es gibt immer Diskussionen darum, ob man nicht mehr Chancengleichheit ermöglichen müsste, damit diese Vorstellung Realität wird, ob es nicht doch noch Barrieren gibt, beispielsweise angezeigt durch die ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern oder ob nicht gar – das ist jetzt eine andere politische Richtung – der Staat durch seine Regelungen den angeblich leistungswilligen Mittelstand davon abhält, seine angemessene soziale Position zu erreichen. Grundsätzlich aber ist das meritokratische Ideal eine der Leitideen der heutigen Gesellschaften. Daraus ergibt sich auch, dass der Großteil der Lösungen für die Frage, ob jemand aus Armut aussteigen kann und wie, im Rahmen dieses meritokratischen Ideals verortet wird. Man sucht nach etwas, was den Menschen zu einer besseren Position verhilft und da man davon ausgeht, dass einzig Fähigkeiten und Anstrengungen die soziale Position bestimmen, ist die Antwort immer wieder: (a) die Menschen in Armut mehr oder minder anzutreiben, sich anzustrengen – darin ist gerade Deutschland mit den Hartz IV-Regime gut – und (b) Bildung, Bildung und noch mehr Bildung, die man irgendwie an diese Menschen bringen möchte. Die erste Lösung zeugt von einem bedenklichen Menschenbild, die zweite scheint menschenfreundlicher. Grundsätzlich ist nichts gegen Bildung zu sagen, insbesondere wenn sie zu mehr Chancen, mehr Blickwinkeln oder einem kritischen Geist verhilft. Aber sie ist nur dann eine wirkliche Lösung, wenn die Gesellschaft wirklich meritokratisch ist. Und das ist sie nicht. Es ist nur eine Vorstellung, die ständig im Hintergrund politischer Überzeugungen steht. Manchmal hat man den Eindruck, dass dieser Überzeugung gefolgt wird, weil man dann das Vorhandensein von Armut den Menschen in Armut selber als Versagen – sie hätten sich halt nicht richtig angestrengt – vorwerfen kann und damit nicht mehr über gesellschaftliche Strukturen reden muss. Das Ergebnis ist aber, dass (a) Bildung als Lösung überbewertet wird, so dass jede Bildung als Lösung gilt und nicht mehr erläutert wird, wie spezifische Bildungsaktivitäten spezifischen Menschen in Armut genau helfen sollen und somit Bildung – ich erinnere an die ständige Erfahrung des Scheiterns – für Menschen in Armut, die damit ständig behelligt werden, eine negative Erfahrung wird – weil sich Hoffnungen auf einen Aufstieg durch Bildung halt oft nicht realisieren –, (b) dass wir auch nicht über andere Gründe für das Entstehen und die ständige Reproduktion von Armut reden können, wenn wir immer annehmen, dass es eigentlich die Fähigkeiten und Anstrengungen der Menschen selber sind, die sie aus dieser Situation befreien könnten (und sie im Umkehrschluss hineingebracht hätten) und (c) dass deshalb vielleicht andere Hilfestellungen, als noch mehr Bildung oder noch mehr Antreiben, Motivieren etc. nicht mehr thematisiert werden, worunter vor allem die leiden, die von solchen anderen Hilfeleistungen profitieren könnten – nämlich Menschen in Armut.

  4. Wenn wir uns anschauen, welche Interessen Menschen in Armut haben, dann sind das grundsätzlich drei: (a) Das Aussteigen aus der Armut, auch wenn dies teilweise mit unrealistischen Vorstellungen, wie dies zu erreichen sei, einhergeht. (b) Sehr oft geht es aber auch darum, dass Leben in Armut lebbar zu gestalten. Dies wird viel seltener thematisiert, auch weil es wie eine Kapitulation vor den Verhältnissen wirkt, so als wäre man gar nicht daran interessiert sein, dass Armut abgeschafft wird. Die Realität ist aber, dass es Menschen in Armut gibt und das ihre Chance, diesen Zustand zu verlassen, zumindest sofort, gering ist. Selbst wenn eine der politischen Parteien es tatsächlich schaffen würde, einen Weg zu finden, Armut in einer unserer Gesellschaften abzubauen und sich damit durchsetzen würde – zwei Dinge, die in den letzten 150 Jahren nicht passiert sind – würde dies einige Zeit dauern. Es gibt Menschen in Armut, sie sehen realistisch, dass sie längere Zeit in Armut leben werden und sie haben deshalb ein Interesse, dies so gut es geht, zu tun. Institutionen können darüber nachdenken, wie sie ihnen dies ermöglichen oder zumindest nicht noch schwerer machen können. (c) Entgegen aller Vorstellungen davon, dass Menschen in Armut schlechtere Eltern wären – und sei es nur aus Unkenntnis –, kann man festhalten, dass sie ein Interesse daran haben, dass es ihren Kindern besser geht, als ihnen selber und das zumindest diese aus Armut aussteigen können. Das unterscheidet sie nicht von anderen Eltern. Was sie unterscheidet, ist die soziale und ökonomische Situation.

4. Vorschläge für Bibliotheken

Ich will all dies jetzt zusammenfassen in Aufgaben für das Öffentliche Bibliothekswesen, die sich in Bezug auf das Thema Armut stellen:

  1. Die Bibliotheken sollten sich darüber klar werden, was sie eigentlich tun wollen. Gegen Armut sein, ist nett, aber wenig hilfreich, weil es nicht zu sinnvollen Angeboten führt. Wollen sie (a) die Menschen in Armut dabei unterstützen, ihr Leben in Armut besser lebbar zu gestalten, also zum Beispiel zugängliche Institutionen sein, auf die man sich verlassen kann? Wollen sie Informationen vermitteln, wie man dieses Leben besser führen kann, indem man sich zum Beispiel der eigenen Rechte gegenüber der zuständigen Ämter bewusst wird? (b) Oder wollen sie Menschen in Armut dabei unterstützen, aus der Armut auszusteigen? Das würde dann aber auch heißen, zu klären, wie das funktionieren soll: „Zugang zu Information vermitteln“ oder „Bildung, Bildung, Bildung“ sind keine immer sinnvollen Lösungen. Das heißt nicht, das nicht doch einzelne Menschen durch Bildung den Ausstieg aus Armut schaffen oder gerade in der Bibliothek die nötige Information finden, um das zu tun, aber es sind Vorschläge, die ihnen ehedem ständig gemacht werden, von den Ämtern, von der Gesellschaft, von der Presse – Bibliotheken wären da nur eine weitere Einrichtung, die das Gleiche sagen würde. Die gälte auch, wenn man es auf Kinder und Jugendliche oder die Unterstützung von Bildung in der Familie reduzieren würde. (c) Oder – der Vollständigkeit halber erwähnt – sollten Bibliotheken die Gesellschaft darüber aufklären, wie Menschen in Armut leben? Wann die verbreitete Vorstellung ist, dass jede oder jeder es mit eigener Anstrengung und Bildung schaffen könnte, nicht arm zu sein, wäre es für eine realistische gesellschaftliche Debatte vielleicht sinnvoll zu zeigen, dass dies nicht so ist.

  2. Bibliotheken sollten sich aktiv darüber informieren, wie Menschen in Armut leben und wie sie Bibliotheken tatsächlich nutzen. Das ist bislang ein ganz blinder Fleck, der jede Diskussion zum Thema im Ungefähren verlässt. Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Das Bibliothekswesen könnte auf Forschungen zur Armut aus anderen Wissenschaftsfeldern – der Soziologie, den Erziehungswissenschaften, der Forschung zur Sozialen Arbeit – bauen. Bibliotheken könnten sich aber auch selber informieren, sich gegenseitig ihrer Vorannahmen zum Thema hinterfragen und an der Realität testen oder aber sich direkt von Menschen in Armut informieren lassen, zum Beispiel indem sie diese bitten, von ihrem Leben zu berichten. Zu vermuten ist, dass Bibliotheken längst eine Rolle im Leben von Menschen in Armut spielen oder spielten, Bibliotheken dies aber bislang nicht wissen, weil sie nicht danach fragen.

  3. Aus diesen zwei Schritten ergibt sich erst, was Bibliotheken in Bezug auf Armut tun können. Auch wenn wir uns heute hier eigentlich treffen, um eine Antwort darauf zu finden, denke ich, dass eine richtige Antwort erst später möglich sein wird. Vermuten würde ich aber, dass Bibliotheken am sinnvollsten Handeln werden, wenn sie realistisch bleiben. Es ist für sie wohl einfach und machbar, als Einrichtungen zu funktionieren, die das Leben von Menschen in Armut lebbar machen, insbesondere indem sie eine verlässliche Einrichtung darstellen. Solche Einrichtungen als Basis des eigenen Lebens zu haben, kann einzelnen Menschen in Armut auch die Möglichkeit geben, Schritte aus der Armut heraus zu unternehmen. Das ist bestimmt richtig. Aber das gleich als Ziel zu setzen und Bibliotheken zum Beispiel als Einrichtung zu verstehen, die Menschen beim Ausstieg aus Armut helfen, scheint mir unrealistisch. Ebenso scheint es mir sinnvoll festzuhalten, dass die Lösung für Armut – also letztlich die Veränderung der Gesellschaft dahingehend, dass niemand arm sein muss – nicht in der Macht der Bibliothek liegt, sondern eine politische Aufgabe wäre. So gerne man manchmal den einen Hebel hätte, der diesen für unsere reichen Gesellschaften so skandalösen Zustand Armut zu beenden – es gibt ihn nicht. Deshalb werden die Bibliothek sich auch weiter mit der Frage Armut auseinandersetzen müssen.

5. Fazit

Am Schluss möchte ich noch einmal festhalten: Grundsätzlich haben Bibliotheken gute Voraussetzungen, um Menschen in Armut dabei zu unterstützen, ein besseres Leben zu führen. Dazu zählen:

  • Die hohe Verlässlichkeit der Angebote von Bibliotheken. (Wenn sie nicht gerade, ohne Rücksicht auf die konkreten Auswirkungen, sich ständig neu erfinden.)

  • Den Fakt, dass diese Angebote freiwillig genutzt oder auch nicht genutzt werden können.

  • Der Sicherheit, die der Raum Bibliothek bietet, nicht nur faktisch, sondern auch als imaginären Ort, in dem man sich der Alltagssorgen oder auch der Enge der eigenen sozialen Netzwerke für einen gewisse Zeit entledigen kann.

  • Und, nie zu vergessen, der kostenlose Zugang zum Raum und der kostengünstigen Zugang zu den bibliothekarischen Angeboten.

Aber, man darf sich dies auch nicht zu einfach vorstellen:

  • Die positive Wirkung, die Bibliotheken im Leben von Menschen in Armut haben oder haben können, wird wohl vor allem indirekt sein und nicht direkt auf ein Angebot, eine Struktur, eine Regelung zurückgeführt werden können.

  • Ohne das klar wird, was Bibliotheken in Bezug auf Armut tun sollen, wird unklar bleiben, ob sie tatsächlich eine positive Wirkung haben.

  • Bibliotheken müssen mehr darüber lernen, wie Menschen in Armut leben. Erst so kann klar werden, wie und wieso Bibliotheken in deren Leben wirken oder nicht wirken. Und nur so kann verhindert werden, dass Bibliotheken Menschen in Armut abstoßen, indem sie zum Beispiel Auswirkungen sozialer Situationen als moralisches Problem definieren und sich vielleicht vorstellen, Eltern in Armut beibringen zu müssen, dass zu Hause mit den Kindern über Gelesenes gesprochen werden muss, damit Literaturförderung funktioniert – weil diese dies vorgeblich nicht wüssten –, wenn das Problem eigentlich ist, dass diese Eltern mit zwei Jobs per Person einfach nicht die Zeit dafür haben.

  • Bibliotheken müssen sich, so mein abschließendes Wort, angewöhnen, mit Menschen in Armut zu reden und sie als Gruppe in ihre Forschungen, Befragungen und Planungen einzubeziehen.

 

Fussnote

Das ist ein Unterschied zu Menschen, die in unsere Gesellschaften migrieren. Da ist klar, dass diese vom Zugang zu Medien, die die jeweiligen Landessprachen vermitteln oder über das Leben in Österreich, Schweiz, Deutschland, Liechtenstein informieren, profitieren, weil diese sie beim Ankommen unterstützen, während der Rest der Gesellschaft ja schon da ist und die Landessprachen spricht.

Die Makerspaces und die Bibliotheken: Über Missverständnisse und übertriebene Hoffnungen sowie einen Vorschlag zur Neuinterpretation

Es wäre verfehlt, bei Makerspaces in Bibliotheken heute noch von einem Trend zu sprechen oder gar von einer Innovation. Das Thema hat sich in den letzten Jahren etabliert, die Anzahl von Bibliotheken, die Makerspaces eingerichtet haben, dies planen oder zumindest als Möglichkeit sehen, steigt immer weiter. (Einige Bibliotheken sind offenbar schon in der Phase angekommen, ihre Makerspaces wieder zurückzubauen oder Pläne dazu zurückzustellen, siehe z.B. Krompholz-Roehl 2016.) Grundsätzlich muss wohl auch nicht mehr erklärt werden, was das sein soll: ein Makerspace.1 Der Trend hat sich verstetigt und die Frage, “muss das eine Bibliothek jetzt auch noch machen” (Steele 2015; Colegrove 2013; Wong 2013), kann abgekürzt mit einem “offenbar machen es Bibliotheken” beantwortet werden. Ob das sinnvoll ist, ist damit noch nicht klar. Gleichzeitig ist das Thema noch einigermassen neu.

Es ist also ein guter Zeitpunkt, um einmal die ersten Erfahrungen zu sichten und Klarheit zu schaffen: Was ist das jetzt genau, ein Makerspace in Bibliotheken? Was kann man sich realistisch von ihnen erhoffen erhoffen? An welche Diskurse und Hoffnungen wird mit den Makerspaces angeschlossen? Wird das wieder aus dem bibliothekarischen Alltag verschwinden oder hat es sich auf lange Zeit etabliert? Hat es Bibliotheken verändert und wenn ja, wohin?

Grundsätzlich, wie fast immer bei bibliothekarischen Themen, liegen mehr Berichte aus Bibliotheken aus den englisch-sprachigen Ländern (des globalen Nordens) vor, als aus den deutsch-sprachigen (oder französisch-sprachigen). Und selbstverständlich lässt sich nicht alles von einem zum anderen Bibliothekswesen übertragen, auffällig ist aber doch, dass die Grundlinien ähnlich zu sein scheinen.

Versprechen von Makerspaces

Makerspaces werden in der bibliothekarischen Literatur gerne als Einrichtungen einer “Maker-Bewegung” beschrieben. (U.a. sehr explizit bei Meinhardt 2014; Rendina 2016; in der pädagogischen Literatur nicht anders, siehe Rosenfeld & Sheridan 2014) Es wird aber eigentlich nie geklärt, was diese “Bewegung” sei oder was sie will. Dadurch geht offenbar schnell vergessen, dass es hinter dieser “Bewegung” zumindest zum Teil einen spezifischen Verlag gibt, MakerMedia, der nicht nur das tonangebende Magazin Make: herausgibt (in Deutschland tut dies allerdings der Heise-Verlag) und die Marke “Maker Faire” hält. Der Verlag geht in eine spezifisch technik-orientierte Richtung von “Making” und Kreativität.

Richtig ist, dass es daneben eine ganze Anzahl von Makerspaces, Fablabs etc. gibt, die zum Teil auch versuchen, auf spezifische Gruppen einzugehen. (Rosner & Fox 2016) Um diese Einrichtungen herum gibt es mehrere Diskurse, die sie zum Beispiel mit Kreativität, verstanden als Erfindungsgeist, der sich wirtschaftlich auswirkt und den Kapitalismus retten wird (Anderson 2012, der argumentiert, dass dank Makerspaces Erfinderinnen und Erfinder direkten Zugang zum Markt hätten und nicht mehr Lizenzen an grosse Firmen vergeben müssten; Hatch 2014), mit Kreativität, verstanden als Demokratisierung (Hunsinger & Schrock 2016), mit sozialem Engagement (Rosner & Fox 2016), mit der “Rettung” progressiver Bildungstraditionen durch die “Hintertür” (weil es umbenannt und in “kreativer Technik” versteckt vermittelt wird, siehe Halverson & Sheridan 2014) oder mit neuen Formen des Lernens (Libow Martinez & Stager 2013, die allerdings auf Piaget verweisen; Sheridan et al. 2014) verbinden.

Begründungen für Makerspaces in Bibliotheken: Widersprüchlich

Obwohl all dies zu diskutieren wäre, ist für die bibliothekarische Diskussion doch festzustellen, dass nur sehr prekär auf diese Hintergründe Bezug genommen wird. Willett (2016) untersuchte den Diskurs um Makerspaces in Bibliotheken (in englisch-sprachigen Zeitschriften und Blogs) und kam zum Ergebnis, dass dieser Diskurs widersprüchlich und in vielem auch sehr breit ist. Makerspaces werden laut Willett in diesem Diskurs sowohl als Fortsetzung schon vorhandener Aktivitäten in Bibliotheken (“hatten wir schon immer”, wie Strickgruppen, Spielegruppen) beschrieben als auch als ganz neu, alles verändernd, den Nexus der Bibliothek verschiebend (“Zukunft, Disruption”) verstanden. Es gibt also, positiv interpretiert, eine Suchbewegung der Bibliotheken nach einer Sinn der Makerspaces, wobei sie sich nicht entscheiden können, ob die Makerspace neu oder alt wären.

Gleichzeitig, so Willett weiter, werden diese Makerspaces argumentativ mit selbstbestimmter, sozialer Bildung in Zusammenhang gebracht und dann von angeblich “traditioneller Bildung” abgegrenzt, ohne das klar wird, was das überhaupt sein soll, diese traditionelle Bildung (die als unkreativ gekennzeichnet wird) und was eigentlich neu sein soll an der Bildung in Makerspaces. Zwar wird behauptet, dass sie durch den Raum (Aufforderungscharakter), die Objekte, an denen gearbeitet und die verändert werden können, die Orientierung an Projekten (“bis was fertig ist/läuft”), der Möglichkeit zu “scheitern” und daraus etwas zu lernen, durch soziales Lernen in Gruppen und Hands-On-Lernen sozialere, freiere Formen der Lernens fördern würden (Kurti, Kurti & Fleming 2014a, 2014b, 2014c); aber das ist keine neue Idee, sondern eine die sich weit in die Bildungsgeschichte, bis mindestens ins 19. Jahrhundert, zurückverfolgen lässt ‒ was auch heisst, das Bibliotheken bei ihren Diskussionen um Makerspaces auf schon vorhandene Erfahrungen zurückgreifen könnten. Bibliothekarische Texte reflektieren dies nicht und stellen es eher so da, als gäbe es eine Dichotomie von “altem Lernen” versus Makerspace, die nicht weiter begründet werden müsse.

Willett zeigt auch, dass die “Kreativität”, auf die sich argumentativ berufen wird, zwar so klingt, als wäre das ein Anschluss an Kreativität in der Kunst, Musik etc., aber das dann als Beispiele für Kreativität in Makerspaces eigentlich immer nur “verwertbare” Kreativität, d.h. “Erfindungen”, die irgendwie direkt zu Geld gemacht, die Effizienz steigern oder anderswie verwertet werden können, genannt werden. Dies schränkt die Vorstellungen davon, was im Makerspace gemacht werden könnte, sehr ein. Nicht zuletzt wird in den bibliothekarischen Texten zwar immer wieder einmal behauptet, dass sich Makerspaces eignen würden, um zumindest alle Jugendlichen anzusprechen, insbesondere aus benachteiligten Gruppen, aber es wird nicht gezeigt, wie das funktionieren sollte.

Willett baut ihre Analyse auf einer kleinen Anzahl von Texten auf, die sie in mehreren Durchgängen analysiert, aber grundsätzlich scheinen sich ihre Ergebnisse auch auf den Grossteil der weiteren bibliothekarischen Literatur zu Makerspaces übertragen zu lassen. Die Begründungen dafür, warum Makerspaces eingeführt werden sollen, sind widersprüchlich, teilweise heben sie sich auf (“schon immer gemacht” vs. “Disruption”), teilweise sind sie nicht nachvollziehbar (“vor allem Benachteiligte werden angesprochen”), teilweise halten sie einer Überprüfung nicht stand (historische Vorläufe oder pädagogische Debatten werden nicht wahrgenommen, es wird eine “Bewegung” behauptet, die nicht unbedingt eine soziale Bewegung darstellt), teilweise basieren sie auf Behauptungen, die überprüft werden müssten (“das ist viel bessere Bildung”), aber nie überprüft werden.

Dabei gäbe es einige Forschungen, an denen bei Diskussionen über Makerspaces angeschlossen werden könnte. Zum Beispiel gibt es einige Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass in Makerspaces tatsächlich andere Formen des Lernens stattfinden, als in einfach strukturierten Klassenräumen (Bilandzic 2016; Nemorin 2016; Nemorin & Selwyn 2016; Koh 2015; Bilandzic & Foth 2013); aber nie voraussetzungslos.2 Einerseits müssen diese Makerspace nicht einfach “da sein”, um zu funktionieren, sondern pädagogisch betreut werden (d.h. es müssen Menschen da sein, die Projekte initiieren, vorantreiben etc.; das funktioniert offenbar kaum von alleine; schon gar nicht, wenn es langfristig wirksame Bildung sein soll, Bowler & Champagne 2016; Koh & Abbas 2015), zweitens sind die Lernerfahrungen in Makerspaces oft mit Misserfolgen und Frustration verbunden, laufen also nicht “einfach so” ab,3 drittens sind sie vom institutionellen Rahmen abhängig und eben nicht “frei” im Sinne von “neue Räume, die ganz anders sind” (Nemorin 2016; Nemorin & Selwyn 2016) und viertens ist damit noch nicht geklärt, ob es den “traditionellen Klassenraum” oder das “traditionelle Lernen”, von dem sich abgegrenzt wird, überhaupt gibt (und zwar heute noch) und ob “etwas anderes Lernen” auch heisst, besser oder mehr.4 (Sheridan et al. 2014 geben als Unterschied von Lernen im Makerspace ‒ wobei sie einen “richtigen” Makerspace ausserhalb jeder Bibliothek oder anderen Einrichtung untersuchten ‒ zu “traditionelleren” Lernarrangements an, dass in diesem vor allem viele unterschiedliche Lernaktivitäten in unterschiedlicher Intensität und Ausrichtung gleichzeitig stattfinden. Was relevant ist, aber nicht heisst, dass dieses Lernen per se besser wäre.) Grundsätzlich aber deuten diese Studien darauf hin, dass ein Makerspace in Bibliotheken zumindest als Ort des Lernens nur funktionieren wird, wenn er auch als ein solcher beständig betreut wird.

Wozu gibt es die? Schwer zu sagen

Eine Konsequenz aus diesen Widersprüchen und Ungenauigkeiten ist, dass aus den ganzen Texten zu Makerspaces in Bibliotheken eines nicht klar wird: Was genau die Ziele dieser Einrichtungen sein sollen. Also, was sich Bibliotheken davon erhoffen, sie einzurichten und wie im Weiteren geprüft werden sollte, ob die erfolgreich sind oder nicht.

Am einfachsten wäre es wohl, wenn Bibliotheken sagen würden, dass es jetzt Makerspaces und Makerfaires in grosser Zahl gibt, die gut aussehen und man gerne mal ausprobieren würde, ob sowas auch in Bibliotheken funktionieren könnte. Aber so argumentiert wohl niemand öffentlich.5 Ist man ehrlich, muss man feststellen, dass es gar nicht möglich ist, in einer Einrichtung diese ganzen widersprüchlichen Vorhersagen zu erfüllen. Der Aufbau vieler Makerspaces erlaubt es auch gar nicht wirklich, bestimmte Behauptungen zu überprüfen (z.B. wenn sie immer frei genutzt werden können, wie will man da ohne grösseren Aufwand (Koh 2015; Sheridan et al. 2014; Bilandzic 2013) überhaupt überprüfen, dass es zum Lernen kommt).

Aber vielleicht ist all das auch eine falsche Herangehensweise, die fälschlicherweise davon ausgeht, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen den Begründungen, die Bibliotheken in vor allem bibliothekarischen (und in den USA aus den Schulbibliotheken heraus auch in pädagogischen) Publikationen präsentieren, und der tatsächlichen bibliothekarischen Praxis gäbe. Denn obwohl diese Begründungen oft widersprüchlich und oberflächlich sind, hält das Bibliotheken nicht davon ab, ständig neue Makerspaces einzurichten oder die Idee von Makerspaces als “innovativ” anzusehen.6

Shannon Crawford Barniskis (Crawford Barniskis 2016) untersuchte in Wisconsin Bibliotheken im ländlichen Raum, die Makerspaces eingerichtet haben und kam zu dem Ergebnis, dass diese im Vergleich zu anderen Bibliotheken nichts auszeichnet, ausser das sie Makerspaces haben: Sie sind weder grösser noch kleiner, weder reicher (ressourcenstärker) noch ärmer, weder gesondert “innovativ” noch gesondert “traditionell”. Einzig, dass sie schon länger durchschnittlich etwas mehr Besucherinnen und Besucher in Programmen, welche die Bibliothek macht, hatten, als andere Bibliotheken, unterschied sie etwas. Allerdings gab es immer jemand in der Bibliothek, der oder die es wichtig fand, einen Makerspace zu haben. Das war der Hauptgrund, warum es gemacht wurde. Das deutet darauf hin, dass Makerspaces eher zu einem “normalen” Zusatzangebot geworden sind, welches eine Bibliothek haben kann oder auch nicht (wie Lesegruppen oder Häckelzirkel oder Spanisch-Lern-Gruppen), und das, wenn vorhanden, die Identität der jeweiligen Bibliothek mit bestimmt, aber sie nicht besonders hervorhebt. Eventuell verrät die Realität selber, also vor allem die Berichte aus Bibliotheken, mehr dazu.

Realität

Ein Grossteil der Texte zu Makerspaces, die in bibliothekarischen Medien erscheinen, sind dann auch keine Studien oder Überblickstexte, sondern Berichte aus konkreten Makerspaces, vor allem über deren Einrichtung und die ersten Erfahrungen mit ihnen. Auch ein Grossteil der Monographien zu Makerspaces in Libraries versammelt vor allem solche Erfahrungen, geht allerdings zum Teil noch kleinteiliger auf einzelne Projekte ein. (Egbert 2016; Hamilton & Hanke Schmidt, 2015; Willingham & de Boer 2015; Bagley 2014; Burke 2014; Preddy 2013)

Vor sich hin Tasten

Ana Canino-Fluit überschrieb einen solchen Artikel wie folgt: School Library Makerspaces: Making It up as I go. (Canino-Fluit 2014). Dieses “Making it up as I go” scheint eine viel bessere Beschreibung dessen zu sein, was in den Berichten über konkrete Makerspaces durchscheint, als die Ableitung aus Argumenten für dieselben. Zwar gibt es auch in den Berichten hier und da Verweise auf das eine oder andere Argument, aber hauptsächlich scheint das Einrichten von Makerspaces ein “vor sich hin Tasten”, ein “Ausprobieren in kleinen Schritten”; so als wären es wichtig, etwas hinzustellen, zu testen und zu schauen, was passiert. Die Begründungen erscheinen da eher als Motivation für das eigene Ausprobieren zu funktionieren, als würde man sie selber eher halbherzig glauben und schauen wollen, was geht. Und die Technik, die heute in Makersapces eingesetzt wird, erlaubt genau das, da sie nicht mehr so teuer ist und wenig Platz benötigt.7 Sicherlich gibt es immer wieder Beispiele in grossen, finanzstärkeren Einrichtungen, die auch viel mehr Geld investieren und grosse 3D-Drucker, Espresso Book Machines und teuer lizenzierte Software angeschaffen (de Boer 2015; Bilandzic & Foth 2013), aber der Grossteil der Texte formuliert mehr oder minder direkt, dass die Experimente mit dem jeweiligen Makerspace mit wenig Mitteln und wenig Platz unternommen wurden. (Lamb 2015, 2016; Alverson 2015; Dixon & Ward 2014; Graves 2014; Slatter & Howard 2013; Britton 2012)

Die Berichte gleichen sich in vielem, obwohl immer wieder andere Schwerpunkte der Makerspaces gesetzt oder andere Technologien eingesetzt werden. Grundsätzlich funktionieren sie gut, auch wenn einige Technologien nicht gut angenommen werden. Es finden sich eigentlich immer Menschen, vor allem Jugendliche, die zumindest für eine gewisse Zeit mitmachen. Sehr hoch ist das Interesse am Anfang, bei der Eröffnung, danach ist es notwendig, das die Bibliothek immer wieder selber das Interesse befeuert. (Ausser in Schulbibliotheken in US-amerikanischen Schulen, die sich manchmal so in den Alltag integrieren, dass sie recht selbstverständlich genutzt zu werden scheinen.) Die Bibliotheken ‒ zumindest die, die darüber berichten ‒ sind im Grossen und Ganzen zufrieden, betonen aber auch, dass ein Makerspace, wenn er funktionieren soll (wobei oft nicht geklärt wird, was genau “funktionieren” heisst, wohl gewiss im Mindesten “mit Leben gefüllt”), auch Arbeit bedeutet und dass die jeweiligen Technologien den Raum nicht alleine füllen.

Auffällig ist, dass viele Berichte gerade nicht von “festen”, permanent eingerichteten Makerspaces berichten, sondern auch von regelmässigen Makerspace-Treffen (Carr et al. 2016), von Boxen, in denen Makerspace-Materialien gelagert und zu bestimmten Zeitpunkten herausgeholt werden (Plemmons 2014), von einzelnen Angeboten, die nicht gesondert betreut werden (Lenton & Dineen 2016) oder von komplett mobilen Makerspaces (de Boer 2015). Offensichtlich wird das “Konzept” Makerspace ‒ wenn man dem Make:-Magazin folgt oft ein Verein oder eine (gemeinnützige) Firma mit eigenem Raum und Geräten, in die sich “eingemietet” werden kann ‒ in Bibliotheken uminterpretiert und teilweise sehr reduziert werden, was es aber auch kleinen Bibliotheken ermöglicht, die Idee irgendwie umzusetzen. Festzustellen ist auch, dass Bibliotheken den Begriff “Makerspace” weiter öffnen und unterschiedliche Dinge, die irgendwie zum “Machen” gezählt werden können, also bei denen Produkte entstehen, dem Makerspace zuzuordnen versuchen, entweder konkret (wie z.B. Stricken, Hamilton & Hanke Schmidt 2015) oder argumentativ (z.B. Fanfiction-Schreiben in der Bibliothek, Fullerton 2016).

Was als Thema “verschwindet”

Interessant ist, was, nach all den Versprechen zu Makerspaces, in den Berichten fast nie auftaucht: das Lernen an sich (also die Frage, was die Personen da eigentlich wie gelernt haben, ausser es wird Thema spezifischer Untersuchungen, die oft nicht von Bibliotheken selber durchgeführt werden, z.B. Sheridan et al. 2014), wer genau eigentlich kommt (einzig zum Alter gibt es manchmal Angaben, aber was ist mit dem Geschlecht? Mit den benachteiligten Gruppen, die angesprochen werden sollen? Mit den unterschiedlichen Generationen, die etwas voneinander lernen sollen?), die Community, die sich eigentlich um einen erfolgreichen Makerspace bilden sollte. Oder anders: All das, was man als Begründung für Makerspaces in der bibliothekarischen Literatur findet, findet sich eigentlich nicht (mehr) in den konkreten Berichten zu diesen Makerspaces. (Gleichzeitig wirft das zumindest wieder die Frage auf, ob am Ende nicht doch wieder nur die gleichen technik-interessierten männlichen Jugendlichen aus dem Mittelstand angesprochen werden.)

Das heisst einerseits, dass eine Überprüfung, Evaluation oder ähnliche Feststellung des Erfolges von Makerspaces gar nicht möglich ist. Voran sollte man sie denn messen?8 Gleichzeitig ist an den Berichten zu merken, dass die Makerspaces immer als Ergänzung zu anderen Angeboten der Bibliothek funktionieren. Egal, wie oft Bilder von der Zukunft der Bibliothek “nach den Büchern”, von Disruption oder ähnlichem bei der Argumentation für Makerspaces in Bibliotheken bemüht werden: Die Berichte aus Makerspaces deuten darauf hin, dass diese grundsätzliche “Neuerfindung von Bibliotheken” durch Makerspaces nicht stattfindet.

Spass als eigenständiger Grund

Andererseits deutet dies auf etwas hin, was ich hier stark machen möchte: Der Grund, warum einige Bibliotheken Makerspaces einrichten, Makerdays veranstalten etc. scheint ein anderer zu sein und die Begründungen eher ein Rauchvorhang, der aufgezogen ‒ und vielleicht von einigen Verantwortliche mit Budget auch geglaubt ‒ wird. Schaut man sich die Berichte an oder hört auf die Kolleginnen und Kollegen mit Makerspaces in ihren Bibliotheken, taucht ein Grund immer wieder auf: Es macht Spass, nicht in erster Linie den Nutzerinnen und Nutzern (denen aber auch), sondern dem Personal, mit der ganzen Technik zu arbeiten, rumzuspielen, sie auszuprobieren. Die Personen, welche die Berichte schreiben, sind oft sehr begeistert bei der Sache, probieren ständig Dinge aus, betreiben den Makerspace auch dann, wenn sie eigentlich keinen Platz haben und viel improvisieren müssen. (Z.B. Barack 2015; Graves 2015; Harris & Cooper 2015; Alverson 2015; Dixon & Ward 2014; Plemmons 2014; Graves 2014; Stoll 2013) Das deutet auf eine Motivation hin, die sich nicht einfach aus “Aufgaben der Bibliothek” erklären lässt. Und diese Motivation scheint mir persönlich zu sein. Das würde auch erklären, warum Makerspaces in einigen Bibliotheken starken Anklang finden und in anderen nicht.

Diese Motivation kann unterschiedlich benannt werden: Persönliches Interesse, Motivation, selbstgewähltes Thema, selbstgewähltes Interesse der Bibliotheksmitarbeitenden, Ausprobieren wollen etc. Ich fasse es hier der Einfachheit halber unter dem Begriff „Spass“ zusammen.

Weiter oben wurde schon die Studie von Crawford Barniskis (2016) aus Wisconsin angeführt, die Bibliotheken mit Makerspaces im ländlichen Raum untersucht hat und dort immer wieder auf Kolleginnen und Kollegen stiess (bzw. oft die Direktorinnen / Direktoren der Bibliotheken befragte, die dann über solche Kolleginnen / Kollegen berichteten), die am Makerspace persönlich interessiert waren. Crawford Barniskis fragte auch, aus welchen Gründen der jeweilige Makerspace eingerichtet wurde. Es wurden einige Gründe genannt ‒ unter anderem, was bedenkenswert ist, als Ort, an dem sich die ländliche Community, die gar nicht so close-knit sei, wie sich das vorgestellt wird, treffen kann ‒; aber letztlich stach heraus, dass der Spass alleine auch schon reicht: “However, the participants [of the study, K.S.] did not see the makerspace as solely instrumental. They described the goals of creating, having fun, and sharing as important enough to consider a makerspace, further impacts notwithstanding.” (Crawford Barniskis 2016:117-118). In einer Bachelorarbeit bei uns an der HTW Chur wurde unter anderem versucht, die Ziele hinter Makerspace zu erfahren. Dabei führte der Studierende eine Umfrage bei Bibliotheken mit Makerspaces durch (international) und gleichzeitig Interviews in der Schweiz. (Hanselmann 20169) Auch hier stellten sich die konkreten Ziele eher “messy” dar, wie an die eigentliche Idee, einen Makerspace einzurichten angehangen; obwohl gleichzeitig viele Makerspaces eingerichtet wurde. “Generell kann gesagt werden, dass sich viele Makerspaces schwer tun mit Zielsetzungen. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar, es wird jedoch oft davon gesprochen, dass sich die Makerspacebewegung deswegen nicht gerne in ein ‘Korsett’ von Zielen und Bewertungen zwängen will, weil dadurch die Kreativität und Spontanität eingeschränkt würde. Dass dem so ist, dafür fehlen jedoch die Beweise.” (Hanselmann 2016:21)

Meine These wäre: Würde man akzeptieren, dass es vor allem vom Interesse, dem Spass der Kolleginnen und Kollegen an ihm abhängt, ob ein Makerspace eingerichtet wird oder nicht, so würde man damit gut erklären können, warum und wie die Makerspaces in Bibliotheken aktuell sind. (Das würde nicht bedeuten, das alle anderen Begründungen per se falsch sind, sondern, dass sie nicht immer gelten, sondern nur manchmal.) Reformuliert: Mir scheint, dass Interesse des Bibliothekspersonals an Makerspaces erklärt viel besser, warum Makerspaces eingerichtet werden (und welche), als andere Ableitungen.

Allerdings: Das ist selbstverständlich kein Grund, der heute in bibliothekarischen Strategien und Zieldokumenten stehen würde: dass das Personal auch mal das tun kann, was ihm Spass macht und was es als sinnvoll ansehen. Es muss anders begründet werden, weil das der heutige gesellschaftlich akzeptierte Diskurs ist. (“Gute Arbeit”, wozu solche Art von Selbstbestimmung am Arbeitsplatz zählen würde, dass sagen die Gewerkschaften, manchmal rutscht es auch Politikerinnen und Politikern linker Parteien raus. Aber nicht den bibliothekarisch Verantwortlichen.) Dabei liesse sich selbstverständlich die Motivation von Mitarbeitenden stärken, wenn diese auch offiziell Dinge machen können, die ihnen Spass machen (und nicht allen machen Makerspaces Spass, aber einigen10). Gleichzeitig scheint mir, dass man, wenn man dieses “Interesse haben an” beziehungsweise die Agency des Bibliothekspersonals in die Erklärung mit einbezieht, viel besser erklären kann, wieso so viele Bibliotheken (und so schnell, ohne lange Diskussion) in den letzten Jahren Makerspace eingerichtet haben.

Fazit: Was bringen Makerspaces in Bibliotheken?

Zusammengefasst und um die Fragen, die am Anfang gestellt wurden, zu beantworten: Was genau Makerspaces in Bibliotheken bringen ist nicht zu klären, weil nicht zu klären ist, was genau sie eigentlich “bringen” sollen. Die Begründungen die für sie vorgebracht werden, sind widersprüchlich und oberflächlich. Zu vermuten ist, dass sie auch nur halb ernstzunehmen sind ‒ zumindest zeigt sich in den konkreten Makerspaces kaum etwas von diesen Begründungen. Vielmehr scheinen sie vom Interesse einzelner Akteurinnen und Akteure im Bibliothekswesen, insbesondere dem Personal direkt in den Bibliotheken, abzuhängen.

Gleichzeitig haben sich Makerspaces immens verbreitet und können heute zu den normalen Zusatzangeboten von Bibliotheken gezählt werden, die manchmal vorhanden sind und manchmal nicht. Sie werden die Bibliotheken nicht radikal ändern oder in ein neues Zeitalter katapultieren (auch nicht die Schulen oder Museen, die ebenso Makerspaces einrichten). Realistisch erhoffen kann man sich gerade beim Einrichten der Makerspaces ein grosses Interesse der Öffentlichkeit, weil sie offenbar ein gewisses Interesse ansprechen, und gleichzeitig die Notwendigkeit kontinuierlicher Arbeit im/am Makerspace, wenn er dann eingerichtet ist. Wie lange und nachhaltig diese Makerspaces sein werden, ist noch nicht zu sagen.11 Eine Anzahl von Bibliotheken berichtet davon, dass sie selber durch Makerspaces besser in ihre jeweilige Community integriert wären, aber das gilt offenbar vor allem bei Bibliotheken, die Teil von grösseren Institutionen (Schulen, Universitäten) sind. (Lotts 2016a, 2016b) Ob das auf Öffentliche Bibliotheken zu übertragen wäre, ist noch nicht geklärt. Gleichzeitig werden Makerspaces in den meisten Bibliotheken mit geringen Mitteln und Platz, dafür mit grossem persönlichen Elan eingerichtet, so dass sie, falls der Elan erschlafft oder sich einem anderen Thema zugewendet wird (Krompholz-Roehl 2016), auch schnell wieder entfernt werden können. Erwartet werden kann auch, falls die These stimmt, dass sich Makerspaces dadurch tragen, dass das Personal Spass mit und in ihnen hat, eine höhere Motivation des Personals durch die Makerspaces.

Insoweit scheint es nach den bisherigen Erfahrungen falsch, bei Makerspace von einem reine Hype zu sprechen, der vergehen wird. Ebenso falsch wäre es, an Makerspace zu grosse Erwartungen zu haben. Im besten Falle bereichen sie die Bibliotheken. Allerdings sind noch viele Fragen offen. So ist nicht klar, wer jetzt genau die Makerspaces in Bibliotheken (und in welchen Bibliotheken) für was nutzt. Stimmt die Vermutung, dass es nach dem Abflauen des ersten Interesses wieder nur “die gleichen” sind? Oder nicht? Einige Berichte (z.B. Ferrell 2016) zeigen eigentlich nur junge, männliche Jugendliche im Makerspace, andere (z.B. Koh 2015) aber nicht. Kann die Bibliothek mit ihrem Habitus einen Raum bilden, wo sich z.B. tatsächlich mehr Benachteiligte mit Technik auseinandersetzen? Oder mehr Mädchen als im Hackerspace? Mehr Menschen ausserhalb des Alterspektrums 15-35? Und für was werden die Makerspaces tatsächlich genutzt? Auch hier wäre die Antwort “Spass haben” oder auch “Zeit vertreiben” möglich, aber ist es das, was Bibliotheken wollen? Das sind offene Fragen; nicht mehr offen ist die Frage, ob Bibliotheken Makerspaces haben sollten oder nicht. Das haben Bibliotheken schon mit “ja, in einer gewissen Uminterpretation” für sich entschieden; auch gute Argumente dagegen würden daran nichts mehr ändern.

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Fussnoten

1 Interessant vielleicht: Es muss zum Teil übersetzt werden. Französische Bibliotheken haben auch Makerspaces, nennen sie aber viel eher FabLabs. Gleichzeitig wird in Makerspaces, FabLabs und ähnliche Einrichtungen ausserhalb von Bibliotheken manchmal Wert auf eine Abgrenzung gelegt (ein Makerspace ist kein FabLab ist kein Learning Commons ist kein…), aber das scheint in der bibliothekarischen Diskussion egal zu sein. In den deutsch-sprachigen und den englisch-sprachigen Ländern: Makerspace, Französisch-sprachig: FabLab (in der Schweiz, mal wieder, je nach Region).

2 “User observations and interviews show that social learning between strangers in such a public library place [like the one studied in this paper, K.S.] does not come naturally. There is a perceived lack of affordances to directly learn from other unacquainted creative users in the space. Users find it difficult to identify or approach other likeminded users. They, in general, remain unaware of and uninspired by each other’s subcultural domains of interest and expertise.” (Bilandzic & Foth 2013:270).

3 In der Literatur zu Makerspaces wird dieses “Fehler-Machen-Können, ohne das es schlechte Konsequenzen hat” als Vorteil angesehen (Hatch 2014; Anderson 2012), in der Realität funktioniert dies aber offenbar nicht immer motivierend (Nemorin & Selwyn 2016; Nemorin 2016; Sheridan et al. 2014).

4 Gerade das würde ich doch stark bezweifeln, wenn es einfach nur mechanistisch verstanden wird. Die pädagogischen Traditionen, die andere Lernformen als “traditionelles Lernen” hochhalten (und da gibt es viele, um nur drei zu nennen: Reformpädagogik – um eine der besseren Strömungen darin zu nennen: Freinet, mit dem schüler/innen-bezogenen Unterricht -, demokratische Bildung im Anschluss an John Dewey, Pädgogik aus dem Umfeld der Befreiungs-/Demokratisierungsbewegungen im Südamerika der 1960er Jahre, insbesondere Paulo Freire) beschäftigen sich zwar immer auch damit, andere Formen der Lernens, gerade soziales Lernen und ein Lernen aus der Perspektive der Lernenden zu ermöglichen, aber nicht einfach nur mit dem Ziel, dass diese “kreativer” Lernen, sondern immer mit weitergehenden Zielen, z.B. dass die Kinder und Jugendliche ihre Potenziale erkennen und sich selbst als aktive Menschen zu entwerfen lernen oder das die Unterdrückten ihre gesellschaftliche Situation zu analysieren lernen und den Lernprozess als gemeinschaftliches Streben zur Veränderung der Gesellschaft nutzen. Ohne diese weitergehenden Ziele ist “andere Formen des Lernens” reine Technik, wiewohl vielleicht sogar Technik, die gar nicht zu den Zielen der gewünschten Bildung passt (wenn die bäuerliche Bevölkerung bei Freire durch bestimmt Techniken lernen soll, das sie die Gesellschaft analysieren und verändern kann, wieso sollte diese Technik des kollektiven Lernens dann in einem Makerspace dafür taugen, funktionale “Kreativität” zu fördern, die ja gerade nicht nach der Gesellschaft und der gesellschaftlichen Position der Lernenden fragt, sondern nach Verwertbarkeit von Kompetenzen und Produkten?).

5 Das würde dann dahin führen, dass man fragen müsste, warum es “jetzt” diese Makerspaces gibt und dann darauf kommen könnte, dass das “jetzt” eher durch Öffentlichkeitsarbeit denn durch wirklich grosses gesellschaftliches Interesse ‒ über die schon früher an ähnlichen Einrichtungen und Tätigkeiten Interessierten hinaus ‒ entstanden sein könnte; oder aber, dass es vor allem der technische Fortschritt ‒ vor allem vorangetrieben und genutzt durch die Firmen mit den explizit kleinen und mobilen Techniken, die in Makerspaces verwendet werden ‒ sein könnte und wieder weniger ein gesellschaftliches Interesse; oder aber das das Interesse ‒ Kreativität als “verwertbare Produkte” ‒ ein anderes Interesse sein könnte, als es die Bibliotheken sonst als ihr Ziel formulieren. Wer weiss?

6 Letzteres ist z.B. die Erfahrung aus unserem Projekt LL.gomo an der HTW Chur, dass ‒ im Vergleich zu anderen Projekten ‒ erstaunlich positive Rückmeldungen aus Bibliotheken schon in der Planungsphase erhielt.

7 Wir haben einen 3D getestet, der 1500 CHF kostete und auf der leeren Fläche auf meinem Schreibtisch rechts am Fenster locker Platz fand. Das ist alles heute klein und ‒ für Institutionen, nicht für Privatpersonen ‒ billig zu haben.

8 Wenig hilfreich für diese Frage sind dann solche Aussagen wie die folgende: “The success of the Jocelyn H. Lee Innovation Lab should not be measured in the kilograms of 3D printed parts or the numbers of instructional contact-hours. It will be measured by the impact the makerspace has on the community, allowing patrons to explore new ideas and recognize their own potential for creativity and problem solving.” (Ferrell 2016:9) Klingt schön, aber was genau heisst das?

9 Die Arbeit wird demnächst auch im Rahmen der Churer Schriften zur Informationswissenschaft erscheinen. In der Arbeit findet sich eine Kriterienliste für die Auswahl von Technik für Makerspaces, die für die eine oder andere Bibliothek von Interesse sein wird.

10 Ich hatte auch sehr viel Spass beim Packen unserer Boxen für das Projekt LL.gomo, nicht nur mit dem 3D-Drucker. Insoweit kann ich das auch gut nachvollziehen, aber auch bei mir ist es ein Forschungsprojekt, dass mit “Innovation” und “State of the Art”-Argumenten verkauft wurde. “Ich denke, es wäre sinnvoll, mal mit dem Zeug rumzuspielen, von dem alle reden” wäre nicht möglich gewesen, egal wie oft bei uns an der HTW “Labs” gegründet werden. Labs sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

11 Eine Reihe von Schulbibliotheken in den USA berichtet von Makerspaces, die schon über einen längeren Zeitraum funktionieren (z.B. Plemmons 2016), aber die haben durch ihre direkte Einbindung in Schulen auch eine besondere Stellung. Ihre Erfahrungen lassen sich zumindest für die Frage der langfristigen Wirkung von Makerspaces nicht einfach auf andere Bibliotheken übertragen.