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„Bibliotheken sind kein Luxus‟ (1973) – Die Bibliothek der Zukunft ist nicht so anders als auch schon

Artikel zu Öffentlichen Bibliotheken sind in Tages- oder Wochenzeitung keine Seltenheit. Zwar nicht täglich, aber doch regelmässig sind Entwicklungen in Bibliotheken Thema grösserer Texte. Und warum auch nicht? Es ist ein Thema, dass sich den Redaktionen offenbar immer wieder einmal aufdrängt, das keinen grossen Widerspruch erwarten lässt und bei dem es zum Beispiel auch nicht schwierig erscheint, Gesprächspartner*innen zu finden. Ich habe hier einmal einen älteren dieser Texte herausgegriffen – und gerade nicht den aktuellsten –, um an ihm etwas zu besprechen: Nämlich, zuerst welche Themen sich wiederholen und dann, was das für die Entwicklung von Bibliotheken heisst.1

Rolf D. Schürch: „Bibliotheken sind kein Luxus‟. In: Wir Brückenbauer, 05. Oktober 1973, Seite 3. Digitalisat der Schweizerischen Nationalbibliothek: https://www.e-newspaperarchives.ch/?a=d&d=MIM19731005-01.2.14.1&e=——-de-20–1–img-txIN——–0—–

„Bibliotheken sind kein Luxus‟ von Rolf D. Schürch erschien 1973 in der Wochenzeitung „Wir Brückenbauer‟ des Migros [sprich: Migro], einer Genossenschaft, die heute noch in der Schweiz (und Liechtenstein) neben der Genossenschaft Coop [sprich: Cohp] den Einzelhandel prägt. Lange war insbesondere Migros auch eine politische Institution, die als „sozial-kapitalistisch‟ beschrieben werden könnte (nach kapitalistischen Prinzipien handelnd, aber mit sozialen Auftrag im Sinne der Verbesserung der Lebensverhältnisse – weshalb es zum Beispiel in der Migros weiterhin keinen Alkohol oder Tabak zu kaufen gibt). Sie – zumindest ihr Gründer Gottlieb Duttweiler, aber auch die „Migros-Partei‟ Ring der Unabhängigen – verstand sich als übergreifend für die ganze Schweiz, insbesondere alle Klassen, tätig. Wichtig ist hier: Das in dieser Wochenzeitung ein Text darüber erschien, wie mit einer Einrichtung wie Bibliotheken einem grossen Teil der Bevölkerung Zugang zu Medien und Informationen geschaffen werden könnte, war an sich nicht überraschend. Das passt gut in das Gesamtprogramm von Zeitung und Genossenschaft. Das dabei gefordert wird, dass sowohl Föderalismus der Gemeinden als auch übergreifende Strukturen gefördert werden sollte, ebenso – so funktioniert auch die Migros. Der Ton, in welchem der Text geschrieben ist, passt gut in die Zeitung selber.

Interessanter ist, dass der Artikel in der ersten Hälfte der 1970er erschienen ist; einer Zeit, die von gesellschaftlicher Veränderung und auch tatsächlicher Veränderung im Öffentlichen Bibliothekswesen geprägt war. Zehn Jahre vorher wäre dieser Text nicht erschienen. 1963 wurde über Öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum anders gesprochen und geschrieben. Aber – und auf diesen Punkt möchte ich am Ende wieder kommen – zehn Jahre später oder auch heute könnte dieser Text in grossen Teilen weiter so erscheinen. Er wurde zu einem Zeitpunkt geschrieben, wo sich (im Bibliothekswesen, aber nicht nur da) viel veränderte, was sich seitdem aber wenig änderte.

Der Text ist nicht nur ein Beispiel dafür, dass sich das Bibliothekswesen nicht so viel geändert hat, wie es das vielleicht gerne hätte und das viele Vorstellungen zwar neu erscheinen, aber es eigentlich nicht sind. Er ist auch ein Beispiel dafür, dass Journalist*innen seit einigen Jahrzehnten immer wieder ähnliche und sich wenig verändernde Texte über das Bibliothekswesen schreiben.

Themen

Ich empfehle, den Artikel (plus die Bildunterschrift und die beiden „Kästchen‟ auf der Zeitungsseite) selber zu lesen. Hier werde ich, ein wenig voraussetzend, dass er bekannt ist, einige Themen aus dem Text besprechen.

Das Buch und die moderne Medienentwicklung

Warum wurde der Text überhaupt geschrieben? Sicherlich: Es ist ein Text in einer Wochenzeitung, die nicht nur der politischen Information, sondern auch der Unterhaltung und, ähm, der Information über Angebote bei Migros und zu Migros gehörender Einzelhandelsunternehmen bieten wollte (Cassettobox für 24 Kassetten bei exlibris für 8 CHF – das waren andere Zeiten (S. 15)). Insoweit muss nicht jeder Text einen klar erkennbaren Grund haben. Die gleiche Ausgabe enthält zum Beispiel einen Fortsetzungsroman (S. 14), eine als Gespräch getarnte Diskussion darüber, wer dafür haftet, wenn ein Hund ein Kind beisst (S. 6) und eine Kolumne dazu, wie viel oder wenig Kühlschränke auf Bakterien und Viren in Lebensmitteln einwirken (S. 2). Aber es finden sich auch zahlreiche Artikel, die einen explizit aktuellen Inhalt haben und zum Beispiel auf die Situation der Erwachsenenbildung nach der Ablehnung der Bildungsartikel in einer Volksabstimmung eingehen (S. 1), politische Ereignisse kommentieren (S. 1, S. 4, S. 8) oder Entwicklungen in der Migros selber schildern (S. 2).

Für den Text über Bibliotheken aber gibt es keinen erkennbaren Grund: Kein Neugründung, kein Jubiläum, keine Katastrophe. Es scheint, als wäre die Redaktion der Meinung gewesen, dass es einmal Zeit für dieses Thema wäre. Sie führt den Artikel wie folgt ein:

„Angesichts der Entwicklung neuer Informationsmedien wurde dem Buche bis vor kurzem der langsame Tod vorausgesagt. Der schwarze Pessimismus scheint nun aber zumindest verfrüht. Nach wie vor steigt weltweit die Zahl der produzierten Bücher ebenso wie die Beliebtheit der Bibliotheken, vorab in angelsächsischen und skandinavischen Ländern. Ein wachsendes Bedürfnis nach mehr Wissen und Information in unserer Zeit lässt die Bibliothek längst nicht mehr als Luxus für wenige erscheinen.‟

Wir sehen hier die Annahme, dass es offenbar die weit verbreitete Vermutung gibt, dass „neue Informationsmedien‟ das Buch verdrängen würden – aber diese Vermutung falsch wären. Es wird nicht gesagt, welches diese neuen Informationsmedien sind. Auch nicht, wer genau denn eigentlich erwartet, dass diese neuen Informationsmedien Bücher verdrängen würden. Stattdessen informiert die Redaktion hier, dass Bibliotheken weiterhin wichtig seien.

Diese argumentativen Sprünge finden sich nach den 1970ern in zahllosen vergleichbaren Texten:

  • Die Behauptung, es gäbe die Vermutung, dass bestimmte neue Medien oder Technologien sich durchsetzen und deshalb Bücher an Bedeutung verlieren würden. Welche diese Medien oder Technologien sind, wandelt sich: In den 1970er redet man zum Beispiel über Kassetten, in den 1980ern über Videokassetten, in 1990ern über Computer in Haushalten, in den 2000ern über das Internet, irgendwann auch über E-Books oder über Audiobooks. Aber immer gibt es die Idee, dass irgendwer erwarten würde, dass diese Medien gerade Bücher obsolet machen würden. Kaum einmal (auch nicht hier) wird gesagt, wer genau das vermutet oder warum eigentlich. Es wird einfach als bekanntes Bild aufgerufen.
  • In den Texten – manchmal, wie hier, direkt am Anfang, manchmal auch im Laufe des Textes – stellt sich dann heraus, dass das gar nicht stimmt. Anschliessend ist das dann für den Text selber kein Thema mehr, sondern oft nur ein Aufhänger für das eigentliche Thema. Aber immer wieder praktisch der gleiche Aufhänger.
  • Der Artikel springt von der Aussage, dass Bücher doch nicht verschwinden, sofort zu den Bibliotheken. Man könnte auch zum Buchhandel, zu Verlagen, zur Leseforschung oder Medienentwicklung springen – es ist also vom Beginn her eigentlich nicht ausgemacht, dass es um Bibliotheken geht. Aber auch dieser Sprung von Büchern direkt zu Bibliotheken, der nicht wirklich erläutert wird, findet sich in solchen Texten regelmässig. Für die Autor*innen scheint dieser Sprung nicht der Erläuterung würdig.

Die Bibliothek als etwas anderes, nur keine Bibliothek

Der eigentliche Text beginnt dann mit einem Café crème. Es gibt ihn hier noch nicht wirklich, sondern erst in einer „Bibliothek der Zukunft‟, aber offenbar einer, die sehr, sehr kurz bevorsteht. Worauf der Artikel auch gleich kommt, ist dass diese Bibliothek etwas anderes ist. Etwas, das man am Besten mit anderen Einrichtungen beschreibt:

„ Herr Bücherwurm befindet sich nämlich weder in einem Tea Room noch in einem Restaurant: Er sitzt in einer Bibliothek der Zukunft.‟2

Was der Text sagt, ist, dass es in Zukunft um Bibliotheken um etwas anderes geht, als um das, was offenbar als normal angesehen wird. Die Bibliothek wird dann etwas mehr sein, als sie bislang ist. Sie wird gemütlich sein, mehr (und andere) Menschen als bislang ansprechen, mehr Funktionen übernehmen:

„Diese Bibliothek ist im Stadtquartier Informationszentrum und Begegnungsstätte zugleich. Hier fühlen sich Heiri Hablützel (angelernter Fräser) und Vreni Fuhrimann (Nurhausfrau) ungeniert wohl. Bisher haben sie wie Lokomotivführer Bücherwurm und viele andere Leute aus lauter Angst und Misstrauen vor Büchern und Bildung einen weiten Bogen um Bibliotheken gemacht.‟

Dieser Absatz ist paradigmatisch dafür: Empirie wird nicht betrieben (Zum Beispiel: Wer besucht eigentlich bislang Bibliotheken? Das wird eher als bekannt vorausgesetzt.). Stattdessen werden Begriffe, die aktuell in der bibliothekarischen Literatur verbreitet sind, benutzt – hier „Informationszentrum‟ und „Begegnungsstätte‟, zwei Begriffe, die man in den frühen 1970ern zum Beispiel in der „Buch und Bibliothek‟ oft lesen konnte. Was diese Begriffe im Bezug auf Bibliotheken heissen, wird nicht richtig ausgeführt. Sind sie für sich alleine, als Begriffe, ausreichend? Wo kommen sie überhaupt her? Hat sich der Autor sie ausgedacht? Lagen sie „in der Luft‟? Es scheint eher, als hätte er sie aus den Interviews – die er ja im Artikel auch direkt zitiert – und der Recherche, die er für den Artikel durchgeführt hat, übernommen. Hier, in diesem Text, ist sogar ein Gespräch (mit Tista Murk) angegeben, in dem der Begriff „Informationszentrum‟ direkt fällt.

Es scheint, als wären sie als Begriffe überzeugend genug, um eine Veränderung anzuzeigen, ohne das geklärt wird, wie genau das vonstatten gehen soll. Es gibt Andeutungen: Diese neuen Bibliotheken würden bestimmte Bevölkerungsschichten ansprechen, hier als Arbeiter und Hausfrau gekennzeichnet, die sich bislang davon abhalten lassen würden, eine Bibliothek zu nutzen, weil diese einen falschen Ruf hätte und zudem bislang offenbar als fern von ihren eigenen Lebenswelten angesehen würde. Und zwar dadurch, dass die Bibliotheken gemütlich (durch Café crème oder auch die Einrichtung, die im gleich an diesen Absatz folgenden Zitat von Heinrich R. Rohrer erwähnt wird) und das Medienangebot breit würde.

Gleichzeitig soll die Bibliotheken neue Aufgaben übernehmen, was unter dem Begriff das „Informationszentrum‟ und später im Text mit „moderne[r] Informationsmanager‟ dargestellt wird. Was genau heisst das? Das wird nicht gesagt, aber – wieder weiter hinten im Text – es ist etwas anderes als „alte Schwarte[n]‟ oder das Spitzweg‛sche Gemälde vom lesenden „Bücherwurm‟.

Ebenso gleichbleibend scheint, dass Bibliotheken als schon auf dem Weg hin zu dieser „Bibliothek der Zukunft‟ gezeichnet werden: Noch nicht ganz da, aber doch auch schon nicht mehr „wie früher‟. Das scheint eines der Grundmotive dieses Artikels zu sein: Die Bibliotheken bewegen sich – die Politik oder die Gesellschaft müsse jetzt nur mitziehen.

Heute haben sich die Begriffe geändert, unter denen ähnliche Ideen im Bibliothekswesen besprochen werden. Wenn Journalist*innen für ihre Artikel mit Bibliothekar*innen über die Veränderungen in Bibliotheken reden, kommen diese neueren Begriffe auf und erscheinen dann wohl deshalb – ebenso wenig konkret geklärt wie das „Informationszentrum‟ – in ihren Artikeln, vielleicht weil sie ähnlich überzeugend klingen, aber inhaltlich offen bleiben. Es gibt heute tatsächlich auch in eigentlich allen schweizerischen Bibliotheken einen Café crème. Aber sonst scheint sich nicht so viel verändert zu haben.

Wachstum

Was ist eigentlich das Problem?

„1948 wurden hier [in der Berner Volksbücherei

] bei einem minimen Bücherbestand von nur 4000 etwas über 17 000 Bände ausgeliehen, 1961 waren es bei einem Bestand von 17 120 Büchern schon 57 045. Im Jahre 1971 aber offerierte die Volksbücherei bereits rund 117 000 Bücher – vom Kinderbuch bis zum Sachbuch – mit der Rekordzahl von 444 445 ausgeliehenen Werken.‟

Öffentliche Bibliotheken in der Schweiz sind, folgt man dem Artikel, 1973 massiv erfolgreich. Mehr Entlehungen, mehr Nutzende, mehr Projekte, die in die Zukunft gerichtet sind, sogar mehr Bibliotheken. Es ist, wie gesagt, gar kein Text darüber, dass es Bibliotheken schlecht gehen würden oder gar das sie vor dem Zusammenbruch stehen würden. Wie oben gesagt: Warum genau der Text geschrieben wurde, ist nicht ersichtlich.

Es scheint eher, als wäre alles auf einem guten Weg. Die Politik müsste es nur noch richtig unterstützen, damit es noch besser würde. Es gäbe schon Einrichtungen, die eine solche Ausweitung unterstützen könnten und Vorstellungen, wie diese Veränderungen zu bewerkstelligen wären. Es gibt in diesem Text auch niemand, welche*r dieser Entwicklung irgendwie widerspricht und zum Beispiel sagen würde, „nein, Bibliotheken braucht es nicht‟ oder „das Geld wäre aber besser bei der Feuerwehr / dem Stadtverschönerungsverein / dem Tourismus / mehr Tea Rooms angelegt‟. Vielleicht ist die lokale Politik etwas schwerfällig hinterher, aber sonst: Was ist eigentlich das Problem?

Auch das ist in solche Texten normal: Folgt man solchen Artikeln, ist eigentlich das meiste immer schon auf einem guten Weg.

Fortschritt

Der Artikel ist auch voll von Entwicklungen, die als positiv dargestellt werden. Neben der Zunahme an Bibliotheksnutzung („Benützerexplosion‟) vor allem Projekte und neue Strukturen: „Hilfe zur Selbsthilfe‟ beim Aufbau von Bibliotheken durch die Schweizerische Volksbibliothek, Wachstums des Schweizerischen Bibliotheksdienstes, Schweizerischer Gesamtkatalog, die bevorstehende Gründung von drei Bibliothekscentern in drei Sprachregionen (das Räto-Romanische geht mal wieder leer aus). Was auffällt ist, dass Fortschritt vor allem als Aufbau von neuen Strukturen und von Projekten beschrieben wird. Sicherlich: Das ist etwas, über das man in einem Artikel dieser Art gut berichten kann, insoweit hat es vielleicht auch etwas mit dem Medium Wochenzeitung zu tun. Aber es ist doch eine spezifische Vorstellung von Fortschritt, die hier geschildert wird – eine, bei der zum Beispiel nicht so richtig gefragt wird, was dieser Fortschritt genau verändert. Auch das findet sich heute noch in ähnlichen Texten wieder.

Spitzweg

Wenn überhaupt ein Problem angesprochen wird in diesem Text, dann, dass es bislang bei vielen Menschen ein falsches Bild von Bibliotheken gäbe. Deswegen auch wird Spitzweg‛s bekanntes Bild – dessen Bibliothekar aber eigentlich gar nicht in einer Volksbibliothek steht – erwähnt. Die Behauptung zieht sich durch den Text: Bibliotheken würden schon hübscher, ansprechender, mehr, gemütlicher, relevanter für den Alltag (wenn man „Informationszentrum‟ so verstehen will) werden, aber es gäbe einfach ein altes Bild von Bibliotheken, dass Personen davon abhalten würde, diese neuen Bibliotheken zu besuchen.

Stimmt das? Welche Bilder haben diese Personen und woher eigentlich? Was genau wird dagegen getan? Auch das: So richtig klar ist nicht. Spitzweg zitieren mag sich anbieten, aber dessen Bild – schon zeitgenössisch eine Karikatur – wurden gegen 1850 gemalt, ist also auch 1973 schon über hundert Jahre alt.

Der Artikel – und auch das findet sich bis heute in solchen Artikeln – geht darauf nicht ein. Vielmehr wird ein Missverhältnis zwischen vorgeblichen Bild von Bibliotheken und vorgeblicher Realität behauptet und gleichzeitig postuliert, dass das Bild zu überwinden die Lösung für dieses Missverhältnis wäre. Das wird mit der Zeit – also wenn es auch in späteren Jahrzehnten immer wieder in solchen Artikeln auftaucht – immer unglaubwürdiger: Müsste sich mit der Zeit nicht doch das Bild von Bibliotheken geändert haben? Wenn nicht, wo kommen „die falschen Bilder‟ her? Oder würde es dann nicht sinnvoll sein, zu fragen, warum sie reproduziert werden? (Sind sie zum Beispiel gar nicht das Problem, sondern vielleicht nur Ausdruck eines tieferen Problems, dass überhaupt nicht mit neuen Bildern weggehen würde? Oder sind diese „veralteten‟ Bilder gar nicht so falsch? Aber wie kann das sein, wenn doch Bibliotheken seit Jahrzehnten dabei sind, sich zu verändern?)

Skandinavien und Bibliotheksgesetze

Vielleicht ist das Problem ja auch, dass die Schweiz nicht „Skandinavien‟ ist? Zumindest taucht als Vorbild für Bibliothekswesen in diesem Text mehrfach Skandinavien auf. Es wird als „Mekka vieler schweizerischer Bibliothekare‟ beschrieben, ohne zu klären, wieso eigentlich (oder das erwähnt würde, dass die dortigen Gesellschaften anders strukturiert sind, als die Schweiz, beispielsweise viel zentraler). Auch dieses Wissen scheint irgendwie vorausgesetzt zu werden. Dafür gibt es hier die Behauptung, Bibliotheken würden dortzulande3 noch mehr geachtet als hierzulande:

„Eine schöne und moderne Bibliothek ist dort eine Prestigeangelegenheit.‟

Vielleicht soll der Artikel dazu auffordern (Aber wen? Die Politik? Die Gesellschaft?), Bibliotheken auch als Prestigeangelegenheit anzusehen? Das ist ungeklärt, aber – auch das ist in Texten dieser Art bis heute normal.

Einen konkreten Hinweis gibt aber zweimal, einmal im Artikel, einmal im „Kästchen‟ daneben: Der Wunsch nach einem Bibliotheksgesetz. Es wird als „Geheimnis‟ bezeichnet, warum es in Dänemark so viele gute Bibliotheken gäbe. Gleichzeitig wird die geplante Ausweitung der Schweizerischen Volksbibliothek über ein Gesetz gefordert, aber auch gleichzeitig der Eindruck erzeugt, dass dies kurz bevorstehen würde:

„Das Eidgenössische Departement des Innern möchte das Projekt reiflich und wohlwollend prüfen. Eine Gruppe von Parlamentariern will sich im National- und Ständerat dafür einsetzen.

Erwartet wird auf dem Wege über die Gesetzgebung des Bundes die Bestätigung der Aufgaben zur Förderung des Bibliothekwesens, wie dies bei der Landesbibliothek und der ETH-Bibliothek bereits der Fall ist.‟

Werbung für Bibliotheken

In diesem Artikel werden Bibliotheken sehr, sehr positiv dargestellt. Sie gelten als wichtig, ihre Entwicklung wird als richtig und wichtig erläutert. Gefordert wird von ihnen, wenn überhaupt etwas, dann so weiter zu machen: Mehr davon. Ein Bibliotheksgesetz (ein Dauerwunsch des Bibliothekswesens) wird nicht direkt gefordert, aber indirekt doch. Kritik gibt es keine. An Problemen wird benannt, dass es ein veraltetes Bild von Bibliotheken gäbe, bei einigen Menschen – aber das scheint sich gerade zu ändern. Und, dass es zu wenig Geld gäbe, weil es in Dänemark mehr hätte.

Grundsätzlich ist dieser Artikel Werbung für Bibliotheken – man weiss aber nicht so recht, wofür genau. Aber für das, was man einige Jahre später „Marke Bibliothek‟ nennen wird, schon.

Solche Texte, wie schon erwähnt, erscheinen seit den 1970ern regelmässig im DACH-Raum. Sicherlich, zwischendurch gibt es auch Pressemeldungen über gekürzten Bibliotheksetat oder kurze Meldungen über Umbaumassnahmen oder kleine Probleme. Wenn Bibliotheken geschlossen werden auch mal Artikel zu Protesten dagegen (was noch eine ganz eigene Artikelgattung darstellt, bei der Bibliotheken ebenso sehr positiv dargestellt werden). Aber die grossen, seitenlangen Beiträge klingen eigentlich immer wieder so, wie dieser Artikel. Das ist interessant, weil man aus der bibliothekarischen Literatur nicht unbedingt den Eindruck erhält, es gäbe in der Öffentlichkeit ein gutes Bild von Bibliotheken. Dort wird immer wieder einmal beklagt, dass das Bild von Bibliotheken in der Öffentlichkeit veraltet sei – was halt nicht stimmt, wenn man die Presse als Öffentlichkeit nimmt. Aber bei diesem Bild teilen offenbar Bibliotheken und Journalist*innen die gleiche Vorstellung.

Doch, ehrlich gesagt, könnte man sich bessere Werbung für Bibliotheken in diesem Medium nicht wünschen, selbst wenn man dafür bezahlen würde.

Schulbibliotheken

Ein Thema, dass nicht so oft in solchen Artikeln angesprochen wird, aber hier halt doch, sind Schulbibliotheken. Diese erhalten sonst oft eigene Artikel, nicht so oft, aber doch alle Jahre wieder einmal. Hier ist es ein eigener Abschnitt, in welchem behauptet wird, sie hätten bislang „vielerorts ein trauriges und stilles Schattendasein [gefristet]‟, jetzt aber hätte „man [wer?] die Bedeutung einer modernen Schulbibliothek erkannt‟. Sie würden zur Demokratisierung der Schule beitragen und hätten zudem „im modernen Arbeitsunterricht eine zentrale Bedeutung: Sie dient Schülern und Lehrern gleichermassen als Informations-, Lese- und Arbeitsstätte. Nicht zuletzt soll sie die Schüler unter anderem auch auf die Benützung von Spezialbibliotheken vorbereiten.‟

Auch hier finden sich vor allem Begriffe, die zeitgenössisch in der bibliothekarischen Literatur zu finden waren.4 Der Ton gleicht dem des restlichen Artikels: Die Veränderung steht kurz bevor, weil klar wäre, welche es sein müsste. Es ist nicht zu sehen, wer sich dem in den Weg stellen sollte.

Und heute noch klingen Artikel zu Schulbibliotheken so, als wäre bewusst, wie Schulbibliotheken bislang sind, als wäre klar, dass sie so, wie sie sind, schlecht sind. Dass aber auch bekannt sei, wie sie werden müssten. Und so, als ob es bald besser würde – auch wenn es schon in den 1970ern so klang.

Aber: Warum werden Schulbibliotheken hier überhaupt erwähnt? Sie sind keine Öffentlichen Bibliotheken. In den realen Schulbibliotheken ist die Verbindung zu Öffentlichen Bibliotheken auch selten Thema. Aber in der bibliothekarischen Literatur wird es so beschrieben, als wären Schulbibliotheken eigentlich Teil des Öffentlichen Bibliothekswesens, wenn einmal über Schulbibliotheken gesprochen wird. Auch hier scheint der Artikel sehr vom bibliothekarischen Diskurs selber gesteuert zu sein.

Was hat sich geändert?

1973 ist nun schon eine recht lange Zeit her – und doch habe ich bis jetzt vor allem betont, dass sich bei solchen Artikeln wenig geändert hat. Aber stimmt das? Was hat sich vielleicht doch geändert?

  • Einfach zu sehen ist: Die Namen der Institutionen sind heute andere. Die Schweizerische Volksbibliothek ist heute die Stiftung Bibliomedia Schweiz (tatsächlich mit drei Standorten in drei der vier Sprachregionen). Der Schweizerische Bibliotheksdienst heisst heute sdb (und ist jetzt Tochterunternehmen der ekz). Wenn im Artikel von zwei Bibliotheksverbänden gesprochen wird, bei dem sich der eine aus dem anderen herauslöst, sind beide heute wieder ein Verband, der bibliosuisse (vereinigt unter dem Eindruck, man müsse sie zusammenführen, um eine gemeinsame Stimme zu haben).
  • Ein Bundesgesetz über Bibliotheken gibt es in der Schweiz weiterhin nicht (wie auch in einem föderalistischen Staat), aber es gibt tatsächlich eine Anzahl von kantonalen Bibliotheksgesetzen. Wie wirksam sind sie? Das ist nicht einfach zu beantworten – vor allem ist es aber kein Thema der bibliothekarischen Literatur.5
  • Was sich geändert hat, ist, dass sich damals, 1973, als dieser Artikel erschien, im Bibliothekswesen in der Schweiz (und im restlichen DACH-Raum) tatsächlich viel veränderte. Viele Öffentliche Bibliotheken (und Ludotheken) feierten letztens erst 50 Jahre Bestehen oder werden es bald tun. Es gab damals Anfang der 1970er eine Gründungswelle von Bibliotheken über die grossen Städte hinaus. Dies bedeutete oft auch, dass die Gemeinden begannen, einen regelmässigen Etat (beziehungsweise schweizerisch: einen Kredit) zu sprechen, das Bibliotheksgebäude gebaut oder zumindest Räume für Bibliotheken eingerichtet wurden. Infrastrukturen wurden etabliert. Insoweit hatten die Diskurse von bevorstehender Veränderung, die auch diesen Artikel tragen, schon eine gewisse Nachvollziehbarkeit: Es änderte sich sichtbar etwas (nicht nur in den Bibliotheken), insoweit war es überzeugend, noch mehr Veränderung zu erwarten. Aber gilt das heute, 50 Jahre später, immer noch? Wie kann nach 50 Jahren praktisch von der gleichen Veränderung erwartet werden, dass sie demnächst kommen wird? Wie kann zum Beispiel die bessere Präsentation von Medien oder die gemütlicher eingerichtete Bibliothek 50 Jahre, nachdem man die Medien schon besser präsentieren und die Bibliothek gemütlicher einrichten wollte, eine Veränderung in der Nutzung von Bibliotheken hervorbringen? Nicht so sehr die eigentlichen Diskurse, aber die Überzeugungskraft der vorgebrachten Bilder scheint sich verändert zu haben – allerdings nicht so sehr, als das sie nicht doch immer wieder aufgerufen werden.
  • Die 1970er Jahren waren im DACH-Raum (mit Ausnahme der DDR, aber selbst dort gab es zum Beispiel mit den Jugendweltfestspielen 1973 die Hoffnung auf Liberalisierung) eine Zeit der gesellschaftlichen Liberalisierung. Die Grundidee der Demokratisierung prägte Überlegungen und Planungen. In diesem Artikel spiegelt sich das explizit in dem Abschnitt über Schulbibliotheken wieder: „Sie [die moderne Schulbibliothek] soll die Liberalisierung der Bildung im modernen Schulwesen ermöglichen helfen und den jungen Menschen frühzeitig durch Bereitstellen von Informationsmaterial zu selbständigen intellektuellen Erfahrungen führen. Ausserdem möchte sie sein kritisches Urteilsvermögen fördern.‟ Aber auch die Vorstellung, dass die Bibliothek für alle geöffnet werden sollte, speist sich aus dieser Vorstellung, dass eine moderne Gesellschaft eine liberale und demokratische Gesellschaft sein müsse, in der alle in der Lage sein müssen, sich zu informieren und zu bilden, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Das ist heute eigentlich kein Thema mehr (nicht nur im Zusammenhang mit Bibliotheken). Man kann sich streiten, wieso. Ist die Gesellschaft schon ausreichend (oder zumindest ausreichend mehr als in den 1970ern) liberal und demokratisch? Ist das kein Ziel mehr? Ist es durch andere Ziele (zum Beispiel alle Menschen als Träger*in von „Humankapital‟ zu verstehen und zu fördern) ersetzt worden? Auffällig ist aber, dass das in den heutigen Artikeln über Bibliotheken dieser Art und auch der bibliothekarischen Literatur fehlt. Dieser gesellschaftspolitische Anspruch – der ist verschwunden.
  • Der Artikel beginnt mit „Heiri Hablützel (angelernter Fräser) und Vreni Fuhrimann (Nurhausfrau)‟. Beide sind erfunden, doch sie stehen offenbar für die Personengruppe, die bislang Bibliotheken nicht besuchen würden, die aber mit den Bibliotheken der Zukunft angesprochen würden: Arbeiter, Hausfrauen. Weiter im Artikel findet sich das Zitat von Tista Murk: „Vor allem die junge und jüngere Generation und dann wieder die Aelteren lesen heute eher mehr als früher.‟ Das hat sich heute auch geändert: Die Personengruppen, von den man ausgeht, dass sich nicht lesen, sind andere geworden. Man kann diskutieren, welche. Aber interessant ist eher, dass sich die Bilder derer, die man ansprechen möchte, ändern, während sich die Ideen, wie man sie ansprechen möchte, weniger ändern. Eine Gruppe, der man unterstellt, dass sie bislang nicht Lesen / nicht in Bibliotheken gehen würde, die aber mit einem Umbau der Bibliothek dann lesen / in die Bibliothek kommen würden, gibt es immer. Was sich hingegen nicht geändert hat, dass solche Texte ohne empirische Untermauerung auskommen, also gar nicht erst zeigen, ob es diese jeweilige Gruppe gibt oder wie deren Leseinteressen / Bibliotheksaktivitäten eigentlich sind – das wird als bekannt vorausgesetzt. Ebenso wie, dass sie von Bibliotheken angesprochen werden, wenn die Bibliotheken nur gemütlicher werden, die Medien besser präsentieren und neue Funktionen übernehmen.
  • Ein Begriff, recht am Ende des Artikels, lässt aufhören: „Sie [die Bibliotheken in der Schweiz bis zur Neuzeit] war der Masse fremd, die sich bestenfalls zur «geistigen Suppenküche» verlief.‟ Geistige Suppenküche – auch hier offenbar kein Begriff, der extra eingeführt werden muss, sondern auf den einfach so zurückgegriffen wird. Aber einer, den man heute kaum noch hört und wohl eher erklären muss. Wo kommt er her? Er stammt aus einer Zeit vor den 1970er Jahren. Ende des 19. Jahrhunderts begannen im Bibliothekswesen die damals neuen Lesehallen, aber auch die Arbeiterbibliotheken und Öffentliche Bibliotheken, die von Kirchgemeinden betrieben wurden, nicht nur zu wachsen, sondern auch sich polemisch abzugrenzen. Ihre Forderung war, als „richtige‟ Bibliotheken anerkannt und finanziert zu werden, die „ohne kommerzielle Interessen‟ einfach nur Bildung verbreiten wollten. Dazu grenzten sie sich nicht nur gegeneinander ab, sondern auch von einer Institution, die weit verbreitet war. Der sogenannten „kommerziellen Leihbibliothek‟, also Einrichtungen, die den Verleih von Büchern (und Heften) auf kommerzieller Basis betrieben, oft in Verbindung mit anderen Geschäften (zum Beispiel Buchhandlungen, aber auch allgemeinen Kiosken). Diesen wurde – selbstverständlich auch, um sich abzugrenzen – vorgeworfen, nur bestehen zu können, indem auf literarische Qualität oder Bildungsinhalt von Literatur nicht geachtet wurde: Nur, wenn sie umstandslos die literarischen Interessen der Massen abdecken würden, möglichst billig, möglichst viel, könnten sie finanziell überleben. Zum polemischen Begriff dazu wurde „geistige Suppenküche‟ (auch „literarische Suppenküche‟). Hier ist egal, ob der überhaupt berechtigt war (natürlich nicht, er war eine Polemik6). Interessant ist, dass er in einem Artikel von 1973 noch einmal erscheint, obgleich die Einrichtung, gegen die Bibliotheken so abgegrenzt werden sollten, eigentlich gar nicht mehr existierten und obwohl die Abgrenzung keinen Sinn mehr machte, weil die modernen Bibliotheken ja jetzt auch darauf zielten, alle Menschen anzusprechen und nicht mehr literarisch zu erziehen. Er scheint hier in gewisser Weise „übergeblieben‟. Heute ist er fast nicht mehr verständlich, vielleicht weil wir uns historisch von den bibliothekarischen Auseinandersetzungen von Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts entfernt haben und weil sich ein Verständnis von Bibliothek etabliert hat, dass diese Abgrenzung auch nicht mehr sinnvoll macht.

Fazit

Was lässt sich also aus diesem Artikel von 1973 lernen, insbesondere wenn man – was ich hier nicht gezeigt habe, aber was man selber gut überprüfen kann – davon ausgeht, dass sich solche Texte seit den 1970er Jahren in Wochenzeitungen und im Feuilleton grosser Tageszeitungen im DACH-Raum in gewissen Regelmässigkeit finden?

Zuerst wohl, dass nicht alles, was in ihnen als Veränderung dargestellt wird, vor allem als kurz bevorstehende Veränderung, tatsächlich eine Veränderung darstellt. Dieses Bild basiert oft auf immer wieder reproduzierten Bildern, Vorstellungen und – well – Vorurteilen (zum Beispiel darüber, was Gruppen, die nicht in die Bibliothek kommen, eigentlich wollen würden). Gleichzeitig wohl auch auf Hoffnungen von Bibliotheken, die wenig hinterfragt werden (Warum gibt es diese Hoffnungen? Wer hat die? Was genau wird sich eigentlich erhofft?) Warum gibt es diese ständige Reproduktion und warum fällt die in der bibliothekarischen Literatur vielleicht gar nicht so auf? Mir scheint, sie ist Teil des modernen Bibliothekswesens. Eine moderne Bibliothek geht heute davon aus, dass sie sich verändern müsse, dass sie die Medienpräsentation verändern müsse, dass es Gruppen gäbe, die wegen falschen Vorstellungen davon, was Bibliotheken sind, nicht in die Bibliothek kommen. Dabei geht es vielleicht gar nicht darum, ob diese Vorstellungen stimmen, sondern darum, dass sie zur Identität einer modernen Bibliothek gehören.

Ist das hilfreich für die Entwicklung von Bibliotheken? Das ist eine andere Frage. Auch die Reproduktion einer Institution ist ja eine Aufgabe, die Arbeit erfordert. (Um hier Luhmann ganz, ganz abzukürzen.)

Es lässt sich aber auch vermerken, dass nicht alles an vorgeschlagener Entwicklung von Bibliotheken, was auf den ersten Blick logisch oder sinnvoll erscheint, das auch wirklich ist. Auch nicht, wenn es als neue Idee daherkommt (wie zum Beispiel Bibliotheksgesetze, die immer wieder einmal als neue Idee vorgeschlagen werden und bei denen man dann „entdeckt‟, dass es sie in anderen Ländern – in Skandinavien, aber eigentlich auch anderswo – schon lange gibt7). Wie man in diesem Artikel von 1973 lesen kann, ist die Vorstellung, Bibliotheken würden an einem veralteten Bild von Bibliotheken in der Gesellschaft leiden oder die Vorstellung, das Buch wäre irgendwie durch neue Medien oder Informationstechnologien bedroht oder das Schulbibliotheken Informationszentren werden sollen oder halt das Bibliotheksgesetze sinnvoll wären, schon älter. Das hat sich nicht verändert, nur leicht verschoben. (Was hat sich dann eigentlich tatsächlich verändert?) Es ist deshalb nicht sofort falsch, aber halt offenbar auch nicht einfach so richtig.

Aber man sollte den Blick nicht nur auf das Bibliothekswesen richten. Was man aus diesem Text auch lernen kann, ist, dass Journalist*innen immer wieder praktisch den gleichen Text über den Zustand von Bibliotheken schreiben: Einen, der davon ausgeht, dass Bibliotheken eigentlich irgendwie bedroht wären, dann aber – oft im Gespräch mit Vertreter*innen des Bibliothekswesens – merken, dass das gar nicht stimmt, sondern das Bibliotheken sich entwickeln würden und schon Vorstellungen davon hätten – ausgedrückt oft in gut zitierbaren Schlagworten, die dann auch zitiert werden – wohin sie sich entwickeln sollten. Das sind dann immer wieder auch Texte, in denen die Schreibenden offensichtlich „Pro Bibliothek‟ sind. Aber halt auch solche, die sich über die Jahrzehnte wenig ändern.

 

Fussnoten

1 Es spricht auch für ihn, dass er – da er aus der Schweiz stammt – voller Helvetismen steckt, was ich immer gut finde: Wir sollten alle möglichst viele Varietäten des Deutschen lesen, um zu sehen, wie bunt auch diese Sprache eigentlich sein könnte / ist. Schon als Gegengift gegen die Idee, Sprache sei immer gleich, eindeutig und unveränderlich. Aber das als Nebenthema.

2 Vom „Tea Room‟ sollte man sich nicht irritieren lassen, falls das irritiert. Das ist ein Helvetismus. Es sind Cafés mit Gebäckangebot und kleiner warmer Küche, die sich in der Schweiz praktisch in jeder Gemeinde finden. (Ich tippe vom Namen her auf ein Überbleibsel aus der Zeit der „grand tour‟. Guten Tee gibt es in ihnen im Allgemeinen leider nicht.) In einem Text aus Deutschland würde hier Café oder Konditorei stehen, in einem aus Österreich vielleicht Kaffeehaus.

3 Auch in diesem Artikel gibt es dieses Phänomen, dass nicht klar ist, welche Länder hier zu Skandinavien gezählt werden und welche nicht – was bei einem Artikel in einer Wochenzeitung vielleicht nicht so auffällig ist, weil das nicht das Thema des Textes ist. Aber es gilt halt auch für Texte dieser Zeit – oder heute – in bibliothekarischen Medien.

4 Es würde mich nicht wundern, wenn sie Wort für Wort in: Schweizer Bibliotheksdienst (1973). Planung von Schulbibliotheken. In: Informationsblatt der Genossenschaft Schweizer Bibliotheksdienst (Oktober 1973) 3. stehen, der damals aktuellsten schweizerischen Publikation zu Schulbibliotheken. (Habe ich aber leider gerade hier nicht vorliegen.)

5 In einer Bachelorarbeit (Buck, Ute. Die Schweizer Bibliotheksgesetze: ein Vergleich der Wirkung anhand festgelegter Kriterien. Bachelorarbeit FH Graubünden, 2019) war die Antwort: Etwas weniger als kantonale Richtlinien für Bibliotheken.

6 Nicht nur war die „kommerzielle Leihbibliothek‟ eine wichtige Einrichtung, um überhaupt die Massen-Alphabetisierung zu erreichen, auf die dann die Industrialisierung, aber auch das moderne Bibliothekswesen aufbauen konnte. Auch ist die Abgrenzung in der Schweiz nicht so klar: Bis vor wenigen Jahren gab es hier zum Beispiel noch Bibliotheken, die – wie die „kommerziellen Leihbibliotheken‟ – Gebühren nach einzelnen Ausleihen berechneten. (Als: Kosten pro ausgeliehenem Buch, nicht nur eine einmalige Jahresgebühr.)

7 Ich erinnere mich gut, wie in den frühen 2000er Jahren die Bertelsmann-Stiftung das als neues Ziel für Bibliotheken verkündete und ihr darin von vielen gefolgt wurde. Ich kann nicht der Einzige sein, der sich daran erinnert.

Was heisst es, dass es keine Bibliothekspädagogik gibt?

In der Juni-Ausgabe der BuB – Schwerpunkt „Bibliothekspädagogik‟ – findet sich ein Text von Richard Stang (Stang 2020), indem darlegt wird, dass es bislang eigentlich keine solche Pädagogik gibt und auch, was geklärt werden müsste, um eine solche zu schaffen. Dazu würde ich gerne etwas sagen. Einerseits hat Stang meiner Meinung nach vollkommen Recht, aber andererseits scheint mir die Lösung – wenn man das so nennen will – eine ganz andere zu sein, als die, die Stang einfordert. Weil das Problem ein anderes ist.

Zuerst werde ich dafür darstellen, wo ich Stang zustimme (I.), um dann zu diskutieren, wo ich denke, dass er zu kurz ansetzt (II.). Es geht wieder einmal darum, dass hier eine Struktur des Bibliothekswesens vorliegt, die mehr betrifft, als „nur‟ das Thema Bibliothekspädagogik. Dabei, so wird nochmal kurz diskutiert (III.), ist es natürlich nicht so, dass in diesem Bereich niemand versucht, etwas zu verändern. Aber eine Struktur verändert sich wohl nicht, nur weil einige Engagiert das wollen, solange andere durch die Struktur (unbewusst) etwas gewinnen. Am Ende (IV.) möchte ich kurz andeuten, was sich den sonst ändern sollte, weil das, was Stang einfordert, wohl nicht kommen wird. (Sichtbar sollte im Text auch werden, dass dies keine Kritik an Richard Stang oder seinem Text ist, sondern dass der Text vor allem einen Aufhänger darstellt, um etwas Weitergehendes zu besprechen.)

I.

In seinem Text stellt Stang zu Recht dar, dass zwar – wie zum Beispiel auch der restliche Schwerpunkt der BuB nach seinem Artikel zeigt – in der Bibliothek immer wieder von Lernen, Bildung und so weiter gesprochen wird, aber gleichzeitig in Bibliotheken keine pädagogische Planung oder Reflexion stattfindet. Er betont, dass pädagogisches Handeln immer auf der Basis von Lerntheorien – also Theorien, die darstellen, wie Lernen stattfindet – fusst, von denen aus jeweils geplant wird, was und wie in welchen Veranstaltungen, Settings oder mit welcher Infrastruktur gelernt wird. Planungen auf der Basis von Lerntheorien ermöglichen dann die Durchführung von Veranstaltungen, den Aufbau von Infrastruktur und letztlich auch die Überprüfung, ob die Lerneffekte, die man geplant hat, tatsächlich eingetreten sind.

Das findet in der bibliothekarischen Arbeit nicht statt: Fast kein Nachdenken über Lerntheorien, kein pädagogisches Planen, keine pädagogisch basierte Überprüfung dessen, was an Lernen angeboten wird. Eine pädagogische Fundierung all dessen, was im Bibliothekswesen – vor allem einmal im Öffentlichen – unter Schlagworten wie Lernen, Bildung, Pädagogik stattfindet, fehlt.

„Die Bibliothekslandschaft steht vor der Herausforderung, den Diskurs über die Orientierung von Bibliothekspädagogik zu intensivieren, wenn sich Bibliotheken auch als pädagogische Einrichtungen beziehungsweise Bildungseinrichtungen verstehen wollen. In diesem Fall führt kein Weg an einer erziehungswissenschaftlichen Fundierung der Bibliothekspädagogik vorbei.‟ (Stang 2020: 318)

[Man könnte vielleicht für die medienpädagogische Arbeit, die in Öffentlichen Bibliotheken durchgeführt wird, eine Ausnahme machen. Aber diese ist, wie in einem Text im gleichen Schwerpunkt diskutiert wird (Müller 2020), auch nicht wirklich in der bibliothekarischen Arbeit verankert – vielleicht gerade deshalb.]

Stang spitzt schon zu Anfang seines Textes zu und fragt die Bibliotheken:

„Wie wird pädagogisches Handeln definiert, oder dient der Begriff der Pädagogik nur einer marketingbezogenen Aufladung von Veranstaltungen?‟ (Stang 2020: 316)

Am Ende seines Textes fordert er das Bibliothekswesen dann auf, die Situation zu verändern und kurz gesagt die Arbeit an einer Bibliothekspädagogik zu beginnen, die wirklich nicht nur ein Sammelname für eine Anzahl von Angeboten sein soll, sondern eine Pädagogik wie – so sein Beispiel im Artikel – die Erlebnispädagogik.

„Die Problemlagen lassen sich nur auflösen, wenn eine klare Positionierung erfolgt.‟ (Stang 2020: 318)

Über weite Strecken ist Stang bis hierhin zu folgen. Das er in seinem Artikel nochmal die drei wichtigsten Lerntheorien erklären muss und sie nicht einfach voraussetzen kann, ist nur ein Zeichen dafür, wie wenig basiert die bibliothekarische Arbeit im Bereich Pädagogik ist: Das müsste man in anderen Zusammenhängen gerade nicht. Ich werde zu dem Eindruck, dass vielleicht Angebote in Bibliotheken nur pädagogisch genannt werden, weil dies einen Marketingeffekt hat, weiter unten noch etwas sagen. Aber grundsätzlich kann ich ihn verstehen. Auch der Lösung, die Stang einfordert, kann ich einiges abgewinnen: Wenn das Bibliothekswesen sich dazu durchringen könnte, eine Position dazu zu beziehen, was genau bei ihm „pädagogisch‟ heisst, und daraus Konsequenzen ziehen würde, könnte es diese Situation endlich verändern. (In meiner Promotion, die sich um die Bildungseffekte Öffentlicher Bibliotheken kümmerte, bin ich grundsätzlich zu einem ähnlicher Ergebnis gekommen. (Schuldt 2009))

Aber – und hier setze ich im nächsten Teil an – das wird so nicht geschehen. Und zwar nicht, weil es nicht hilfreich wäre. Sondern, weil es nicht in den Rahmen der bibliothekarischen Arbeit, so wie sie aktuell organisiert ist, hineinpassen würde.

II.

Stang fokussiert in seinem Artikel aus gutem Grund auf die Pädagogik. Aber wenn wir den Blick einmal auf andere mögliche Veränderungen in Bibliotheken weiten – also vor allem die, die in der bibliothekarischen Literatur aktuell immer wieder vorkommen, also offenbar als Thema Relevanz haben –, wie zum Beispiel wenn Bibliotheken davon reden, Teil einer „neuen Stadtkultur‟ werden zu wollen oder Communities stärken zu wollen, zeigt sich eher eine Struktur: In der bibliothekarischen Literatur, nicht nur in der BuB sondern zum Beispiel auch in Jahresberichten oder Bibliotheksstrategien, werden immer wieder Themenbereiche angesprochen, auf die sich Bibliotheken beziehen, und bei denen man erwarten würde, dass es dann tiefer gehen würde, aber die doch sehr oberflächlich bleiben (wenn man als Grundsatz anlegt, dass mindestens die Hauptpunkte, die ansonsten bei diesen Themen erwähnt werden, diskutiert werden sollten).

Wenn Stang Wert darauf legt, das pädagogisches Planen und Handeln auf einer Lerntheorie basieren muss, dann liesse sich ähnlich beim Thema „Stadtkultur‟ erwarten, dass geklärt wird, was eigentlich Stadtkultur heisst – ob zum Beispiel über Verdrängungsprozesse und die Domestizierung von Gegenkultur nachgedacht wird oder über Entwicklung von Wohnverhältnissen oder über Planung und Entwicklung von Immobilien – oder bei Communities, wie eigentlich verstanden wird, wie diese sich bilden und reproduzieren – praktisch, in Analogie zu Lerntheorien, Communitytheorien. Aber das passiert nicht.

Man kann festhalten, dass es offenbar zu bibliothekarischen Arbeit gehört, nach Ansätzen von ausserhalb zu schauen und sich von dort Begriffe anzueignen, aber diese dann nur eingeschränkt zu verarbeiten und praktisch nicht auf den Hintergrund dieser Begriffe einzugehen. Einige dieser Begriffe werden in die bibliothekarische Arbeit oder zumindest in die bibliothekarische Literatur übernommen, aber die tatsächliche bibliothekarische Arbeit scheinen sie kaum zu berühren.

Warum ist das so? Ich hätte eine These, die auch damit zu tun hat, über was in der bibliothekarischen Literatur so gut wie nicht gesprochen wird: nämlich von der „normalen‟ Arbeit von Bibliotheken, dem Bestandsmanagement, der Beratung der Nutzer*innen, der Ausleihe. Das wenig über diese reale bibliothekarische Arbeit gesprochen wird, und viel über andere Themen, scheint mir strukturell angelegt. Das Reden und Nachdenken über andere Themen deckt in gewisser Weise die reale bibliothekarische Arbeit.

Mir fällt das zum Beispiel oft auf, wenn ich in Bibliotheken Strategieprozesse begleiten soll (oder Ähnliches). Nicht selten sitze ich dann mit Kolleg*innen in der Bibliothek und mache in Workshops Bestandsaufnahmen, diskutiere Ziele und Wege, um diese Ziele zu erreichen – das wiederholt sich ja. Und wir reden über vieles: Darüber, wie die Bibliotheken sich und die eigene Arbeit wahrnehmen. Darüber, was sie sich wünschen. Darüber, welche Angebote anderer Bibliotheken sie kennen und gut oder weniger gut finden. Aber praktisch nie reden wir über die Prozesse, wie eigentlich die Medien – zwischen denen wir zumeist sitzen – in die jeweilige Bibliothek kommen und auch fast nie darüber, wie die normale Ausleihe stattfindet oder andere „normale‟ Tätigkeiten organisiert sind. Es geht immer wieder um Themen, bei denen Begriffe aufgerufen werden, die von ausserhalb des Bibliothekswesens stammen und die dann oft trotzdem nicht so genau gefüllt sind. Dabei könnte man immer auch über die Bestandsarbeit reden.

Das heisst aber nicht, dass das nur aus Marketingzwecken gemacht wird. Der Eindruck, den ja, wie weiter oben gesagt, Stang auch erwähnt, drängt sich manchmal auf, wenn man mit etwas Wissen zu einem Thema auf das schaut, was Bibliotheken unter diesem Thema tun. Zugegeben.

Aber vielmehr scheint mir dieses Verhalten als Struktur erklärbar: Bibliotheken verstehen sich heute als Einrichtungen, die sich immer irgendwie in Bewegung sehen. Irgendwas muss verändert werden, irgendwie muss über immer über Entwicklungen nachgedacht werden. Gleichzeitig scheinen Bibliotheken oft den Eindruck zu haben, irgendwie hinter den notwendigen Entwicklungen zu sein. Dabei ist erst mal egal, ob das ein realistisches Bild ist. Auffällig ist für mich eher, dass diese Grundeinstellung, dass man etwas verändern müsse, vorherrschend ist.

Sicherlich würden sich gute Gründe für die Notwendigkeit von Veränderungen finden lassen. Aber auffällig ist, dass diese in der bibliothekarischen Literatur gar nicht diskutiert werden, sondern oft nur mit einigen, oft stereotypen Floskeln abgehandelt werden, um dann schnell dazu überzugehen, die jeweilige Veränderung zu diskutieren. In diesem Zusammenhang ist das Übernehmen von Begriffen aus anderen Bereichen als dem Bibliothekswesen selber Teil dieser Struktur: Bibliotheken haben den Drang, sich zu verändern. Aber eigentlich läuft die normale bibliothekarische Arbeit recht gut (selbstverständlich könnte man auch die immer besser machen; dafür müsste man sie thematisieren – aber sie läuft). Insoweit wendet man sich anderen Bereichen zu. Veränderungen, die aus diesen anderen Bereichen kommen, stellt man sich aber fast immer als Ergänzung der schon getätigten bibliothekarischen Arbeit vor – auch wenn man das nicht richtig thematisiert. Es geht aber eigentlich immer um einen gewissen „Anbau‟: Veranstaltungen neben der eigentlichen Arbeit. Räume, die zusätzliche Funktionen haben. Personal (gerne aktuell Medienpädagogik*innen, wie oben schon gesagt), die zusätzliche Funktionen übernehmen.

Strukturell geht es offenbar immer wieder darum, den Kern wenig oder gar nicht zu verändern, sondern zu ergänzen. Auch das erlebe ich bei Strategieberatungen: Über die bibliothekarische Arbeit am Bestand und mit dem Bestand wird sich, wenn überhaupt, eher abwehrend geäussert. Manchmal wird das als der Bereich beschrieben, den die weniger veränderungsbereiten Kolleg*innen machen. Aber dann schaut man sich um in der Bibliothek und — es ist weiterhin der wichtigste Teil der eigentlichen Arbeit. Egal, wie sich über diesen in den Strategieworkshops geäussert wird. (Was manchmal passiert, ist, dass in den Pausen solcher Workshops die Kolleg*innen anfangen, über Bestandsarbeit zu reden, beispielsweise über Verlage, mit denen sie gerade Kontakt hatten oder darüber, wie Bestand umgeräumt werden soll. Aber nach der Pause geht es wieder um anderes.)

Das scheint mir aufeinander bezogen zu sein: Das kaum-Reden über die eigentliche Arbeit in der Bibliothek und das recht oberflächliche Übernehmen von Begriffen aus anderen Bereichen, ohne den eigentlichen Hintergrund aus diesen Bereiche mit zu Übernehmen. Würden Bibliotheken aber zum Beispiel anfangen, so wie das Stang fordert, Position zu pädagogischen Grundlagen zu beziehen, würde es um den eigentlichen Kern der bibliothekarischen Arbeit gehen, der verändert werden müsste. Aber solange die Übernahme von Begriffen sich vor allem auf „Anbau‟ bezieht, lässt sich die eigene Forderung von Bibliotheken an sich selber (Veränderung) mit dem Aufrechterhalten der eigentlichen Struktur (also dem Kern der Arbeit) verbinden.

Wie so oft ist das Reden über Veränderung im Bibliothekswesen (nicht nur dort) eigentlich ein Nicht-Reden über die vorhandene Realität, das Reden über (die Bibliothek) Zukunft ein Nicht-Reden über (die Bibliothek) Heute. Aber nicht als bewusstes Verdecken irgendeines Zustandes, sondern als Ergebnis der Struktur, das Bibliotheken nominell Veränderung anstreben, aber gleichzeitig die eigentliche Arbeit oft recht profan, recht alltäglich, aber auch erfolgreich ist. Nicht schlecht, nicht falsch, aber nicht im Diskurs von Veränderungen etc. gut darzustellen.

III.

Das Beispiel Bibliothekspädagogik ist dabei noch ein besonderes: Hier ist es einfach, mehrere Engagierte zu finden, die seit Jahren versuchen, etwas zu verändern. Einige tun dies aus eine Position an Fachhochschulen heraus. Stang ist nur einer davon. In der gleichen BuB-Ausgabe findet sich auch ein Text, in welchem Kerstin Keller-Loibl (2020) ein „Plädoyer für die Etablierung einer Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin‟ vorlegt – was man machen kann, aber was Keller-Loibl schon seit Jahren versucht. Die beiden bei Stang erwähnten Holger Schultka und Wilfried Sühl-Strohmenger arbeiten daran auch sehr sichtbar seit Langem aus Bibliotheken und bibliothekarischen Vereinigungen heraus. Im „Handbuch Informationskompetenz‟ von Sühl-Strohmenger und Martina Straub (Sühl-Strohmenger & Straub 2016) gibt es beispielsweise auch schon eine Darstellung von Lerntheorien, wie sie kurz bei Stang gegeben werden, weil dort ebenso davon ausgegangen wird, dass diese eine Grundlage für pädagogisches Handeln darstellen müssen.

Ich selber hatte über lange Jahre einen Lehrauftrag an der FH Potsdam um in „Bildungsdienstleistungen‟ (nicht mein Wort) für Bibliotheken einzuführen – weil die FH es einst als notwendig für eine moderne Bibliothek ansah, das dieses Thema vorkommt. (Was jetzt nicht mehr der Fall ist. Dieses Thema wurde mit anderen Themen ersetzt.)

Und vor allem finden sich an vielen, vielen Stellen im Bibliothekswesen Kolleg*innen, deren Aufgabe es ist, Angebote unter der Bezeichnung „Bibliothekspädagogik‟ zu machen und die selbstverständlich das auch nicht tun, ohne zu versuchen, dass Thema zu verstehen und zu gestalten – auch wenn es, wie Stang andeutet, oft gerade nicht so geschieht, wie man es aus einem pädagogischen Blickwinkel her angehen würde. Aber auch diese Kolleg*innen machen sich selbstverständlich Gedanken. Einige ziehen sich darauf zurück, dass sie ihre Arbeit „aus dem Bauch heraus machen‟ (was Stang kritisiert), aber andere versuchen immer auch mehr zu tun. Nur wird das wenig sichtbar.1 Es gibt auch keinen richtigen Ort dafür (also keine regelmässigen Veranstaltungen oder Diskussionen oder so weiter), dass sichtbar zu machen.

Es gibt also zahlreiche ernsthafte und auch schon lange laufende Versuche, die Situation bei der Bibliothekspädagogik zu verändern und in Bibliotheken pädagogisches Handeln zu etablieren. Nur: Das es die schon so lange gibt und trotzdem immer wieder neu begonnen wird (also zum Beispiel Stang nochmal die Lerntheorien referiert oder Keller-Loibl nochmal die Etablierung der Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin einfordert) ist ein Hinweis, das es wohl nicht darum geht, ob es einzelne Engagierte gibt. Die gibt es.

Hingegen fällt am Text von Stang eines auf: Er hat gar keinen Ort, keine Institution, keine Struktur die er ansprechen könnte, um die Veränderung (beziehungsweise Positionierung), die er einfordert, einzufordern. Er kann die Forderung nur an das gesamte Bibliothekswesen stellen. Trotz all der Beiträge in der bibliothekarischen Literatur dazu, wie Bibliotheken sich ändern oder ändern sollen, gibt es keine Struktur, die so eine Änderung in der Profession anleiten oder begleiten könnte. Das gilt nicht nur für die Bibliothekspädagogik, sondern auch für alle anderen Themen, die mal mehr mal weniger im Bibliothekswesen besprochen werden. (Das ist kein Fehler von Stang. Niemand wüsste, an wen man so eine Forderung richten könnte, um Bibliotheken zur Veränderung aufzufordern. Bei allen Verbänden und AGs und internen Strukturen und so weiter, die im Bibliothekswesen existieren, hat sich so eine Struktur nicht etabliert. Für mich ein Zeichen, dass sie nicht notwendig ist, weil es strukturell gar nicht so sehr um Veränderung geht. Würden Bibliotheken eine solche Struktur benötigen, würden sie schon eine etablieren.)

Hinzu kommt: Ich wollte diesen Blogpost schon mehrfach schreiben. Vor drei Jahren erschien zum Beispiel ein Beitrag von Haike Meinhardt (2017) – auch eine Kollegin aus einer Fachhochschule – in dem den Bibliotheken vorgeschlagen wurde, die vorhandene Leseforschung zu nutzen, um diese bei der Planung der Leseförderung in Bibliotheken zu benutzen. Konkret geht Meinhardt dabei auf die Bildung von phonetischen Kompetenzen und der Ausbildung von Lesefähigkeit ein – ein Thema das ganz nahe bei der bibliothekarischen Arbeit ist. Eigentlich. Und schon damals wollte ich schreiben, das Meinhardt selbstverständlich Recht damit hat, zu postulieren, dass Leseförderung besser zu planen ist, wenn man das Wissen darüber, wie sich Lesefähigkeit ausprägt, dafür benutzt. Aber das es gleichzeitig nicht stattfinden wird, weil es strukturell für Bibliotheken nicht sinnvoll ist. Es würde wieder den „Kern‟ der Bibliotheksarbeit betreffen, über den praktisch nicht geredet wird. (Und es heisst nicht, dass nicht einzelne Kolleg*innen sich trotzdem mit dieser Leseforschung beschäftigen. Aber halt nicht so öffentlich, dass es sichtbar würde.)

Es waren eher persönliche Gründe, warum ich damals den Beitrag nicht geschrieben habe – aber heute kann ich sagen, dass es tatsächlich auch so gekommen ist. Trotz der Vorarbeit von Meinhardt ist die konkrete Leseforschung weiter kein Thema in der bibliothekarischen Literatur. Das liegt nicht an der Arbeit von Meinhardt, sondern an der Struktur des Bibliothekswesens.

Ich will gar nicht bewerten, ob das richtig oder falsch ist. (Es geht mir gerade auch nicht darum, bestimmte Personen zu kritisieren – was verständlich sein sollte, aber manchmal fühlen sich Einzelpersonen im Bibliothekswesen von so einer Kritik persönlich angegriffen. Also sage ich es lieber einmal.) Wichtig ist mir, diese Struktur zu benennen.

Nur indem man solche Strukturen benennt, lassen sie sich erkennen, verständlich machen und dann auch verändern. (Aber die konkrete Veränderung kann nur aus dem Bibliothekswesen heraus geschehen.)

IV.

Aber wenn es eine Struktur ist, ist dann nicht die Arbeit von Stang, Meinhardt und anderen, die (a) zeigen, dass im Bibliothekswesen bei Themen, die in der bibliothekarischen Literatur besprochen werden, oft die eigentliche Basis (Begriffsdefinitionen, Theorie, Empirie) fehlt, obwohl sie (oft) in angrenzenden Wissenschaftsbereichen vorliegt, die dann (b) zeigen, wie die bibliothekarische Arbeit besser werden könnte, wenn man dieses Wissen einbezieht und (c) vorschlagen (Meinhardt) oder fordern (Stang), dass Bibliotheken dieses Wissen auch wirklich einbeziehen, vergebens, wenn es eher um eine Struktur geht, die den Alltag verdeckt, indem sie über Veränderungen spricht, die kaum mehr sein wird, als ein „Anbau‟ an die alltägliche bibliothekarische Arbeit? Ist das nicht in vain? Ist es nicht so, dass es innerhalb des jetzigen Bibliothekswesen wohl keine Veränderung in die Richtungen, die Stang, Meinhardt und so weiter vorschlagen, geben wird?

Auf den ersten Blick vielleicht. Aber mir – vielleicht bin ich da theoretisch zu sehr von meinen marxistischen Freund*innen geprägt – scheint sich das Bild des Fortschritts durch Dialektik aufzudrängen. Bei Hegel und den „Junghegelianern‟, die Hegel auf gesellschaftliche Fragen übertrugen, gibt es diesen berühmten Dreisatz: Das Denken, die Gesellschaft, die Produktionsverhältnisse und so weiter ändern sich – dadurch entstehen Widersprüche – diese lassen sich in der vorhandenen Struktur nicht auflösen, sondern nur durch eine grundlegende Veränderung „auf die nächste Stufe heben‟ – dadurch wird die Situation wieder der Entwicklung angepasst (bis dann das Denken, die Gesellschaft, die Produktionsverhältnisse sich wieder grundlegend verändern).

(Man verstehe mich nicht falsch: Hegel und Junghegelianer erwarten einen kontinuierlichen „Aufstieg‟ hin zu einem Endzustand, an dem alle Widersprüche zumindest auf einem Feld – der Philosophie, der Religionskritik, der Gesellschaft – aufgelöst sind. Dieser Teleologie soll hier nicht gefrönt werden. Was hier aber passt, ist die Auflösung der Widersprüche in einem anderen, veränderten Zustand.)

Was passiert, wenn zum Beispiel Meinhardt zeigt, dass wir viel mehr (und zum Teil Widersprüchliches zur aktuellen Praxis in Bibliotheken) dazu wissen, wie Lesenlernen geschieht? Oder wenn Stang zeigt, dass pädagogisches Handels geplant, auf Lerntheorien basiert und auf geklärte Ziele hin organisiert sein muss? Oder wenn ich – wie ich hoffe – zeige, dass bestimmte Entwicklungen im Bibliothekswesen sich immer wieder und wieder wiederholen, ohne offenbar so grosse Veränderungen anzustossen, dass sie nicht nach zehn Jahren oder so nochmal angegangen werden können / müssen?

Nimmt man die Dialektik als Modell, dann wird auf diese Weise ein Widerspruch aufgezeigt. Einer, der irgendwann einmal in der Geschichte des Bibliothekswesens (und der Gesellschaft um das Bibliothekswesen) entstanden sein muss. Hier wohl, dass der Diskurs um Veränderung, bei dem nicht mehr von der alltäglichen Bibliotheksarbeit geredet wird und die Veränderung, die (meist gar nicht so schwer) eigentlich möglich wäre, sich immer weiter auseinander entwickelt haben. (Was nicht nur in einer Richtung geschehen sein muss. Gut möglich, dass die Veränderungen schon lange Zeit möglich waren, aber der Widerspruch gewachsen ist, seit Bibliotheken davon ausgehen, dass sie sich verändern müssen und nicht einfach selbstbewusst Bestandsarbeit in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellten.)

Den offensichtlichen Widerspruch zu benennen, ermöglicht immer zu zeigen, dass es anders sein könnte. Die Situation wird ja nicht einfach benannt, sondern auch das Bild erzeugt, dass sich der Widerspruch auflösen liesse. Nur halt nicht, indem die Struktur, die diesen Widerspruch erzeugt, immer weiter reproduziert wird. Das man auch nach den Texten von Stang oder Meinhardt nicht weiss, wer genau jetzt darauf reagieren soll, zeigt ja, dass es keine richtige Möglichkeit gibt, auf deren Vorschläge / Forderungen in der aktuellen Situation einzugehen. Sondern – so würden Hegel, Marx, Feuerbach und so weiter sagen – die Lösung der offensichtliche Widersprüche müsste man suchen, indem man sie in einer höheren Ebene auflöst. (Ersetzen wir das „höheren‟ durch „anderen / neuen‟.)

Ein anderes Bibliothekswesen, dass – nur skizziert, weil („Utopieverbot‟) man nie wissen kann, wie dieses mögliche zukünftige Bibliothekswesen aussehen sollte – es zum Teil professioneller bibliothekarischer Arbeit gemacht hat, Wissen aus angrenzenden Wissensgebieten zur Planung der eigenen Arbeit zu nutzen (was auch heisst dieses Wissen erstmal wahrnehmen, dann aber auch Strukturen zu haben, um es aktiv nutzen zu können, beispielsweise sich auf dem Laufen bei der Leseforschung zu halten, um dann davon ausgehend Leseförderung, Bestandsarbeit und so weiter zu planen). Und damit wohl auch eines, dass selbstbewusst sagt, welche Aufgaben die Bibliotheken haben sollen und deshalb nicht (mehr) vor allem über Veränderung in einer Art spricht, die eigentlich nichts am verdeckten „Kern‟ ändert.

Aber: Diese Veränderung kann nicht erzwungen werden. Schon gar nicht von ausserhalb des Bibliothekswesens – wo wir in den Fachhochschulen (Stang, Meinhardt, Keller-Loibl, ich und andere) uns alle befinden, auch wenn wir doch sehr nahe am Bibliothekswesen sind – und auch nicht von einzelnen Engagierten (Sühl-Strohmenger, Schultka und andere). Die Position, aus der Stang, Meinhardt und andere auf das Bibliothekswesen schauen können, ermöglicht, Widersprüche zu zeigen. Sie ermöglicht auch zu zeigen, dass anderes als die jetzige Situation möglich wäre. Das ist wohl alles wichtig, wenn es tatsächlich zu einer Veränderung kommt, weil diese dann nicht ziellos verlaufen muss. Aber durchführen müssten die Bibliotheken diese Veränderung selber.

Wann wird das geschehen? Es gab bei der Dialektik immer die Vermutung, dass Widersprüche dann aufgelöst werden, wenn sie zu gross geworden sind – wenn also das Leiden an ihnen so gross geworden ist, dass das Auflösen den Beteiligten (zumindest den meisten) mehr bringt, als das Beibehalten des Zustands. Aber das ist aus der Teleologie abgeleitet, dass Entwicklung immer irgendwie gesetzmässig in eine Richtung gehen müsse, der ich hier je gerade nicht folgen will.

Vielleicht gibt es keine Antwort darauf, wann eine solche Veränderung stattfinden wird. Eventuell wäre es besser zu fragen, was Bereitstehen sollte, wenn diese, sagen einmal, Wende hin zu einer „wissenschaftsbasierten Professionalisierung des Bibliothekswesens‟ beginnt. Wovon könnte das Bibliothekswesen dann profitieren? Sicherlich von den Hinweisen darauf, was an Leseforschung, Pädagogik et cetera existiert. Aber, um nur eine Möglichkeit herauszugreifen, vielleicht wären dann auch Utopien eines Bibliothekswesens, wie es dann sein könnte (doch) hilfreich. Also Beschreibungen einer Zukunft, in der (a) der Kern (Bestandsarbeit und Ausleihe von Medien) nicht übergangen wird und (b) Wissen aus anderen Bereichen als dem Bibliothekswesen selber professionell im Bibliothekswesen genutzt wird.

Aber immer wieder neu Widersprüche zwischen Möglichkeiten und Realität im Bibliothekswesen aufzeigen – vielleicht auch bei noch mehr Themen als bislang schon – mag zwar intellektuell richtig sein (so wie Stang und Meinhardt ja Recht haben), doch nicht unbedingt befriedigend. Und gerade dann, wenn eine andere Reaktion auf diese Widersprüche erfolgt, also tatsächlich Veränderung eintritt, die man als „Auflösung des Widerspruchs in einer anderen Ebene‟ beschreiben könnte, mag das auch nicht mehr ausreichend sein. Es gibt bislang keine gute Antwort auf die Frage, was die Aufgabe von Bibliothekswissenschaft (oder der Fachhochschulinstitute, die sich mit Bibliotheken beschäftigen) eigentlich ist. Die Antwort könnte also gut sein: Das Wissen vorbereiten, dass benötigt wird, wenn das Bibliothekswesen sich grundlegend ändert und gleichzeitig zu zeigen, dass eine solche Veränderung möglich wäre.

Ich weiss es nicht und bin mir selbstverständlich auch bewusst, dass diese kurze (wirklich kurze) Ausflug in die etwas abstrakte Spekulation ein für viele nicht vollständig überzeugend sein wird. Aber: Mir scheint er eine Ausweg zu bieten aus dem Dilemma, immer wieder richtig zu zeigen, was das Bibliothekswesen nicht macht – und dann irgendwie doch nur berechtigt damit zu rechnen, dass auch dieser Nachweis zu keiner Veränderung führen wird.

Literatur

Keller-Loibl, Kerstin (2020). Bibliothekspädagogik in der Hochschullehre: Eine Bestandsaufnahme und eine Plädoyer für die Etablierung einer Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin.In: BuB 06 (72) 2020: 319-321

Meinhardt, Haike (2017). Leseforschung und ihr Potential für die bibliothekarische Leseförderung. In: Bibliothek Forschung und Praxis 03 (41) 2017: 319-329, https://doi.org/10.1515/bfp-2017-0044

Müller, Raphaela (2020). Wer macht jetzt eigentlich was?: Ein Überblick über das Feld der Medienpädagogik in Bibliotheken. In: BuB 06 (72) 2020: 322-325

Schuldt, Karsten (2009). Bibliotheken als Bildungseinrichtungen (Dissertation). Berlin: Humboldt Universität zu Berlin, 2009, https://doi.org/10.18452/16071

Stang, Richard (2020). Viel Bibliothek, wenig Pädagogik. In: BuB 06 (72) 2020: 316-318

Sühl-Strohmenger, Wilfried ; Straub, Martina (2016). Handbuch Informationskompetenz (De Gruyter Reference). (2. Auflage) Berlin: De Gruyter Saur, 2016

Fussnote

1 Selbstverständlich auffällig, dass sich auch bei diesem Thema vor allem Männer so äussern (können?), dass es sichtbar wird, während wohl die meisten Kolleg*innen, die sich mit dem Thema in der konkreten bibliothekarischen Arbeit befassen, nicht Männer sind.

Der 3. Ort ist tot. Was lernen wir daraus?

Ich lehne mich mal etwas aus dem Fenster. Der „3. Ort‟ (third space, troiseme lieu und so weiter) ist langsam, aber sicher durch. Eine ganze Anzahl von Jahren konnte man ihm nicht entkommen, wenn Öffentliche Bibliotheken von ihren Entwicklungsplänen oder Neubauten oder Renovationen oder ihrer Zukunft redeten. Ihm war kaum zu entkommen.

Aber jetzt scheint es so weit zu sein: Auf bibliothekarischen Veranstaltungen hört man ganz offen in den Kaffee- und Mittagspausen, dass das mit dem 3. Ort auch nicht klappt. Es gibt Vorträge mit Titeln wie „3. Ort – und nun?‟ oder „Nach dem 3. Ort‟. In Dokumenten, in denen vor einigen Monaten noch 3. Ort gestanden hätte – halt in Plänen, Projektbeschrieben und so weiter – steht er nicht mehr. In Vorträgen taucht er kaum noch auf. Wird er doch mal erwähnt, rollen viele Augen. Sicherlich: Trends wie diese sterben nicht einfach, sie laufen eher aus. Verschwinden aus den Diskursen. Werden zu Erinnerungen. Das ist jetzt die Situation des 3. Orts. [Und selbstverständlich kommen einige Einrichtungen immer etwas später hinterher. Erst letzte Woche wurde auf der schweizerischen Mailingliste eine Weiterbildung zum Thema verkündet, auf französisch. Vielleicht dauert es mit dem Verschwinden des Trends im französisch-sprachigen Raum also noch etwas länger. Es dauerte da ja auch etwas länger als im deutsch-sprachigen Raum, dass das Konzept sich etablierte.]

Man kann bestimmt länger diskutieren, ob der 3. Ort wirklich „tot ist‟ oder ob er hier und da nicht doch noch lebt, unter anderem Namen vielleicht oder etwas inhaltlich verschoben oder so ähnlich. Aber darum geht es mir hier nicht. Selbst wenn er noch ein wenig weiterexistiert: Alle, die etwas mit dem Öffentlichen Bibliothekswesen zu tun haben, werden wohl zustimmen können, dass zumindest die Hochzeit des Konzeptes vorüber ist.

Kann man daraus nicht etwas lernen?

Ich würde in dieser Situation gerne etwas anderes diskutieren, nämlich, was wir (das Bibliothekswesen) aus der Geschichte des Trends 3. Ort lernen können. Weil: Sicherlich gibt es aktuell einiges an Zynismus, wenn man nur das Wort gebraucht – als gäbe es einen Trennungsschmerz, den man irgendwie überspielen müsste –, aber wenn die Geschichte anderer Trends im Bibliothekswesen eines zeigt, dann, dass nach dem Zynismus bald ein Schweigen zum Thema einsetzt und dann über irgendetwas anderes diskutiert wird. Dabei könnte man die Situation auch einmal nutzen, um darüber nachzudenken, wie solche Trends im Bibliothekswesen ankommen, dann eine Geschichte durchlaufen (die ja im Normalfall tatsächlich etwas verändert) und dann wieder verschwinden. Weil: Der nächste Trend kommt garantiert. Irgendwer sitzt schon irgendwo und findet gerade einen heissen neuen Begriff, der den Bibliotheken Zukunft versprechen wird. Die Frage ist nicht ob er auftaucht, sondern wann und wo er herkommen wird.

Der „3. Ort‟ ist jetzt, am Ende seiner Laufzeit, vielleicht ein gutes Beispiel, um allgemeine Prozesse, die solche Trends durchlaufen, zu diskutieren. Schliesslich waren wir ja alle (fast alle) in den letzten Jahren dabei und haben diese Prozess miterlebt. Es ist noch recht frisch. (Vieles hier habe ich auch schon anderswo gesagt. Ich will mich nicht unbedingt wiederholen, aber es passt hier einfach.)

Also: Wie kommt so ein Trend ins Bibliothekswesen, wie geht er wieder fort? Ich versuche das mal mit einer recht generischen Skizze. Hier der Ablauf, der sich eigentlich immer wieder zeigt, den ich dann aber nochmal am Thema „3. Ort‟ diskutieren möchte.

Skizze normaler Zyklus eines Trends im Bibliothekswesen: 1 Der Trend wird eingeführt. 2 Der Trend wird umgedeutet, Erwartungen angehangen. 3. Der Trend wird lokal umgedeutet und umgesetzt. 4 Es werden Erfahrungen mit dieser Umsetzung gesammelt, die oft eher mittelmässig sind. 5 Der Trend geht vergessen.

Skizze 1: Zyklus eines Trends im Bibliothekswesen

  1. Gegen 2010 wurden im DACH-Raum die ersten Texte publiziert, welche den „3. Ort‟ zum Thema hatten. Das war etwas sehr spät (das Buch von Oldenburg, aus dem der Begriff herkommt und auf das zumindest am Anfang immer wieder verwiesen wurde, erschien bekanntlich 1989, in der englisch-sprachigen Literatur wurde ab 2000 vom „Third Place‟ gesprochen), aber zum Beispiel noch etwas früher als im französisch-sprachigen Raum. Das Konzept wurde recht locker eingeführt. Zwar gibt es bei Oldenburg ein paar Definitionsansätze (auch nicht so richtig haltbar, aber immerhin sind sie da), aber die bibliothekarische Literatur kam mit einfachen Listen und ganz kurzen Beschreibung aus. Wichtiger war wohl, das ein Begriff geprägt wurde, der eine Perspektive beschrieb (3. Ort – das könnten Bibliotheken werden, sind es aber nicht). Längst nicht alle potentiellen Trends schaffen es über die Phase hinaus. Der 3. Ort muss aber genügend überzeugt haben, mit ihm ging es weiter.
  2. Nicht viel später erschienen die ersten Texte, die das Konzept etwas konkretisierten: Was könnte den 3. Ort heissen? Wer das Buch von Oldenburg gelesen hat, weiss, dass es ein recht offenes Konzept ist, das aber eigentlich, ernstgenommen, nicht so richtig auf Bibliotheken passt. Ausserdem, das hätte auch auffallen können, bestand das Konzept aus recht vielen Behauptungen und praktisch keiner Empirie. Es wurde – nicht nur von Oldenburg – behauptet, dass das Konzept etwas von der Veränderungen, die es in der Gesellschaft gab, zumindest in „der Stadt‟, beschreiben würde. Die Frage war in dieser Phase aber nicht mehr, ob das überhaupt stimmte, sondern ob es Bibliotheken überzeugte. Und somit erschienen Texte und wurden erste Vorträge dazu gehalten, wie man den dieses recht offene Konzept für Bibliotheken herunterbrechen konnte. Schaut man sich diese Texte nochmal an, fällt schnell auf, dass vor allem Dinge beschrieben wurden, die irgendwie zu Bibliotheken passten (beispielsweise eher offene Atmosphäre), aber andere Dinge, die Oldenburg erwähnt, die aber nicht auf Bibliotheken passten (der ständige Bezug zu Alkohol zum Beispiel), eher nicht erwähnt wurden. Diese Texte waren immer noch vor allem Listen von Möglichkeiten. Was in dieser Phase aber passierte, war, dass bestimmte Erwartungen an das Konzept gebunden wurden: Wenn Bibliotheken 3. Ort werden (oder noch mehr 3. Orte werden, weil die Argumentation in dieser Phase oft ist, dass Bibliotheken einen bestimmten Trend eigentlich schon immer abdecken, aber jetzt auch neu erfinden; dass konnte man beim 3. Ort sehr gut beobachten – die Behauptungen, die Bibliotheken wären schon immer Orte der sozialen Kommunikation stand teilweise in den gleichen Texten, in denen von neuen Bibliothekscafés oder ähnlichem berichtet wurde), dann würden sie auch in Zukunft relevant sein, neue Nutzer*innen anziehen, mehr Bedeutung gewinnen und so weiter.
  3. Etwas später dann, vielleicht 2012-2014, wurden die ersten Bibliotheken gebaut oder neue Angebote auch tatsächlich eingerichtet, welche sich auf dieses Konzept bezogen. Das ist für Bibliotheken schon relativ schnell. Aus den Listen und eher offenen Texten wurden konkrete Strategien, konkrete Bauten, konkrete Möbel. Es wurde Geld in die Hand genommen, teilweise sogar Leute eingestellt. Auch das passiert nicht bei allen Trends. Einige werden zwar thematisiert und diskutiert, aber dann am Ende doch gar nicht oder kaum umgesetzt. Für den 3. Ort hingegen fanden sich recht viele Umsetzungen. Auch hier fällt auf, dass viele, viele Interpretationsschritte unternommen wurden (Beispielsweise wurden Veranstaltungsreihen etabliert, die als Teil des 3. Ortes beschrieben werden – bis heute –, aber bei denen nicht klar ist, wie das eigentlich genau zusammenhängt. Bei Oldenburg ging es um Orte und darum, dass Menschen in denen lernen, zu kommunizieren; das hat erst einmal nichts mit Veranstaltungen zu tun). Offenbar, wieder, überzeugte der Trend. Es ist zu vermuten, dass das auch passierte, weil er (a) im vorherigen Schritt an Bibliotheken angepasst (konkretisiert) wurde und (b) das die Erwartungen, die an ihn gehangen wurden, auch in vielen Bibliotheken verbreitet waren.
  4. Dann, vielleicht 2015-2016, 2016-2017, fingen Bibliotheken an, wirkliche Erfahrungen mit dem zu sammeln, was sie da gebaut, eingerichtet, als Angebote etabliert hatten. In der ersten Zeit, sicher, gibt es erst einmal gute Erfahrungen (wie mit fast allem, was man neu einrichtet), dann gibt es auch Zeiten, wenn die tatsächliche Nutzung anders und / oder geringer ist, wo man die Hoffnung haben kann, dass sich das noch regelt, dass zum Beispiel ein neues Angebot erst noch bekannt werden muss und sich dann etablieren wird. Oder wo man sich davon, das etwas massiv benutzt wird, noch davon abhalten lässt zu fragen, wie es den wirklich benutzt wird (Beispiel beim 3. Ort wären die Cafés, die eingerichtet wurden, damit da Leute arbeiten und miteinander kommunizieren; die dann auch bis heute oft besucht werden, was den Eindruck hinterlassen kann, dass sie sinnvoll waren; bis man dann schaut, ob die Leute, die es nutzen, das tun, was man erwartet hat, ob sie zum Beispiel tatsächlich in ihnen arbeiten oder die Bibliothek benutzen). Nach und nach scheint sich aber die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, das vieles von dem, was man da eingerichtet hat, nicht grundsätzlich unerfolgreich war, aber auch nicht die Hoffnungen, die man sich gemacht hat, erfüllen. Und das sie auch keine grundsätzlichen Probleme lösen, weil man wieder dasteht und sich fragt, was man jetzt geändert haben soll.
  5. Und so sind wir dann vielleicht im Laufe des Jahres 2019 da angekommen, wo wir jetzt stehen. Einige Bibliotheken hängen noch hinterher, auch weil strategische Prozesse manchmal länger dauern. Einige sind wohl auch noch von dem Konzept „3. Ort‟ überzeugt. Aber der Grossteil der Bibliotheken, des Bibliothekspersonals – auch die, vielleicht gerade die, die immer wieder „vorneweg‟ sind – scheint jetzt, nach gewissen Trennungsschmerzen, auch schon wieder nach neuen Trends zu suchen. Der 3. Ort gilt nicht mehr als Zukunftsperspektive, scheint sich aber auch nicht als Teil der normalen Bibliotheksarbeit etabliert zu haben. Es werden sich noch Gedanken gemacht, wie man von ihm weiterkommt („3. Ort – und nun?‟), es werden noch Witze gemacht. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es vergessen geht, wie andere Trends auch. (Selbstverständlich: Wäre es nicht so, wäre es kein Trend, die gehen alle zu Ende; aber alle Trends werden am Anfang mit dem versprechen verbunden, gerade kein einfacher Trend zu sein, sondern tatsächlich etwas Grundsätzliches zu verändern.)

Je länger man im Bibliothekswesen unterwegs ist, umso mehr scheinen Trends in diesen Prozessen „durchzulaufen‟. Viele stocken vorher, werden in zwei-drei Texten vorgestellt, aber nicht weiterverfolgt. (Mein Lieblingsbeispiel dazu ist immer noch der Vorschlag, Bibliotheken sollten wie Start-Ups funktionieren und regelmässig „pivoten‟.) Viele kommen nicht so weit, dass sie in konkrete Massnahmen übersetzt werden. Für die meisten wird am Ende doch kein Geld (und nur in ganz wenigen Bibliotheken) in die Hand genommen. Das alles hat der 3. Ort überwunden: Es gibt heute zahllose Bibliothekscafés, umgebaute oder gar neu gebaute Räume und so weiter.

Wo könnte man mit dem Lernen ansetzen?

Man könnte annehmen, dass das einfach der normale Lauf der Dinge ist. Mir scheint das aber unbefriedigend. Wenn Bibliotheken schon einen solchen Zyklus durchlaufen haben, könnten sie aus diesem auch mehr lernen, schon um den nächsten Zyklus besser zu gestalten. Ich habe die obige Skizze dazu um Punkt ergänzt, über die es sich, meiner Meinung nach, nachzudenken lohnt.

Skizze 2: Erweiterter Zyklus mit möglichen Punkten, aus denen gelernt werden kann.

  1. Was auffällt ist, dass praktisch nie danach geschaut wird, ob die Erwartungen, die man einmal an das Konzept gebunden hat, sie auch erfüllen (und wenn ja, wie). Wie gesagt scheinen Bibliotheken niemals einfach Konzepte übernehmen zu können, sondern immer wieder den Schritt zu durchlaufen, dass das Konzept für Bibliotheken „handhabbar‟ gefasst und dabei mit Erwartungen und Umsetzungsmöglichkeiten verbunden werden, die für Bibliotheken als möglich angesehen werden. Und immer wieder scheint es dazu zu kommen, dass Bibliotheken, wenn Sie Konzepte umsetzen, lernen, dass sich diese Erwartungen nicht erfüllen, aber dafür andere Veränderungen ergeben (beispielsweise, dass Bibliothekscafés zu einem Ausgehort im Quartier / der Stadt werden oder zu einem Ort, wo man Mittag isst; oder aber die vielen Makerspaces, bei den einst die Vorstellung vorherrschte, damit würden Jugendliche angesprochen, zu denen aber vor allem Kinder kommen). Es wäre aber sehr sinnvoll, wenn man sich ehrliche Rechenschaft darüber ablegt würde, was aus den Erwartungen eigentlich geworden ist. Wann hat man sie aufgeben? Wieso? Ist man damit zufrieden?
  2. Das Gleiche findet sich auch zwischen Schritt und . Immer wieder, wenn man erst die „Grundlagentexte‟ eines Trends und dann die tatsächlich geschriebenen Bibliotheksstrategien, gebauten Räume und so weiter anschaut, fällt eine grosse Diskrepanz auf. Das irritiert beim ersten Mal, aber mit der Zeit (also den Trends) fällt auf, dass das offenbar der normale Weg ist: Konzepte werden übersetzt, damit sie Realität werden. Interessant wäre aber, zu schauen, wie sie übersetzt werden. Was wir geändert? In welche Richtung? Was an Versprechen, Erwartungen, Hoffnungen wird an die Trends „angehangen‟. Zum Beispiel fällt auf, wie oft irgendwelchen Trends die Erwartung angehangen wird, dass man Jugendliche ansprechen könnte, würde man nur diesem Trend folgen. Auch die Bilder zu den 3. Ort waren am Anfang voller lächelnder Jugendlicher. Bibliotheken würden viel über sich, über ihre Hoffnungen, Erwartungen und Ängste lernen, wenn sie sich davon Rechenschaft ablegen, was sie bei diesen Prozessen eigentlich getan haben.
  3. Und immer wieder „verschwinden‟ Trends. Man redet dann nicht mehr über sie (auch, weil man den Alltag mit anderer Arbeit, neuen Trends und so weiter anfüllt). Aber eigentlich ist das erstaunlich: Da wird der Zyklus eines Trends durchlaufen (Wieder: Nicht für alle Trends, aber für die erfolgreichen) und am Ende hätte man die Chance, aus diesem Zyklus zu lernen – also zum Beispiel einmal zu überlegen, warum der Trend am Anfang eigentlich auf so viel Interesse stiess, aber vor allem, warum am Ende die Erwartungen so enttäuscht wurden, wie sie es wurden (und was sich stattdessen ergeben hat) –, schon weil der nächste Zyklus kommen wird, wenn er nicht schon längst läuft. Beim 3. Ort wäre zum Beispiel immer noch zu klären, warum ein Konzept, welches bei Oldenburg die Herstellung des sozialen Zusammenhalts durch solche Ort wie Kneipen und Bistros zum Thema hatte, von Bibliotheken umgedeutet wurden zu einem Konzept, dass bessere Bibliotheken hervorbringen sollte. Selbstverständlich ist das nicht, aber es ist auch nicht zum ersten Mal in der Geschichte des Öffentlichen Bibliothekswesens vorgekommen. Interessant wäre auch, zu schauen, was vom Trend an tatsächlicher Veränderung jetzt übergeblieben ist. Es gab ja zum Beispiel zahlreiche Umbauten in Bibliotheken, nicht nur den Einbau von Bibliothekscafés (die aber sehr sichtbar sind). Die werden da jetzt eine Weile sein, wenn nicht gar für immer. (So, wie Vinyl-Abspielstationen in Bibliotheken auch länger existierten, als die erste Hochzeit des Vinyl dauerte. Oder wie Medienschränke für Medienformen, die nicht Bücher sind, Teil normaler Bibliotheken wurden, auch nachdem die Trends um Vinyl, Musikkassetten und so weiter aufhörten. Es ist nämlich auch nicht so, als ob solche Trends ganz an den Bibliotheken vorbeigehen. Einige schon, andere offenbar nicht.)

Wenn es ein Zyklus ist, ist es kein Scheitern

Was mir wichtig ist: Wenn es einen gewissen Zyklus von Trends und ihrer Verarbeitung durch das Bibliothekswesen gibt, der sich regelmässig wiederholt, dann ist es kein richtiges Scheitern, wenn die Erwartungen, die an bestimmte Trends gebunden werden, nicht eintreten. Zumal, wenn bestimmte Erwartungen immer wieder von Neuem an bestimmte Trends gebunden werden. Und wenn dem so ist, dass es kein Scheitern ist, welches man sich erst einmal eingestehen müsste, dann müsste es einfacher sein, über diese unerfüllten Erwartungen zu reden und nachzudenken.

Das wirkliche Scheitern ist nicht, dass Jugendliche weder über Vinylabteilungen noch über Bibliothekscafés noch über Makerspaces in grosser Zahl angesprochen werden. Das wirkliche Scheiter liegt darin, sich – als Bibliothekswesen – nicht einzugestehen, dass man diese Erwartung immer und immer und immer wieder hervorholt und immer und immer und immer wieder neu an verschiedene Trends andockt. Es scheint nicht so, als würden Bibliotheken sich dagegen stellen, sich zu verändern. Das Phänomen ist eher, dass sie es seit Jahrzehnten immer wieder auf die gleiche Weise, mit ähnlicher Ergebnisse und eigentlich auch gleichen Erfahrungen versuchen, sich zu verändern. Ein wenig so, als wären sie in einer Handlungsstruktur gefangen.

Wenn jetzt langsam, aber sicher, der Trend „3. Ort‟ aufhört, wäre es einfach ein guter Zeitpunkt, sich mit dieser Handlungsstruktur auseinandersetzen, anhand eines noch leicht greifbaren Trends. Ansonsten, so scheint mir klar zu sein, wird es beim nächsten „erfolgreichen‟ Trend nur wieder ähnlich ablaufen. (Was dazu führen wird, dass wieder viele Hoffnungen enttäuscht, Ressourcen verbraucht und andere, vielleicht sinnvollere Entwicklungen, die aber nicht so hip klingen, nicht betrieben werden.)

Was kommt als nächstes?

Eine interessante Frage wäre, welcher Trend den nun als nächstes dieses Zyklus durchlaufen wird. Leider bin ich nicht gut darin, das vorherzusagen. (Wüsste ich es, ich könnte es gut ausnutzen. Dann wäre ich immer „vorneweg‟.) Eigentlich liege ich immer wieder daneben. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass irgendwer Makerspaces ernst nimmt. Oder das gerade Design – eine der brotlosesten und theorieärmsten aller Professionen – zum Vorbild für Bibliotheken wird. Oder aber das die Hypes um Commons und Hygge gerade nicht aufgegriffen werden.

Aber, nachdem wir jetzt etwas gesellschaftliches (3. Ort) und etwas mit Jugend (Makerspace) durch haben, würde es eigentlich nur passen, wenn wieder einmal was mit Bildung (die „Learning Library‟ und die „Spiralcurricula‟ sind ja jetzt auch schon ein paar Jahre her) oder gar Kultur auftaucht. Ich würde auf etwas mit Bildung wetten.

Eine untergegangene Tradition der bibliothekarischen Arbeit: Lesesoziologie

Ich möchte in diesem Blogpost (Essay?) gerne über einen Teil der Arbeit öffentlicher Bibliotheken (kleines ö, wird gleich thematisiert) reden, der lange Zeit ganz normal dazugehörte, aber seit einigen Jahrzehnten verschwunden ist. Das hat mit meinem Versuch zu tun, ein bibliothekshistorisches Buch zu schreiben, welches die Diskurse um öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum nachzeichnen soll. Im Rahmen der Recherchen dazu fallen solche abgebrochenen Traditionen selbstverständlich auf.

Diesen Teil der Arbeit, den ich besprechen möchte, nenne ich hier Lesesoziologie. So wurde er oft genannt. Aber es gab auch viele andere Bezeichnungen, zum Beispiel „Lesekunde‟, „Literatursoziologische Untersuchungen‟, „Leseforschung‟. Heute, wie gesagt, gibt es diese Tradition nicht mehr. Es gibt weiterhin eine Literatursoziologie in der Soziologie und Literaturwissenschaften miteinander verbunden sind, aber die – obgleich interessant – stellt andere Fragen. Mir geht es um die Lesesoziologie, die von Bibliotheken und bibliothekarischen Infrastrukturen betrieben wurde.

Ich spreche von öffentlichen Bibliotheken mit kleinem „ö‟, weil es um alle Bibliotheken mit dem Anspruch geht, eine gewisse Öffentlichkeit zu erreichen. Gerade für die Jahre vor 1933 (beziehungsweise den 1950ern in der Schweiz) gilt, dass es sehr verschiedene Bibliothekstypen gab, die das versuchten; nicht nur die, die am Ende die heutigen Öffentlichen Bibliotheken wurden. Auch bewegungsgebundene Bibliotheken („Arbeiterbibliotheken‟, Bibliotheken des politisch organisierten Katholizismus) oder „kommerzielle Leihbibliotheken‟ teilten sich diese Tradition. Ich spreche hier aber nicht von den Wissenschaftlichen oder Spezial-Bibliotheken.

Themen und Praktiken der Lesesoziologie

Es ist nicht ganz einfach zu sagen, wenn die Tradition der Lesesoziologie anfing und wann sie endete. Wie immer bei solchen Enden gibt es kein Dokument, dass sagt: „Jetzt ist Schluss.‟ So etwas passiert gradueller. Aber ich würde sagen, dass sie mit dem modernen Bibliothekswesen, also ungefähr in den 1880er Jahren aufkam und bis in die 1970er, vielleicht auch 1980er betrieben wurde. Mit merklichen Häufungen an Publikationen um die Jahrhundertwende und in den 1960er Jahren.

Wie und warum die Lesesoziologie betrieben wurde, veränderte sich – parallel zu den Bibliotheken selber – während dieser Zeit. Aber die Grundfragen war immer die gleichen: Was lesen die Lesenden? Die, die in die Bibliothek kommen und die, die nicht in die Bibliothek kommen? Oft wurde auch nach dem Warum lesen sie das? gefragt und lange Zeit auch: Welche Wirkung hat dieses Gelesene auf die Lesenden? (Letztes änderte sich mit der Zeit, siehe nächster Abschnitt.)

Es wurden verschiedene Methoden genutzt, um Antworten auf diese Fragen zu finden: Empirische (Umfragen, Auswertungen von Ausleihen, Befragungen) und theoretische (Auswertung der in Bibliotheken verliehenen Literatur, beispielsweise mit Modellen von „Schmutz und Schund‟ auf der einen, „Kunst und Technik‟ auf der anderen Seite). Es wurden Untersuchungen ganz verschiedener Grössenordnungen durchgeführt: Auf der Basis eine Bibliothek, einer Stadt oder eine Landes. Mal mit wenigen Themen, mal mit möglichst viel. Die bibliothekarische Literatur, die auf uns gekommen ist, ist voll von Ergebnissen solcher Studien: Artikel, Broschüren, Teile von Jahresberichten informieren über diese. Eine Anzahl von Abschlussarbeiten bibliothekarischer Ausbildungsgänge mit lesesoziologischen Studien existieren auch. Gerade die Vielzahl grauer Literatur lässt vermuten, dass es noch weit mehr Broschüren und Abschlussarbeiten gab, die vielleicht gar nicht überliefert wurden oder sich noch in dunklen Ecken von Magazinen und Archiven befinden.

Teil bibliothekarischer Arbeit

Eines ist wichtig zu betonen: Die Lesesoziologie war keine Aufgabe von Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Sie war vorrangig Teil der normalen bibliothekarischen Arbeit und wurde vor allem von Bibliotheken selber durchgeführt, in allen öffentlichen Bibliothekstypen1 und offenbar auch von Bibliotheken aller Grössen. In älteren bibliothekarischen Lehrbüchern werden sie auch (aber eher nebenher, als wichtige, aber nicht immer durchzuführende Arbeit) thematisiert. Es war nicht so, das die paar Forschungseinrichtungen, die von Zeit zu Zeit gab, Hauptproduzenten dieser Studien gewesen wären.

Vielleicht auch deshalb sind die theoretischen Hintergründe der Arbeiten nicht immer leicht ersichtlich, selten reflektiert und vor allem sind die Studien methodisch nicht immer perfekt. Aber das mussten sie auch nicht. Es ging in ihnen nicht darum, wissenschaftliche Qualifikation nachzuweisen, sondern Wissen zu generieren, das oft den jeweiligen Bibliotheken zu Gute kommen sollte. (Allerdings ist es schon auffällig, wie viele Bibliothekare, spätere auch Bibliothekarinnen, sich zutrauten, solche Studien durchzuführen. Vom heute gerne mal postulierten geringen Selbstbewusstsein der Bibliotheken ist in den Studien nichts zu spüren.) Dafür wurden in der bibliothekarischen Literatur Kolonen über Kolonen von Zahlen und Titeln ausgeborgter Werke produziert, dargestellt und diskutiert.

Die Überzeugung, die sich auch in vielen Quellen explizit so ausgedrückt findet, war, dass Bibliotheken ihre Arbeit nur effektiv und sinnvoll durchführen könnten, wenn sie wüssten, was ihre Leser*innen lesen, beziehungsweise was die Menschen, die sie zu erreichen hofften lesen und warum. Nur dann könnten Bibliotheken (a) ihren Bestand sinnvoll aufbauen und (b) die Lesenden beraten. Ohne dieses Wissen können man nur mit Annahmen und den eigenen, immer unvollständigen, Vorstellungen arbeiten. Aber, das wird in den Quellen auch deutlich, selbst in Zeiten, als die Bibliothekare (männlich) stark der Meinung waren, dass sie bestimmen könnten, was gute und schlechte Literatur sei, welche Literatur zu welcher „Lesestufe‟ passen würde und welche (noch) zu komplex für für welche Lesenden war, gab es immer die Vorstellung, dass die (potentiellen) Lesenden Personen mit eigenem Willen seien, denen man nicht einfach Literatur aufzwingen könne. Mag das in der Realität auch anders gehandhabt worden sein, in den Quellen werden die Literaturinteressen immer erst einmal akzeptiert, um dann an ihnen zu arbeiten. Selbst, wenn man mit den Bibliotheken Menschen erziehen wollte, wurde es als notwendig angesehen, erst einmal zu wissen, was sie lesen.

Entwicklungen

Die Lesesoziologie entwickelte sich. Auch das wird in den Quellen sichtbar. Je nachdem, was die einzelnen Bibliotheken als ihre Aufgabe ansahen, entwickelte sich auch, was und wie genau gefragt wurde.

Lange Zeit war es üblich, die Aufgabe der Bibliotheken darin zu sehen, die jeweiligen Lesenden zu einer besseren Nutzung von Literatur zu erziehen. Nicht unbedingt als Selbstzweck. Im Diskurs der Lesehallen war zum Beispiel verankert, dass sie helfen sollten, vor allem in den unteren Sozialschichten Menschen, die das Talent dazu hatten und sich selber engagierten, den Aufstieg durch Bildung zu ermöglichen. Das sollte diesen Menschen, aber auch der Gesellschaft im Allgemeinen helfen. Arbeiterbibliotheken sollten dazu beitragen, dass die organisierten Arbeiter*innen in die Lage versetzt würden, eine sozialistische (kommunistische, anarchistische und so weiter) Gesellschaft aufzubauen. Bibliotheken im Nationalsozialismus sollten dazu beitragen, dass sich Menschen ihre angeblich natürlichen Rolle in der „Volksgemeinschaft‟ und „Rasse‟ klar würden. Und so weiter. Lesesoziologie wurde eingesetzt, um den Erfolg solcher Aufgaben zu überprüfen. Borgten die Lesenden im Laufe der Zeit mehr „qualitätsvolle‟ und / oder politisch richtige Literatur aus? Verzichteten sie auf die falsche Literatur (lasen sie beispielsweise mehr sozialkritische Romane und weniger Liebesromane)? Wie wirkte sich die Arbeit der Bibliotheken jeweils darauf aus?

In den späten 1910er, frühen 1920er Jahren änderte sich die Vorstellung davon, wie Lesen funktioniert und was die Aufgabe von Bibliotheken ist. Nicht vollständig, nicht überall, aber doch merklich. Der demokratische Geist der Weimarer Republik und der Ersten Österreichischen Republik zeigte sich auch in den Bibliotheken, obgleich es dort viele konservative Tendenzen gab. Man ging weniger davon aus, dass das Lesen der Menschen gesteuert werden könne, sondern das es eine Lesebiographie gäbe, deren Entwicklung man unterstützen müsse. Das lässt sich auch in den Lesesoziologie nachvollziehen. Immer mehr wird nicht danach gefragt, ob die richtige Literatur gelesen wird, sondern eher danach, welche Wege die Lesenden nehmen. Das Ziel ist oft immer noch, dass sie am Ende die richtige Literatur (was immer das in der jeweiligen Bibliothek ist) gelesen wird. Aber die Lesenden sollen praktisch selber dahinkommen und auf dem Weg dorthin unterstützt werden. Gesteuert, aber selbstbestimmt. (Das erscheint uns heute vielleicht nicht logisch, aber ist wichtig, diese Entwicklung auch als Entwicklung anzusehen. Bibliothekare, und auch die ersten Bibliothekarinnen, machten sich sehr wohl Gedanken über ihre Arbeit und veränderten ihre Vorstellungen. Das war nie eine feste Meinung, die für immer feststand und von allen geteilt wurde.)

Und auch, als sich nach dem Nationalsozialismus (beziehungsweise der Geistigen Landesverteidigung in der Schweiz) und den restaurativen Jahren dann Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre die Auffassung durchsetzte, dass es die Aufgabe der Bibliotheken sei, die Interessen der potentiellen Lesenden zu unterstützen, ihnen Fortbildungsmöglichkeiten und „sinnvolle Freizeitbeschäftigung‟ zu bieten, aber sie auch nicht zu zwingen, wurde dem in der Lesesoziologie gefolgt. Weiterhin wird in diesen Jahren gefragt, was gelesen wird, von wem und warum. Es werden Thesen über die weitere Entwicklung der Literatur aufgestellt, da man davon ausgeht, dass sich gesellschaftliche und technologische Entwicklungen auch darauf niederschlagen werden, was und wie viel gelesen wird. (Stichwort: Mehr Freizeit.)

Auffällig ist auch, dass die jeweilige Lesesoziologie sich mit den Aufgaben der Bibliotheken verbindet. In der DDR gab es beispielsweise immer wieder „parteiliche‟ Auswertungen, in denen aus den gesammelten Daten vor allem die der „Werktätigen und Kollektivbauern‟ herausgehoben wurden. Bekanntlich sollten die gefördert werden, damit sie die sozialistische Gesellschaft aufbauen könnten. (Und dann wären alle in der sozialistischen Gesellschaft, auch die, die nicht gesondert gefördert würden.) Hier verband sich Politik und Bibliotheksarbeit ganz direkt.

Aber, und das ist mir hier wichtig: Die Grundfragen der Lesesoziologie blieben. Was lesen die Leute und warum? Die Studien und Inhalte entwickelten sich mit den Bibliotheken,. Aber die Grundüberzeugung, dass eine sinnvolle Bibliotheksarbeit nur möglich wäre, wenn es Antworten auf diese Frage gibt, wurde die ganze Zeit beibehalten. (Das ist wichtig für die Frage ganz unten, ob sich Lesesoziologie wieder etablieren lässt.)

Gesellschaft und Lesesoziologie

Eine Sache, die in der ganzen Lesesoziologie auffällt, ist, dass sie immer einen Blick auf die Gesellschaft hatte. Egal, wer die Studien betrieb, egal in welchem Jahrzehnt oder für welchen Bibliothekstyp: Es gab immer ein klares Verständnis davon, dass die soziale Schicht und die konkreten sozialen Umstände, aus denen die betreffenden Lesenden kamen, eine grosse Bedeutung für die jeweilige Lesebiographie hatten. Sowohl dafür, was gelesen wurde als auch dafür, was als sinnvolle Lektüre galt. Nicht nur Arbeiterbibliotheken – bei denen das zu erwarten war, immerhin waren sie Teil einer marxistischen Bewegung – gingen davon aus, dass verschiedene soziale Schichten einen unterschiedlichen Zugang zum Lesen hatten, sondern praktisch alle taten dies. Sicherlich betonten andere Bibliotheken mehr die individuellen Entscheidungen der Lesenden. Aber praktisch galt immer:

  1. Prinzipiell können alle Menschen lernen, alle Literatur lesen.
  2. Menschen in verschiedenen sozialen Schichten haben unterschiedliche Möglichkeiten dazu. Deshalb ist es wichtig, nach den sozialen Umständen zu fragen.

Oft wurde zum Beispiel betont, dass Arbeiter*innen gar nicht so viel Zeit hätten, um sich umfassende literarische Kenntnisse anzueignen. Oder das der Alltag von Bäuer*innen durch die „Zeitläufe der Natur‟ geprägt sei und somit auch die Anregungen zur Beschäftigung mit Literatur andere wären als die der städtischen Mittelschicht. Das galt auch für Bibliotheken, die zum Beispiel einen „sozialen Ausgleich‟ im Ständestaat unterstützen sollten. Nicht nur für solche, die in Kategorien des Klassenkampfes dachten.

So oder so: Es war ein soziologisches Verständnis von Gesellschaft, das hinter der Lesesoziologie stand. Soziologisch in dem Sinne, dass die Gesellschaft begriffen wurde als in verschiedene soziale Schichten eingeteilt und dass die Literaturinteressen als von den sozialen Umständen dieser Schichten bedingt gedacht wurde (nicht determiniert, immer galt es auch die individuellen Interessen zu beachten). Deshalb zum Beispiel wurde intensiv diskutiert (in den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen), ob der Zuwachs an Freizeit für Arbeiter*innen in Fabriken in den 1950er / 1960er Jahren zu anderen Leseinteressen dieser Schicht führen würden: Weil sich deren soziale Umstände veränderten.

Vom Verschwinden der Lesesoziologie

Heute gibt es, pauschal gesagt, keine Lesesoziologie mehr. Vor allem nicht mehr als Teil bibliothekarischer Arbeit. Sie kommt in der Ausbildung nicht vor. Sie kommt bei der Festlegung der Bestandsstrategien nicht vor und sie wird auch nicht bei den strategischen Prozessen von Bibliotheken benutzt. Wann ist das passiert und wieso?

Wie oben gesagt: Genau lässt sich das nicht sagen. Es scheint eher, als sei diese Tradition ausgelaufen. Wie so oft bei öffentlichen Bibliotheken scheint sich diese Veränderung in den 1970er zu vollziehen. Spätestens in den 1980er Jahren scheint die Tradition mehr oder minder „tot‟ gewesen zu sein. Sie taucht in den bibliothekarischen Publikationen nicht mehr auf.

Ist sie von etwas anderem ersetzt worden? Auffällig ist, dass, als diese Tradition verschwindet, das Konzept und der Begriff des „Kunden‟ (heute selbstverständlich auch „Kund*innen‟) auftaucht. Die Leute, die die Bibliothek nutzen, werden nicht mehr als Lesende, Benutzer*innen und so weiter verstanden, sondern als Kund*innen. Auch das nicht sofort, nicht vollständig. Aber wenn man ein Datum setzen will, dann wäre der Beginn des Engagements der Bertelsmann-Stiftung im deutschen Bibliothekswesen 1985 ein guter Termin. Das würde zeitlich passen. (Aber nicht erklären, warum es in Österreich, der Schweiz und auch der DDR mit dieser Tradition gerade dann vorbei zu sein scheint. Man kann das Engagement der Stiftung vielleicht als Katalysator einer Entwicklung, die auch so stattgefunden hätte, interpretieren.)

Was diesen Begriff unter anderem auszeichnet ist, dass die Menschen als einzelne Individuen begriffen werden, die eigne Interessen ausprägen. Soziale Unterschiede werden dabei eingeebnet: Warum die Individuen ihre Interessen ausprägen, warum sie das mögen und das nicht, wird als grundsätzlich egal angesehen. Sie werden Atomisiert. Es wird bei Kund*innen eher nach Trends gefragt, die sich entwickeln und auf die man reagieren müsste und nicht mehr nach sozialen Umständen, welche die Trends hervorbringen. Zumindest als These lässt sich aufstellen, dass die Lesesoziologie mit ihrem Fokus darauf, warum Menschen was lesen, nicht in ein solches Denken passt. Wenn die gesellschaftlichen Umstände die Literaturinteressen mitbestimmen, kann man sie nicht als Kund*innen verstehen. Die Fragen der Lesesoziologie passen nicht zum neoliberalen Denken.

Aber das kann nicht die ganze Erklärung sein: Das Wahrnehmen von Menschen als atomisierte Individuen, und nicht als geprägt von sozialen Schichten, muss überzeugt haben. Sonst wäre es nicht so angenommen worden. Und die Lesesoziologie – die, dass muss man erwähnen, oft zeigte, dass die Anstrengungen der Bibliotheken wenig Einfluss auf das Leseverhalten hatten – mussten weniger überzeugt haben.

Should we revive Lesesoziologie?

Bibliotheken heute wissen überhaupt nicht, welche Menschen aus welchen sozialen Schichten welche Literatur (oder welche anderen Medienformen) bevorzugen. Sie wissen nicht, ob sich das Interesse an bestimmten Medien, Genres und so weiter grob an sozialen Schichten orientiert oder nicht. Wenn überhaupt, dann wird gefragt, ob bestimmte Altersstufen und das Interesse an bestimmten Medien zusammenhängt. (Vor allem bei Kindern und Jugendlichen, nicht bei anderen Altersgruppen.2)

Die Lesesoziologie basierte auf der Annahme, dass man wissen müssen, was Menschen lesen und warum, um überhaupt den Bestand und die restlichen Aktivitäten der Bibliothek sinnvoll planen zu können. Das war keine falsche Überzeugung. Heute hingegen scheinen die meisten Entscheidungen von Bibliotheken über den Bestand und über die Angebote der Bibliothek auf kaum fundierten Vorstellen, Behauptungen und Hoffnungen (die sich halt auch oft zerschlagen) aufzubauen. Dadurch, dass die Tradition der Lesesoziologie aufgegeben wurde, haben sich Bibliotheken (gewiss ungewollt) eher in die Hände von meinungsstarken Einzelpersonen begeben. Sie sind dadurch strukturell dümmer geworden (im Sinne von: Sie wussten früher mehr).

Eventuell ist ein Grund dafür, dass sie ihre strategischen Entscheidungen mehr und mehr nicht an Medien, sondern an Angeboten, die weniger mit Medien zu tun haben, ausrichten, der, dass sie sich kaum noch Daten darüber erarbeiten, was Menschen eigentlich alles mit Medien machen. Die Abwertung der konkreten Mediennutzung (also dem lautstark thematisieren Interesse am Lesen und ähnlichen Aktivitäten) im bibliothekarischen Diskurs scheint auch mit dem Niedergang der Lesesoziologie einigermassen parallel zu laufen.

Deshalb drängt sich Frage auf (auch, weil die These vom Ende des Neoliberalismus in unseren Gesellschaften in der Luft hängt), ob es sinnvoll und möglich wäre, die Lesesoziologie wiederzubeleben. Sollte man Bibliotheken raten, sich wieder Studien darüber zuzuwenden, was und warum ihre potentiellen Nutzer*innen lesen?

Ja, aber der Zeit und unserem Wissen über die Medienrezeption angepasst. Es ist offensichtlich, dass in den letzten Jahrzehnten, in denen Bibliotheken versucht haben, Angebote neben der „reinen Mediennutzung‟ aufzubauen, die Nutzung der Medien – und vor allem immer noch das Lesen von ausgeborgten, gedruckten Büchern – weiterhin die Hauptaktivität in Bibliotheken geblieben ist. Das ist nie weggegangen. Deshalb sollte man auch wieder anfangen, Daten über diese Aktivitäten zu erheben und für die bibliothekarische Arbeit zu verwenden.

Wie oben diskutiert wurde die Lesesoziologie immer im Rahmen dessen durchgeführt, wie die Bibliotheken jeweils ihre Aufgaben definierten. Lesesoziologie ist also wandelbar. Was wäre heute anders?

  1. Sicherlich würde man heute die verschiedenen Medienformen, die in Bibliotheken vorhanden sind, integrieren. Das wäre keine Innovation. Als in Bibliotheken Angebote an Zeitschriften und Zeitungen aufgebaut wurden, wurden auch sie in die lesesoziologischen Befragungen integriert. (Sie würde dann vielleicht auch anders heissen. Aber Lesesoziologie ist ja, wie oben dargestellt, eh nur der Begriff, den ich gewählt habe. Insoweit wäre auch das kein Problem.)
  2. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert herrschte eine recht direkte Vorstellung davon, wie Literaturrezeption funktioniert vor. Man ging davon aus, dass man aus dem Text selber herauslesen konnte, wie dieser auf die Lesenden wirken würde. Literatur würde praktisch eins zu eins interpretiert, Romane praktisch als Abbildung der Realität gelesen (und damit zum Beispiel falsche Vorstellungen vermitteln oder aber gerade ungewohnte Einblicke ermöglichen). Das stimmt selbstverständlich nicht. Die Literaturwissenschaft (oder auch die Filmwissenschaft, die Musikwissenschaft und so weiter) haben komplexere Rezeptionsmodelle erarbeitet und auch empirisch untermauert. Wir wissen zum Beispiel heute, dass Lesende jeweils mitbestimmen, wie ein Medium wahrgenommen wird und das Bedeutung eines Textes (Films, Musikstücks und so weiter) von diesen bei der Rezeption co-produziert wird.3 Solche Rezeptionsmodelle müssten sinnvoll in die Lesesoziologie integriert werden.
  3. Es gibt heute mehr Forschungseinrichtungen um Bibliotheken drumherum als früher. All die Fachhochschulen, aber auch mietbaren freien Forschungsinstitute wären wohl in der Lage, lesesoziologische Untersuchungen durchzuführen. Aber: Die Stärke der Lesesoziologie war, dass sie direkt von Bibliotheken durchgeführt und dann wohl auch eher genutzt wurde. Nur Daten über die Mediennutzung zu erheben, verändert die Bibliotheksarbeit noch nicht. (Es gibt ja zum Beispiel regelmässige Studien zur Nutzung digitaler Medien. Wie werden die den genutzt.) Wenn Bibliotheken solche Studien durchführen, müssen sie sich selber klar werden, was sie eigentlich wieso und wie fragen, auswerten und so weiter. Das ist es, was wiederbelebt werden sollte.

Was sich allerdings ändern würde durch eine solche „neue Lesesoziologie‟ wäre wohl, dass einige in den letzten Jahrzehnten liebgewonnene Vorstellungen über Bibliotheken aufgegeben werden müssten: Es würde sich zeigen (weil sich das in anderen soziologischen Studien auch immer wieder zeigt), dass sich die Interessen an bestimmten Medien, Genres, Inhalten und so weiter stark an den sozialen Schichten anlehnen. Die Grundvorstellung, dass es in unseren Gesellschaften nur „Kund*innen‟ gäbe, müsste aufgegeben werden. Ausserdem würde sich wohl zeigen, dass es weiterhin die Mediennutzung ist, welche die meisten Besuche von Bibliotheken motiviert. Es ist seit den 1980ern normal geworden, zu behaupten, Bibliotheken müssten sich auf andere Angebote konzentrieren (heute Makerspaces, aber auch das ist nicht neu, sondern eine Tradition). Es würde sich wohl zeigen, dass diese Behauptungen argumentativ davon profitieren, dass sie kaum empirisch überprüft werden. Wie gesagt zeigte sich in den lesesoziologischen Untersuchungen oft, dass die Bemühungen der Bibliotheken mit spezifischen Angeboten, Beratungen, Lenkungsversuchen und so weiter die Lesenden zu beeinflussen, immer nur geringe Effekte hatten,. Immer kamen Menschen vor allem, um das zu lesen was sie interessierte. Wenn sich also in neuen lesesoziologischen Untersuchungen zeigen würde, dass das auch heute gilt, wäre das nur gut. Es würde die Bibliotheksarbeit erden.

 

Fussnoten

1 In meinem Artikel zu Arbeiterbibliotheken in der vorletzten LIBREAS habe ich auch Beispiele angeführt, wo solche Studien zu polemischen Zwecken genutzt wurden. Zum Beispiel Abbildung 4 und 5, wo die Arbeiterbibliotheken Wiens anführen, welche Autor*innen und welche Arten von Beständen bei Ihnen ausgeliehen wurden, um zu zeigen, dass sie die Kultur der Arbeiter fördern würden. (Schuldt, Karsten (2019). „Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts‟. In: LIBREAS. Library Ideas 35 (2019), https://libreas.eu/ausgabe35/schuldt/).

2 Es gab auch die kurze Zeit, wo einige Bibliotheken auf den antifeministischen Zug aufzuspringen versuchten und angebliche „Literatur für Jungen‟ anbieten wollten. Das ist zum Glück untergegangen, wohl auch weil die Vorstellungen davon, was „Jungenliteratur‟ sein soll, auf keinen Daten – sondern auf hinterwäldlerischen und antifeministischen Annahmen – beruhte.

3 Das wäre übrigens die „richtige‟ Verwendung von „co-produziert‟ (richtig im Sinne von: hierfür gibt es einen Definition). Ich weiss, dass Bibliotheken diesen Begriff aktuell auch benutzen, aber mir ist nicht klar, was sie damit meinen. Offenbar nicht das.

Evaluationen in Bibliotheken: Könnten wohl besser sein

Evaluationen. Über meine Schreibtische kommen regelmässig Evaluationen sehr unterschiedlicher bibliothekarischer Projekte: In Berichten und „Case Studies”, in internen Berichten, in Projektbewertungen, in studentischen Arbeiten über solche Projekte oder in Praktikumsprojekten, als eigenständige Dokumente und in vielen anderen Formen. Und, well: nicht alle sind so aussagekräftig, wie sie sein könnten. Ehrlich gesagt, die meisten nicht.

Einerseits ist das verständlich: Viele der Evaluationen werden durchgeführt, weil sie verlangt werden. Stiftungen und andere Geldgeber verlangen sie heute am Ende von Projekten – also werden sie gemacht. Aber nicht unbedingt, weil viel Sinn in ihnen gesehen wird. Oder wenn, dann wird offenbar eher vermutet, dass es einen Sinn für die geldgebenden Stiftungen hätte, aber nicht unbedingt für die Bibliotheken, welche die Evaluationen durchführen (im Sinne von: die Stiftungen würden wissen wollen, wie ihr Geld verwendet wird). Andererseits ist das ärgerlich. Evaluationen sind nämlich eine der verbreitetsten Lernmöglichkeiten für Institutionen, also auch Bibliotheken. Sie sind eine der Möglichkeiten, bei denen ohne grösseren Aufwand Wissen über die Institution generiert werden kann und auch Möglichkeiten, in denen eine gute (bessere) Arbeitskultur etabliert werden kann. Und deshalb, weil Evaluationen – auch die, die man machen muss – doch noch recht viel Potential haben, im Vergleich zum restlichen Arbeitsalltag in Bibliotheken, ist es schon ärgerlich, dass diese nicht genutzt werden.

Was nicht so richtig funktioniert

Das Hauptproblem dieser Evaluationen (und ich fasse jetzt einmal Eindrücke zusammen, ohne einzelne Fälle „vorführen” zu wollen) scheint zu sein, dass sie einfach nicht das messen, was sie messen sollen beziehungsweise zu messen vorgeben. Oft scheinen einfach ein paar Zahlen erhoben zu werden, die vielleicht naheliegen und einfach zu erheben sind, die aber kaum etwas darüber aussagen, ob die in den Berichten geäusserten Ziele der jeweils evaluierten Projektes / der evaluierten Intervention erreicht wurden. Auch das kann man manchmal nachvollziehen. Immer mehr Anträge an Stiftungen und ähnliche Fördereinrichtungen verlangen heute in jedem Projektantrag eine Liste mit Kennzahlen, mit denen man überprüfen können soll, wie das jeweilige Projekt lief – gerne so was wie „zum Ende des Projektes haben XZY-viele Jugendliche an den geförderten Gaming-Events teilgenommen” oder „am Ende wurden XYZ-viele Broschüren verteilt und mit XYZ-vielen Schulen Kontakte hergestellt”. Welche Zahlen genau genutzt werden, ist oft den Antragstellenden offengelassen. Und so kommt es dann dazu, dass Anträge geschrieben werden, die zum Beispiel Selbstwirksamkeitsaufbau und Zugang zu Bibliotheken mittels Gaming-Events unterstützen möchten, aber am Ende als Evaluation erheben, wie viele Jugendliche an den Events teilgenommen haben.

Das ist nicht sinnvoll.

Erstens: Auch wenn es so scheint, als würden solche Zahlen erhoben, um die jeweiligen geldgebenden Einrichtungen „glücklich zu machen”, ist das bei den Stiftungen nicht die Idee. Die Idee ist, Einrichtungen dazu zu bringen, nicht einfach wild drauf los Geld zu beantragen, sondern die Möglichkeit zu nutzen, sich beim Bestimmen der zu erhebenden Zahlen Gedanken dazu zu machen, was das Projekt eigentlich erreichen soll. Ist das ein guter Weg, das zu erreichen? Das weiss ich nicht. Aber es soll halt eigentlich keine Pflichtübung sein, sondern eine Möglichkeit, als Institution die eigene Leistungsfähigkeit gut einzuschätzen. (In den Reviews der Stiftungen wird dann auch oft nicht gefragt, ob die jeweiligen Zahlen hoch genug sind, damit sich die Förderung lohnt, sondern danach, ob diese sinnvoll und erreichbar gewählt sind.)

Zweitens: Während diese Fixierung auf Zahlen bei Anträgen noch verständlich ist, weil sie von aussen gefordert wird, ist auffällig, dass sie zum Beispiel auch bei rein internen Projekten von Bibliotheken, Praktikumsprojekten oder halt anderen Projekten, die gar nicht von aussen finanziert werden, angewandt werden. Und hier scheint es dann wirklich, als wäre es eine Pflichtübung, die man irgendwann mal gelernt hat (Im Projektmanagement-Kurs? Vom Bibliotheksberater / von der Bibliotheksberaterin?) und einfach durchführt, weil es angeblich so sein muss. Muss es nicht. Eine Evaluation kann dazu benutzt werden, zu fragen, wie das jeweilige Projekt in der jeweiligen Bibliothek funktioniert, nicht nur danach, ob ein paar Kennzahlen erreicht wurden.

Drittens: Manchmal sind Zahlen der richtige Weg, um Projekte zu evaluieren, manchmal sogar einfach zu erhebende. Oft aber auch nicht. Die Frage ist nicht: Wie evaluiere ich etwas möglichst schnell? Sondern: Wie überprüfe ich, ob die Ziele, mit denen das Projekt gestartet wurde, erreicht wurden? Und zwar am Besten nicht einfach mit den beiden Antwortmöglichkeiten „Ja, wurde erreicht” oder „Nein, wurde nicht erreicht”, sondern differenzierter. Und gleichzeitig nicht abgekürzt (wie beim Beispiel oben, wo es eigentlich um Selbstwirksamkeit gehen soll, aber man vielleicht einfach Besucherinnen und Besucher zählt und abgekürzt behauptet, ein Besuch des geförderten Gamingevents sei gleichzusetzen mit einer Erhöhung der Selbstwirksamkeit).

Das kann umständlich sein und gleichzeitig kann es geleistete Arbeit verdecken. Umständlich, weil Erhöhung von Selbstwirksamkeit zu messen schwieriger ist (und vielleicht auch nur halb geht), als einfach Besucherinnen und Besucher zählen. Verdeckend, weil zum Beispiel ein Gaming-Event viel Arbeit bedeuten kann (zum Beispiel wenn wieder mal – wie es sich gehört – kurz vorher irgendetwas schief geht), die man auch gerne irgendwo sehen würde – aber halt nicht sieht, wenn es um Selbstwirksamkeit geht. Aber das ist das Grundprinzip jeder guten Evaluation: Danach zu fragen, ob die Ziele eines Projektes, eine Intervention erreicht wurden – und im besten Falle, wie. Anderes muss man anders angehen.

Für die, die der Meinung sind, man müsse alles positiv darstellen, sind tiefergehende Evaluationen vielleicht auch gefährlich, weil sie zeigen können, dass nicht alles läuft, wie einst angedacht. Aber: Nichts läuft immer wie geplant. Alle wissen das. Einrichtungen, die kritisch mit sich selbst sein können und das auch nach aussen zeigen, werden viel positiver wahrgenommen – auch von Geldgebern und Fördereinrichtungen – als solche, die ständig nur positive Meldungen machen — aber das ist jetzt ein anderes Thema.

(Nicht zuletzt: Wenn in einem Projekt viel versprochen wird, am Ende aber zum Beispiel nur die Zahl der Besucherinnen und Besucher gezählt wird, ist es sehr einfach, daraus zu schliessen, dass es immer nur um diese Besuche ging, nicht um die zuvor geäusserten Ziele. Wenn ich eine Stiftung wäre: Warum sollte ich dann nicht aus so etwas den Eindruck gewinnen, dass die schönen Ziele weiterer Anträge der gleichen Einrichtung auch nur vorgeschoben sind?)

Was man besser machen könnte

Also, was könnte besser gemacht werden (meinem Eindruck nach)?

Zuerst, wie schon gesagt, den einfachen Grundsatz beherzigen, dass eine Evaluation nicht einfach sein soll oder schnell gemacht werden kann, sondern das sie messen soll, ob die Ziele eines bestimmten Projektes erreicht wurden oder nicht. Von dieser Frage ausgehend müssen sie aufgebaut werden.

Das bedeutet oft, länger darüber nachzudenken, wie die Evaluationen durchgeführt werden können; zum Beispiel ob andere Zahlen zu erheben sinnvoller wäre oder ob man vielleicht gegen den Drang ankämpfen sollte, einfache Zahlen zu erheben und stattdessen auf andere Dokument gesetzt werden sollte oder ob gar andere Methoden – die man sich ja oft aus der Forschung borgen kann – verwendet werden müssten. Das kann dann heissen, dass die Evaluation auch mehr Zeit und Ressourcen kostet (aber, wie erwähnt wird bei Reviews von Anträgen oft gefragt, ob die gewählte Evaluation sinnvoll ist, nicht, ob sie billig und schnell durchzuführen ist – in Anträgen Arbeitszeit und andere Ressourcen für eine Evaluation einzuplanen ist zum Beispiel vollkommen okay und wird von vielen Fördereinrichtungen positiv bewertet), aber so ist das bei guten Evaluationen: Wenn man etwas daraus lernen will, kostete es manchmal auch etwas mehr. Das ist aber oft gut investiertes Geld.1

Daneben scheint mir aber ein Problem mit Evaluationen ein strukturelles zu sein: Dadurch das (so mein Eindruck) sie meist als Anhang, „weil sie halt gemacht werden müssen”, gemacht werden, werden sie nicht so gemacht, dass sie der einzelnen Bibliothek etwas bringen. Es scheint, als würden sie gemacht, an die betreffende Stelle gemeldet, vielleicht noch in einem Projektbericht an die Aussenwelt berichtet, aber sonst schnell und ohne Konsequenz vergessen.

Dabei sind Evaluationen geeignet, um als Team – entweder Projektteam oder aber, in Bibliotheken (wenn sie nicht zu gross sind), sogar besser dem gesamten Team – zu reflektieren. Allerdings: Erhebt man die falschen Zahlen (also die, die nichts über die Ziele aussagen), was soll man dann gemeinsam reflektieren? Erhebt man nur „Erfolg” oder „kein Erfolg” – was soll man dann diskutieren? Wendet man aber die Zeit und Ressourcen für eine Evaluation auf, die klärt, was im Projekt passiert ist, welche Ziele wie und wieso mehr oder weniger erreicht wurden und verzichtet auf unrealistisch positive Darstellungen, dann lässt sind aus ihnen (a) etwas über das Projekt, (b) über die Bibliothek als Institution und (c) die weitere Entwicklung von weiteren Projekten / Interventionen / Entwicklung der Bibliothek lernen.

Sicherlich, um so eine Reflexion im Team zu vollbringen – aber wie soll man sonst etwas lernen, in einer einer Einrichtung, die aus mehr als einer Person besteht, wenn nicht im gesamten irgendwie betroffenen Team – bedarf es auch einer Arbeitskultur, die eine solche Reflexion möglich macht: (1) Eine, in der man ohne Angst davor, dass das auf persönliche Ebene gezogen wird, Fehler, Scheitern, falsche Annahmen und so weiter benennen kann – als Möglichkeiten, aus denen zu lernen ist und eben nicht, um sie irgendjemand vorzuwerfen. (2) Eine, in der Kritik geäussert werden kann, aber in der vor allem Potentiale benannt und gefördert werden, in der die geleistete Arbeit wertgeschätzt wird. (3) Eine, in der eher realistisch über weitere Entwicklungen diskutiert wird und nicht, zum Beispiel, in reinen Phrasen und Ankündigungen, die dann eh nie umgesetzt werden, oder auch nicht, als weiteres Beispiel, in denen Vorschlägen und Einwürfen von grossen Teilen des Personals keine Beachtung geschenkt wird. (4) Einer, die nicht diesen absonderlichen Drang erzeugt, ständig alles nur als positives Ergebnis zu schildern, sondern die auch, zum Beispiel in Berichten, in der Lage ist, Schwierigkeiten zu benennen, die in einer Evaluation sichtbar wurden.

Mir ist schon klar (dazu habe ich schon geschrieben): Das ist leider in vielen Bibliotheken nicht gegeben. Aber wozu dann überhaupt Projekte machen, wenn man nicht mal so eine Arbeitskultur hat?

 

Fussnote

1 Und ja: Bei solchen Fragen können zum Beispiel bibliotheks- und informationswissenschaftliche Institute an Fachhochschulen beraten. Aber, da sie noch mehr von Drittmitteln abhängen als Bibliotheken, nicht umsonst. Bibliotheken haben aber auch immer Personal mit wissenschaftlicher Ausbildung – man muss dessen Kompetenzen nur nutzen.

Welche Vorbilder wählt sich das Bibliothekswesen und wieso? Einige Überlegungen

Letztes Wochenende fand in Genf die Fête de la Musique statt. Anders als anderswo ist das in Genf nicht der Tag des Sommeranfangs (21. Juni), sondern das ganze Wochenende nach diesem Tag (Freitag bis Sonntag, diesmal 22-24. Juni). Aber ebenso wie anderswo: Musik, vornehmlich draussen, umsonst, mit verschiedensten Musikrichtungen, sehr lokal geprägt (also Bands und so weiter aus Genf, was bei der doch internationalen Stadt Genf halt auch heisst, sehr international geprägte Musik). Da sich der Grossteil der Bühnen in Genf in der Altstadt und neben der Altstadt im Parc des Bastions befindet, gab es hier auch recht zentral all die Essens- und Getränkestände, symphatischerweise nicht von grossen Caterern, sondern vor allem von Vereinen betrieben, die so Geld für ihre jeweiligen Vereinszwecke sammeln. Auch die Infrastruktur: Sehr nett. Kostenfreie und saubere WCs (im Vergleich), überall Brunnen mit Trinkwasser.

Und mittendrin hat die Öffentliche Bibliothek eine Bühne, genauer: Von den Öffentlichen Bibliotheken der Stadt hat einer der 13 Standorte (Bibliothèque de la Cité) eine Abteilung für Musik (Espace musique) und diese Abteilung wiederum hat einen eigenen Bibliotheksbus (Mobithèque) (neben dem Bibliotheksbus – Bibli-o-bus – für die kleinen Orte im Kanton, aber ausserhalb der Stadt Genf selber, den es auch gibt), welcher die ganzen drei Tage bei der Fête de la Musique auch Programm bietet: Filme, Quiz, Chanson, DJs.

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Der DJ beginnt mit seinem Set und geht dabei gleich symphatisch mit ab. Später wurde getanzt (inklusive vieler Kinder, deshalb hier keine Bilder davon).

Auch das war ganz nett. Aber wie wir so bei der Mobithèque sassen, dem DJ (Abraham Licorne, wenn ich das vergangene Programm richtig lese) zuhörten, wie er so einen sehr aufbauenden Mix von Funk, Swing, Rap und Elektro auflegte und wir den Leuten zuschauten, wie sie am warmen, sommerlichen Abend tanzten und auch sonst alles im Rahmen ganz symphatisch fanden, begann ich mich eines zu fragen: Warum ist eigentlich nicht das – die Bibliothèques Municipales de la Ville Genève und ihre Angebote, die direkt zu den Menschen gehen – ein Vorbild für Bibliotheken im deutsch-sprachigen Raum?

Was ist Vorbild – und was nicht?

Je länger der Abend dauerte, umso mehr stellte sich mir diese Frage: Wie wird eigentlich im Bibliothekswesen ausgewählt, welche Bibliotheken als Vorbild gelten und was von ihnen als vorbildhaft gilt? Damit einher geht selbstverständlich immer die Frage, was gerade nicht ausgewählt wird. Der Diskurs (der mal wieder) über bestimmte Vorbilder ist selbstverständlich eine Verständigung darüber, was als denk- und machbar gilt. Gleichzeitig errichtet er ein „Aussen” von Lösungen (in diesem Fall: Bibliotheken), die als nicht vorbildhaft gelten, als nicht denkbar, nicht umsetzbar, als bestenfalls utopisch. Und das vor allem als Diskurs, als System von Worten, Aussagen und Denkweisen. Denn: Ich sass dort im Park und hörte dem DJ, der in der Mobithèque auflegte, zu. Das gibt es real. In einer sehr internationalen Grossstadt mit allen ihren netten und nicht-netten, verrückten und langweiligen Menschen, mit all ihrer Infrastruktur, ihrer Wirtschaftsorientierung, dem „Weggucken” bei all den Quasi-Diktatoren, die dort wohnen, bei ihrem spezifischen Verständnis von Wohlfahrt. Es ist also gar nicht so utopisch; es ist schon gebaut. Aber es ist nicht als Vorbild im deutschsprachigen Diskurs drin.

So erscheint es im deutschsprachigen bibliothekarischen Diskurs praktisch als unmöglich: Ein Bibliotheksverständnis, das eher auf viele kleine Filialen, die dafür dort sind, wo Menschen wohnen, setzt; auf Programme, mit denen zur Bevölkerung gegangen wird, mit Bücherbussen und persönlichen Angeboten. Mit einer Agenda, die so viele Veranstaltungen beinhaltet (ein Teil in Kooperation mit anderen Einrichtungen, aber der Grossteil von der Bibliothek selber organisiert), dass sie mehrfach im Jahr, zum Teil nur für bestimmte Themen (zum Beispiel Musik) gedruckt werden muss? Warum erscheint so ein Verständnis von Bibliothek nicht als vorbildhaft, warum werden Bibliotheken im deutschsprachigen Raum, die auch eher auf solche Strukturen setzen, eher als unzeitgemäss angesehen? Das zum Beispiel Zürich oder Wien so viele Filialen haben, wie sie haben, erstaunt ja heute schon eher. Thematisiert wird es kaum.

Dabei, so wurde eigentlich klar, während der Abend weiterging, haben die Nutzerinnen und Nutzer da gar nichts dagegen.

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Nur mal zwei der aktuellen Programme der Bibliothèques Municipales de Genève. (Das Motto „une fenétre sur le monde“ heisst übrigens „ein Fenster zur Welt“. Auch das symphatisch.)

Was macht „unsere Vorbilder” aus?

Bislang habe ich schon mehrfach (hier im Blog und anderswo) darauf hingewiesen, dass es eine Tradition in den deutschsprachigen Bibliothekswesen gibt, die eigentlich einer Erklärung bedarf: der ständige Blick in die USA, nach Grossbritannien und „Skandinavien” (ohne Island, selten nach Finnland, dafür manchmal in die Niederlande) und die dortigen Bibliotheken. Die Tradition gibt es seit Langem, auch durch verschiedene politische Systeme hindurch. Sie war nicht immer so stark (man findet in älteren bibliothekarischen Zeitschriften zwar auch diesen Blick, aber doch mehr Artikel, die andere Bibliothekswesen vorstellen; es war also eher „bunter”), sie scheint heute auch viel fokussierter auf Teilaspekte der dortigen Bibliothekswesen als früher. Aber sie erklärt zum Teil, warum das Bibliothekswesen in Genf nicht als Vorbild gilt.1

Aber neben dieser Tradition fiel mir an diesem Abend zusätzlich auf, dass die „Vorbild-Bibliotheken”, welche in den bibliothekarischen Texten vorgestellt, in organisierten Informationsreisen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren besucht und auf Konferenzen als Beispiel angeführt werden, nicht nur in diese Tradition passen, sondern einige andere Gemeinsamkeiten haben.

In meiner „aktiven Zeit” im Bibliothekswesen (etwas mehr als zehn Jahre) hat es drei dieser grossen Vorbilder gegeben:

  1. Die Idea Stores in London
  2. Die Openbare Bibliotheek Amsterdam, Centrale Bibliotheek
  3. Dokk1 in Århus2

Ich gehe mal davon aus, diese bekannt sind. (Und wenn die Idea Stores unbekannt sind und schon lange nichts mehr von ihnen vermeldet wurde, ist das auch nur bezeichnend, siehe weiter unten.)

Es gibt eine Anzahl von Gemeinsamkeit bei diesen drei Vorbildern:

  1. Es ging bei allen drei um einen aktiven Stadtumbau, in welchen die Bibliotheken einbezogen wurden. Die Idea Stores waren Teil der aktiven Aufwertung von Wohnquartieren. Es wurden Bibliotheken geschlossen, die – so die Argumentation – veraltet waren und neue Stores gebaut, die unter anderem durch ihr Design und ihre Architektur Moderne ausstrahlen und dazu beitragen sollten, dass sich die Quartiere erneuerten. Die Centrale Bibliotheek und das Dokk1 sind noch expliziter Institutionen, die zur Aufwertung von ehemals industriell genutzten Häfen beitragen sollen. Beide Male war die Aufgabe, welche sich die Stadtverwaltungen stellten die, Häfen, die lange die Stadt vom jeweiligen Wasser trennten, neu in die Stadt einzubinden. Es trafen sie ja auch die gleichen Entwicklungen (und nicht nur sie) in der Logistik, die in den letzten 10-15 Jahren weltweit „Häfen freimachen”. In diesen beiden Fällen wurden – nicht nur – Bibliotheken als Mittel gewählt, diese Öffnung zur Stadt zu erreichen.
  2. In allen drei Fällen ging es um Architektur. Alle Gebäude wurden explizit als zeitgenössisch, überwältigend und eindrücklich konzipiert. Sie sollen – so würde ich es interpretieren – alle eine gewisse Offenheit, Helle und Moderne repräsentieren. Ob sie das erreichen ist eine andere Frage. (Mir persönlich scheinen vor allem die Idea Stores und das Dokk1 erstaunlich abweisend.) Aber es war und ist auffällig, wie oft die Architektur im Mittelpunkt von Darstellungen dieser Bibliotheken stand und wie oft Texte vor allem mit grossen Architekturbildern dieser Bibliotheken bebildert wurden.
  3. Um was es viel weniger ging, bei den Texten zu diesen drei Beispielen, war die Funktionalität der Gebäude selber. Sicherlich wurden sich bei den Bauprojekten darüber Gedanken gemacht. Aber in den Darstellungen überwog eher, wie die Gebäudeals Gebäude und stadtplanerische Statements wirken sollen (also ein architektonischer und vielleicht auch stadtplanerischer Blick) und weniger, wie sie tatsächlich im Alltag für bibliothekarische und andere Aufgaben wirken (also ein bibliothekarischer Blick). Ein wenig so, als würde sich auch in der bibliothekarischen Literatur eher für die Gestalt als für den Inhalt interessiert.
  4. Bei allen drei Beispielen wurde postuliert, dass eine Lösung vorgeblicher bibliothekarischer Probleme (dass das Bild der Bibliotheken schlecht wäre, dass sie veraltet seien, dass sie immer weniger Nutzerinnen und Nutzer hätten) darin bestehen würde, die Bibliotheken mit anderen Einrichtungen zusammenzulegen und als gemeinsame Einrichtungen zu betreiben. Bei den Idea Stores mit der Erwachsenenweiterbildung, in Amsterdam mit Theater, Radio und anderen Einrichtungen, im Dokk1 gleich als Kulturzentrum. Dies wurde auch in der deutschsprachigen Literatur immer wieder als vorbildhaft herausgestellt. (Es ist eigentlich keine sonderlich neue Idee und auch anderswo schon mehrfach umgesetzt. Dennoch wurde es immer wieder als neu herausgestellt.)
  5. Damit einher ging, dass bei den drei Vorbildern moderne bibliothekarische Arbeit vor allem als Arbeit entworfen wurde, die über einen gewissen „traditionellen Kern” hinausgehen würde. Mehr Veranstaltungen, Makerspaces (Amsterdam, Århus), Bildungsberatung (London) und so weiter. Auch das war eigentlich nichts Neues, aber es wurde immer wieder als vorbildhaft dargestellt. Was weniger diskutiert wurde, war die eigentliche bibliothekarische Aufgabe dieser Einrichtungen. Stattdessen diskutiert wurden (vorgeblich) hinzukommende Aufgaben und Angeboten.
  6. Vielleicht ist es nur mein Eindruck, aber mir scheint, dass die potentiellen Nutzerinnen und Nutzer, die in den „Vorbild-Bibliotheken” angestrebt werden (und die auf den Bildern in den Artikeln zu sehen waren), trotz aller Betonung von Offenheit und Urbanität doch sehr eingeschränkt sind: sehr kleinbürgerlich, selbstmotiviert, bildungs- und aufstiegsorientiert, kreativ in dieser sehr aufgeräumten Weise, „vernünftig” im Sinne von Leuten, denen man weder Ekstase noch durchgetanzte Nächte zutraut [im Gegensatz zu DJs auf der Fête de la Musique, die zumindest an solche „unsinnig” kreativ verbrachten Nächte erinnern] und „vernünftig” im Sinne von auf Harmonie und Ausgleich ausgerichtet [und eben nicht auf die Thematisierung von Widersprüchen und gesellschaftlichen Strukturen]. Halt „ordentliche, vernünftige Leute”. Welcher Herkunft, sexueller Identität, religiöser Haltung et cetera scheint egal, solange sie „vernünftig” sind. Halt doch nur ein Teil der Gesellschaft.
  7. Bei der Darstellung der Vorbilder fällt im Nachhinein auch auf, dass sie praktisch nur als solitäre Einrichtungen dargestellt wurden; nicht als Teil des jeweiligen lokalen Bibliothekswesens. (Das hat sich ja auch in vielen „Bibliotheksreisen” gezeigt, die immer vor allem zu der einen Bibliothek gingen; als würde man aus den anderen Bibliotheken drumherum nicht viel lernen können.) Ob die jeweiligen Einrichtungen überhaupt eine Besonderheit darstellen oder eine Tradition fortsetzen; wie sie sich in das jeweilige Bibliothekssystem einliessen, wurde kaum gefragt. [Gerade beim Beispiel in Amsterdam wurde das am genutzten Namen für die Bibliothek manchmal auffällig: Openbare Bibliotheek Amsterdam heisst einfach Öffentliche Bibliothek Amsterdam – und von denen gibt es mehrere. Die Centrale Bibliotheek (Zentralbibliothek) über die gesprochen wurde, wurde aber oft so besprochen, als wäre es die eine und einzige Öffentliche Bibliothek in Amsterdam, deswegen wurde sie auch oft einfach „Openbare Bibliotheek” genannt.]
  8. Ebenso im Nachhinein (also zumindest für die Idea Stores und die Bibliothek in Amsterdam, aber jetzt eigentlich auch für die in Århus) fällt auf, dass sie nach den Phasen, in denen sie als Vorbild dargestellt und besucht wurden, eigentlich nicht mehr in der deutschsprachig bibliothekarischen Literatur auftauchen. Oder anders: Dargestellt wird der Anfang, aber nachher scheint kaum jemand nachzuschauen, wie sich diese Vorbilder entwickeln. Wie soll man das interpretieren? Geht es vor allem um den Eindruck des Neuen, nicht um das tatsächliche Funktionieren?

Ist das naturgegeben, dass gerade solche Bibliotheken ausgewählt werden, um in ihnen etwas neues oder vorbildhaftes zu finden? Ist es naturgegeben, dass sie so angeschaut und dargestellt werden, wie sie es werden? (Also Fokus auf die Architektur, wenig Fokus auf die Aufgaben, die der jeweiligen Einrichtung zum Beispiel bei der Stadtplanung zugeschrieben werden.) Selbstverständlich nicht. Man könnte andere Bibliotheken wählen, man könnte Bibliothekssysteme (und nicht einzelne Einrichtungen) anschauen, man könnte anderes thematisieren (zum Beispiel die Funktionalität von Gebäuden oder die Verdrängungsprozesse, an denen Bibliotheken (ungewollt) beteiligt sind, wenn sie als Teil der Aufwertung von städtischen Räumen angesehen werden). Man könnte auch Bibliotheken ausserhalb grosser Städte als Vorbild nehmen. Das ist alles möglich und in den letzten 100-125 Jahren ist das auch getan worden. Es ist also eigentlich erklärungsbedürftig, warum es heute so getan wird, wie es getan wird.

Was sagen unsere Vorbilder über uns aus?

Als ich nun in Genf neben der Mobithèque sass und über all dies ein wenig nachdachte, fiel mir ein Satz ein, der diese ganzen Überlegungen ganz gut zusammenfasst:

Es ist politisch, was man als Vorbild nimmt, was man nicht als Vorbild nimmt sowie was man an Vorbildern als vorbildhaft thematisiert und was nicht.

Eigentlich ziemlich einfach. Bei Menschen ist das auch nicht anders. Ob ich es als sinnvoll ansehe, Vorbilder zu haben oder nicht ist eine Entscheidung, die auf meinem Bild über die Welt und die Menschen aufbaut. Wen ich als vorbildhaft ansehe ebenso. Und was ich an diesen Personen als vorbildhaft ansehe auch (Beispielsweise jemand sehr oft gewähltes: Che Guevara. Finde ich die konkrete Politik Ches vorbildhaft oder nur, das er sich für seine Ideen einsetzte? Finde ich das Hasta la victoria siempre gut oder den konkreten militärischen Einsatz in Kuba, Kongo und Bolivien? Und: Wie tiefgehend meine ich das? Geht es mir um ein ungefähres Bild [„Man muss so radikal für die Armen sein, wie Che”] oder um konkrete Einzelheiten [„Man muss das kubanische Tagebuch und die wichtigsten Reden kennen und denen nachleben.”]?) Das scheint am Ende bei Bibliotheken nicht anders. Es ist halt nicht zufällig, was als Vorbild angesehen wird und was nicht. Und deshalb kann man auch versuchen von den Vorbildern, die in den deutschsprachigen Bibliothekswesen gewählt werden, abzuleiten, wie sich Bibliotheken politisch verorten.

Das aber wiederum hat mich ganz schön nachdenklich gemacht. Alles Vermutungen, aber:

  1. Auffällig ist schon, dass die Einbindung der drei Vorbilder in konkrete Gentrifizierungstendenzen gar nicht thematisiert wird. Wird das etwa gut gefunden? Wird das nicht gesehen? Ist es nicht eine gewisse Komplizenschaft, das praktisch bei den Darstellungen auszulassen und einfach so hinzufahren?
  2. Auffällig ist aber auch die relativ unkonkrete Darstellung dieser Vorbilder: Die konkrete Funktion im Alltag, die bibliothekarischen Fragen (zu denen dann offenbar auch solche der Veranstaltungsorganisiation und Kooperation zählen) stehen ja ganz oft im Hintergrund, dafür werden vielmehr Bilder präsentiert. Das bleibt alles immer sehr, sehr schwammig. Und nachher wird auch wenig geschaut, ob es überhaupt wirkt. Worum geht es dann? Eher so um den Vibe des Neuen, um das Gefühl, modern zu sein? [Wie beim Che-Beispiel: Eher um den Vibe der Veränderung als um die konkrete Auseinandersetzung mit der Praxis?]
  3. Auffällig auch, dass vor allem Einzelgebäude angeschaut werden, nicht Bibliothekssysteme. Im neoliberalen Stadtumbau ist das normal: Nachdem die Kommunen fast alle Steuerungselemente aus der Hand gegeben haben, um den Markt möglichst viel regulieren zu lassen, ist das Mittel der Wahl heute, irgendetwas hinzustellen (Gebäude, Projekte), das dann die über den Markt regulierte Gesellschaft oder Stadt in eine Richtung stossen soll. Weniger Infrastruktur, mehr beispielhafte Interventionen. In gewisser Weise scheint sich das bei den bibliothekarischen Vorbildern wiederzufinden: Einzelne Bauten, nicht Systeme werden angeschaut, es scheint eher in Interventionen (Innovationen) gedacht zu werden und weniger an Infrastruktur oder konkreter Arbeit.
  4. Und auffällig ist einfach auch, wie wenig eigentlich die Gesellschaft thematisiert wird. Es gibt so ein grundsätzliches Diversitäts-Versprechen, aber eigentlich scheint es, als würde nicht gefragt, was diese Vorbild-Bibliotheken eigentlich für Menschenbilder vermitteln (bei den Idea-Stores und ihrer Fixierung auf Bildung wären dies sehr einfach zu thematisieren). Es scheint halt schon manchmal, als würde umstandslos die kleinbürgerliche (ist das das richtige Wort?) Orientierung einfach übernommen. Vorsichtig interpretiert scheinen sich Bibliotheken mit den kleinbürgerlichen Werten (die ja heute auch offener sind als früher, halt diverser, solange alle „vernünftig” sind) zu identifizieren. Vielleicht weil das genau das Weltbild ist, dass von vielen in der Bibliothek vertreten und gelebt wird?

Bessere Vorbilder?

Wohin führen solche Überlegungen? Ich bin mir nicht sicher. Es wäre sehr einfach, andere Vorbilder zu fordern und auch einen anderen Blick auf diese Vorbilder. Ich könnte gleich einige nennen: Genf, Wien, Toronto; jeweils die ganzen System der Öffentlichen Bibliotheken, nicht Einzelbauten; und der Blick weg von „alles muss neu sein” hin zu „wie fördern die das Gemeinwohl”. Aber diese Auswahl sagt vielleicht auch einfach mehr über mich und mein Weltbild aus.

Wichtig ist für mich eher der Satz von dem politischen Verhaftet-Sein der Vorbilder im bibliothekarischen Diskurs. Gerade verbunden mit dem Wissen, dass es auch schon anders war (beispielsweise das Mitte der 1960er Jahre nicht auf skandinavische Bibliotheken geschaut wurde, um da die Zukunft der Bibliothek, sondern um Vorbilder für eine rationale Gestaltung der Bibliotheksarbeit zu finden), zeigt er, dass der mögliche Wissensraum viel grösser wäre, als der, der aktuell genutzt wird. Es gäbe viel mehr Fragen, Erfahrungen und mögliche Fokusse. Und zu verstehen, dass es politische Entscheidungen (im Sinne von „wie stelle ich mir vor, dass die Welt funktioniert; was betrachte ich als relevante Themen und was nicht?”) sind, mach auch klar, dass über die impliziten Annahmen, die mit den Vorbildern vermittelt werden, diskutiert und das diese auch verändert werden können.

Dieses Nachdenken hinterlässt einen gewissen schallen Beigeschmack. Was genau ist das, diese gewissen Einschränkungen bei den Bibliotheken, die als Vorbild gelten? Ist das die Neoliberalisierung des bibliothekarischen Denkens (wie halt bei vielen linken Parteien in den letzten Jahrzehnten, wo auch bestimmte Themen und Fragen einfach „verschwunden” sind)? Ist das „Denkfaulheit”, die vielleicht durch zu viel Arbeit oder zu viel Zumutungen im Alltag hervorgerufen wurde? Ist es ein Ausdruck der Überzeugungen über die Gesellschaft, denen im Bibliothekswesen gefolgt wird oder prägen die Vorbilder und ihre Darstellung diese Überzeugungen? Nochmal: Warum sind nicht die so nahe bei den Nutzerinnen und Nutzern verorteten Öffentlichen Bibliotheken in Genf ein Vorbild, dafür aber das Ungetüm in Århus? Ist es vielleicht einfach ein Zeichen von zu wenig Utopie und zu wenig Mut zum Denken über das Bekannte hinaus? Zum Glück war der DJ gut und der Sommerabend warm, aber nicht zu warm; sonst wäre aus dem Nachdenken vielleicht eine sehr rabiate Polemik geworden.

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Vor dem DJ-Set gab es eine Musikquiz.

 

Fussnoten

1 Für die Schweiz kommt die Tradition hinzu, die Teile auf „der anderen Seite der Sprachgrenze” als irgendwie ganz anders zu verstehen, zwar als schweizerisch, aber als doch nicht gleich. Die Bibliotheken in Genf können sehr schnell als „in der Romandie sind sie (?) eher so staats-orientiert, aber in der Deutschschweiz eher so förderalistisch” als mögliches Vorbild abqualifiziert werden.

Zwischendurch wurde auch die Seattle Public Libray, Central Library etwas öfter thematisiert, aber nicht so oft wie die anderen drei Bibliotheken. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass es teurer ist und länger dauert, Seattle zu besuchen, als Århus. Aber auch für Seattle gilt, dass viel mehr über eine spezifische Bibliothek berichtet wurde, als – wie Olaf Eigebrodt einmal erwähnte, ich weiss aber leider nicht mehr wo – über die gesamte Ausrichtung des gesamten Bibliotheksnetzes in Seattle. Die Bibliothek New Library in Birmingham wurde fast nur wegen der Architektur und dann der Absurdität, dass nach dem Bau zu wenig Geld zum kontinuierlichen Betrieb der Bibliotheken der Stadt übrig war, erwähnt.

Armut und Bibliotheken: Ein kurzes Buch als Anmerkung zu einer notwendigen Diskussion

Das Leben ist kein Ponyhof

Hier eine kurze Geschichte aus meinem Leben: Vor Jahren (so 2009, 2010), als ich noch jung und unerfahren unternehmungslustig war und gerade meine Promotion fertig hatte, dachte ich, es wäre Zeit, nach dem einem grossen Thema (Bildung und Bibliotheken) ein weiteres grosses, wichtiges Thema anzugehen, bei dem Bibliotheken etwas zur Verbesserung der Welt beitragen könnten: Armut und Bibliotheken.

Damals war der Plan noch, dass als nächste grosse Arbeit, als Habilitation, anzugehen. How hard could it be? Alles ist irgendwie als Studie anzugehen, wenn man sich nur hineinversenkt. Strukturell schien es ein ähnliches Thema zu sein, wie bei meiner Promotion zu Bildungseffekten Öffentlicher Bibliotheken: Ein Thema, bei dem viele Vermutungen vorliegen, ein Thema, das, wenn es „stimmt“ , einen positiven Einfluss auf die Welt haben könnte. (Denn darum hatte ich ja dereinst überhaupt angefangen, Bibliothekswissenschaft zu studieren und nicht etwa BWL oder Jura, um dann irgendwann in einer Bibliothek arbeiten und ein wenig zu einer besseren Welt beitragen zu können – wie jung und naiv waren wir doch, denke ich jetzt, wo ich in den Bergen sitze und mich frage, wie ich je in einer Bibliothek „ankommen“ soll… aber das ist ein anderes Thema) Und ein Thema, das es wert wäre, strukturiert darzustellen: Wie funktionieren Bibliotheken in Bezug auf Armut? Was tun sie: Verstärken sie Armut, reproduzieren sie die gesellschaftlichen Unterschiede mit oder unterstützen sie Menschen in Armut? So oft, wie in der bibliothekarischen Literatur angegeben wird, dass Bibliotheken Zugang zu Medien für alle ermöglichen und dann angedeutet wird, dass das vor allem Menschen in Armut hilft, sollte es nicht schwer zu sein, zumindest zu überprüfen, ob sie es wirklich tun. Alles in kleinen Schritten, in Verbindung mit Sozialtheorien und Erfahrungen aus der Sozialen Arbeit etc.

Aber das Leben kommt anders: Ich schreibe keine Habilitation mehr; das Thema Armut und Bibliotheken ist viel schwieriger, als angenommen. Zudem: das Leben, all die Enttäuschungen, Veränderungen, unvermuteten Möglichkeiten die auftauchen… Zumindest war mir die Idee, das Thema eigenständig zu beforschen (Weil: Drittmittel für das Thema? Ha. Wo?) irgendwann abhanden gekommen. Das passiert. Aber das Thema selber geht nicht weg: Armut besteht in unseren reichen Gesellschaften, obwohl es das nicht müsste und das bleibt ein Skandal. Die Behauptung, Bibliotheken würden Menschen in Armut im Speziellen helfen, findet sich immer wieder und triggerte bei mir den Wunsch, dass doch mal genauer zu untersuchen. Aber letztlich hatte mich das Leben doch überfahren.

Ein Kneipengespräch

Turn to 2015, Open Access Tage in Zürich. Auf dem Heimweg hatte ich ein kurzes Gespräch mit zwei Kollegen, auch zum Thema Armut und Bibliotheken, dass mich daran erinnerte, dass es wirklich weiterhin viele positiv gemeinte Vermutungen zu diesem Themenbereich gibt. Zudem traf ich auch immer wieder Personen im Bibliothekswesen – insbesondere Bruno Wüthrich und Ruth Schaffer Wüthrich, die mich mal in Lugano zu einem Kaffee zum Thema einluden und seitdem auch versuchen, am Thema dran zu bleiben (etwas, was uns Forschende im Bibliothekswesen übrigens gut motiviert, ihnen mal zurückmelden, wenn man was wirklich wichtig und interessant findet; nur falls jemand mal einen Kaffee trinken möchte) – die sich weiter für das Thema Armut und Bibliotheken und vor allem dafür, was man tun könnte, interessierten. Kurzum: Irgendwann zog ich mich doch hoch, liess mich nicht mehr vom Leben so überfahren und schrieb als Antwort auf dieses Gespräch ein kleines Buch zum Thema.

Das Buch, schon mal als Vorwarnung, enthält keine Antwort auf die Frage, was zu tun wäre. Es ist eher ein Durchgang all der Irritationen, die ich immer wieder bei diesem Thema hatte, ein Überblick zu der Literatur, die sich bei mir in den letzten Jahren zum Thema aufgestapelt hat und ein Vorschlag, wie damit (als das gesamte Bibliothekswesen) umgegangen werden könnte. Erstaunlicherweise wurde dieses Buch tatsächlich fertig. Es ist aber weniger ein wissenschaftlicher Text, sondern eher ein Gespräch in der Kneipe – oder halt, weil es in Zürich begann, am Ufer der Limmat – zum Thema. (Ein relativ langes Gespräch von rund 170 A5-Seiten.)

Ganz kurz ein paar Thesen

Ohne weitere Überleitung würde ich das Buch gerne hier einstellen. Wer es lesen will, kann es runterladen. Wer es gedruckt haben möchte, kann es bei epubli kaufen. Wie gesagt ist es eher ein Beitrag zu einem Gespräch, so sollte es auch verstanden werden. Wer mitreden will, kann das gerne tun.

Am Ende ist mir immer noch klar: (1) Die Existenz von Armut in unseren reichen Gesellschaften (ich denke immer an Deutschland und die Schweiz, aber Österreich und Liechtenstein nehmen sich da nicht viel) ist ein Skandal, (2) Bibliotheken können vielleicht dazu beitragen, dass Leben von Menschen in Armut zu verbessern oder zumindest lebbarer zu gestalten, wenn sie (3) sich klar werden, was das genau heissen soll und wie sie es erreichen können. Das kann aber (4) nicht geschehen, indem das Gleiche wie immer tut und nur besser vermarktet und (5) wenn Menschen in Armut gar nicht in der Bibliotheksforschung und den Diskussionen im Bibliothekswesen vorkommen. Ansonsten (6) ist das Thema zu komplex für einfache Aussagen. Es bedarf längerer, gemeinsamer Diskussionen.

Versionen des Buches

Karsten Schuldt (2017). Armut und Bibliotheken: Anmerkungen zu einer notwendigen Diskussion

Sommerlektüre, drei Verlagstipps.

Der Sommer soll ja demnächst wirklich und kontinuierlich kommen, sagt man. Ausserdem ist Urlaubszeit, was den einen oder die andere Mitbloggerin und Mitblogger dazu verführt – neben all den anderen irgendwie Publizierenden – persönliche Sommerlektüretipps zu veröffentlichen. Immer schön subjektiv und oft auch leichtere Literatur. Halt solche, die man in den Zügen und Flughäfen, auf den Booten und Autobahnen genauso lesen kann, wie beim am Strand liegen, in Strassencafés sitzen, in den Bergen hin- und herwandern. Dieses Jahr drängt es mich, dem Genre auch etwas beizutragen, allerdings keine Einzelwerke, sondern gleich drei Verlage, deren Produktionen mir in den letzten Jahren immer wieder Spass machten, auch weil sie „vergnüglich zu lesen“ nicht mit „leicht und anspruchslos“ übersetzen.

Diaphanes-Verlag

Der Diaphanes Verlag sitzt in Zürich (mit kleinem Büro in Berlin, wie das halt bei weltläufigen Schweizerinnen und Schweizern offenbar üblich ist) und produziert kleine, kritische, bissige Bücher. Klein heisst wirklich: Von der Grösse her A6-Format, von der Seitenzahl oft 80-120 Seiten. Insoweit sind die Bücher oft längere Essays. Da aber auch die Preise bei 10 Euro / 14 Franken (empfohlen) anfängt, ist das zu vertreten.

Diese Essays sind immer komplex, immer kritisch und beschäftigen sich zuvorderst mit der Darstellung des Status Quo von Wissenschaft, Universität, Bildungssystem, Informations- und Kulturarbeit und Identität im aktuellen Kapitalismus sowie den Möglichkeiten des Widerspruchs gegen diesen Status Quo. Keine Ahnung, wo der Verlag immer wieder neue Autorinnen und Autoren auftreibt, die das auf sehr hoher intellektueller Ebene schaffen, aber das war und ist mir auch beim Merve-Verlag nie so richtig klar geworden.

Was die Bücher des Diaphanes-Verlags als Sommerlektüre eignet ist ihre Gedrängtheit. Sicher, man muss mitdenken, aber das ist auch gut so. Die Bücher führen vor, wie man Denken kann, ohne das gleich an Projekte, Praxistransfer etc. hin zu orientieren.

Kadmos-Verlag

Bekannter ist wohl der Kadmos-Verlag aus Berlin, der vor allem Kultur- und Medientheorie verlegt. Hier gibt es auch mehr Titel, die eher durchwachsen sind. Aber die Titel, die sich auf ein spezifisches Thema einlassen – beispielsweise „Katastrophen hören“ über die Darstellung von Katastrophen in den frühen Hörspielen – sind erstaunlich tiefgreifende Einblicke. Das sind immer wieder mutige Veröffentlichungen – zumeist Abschlussarbeiten, aber wann im Leben kommt eine Forschende oder ein Forschender sonst schon dazu, sich tiefgreifend mit einem Thema zu befassen?

Bibliothekarinnen und Bibliothekare sollten an diesen Bücher ein besonderes Interesse entwickeln, handeln sie doch meist von Medien, Mediengeschichte oder Wirkung von Medien.

Dabei beweist der Verlag auch immer wieder Witz, am offensichtlichsten wohl bei einem Buch über Fälschung und Original, dass aussieht, wie ein Suhrkamp-Taschenbuch (nur zu gross), welches sich der Verlag einfach als Reihe „Kadmos Wissenschaft“ aneignet.

Märkischer Verlag

Der Märkische Verlag aus Wilhelmshorst (bei Berlin, erkennen wir einen Zusammenhang?) steht hier vor allem wegen einem sehr mutigen und wichtigen Projekt, dass in jedem Fall Unterstützung verdient. Der Verlag hat vor einigen Jahren die eigentlich eingestellte Zeitschrift „Poesiealbum“ übernommen. Alle zwei Monate erscheint nun (wieder) im kleinen Format eine Sammlung von Poesie, immer von einer Lyrikerin oder einem Lyriker, mit kurzer Einführung und passender Graphik. In einer Zeit, in der sich Lyrik gar nicht mehr lohnen soll und auch die hochgejubelten Poetry-Slams nicht mehr so ziehen, wie sie es einmal – mit durchaus guten Auswüchsen – taten, ein grosser Lichtblick.

Sicherlich: Etwas auf Nummer sicher muss der Verlag schon gehen, deshalb erscheinen immer wieder Auswahlen längst bekannter Autorinnen und Autoren. Gottfried Benn ist als nächstes dran, Rose Ausländer gab es auch schon etc. Aber letztlich muss sich auch diese Zeitschrift verkaufen. Und dazwischen präsentiert sie immer wieder andere Gedichte. Alle zwei Monate mit ausgewählter Lyrik konfrontiert werden: Notwendig. Deshalb ist es wert, auch mal ein paar ältere Ausgaben des „Poesiealbum“ in den Sommer mitzunehmen und den kleinen Verlag auch bei den anderen Projekten zu unterstützen.

Geschrieben in der Transferzone, auf dem Weg zu den Strassencafés. „Sommer“ 2012.

User Generated Metadata als Werbeeffekt?

[Zu: (Preprint) Hercher, Johannes; Ruhl, Marcel & Sack, Harald (2012) / Quo vadis nutzergenerierte Metadaten?. – In: Social Media and Web Science, 2. DGI Konferenz, 64. Jahrestagung der DGI, Düsseldorf, 22.-23. März 2012, Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis, Frankfurt, (2012, forthcoming). – http://www.hpi.uni-potsdam.de/fileadmin/hpi/FG_ITS/Semantic-Technologies/paper/Hercher2012.pdf%5D

Dies ist keine Rezension, sondern eher die Darstellung einer massiven Irritation.

Auf den Text von Hercher, Ruhl und Sack über ihre Umfrage zum Einsatz von Nutzerinnen- und Nutzergenerierten Metadaten wurde in den letzten Tagen relativ oft hingewiesen. Über diesen sollten wir vielleicht aber einmal reden und ihn nicht nur verbreiten. So grundsätzlich positiv, wie die Ergebnisse des Textes dargestellt werden, sind sie meines Erachtens nicht.

Hercher, Ruhl und Sack führten eine Online-Umfrage bei Bibliotheken, Archiven und Museen durch, bei der sie den Umgang dieser Einrichtungen mit user generated metadata erfragten. Der Text sollte über diese Umfrage berichten. 51 Einrichtungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nahmen an der Umfrage vollständig teil. Da es keine Ausgabe dazu gibt, wie viele Einrichtungen überhaupt von Nutzerinnen und Nutzern generierte Daten benutzen, ist nicht klar, wie repräsentativ diese Teilnahme war. Allerdings geben die Autoren selber an, dass die Umfrage 1.341-mal aufgerufen wurde. Dies bedeutet eine erstaunlich hohe Zahl (96,2%) von Abbrüchen, welche weit über Werten anderer Umfragen liegt und die von den Autoren nur mit relativ zweifelhaften Argumenten abgetan werden. Sicherlich kann, wie die Autoren argumentieren, ein Teil der Interessierten die Umfrage abgebrochen haben, weil die Software nicht funktionierte oder weil sie in ihrer Institution nicht in der Position waren, die Fragen zu beantworten. Aber das erklärt eine solche Abbruchrate nicht. Vielmehr hätten sich Hercher, Ruhl und Sack die Frage stellen müssen, was diese rabiate Selbstselektion der Teilnehmenden über das Thema der Umfrage oder die Umfrage selber aussagt. Eventuell wurde die Umfrage von Interessierten nicht als sinnvoll erachtet, eventuell gab es auch massive Probleme mit den konkreten Fragestellungen.1

So oder so muss man bei den gesammelten Daten davon ausgehen, dass diese das Ergebnis einer extremen Selbstselektion darstellen. Hier haben mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nur noch die Individuen oder Einrichtungen geantwortet, die selber ein äußerst starkes Interesse am Thema haben. Es sagt etwas über die Wertigkeit des Themas aus, wenn gerade einmal 51 Einrichtungen aus drei Staaten etwas zu ihm zu sagen haben. Es scheint – im Gegensatz zu den Aussagen der Autoren –, dass sich nur wenige Bibliotheken, Archive und Museen überhaupt für user generated metadata interessieren. Dem steht eine relative breite Thematisierung in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft gegenüber. Für diesen Diskurs könnte die Umfrage ein Realitätscheck sein, denn selbstverständlich ist es von Interesse, wenn die Einrichtungen, über die Diskurse geführt werden, diese Diskurse mehrheitlich ignorieren oder von ihnen nicht erreichen werden.

Stattdessen nutzen die Autoren ihre Daten, als wäre sie repräsentativ, was sie nicht sind. Weitere Kritik ist anzubringen. Die Autoren ignorieren die wichtige Frage, wie stark die von Ihnen gesammelten Antworten sozial erwünscht sind. Dies ist allerdings bei Ihren Daten keine unwichtige Frage, kann man diese doch grob wie folgt zusammenfassen: Alle sind irgendwie dafür, die von Nutzerinnen- und Nutzern generierten Daten zu benutzen, aber vor allem wird ihnen einen Bedeutung bei der Bindung von Nutzerinnen und Nutzern zugeschrieben. Sozial erwünscht ist letztere Antwort gewiss nicht, zumindest nicht, wenn man sie etwas weiter denkt und „Bindung“ als Werbung und Werbemassnahme übersetzt. Erwünscht hingegen sind Antworten, die Kommentaren, Hinweisen von Nutzerinnen und Nutzern und weiterem eine Bedeutung zumessen – wir leben nun mal in Zeiten, in welchen das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern erwünscht ist (das sind fraglos nicht die schlechtesten Zeiten und Ziele). Bedenkt man dies alles, wertet die Abgabe sozial erwünschter Antworten als nicht so wichtig, die Abgabe sozial unerwünschter Antworten hingegen als wichtiger, dann sind die Ergebnisse von Hercher, Ruhl und Sack noch erstaunlicher. Offenbar wird von den wenigen Einrichtungen, die sich für das Thema user generated metadata interessieren, in ihnen vor allem ein Werbeeffekt gesehen. Ist das statthaft? Was sagt das aus?

Vielleicht ist das eine negative Wertung der Ergebnisse, aber sie erscheint nicht weiter hergeholt, als die von den Autoren vorgelegte. Diese weisen selber darauf hin, dass die antwortenden Einrichtungen – trotz aller Selbstselektion – eher enttäuscht von den Daten, die von den Nutzerinnen und Nutzern geliefert wurden, seien. Hier wäre ein Ansatz für weitere Forschungen, nämlich darüber nachzudenken, was genau die Bibliotheken, Archive und Museen eigentlich erwarten und welche Daten Nutzerinnen und Nutzer eigentlich erstellen sollten. Auch hier hätten die Daten der Umfrage eher dazu genutzt werden können, darüber nachzudenken, wie weit der Diskurs über die Daten und ihre Nutzungsmöglichkeiten von der tatsächlichen Nutzung in den Einrichtungen entfernt ist und warum.

Im letzten Teil ihrer Arbeit versuchen die Autoren dann aufgrund einer Literaturrecherche Barrieren bei der Verwendung von user generated metadata zu identifizieren. Das allerdings ist inhaltlich eher ein zweiter Artikel und es ist nicht so richtig klar, warum die Autoren diesen Teil mit den Daten zusammen publizierten. Aber auch so ist der Abschnitt erstaunlich: Die Autoren gehen explizit davon aus, „dass sich Nutzer unaufgefordert beteiligen, sofern die Barrieren dazu nicht zu hoch sind.“ (Hercher, Ruhl & Sack, 2011, S. 11) Dies wird zwar konsequent durchgeführt, aber es ist doch ein absonderliches Menschenbild: Die Nutzerinnen und Nutzer würden quasi darauf warten, sich an der Arbeit von Bibliotheken, Archiven und Museen zu beteiligen, nur würden sie zur Zeit davon abgehalten werden. Diese Vorstellung widerspricht nicht nur den Forschungen zum menschlichen Verhalten in so unterschiedlichen Feldern wie der Politik- und Sozialwissenschaft – insbesondere der Engagementforschung –, der Psychologie oder auch der Werbeindustrie; sondern selbstverständlich auch allen Alltagserfahrungen. Menschen engagieren sich, wenn sie sich engagieren wollen und dazu angehalten werden. Sicherlich gibt es Barrieren, die sie dann auch noch davon abhalten können, dass zu tun. Wenn, dann wäre es sinnvoll gewesen, nach einer Förderung des Engagements zu fragen. Die Möglichkeit zum Engagement – beziehungsweise der Lieferung von Daten – zu schaffen ist zwar eine Voraussetzung, aber das alleine wird keine neuen Daten hervorbringen.

Der Text ließt sich, als hätten die Autoren unter dem Druck gestanden, ihre Daten publizieren zu müssen, egal was die Ergebnisse sind. Dieses Problem ist bekannt und ein Ergebnis von bestimmten Strukturen der Forschungsförderung, von Deadlines und der bekannten Arbeitsüberlastung. Insoweit sollte das den Autoren nicht vorgeworfen werden. Dennoch wirkt es sich bei diesem Text eher negativ aus. Die von ihnen durchgeführte Umfrage hat Daten hervorgebracht, die weiter tiefer und anders hätten diskutiert werden müssten, als sie es tun. Dazu hätten sie ihre – ehedem nicht hergeleitete – These aufgeben und andere Fragen stellen müssen. Aber vielleicht kann dies im Nachhinein geschehen.

Diese Fragen wären meines Erachtens:

  • Gibt es (aktuell) überhaupt ein tatsächliches Interesse in Bibliotheken, Archiven und Museen zur Nutzung von Daten und Metadaten, die von Nutzerinnen und Nutzern erstellt wurden? Immerhin gibt es einen gewissen Diskurs über diese Möglichkeit. Oder gibt es nur eine sehr kleine Anzahl von Einrichtungen, die sich dafür interessieren? Wenn ja, warum?
  • Welche Vorstellungen und Wünsche haben die Einrichtungen, die sich auf diese Daten einlassen, überhaupt, wenn sie von den gelieferten Daten eher enttäuscht sind?
  • Haben die Einrichtungen überhaupt einen Workflow, um mit user generated metadata umzugehen? In der Umfrage wurde abgefragt, ob sie die Daten wichtig finden, aber nicht, ob sie sich auf diese überhaupt einlassen.
  • Haben die Einrichtungen überhaupt Vorstellungen davon, wie sie die Daten außer zu Werbezwecken einsetzen wollen? „Benötigen“ sie überhaupt Daten?
  • Was sagt der Riss zwischen den Diskurs über die Möglichkeiten dieser Daten und das eher geringe tatsächliche Interesse aus?

Ich weiß, eigentlich sollten Texte positiver besprochen werden. Aber dieser ließ mich eher erstaunt zurück und ich wollte dieses Erstaunen teilen. Vielleicht bin ich aber auch nur wieder der mit den zu großen Ansprüchen.

1Zu hinterfragen ist zumindest die Methodik, die Beantwortung der Fragen durch Individuen zuzulassen, aber diese für eine Einrichtung sprechen zu lassen.

Kleinverlage und Bestandsentwicklung

Immer, wenn wir in der libreas-Redaktion nach einem Schwerpunktthema für eine neue Ausgabe suchen und dann dazugehörigen Call for Paper verfassen, stellen wir uns vor, welche Beiträge zum jeweiligen Thema eingereicht werden könnten (bzw. welche wir bei wem anfragen können. Leider sind die Kolleginnen und Kollegen nicht so schreibbegeistert, dass sie in großer Masse Texte einreichen – mal so als Wink mit dem Zaunpfahl, wo der neue Call for Paper auch schon länger veröffentlicht ist). Leider gehen diese Gedankenspiele selten auf. Nicht, dass wir nicht gute und interessante Artikel erhalten würden und das darunter gerade auch solche sind, an die wir gar nicht gedacht hätten. Aber es gibt auch bei jeder Ausgabe Themen, die irgendwie auf der Hand liegen, dann aber „sterben“, weil sie niemand bearbeitet.

Bei unserer letzten Ausgabe gab es ein solches Thema, dass mich schon länger beschäftigt: Die Bestandsentwicklung. Zur Erinnerung: Das Thema der letzten Ausgabe war „Ethik und Zensur“. Mich interessiert die Frage, warum eigentlich welche Medien in den Bestand von Bibliotheken aufgenommen werden. Sicherlich: Bestandsentwicklungspläne, Orientierung am Profil der Bibliothek und den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer sowie Bedienung von Anschaffungsvorschlägen – das sind die Standardantworten. Aber sie befriedigen nicht. Sie sagen nämlich immer noch nicht aus, wieso bestimmte Medien ausgewählt und andere nicht ausgewählt werden. Grundsätzlich scheint mir die Frage, ob die Macht über die Bestandsentwicklung, die Bibliothekarinnen und Bibliothekare – einen ausreichenden Etat vorausgesetzt – haben, auch als solche reflektiert wird. Dieses Thema taucht in der englischsprachigen Debatte immer wieder einmal, auch unter dem Schlagwort Zensur, auf. In der deutschsprachigen nicht so richtig.

Besonders auffällig scheint mir das, wenn man es auf Klein- und Kleinstverlage bezieht. Vielleicht ist das eine biographisch zu begründende Sichtweise, schließlich kenne ich eine ganze Anzahl von Menschen, die mithilfe solcher Kleinstverlage versuchen, ihr Leben zu finanzieren (was nicht so richtig klappt, aber das ist ein anderes Thema). Dennoch.

Klein- und Kleinstverlage werden oft von äußerst engagierten Menschen betrieben und zum Teil sind ihre Publikationen auch engagiert. Sicherlich: Ein Teil der Kleinverlage ist klein, weil die Literatur, die sie verlegen, einfach schlecht ist. Nicht einmal zu sehr spezialisiert oder so, sondern einfach schlecht. Aber auch nicht immer. (Zumal auch die größeren Verlage erstaunlich viel Schlechtes verlegen.) In vielem publizieren Kleinstverlage gerade Literatur und Meinungen, die nicht von den meist von Reihen und relativ klaren Profilen gekennzeichneten Angeboten großer Verlage abgedeckt werden. Zudem haben sie – trotz allen Open Access-Pubulikationsmöglichkeiten – die Funktion, Autorinnen und Autoren alternative Publikationsmöglichkeiten zu bieten. Ohne Kleinverlage noch mehr Langeweile auf dem Buchmarkt, noch mehr Reihen und Publikationen, die einmal erfolgreiche Medien zu reproduzieren versuchen. (So zumindest meine These.)

Gleichzeitig kämpfen quasi alle Kleinverlage ständig ums Überleben. (Nicht alle Kleinstverlage, weil die zum Teil tatsächlich mehr als Hobby neben anderen Unternehmungen betrieben werden. Das scheint mir ein Trend zu sein, der sich ja auch bei den Musiklabels zeigte.) Für sie zählt quasi jedes verkaufte Buch mehr als für die großen Verlage, die ja auch (zumeist) in größeren Auflagen rechnen und mehr Möglichkeiten haben, quer zu finanzieren. Während sich Auflagen in Kleinverlagen nahezu immer selber tragen müssen, können sich größere Verlage – was sie ja auch tun – die Herausgabe von einigen Werken erlauben, die das Profil schärfen und die Marke anreichern, aber sich nicht selber finanzieren.

Bezogen auf die Bibliotheken drängen sich meines Erachtens deshalb einige Fragen auf:

 

(a) Sollten Bibliotheken Klein- und Kleinstverlage bevorzugen? Wie gesagt, ist für den kleinen Verlage das eine verkaufte Buch wichtiger, als für den großen Verlag. So könnten Bibliotheken dafür mit Sorge tragen, dass kleine Verlage und eben nicht nur Suhrkamp überlebt.

 

(b) Nochmal: Sollten Bibliotheken Klein- und Kleinstverlage bevorzugen? Wäre es nicht zumindest aus ethischen Gründen wichtiger, Publikationen aus verschiedenen Quellen und Verlagen anzubieten und nicht, wie im Buchhandel aus ökonomischen Gründen, die großen Verlage noch durch die Überrepräsentation ihrer Angebote zu bevorzugen? Würde man nicht mit einer Auswahl aus mehr Verlagen auch ermöglichen, dass diese Verlage von den Nutzerinnen und Nutzern eher wahrgenommen werden?

 

(c) Wie kommen überhaupt Medien von Klein- und Kleinstverlagen in die Bibliotheken? Hier fehlt meiner Meinung nach das Wissen darüber, wie eigentlich Medien ausgewählt werden. Wenn Sie tatsächlich einfach per Stichworten aus dem Verzeichnis lieferbarer Bücher und den Rezensionen von Fachzeitschriften ausgewählt werden, mag man ja von einer Objektivität ausgehen können. Aber schon, wenn Kataloge der Verlage herangezogen werden, scheint mir das schwierig zu sein. Große Verlage können sich einfach mehr und dickere Kataloge leisten, als kleine. Das macht die Medien dieser Verlage nicht besser oder schlechter. Aber wenn X-Prozent des Erwerbungsetats für Medien ausgegeben werden, die aus den Katalogen von Verlagen, die sich das Drucken und Verschicken von Katalogen leisten können, ausgewählt wurden, wie sollen dann die Verlage, die sich das nicht leisten können, überhaupt zu Zug kommen? Werden dann Medien nicht eher gekauft, weil sie einem „interessanten“ Umfeld verlegt werden oder gerade mit auf einer Katalogseite abgebildet werden, als aus rein inhaltlichen Gründen? Zumeist ist das ja so, dass Kleinverlage Kataloge verschicken, wenn man sie darum bittet. Sollte nicht zumindest das aktiv von den Erwerbungsabteilungen getan werden?

 

(c1) Die gleiche Frage gilt dann auch für die Fachmedien: Wie wählen wir eigentlich die Medien aus, die rezensiert werden?

 

(d) Ist das Zensur? Die Frage, ob die strukturelle Bevorzugung großer Verlage als Zensur gegenüber kleinen Verlagen zu verstehen ist, beschäftigt einige englischsprachige Autorinnen und Autoren. Eine richtige Antwort scheint es nicht zu geben. Auf der einen Seite ist ersichtlich, das die ständige Bevorzugung großer Verlage tatsächlich dazu führen kann, dass kleine Verlage „unsichtbar“ werden (schließlich geht es nicht nur um die eine Entscheidung für oder gegen ein Medium, sondern um eine Haltung, die sich im Bestand selber niederschlägt); auf der anderen Seite scheint es nicht wirklich um eine aktive Zensur zu gehen (auch wenn große Wissenschaftsverlage, wie wir wissen, gerne versuchen, möglichst viel Etat einer Bibliothek zu binden, beispielsweise mit Reihen oder Standing Order, was aber erst einmal aus wirtschaftlichen Gründen passiert und nicht, weil die großen Verlage die kleinen zensurieren wöllten). Dennoch scheint es kein Thema zu sein, welches einfach mit einer Handbewegung fortgewischt werden kann.

 

(e) Als zugespitzte Frage: Ist Standing Order überhaupt ethisch zu verantworten? Wie soll ein Kleinverlage seine Medien überhaupt zur Kenntnis bringen, wenn der Bestand aus Standing Order-Angeboten zusammengestellt wird. Schon rechnerisch ist das oft unmöglich. Ein großer Verlag kann relativ gut für solche Präsentationen mal 50 oder 200 Exemplare eines Mediums bereitstellen und die Hälfte davon im Anschluss makulieren. Für kleine Verlage sind 200 Exemplare manchmal schon 50% der Auflage. Wenn Bibliotheken aber die Breite der Medien anbieten und reflektierten sollen, wie können sie dann zulassen, ihren Etat zum Teil an eine Angebotsform zu binden, die nicht von allen Verlagen angeboten werden kann (ohne, dass es inhaltliche Gründe hätte)?

 

Wie gesagt ist zu diesem Thema in der letzten libreas kein Artikel erschienen. Dabei scheint mir die Bestandsentwicklung ebenso relevant für ethische Diskussion im Bibliothekswesen zu sein, wie die Frage der Zugänglichkeit. Es geht ja nicht nur darum, den Zugang zu den Beständen, die schon in den Bibliotheken stehen, zu ermöglichen, sondern auch darum, zu fragen, was überhaupt in diesen Bestand kommt und was nicht. Aber vielleicht kann man das Thema anderswo aufgreifen.