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Der 3. Ort ist tot. Was lernen wir daraus?

Ich lehne mich mal etwas aus dem Fenster. Der „3. Ort‟ (third space, troiseme lieu und so weiter) ist langsam, aber sicher durch. Eine ganze Anzahl von Jahren konnte man ihm nicht entkommen, wenn Öffentliche Bibliotheken von ihren Entwicklungsplänen oder Neubauten oder Renovationen oder ihrer Zukunft redeten. Ihm war kaum zu entkommen.

Aber jetzt scheint es so weit zu sein: Auf bibliothekarischen Veranstaltungen hört man ganz offen in den Kaffee- und Mittagspausen, dass das mit dem 3. Ort auch nicht klappt. Es gibt Vorträge mit Titeln wie „3. Ort – und nun?‟ oder „Nach dem 3. Ort‟. In Dokumenten, in denen vor einigen Monaten noch 3. Ort gestanden hätte – halt in Plänen, Projektbeschrieben und so weiter – steht er nicht mehr. In Vorträgen taucht er kaum noch auf. Wird er doch mal erwähnt, rollen viele Augen. Sicherlich: Trends wie diese sterben nicht einfach, sie laufen eher aus. Verschwinden aus den Diskursen. Werden zu Erinnerungen. Das ist jetzt die Situation des 3. Orts. [Und selbstverständlich kommen einige Einrichtungen immer etwas später hinterher. Erst letzte Woche wurde auf der schweizerischen Mailingliste eine Weiterbildung zum Thema verkündet, auf französisch. Vielleicht dauert es mit dem Verschwinden des Trends im französisch-sprachigen Raum also noch etwas länger. Es dauerte da ja auch etwas länger als im deutsch-sprachigen Raum, dass das Konzept sich etablierte.]

Man kann bestimmt länger diskutieren, ob der 3. Ort wirklich „tot ist‟ oder ob er hier und da nicht doch noch lebt, unter anderem Namen vielleicht oder etwas inhaltlich verschoben oder so ähnlich. Aber darum geht es mir hier nicht. Selbst wenn er noch ein wenig weiterexistiert: Alle, die etwas mit dem Öffentlichen Bibliothekswesen zu tun haben, werden wohl zustimmen können, dass zumindest die Hochzeit des Konzeptes vorüber ist.

Kann man daraus nicht etwas lernen?

Ich würde in dieser Situation gerne etwas anderes diskutieren, nämlich, was wir (das Bibliothekswesen) aus der Geschichte des Trends 3. Ort lernen können. Weil: Sicherlich gibt es aktuell einiges an Zynismus, wenn man nur das Wort gebraucht – als gäbe es einen Trennungsschmerz, den man irgendwie überspielen müsste –, aber wenn die Geschichte anderer Trends im Bibliothekswesen eines zeigt, dann, dass nach dem Zynismus bald ein Schweigen zum Thema einsetzt und dann über irgendetwas anderes diskutiert wird. Dabei könnte man die Situation auch einmal nutzen, um darüber nachzudenken, wie solche Trends im Bibliothekswesen ankommen, dann eine Geschichte durchlaufen (die ja im Normalfall tatsächlich etwas verändert) und dann wieder verschwinden. Weil: Der nächste Trend kommt garantiert. Irgendwer sitzt schon irgendwo und findet gerade einen heissen neuen Begriff, der den Bibliotheken Zukunft versprechen wird. Die Frage ist nicht ob er auftaucht, sondern wann und wo er herkommen wird.

Der „3. Ort‟ ist jetzt, am Ende seiner Laufzeit, vielleicht ein gutes Beispiel, um allgemeine Prozesse, die solche Trends durchlaufen, zu diskutieren. Schliesslich waren wir ja alle (fast alle) in den letzten Jahren dabei und haben diese Prozess miterlebt. Es ist noch recht frisch. (Vieles hier habe ich auch schon anderswo gesagt. Ich will mich nicht unbedingt wiederholen, aber es passt hier einfach.)

Also: Wie kommt so ein Trend ins Bibliothekswesen, wie geht er wieder fort? Ich versuche das mal mit einer recht generischen Skizze. Hier der Ablauf, der sich eigentlich immer wieder zeigt, den ich dann aber nochmal am Thema „3. Ort‟ diskutieren möchte.

Skizze normaler Zyklus eines Trends im Bibliothekswesen: 1 Der Trend wird eingeführt. 2 Der Trend wird umgedeutet, Erwartungen angehangen. 3. Der Trend wird lokal umgedeutet und umgesetzt. 4 Es werden Erfahrungen mit dieser Umsetzung gesammelt, die oft eher mittelmässig sind. 5 Der Trend geht vergessen.

Skizze 1: Zyklus eines Trends im Bibliothekswesen

  1. Gegen 2010 wurden im DACH-Raum die ersten Texte publiziert, welche den „3. Ort‟ zum Thema hatten. Das war etwas sehr spät (das Buch von Oldenburg, aus dem der Begriff herkommt und auf das zumindest am Anfang immer wieder verwiesen wurde, erschien bekanntlich 1989, in der englisch-sprachigen Literatur wurde ab 2000 vom „Third Place‟ gesprochen), aber zum Beispiel noch etwas früher als im französisch-sprachigen Raum. Das Konzept wurde recht locker eingeführt. Zwar gibt es bei Oldenburg ein paar Definitionsansätze (auch nicht so richtig haltbar, aber immerhin sind sie da), aber die bibliothekarische Literatur kam mit einfachen Listen und ganz kurzen Beschreibung aus. Wichtiger war wohl, das ein Begriff geprägt wurde, der eine Perspektive beschrieb (3. Ort – das könnten Bibliotheken werden, sind es aber nicht). Längst nicht alle potentiellen Trends schaffen es über die Phase hinaus. Der 3. Ort muss aber genügend überzeugt haben, mit ihm ging es weiter.
  2. Nicht viel später erschienen die ersten Texte, die das Konzept etwas konkretisierten: Was könnte den 3. Ort heissen? Wer das Buch von Oldenburg gelesen hat, weiss, dass es ein recht offenes Konzept ist, das aber eigentlich, ernstgenommen, nicht so richtig auf Bibliotheken passt. Ausserdem, das hätte auch auffallen können, bestand das Konzept aus recht vielen Behauptungen und praktisch keiner Empirie. Es wurde – nicht nur von Oldenburg – behauptet, dass das Konzept etwas von der Veränderungen, die es in der Gesellschaft gab, zumindest in „der Stadt‟, beschreiben würde. Die Frage war in dieser Phase aber nicht mehr, ob das überhaupt stimmte, sondern ob es Bibliotheken überzeugte. Und somit erschienen Texte und wurden erste Vorträge dazu gehalten, wie man den dieses recht offene Konzept für Bibliotheken herunterbrechen konnte. Schaut man sich diese Texte nochmal an, fällt schnell auf, dass vor allem Dinge beschrieben wurden, die irgendwie zu Bibliotheken passten (beispielsweise eher offene Atmosphäre), aber andere Dinge, die Oldenburg erwähnt, die aber nicht auf Bibliotheken passten (der ständige Bezug zu Alkohol zum Beispiel), eher nicht erwähnt wurden. Diese Texte waren immer noch vor allem Listen von Möglichkeiten. Was in dieser Phase aber passierte, war, dass bestimmte Erwartungen an das Konzept gebunden wurden: Wenn Bibliotheken 3. Ort werden (oder noch mehr 3. Orte werden, weil die Argumentation in dieser Phase oft ist, dass Bibliotheken einen bestimmten Trend eigentlich schon immer abdecken, aber jetzt auch neu erfinden; dass konnte man beim 3. Ort sehr gut beobachten – die Behauptungen, die Bibliotheken wären schon immer Orte der sozialen Kommunikation stand teilweise in den gleichen Texten, in denen von neuen Bibliothekscafés oder ähnlichem berichtet wurde), dann würden sie auch in Zukunft relevant sein, neue Nutzer*innen anziehen, mehr Bedeutung gewinnen und so weiter.
  3. Etwas später dann, vielleicht 2012-2014, wurden die ersten Bibliotheken gebaut oder neue Angebote auch tatsächlich eingerichtet, welche sich auf dieses Konzept bezogen. Das ist für Bibliotheken schon relativ schnell. Aus den Listen und eher offenen Texten wurden konkrete Strategien, konkrete Bauten, konkrete Möbel. Es wurde Geld in die Hand genommen, teilweise sogar Leute eingestellt. Auch das passiert nicht bei allen Trends. Einige werden zwar thematisiert und diskutiert, aber dann am Ende doch gar nicht oder kaum umgesetzt. Für den 3. Ort hingegen fanden sich recht viele Umsetzungen. Auch hier fällt auf, dass viele, viele Interpretationsschritte unternommen wurden (Beispielsweise wurden Veranstaltungsreihen etabliert, die als Teil des 3. Ortes beschrieben werden – bis heute –, aber bei denen nicht klar ist, wie das eigentlich genau zusammenhängt. Bei Oldenburg ging es um Orte und darum, dass Menschen in denen lernen, zu kommunizieren; das hat erst einmal nichts mit Veranstaltungen zu tun). Offenbar, wieder, überzeugte der Trend. Es ist zu vermuten, dass das auch passierte, weil er (a) im vorherigen Schritt an Bibliotheken angepasst (konkretisiert) wurde und (b) das die Erwartungen, die an ihn gehangen wurden, auch in vielen Bibliotheken verbreitet waren.
  4. Dann, vielleicht 2015-2016, 2016-2017, fingen Bibliotheken an, wirkliche Erfahrungen mit dem zu sammeln, was sie da gebaut, eingerichtet, als Angebote etabliert hatten. In der ersten Zeit, sicher, gibt es erst einmal gute Erfahrungen (wie mit fast allem, was man neu einrichtet), dann gibt es auch Zeiten, wenn die tatsächliche Nutzung anders und / oder geringer ist, wo man die Hoffnung haben kann, dass sich das noch regelt, dass zum Beispiel ein neues Angebot erst noch bekannt werden muss und sich dann etablieren wird. Oder wo man sich davon, das etwas massiv benutzt wird, noch davon abhalten lässt zu fragen, wie es den wirklich benutzt wird (Beispiel beim 3. Ort wären die Cafés, die eingerichtet wurden, damit da Leute arbeiten und miteinander kommunizieren; die dann auch bis heute oft besucht werden, was den Eindruck hinterlassen kann, dass sie sinnvoll waren; bis man dann schaut, ob die Leute, die es nutzen, das tun, was man erwartet hat, ob sie zum Beispiel tatsächlich in ihnen arbeiten oder die Bibliothek benutzen). Nach und nach scheint sich aber die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, das vieles von dem, was man da eingerichtet hat, nicht grundsätzlich unerfolgreich war, aber auch nicht die Hoffnungen, die man sich gemacht hat, erfüllen. Und das sie auch keine grundsätzlichen Probleme lösen, weil man wieder dasteht und sich fragt, was man jetzt geändert haben soll.
  5. Und so sind wir dann vielleicht im Laufe des Jahres 2019 da angekommen, wo wir jetzt stehen. Einige Bibliotheken hängen noch hinterher, auch weil strategische Prozesse manchmal länger dauern. Einige sind wohl auch noch von dem Konzept „3. Ort‟ überzeugt. Aber der Grossteil der Bibliotheken, des Bibliothekspersonals – auch die, vielleicht gerade die, die immer wieder „vorneweg‟ sind – scheint jetzt, nach gewissen Trennungsschmerzen, auch schon wieder nach neuen Trends zu suchen. Der 3. Ort gilt nicht mehr als Zukunftsperspektive, scheint sich aber auch nicht als Teil der normalen Bibliotheksarbeit etabliert zu haben. Es werden sich noch Gedanken gemacht, wie man von ihm weiterkommt („3. Ort – und nun?‟), es werden noch Witze gemacht. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es vergessen geht, wie andere Trends auch. (Selbstverständlich: Wäre es nicht so, wäre es kein Trend, die gehen alle zu Ende; aber alle Trends werden am Anfang mit dem versprechen verbunden, gerade kein einfacher Trend zu sein, sondern tatsächlich etwas Grundsätzliches zu verändern.)

Je länger man im Bibliothekswesen unterwegs ist, umso mehr scheinen Trends in diesen Prozessen „durchzulaufen‟. Viele stocken vorher, werden in zwei-drei Texten vorgestellt, aber nicht weiterverfolgt. (Mein Lieblingsbeispiel dazu ist immer noch der Vorschlag, Bibliotheken sollten wie Start-Ups funktionieren und regelmässig „pivoten‟.) Viele kommen nicht so weit, dass sie in konkrete Massnahmen übersetzt werden. Für die meisten wird am Ende doch kein Geld (und nur in ganz wenigen Bibliotheken) in die Hand genommen. Das alles hat der 3. Ort überwunden: Es gibt heute zahllose Bibliothekscafés, umgebaute oder gar neu gebaute Räume und so weiter.

Wo könnte man mit dem Lernen ansetzen?

Man könnte annehmen, dass das einfach der normale Lauf der Dinge ist. Mir scheint das aber unbefriedigend. Wenn Bibliotheken schon einen solchen Zyklus durchlaufen haben, könnten sie aus diesem auch mehr lernen, schon um den nächsten Zyklus besser zu gestalten. Ich habe die obige Skizze dazu um Punkt ergänzt, über die es sich, meiner Meinung nach, nachzudenken lohnt.

Skizze 2: Erweiterter Zyklus mit möglichen Punkten, aus denen gelernt werden kann.

  1. Was auffällt ist, dass praktisch nie danach geschaut wird, ob die Erwartungen, die man einmal an das Konzept gebunden hat, sie auch erfüllen (und wenn ja, wie). Wie gesagt scheinen Bibliotheken niemals einfach Konzepte übernehmen zu können, sondern immer wieder den Schritt zu durchlaufen, dass das Konzept für Bibliotheken „handhabbar‟ gefasst und dabei mit Erwartungen und Umsetzungsmöglichkeiten verbunden werden, die für Bibliotheken als möglich angesehen werden. Und immer wieder scheint es dazu zu kommen, dass Bibliotheken, wenn Sie Konzepte umsetzen, lernen, dass sich diese Erwartungen nicht erfüllen, aber dafür andere Veränderungen ergeben (beispielsweise, dass Bibliothekscafés zu einem Ausgehort im Quartier / der Stadt werden oder zu einem Ort, wo man Mittag isst; oder aber die vielen Makerspaces, bei den einst die Vorstellung vorherrschte, damit würden Jugendliche angesprochen, zu denen aber vor allem Kinder kommen). Es wäre aber sehr sinnvoll, wenn man sich ehrliche Rechenschaft darüber ablegt würde, was aus den Erwartungen eigentlich geworden ist. Wann hat man sie aufgeben? Wieso? Ist man damit zufrieden?
  2. Das Gleiche findet sich auch zwischen Schritt und . Immer wieder, wenn man erst die „Grundlagentexte‟ eines Trends und dann die tatsächlich geschriebenen Bibliotheksstrategien, gebauten Räume und so weiter anschaut, fällt eine grosse Diskrepanz auf. Das irritiert beim ersten Mal, aber mit der Zeit (also den Trends) fällt auf, dass das offenbar der normale Weg ist: Konzepte werden übersetzt, damit sie Realität werden. Interessant wäre aber, zu schauen, wie sie übersetzt werden. Was wir geändert? In welche Richtung? Was an Versprechen, Erwartungen, Hoffnungen wird an die Trends „angehangen‟. Zum Beispiel fällt auf, wie oft irgendwelchen Trends die Erwartung angehangen wird, dass man Jugendliche ansprechen könnte, würde man nur diesem Trend folgen. Auch die Bilder zu den 3. Ort waren am Anfang voller lächelnder Jugendlicher. Bibliotheken würden viel über sich, über ihre Hoffnungen, Erwartungen und Ängste lernen, wenn sie sich davon Rechenschaft ablegen, was sie bei diesen Prozessen eigentlich getan haben.
  3. Und immer wieder „verschwinden‟ Trends. Man redet dann nicht mehr über sie (auch, weil man den Alltag mit anderer Arbeit, neuen Trends und so weiter anfüllt). Aber eigentlich ist das erstaunlich: Da wird der Zyklus eines Trends durchlaufen (Wieder: Nicht für alle Trends, aber für die erfolgreichen) und am Ende hätte man die Chance, aus diesem Zyklus zu lernen – also zum Beispiel einmal zu überlegen, warum der Trend am Anfang eigentlich auf so viel Interesse stiess, aber vor allem, warum am Ende die Erwartungen so enttäuscht wurden, wie sie es wurden (und was sich stattdessen ergeben hat) –, schon weil der nächste Zyklus kommen wird, wenn er nicht schon längst läuft. Beim 3. Ort wäre zum Beispiel immer noch zu klären, warum ein Konzept, welches bei Oldenburg die Herstellung des sozialen Zusammenhalts durch solche Ort wie Kneipen und Bistros zum Thema hatte, von Bibliotheken umgedeutet wurden zu einem Konzept, dass bessere Bibliotheken hervorbringen sollte. Selbstverständlich ist das nicht, aber es ist auch nicht zum ersten Mal in der Geschichte des Öffentlichen Bibliothekswesens vorgekommen. Interessant wäre auch, zu schauen, was vom Trend an tatsächlicher Veränderung jetzt übergeblieben ist. Es gab ja zum Beispiel zahlreiche Umbauten in Bibliotheken, nicht nur den Einbau von Bibliothekscafés (die aber sehr sichtbar sind). Die werden da jetzt eine Weile sein, wenn nicht gar für immer. (So, wie Vinyl-Abspielstationen in Bibliotheken auch länger existierten, als die erste Hochzeit des Vinyl dauerte. Oder wie Medienschränke für Medienformen, die nicht Bücher sind, Teil normaler Bibliotheken wurden, auch nachdem die Trends um Vinyl, Musikkassetten und so weiter aufhörten. Es ist nämlich auch nicht so, als ob solche Trends ganz an den Bibliotheken vorbeigehen. Einige schon, andere offenbar nicht.)

Wenn es ein Zyklus ist, ist es kein Scheitern

Was mir wichtig ist: Wenn es einen gewissen Zyklus von Trends und ihrer Verarbeitung durch das Bibliothekswesen gibt, der sich regelmässig wiederholt, dann ist es kein richtiges Scheitern, wenn die Erwartungen, die an bestimmte Trends gebunden werden, nicht eintreten. Zumal, wenn bestimmte Erwartungen immer wieder von Neuem an bestimmte Trends gebunden werden. Und wenn dem so ist, dass es kein Scheitern ist, welches man sich erst einmal eingestehen müsste, dann müsste es einfacher sein, über diese unerfüllten Erwartungen zu reden und nachzudenken.

Das wirkliche Scheitern ist nicht, dass Jugendliche weder über Vinylabteilungen noch über Bibliothekscafés noch über Makerspaces in grosser Zahl angesprochen werden. Das wirkliche Scheiter liegt darin, sich – als Bibliothekswesen – nicht einzugestehen, dass man diese Erwartung immer und immer und immer wieder hervorholt und immer und immer und immer wieder neu an verschiedene Trends andockt. Es scheint nicht so, als würden Bibliotheken sich dagegen stellen, sich zu verändern. Das Phänomen ist eher, dass sie es seit Jahrzehnten immer wieder auf die gleiche Weise, mit ähnlicher Ergebnisse und eigentlich auch gleichen Erfahrungen versuchen, sich zu verändern. Ein wenig so, als wären sie in einer Handlungsstruktur gefangen.

Wenn jetzt langsam, aber sicher, der Trend „3. Ort‟ aufhört, wäre es einfach ein guter Zeitpunkt, sich mit dieser Handlungsstruktur auseinandersetzen, anhand eines noch leicht greifbaren Trends. Ansonsten, so scheint mir klar zu sein, wird es beim nächsten „erfolgreichen‟ Trend nur wieder ähnlich ablaufen. (Was dazu führen wird, dass wieder viele Hoffnungen enttäuscht, Ressourcen verbraucht und andere, vielleicht sinnvollere Entwicklungen, die aber nicht so hip klingen, nicht betrieben werden.)

Was kommt als nächstes?

Eine interessante Frage wäre, welcher Trend den nun als nächstes dieses Zyklus durchlaufen wird. Leider bin ich nicht gut darin, das vorherzusagen. (Wüsste ich es, ich könnte es gut ausnutzen. Dann wäre ich immer „vorneweg‟.) Eigentlich liege ich immer wieder daneben. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass irgendwer Makerspaces ernst nimmt. Oder das gerade Design – eine der brotlosesten und theorieärmsten aller Professionen – zum Vorbild für Bibliotheken wird. Oder aber das die Hypes um Commons und Hygge gerade nicht aufgegriffen werden.

Aber, nachdem wir jetzt etwas gesellschaftliches (3. Ort) und etwas mit Jugend (Makerspace) durch haben, würde es eigentlich nur passen, wenn wieder einmal was mit Bildung (die „Learning Library‟ und die „Spiralcurricula‟ sind ja jetzt auch schon ein paar Jahre her) oder gar Kultur auftaucht. Ich würde auf etwas mit Bildung wetten.

Eine untergegangene Tradition der bibliothekarischen Arbeit: Lesesoziologie

Ich möchte in diesem Blogpost (Essay?) gerne über einen Teil der Arbeit öffentlicher Bibliotheken (kleines ö, wird gleich thematisiert) reden, der lange Zeit ganz normal dazugehörte, aber seit einigen Jahrzehnten verschwunden ist. Das hat mit meinem Versuch zu tun, ein bibliothekshistorisches Buch zu schreiben, welches die Diskurse um öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum nachzeichnen soll. Im Rahmen der Recherchen dazu fallen solche abgebrochenen Traditionen selbstverständlich auf.

Diesen Teil der Arbeit, den ich besprechen möchte, nenne ich hier Lesesoziologie. So wurde er oft genannt. Aber es gab auch viele andere Bezeichnungen, zum Beispiel „Lesekunde‟, „Literatursoziologische Untersuchungen‟, „Leseforschung‟. Heute, wie gesagt, gibt es diese Tradition nicht mehr. Es gibt weiterhin eine Literatursoziologie in der Soziologie und Literaturwissenschaften miteinander verbunden sind, aber die – obgleich interessant – stellt andere Fragen. Mir geht es um die Lesesoziologie, die von Bibliotheken und bibliothekarischen Infrastrukturen betrieben wurde.

Ich spreche von öffentlichen Bibliotheken mit kleinem „ö‟, weil es um alle Bibliotheken mit dem Anspruch geht, eine gewisse Öffentlichkeit zu erreichen. Gerade für die Jahre vor 1933 (beziehungsweise den 1950ern in der Schweiz) gilt, dass es sehr verschiedene Bibliothekstypen gab, die das versuchten; nicht nur die, die am Ende die heutigen Öffentlichen Bibliotheken wurden. Auch bewegungsgebundene Bibliotheken („Arbeiterbibliotheken‟, Bibliotheken des politisch organisierten Katholizismus) oder „kommerzielle Leihbibliotheken‟ teilten sich diese Tradition. Ich spreche hier aber nicht von den Wissenschaftlichen oder Spezial-Bibliotheken.

Themen und Praktiken der Lesesoziologie

Es ist nicht ganz einfach zu sagen, wenn die Tradition der Lesesoziologie anfing und wann sie endete. Wie immer bei solchen Enden gibt es kein Dokument, dass sagt: „Jetzt ist Schluss.‟ So etwas passiert gradueller. Aber ich würde sagen, dass sie mit dem modernen Bibliothekswesen, also ungefähr in den 1880er Jahren aufkam und bis in die 1970er, vielleicht auch 1980er betrieben wurde. Mit merklichen Häufungen an Publikationen um die Jahrhundertwende und in den 1960er Jahren.

Wie und warum die Lesesoziologie betrieben wurde, veränderte sich – parallel zu den Bibliotheken selber – während dieser Zeit. Aber die Grundfragen war immer die gleichen: Was lesen die Lesenden? Die, die in die Bibliothek kommen und die, die nicht in die Bibliothek kommen? Oft wurde auch nach dem Warum lesen sie das? gefragt und lange Zeit auch: Welche Wirkung hat dieses Gelesene auf die Lesenden? (Letztes änderte sich mit der Zeit, siehe nächster Abschnitt.)

Es wurden verschiedene Methoden genutzt, um Antworten auf diese Fragen zu finden: Empirische (Umfragen, Auswertungen von Ausleihen, Befragungen) und theoretische (Auswertung der in Bibliotheken verliehenen Literatur, beispielsweise mit Modellen von „Schmutz und Schund‟ auf der einen, „Kunst und Technik‟ auf der anderen Seite). Es wurden Untersuchungen ganz verschiedener Grössenordnungen durchgeführt: Auf der Basis eine Bibliothek, einer Stadt oder eine Landes. Mal mit wenigen Themen, mal mit möglichst viel. Die bibliothekarische Literatur, die auf uns gekommen ist, ist voll von Ergebnissen solcher Studien: Artikel, Broschüren, Teile von Jahresberichten informieren über diese. Eine Anzahl von Abschlussarbeiten bibliothekarischer Ausbildungsgänge mit lesesoziologischen Studien existieren auch. Gerade die Vielzahl grauer Literatur lässt vermuten, dass es noch weit mehr Broschüren und Abschlussarbeiten gab, die vielleicht gar nicht überliefert wurden oder sich noch in dunklen Ecken von Magazinen und Archiven befinden.

Teil bibliothekarischer Arbeit

Eines ist wichtig zu betonen: Die Lesesoziologie war keine Aufgabe von Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Sie war vorrangig Teil der normalen bibliothekarischen Arbeit und wurde vor allem von Bibliotheken selber durchgeführt, in allen öffentlichen Bibliothekstypen1 und offenbar auch von Bibliotheken aller Grössen. In älteren bibliothekarischen Lehrbüchern werden sie auch (aber eher nebenher, als wichtige, aber nicht immer durchzuführende Arbeit) thematisiert. Es war nicht so, das die paar Forschungseinrichtungen, die von Zeit zu Zeit gab, Hauptproduzenten dieser Studien gewesen wären.

Vielleicht auch deshalb sind die theoretischen Hintergründe der Arbeiten nicht immer leicht ersichtlich, selten reflektiert und vor allem sind die Studien methodisch nicht immer perfekt. Aber das mussten sie auch nicht. Es ging in ihnen nicht darum, wissenschaftliche Qualifikation nachzuweisen, sondern Wissen zu generieren, das oft den jeweiligen Bibliotheken zu Gute kommen sollte. (Allerdings ist es schon auffällig, wie viele Bibliothekare, spätere auch Bibliothekarinnen, sich zutrauten, solche Studien durchzuführen. Vom heute gerne mal postulierten geringen Selbstbewusstsein der Bibliotheken ist in den Studien nichts zu spüren.) Dafür wurden in der bibliothekarischen Literatur Kolonen über Kolonen von Zahlen und Titeln ausgeborgter Werke produziert, dargestellt und diskutiert.

Die Überzeugung, die sich auch in vielen Quellen explizit so ausgedrückt findet, war, dass Bibliotheken ihre Arbeit nur effektiv und sinnvoll durchführen könnten, wenn sie wüssten, was ihre Leser*innen lesen, beziehungsweise was die Menschen, die sie zu erreichen hofften lesen und warum. Nur dann könnten Bibliotheken (a) ihren Bestand sinnvoll aufbauen und (b) die Lesenden beraten. Ohne dieses Wissen können man nur mit Annahmen und den eigenen, immer unvollständigen, Vorstellungen arbeiten. Aber, das wird in den Quellen auch deutlich, selbst in Zeiten, als die Bibliothekare (männlich) stark der Meinung waren, dass sie bestimmen könnten, was gute und schlechte Literatur sei, welche Literatur zu welcher „Lesestufe‟ passen würde und welche (noch) zu komplex für für welche Lesenden war, gab es immer die Vorstellung, dass die (potentiellen) Lesenden Personen mit eigenem Willen seien, denen man nicht einfach Literatur aufzwingen könne. Mag das in der Realität auch anders gehandhabt worden sein, in den Quellen werden die Literaturinteressen immer erst einmal akzeptiert, um dann an ihnen zu arbeiten. Selbst, wenn man mit den Bibliotheken Menschen erziehen wollte, wurde es als notwendig angesehen, erst einmal zu wissen, was sie lesen.

Entwicklungen

Die Lesesoziologie entwickelte sich. Auch das wird in den Quellen sichtbar. Je nachdem, was die einzelnen Bibliotheken als ihre Aufgabe ansahen, entwickelte sich auch, was und wie genau gefragt wurde.

Lange Zeit war es üblich, die Aufgabe der Bibliotheken darin zu sehen, die jeweiligen Lesenden zu einer besseren Nutzung von Literatur zu erziehen. Nicht unbedingt als Selbstzweck. Im Diskurs der Lesehallen war zum Beispiel verankert, dass sie helfen sollten, vor allem in den unteren Sozialschichten Menschen, die das Talent dazu hatten und sich selber engagierten, den Aufstieg durch Bildung zu ermöglichen. Das sollte diesen Menschen, aber auch der Gesellschaft im Allgemeinen helfen. Arbeiterbibliotheken sollten dazu beitragen, dass die organisierten Arbeiter*innen in die Lage versetzt würden, eine sozialistische (kommunistische, anarchistische und so weiter) Gesellschaft aufzubauen. Bibliotheken im Nationalsozialismus sollten dazu beitragen, dass sich Menschen ihre angeblich natürlichen Rolle in der „Volksgemeinschaft‟ und „Rasse‟ klar würden. Und so weiter. Lesesoziologie wurde eingesetzt, um den Erfolg solcher Aufgaben zu überprüfen. Borgten die Lesenden im Laufe der Zeit mehr „qualitätsvolle‟ und / oder politisch richtige Literatur aus? Verzichteten sie auf die falsche Literatur (lasen sie beispielsweise mehr sozialkritische Romane und weniger Liebesromane)? Wie wirkte sich die Arbeit der Bibliotheken jeweils darauf aus?

In den späten 1910er, frühen 1920er Jahren änderte sich die Vorstellung davon, wie Lesen funktioniert und was die Aufgabe von Bibliotheken ist. Nicht vollständig, nicht überall, aber doch merklich. Der demokratische Geist der Weimarer Republik und der Ersten Österreichischen Republik zeigte sich auch in den Bibliotheken, obgleich es dort viele konservative Tendenzen gab. Man ging weniger davon aus, dass das Lesen der Menschen gesteuert werden könne, sondern das es eine Lesebiographie gäbe, deren Entwicklung man unterstützen müsse. Das lässt sich auch in den Lesesoziologie nachvollziehen. Immer mehr wird nicht danach gefragt, ob die richtige Literatur gelesen wird, sondern eher danach, welche Wege die Lesenden nehmen. Das Ziel ist oft immer noch, dass sie am Ende die richtige Literatur (was immer das in der jeweiligen Bibliothek ist) gelesen wird. Aber die Lesenden sollen praktisch selber dahinkommen und auf dem Weg dorthin unterstützt werden. Gesteuert, aber selbstbestimmt. (Das erscheint uns heute vielleicht nicht logisch, aber ist wichtig, diese Entwicklung auch als Entwicklung anzusehen. Bibliothekare, und auch die ersten Bibliothekarinnen, machten sich sehr wohl Gedanken über ihre Arbeit und veränderten ihre Vorstellungen. Das war nie eine feste Meinung, die für immer feststand und von allen geteilt wurde.)

Und auch, als sich nach dem Nationalsozialismus (beziehungsweise der Geistigen Landesverteidigung in der Schweiz) und den restaurativen Jahren dann Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre die Auffassung durchsetzte, dass es die Aufgabe der Bibliotheken sei, die Interessen der potentiellen Lesenden zu unterstützen, ihnen Fortbildungsmöglichkeiten und „sinnvolle Freizeitbeschäftigung‟ zu bieten, aber sie auch nicht zu zwingen, wurde dem in der Lesesoziologie gefolgt. Weiterhin wird in diesen Jahren gefragt, was gelesen wird, von wem und warum. Es werden Thesen über die weitere Entwicklung der Literatur aufgestellt, da man davon ausgeht, dass sich gesellschaftliche und technologische Entwicklungen auch darauf niederschlagen werden, was und wie viel gelesen wird. (Stichwort: Mehr Freizeit.)

Auffällig ist auch, dass die jeweilige Lesesoziologie sich mit den Aufgaben der Bibliotheken verbindet. In der DDR gab es beispielsweise immer wieder „parteiliche‟ Auswertungen, in denen aus den gesammelten Daten vor allem die der „Werktätigen und Kollektivbauern‟ herausgehoben wurden. Bekanntlich sollten die gefördert werden, damit sie die sozialistische Gesellschaft aufbauen könnten. (Und dann wären alle in der sozialistischen Gesellschaft, auch die, die nicht gesondert gefördert würden.) Hier verband sich Politik und Bibliotheksarbeit ganz direkt.

Aber, und das ist mir hier wichtig: Die Grundfragen der Lesesoziologie blieben. Was lesen die Leute und warum? Die Studien und Inhalte entwickelten sich mit den Bibliotheken,. Aber die Grundüberzeugung, dass eine sinnvolle Bibliotheksarbeit nur möglich wäre, wenn es Antworten auf diese Frage gibt, wurde die ganze Zeit beibehalten. (Das ist wichtig für die Frage ganz unten, ob sich Lesesoziologie wieder etablieren lässt.)

Gesellschaft und Lesesoziologie

Eine Sache, die in der ganzen Lesesoziologie auffällt, ist, dass sie immer einen Blick auf die Gesellschaft hatte. Egal, wer die Studien betrieb, egal in welchem Jahrzehnt oder für welchen Bibliothekstyp: Es gab immer ein klares Verständnis davon, dass die soziale Schicht und die konkreten sozialen Umstände, aus denen die betreffenden Lesenden kamen, eine grosse Bedeutung für die jeweilige Lesebiographie hatten. Sowohl dafür, was gelesen wurde als auch dafür, was als sinnvolle Lektüre galt. Nicht nur Arbeiterbibliotheken – bei denen das zu erwarten war, immerhin waren sie Teil einer marxistischen Bewegung – gingen davon aus, dass verschiedene soziale Schichten einen unterschiedlichen Zugang zum Lesen hatten, sondern praktisch alle taten dies. Sicherlich betonten andere Bibliotheken mehr die individuellen Entscheidungen der Lesenden. Aber praktisch galt immer:

  1. Prinzipiell können alle Menschen lernen, alle Literatur lesen.
  2. Menschen in verschiedenen sozialen Schichten haben unterschiedliche Möglichkeiten dazu. Deshalb ist es wichtig, nach den sozialen Umständen zu fragen.

Oft wurde zum Beispiel betont, dass Arbeiter*innen gar nicht so viel Zeit hätten, um sich umfassende literarische Kenntnisse anzueignen. Oder das der Alltag von Bäuer*innen durch die „Zeitläufe der Natur‟ geprägt sei und somit auch die Anregungen zur Beschäftigung mit Literatur andere wären als die der städtischen Mittelschicht. Das galt auch für Bibliotheken, die zum Beispiel einen „sozialen Ausgleich‟ im Ständestaat unterstützen sollten. Nicht nur für solche, die in Kategorien des Klassenkampfes dachten.

So oder so: Es war ein soziologisches Verständnis von Gesellschaft, das hinter der Lesesoziologie stand. Soziologisch in dem Sinne, dass die Gesellschaft begriffen wurde als in verschiedene soziale Schichten eingeteilt und dass die Literaturinteressen als von den sozialen Umständen dieser Schichten bedingt gedacht wurde (nicht determiniert, immer galt es auch die individuellen Interessen zu beachten). Deshalb zum Beispiel wurde intensiv diskutiert (in den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen), ob der Zuwachs an Freizeit für Arbeiter*innen in Fabriken in den 1950er / 1960er Jahren zu anderen Leseinteressen dieser Schicht führen würden: Weil sich deren soziale Umstände veränderten.

Vom Verschwinden der Lesesoziologie

Heute gibt es, pauschal gesagt, keine Lesesoziologie mehr. Vor allem nicht mehr als Teil bibliothekarischer Arbeit. Sie kommt in der Ausbildung nicht vor. Sie kommt bei der Festlegung der Bestandsstrategien nicht vor und sie wird auch nicht bei den strategischen Prozessen von Bibliotheken benutzt. Wann ist das passiert und wieso?

Wie oben gesagt: Genau lässt sich das nicht sagen. Es scheint eher, als sei diese Tradition ausgelaufen. Wie so oft bei öffentlichen Bibliotheken scheint sich diese Veränderung in den 1970er zu vollziehen. Spätestens in den 1980er Jahren scheint die Tradition mehr oder minder „tot‟ gewesen zu sein. Sie taucht in den bibliothekarischen Publikationen nicht mehr auf.

Ist sie von etwas anderem ersetzt worden? Auffällig ist, dass, als diese Tradition verschwindet, das Konzept und der Begriff des „Kunden‟ (heute selbstverständlich auch „Kund*innen‟) auftaucht. Die Leute, die die Bibliothek nutzen, werden nicht mehr als Lesende, Benutzer*innen und so weiter verstanden, sondern als Kund*innen. Auch das nicht sofort, nicht vollständig. Aber wenn man ein Datum setzen will, dann wäre der Beginn des Engagements der Bertelsmann-Stiftung im deutschen Bibliothekswesen 1985 ein guter Termin. Das würde zeitlich passen. (Aber nicht erklären, warum es in Österreich, der Schweiz und auch der DDR mit dieser Tradition gerade dann vorbei zu sein scheint. Man kann das Engagement der Stiftung vielleicht als Katalysator einer Entwicklung, die auch so stattgefunden hätte, interpretieren.)

Was diesen Begriff unter anderem auszeichnet ist, dass die Menschen als einzelne Individuen begriffen werden, die eigne Interessen ausprägen. Soziale Unterschiede werden dabei eingeebnet: Warum die Individuen ihre Interessen ausprägen, warum sie das mögen und das nicht, wird als grundsätzlich egal angesehen. Sie werden Atomisiert. Es wird bei Kund*innen eher nach Trends gefragt, die sich entwickeln und auf die man reagieren müsste und nicht mehr nach sozialen Umständen, welche die Trends hervorbringen. Zumindest als These lässt sich aufstellen, dass die Lesesoziologie mit ihrem Fokus darauf, warum Menschen was lesen, nicht in ein solches Denken passt. Wenn die gesellschaftlichen Umstände die Literaturinteressen mitbestimmen, kann man sie nicht als Kund*innen verstehen. Die Fragen der Lesesoziologie passen nicht zum neoliberalen Denken.

Aber das kann nicht die ganze Erklärung sein: Das Wahrnehmen von Menschen als atomisierte Individuen, und nicht als geprägt von sozialen Schichten, muss überzeugt haben. Sonst wäre es nicht so angenommen worden. Und die Lesesoziologie – die, dass muss man erwähnen, oft zeigte, dass die Anstrengungen der Bibliotheken wenig Einfluss auf das Leseverhalten hatten – mussten weniger überzeugt haben.

Should we revive Lesesoziologie?

Bibliotheken heute wissen überhaupt nicht, welche Menschen aus welchen sozialen Schichten welche Literatur (oder welche anderen Medienformen) bevorzugen. Sie wissen nicht, ob sich das Interesse an bestimmten Medien, Genres und so weiter grob an sozialen Schichten orientiert oder nicht. Wenn überhaupt, dann wird gefragt, ob bestimmte Altersstufen und das Interesse an bestimmten Medien zusammenhängt. (Vor allem bei Kindern und Jugendlichen, nicht bei anderen Altersgruppen.2)

Die Lesesoziologie basierte auf der Annahme, dass man wissen müssen, was Menschen lesen und warum, um überhaupt den Bestand und die restlichen Aktivitäten der Bibliothek sinnvoll planen zu können. Das war keine falsche Überzeugung. Heute hingegen scheinen die meisten Entscheidungen von Bibliotheken über den Bestand und über die Angebote der Bibliothek auf kaum fundierten Vorstellen, Behauptungen und Hoffnungen (die sich halt auch oft zerschlagen) aufzubauen. Dadurch, dass die Tradition der Lesesoziologie aufgegeben wurde, haben sich Bibliotheken (gewiss ungewollt) eher in die Hände von meinungsstarken Einzelpersonen begeben. Sie sind dadurch strukturell dümmer geworden (im Sinne von: Sie wussten früher mehr).

Eventuell ist ein Grund dafür, dass sie ihre strategischen Entscheidungen mehr und mehr nicht an Medien, sondern an Angeboten, die weniger mit Medien zu tun haben, ausrichten, der, dass sie sich kaum noch Daten darüber erarbeiten, was Menschen eigentlich alles mit Medien machen. Die Abwertung der konkreten Mediennutzung (also dem lautstark thematisieren Interesse am Lesen und ähnlichen Aktivitäten) im bibliothekarischen Diskurs scheint auch mit dem Niedergang der Lesesoziologie einigermassen parallel zu laufen.

Deshalb drängt sich Frage auf (auch, weil die These vom Ende des Neoliberalismus in unseren Gesellschaften in der Luft hängt), ob es sinnvoll und möglich wäre, die Lesesoziologie wiederzubeleben. Sollte man Bibliotheken raten, sich wieder Studien darüber zuzuwenden, was und warum ihre potentiellen Nutzer*innen lesen?

Ja, aber der Zeit und unserem Wissen über die Medienrezeption angepasst. Es ist offensichtlich, dass in den letzten Jahrzehnten, in denen Bibliotheken versucht haben, Angebote neben der „reinen Mediennutzung‟ aufzubauen, die Nutzung der Medien – und vor allem immer noch das Lesen von ausgeborgten, gedruckten Büchern – weiterhin die Hauptaktivität in Bibliotheken geblieben ist. Das ist nie weggegangen. Deshalb sollte man auch wieder anfangen, Daten über diese Aktivitäten zu erheben und für die bibliothekarische Arbeit zu verwenden.

Wie oben diskutiert wurde die Lesesoziologie immer im Rahmen dessen durchgeführt, wie die Bibliotheken jeweils ihre Aufgaben definierten. Lesesoziologie ist also wandelbar. Was wäre heute anders?

  1. Sicherlich würde man heute die verschiedenen Medienformen, die in Bibliotheken vorhanden sind, integrieren. Das wäre keine Innovation. Als in Bibliotheken Angebote an Zeitschriften und Zeitungen aufgebaut wurden, wurden auch sie in die lesesoziologischen Befragungen integriert. (Sie würde dann vielleicht auch anders heissen. Aber Lesesoziologie ist ja, wie oben dargestellt, eh nur der Begriff, den ich gewählt habe. Insoweit wäre auch das kein Problem.)
  2. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert herrschte eine recht direkte Vorstellung davon, wie Literaturrezeption funktioniert vor. Man ging davon aus, dass man aus dem Text selber herauslesen konnte, wie dieser auf die Lesenden wirken würde. Literatur würde praktisch eins zu eins interpretiert, Romane praktisch als Abbildung der Realität gelesen (und damit zum Beispiel falsche Vorstellungen vermitteln oder aber gerade ungewohnte Einblicke ermöglichen). Das stimmt selbstverständlich nicht. Die Literaturwissenschaft (oder auch die Filmwissenschaft, die Musikwissenschaft und so weiter) haben komplexere Rezeptionsmodelle erarbeitet und auch empirisch untermauert. Wir wissen zum Beispiel heute, dass Lesende jeweils mitbestimmen, wie ein Medium wahrgenommen wird und das Bedeutung eines Textes (Films, Musikstücks und so weiter) von diesen bei der Rezeption co-produziert wird.3 Solche Rezeptionsmodelle müssten sinnvoll in die Lesesoziologie integriert werden.
  3. Es gibt heute mehr Forschungseinrichtungen um Bibliotheken drumherum als früher. All die Fachhochschulen, aber auch mietbaren freien Forschungsinstitute wären wohl in der Lage, lesesoziologische Untersuchungen durchzuführen. Aber: Die Stärke der Lesesoziologie war, dass sie direkt von Bibliotheken durchgeführt und dann wohl auch eher genutzt wurde. Nur Daten über die Mediennutzung zu erheben, verändert die Bibliotheksarbeit noch nicht. (Es gibt ja zum Beispiel regelmässige Studien zur Nutzung digitaler Medien. Wie werden die den genutzt.) Wenn Bibliotheken solche Studien durchführen, müssen sie sich selber klar werden, was sie eigentlich wieso und wie fragen, auswerten und so weiter. Das ist es, was wiederbelebt werden sollte.

Was sich allerdings ändern würde durch eine solche „neue Lesesoziologie‟ wäre wohl, dass einige in den letzten Jahrzehnten liebgewonnene Vorstellungen über Bibliotheken aufgegeben werden müssten: Es würde sich zeigen (weil sich das in anderen soziologischen Studien auch immer wieder zeigt), dass sich die Interessen an bestimmten Medien, Genres, Inhalten und so weiter stark an den sozialen Schichten anlehnen. Die Grundvorstellung, dass es in unseren Gesellschaften nur „Kund*innen‟ gäbe, müsste aufgegeben werden. Ausserdem würde sich wohl zeigen, dass es weiterhin die Mediennutzung ist, welche die meisten Besuche von Bibliotheken motiviert. Es ist seit den 1980ern normal geworden, zu behaupten, Bibliotheken müssten sich auf andere Angebote konzentrieren (heute Makerspaces, aber auch das ist nicht neu, sondern eine Tradition). Es würde sich wohl zeigen, dass diese Behauptungen argumentativ davon profitieren, dass sie kaum empirisch überprüft werden. Wie gesagt zeigte sich in den lesesoziologischen Untersuchungen oft, dass die Bemühungen der Bibliotheken mit spezifischen Angeboten, Beratungen, Lenkungsversuchen und so weiter die Lesenden zu beeinflussen, immer nur geringe Effekte hatten,. Immer kamen Menschen vor allem, um das zu lesen was sie interessierte. Wenn sich also in neuen lesesoziologischen Untersuchungen zeigen würde, dass das auch heute gilt, wäre das nur gut. Es würde die Bibliotheksarbeit erden.

 

Fussnoten

1 In meinem Artikel zu Arbeiterbibliotheken in der vorletzten LIBREAS habe ich auch Beispiele angeführt, wo solche Studien zu polemischen Zwecken genutzt wurden. Zum Beispiel Abbildung 4 und 5, wo die Arbeiterbibliotheken Wiens anführen, welche Autor*innen und welche Arten von Beständen bei Ihnen ausgeliehen wurden, um zu zeigen, dass sie die Kultur der Arbeiter fördern würden. (Schuldt, Karsten (2019). „Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts‟. In: LIBREAS. Library Ideas 35 (2019), https://libreas.eu/ausgabe35/schuldt/).

2 Es gab auch die kurze Zeit, wo einige Bibliotheken auf den antifeministischen Zug aufzuspringen versuchten und angebliche „Literatur für Jungen‟ anbieten wollten. Das ist zum Glück untergegangen, wohl auch weil die Vorstellungen davon, was „Jungenliteratur‟ sein soll, auf keinen Daten – sondern auf hinterwäldlerischen und antifeministischen Annahmen – beruhte.

3 Das wäre übrigens die „richtige‟ Verwendung von „co-produziert‟ (richtig im Sinne von: hierfür gibt es einen Definition). Ich weiss, dass Bibliotheken diesen Begriff aktuell auch benutzen, aber mir ist nicht klar, was sie damit meinen. Offenbar nicht das.

Evaluationen in Bibliotheken: Könnten wohl besser sein

Evaluationen. Über meine Schreibtische kommen regelmässig Evaluationen sehr unterschiedlicher bibliothekarischer Projekte: In Berichten und „Case Studies”, in internen Berichten, in Projektbewertungen, in studentischen Arbeiten über solche Projekte oder in Praktikumsprojekten, als eigenständige Dokumente und in vielen anderen Formen. Und, well: nicht alle sind so aussagekräftig, wie sie sein könnten. Ehrlich gesagt, die meisten nicht.

Einerseits ist das verständlich: Viele der Evaluationen werden durchgeführt, weil sie verlangt werden. Stiftungen und andere Geldgeber verlangen sie heute am Ende von Projekten – also werden sie gemacht. Aber nicht unbedingt, weil viel Sinn in ihnen gesehen wird. Oder wenn, dann wird offenbar eher vermutet, dass es einen Sinn für die geldgebenden Stiftungen hätte, aber nicht unbedingt für die Bibliotheken, welche die Evaluationen durchführen (im Sinne von: die Stiftungen würden wissen wollen, wie ihr Geld verwendet wird). Andererseits ist das ärgerlich. Evaluationen sind nämlich eine der verbreitetsten Lernmöglichkeiten für Institutionen, also auch Bibliotheken. Sie sind eine der Möglichkeiten, bei denen ohne grösseren Aufwand Wissen über die Institution generiert werden kann und auch Möglichkeiten, in denen eine gute (bessere) Arbeitskultur etabliert werden kann. Und deshalb, weil Evaluationen – auch die, die man machen muss – doch noch recht viel Potential haben, im Vergleich zum restlichen Arbeitsalltag in Bibliotheken, ist es schon ärgerlich, dass diese nicht genutzt werden.

Was nicht so richtig funktioniert

Das Hauptproblem dieser Evaluationen (und ich fasse jetzt einmal Eindrücke zusammen, ohne einzelne Fälle „vorführen” zu wollen) scheint zu sein, dass sie einfach nicht das messen, was sie messen sollen beziehungsweise zu messen vorgeben. Oft scheinen einfach ein paar Zahlen erhoben zu werden, die vielleicht naheliegen und einfach zu erheben sind, die aber kaum etwas darüber aussagen, ob die in den Berichten geäusserten Ziele der jeweils evaluierten Projektes / der evaluierten Intervention erreicht wurden. Auch das kann man manchmal nachvollziehen. Immer mehr Anträge an Stiftungen und ähnliche Fördereinrichtungen verlangen heute in jedem Projektantrag eine Liste mit Kennzahlen, mit denen man überprüfen können soll, wie das jeweilige Projekt lief – gerne so was wie „zum Ende des Projektes haben XZY-viele Jugendliche an den geförderten Gaming-Events teilgenommen” oder „am Ende wurden XYZ-viele Broschüren verteilt und mit XYZ-vielen Schulen Kontakte hergestellt”. Welche Zahlen genau genutzt werden, ist oft den Antragstellenden offengelassen. Und so kommt es dann dazu, dass Anträge geschrieben werden, die zum Beispiel Selbstwirksamkeitsaufbau und Zugang zu Bibliotheken mittels Gaming-Events unterstützen möchten, aber am Ende als Evaluation erheben, wie viele Jugendliche an den Events teilgenommen haben.

Das ist nicht sinnvoll.

Erstens: Auch wenn es so scheint, als würden solche Zahlen erhoben, um die jeweiligen geldgebenden Einrichtungen „glücklich zu machen”, ist das bei den Stiftungen nicht die Idee. Die Idee ist, Einrichtungen dazu zu bringen, nicht einfach wild drauf los Geld zu beantragen, sondern die Möglichkeit zu nutzen, sich beim Bestimmen der zu erhebenden Zahlen Gedanken dazu zu machen, was das Projekt eigentlich erreichen soll. Ist das ein guter Weg, das zu erreichen? Das weiss ich nicht. Aber es soll halt eigentlich keine Pflichtübung sein, sondern eine Möglichkeit, als Institution die eigene Leistungsfähigkeit gut einzuschätzen. (In den Reviews der Stiftungen wird dann auch oft nicht gefragt, ob die jeweiligen Zahlen hoch genug sind, damit sich die Förderung lohnt, sondern danach, ob diese sinnvoll und erreichbar gewählt sind.)

Zweitens: Während diese Fixierung auf Zahlen bei Anträgen noch verständlich ist, weil sie von aussen gefordert wird, ist auffällig, dass sie zum Beispiel auch bei rein internen Projekten von Bibliotheken, Praktikumsprojekten oder halt anderen Projekten, die gar nicht von aussen finanziert werden, angewandt werden. Und hier scheint es dann wirklich, als wäre es eine Pflichtübung, die man irgendwann mal gelernt hat (Im Projektmanagement-Kurs? Vom Bibliotheksberater / von der Bibliotheksberaterin?) und einfach durchführt, weil es angeblich so sein muss. Muss es nicht. Eine Evaluation kann dazu benutzt werden, zu fragen, wie das jeweilige Projekt in der jeweiligen Bibliothek funktioniert, nicht nur danach, ob ein paar Kennzahlen erreicht wurden.

Drittens: Manchmal sind Zahlen der richtige Weg, um Projekte zu evaluieren, manchmal sogar einfach zu erhebende. Oft aber auch nicht. Die Frage ist nicht: Wie evaluiere ich etwas möglichst schnell? Sondern: Wie überprüfe ich, ob die Ziele, mit denen das Projekt gestartet wurde, erreicht wurden? Und zwar am Besten nicht einfach mit den beiden Antwortmöglichkeiten „Ja, wurde erreicht” oder „Nein, wurde nicht erreicht”, sondern differenzierter. Und gleichzeitig nicht abgekürzt (wie beim Beispiel oben, wo es eigentlich um Selbstwirksamkeit gehen soll, aber man vielleicht einfach Besucherinnen und Besucher zählt und abgekürzt behauptet, ein Besuch des geförderten Gamingevents sei gleichzusetzen mit einer Erhöhung der Selbstwirksamkeit).

Das kann umständlich sein und gleichzeitig kann es geleistete Arbeit verdecken. Umständlich, weil Erhöhung von Selbstwirksamkeit zu messen schwieriger ist (und vielleicht auch nur halb geht), als einfach Besucherinnen und Besucher zählen. Verdeckend, weil zum Beispiel ein Gaming-Event viel Arbeit bedeuten kann (zum Beispiel wenn wieder mal – wie es sich gehört – kurz vorher irgendetwas schief geht), die man auch gerne irgendwo sehen würde – aber halt nicht sieht, wenn es um Selbstwirksamkeit geht. Aber das ist das Grundprinzip jeder guten Evaluation: Danach zu fragen, ob die Ziele eines Projektes, eine Intervention erreicht wurden – und im besten Falle, wie. Anderes muss man anders angehen.

Für die, die der Meinung sind, man müsse alles positiv darstellen, sind tiefergehende Evaluationen vielleicht auch gefährlich, weil sie zeigen können, dass nicht alles läuft, wie einst angedacht. Aber: Nichts läuft immer wie geplant. Alle wissen das. Einrichtungen, die kritisch mit sich selbst sein können und das auch nach aussen zeigen, werden viel positiver wahrgenommen – auch von Geldgebern und Fördereinrichtungen – als solche, die ständig nur positive Meldungen machen — aber das ist jetzt ein anderes Thema.

(Nicht zuletzt: Wenn in einem Projekt viel versprochen wird, am Ende aber zum Beispiel nur die Zahl der Besucherinnen und Besucher gezählt wird, ist es sehr einfach, daraus zu schliessen, dass es immer nur um diese Besuche ging, nicht um die zuvor geäusserten Ziele. Wenn ich eine Stiftung wäre: Warum sollte ich dann nicht aus so etwas den Eindruck gewinnen, dass die schönen Ziele weiterer Anträge der gleichen Einrichtung auch nur vorgeschoben sind?)

Was man besser machen könnte

Also, was könnte besser gemacht werden (meinem Eindruck nach)?

Zuerst, wie schon gesagt, den einfachen Grundsatz beherzigen, dass eine Evaluation nicht einfach sein soll oder schnell gemacht werden kann, sondern das sie messen soll, ob die Ziele eines bestimmten Projektes erreicht wurden oder nicht. Von dieser Frage ausgehend müssen sie aufgebaut werden.

Das bedeutet oft, länger darüber nachzudenken, wie die Evaluationen durchgeführt werden können; zum Beispiel ob andere Zahlen zu erheben sinnvoller wäre oder ob man vielleicht gegen den Drang ankämpfen sollte, einfache Zahlen zu erheben und stattdessen auf andere Dokument gesetzt werden sollte oder ob gar andere Methoden – die man sich ja oft aus der Forschung borgen kann – verwendet werden müssten. Das kann dann heissen, dass die Evaluation auch mehr Zeit und Ressourcen kostet (aber, wie erwähnt wird bei Reviews von Anträgen oft gefragt, ob die gewählte Evaluation sinnvoll ist, nicht, ob sie billig und schnell durchzuführen ist – in Anträgen Arbeitszeit und andere Ressourcen für eine Evaluation einzuplanen ist zum Beispiel vollkommen okay und wird von vielen Fördereinrichtungen positiv bewertet), aber so ist das bei guten Evaluationen: Wenn man etwas daraus lernen will, kostete es manchmal auch etwas mehr. Das ist aber oft gut investiertes Geld.1

Daneben scheint mir aber ein Problem mit Evaluationen ein strukturelles zu sein: Dadurch das (so mein Eindruck) sie meist als Anhang, „weil sie halt gemacht werden müssen”, gemacht werden, werden sie nicht so gemacht, dass sie der einzelnen Bibliothek etwas bringen. Es scheint, als würden sie gemacht, an die betreffende Stelle gemeldet, vielleicht noch in einem Projektbericht an die Aussenwelt berichtet, aber sonst schnell und ohne Konsequenz vergessen.

Dabei sind Evaluationen geeignet, um als Team – entweder Projektteam oder aber, in Bibliotheken (wenn sie nicht zu gross sind), sogar besser dem gesamten Team – zu reflektieren. Allerdings: Erhebt man die falschen Zahlen (also die, die nichts über die Ziele aussagen), was soll man dann gemeinsam reflektieren? Erhebt man nur „Erfolg” oder „kein Erfolg” – was soll man dann diskutieren? Wendet man aber die Zeit und Ressourcen für eine Evaluation auf, die klärt, was im Projekt passiert ist, welche Ziele wie und wieso mehr oder weniger erreicht wurden und verzichtet auf unrealistisch positive Darstellungen, dann lässt sind aus ihnen (a) etwas über das Projekt, (b) über die Bibliothek als Institution und (c) die weitere Entwicklung von weiteren Projekten / Interventionen / Entwicklung der Bibliothek lernen.

Sicherlich, um so eine Reflexion im Team zu vollbringen – aber wie soll man sonst etwas lernen, in einer einer Einrichtung, die aus mehr als einer Person besteht, wenn nicht im gesamten irgendwie betroffenen Team – bedarf es auch einer Arbeitskultur, die eine solche Reflexion möglich macht: (1) Eine, in der man ohne Angst davor, dass das auf persönliche Ebene gezogen wird, Fehler, Scheitern, falsche Annahmen und so weiter benennen kann – als Möglichkeiten, aus denen zu lernen ist und eben nicht, um sie irgendjemand vorzuwerfen. (2) Eine, in der Kritik geäussert werden kann, aber in der vor allem Potentiale benannt und gefördert werden, in der die geleistete Arbeit wertgeschätzt wird. (3) Eine, in der eher realistisch über weitere Entwicklungen diskutiert wird und nicht, zum Beispiel, in reinen Phrasen und Ankündigungen, die dann eh nie umgesetzt werden, oder auch nicht, als weiteres Beispiel, in denen Vorschlägen und Einwürfen von grossen Teilen des Personals keine Beachtung geschenkt wird. (4) Einer, die nicht diesen absonderlichen Drang erzeugt, ständig alles nur als positives Ergebnis zu schildern, sondern die auch, zum Beispiel in Berichten, in der Lage ist, Schwierigkeiten zu benennen, die in einer Evaluation sichtbar wurden.

Mir ist schon klar (dazu habe ich schon geschrieben): Das ist leider in vielen Bibliotheken nicht gegeben. Aber wozu dann überhaupt Projekte machen, wenn man nicht mal so eine Arbeitskultur hat?

 

Fussnote

1 Und ja: Bei solchen Fragen können zum Beispiel bibliotheks- und informationswissenschaftliche Institute an Fachhochschulen beraten. Aber, da sie noch mehr von Drittmitteln abhängen als Bibliotheken, nicht umsonst. Bibliotheken haben aber auch immer Personal mit wissenschaftlicher Ausbildung – man muss dessen Kompetenzen nur nutzen.

Welche Vorbilder wählt sich das Bibliothekswesen und wieso? Einige Überlegungen

Letztes Wochenende fand in Genf die Fête de la Musique statt. Anders als anderswo ist das in Genf nicht der Tag des Sommeranfangs (21. Juni), sondern das ganze Wochenende nach diesem Tag (Freitag bis Sonntag, diesmal 22-24. Juni). Aber ebenso wie anderswo: Musik, vornehmlich draussen, umsonst, mit verschiedensten Musikrichtungen, sehr lokal geprägt (also Bands und so weiter aus Genf, was bei der doch internationalen Stadt Genf halt auch heisst, sehr international geprägte Musik). Da sich der Grossteil der Bühnen in Genf in der Altstadt und neben der Altstadt im Parc des Bastions befindet, gab es hier auch recht zentral all die Essens- und Getränkestände, symphatischerweise nicht von grossen Caterern, sondern vor allem von Vereinen betrieben, die so Geld für ihre jeweiligen Vereinszwecke sammeln. Auch die Infrastruktur: Sehr nett. Kostenfreie und saubere WCs (im Vergleich), überall Brunnen mit Trinkwasser.

Und mittendrin hat die Öffentliche Bibliothek eine Bühne, genauer: Von den Öffentlichen Bibliotheken der Stadt hat einer der 13 Standorte (Bibliothèque de la Cité) eine Abteilung für Musik (Espace musique) und diese Abteilung wiederum hat einen eigenen Bibliotheksbus (Mobithèque) (neben dem Bibliotheksbus – Bibli-o-bus – für die kleinen Orte im Kanton, aber ausserhalb der Stadt Genf selber, den es auch gibt), welcher die ganzen drei Tage bei der Fête de la Musique auch Programm bietet: Filme, Quiz, Chanson, DJs.

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Der DJ beginnt mit seinem Set und geht dabei gleich symphatisch mit ab. Später wurde getanzt (inklusive vieler Kinder, deshalb hier keine Bilder davon).

Auch das war ganz nett. Aber wie wir so bei der Mobithèque sassen, dem DJ (Abraham Licorne, wenn ich das vergangene Programm richtig lese) zuhörten, wie er so einen sehr aufbauenden Mix von Funk, Swing, Rap und Elektro auflegte und wir den Leuten zuschauten, wie sie am warmen, sommerlichen Abend tanzten und auch sonst alles im Rahmen ganz symphatisch fanden, begann ich mich eines zu fragen: Warum ist eigentlich nicht das – die Bibliothèques Municipales de la Ville Genève und ihre Angebote, die direkt zu den Menschen gehen – ein Vorbild für Bibliotheken im deutsch-sprachigen Raum?

Was ist Vorbild – und was nicht?

Je länger der Abend dauerte, umso mehr stellte sich mir diese Frage: Wie wird eigentlich im Bibliothekswesen ausgewählt, welche Bibliotheken als Vorbild gelten und was von ihnen als vorbildhaft gilt? Damit einher geht selbstverständlich immer die Frage, was gerade nicht ausgewählt wird. Der Diskurs (der mal wieder) über bestimmte Vorbilder ist selbstverständlich eine Verständigung darüber, was als denk- und machbar gilt. Gleichzeitig errichtet er ein „Aussen” von Lösungen (in diesem Fall: Bibliotheken), die als nicht vorbildhaft gelten, als nicht denkbar, nicht umsetzbar, als bestenfalls utopisch. Und das vor allem als Diskurs, als System von Worten, Aussagen und Denkweisen. Denn: Ich sass dort im Park und hörte dem DJ, der in der Mobithèque auflegte, zu. Das gibt es real. In einer sehr internationalen Grossstadt mit allen ihren netten und nicht-netten, verrückten und langweiligen Menschen, mit all ihrer Infrastruktur, ihrer Wirtschaftsorientierung, dem „Weggucken” bei all den Quasi-Diktatoren, die dort wohnen, bei ihrem spezifischen Verständnis von Wohlfahrt. Es ist also gar nicht so utopisch; es ist schon gebaut. Aber es ist nicht als Vorbild im deutschsprachigen Diskurs drin.

So erscheint es im deutschsprachigen bibliothekarischen Diskurs praktisch als unmöglich: Ein Bibliotheksverständnis, das eher auf viele kleine Filialen, die dafür dort sind, wo Menschen wohnen, setzt; auf Programme, mit denen zur Bevölkerung gegangen wird, mit Bücherbussen und persönlichen Angeboten. Mit einer Agenda, die so viele Veranstaltungen beinhaltet (ein Teil in Kooperation mit anderen Einrichtungen, aber der Grossteil von der Bibliothek selber organisiert), dass sie mehrfach im Jahr, zum Teil nur für bestimmte Themen (zum Beispiel Musik) gedruckt werden muss? Warum erscheint so ein Verständnis von Bibliothek nicht als vorbildhaft, warum werden Bibliotheken im deutschsprachigen Raum, die auch eher auf solche Strukturen setzen, eher als unzeitgemäss angesehen? Das zum Beispiel Zürich oder Wien so viele Filialen haben, wie sie haben, erstaunt ja heute schon eher. Thematisiert wird es kaum.

Dabei, so wurde eigentlich klar, während der Abend weiterging, haben die Nutzerinnen und Nutzer da gar nichts dagegen.

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Nur mal zwei der aktuellen Programme der Bibliothèques Municipales de Genève. (Das Motto „une fenétre sur le monde“ heisst übrigens „ein Fenster zur Welt“. Auch das symphatisch.)

Was macht „unsere Vorbilder” aus?

Bislang habe ich schon mehrfach (hier im Blog und anderswo) darauf hingewiesen, dass es eine Tradition in den deutschsprachigen Bibliothekswesen gibt, die eigentlich einer Erklärung bedarf: der ständige Blick in die USA, nach Grossbritannien und „Skandinavien” (ohne Island, selten nach Finnland, dafür manchmal in die Niederlande) und die dortigen Bibliotheken. Die Tradition gibt es seit Langem, auch durch verschiedene politische Systeme hindurch. Sie war nicht immer so stark (man findet in älteren bibliothekarischen Zeitschriften zwar auch diesen Blick, aber doch mehr Artikel, die andere Bibliothekswesen vorstellen; es war also eher „bunter”), sie scheint heute auch viel fokussierter auf Teilaspekte der dortigen Bibliothekswesen als früher. Aber sie erklärt zum Teil, warum das Bibliothekswesen in Genf nicht als Vorbild gilt.1

Aber neben dieser Tradition fiel mir an diesem Abend zusätzlich auf, dass die „Vorbild-Bibliotheken”, welche in den bibliothekarischen Texten vorgestellt, in organisierten Informationsreisen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren besucht und auf Konferenzen als Beispiel angeführt werden, nicht nur in diese Tradition passen, sondern einige andere Gemeinsamkeiten haben.

In meiner „aktiven Zeit” im Bibliothekswesen (etwas mehr als zehn Jahre) hat es drei dieser grossen Vorbilder gegeben:

  1. Die Idea Stores in London
  2. Die Openbare Bibliotheek Amsterdam, Centrale Bibliotheek
  3. Dokk1 in Århus2

Ich gehe mal davon aus, diese bekannt sind. (Und wenn die Idea Stores unbekannt sind und schon lange nichts mehr von ihnen vermeldet wurde, ist das auch nur bezeichnend, siehe weiter unten.)

Es gibt eine Anzahl von Gemeinsamkeit bei diesen drei Vorbildern:

  1. Es ging bei allen drei um einen aktiven Stadtumbau, in welchen die Bibliotheken einbezogen wurden. Die Idea Stores waren Teil der aktiven Aufwertung von Wohnquartieren. Es wurden Bibliotheken geschlossen, die – so die Argumentation – veraltet waren und neue Stores gebaut, die unter anderem durch ihr Design und ihre Architektur Moderne ausstrahlen und dazu beitragen sollten, dass sich die Quartiere erneuerten. Die Centrale Bibliotheek und das Dokk1 sind noch expliziter Institutionen, die zur Aufwertung von ehemals industriell genutzten Häfen beitragen sollen. Beide Male war die Aufgabe, welche sich die Stadtverwaltungen stellten die, Häfen, die lange die Stadt vom jeweiligen Wasser trennten, neu in die Stadt einzubinden. Es trafen sie ja auch die gleichen Entwicklungen (und nicht nur sie) in der Logistik, die in den letzten 10-15 Jahren weltweit „Häfen freimachen”. In diesen beiden Fällen wurden – nicht nur – Bibliotheken als Mittel gewählt, diese Öffnung zur Stadt zu erreichen.
  2. In allen drei Fällen ging es um Architektur. Alle Gebäude wurden explizit als zeitgenössisch, überwältigend und eindrücklich konzipiert. Sie sollen – so würde ich es interpretieren – alle eine gewisse Offenheit, Helle und Moderne repräsentieren. Ob sie das erreichen ist eine andere Frage. (Mir persönlich scheinen vor allem die Idea Stores und das Dokk1 erstaunlich abweisend.) Aber es war und ist auffällig, wie oft die Architektur im Mittelpunkt von Darstellungen dieser Bibliotheken stand und wie oft Texte vor allem mit grossen Architekturbildern dieser Bibliotheken bebildert wurden.
  3. Um was es viel weniger ging, bei den Texten zu diesen drei Beispielen, war die Funktionalität der Gebäude selber. Sicherlich wurden sich bei den Bauprojekten darüber Gedanken gemacht. Aber in den Darstellungen überwog eher, wie die Gebäudeals Gebäude und stadtplanerische Statements wirken sollen (also ein architektonischer und vielleicht auch stadtplanerischer Blick) und weniger, wie sie tatsächlich im Alltag für bibliothekarische und andere Aufgaben wirken (also ein bibliothekarischer Blick). Ein wenig so, als würde sich auch in der bibliothekarischen Literatur eher für die Gestalt als für den Inhalt interessiert.
  4. Bei allen drei Beispielen wurde postuliert, dass eine Lösung vorgeblicher bibliothekarischer Probleme (dass das Bild der Bibliotheken schlecht wäre, dass sie veraltet seien, dass sie immer weniger Nutzerinnen und Nutzer hätten) darin bestehen würde, die Bibliotheken mit anderen Einrichtungen zusammenzulegen und als gemeinsame Einrichtungen zu betreiben. Bei den Idea Stores mit der Erwachsenenweiterbildung, in Amsterdam mit Theater, Radio und anderen Einrichtungen, im Dokk1 gleich als Kulturzentrum. Dies wurde auch in der deutschsprachigen Literatur immer wieder als vorbildhaft herausgestellt. (Es ist eigentlich keine sonderlich neue Idee und auch anderswo schon mehrfach umgesetzt. Dennoch wurde es immer wieder als neu herausgestellt.)
  5. Damit einher ging, dass bei den drei Vorbildern moderne bibliothekarische Arbeit vor allem als Arbeit entworfen wurde, die über einen gewissen „traditionellen Kern” hinausgehen würde. Mehr Veranstaltungen, Makerspaces (Amsterdam, Århus), Bildungsberatung (London) und so weiter. Auch das war eigentlich nichts Neues, aber es wurde immer wieder als vorbildhaft dargestellt. Was weniger diskutiert wurde, war die eigentliche bibliothekarische Aufgabe dieser Einrichtungen. Stattdessen diskutiert wurden (vorgeblich) hinzukommende Aufgaben und Angeboten.
  6. Vielleicht ist es nur mein Eindruck, aber mir scheint, dass die potentiellen Nutzerinnen und Nutzer, die in den „Vorbild-Bibliotheken” angestrebt werden (und die auf den Bildern in den Artikeln zu sehen waren), trotz aller Betonung von Offenheit und Urbanität doch sehr eingeschränkt sind: sehr kleinbürgerlich, selbstmotiviert, bildungs- und aufstiegsorientiert, kreativ in dieser sehr aufgeräumten Weise, „vernünftig” im Sinne von Leuten, denen man weder Ekstase noch durchgetanzte Nächte zutraut [im Gegensatz zu DJs auf der Fête de la Musique, die zumindest an solche „unsinnig” kreativ verbrachten Nächte erinnern] und „vernünftig” im Sinne von auf Harmonie und Ausgleich ausgerichtet [und eben nicht auf die Thematisierung von Widersprüchen und gesellschaftlichen Strukturen]. Halt „ordentliche, vernünftige Leute”. Welcher Herkunft, sexueller Identität, religiöser Haltung et cetera scheint egal, solange sie „vernünftig” sind. Halt doch nur ein Teil der Gesellschaft.
  7. Bei der Darstellung der Vorbilder fällt im Nachhinein auch auf, dass sie praktisch nur als solitäre Einrichtungen dargestellt wurden; nicht als Teil des jeweiligen lokalen Bibliothekswesens. (Das hat sich ja auch in vielen „Bibliotheksreisen” gezeigt, die immer vor allem zu der einen Bibliothek gingen; als würde man aus den anderen Bibliotheken drumherum nicht viel lernen können.) Ob die jeweiligen Einrichtungen überhaupt eine Besonderheit darstellen oder eine Tradition fortsetzen; wie sie sich in das jeweilige Bibliothekssystem einliessen, wurde kaum gefragt. [Gerade beim Beispiel in Amsterdam wurde das am genutzten Namen für die Bibliothek manchmal auffällig: Openbare Bibliotheek Amsterdam heisst einfach Öffentliche Bibliothek Amsterdam – und von denen gibt es mehrere. Die Centrale Bibliotheek (Zentralbibliothek) über die gesprochen wurde, wurde aber oft so besprochen, als wäre es die eine und einzige Öffentliche Bibliothek in Amsterdam, deswegen wurde sie auch oft einfach „Openbare Bibliotheek” genannt.]
  8. Ebenso im Nachhinein (also zumindest für die Idea Stores und die Bibliothek in Amsterdam, aber jetzt eigentlich auch für die in Århus) fällt auf, dass sie nach den Phasen, in denen sie als Vorbild dargestellt und besucht wurden, eigentlich nicht mehr in der deutschsprachig bibliothekarischen Literatur auftauchen. Oder anders: Dargestellt wird der Anfang, aber nachher scheint kaum jemand nachzuschauen, wie sich diese Vorbilder entwickeln. Wie soll man das interpretieren? Geht es vor allem um den Eindruck des Neuen, nicht um das tatsächliche Funktionieren?

Ist das naturgegeben, dass gerade solche Bibliotheken ausgewählt werden, um in ihnen etwas neues oder vorbildhaftes zu finden? Ist es naturgegeben, dass sie so angeschaut und dargestellt werden, wie sie es werden? (Also Fokus auf die Architektur, wenig Fokus auf die Aufgaben, die der jeweiligen Einrichtung zum Beispiel bei der Stadtplanung zugeschrieben werden.) Selbstverständlich nicht. Man könnte andere Bibliotheken wählen, man könnte Bibliothekssysteme (und nicht einzelne Einrichtungen) anschauen, man könnte anderes thematisieren (zum Beispiel die Funktionalität von Gebäuden oder die Verdrängungsprozesse, an denen Bibliotheken (ungewollt) beteiligt sind, wenn sie als Teil der Aufwertung von städtischen Räumen angesehen werden). Man könnte auch Bibliotheken ausserhalb grosser Städte als Vorbild nehmen. Das ist alles möglich und in den letzten 100-125 Jahren ist das auch getan worden. Es ist also eigentlich erklärungsbedürftig, warum es heute so getan wird, wie es getan wird.

Was sagen unsere Vorbilder über uns aus?

Als ich nun in Genf neben der Mobithèque sass und über all dies ein wenig nachdachte, fiel mir ein Satz ein, der diese ganzen Überlegungen ganz gut zusammenfasst:

Es ist politisch, was man als Vorbild nimmt, was man nicht als Vorbild nimmt sowie was man an Vorbildern als vorbildhaft thematisiert und was nicht.

Eigentlich ziemlich einfach. Bei Menschen ist das auch nicht anders. Ob ich es als sinnvoll ansehe, Vorbilder zu haben oder nicht ist eine Entscheidung, die auf meinem Bild über die Welt und die Menschen aufbaut. Wen ich als vorbildhaft ansehe ebenso. Und was ich an diesen Personen als vorbildhaft ansehe auch (Beispielsweise jemand sehr oft gewähltes: Che Guevara. Finde ich die konkrete Politik Ches vorbildhaft oder nur, das er sich für seine Ideen einsetzte? Finde ich das Hasta la victoria siempre gut oder den konkreten militärischen Einsatz in Kuba, Kongo und Bolivien? Und: Wie tiefgehend meine ich das? Geht es mir um ein ungefähres Bild [„Man muss so radikal für die Armen sein, wie Che”] oder um konkrete Einzelheiten [„Man muss das kubanische Tagebuch und die wichtigsten Reden kennen und denen nachleben.”]?) Das scheint am Ende bei Bibliotheken nicht anders. Es ist halt nicht zufällig, was als Vorbild angesehen wird und was nicht. Und deshalb kann man auch versuchen von den Vorbildern, die in den deutschsprachigen Bibliothekswesen gewählt werden, abzuleiten, wie sich Bibliotheken politisch verorten.

Das aber wiederum hat mich ganz schön nachdenklich gemacht. Alles Vermutungen, aber:

  1. Auffällig ist schon, dass die Einbindung der drei Vorbilder in konkrete Gentrifizierungstendenzen gar nicht thematisiert wird. Wird das etwa gut gefunden? Wird das nicht gesehen? Ist es nicht eine gewisse Komplizenschaft, das praktisch bei den Darstellungen auszulassen und einfach so hinzufahren?
  2. Auffällig ist aber auch die relativ unkonkrete Darstellung dieser Vorbilder: Die konkrete Funktion im Alltag, die bibliothekarischen Fragen (zu denen dann offenbar auch solche der Veranstaltungsorganisiation und Kooperation zählen) stehen ja ganz oft im Hintergrund, dafür werden vielmehr Bilder präsentiert. Das bleibt alles immer sehr, sehr schwammig. Und nachher wird auch wenig geschaut, ob es überhaupt wirkt. Worum geht es dann? Eher so um den Vibe des Neuen, um das Gefühl, modern zu sein? [Wie beim Che-Beispiel: Eher um den Vibe der Veränderung als um die konkrete Auseinandersetzung mit der Praxis?]
  3. Auffällig auch, dass vor allem Einzelgebäude angeschaut werden, nicht Bibliothekssysteme. Im neoliberalen Stadtumbau ist das normal: Nachdem die Kommunen fast alle Steuerungselemente aus der Hand gegeben haben, um den Markt möglichst viel regulieren zu lassen, ist das Mittel der Wahl heute, irgendetwas hinzustellen (Gebäude, Projekte), das dann die über den Markt regulierte Gesellschaft oder Stadt in eine Richtung stossen soll. Weniger Infrastruktur, mehr beispielhafte Interventionen. In gewisser Weise scheint sich das bei den bibliothekarischen Vorbildern wiederzufinden: Einzelne Bauten, nicht Systeme werden angeschaut, es scheint eher in Interventionen (Innovationen) gedacht zu werden und weniger an Infrastruktur oder konkreter Arbeit.
  4. Und auffällig ist einfach auch, wie wenig eigentlich die Gesellschaft thematisiert wird. Es gibt so ein grundsätzliches Diversitäts-Versprechen, aber eigentlich scheint es, als würde nicht gefragt, was diese Vorbild-Bibliotheken eigentlich für Menschenbilder vermitteln (bei den Idea-Stores und ihrer Fixierung auf Bildung wären dies sehr einfach zu thematisieren). Es scheint halt schon manchmal, als würde umstandslos die kleinbürgerliche (ist das das richtige Wort?) Orientierung einfach übernommen. Vorsichtig interpretiert scheinen sich Bibliotheken mit den kleinbürgerlichen Werten (die ja heute auch offener sind als früher, halt diverser, solange alle „vernünftig” sind) zu identifizieren. Vielleicht weil das genau das Weltbild ist, dass von vielen in der Bibliothek vertreten und gelebt wird?

Bessere Vorbilder?

Wohin führen solche Überlegungen? Ich bin mir nicht sicher. Es wäre sehr einfach, andere Vorbilder zu fordern und auch einen anderen Blick auf diese Vorbilder. Ich könnte gleich einige nennen: Genf, Wien, Toronto; jeweils die ganzen System der Öffentlichen Bibliotheken, nicht Einzelbauten; und der Blick weg von „alles muss neu sein” hin zu „wie fördern die das Gemeinwohl”. Aber diese Auswahl sagt vielleicht auch einfach mehr über mich und mein Weltbild aus.

Wichtig ist für mich eher der Satz von dem politischen Verhaftet-Sein der Vorbilder im bibliothekarischen Diskurs. Gerade verbunden mit dem Wissen, dass es auch schon anders war (beispielsweise das Mitte der 1960er Jahre nicht auf skandinavische Bibliotheken geschaut wurde, um da die Zukunft der Bibliothek, sondern um Vorbilder für eine rationale Gestaltung der Bibliotheksarbeit zu finden), zeigt er, dass der mögliche Wissensraum viel grösser wäre, als der, der aktuell genutzt wird. Es gäbe viel mehr Fragen, Erfahrungen und mögliche Fokusse. Und zu verstehen, dass es politische Entscheidungen (im Sinne von „wie stelle ich mir vor, dass die Welt funktioniert; was betrachte ich als relevante Themen und was nicht?”) sind, mach auch klar, dass über die impliziten Annahmen, die mit den Vorbildern vermittelt werden, diskutiert und das diese auch verändert werden können.

Dieses Nachdenken hinterlässt einen gewissen schallen Beigeschmack. Was genau ist das, diese gewissen Einschränkungen bei den Bibliotheken, die als Vorbild gelten? Ist das die Neoliberalisierung des bibliothekarischen Denkens (wie halt bei vielen linken Parteien in den letzten Jahrzehnten, wo auch bestimmte Themen und Fragen einfach „verschwunden” sind)? Ist das „Denkfaulheit”, die vielleicht durch zu viel Arbeit oder zu viel Zumutungen im Alltag hervorgerufen wurde? Ist es ein Ausdruck der Überzeugungen über die Gesellschaft, denen im Bibliothekswesen gefolgt wird oder prägen die Vorbilder und ihre Darstellung diese Überzeugungen? Nochmal: Warum sind nicht die so nahe bei den Nutzerinnen und Nutzern verorteten Öffentlichen Bibliotheken in Genf ein Vorbild, dafür aber das Ungetüm in Århus? Ist es vielleicht einfach ein Zeichen von zu wenig Utopie und zu wenig Mut zum Denken über das Bekannte hinaus? Zum Glück war der DJ gut und der Sommerabend warm, aber nicht zu warm; sonst wäre aus dem Nachdenken vielleicht eine sehr rabiate Polemik geworden.

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Vor dem DJ-Set gab es eine Musikquiz.

 

Fussnoten

1 Für die Schweiz kommt die Tradition hinzu, die Teile auf „der anderen Seite der Sprachgrenze” als irgendwie ganz anders zu verstehen, zwar als schweizerisch, aber als doch nicht gleich. Die Bibliotheken in Genf können sehr schnell als „in der Romandie sind sie (?) eher so staats-orientiert, aber in der Deutschschweiz eher so förderalistisch” als mögliches Vorbild abqualifiziert werden.

Zwischendurch wurde auch die Seattle Public Libray, Central Library etwas öfter thematisiert, aber nicht so oft wie die anderen drei Bibliotheken. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass es teurer ist und länger dauert, Seattle zu besuchen, als Århus. Aber auch für Seattle gilt, dass viel mehr über eine spezifische Bibliothek berichtet wurde, als – wie Olaf Eigebrodt einmal erwähnte, ich weiss aber leider nicht mehr wo – über die gesamte Ausrichtung des gesamten Bibliotheksnetzes in Seattle. Die Bibliothek New Library in Birmingham wurde fast nur wegen der Architektur und dann der Absurdität, dass nach dem Bau zu wenig Geld zum kontinuierlichen Betrieb der Bibliotheken der Stadt übrig war, erwähnt.

Armut und Bibliotheken: Ein kurzes Buch als Anmerkung zu einer notwendigen Diskussion

Das Leben ist kein Ponyhof

Hier eine kurze Geschichte aus meinem Leben: Vor Jahren (so 2009, 2010), als ich noch jung und unerfahren unternehmungslustig war und gerade meine Promotion fertig hatte, dachte ich, es wäre Zeit, nach dem einem grossen Thema (Bildung und Bibliotheken) ein weiteres grosses, wichtiges Thema anzugehen, bei dem Bibliotheken etwas zur Verbesserung der Welt beitragen könnten: Armut und Bibliotheken.

Damals war der Plan noch, dass als nächste grosse Arbeit, als Habilitation, anzugehen. How hard could it be? Alles ist irgendwie als Studie anzugehen, wenn man sich nur hineinversenkt. Strukturell schien es ein ähnliches Thema zu sein, wie bei meiner Promotion zu Bildungseffekten Öffentlicher Bibliotheken: Ein Thema, bei dem viele Vermutungen vorliegen, ein Thema, das, wenn es „stimmt“ , einen positiven Einfluss auf die Welt haben könnte. (Denn darum hatte ich ja dereinst überhaupt angefangen, Bibliothekswissenschaft zu studieren und nicht etwa BWL oder Jura, um dann irgendwann in einer Bibliothek arbeiten und ein wenig zu einer besseren Welt beitragen zu können – wie jung und naiv waren wir doch, denke ich jetzt, wo ich in den Bergen sitze und mich frage, wie ich je in einer Bibliothek „ankommen“ soll… aber das ist ein anderes Thema) Und ein Thema, das es wert wäre, strukturiert darzustellen: Wie funktionieren Bibliotheken in Bezug auf Armut? Was tun sie: Verstärken sie Armut, reproduzieren sie die gesellschaftlichen Unterschiede mit oder unterstützen sie Menschen in Armut? So oft, wie in der bibliothekarischen Literatur angegeben wird, dass Bibliotheken Zugang zu Medien für alle ermöglichen und dann angedeutet wird, dass das vor allem Menschen in Armut hilft, sollte es nicht schwer zu sein, zumindest zu überprüfen, ob sie es wirklich tun. Alles in kleinen Schritten, in Verbindung mit Sozialtheorien und Erfahrungen aus der Sozialen Arbeit etc.

Aber das Leben kommt anders: Ich schreibe keine Habilitation mehr; das Thema Armut und Bibliotheken ist viel schwieriger, als angenommen. Zudem: das Leben, all die Enttäuschungen, Veränderungen, unvermuteten Möglichkeiten die auftauchen… Zumindest war mir die Idee, das Thema eigenständig zu beforschen (Weil: Drittmittel für das Thema? Ha. Wo?) irgendwann abhanden gekommen. Das passiert. Aber das Thema selber geht nicht weg: Armut besteht in unseren reichen Gesellschaften, obwohl es das nicht müsste und das bleibt ein Skandal. Die Behauptung, Bibliotheken würden Menschen in Armut im Speziellen helfen, findet sich immer wieder und triggerte bei mir den Wunsch, dass doch mal genauer zu untersuchen. Aber letztlich hatte mich das Leben doch überfahren.

Ein Kneipengespräch

Turn to 2015, Open Access Tage in Zürich. Auf dem Heimweg hatte ich ein kurzes Gespräch mit zwei Kollegen, auch zum Thema Armut und Bibliotheken, dass mich daran erinnerte, dass es wirklich weiterhin viele positiv gemeinte Vermutungen zu diesem Themenbereich gibt. Zudem traf ich auch immer wieder Personen im Bibliothekswesen – insbesondere Bruno Wüthrich und Ruth Schaffer Wüthrich, die mich mal in Lugano zu einem Kaffee zum Thema einluden und seitdem auch versuchen, am Thema dran zu bleiben (etwas, was uns Forschende im Bibliothekswesen übrigens gut motiviert, ihnen mal zurückmelden, wenn man was wirklich wichtig und interessant findet; nur falls jemand mal einen Kaffee trinken möchte) – die sich weiter für das Thema Armut und Bibliotheken und vor allem dafür, was man tun könnte, interessierten. Kurzum: Irgendwann zog ich mich doch hoch, liess mich nicht mehr vom Leben so überfahren und schrieb als Antwort auf dieses Gespräch ein kleines Buch zum Thema.

Das Buch, schon mal als Vorwarnung, enthält keine Antwort auf die Frage, was zu tun wäre. Es ist eher ein Durchgang all der Irritationen, die ich immer wieder bei diesem Thema hatte, ein Überblick zu der Literatur, die sich bei mir in den letzten Jahren zum Thema aufgestapelt hat und ein Vorschlag, wie damit (als das gesamte Bibliothekswesen) umgegangen werden könnte. Erstaunlicherweise wurde dieses Buch tatsächlich fertig. Es ist aber weniger ein wissenschaftlicher Text, sondern eher ein Gespräch in der Kneipe – oder halt, weil es in Zürich begann, am Ufer der Limmat – zum Thema. (Ein relativ langes Gespräch von rund 170 A5-Seiten.)

Ganz kurz ein paar Thesen

Ohne weitere Überleitung würde ich das Buch gerne hier einstellen. Wer es lesen will, kann es runterladen. Wer es gedruckt haben möchte, kann es bei epubli kaufen. Wie gesagt ist es eher ein Beitrag zu einem Gespräch, so sollte es auch verstanden werden. Wer mitreden will, kann das gerne tun.

Am Ende ist mir immer noch klar: (1) Die Existenz von Armut in unseren reichen Gesellschaften (ich denke immer an Deutschland und die Schweiz, aber Österreich und Liechtenstein nehmen sich da nicht viel) ist ein Skandal, (2) Bibliotheken können vielleicht dazu beitragen, dass Leben von Menschen in Armut zu verbessern oder zumindest lebbarer zu gestalten, wenn sie (3) sich klar werden, was das genau heissen soll und wie sie es erreichen können. Das kann aber (4) nicht geschehen, indem das Gleiche wie immer tut und nur besser vermarktet und (5) wenn Menschen in Armut gar nicht in der Bibliotheksforschung und den Diskussionen im Bibliothekswesen vorkommen. Ansonsten (6) ist das Thema zu komplex für einfache Aussagen. Es bedarf längerer, gemeinsamer Diskussionen.

Versionen des Buches

Karsten Schuldt (2017). Armut und Bibliotheken: Anmerkungen zu einer notwendigen Diskussion

Sommerlektüre, drei Verlagstipps.

Der Sommer soll ja demnächst wirklich und kontinuierlich kommen, sagt man. Ausserdem ist Urlaubszeit, was den einen oder die andere Mitbloggerin und Mitblogger dazu verführt – neben all den anderen irgendwie Publizierenden – persönliche Sommerlektüretipps zu veröffentlichen. Immer schön subjektiv und oft auch leichtere Literatur. Halt solche, die man in den Zügen und Flughäfen, auf den Booten und Autobahnen genauso lesen kann, wie beim am Strand liegen, in Strassencafés sitzen, in den Bergen hin- und herwandern. Dieses Jahr drängt es mich, dem Genre auch etwas beizutragen, allerdings keine Einzelwerke, sondern gleich drei Verlage, deren Produktionen mir in den letzten Jahren immer wieder Spass machten, auch weil sie „vergnüglich zu lesen“ nicht mit „leicht und anspruchslos“ übersetzen.

Diaphanes-Verlag

Der Diaphanes Verlag sitzt in Zürich (mit kleinem Büro in Berlin, wie das halt bei weltläufigen Schweizerinnen und Schweizern offenbar üblich ist) und produziert kleine, kritische, bissige Bücher. Klein heisst wirklich: Von der Grösse her A6-Format, von der Seitenzahl oft 80-120 Seiten. Insoweit sind die Bücher oft längere Essays. Da aber auch die Preise bei 10 Euro / 14 Franken (empfohlen) anfängt, ist das zu vertreten.

Diese Essays sind immer komplex, immer kritisch und beschäftigen sich zuvorderst mit der Darstellung des Status Quo von Wissenschaft, Universität, Bildungssystem, Informations- und Kulturarbeit und Identität im aktuellen Kapitalismus sowie den Möglichkeiten des Widerspruchs gegen diesen Status Quo. Keine Ahnung, wo der Verlag immer wieder neue Autorinnen und Autoren auftreibt, die das auf sehr hoher intellektueller Ebene schaffen, aber das war und ist mir auch beim Merve-Verlag nie so richtig klar geworden.

Was die Bücher des Diaphanes-Verlags als Sommerlektüre eignet ist ihre Gedrängtheit. Sicher, man muss mitdenken, aber das ist auch gut so. Die Bücher führen vor, wie man Denken kann, ohne das gleich an Projekte, Praxistransfer etc. hin zu orientieren.

Kadmos-Verlag

Bekannter ist wohl der Kadmos-Verlag aus Berlin, der vor allem Kultur- und Medientheorie verlegt. Hier gibt es auch mehr Titel, die eher durchwachsen sind. Aber die Titel, die sich auf ein spezifisches Thema einlassen – beispielsweise „Katastrophen hören“ über die Darstellung von Katastrophen in den frühen Hörspielen – sind erstaunlich tiefgreifende Einblicke. Das sind immer wieder mutige Veröffentlichungen – zumeist Abschlussarbeiten, aber wann im Leben kommt eine Forschende oder ein Forschender sonst schon dazu, sich tiefgreifend mit einem Thema zu befassen?

Bibliothekarinnen und Bibliothekare sollten an diesen Bücher ein besonderes Interesse entwickeln, handeln sie doch meist von Medien, Mediengeschichte oder Wirkung von Medien.

Dabei beweist der Verlag auch immer wieder Witz, am offensichtlichsten wohl bei einem Buch über Fälschung und Original, dass aussieht, wie ein Suhrkamp-Taschenbuch (nur zu gross), welches sich der Verlag einfach als Reihe „Kadmos Wissenschaft“ aneignet.

Märkischer Verlag

Der Märkische Verlag aus Wilhelmshorst (bei Berlin, erkennen wir einen Zusammenhang?) steht hier vor allem wegen einem sehr mutigen und wichtigen Projekt, dass in jedem Fall Unterstützung verdient. Der Verlag hat vor einigen Jahren die eigentlich eingestellte Zeitschrift „Poesiealbum“ übernommen. Alle zwei Monate erscheint nun (wieder) im kleinen Format eine Sammlung von Poesie, immer von einer Lyrikerin oder einem Lyriker, mit kurzer Einführung und passender Graphik. In einer Zeit, in der sich Lyrik gar nicht mehr lohnen soll und auch die hochgejubelten Poetry-Slams nicht mehr so ziehen, wie sie es einmal – mit durchaus guten Auswüchsen – taten, ein grosser Lichtblick.

Sicherlich: Etwas auf Nummer sicher muss der Verlag schon gehen, deshalb erscheinen immer wieder Auswahlen längst bekannter Autorinnen und Autoren. Gottfried Benn ist als nächstes dran, Rose Ausländer gab es auch schon etc. Aber letztlich muss sich auch diese Zeitschrift verkaufen. Und dazwischen präsentiert sie immer wieder andere Gedichte. Alle zwei Monate mit ausgewählter Lyrik konfrontiert werden: Notwendig. Deshalb ist es wert, auch mal ein paar ältere Ausgaben des „Poesiealbum“ in den Sommer mitzunehmen und den kleinen Verlag auch bei den anderen Projekten zu unterstützen.

Geschrieben in der Transferzone, auf dem Weg zu den Strassencafés. „Sommer“ 2012.

User Generated Metadata als Werbeeffekt?

[Zu: (Preprint) Hercher, Johannes; Ruhl, Marcel & Sack, Harald (2012) / Quo vadis nutzergenerierte Metadaten?. – In: Social Media and Web Science, 2. DGI Konferenz, 64. Jahrestagung der DGI, Düsseldorf, 22.-23. März 2012, Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis, Frankfurt, (2012, forthcoming). – http://www.hpi.uni-potsdam.de/fileadmin/hpi/FG_ITS/Semantic-Technologies/paper/Hercher2012.pdf%5D

Dies ist keine Rezension, sondern eher die Darstellung einer massiven Irritation.

Auf den Text von Hercher, Ruhl und Sack über ihre Umfrage zum Einsatz von Nutzerinnen- und Nutzergenerierten Metadaten wurde in den letzten Tagen relativ oft hingewiesen. Über diesen sollten wir vielleicht aber einmal reden und ihn nicht nur verbreiten. So grundsätzlich positiv, wie die Ergebnisse des Textes dargestellt werden, sind sie meines Erachtens nicht.

Hercher, Ruhl und Sack führten eine Online-Umfrage bei Bibliotheken, Archiven und Museen durch, bei der sie den Umgang dieser Einrichtungen mit user generated metadata erfragten. Der Text sollte über diese Umfrage berichten. 51 Einrichtungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nahmen an der Umfrage vollständig teil. Da es keine Ausgabe dazu gibt, wie viele Einrichtungen überhaupt von Nutzerinnen und Nutzern generierte Daten benutzen, ist nicht klar, wie repräsentativ diese Teilnahme war. Allerdings geben die Autoren selber an, dass die Umfrage 1.341-mal aufgerufen wurde. Dies bedeutet eine erstaunlich hohe Zahl (96,2%) von Abbrüchen, welche weit über Werten anderer Umfragen liegt und die von den Autoren nur mit relativ zweifelhaften Argumenten abgetan werden. Sicherlich kann, wie die Autoren argumentieren, ein Teil der Interessierten die Umfrage abgebrochen haben, weil die Software nicht funktionierte oder weil sie in ihrer Institution nicht in der Position waren, die Fragen zu beantworten. Aber das erklärt eine solche Abbruchrate nicht. Vielmehr hätten sich Hercher, Ruhl und Sack die Frage stellen müssen, was diese rabiate Selbstselektion der Teilnehmenden über das Thema der Umfrage oder die Umfrage selber aussagt. Eventuell wurde die Umfrage von Interessierten nicht als sinnvoll erachtet, eventuell gab es auch massive Probleme mit den konkreten Fragestellungen.1

So oder so muss man bei den gesammelten Daten davon ausgehen, dass diese das Ergebnis einer extremen Selbstselektion darstellen. Hier haben mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nur noch die Individuen oder Einrichtungen geantwortet, die selber ein äußerst starkes Interesse am Thema haben. Es sagt etwas über die Wertigkeit des Themas aus, wenn gerade einmal 51 Einrichtungen aus drei Staaten etwas zu ihm zu sagen haben. Es scheint – im Gegensatz zu den Aussagen der Autoren –, dass sich nur wenige Bibliotheken, Archive und Museen überhaupt für user generated metadata interessieren. Dem steht eine relative breite Thematisierung in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft gegenüber. Für diesen Diskurs könnte die Umfrage ein Realitätscheck sein, denn selbstverständlich ist es von Interesse, wenn die Einrichtungen, über die Diskurse geführt werden, diese Diskurse mehrheitlich ignorieren oder von ihnen nicht erreichen werden.

Stattdessen nutzen die Autoren ihre Daten, als wäre sie repräsentativ, was sie nicht sind. Weitere Kritik ist anzubringen. Die Autoren ignorieren die wichtige Frage, wie stark die von Ihnen gesammelten Antworten sozial erwünscht sind. Dies ist allerdings bei Ihren Daten keine unwichtige Frage, kann man diese doch grob wie folgt zusammenfassen: Alle sind irgendwie dafür, die von Nutzerinnen- und Nutzern generierten Daten zu benutzen, aber vor allem wird ihnen einen Bedeutung bei der Bindung von Nutzerinnen und Nutzern zugeschrieben. Sozial erwünscht ist letztere Antwort gewiss nicht, zumindest nicht, wenn man sie etwas weiter denkt und „Bindung“ als Werbung und Werbemassnahme übersetzt. Erwünscht hingegen sind Antworten, die Kommentaren, Hinweisen von Nutzerinnen und Nutzern und weiterem eine Bedeutung zumessen – wir leben nun mal in Zeiten, in welchen das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern erwünscht ist (das sind fraglos nicht die schlechtesten Zeiten und Ziele). Bedenkt man dies alles, wertet die Abgabe sozial erwünschter Antworten als nicht so wichtig, die Abgabe sozial unerwünschter Antworten hingegen als wichtiger, dann sind die Ergebnisse von Hercher, Ruhl und Sack noch erstaunlicher. Offenbar wird von den wenigen Einrichtungen, die sich für das Thema user generated metadata interessieren, in ihnen vor allem ein Werbeeffekt gesehen. Ist das statthaft? Was sagt das aus?

Vielleicht ist das eine negative Wertung der Ergebnisse, aber sie erscheint nicht weiter hergeholt, als die von den Autoren vorgelegte. Diese weisen selber darauf hin, dass die antwortenden Einrichtungen – trotz aller Selbstselektion – eher enttäuscht von den Daten, die von den Nutzerinnen und Nutzern geliefert wurden, seien. Hier wäre ein Ansatz für weitere Forschungen, nämlich darüber nachzudenken, was genau die Bibliotheken, Archive und Museen eigentlich erwarten und welche Daten Nutzerinnen und Nutzer eigentlich erstellen sollten. Auch hier hätten die Daten der Umfrage eher dazu genutzt werden können, darüber nachzudenken, wie weit der Diskurs über die Daten und ihre Nutzungsmöglichkeiten von der tatsächlichen Nutzung in den Einrichtungen entfernt ist und warum.

Im letzten Teil ihrer Arbeit versuchen die Autoren dann aufgrund einer Literaturrecherche Barrieren bei der Verwendung von user generated metadata zu identifizieren. Das allerdings ist inhaltlich eher ein zweiter Artikel und es ist nicht so richtig klar, warum die Autoren diesen Teil mit den Daten zusammen publizierten. Aber auch so ist der Abschnitt erstaunlich: Die Autoren gehen explizit davon aus, „dass sich Nutzer unaufgefordert beteiligen, sofern die Barrieren dazu nicht zu hoch sind.“ (Hercher, Ruhl & Sack, 2011, S. 11) Dies wird zwar konsequent durchgeführt, aber es ist doch ein absonderliches Menschenbild: Die Nutzerinnen und Nutzer würden quasi darauf warten, sich an der Arbeit von Bibliotheken, Archiven und Museen zu beteiligen, nur würden sie zur Zeit davon abgehalten werden. Diese Vorstellung widerspricht nicht nur den Forschungen zum menschlichen Verhalten in so unterschiedlichen Feldern wie der Politik- und Sozialwissenschaft – insbesondere der Engagementforschung –, der Psychologie oder auch der Werbeindustrie; sondern selbstverständlich auch allen Alltagserfahrungen. Menschen engagieren sich, wenn sie sich engagieren wollen und dazu angehalten werden. Sicherlich gibt es Barrieren, die sie dann auch noch davon abhalten können, dass zu tun. Wenn, dann wäre es sinnvoll gewesen, nach einer Förderung des Engagements zu fragen. Die Möglichkeit zum Engagement – beziehungsweise der Lieferung von Daten – zu schaffen ist zwar eine Voraussetzung, aber das alleine wird keine neuen Daten hervorbringen.

Der Text ließt sich, als hätten die Autoren unter dem Druck gestanden, ihre Daten publizieren zu müssen, egal was die Ergebnisse sind. Dieses Problem ist bekannt und ein Ergebnis von bestimmten Strukturen der Forschungsförderung, von Deadlines und der bekannten Arbeitsüberlastung. Insoweit sollte das den Autoren nicht vorgeworfen werden. Dennoch wirkt es sich bei diesem Text eher negativ aus. Die von ihnen durchgeführte Umfrage hat Daten hervorgebracht, die weiter tiefer und anders hätten diskutiert werden müssten, als sie es tun. Dazu hätten sie ihre – ehedem nicht hergeleitete – These aufgeben und andere Fragen stellen müssen. Aber vielleicht kann dies im Nachhinein geschehen.

Diese Fragen wären meines Erachtens:

  • Gibt es (aktuell) überhaupt ein tatsächliches Interesse in Bibliotheken, Archiven und Museen zur Nutzung von Daten und Metadaten, die von Nutzerinnen und Nutzern erstellt wurden? Immerhin gibt es einen gewissen Diskurs über diese Möglichkeit. Oder gibt es nur eine sehr kleine Anzahl von Einrichtungen, die sich dafür interessieren? Wenn ja, warum?
  • Welche Vorstellungen und Wünsche haben die Einrichtungen, die sich auf diese Daten einlassen, überhaupt, wenn sie von den gelieferten Daten eher enttäuscht sind?
  • Haben die Einrichtungen überhaupt einen Workflow, um mit user generated metadata umzugehen? In der Umfrage wurde abgefragt, ob sie die Daten wichtig finden, aber nicht, ob sie sich auf diese überhaupt einlassen.
  • Haben die Einrichtungen überhaupt Vorstellungen davon, wie sie die Daten außer zu Werbezwecken einsetzen wollen? „Benötigen“ sie überhaupt Daten?
  • Was sagt der Riss zwischen den Diskurs über die Möglichkeiten dieser Daten und das eher geringe tatsächliche Interesse aus?

Ich weiß, eigentlich sollten Texte positiver besprochen werden. Aber dieser ließ mich eher erstaunt zurück und ich wollte dieses Erstaunen teilen. Vielleicht bin ich aber auch nur wieder der mit den zu großen Ansprüchen.

1Zu hinterfragen ist zumindest die Methodik, die Beantwortung der Fragen durch Individuen zuzulassen, aber diese für eine Einrichtung sprechen zu lassen.