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Evaluationen in Bibliotheken: Könnten wohl besser sein

Evaluationen. Über meine Schreibtische kommen regelmässig Evaluationen sehr unterschiedlicher bibliothekarischer Projekte: In Berichten und „Case Studies”, in internen Berichten, in Projektbewertungen, in studentischen Arbeiten über solche Projekte oder in Praktikumsprojekten, als eigenständige Dokumente und in vielen anderen Formen. Und, well: nicht alle sind so aussagekräftig, wie sie sein könnten. Ehrlich gesagt, die meisten nicht.

Einerseits ist das verständlich: Viele der Evaluationen werden durchgeführt, weil sie verlangt werden. Stiftungen und andere Geldgeber verlangen sie heute am Ende von Projekten – also werden sie gemacht. Aber nicht unbedingt, weil viel Sinn in ihnen gesehen wird. Oder wenn, dann wird offenbar eher vermutet, dass es einen Sinn für die geldgebenden Stiftungen hätte, aber nicht unbedingt für die Bibliotheken, welche die Evaluationen durchführen (im Sinne von: die Stiftungen würden wissen wollen, wie ihr Geld verwendet wird). Andererseits ist das ärgerlich. Evaluationen sind nämlich eine der verbreitetsten Lernmöglichkeiten für Institutionen, also auch Bibliotheken. Sie sind eine der Möglichkeiten, bei denen ohne grösseren Aufwand Wissen über die Institution generiert werden kann und auch Möglichkeiten, in denen eine gute (bessere) Arbeitskultur etabliert werden kann. Und deshalb, weil Evaluationen – auch die, die man machen muss – doch noch recht viel Potential haben, im Vergleich zum restlichen Arbeitsalltag in Bibliotheken, ist es schon ärgerlich, dass diese nicht genutzt werden.

Was nicht so richtig funktioniert

Das Hauptproblem dieser Evaluationen (und ich fasse jetzt einmal Eindrücke zusammen, ohne einzelne Fälle „vorführen” zu wollen) scheint zu sein, dass sie einfach nicht das messen, was sie messen sollen beziehungsweise zu messen vorgeben. Oft scheinen einfach ein paar Zahlen erhoben zu werden, die vielleicht naheliegen und einfach zu erheben sind, die aber kaum etwas darüber aussagen, ob die in den Berichten geäusserten Ziele der jeweils evaluierten Projektes / der evaluierten Intervention erreicht wurden. Auch das kann man manchmal nachvollziehen. Immer mehr Anträge an Stiftungen und ähnliche Fördereinrichtungen verlangen heute in jedem Projektantrag eine Liste mit Kennzahlen, mit denen man überprüfen können soll, wie das jeweilige Projekt lief – gerne so was wie „zum Ende des Projektes haben XZY-viele Jugendliche an den geförderten Gaming-Events teilgenommen” oder „am Ende wurden XYZ-viele Broschüren verteilt und mit XYZ-vielen Schulen Kontakte hergestellt”. Welche Zahlen genau genutzt werden, ist oft den Antragstellenden offengelassen. Und so kommt es dann dazu, dass Anträge geschrieben werden, die zum Beispiel Selbstwirksamkeitsaufbau und Zugang zu Bibliotheken mittels Gaming-Events unterstützen möchten, aber am Ende als Evaluation erheben, wie viele Jugendliche an den Events teilgenommen haben.

Das ist nicht sinnvoll.

Erstens: Auch wenn es so scheint, als würden solche Zahlen erhoben, um die jeweiligen geldgebenden Einrichtungen „glücklich zu machen”, ist das bei den Stiftungen nicht die Idee. Die Idee ist, Einrichtungen dazu zu bringen, nicht einfach wild drauf los Geld zu beantragen, sondern die Möglichkeit zu nutzen, sich beim Bestimmen der zu erhebenden Zahlen Gedanken dazu zu machen, was das Projekt eigentlich erreichen soll. Ist das ein guter Weg, das zu erreichen? Das weiss ich nicht. Aber es soll halt eigentlich keine Pflichtübung sein, sondern eine Möglichkeit, als Institution die eigene Leistungsfähigkeit gut einzuschätzen. (In den Reviews der Stiftungen wird dann auch oft nicht gefragt, ob die jeweiligen Zahlen hoch genug sind, damit sich die Förderung lohnt, sondern danach, ob diese sinnvoll und erreichbar gewählt sind.)

Zweitens: Während diese Fixierung auf Zahlen bei Anträgen noch verständlich ist, weil sie von aussen gefordert wird, ist auffällig, dass sie zum Beispiel auch bei rein internen Projekten von Bibliotheken, Praktikumsprojekten oder halt anderen Projekten, die gar nicht von aussen finanziert werden, angewandt werden. Und hier scheint es dann wirklich, als wäre es eine Pflichtübung, die man irgendwann mal gelernt hat (Im Projektmanagement-Kurs? Vom Bibliotheksberater / von der Bibliotheksberaterin?) und einfach durchführt, weil es angeblich so sein muss. Muss es nicht. Eine Evaluation kann dazu benutzt werden, zu fragen, wie das jeweilige Projekt in der jeweiligen Bibliothek funktioniert, nicht nur danach, ob ein paar Kennzahlen erreicht wurden.

Drittens: Manchmal sind Zahlen der richtige Weg, um Projekte zu evaluieren, manchmal sogar einfach zu erhebende. Oft aber auch nicht. Die Frage ist nicht: Wie evaluiere ich etwas möglichst schnell? Sondern: Wie überprüfe ich, ob die Ziele, mit denen das Projekt gestartet wurde, erreicht wurden? Und zwar am Besten nicht einfach mit den beiden Antwortmöglichkeiten „Ja, wurde erreicht” oder „Nein, wurde nicht erreicht”, sondern differenzierter. Und gleichzeitig nicht abgekürzt (wie beim Beispiel oben, wo es eigentlich um Selbstwirksamkeit gehen soll, aber man vielleicht einfach Besucherinnen und Besucher zählt und abgekürzt behauptet, ein Besuch des geförderten Gamingevents sei gleichzusetzen mit einer Erhöhung der Selbstwirksamkeit).

Das kann umständlich sein und gleichzeitig kann es geleistete Arbeit verdecken. Umständlich, weil Erhöhung von Selbstwirksamkeit zu messen schwieriger ist (und vielleicht auch nur halb geht), als einfach Besucherinnen und Besucher zählen. Verdeckend, weil zum Beispiel ein Gaming-Event viel Arbeit bedeuten kann (zum Beispiel wenn wieder mal – wie es sich gehört – kurz vorher irgendetwas schief geht), die man auch gerne irgendwo sehen würde – aber halt nicht sieht, wenn es um Selbstwirksamkeit geht. Aber das ist das Grundprinzip jeder guten Evaluation: Danach zu fragen, ob die Ziele eines Projektes, eine Intervention erreicht wurden – und im besten Falle, wie. Anderes muss man anders angehen.

Für die, die der Meinung sind, man müsse alles positiv darstellen, sind tiefergehende Evaluationen vielleicht auch gefährlich, weil sie zeigen können, dass nicht alles läuft, wie einst angedacht. Aber: Nichts läuft immer wie geplant. Alle wissen das. Einrichtungen, die kritisch mit sich selbst sein können und das auch nach aussen zeigen, werden viel positiver wahrgenommen – auch von Geldgebern und Fördereinrichtungen – als solche, die ständig nur positive Meldungen machen — aber das ist jetzt ein anderes Thema.

(Nicht zuletzt: Wenn in einem Projekt viel versprochen wird, am Ende aber zum Beispiel nur die Zahl der Besucherinnen und Besucher gezählt wird, ist es sehr einfach, daraus zu schliessen, dass es immer nur um diese Besuche ging, nicht um die zuvor geäusserten Ziele. Wenn ich eine Stiftung wäre: Warum sollte ich dann nicht aus so etwas den Eindruck gewinnen, dass die schönen Ziele weiterer Anträge der gleichen Einrichtung auch nur vorgeschoben sind?)

Was man besser machen könnte

Also, was könnte besser gemacht werden (meinem Eindruck nach)?

Zuerst, wie schon gesagt, den einfachen Grundsatz beherzigen, dass eine Evaluation nicht einfach sein soll oder schnell gemacht werden kann, sondern das sie messen soll, ob die Ziele eines bestimmten Projektes erreicht wurden oder nicht. Von dieser Frage ausgehend müssen sie aufgebaut werden.

Das bedeutet oft, länger darüber nachzudenken, wie die Evaluationen durchgeführt werden können; zum Beispiel ob andere Zahlen zu erheben sinnvoller wäre oder ob man vielleicht gegen den Drang ankämpfen sollte, einfache Zahlen zu erheben und stattdessen auf andere Dokument gesetzt werden sollte oder ob gar andere Methoden – die man sich ja oft aus der Forschung borgen kann – verwendet werden müssten. Das kann dann heissen, dass die Evaluation auch mehr Zeit und Ressourcen kostet (aber, wie erwähnt wird bei Reviews von Anträgen oft gefragt, ob die gewählte Evaluation sinnvoll ist, nicht, ob sie billig und schnell durchzuführen ist – in Anträgen Arbeitszeit und andere Ressourcen für eine Evaluation einzuplanen ist zum Beispiel vollkommen okay und wird von vielen Fördereinrichtungen positiv bewertet), aber so ist das bei guten Evaluationen: Wenn man etwas daraus lernen will, kostete es manchmal auch etwas mehr. Das ist aber oft gut investiertes Geld.1

Daneben scheint mir aber ein Problem mit Evaluationen ein strukturelles zu sein: Dadurch das (so mein Eindruck) sie meist als Anhang, „weil sie halt gemacht werden müssen”, gemacht werden, werden sie nicht so gemacht, dass sie der einzelnen Bibliothek etwas bringen. Es scheint, als würden sie gemacht, an die betreffende Stelle gemeldet, vielleicht noch in einem Projektbericht an die Aussenwelt berichtet, aber sonst schnell und ohne Konsequenz vergessen.

Dabei sind Evaluationen geeignet, um als Team – entweder Projektteam oder aber, in Bibliotheken (wenn sie nicht zu gross sind), sogar besser dem gesamten Team – zu reflektieren. Allerdings: Erhebt man die falschen Zahlen (also die, die nichts über die Ziele aussagen), was soll man dann gemeinsam reflektieren? Erhebt man nur „Erfolg” oder „kein Erfolg” – was soll man dann diskutieren? Wendet man aber die Zeit und Ressourcen für eine Evaluation auf, die klärt, was im Projekt passiert ist, welche Ziele wie und wieso mehr oder weniger erreicht wurden und verzichtet auf unrealistisch positive Darstellungen, dann lässt sind aus ihnen (a) etwas über das Projekt, (b) über die Bibliothek als Institution und (c) die weitere Entwicklung von weiteren Projekten / Interventionen / Entwicklung der Bibliothek lernen.

Sicherlich, um so eine Reflexion im Team zu vollbringen – aber wie soll man sonst etwas lernen, in einer einer Einrichtung, die aus mehr als einer Person besteht, wenn nicht im gesamten irgendwie betroffenen Team – bedarf es auch einer Arbeitskultur, die eine solche Reflexion möglich macht: (1) Eine, in der man ohne Angst davor, dass das auf persönliche Ebene gezogen wird, Fehler, Scheitern, falsche Annahmen und so weiter benennen kann – als Möglichkeiten, aus denen zu lernen ist und eben nicht, um sie irgendjemand vorzuwerfen. (2) Eine, in der Kritik geäussert werden kann, aber in der vor allem Potentiale benannt und gefördert werden, in der die geleistete Arbeit wertgeschätzt wird. (3) Eine, in der eher realistisch über weitere Entwicklungen diskutiert wird und nicht, zum Beispiel, in reinen Phrasen und Ankündigungen, die dann eh nie umgesetzt werden, oder auch nicht, als weiteres Beispiel, in denen Vorschlägen und Einwürfen von grossen Teilen des Personals keine Beachtung geschenkt wird. (4) Einer, die nicht diesen absonderlichen Drang erzeugt, ständig alles nur als positives Ergebnis zu schildern, sondern die auch, zum Beispiel in Berichten, in der Lage ist, Schwierigkeiten zu benennen, die in einer Evaluation sichtbar wurden.

Mir ist schon klar (dazu habe ich schon geschrieben): Das ist leider in vielen Bibliotheken nicht gegeben. Aber wozu dann überhaupt Projekte machen, wenn man nicht mal so eine Arbeitskultur hat?

 

Fussnote

1 Und ja: Bei solchen Fragen können zum Beispiel bibliotheks- und informationswissenschaftliche Institute an Fachhochschulen beraten. Aber, da sie noch mehr von Drittmitteln abhängen als Bibliotheken, nicht umsonst. Bibliotheken haben aber auch immer Personal mit wissenschaftlicher Ausbildung – man muss dessen Kompetenzen nur nutzen.

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Welche Vorbilder wählt sich das Bibliothekswesen und wieso? Einige Überlegungen

Letztes Wochenende fand in Genf die Fête de la Musique statt. Anders als anderswo ist das in Genf nicht der Tag des Sommeranfangs (21. Juni), sondern das ganze Wochenende nach diesem Tag (Freitag bis Sonntag, diesmal 22-24. Juni). Aber ebenso wie anderswo: Musik, vornehmlich draussen, umsonst, mit verschiedensten Musikrichtungen, sehr lokal geprägt (also Bands und so weiter aus Genf, was bei der doch internationalen Stadt Genf halt auch heisst, sehr international geprägte Musik). Da sich der Grossteil der Bühnen in Genf in der Altstadt und neben der Altstadt im Parc des Bastions befindet, gab es hier auch recht zentral all die Essens- und Getränkestände, symphatischerweise nicht von grossen Caterern, sondern vor allem von Vereinen betrieben, die so Geld für ihre jeweiligen Vereinszwecke sammeln. Auch die Infrastruktur: Sehr nett. Kostenfreie und saubere WCs (im Vergleich), überall Brunnen mit Trinkwasser.

Und mittendrin hat die Öffentliche Bibliothek eine Bühne, genauer: Von den Öffentlichen Bibliotheken der Stadt hat einer der 13 Standorte (Bibliothèque de la Cité) eine Abteilung für Musik (Espace musique) und diese Abteilung wiederum hat einen eigenen Bibliotheksbus (Mobithèque) (neben dem Bibliotheksbus – Bibli-o-bus – für die kleinen Orte im Kanton, aber ausserhalb der Stadt Genf selber, den es auch gibt), welcher die ganzen drei Tage bei der Fête de la Musique auch Programm bietet: Filme, Quiz, Chanson, DJs.

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Der DJ beginnt mit seinem Set und geht dabei gleich symphatisch mit ab. Später wurde getanzt (inklusive vieler Kinder, deshalb hier keine Bilder davon).

Auch das war ganz nett. Aber wie wir so bei der Mobithèque sassen, dem DJ (Abraham Licorne, wenn ich das vergangene Programm richtig lese) zuhörten, wie er so einen sehr aufbauenden Mix von Funk, Swing, Rap und Elektro auflegte und wir den Leuten zuschauten, wie sie am warmen, sommerlichen Abend tanzten und auch sonst alles im Rahmen ganz symphatisch fanden, begann ich mich eines zu fragen: Warum ist eigentlich nicht das – die Bibliothèques Municipales de la Ville Genève und ihre Angebote, die direkt zu den Menschen gehen – ein Vorbild für Bibliotheken im deutsch-sprachigen Raum?

Was ist Vorbild – und was nicht?

Je länger der Abend dauerte, umso mehr stellte sich mir diese Frage: Wie wird eigentlich im Bibliothekswesen ausgewählt, welche Bibliotheken als Vorbild gelten und was von ihnen als vorbildhaft gilt? Damit einher geht selbstverständlich immer die Frage, was gerade nicht ausgewählt wird. Der Diskurs (der mal wieder) über bestimmte Vorbilder ist selbstverständlich eine Verständigung darüber, was als denk- und machbar gilt. Gleichzeitig errichtet er ein „Aussen” von Lösungen (in diesem Fall: Bibliotheken), die als nicht vorbildhaft gelten, als nicht denkbar, nicht umsetzbar, als bestenfalls utopisch. Und das vor allem als Diskurs, als System von Worten, Aussagen und Denkweisen. Denn: Ich sass dort im Park und hörte dem DJ, der in der Mobithèque auflegte, zu. Das gibt es real. In einer sehr internationalen Grossstadt mit allen ihren netten und nicht-netten, verrückten und langweiligen Menschen, mit all ihrer Infrastruktur, ihrer Wirtschaftsorientierung, dem „Weggucken” bei all den Quasi-Diktatoren, die dort wohnen, bei ihrem spezifischen Verständnis von Wohlfahrt. Es ist also gar nicht so utopisch; es ist schon gebaut. Aber es ist nicht als Vorbild im deutschsprachigen Diskurs drin.

So erscheint es im deutschsprachigen bibliothekarischen Diskurs praktisch als unmöglich: Ein Bibliotheksverständnis, das eher auf viele kleine Filialen, die dafür dort sind, wo Menschen wohnen, setzt; auf Programme, mit denen zur Bevölkerung gegangen wird, mit Bücherbussen und persönlichen Angeboten. Mit einer Agenda, die so viele Veranstaltungen beinhaltet (ein Teil in Kooperation mit anderen Einrichtungen, aber der Grossteil von der Bibliothek selber organisiert), dass sie mehrfach im Jahr, zum Teil nur für bestimmte Themen (zum Beispiel Musik) gedruckt werden muss? Warum erscheint so ein Verständnis von Bibliothek nicht als vorbildhaft, warum werden Bibliotheken im deutschsprachigen Raum, die auch eher auf solche Strukturen setzen, eher als unzeitgemäss angesehen? Das zum Beispiel Zürich oder Wien so viele Filialen haben, wie sie haben, erstaunt ja heute schon eher. Thematisiert wird es kaum.

Dabei, so wurde eigentlich klar, während der Abend weiterging, haben die Nutzerinnen und Nutzer da gar nichts dagegen.

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Nur mal zwei der aktuellen Programme der Bibliothèques Municipales de Genève. (Das Motto „une fenétre sur le monde“ heisst übrigens „ein Fenster zur Welt“. Auch das symphatisch.)

Was macht „unsere Vorbilder” aus?

Bislang habe ich schon mehrfach (hier im Blog und anderswo) darauf hingewiesen, dass es eine Tradition in den deutschsprachigen Bibliothekswesen gibt, die eigentlich einer Erklärung bedarf: der ständige Blick in die USA, nach Grossbritannien und „Skandinavien” (ohne Island, selten nach Finnland, dafür manchmal in die Niederlande) und die dortigen Bibliotheken. Die Tradition gibt es seit Langem, auch durch verschiedene politische Systeme hindurch. Sie war nicht immer so stark (man findet in älteren bibliothekarischen Zeitschriften zwar auch diesen Blick, aber doch mehr Artikel, die andere Bibliothekswesen vorstellen; es war also eher „bunter”), sie scheint heute auch viel fokussierter auf Teilaspekte der dortigen Bibliothekswesen als früher. Aber sie erklärt zum Teil, warum das Bibliothekswesen in Genf nicht als Vorbild gilt.1

Aber neben dieser Tradition fiel mir an diesem Abend zusätzlich auf, dass die „Vorbild-Bibliotheken”, welche in den bibliothekarischen Texten vorgestellt, in organisierten Informationsreisen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren besucht und auf Konferenzen als Beispiel angeführt werden, nicht nur in diese Tradition passen, sondern einige andere Gemeinsamkeiten haben.

In meiner „aktiven Zeit” im Bibliothekswesen (etwas mehr als zehn Jahre) hat es drei dieser grossen Vorbilder gegeben:

  1. Die Idea Stores in London
  2. Die Openbare Bibliotheek Amsterdam, Centrale Bibliotheek
  3. Dokk1 in Århus2

Ich gehe mal davon aus, diese bekannt sind. (Und wenn die Idea Stores unbekannt sind und schon lange nichts mehr von ihnen vermeldet wurde, ist das auch nur bezeichnend, siehe weiter unten.)

Es gibt eine Anzahl von Gemeinsamkeit bei diesen drei Vorbildern:

  1. Es ging bei allen drei um einen aktiven Stadtumbau, in welchen die Bibliotheken einbezogen wurden. Die Idea Stores waren Teil der aktiven Aufwertung von Wohnquartieren. Es wurden Bibliotheken geschlossen, die – so die Argumentation – veraltet waren und neue Stores gebaut, die unter anderem durch ihr Design und ihre Architektur Moderne ausstrahlen und dazu beitragen sollten, dass sich die Quartiere erneuerten. Die Centrale Bibliotheek und das Dokk1 sind noch expliziter Institutionen, die zur Aufwertung von ehemals industriell genutzten Häfen beitragen sollen. Beide Male war die Aufgabe, welche sich die Stadtverwaltungen stellten die, Häfen, die lange die Stadt vom jeweiligen Wasser trennten, neu in die Stadt einzubinden. Es trafen sie ja auch die gleichen Entwicklungen (und nicht nur sie) in der Logistik, die in den letzten 10-15 Jahren weltweit „Häfen freimachen”. In diesen beiden Fällen wurden – nicht nur – Bibliotheken als Mittel gewählt, diese Öffnung zur Stadt zu erreichen.
  2. In allen drei Fällen ging es um Architektur. Alle Gebäude wurden explizit als zeitgenössisch, überwältigend und eindrücklich konzipiert. Sie sollen – so würde ich es interpretieren – alle eine gewisse Offenheit, Helle und Moderne repräsentieren. Ob sie das erreichen ist eine andere Frage. (Mir persönlich scheinen vor allem die Idea Stores und das Dokk1 erstaunlich abweisend.) Aber es war und ist auffällig, wie oft die Architektur im Mittelpunkt von Darstellungen dieser Bibliotheken stand und wie oft Texte vor allem mit grossen Architekturbildern dieser Bibliotheken bebildert wurden.
  3. Um was es viel weniger ging, bei den Texten zu diesen drei Beispielen, war die Funktionalität der Gebäude selber. Sicherlich wurden sich bei den Bauprojekten darüber Gedanken gemacht. Aber in den Darstellungen überwog eher, wie die Gebäudeals Gebäude und stadtplanerische Statements wirken sollen (also ein architektonischer und vielleicht auch stadtplanerischer Blick) und weniger, wie sie tatsächlich im Alltag für bibliothekarische und andere Aufgaben wirken (also ein bibliothekarischer Blick). Ein wenig so, als würde sich auch in der bibliothekarischen Literatur eher für die Gestalt als für den Inhalt interessiert.
  4. Bei allen drei Beispielen wurde postuliert, dass eine Lösung vorgeblicher bibliothekarischer Probleme (dass das Bild der Bibliotheken schlecht wäre, dass sie veraltet seien, dass sie immer weniger Nutzerinnen und Nutzer hätten) darin bestehen würde, die Bibliotheken mit anderen Einrichtungen zusammenzulegen und als gemeinsame Einrichtungen zu betreiben. Bei den Idea Stores mit der Erwachsenenweiterbildung, in Amsterdam mit Theater, Radio und anderen Einrichtungen, im Dokk1 gleich als Kulturzentrum. Dies wurde auch in der deutschsprachigen Literatur immer wieder als vorbildhaft herausgestellt. (Es ist eigentlich keine sonderlich neue Idee und auch anderswo schon mehrfach umgesetzt. Dennoch wurde es immer wieder als neu herausgestellt.)
  5. Damit einher ging, dass bei den drei Vorbildern moderne bibliothekarische Arbeit vor allem als Arbeit entworfen wurde, die über einen gewissen „traditionellen Kern” hinausgehen würde. Mehr Veranstaltungen, Makerspaces (Amsterdam, Århus), Bildungsberatung (London) und so weiter. Auch das war eigentlich nichts Neues, aber es wurde immer wieder als vorbildhaft dargestellt. Was weniger diskutiert wurde, war die eigentliche bibliothekarische Aufgabe dieser Einrichtungen. Stattdessen diskutiert wurden (vorgeblich) hinzukommende Aufgaben und Angeboten.
  6. Vielleicht ist es nur mein Eindruck, aber mir scheint, dass die potentiellen Nutzerinnen und Nutzer, die in den „Vorbild-Bibliotheken” angestrebt werden (und die auf den Bildern in den Artikeln zu sehen waren), trotz aller Betonung von Offenheit und Urbanität doch sehr eingeschränkt sind: sehr kleinbürgerlich, selbstmotiviert, bildungs- und aufstiegsorientiert, kreativ in dieser sehr aufgeräumten Weise, „vernünftig” im Sinne von Leuten, denen man weder Ekstase noch durchgetanzte Nächte zutraut [im Gegensatz zu DJs auf der Fête de la Musique, die zumindest an solche „unsinnig” kreativ verbrachten Nächte erinnern] und „vernünftig” im Sinne von auf Harmonie und Ausgleich ausgerichtet [und eben nicht auf die Thematisierung von Widersprüchen und gesellschaftlichen Strukturen]. Halt „ordentliche, vernünftige Leute”. Welcher Herkunft, sexueller Identität, religiöser Haltung et cetera scheint egal, solange sie „vernünftig” sind. Halt doch nur ein Teil der Gesellschaft.
  7. Bei der Darstellung der Vorbilder fällt im Nachhinein auch auf, dass sie praktisch nur als solitäre Einrichtungen dargestellt wurden; nicht als Teil des jeweiligen lokalen Bibliothekswesens. (Das hat sich ja auch in vielen „Bibliotheksreisen” gezeigt, die immer vor allem zu der einen Bibliothek gingen; als würde man aus den anderen Bibliotheken drumherum nicht viel lernen können.) Ob die jeweiligen Einrichtungen überhaupt eine Besonderheit darstellen oder eine Tradition fortsetzen; wie sie sich in das jeweilige Bibliothekssystem einliessen, wurde kaum gefragt. [Gerade beim Beispiel in Amsterdam wurde das am genutzten Namen für die Bibliothek manchmal auffällig: Openbare Bibliotheek Amsterdam heisst einfach Öffentliche Bibliothek Amsterdam – und von denen gibt es mehrere. Die Centrale Bibliotheek (Zentralbibliothek) über die gesprochen wurde, wurde aber oft so besprochen, als wäre es die eine und einzige Öffentliche Bibliothek in Amsterdam, deswegen wurde sie auch oft einfach „Openbare Bibliotheek” genannt.]
  8. Ebenso im Nachhinein (also zumindest für die Idea Stores und die Bibliothek in Amsterdam, aber jetzt eigentlich auch für die in Århus) fällt auf, dass sie nach den Phasen, in denen sie als Vorbild dargestellt und besucht wurden, eigentlich nicht mehr in der deutschsprachig bibliothekarischen Literatur auftauchen. Oder anders: Dargestellt wird der Anfang, aber nachher scheint kaum jemand nachzuschauen, wie sich diese Vorbilder entwickeln. Wie soll man das interpretieren? Geht es vor allem um den Eindruck des Neuen, nicht um das tatsächliche Funktionieren?

Ist das naturgegeben, dass gerade solche Bibliotheken ausgewählt werden, um in ihnen etwas neues oder vorbildhaftes zu finden? Ist es naturgegeben, dass sie so angeschaut und dargestellt werden, wie sie es werden? (Also Fokus auf die Architektur, wenig Fokus auf die Aufgaben, die der jeweiligen Einrichtung zum Beispiel bei der Stadtplanung zugeschrieben werden.) Selbstverständlich nicht. Man könnte andere Bibliotheken wählen, man könnte Bibliothekssysteme (und nicht einzelne Einrichtungen) anschauen, man könnte anderes thematisieren (zum Beispiel die Funktionalität von Gebäuden oder die Verdrängungsprozesse, an denen Bibliotheken (ungewollt) beteiligt sind, wenn sie als Teil der Aufwertung von städtischen Räumen angesehen werden). Man könnte auch Bibliotheken ausserhalb grosser Städte als Vorbild nehmen. Das ist alles möglich und in den letzten 100-125 Jahren ist das auch getan worden. Es ist also eigentlich erklärungsbedürftig, warum es heute so getan wird, wie es getan wird.

Was sagen unsere Vorbilder über uns aus?

Als ich nun in Genf neben der Mobithèque sass und über all dies ein wenig nachdachte, fiel mir ein Satz ein, der diese ganzen Überlegungen ganz gut zusammenfasst:

Es ist politisch, was man als Vorbild nimmt, was man nicht als Vorbild nimmt sowie was man an Vorbildern als vorbildhaft thematisiert und was nicht.

Eigentlich ziemlich einfach. Bei Menschen ist das auch nicht anders. Ob ich es als sinnvoll ansehe, Vorbilder zu haben oder nicht ist eine Entscheidung, die auf meinem Bild über die Welt und die Menschen aufbaut. Wen ich als vorbildhaft ansehe ebenso. Und was ich an diesen Personen als vorbildhaft ansehe auch (Beispielsweise jemand sehr oft gewähltes: Che Guevara. Finde ich die konkrete Politik Ches vorbildhaft oder nur, das er sich für seine Ideen einsetzte? Finde ich das Hasta la victoria siempre gut oder den konkreten militärischen Einsatz in Kuba, Kongo und Bolivien? Und: Wie tiefgehend meine ich das? Geht es mir um ein ungefähres Bild [„Man muss so radikal für die Armen sein, wie Che”] oder um konkrete Einzelheiten [„Man muss das kubanische Tagebuch und die wichtigsten Reden kennen und denen nachleben.”]?) Das scheint am Ende bei Bibliotheken nicht anders. Es ist halt nicht zufällig, was als Vorbild angesehen wird und was nicht. Und deshalb kann man auch versuchen von den Vorbildern, die in den deutschsprachigen Bibliothekswesen gewählt werden, abzuleiten, wie sich Bibliotheken politisch verorten.

Das aber wiederum hat mich ganz schön nachdenklich gemacht. Alles Vermutungen, aber:

  1. Auffällig ist schon, dass die Einbindung der drei Vorbilder in konkrete Gentrifizierungstendenzen gar nicht thematisiert wird. Wird das etwa gut gefunden? Wird das nicht gesehen? Ist es nicht eine gewisse Komplizenschaft, das praktisch bei den Darstellungen auszulassen und einfach so hinzufahren?
  2. Auffällig ist aber auch die relativ unkonkrete Darstellung dieser Vorbilder: Die konkrete Funktion im Alltag, die bibliothekarischen Fragen (zu denen dann offenbar auch solche der Veranstaltungsorganisiation und Kooperation zählen) stehen ja ganz oft im Hintergrund, dafür werden vielmehr Bilder präsentiert. Das bleibt alles immer sehr, sehr schwammig. Und nachher wird auch wenig geschaut, ob es überhaupt wirkt. Worum geht es dann? Eher so um den Vibe des Neuen, um das Gefühl, modern zu sein? [Wie beim Che-Beispiel: Eher um den Vibe der Veränderung als um die konkrete Auseinandersetzung mit der Praxis?]
  3. Auffällig auch, dass vor allem Einzelgebäude angeschaut werden, nicht Bibliothekssysteme. Im neoliberalen Stadtumbau ist das normal: Nachdem die Kommunen fast alle Steuerungselemente aus der Hand gegeben haben, um den Markt möglichst viel regulieren zu lassen, ist das Mittel der Wahl heute, irgendetwas hinzustellen (Gebäude, Projekte), das dann die über den Markt regulierte Gesellschaft oder Stadt in eine Richtung stossen soll. Weniger Infrastruktur, mehr beispielhafte Interventionen. In gewisser Weise scheint sich das bei den bibliothekarischen Vorbildern wiederzufinden: Einzelne Bauten, nicht Systeme werden angeschaut, es scheint eher in Interventionen (Innovationen) gedacht zu werden und weniger an Infrastruktur oder konkreter Arbeit.
  4. Und auffällig ist einfach auch, wie wenig eigentlich die Gesellschaft thematisiert wird. Es gibt so ein grundsätzliches Diversitäts-Versprechen, aber eigentlich scheint es, als würde nicht gefragt, was diese Vorbild-Bibliotheken eigentlich für Menschenbilder vermitteln (bei den Idea-Stores und ihrer Fixierung auf Bildung wären dies sehr einfach zu thematisieren). Es scheint halt schon manchmal, als würde umstandslos die kleinbürgerliche (ist das das richtige Wort?) Orientierung einfach übernommen. Vorsichtig interpretiert scheinen sich Bibliotheken mit den kleinbürgerlichen Werten (die ja heute auch offener sind als früher, halt diverser, solange alle „vernünftig” sind) zu identifizieren. Vielleicht weil das genau das Weltbild ist, dass von vielen in der Bibliothek vertreten und gelebt wird?

Bessere Vorbilder?

Wohin führen solche Überlegungen? Ich bin mir nicht sicher. Es wäre sehr einfach, andere Vorbilder zu fordern und auch einen anderen Blick auf diese Vorbilder. Ich könnte gleich einige nennen: Genf, Wien, Toronto; jeweils die ganzen System der Öffentlichen Bibliotheken, nicht Einzelbauten; und der Blick weg von „alles muss neu sein” hin zu „wie fördern die das Gemeinwohl”. Aber diese Auswahl sagt vielleicht auch einfach mehr über mich und mein Weltbild aus.

Wichtig ist für mich eher der Satz von dem politischen Verhaftet-Sein der Vorbilder im bibliothekarischen Diskurs. Gerade verbunden mit dem Wissen, dass es auch schon anders war (beispielsweise das Mitte der 1960er Jahre nicht auf skandinavische Bibliotheken geschaut wurde, um da die Zukunft der Bibliothek, sondern um Vorbilder für eine rationale Gestaltung der Bibliotheksarbeit zu finden), zeigt er, dass der mögliche Wissensraum viel grösser wäre, als der, der aktuell genutzt wird. Es gäbe viel mehr Fragen, Erfahrungen und mögliche Fokusse. Und zu verstehen, dass es politische Entscheidungen (im Sinne von „wie stelle ich mir vor, dass die Welt funktioniert; was betrachte ich als relevante Themen und was nicht?”) sind, mach auch klar, dass über die impliziten Annahmen, die mit den Vorbildern vermittelt werden, diskutiert und das diese auch verändert werden können.

Dieses Nachdenken hinterlässt einen gewissen schallen Beigeschmack. Was genau ist das, diese gewissen Einschränkungen bei den Bibliotheken, die als Vorbild gelten? Ist das die Neoliberalisierung des bibliothekarischen Denkens (wie halt bei vielen linken Parteien in den letzten Jahrzehnten, wo auch bestimmte Themen und Fragen einfach „verschwunden” sind)? Ist das „Denkfaulheit”, die vielleicht durch zu viel Arbeit oder zu viel Zumutungen im Alltag hervorgerufen wurde? Ist es ein Ausdruck der Überzeugungen über die Gesellschaft, denen im Bibliothekswesen gefolgt wird oder prägen die Vorbilder und ihre Darstellung diese Überzeugungen? Nochmal: Warum sind nicht die so nahe bei den Nutzerinnen und Nutzern verorteten Öffentlichen Bibliotheken in Genf ein Vorbild, dafür aber das Ungetüm in Århus? Ist es vielleicht einfach ein Zeichen von zu wenig Utopie und zu wenig Mut zum Denken über das Bekannte hinaus? Zum Glück war der DJ gut und der Sommerabend warm, aber nicht zu warm; sonst wäre aus dem Nachdenken vielleicht eine sehr rabiate Polemik geworden.

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Vor dem DJ-Set gab es eine Musikquiz.

 

Fussnoten

1 Für die Schweiz kommt die Tradition hinzu, die Teile auf „der anderen Seite der Sprachgrenze” als irgendwie ganz anders zu verstehen, zwar als schweizerisch, aber als doch nicht gleich. Die Bibliotheken in Genf können sehr schnell als „in der Romandie sind sie (?) eher so staats-orientiert, aber in der Deutschschweiz eher so förderalistisch” als mögliches Vorbild abqualifiziert werden.

Zwischendurch wurde auch die Seattle Public Libray, Central Library etwas öfter thematisiert, aber nicht so oft wie die anderen drei Bibliotheken. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass es teurer ist und länger dauert, Seattle zu besuchen, als Århus. Aber auch für Seattle gilt, dass viel mehr über eine spezifische Bibliothek berichtet wurde, als – wie Olaf Eigebrodt einmal erwähnte, ich weiss aber leider nicht mehr wo – über die gesamte Ausrichtung des gesamten Bibliotheksnetzes in Seattle. Die Bibliothek New Library in Birmingham wurde fast nur wegen der Architektur und dann der Absurdität, dass nach dem Bau zu wenig Geld zum kontinuierlichen Betrieb der Bibliotheken der Stadt übrig war, erwähnt.

Armut und Bibliotheken: Ein kurzes Buch als Anmerkung zu einer notwendigen Diskussion

Das Leben ist kein Ponyhof

Hier eine kurze Geschichte aus meinem Leben: Vor Jahren (so 2009, 2010), als ich noch jung und unerfahren unternehmungslustig war und gerade meine Promotion fertig hatte, dachte ich, es wäre Zeit, nach dem einem grossen Thema (Bildung und Bibliotheken) ein weiteres grosses, wichtiges Thema anzugehen, bei dem Bibliotheken etwas zur Verbesserung der Welt beitragen könnten: Armut und Bibliotheken.

Damals war der Plan noch, dass als nächste grosse Arbeit, als Habilitation, anzugehen. How hard could it be? Alles ist irgendwie als Studie anzugehen, wenn man sich nur hineinversenkt. Strukturell schien es ein ähnliches Thema zu sein, wie bei meiner Promotion zu Bildungseffekten Öffentlicher Bibliotheken: Ein Thema, bei dem viele Vermutungen vorliegen, ein Thema, das, wenn es „stimmt“ , einen positiven Einfluss auf die Welt haben könnte. (Denn darum hatte ich ja dereinst überhaupt angefangen, Bibliothekswissenschaft zu studieren und nicht etwa BWL oder Jura, um dann irgendwann in einer Bibliothek arbeiten und ein wenig zu einer besseren Welt beitragen zu können – wie jung und naiv waren wir doch, denke ich jetzt, wo ich in den Bergen sitze und mich frage, wie ich je in einer Bibliothek „ankommen“ soll… aber das ist ein anderes Thema) Und ein Thema, das es wert wäre, strukturiert darzustellen: Wie funktionieren Bibliotheken in Bezug auf Armut? Was tun sie: Verstärken sie Armut, reproduzieren sie die gesellschaftlichen Unterschiede mit oder unterstützen sie Menschen in Armut? So oft, wie in der bibliothekarischen Literatur angegeben wird, dass Bibliotheken Zugang zu Medien für alle ermöglichen und dann angedeutet wird, dass das vor allem Menschen in Armut hilft, sollte es nicht schwer zu sein, zumindest zu überprüfen, ob sie es wirklich tun. Alles in kleinen Schritten, in Verbindung mit Sozialtheorien und Erfahrungen aus der Sozialen Arbeit etc.

Aber das Leben kommt anders: Ich schreibe keine Habilitation mehr; das Thema Armut und Bibliotheken ist viel schwieriger, als angenommen. Zudem: das Leben, all die Enttäuschungen, Veränderungen, unvermuteten Möglichkeiten die auftauchen… Zumindest war mir die Idee, das Thema eigenständig zu beforschen (Weil: Drittmittel für das Thema? Ha. Wo?) irgendwann abhanden gekommen. Das passiert. Aber das Thema selber geht nicht weg: Armut besteht in unseren reichen Gesellschaften, obwohl es das nicht müsste und das bleibt ein Skandal. Die Behauptung, Bibliotheken würden Menschen in Armut im Speziellen helfen, findet sich immer wieder und triggerte bei mir den Wunsch, dass doch mal genauer zu untersuchen. Aber letztlich hatte mich das Leben doch überfahren.

Ein Kneipengespräch

Turn to 2015, Open Access Tage in Zürich. Auf dem Heimweg hatte ich ein kurzes Gespräch mit zwei Kollegen, auch zum Thema Armut und Bibliotheken, dass mich daran erinnerte, dass es wirklich weiterhin viele positiv gemeinte Vermutungen zu diesem Themenbereich gibt. Zudem traf ich auch immer wieder Personen im Bibliothekswesen – insbesondere Bruno Wüthrich und Ruth Schaffer Wüthrich, die mich mal in Lugano zu einem Kaffee zum Thema einluden und seitdem auch versuchen, am Thema dran zu bleiben (etwas, was uns Forschende im Bibliothekswesen übrigens gut motiviert, ihnen mal zurückmelden, wenn man was wirklich wichtig und interessant findet; nur falls jemand mal einen Kaffee trinken möchte) – die sich weiter für das Thema Armut und Bibliotheken und vor allem dafür, was man tun könnte, interessierten. Kurzum: Irgendwann zog ich mich doch hoch, liess mich nicht mehr vom Leben so überfahren und schrieb als Antwort auf dieses Gespräch ein kleines Buch zum Thema.

Das Buch, schon mal als Vorwarnung, enthält keine Antwort auf die Frage, was zu tun wäre. Es ist eher ein Durchgang all der Irritationen, die ich immer wieder bei diesem Thema hatte, ein Überblick zu der Literatur, die sich bei mir in den letzten Jahren zum Thema aufgestapelt hat und ein Vorschlag, wie damit (als das gesamte Bibliothekswesen) umgegangen werden könnte. Erstaunlicherweise wurde dieses Buch tatsächlich fertig. Es ist aber weniger ein wissenschaftlicher Text, sondern eher ein Gespräch in der Kneipe – oder halt, weil es in Zürich begann, am Ufer der Limmat – zum Thema. (Ein relativ langes Gespräch von rund 170 A5-Seiten.)

Ganz kurz ein paar Thesen

Ohne weitere Überleitung würde ich das Buch gerne hier einstellen. Wer es lesen will, kann es runterladen. Wer es gedruckt haben möchte, kann es bei epubli kaufen. Wie gesagt ist es eher ein Beitrag zu einem Gespräch, so sollte es auch verstanden werden. Wer mitreden will, kann das gerne tun.

Am Ende ist mir immer noch klar: (1) Die Existenz von Armut in unseren reichen Gesellschaften (ich denke immer an Deutschland und die Schweiz, aber Österreich und Liechtenstein nehmen sich da nicht viel) ist ein Skandal, (2) Bibliotheken können vielleicht dazu beitragen, dass Leben von Menschen in Armut zu verbessern oder zumindest lebbarer zu gestalten, wenn sie (3) sich klar werden, was das genau heissen soll und wie sie es erreichen können. Das kann aber (4) nicht geschehen, indem das Gleiche wie immer tut und nur besser vermarktet und (5) wenn Menschen in Armut gar nicht in der Bibliotheksforschung und den Diskussionen im Bibliothekswesen vorkommen. Ansonsten (6) ist das Thema zu komplex für einfache Aussagen. Es bedarf längerer, gemeinsamer Diskussionen.

Versionen des Buches

Karsten Schuldt (2017). Armut und Bibliotheken: Anmerkungen zu einer notwendigen Diskussion

Sommerlektüre, drei Verlagstipps.

Der Sommer soll ja demnächst wirklich und kontinuierlich kommen, sagt man. Ausserdem ist Urlaubszeit, was den einen oder die andere Mitbloggerin und Mitblogger dazu verführt – neben all den anderen irgendwie Publizierenden – persönliche Sommerlektüretipps zu veröffentlichen. Immer schön subjektiv und oft auch leichtere Literatur. Halt solche, die man in den Zügen und Flughäfen, auf den Booten und Autobahnen genauso lesen kann, wie beim am Strand liegen, in Strassencafés sitzen, in den Bergen hin- und herwandern. Dieses Jahr drängt es mich, dem Genre auch etwas beizutragen, allerdings keine Einzelwerke, sondern gleich drei Verlage, deren Produktionen mir in den letzten Jahren immer wieder Spass machten, auch weil sie „vergnüglich zu lesen“ nicht mit „leicht und anspruchslos“ übersetzen.

Diaphanes-Verlag

Der Diaphanes Verlag sitzt in Zürich (mit kleinem Büro in Berlin, wie das halt bei weltläufigen Schweizerinnen und Schweizern offenbar üblich ist) und produziert kleine, kritische, bissige Bücher. Klein heisst wirklich: Von der Grösse her A6-Format, von der Seitenzahl oft 80-120 Seiten. Insoweit sind die Bücher oft längere Essays. Da aber auch die Preise bei 10 Euro / 14 Franken (empfohlen) anfängt, ist das zu vertreten.

Diese Essays sind immer komplex, immer kritisch und beschäftigen sich zuvorderst mit der Darstellung des Status Quo von Wissenschaft, Universität, Bildungssystem, Informations- und Kulturarbeit und Identität im aktuellen Kapitalismus sowie den Möglichkeiten des Widerspruchs gegen diesen Status Quo. Keine Ahnung, wo der Verlag immer wieder neue Autorinnen und Autoren auftreibt, die das auf sehr hoher intellektueller Ebene schaffen, aber das war und ist mir auch beim Merve-Verlag nie so richtig klar geworden.

Was die Bücher des Diaphanes-Verlags als Sommerlektüre eignet ist ihre Gedrängtheit. Sicher, man muss mitdenken, aber das ist auch gut so. Die Bücher führen vor, wie man Denken kann, ohne das gleich an Projekte, Praxistransfer etc. hin zu orientieren.

Kadmos-Verlag

Bekannter ist wohl der Kadmos-Verlag aus Berlin, der vor allem Kultur- und Medientheorie verlegt. Hier gibt es auch mehr Titel, die eher durchwachsen sind. Aber die Titel, die sich auf ein spezifisches Thema einlassen – beispielsweise „Katastrophen hören“ über die Darstellung von Katastrophen in den frühen Hörspielen – sind erstaunlich tiefgreifende Einblicke. Das sind immer wieder mutige Veröffentlichungen – zumeist Abschlussarbeiten, aber wann im Leben kommt eine Forschende oder ein Forschender sonst schon dazu, sich tiefgreifend mit einem Thema zu befassen?

Bibliothekarinnen und Bibliothekare sollten an diesen Bücher ein besonderes Interesse entwickeln, handeln sie doch meist von Medien, Mediengeschichte oder Wirkung von Medien.

Dabei beweist der Verlag auch immer wieder Witz, am offensichtlichsten wohl bei einem Buch über Fälschung und Original, dass aussieht, wie ein Suhrkamp-Taschenbuch (nur zu gross), welches sich der Verlag einfach als Reihe „Kadmos Wissenschaft“ aneignet.

Märkischer Verlag

Der Märkische Verlag aus Wilhelmshorst (bei Berlin, erkennen wir einen Zusammenhang?) steht hier vor allem wegen einem sehr mutigen und wichtigen Projekt, dass in jedem Fall Unterstützung verdient. Der Verlag hat vor einigen Jahren die eigentlich eingestellte Zeitschrift „Poesiealbum“ übernommen. Alle zwei Monate erscheint nun (wieder) im kleinen Format eine Sammlung von Poesie, immer von einer Lyrikerin oder einem Lyriker, mit kurzer Einführung und passender Graphik. In einer Zeit, in der sich Lyrik gar nicht mehr lohnen soll und auch die hochgejubelten Poetry-Slams nicht mehr so ziehen, wie sie es einmal – mit durchaus guten Auswüchsen – taten, ein grosser Lichtblick.

Sicherlich: Etwas auf Nummer sicher muss der Verlag schon gehen, deshalb erscheinen immer wieder Auswahlen längst bekannter Autorinnen und Autoren. Gottfried Benn ist als nächstes dran, Rose Ausländer gab es auch schon etc. Aber letztlich muss sich auch diese Zeitschrift verkaufen. Und dazwischen präsentiert sie immer wieder andere Gedichte. Alle zwei Monate mit ausgewählter Lyrik konfrontiert werden: Notwendig. Deshalb ist es wert, auch mal ein paar ältere Ausgaben des „Poesiealbum“ in den Sommer mitzunehmen und den kleinen Verlag auch bei den anderen Projekten zu unterstützen.

Geschrieben in der Transferzone, auf dem Weg zu den Strassencafés. „Sommer“ 2012.

User Generated Metadata als Werbeeffekt?

[Zu: (Preprint) Hercher, Johannes; Ruhl, Marcel & Sack, Harald (2012) / Quo vadis nutzergenerierte Metadaten?. – In: Social Media and Web Science, 2. DGI Konferenz, 64. Jahrestagung der DGI, Düsseldorf, 22.-23. März 2012, Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis, Frankfurt, (2012, forthcoming). – http://www.hpi.uni-potsdam.de/fileadmin/hpi/FG_ITS/Semantic-Technologies/paper/Hercher2012.pdf%5D

Dies ist keine Rezension, sondern eher die Darstellung einer massiven Irritation.

Auf den Text von Hercher, Ruhl und Sack über ihre Umfrage zum Einsatz von Nutzerinnen- und Nutzergenerierten Metadaten wurde in den letzten Tagen relativ oft hingewiesen. Über diesen sollten wir vielleicht aber einmal reden und ihn nicht nur verbreiten. So grundsätzlich positiv, wie die Ergebnisse des Textes dargestellt werden, sind sie meines Erachtens nicht.

Hercher, Ruhl und Sack führten eine Online-Umfrage bei Bibliotheken, Archiven und Museen durch, bei der sie den Umgang dieser Einrichtungen mit user generated metadata erfragten. Der Text sollte über diese Umfrage berichten. 51 Einrichtungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nahmen an der Umfrage vollständig teil. Da es keine Ausgabe dazu gibt, wie viele Einrichtungen überhaupt von Nutzerinnen und Nutzern generierte Daten benutzen, ist nicht klar, wie repräsentativ diese Teilnahme war. Allerdings geben die Autoren selber an, dass die Umfrage 1.341-mal aufgerufen wurde. Dies bedeutet eine erstaunlich hohe Zahl (96,2%) von Abbrüchen, welche weit über Werten anderer Umfragen liegt und die von den Autoren nur mit relativ zweifelhaften Argumenten abgetan werden. Sicherlich kann, wie die Autoren argumentieren, ein Teil der Interessierten die Umfrage abgebrochen haben, weil die Software nicht funktionierte oder weil sie in ihrer Institution nicht in der Position waren, die Fragen zu beantworten. Aber das erklärt eine solche Abbruchrate nicht. Vielmehr hätten sich Hercher, Ruhl und Sack die Frage stellen müssen, was diese rabiate Selbstselektion der Teilnehmenden über das Thema der Umfrage oder die Umfrage selber aussagt. Eventuell wurde die Umfrage von Interessierten nicht als sinnvoll erachtet, eventuell gab es auch massive Probleme mit den konkreten Fragestellungen.1

So oder so muss man bei den gesammelten Daten davon ausgehen, dass diese das Ergebnis einer extremen Selbstselektion darstellen. Hier haben mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nur noch die Individuen oder Einrichtungen geantwortet, die selber ein äußerst starkes Interesse am Thema haben. Es sagt etwas über die Wertigkeit des Themas aus, wenn gerade einmal 51 Einrichtungen aus drei Staaten etwas zu ihm zu sagen haben. Es scheint – im Gegensatz zu den Aussagen der Autoren –, dass sich nur wenige Bibliotheken, Archive und Museen überhaupt für user generated metadata interessieren. Dem steht eine relative breite Thematisierung in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft gegenüber. Für diesen Diskurs könnte die Umfrage ein Realitätscheck sein, denn selbstverständlich ist es von Interesse, wenn die Einrichtungen, über die Diskurse geführt werden, diese Diskurse mehrheitlich ignorieren oder von ihnen nicht erreichen werden.

Stattdessen nutzen die Autoren ihre Daten, als wäre sie repräsentativ, was sie nicht sind. Weitere Kritik ist anzubringen. Die Autoren ignorieren die wichtige Frage, wie stark die von Ihnen gesammelten Antworten sozial erwünscht sind. Dies ist allerdings bei Ihren Daten keine unwichtige Frage, kann man diese doch grob wie folgt zusammenfassen: Alle sind irgendwie dafür, die von Nutzerinnen- und Nutzern generierten Daten zu benutzen, aber vor allem wird ihnen einen Bedeutung bei der Bindung von Nutzerinnen und Nutzern zugeschrieben. Sozial erwünscht ist letztere Antwort gewiss nicht, zumindest nicht, wenn man sie etwas weiter denkt und „Bindung“ als Werbung und Werbemassnahme übersetzt. Erwünscht hingegen sind Antworten, die Kommentaren, Hinweisen von Nutzerinnen und Nutzern und weiterem eine Bedeutung zumessen – wir leben nun mal in Zeiten, in welchen das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern erwünscht ist (das sind fraglos nicht die schlechtesten Zeiten und Ziele). Bedenkt man dies alles, wertet die Abgabe sozial erwünschter Antworten als nicht so wichtig, die Abgabe sozial unerwünschter Antworten hingegen als wichtiger, dann sind die Ergebnisse von Hercher, Ruhl und Sack noch erstaunlicher. Offenbar wird von den wenigen Einrichtungen, die sich für das Thema user generated metadata interessieren, in ihnen vor allem ein Werbeeffekt gesehen. Ist das statthaft? Was sagt das aus?

Vielleicht ist das eine negative Wertung der Ergebnisse, aber sie erscheint nicht weiter hergeholt, als die von den Autoren vorgelegte. Diese weisen selber darauf hin, dass die antwortenden Einrichtungen – trotz aller Selbstselektion – eher enttäuscht von den Daten, die von den Nutzerinnen und Nutzern geliefert wurden, seien. Hier wäre ein Ansatz für weitere Forschungen, nämlich darüber nachzudenken, was genau die Bibliotheken, Archive und Museen eigentlich erwarten und welche Daten Nutzerinnen und Nutzer eigentlich erstellen sollten. Auch hier hätten die Daten der Umfrage eher dazu genutzt werden können, darüber nachzudenken, wie weit der Diskurs über die Daten und ihre Nutzungsmöglichkeiten von der tatsächlichen Nutzung in den Einrichtungen entfernt ist und warum.

Im letzten Teil ihrer Arbeit versuchen die Autoren dann aufgrund einer Literaturrecherche Barrieren bei der Verwendung von user generated metadata zu identifizieren. Das allerdings ist inhaltlich eher ein zweiter Artikel und es ist nicht so richtig klar, warum die Autoren diesen Teil mit den Daten zusammen publizierten. Aber auch so ist der Abschnitt erstaunlich: Die Autoren gehen explizit davon aus, „dass sich Nutzer unaufgefordert beteiligen, sofern die Barrieren dazu nicht zu hoch sind.“ (Hercher, Ruhl & Sack, 2011, S. 11) Dies wird zwar konsequent durchgeführt, aber es ist doch ein absonderliches Menschenbild: Die Nutzerinnen und Nutzer würden quasi darauf warten, sich an der Arbeit von Bibliotheken, Archiven und Museen zu beteiligen, nur würden sie zur Zeit davon abgehalten werden. Diese Vorstellung widerspricht nicht nur den Forschungen zum menschlichen Verhalten in so unterschiedlichen Feldern wie der Politik- und Sozialwissenschaft – insbesondere der Engagementforschung –, der Psychologie oder auch der Werbeindustrie; sondern selbstverständlich auch allen Alltagserfahrungen. Menschen engagieren sich, wenn sie sich engagieren wollen und dazu angehalten werden. Sicherlich gibt es Barrieren, die sie dann auch noch davon abhalten können, dass zu tun. Wenn, dann wäre es sinnvoll gewesen, nach einer Förderung des Engagements zu fragen. Die Möglichkeit zum Engagement – beziehungsweise der Lieferung von Daten – zu schaffen ist zwar eine Voraussetzung, aber das alleine wird keine neuen Daten hervorbringen.

Der Text ließt sich, als hätten die Autoren unter dem Druck gestanden, ihre Daten publizieren zu müssen, egal was die Ergebnisse sind. Dieses Problem ist bekannt und ein Ergebnis von bestimmten Strukturen der Forschungsförderung, von Deadlines und der bekannten Arbeitsüberlastung. Insoweit sollte das den Autoren nicht vorgeworfen werden. Dennoch wirkt es sich bei diesem Text eher negativ aus. Die von ihnen durchgeführte Umfrage hat Daten hervorgebracht, die weiter tiefer und anders hätten diskutiert werden müssten, als sie es tun. Dazu hätten sie ihre – ehedem nicht hergeleitete – These aufgeben und andere Fragen stellen müssen. Aber vielleicht kann dies im Nachhinein geschehen.

Diese Fragen wären meines Erachtens:

  • Gibt es (aktuell) überhaupt ein tatsächliches Interesse in Bibliotheken, Archiven und Museen zur Nutzung von Daten und Metadaten, die von Nutzerinnen und Nutzern erstellt wurden? Immerhin gibt es einen gewissen Diskurs über diese Möglichkeit. Oder gibt es nur eine sehr kleine Anzahl von Einrichtungen, die sich dafür interessieren? Wenn ja, warum?
  • Welche Vorstellungen und Wünsche haben die Einrichtungen, die sich auf diese Daten einlassen, überhaupt, wenn sie von den gelieferten Daten eher enttäuscht sind?
  • Haben die Einrichtungen überhaupt einen Workflow, um mit user generated metadata umzugehen? In der Umfrage wurde abgefragt, ob sie die Daten wichtig finden, aber nicht, ob sie sich auf diese überhaupt einlassen.
  • Haben die Einrichtungen überhaupt Vorstellungen davon, wie sie die Daten außer zu Werbezwecken einsetzen wollen? „Benötigen“ sie überhaupt Daten?
  • Was sagt der Riss zwischen den Diskurs über die Möglichkeiten dieser Daten und das eher geringe tatsächliche Interesse aus?

Ich weiß, eigentlich sollten Texte positiver besprochen werden. Aber dieser ließ mich eher erstaunt zurück und ich wollte dieses Erstaunen teilen. Vielleicht bin ich aber auch nur wieder der mit den zu großen Ansprüchen.

1Zu hinterfragen ist zumindest die Methodik, die Beantwortung der Fragen durch Individuen zuzulassen, aber diese für eine Einrichtung sprechen zu lassen.

Kleinverlage und Bestandsentwicklung

Immer, wenn wir in der libreas-Redaktion nach einem Schwerpunktthema für eine neue Ausgabe suchen und dann dazugehörigen Call for Paper verfassen, stellen wir uns vor, welche Beiträge zum jeweiligen Thema eingereicht werden könnten (bzw. welche wir bei wem anfragen können. Leider sind die Kolleginnen und Kollegen nicht so schreibbegeistert, dass sie in großer Masse Texte einreichen – mal so als Wink mit dem Zaunpfahl, wo der neue Call for Paper auch schon länger veröffentlicht ist). Leider gehen diese Gedankenspiele selten auf. Nicht, dass wir nicht gute und interessante Artikel erhalten würden und das darunter gerade auch solche sind, an die wir gar nicht gedacht hätten. Aber es gibt auch bei jeder Ausgabe Themen, die irgendwie auf der Hand liegen, dann aber „sterben“, weil sie niemand bearbeitet.

Bei unserer letzten Ausgabe gab es ein solches Thema, dass mich schon länger beschäftigt: Die Bestandsentwicklung. Zur Erinnerung: Das Thema der letzten Ausgabe war „Ethik und Zensur“. Mich interessiert die Frage, warum eigentlich welche Medien in den Bestand von Bibliotheken aufgenommen werden. Sicherlich: Bestandsentwicklungspläne, Orientierung am Profil der Bibliothek und den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer sowie Bedienung von Anschaffungsvorschlägen – das sind die Standardantworten. Aber sie befriedigen nicht. Sie sagen nämlich immer noch nicht aus, wieso bestimmte Medien ausgewählt und andere nicht ausgewählt werden. Grundsätzlich scheint mir die Frage, ob die Macht über die Bestandsentwicklung, die Bibliothekarinnen und Bibliothekare – einen ausreichenden Etat vorausgesetzt – haben, auch als solche reflektiert wird. Dieses Thema taucht in der englischsprachigen Debatte immer wieder einmal, auch unter dem Schlagwort Zensur, auf. In der deutschsprachigen nicht so richtig.

Besonders auffällig scheint mir das, wenn man es auf Klein- und Kleinstverlage bezieht. Vielleicht ist das eine biographisch zu begründende Sichtweise, schließlich kenne ich eine ganze Anzahl von Menschen, die mithilfe solcher Kleinstverlage versuchen, ihr Leben zu finanzieren (was nicht so richtig klappt, aber das ist ein anderes Thema). Dennoch.

Klein- und Kleinstverlage werden oft von äußerst engagierten Menschen betrieben und zum Teil sind ihre Publikationen auch engagiert. Sicherlich: Ein Teil der Kleinverlage ist klein, weil die Literatur, die sie verlegen, einfach schlecht ist. Nicht einmal zu sehr spezialisiert oder so, sondern einfach schlecht. Aber auch nicht immer. (Zumal auch die größeren Verlage erstaunlich viel Schlechtes verlegen.) In vielem publizieren Kleinstverlage gerade Literatur und Meinungen, die nicht von den meist von Reihen und relativ klaren Profilen gekennzeichneten Angeboten großer Verlage abgedeckt werden. Zudem haben sie – trotz allen Open Access-Pubulikationsmöglichkeiten – die Funktion, Autorinnen und Autoren alternative Publikationsmöglichkeiten zu bieten. Ohne Kleinverlage noch mehr Langeweile auf dem Buchmarkt, noch mehr Reihen und Publikationen, die einmal erfolgreiche Medien zu reproduzieren versuchen. (So zumindest meine These.)

Gleichzeitig kämpfen quasi alle Kleinverlage ständig ums Überleben. (Nicht alle Kleinstverlage, weil die zum Teil tatsächlich mehr als Hobby neben anderen Unternehmungen betrieben werden. Das scheint mir ein Trend zu sein, der sich ja auch bei den Musiklabels zeigte.) Für sie zählt quasi jedes verkaufte Buch mehr als für die großen Verlage, die ja auch (zumeist) in größeren Auflagen rechnen und mehr Möglichkeiten haben, quer zu finanzieren. Während sich Auflagen in Kleinverlagen nahezu immer selber tragen müssen, können sich größere Verlage – was sie ja auch tun – die Herausgabe von einigen Werken erlauben, die das Profil schärfen und die Marke anreichern, aber sich nicht selber finanzieren.

Bezogen auf die Bibliotheken drängen sich meines Erachtens deshalb einige Fragen auf:

 

(a) Sollten Bibliotheken Klein- und Kleinstverlage bevorzugen? Wie gesagt, ist für den kleinen Verlage das eine verkaufte Buch wichtiger, als für den großen Verlag. So könnten Bibliotheken dafür mit Sorge tragen, dass kleine Verlage und eben nicht nur Suhrkamp überlebt.

 

(b) Nochmal: Sollten Bibliotheken Klein- und Kleinstverlage bevorzugen? Wäre es nicht zumindest aus ethischen Gründen wichtiger, Publikationen aus verschiedenen Quellen und Verlagen anzubieten und nicht, wie im Buchhandel aus ökonomischen Gründen, die großen Verlage noch durch die Überrepräsentation ihrer Angebote zu bevorzugen? Würde man nicht mit einer Auswahl aus mehr Verlagen auch ermöglichen, dass diese Verlage von den Nutzerinnen und Nutzern eher wahrgenommen werden?

 

(c) Wie kommen überhaupt Medien von Klein- und Kleinstverlagen in die Bibliotheken? Hier fehlt meiner Meinung nach das Wissen darüber, wie eigentlich Medien ausgewählt werden. Wenn Sie tatsächlich einfach per Stichworten aus dem Verzeichnis lieferbarer Bücher und den Rezensionen von Fachzeitschriften ausgewählt werden, mag man ja von einer Objektivität ausgehen können. Aber schon, wenn Kataloge der Verlage herangezogen werden, scheint mir das schwierig zu sein. Große Verlage können sich einfach mehr und dickere Kataloge leisten, als kleine. Das macht die Medien dieser Verlage nicht besser oder schlechter. Aber wenn X-Prozent des Erwerbungsetats für Medien ausgegeben werden, die aus den Katalogen von Verlagen, die sich das Drucken und Verschicken von Katalogen leisten können, ausgewählt wurden, wie sollen dann die Verlage, die sich das nicht leisten können, überhaupt zu Zug kommen? Werden dann Medien nicht eher gekauft, weil sie einem „interessanten“ Umfeld verlegt werden oder gerade mit auf einer Katalogseite abgebildet werden, als aus rein inhaltlichen Gründen? Zumeist ist das ja so, dass Kleinverlage Kataloge verschicken, wenn man sie darum bittet. Sollte nicht zumindest das aktiv von den Erwerbungsabteilungen getan werden?

 

(c1) Die gleiche Frage gilt dann auch für die Fachmedien: Wie wählen wir eigentlich die Medien aus, die rezensiert werden?

 

(d) Ist das Zensur? Die Frage, ob die strukturelle Bevorzugung großer Verlage als Zensur gegenüber kleinen Verlagen zu verstehen ist, beschäftigt einige englischsprachige Autorinnen und Autoren. Eine richtige Antwort scheint es nicht zu geben. Auf der einen Seite ist ersichtlich, das die ständige Bevorzugung großer Verlage tatsächlich dazu führen kann, dass kleine Verlage „unsichtbar“ werden (schließlich geht es nicht nur um die eine Entscheidung für oder gegen ein Medium, sondern um eine Haltung, die sich im Bestand selber niederschlägt); auf der anderen Seite scheint es nicht wirklich um eine aktive Zensur zu gehen (auch wenn große Wissenschaftsverlage, wie wir wissen, gerne versuchen, möglichst viel Etat einer Bibliothek zu binden, beispielsweise mit Reihen oder Standing Order, was aber erst einmal aus wirtschaftlichen Gründen passiert und nicht, weil die großen Verlage die kleinen zensurieren wöllten). Dennoch scheint es kein Thema zu sein, welches einfach mit einer Handbewegung fortgewischt werden kann.

 

(e) Als zugespitzte Frage: Ist Standing Order überhaupt ethisch zu verantworten? Wie soll ein Kleinverlage seine Medien überhaupt zur Kenntnis bringen, wenn der Bestand aus Standing Order-Angeboten zusammengestellt wird. Schon rechnerisch ist das oft unmöglich. Ein großer Verlag kann relativ gut für solche Präsentationen mal 50 oder 200 Exemplare eines Mediums bereitstellen und die Hälfte davon im Anschluss makulieren. Für kleine Verlage sind 200 Exemplare manchmal schon 50% der Auflage. Wenn Bibliotheken aber die Breite der Medien anbieten und reflektierten sollen, wie können sie dann zulassen, ihren Etat zum Teil an eine Angebotsform zu binden, die nicht von allen Verlagen angeboten werden kann (ohne, dass es inhaltliche Gründe hätte)?

 

Wie gesagt ist zu diesem Thema in der letzten libreas kein Artikel erschienen. Dabei scheint mir die Bestandsentwicklung ebenso relevant für ethische Diskussion im Bibliothekswesen zu sein, wie die Frage der Zugänglichkeit. Es geht ja nicht nur darum, den Zugang zu den Beständen, die schon in den Bibliotheken stehen, zu ermöglichen, sondern auch darum, zu fragen, was überhaupt in diesen Bestand kommt und was nicht. Aber vielleicht kann man das Thema anderswo aufgreifen.

Über den Desktop nachdenken. Gnome 3 u.a.

Es gab eine Zeit, da wurde sehr laut und wahrnehmbar über die Mensch-Maschinen-Kommunikation, insbesondere bei Computern, nachgedacht. Obwohl dies offenbar immer noch ein Teilgebiet der Informatik ist – inklusive einer aktiven Arbeitsgruppe in der Gesellschaft für Informatik – scheint das Thema in bibliothekarischen Kreisen keine Bedeutung mehr zu haben. Ein PC hat einen Desktop, über den man mit Maus / Touchpad und Tastatur steuert, was der Rechner tun soll – und damit scheint es sich oft zu haben.

Aber: Das ein PC einen Desktop hat und dieser so, wie er funktioniert, funktioniert, ist nicht unbedingt folgerichtig und schon gar nicht alternativlos. Das oft in den Kategorien ein Bildschirm gleich ein Desktop, ein Icon gleich ein Programm oder ein Dokument, dass über ein Programm aufgerufen wird, gedacht und gehandelt wird, ist das Ergebnis von Entscheidungen, die von den ProgrammierInnen und DesignerInnen der Desktops getroffen wurden. Das ist nicht irrelevant, weil es unsere Arbeitsprozesse und auch unser Denken über Computer steuert.

Wandel der Mensch-Computer-Schnittstellen

Dieses Fehlen des Nachdenkens über den Desktop irritiert ein wenig, wenn man bedenkt, dass wir alle in den letzten Jahren mit den Smartphones und den Pads live erlebt haben, wie neue Interaktionsmodelle zwischen Mensch und Maschine aufkommen und das Arbeiten mit technischen Geräten beeinflussen. Das Tippen und Wischen auf den Bildschirmen der Android- und I-Phones und -Pads ist jetzt schon wieder Allgemeingut, obgleich es ab 2007 erst einmal als neues Konzept etabliert werden musste. (Man erinnert sich vielleicht noch, dass die „alten“ Handys sehr klar zwischen Tastatur und Bildschirm unterschieden und dies auch als selbstverständlich galt.) Dennoch scheint sich diese Erfahrung nicht auf den Umgang mit Computern übertragen zu haben.

Betriebssystem ungleich Desktop

Gnome 3, die neue Version des Gnome-Desktops, ist eine Chance – nach Sugar und KDE 4 im Jahr 2008 –, diese Leerstelle einmal zu thematisieren. Es gibt eigentlich keinen direkten Zusammenhang zwischen einem Desktopsystem und einem Betriebssystem. Das Betriebssystem organisiert quasi die Arbeit eines Rechners, das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten, die Rechnenoperationen und Ausgabebefehle; während das Desktopsystem die Schnittstelle zwischen dem unterliegenden Betriebssystem – oder nennen wir es gleich richtig, dem Kernel – und den NutzerInnen darstellt.

Das Desktopsystem übersetzt in gewisser Weise zwischen NutzerInnen und Rechner, strukturiert aber auch den Zugriff auf Daten, Programme und so weiter. Nun ist dieses Desktopsystem nicht per se mit dem Kernel verbunden. Windows und Mac-OS haben einen Standard-Desktop. Eigentlich aber ist Windows das Desktopsystem des (jetzt gleichnamigen) Windows-Betriebssystems. Für diejenigen, die sich noch erinnern: Bis zu Windows 3.1 hieß das Betriebssystem MS-DOS und konnte auch direkt mit anderen Oberflächen, insbesondere dem Norton-Commander, oder aber direkt bei DOS-Befehlen angesprochen werden. Windows war eine Oberfläche, die erst gestartet wurde, nachdem der Kernel schon lief. Theoretisch ist das immer noch so, aber es wird – ebenso wie bei Mac-OS – der Eindruck erzeugt, dass Desktop und Kernel zusammen gehören würden.

Bei anderen Betriebssystemen ist dies allerdings anders. (Eigentlich ist es auch bei Windows und Mac-OS möglich, andere Desktopmanager zu verwenden. Explizit zum Ziel gesetzt hat sich dies das KDE for Windows-Project.) Es existieren zahlreiche weitere Desktopmanager, die jeweils auf den Kernel – egal ob jetzt Linux, Unix, BSD, Minux oder andere – aufgesetzt werden können. Es gibt zwar einige Betriebssysteme und Distributionen (Zusammenstellungen eines Betriebssystems mit spezieller Software, also beispielsweise die zahllosen unterschiedlichen „Linuxe“), die sich für einen Manager als Standard entscheiden, aber auch das lässt sich schnell wieder durch die NutzerInnen ändern. Mehr noch: Es ist möglich, mehrere Desktop-Manager nebeneinander zu installieren, die dann auf die gleichen Daten zugreifen können. Die manchmal getroffen Aussage, man hätte schon einmal ein Linux gesehen und wüsste deshalb, wie es aussieht und funktioniert – wie das bei Windows zumindest für die jeweilige Version möglich ist – ist deshalb immer falsch: Man hat einen Desktop-Manager gesehen, aber ob dort wirklich ein Linux-Kernel drunter lief, kann man noch nicht mal sagen. „Andere“ Linux-Systeme sehen anders aus und funktionieren auch anders.

Die Anzahl der Desktop-Manager ist relativ groß, weil sie unterschiedlichen Philosophien folgen und Anforderungen erfüllen sollen. Es gibt eine ganze Reihe, die vor allem für ältere Rechner mit geringer Leistung ausgelegt sind, wie zum Beispiel das bei Puppy Linux (das vom USB-Stick läuft und nur 128 MB groß ist) benutzte JWM. Es gibt aber auch drei, eigentlich schon vier, große Desktops, die sehr explizit versuchen, die Kommunikation zwischen NutzerInnen und Rechner, Daten und Programmen umzugestalten und neu zu denken. Diese sind Sugar (welches auch als Windows-Desktop existiert), KDE, Gnome und – realtiv neu – Unity. Das einst richtungsweisende Enlightenment entwickelt sich leider nur noch langsam weiter.

Es lohnt sich, einmal mit allen diesen Desktops zu spielen beziehungsweise, sie sich länger anzuschauen. Dazu ist fast kein Aufwand mehr nötig.

  • Sugar läuft vom USB-Stick. Wie der zu installieren ist, steht im Wiki des Projektes.
  • KDE wird zum Beispiel auf den Live-Systemen von OpenSuse oder Kubuntu eingesetzt (die man runterladen, brennen und dann benutzen kann).
  • Gnome 3 läuft auf der Live-DVD von Fedora (die genauso wie von OpenSuse verwendet wird. Gnome 2.x findet man noch auf der Live-DVD von OpenSuse mit Gnome-Version).
  • Unity läuft auf der Live-DVD von Ubuntu (ebenso: runterladen, brennen, ausprobieren).

Kurzvorstellung von vier Desktop-Managern

Ganz kurz lassen sich die Unterschiede der Desktop-Manager aufzählen. Eine Gemeinsamkeit (die in den letzten Jahren auch von Mac-OS übernommen wurde) ist, dass sich keiner der Manager auf einen Desktop pro Bildschirm beschränkt. Man kann sich dies ungefähr so vorstellen: Wenn bei Windows der Bildschirm quasi einen Schreibtisch darstellt, dessen Ränder mit dem Bildschirm übereinstimmen, und auf dem Daten, Ordner, Programme und die Taskleiste abgelegt sind; hat man bei den anderen Managern mehrere Schreibtische nebeneinander, eher schon Pinnwände, zwischen denen auf einem Bildschirm hin- und hergeschaltet werden kann. Teilweise funktioniert das mittels Tastaturkürzel, über Klicks oder auch darüber, dass mit der Maus an die linke oder rechte Kante des Bildschirms gefahren wird. Der Vergleich mit den Schreibtischen trägt nur eine Weile, aber dazu später. Diese Funktion erhöht erstaunlicherweise die Übersichtlichkeit und auch die Geschwindigkeit beim Arbeiten am Rechner, obgleich dies vielleicht für Menschen, die sonst nur mit Windows arbeiten, einige Eingewöhnungszeit braucht.

Weiterhin bieten fast alle dieser Manager die heutzutage eher Mac-OS zugeschriebenen Docks an, auf denen die wichtigsten Programme und gerade geöffneten Dateien direkt anklickbar am Bildschirmrand liegen. Diese Docks, wenn auch nicht so ästhetisch, sind Teil fast aller Desktop-Manager seit den Unix-Tagen. Nur weil sie bei Windows nicht als Standard übernommen wurden, scheint es heute so, als wären sie eine Mac-spezifische Lösung.

Sugar

Sugar ist ein Manager, der für die 100-Dollar-Laptops des OLPC-Projects geschrieben wurde. Er ist nach didaktischen Grundsätzen aufgebaut und vor allem so, dass er auch für Kinder, die nicht des Lesens mächtig sind und – da der 100-Dollar-Laptop vor allem für dritte und vierte Welt-Länder gedacht ist – auch mit den anderen Kommunikationsprodukten, die uns umgeben, noch nicht in Kontakt gekommen sein müssen. Er ersetzt zum Beispiel einzelne Schrift mit Graphik und Programme mit Funktionen (also beispielsweise nicht LibreOffice / OpenOffice / Word etc., sondern „Schreiben“, nicht Gimp, sondern „Malen“ und so weiter). Ebenso werden Dokumente als Aufgaben behandelt und deshalb nicht geschlossen. Fängt man einmal an, ein Bild zu zeichnen, bleibt dieses geöffnet, auch wenn der Rechner heruntergefahren wird – ungefähr so, wie ein Bild auf einem Schreibtisch, dass auch nicht runterfährt, sondern nur am Ende irgendwo abgeheftet wird.

Sugar ist hier vor allem deshalb interessant, weil er verschiedene Fragen aufwirft. Warum muss man überhaupt in Dokumenten denken und nicht, wie sonst oft, in Aufgaben und Projekten? Warum muss man sich mit Programmen auseinandersetzen und nicht mit den Grundfunktionen, die man einfach ausüben möchte? Offenbar lässt sich ein Rechner auch anders begreifen. (Ob das gut ist, ist eine andere Frage.)

Zudem ermöglicht Sugar, dass die Bedienung mit der Zeit komplexer wird beziehungsweise die Komplexität nach und nach dazugeschaltet werden kann. Dies ist didaktische sinnvoll, ermöglicht es doch, Menschen (es arbeiten ja nicht nur Kinder mit dem Laptop) an Rechner heranzuführen. Bei anderen System kriegt man zumeist eine Komplexität vorgesetzt und muss damit umgehen.

KDE

KDE war der erste Desktop-Manager, der mit dem Anspruch antrat, Linux und andere freie Systeme mindestens genauso einfach bedienbar zu machen, wie dies bei Windows und Mac-OS der Fall war. Dieses Ziel ist lange erreicht, seitdem versucht KDE – spätestens seit der Version 4.x – darüber hinaus zu gehen und andere Funktionalitäten einzubauen. So wurde das Messeaging in den Desktop integriert.

Eine der interessanten Funktionen ist wohl, dass die Dateien gar nicht direkt auf dem Desktop liegen, sondern in einem gesonderten Fenster, dass ungefähr die gleiche Wertigkeit hat, wie andere Fenster, die auf dem Desktop angeordnet werden können. Dies macht den Desktop tatsächlich aufgeräumter. Bleibt man in der Schreibtisch-Metapher, werden auf dem Schreibtisch praktisch Boxen aufgestellt (die man beliebig drehen und skalieren kann), in denen alle Daten, kleinen Programme und so weiter hineingelegt werden. Auf dem Schreibtisch selber liegt nichts, was nicht in den Boxen ist.

Unity

Unity war eine Bearbeitung des Gnome-Desktops, die explizit auf Netbooks zugeschnitten war. Canonical, die Firma hinter Ubuntu / Kunbuntu / Xubuntu / Edubuntu hatte die Herausforderung angenommen, den Platz auf dem Bildschirm der kleinen Rechner möglichst sinnvoll auszunutzen und – angenommen, sie stellen Arbeitsgeräte dar – die Arbeit auf ihnen möglichst effektiv zu gestalten.

Dazu wurde der Desktop quasi vollständig frei geräumt. Die Taskleiste wurde, wie das oft gehandhabt wird, an den oberen Rand verlagert (beziehungsweise wurde das direkt von Ubuntu übernommen), die wichtigsten Programme links an den Rand auf einen Dock mit einem „Ziehharmonika“-Effekt gelegt (welcher bewirkt, dass das Dock scrollbar wird, wenn die Programme und geöffneten Dateien zu viel werden). Die Programme lassen sich auf mehreren Desktops anordnen, zwischen denen per Maus und Tastatur umgeschaltet werden kann. Ansonsten bleibt der Hintergrund – also praktisch wieder die Tischoberfläche – leer.

Ubuntu ist unzufrieden mit der Entwicklung des Gnome-Desktops zu Gnome 3 (und steht damit nicht alleine) und hat deshalb beschlossen, Unity als Standard-Desktop auch für andere Rechner als Netbooks weiterzuentwickeln.

Gnome 3

Die neuste Entwicklung der Desktop-Manager stellt nun Gnome 3 dar. Gnome 3 ist der Nachfolger der Gnome 2.x-Reihe. Aufgrund dessen, dass das Gnome-Team in dieser Version sehr eigenmächtig grundlegende Entscheidungen getroffen hat, wurde es relativ heftig kritisiert. Deshalb hat sich Canonical auch entschieden, Gnome 2.x mit Unity zu forken, was allerdings bei Freier Software auch immer als Möglichkeit angelegt ist und nicht unbedingt schlecht sein muss. Insbesondere die Entscheidung, möglichst viele Einstellungsmöglichkeiten zu „verstecken“ sieht ein Großteil der Linux-Gemeinde kritisch. Allerdings argumentiert das Gnome-Team, dass es größten Wert auf die Benutzbarkeit legt und somit NutzerInnen im Blick hat, die möglichst wenig einstellen und verändern wollen. Diese gegensätzlichen Positionen haben, wie vorherzusehen war, dazu geführt, dass zahlreiche Programme programmiert wurden, um die „versteckten“ Funktionen wieder sichtbar zu machen. (Da sie eh in einzelnen Dateien stecken, können sie von Leuten, die wissen was sie tun, selbstverständlich immer mit Root-Password und einem Editor verändert werden. Aber das ist keine wirklich befriedigende Lösung.)

Die Besonderheit bei Gnome 3 ist nun, dass praktisch vollständig von der Schreibtisch-Metapher abgesehen wird. Es ist überhaupt nicht mehr möglich (außer man setzt ein extra Programm dafür ein), Dokumente und Programme auf dem Desktop abzulegen. Vielmehr trennt Gnome 3 Programme – verstanden als Funktionen – Daten und Dokumente sowie die Arbeitsflächen strikt voneinander.

Das erste Bild zeigt einen solchen Desktop (inklusive eines Bildschirmhintergrundes aus Jamaika, wie an sich alle Bildschirmhintergründe aus Jamaika sein sollten) in der aktuellen Fedora-15-Version. Die Leere der Oberfläche soll in konzentriertes Arbeiten ermöglichen, da tatsächlich nur die Dateien geöffnet werden, mit denen gerade gearbeitet wird und möglichst nichts überflüssiges im Blickfeld herumliegt.

Das Aufrufen der Programme, Dateien und Oberfläche erfolgt beispielsweise durch eine Mausgeste (Maus in die links, obere Ecke bewegen).

Bild zwei zeigt die Ansicht, die mit der Mausgeste aufgerufen wird. Sichtbar ist, dass links – wie bei Unity – die wichtigsten Programme angeordnet sind, während die auf der aktuell benutzten Oberfläche laufenden Programme in der Mitte sichtbar sind. Rechts, hier ausgefahren, sind die aufgerufenen Oberflächen sichtbar, durch die mit einem Mausklick gewechselt werden kann. In dieser Ansicht lassen sich die Programme beliebig zwischen den Oberflächen hin- und herschieben. Wird auf der letzten Oberfläche ein Programm hinzugefügt, wird automatisch einer weitere leere Oberfläche geöffnet. Andere leere Oberflächen verschwinden hingegen.

Der Aufruf einer Oberfläche – zwischen denen dann auch noch per Tastaturkürzel gewechselt werden kann – zeigt dann nur die dort laufenden Programme an, wie in Bild 3 zu sehen ist. (Wobei hier ein Netbook verwendet wurde und die Oberfläche bei zwei laufenden Programmen – Gimp und der Dateimanager – schon voll aussieht. Aber wie viel voller würde es mit Dateien auf dem Desktop und anderen laufenden Programmen im Hintergrund aussehen?

Das vierte Bild zeigt noch einmal die Ansicht mit allen Programmen, die – wie rechts am Rand sichtbar ist – auch noch einmal in Gruppen unterteilt sind, an. Durch die laufenden Programme kann zudem, wie bei fast allen anderen Desktop-Managern, per Alt+Tab gewechselt werden, zudem lässt sich – zumindest in der Fedora-Version, die ich hier gerade nutze – alles auch per Tastatur aufrufen, wie sich dies für Linux gehört.

Fragen zum Desktop

Wie Gnome 3 wirklich funktioniert, lässt sich in Bilder nicht gut ausdrücken. Dies gilt auch für die anderen Manager. Ich hoffe allerdings, dass sichtbar geworden ist, wie veränderlich bestimmte Konzepte der Mensch-Computer-Kommunikation sind, die heutzutage fast alternativlos verwendet werden.

  • Warum muss sich zum Beispiel der Desktop als Schreibtisch vorgestellt werden? Bei Gnome 3 ist er eine Fläche, die aufgerufen wird, wenn sie nötig ist. Warum die Beschränkung auf einen Desktop, der immer da ist?
  • Warum müssen Programme und Dateien eigentlich die gleiche Wertigkeit haben, wie dies auf dem Windows-Desktop, aber auch anderen Desktops, durch quasi gleichwertige Icons symbolisiert wird? Eigentlich sind dies zwei unterschiedliche Dinge.
  • Warum müssen Programme als Programme begriffen werden, wenn sie doch – wie das bei Sugar umgesetzt ist – auch als Funktionen genutzt werden können?
  • Noch nicht in Gnome 3 integriert, weil es entgegen der Pläne noch nicht fertig ist, ist der Dateimanager Zeitgeist. Zeitgeist soll die Daten nicht hierarchisch strukturieren (also in Ordnern und Unterordnern), sondern nach dem Zeitpunkt und der Häufigkeit des Aufrufs. Zudem sollen Dateien mehrfach in Gruppen geordnet werden können (ungefähr so, wie man im OPAC Medien mehreren Sammlungen zuordnen kann, während sie bekanntlich in der realen Bibliothek immer nur an eine Stelle gestellt werden können). Wie sich dies handhabt, muss man sehen, wenn Zeitgeist in einigen Monaten fertig ist. Aber auch hier stellt sich die Frage, warum Daten eigentlich hierarchisch strukturiert werden müssen.

Die Beschäftigung mit den unterschiedlichen Desktop-Managern und den dahinter stehenden Konzepten lässt immer wieder neu solche und ähnliche Fragen aufkommen. Es wäre zu wünschen, wenn sich im Bibliothekswesen, wo so viel von „Informationskompetenz“ geredet wird, auch über diese Fragen gesprochen wird. Ansonsten ist diese Rede nicht wirklich ernst zu nehmen – wer die Alternativen nicht kennt, kann auch keine Kompetenz aufbauen oder gar den Aufbau bei anderen unterstützen. Das Arbeiten mit und auf dem Windows-Desktop, zumindest das Unreflektierte, führt selbstverständlich dazu, dass man die Arbeit am Rechner nur in einer Weise begreift, welche den Möglichkeiten und auch den eigentlichen Denkvorgängen beim Arbeiten am Rechner nicht unbedingt gerecht werden muss.

Sicherlich ist Gnome 3 noch lange kein Desktop-Manager, der für Menschen, die noch nie etwas auf der Kommandozeile getan haben, als produktive Arbeitsoberfläche zu empfehlen wäre. Als Testumgebung und Anregung zum Nachdenken über die Arbeit am Rechner und auch den Umgang mit Daten, ist er allerdings neben Sugar, KDE, dem „alten“ Gnome und Unity unbedingt im Blick zu halten.