(Tagebuchfunktion V): Polemik

Why should it be called a public library – a library that serves the general public, somewhere that ist everything to everyone – when libraries only serve a small section of the population? In this situation [das vorrangig die gebildete, weisse Mittelklasse in Brasilien die Bibliotheken benutzt] there are two alternatives: either the community should be segmented and high quality work should be done for the benefit of a specific section of the public, or we should be modest and change the name from public library to library for a small group of students who wish to photocopy encyclopaedias. [Suaiden, Emir José / The social impact of public libraries. – In: Library Review, 52 (8) 2003, pp. 379-387] [In Spanisch bei E-LIS]

Zusammenfassung der Teilstudie „Öffentliche Bibliotheken und Soziale Gerechtigkeit“

Die Beantwortung der Grundfrage, wie Öffentliche Bibliotheken in Deutschland sich unter dem Fokus Sozialer Gerechtigkeit als gesellschaftliche Einrichtungen verstehen lassen, scheiterte an zwei Faktoren.
Einerseits ist Soziale Gerechtigkeit eine Zielbeschreibung fast aller gesellschaftlich relevanten Akteurinnen und Akteure, wird allerdings gleichzeitig von diesen vollkommen unterschiedlich verstanden. Dies wird in der Studie, nach einer Diskussion des Problems, anhand der Aussagen zu Sozialer Gerechtigkeit aus den Grundsatzprogrammen der aktuell bedeutsamen deutschen Parteien verdeutlicht. Auch der Versuch, Öffentliche Bibliotheken in die in Deutschland in den letzten Jahrhunderten relevant gewordenen Ungerechtigkeitstheorien (Marx/Engels, Weber, Parsons, Dahrendorf, Geißler, Bolte, Prestigemodelle seit den 1970ern, Milieu- und Lebensstilstudien, Hradil, Beck, Bourdieu) einzuordnen und dort ihren gesellschaftlichen Ort zu bestimmen, führte zu keinem zu verallgemeinernden Ergebnis, sondern zu je Modell spezifischen Aufgaben und Orten von Öffentlichen Bibliotheken.
Andererseits ist auch die Praxis von und Diskussion um Öffentliche Bibliotheken nicht eindeutig auf soziale Gerechtigkeit zu beziehen. Dies weniger, weil nicht klar ist, welchem Modell von Sozialer Gerechtigkeit sie folgen würden, sondern aufgrund zu weniger Daten über die Bibliothekspraxis. Die stattdessen immer wieder offensiv vorgetragene Vorstellung, durch Öffentliche Bibliotheken Informationen egalitär und frei zur Verfügung zu stellen, ist als normative Vorstellung nur bedingt geeignet, die Interventionsmöglichkeiten von Bibliotheken zu beschreiben. Genauer diskutiert dies die Studie diskutiert anhand der Differenzierung von normativer und empirischer Gerechtigkeitsforschung durch das International Social Justice Project genauer.
Ergebnis der Studien ist eine Systematisierung von notwendig zu erhebenden Daten, die sich in der aktuellen bildungssoziologischen und erziehungswissenschaftlichen Diskussion, aber auch der englischsprachigen Library and Information Science als relevant für die Bestimmung der Wirkungen von Bildungseinrichtungen erwiesen haben. Dies sind vor allem:

  • Alter
  • Einkommen / Verfügbares Kapital
  • Geschlecht
  • Bildungshintergrund
  • Migrationshintergrund / -status
  • Schicht / Milieu
  • Beruf
  • Bildungserfahrung
  • Individuelle Ausprägungen

Zudem formuliert die Studie Forschungsperspektiven und Thesen in Bezug auf Soziale Gerechtigkeit von Bibliotheken. Sie schlägt folgende Forschungsprojekte vor:

  • Empirische Untersuchungen zur Nutzerinnen- und Nutzerstruktur von Öffentlichen Bibliotheken
  • Empirische Untersuchungen zu Prestige, Bildungswirkung und Stellung von Öffentlichen Bibliotheken
  • Biographische Studien zu Prestige und Bildungswirkung von Öffentlichen Bibliotheken
  • Teilnehmende Beobachtungen und Interviews zu Lernvorgängen in Öffentlichen Bibliotheken
  • Untersuchungen zu Gründen der Nichtbenutzung von Öffentlichen Bibliotheken
  • Überblicksdarstellungen zu Interventionsmöglichkeiten von Öffentlichen Bibliotheken
  • Untersuchungen zur Reichweite von Interventionsmöglichkeiten
  • Entwicklung von Bibliothekskompetenzmodellen

In einer Nachschrift erinnert die Studie daran, dass Soziale Gerechtigkeit ein politisches Projekt ist, dass in seiner Ausrichtung immer Ergebnis politischer Diskussionen und Aushandlungsprozesse sein muss. Öffentliche Bibliotheken und deren wissenschaftliche Begleitung können eine solche Praxis unterstützen, aber nicht selbstständig begründen. Die Vorstellungen vom freien Informations- und Medienzugang durch Bibliotheken werden dabei, ebenso wie die aktuelle Praxis der sozialen Bibliotheksarbeit, als zwar bedeutsame, aber doch unzureichende Ansätze beschrieben.

Zur Pause

Krankheit, Arbeit und Stress verhinderten gleich zu Anfang, dass dieser Weblog hier geführt wird. Das soll besser werden. Wirklich.
Dennoch ist weiter gearbeitet worden.

Kurz zum Aufbau der Promotion:
Im ersten Jahr soll der theoretischen Rahmen gezeichnet werden. Dazu werden einige Teilstudien durchgeführt, von denen eine fertig ist und sich eine weitere (etwas verspätet) in der Korrekturphase befindet. Im zweiten Jahr sollen Instrumente zur Evaluation des Bildungseffektes von Bibliotheken formuliert und an einzelnen, herausragenden Bespielen getestet werden. Im dritten Jahr dann sollen diese Instrumente „in der Fläche“ (größere Regionen) ausprobiert und zu individuell von Bibliotheken zu Nutzenden weiterentwickelt werden. Das soll beschrieben und im dritten Jahr auch als Text abgeschlossen werden.

Ob jetzt die Teilstudien schon vorher veröffentlicht werden dürfen, wenn sie in de Promotion einfließen, dass muss der Prüfungsausschuss der Fakultät noch entscheiden. Machen werde ich sie trotzdem.
Die erste beschäftigt sich mit dem bibliothekarischen Bildungsbegriff, die zweite mit dem Verhältnis von Öffentlichen Bibliotheken und Sozialer Gerechtigkeit. Die Teilstudie, welche ich gerade begonnen habe, wird sich mit Beispielen bibliothekarischer Bildung in anderen Ländern befassen.
Soweit der Stand.