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Was können Bibliotheken tun? (IV)

Aus der Sicht der Nutzer/innen sind besonders die Bibliotheken, aber auch allgemeine Bildungsangebote (z.B. Abendschulen) nicht mit formalen Anforderungen, frühem Schulversagen etc. verbunden. Dadurch bietet sich ihnen die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und Erfarungen mit selbstbestimmten Lernprozessen zu machen, die wiederum auf lange Sicht helfen können, die Grenzen in Bezug auf das formale Bildungssystem zu überwinden. [S.20]
[Tønder Jessing, Carla (2006): Verknüpfung von unterschiedlichen Lernkontexten als Herausforderung : Learning Centres in Dänemark. – In: Stang, Richard ; Hesse, Claudia [Hrsg.] / Learning Centres : Neue Organisationskozepte zum lebenslangen Lernen in Europa. – Bielefeld : W. Bertelsmann Verlag, 2006, S. 19-36]

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Was können Bibliotheken tun? (III)

„This article has provided [statistical] evidence that large social differences in public library use [in the Flemish part of Belgium] remain even when public libraries are nearby, have large collections, and are inexpensive to use. […]
If the analysis presented here does not give cause to excessive optimism, it also raises the question as to how far the demands that are placed on public libraries prove to be realistic. There are certain steps that libraries and library staff can undertake,but they can only do so much. If public libraries want to develop new strategies to achieve their goals of cultural diffusion and democratization, they cannot do this in isolation. Tackling the social inequalities that characterize library use will have to involve close cooperation with other cultural and social institutions. It will also involve improved scientific knowledge of the relationships between public libraries, local communities, and library users.“ [p.202]
[Glorieux, Ignace ; Kuppens, Toon ; Vandebroeck, Dieter / Mind the gap : Societal limits to public library effectiveness. – In: Library & Information Science Research, 29, 2007, pp. 188-208]

Barriers to public library use

Japan is a very safe country with low levels of crime and thus the books can be freely available to all, without the fear that they will be stolen or damaged. [p.34]

Dies ist eine Begründung für – nun ja – Buch-Kabinette (selber anschauen), die im Botanischen Garten in Kyoto zur freien Verfügung stehen. Sandra Parker, von der dieser Satz stammt, vergleicht in ihrem Artikel die Öffentlichen Bibliotheken in Japan und Großbritannien. [Parker, Sandra / The performance measurement of public libraries in Japan and the UK. – In: Performance Measurement and Metrics, 7 (1) 2006, pp. 29-36] Dabei kann sie weitere Unterschiede anführen, wie die weitreichende Mitarbeit von Freiwilligen in japanischen Bibliotheken; Bibliotheken – ebenfalls in Japan -, die keine Überziehungsgebühren verlangen, sondern die Nutzerinnen und Nutzer für die Zeit, die ein Buch zu spät abgegeben wurde, sperren. Oder für Großbritannien die Nutzung von externen Geldquellen zur Finanzierung von Projekten und die Konzentration auf Social Inclusion.
Als ein Ergebnis ihres Vergleiches hält sie fest, dass die Messung der Leistung von Bibliotheken ihren Sinn immer nur im Rahmen der jeweiligen Gesellschaften hat. Bibliotheken, die wie in Japan als öffentlicher Raum genutzt werden, haben andere Anforderungen zu erfüllen, als Bibliotheken, die als Ort der Integration gelten, wie Großbritannien.

Von größerem Interesse ist aber eine Tabelle „The barriers to public library use“, die sie aus dem Bericht Neighbourhood Renewal and Social Inclusion [Parker, Sandra ; Waterston, Ken ; Michaluk, Gerald ; Rickard, Louise (2002) / Neighbourhood Renewal and Social Inclusion: the role of museums, archives and libraries, Resource 2002, report by School of Information Studies, Northumbria University and Marketing Management Services International, Glasgow. Reviews projects and gives case studies of good practice] zusammen gestellt hat. Diese Barrieren bieten einerseits Erklärungsansätze, warum Menschen Öffentliche Bibliotheken nicht nutzen, andererseits aber zeigen sie Bereiche auf, die geändert werden können, um Bibliotheken „offener“ zu machen:

Institutional
Opening hours
Staff with negative attitudes and behaviour
Rules and regulations
Collection policies
Lack of user-friendly signage in buildings
Inappropriate labelling
Inadequate provision for people with disabilities
Financial: charging policies; short-term funding
Lack of differentiated resources
Complex language
No promotion or marketing to the excluded
Focus on numbers and not people
Lack of knowledge of the local community
Tokenism
Lack of facilities, e.g. toilets, babychange
Sustainability

Personal and social
Low income and poverty
Lack of basic skills
People who are educationally disadvantaged
Direct and indirect discrimination
Lowself-esteem and lack of confidence
No permanent fixed address

Perceptual and awareness “Not for us”
People who live in isolation from wider society
No awareness of facilities or services and how to use them
People who don’t see libraries as relevant to their lives
Libraries seen as purely educational and not as a social space
Staff seen as “authority” figures

Environmental
Isolation, e.g. rural community
Poor transport links
Problem estates and urban decay
Location and visibility
Building appearance

[Table 1. The barries to public library use, Parker (2006),p. 32]

(Tagebuchfunktion V): Polemik

Why should it be called a public library – a library that serves the general public, somewhere that ist everything to everyone – when libraries only serve a small section of the population? In this situation [das vorrangig die gebildete, weisse Mittelklasse in Brasilien die Bibliotheken benutzt] there are two alternatives: either the community should be segmented and high quality work should be done for the benefit of a specific section of the public, or we should be modest and change the name from public library to library for a small group of students who wish to photocopy encyclopaedias. [Suaiden, Emir José / The social impact of public libraries. – In: Library Review, 52 (8) 2003, pp. 379-387] [In Spanisch bei E-LIS]

Zusammenfassung der Teilstudie „Öffentliche Bibliotheken und Soziale Gerechtigkeit“

Die Beantwortung der Grundfrage, wie Öffentliche Bibliotheken in Deutschland sich unter dem Fokus Sozialer Gerechtigkeit als gesellschaftliche Einrichtungen verstehen lassen, scheiterte an zwei Faktoren.
Einerseits ist Soziale Gerechtigkeit eine Zielbeschreibung fast aller gesellschaftlich relevanten Akteurinnen und Akteure, wird allerdings gleichzeitig von diesen vollkommen unterschiedlich verstanden. Dies wird in der Studie, nach einer Diskussion des Problems, anhand der Aussagen zu Sozialer Gerechtigkeit aus den Grundsatzprogrammen der aktuell bedeutsamen deutschen Parteien verdeutlicht. Auch der Versuch, Öffentliche Bibliotheken in die in Deutschland in den letzten Jahrhunderten relevant gewordenen Ungerechtigkeitstheorien (Marx/Engels, Weber, Parsons, Dahrendorf, Geißler, Bolte, Prestigemodelle seit den 1970ern, Milieu- und Lebensstilstudien, Hradil, Beck, Bourdieu) einzuordnen und dort ihren gesellschaftlichen Ort zu bestimmen, führte zu keinem zu verallgemeinernden Ergebnis, sondern zu je Modell spezifischen Aufgaben und Orten von Öffentlichen Bibliotheken.
Andererseits ist auch die Praxis von und Diskussion um Öffentliche Bibliotheken nicht eindeutig auf soziale Gerechtigkeit zu beziehen. Dies weniger, weil nicht klar ist, welchem Modell von Sozialer Gerechtigkeit sie folgen würden, sondern aufgrund zu weniger Daten über die Bibliothekspraxis. Die stattdessen immer wieder offensiv vorgetragene Vorstellung, durch Öffentliche Bibliotheken Informationen egalitär und frei zur Verfügung zu stellen, ist als normative Vorstellung nur bedingt geeignet, die Interventionsmöglichkeiten von Bibliotheken zu beschreiben. Genauer diskutiert dies die Studie diskutiert anhand der Differenzierung von normativer und empirischer Gerechtigkeitsforschung durch das International Social Justice Project genauer.
Ergebnis der Studien ist eine Systematisierung von notwendig zu erhebenden Daten, die sich in der aktuellen bildungssoziologischen und erziehungswissenschaftlichen Diskussion, aber auch der englischsprachigen Library and Information Science als relevant für die Bestimmung der Wirkungen von Bildungseinrichtungen erwiesen haben. Dies sind vor allem:

  • Alter
  • Einkommen / Verfügbares Kapital
  • Geschlecht
  • Bildungshintergrund
  • Migrationshintergrund / -status
  • Schicht / Milieu
  • Beruf
  • Bildungserfahrung
  • Individuelle Ausprägungen

Zudem formuliert die Studie Forschungsperspektiven und Thesen in Bezug auf Soziale Gerechtigkeit von Bibliotheken. Sie schlägt folgende Forschungsprojekte vor:

  • Empirische Untersuchungen zur Nutzerinnen- und Nutzerstruktur von Öffentlichen Bibliotheken
  • Empirische Untersuchungen zu Prestige, Bildungswirkung und Stellung von Öffentlichen Bibliotheken
  • Biographische Studien zu Prestige und Bildungswirkung von Öffentlichen Bibliotheken
  • Teilnehmende Beobachtungen und Interviews zu Lernvorgängen in Öffentlichen Bibliotheken
  • Untersuchungen zu Gründen der Nichtbenutzung von Öffentlichen Bibliotheken
  • Überblicksdarstellungen zu Interventionsmöglichkeiten von Öffentlichen Bibliotheken
  • Untersuchungen zur Reichweite von Interventionsmöglichkeiten
  • Entwicklung von Bibliothekskompetenzmodellen

In einer Nachschrift erinnert die Studie daran, dass Soziale Gerechtigkeit ein politisches Projekt ist, dass in seiner Ausrichtung immer Ergebnis politischer Diskussionen und Aushandlungsprozesse sein muss. Öffentliche Bibliotheken und deren wissenschaftliche Begleitung können eine solche Praxis unterstützen, aber nicht selbstständig begründen. Die Vorstellungen vom freien Informations- und Medienzugang durch Bibliotheken werden dabei, ebenso wie die aktuelle Praxis der sozialen Bibliotheksarbeit, als zwar bedeutsame, aber doch unzureichende Ansätze beschrieben.

Zur Pause

Krankheit, Arbeit und Stress verhinderten gleich zu Anfang, dass dieser Weblog hier geführt wird. Das soll besser werden. Wirklich.
Dennoch ist weiter gearbeitet worden.

Kurz zum Aufbau der Promotion:
Im ersten Jahr soll der theoretischen Rahmen gezeichnet werden. Dazu werden einige Teilstudien durchgeführt, von denen eine fertig ist und sich eine weitere (etwas verspätet) in der Korrekturphase befindet. Im zweiten Jahr sollen Instrumente zur Evaluation des Bildungseffektes von Bibliotheken formuliert und an einzelnen, herausragenden Bespielen getestet werden. Im dritten Jahr dann sollen diese Instrumente „in der Fläche“ (größere Regionen) ausprobiert und zu individuell von Bibliotheken zu Nutzenden weiterentwickelt werden. Das soll beschrieben und im dritten Jahr auch als Text abgeschlossen werden.

Ob jetzt die Teilstudien schon vorher veröffentlicht werden dürfen, wenn sie in de Promotion einfließen, dass muss der Prüfungsausschuss der Fakultät noch entscheiden. Machen werde ich sie trotzdem.
Die erste beschäftigt sich mit dem bibliothekarischen Bildungsbegriff, die zweite mit dem Verhältnis von Öffentlichen Bibliotheken und Sozialer Gerechtigkeit. Die Teilstudie, welche ich gerade begonnen habe, wird sich mit Beispielen bibliothekarischer Bildung in anderen Ländern befassen.
Soweit der Stand.