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Eigenständiges Lernen im Makerspace einer Bibliothek. Ein australisches Beispiel

Bibliotheken müssen im Bezug auf eigenständige Bildungsaktivitäten (also solchen, die nicht im Zusammenhang mit Schule / Ausbildung / Hochschule stattfinden) mit einem Paradox umgehen: Sie würden gerne einer der Orte sein, die solche Bildungsaktivitäten unterstützen – wofür sie in gewisser Weise auch sinnvoll sind –, aber gleichzeitig ist es schwierig, aufgrund der Freiwilligkeit, mit der diese Aktivitäten durch die potentiellen Lernenden durchgeführt wird, mehr zu tun, als Angebote an Räumen und Medien zu machen. (Wobei das nicht unterschätzt werden sollte.) Man kann niemand dazu nötigen, eine solche Bildungsaktivität durchzuführen; gleichzeitig ist bekannt, dass die Motivation bei solchen Bildungsaktivitäten viel höher ist, als bei angeleiteten, also zum Beispiel Schulprojekten. Mark Bilandzic, der offenbar die bestimmt gute Entscheidung getroffen hat, aus Deutschland nach Australien auszuwandern, um dort an einem PhD zu arbeiten, berichtet in einem Artikel über eine Aktivität der State Library of Queensland (Brisane), welche dieses Paradox relativ erfolgreich angeht. Gleichzeitig scheint mir dieser Text eine der intensivsten publizierten Auseinandersetzungen mit diesem Paradox darzustellen. [Bilandzic, Mark (2013) / Connected learning in the library as a product of hacking, making, social diversity and messiness. In: Interactive Learning Environments (In Press), http://eprints.qut.edu.au/61355/]

Bilandzic betont im theoretischen teil seiner Arbeit, dass Bibliotheken und ähnliche Einrichtungen zwar Räume für soziales Lernen zur Verfügung stellen können und ohne solche Räume soziales Lernen auch nicht stattfinden kann, aber das solche Räume nicht automatisch zu sozialem Lernen führen. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie Bibliotheken quasi den Sprung vom reinen Angebot des Raumes zum Anstossen direkter Lernprozesse gehen können.

In der State Library of Queensland findet sich – wie in zunehmend mehr Bibliotheken im englischsprachigen Raum – eine „The Edge“ genannte Einrichtung, welche als Learning Commons funktioniert. Learning Commons sind Räume, die Lern- und Arbeitsgeräte zur freien Verfügung stellen und zudem einen Raum schaffen, in denen unterschiedliche Lernprozesse möglich sind. The Edge ermöglicht es zum Beispiel, Computer und Arbeitsräume zu mieten, bietet täglich, ausser Montags, Workshops sowie drei thematische Labs (screen and sound, mobile and physical, record and mix) zur Benutzung an. Allerdings, so Bilandzic, motiviert dieser Raum nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre, gemeinsames Lernen.

„[…] outside of such workshops, i.e. when The Edge simply functions as a free space with infrastructure for people to work, study and engage in self-driven activities around digital culture, most people work next to each other in isolation, rather than with each other. When collaborative activities were observed, then mostly among people who have known each other prior to coming to The Edge. The conceived vision of The Edge’s designers as a space for serendipitous encounters and collaborative, incidental learning did not translate into user activities during their everyday visits.” (Bilandzic 2013, p. 5)

Der Autor versuchte erfolgreich, dieses Nebeneinander-her-arbeitens mit einer Gruppe namens „Hack The Edge“ zu überwinden. Diese, immer noch wöchentlich angebotene Gruppe („Weekly on Thursday, forever“), hat das Ziel, unterschiedliche Personen zusammen dazu zu bringen, voneinander zu lernen. In der kostenlosen Gruppe treffen sich Menschen, die mit unterschiedlichen Hintergründen (technisch, kreativ etc.) an offenbar eher technischen Projekten arbeiten wollen – Basteln mit Hard- und Software wäre vielleicht der richtige Ausdruck dafür. In der ersten Sitzung dieser Gruppe versuchte Bilandzic mit einer halbstündigen Einführung in einen Open Source Hard- und Software-Satz das „Hacking“ zu motivieren. Allerdings wollten die Anwesenden offenbar lieber selber an Projekten arbeiten. Die Mitglieder der losen Gruppe formten schnell eine eigene Agenda mit gemeinsamen Projekten aus, treffen sich in The Edge auch vor den offiziellen Treffzeiten und nutzen den Raum in wechselnden Projekten. Die Gruppe hat einige ständige und viele wechselnde Mitglieder.

Bilandzic, welcher die Gruppe praktisch organisiert, führte nach der ersten Sitzung und zu einem späteren Zeitpunkt als Follow-Up Fokusgruppen-Interviews durch. Zudem ergänzte er sie mit weiterführenden Interviews mit Beteiligten an der Gruppe. Als Ergebnis dieser Untersuchungen berichtet er folgendes:

  • Die Beteiligten an der Gruppe kommen mit sehr unterschiedlichen Kompetenzen. Es gibt zum Beispiel einige Mitglieder des lokalen Hackerspaces, welche die Diversität der Gruppe im Gegensatz zum Hackerspace herausstellen. Ihrer Meinung nach sind die Personen bei Hack The Edge weit kreativer, die im Hackerspace technisch kompetenter.
  • Ebenso kommen die Personen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen. Bilandzic führt zum Beispiel an, dass Teile der Gruppe nach der Schliessung der Bibliothek (um 20:00) in eine Snackbar weiterzieht. Ein Teil der Gruppe kann diese Treffen aus finanziellen Gründen nie folgen. Insoweit finden sich Menschen in Armut und Menschen in sichereren finanziellen Lagen in der Gruppe wieder. Zudem betont er, dass in The Edge auch Frauen und Kinder kämen, die in sonstigen, ähnlichen Settings eher nicht anzutreffen wären.
  • Die Beteiligten an der Gruppe engagieren sich nach jeweils eigenen Agenden, die unter ihnen ausgehandelt (und immer wieder verändert) werden. Zudem lernen sie direkt in einem sozialen Zusammenhang. Der Autor stellt dies eher vorgegebenen Agenden gegenüber, bei denen eher weniger selbstbestimmtes Lernen stattfindet. Seiner Auswertung nach erfolgt das Lernen in der Gruppe aus intrinsischer Motivation, selbstgesteuert und sozial. Hierfür führt er auch die genannten Nachtreffen in der Snackbar an, bei denen die Gespräche zwischen den sehr unterschiedlichen Teilnehmenden schnell zwischen Lerninhalten und sozialen Themen wechseln. (Kneipengespräche auf einer höheren Ebene, quasi.)
  • Brilandzic stellt heraus, dass der Habitus der Bibliothek zu diesem Lernen in der Gruppe beiträgt. Für ihn zeichnet sich der Raum The Edge dadurch aus, „a universal, open and socially inclusive space“ (Brilandzic 2013, 9) zu sein. (Wobei daran erinnert werden muss, dass der Zugang zu australischen Bibliotheken per se relaxter gehandhabt wird als in der Schweiz oder Deutschland. Zum Beispiel scheint niemand Taschen oder Sachen abzugeben, bevor er oder sie eine australische Bibliothek betritt. Man sollte nicht sofort schliessen, dass gerade die sozial inklusive Rolle in der Schweiz oder Deutschland genauso gut von den Bibliotheken übernommen wird.) Dieser Habitus zieht im Vergleich zu einer ähnlichen Veranstaltungsform – nämlich eine offene Gruppe zum Hacken von Hard- und Software – weit andere Personen an, als der Hackerspace, welcher solche Runden selbstverständlich – wie quasi jeder andere Hackerspace – auch im Programm hat.
  • Das Lernen bei Hack The Edge ist eher ungerichtet. Die Personen begreifen die Gruppe zum Teil als Ort für Projekte, teilweise als loses soziales Netzwerk. Bei Aktivitäten innerhalb der Gruppe lernen sie etwas, aber dies steht nicht im Vordergrund.

Was Bilandzic mit seinem Beispiel zeigt, ist, dass Lernen in Bibliotheken nicht stattfindet, indem der Raum Bibliothek zum Lernort umgestaltet wird. Der Raum Bibliothek mit seinem Habitus, seinem Angeboten und so weiter ist eine gute Grundlage für selbstgesteuertes Lernen, aber kein Garant für solches Lernen. (Wobei auch der Zustand, dass Menschen in die Bibliothek kommen, um alleine oder mit Menschen, die sie schon kennen, zu lernen, nicht per se schlecht ist. Es stimmt aber nicht mit dem Selbstbild vieler Bibliotheken – in Australien oft noch mehr als im deutschsprachigen Raum – als Ort, welcher Lernen motiviert, überein.) Lernmöglichkeiten müssen und können geschaffen und beständig neu initiiert werden; gleichzeitig funktionieren sie offenbar über die Freiwilligkeit der Teilnahme.

Eine gewichtige Einschränkung ist selbstverständlich, dass sich die Bibliothek in Brisbane in einer Millionenstadt, zudem einer australischen – was heisst, einer mit global gesehen wenigen sozialen Friktionen – befindet. Eventuell funktionieren solche Modelle nur in bestimmten Regionen oder Städten (die sich allerdings im deutschsprachigen Raum mit hoher Wahrscheinlichkeit auch finden), eventuell benötigen sie eine bestimmte Anzahl von Personen, um sich ständig zu erneuern. Wichtig scheint mir an dem Beispiel und dem Text aber vor allem, dass der Autor die Grenzen selbst der bestausgestatteten Lernorte (oder auch Makerspaces) benennt und erfolgreich versucht zu klären, wie mit diesen umgegangen werden kann.

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Das Unbehagen mit der Informationskompetenz

Es gibt ein Unbehagen mit der Informationskompetenz, eines das langsam, aber merkbar zunimmt und nicht weggeht mit der Zeit. Dieses Unbehagen äussert sich eher leise. Nicht so auftrumpfend laut wie diejenigen, welche Informationskompetenz in den letzten Jahren zu einem ihrer Hauptthemen gemacht haben. Denn die gibt es auch, fraglos. Das Handbuch Informationskompetenz [Sühl-Strohmenger, Wilfried (Hrsg.) / Handbuch Informationkompetenz. Berlin: de Gruyter, 2012] beispielweise ist voll von solchem lauten Auftreten; auch die Vorträge zum Thema auf den Bibliothekskongressen (egal in welchem der deutschsprachigen Länder) sind immer voll und werden beherrscht von Vortragenden, die sehr klar ihre Meinung sagen. Und viele, viele hören zu. Kritik gibt es, wenn überhaupt, an den Umsetzungen. Es sieht dann auch oft gut aus: Immer mehr Angebote, Kurse, welche in die Curricula von Hochschulen eingebunden werden, steigende Zahlen von Teilnehmenden, Nachfragen von ausserhalb der Bibliotheken, Erklärungen zur Informationskompetenz von Forschungsfördereinrichtungen und politischen Gremien werden berichtet.

Meeeeeeeeeh.

Aber wer einmal genauer hinhört, spürt meines Erachtens doch ein wachsenden Unbehagen.

  • Immer wieder hört man auf den Gängen der Bibliotheken, in den Ausbildungseinrichtungen, in den privaten Gesprächen zwischen bibliothekarisch und bibliothekswissenschaftlich Tätigen Zweifel daran, dass Informationskompetenz wirklich so wichtig ist, wie es gehandelt wird. Ist es nicht eher doch ein kleiner Teilbereich bibliothekarischer Arbeit? Ist es nicht eher ein Nebenschauplatz, der gross geredet wird?
  • In diesen Gesprächen klingt von Zeit zu Zeit der Zweifel an, ob das, was als Informationskompetenz beschrieben wird, wirklich etwas ist, was Bibliotheken vermitteln könnten und sollten. Ist nicht das, was Bibliotheken tun, heute mehr und strukturierte Rechercheschulungen durchzuführen? (Was nicht schlimm ist, aber: Ist das wirklich Informationskompetenz? Ist das nicht etwas zu hoch gegriffen?)
  • Von den Öffentlichen Bibliotheken her klingt unter der Hand immer wieder die Frage, ob es sich bei der Informationskompetenz nicht um ein Konzept handelt, dass vielleicht für Wissenschaftliche Bibliotheken wichtig wäre, aber: Ist es für Öffentliche Bibliotheken interessant?
  • In den Ausbildungsgängen (die ja wohl alle mindestens einen Kurs [ein Modul, ein Seminar etc.] zu diesem Thema eingerichtet haben) erntet man von den Studierenden immer mehr ein müdes, abwehrendes Lächeln, wenn man das Thema anspricht; eines das zu sagen scheint: „Ja ja, schon gehört. Informationskompetenz. Aber das überzeugt uns nicht mehr. Erzähl was neues, bitte.“
  • In den Redaktionen bibliothekarischer Zeitschriften und den Gremien, die Abschlussarbeiten zulassen; in den Vereinigungen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, welche Konferenzen und Weiterbildungen organisieren; in den losen Netzwerken wird; so hört und sieht man; immer wieder einmal mit den Augen gerollt, wenn das Wort fällt. Sicher: Die Artikel werden nicht abgelehnt, die Abschlussarbeiten zugelassen, die Vorträge abgenickt, die Weiterbildungen angeboten. Doch es scheint, als wäre langsam aber sicher die Luft raus aus dem Thema. Die Anekdoten zu diesem Unwollen häufen sich, auch wenn sie nicht offen berichtet werden.
  • Und wieder ein anderer Teil der Kolleginnen und Kollegen möchte gleich weiter. Informationskompetenz sei nicht mehr ausreichend, Datenkompetenz muss es sein – was gute Gründe hat (Wachstum der Forschungsdaten, Open Data etc.). Oder halt an die Kompetenz muss noch mehr angedockt werden, zum Beispiel mit ordentlichem wissenschaftlichen Arbeiten und nicht nur Recherchieren (was eigentlich eh Teil der Information Literacy ist, aber „in der Übersetzung“ am Anfang der Debatten um Informationskompetenz im deutschsprachigen Raum „irgendwie“ verschwunden ist).

Remember 2000: Wir werden unnötig.

Ist das nur mein Eindruck? Ich denke nicht. Was ist den passiert in den letzten Jahren? Anfang der 2000er Jahre kam das Thema Informationkompetenz auf, wurde gross beworben, in den Bibliotheksalltag integriert. Es sei, so tönte es, ein Konzept aus den englischsprachigen Bibliothekswesen. (Das stimmt so nicht. Die Übersetzung von Literacy ist nicht Kompetenz und das aus einem guten Grund: Das sind zwei unterschiedliche Konzepte. Auch wurde bei der „Übersetzung“ in die deutschsprachigen Bibliothekswesen einiges auf der Strecke gelassen, insbesondere die Fähigkeit zum Verarbeiten von Informationen. Aber so recht schien das niemand zu interessieren. Vielleicht hat es auch niemand richtig nachgeprüft.) Das Konzept sollte in gewisser Weise die Bibliotheken retten. Sie würden bald untergehen: Stichwort Digitale Medien, Buchverkauf übers Internet, immer schnelleres Studium. Studierende würden diese Kompetenz benötigen, so tönte es weiter, ansonsten würden sie im Studium nicht mehr bestehen können; würden nicht mehr wissenschaftlich arbeiten können. Und zudem seien Bibliotheken der Ort, wo diese Kompetenz schon angesammelt sei und angeboten werden könnte. (Wieder hat kaum jemand bemerkt, dass von Anfang an davon geredet wurde, dass Informationskompetenz vermittelt werden soll, obgleich der Witz an Kompetenzen in der Pädagogik eigentlich ist, dass sie nicht vermittelt, sondern von den Lernenden aufgebaut werden. Aber vielleicht wollte wieder nur niemand genau hinschauen.) Immerhin: Die Argumentation klang gut.

Unterfüttert wurde sie damals auch noch mit der Panik, welche die PISA-Studien ausgelöst hatten; obgleich in diesen Studien nicht wirklich etwas über Informationsnutzung etc. stand. Aber damals, 2002, 2003, konnte man fast alles mit den PISA-Studien begründen, ohne das es einen richtigen Zusammenhang zu diesen geben musste. Heute tauchen die Studien kaum noch in den Debatten auf.

Nun, einige Jahre später, wie sieht die Realität aus? Es gibt an fast allen grösseren Wissenschaftlichen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum Personen, die für Informationskompetenz zuständig sind; oft sind diese Stellen mit sehr engagierten Kolleginnen und Kollegen besetzt. Ebenso gibt es an den meisten dieser Bibliotheken strukturierte Angebote für Studierende und zum Teil auch für Forschende unter diesem Motto. Teilweise gibt es auch Kurse, die im Studium integriert wurden.

Aber: Ist es das wirklich, was versprochen wurde?

Was ist eigentlich wirklich passiert?

Zum ersten: Entgegen der Panik, die noch vor einigen Jahren verbreitet war, sind Bibliotheken nicht untergegangen. Sie haben sich verändert, sind zum Beispiel zur Verwalterinnen von elektronischen Medien, von Lizenzverträgen und ähnlichem geworden. Sie sind ebenso (wieder einmal) zu Lernorten geworden, nicht so sehr bezogen auf ihr eigenes Programm, sondern als Ort, an den immer mehr Studierenden hingehen, um selbstständig zu lernen. Alles anstrengend, aber der ganz grosse Kladderadatsch, der angekündigt wurde, kam nicht. Er wird auch nicht kommen.

Zum zweiten: Obgleich die Zahlen der Teilnehmenden in den Kursen gestiegen sind, herrscht doch immer mehr der Eindruck vor, dass es das im Grossen und Ganzen dann auch war. Sicher: Ein paar Studierende oder junge Lehrende lernen mehr mit Informationen etc. umzugehen. Aber nicht nur in Bibliotheken scheint sich der Eindruck durchzusetzen, dass das nicht heisst, dass Informationen im Allgemeinen besser genutzt würden; schon gar nicht die, welche über die Bibliotheken zugänglich gemacht wurden. Die vorhandene Informationskompetenz bei den Studierenden und Lehrenden steigt gar nicht so sehr, wie man sich das erhoffte. Gleichzeitig ahnt man, dass sie vielleicht auch gar nicht so wichtig war, wie man sich als Bibliothekswesen das selber eingeredet hatte. Alle sagen was Nettes über die Bibliothek und deren Anstrengungen, alle rollen die Augen, wenn sie davon berichten, dass Studierende (oder zumindest die anderen Studierenden) „nur noch Google benutzen“ würden; aber so Recht scheint sich das auf die Noten der Studierenden oder auch die wissenschaftlichen Arbeiten nicht niederzuschlagen.

Und drittens: Die Zweifel mehren sich, dass das, was die Bibliotheken über Informationskompetenz sagen, von anderen Einrichtungen auch so geteilt wird. Sicher: Es gibt einige Studiengänge – weil die Bibliotheken persistent darauf gedrängt haben – in denen Studierende Kurse in Bibliotheken besuchen müssen. Aber einen Diskurs ausserhalb der Bibliotheken, in den Studiengängen und Forschungsrichtungen (und seien es nur die Erziehungswissenschaften) über diese Informationskompetenz – die ja, so die Behauptung der bibliothekarischen Debatten, eine Grundkompetenz sein soll – gibt es immer noch nicht. Sicher: Ein wenig Google-Gedisse, ein wenig „ja ja, die Studierenden recherchieren nicht richtig“ hört man. Aber ansonsten agiert zum Beispiel die Medienpädagogik konsequent an den Bibliotheken vorbei.

Und viertens: Bis heute hat sich die bibliothekarische Debatte darauf kapriziert zu beschreiben, wie die jeweiligen Schulungen organisiert und durchgeführt; wie deren Notwendigkeit den Lehrenden in den Hochschulen oder gleich den Hochschulen selber verständlich gemacht; wie die Studierenden (und manchmal auch die Forschenden) erreicht werden können; gleichzeitig wurden zahllose (zumeist ungetestete und eher prekär hergeleitete) Standards beschrieben (die sich aber, weil es so viele sind, oft auch widersprechen) und zudem immer wieder gegenseitig erklärt, dass Bibliotheken wichtig für Informationskompetenz seien. Nur: was bislang nicht gezeigt wurde, meiner Meinung nach auch nicht untersucht, ist, ob die Fähigkeiten, die als Informationskompetenz umschrieben werden, wirklich für die Studierenden oder jungen Forschenden notwendig wäre.

Ist das alles wirklich so wichtig?

Mich irritiert der vierte Punkt sehr, schon länger. Die Vorstellung ist, dass Studierende und Forschende heute mit Informationen anders umgehen müssten, um erfolgreich in Studium und Forschung zu sein. Das Bestimmen, Finden, Auswählen und Interpretieren der jeweils besten Information sein eine Voraussetzung dafür. (Sehen wir einmal davon ab, dass der letzte Punkt, nämlich das Interpretieren, selten Inhalt der Kurse in Bibliotheken ist.) Deshalb muss ihnen das jemand beibringen und diese jemands seien die (Hochschul-)Bibliotheken.

Mir scheint das ein grundsätzliches Verkennen der Realität in Studium und Forschung zu sein. (Was auch deshalb absurd ist, weil die meisten Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die sich in diese Debatten einmischen, selber studiert haben.) Meine Gegenthese wäre: erfolgreich studieren – und zwar auf der Ebene von Bestnoten – kann man auch mit passenden Informationen, die im Studium zusammengegoogelt, mehr zufällig in Katalogen oder erst in den Abschlussarbeiten einigermassen systematisch gefunden werden. Die Suchwerkzeuge sind heute gut genug, um sogar mit weniger Aufwand passende Informationen zu finden. Besser recherchieren zu können oder gar kritischer ist eine nicht notwendige Fähigkeit für das Bestehen des Studium. Nicht, dass sie etwas schadet, aber sie bringt auch nichts für das Studium selber. (Warum? Höchstwahrscheinlich auch, weil es im Studium um etwas anderes geht, als das richtige Recherchieren.)

Wenn das stimmt, wäre es für die bibliothekarische Überzeugung schrecklich, weil: Dann bräuchte es auch keine Rechercheschulungen. Aber ich denke, es wäre realistisch.

Ebenso ist auch in der wissenschaftlichen Praxis nicht das effiektive Finden der besten Information notwendig. Durch die Projektorientierung der Wissenschaft (die dazu führt, dass die Forschenden immer mehr Multitalente werden), durch die immer grössere Zahl von Publikationsorten und der Überforderung der Qualitätssicherungssyteme, durch den ständigen Drang zur Publikation und den Drang zum „einfacher Schreiben“ (der sich u.a. darin äussert, dass Forschende ernsthaft verkünden, dass sie Texte, die länger als fünf Seiten lang sind, zu schwierig finden und deshalb nicht lesen) nimmt die reale Qualität der wissenschaftlichen Publikationen eh tendenziell ab, ohne dass dies direkt bemerkt würde, weil ja weder wissenschaftliche Streitkultur (in der man solche Fakten klar benennen dürfte) noch ausreichendes Expertinnen- und Expertentum existieren. In einer solchen Kultur reicht es vollkommen aus, wenn Forschende in der Lage sind – und das sind sie intellektuell auch ohne Rechercheschulung – eine Suchmaschine, eine freie Datenbank und einen Bibliothekskatalog zu bedienen. Alles andere ist netter Surplus, der einer wissenschaftlichen Karriere nicht schadet, aber auch nicht notwendig ist.

Auch hier: Wenn das stimmt, dann würde die Grundthese der Informationskompetenz-Diskussionen nicht stimmen. Aber wieder: Ich denke, es wäre realistischer.

Nun aber: Kann es wirklich sein, dass Bibliotheken im deutschsprachigen Raum seit Jahren quasi im Blindflug agieren und auf einer These aufbauen, die nicht belegt ist? Das mag erstaunlich erscheinen, ist es aber nicht. (Beziehungsweise: Das ist nicht ohne historisches Vorbild.) Mir scheint eher, dass innerhalb des bibliothekarischen Diskurses eine verstärkender Effekt eingetreten ist: Da immer wieder in Texten zur Informationskompetenz auf diese Grundthese – mehr Informationskompetenz ist notwendig – verwiesen wird und sich diese Texte gegenseitig zitieren, erscheint dies mehr und mehr als bewiesene oder zumindest selbsterklärende Aussage. Nur ist sie weder selbsterklärend noch bewiesen.

Was nötig wäre an dieser Stelle wäre wohl eine klare Untersuchung, welche Fähigkeiten – sagen wir gar nicht erst Kompetenz am Anfang – wirklich zu einem besseren Studium oder einer besseren wissenschaftlichen Arbeit notwendig sind. Und zwar nicht aus Sicht der Bibliotheken, da kommt immer wieder das gleiche raus (nämlich das, was die Bibliotheken anbieten können [das wird eh beständig getan, siehe z.B. kürzlich Tappenbeck, Inka (2013) / Vermittlung von Informationskompetenz an Hochschulbibliotheken: Praxis, Bedarfe, Perspektiven. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 37 (2013) 1, 59-69 und Kiszio, Blanche ; Favre, Nathalie & Ding, Sandrine (2013) / Ein neues Online-Tutorial zur Förderung von Informationskompetenz: ein Praxisbericht. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 73 (2013) 1, 11-114 die genau das wieder einmal taten und deshalb auch die zu erwartenden Ergebnisse erhielten]), sondern aus der Realität. Vergleichen wir doch einmal die guten und die weniger guten studentischen Arbeiten: Welche Fähigkeiten im Bezug auf den Umgang und die Suche von Informationen führen denn zu besseren oder weniger guten Arbeiten? Nachdem ich selber eine gute Anzahl von unterschiedlich guten studentischen Arbeiten gelesen habe, würde ich behaupten, die Informationskompetenz von der Bibliotheken sprechen, ist es nicht. Sicherlich gibt es einige sehr sehr gute Arbeiten, die auch sehr gut und kritisch mit Informationen umgehen. Aber für eine sehr gute Arbeit (also eine 6 in der Schweiz beziehungsweise eine 1,0 in Deutschland) ist das nicht notwendig. Die wird oft auch mit Hilfe von Quellen erreicht, die eher zufällig gefunden wurden. Ähnliches gilt für wissenschaftliche Arbeiten, die ich gelesen habe. Es ist meiner Meinung nach nicht notwendig, gut mit Informationen umzugehen, um eine wissenschaftliche Karriere zu machen. Gehen wir doch einfach mal und schauen, was die erfolgreichen und weniger erfolgreichen Forschenden so mit Informationen machen; wie die genau arbeiten (nicht was sie sagen, wenn sie von den Bibliotheken, mit denen sie zusammenarbeiten, gefragt werden, was vielleicht wichtig und gut wäre, sondern was sie wirklich tun, wenn sie Texte schreiben, Projekte entwerfen etc.). Zu oft habe ich dieses wissenschaftliche Arbeiten in den letzten Jahren live beobachtet, als das ich einfach davon überzeugt werden könnte, dass es überhaupt so etwas wie Informationskompetenz bedarf, um erfolgreich in der Wissenschaft zu sein. Ein funktionierender Internetanschluss, eine Bibliothek mit Fernleihe und vielen Lizenzen – das ja; aber die Fähigkeiten ordentlicher und kritischer Recherche – nein.

Jessa Lingel und danah boyd haben desletztens die Informationsflüsse und -praktiken in der Extrem Body Modification Scene untersucht [Lingel, Jesse & boyd, danah (2013) / „Keep it secret, keep it save“ : Information poverty, information norms, and stigma. In: Journal of the American Society for Information Science and Technology 64 (2012) 5, 981-991] und dabei wenig überraschend festgestellt, dass es die kontextangepasste Informationssuche ist, die relevant für die gesellschaftliche Praxis innerhalb dieser Szene ist; wobei es nicht um die richtigen oder effektiv zu findenden, sondern die passenden und über mehrfache Codes und Zugänge abgesicherten vertrauenswürdigen Informationen geht, die relevant für das Handeln in dieser Szene werden. Solche Untersuchungen über die tatsächlich erfolgreich genutzten Informationen und Informationsstrategien von Studierenden und Forschenden (gerade auch erfolgreichen) fehlen einfach; dabei sollten sie die Basis von Debatten über Informationskompetenz sein, auch wenn das Ergebniss sein könnte, dass diese Formen der Informationsnutzung nichts mit Bibliotheken zu tun haben.

Informationskompetenz. Nichts dagegen, aber…

Um es noch einmal klar zu sagen: Nichts gegen die Kolleginnen und Kollegen, die engagiert und aktiv im Bereich Informationskompetenz tätig sind. Nur scheint mir je länger je mehr Informationskompetenz eine relativ fixe Idee eines Teils des Bibliothekswesens geworden zu sein, dessen Entstehen mehr mit einer historischen Situation und weniger mit einer realen Anforderung von ausserhalb der Bibliotheken zu tun hatte.

Es ist gar nicht so, dass etwas gegen Recherecheschulungen, in welcher Form auch immer, zu sagen wäre. Aber nicht nur bei mir scheint sich ein Unbehagen aufgebaut zu haben mit den Jahren. Wird hier nicht in eine Themenbereich investiert (und zwar sowohl intellektuell als auch personell und materiell), der nicht halb so wichtig ist, wie es behauptet wird? Wird hier nicht von Bibliotheken ein Diskurs geführt – der auch an die Ausbildungeinrichtungen herangetragen wird – der andere Diskurse und Entscheidungen, die notwendig wären, überdeckt? Ist das alles realistisch oder sind die Bibliotheken nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Wette eingegangen, die sich als immer weniger zu gewinnen herausstellt? Ist das Getöse um Informationskompetenz nicht auch so gross, weil es gerade prekär ist und nicht so untermauert, wie es eigentlich bei der vorgeblichen Wichtigkeit des Diskurses sein sollte? Sollten wir nicht vielleicht nochmal zum Anfang zurück und fragen, was das eigentlich wirklich sein soll und ob es wirklich sinnvoll ist – sinnvoll nicht für Bibliotheken und deren Zukunftssorgen, sondern den Studierenden und Forschenden, um die es angeblich gehen soll?

Nein…? Na gut. Aber dann wird das Unbehagen wohl einfach so ansteigen und vielleicht das Thema irgendwann einfach liegen gelassen werden. (Auch das wäre nicht ohne historisches Vorbild.)

Schulbibliotheken in Berlin, 2013

Anbei die Ergebnisse einer Recherche zu Schulbibliotheken in Berlin, die ich jedes Jahr seit 2008 im April durchführe. Weiter unten finden sich die Verweise zu den Darstellungen der vergangenen Jahre, in denen auch auf die Methodik der Recherche und ihre Grenzen eingegangen wird. Die Recherche im Jahr 2013 war ein Zwischenschritt, Ziel ist es, eine mindestens zehnjährige Datenreihe zu erhalten.

Grundsätzlich ist die Zahl der Schulbibliotheken in Berlin leicht gestiegen, mit dem grössten Zuwachs bei den Grundschule, und moderate Zuwächsen in den anderen Schulformen. Nur in den Gymnasien scheint eine Stagnation eingetreten zu sein. Schulbibliotheken sind weiterhin in einer grossen Minderheit der Schulen in Berlin (34,7%) zu finden.

Bemerkenswert ist, dass die Sonderschulen in Berlin jetzt nahezu alle in inklusive Schulen umgewandelt wurden, was sich auch auf die Verfügbarkeit an Schulbibliotheken niederschlägt, die für Schülerinnen und Schüler dieser Schulen steigt. Zudem ist terminologisch zu beobachten, dass sich weiter unterschiedliche Bezeichnungen für Schulbibliotheken etabliert haben (u.a. Lernwerkstatt oder Lesezelt), allerdings kaum die in der bibliothekarischen Literatur der 1990er und 1980er als modern angepriesene Bezeichnung Mediothek, welche den Begriff Schulbibliothek ersetzen sollte.

Lausanne, 12. April 2013

Tabelle_2013

Auswertung Teil 1.

Auswertung, Teil 2

Auswertung Teil 2.

Darstellung der Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin, 2008-2013 (Die Schultypen Haupt-, Real- und Gesamtschule wurden im Untersuchungszeitraum aufgelöst und in den Schultyp 'Integrierte Gesamtschule' überführt).

Darstellung der Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin, 2008-2013 (Die Schultypen Haupt-, Real- und Gesamtschule wurden im Untersuchungszeitraum aufgelöst und in den Schultyp ‚Integrierte Gesamtschule‘ überführt).

Recherche als PDF. Schulbibliotheken in Berlin, 2013

Siehe auch

Jemand macht Geld mit Google Books. Ist das schlimm?

Gleich im ersten Fachbeitrag der aktuellen B.I.T. Online behauptet Clemens Alexander Wimmer, dass sich die Bibliotheken, welche mit Google Books zusammenarbeiten, abschaffen würden. (Wimmer, Clemens Alexander (2012) / Die Bibliothek schafft sich ab oder wie Goole books zu Geld werden. In: B.I.T. Online 15 (2012) 4, 315-328) Das ist eine gerne einmal aufgestellte Behauptung, die sich trotzdem bislang nicht bewahrheitet hat. Bei diesem speziellen Artikel scheint mir aber zudem auch ein Unverständnis im Bezug auf Freie Daten vorzuherrschen. Wobei der Text selber nicht uninteressant ist.

Fakt: Google verdient Geld

Wimmer beschäftigt sich mit der Frage, was eigentlich mit den Büchern passiert, die Google digitalisiert. Zwar spricht er auch die bekannten Kritiken am Google Books Dienst an, sowohl die richtigen (vor allem, dass die Bibliotheken, welche Verträge mit Google schlossen, diese nicht veröffentlichen) als auch die komischen (dass Google zu den Medien keine bibliographischen Daten liefert, wobei nicht klar ist, wieso das die Aufgabe von Google sein sollte, schliesslich geht die Firma bei der Erschliessung von Dokumenten schon immer andere Wege als Bibliotheken). Darüber hinaus macht Wimmer aber vor allem ein Geschäftskonzept hinter Google Books aus, beziehungsweise mehrere.

Google ist keine gemeinnützige Organisation, die zum Wohl der Menscheit kostenlose E-books anbietet. Vielmehr verkauft Google Produkte und Dienstleistungen. Zu diesem Zweck sammelt Google Buchtitel und Digitalisate ebenso wie Daten von Internetnutzern. GBS [Google Book Suche, K.S.] ist ein gigantischer Versandhauskatalog, der zu jedem gefundenen Buch gewöhnlich mehrere Bestell-Links zu Firmen bietet. Diese Firmen gehören zu den Kunden, die Google finanzieren. (Wimmer 2012, S. 318)

Die Argumentation, dass Google eine Firma sei, die Geld verdient, wird im Zusammenhang von Bibliotheken und Google Books desöfteren angeführt. Einerseits ist das richtig, andererseits bleibt unklar, was daran eine Kritik wäre. Unternehmen, solange sie nicht als gemeinnützige konstituiert sind, sind als Organisationen dazu da, Gewinne zu erwirtschaften. Sowohl Wimmer als auch viele andere, die dieses Argument anführen, lassen Ausführungen dazu vermissen, wieso gerade dieser Fakt problematisch wäre. Auch Firmen, die Bibliotheken propreitäre Bibliotheksysteme lizenzieren sind Organisationen, die Geld verdienen wollen, ohne das daran wirklich Anstoss genommen würde.

Fakt: Firmen machen was mit Dingen

Der interessante Teil des Artikels von Wimmer beschreibt, wie Firmen (versuchen) mit den Digitalisaten von Google Books Geld zu machen. Im Grossen und Ganzen: Mit Nachdrucken. Wimmer stellt verschiedene Firmen vor, die mit unterschiedlicher Qualität und unterschiedlichem Aufwand aus Digitalisaten, welche seiner Meinung direkt von Google bezogen würden (weil sie zumeist nicht vollständig in Google Books frei verfügbar seien), wieder Bücher machen.

Diese Verlage versuchen zumeist, über Quantität zu punkten, also möglichst viele gemeinfreie Bücher „nachzudrucken“, und setzen dabei oft auf eine möglichst billige Produktionsweise. (Irgendein Cover vorne drauf, eine generische Impressumseite, das Digitalisat, alles gebunden – et voilà, fertig ist das Buch.)

Wimmer stellt auch heraus, dass einige wenige dieser Verlage mit grösserer Sorgfalt vorgehen, eindeutige Auswahlen vornehmen et cetera. Aber er hat selbstverständlich Recht, darauf zu verweisen, dass solche Billig-Druck-Firmen ein Ärgerniss darstellen. Allerdings ist die Frage: Stellen sie wirklich mehr dar, als ein Ärgerniss? Sind sie wirklich, wie Wimmer behauptet, in Zusammenhang mit Google Books der Anfang vom Ende der Bibliotheken?

Auch Bibliotheken machen was

Die letzten Frage würde ich zweimal verneinen. Erstens zeigt Wimmer selber, dass auch die Bibliotheken, welche Geheimverträge mit Google geschlossen haben, nicht alles aus der Hand geben. Offenbar erhalten sie – zumindest in den USA – ebenfalls Digitalisate der Bücher, die aus ihrem Bestand kommen. Im Hathi Trust sind der Grossteil dieser Bestände zusammen als eine Digitale Bibliothek verfügbar und neu erschlossen (wenn auch nach der Meinung Wimmers in teilweise geringerer Qualität als bei Google Books).

Ausserdem werden seit Jahren Digitalisate von Google Books ins Internet Archive – genauer ins Unterprojekt Open Library – übertragen, wenn auch, wie Wimmer zurecht irritiert feststellt, mit kaum erklärbaren Qualitätsunterschieden. Das ist zwar keine Bibliothek, aber halt auch keine rein gewinnorientierte Firma.

Sicherlich ist es ärgerlich, dass Google selber nicht klarmacht, wie entschieden wird, welche Digitalisate welcher Bücher in welcher Qualität und Auswahl wann zugänglich sind. Gerne hätte man mehr Planungssicherheit, hingegen agiert Google eigenständig, stellt Digialisate nicht nur ein, sondern nimmt sie auch mal wieder aus dem Angebot heraus. Aber: Das macht eine Firma aus. Sie darf, solange sie nicht gegen Gesetze verstösst (okay, dass ist bei der Frage, ob Google nicht Copyright-Reglungen gebrochen hat mit Google Books, eine etwas defizille Aussage) und keine Verträge bricht, das Firmeneigentum so einsetzen, wie es gerade gewünscht ist.

Was ist nochmal das Problem?

Und genau hier liegt das Problem bei dem Artikel von Wimmer. Er skandalisiert etwas, was kein Skandal ist. Eine Firma agiert wie eine Firma. (Zumal er sich auch zu Behauptungen aufschwingt, die so richtig nicht sein müssen. So postuliert er, dass Firmen für die Verlinkungen bei Google Books gesondert zahlen würden, obgleich das auch einfach über das „normale“ AdWord-Programm per geklicktem Link geschehen kann.)

Einige Firmen verwenden gemeinfreie Digitalisate, um daraus neue Produkte zu machen und diese zu verkaufen. Diese Produkte sind oft von geringer Qualität. Aber so ist das mit freien Daten: Alle können damit erstmal machen was sie wollen. Egal ob die Daten zur Verbesserung der Welt genutzt werden, zur künstlerischen Auseinandersetzung oder zum Geldmachen – das ist alles möglich. Genauer: Daten werden auch freigestellt, damit neue Produkte und Geschäftswege gefunden werden können. Diese Produkte müssen einem nicht gefallen, dass ist richtig. Aber so funktioniert der Kapitalismus nun mal: Es wird auch viel Unsinn gemacht. Nicht nur, aber eben auch. Und man selber – ob jetzt als Person oder als Institution Bibliothek – muss damit umzugehen lernen. Wir zahlen ja auch Steuern, damit Strassen unterhalten werden, auf denen dann zu Gewinnzwecken komische Güter transportiert werden, die vielleicht kein Mensch braucht – aber das ist das unternehmerische Risiko.

Wimmer postuliert hingegen folgendes:

Dass die Bestände öffentlicher [sic!] Bibliotheken an Firmen zur kommerziellen Verwertung übergehen, ist eine Fehlentwicklung. Es entspricht nicht dem Auftrag öffentlicher [sic!] Bibliotheken, Unternehmen zu ermöglichen, mit ihren Ressourcen Geld zu verdienen. […] Diejenigen Bibliotheken, die ihre Bestände in die Hände von Google gegeben aben, tragen damit zur Schwächung und Marginalisierung aller Bibliotheken bei. (Wimmer 2012, S. 328)

Das stimmt nicht. Es ist nicht die Aufgabe von Bibliotheken zu schauen, was Menschen oder Institutionen mit den Beständen machen. Einige Leute lernen aus Beständen, wie man Geschäfte eröffnet und führt und machen dann mit den Geschäften Geld – und niemand würde sie dafür verdammen, vielmehr würde darauf verwiesen, welchen Beitrag Bibliotheken zur wirtschaftlichen Entwicklung leisten können. Oder genauer: Es ist sehr im Auftrag von Öffentlichen Bibliotheken enthalten, dazu beizutragen, dass Firmen Geld verdienen. Man muss es nicht mögen, aber eine der Hauptthesen der kapitalistischen Gesellschaft ist nun einmal, dass die unternehmerischen Aktivitäten zur Dynamik und Verbesserunng der Gesellschaft beitragen – persönliches Gewinninteresse führt zu einer besseren Gesellschaft, Liberalismus par excellence. (Wie gesagt: Dem kann man widersprechen, sehr gut sogar und ich mache da auch gerne mit. Aber darum scheint es Wimmer gar nicht zu gehen.)

Selbstverständlich dürfen Bestände in einem solchen Prozess nicht beschädigt und vernichtet werden; aber gerade das tut Google Books ja auch gar nicht. Die Bestände werden digitalisiert und dann – offenbar mit „Bibliotheksdigitalisaten“ – wieder an die Bibliotheken zurückgegeben. Das danach etwas mit den Digitalisaten geschieht, was nicht von den Bibliotheken kontrolliert werden kann, ist im Auftrag der Bibliothek angelegt. Es wäre ein Skandal, wenn die Bestände danach nicht mehr benutzt werden, weggesperrt würden. Aber – das ist ja die Schönheit der digitalen Kopie – das Original ist danach immer noch da (und vielleicht nicht mal das beste Stück der Reihe, vgl. von Gehlen, Dirk (2011) / Mashup : Lob der Kopie (edition suhrkamp, 2621). Berlin: Suhrkamp Verlag, 2011.)

Insoweit ist auch der zweite Teil der These irritierend. Warum sollten Bibliotheken „zur Schwächung und Marginalisierung aller Bibliotheken“ (Wimmer 2012, S. 328) beitragen, wenn sie mit Google Books zusammenarbeiten? Schaffen sich dann auch Statistische Ämter ab, wenn sie statistische Daten zur freien Nutzung bereitstellen? Das wird im ganzen Text nicht klar. (Sicherlich tragen sie mit ihrem Einverständniss in geheime Verträge dazu bei, intransparente Praktiken bei öffentlich finanzierten Einrichtungen akzeptabler zu machen. Das ist zu kritisieren, aber auch darum scheint es Wimmer nicht vorrangig zu gehen.) Glaubt Wimmer, das jetzt weniger Menschen in die Bibliothek kommen? (Was nicht unbedingt schlecht für die alten Bestände wäre, wie wir wissen.) Glaubt er, dass Funktionen von Bibliotheken an andere Einrichtungen (i.e. Google) übergehen? Das müsste er (a) erst einmal zeigen und (b) nachweisen, dass das schlecht ist und nicht einfach eine weitere funktionale Differenzierung innerhalb der Gesellschaft. Bislang scheint es so, als würden Bibliotheken (ausser beim Thema Geheimverträge) genau das machen, wofür sie da sind: Der Gesellschaft Sammlungen zur Verfügung stellen. Was die Gesellschaft damit macht – und wenn es Geld ist – ist eine gesellschaftlicher Aushandlungsprozess, nichts Negatives.

Insoweit scheint mir im Artikel von Wimmer eine interessante Beschreibung von Geschäftsprozessen rund um Google Books vorzuliegen, aber die angebrachte Kritik am Handeln von Bibliotheken auf einer Vorstellung zu beruhen, dass einmal gemeinfreie Werke, die in Bibliotheken angekommen sind, keinen kommerziellen Interessen dienen dürften. Das ist nicht richtig. (Gemein)frei Daten können selbstverständlich auch zur Produktion von Gewinn (Wenn er den überhaupt eintritt. Wir wissen nicht, wie viel die Nachdruckverlage verdienen, nur dass sie, wie Wimmer richtig bemerkt, noch nicht eingegangen sind, sondern vielmehr immer mehr Produkte auf den Markt werfen.) genutzt werden. Wem das nicht passt, der oder die muss die Gesellschaft sehr radikal ändern, aber – nochmal – darum scheint es Wimmer nicht zu gehen.

Problematisch wäre, wenn die gewinnorientierte Nutzung die weitere freie Verwendung von Daten – beziehungsweise hier Digitalisaten – verhindern oder einschränken würde. Das ist richtig, aber genau das passiert ja nicht. Die Bibliotheken können mit den Bibliotheksdigitalisaten machen, was sie wollen (inklusive eigener Nachdruckverlage, wenn sie es denn darauf anlegten); sie können weiter die Bestände vor Ort anbieten und auch selber weiter Digitalisieren.

Zur Museumspädagogik als Vorbild (oder nicht) für Bibliotheken

Auf dem Deutschen Bibliothekstag in Hamburg stellte Bernd Schmid-Ruhe, Leiter der Stadtbibliothek Mannheim, unter anderem die These auf, dass Bibliothekspädagogik nicht wie Museumspädagogik (im Sinne der Lehre von der Vermittlung des Sammlungsgutes) funktionieren könnte. Ich habe dem auf der Veranstaltung widersprochen. Für mich ist die moderne Museumspädagogik ein gutes Vorbild für Bibliotheken. Aber ich vermute, dass die Differenz auch darin besteht, dass wir unterschiedliche Sachen meinten.

In Villach – der kärntnerischen Stadt, in welcher gerade der Österreichische Bibliothekskongress stattfand (so schliesst sich der Kreis gleich wieder) – findet sich das Museum der Stadt Villach, welches diese Differenz geradezu verkörpert. Es gibt dort eine Dauerausstellung, die sehr traditionell gehalten ist und so aussieht, als sei sie spätestens seit den 1980er Jahren nicht mehr geändert worden und eine Wechselausstellung – zur Zeit zur Geschichte des Adriaurlaubs – welche den Grundzügen der modernen Museumspädagogik folgt. An diesem Beispiele würde ich gerne kurz den Unterschied darstellen.

Grundsätzlich ist die „alte“ Museumspädagogik tatsächlich wenig als Vorbild geeignet, während die „neue“ sich einer Aufgabe annimmt, der sich auch Bibliotheken stellen müssen, nämlich Informationen an Personen zu bringen, die sich dafür selber interessieren müssen und sich lieber nicht reinreden lassen wollen.

Der Paracelsusraum: Alte Museumspädagogik

Beginnt man zum Beispiel im Erdgeschoss den Rundgang durch die ständige Ausstellung, steht man direkt im Paracelsus-Raum. Warum gibt es einen Paracelsus-Raum in Villach? Wer oder was war Paracelsus? Das verrät einem niemand. Es wird in gewissem Masse einfach vorausgesetzt, als würde es zum allgemeinen Wissen gehören. Das ist in Museum mit älteren Ausstellungen öfter zu sehen: Es wird einfach ein sehr hoher Wissensstand, der zudem auch noch bei allen, die ein Museum besuchen, ähnlich sein soll, vorausgesetzt. Das Museum gilt als Illustration von Geschichte, aber die Geschichte selber wird kaum erzählt.

Die Auflösung übrigens: Paracelsus – das mag vielleicht noch bekannt sein – war einer der einflussreichsten Ärzte am Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit. Er ist mit seinem Wirken dafür mit verantwortlich, dass die Medizin sich den wissenschaftlichen Methoden zu wandte. Selbstverständlich war er das nicht alleine, aber späterhin wurde er zu einem der „grossen Männer“ erklärt, um den sich dann Legenden rankten. Grosse Teile seiner Kindheit und Jugend verbrachte er in Villach. Insoweit ist der Raum zu erklären. Aber man muss das erst indirekt herausfinden, an einer Wand, wo die wichtigen Städte Paracelsus‘ Leben abgebildet sind.

Der Raum selber ist eher vollgestellt mit Zeugnissen, die irgendetwas mit Paracelsus oder den Legenden um ihn zu tun haben, als das es eine wirklich Konzeption zu geben scheint. Bilder, Bücher, die zerbrochene Platte eines Steintisches, der angeblich einstmals Paracelsus gehört haben soll – obgleich man weiss, das er das nicht tat. Gerade aus dieser Platte hätte man ein interessantes, mehrschichtiges Museumsobjekt machen können: ein Tisch, der nicht Paracelsus gehörte, aber lange als seiner galt und also als sichtbarer Beweis für eine Geschichte herhalten musste, gleichzeitig ein Symbol, wie sich der historische Paracelsus und der mythische zu einer Erzählung verbanden – zumal Paracelsus in Villach nie Arzt war, also auch der Tisch keiner hätte sein können, an er irgendwelche seiner Schriften verfasst hätte – und zum Teil auch ein Objekt österreichischer (und deutscher) Geschichte, ist doch die Platte zerborsten, als die Alliierten Villach bombadierten, um die dortigen Nazis zu besiegen. Die Platte zerbirst also in einer Zeit, wo Heldenmythen, auch die um Paracelsus, völkisch aufgeladen wurden (wobei Paracelsus by the way von Geburt Eidgenosse war, was seine damalige Bezeichung als Deutscher Arzt noch interessanter macht). Eine letzte Ebene wäre dann die Verwendung der Platte im Museum selber, wo sie irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg hingebracht wurde, praktisch unkommentiert. Eine moderne Museumspädagogik würde versuchen, solche Ebenen sichtbar zu machen. Die alte Museumspädagogik geht hingegen davon aus, dass es reicht, den Zusammenhang einfach räumlich herzustellen und darauf zu vertrauen, dass schon alle gebildeten Leute wissen, wer Paracelsus war und was er mit Villach zu tun hatte. Es geht in gewisser Weise nicht um das Lernen, sondern „nur“ um das Erkennen.i

Der Rest der Ausstellung ist ähnlich. Es werden vor allem Objekte präsentiert, die thematisch in einem Raum zusammengehören, aber es wird nicht mehr viel erklärt. Warum sind die Objekte hier? Wie ist ihr Zusammenhang? Das muss man raten. Zur Geschichte der Stadt Villach – die schon ihre interessanten Seiten hätte, so an der Grenze zwischen deutschem / kroatischem / slowenischem und italienischem Sprachraum und beispielsweise als Hauptstadt von Französisch-Kärnten zu Napoleons Zeiten – lernt man so gut wie nichts. Man weiss nachher, dass die Römer da waren, was aber auf der Südseite der Alpen nicht überraschend ist. Zudem weiss man vielleicht noch, dass Villach einst dem Bischof von Bamberg gehörte; aber viel mehr auch nicht. Es geht nicht um den Erkenntnisgewinn oder um die Frage, wie die Besucherinnen und Besucher irgendetwas „mitnehmen“. Es geht, wenn überhaupt, darum, zu bestimmen, welche Teile des Bestandes ausgestellt werden sollen und in welchen Räumen.

(Irritierend ist auch, dass alle Beschriftungen per Hand vorgenommen sind, aber in unterschiedlichen Schriften, was den Eindruck verstärkt, dass sie zu unterschiedlichen, gleichwohl allesamt vergangenen Zeiten angebracht wurden.)

Geschichte des Adriaurlaubs

Auf der gleichen Etage wie der Paracelsusraum, einfach kurz über den Hof, findet aktuell die Ausstellung zum Adriaurlaub statt. Diese ist erstaunlich modern.ii

Wenn man von Villach in Richtung Süden fährt, ist man in einigen Kilometern in Italien und kurz danach auch schon an der Adria. Oder aber man biegt etwas ab, dann ist man nach einigen Kilometern in Kroatien (und früher halt Jugoslawien) und auch dort bald am Meer. Gleichzeitig war früher, vor dem ersten Weltkrieg, Villach der Durchgang zur „österreichischen Adria“. Insoweit ist die Ausstellung vollkommen passend. Geht man in den ersten Raum, merkt man sofort einen Unterschied zur ständigen Ausstellung. Nicht nur, dass alles viel neuer ist, es ist auch gänzlich anders konzipiert.

Geprägt wird der Raum durch helle Säulen, vielleicht zwei Meter hoch, an einer Seite rund 70 Zentimeter breit, an der anderen vielleicht 20. Die Säulen sind thematisch angelegt. Ein Symbolbild auf der Rückseite, vorne, auf der breiten Seite (zumeist) eine Geschichte zum Thema, oft über eine spezifische Familie, die dann und dann an der Adria Urlaub machte oder über ein Hotel, dass dann und dann an der Adria existierte. Hier wird viel mit persönlichen Dokumenten (Photos, Briefe, Journale) gearbeitet. Auf der schmalen Seite dann jeweils ein längerer Text, der das Thema als historischen Überblick darstellt. Hier gibt es keine individuellen Erlebnisse zu berichten, sondern Fakten, Daten und so weiter. An den Wänden finden sich noch mehr Texte, die dann oft Individuelles und Geschichte verbinden; zudem viele Objekte, die ein Thema illustrieren, beispielsweise in der Sektion über das Italienbild der Österreicherinnen und Österreicher in den 1950er und 1960er Jahre, viele unglaublich peinliche Filmprogramme und Romanheftchen mit feschen italienischen Liebhabern und hübschen österreichischen Frauen.

Zwischendrin finden sich Videoobjekte. Sowohl die Dokumentation einer Hochzeitsfahrt in den 1920ern zur Adria als auch künstlerischen Annäherungen an das Italien- und Österreichbild und zum Thema Grenze.

Die Ausstellung selber ist chronologisch aufgestellt, beginnt also mit der touristischen Erschliessung der Adria und endet in der Jetztzeit.iii Aber es gibt keine Zwang, den ganzen Weg abzugehen. Niemand muss alles lesen, niemand muss mit viel Vorwissen in die Ausstellung gehen. Die Texte in der Ausstellung sind jeweils in sich abgeschlossen, sie liefern praktische alle Informationen, die man zu ihrem Verständnis benötigt, gleich mit. Man kann zwischen ihnen springen, man kann auch den jeweils für sich passenden Zugang wählen: Erst die Geschichte eines Reisenden Ende des 19. Jahrhunderts anschauen, dann den dazugehörigen Text? Nur die dazugehörigen Texte, weil der biographische Zugang nicht so richtig funktioniert? Nur die Geschichten? Alles möglich. Man kann sich vor die Videos platzieren und die Kopfhörer aufsetzen – oder auch nicht.

Die Ausstellung ist ein Angebot, oder vielmehr eine Sammlung von aufeinander bezogenen Angeboten, die den Besucherinnen und Besucher ermöglicht, den eigenen Lern- und Erkenntnisprozess zu wählen – wenn sie denn wollen. Sie werden ernst genommen und es wird etwas Neues erzählt, nicht einfach nur vorgeblich Bekanntes illustriert. Auffällig ist auch, dass die Ausstellung mehrfach versucht, Denkanregungen zu geben. Sie bewertet beispielsweise den Grenzverkehr zu den billigeren italienischen Märkten seit den 1950er Jahren nicht, stellt aber alle wichtigen Argumente und Entwicklungen dar. Gleichzeitig setzt sie wenig voraus, hat also zumindest die Möglichkeit, auch Menschen anzusprechen, die nicht mit dem „nötigen Vorwissen“ in das Museum kommen.

Bibliotheken

Ich sagte am Anfang, dass sich die moderne Museumspädagogik als Vorbild für Bibliotheken eignet, während die „alte“ dies nicht tut. An dieser Stelle hier sei das noch einmal kurz ausgeführt:

  • Die alte Museumspädagogik setzt unheimlich viel voraus, ohne sich dessen unbedingt bewusst zu sein. Das Gegenbild in Bibliotheken sind solche Einrichtungen, die per se voraussetzen, dass die Nutzerinnen und Nutzer verstehen, wie Bibliotheken funktionieren, wie die Aufstellung organisiert ist, dass es ein Fernleihsystem gibt et cetera, einfach weil genügend gebildete Menschen das einfach wissen. (Beziehungsweise auch oft, weil sie nicht mehr darüber nachdenken, was ihnen selbstverständlich erscheint, aber anderen nicht.) Das funktioniert bei denen, welche dieses Wissen tatsächlich haben; aber nicht weiter.
  • Die moderne Museumspädagogik versucht, die Nutzerinnen und Nutzer möglichst zu ermächtigen: Sie werden zu eigenen Entscheidungen motiviert, ihnen werden verschiedenste Wege durch die Ausstellung (und damit auch Lernwege) zugestanden. Sie werden ernst genommen. Das Gegenbild für Bibliotheken wäre ähnlich: Die Nutzerinnen und Nutzer zu unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten der Bibliothek und des Bestandes ermächtigen, ihnen zugestehen, dass sie das selber wählen, aber sie dabei auch immer wieder unterstützen ihre Entscheidungen umzusetzen. Zudem: Immer wieder unterschiedliche Angebote machen. Die moderne Museumspädagogik zeigt, dass die auch durch eine intelligente Nutzung des Raumes geschieht, auch davon könnten Bibliotheken lernen.
  • Die alte Museumspädagogik stellt die Sammlung in den Mittelpunkt und tendenziell eine Interpretation, die moderne eher die möglichen Sichtweisen auf Sammlungen und die Nutzung durch die Besuchenden. Auch das ist für Bibliotheken eine Lernmöglichkeit. Es gab – und vielleicht gibt es sie auch noch – Bibliothek, für welche die Sammlung selber wichtiger war, als anderes. Eine moderne Bibliothek aber – die dann, wenn wir eine Parallele zum Museum ziehen, zumeist mehr besucht wird und interessanter ist – fragt sich eher danach, wie Nutzerinnen und Nutzer bestimmte Medien nutzen können (nicht unbedingt sollen) und versucht, sich daran zu orientieren.

Das ist alles etwas oberflächlich. Aber ich wollte hier nur einmal (noch einmal) dafür argumentieren, dass sich Bibliotheken, die sich damit beschäftigen wollen, wie sie Bildungsangebote entwerfen und durchführen können, die Literatur und Debatten zur aktuellen Museumspädagogik wahrnehmen sollten. Die Museen sind, wenn sie modern sind, nicht mehr die verstaubten Kammern des Wissens. In Villach kann man (noch?) direkt nebeneinander gestellt sehen, wie unterschiedlich die traditionellen und modernen Ansätze von Museumspädagogik sind, wenn sie umgesetzt werden.

 

Fussnoten

i Eine Sache noch, die viele Vorurteile über Österreich zu bestätigen scheint: Gleich das erste Objekt im Raum ist eine Relief von Paracelsus, welches von einem Bildhauer gefertigt wurde, der – zu die Beschreibung – „auch in der NS-Zeit viel beschäftigt war“. Das steht da einfach so, ohne das klar wird, ob das jetzt eine kritische Distanzierung sein soll – warum dann überhaupt das Relief aufhängen? – oder zu einer kritischen Analyse des – ehrlich gesagt eher langweiligen – Reliefs anregen? Oder ist das etwas, was man in Kärnten einfach so sagt, ohne dass daraus irgendetwas folgt?

ii Sie ist auch weit kritischer, als die kurze Erwähnung, dass jemand „auch in der NS-Zeit viel beschäftigt war“. Vielmehr wird die Einbindung des Urlaubs in das NS-System, insbesondere durch die Organisation „Kraft durch Freude“ und deren italienischem Vorbild, umfassend und in seinen Widersprüchen thematisiert – nicht vollständig, aber doch weit klarer. Die Entscheidung über die moralische Deutung müssen die Nutzerinnen und Nutzer treffen. Aber genau darum geht es ja: Nicht Meinungen vorgeben, sondern Strukturen, Fakten und Widersprüche in einer Form darstellen, die zum Weiterdenken anregt. (Nicht irgendwie voraussetzen, dass die Leute schon richtig mit dem Hinweis auf die Tätigkeit im NS umgehen werden.)

iii Dabei gäbe es auch etwas für den Teil des schweizerischen Einzelhandels zu lernen, der sich Sorgen um die Tendenz zum Kaufen auf der anderen Seite der Grenze macht: Es geht nicht zu verhindern. Aus der österreichische Einzelhandel hatte damit zu kämpfen, dass das Einkaufen in Italien und späterhin Jugoslawien billiger war. Die Kampagnen und Argumente, die damals aufgefahren wurden, sind quasi die gleichen, wie heute in der Schweiz. Die gleichen absurden Tüten, mit denen Kundinnen und Kunden verkünden sollen, dass sie lieber daheim einkaufen, gab es damals schon – nur halt in rot-weiss-rot, nicht in rot mit weissem Kreuz. Und „verschwunden“ ist das „Problem“ erst mit der Anpassung der Lebensverhältnisse und Preise.

Bourdieu für die Bibliothekswissenschaft

Die Le Monde veröffentlichte am gestrigen Dienstag, 24.01., (eigentlich einen Tag zu spät) ein vierseitiges Dossier anlässlich des zehnjährigen Todestages von Pierre Bourdieu. Reflektiert wurde, wie es sich zu solchen Jahrestagen gehört, über die Bedeutung Bourdieus für die aktuelle Soziologie und Politik, sowie zu der Frage, was er wohl heute zu sagen hätte, beziehungsweise: wie er seine Arbeiten heute fortgeführt hätte, wäre er nicht gestorben. Getan wurde das, neben einem einleitenden Artikel, von Fachkolleginnen und Fachkollegen Borudieus. Axel Honneth verortet ihn beispielsweise im Kontext zwischen Marx, Kritischer Theorie und Max Weber, Nancy Fraser diskutiert die Forschung Bourdieus zur Frauenfrage und post-industrieller Gesellschaft. Diskutiert wird eigentlich alles wichtige aus Bourdieus Werk, außer vielleicht seine frühen ethnologischen Arbeiten in Algerien.

In der Schweiz und in Deutschland bekannt ist Bourdieu wohl vor allem mit „Das Elend der Welt“ [Bourdieu, Pierre et al. (1997) / Das Elend der Welt : Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. – Konstanz : UTB. franz.: La misère du monde (1993)], einer Studie über das Leben in den Banlieus (was aber eben auch als potentielle Zukunft des Lebens im Kapitalismus verstanden wird). Das Buch ist vor allem im Le monde diplomatique Milieu bekannt und wurde gerade während der Occupy-Proteste und der Berichterstattung über diese immer wieder referenziert. Auch in der Le Monde wurde es in diesem Zusammenhang noch einmal besprochen.

Aber: Bezogen auf die Bibliotheks- und Informationswissenschaft scheint mir das nicht das relevanteste Werk Bourdieus zu sein. Da allerdings diese, unsere Wissenschaft erstaunlich unsoziologisch ist (ganze Zweige kommen ja damit aus, nicht über die Gesellschaft zu reden, wenn sie über Information forschen), ist Bourdieu auch nicht wirklich bekannt.

Allerdings: Gerade bezogen auf die Forschungen zu Öffentlichen Bibliotheken, Schulbibliotheken und Nutzungsweisen von Bibliotheken sind zwei andere seiner Werke relevant: Die feinen Unterschiede [Bourdieu, Pierre (1982) / Die feinen Unterschiede : Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. – Frankfurt am Main : Suhrkamp. franz.: La distinction : Critique sociale du jugement] und (zusammen mit Jean-Claude Passeron) Die Illusion der Chancengleichheit [Bourdieu, Pierre ; Passeron, Jean-Claude (1971) / Die Illusion der Chancengleichheit : Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs. – Stuttgart : Klett, 1971. franz.: Les étudiants et la culture und La reproduction : Eléments pour une Théorie du Systéme d’Enseigenement]. Der zehnte Todestag scheint ein guter Zeitpunkt, auf diese beiden Werke noch einmal dezidiert hinzuweisen. Ich würde argumentieren, dass man beide gelesen haben sollte, bevor man versucht, etwas über Bildungswirkungen, Habitus oder gesellschaftlichen Barrieren auszusagen.

In Die feinen Unterschiede untersucht Bourdieu, zusammen mit einem Team an weiteren Forschenden, eine grundlegend einfache These empirisch: Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen ökonomischer Stellung einer Person, deren Alltagsgestaltung, kultureller und sozialer Aktivitäten. Oder anders: Die Reichen leben auf die eine Weise, die Armen auf eine andere – und das weder vollständig selbst gewählt, noch erzwungen. Es lassen sich unterschiedliche Subgruppen ausmachen; aber allen ist gemein, dass sie ihren eigenen Lebensstil als quasi natürlich ansehen. Ins Museum gehen oder nicht ins Museum gehen, gebrauchte Möbel kaufen oder handgefertigte, viel reden und aushandeln oder lieber viel schweigen: was wie eine individuelle Disposition wirkt, ist immer eine Wahl innerhalb eines sozial verorteten Rahmens.

Das ist die Grundthese, die bei Bourdieu mittels mehrere tausend Interviews (und dabei Beobachtungen der Wohnungen der Befragten) untersucht wird. Dabei geht es nicht nur darum, die These zu testen, sondern auch darum, die Befunde in einer Theorie zu erklären. Hierbei führen Bourdieu et al. die Konzepte soziales Kapital und Bildungskapital ein. Diese Konzepte sind anschließend trivalisiert worden. In der heutigen Verwendung fehlt ihnen eine wichtige Grundtendenz, nämlich die Überlegungen zur Akkumulation, Reproduktion und Transformation dieser Kapitalarten. Deshalb sollte man, neben der empirischen Herleitung, die Herleitung der Kapitalarten bei Bourdieu direkt nachlesen. Dann wird nämlich klar, dass es nicht einfach möglich ist, Kapital „nachzuschießen“, also beispielsweise einige Unterstützungsangebote für sozial Schwache anzubieten und damit Chanchengleichheit im sozialen Rahmen herzustellen. Ebenso wird klar, dass es bei sozialen Ungleichheiten größtenteils um systemische Probleme geht und nicht um individuelles Fehlverhalten.

Bezogen auf Bibliotheken bietet dieses Konzept eine viel bessere Möglichkeit, die unterschiedlichen Nutzungswiese oder Nicht-Nutzungsweisen von Bibliothek und bibliothekarischen Angeboten zu verstehen, als die zumeist aus dem Marketing geborgten Methoden.

In der Illusion der Chancengleichheit gehen Passeron und Bourdieu dem Phänomen nach, dass das (hier französische) Bildungssystem auf der einen Seite Chancengleichheit bieten soll und anstrebt, wobei davon ausgegangen wird, dass diese Gleichheit der Chancen auch einigermaßen hergestellt wäre – und gleichzeitig doch Ungleichheit produziert, die sich zudem auf soziale Strukturen zurückführen lassen. Heutzutage ist zumindest der Fakt anerkannt, dass Bildungssysteme diese Ungleichheiten systematisch produzieren und dass dies eine Skandal ist. Allerdings gilt auch hier wieder: Die Erklärungsansätze sind relativ theorielos und verbleiben oft bei der Annahme, dass sozial Schwachen etwas nachgeholfen werden, gleichzeitig individuelle Aufmerksamkeit geschult werden müsse und dann würde sich das Skandalon lösen. So einfach ist das leider nicht (obgleich nichts gegen solche Unternehmungen nichts gesagt sein soll).

Passeron und Bourdieu kommen letztlich zu dem einfachen Grundsatz: Auch ein chancengerechtes System, dass in einer sozial ungleichen Gesellschaft funktioniert, produziert – weil eben keine Chancengleichheit am Beginn steht und zudem das System nicht unabhängig von der Gesellschaft agiert – Ungleichheit. Vielmehr: Durch die potentielle Blindheit (wenn diese Fakten vom System verleugnet werden und beispielsweise behauptet wird, die Schulzensuren wären für alle Schülerinnen und Schüler gleich und würden die gleichen Anforderungen stellen) verstärkt das vorgeblich gerechte Bildungssystem die bestehenden Ungleichheiten noch – ohne böse Absicht einzelner Individuen. Passeron und Bourdieu führen das schöne Beispiel des Bauernjungen an, für den in der Abschlussprüfung Nachsicht geübt wird, weil niemand der Prüfenden es ihm schwerer machen will, als unbedingt notwendig; aber gleichzeitig nicht gefragt wird, wo und wie sich dieser Bauernjunge überhaupt auf dem Weg zu dieser Prüfung in den zahlreichen Jahren zuvor durchsetzen musste.

Die Illusion der Chancengleichheit öffnet die Augen für solche unintendierten Effekte gutgemeinter Bildungsanstrengungen und Annahmen über das Lernen. Was für Schulen gilt, gilt für Öffentliche Bibliotheken und Schulbibliotheken und die dort (implizit) genutzten Annahmen über das Lernen und die vorgebliche Herstellung von Chancengleichheit bei der Nutzung von Bibliotheken, noch verstärkt.

Sichtbar ist: Beide Bücher wurden vor Jahrzehnten geschrieben, der Bezug ist Frankreich, nicht die Schweiz oder Deutschland. Und selbst in Frankreich hat sich die Situation gewandelt. (Siehe Das Elend der Welt) Zudem ist Bourdieu seit 10 Jahren tot, kann also auch nichts mehr fortschreiben. Dennoch sind die beiden Werke als Grundlage für das Weiterdenken weiterhin geeignet. Sie sind große Entwürfe, welche das Nachdenken anregen. Nicolas Truong und Nicolas Weill schreiben in ihrem Essay über Bourdieu in Le Monde, dass er in Frankreich quasi eine Soziologie zurückgelassen hätte, die jetzt wie ein Orchester ohne Dirigent funktioniert, obgleich diese Orchesterfunktion von Bourdieu nicht angestrebt war. Eben eine solche Wirkung kann man den beiden Werken für ein gesellschaftspolitisch interessiertes Nachdenken und Forschen über Bibliotheken zuschreiben. (Zumal das Leben Bourdieus gleich die Frage aufwirft, ob man als Nachdenkender über soziale Strukturen gesellschaftlich inaktiv bleiben darf., wobei er selbstverständlich in der Tradition engagierter Intellektueller – Zola, Satre, Foucault etc. – steht, was für die Bibliothekswissenschaft in der Schweiz und Deutschland, bei allem Respekt, nicht gesagt werden kann.)

Übers Lesen (und, am Rande, Bibliotheken)

Zwei literarische Zeitschriften beschäftigten sich in den letzten Ausgaben mit dem Lesen als Prozess, insbesondere als Prozess von Vielleserinnen und Viellesern. In der BELLA triste schlägt Stefan Mesch 250 Bücher, die er gelesen hat und 250 Bücher, die er nicht gelesen hat zur Lektüre vor. Eine wahnwitzige Zahl, aber im Essay, das den beiden Liste vorgeschaltet ist, führt er aus, wie er zu ihnen kam. Die aktuelle sprachgebunden besteht aus einer Collage, welche ein Gespräch von 15 Büchermenschen – vor allem Autorinnen und Autoren – über das Lesen und die Wege zum Lesen simuliert.

Wege zu Büchern

Stefan Meschs Essay [Mesch, Stefan (2011) / Futter für die Bestie : 528 Wege… zum nächsten guten Buch. – In: BELLA triste : Zeitschrift für junge Literatur 11 (2011) 3, 84-99] beschreibt den Weg, über den er sich selber im Lesen verfangen hat. Man merkt: Es ist kein unbedingt vorgezeichneter Weg, aber einer, der von verschiedenen Zugängen gezeichnet ist. Heute schreibt Mesch regelmäßig Rezensionen und arbeitet am ersten Roman, aber er merkt auch, wie er immer weniger der ist, der sich mit anderen über all die gelesenen Bücher unterhalten kann. War er große Zeiten seines Weges zum Vielleser mit anderen, wechselnden Instanzen und Personen verbunden, ist er mehr und mehr allein mit dieser Tätigkeit. Menschen lassen sich Bücher empfehlen, wenn sie älter werden, aber sie entdecken sie offenbar – zumindest in seiner Beschreibung – immer weniger selbst. (Im Gegensatz zu ihm, der gerade davon lebt.) Außerdem reden sie immer weniger über die gelesenen Bücher.

Herausstechend aus seinem Essay ist die Beschreibung von insgesamt 29 Wegen, um zu Büchern zu finden. All diese Wege hat er begangen. Seine Aufzählung zeigt, dass die Literaturvermittlung itself nicht den großen Einfluss hat, den sie wohl gerne hätte: (1) Empfehlungen von Oprah Winfrey in deren Talkshow, (2) im O Magazine (O ebenfalls für Oprah Winfrey) und (3) Oprah.com, (4) Amazon-Empfehlungen, (5) die besungenen Bücher in The Booklovers von The Divine Comedy, (6) „Best-of-Listen von Bloggern und anderen Kuratoren durchsieben“ [Mesch 2011, 86], (7) Preisträger und Preisträgerinnen von Festivals durchschauen, (8) Bücher, die Stars erwähnen, (9 / 10) Journalistinnen und Journalisten und deren Comments in Social Medias folgen, (11) Freundinnen und Freunde fragen, (12) Bücher aus der Schulbibliothek stehlen (sic!, das sollte man bei Etatplanungen beachten), (13) auf dem Flohmarkt stöbern, (14) Professorinnen / Professoren, Schriftstellerinnen / Schriftsteller fragen, (15) Wunschlisten anlegen, (16) preisreduzierte Mängelexemplare kaufen, (17) Bestseller und Klassiker bei Amazon durchsehen, (18) nicht jedes Buch zu Ende lesen, (19) mehrere Bücher über ein Thema oder einen Ort lesen, (20) Debütromane bevorzugen, (21) bei Schriftstellerinnen / Schriftsteller aus der Schweiz und Österreich mehr aufpassen, weil die dank intensiverer Kulturförderung sich auch mehr schlechte Bücher leisten können, (22) merken, dass jeden Herbst und Frühling neue Generationen von Schriftstellerinnen als Zukunft der Literatur ausgerufen werden, die dann kurz darauf wieder vergessen sind, (23) schauen, ob ältere Autorinnen / Autoren auf ihren Bildern verklemmt oder offen wirken, (24) deutsche Autorinnen / Autoren empfehlen lassen, im Zweifelsfall aber auf solche aus den USA zurückgreifen, (25) die Bildsprache auf dem Cover beachten, vor allem als Ausschlusskriterium, (26) Goodreads.com, (27) Perlentaucher.de, (28) bestimmte Kuratorinnen / Kuratoren auf Goodreads.com verstärkt beobachten sowie (29) auf dem eigenen Blog empfehlen und warnen.

Eine Liste, die subjektiv ist, aber doch eine Tendenz zeigt: Die Empfehlungen sind eher persönlich, als literarisch begründet. Literarisch untermauert sind vor allem negative Empfehlungen [18, 21, 22, 24, 25]. Und dennoch kommt Mesch zu insgesamt 500 Bücher, die er uns allen vorschlägt. Darunter Klassiker und nicht bekannte Werke (zumal er dem Kanon-Gedanken in seinem Essay laut widerspricht).

Lesen als Leben

Die sprachgebunden [Das Leben als Leser (2011). – In: sprachgebunden : Zeitschrift für Text + Bild 3 (2011/2012) 6] hat Gespräche von, wie schon gesagt, 15 unterschiedlichen Vielleserin und Viellesern, welche in den letzten zwei Jahren geführt wurden, zu einem Tischgespräch (inklusive dem teilweisen Neben- und Gegeneinander von Stimmen) collagiert. Dieses „Gespräch“ ist der Inhalt des gesamten Heftes. Dabei gelingt es der Zeitschrift, den Fluss eines guten Gesprächs zu simulieren und trotzdem einem inhaltlichen Faden zu folgen. Der Zugang zu Literatur und die ersten Lektüren stehen am Anfang, die Bedeutung von einzelnen Werken für das gesamte Leben stehen am Ende. Dazwischen werden Leseorte besprochen, Zugänge zu einzelnen Werken, Fragen des Wiederlesens und Nichtlesens.

Gleichwohl man es dabei ausnahmslos mit Menschen zu tun hat, die ständig Lesen und auch etwas zur Literatur zu sagen haben – also Menschen, die eher selten sind –, fällt auf, dass es weder rein zufällig ist noch einheitlich, warum und wann jemand zum Vielleser oder zur Vielleserin wird. Es ist gibt Möglichkeiten, diese Entwicklung zu beeinflussen. (Also kann man sich beispielsweise nicht zurückziehen und behaupten, dass es eh nicht möglich wäre, Menschen zu Leserinnen und Lesern zu machen oder – Stichwort: wie den meisten die Lyrik in der Schule verhagelt wird – gerade davon abzuhalten. Gleichwohl kann man es nicht alleine auf die soziale Schicht oder das Elternhaus zurückführen. Auch kann man keinen Zeitpunkt nennen, an dem „der Zug abgefahren ist“. Zwar erwähnen viele Leseerlebnisse in der Jugend, aber auch spätere oder frühere Zugänge zur Literatur, teilweise mit langen Lektürepausen, was auch die Konzentration auf Frühförderung bei der Leseförderung fragwürdig erscheinen lässt.)

Das Gespräch selber sollte man lesen, wenn man selber etwas zu Literatur zu sagen hat. Die Menschen sind zu speziell, um aus ihren Meinungen allgemeine Aussagen zu ziehen. Vielmehr sind sie für das Gespräch ja extra als Extreme ausgewählt worden. (Was man allerdings lernen kann, ist, das man keine Angst vor der Weltliteratur im Sinne von „zu Mainstream“ haben muss, aber auch nicht zu viel Respekt haben sollte. Außerdem scheinen sehr viele Menschen den „Mann ohne Eigenschaften“ ungelesen im Regal stehen zu haben.) Man wird aber angeregt, selber etwas beitragen zu wollen, zu widersprechen, zu ergänzen, seine eigene Lesegeschichte zu erzählen.

(Wenn beispielsweise ein Hochlied auf das Lesen im Bett und im Liegen gesungen wird, würde ich gerne eingreifen und laut widersprechen. Literatur, insbesondere Kurze, wird von mir viel besser im Stehen und Laufen wahrgenommen. Allein deswegen gibt es in meinem Arbeitszimmer einen freien Weg zwischen Wand und Balkon, der beständig auf und ab gegangen werden kann. Auch drängt es mich, beizutragen, dass die Stunde, wenn man aus dem Club nach Hause kommt, durchschwitzt, abgekämpft, aber noch nicht bereit zum Schlafen, die beste Zeit für Lyrik zu sein scheint. Und zu erwähnen ist auch, dass meiner Meinungen nach wissenschaftliche Literatur am Besten zwischen 16 und 22 Uhr im Café gelesen wird, weil man [okay, ich] sich in diesen Setting besser konzentrieren kann, als in Bibliothek, Büro oder am heimischen Schreibtisch. Das muss einfach mal gesagt werden. – Solche Reaktionen löst der Text aus.)

Bibliotheken?

Die interessante Frage hier ist allerdings: Wie und wo kommen eigentlich Bibliotheken vor? Die Antwort: Am Rand. Weder werden sie negiert oder gar als unnötig begriffen, aber sie werden auch nicht zum notwendigen Bestandteil einer Karriere zur Vielleserin / zum Vielleser erklärt. Explizit wird ihre Funktion nicht besprochen, weder bei Stefan Mesch noch in der sprachgebunden, es werden auch keine spezifischen Angebote, Bestände, Veranstaltungen erwähnt. Zudem wird kaum ein Unterschied gemacht zwischen privaten Bibliotheken (oder, weil ungeordnet, ja eher oft auch Büchersammlungen), Öffentlichen Bibliotheken, Schulbibliotheken. Teilweise werden noch nicht einmal Bibliotheken und Buchhandlungen wirklich voneinander unterschieden. Wichtig ist bei diesen Erwähnungen vor allem die Potentialität der Bibliotheken – das man Bücher finden kann, durch sie hindurch stöbern, Erfahrungen machen. Nicht weniger, aber erstaunlicherweise auch nicht mehr. (Wobei Zugang, wie bei Stefan Mesch zu lesen ist, auch heißen kann, dass Medien gestohlen werden können – weil sie für eine Lesende / einen Lesenden wichtig werden, was eine moralisch schwierige Ebene eröffnet. Wollen wir nicht gerade auch, dass für Menschen Literatur so wichtig wird, dass sie immer von ihr begleitet werden wollen? Ist da der Verlust von zwei, drei Medien nicht zweitrangig?) Der Bestand als Buchsammlung – nicht als geordneter und dadurch über verschiedene Foki zugänglicher Bestand – gilt als wichtig. Das bei vielen, aber auch nicht unbedingt allen Vielleserinnen und Viellesern.

Das sollte zumindest Öffentlichen Bibliotheken, die sich um Literaturvermittlung bemühen, zu denken geben: Die Bedeutung der Bücherei wird nicht bestritten, aber ihre Angebote über die Bestände hinaus werden nicht erwähnt. Heißt dass, das sie keine Bedeutung haben? Oder nur eine sehr untergründige? (Oder erreicht man gerade andere Menschen mit ihnen, als zukünftige Vielleserinnen und Vielleser?) Zudem: Wichtig ist den Lesenden offenbar die Funktion, im Bestand zu stöbern, Bücher zu entdecken, sich in der Sammlung quasi zu verlieren. (Auch wieder nicht allen, aber doch vielen.) Sollte man das in der Praxis reflektieren? Ist daraus etwas zu lernen? (Das Systematiken kaum wahrgenommen werden, vielleicht, wenn die Menschen doch weiter stöbern anstatt die Hilfstechnik Systematik zu benutzen?)

Gerade bei der Liste der Zugänge zu Büchern, die Stefan Mesch erstellt hat, fällt auch auf, dass die Bibliothek immer im Kontext einer ganzen Anzahl von Zugängen steht und eigentlich nie an erster Stelle: Nicht-dominierender Teil eines Netzwerks. Das ist nicht schlimm, aber kann man daraus etwas zum Anspruch von Bibliotheken ableiten? Nehmen sie sich zu wichtig oder zu wenig wichtig? (In der sprachgebunden wird beispielsweise der Bericht zur Lage der Bibliotheken [2010] des Deutschen Bibliotheksverbandes zitiert, um auf die Zahl der Entleihungen und der Bibliotheken in Deutschland zu verweisen. Die ganze aufgeregte Rhetorik des Berichtes, die ja eine gewisse Tendenz zu Untergangswarnungen hat, scheint hingegen keinen Effekt gehabt zu haben – und das bei einer Zeitschrift, die Bibliotheken sehr positiv gegenübersteht.)

Let’s make it different, beautiful

Um dies noch anzumerken: Auffällig ist an beiden Beiträgen, dass die Zeitschriften mit dem Layout experimentieren. Dies scheint ein Trend bei literarischen Zeitschriften zu sein, der vielleicht auch einmal im Bezug auf Sammlung und Bestandsarbeit besprochen werden sollte: Offenbar gehen immer mehr dieser Zeitschriften dazu über, jede Ausgabe neu und oft auf experimentell zu gestalten. (Neben der BELLA triste und der sprachgebunden ist da auch auf die Edit zu verweisen, die ja auch alle paar Nummer das Grundlayout radikal ändert und dann auch noch in jeder Ausgabe „spielt“.) Dabei handelt es sich nicht nur um kleine Formalia oder Re-Launches, wie dies bei anderen Zeitschriften alle paar Jahre vorkommt, sondern in fast jeder Ausgabe um gestalterische Experimente.

Diese Ausgabe der BELLA triste orientiert sich zum Beispiel am Charme der Siebdruck-Magazine der 80er, bei denen nicht nur die Farben teilweise verläuft und Layoutelemente stark grobkörnig werden, sondern auch die Fonts und Schriftgrößen zwischen den Texten ständig wechseln. Das Layout der sprachgebunden erinnert diesmal an formale Experimente der frühen sowjetrussischen Avandgarde und stellt einfach mal so neue Regeln für Layoutelemente auf: Kapitelüberschriften laufen am unteren Rand mit, Zitate, Verweise, Definitionen und Nachweise werden säuberlich als (verschiedenfarbige) Kolumnen geführt, die Endnoten werden nicht am Ende des Textes vermerkt, sondern auf einer eingeschobenen Seite ungefähr nach drei Vierteln des Textes. Kleinigkeiten, die dazu anregen, immer wieder genauer zu schauen und auch über Layoutkonventionen nachzudenken. Sicherlich: für wissenschaftliche Zeitschriften wäre das ein Horror, sie sehen ja oft eher immer gleich aus, über Jahrzehnte und innerhalb eines Verlages. Das soll sie übersichtlicher und leichter zu lesen machen. Auch in Tages- und Wochenzeitungen würden die PR-Abteilungen intervenieren: Änderungen des Layouts werden als große Ereignisse angepriesen, deshalb dürfen sie nicht zu oft vorkommen. [1] Literarische Zeitschriften hingegen scheinen sich herauszunehmen, auch gleichzeitig Experimentierfeld für Layout und Gestaltung zu sein – und das schon seit Jahren. Offensichtlich hat die Möglichkeit, Layout am Rechner zu setzen, eine neu gelebte Kreativität und Reflexivität der Layouterinnen und Layouter ermöglicht, die es eigentlich mehr zu würdigen gälte. Leider wird das zu selten getan, deshalb hier die Aufforderung, sich dies einmal selber anzutun und sich ein paar aktuelle Ausgaben literarischer Zeitschriften zu besorgen. Es hilft tatsächlich, das eigene Sehen zu hinterfragen.

Fußnote

[1] Wobei angepriesen das richtige Wort ist. Viele erinnern sich bestimmt noch an die „Debatten“, als Die Zeit oder auch letztens der Freitag das Layout veränderte. Die einen stimmten zu, andere fanden es schrecklich, einen Rückschritt oder auch eine Kapitulation vor der Dummheit der Menschen. Aber als ich letztens darüber informiert wurde, dass das Neue Deutschland (jetzt neues deutschland) einen Relaunch hatte, merkte ich, dass mir das nicht einmal aufgefallen war – allerdings, wie mir mitgeteilt wurde, offenbar auch niemand anderem. (Oder?) Zumindest war dieser Relaunch nicht eine Meldung oder einen Kommentar außerhalb der Zeitung selber wert, nicht einmal in der Blogosphäre, wo sonst alles irgendwo besprochen wird. Das mag jetzt beim nd nicht wichtig sein (Liest das überhaupt wer? Will man wirklich Leute treffen, die das nd freiwillig lesen?), aber es zeigt doch mal, wie sehr die ganze Aufregung um andere Layoutumstellungen PR und Mediendiskurs war.