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Wie schnell oder langsam sollen sich Bibliotheken verändern? [Vortragsskript]

Skript zu einem Vortrag auf der Herbsttagung der Bibliothekarinnen und Bibliothekare Graubündens (organisiert von Lesen.GR – KJM Graubünden) am 18.09.2019, Bergün.


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Werte Damen und Herren,

gerne ich möchte heute zu Ihnen über ein Thema sprechen, von dem ich denke, dass es für die Bibliothekspraxis relevant ist, auch wenn es nicht sofort praktisch klingt: Ich möchte gerne diskutieren, wie schnell sich Bibliotheken verändern können und sollen. Dabei geht es mir nicht darum, wie Sie merken werden, Anweisungen zu geben über Veränderungen – das können andere viel besser, selbstbewusster. Stattdessen möchte ich mir mit Ihnen die Realität anschauen, die wir wirklich in Bibliotheken vorfinden und daraus Schlüsse ziehen.

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Das ist meine Agenda. Zuerst möchte ich die jetzige Situation skizzieren, auf die man trifft, wenn man über Veränderungen in Bibliotheken, vor allem Öffentlichen Bibliotheken redet. Das geht sonst oft unbeachtet im Alltag einfach unter, aber ich denke, das Problem, über das ich mit Ihnen nachdenken möchte und die Grundfrage hinter dem Thema wird schnell sichtbar, wenn wir uns einmal diese Skizze anschauen. Wir werden unterschiedliche Positionen vorfinden. Ich möchte dann schauen, ob eine dieser Positionen argumentativ so untermauert werden kann, dass sie als Richtig gelten muss, oder aber – das ist dann eher meine These, wie Sie schon in der Agenda sehen – ob wir es mit einer Struktur zu tun haben, die dem Bibliothekswesen eigen ist. Wir werden uns dabei in einer gewissen Abstraktionsebene bewegen, deshalb werde ich das Ganze anschliessend nochmal an einigen ausgewählten Beispielen besprechen. Ich denke, mit diesen wird die abstrakte Diskussion verständlicher werden. Und zuletzt möchte ich ganz kurz zusammenfassen, was Bibliotheken aus all dem mit in den Alltag nehmen können.

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Schauen wir uns die Situation an. Was passiert, wenn man in Bibliotheken versucht, über Veränderungen zu sprechen?

Sie finden dann immer Kolleginnen und Kollegen, welche mehr oder minder rabiat die Meinung vertreten, dass Bibliotheken sich praktisch gar nicht verändern würden, es aber unbedingt sehr schnell müssten. Bibliothek würden schon lange den Entwicklungen in der Gesellschaft, der Technik, der Pädagogik und so weiter hinterherhinken – und das sei ein Problem. Zudem äussern diese Kolleginnen und Kollegen oft den Eindruck, dass Veränderungen in Bibliotheken oft blockiert und hinterfragt würden, dass sie sich oft sehr alleine bei ihrem Drang nach vorne fühlen und das sie oft den Eindruck haben, dass andere Kolleginnen und Kollegen lieber alles so bleiben lassen würden, wie es ist.

Gleichzeitig – schon, weil dies auch in anderen Bereichen wie der Wirtschaft, oder hier in Bergün, wie wir gerade wieder gehört haben, dem Tourismus,1 gilt – sei es notwendig, dass sich Bibliotheken verändern, sonst würden sie nicht mehr lange bestehen. Das wird mal mit mehr, mal mit weniger Verve vorgetragen.

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Andere Kolleginnen und Kollegen hingegen haben ein anderes Gefühl: Bibliotheken, so ihre Ansicht, würden sich schon ständig verändern, viel zu schnell, viel zu unstet. Sie haben oft eher den Eindruck, dass sie gar keine Ruhe für „normale‟ Arbeit mehr hätten und stattdessen immer aufgefordert würden, noch Mehr, noch Neueres, noch Innovativeres zu tun. Es ist ihnen oft unverständlich, wieso, da vieles von dem, was Bibliotheken tun, zu funktionieren scheint. Wenn die vorher besprochenen Kolleginnen und Kollegen oft das Gefühl zu haben scheinen, dass sie in ihrer Arbeit aufgehalten werden, haben Kolleginnen und Kollegen mit dieser Position oft das Gefühl, dass ihre eigentlich Arbeit nicht wertgeschätzt wird.

Dabei können Sie sich darauf berufen, dass Bibliotheken überhaupt nicht so schnell untergehen, wie das manchmal als Szenario gezeichnet wird. Auch bisherige Veränderungen hätten Bibliotheken gut überstanden.

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Und wieder andere Kolleginnen und Kollegen befinden sich in einer Position zwischen diesen beiden, sagen wir einmal, Extremen. Einerseits verstehen sie, dass Bibliotheken sich verändern müssen, andererseits haben sie auch den Eindruck, dass das passiert. Oft scheinen Veränderungen, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, nicht immer fassbar. Wenn sie darüber nachdenken, können sie Dinge benennen, die sich verändert haben – nicht nur kleine in ihrer eigenen Bibliothek, die auch mal renoviert wurde oder wo der Bestand umgestellt wurde, sondern auch grundsätzliche Dinge. Aber gleichzeitig erinnern sie sich schnell an Hypes, die es auch gab, wo behauptet wurde, dass diese sich bald durchsetzen würden – aber… es dann doch nicht taten. Diese Kolleginnen und Kollegen sind oft etwas unsicher in Bezug auf Veränderungen: Ja, aber wie? Und welche? Welche nicht?

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Das sind, etwas überzeichnet und zusammengefasst, die Positionen, die Sie vorfinden, wenn Sie in Öffentlichen Bibliotheken, zumindest hier in der Schweiz, über Veränderungen reden.2 Ich möchte versuchen zu klären, wer Recht hat. Das ist die erste Aufgabe in diesem Vortrag. Den, wenn wir das sagen können, dann hat das Auswirkungen auf die Bibliotheken.

Dabei, dass möchte ich kurz vorher klären, schaue ich auf die Bibliotheken als Bibliothekswissenschaftler, nicht als Bibliothekar. Das ist – für diese Frage – eine privilegierte Position. Ich muss zum Beispiel nicht im Alltag Entscheidungen treffen darüber, ob eine bestimmte Veränderung umgesetzt wird oder nicht. Ich muss mich auch nicht mit dem Gemeinderat oder so über den Etat auseinandersetzen. Dafür bin ich immer etwas ausserhalb: Ich sehe Veränderungen, Trends, Entwicklungen, Kontinuität in vielen Bibliotheken auf einmal, nicht unbedingt den praktischen Alltag, den Umgang mit den Nutzerinnen und Nutzern. (Und muss dafür andere Entscheidungen treffen, zum Beispiel Noten geben. Aus dem Entscheidtreffen kommt man wohl nicht raus.)

Gleichzeitig habe ich immer, einen etwas historischen Blick auf Bibliotheken. Das werden sie an den Beispielen vielleicht merken. Nicht so sehr auf die alten Bibliotheken im Barock oder so; aber auf die modernen Bibliotheken so ab 1880, 1890, der Industrialisierung, der Moderne. Mich interessieren die Diskussionen und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.

Ich kann schon vorwegnehmen, dass sich unsere Frage wohl nicht mit einem einfach Ja oder Nein beantworten lässt. Aber das ist auch zu erwarten: Die meisten Fragen, wenn man etwas über sie nachdenkt, sind das nicht. Doch auf dem Weg zu unserer komplexeren Antwort werden wir hoffentlich genügend Neues lernen.

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Wie ist die Situation also jetzt? Sie sieht schon stark nach einer Struktur aus, also nach etwas, was nicht die Verantwortung, Schuld etc. einzelner Personen ist, die sich richtig oder falsch verhalten, sondern nach einer Anordnung von Positionen, die sich zu einem System ergänzen.

Zuerst: Die drei Positionen, die ich Ihnen am Anfang genannt habe, laufen im Bibliothekswesen im Alltag gut nebeneinander her, ohne sich gegenseitig aufzuheben, obwohl sie das ja eigentlich inhaltlich tun. Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlichen Positionen können Bibliotheken, zum Teil die gleiche Bibliothek miteinander, betreiben, ohne dass damit die Arbeit dysfunktional wird. Erst dann, wenn es wirklich um Veränderungen geht – und selbst dann nicht immer – kommt es zu Friktionen. Es scheint aber, dass das Bibliothekswesen als Ganzes gut mit diesen unterschiedlichen Positionen leben kann.

Dann ist die Situation aber natürlich unbefriedigend. Kolleginnen und Kollegen sind in dieser Frage oft unsicher: Veränderung, welche Veränderung? Und teilweise, wie wir gesehen haben, fühlen sie sich auch nicht ernst genommen, ausgebremst, zumindest schlecht behandelt. Dabei, dass kann ich Ihnen versichern, wollen eigentlich alle, dass die Bibliothek gut funktioniert. Wenn sie sich nicht darum Gedanken machen würden, was gut ist für die Bibliothek, wären sie nicht so involviert, dass man immer und immer wieder so emotionale Aussagen hören würde. Dann wäre es ihnen wohl viel eher egal. Aber alle wollen etwas Positives für die Bibliothek, alle finden die Situation, wie sie sie jetzt sehen, nicht gut. Das ist unbefriedigend. Aber es ist erinnert auch an viele, viele andere Situationen in unserer heutigen Gesellschaft: Alle verlieren irgendwie ein bisschen, dann funktioniert es.

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Doch gehen wir einmal die drei genannten Positionen durch und schauen wir, ob sich eine davon bestätigen lässt. Das ist jetzt vielleicht, weil ich als Wissenschaftler arbeite und man in der Wissenschaft so vorgeht. Aber es scheint mir sinnvoll, einen solchen Test zu machen. Wenn wir finden, dass eine Position argumentativ oder empirisch gut untermauert ist und die anderen nicht – dann wäre die Frage einfach geklärt. Wir haben aber leider keine Daten, genauer nicht mal ein Modell, um überhaupt zu wissen, welche Daten wir erheben und auswerten könnten. Einfache Empirie geht also nicht. Deshalb müssen wir etwas weiter greifen und fragen, was für oder gegen die jeweilige Position spricht – aber auf der Basis dessen, was wir über die Welt und über Bibliotheken wissen.

***

Also: Zur ersten Position, der, dass sich Bibliotheken schnell ändern müssen. Für diese lässt sich sagen, dass es sehr wohl viele und schnelle Veränderungen gibt, dass sich Bibliotheken heute in einem sehr, sehr anderen gesellschaftlichen, technischen, medialen Umfeld befinden, als vor zehn oder 20 oder 30 Jahren. Ich hab ihnen ein paar zusammengetragen: Ihr Smartphone, das hat sich rabiat schnell entwickelt und ist heute Teil ihres, unseres Lebens, kam aber erst vor knapp zehn Jahren wirklich auf. Der Lehrplan 213 hat innerhalb kurzer Zeit das Reden und Denken darüber, wie Schulen funktionieren, was und wie sie lehren sollen, verändert. Diese Fokussierung auf Kompetenzen, die jetzt in den Schulen umgesetzt werden soll, die Veränderung dessen, was von den Lehrpersonen erwartet wird – beispielsweise die Zusammenarbeit mit den Eltern – hat sich in der Schweiz in erstaunlich wenigen Jahren schnell verschoben. Und aktuell können wir uns garantiert darauf einigen, egal wie Sie persönlich politisch bei diesem Themen stehen, dass jetzt breit ganz anders über Plastik, Wegwerfgesellschaft, Ökologie, das Fliegen geredet wird, als noch vor zehn Jahren. Oder beim Rauchen, da können Sie die Veränderung auch gut sehen, wie schnell sich diese verschoben hat. Veränderungen finden also statt, dass ist nicht zu bestreiten. Die Position, dass sich Bibliotheken schon deshalb verändern müssen, weil sich soviel anderes verändert, ist nicht so einfach von der Hand zu weisen.

Und gerade in der Wirtschaft gilt: Wer sich nicht um Innovation bemüht und sich nicht verändert, geht unter. Für andere Bereiche als die Bibliotheken finden wir das wohl auch ohne Probleme verständlich. Vor diesem Vortrag haben wir über Bergün-Filisur Tourismus gehört und wie dieser verband versucht, sich neue Felder des Tourismus zu erschliessen. Und egal, was wir jetzt von den eingeschlagenen Wegen halten: Das es für die Region notwendig ist, sich solche Gedanken zu machen, musste hier wohl niemand erklärt werden. Warum sollte das nicht auf Bibliotheken übertragen werden?

Das ist die Stärke der Position. Eine wichtige Schwäche ist allerdings, dass es nicht einfach ist zu sagen, auf welche Veränderungen genau Bibliotheken (oder andere Einrichtungen wie Tourismusverbände) reagieren sollen. Auf einige schon, aber auf andere eher nicht. Im Nachhinein ist es einfacher zu sagen, auf welche. Aber mittendrin in den Veränderungen? Schwieriger.

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Weiter zur zweiten Position, der, dass es schon zu viel Veränderungen gibt und dass es sinnvoller wäre, einfach mal als Bibliothek arbeiten zu können. Lässt sich diese Position untermauern?

Tatsächlich können wir in der Bibliotheksarbeit viel Konstanz sehen. Insbesondere kann man für Öffentliche Bibliotheken sehen, dass trotz aller Veränderungen, Umbauten, neuen Services und auch entgegen dem, was man wegen der Veränderungen in der Mediennutzung in der Gesellschaft annehmen würde, weiterhin die Nutzung von gedruckten Büchern im Mittelpunkt steht. Auch, wenn viele Menschen in die Bibliothek kommen, um sie als Treffpunkt, Aufenthaltsraum oder so zu benutzen, auch wenn Veranstaltungen in den Bibliotheken oft gut besucht sind, zielt weiter der übergrosse Teil der Bibliotheksbesuche darauf, Bücher auszuleihen. Das ist auch in den letzten Jahren gleich geblieben.

Es ist auch so, dass in vielen Bibliotheken von immer angekündigten Veränderungen so viel nicht mitzubekommen ist: Weiterhin haben Sie ja auch in ihren Bibliotheken viele Familien, welche die Bibliotheken benutzen. Weiterhin vor allem Menschen, die Lesen wollen – ob in der Bibliothek oder anderswo. Das ist immer noch der Mittelpunkt bibliothekarischer Arbeit. Auch die Hoffnungen darauf, was die Veränderungen in Bibliotheken, die durchgeführt werden, erreichen sollen, scheinen sich so schnell nicht zu ändern. Seit Jahrzehnten soll jedes Mal die Bibliothek zum Begegnungsort, zum Treffpunkt der Gemeinde werden; fast immer sollen Jugendliche angesprochen werden. Man kann also schnell den Eindruck bekommen, dass sich so schnell auch nichts verändert und gute Gründe für diese Position finden.

Selbst bei den Veränderungen, die man wahrnimmt, lässt sich Frage stellen, ob das nicht einfach die normale Entwicklung ist – Medienformen, die sich verändern; Mediennutzung, die sich mit verändert; andere Moden, die sich austauschen –, die in der Gesellschaft auch so stattfindet? Schaut man sich die Situation so an, dann lässt sich schon vermuten, dass es einen Kern bibliothekarischer Arbeit gibt, der sich so schnell nicht entwickelt. Insoweit kann auch diese Position gute Argumente für sich vorbringen.

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Und zur dritten Position, die in der Mitte. Auch die lässt sich begründen. Es gibt Hypes und Moden im Bibliothekswesen und gleichzeitig gibt es wirkliche Veränderungen. Ist man nur etwas länger in Bibliotheken beschäftigt, erinnert man sich an Dinge, die versucht und wieder eingestellt wurden; an Vorschläge für neue Angebote und ähnliches, denen dann nichts mehr folgte. Und gleichzeitig kann man doch Veränderungen benennen, meist mit etwas Nachdenken. Einige Veränderungen gibt es nämlich, die aber oft schnell zum Alltag werden und dann erscheinen, als wären sie praktisch schon immer Teil der Bibliothek gewesen. Aber es gab oft einen Zeit davor, beispielsweise vor den Selbstverbuchungsanlagen.

Auch diese Position lässt sich leicht bestätigen. Es gibt Veränderungen und es gibt Trends. Beides. Was soll man daraus machen? Gibt es erkennbare Gründe dafür, dass sich das Eine durchsetzt und das Andere nicht? Setzt sich durch, was sinnvoll ist? Was heisst sinnvoll?

Wir können das noch einmal an den gleich folgenden vier Beispielen durchspielen, welche die Aussagen zu den drei Positionen hoffentlich noch verständlicher machen.

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Hier das erste Beispiel: Buchstart.4 Das ist der erste Artikel, mit dem das Projekt damals dem Bibliothekswesen in der Schweiz vorgestellt wurde. Sie sehen: 2007. Das ist so lange auch nicht her. Davor gab es in Öffentlichen Bibliotheken hier in der Schweiz praktisch keine Angebote für Kinder von 0-3 Jahren. Das war keine Zielgruppe, über die nachgedacht wurde, was vielleicht auch mit der massiven Verbreitung der Ludotheken zu tun hat. Aber dann hat sich das rasend schnell etabliert. Heute ist es praktisch für jede Bibliothek normal, spezifische Angebote für diese Zielgruppe zu haben, eigene Veranstaltungen, eigene Bestände. Das wird nirgends mehr kritisiert oder diskutiert, dass ist einfach so. Ich bin 2012 in die Schweiz gekommen und damals schon wurde mir in jeder Öffentlichen Bibliothek, die ich besuchte, Buchstart als Angebot gezeigt. Das war fünf Jahre nach diesem ersten Artikel.

Aber es wird auch kaum noch bedacht, dass es eine lange Zeit gab, in der das nicht so war. Es wurde vorgeschlagen, setzte sich schnell durch. Dabei hat bestimmt geholfen, dass am Anfang Geld dahinter stand und auch, dass es von Bibliotheken schnell als sinnvoll angenommen wurde. Für die Fragestellung dieses Vortrags ist aber vor allem wichtig, wie schnell das passierte und wie schnell es praktisch vergessen ging, dass dies eine recht grosse Veränderung darstellte.

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Das zweite Beispiel ist ähnlich. Aber es gab eine Zeit in den frühen 2000er Jahren, in denen die Idee, in Bibliotheken Medienkisten zusammenzustellen und anzubieten, als neue Idee präsentiert wurde. Immer wieder wurden verschiedene Formen dieser Kisten vorgestellt, oft so, als hätte es die anderen Artikel, Vorträge und so weiter zu Medienkisten nicht gegeben. Dabei wurden immer wieder ähnliche Ideen präsentiert – entweder fertige Medienkisten oder solche, die für Schulen und ähnliche Einrichtungen im Auftrag neu zusammengestellt wurden – und manchmal ganz kleinteilige Fragen – wie viele Medien, welche Medienformen, wo kann man Kisten herbekommen und so weiter – behandelt. Und dann, nach einigen Jahren, hörte das wieder auf. Dieser Text hier von 2009 ist eigentlich schon ein sehr später Texte. Schauen Sie heute in die bibliothekarische Literatur, finden Sie solche Texte praktisch nicht mehr.

Aber wenn Sie gleichzeitig in Öffentliche Bibliotheken gehen, finden sie praktisch überall diese Kisten in der einen oder anderen Form, in grösseren Bibliotheken auch in verschiedenen Varianten: Als Kisten für Lehrpersonen und Kindergärten, für Grosseltern, als Überraschungstaschen. Sie sind als normales Angebot von Bibliotheken etabliert, so normalisiert, dass nicht mehr über sie diskutiert wird. (Obwohl es sinnvoll wäre, die Erfahrungen dazu auszutauschen, aber darum soll es hier nicht gehen.)

Wer heute anfängt in einer Bibliothek zu arbeiten, lernt das Pflegen solcher Boxen als normale Arbeit kennen, die halt gemacht wird, ohne zu merken, dass das vor 15-20 Jahren nicht normal war. Das ist ein weiteres gutes Beispiel für Veränderungen, die sich durchsetzen und bei denen dann vergessen geht, dass sich das erst so entwickeln musste, um so zu sein, wie es heute ist.

Aber das ist für die Fragestellung hier relevant: Wenn man bei einigen Angeboten schnell vergisst, dass dies sich erst entwickelt haben, dass die also als Veränderungen erst eingeführt werden mussten, dass lässt sich vielleicht erklären, warum die einen Kolleginnen und Kollegen den Eindruck haben, dass sich praktisch nichts verändert, während andere den Eindruck haben, alles würde sich ständig verändern.

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Ein anderes Beispiel, aber eines, das meiner Meinung nach etwas sehr gut erklären kann: Ich habe Ihnen hier einen Text von 2004 mitgebracht, aber der hätte auch aus den 1970ern oder 1990ern oder von heute sein können. Die Vorstellung, Bibliotheken wären „Büchertempel‟ oder würden zumindest als solche wahrgenommen, finden Sie spätestens seit den 1970ern ständig in der bibliothekarischen Literatur. In diesem Jahrzehnt änderte sich viel, auch für die Öffentlichen Bibliotheken. In der Schweiz kam es eigentlich erst dann zur Verbreitung der Bibliotheken in der Fläche, also nicht nur in den grossen Städten, sondern wie wir es heute haben in vielen, vielen Gemeinden. Aber seitdem finden sie diese Vorstellung, teilweise mit gleichbleibenden Formulierungen, immer und immer und immer wieder. Es gibt diese Vorstellung, dass die Bibliothek irgendwie veraltet sei und dass sie deshalb verjüngt werden müsse. Auch die Vorschläge dazu sind seit Jahrzehnten immer wieder ähnlich: Es müssten neue Medienformen in den Bestand, das Image der Bibliotheken müsse geändert werden, die Bibliotheken müssten Treffpunkt werden und „von den Büchern wegkommen‟.

Wie kann das stimmen, wenn sich Bibliotheken – wie wir gesehen haben – ja doch verändern? Ich denke, dass wir hier einen Hinweis darauf haben, dass dieser Eindruck sich aus der Struktur des Bibliothekswesen heraus ergibt. Nicht für alle, aber immer für einen Teil der Kolleginnen und Kollegen ergibt sich der Eindruck einer gewissen Rückständigkeit von Bibliotheken. Das ist gewiss ernst gemeint, aber eigentlich nie so richtig mit Fakten unterlegt. (Wenn es mal Umfragen dazu gibt, wie Bibliotheken wahrgenommen werden, zeigt sich, dass sie von der Bevölkerung eigentlich durchgängig positiv gesehen werden, auch von dem Teil, der keine Bibliotheken nutzt. Nicht super innovativ, aber sehr positiv. Kaum eine andere Einrichtung wird so positiv gesehen. Die Feuerwehr vielleicht noch. Aber trotzdem haben immer wieder Kolleginnen und Kollegen einen gegenteiligen Eindruck.)

Es ist auch bemerkenswert, dass die Begriffe, die in solchen Beiträgen genutzt werden, sich in gewisser Weise vererben. Es sind immer wieder neue Kolleginnen und Kollegen, die solche Beiträge verfassen, aber immer wieder mit ähnlichen Worten und Argumentationen.

Das ist für mich ein starker Hinweis darauf, dass diese Position – und damit wohl auch die anderen beiden Positionen in Bezug auf Veränderungen in Bibliotheken – strukturell zu erklären ist, dass sie also aus der Arbeit in Bibliotheken immer wieder neu entsteht und auch immer wieder entstehen wird, egal was sich ändert. Vielleicht, so meine Interpretation, muss es immer wieder Kolleginnen und Kollegen geben, die diese Position vertreten und andere, welche andere Positionen vertreten. Vielleicht geht es weniger um die konkreten Veränderungen und viel mehr darum, dass Bibliotheken so funktionieren, dass die einen, die Bibliotheken arbeiten, sich zurückgehalten, die anderen sich getrieben fühlen und wieder andere sich dazwischen wiederfinden.

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Noch ein Beispiel, dass alles komplizierter macht. Es gab so zwischen 2005 und 2010 ein Thema, welches in der bibliothekarischen Literatur immer wieder auftauchte, die „Wertmessung von Bibliotheken‟. Die Idee war, das Bibliotheken sich gegenüber den Geldgebern profilieren müssten und könnten, indem sie bestimmten, welchen Wert ihre Leistungen haben. Es sollte also nachgewiesen werden, wie viel die Investition in Bibliotheken den Gemeinden, Institutionen, der Bevölkerung einbringen würde. So und so viele Franken Investition bringt so und so viele Franken sozialen Gewinn. (Oder, für wissenschaftliche Bibliotheken, Gewinn an Forschung.) Das wurde mit recht viel Verve vorgetragen und als zukünftige Form von Marketing und Fundraising beschrieben.

Es wurden verschiedene Methoden ausprobiert. Diese ergaben dann auch immer wieder Werte, welche zeigen sollten, dass die Bibliotheken der Gesellschaft, den Gemeinden und Menschen mehr einbrachten, als sie kosteten. Mindestens eine Promotion wurde zum Thema geschrieben, einige Abschlussarbeiten, eine ganze Reihe von Studien und Projekten wurde durchgeführt. Auch an meiner Hochschule, deshalb habe ich Ihnen gerade diesen Text mitgebracht.

Aber wenn sie heute schauen, dann ist davon praktisch nichts mehr übrig. Dieser Ansatz wurde nie widerlegt oder offiziell beendet, aber er kommt auch praktisch nirgends mehr vor: Nicht in der Literatur, nicht in den Handbüchern, nicht in der Praxis. Es wird Gründe dafür geben. Für meinen Vortrag ist aber wichtig, dass es ein gutes Beispiel für einen dieser Hypes abgibt, auf den Kolleginnen und Kollegen immer wieder einmal verweisen, wenn es um Veränderungen in Bibliotheken geht. Es gibt sie wirklich. Sie kommen auf, entwickeln eine kurze Zeit einen gewissen Verve, werden oft mit grösseren Versprechen – das sie die Bibliotheken verändern würden, das sie Bibliotheken retten, ihren Etat, ihren Bestand sichern würden – verbunden und verschwinden dann ohne grosse Nachwirkung. Auch das gibt es.

Aber warum war gerade dieses Thema ein Hype, während andere sich durchsetzten und schnell vergessen, dass sie auch eine Veränderung im Bibliothekswesen waren? Kann man das vorher sagen? Es ist nicht so einfach. Ich habe es mehrfach versucht, bin aber auch immer wieder daran gescheitert. Dinge setzen sich durch oder auch nicht – und nicht immer ist verständlich, wieso. Das wiederholt sich. Ich habe nur ein paar Beispiele ausgesucht, um das zu zeigen, aber es gibt viele mehr. Es scheint wirklich eher eine Struktur zu sein, die hier wirkt.

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Also: Lässt sich eine der drei Positionen bestätigen? Können wir sagen, welche Position die Richtige ist?

Ja und Nein. Für alle drei Positionen lassen sich starke Argumente anführen. Beispiele aus der bibliothekarischen Realität verkomplizieren das alles noch. Aber wir können keine der Positionen verwerfen und auch keine als die Wahrscheinlichste bezeichnen. Vielleicht die dritte, aber das kann auch daran liegen, dass solche „Konsenspositionen‟ in der Mitte eigentlich immer irgendwie akzeptabel sind, aber dann auch noch nicht viel erklären.

Wir können also nicht sagen, welche Kolleginnen und Kollegen Recht haben und welche nicht. Eher scheint es so, als können man beides zu allen Positionen sagen, was ein Hinweis darauf sein kann, dass die Frage, wie schnell oder langsam sich Bibliotheken verändern sollen, vielleicht in der Praxis nicht so wichtig für das Funktionieren des Bibliothekswesen selber ist.

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Noch zwei wichtige Anmerkungen zu dieser Frage. Zuerst finden wir diese Situation nicht nur in Bibliotheken vor, sondern auch in anderen, ähnlichen Institutionen. Gerade im Schulwesen scheint das offensichtlich zu sein. Auch hier geht es immer wieder um Veränderung oder Konstanz, auch hier gibt es immer wieder die drei Positionen, die ich für Bibliotheken gezeigt habe.

Aktuell gibt es eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen, die sich darum bemühen – in ihren eigenen Worten –, dass die Schulen im digitalen Zeitalter ankommen. Wenn Sie sich deren Kommunikationsplattformen anschauen – beispielsweise die Social Media Accounts von Beteiligten – finden Sie da immer wieder die Position, dass es schwierig sei, weil sie aufgehalten würden, weil sich andere Lehrpersonen gegen diese Veränderungen stellen und die Mitarbeit verweigern würden, weil Lehrpersonen und Direktionen nicht sehen würden, wie drängend das Thema sei. Und gleichzeitig finden sie auf Social Media Accounts anderer Lehrpersonen (oder in Diskussionen in der schulpraktischen Literatur) die Position, dass die Veränderung auch einmal aufhören müsse, damit man wieder zu normaler schulischer Arbeit übergehen können. Insbesondere lesen Sie da von steigender Arbeitsbelastung durch Veränderungen. Und dann finden sie viele, viele Positionen dazwischen, die keine klare Position zu haben scheinen, sondern die Notwendigkeit von Veränderung bejahen, aber gleichzeitig nicht wissen, wie viel von dieser Veränderung notwendig ist.

Das führt zu Friktionen und wohl auch zu Überlastung. Wir wissen das alle, dass der Lehrberuf von einer extrem hohen Burn-Out-Rate gekennzeichnet ist. Einer der Gründe dafür können die Friktionen sein, die wegen solchen Veränderungen auftreten, auch wenn das nicht der einzige Grund sein wird.

Im Schulwesen scheint sich also ebenso nicht einfach klären zu lassen, welche Position die richtige ist, sondern es lassen wohl für und gegen alle drei gute Argumente finden.

Wenn das aber im Bibliothekswesen und den Schulen (und noch anderen Einrichtungen wie Museen) ähnlich ist, ist das ein Hinweise auf eine Struktur, nicht auf Fehler einzelner Personen oder Missverständnisse, die einfach abgestellt werden könnten.

Folie 17

Ein anderer wichtiger Hinweise auf eine Struktur ist, dass sich diese Situation immer und immer und immer wieder im Bibliothekswesen zu finden scheint. Das ist offenbar keine gerade heute erst entstandene Situation, sondern eine, die immer wieder einmal in der Literatur aufscheint: Klagen, dass die Veränderungen zu langsam oder viel zu schnell, unüberlegt durchgeführt würden, finden sich immer wieder. Sicherlich: Immer etwas versteckt, weil im Allgemeinen bei Artikeln etwas überlegter formuliert wird, als in der mündlichen Rede. Aber doch auffällig durchgängig. Es gibt Zeiten, in denen das offensichtlicher ist – am Anfang des modernen Bibliothekswesens, während des „Richtungsstreits‟ in den 1920er Jahren oder Ende der 1960/Anfang der 1970er, als es ja tatsächlich zu massiven Veränderungen kam. Aber es scheint nicht aufzuhören.

Das heisst, die Kolleginnen und Kollegen ändern sich – weil neue hinzukommen, andere in Rente gehen – und auch die Themen ändern sich immer wieder einmal. Aber die Struktur, die Struktur, die Argumente und Klagen, die ändern sich kaum, sondern wiederholen sich.

Folie 18

Was machen wir daraus? Ich denke, es sollte klar geworden sein, dass ich der Überzeugung bin, dass es sich beim Thema, wie schnell oder langsam Bibliotheken sich verändern sollten, um eine Struktur handelt, nicht um Fehler oder falsche Meinungen einzelner Kolleginnen und Kollegen. Auch wenn das manchmal so scheinen kann, auch wenn einige Kolleginnen und Kollegen von Auseinandersetzung und Entscheidungen um Veränderungen stark beeinflusst werden und sich von anderen gedrängt, gestresst oder in der eigenen Arbeit aufgehalten sehen, auch wenn einige das Gefühl haben, dass etwas ganz schief läuft.

Das es schon lange und auch in anderen Einrichtungen solche Friktionen gibt, das sich die Positionen und auch das Schicksal von Veränderungen – das einige sich durchsetzen, aber schnell ihr Status als Veränderung vergessen geht, andere aber schnell wieder verschwinden – wiederholen, scheint mir darauf hinzudeuten, dass sich dies offenbar aus der Struktur der Einrichtungen ergibt. Offenbar entsteht immer wieder für einige Kolleginnen und Kollegen die Vorstellung, dass es viel zu langsam geht, obwohl die Situation drängend ist, für andere die Vorstellung, dass es viel zu viele Veränderungen in viel zu kurzer Zeit gäbe und für wieder andere, dass es nicht so klar ist. Und offenbar gibt es immer wieder für alle Positionen gute Gründe.

Wenn das so ist, dann hängt es aber auch nicht an einzelnen Personen. Es würde aber erklären, warum eigentlich alle etwas Positives für Bibliotheken wollen, aber bei unterschiedlichen Positionen landen.

Folie 19

Ich finde das einen Erkenntnisfortschritt. Wenn man klären kann, dass eine Situation eine Struktur ist und diese Struktur benennen kann, dann kann man auch gemeinsam daran gehen, diese Struktur zu verändern. Ich habe mich hier nicht daran gemacht, zu klären, wie genau diese Struktur aussieht und warum sie so wirkt, wie sie wirkt. Wichtig scheint mir erst einmal in einem ersten Schritt zu klären, dass sie überhaupt existiert.

Aber wenn man sich daran machen will, sie zu ändern, müsste man fragen, was den das Ergebnis dieser Struktur ist: Wieso wird sie immer wieder reproduziert? Wie hält sie die Institut Bibliothek aufrecht? Wer gewinnt durch sie was? (Selbstverständlich nicht als Verschwörungstheorie, dass sich hier irgendwer etwas aneignen würde, sondern als sozialer Gewinn. Vielleicht können sich durch diese Struktur Kolleginnen und Kollegen eine Professionalität erarbeiten, die sie sonst nicht hätten?)

Folie 20

Wenn wir einmal akzeptieren, dass es sich um eine Struktur handelt, dann können wir schon jetzt aus diesem Fakt einiges für Bibliotheken herausziehen.

Was mir, wie Sie hoffentlich gemerkt haben, immer wichtig ist: Wenn es einen Struktur ist, dann kann man nicht einzelne Personen alleine verantwortlich machen. Dann ist es nicht so, dass einzelne Kolleginnen und Kollegen einfach falsche Vorstellungen haben, die sie verändern müssten. Vielmehr ist es mit diesem Verständnis viel einfacher möglich, allen zuzugestehen, dass etwas Positives für die Bibliotheken – zumindest die eigene – wollen. Die inhaltlichen Unterschiede müssen nicht zu persönlichen Friktionen werden.

Gleichzeitig können wir sagen, dass es in Bibliotheken immer Veränderungen und Konstanz zugleich gibt und das es nicht sinnvoll ist, dies gegeneinander auszuspielen.

Und was wir verändern sollten, habe ich Ihnen auf der rechten Seite dieser Folie zusammengefasst. Wichtig scheint mir, dass wir bei allen vorgeschlagenen oder wahrgenommenen Veränderungen die Rhetorik zurückfahren. Weder treten die grossen Versprechen ein noch die grossen Befürchtungen, mit denen um Veränderungen gestritten wird. Nach Jahrzehnten ständiger Veränderung im Bibliothekswesen können wir sehen, dass das reine Rhetorik ist und niemand wirklich überzeugt. Das macht dann Veränderung auch viel gestaltbarer. Hat man den Eindruck, dass eine Veränderung unbedingt sein muss oder aber das es eine Bedrohung ist, die man abweisen müsse, dann ist es schwieriger angemessen zu reagieren, als wenn man auf der Basis des best-möglichen Wissens über die Veränderung (für das man einige Zeit braucht, um es zu sammeln) und die eigene Reaktion als Bibliothek oder als Bibliothekarin, Bibliothekar entscheidet.

Folie 21

Wir sollten Veränderung als normalen Teil der bibliothekarischen Arbeit ansehen. Das ist weder gefährlich noch besonders aufregend, insbesondere wenn man sich vor Augen führt – wie bei unseren Beispielen – dass sich die erfolgreichen Veränderungen schnell so sehr in den bibliothekarischen Alltag integrieren, das schnell die Zeit „davor‟ vergessen geht.

Folie 22

Ich würde also für ein kontinuierliches, dafür aber auch ruhigeres Vorgehen plädieren. Dystopien oder grosse Versprechungen bringen Bibliotheken dabei nicht viel weiter.

Was ich auch betonen möchte ist, dass es sinnvoll wäre, wenn wir – also das gesamte Bibliothekswesen – uns öfter darüber unterhalten würden, was sich eigentlich wirklich verändert hat und mit welcher Wirkung. Wie gesagt denke ich, dass sich die drei Positionen, die ich am Anfang genannt habe, immer wieder ergeben werden, solange die Struktur, aus der sie sich ergeben, nicht verändern. Irgendwer wird immer das Gefühl haben, Bibliotheken hätten ein veraltetes Image (gegen alle Umfrageergebnisse, die etwas anderes zeigen); irgendwer wird sich immer gedrängt fühlen, Dinge zu verändern, die nicht geändert werden müssten. Aber gleichzeitig denke ich, wenn mehr bedacht würde, wie viele Veränderungen eigentlich stattfinden und was mit ihnen passiert oder nicht passiert ist, wird diesen Eindrücken die Dringlichkeit genommen. So schlecht stehen Bibliotheken in Bezug auf Veränderungen nämlich gar nicht dar.

Folie 23

Auf dieser letzten Folie habe ich Ihnen noch einmal die Take-Aways zusammengefasst, die ich am Wichtigsten finde.

Am Ende hätte ich auf die Frage des Vortrags eine Antwort, die vielleicht etwas enttäuscht, aber dafür hoffentlich verständlicher ist: Wie schnell oder langsam sollen sich Bibliotheken verändern? Das scheint mir nicht so wichtig zu sein. Wir haben gesehen, dass sie sich schon verändern und das offenbar so, dass sie recht erfolgreich bleiben. Immer noch kommen viele Menschen in die Bibliothek, immer noch ist das Lesen wichtig, immer aber auch andere Funktionen. Wenn der Rückblick eines lehrt, dann, dass Bibliotheken eigentlich ganz gut darin sind, Veränderungen so schnell oder langsam aufzunehmen, wie es nötig ist. Das scheint mir wirklich nicht das Problem zu sein. Wenn etwas ein Problem ist, dann die Friktionen, die zwischen Bibliotheken und Kolleginnen, Kollegen wegen Veränderungen aufkommen. Aber die bedrohen offenbar nicht die Bibliotheken selber, sondern gehören offenbar zur Institution selber.

 

Fussnoten

1 Es gab zuvor einen Vortrag über den Tourismus in der Region Bergün-Filisur.

2 Für den Blog zu ergänzen ist, dass sie sich wohl im DACH-Raum nicht so sehr unterscheiden, auch wenn es einige Gebiete gibt, in der „Veränderung‟ in den letzten Jahren oft mit Ressourcen- und Etatstreichung verbunden war, was sich teilweise ändert. In der Schweiz gab es diese Erfahrungen in der breiten Fläche nicht, wenn auch einige Kantone über „Finanznot‟ reden und einige ressourcenarme Gemeinden – unter anderem in Graubünden – besondere Herausforderungen zu meistern haben. Aber grundsätzlich heisst in schweizerischen Bibliotheken Veränderung tatsächlich Veränderung, nicht Mittelstreichung.

3 Anmerkung fürs Blog: Im Lehrplan 21 wurden – gegen politische Widerstände – für 21 deutschsprachige Kantone und das Fürstentum Liechtenstein ein Rahmen für den Unterricht in den Schulen geschaffen, der unter anderem auf Kompetenzorientierung fokussiert. Er wird in den Kantonen und dem Fürstentum aktuell umgesetzt (und bestimmt immer etwas anders interpretiert, aber so funktionieren Lehrpläne und so funktioniert der Förderalismus) und hat Positionen aufgegriffen, die zum Beispiel in Deutschland einige Jahre früher von Kultusministerien und Erziehungswissenschaft vertreten wurde. Veränderungen sind halt immer auch landesspezifisch, aber darum ging es hier im Vortrag nicht.

4 Anmerkung fürs Blog: Es geht hier um das schweizerische Projekt Buchstart, getragen vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien. In anderen Ländern gab / gibt es ähnliche Projekte mit diesem Namen, die aber auch auf andere Strukturen reagierten.

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Am Beginn der modernen Schulbibliotheksentwicklung (in den USA) (Zur Geschichte der Schulbibliotheken XIII)

„Today’s school library is not a dusty tomb of silence, but a beehive of varied, quiet, activity. Gone is the Victorian ‚keeper of the books‘, replaced by a dynamic, skilled professional with a keen knowledge of the age groups with which he works.“ (Joseph G. Hibbs in: Bowers, 1971:VII)

Die Zentralbibliothek Zürich hält, aus Gründen die wohl nicht mehr zu rekonstruieren sein werden, fünf Bücher aus den späten 1960er und frühen 1970er Jahren zu Schulbibliotheken in den USA, veröffentlicht im gleichen US-amerikanischen Verlag, Scarecrow Press, und zudem alle von der gleichen Person – Albert Daub – gespendet. (Bowers, 1971; Lowrie, 1970; Saunders, 1968; Saunders & Polette, 1975; Swarthout, 1967) Diese kleine Sammlung erscheint nicht ganz zufällig, aber sie ist nur eine Auswahl der Bücher welche in diesem Zeitraum zu US-amerikanischen Schulbibliotheken erschienen. Auffällig ist zum Beispiel, dass Medien aus anderen Verlagen nicht vorhanden sind. Angesichts dessen, dass die Zentralbibliothek Zürich in gewisser Weise darauf stolz ist, keine Medien auszusondern, sondern die einmal erworbenen zu behalten, scheint dies intendiert gewesen zu sein. Offenbar wurden die Medien der anderen Verlage nicht angeschafft. Wieso es gerade diese Bücher sind, die es nach Zürich geschafft haben, ist aber schwer zu sagen.

Dennoch vermitteln sie zusammengenommen einen Einblick in eine interessante Zeit der Schulbibliotheksentwicklung, nämlich den Zeitpunkt, an welchem in den USA Schulbibliotheken im modernen Sinne etabliert wurden; nur etwas früher als in den deutschsprachigen Staaten, wenn auch viel nachhaltiger. Zusammengenommen wird in den fünf Büchern sichtbar, dass diese Zeit zuerst von einem grossen gesellschaftlichen Reformwillen getragen war, der sich auch auf Schulbibliotheken niederschlug, vor allem von einem grossen Optimismus bezüglich der Möglichkeit, gesellschaftliche Infrastrukturen im grossen Rahmen planen und für eine gerechtere Gesellschaft zu nutzen. Gleichzeitig – hier vor allem im Vergleich von Saunders (1968) mit Saunders & Polette (1975) – wird auch sichtbar, wie schnell dieser Optimismus umschlug in ein „professionelles“, an der Verwaltung des Bestehenden orientiertes Denken. In der historischen Rückschau ist es ein wenig ein Blick in eine mögliche Zukunft, die dann – aus Gründen, die mit Schulbibliotheken wenig, aber mit gesellschaftlichen Umschwüngen viel zu tun hatten – nicht eintraten und gleichzeitig auf den Anfang der Wege, in denen sich heute Schulbibliotheken bewegen.

Bemerkenswert sind zwei Dinge: Erstens, wie modern die meisten dieser Texte heute noch klingen. Vieles findet sich in ähnlicher Diktion, wenn auch teilweise mit abweichenden Terminologien, noch heute in Texten zu Schulbibliotheken – nur oft vor einer anderen gesellschaftlichen Realität und ohne den Verweis oder auch das Wissen, dass die Aussagen nicht neu sind, sondern schon einmal getroffen wurden. Zweitens zeigen die Bücher auch, dass Schulbibliotheken, so wie heute über sie geredet wird, keine Einrichtungen sind, die unendlich weit in die Schulgeschichte zurückreichen, sondern um Einrichtungen, die so, wie sie heute existieren, erst mit den gesellschaftlichen Umschwüngen Ende der 1960er Jahre möglich wurden, insbesondere mit der Betonung der Individualität der Schülerinnen und Schüler und dem Ziel von Schulen, deren individuelle Entwicklungen zu unterstützen.

Umbruchzeiten

Mehrere der Bücher berichten in kurzen Abrissen davon, wie sich Schulbibliotheken zumindest auf der offiziellen Ebene in den 1960er entwickelten.

Standards und Gesetze

1960 wurden von der American Association of School Librarians (AASL), die damals rund zehn Jahren als eigenständiges Mitglied der American Library Association (ALA) existierte, in Zusammenarbeit mit einer Reihe von pädagogischen und bibliothekarischen Vereinigungen und staatlichen Einrichtungen „Standards for School Library Programs“ formuliert. Zuvor gab es eine kleine Anzahl von „Statements“ der AASL, die eine Verankerung von Bibliotheken in Schulen forderten. Wichtig war offenbar für die Standards – die ja per se noch nichts bedeuten, weil ihnen niemand folgen müsste – ein Projekt der ALA, das School Library Development Project, in welchem das Erstellen von solchen langfristigen Programmen für Schulbibliotheken in einzelnen Bundesstaaten finanziert wurde, die auf der Basis des allgemeinen Standards von mehreren Akteuren in den einzelnen Staates erarbeitet werden sollten. Dies führte – so zumindest die Darstellung bei Saunders (1968) und Saunders & Polette (1975) – dazu, dass diese auch verbreitet wurden. Zudem wurden 1965 der „Elementary and Secondary Education Act of 1965“ erlassen, der es unter anderem ermöglichte, Bundesgelder für Bibliotheken in allen Schulen der USA einzusetzen. Bei diesem Gesetz handelte es sich um das bis dahin umfangreichste und einflussreichste Werk dieser Art für die US-amerikanische Bildungspolitik; Schulbibliotheken kamen im Gesamt eher am Rande vor.

1969 wurden dann die Standards, die Saunders (1968) und Saunders & Polette (1975) als wichtige Meilensteine ansehen, überarbeitet und mit den „Standards for School Media Programs“ – die umfangreiche Forderungen zur Ausstattung von Schulbibliotheken stellten – ersetzt. In Saunders & Polette (1975) wird versucht, den Einfluss dieser Publikation positiv darzustellen, aber dies gelingt kaum:

„[…] the publication entitled Standards for School Media Programs was an attempt to define clearly the roles of the members of the library/media center team and to provide both quantitative and qualitative standards for library/media programs. […] However, many educators studied primarily the quantitative standards and reacted negatively to what they considered a [sic!] utopian view of materials, staffing and facilities. They ignored the rationale behind the Standards and thus, these Standards did not have quite the impact of the 1960 Standards.” (Saunders & Polette, 1975:5)

Die Standards scheinen – vielleicht vergleichbar mit dem Schicksal des kurz später in der Bundesrepublik erschienen der Bibliotheksplan ’73 – die eigentlich angesprochenen Verantwortlichen nicht überzeugt zu haben, egal wie sie argumentierten.

1975 zumindest wurden schon die nächsten, stark reduzierten Standards publiziert. Auch wenn Erfahrungen nicht direkt aus der US-amerikanischen Geschichte in europäische Verhältnisse übertragen werden können, ist es doch beachtlich, dass die Wirkungen der Standards – vor allem ohne finanzielle Rückendeckung – offenbar innerhalb weniger Jahre nicht mehr überzeugend waren, während heute in der Schweiz auf Richtlinien für Schulbibliotheken gesetzt und dies für Deutschland auch immer wieder als positives Beispiel hingestellt wird.

Knapp Foundation Project

Ein Projekt, dass – in zwei Phasen – von 1963 bis 1967 lief und von einer Knapp Foundation finanziert wurde, taucht in den fünf Büchern mehrfach auf. Dieses Knapp Foundation Project wurde in gewisser Weise umfangreicher, als heutige vergleichbare Projekte konzipiert: In einer ersten Phase wurden insgesamt acht Schulbibliotheken in Elementary Schools mithilfe des Geldes der Stiftung massiv ausgebaut, was nicht nur einen materiellen, sondern auch inhaltlichen Aufbau bedeutete. In einer zweiten Phase dienten diese Schulbibliotheken als Demonstrationseinrichtungen, die von über 100 Personen aus anderen Schulen jeweils einen Tag lang – inklusive Gesprächen mit den Schulkräften und Bibliothekspersonal – besucht wurden (wobei die Kosten für diese Besuche auch vom Geld der Stiftung getragen wurden).

In einem Artikel, der auf den Archivmaterialien zu diesem Projekt aufbaut, beschriebt Cara Bertram dessen Ziele wie folgt:

„The project had four objectives: The first was to demonstrate the educational value of school libraries. The second was to promote improved understanding and use of library resources by teachers and administrators. The third objective was to guide other libraries to develop their own programs by having them observe the demonstration schools. And the last objective was to increase interest and support for school library development by producing and circulating information about the program and the demonstration schools.“ (Bertram, 2014)

Diese Ziele lesen sich wie die ähnlicher Projekte, die seit Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum durchgeführt werden, zuletzt 2009-2011 in Hamburg (Schuldt, 2012): Schulbibliotheken werden mit finanzieller Unterstützung aufgebaut und relativ intensiv gefördert, dies wird mal mehr mal weniger dokumentiert und sich dann erhofft, dass dies dazu führt, dass anderswo eigenständige Schulbibliotheken in der gleichen Form entwickelt werden. Gleichzeitig wird gehofft zu zeigen, dass Schulbibliotheken funktionieren können, weil angenommen wird, dies sei bislang nicht ausreichend geschehen. Das Knapp Project ging darin weiter, direkt die Verbreitung des Wissens aus den geförderten Schulbibliotheken heraus zu organisieren.

Wenn es in den fünf Büchern erwähnt wird, dann mit grossem Wohlwollen. Offensichtlich versprachen sich in den USA diejenigen, die zu Schulbibliotheken publizierten, viel von diesem Projekt. Die Auswirkungen des Projektes sind aus den Büchern allerdings nicht zu ersehen, interessant ist aber, dass grundsätzlich – wenn auch oft auf der Seite „Verbreitung der Ergebnisse“ vermindert – viele Projekte im Schulbibliotheksbereich immer noch so funktionieren, wie in den 1960er Jahren (obgleich sie – aber das ist Projektlyrik, die so sein muss, um überhaupt Geld zu beantragen – immer wieder behaupten, innovativ zu sein).1

Das Wachstum der Schulbibliotheken und das Moderne der modernen Schulbibliotheken

Das Buch von Jean Elizabeth Lowrie (Lowrie, 1970), welches die ZB Zürich besitzt, ist die zweite Auflage. Die erste wurden 1960 publiziert, Besuche in Grundschulbibliotheken, die als Grundlage des Buches dienten, fanden 1957 statt. Die Autorin reflektiert die Entwicklung zwischen diesen Besuchen und der zweiten Auflage als rasantes Wachstum von Schulbibliotheken in den USA und gleichzeitig als eine Zeit, in welcher sich diese als unabkömmliche Einrichtung etablierten:

„The growth of the elementary school library program over the past three decades has been tremendous. It has become a segment of the modern elementary school program which has more than justified its existence in situations where it has been allowed to come to fruition. This can be attributed to research in child growth and development, to new methods of teaching, and to changes in the concepts of school library service.” (Lowrie, 1970:12)

Diese Darstellung vermittelt eine Haltung, die sich auch in den anderen Büchern – ausser in Saunders & Polette (1975) – findet: Die Überzeugung, dass die modernen Schulbibliotheken sich ungefähr in den 1960er Jahren verbreitet und etabliert hätten. Die Bücher, die zum Teil eigentlich den Anspruch haben, die Entwicklung von Schulbibliotheken zu unterstützen – ebenso wie das Knapp-Projekt – scheinen deshalb in gewisser Weise „zu spät“ erschienen zu sein: Nämlich nach dem Wachstum, mit dessen Auswirkungen umzugehen ist. Auffällig ist, dass sich durch die gesamten Texte eine optimistische Grundhaltung finden lässt, einzig die spätere Publikation von Saunders & Polette (1975) – die ebenso eine überarbeitete zweite Auflage darstellt – ist weniger optimistisch und klingt eher fordernd; so, als ob die Zeit des Neubeginns vorbei sei und jetzt Professionalität herzustellen wäre.

Was alle der Bücher versuchen, ist, die modernen Schulbibliotheken – auch in Abgrenzung zu den Schulbibliotheken zuvor, die es offenbar auch gab, wenn auch lange nicht so verbreitet – zu beschreiben:

  • Lernen in den Elementary School hiesse Lernen in vielen unterschiedlichen Kontexten, unter Einbezug von verschiedenen Medien, sowohl individuell als auch in Klassen, Problem-solving statt Faktenlernen, Kinder würden als Individuen ernst genommen. Einen solchen Kontext müssten die Kinder eine Schulbibliothek haben, um sowohl Lesen zu lernen als auch Nachschlagewerke nutzen zu können. (Lowrie, 1970)

  • Eine moderne Schulbibliothek würde bestehen als space (inklusive Arbeitsplatz für Klassen, „Space is necessary to help create the friendly, helpful, pleasant climate that will both attract patrons to the facility and be condicive to a healthy study and browsing environment.“ (Bowers, 1971:9)), material (alle Medien der Schule, die direkt zur Verwendung bereitstehen würden), service (Schulbibliotheken seien definiert durch die Services, die sie zum „educational program of the school“ (Bowers, 1971:10) beitragen würde, sowie speziellen Angeboten), instructional center (für die Bibliotheksbenutzung und das für das Lesen) sowie dem personnel (bibliothekarisch ausgebildet, aber mit Unterrichtserfahrung, denn „The professional librarian should be many things to a school, but first and above all he is a teacher.“ (Bowers 1971:13))

  • Schulbibliotheken würden benötigt, da es immer mehr Materialien gäbe, die im Unterricht benutzt würden (Bowers 1971)

  • Unter den neuen Medien, die von der Schulbibliothek zu verwalten wären, würden sich vor allem audiovisuelle Medien finden, wobei Bücher beziehungsweise Texte für moderne Unterrichtsformen weiter notwendig wären. (Swarthout, 1967)

  • Schulbibliotheken würden den Unterricht verändern, nicht nur ergänzen, können: „Good school libraries make curriculum change and educational innovation possible: Their collections of materials make it possible to extend the scope of learning beyond that available from any single textbook. To achieve its potential for curriculum development, the school library must become a fully functioning part of the instructional system.“ (Swarthout, 1967:205)

  • Schulbibliotheken müssten das Ziel haben, effektiv zu arbeiten und alle Mitglieder der Schulgemeinschaft zu erreichen: „The goal of the school library administrator is effective utilization of the materials and services by every student and teacher in the school; consequently, all other activities of the library lead to this objective.“ (Saunders, 1968:3)

Oder anders: Grundsätzlich scheinen sich die Versprechen davon, was Schulbibliotheken können und die Forderungen, was für und mit ihnen zu tun wäre, die in den 1960er und 1970er Jahren in den USA publiziert wurden, kaum von dem zu unterscheiden, was heute (noch) in Deutschland oder der Schweiz über Schulbibliotheken gesagt wird. Ebenso scheint der „moderne“ Unterricht in den späten 1960ern sich nicht so sehr von „modernen“ Unterricht, wie er in den letzten Jahren etabliert wurden oder zumindest werden sollte, zu unterscheiden. (Was auch erstaunlich ist: Hat sich das mit dem „Kinder als Individuen anerkennen“ in den 1970ern einfach nicht durchgesetzt? Ist es zurückgegangen? Oder warum wird das heute wieder betont?) Der „grosse Bruch“ scheint nicht in den letzten Jahren, sondern in den 1960er und 1970er Jahren stattgefunden zu haben.2

Utopien sterben

Interessant ist der Unterschied von The Modern School Library: Its Administration as a Materials Center (Saunders, 1968) und The Modern School Library (Saunders & Polette, 1975). Ersteres ist ein Versuch, alles, was für das Führen einer Schulbibliothek benötigt wird, zusammenzufassen, letzteres ist die Überarbeitung dieses Buches, wobei relativ weitläufige Änderungen vorgenommen wurden.

Das erste Buch spriesst über von Optimismus und Begeisterung. Die Autorin gliedert das Buch zwar in Kapitel, aber ansonsten springt sie thematisch immer wieder zwischen der Schilderung grosser, teilweise abstrakter Zusammenhänge und der Schilderung einzelner Beispiele und Projekte. Jedes Kapitel enthält eine lange Liste von Quellen. Teilweise will das Buch Überzeugen, teilweise Anleiten. Es ist nicht immer stringent, aber motivierend. Die Überarbeitung ist das Gegenteil. Hier ist der Text auf eine einheitliche Abstraktionshöhe getrimmt, es wird wenig argumentiert, dafür werden klarere Anweisungen gegeben. Alles ist klarer: Es werden nur noch wenige, genauer ausgewählte Quellen genannt und das auch nur an einer Stelle. Der Text ist aufgeräumter. Die Schulbibliothek wird als professionell geführte Einrichtung beschrieben, aber es gibt keinen Ausblick auf Entwicklungen oder Fragen nach der Sinnhaftigkeit von Schulbibliotheken mehr. Schulbibliotheken gelten als gut, also müssen sie geführt werden. Es ist ein wenig so, als wäre das erste Buch die Widerspiegelung des von den Hippies und sozialen Bewegungen geprägten Aufbruchs in eine besser Gesellschaft, in der Zukunftsentwürfe und der persönliche Einsatz zählten und das zweite Buch dann eine Widerspiegelung eines scheinbar abgeklärten, aber wenig einfallsreichen und vor allem nichts mehr gross verändernden Liberalismus – oder anders: als würden die beiden Bücher die grundsätzlichen Entwicklungen der US-amerikanischen Gesellschaft der damaligen Jahre mitvollzogen haben. Das ist schon erstaunlich, beziehen sie sich doch nicht auf Gesellschaft, Kunst oder Musik – und vermeiden es zum Beispiel, über den Vietnam-Krieg zu reden –, sondern auf Schulbibliotheken.

Scheinbar ist das Schreiben über Schulbibliotheken – auch wenn es sich um Handbücher dreht – sehr stark an die vorherrschenden gesellschaftlichen und pädagogischen Diskurse gebunden, was die Frage aufwirft, was genuin „schulbibliothekarisch“ an den Texten über Schulbibliotheken ist. Das sichtbarste Zeichen dieser Verschiebung ist das jeweils letzte Kapitel der beiden Bücher. Bei Saunders (1968:176-191) heisst dieses „The Future: A Forecast of Things to Come“ – wobei quasi alle Vorhersagen falsch sind, insbesondere die, dass in den folgenden Jahren Soziale Gerechtigkeit ein Hauptthema der US-amerikanischen Gesellschaft sein würde –, bei Saunders & Polette (1975:162-181) „Evaluation of the LMC [Library Media Center, KS.] Program and Personnel“. Ging es Ende der 1960er Jahre noch um die Zukunft, geht es Mitte der 1970er um die Überprüfung der Arbeit von Schulbibliotheken und um wenig mehr.

Literatur

Bertram, Cara (2014). Knapp School Libraries Project. In: American Library Association Archives at the University of Illinois Archives (Blog), http://archives.library.illinois.edu/ala/knapp-school-libraries-project/

Bowers, Melvyn K. (1971). Library Instruction in the Elementary School. Metuchen, N.J. : The Scarecrow Press, 1971

Lowrie, Jean Elizabeth (1970). Elementary School Libraries. Metuchen, N.J. : The Scarecrow Press, 1970

Saunders, Helen E. (1968). The Modern School Library: Its Administration as a Materials Center (First Edition). Metuchen, N.J. : The Scarecrow Press, 1968

Saunders, Helen E. ; Polette, Nancy (1975). The Modern School Library (Second, completely revised Edition). Metuchen, N.J. : The Scarecrow Press, 1975

Schuldt, Karsten (2012). Doppelarbeit und Wiederholungen beim Versuch, Schulbibliotheksnetzwerke aufzubauen. In: LIBREAS. Library Ideas 20 (2012) 1, http://libreas.eu/ausgabe20/texte/03schuldt.htm

Swarthout, Charlene R. (1967). The School Library as Part of the Instructional System. Metuchen, N.J. : The Scarecrow Press, 1967

Fussnoten

1 Es existiert ein Evaluationsbericht – Sullivan, Peggy (ed.) (1968) / Realization : the final report of the Knapp School Libraries Project. Chicago : American Library Association –, aber den an den bin ich bislang nicht gelangt. Falls jemand den zur Hand hat, würde ich ihn gerne einmal ausborgen.

2 Ähnliches findet sich in deutschsprachigen Publikationen ab den 1970er Jahren. Zuvor wurden Schulbibliotheken beispielsweise oft mit der Aufgabe in Verbindung gebracht, gegen „Schundliteratur“ vorzugehen. Das findet sich nach 1970 nicht mehr.

Domestizierte Neuheit: Das Kreativitätsdispositiv und Öffentliche Bibliotheken

„The answer to one of your questions, though, is that I’m in love with all of you except the part I don’t like. That’s the part of you that’s like all the other girls I see. The part of you that thinks everyone – even Hunter – has to settle down sooner or later with a nine to five job and a mortgage on the house and two chrome-covered cars in every garage and a slew of stupid, happy neighbors and nothing to look forward to but eternal manipulation by forces you never took the trouble to understand. That’s the part of you I don’t like, and the part I’ll never like.” (Hunter S. Thomson, (Letter to Ann Frick, 1959), 1997, 176)

“Grundsätzlich basiert das Regime des Neuen, welches das Kreativitätsdispositiv in allen seinen Segmenten hervorbringt, auf der Struktur des Neuen als Reiz. Was zählt, ist die Hervorbringung und die Rezeption immer neuer, möglichst intensiver Reizereignisse, die jeweils allein in ihrer Gegenwart interessieren. Hier geht es nicht darum, besser zu sein, sondern anders.“ (Reckwitz, 2012, 327)

Die Hauptargumentation in Die Erfindung der Kreativität von Andreas Reckwitz (Reckwitz, 2012) lautet, dass sich beginnend spätestens in den 1960er Jahren und dann verstärkt seit den 1980er Jahren ein Kreativitätsdispositiv ausgebildet hätte, welches aktuell die gesellschaftlichen Sphären dominieren würde. Insbesondere würde es auf die Arbeitswelten und die Konstitution der Individuen wirken, aber nicht nur.

Dispositiv ist dabei, im direkten Anschluss an Foucault, als Anordnung wirkungsmächtiger Diskurse, Leitsätze und Moralvorstellungen zu verstehen, die durch gesellschaftliche Institutionen und Entwicklungen umgesetzt und in gewisser Weise als „selbstverständlich“ etabliert würden. (Foucault, 2000) Dabei ist diese „Selbstverständlichkeit“ von Dispositiven – bei Foucault die um Sexualität und Überwachung, bei Reckwitz das um Kreativität – immer geschichtlich erwachsen und auch als Antwort auf vorherige Krisen der gesellschaftlichen Moral zu verstehen. Das Kreativitätsdispositiv, welches Reckwitz nachzeichnet, ist als Reaktion auf eine tatsächliche oder wahrgenommene Motivationskrise der Angestellten und Arbeitenden, aber auch der Individuen in der gesamten Gesellschaft zu verstehen. (Ganz explizit versteht es Reckwitz als theoretische Weiterentwicklung der Arbeit von Chiapello und Boltanski, welche zwei Kritiktraditionen innerhalb des Kapitalismus ausmachten – die „Arbeiterkritik“, welche sich am Wert sozialer Gerechtigkeit orientiert und die „Künstlerkritik“, welche die Entfremdung durch Arbeit in den Mittelpunkt rückt – die sich über einen längeren Zeitraum gesehen regelmässig in ihrer Wirksamkeit abwechselnd würden. (Boltanski & Chiapello, 2003)) Und gleichzeitig sind alle Dispositive nicht so ewig, wie sie sich selbst präsentieren, sondern immer offen für Veränderungen – schliesslich haben sie immer andere Dispositive als vorherrschende abgelöst, insoweit ist immer die These zu stellen, dass auch sie abgelöst werden.

Gleichwohl sind die jeweils vorherrschenden Dispositive wirkmächtig: Sie werden benutzt, um Menschen, Strukturen, die Lebensgestaltung, die Arbeitsbedingungen und gesellschaftlichen Ziele zu definieren und zu bewerten; sie werden auch als Grundlage der Subjektivierung der Menschen vermittelt und also mehr oder minder von Menschen genutzt, um sich als Subjekte zu konstituieren. Insoweit sind Dispositive keine Pläne, den es gibt niemand, der oder die ihre Durchsetzung im Gesamt planen und steuern würde oder könnte; aber sie sind auch nicht nur unbedeutende Worte.

Kreativität als Normalfall

Das Kreativitätsdispositiv, dessen Entstehung Reckwitz nachzeichnet und das er als aktuell grundlegend begreift, setzt voraus: dass (a) alle Menschen kreativ wären und es auch sein wollen, das heisst dass sie alle Potentiale hätten, die es zu entwickeln gälte, (b) das dieses Streben nach Kreativität, also die Umsetzung der eigenen Potentiale, grundsätzlich motivierend wäre (und zum Beispiel von Firmen und Einrichtungen gefördert werden müsste, um wirtschaftlichen Erfolg zu haben, weil sonst die Mitarbeitenden unmotiviert wäre) und das (c) Menschen, welche ihre Kreativität nicht umsetzen, scheitern würden. Daraus ergibt sich in der Gesellschaft eine ständige Anforderung an Menschen, kreativ zu sein. Das muss nicht unbedingt heissen, Dinge zu schaffen (obwohl es das oft auch ist), sondern ebenso, den eigenen Alltag als ständige Möglichkeit zu begreifen, die Welt aufgrund ihrer Kreativität zu bewerten: Ist etwas neu und anregend (kreativ) oder nicht? Beispielsweise die Konsumangebote, das Lebensumfeld, die Urlaubsziele? Als kreativ und damit erfolgreich gilt, was anregt und Aufmerksamkeit erheischt.

Sichtbar ist, dass diese Anforderungen leicht zur Überlastung führen können, dass ihnen auch nur durch ständige Überbietung des schon Dagewesenen oder aber ständigem Interessenwechsel nachgekommen werden kann. Gleichzeitig wird, historisiert man den Anspruch an Kreativität – wie es Reckwitz tut – schnell sichtbar, wie sehr solche Aussagen, dass zum Beispiel alle Menschen potentiell kreativ seien und auch sein sollen, ein Dispositiv und keine „natürliche“ oder „selbstverständliche“ Aussage darstellen. Historisch wurde hier ein Bild, das noch ein Jahrhundert zuvor als abseitig und tendenziell krank galt – der einsame Künstler, das a-soziale Genie und so weiter – über mehrere Schritte ins Positive gewendet. Dies begann, wie die meisten Dispositive, von den Rändern der Gesellschaft her, ausgehend von Subkulturen (insbesondere seit den 1960er mit ihrer Kritik an der Konformativität der Gesellschaft und der „normalen Biographien“) und selbstgestalteten Avantgarden (vor allem in der Kunst), aber es wurde schliesslich erst gesellschaftlicher Mainstream und dann unhintergehbare Anforderung. Dabei geschah dies immer auch im guten Willen. Es geht nicht unbedingt (nur) um Vereinnahmung non-konformer Subkulturen, sondern tatsächlich darum, dass zum Beispiel die Wirtschaft, aber auch die Bildung, nach besseren Wegen suchte, die Individuen zu steuern und zu unterstützen (beim Produktiv sein oder beim ein-besseres-Subjekt-Werden).

Allerdings, darauf weisst Reckwitz recht weit am Beginn und noch einmal ganz am Ende seiner Studie hin, mit der Etablierung des Kreativitätsdispositiv einher geht eine Produktivmachung der Kreativität für die gesamte Gesellschaft. War bei Avantgarden (beispielsweise der Arts and Craft-Bewegung, dem Surrealismus, aber auch anderen) oder Subkulturen (zu denken ist hier beispielhaft an die Kommunebewegungen der 1960er und 1970er Jahre) die Kreativität immer in den Dienst einer Veränderung gestellt, ist sie heute ein Selbstzweck. Die Dadaistinnen und Dadaisten im Zürich 1915 wollten mit ihren kreativen Handlungen und der Gestaltung ihres Lebens die Kunst und darüber die Gesellschaft aufrütteln, schockieren, ändern und wurden deshalb auch zum Teil von der Gesellschaft abgelehnt; die Design-Studierenden, die heute, 2015, im gleichen Haus der Zürcher Altstadt im Cabaret Voltaire einkehren, müssen kreativ sein, um das Studium zu bestehen und darauf folgend im Arbeitsmarkt zu reüssieren – aber sie wollen es auch. Das Dispositiv, kreativ zu sein, ist ihnen im grossen Teilen zur Selbstverständlichkeit geworden. (Und nur, weil es der gleiche Ort und genau 100 Jahre später ist, ist es so offensichtlich.)

Formen des Neuen

Reckwitz unterteilt, was zum Verständnis der Veränderungen über die Zeit sehr hilfreich ist, das „Neue“, dass durch die Kreativität jeweils hervorgebracht wird, in drei Formen (Reckwitz, 2012, S. 44):

  • Neues I: Das Neue als Stufe (also als fortschrittliche Überwindung des jetzigen Zustandes, eine Form der Neuheit, die eine ständige Weiterentwicklung in Richtung einer besseren Entwicklung, einer besseren Gesellschaft oder einer besseren Kunst anstrebt; kurzum: eine Revolution oder zumindest ein grosser Schritt im Vergleich zum Vorhergehenden, der aber dann auch ein gewisses Ende bedeuten soll, egal ob der „International Style“ als „letztmöglicher Stil“ oder der Kommunismus als letzte Entwicklungsstufe der Gesellschaft).
  • Neues II: Das Neue als Steigerung und Überbietung (also ständige Verbesserung des Vorhandenen, insbesondere verständlich als neue Technik, die besser ist als die Vorhergehende oder naturwissenschaftlicher Fortschritt; kurzum: das, was in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen grosser Betriebe in den 1950er und 1960ern erarbeitet wurde, war dafür prototypisch, wobei es bei dieser Form des Neuen immer weiter geht, alles immer noch besser werden kann).
  • Neues III: Das Neue als Reiz (also das „neu-entdeckte“ Restaurant, die bislang unbekannte Strassenecke, das anregende Urlaubsziel oder das überraschend neuartige Essen; kurzum: ein Neues, das wenig verändert, ausser neue Veränderung – und wenn es die der eigenen Person ist – anzuregen).

Von oben nach unten gelesen wird „das Neue“ das durch Kreativität hervorgebracht wird, domestiziert. Oder auch anders gelesen: Die Kreativität wird in eine bestimmte Richtung hin interpretiert. Die Aufforderung an die Subjekte ist es, kreativ in diese eine Richtung zu sein: nicht etwas verbessernd (Neues II) oder gar grundsätzlich umstürzend (Neues I), sondern kreativ als ständige Anregung im Alltag. Die gesamte Gesellschaft wird damit argumentativ auf ständige Veränderung gestellt: Firmen, Einrichtungen, Städte, Menschen sollen in ständiger Bewegung begriffen werden und begreifen sich auch so – man denke nur an die regelmässig neu geschriebenen, fortgeschrieben und wieder über den Haufen geworfenen Strategiepapiere –, aber nicht, um etwas zu verändern, sondern weil andere Firmen, Einrichtungen, Städte und Menschen sich ständig verändern würden (und es unter dem gleichen Dispositiv auch tun). Damit wird Kreativität aber zu einem Selbstzweck, der das Leben tendenziell interessanter und offener macht (und wir leben ja auch in einer Gesellschaft, die, trotz aller Rückschläge, offener und interessanter ist als einige Jahrzehnte zuvor, obgleich nicht soviel auf der Kippe zu stehen scheint, wie Ende der 1960er – was aber dem unterschiedlichen Verständnis von „Neu“ nach nur konsequent ist), aber auch neue Formen der Scheiterns (persönlich und als Institution) etabliert: Wer nicht genügend Kreativität entwickeln kann, geht daran zugrunde – manchmal tatsächlich durch Krankheiten wie der Depression, deren rasante Verbreitung ganz offensichtlich in einen Zusammenhang mit den steigenden Ansprüchen, kreativ zu sein steht. (Vergleiche auch Menke & Rebentisch, 2010)

Das Neue und damit die Kreativität ist im aktuellen Kreativitätsdispositiv erst einmal nicht mehr umwerfend oder verbessernd, sondern „nur“ spannend oder interessant. Reckwitz (2013) bespricht ganz am Ende seines Buches Auswirkungen und mögliche politische Reaktionen auf dieses Dispositiv (unter anderem das Ausprägen einer Kreativität, die nicht auf Neues zielt oder sich dem „Anregenden“ verweigert – was in der zeitgenössischen Kunst zum Teil tatsächlich ausprobiert wird, womit sich ein gewisser Zirkel schliesst, weil diese Kunst sich wieder ausserhalb der gesellschaftlich prägenden Diskurse zu stellen versucht). In diesem Text hier aber, nach dieser Darstellung, einige Anmerkungen im Bezug auf bibliothekarische Fragen.

Öffentliche Bibliotheken und das Kreativitätsdispositiv

Auffällig ist, dass die Beiträge, die sich aktuell im deutschsprachigen Bibliothekswesen zu Makerspaces, Fablabs und ähnlichen Einrichtungen finden (u.a. Nötzelmann, 2013, Abresch, 2014, Meinhardt, 2014, Vogt, 2014), genau in dieses Dispositiv passen: In ihnen wird gemeinhin angenommen, dass die Menschen – vor allem die Jugendlichen – kreativ sein wollen und müssen. Daraus folgend müsse ein Raum geschaffen werden, welcher diese Kreativität ermöglicht. Ob diese Anforderung überhaupt vorliegt, wird in den Texten nicht wirklich thematisiert (in der Praxis sieht es etwas anders aus). Doch davon abgesehen ist die Kreativität, die in Makerspaces und ähnlichen Einrichtungen gefördert werden soll, überhaupt nicht auf irgendetwas Veränderndes abgestellt. (Dies ist in den Anweisungen zu Makerspaces sichtbar, die zumeist davon ausgehen, dass nach der Nutzung der Geräte und des Raumes alles wieder in den immer gleichen Normalzustand versetzt werden kann.) Es geht um Kreativität und Anregung um der Kreativität und Anregung willen. Einzig Vogt (2014) spielt kurz mit Verweisen auf die Start-Up-Szene in Köln auf eine mögliche wirtschaftliche Bedeutung des Makerspaces in Köln an. Grundsätzlich aber zielt die Kreativität nicht darauf, ein Neues II oder gar Neues I zu produzieren, sondern immer ein Neues III.

Das ist keine Besonderheit von Bibliotheken. Auch andere Makerspaces sind so eingerichtet und argumentativ begründet. Weitere Einrichtungen folgen dem gleichen Diskurs. Abresch (2014) diskutiert das Thema zum Beispiel explizit im Zusammenhang mit Schulen. Aber es ist auch auffällig, wie leicht diese Begründung akzeptiert wird, so als wäre sie selbstverständlich: Alle Menschen wollen kreativ sein. Das genügt einigermassen als Grundbegründung, obwohl es eben nicht selbstverständlich ist. Es ist etwas historisch neues, dass Kreativität so hoch geschätzt wird. Und es ist etwas, dass auch nicht per se gut sein muss.

Eine zweite Auffälligkeit ist, dass die Vorstellung der ständigen Veränderung um der Veränderung willen (beziehungsweise begründet mit der ständigen kreativen Veränderung der Gesellschaft und anderer Einrichtungen) in der Weise, wie Reckwitz sei zeigt, auch bei der Steuerung von Bibliotheken zu finden ist. Mehr und mehr Bibliotheken akzeptieren die Vorstellung, dass die gesamte Gesellschaft (egal, wie dies gefasst ist, und wenn es einfach nur als „Bedürfniss der Kundinnen und Kunden“ oder „wechselnder Konkurrenz“ behauptet wird) sich ständig verändern, wenn auch nicht radikal neu schaffen würde – halt Neu III – und darauf selber mit ständiger Veränderung zu reagieren sei. Diese Veränderung selber müsse kreativ, offen und anregend sein, und eben möglichst wenig starr auf reine Verbesserungen hin geplant (Neu II) oder gar radikal (Neu I) anders. Bezeichnend für diese Form der Steuerung sind Veränderungsprozesse, die als Projekte (vor allem in der Schweiz zum Teil sogar mit festen Projektstellen) gefasst sind, welche erfolgreich vor allem dann funktionieren, wenn sie das Mitdenken möglichst grosser Teile der jeweiligen Bibliothek anregen – also Kreativität einfordern und nutzen, gleichzeitig aber dadurch auch offener und partizipativer funktionieren, als Anweisungen „von oben“.

Ebenso bezeichnend ist der spezifische Diskurs von Innovation in Bibliotheken, wobei diese generell als Notwendigkeit vorausgesetzt zu werden scheint (oft begründet damit, dass Einrichtungen, die nicht innovativ wären, im Rahmen der sich ständig verändernden Gesellschaft untergehen würden) und gleichzeitig kaum klar ist, was Innovation im Rahmen von Bibliotheken bedeutet, abgesehen von neuen technischen Lösungen (die oft aber auch ohne den Begriff der Innovation, einfach als Weiterentwicklung, eingeführt werden könnten).

Zuletzt muss auch auf die strategischen Planungen, niedergelegt in regelmässig in kreativen Prozessen fortzuschreibenden Strategiepapieren, verwiesen werden, welche in den letzten Jahren (im deutschsprachigen Raum nicht nur, aber stark von ekz.bibliotheksservice beziehungsweise SBD.bibliotheksservice gefördert) einer wachsenden Anzahl von Bibliotheken als Notwendigkeit präsentiert wurde (wobei bekanntlich die Akzeptanz dieses Vorschlags in den Bibliotheken sehr unterschiedlich ist). Auch dieses Mittel der Steuerung, das darauf setzt, die Kreativität der jeweiligen Bibliothek – also des Personals – zu aktivieren und für sie zu nutzen, folgt dem Kreativitätsdispositiv: Es wird ständig Neues geschaffen, dass aber nicht umwerfend oder verbessernd, sondern fluide auf vorgebliche oder tatsächliche gesellschaftliche Ansprüche reagierend sein soll. Relevant ist auch, dass es als Vorschlag existiert, der umgesetzt werden kann – und nicht als Anweisung.

Damit präsentieren sich die Bibliotheken, anders als sie es vielleicht selber verstehen (zum Beispiel, wenn sie sich selber in Berufsbilddiskussion als zu wenig veränderlich und zu viel traditionell beschreiben), als Einrichtungen, die sich im Mainstream gesellschaftlicher Diskussionen und Entwicklungen befinden. Reckwitz (2012) weist zurecht daraufhin, dass das Benennen eines gesellschaftlich prägenden Dispositivs die Möglichkeit eröffnet, darüber nachzudenken, was die unintendierten Folgen dieses Dispositivs sind, was an ihm zu verteidigen oder abzulehnen wäre und auch, worauf dieses Dispositiv antwortet und ob diese Antwort die richtig ist. Damit beginnen mögliche politische Fragen – auch wenn es gerade nicht einfach möglich ist, sich ausserhalb des gesellschaftlichen Raumes zu stellen, den dieses Dispositiv hervorbringt. Das Befragen des Dispositivs und das Leben „im Dispositiv“ gehen einher, solange es aktuell ist. (Foucault, 2000) Bibliotheken scheinen – wie andere Einrichtungen auch – mitten im aktuellen Kreativitätsdispositiv situiert zu sein. Damit haben sie auch die Möglichkeit, dies aktiver zu gestalten, als einfach dem Dispositiv zu folgen. Sie können es ebenso gut ignorieren oder abstreiten, aber auch damit würden sie sich politisch verhalten. So oder so: „Kreativität“ (von Nutzerinnen und Nutzern) – genauso wie Innovation – kann nicht einfach als selbsterklärender Grund für Veränderungen oder strategische Entscheidungen angenommen werden. Das alleine würde nur soweit tragen, bis sich ein nächstes Dispositiv etabliert, welches versuchen wird, auf die Unzulänglichkeiten des aktuell vorherrschenden zu reagieren.

Literatur

Abresch, Sebastian (2014) / Bibliothek und Schule : Makerspace in der Praxis. 19 (2014) 2, 56-57, http://www.bibliotheken-nrw.de/fileadmin/Dateien/Daten/ProLibris/2014-2_ProLibris_WEB_01.pdf

Boltanski, Luc ; Chiapello, Ève (2003) / Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz : UVK, 2003

Meinhardt, Haike (2014) / Das Zeitalter des kreativen Endnutzers : Die LernLab-, Creatorspace- und Makerspace-Bewegung und die Bibliotheken. BuB 66 (2014) 6, 479 – 485, http://www.b-u-b.de/pdfarchiv/Heft-BuB_06_2014.pdf

Menke, Christoph ; Rebentisch, Juliane (Hrsg.) (2010) / Kreation und Depression : Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus. Berlin : Kulturverlag Kadmos, 2010

Michel Foucault, Michel (2000 [1978]) / Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Neuauflage. Berlin: Merve Verlag, 2000

Nötzelmann, Cordula (2013) / Makerspaces – eine Bewegung erreicht Bibliotheken. Bibliotheksdienst 47 (2013) 11, 873-876, http://www.degruyter.com/view/j/bd-2013-47-issue-11/bd-2013-0099/bd-2013-0099.xml?format=INT

Reckwitz, Andreas (2014 [2012]) / Die Erfindung der Kreativität : Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung (suhrkamp taschenbuch wissenschaft ; 1995). 4. Auflage. Berlin : Suhrkamp Verlag, 2014

Thomson, Hunter S. (1997) / The Proud Highway : Saga of a Desperate Southern Gentleman 1955-1967 (The fear and Loathing Letters, Volume 1). New York : Ballantine Books, 1997

Vogt, Hannelore (2014) / Makerspace, Digitale Werkstatt und Geeks@Cologne : Ungewöhnliche Veranstaltungsformate in der Stadtbibliothek Köln. BuB 66 (2014) 4, 295-297, http://www.b-u-b.de/pdfarchiv/Heft-BuB_04_2014.pdf

Bewegen sich Bibliotheken vielleicht einfach mit der Gesellschaft mit?

Silvester 2014/2015 und die Tage drumherum verbrachte ich in Amsterdam. Für Bibliothekarinnen und Bibliothekare ist diese Stadt bestimmt auch wegen der Openbare Bibliotheek Amsterdam bekannt, beziehungsweise dem 2007 bezogenen neuen Gebäude der Zentralbibliothek dieser Stadtbibliotheken auf dem Oosterdok gleich um die Ecke von der Centraal Station. Dieser Neubau erhielt nach der Eröffnung reichlich Beachtung, beispielsweise ‒ allein auf deutsch ‒ mit Beiträgen von Gernot U. Gabel in der B.I.T. online, von Sarah Dudek in der BuB oder Hermann Romer in der SAB-Info/Info-CLP (S. 6). In fast jeder Publikation zu Bibliotheksbauten in Europa, die in den letzten Jahren erschienen ist, kommt die Bibliothek ebenso vor. Der Ruf ist gut: Jung ist die Bibliothek, attraktiv, innovativ, mit einem grossen Angebot von Veranstaltungen.

Da meine Begleitung zum Glück ebenso bibliotheksaffin ist wie ich, war es überhaupt kein Problem, dass Gebäude gleich am ersten Abend zu besuchen. Und ja: es ist eine schöne, passende und attraktive Bibliothek; die in der offenen und liberalen Grossstadt Amsterdam offenbar gut funktioniert. Gross, hell, mit vielen flexibel zu nutzenden Arbeitsplätzen, mit vielen Veranstaltungen.

Ausgeschilderter Weg zu Bibliothek.

Ausgeschilderter Weg zu Bibliothek.

Ordentliche Öffnungszeiten.

Ordentliche Öffnungszeiten.

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Obwohl wir am 30.12. vorbeigingen, war die Bibliothek in voller Nutzung. Und es gibt in ihr wirklich vieles, was heute in Öffentlichen Bibliotheken zur Innovation gezählt wird: flexibel zu nutzende Flächen, Ausstellungen (sowohl im Untergeschoss, als auch zwischen den Beständen, teilweise passend zu den jeweiligen Teilbereichen), ein Veranstaltungsprogramm, das mit Workshops, Konzerten und vielem mehr über die einfache Lesung hinausgeht, freundliches Personal, dass auf der gleichen Höhe wie die Nutzerinnen und Nutzer sitzt, Plätze mit viel Licht und Ruhe zum Arbeiten und Plätze mit gemütlichen Sitzgelegenheiten und Blick über die Stadt; Medienstationen für Musik, ein kleines Kino mitten im Bestand, Kunst in der Kunstabteilung, eine lockere und liberale Atmosphäre. Es gibt nichts auszusetzen.

Und dennoch: als wir am Ende unseres Rundgangs im Restaurant im Stockwerk über der Bibliothek (mit gesundem, nachhaltigen und im Vergleich zu den Preisen in der Altstadt durchschnittlichen Preisen; obwohl es von einer Kette betrieben wird) sassen, hatte ich das Gefühl, dass alles schon zu kennen. Dieses übermässige Weiss überall; diese Einbindung unterschiedlicher Medien; diese lockere Atmosphäre. Irgendetwas stimmte nicht. Ich denke es ist Folgendes: Nichts an dem, was zu sehen ist, war besonders grossartig, innovativ oder neu. Alles war okay, aber bei allem Respekt hatte ich überhaupt kein Neuigkeitsgefühl in dieser Bibliothek.

Wie gesagt: Ich finde sie gut. Soweit ich das mit einem Besuch (an einem etwas untypischen Tag) bewerten kann, ist es eine gut integrierte und gut funktionierende Bibliothek, die sich aktuell hält.

Musikabspielstation.

Musikabspielstation.

Kleines Kino für Bibliotheks-DVDs

Kleines Kino für Bibliotheks-DVDs

Radio direkt in der Bibliothek gemacht.

Radio direkt in der Bibliothek gemacht.

Das Restaurant auf dem Dach, mit direktem Zugang aus der Bibliothek.

Das Restaurant auf dem Dach, mit direktem Zugang aus der Bibliothek.

Weiterentwicklung

Genau das war, glaube ich, mein Problem mit dieser Bibliothek, beziehungsweise mit dem Bild von der Bibliothek im Vergleich mit ihrer Realität: Die Zentralbibliothek der Openbaren Biblioteek Amsterdam ist eine moderne Bibliothek, die sich an die aktuellen Möglichkeiten anpasst. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Ein ähnliches Gefühl hatte ich, als ich letztens in Köln den Makerspace in der dortigen Stadtbibliothek besuchte. Ich kannte ihn vorher aus Texten (s. 295-297) und Vorträgen, in denen er als etwas erstaunlich Innovatives und Neues dargestellt (und mit der Q-thek im unteren Stock der Bibliothek verbunden) wurde. In der Realität ist der Raum erstaunlich klein, der 3D-Drucker ist vor allem am Samstag in Betrieb, die Workshops sind zahlreich, bewegen sich aber meist auf der Ebene “Einstieg in…” beziehungsweise “Einführung in…”. Gleichwohl funktioniert der Raum, die vorhandenen Geräte sind sinnvoll und beschriftet. Das Angebot passt in die Bibliothek. Vielleicht ist es das, was genau in diese Stadt passt.

Sowohl in Amsterdam als auch in Köln hatte ich den Eindruck (allerdings jeweils nur von kurzen Besuchen während Kurzurlauben), dass es sich um sinnvolle Weiterentwicklungen handelte. Wenn zum Beispiel Musik vor allem elektronisch vorhanden ist, ist es für einen Bibliothek nur sinnvoll, wenn es Abspielstationen wie in Amsterdam (oder der Q-thek in Köln) gibt. Das ist in den Medienformen angelegt. Wenn die Aufgaben der Bibliotheken breiter werden, ist es nur sinnvoll, dass es auch mehr und andere Workshops gibt, wie das in Amsterdam und Köln der Fall ist. Man kann sich wohl bei all diesen Angeboten streiten, welche Entwicklung genau sinnvoll ist, ob zum Beispiel (so würde ich das behaupten) bestimmte Angebote in bestimmten Städten oder Gemeinden funktionieren und in anderen nicht. Aber so oder so sind all diese Weiterentwicklungen genau das: Weiterentwicklungen von schon vorhandenen Angeboten. Manche Dinge kommen uns in Deutschland und der Schweiz vielleicht unerhört neu vor, zum Beispiel Radio in der Bibliothek, wie das in Amsterdam gemacht wird. Aber auch da scheint mir oft, dass unser Blick einfach zu sehr auf spezifisch deutsche oder schweizerische Traditionen eingeengt ist. Ich hatte kurz vorher “L’action culturelle en bibliothèque” von Bernard Huchet und Emmanuèle Payen (edit.) gelesen, das ein Standardwerk für kulturelle Veranstaltungen in französischen Bibliotheken ist und fand, dass das Radiostudio in Amsterdam gut als weiteres Beispiel in dieses Buch gepasst hätte.

Nicht Innovation

Warum das alles hier erzählen? Weil es (wieder einmal) zu dem Punkt führt, dass ich ein grosses Unbehagen mit dem Begriff “Innovation” und seiner Verwendung im Bibliothekswesen habe. Die Bibliothek in Amsterdam und der Makerspace in Köln wurden in der deutschsprachigen bibliothekarischen Literatur beide als neu und innovativ vorgestellt. In der Realität scheinen sie aber vor allem sinnvoll auf neue Anforderungen und Möglichkeiten zu reagieren, immer im Rahmen ihrer lokalen Gegebenheiten. Mir ist nicht klar, warum man das nicht auch einfach so darstellen und begreifen kann. Ist es etwa etwas Schlechtes, sich “einfach” weiterzuentwickeln?

Der Begriff Innovation impliziert eine bis dato nicht bekannte Veränderung, hin in Richtung Zukunftsfähigkeit und ‒ in der Wirtschaft ‒ auch einem grösseren Gewinn. Er impliziert, dass Einrichtungen in einer Konkurrenz stehen und das eine Einrichtung mit Innovationen einen Vorteil gegenüber den anderen Einrichtungen erlangen kann. Aber: Darum geht es im Bibliothekswesen doch überhaupt nicht. Die Openbare Biblioteek Amsterdam hat mit ihrem neuen Gebäude keinen Vorteil gegenüber der Biblioteek Rotterdam. Sie hat auch keinen Vorteil gegenüber den Buchläden oder Restaurants in Amsterdam. Ebenso hat die Stadtbibliothek Köln mit dem Makerspace keinen Vorteil gegenüber den Stadtbüchereien Düsseldorf oder der Stadtbibliothek Bonn. Niemand nimmt sich etwas weg oder gewinnt etwas an Vorsprung gegenüber den anderen Bibliotheken.

Versteht man die Weiterentwicklung als Normalität, dann würden solche Beispiele wie Amsterdam oder Köln auch die Möglichkeit bieten, gemeinsam als Bibliothekssystem über die normalen Weiterentwicklungen zu diskutieren. Solche Weiterentwicklungen sind notwendig, aber selten so aufregend neu und unvorhergesehen, wie gerne behauptet wird. Beispielsweise die hellen, weissen Bibliotheksräume, die in fast allen neugebauten Bibliotheken der letzten Jahre zu sehen sind: die sind weder überraschend neu, noch anders als zum Beispiel Buchhandlungen und Einkaufzentren, noch sind sie falsch. Sie sind auch nicht aufregend. Aber sie sind passend für den Habitus einen modernen, offenen Bibliothek. Passend, sinnvoll ‒ nicht weniger, nicht mehr.

Wenn man davon ausgeht, dass Bibliotheken immer dann, wenn sie die Möglichkeit dazu haben, neu zu bauen oder grundsätzlich etwas zu verändern beziehungsweise zu erneuern, auch versuchen, jeweils zeitgenössisch gute und sinnvolle Lösungen zu finden, dann wird der Diskurs auch anders. Ohne die Konkurrenzsituation, die über den Begriff “Innovation” hergestellt wird, lässt sich viel besser gemeinsam diskutieren, was notwendige Weiterentwicklungen sind. Ein Beispiel: Jetzt hat die Stadtbibliothek Köln einen Makerspace und ist damit innovativ. Wenn jetzt eine andere Bibliothek einen Makerspace baut, ist das dann altbacken, falsch, unmodern? Selbstverständlich nicht. Ein Makerspace kann auch in anderen Städten angebracht sein, aber es lässt sich nicht so einfach verbreiten. Innovation kann per Definition nur einmal vorkommen. Sicherlich kann man tricksen, denn Innovation ist immer innovativ im Bezug auf ein System. Demnächst wird einen schweizerische Bibliothek einen Makerspace eröffnen, damit ist sie dann die erste in der Schweiz und für das schweizerische Bibliothekssystem innovativ. Aber danach? Darf das dann niemand mehr in der Schweiz? Oder schlimmer: Wenn einen weitere Bibliothek einen Makerspace einrichtet, verlieren dann Köln und “die erste schweizerische Bibliothek mit Makerspace” irgendetwas? Sicherlich nicht.

Das ist der Punkt, der mir in Amsterdam, am Ende, auf dem Dach der Bibliothek, wieder einmal aufstiess: Wenn in den deutschsprachigen Bibliotheken nicht der Diskurs von Innovation (und Krise, die durch Innovation zu lösen sei) vorherschen würde, könnten sich (a) die Diskussionen um die Entwicklungen von Bibliotheken beruhigen und weniger aufgeregt, dafür mehr gemeinsam geführt werden, (b) würde es weniger grosser Versprechen benötigen, um Neuerungen und Weiterentwicklungen vorzustellen und durchzusetzen (weniger Bling-Bling und mehr Realness, um die Metapher aus dem Hip-Hop aufzugreifen). Gleichzeitig würden sich (c) Debatten um Veränderungen in den einzelnen Bibliotheken wohl einfacher führen lassen. Genügend oft führen Veränderungsprozesse in Bibliotheken zu internen Konflikten, die auch damit zu tun haben, dass die Veränderungen als alles verändernde und umwerfende Innovation verkauft werden, teilweise um der Innovation willen. Das ist nicht notwendig, wenn man gemeinsam über normale Weiterentwicklungen diskutieren und andere Bibliotheken als Beispiele, die man nicht unbedingt übertreffen muss, sondern von denen man lernen darf, nutzen kann. Zudem: (d) Wenn man akzeptiert, dass Bibliotheken sich per se entwickeln, wird auch der Dikursort für tatsächlich radikale Änderungen, also Innovationen, wieder frei, weil die dann sinnvoll von anderen Veränderungen abgegrenzt werden können.

Gleichzeitig hatte ich da auf dem Dach in Amsterdam, aber auch beim Rundgang durch die Bibliothek, nicht das Gefühl, dass die Nutzerinnen und Nutzer irgendein Interesse daran hatte, ob ihre Bibliothek jetzt innovativ war oder nicht. Sie schienen einen Bibliothek zu wollen, die für sie funktioniert, in ihrem Alltag und in ihrer Stadt. Wie die sein soll, wissen die wohl auch nicht. (Sichtbar war aber, dass Bereiche, die als “überraschend” konzipiert waren, zum Beispiel mit von der Decke hängenden Sitzgelegenheiten, kaum genutzt wurden, während die “klassischen” Arbeitsplätze gut belegt waren.) Jetzt, nicht in Zukunft. Nicht mehr, nicht weniger.

Hypes in Bibliotheken folgen immer wieder den gleichen Diskursfiguren. Oder?

Makerspaces sind gerade eines der heissen Themen in den deutschsprachigen Bibliothekswesen. (Nötzelmann 2013) So, als wären sie vorgestern erst erfunden und gestern erst wirklich hier angekommen, sind sie Thema in unterschiedlichen Zeitschriften und auf dem Bibliothekstag. (Zukunftswerkstatt 2014) Well, maybe so. Oder anders: Gegen Makerspaces in Bibliotheken ist an sich nicht viel zu sagen. Es gibt einiges, was vielleicht nochmal besprochen werden sollte, insbesondere – wie aber auch bei jedem bibliothekarischen Angebot – wer vielleicht damit ausgeschlossen wird. Doch lassen wir das einmal beiseite.

Jeder Hype verdeckt auch etwas

Jeder Hype im Bibliothekswesen – und vorläufig sind das Makerspaces im DACh-Raum noch, die Stadtbibliothek Köln mit ihrem Space und die Planungen in anderen Städten alleine macht noch keinen Paradigmenwechsel für die Bibliothekswesen aus – zeigt in den Texten dazu auch, welche Diskurse im Bibliothekswesen eigentlich bedient werden und welche nicht. Schaut man genauer, sieht man, was in diesen Diskussionen übergangen wird – nicht unbedingt übergangen aus Bösartigkeit oder weil etwas verschwiegen werden sollte, sondern eher aus strukturellen Gründen. Auch das Bibliothekswesen ist getrieben vom Drang, immer wieder etwas Neues, Innovatives, vielleicht sogar die Bibliotheken Rettendes zu finden. Das führt oft dazu, dass Sinnhaftigkeit eher hintenangestellt und Innovativität als Wert für sich alleine gilt. Es führt auch dazu, dass offensiv vorgetragenen Visionen und Behauptungen eher geglaubt wird, insbesondere wenn es um „die Zukunft der Bibliothek“ geht.

Diese Diskurse sind nicht einfach so zu überwinden, sie haben ihre Begründungen unter anderem in den ständigen Krisendiskussionen über Bibliotheken und der Projektorientierung der Finanzierung von Zusatzangeboten. Aber ein wenig einhalten, sich die Debattenbeiträge auch als Diskurspositionen anschauen, weiterrecherchieren und etwas kritische Fragen stellen, führt doch oft dazu, die übertriebenen Behauptungen zu identifizieren, anstatt sie einfach zu wiederholen und damit vielleicht an der Realität vorbeizureden. Ein solches Vorgehen kann blinde Flecken in bibliothekarischen Debatten – die es sehr wohl gibt – zumindest aufzuzeigen, wenn auch nicht sofort füllen. Und es kann dazu führen, die tatsächlichen Potentiale – die sich sonst oft erst ergeben, wenn man solche Zukunftsvisionen umsetzt und merkt, dass sich die Realität nicht so einstellt, wie gedacht – früher zu identifizieren. Das gilt nicht nur für Makerspaces, das gilt auch für Diskurse über Forschungsdatenmanagement oder solchen vergangenen Hypes wie Virtuellen Fachbibliotheken oder Virtuellen Forschungsumgebungen. Makerspaces sind nur ein Beispiel, dass ich in diesem Beitrag herausgreife – ein Beispiel, dass ich als Idee tatsächlich nicht so falsch finde.

Ich will kurz anhand eines aktuellen Textes zu Makerspaces (Meinhardt 2014) aufzeigen, was ich mit den obigen Aussagen meine. Dabei geht es mir gar nicht darum, den Text schlecht zu machen oder gar der Autorin Fehler nachzuweisen. Mitnichten, es ist ein für die deutschsprachigen Bibliothekswesen überdurchschnittlich umfangreicher und recherchierter Text. Das, was ich an ihm aufzeigen möchte, scheint mir eher ein strukturelles Problem zu sein.

Ist das neu? Kommt es aus den USA?

Das Zeitalter des kreativen Endnutzers (Meinhardt 2014) ist einer der Texte, die Makerspaces als Innovation in den deutschsprachigen Bibliothekswesen einführen möchte. Der Anleser des Textes behauptet, dass es eine „Makerspace-Bewegung [gäbe, KS.], die nun auch die deutschen Bibliotheken erreicht hat“ (Meinhard 2014, 479) sowie, dass „[i]n den letzten zwei bis drei Jahren […] es vor allem die US-amerikanischen Bibliotheken [waren], […] die das Potenzial dieser Bewegung für Bibliotheken konzeptionell und experimentell in den Blick genommen haben.“ (Meinhard 2014, 479). Klingt gut, ist aber so nicht richtig. Oder sagen wir einmal: die Fakten sind nicht so eindeutig.

Ob es wirklich eine Makerspace-Bewegung gibt, ist bestimmt eine Frage der Definition. Ja, es gibt eine Anzahl von Akteurinnen und Akteuren, die in den letzten Jahren die Idee von Makerspaces pushen, es gibt eine Anzahl von Berichten – nicht nur aus Bibliotheken, das eher weniger – zu Makerspaces, seit 2005 erscheint mit „Make“ eine Zeitschrift und eine Anzahl von Büchern zum Thema gibt es auch. (Anonym 2012) Ist das schon eine Bewegung? Oder sind es nicht am Ende doch vor allem ein paar Begeisterte? Wie das messen und vor allem, welche Bedeutung hat es? Dies ist nicht irrelevant. Bibliotheken haben offenbar – seit wann, scheint mir nicht so richtig klar – ständig die Vermutung, ins technologische und gesellschaftliche Hintertreffen zu geraten und berichten sich deshalb ständig gegenseitig von Bewegungen und Entwicklungen, die jetzt aufgegriffen werden müssten – ansonsten würde die Bibliothek untergehen.

Das ist keine neue Diskursfigur. Als ich am Call for Papers für die LIBREAS-Ausgabe #24 mit dem Schwerpunktthema Zukunft mitgearbeitet habe, lass ich eine ganze Reihe alter Texte, die in den 1960er, 1920er und so weiter die Zukunft der Bibliothek besprachen und ähnlich argumentierten. Irgendetwas prägt die Gesellschaft gerade und muss aufgegriffen werden, ansonsten würde die Bibliothek irrelevant. So sehr ich Makerspaces als Ort mag, so sehr habe ich doch meine Zweifel, wenn wieder einmal ein Thema vor allem als angeblich vorhandene gesellschaftliche Bewegung vorgestellt wird. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens frage ich mich sehr schnell, ob das überhaupt stimmt, ob es wirklich ein Trend ist, der anhält oder nicht doch ein Traum, der vor allem vom O’Reilly-Verlag getragen wird. Zweitens aber ist mir selten klar, was nun daraus folgt, dass es eine solche Bewegung gäbe. Heisst das, es wäre notwendig, die ganz Bewegung aufzusaugen und in die Bibliothek zu integrieren? Heisst das, zu verstehen, warum es die Bewegung gibt und auf die Gründe dafür zu reagieren? Heisst es, sich kritisch mit den Zielen der Bewegung auseinandersetzen? Meist wird über diese Frage hinweg gegangen, auch in dem Text von Meinhardt. Es wird nicht gefragt, warum es Makerspaces gibt, auf was da eigentlich gesellschaftlich wie reagiert wird, sondern es gibt sie einfach: Sie haben sich entwickelt, genauso wie sich die Technolgie entwickelt hat, also sei auf sie zu reagieren. Haben sich die Ansprüche der Menschen an die Welt verändert? Gibt es immer mehr Menschen, die etwas basteln und verstehen wollen? Wird die Freizeit mehr mit „selber-machen“ verbracht als früher und wenn ja, warum? Ist es ein Einfluss der Arbeitswelt, die ja auch immer mehr projektorientiert und an verschiedenen Orten stattfindet? Das interessiert die Texte zu Makerspaces offenbar nicht, obgleich die Fragen für die zukünftige Bibliotheksarbeit interessanter sein könnte, als die Frage, wie lange es noch braucht, bis 3D-Drucker so billig sind, dass sie in den Haushalten stehen.

Die zweite Diskursfigur, die im Anleser und dann im Text beständig wiederholt wird, ist die Behauptung, Makerspaces (vor allem in Bibliotheken) seien etwas US-amerikanisches. Das stimmt nicht, aber es ist eine Diskursfigur, die ebenso schon lange in den deutschsprachigen Bibliothekswesen – meiner Meinung nach vor allem dem deutschen, etwas wenig dem schweizerisch-liechtensteinischen und österreichischen – zu finden ist: es kommt aus den USA, also wird es sinnvoll sein. Nicht, dass aus den USA nicht auch immer wieder sinnvolle Anstösse kommen. Mein Problem ist gar nicht die USA, mein Problem ist, dass so sehr verengt wird. Es mir auch nicht klar, was Meinhardt (2014) bei ihrem Thema überhaupt mit dieser Verengung erreichen will. An der vorhandenen Literatur kann es nicht liegen. Sucht man in LISA und LISTRA, merkt man sehr schnell, dass Makerspaces in Libraries zuerst australische und kanadische Themen waren, bevor sie in den USA (zumindest in den Literatur) relevant wurden. Das von mir schon einmal besprochene Beispiel von Bilandzic (2013) in Brisbane, Queensland ist weit älter und meiner Wahrnehmung inhaltlich auch durchdachter, als das, was sich in der US-amerikanischen Literatur findet.

Während die australische und kanadische Literatur zumeist auf gesellschaftliche und pädagogische Aspekte der Makerspaces eingeht, scheinen mir die US-amerikanischen Texte fast durchgängige durch die absonderlich fatalistische Silicon-Valley-Technology-wird-uns-alle-retten-Vorstellung geprägt zu sein. Das ist ein bestimmt ein Teil der Faszination, die Makerspaces gerade in der bibliothekarischen Literatur auslösen, aber doch nicht alles. Von Bilandzic (2013) können wir zum Beispiel viel mehr über die sozialen Funktionsweisen des Lernens oder Nicht-Lernens in Makerspaces lernen.

Meinhardt (2014) entschied sich in Ihrem Text aber dazu, diese Quellen – die, wie gesagt, nicht irgendwelche obskuren Quellen darstellen, die ich heranziehe, um als Hipster das alte „I knew it before it was cool“-Spiel zu spielen, sondern durch einfache Datenbankrecherchen in „unseren“ Fachdatenbanken zu finden – gerade nicht zu nutzen, sondern den gesamten Text über zu behaupten, Makerspaces seien etwas typisch US-amerikanisches. President Obama wird zitiert (Meinhardt 2014, 481), am Ende des Textes wird gefragt, ob Makerspaces „mit dem typisch amerikanischen Pragmatismus oder gar Opportunismus zu erklären [seien]“ (Meinhardt 2014, 484. was auch immer mit dem „Opportunismus“ gemeint ist), was eine unsinnige Frage ist, wenn man bedenkt, dass es solche Makerspaces in Bibliotheken in Kanada (wohl oft etwas sozialdemokratischer als die USA) und Australien (wohl oft etwas distinguierter und relaxter) zu finden sind. Meinhardt (2014) scheint weniger wirklich dahinter kommen zu wollen, was aus den Makerspaces für Bibliotheken oder die Gesellschaft zu lernen ist, und viel mehr es als Thema aus den USA darzustellen und damit schmackhaft machen zu wollen.

Ich denke nicht, dass das eine falsche Absicht der Autorin darstellt. Vielmehr ist es typisch für die Diskurse in den deutschsprachigen Bibliothekswesen. Erstens wird sich auf einige wenige Länder konzentriert, aus der fast alle „internationalen“ Beispiele zitiert werden (das sind wohl die USA, die skandinavischen Länder, Grossbritannien und in der Schweiz auch Deutschland – während die Schweiz in deutschen Diskussionen kaum vorkommt) und zweitens wird oft der Nachweis, dass es eine Anzahl von Beispielen in Bibliotheken aus dem USA oder Dänemark und Schweden gibt, schon zur Bewegung erklärt, obgleich nicht klar ist, ob nicht ein grosser Teil der Beispiele zum Beispiel einfach nur in Grossstädten funktioniert – oder, wie bei Staffless Libraries, nur in kleinen, sozial gesicherten, ländlichen Gemeinden.

Es ist beim Beispiel Makerspaces nur offensichtlicher, da die Kolleginnen und Kollegen aus den beiden anderen genannten Staaten, auf die man bei der Recherche immer wieder stösst, ebenso hauptsächlich in Englisch publizieren. An der Sprache kann es also nicht liegen. Ebenso gehören sie dem Globalen Norden an, insoweit kann das Argument auch nicht gelten, dass die gesellschaftlichen Umstände so anders wären, dass sich aus ihnen nichts lernen lässt. Australien unterscheidet sich vom DACh-Raum nicht mehr oder weniger als die USA. Wieso also werden sie nicht einbezogen? Sind sie zu unhip? (Ich hoffe nicht. Noch immer finde ich Melbourne eine der interessantesten Städte.)

Mir erscheint das als erstaunliche Struktur: Wir können als Bibliothekswesen auf die Erfahrungen aus Dutzenden Ländern zurückgreifen, aber der Blick scheint verengt, auch wenn das von der Literatur her gar nicht notwendig wäre. Selbstverständlich gibt es darüber hinaus noch das Phänomen, dass Staaten, in denen zum Beispiel in Spanisch oder Französisch publiziert wird, kaum in der deutschsprachigen bibliothekarischen Literatur vorkommen, so als könnte man nicht nur aus kanadischen Bibliotheken nichts lernen, sondern auch aus nicht spanischen, französischen oder chilenischen.

Technologische Entwicklung, sonst nichts?

Ein weiterer Diskurs, dem Meinhardt (2014) in ihrer Darstellung folgt und der mir bezeichnend für die Literatur in den deutschsprachigen Bibliothekswesen erscheint, ist der der technologischen Entwicklung. Der Text selber geht weniger darauf ein, wieso es überhaupt Makerspaces gibt oder geben sollte, sondern erzählt eine fast stringente Geschichte, die so aus den Texten über Makerspaces entnommen ist. Makerspaces seinen bessere Hackerspaces. Diese seine in Deutschland erfunden worden, insbesondere in der C-Base (Meinhardt 2014, 479). Was das mit den heutigen Makerspaces zu tun hat, ob also die europäische Hakerkultur, die in den 1990er Jahren in Deutschland zu Vereinen mit eigenen Räumen geführt hat ihre Spuren hinterlassen hat, ob das überhaupt gut ist, ob die ganzes Spaces etwas deutsches haben oder etwas vereinsmeierisches – es wird einfach nicht gefragt. Auch das scheint mir bedeutsam. Viele bibliothekarische Texte machen solche Verweise auf angebliche oder tatsächliche Vorläufer ihres jeweiligen Themas, ohne daraus etwas zu schliessen oder zu lernen. Wozu? Warum erwähnt zum Beispiel Meinhardt (2014, 479) die C-Base als angeblichen Vorläufer von Makerspaces – obwohl die C-Base heute weit mehr ist als nur Hakerspace – kommt aber noch nicht einmal im Fazit auf diese vorgebliche Tradition zurück? Mir scheint das immer wieder eine diskursive Strategie zu sein, mit der man sich der Relevanz des eigenen Themas durch Historisierung versichern will, so als wäre man sich nicht sicher, ob das eigene Thema wichtig wäre (Ungefähr so: Bibliothek gab es schon in der Antike, schon 17xx wurden medizinisch Bibliotheken erwähnt, schon 18xx nannte irgendein Autor die Bibliotheken wichtig für das literarische Schreiben…deshalb…). Ich frage mich bei diesem Text, aber auch bei anderen Texten, die eine solche Strategie verfolgen, was ein Thema wert sein kann, wenn es nicht von alleine trägt.

Aber zurück zu der Erzählung im speziellen Text. Folgt man Meinhardt (2014), gab es erst Hakerspaces, dann wurden 3D-Drucker entwickelt (ohne das klar wird, warum sie entwickelt wurden), dann wurde das zusammengeführt, dann wurde es von Bibliotheken aufgegriffen. Warum gerade von Bibliotheken? Hat sich nicht auch viel mehr anderes verändert (nur als Hinweise: Die Virtualisierung bestimmter Segmente des Arbeitsmarktes)?

Meinhardt (2014, 480) behauptet: „Bibliotheken sind ganz ohne Frage seit geraumer Zeit auf der Suche nach ihrer Rolle und Funktion in der Welt, […]“ (Meinhardt 2014, 480), aber das ist keine wirkliche Argumentation, da sich diese Aussage von den sich-selbst-suchenden Bibliotheken seit Jahrzehnten findet und gleichzeitig nicht nur für Bibliotheken, sondern fast alle kulturellen und pädagogischen Einrichtungen sich ähnliches zuschreiben: Museen, Soziale Arbeit, Jugendclubs, Verbände, freiwillige Feuerwehren und so weiter. Meinhardt (2014) baut das Argument noch aus und behauptet einen Zusammenhang von Open Access beziehungsweise dem Zur-Verfügung-Stellen-von-Informationen und dem Versuch von Bibliotheken, sich als Bildungseinrichtungen zu positionieren. Aber auch das trägt nicht: Fast alle Einrichtungen – ausser vielleicht die Soziale Arbeit und Teile der freien Kunstszene –, die nicht schon Bildungseinrichtungen sind, wollten in den letzten Jahren Bildungseinrichtung sein. Das ist kein spezifisches Bibliotheksthema. Dass Bibliotheken Informationen zu Verfügung stellen, ist richtig. Aber hat das einen direkten Bezug zu Makerspaces? Das scheint doch etwas konstruiert. Wenn, dann würde zum Beispiel Jugendclubs doch auch gute Anwärter für Makerspaces sein: die stellen nicht unbedingt Informationen bereit, aber dafür Räume, offene Jugendarbeit und eine Tradition von Arbeiten in kleinen Projekten, die Jugendliche ermächtigen sollen. Und trotzdem erscheint es bei Meinhardt (2014), als würden Makerspaces direkt darauf hin konstruiert sein, in Bibliotheken angesiedelt zu werden, während Jugednclubs gar nicht erwähnt werden. Das ist doch erstaunlich, beziehungsweise wieder eine Diskursfigur, die sich zu wiederholen scheint.

Die Hypes in Bibliotheken werden gerne als quais-natürliche Entwicklungen dargestellt, die genau auf Bibliotheken ausgerichtet sind – fast wie ein Wunder. Dabei stimmt das natürlich nicht. Zum Beispiel wird die Hinwendung der Wissenschaft zu Open Access oft als eine gesellschaftliche Entwicklung dargestellt, die halt stattfindet, weil es technisch möglich ist. Aber das stimmt nicht: Technikentwicklung ist genauso wie Wissenschaftsentwicklung immer das (komplexe) Ergebnisse von unterschiedlichen Entscheidungen und Handlungen. Und Open Access hat nur etwas mit Bibliotheken zu tun, weil Bibliotheken sich zum Teil darauf stürzen. Genauso ist dies mit Makerspaces. Makerspaces sind meiner Meinung nach auch ein Antwort auf Anforderungen der Gesellschaft nach Orten ausserhalb vom Lern- und Verwertungsdruck, sind auch ein Ergebnis der Entscheidung, Technik in bestimmter Weise zu nutzen – nämlich weniger rationell, als es Ingenieurinnen und Ingenieure gerne hätten, sondern viel mehr für Spass und Unterhaltung –, sind auch ein Ergebnis des ständigen Denkens in Projekten, egal ob auf Arbeit oder bei der Lebensplanung und sie sind auch ein Ergebnis des Scheiterns anderer Versuche, Technik zugänglich zu machen. (Auch hier wäre ein Blick in Bilandzic (2013) angebracht, der beschreibt, wie sich der sehr wohl vorhandene Hakerspace in Brisbane zu dem Makerspace in der State Library verhält.)

Meinhardt (2013, 483) führt immerhin, wenn auch eher nebenher ein weiteres Thema an: Die Vernetzung zwischen Bibliotheken und Community, die mit dem Makerspace etabliert werden kann. Sie übergeht die Relevanz dieser Aussage, weil sie sich viel mehr mit technischen und organisatorischen Fragen aufhält, aber immerhin zeigt sie, dass der Makerspace auch ein soziale Komponente hat. Einbindung in eine Community verändert auch die Position der Bibliothek. Oder? Was macht sie denn bislang? Reagiert sie damit auf ein veraltetes Modell von Bibliothek; einer Bibliothek, die mit der Community nichts zu tun hat? Oder nicht? Mit welcher Community eigentlich? Es wäre eine interessante Frage, die sich eigentlich bei jedem Hype stellen lässt (Z.B.: war die Wissenschaftliche Bibliothek „vor“ dem Open Access nicht auf die Forschenden und deren Interessen ausgerichtet?). Das wird immer wieder gerne übergangen, wenn Bibliotheken bei dem jeweiligen Hype prophezeien, dass er direkt die jeweilige Zielgruppe ansprechen würde, es anschliessend aber, wenn aus dem Hype Projekte und Strukturen entstehen, nur zum Teil oder gar nicht tut.

Diskursstrategien

Wie gesagt: Der Text von Meinhardt (2014) scheint mir kein schlechter Text zu sein. Ich wollte ihn nicht als falsch vorführen, sondern nur als Beispiel, wie in den deutschsprachigen Bibliothekswesen sich immer wieder Diskursstrategien wiederfinden, die mich einerseits jedes Mal irritieren (schon im Sinne von: Ich reisse die Arme in die Luft und sage laut: „Wat? Wieso? Wat?“), die andererseits aber auch die Aussagekraft dieser Texte einschränken. Wer zum Beispiel einen Hype vor allem auf eine angeblich ohne grossen gesellschaftlichen Einfluss auskommende Technologieentwicklung zurückführt, kann gar nicht danach fragen, wie die Gesellschaft sich verändert, dass eine solche Technologie gerade zum jeweiligen Zeitpunkt aufkommt. Wer ständig Dinge erst wahrnimmt, wenn sie in den USA oder Skandinavien „angekommen sind“, kann Erfahrungen aus anderen Staaten kaum nutzen.

Nur zur Zusammenfassung noch einmal die Diskursstrategien, von denen ich sprach in einer Liste. Ich glaube, würde man über diese hinausgehen, könnten die Debatten in den deutschsprachigen Bibliothekswesen inhaltlicher werden und von der Suche nach dem nächsten Hype als alleinigen Grund für Texte über die zukünftige Entwicklung von Bibliotheken zumindest ein wenig Abstand genommen werden.

  • Innovation gilt oft als eigenständiger Wert, der nicht per se mit Sinnhaftigkeit zusammenfallen muss. Dabei ist das, was innovativ ist, noch nicht schlecht oder gut, genauso wie das, was nicht mehr innovativ ist, gleich schlecht oder gut ist. Manchmal ist es das sinnvollste, was zu machen ist.
  • Dinge, die man gut findet, werden schnell zu einer Bewegung oder einem anhaltenden Trend erklärt, ohne zu zeigen, ob das überhaupt stimmt. Dabei ist das unnötig. Wenn zum Beispiel eine Idee gut ist, bliebt sie auch gut, wenn bislang nur eine Bibliothek im hintersten Utah sie umgesetzt hat und nicht dreiundzwanzig in New York und St. Louis. Dann muss man aber der Idee mehr vertrauen und mehr für sie argumentieren – und setzt sich damit auch Gegenargumenten aus, was aber eigentlich zu einer abgesicherteren Meinung führen sollte – als wenn man sie vor allem als das präsentiert, was eh kommen wird.
  • Die USA, zum Teil Skandinavien und Grossbritannien, werden als der Ort dargestellt, an dem jede neue Entwicklung stattfindet. Dabei werden andere Länder „übersehen“ oder gar nicht erst wahrgenommen, gleichzeitig wird gar nicht so sehr auf die Frage eingegangen, worauf bestimmte Bibliotheken in den USA mit bestimmten Angeboten reagieren. Gerade die USA wird alleinstehend als Qualitätsmerkmal genutzt. Aber genauso wie nicht alle Musik aus den USA gut ist, sondern nur viel mehr der Musik aus den USA besser ist als die aus Deutschland oder der Schweiz, und genauso wie aus Jamaika oder Australien auch gute Musik kommt, ist das Land, aus dem etwas stammt, noch lange kein Qualitätssiegel. Zudem gibt es keine Garantie, dass das, was in den USA oder Skandinavien klappt, in den deutschsprachigen Bibliothekswesen sinnvoll wäre. Sinnvoll ist, was im lokalen Rahmen sinnvoll ist. Um das bestimmen zu können, muss man aber auch über den lokalen Rahmen diskutieren.
  • Trends werden gerne mit vorgeblichen oder tatsächlichen historischen Vorläufern in Verbindung gebracht, ohne das diese Verbindung irgendeine Bedeutung für die jeweilige Aussage / Idee hat. Das ist inhaltlich oft unnötig.
  • Trends werden oft als Folge unabänderlicher Entwicklungen ausserhalb der Bibliothek dargestellt (die Technologie hat sich halt so entwickelt, die Wissenschaft entwickelt sich halt so, die Lesevorlieben der Jugendlichen entwickeln sich halt so), was davon enthebt, die oft gesellschaftlichen und politischen Hintergründe dieser Entwicklungen zu ignorieren und auch die Möglichkeiten der Bibliothek als reine Reaktionen auf Vorgaben von aussen erscheinen zu lassen. So, als ob die Bibliotheken nur getrieben werden, während sie in Wirklichkeit Entscheidungen treffen, über die man diskutieren könnte.

Literatur

Anonym (2012). Makerspace Playbook. http://makerspace.com/wp-content/uploads/2012/04/makerspaceplaybook-201204.pdf

Bilandzic, Mark (2013). Connected learning in the library as a product of hacking, making, social diversity and messiness. In: Interactive Learning Environments (In Press), http://eprints.qut.edu.au/61355/

Meinhardt, Haike (2014). Das Zeitalter des kreativen Endnutzers : Die LernLab-, Creatorspace- und Makerspace-Bewegung und die Bibliotheken. In: BuB 66 (2014) 6, 479-485

Nötzelmann, Cordula (2013). Makerspaces – eine Bewegung erreicht Bibliotheken. In: Bibliotheksdienst 47 (2013) 11, 873-876

Neues Buch: Bibliotheken erforschen ihren Alltag.

BibliothekenerforschenihrenAlltag_Cover

Wie zu erkennen: Das Cover.

Ein bisschen Eigenwerbung: Dieser Tage erschien – wieder einmal im Simon Verlag – mein neues Buch Bibliotheken erforschen ihren Alltag. Ein Plädoyer.

Was ich mit diesem Buch tun wollte, war sehr einfach: Die Bibliothekarinnen und Bibliothekare in den deutschspachigen Ländern dazu anzuregen, selber dort zu forschen, wo sie arbeiten; vor allem in den Öffentlichen Bibliotheken. Ich bin der Überzeugung, dass das möglich ist. Forschen ist eine sinnvolle Tätigkeit, die uns mehr über das Funktionieren der Gesellschaft informieren kann. Forschen ist auch eine Tätigkeit, die intellektuell anregt und den Blick schärft. Und vor allem ist Forschung nichts, was nur Menschen an Hochschulen überlassen werden muss.

Zudem gibt es eine gute Anzahl von Beispielen, in denen ausserhalb der etablierten Forschungsinstitutionen geforscht wird und das mit Erfolg, Elan und relevanten Erkenntnisfortschritten, unter anderem in Schulen im deutschsprachigen Raum oder in Bibliotheken des Auslandes, vor allem Kanadas. Alles was ich mit dem Buch tun wollte, war, dass zu zeigen und gleichzeitig denen, die in Bibliotheken arbeiten und sich über bestimmte Dinge wundern (z.B. Warum nutzen gerade diese Menschen unser Bibliothekscafe? Wie funktioniert die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Jugendgruppen bei uns? Welchen Einfluss hat das Wetter wirklich auf die Nutzung unserer Bibliothek?), zu sagen: Untersuch es doch mal. An einem etwas abwegigen Beispiel wird das im Buch mit unterschiedlichen Methoden und Fragestellungen durchgespielt, aber das ist nicht das Wichtige. Wichtig ist, dass ich einmal sagen wollte, dass niemand einen Dr. oder MA vor dem Namen (oder M.A. hinter dem Namen braucht), um sich in die methodische Beantwortung von Fragen im Bezug auf die eigene Bibliotheken zu stürzen. Wozu das führen kann? Zu mehr Wissen über das Funktionieren von Bibliotheken, zu mehr und abgesicherteren Diskussionen im Bibliothekswesen, zu mehr Spass beim Arbeiten in Bibliotheken. So zumindest meine Hoffnung (aber manchmal bin ich auch etwas naiv, ich weiss).

Ich bin dem Verlag tatsächlich dankbar, dass ich dies auch einmal in Buchform tun konnte.

Genf: Buchhändler des Vertrauens

Wenn man aus Berlin stammt, macht in der Schweiz alles, wirklich alles zu früh zu. Oder gar nicht auf. (Restaurationen haben zum Beispiel Sonntags oft gar nicht auf oder servieren erst ab halb acht Essen. [What?] Und nicht zu vergessen: Geschäfte machen Mittagspause, [How is that even possible?] Clubs in Zürich oder Lausanne machen am Wochenende um vier zu [Why?]… so was.)

Aber gleichzeitig ist es die Schweiz, nicht Berlin. Offenbar gibt es ein weites Vertrauen (letztes Jahr hab ich kurz über die Lesebänke in Chur und Arosa geschrieben, die auch auf diesem Grundvertrauen in die Ehrlichkeit und Selbstkontrolle der Menschen basiert). In Genf, wenn man unbedingt etwas zu lesen braucht, aber die Buchläden und Bibliotheken zu haben, kann man in den Durchgang neben einer Buchhandlung gehen und findet dies hier: Ein Regal mit mittelmässigen Second-Hand-Büchern mit (genferischen, also schweizerischen plus noch mal 30% oder so) Preisen auf der Innenseite und der Bitte, dass Geld in den Schlitz der Tür zu werfen. Sicher: Das findet sich auch anderswo, ein Bild aus West Virgina geht immer wieder einmal durchs Internet. Aber hier in der Schweiz irritiert das nicht einmal. Ist halt so.

Links der Eingang zu normalen Öffnungszeiten

Links der Eingang zu normalen Öffnungszeiten

Rechts das Buchregal im Durchgang.

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Please pay as you leave.

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