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Welche Vorbilder wählt sich das Bibliothekswesen und wieso? Einige Überlegungen

Letztes Wochenende fand in Genf die Fête de la Musique statt. Anders als anderswo ist das in Genf nicht der Tag des Sommeranfangs (21. Juni), sondern das ganze Wochenende nach diesem Tag (Freitag bis Sonntag, diesmal 22-24. Juni). Aber ebenso wie anderswo: Musik, vornehmlich draussen, umsonst, mit verschiedensten Musikrichtungen, sehr lokal geprägt (also Bands und so weiter aus Genf, was bei der doch internationalen Stadt Genf halt auch heisst, sehr international geprägte Musik). Da sich der Grossteil der Bühnen in Genf in der Altstadt und neben der Altstadt im Parc des Bastions befindet, gab es hier auch recht zentral all die Essens- und Getränkestände, symphatischerweise nicht von grossen Caterern, sondern vor allem von Vereinen betrieben, die so Geld für ihre jeweiligen Vereinszwecke sammeln. Auch die Infrastruktur: Sehr nett. Kostenfreie und saubere WCs (im Vergleich), überall Brunnen mit Trinkwasser.

Und mittendrin hat die Öffentliche Bibliothek eine Bühne, genauer: Von den Öffentlichen Bibliotheken der Stadt hat einer der 13 Standorte (Bibliothèque de la Cité) eine Abteilung für Musik (Espace musique) und diese Abteilung wiederum hat einen eigenen Bibliotheksbus (Mobithèque) (neben dem Bibliotheksbus – Bibli-o-bus – für die kleinen Orte im Kanton, aber ausserhalb der Stadt Genf selber, den es auch gibt), welcher die ganzen drei Tage bei der Fête de la Musique auch Programm bietet: Filme, Quiz, Chanson, DJs.

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Der DJ beginnt mit seinem Set und geht dabei gleich symphatisch mit ab. Später wurde getanzt (inklusive vieler Kinder, deshalb hier keine Bilder davon).

Auch das war ganz nett. Aber wie wir so bei der Mobithèque sassen, dem DJ (Abraham Licorne, wenn ich das vergangene Programm richtig lese) zuhörten, wie er so einen sehr aufbauenden Mix von Funk, Swing, Rap und Elektro auflegte und wir den Leuten zuschauten, wie sie am warmen, sommerlichen Abend tanzten und auch sonst alles im Rahmen ganz symphatisch fanden, begann ich mich eines zu fragen: Warum ist eigentlich nicht das – die Bibliothèques Municipales de la Ville Genève und ihre Angebote, die direkt zu den Menschen gehen – ein Vorbild für Bibliotheken im deutsch-sprachigen Raum?

Was ist Vorbild – und was nicht?

Je länger der Abend dauerte, umso mehr stellte sich mir diese Frage: Wie wird eigentlich im Bibliothekswesen ausgewählt, welche Bibliotheken als Vorbild gelten und was von ihnen als vorbildhaft gilt? Damit einher geht selbstverständlich immer die Frage, was gerade nicht ausgewählt wird. Der Diskurs (der mal wieder) über bestimmte Vorbilder ist selbstverständlich eine Verständigung darüber, was als denk- und machbar gilt. Gleichzeitig errichtet er ein „Aussen” von Lösungen (in diesem Fall: Bibliotheken), die als nicht vorbildhaft gelten, als nicht denkbar, nicht umsetzbar, als bestenfalls utopisch. Und das vor allem als Diskurs, als System von Worten, Aussagen und Denkweisen. Denn: Ich sass dort im Park und hörte dem DJ, der in der Mobithèque auflegte, zu. Das gibt es real. In einer sehr internationalen Grossstadt mit allen ihren netten und nicht-netten, verrückten und langweiligen Menschen, mit all ihrer Infrastruktur, ihrer Wirtschaftsorientierung, dem „Weggucken” bei all den Quasi-Diktatoren, die dort wohnen, bei ihrem spezifischen Verständnis von Wohlfahrt. Es ist also gar nicht so utopisch; es ist schon gebaut. Aber es ist nicht als Vorbild im deutschsprachigen Diskurs drin.

So erscheint es im deutschsprachigen bibliothekarischen Diskurs praktisch als unmöglich: Ein Bibliotheksverständnis, das eher auf viele kleine Filialen, die dafür dort sind, wo Menschen wohnen, setzt; auf Programme, mit denen zur Bevölkerung gegangen wird, mit Bücherbussen und persönlichen Angeboten. Mit einer Agenda, die so viele Veranstaltungen beinhaltet (ein Teil in Kooperation mit anderen Einrichtungen, aber der Grossteil von der Bibliothek selber organisiert), dass sie mehrfach im Jahr, zum Teil nur für bestimmte Themen (zum Beispiel Musik) gedruckt werden muss? Warum erscheint so ein Verständnis von Bibliothek nicht als vorbildhaft, warum werden Bibliotheken im deutschsprachigen Raum, die auch eher auf solche Strukturen setzen, eher als unzeitgemäss angesehen? Das zum Beispiel Zürich oder Wien so viele Filialen haben, wie sie haben, erstaunt ja heute schon eher. Thematisiert wird es kaum.

Dabei, so wurde eigentlich klar, während der Abend weiterging, haben die Nutzerinnen und Nutzer da gar nichts dagegen.

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Nur mal zwei der aktuellen Programme der Bibliothèques Municipales de Genève. (Das Motto „une fenétre sur le monde“ heisst übrigens „ein Fenster zur Welt“. Auch das symphatisch.)

Was macht „unsere Vorbilder” aus?

Bislang habe ich schon mehrfach (hier im Blog und anderswo) darauf hingewiesen, dass es eine Tradition in den deutschsprachigen Bibliothekswesen gibt, die eigentlich einer Erklärung bedarf: der ständige Blick in die USA, nach Grossbritannien und „Skandinavien” (ohne Island, selten nach Finnland, dafür manchmal in die Niederlande) und die dortigen Bibliotheken. Die Tradition gibt es seit Langem, auch durch verschiedene politische Systeme hindurch. Sie war nicht immer so stark (man findet in älteren bibliothekarischen Zeitschriften zwar auch diesen Blick, aber doch mehr Artikel, die andere Bibliothekswesen vorstellen; es war also eher „bunter”), sie scheint heute auch viel fokussierter auf Teilaspekte der dortigen Bibliothekswesen als früher. Aber sie erklärt zum Teil, warum das Bibliothekswesen in Genf nicht als Vorbild gilt.1

Aber neben dieser Tradition fiel mir an diesem Abend zusätzlich auf, dass die „Vorbild-Bibliotheken”, welche in den bibliothekarischen Texten vorgestellt, in organisierten Informationsreisen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren besucht und auf Konferenzen als Beispiel angeführt werden, nicht nur in diese Tradition passen, sondern einige andere Gemeinsamkeiten haben.

In meiner „aktiven Zeit” im Bibliothekswesen (etwas mehr als zehn Jahre) hat es drei dieser grossen Vorbilder gegeben:

  1. Die Idea Stores in London
  2. Die Openbare Bibliotheek Amsterdam, Centrale Bibliotheek
  3. Dokk1 in Århus2

Ich gehe mal davon aus, diese bekannt sind. (Und wenn die Idea Stores unbekannt sind und schon lange nichts mehr von ihnen vermeldet wurde, ist das auch nur bezeichnend, siehe weiter unten.)

Es gibt eine Anzahl von Gemeinsamkeit bei diesen drei Vorbildern:

  1. Es ging bei allen drei um einen aktiven Stadtumbau, in welchen die Bibliotheken einbezogen wurden. Die Idea Stores waren Teil der aktiven Aufwertung von Wohnquartieren. Es wurden Bibliotheken geschlossen, die – so die Argumentation – veraltet waren und neue Stores gebaut, die unter anderem durch ihr Design und ihre Architektur Moderne ausstrahlen und dazu beitragen sollten, dass sich die Quartiere erneuerten. Die Centrale Bibliotheek und das Dokk1 sind noch expliziter Institutionen, die zur Aufwertung von ehemals industriell genutzten Häfen beitragen sollen. Beide Male war die Aufgabe, welche sich die Stadtverwaltungen stellten die, Häfen, die lange die Stadt vom jeweiligen Wasser trennten, neu in die Stadt einzubinden. Es trafen sie ja auch die gleichen Entwicklungen (und nicht nur sie) in der Logistik, die in den letzten 10-15 Jahren weltweit „Häfen freimachen”. In diesen beiden Fällen wurden – nicht nur – Bibliotheken als Mittel gewählt, diese Öffnung zur Stadt zu erreichen.
  2. In allen drei Fällen ging es um Architektur. Alle Gebäude wurden explizit als zeitgenössisch, überwältigend und eindrücklich konzipiert. Sie sollen – so würde ich es interpretieren – alle eine gewisse Offenheit, Helle und Moderne repräsentieren. Ob sie das erreichen ist eine andere Frage. (Mir persönlich scheinen vor allem die Idea Stores und das Dokk1 erstaunlich abweisend.) Aber es war und ist auffällig, wie oft die Architektur im Mittelpunkt von Darstellungen dieser Bibliotheken stand und wie oft Texte vor allem mit grossen Architekturbildern dieser Bibliotheken bebildert wurden.
  3. Um was es viel weniger ging, bei den Texten zu diesen drei Beispielen, war die Funktionalität der Gebäude selber. Sicherlich wurden sich bei den Bauprojekten darüber Gedanken gemacht. Aber in den Darstellungen überwog eher, wie die Gebäudeals Gebäude und stadtplanerische Statements wirken sollen (also ein architektonischer und vielleicht auch stadtplanerischer Blick) und weniger, wie sie tatsächlich im Alltag für bibliothekarische und andere Aufgaben wirken (also ein bibliothekarischer Blick). Ein wenig so, als würde sich auch in der bibliothekarischen Literatur eher für die Gestalt als für den Inhalt interessiert.
  4. Bei allen drei Beispielen wurde postuliert, dass eine Lösung vorgeblicher bibliothekarischer Probleme (dass das Bild der Bibliotheken schlecht wäre, dass sie veraltet seien, dass sie immer weniger Nutzerinnen und Nutzer hätten) darin bestehen würde, die Bibliotheken mit anderen Einrichtungen zusammenzulegen und als gemeinsame Einrichtungen zu betreiben. Bei den Idea Stores mit der Erwachsenenweiterbildung, in Amsterdam mit Theater, Radio und anderen Einrichtungen, im Dokk1 gleich als Kulturzentrum. Dies wurde auch in der deutschsprachigen Literatur immer wieder als vorbildhaft herausgestellt. (Es ist eigentlich keine sonderlich neue Idee und auch anderswo schon mehrfach umgesetzt. Dennoch wurde es immer wieder als neu herausgestellt.)
  5. Damit einher ging, dass bei den drei Vorbildern moderne bibliothekarische Arbeit vor allem als Arbeit entworfen wurde, die über einen gewissen „traditionellen Kern” hinausgehen würde. Mehr Veranstaltungen, Makerspaces (Amsterdam, Århus), Bildungsberatung (London) und so weiter. Auch das war eigentlich nichts Neues, aber es wurde immer wieder als vorbildhaft dargestellt. Was weniger diskutiert wurde, war die eigentliche bibliothekarische Aufgabe dieser Einrichtungen. Stattdessen diskutiert wurden (vorgeblich) hinzukommende Aufgaben und Angeboten.
  6. Vielleicht ist es nur mein Eindruck, aber mir scheint, dass die potentiellen Nutzerinnen und Nutzer, die in den „Vorbild-Bibliotheken” angestrebt werden (und die auf den Bildern in den Artikeln zu sehen waren), trotz aller Betonung von Offenheit und Urbanität doch sehr eingeschränkt sind: sehr kleinbürgerlich, selbstmotiviert, bildungs- und aufstiegsorientiert, kreativ in dieser sehr aufgeräumten Weise, „vernünftig” im Sinne von Leuten, denen man weder Ekstase noch durchgetanzte Nächte zutraut [im Gegensatz zu DJs auf der Fête de la Musique, die zumindest an solche „unsinnig” kreativ verbrachten Nächte erinnern] und „vernünftig” im Sinne von auf Harmonie und Ausgleich ausgerichtet [und eben nicht auf die Thematisierung von Widersprüchen und gesellschaftlichen Strukturen]. Halt „ordentliche, vernünftige Leute”. Welcher Herkunft, sexueller Identität, religiöser Haltung et cetera scheint egal, solange sie „vernünftig” sind. Halt doch nur ein Teil der Gesellschaft.
  7. Bei der Darstellung der Vorbilder fällt im Nachhinein auch auf, dass sie praktisch nur als solitäre Einrichtungen dargestellt wurden; nicht als Teil des jeweiligen lokalen Bibliothekswesens. (Das hat sich ja auch in vielen „Bibliotheksreisen” gezeigt, die immer vor allem zu der einen Bibliothek gingen; als würde man aus den anderen Bibliotheken drumherum nicht viel lernen können.) Ob die jeweiligen Einrichtungen überhaupt eine Besonderheit darstellen oder eine Tradition fortsetzen; wie sie sich in das jeweilige Bibliothekssystem einliessen, wurde kaum gefragt. [Gerade beim Beispiel in Amsterdam wurde das am genutzten Namen für die Bibliothek manchmal auffällig: Openbare Bibliotheek Amsterdam heisst einfach Öffentliche Bibliothek Amsterdam – und von denen gibt es mehrere. Die Centrale Bibliotheek (Zentralbibliothek) über die gesprochen wurde, wurde aber oft so besprochen, als wäre es die eine und einzige Öffentliche Bibliothek in Amsterdam, deswegen wurde sie auch oft einfach „Openbare Bibliotheek” genannt.]
  8. Ebenso im Nachhinein (also zumindest für die Idea Stores und die Bibliothek in Amsterdam, aber jetzt eigentlich auch für die in Århus) fällt auf, dass sie nach den Phasen, in denen sie als Vorbild dargestellt und besucht wurden, eigentlich nicht mehr in der deutschsprachig bibliothekarischen Literatur auftauchen. Oder anders: Dargestellt wird der Anfang, aber nachher scheint kaum jemand nachzuschauen, wie sich diese Vorbilder entwickeln. Wie soll man das interpretieren? Geht es vor allem um den Eindruck des Neuen, nicht um das tatsächliche Funktionieren?

Ist das naturgegeben, dass gerade solche Bibliotheken ausgewählt werden, um in ihnen etwas neues oder vorbildhaftes zu finden? Ist es naturgegeben, dass sie so angeschaut und dargestellt werden, wie sie es werden? (Also Fokus auf die Architektur, wenig Fokus auf die Aufgaben, die der jeweiligen Einrichtung zum Beispiel bei der Stadtplanung zugeschrieben werden.) Selbstverständlich nicht. Man könnte andere Bibliotheken wählen, man könnte Bibliothekssysteme (und nicht einzelne Einrichtungen) anschauen, man könnte anderes thematisieren (zum Beispiel die Funktionalität von Gebäuden oder die Verdrängungsprozesse, an denen Bibliotheken (ungewollt) beteiligt sind, wenn sie als Teil der Aufwertung von städtischen Räumen angesehen werden). Man könnte auch Bibliotheken ausserhalb grosser Städte als Vorbild nehmen. Das ist alles möglich und in den letzten 100-125 Jahren ist das auch getan worden. Es ist also eigentlich erklärungsbedürftig, warum es heute so getan wird, wie es getan wird.

Was sagen unsere Vorbilder über uns aus?

Als ich nun in Genf neben der Mobithèque sass und über all dies ein wenig nachdachte, fiel mir ein Satz ein, der diese ganzen Überlegungen ganz gut zusammenfasst:

Es ist politisch, was man als Vorbild nimmt, was man nicht als Vorbild nimmt sowie was man an Vorbildern als vorbildhaft thematisiert und was nicht.

Eigentlich ziemlich einfach. Bei Menschen ist das auch nicht anders. Ob ich es als sinnvoll ansehe, Vorbilder zu haben oder nicht ist eine Entscheidung, die auf meinem Bild über die Welt und die Menschen aufbaut. Wen ich als vorbildhaft ansehe ebenso. Und was ich an diesen Personen als vorbildhaft ansehe auch (Beispielsweise jemand sehr oft gewähltes: Che Guevara. Finde ich die konkrete Politik Ches vorbildhaft oder nur, das er sich für seine Ideen einsetzte? Finde ich das Hasta la victoria siempre gut oder den konkreten militärischen Einsatz in Kuba, Kongo und Bolivien? Und: Wie tiefgehend meine ich das? Geht es mir um ein ungefähres Bild [„Man muss so radikal für die Armen sein, wie Che”] oder um konkrete Einzelheiten [„Man muss das kubanische Tagebuch und die wichtigsten Reden kennen und denen nachleben.”]?) Das scheint am Ende bei Bibliotheken nicht anders. Es ist halt nicht zufällig, was als Vorbild angesehen wird und was nicht. Und deshalb kann man auch versuchen von den Vorbildern, die in den deutschsprachigen Bibliothekswesen gewählt werden, abzuleiten, wie sich Bibliotheken politisch verorten.

Das aber wiederum hat mich ganz schön nachdenklich gemacht. Alles Vermutungen, aber:

  1. Auffällig ist schon, dass die Einbindung der drei Vorbilder in konkrete Gentrifizierungstendenzen gar nicht thematisiert wird. Wird das etwa gut gefunden? Wird das nicht gesehen? Ist es nicht eine gewisse Komplizenschaft, das praktisch bei den Darstellungen auszulassen und einfach so hinzufahren?
  2. Auffällig ist aber auch die relativ unkonkrete Darstellung dieser Vorbilder: Die konkrete Funktion im Alltag, die bibliothekarischen Fragen (zu denen dann offenbar auch solche der Veranstaltungsorganisiation und Kooperation zählen) stehen ja ganz oft im Hintergrund, dafür werden vielmehr Bilder präsentiert. Das bleibt alles immer sehr, sehr schwammig. Und nachher wird auch wenig geschaut, ob es überhaupt wirkt. Worum geht es dann? Eher so um den Vibe des Neuen, um das Gefühl, modern zu sein? [Wie beim Che-Beispiel: Eher um den Vibe der Veränderung als um die konkrete Auseinandersetzung mit der Praxis?]
  3. Auffällig auch, dass vor allem Einzelgebäude angeschaut werden, nicht Bibliothekssysteme. Im neoliberalen Stadtumbau ist das normal: Nachdem die Kommunen fast alle Steuerungselemente aus der Hand gegeben haben, um den Markt möglichst viel regulieren zu lassen, ist das Mittel der Wahl heute, irgendetwas hinzustellen (Gebäude, Projekte), das dann die über den Markt regulierte Gesellschaft oder Stadt in eine Richtung stossen soll. Weniger Infrastruktur, mehr beispielhafte Interventionen. In gewisser Weise scheint sich das bei den bibliothekarischen Vorbildern wiederzufinden: Einzelne Bauten, nicht Systeme werden angeschaut, es scheint eher in Interventionen (Innovationen) gedacht zu werden und weniger an Infrastruktur oder konkreter Arbeit.
  4. Und auffällig ist einfach auch, wie wenig eigentlich die Gesellschaft thematisiert wird. Es gibt so ein grundsätzliches Diversitäts-Versprechen, aber eigentlich scheint es, als würde nicht gefragt, was diese Vorbild-Bibliotheken eigentlich für Menschenbilder vermitteln (bei den Idea-Stores und ihrer Fixierung auf Bildung wären dies sehr einfach zu thematisieren). Es scheint halt schon manchmal, als würde umstandslos die kleinbürgerliche (ist das das richtige Wort?) Orientierung einfach übernommen. Vorsichtig interpretiert scheinen sich Bibliotheken mit den kleinbürgerlichen Werten (die ja heute auch offener sind als früher, halt diverser, solange alle „vernünftig” sind) zu identifizieren. Vielleicht weil das genau das Weltbild ist, dass von vielen in der Bibliothek vertreten und gelebt wird?

Bessere Vorbilder?

Wohin führen solche Überlegungen? Ich bin mir nicht sicher. Es wäre sehr einfach, andere Vorbilder zu fordern und auch einen anderen Blick auf diese Vorbilder. Ich könnte gleich einige nennen: Genf, Wien, Toronto; jeweils die ganzen System der Öffentlichen Bibliotheken, nicht Einzelbauten; und der Blick weg von „alles muss neu sein” hin zu „wie fördern die das Gemeinwohl”. Aber diese Auswahl sagt vielleicht auch einfach mehr über mich und mein Weltbild aus.

Wichtig ist für mich eher der Satz von dem politischen Verhaftet-Sein der Vorbilder im bibliothekarischen Diskurs. Gerade verbunden mit dem Wissen, dass es auch schon anders war (beispielsweise das Mitte der 1960er Jahre nicht auf skandinavische Bibliotheken geschaut wurde, um da die Zukunft der Bibliothek, sondern um Vorbilder für eine rationale Gestaltung der Bibliotheksarbeit zu finden), zeigt er, dass der mögliche Wissensraum viel grösser wäre, als der, der aktuell genutzt wird. Es gäbe viel mehr Fragen, Erfahrungen und mögliche Fokusse. Und zu verstehen, dass es politische Entscheidungen (im Sinne von „wie stelle ich mir vor, dass die Welt funktioniert; was betrachte ich als relevante Themen und was nicht?”) sind, mach auch klar, dass über die impliziten Annahmen, die mit den Vorbildern vermittelt werden, diskutiert und das diese auch verändert werden können.

Dieses Nachdenken hinterlässt einen gewissen schallen Beigeschmack. Was genau ist das, diese gewissen Einschränkungen bei den Bibliotheken, die als Vorbild gelten? Ist das die Neoliberalisierung des bibliothekarischen Denkens (wie halt bei vielen linken Parteien in den letzten Jahrzehnten, wo auch bestimmte Themen und Fragen einfach „verschwunden” sind)? Ist das „Denkfaulheit”, die vielleicht durch zu viel Arbeit oder zu viel Zumutungen im Alltag hervorgerufen wurde? Ist es ein Ausdruck der Überzeugungen über die Gesellschaft, denen im Bibliothekswesen gefolgt wird oder prägen die Vorbilder und ihre Darstellung diese Überzeugungen? Nochmal: Warum sind nicht die so nahe bei den Nutzerinnen und Nutzern verorteten Öffentlichen Bibliotheken in Genf ein Vorbild, dafür aber das Ungetüm in Århus? Ist es vielleicht einfach ein Zeichen von zu wenig Utopie und zu wenig Mut zum Denken über das Bekannte hinaus? Zum Glück war der DJ gut und der Sommerabend warm, aber nicht zu warm; sonst wäre aus dem Nachdenken vielleicht eine sehr rabiate Polemik geworden.

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Vor dem DJ-Set gab es eine Musikquiz.

 

Fussnoten

1 Für die Schweiz kommt die Tradition hinzu, die Teile auf „der anderen Seite der Sprachgrenze” als irgendwie ganz anders zu verstehen, zwar als schweizerisch, aber als doch nicht gleich. Die Bibliotheken in Genf können sehr schnell als „in der Romandie sind sie (?) eher so staats-orientiert, aber in der Deutschschweiz eher so förderalistisch” als mögliches Vorbild abqualifiziert werden.

Zwischendurch wurde auch die Seattle Public Libray, Central Library etwas öfter thematisiert, aber nicht so oft wie die anderen drei Bibliotheken. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass es teurer ist und länger dauert, Seattle zu besuchen, als Århus. Aber auch für Seattle gilt, dass viel mehr über eine spezifische Bibliothek berichtet wurde, als – wie Olaf Eigebrodt einmal erwähnte, ich weiss aber leider nicht mehr wo – über die gesamte Ausrichtung des gesamten Bibliotheksnetzes in Seattle. Die Bibliothek New Library in Birmingham wurde fast nur wegen der Architektur und dann der Absurdität, dass nach dem Bau zu wenig Geld zum kontinuierlichen Betrieb der Bibliotheken der Stadt übrig war, erwähnt.

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Gibt es einen gewissen Jugendwahn bei den (Öffentlichen) Bibliotheken?

Vor kurzem, bei einem weiteren deprimierenden Bewerbungsgespräch in einer Öffentlichen Bibliothek – deprimierenden nicht nur, weil es wieder nur in einer Ablehnung endete, sondern auch weil sich Fragen und Stimmung und Situation immer wiederholen – wurde wieder die Frage gestellt, was ich, würde ich in der Bibliothek angestellt, den tun würde, um mehr Jugendliche in die Bibliothek zu bekommen. Sicherlich hatte ich da eine Antwort, weil man in solchen Gesprächen immer eine Antwort haben muss; aber eigentlich, ehrlich gesagt, scheint mir diese – immer wieder in Bewerbungsgesprächen gestellte Frage – mehr und mehr absurd.

Zum ersten ist die Formulierung meist sehr komisch, so als wäre es wichtig, Jugendliche irgendwie in die Einrichtung Bibliothek zu bekommen und dann… weil sie da wären, würden sie die nutzen. So funktioniert das nirgends, aber im Bibliothekswesen hört man solche Vorstellungen als „in die Bibliothek locken“ etc. recht oft. Zum anderen aber, und das werde ich hier kurz darlegen, scheint mir dieser Fokus auf Jugendliche, nun ja… weltfremd.

Bilder der Jugend im bibliothekarischen Diskurs

Zur Erinnerung: Zum Thema Jugend gibt es mehrere Diskursfiguren, die in der bibliothekarischen Debatte herumschwirren. Die eine ist negativ und spricht von einem „Leseknick“. Kinder würden en masse in die Bibliothek kommen, dann würden sie zu Jugendlichen, hörten auf zu lesen und kämen nicht mehr. So die Darstellung, die sich auf Nutzungszahlen und Beobachtungen im Alltag stützt. Interessant finde ich daran, dass dafür oft tatsächlich der Begriff Leseknick verwendet, also Bibliothek und Lesen gleichgesetzt wird.

Eine andere, sehr wirkungsmächtige Diskursfigur ist die Gleichsetzung von Jugendlichen, die aktiv etwas machen und damit eine „andere Nutzung der Bibliothek“ andeuten. Gerade die Bilder von Jugendlichen, welche in bibliothekarischen Medien verwendet werden – vor allem solchen, die nach aussen wirken sollen, beispielsweise Jahresberichte – stellen Jugendliche, die irgendwie kommunizieren (gerne um einen Tisch herum sitzend), lachen, auf Tablets rumtippen oder auch mal vor 3D-Druckern sitzen, dar, um Veränderung oder Attraktivität darzustellen. Jugendlich gleich Veränderung. Mir scheint, auch viele Projekte in Öffentlichen Bibliotheken setzen das irgendwie gleich: Jugendliche sollen in die Bibliothek kommen, die dadurch beleben und dann… ist die Bibliothek modern (oder so).

(Das erinnert mich schon stark an die Jugendbewegung und die Bilder von „der Jugend“, wie sie anfangs des 20. Jahrhunderts in den europäischen Gesellschaften entstanden. Die Jugend ist per se die Veränderung, die Kinder die Zukunft, alle anderen… tja.)

Das klappt alles nicht

Dagegen stehen aber Erfahrungen. Zum Beispiel haben wir in Chur im letzten Jahr dieses Projekt zu kleinen Makerspaces für Gemeindebibliotheken gemacht, vier Veranstaltungen durchführen lassen und beobachtet. Wer kam? Kinder, oft mit Familie, und ältere Leute. Wer nicht kam waren Jugendliche, so ab 14 / 15 Jahren. Oder die E-Books: Immer noch finden sich Kolleginnen und Kollegen (aber auch erstaunlich oft Lehrpersonen, die einen Schulbibliothek aufbauen wollen), die der Meinung sind, man müsse E-Books anbieten, dass wäre das, was die jungen Leute wollen, und dann kämen die schon in die Bibliothek. Wer nutzt E-Books? Wir haben genügend Daten, um zu sagen (a) nicht so viele Menschen, wie erwartet, (b) Menschen über 30. [In Wissenschaftlichen Bibliotheken anders, aber es geht hier um Öffentliche.] Wer nutzt sie nicht: Jugendliche. Oder, auch im letzten Jahr, auf der Fachstellenkonferenz in Saarbrücken zum Thema Leseförderung, gab es mehrere Vorträge, die vorschlugen, wie man durch „spannende Medien“ oder „spannende Aufbereitung von Büchern“ (z.B. die Verarbeitung als Theaterstück) Jugendliche „erreichen“ könnte. (Auch so eine Formulierung, die irritiert: Was soll den „erreichen“ heissen? Wenn ich eine Partei bin, will ich Menschen erreichen, damit die meine Positionen kennenlernen. Aber was will die Bibliothek vermitteln? Das sie Medien anbietet? Mir scheint, dass ist schon bekannt.)

Oder anders: Es geht nicht ums Lesen, die Jugendlichen machen per se irgendetwas anderes, als in die Bibliothek kommen; egal was man macht. (So stimmt das nicht, siehe weiter unten, aber einfach mal in der Abstraktionsebene, in der auch Diskursfiguren wie „der Leseknick“ verortet sind, gesagt.)

Es ist die Jugend, mehr nicht

Hier meine These zu diesem Phänomen:

Es ist falsch von „Leseknick“ zu sprechen, es wäre richtig, es einfach Jugend zu nennen (oder Adoleszenz).

Und wenn man akzeptiert, dass es gar nicht ums Lesen geht (weil Jugendliche sehr wohl lesen), sondern um einen Lebensabschnitt, wird es auch einfacher, die ganzen Projekte und Diskursfiguren der Realität anzupassen.

Zumal, was mich immer wieder irritiert, scheint bei solchen Frage der alleinige Fokus auf der Bibliothek zu liegen. Es wird die Frage gestellt, wie Jugendliche „in die Bibliothek geholt werden können“, aber es ist gar kein Phänomen, dass sich nur auf die Bibliotheken beziehen würde. Das gleiche Phänomen, dass Jugendliche mit 14 / 15 / 16 ihre Interessen ändern und Institutionen „verlassen“, die sie bislang genutzt hatten beziehungsweise denen sie angehörten, gibt es in Sportvereinen – die in dieser Zeit massiv an Mitgliedern, auch engagierten, verlieren – und Musikgruppen, Chören, Zoos, auf Spielplätzen (wenn sie nicht zu Orte des jugendlichen Rumhängens werden, dann aber ohne Kinder) und so weiter. Die Bibliothek ist da nur eine von vielen Einrichtungen.

Und: Dass Jugendliche das machen, ist nur gut. Täten sie es nicht, würden sie sich (und damit auch die Gesellschaft) nicht mehr weiterentwickeln.

Lebensabschnitt Jugend

Jugendliche zu sein ist kein Spass. Vielleicht haben wir das vergessen (oder sind indivuduell noch recht gut durch unsere Jugend durchgekommen), aber spätestens seit sich der Lebensabschnitt „Jugend“ Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts in unseren Gesellschaften als ein Abschnitt, der allgemein durchlaufen wird, etabliert hat, ist er auch mit Anforderungen der Gesellschaft an Jugendliche verbunden. Wir erwarten, dass Menschen im Anschluss an die Kindheit einige Jahre des intensiven Lernens über sich selber durchlaufen und am Ende – mal mit 20, mal mit 30 – als vollständige und eigenverantwortliche Erwachsene mit ausgeprägter Identität, Lebenserfahrung, Wissen über die eigenen Wünsche, Verantwortung gegenüber anderen und gleichzeitig einer realistischen Ader etc. pp. herauskommen. Das hat spassige Phasen, aber ist auch eine Anstrengung.

Nur kurz, um daran zu erinnern, was so von Menschen erwartet wird, wenn sie zur Jugend werden (also so ab 14 / 15 / 16):

  • Sie sollen binnen weniger Jahre eine eigene, neue Identität ausprägen, das heisst suchen, ausprägen und sich mit ihr in die Gesellschaft enkulturieren, also einbinden.

  • Sie sollen sich von ihrem Elternhaus abtrennen (es nicht sofort, aber auch schon in naher Zukunft, am Besten am Ende der Jugendphase, verlassen), also einen Ort finden, wo sie nicht direkt als Mittelpunkt die eigene Familie haben. (Und das gleichzeitig bitte nicht als radikale Ablösung im Sinne von einfach alles Abbrechen, sondern… irgendwie in der Mitte einen Weg finden.)

  • Dieser partielle Auszug aus der Familie und das Finden der eigenen Identität soll mit dem Einbinden in neue Peer-Groups einhergehen: Neue Freundeskreise, neue Gruppen, an denen man teilnimmt, Kulturen oder Subkulturen. Und in diesen Gruppen – die oft aus anderen Jugendlichen bestehen, die ja ebenso gerade erst austesten, wie es so ist, „da draussen“ – muss man auch noch einen Platz finden. Und oft sind die Gruppen nicht sofort die richtigen, also wechselt man wieder. Am Ende heisst es, auf die eine oder andere Weise eine eigene Welt zu bauen, wo Familie (und andere Erwachsene) nicht dazugehören.

  • All dieses Finden ist auch immer ein Ausprobieren, Testen, Scheitern und Lernen, mit diesem Scheitern umzugehen. Das heisst oft auch, über die Strenge zu schlagen, Dinge exzessiv zu tun. (Alles, alles: Vom exzessiv Meinungen vertreten über exzessive Partys und Urlaube mit exzessiven Programmen über exzessives Ausleben von Hobbys, egal ob tägliche fünf Stunden Lesen oder Gamen oder Fan von irgendwas sein zu exzessiven Kleidungsstilen und vielem mehr.)

  • Dazu ist gerade die Jugend von vielen, vielen ersten Malen geprägt: Das erste Mal Durchmachen, Gesetze übertreten, Grenzen austesten, mit Peergroup und ohne Eltern in den Urlaub fahren, eigene Veranstaltungen organisieren oder zumindest Treffen, oft die ersten Lieben (auch als Austesten von emotionalen Beziehungen ausserhalb des Schutzraumes Familie), der erste Sex und so weiter. Der / die Jugendliche, welche mit 15 den Sportverein und die Bibliothek verlässt kann vier Jahre später schon darin erste Erfahrungen gesammelt haben, wie man alleine durch das Nachbarland fährt, einen Joint dreht, drei Tage wach bleibt und sagen, was ihr / ihm bei Intimitäten nicht gefällt. Das geht rasant.

  • Rasant gehen in dieser Phase auch körperliche Veränderungen. Und egal, wie weit wir als Gesellschaften uns da in den letzten Jahren entwickelt haben und eigentlich (zum Glück) weithin der Grundkonsens herrscht, dass Schönheitsideale scheisse sind und jeder Körper (und jede sexuelle Identität, die sich ja auch noch in der Jugend das erste Mal ausprägt) okay ist, ist das trotzdem Stress. Selbst wenn wir irgendwann dahin kommen, dass es wirklich nur noch wichtig ist, ob man sich selber im eigenen Körper wohl fühlt – muss man als Jugendliche / Jugendlicher auch das mit sich ausmachen, wenn gerade während der Jugend dieser Körper beginnt, verrückt zu spielen.

  • Neben dem Finden der eigenen Identität müssen Jugendliche auch gewichtige Zukunftsentscheidungen treffen. Bei allem Gerede von Lebenslangen Lernen und allen Möglichkeiten, die sich später im Leben stellen, ist es doch diese Lebensphase, in der gewichtige Grundentscheidungen getroffen werden. Selbst wenn man sie nicht trifft, werden sie erwartet.

  • Nicht zuletzt geht die Lebensphase „Jugend“ heute auch immer mehr mit steigenden Lernanforderungen einher. Absurderweise soll es mit Lebenslangem Lernen möglich geworden sein, immer zu Lernen und davon zu profitieren, aber gleichzeitig steigen die Anforderungen daran, was und vor allem wie – weniger auswendig, dafür mehr aktiv, in Kommunikation – in der Jugendphase zu lernen ist.

Das nur eine kurze Übersicht, darüber, was in einer „normalen Jugend“ zu leisten ist. Neben dem Alltag, den man auch noch lebt. Und neben den zusätzlichen Herausforderungen, die sich stellen, wenn man nicht „zum Durchschnitt“ gehört, zum Beispiel nicht mittelständig und ohne Migrationshintergrund lebt.

(Nicht zuletzt muss einer / einem auch gar nicht alles gefallen, was die Jugend macht. Ich bin alt genug, um selber schon bei Jugendlichen beliebte Musik gehört und gedacht zu haben, dass man zu meiner Zeit noch richtig Musik gemacht hat, aber das… nein, ist doch keine Musik. Aber das ist okay. Jugendliche müssen sich abgrenzen, dazu gehört auch Autotune.)

Was sollen den Jugendliche in der Bibliothek?

Gestresst? Ich schon (und ich muss sagen, persönlich bin eigentlich recht gut durch die Jugend gekommen, war aber auch extrem privilegiert). Für mich ist sehr klar, dass Jugendliche, wenn sie dann jugendlich werden, sich beginnen, sich anders zu verhalten, andere Ziele zu entwickeln und vor allem andere Einrichtungen aufzusuchen, als zuvor. Das gilt für Bibliotheken wie für andere Einrichtungen.

Wenn Bibliotheken wirklich ein Interesse daran haben, dass mehr Jugendliche Bibliotheken nutzen, müssen sie auch auf diese Lebensphase reagieren. Und mit reagieren meine ich nicht, irgendwie eine gute Werbestrategie entwickeln, aber dahinter doch immer wieder das Gleiche anbieten. Sie müssen klären, was den Jugendliche, mit all diesen Aufgaben, von der Bibliothek haben können.

Dabei sollte klar sein, dass bestimmte Dinge einfach nicht in der Bibliothek stattfinden können. Viele der Exzesse werden immer anderswo stattfinden, am Besten da, wo Jugendliche unter sich sind. Auch viele der ersten Male (die sind ja gerade, weil sie so „erwachsen“ sind, aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen). Und: Jugendliche werden immer – solange die Lebensphase Jugend als Normalität gelebt wird – getrieben sein. Die ganzen Klagen darüber, dass sie sich früher langfristig engagiert hätten, aber jetzt nur noch kurzfristig, zeigt doch eher, dass sie früher autoritärer angebunden wurden, aber jetzt mehr Möglichkeiten haben, sich auszuprobieren. Was gut ist. Die Vorstellung, wenn man Jugendliche einmal in die Bibliothek holen könnte (z.B. durch einen Makerspace oder eine Theatergruppe), würden sie da bleiben, ist doch illusorisch, wenn man sich vor Augen hält, dass es ihre Aufgabe ist, sich zu finden, was heute heisst, mehr auszuprobieren, zu testen, auch wieder zu verwerfen (früher vielleicht eher hiess, sich einzugliedern in vorgesehene Rollen).

Solange Bibliotheken das nicht klären, werden sie Jugendliche nicht ansprechen können. Oder nur kurzfristig.

Zu bedenken ist auch, dass die Idee, man müsse unbedingt Jugendliche ansprechen, meiner Meinung nach von zwei Dingen beeinflusst ist: Zum einen von der immer noch vorhandenen Vorstellung, dass da, wo die Jugend ist, die Zukunft ist. Was zum Teil bestimmt stimmt, zum Teil aber auch nicht. Mir scheint das eine jetzt rund 100, 150 Jahre alte Vorstellung zu sein, die man mal überprüfen sollte. Zum anderen aber, weil man die Nutzungszahlen von Kindern, die in die Bibliothek kommen, mit der von Jugendlichen vergleicht. (Nur so kommt man ja zum Bild vom „Knick“.) Das ist aber nicht sinnvoll. Das Kinder in so grosser Zahl in die Bibliothek kommen (bzw. Familien mit Kindern) scheint mir auch sehr mit der Lebensphase „Kindheit“ und den Lebensaufgaben, die da zu lösen sind, zusammenzuhängen. Die Bibliotheken bieten Dinge, die in diese Lebensphase passen. Aber nur, weil man das nicht beachtet, erscheint die Nutzung in der Jugend ein Knick zu sein. Dabei wäre es bedenklich, würden Jugendliche sich wie Kinder verhalten und die gleichen Angebote nutzen.

Übrigens: Stimmt das auch nicht

Was mich bei diesen Frage auch immer wieder irritiert sind Besuche in normalen Öffentlichen Bibliotheken. Wenn da Menschen in der Bibliothek sind, so meiner Erfahrung, sind da auch Jugendliche. Nicht, wenn die Bibliothek ganz leer ist oder wenn gerade Schule ist, aber sonst schon. Es ist immer so, dass für einige Jugendliche, zumindest für einige Zeit in der Jugend, das intensive Lesen dazugehört zu dem, was als Identität ausgetestet wird. Die Geschichten kennen wir doch auch alle: Jugendromane, die en masse weggelesen werden; Klassiker der Jugendliteratur, die immer ein bisschen komisch sind, weil die Eltern oder Lehrpersonen sie auch schon gelesen haben (catcher in the rye, Howl, Die neuen Leiden des jungen W. etc. pp.), aber doch zu vielen Jugendleben dazu gehören; Jugendliche, die sich in Lyrik oder Geschichtenschreiben versuchen und dazu Lyrik oder Geschichten lesen; Jugendliche, die sich Philosophie oder Kunst stürzen (Expressionismus, Dadaismus, Beat gehen da immer noch gut, Camus bestimmt auch noch). Es ist gerade nicht so, dass Jugendliche nicht lesen (die ganze Jugend als Lebensphase hat sich ja über Literatur erst richtig etabliert, Stichworte: Sturm und Drang sowie „Schmutz und Schund“), nur machen Sie es als eine Aktivität unter vielen anderen Dingen und immer wieder in unterschiedlichen Intensität.

Daneben fanden sich in allen Öffentlichen Bibliotheken, die ich in den letzten Jahren besucht habe, wenn da Menschen waren, Jugendliche, die gelernt haben. In grossen Bibliotheken auch en masse. Nicht unbedingt so, wie auf den Bildern der Jahresberichte (mit dem ständigen Kommunizieren, Lächeln, auf Tablets patschen), sondern oft solitär an einem Arbeitsplatz, gerne mit Büchern oder anderen Unterlagen. Aber eben doch: Jugendliche, die die Bibliothek intensiv nutzten. Anders, als es Kinder machen, aber ihrer Lebensphase (Stichwort: steigende Lernanforderungen) angepasst. Manchmal, wenn die Frage in Bewerbungsgesprächen kommt, was man den tun würde, um Jugendliche in die Bibliothek „zu kriegen“, bin ich versucht zurückzufragen, ob die etwa nicht da wären, lernend, weil das in allen anderen Bibliotheken eigentlich doch so ist. (Aber darf man ja nicht zurückfragen, wenn man das Gespräch gut abschliessen will.)

Was ich tun würde, um Jugendliche in die Bibliothek zu bekommen. Unheimlich viel, ja ja, z.B. [xyz]

Mir scheint, wir haben im Bibliothekswesen eine absonderlich realitätsferne Vorstellung davon, was Jugendliche angeht, beziehungsweise scheint vergessen zu gehen, dass es für die Jugendlichen selber und für die Gesellschaft im Allgemeinen wichtig ist, wenn sie auch mal andere Dinge tun, sich ausprobieren, Räume und Orte verlassen, die sie in der Kindheit besucht haben. Wir wollen doch am Ende Gesellschaften haben, die aus Individuen bestehen, welche selbstbewusst sind und eine ausgeprägte Identität haben, die sie halt auch durch Ausprobieren, Exzesse und Scheitern erwerben. Bibliotheken können dafür vielleicht nicht so viel bieten, wie sie gerne würden (weil sie spezifische Räume sind und bleiben werden, egal wie viele Makerspaces und Cafés – übrigens auch so ein Ort, der von Jugendlichen weniger besucht zu werden scheint, als von Erwachsenen, das Bibliothekscafé – dort hineingebaut oder wie hell die Räume gemacht werden (zumal helle und lichte Räume nicht unbedingt das sind, was man als Jugendlicher braucht)).

Die richtig Antwort auf die Bewerbungsgesprächsfrage wäre also eigentlich: Gar nicht. Die sollen mal draussen feiern und nur reinkommen, wenn sie sich in Literatur versenken wollen. Selbstverständlich wird das nicht meine Antwort sein, weil ich ja die Jobs haben möchte, auf die ich mich bewerbe. Neben meinen Zweifeln werde ich also eher Veranstaltungsreihen, Medienwerkstätten etc. vorschlagen und Zweifel an den bibliothekarischen Hypes äussern. Veranstaltungen und Workshops passen besser zur Lebensphase Jugend als langfristig wirksame Angebote.

Aber für das gesamte Bibliothekswesen wäre es bestimmt besser, wir würden einmal die Vorstellung davon, was Jugendliche machen und sollen und was die Bibliothek damit zu tun hat, hinterfragen. Sonst dreht sich das halt weiter im Kreis.

Armut und Bibliotheken: Wo stehen wir? Wo wollen wir stehen? (Impulsvortrag, Wien, 12.06.2017)

Vorwort: Der Büchereiverband Österreich (BVÖ) veranstaltete am 12.06.2017 „Unsichtbar – Eine Expertentagung des BVÖ zum Thema Armut als Barriere“ und ich war – aufgrund meines letztens publizierten Buches – als Experte geladen, der einen der Impulsvorträge halten sollte. Was mir noch nie passiert ist. Anbei dieser Impulsvortrag (der auch als eine kurze Zusammenfassung und Weiterführung des Buches gelesen werden kann).

 

Armut und Bibliotheken: Wo stehen wir? Wo wollen wir stehen?

1. Einleitung

Werte Kolleginnen und Kollegen,

ich danke Ihnen für diese Einladung. Vorneweg: Ich sehe mich nicht als Experte zum Thema Armut und Bibliotheken, sondern nur als jemand, der sich für das Thema interessiert und gerne dazu beitragen möchte, dass es aus der Sphäre gut gemeinter, aber allgemeiner Aussagen heraus geholt wird und in Diskussionen im Bibliothekswesen, die sich an der Realität orientieren, eingefügt wird. Deshalb bin ich auch sehr erfreut, dass der BVÖ diese Tagung organisiert hat. Sie scheint mir ein sehr guter Schritt in diese Richtung zu sein.

Gerne kläre ich ein paar Vorannahmen, weil ich hoffe, dass wir uns nicht an diesen aufhalten müssen:

Es geht nicht darum, ob Bibliotheken etwas Positives für Menschen in Armut tun sollten. Das wird vorausgesetzt. Es geht auch nicht darum, ob es Armut in unseren reichen Gesellschaften gibt (ich rede hier vom DACH-Raum, also Österreich, Schweiz, Deutschland und Liechtenstein). Es gibt sie, sie ist ein Skandal, auch wenn bestimmte politische Strömungen nicht darüber reden wollen. Dabei sollt auch klar sein, dass Armut immer relativ zur jeweiligen Gesellschaft ist, in der jemand arm ist. Es geht darum, dass Menschen, ökonomisch vermittelt, ein schlechtes Leben in Gesellschaften führen müssen, obwohl das nicht so sein müsste, obwohl die Gesellschaften mehr bieten könnten, wenn sie anders eingerichtet wären. Vergleiche mit Armut in anderen Weltregionen sind dafür nicht hilfreich. Es geht auch nicht darum, ob Menschen in Armut an ihrer sozialen Situation schuld sind oder aber gesellschaftliche Strukturen. Es ist klar, dass so eine große Verbreitung von Armut, so eine ständige Reproduktion dieser sozialen Situation, wie wir sie unseren Gesellschaften sehen, nur strukturell zu erklären ist und anzugehen wäre.

Worum es mir hier geht, in diesem Vortrag, sind zwei einfache, aber immer noch komplexe Fragen:

  1. Was genau sollen Bibliotheken in Bezug auf Menschen in Armut tun?

  2. Was können Bibliotheken, realistisch betrachtet, wirklich tun?

Es sollte auch klar sein, dass wir uns heute hier auf Öffentliche Bibliotheken beschränken.

In diesem Vortrag werde in mich vom Aufbau her an meinem Buch zum Thema orientieren, weil sich diese Struktur, nach mehreren gescheiterten Anläufen, für mich als sinnvoll herausgestellt hat. Zuerst werden ich einige Irritationen durchgehen, die auftauchen, wenn man über den Zusammenhang von Armut und Bibliotheken nachdenkt. Die Irritationen nehmen nichts von der grundsätzlich zustimmenden Haltung zum bibliothekarischen Engagement zu diesem Thema fort, aber sie zeigen, dass die Realität komplex ist, zu komplex für einfache Lösungen.

Anschließend werde ich kurz durchgehen, was wir über das Leben von Menschen in Armut wissen. Beides, die Irritationen und das Wissen über das Leben der Menschen in Armut, werde ich im dritten Schritt zu einigen Vorschlägen für die Arbeit, die das Bibliothekswesen leisten kann (und meiner Meinung nach müsste) hinführen.

2. Irritationen

Das Bibliotheken für Menschen in Armut eine positive Rolle spielen können – formulieren wir es einmal so allgemein – ist eine weit verbreitete Annahmen. Und es ist auch ein Ziel, dass sich Bibliotheken setzen. Der BVÖ hat dies zum Ziel erklärt, auch der DBV hat sich in diese Richtung geäußert, ebenso gibt es Dokumente der IFLA, die dies explizit Verlautbaren. Geht man in die Bibliotheken, gerade in die größer Städte, sieht man dieses Bemühen zumindest indirekt auch immer wieder. (Der Schweizer Verband, BIS, fehlt hier in der Aufzählung, aber meiner Erfahrung nach nicht die einzelnen Bibliotheken in der Schweiz.)

Doch – und dies ist die erste Irritation, die ich Ihnen vorlegen möchte – wie wird sich vorgestellt, wie dies funktioniert, diese Arbeit von Bibliotheken für Menschen in Armut? Zumeist betonen die Dokumente, dass Bibliotheken einen freien Zugang zu Informationen und Medien bieten. Dieser Zugang würde ohne Diskriminierung ermöglicht und somit gegen Armut wirken. Gerade in Bibliotheken vor Ort wird dieser Zugang auch als Ausgleich verstanden: In der Bibliothek könnten Menschen auf Medien zurückgreifen, die sie sich ökonomisch nicht leisten können.

Sicherlich bieten Bibliotheken diesen Zugang. Aber die Vorstellung ist irritierend einfach: Es wird nicht erklärt, wie der freie Zugang zu Informationen Menschen in Armut helfen würde und wobei. Vor allem ist nicht klar, warum er Menschen in Armut mehr, anders, besser zu Gute kommen würde, als Menschen in anderen Situationen. Es ist ja nicht so, dass alles, was Menschen in Armut benötigen, um aus der Armut auszusteigen, mehr Informationen wären. Man müsste schon sagen, welche Informationen und Medien.

Zudem müssten man auch erklären können – und ich glaube nicht, dass das geht, wenn man so eine einfache Vorstellung vertritt –, warum der freie Zugang zu Informationen in einer Gesellschaft, in der Ungleichheiten existieren, nicht einfach heißt, dass diese Ungleichheiten beibehalten werden, also alle Menschen, egal in welche Schicht, gleich viel vom freien Zugang zu Informationen profitieren und am Ende die Armen weiter arm sind.1

Ich denke, was diese Irritation zeigt, ist, dass wir im Bibliothekswesen bislang zu einfache Vorstellungen davon haben, wie unsere Arbeit Menschen in Armut helfen oder unterstützen kann. Das sollten wir genauer fassen, dann wüssten wir auch besser, was wir wirklich tun können.

Eine zweite Irritation, die ich Ihnen gerne vorlege: Wenn wir uns die bibliothekarische Literatur und die Forschungen zur Bibliotheksnutzung ansehen, fällt auf, dass Menschen in Armut in ihnen so gut wie nicht vorkommen. Wir – als Bibliothekswesen – haben Dutzende von Ansätzen, um die Nutzung von Bibliotheken durch Dutzende von unterschiedlichen Gruppen zu untersuchen oder zu motivieren. Sie wissen ja zum Beispiel selber, wie oft und wie viel Bibliotheken alleine darüber nachdenken, wie sie von Jugendlichen gesehen und genutzt werden und wie mehr Jugendliche dazu gebracht werden sollen, die Bibliotheken zu nutzen. Aber für Menschen in Armut gilt dies nicht. Es ist auch auffällig, dass bei all den Umfragen zur Nutzung von bibliothekarischen Angeboten und Bibliotheken, fast nie nach der ökonomischen Situation gefragt wird, aber zum Beispiel nach Alter und Geschlecht. Und wenn es doch einmal passiert – wie vor Kurzem beim Nutzungsmonitoring für Bibliotheken in Berlin – ist es nachher schwierig herauszufinden, ob diese Daten überhaupt genutzt werden.

Ich hoffe, Sie stimmen mir zu: Wenn man darüber nachdenken will, wie und ob Bibliotheken für Menschen in Armut eine positive Wirkung haben können, sollte man versuchen, zu verstehen, wie diese heute die Bibliotheken nutzen oder gerade nicht nutzen. Darüber wissen wir fast nichts. Vielleicht beschäftigen wir uns mit zu vielen anderen Fragen, dass wir das immer wieder übersehen. Aber bislang machen wir die meisten Angebote, die für Menschen in Armut positiv sein sollten, auf der Basis von Vermutungen. Gewiss gut gemeinten Vermutungen, aber doch solchen, die wir anhand der realen Situation überprüfen sollten.

Die dritte Irritation, die ich hier vorlege, deutet sich schon in meinen Formulierungen an, wenn ich von „positiven Wirkungen für Menschen in Armut“ spreche. Es ist nicht einfach zu sagen, was Bibliotheken in Bezug auf Menschen in Armut tun sollen: Sollen sie möglichst wenig Barrieren bieten, so dass Menschen in Armut die Bibliotheken genauso nutzen können, wie Menschen in anderen sozialen Situationen auch? Heißt das, dass man Barrieren aktiv identifiziert und angeht? Oder das man darauf achtet, sie nicht neu zu errichten? Oder sollen Bibliotheken Menschen in Armut helfen? Aber dann: Wobei helfen? Beim Ausstieg aus der Armut oder beim Führen eines Lebens in Armut? Sollen sie dafür sorgen, dass der Rest der Gesellschaft darüber informiert wird, wie Menschen in Armut in unseren Gesellschaften tatsächlich leben?

Ganz abgesehen davon, dass alle möglichen Antworten auf diese Fragen Konsequenzen für die bibliothekarische Arbeit hätten: Es scheint, als wären sie im Bibliothekswesen nicht geklärt, sondern als würden – zumeist, ohne explizit benannt zu werden – unterschiedliche Vorstellungen nebeneinander existieren. Dabei ist aber klar: Wenn man aktiv dazu beitragen möchte, dass Menschen aus der Armut aussteigen, heißt das etwas sehr anderes dafür, was die Bibliotheken tun sollen, als wenn man vor allem darüber nachdenkt, ob Barrieren zur Nutzung existieren und ob man sie abbauen könnte.

Ich selber werde am Ende dieses Vortrages dafür plädieren, dass Bibliotheken heute vor allem darauf zielen können, das Leben von Menschen in Armut lebbarer zu machen. Aber man kann auch Argumente für die anderen Positionen finden. Irritierend ist, dass wir als Bibliothekswesen diese unterschiedlichen Zielsetzungen nicht thematisieren, sondern – so zumindest mein Eindruck – immer wieder alle irgendwie gleichzeitig zu meinen scheinen.

3. Was wir wissen

Ich habe eben gesagt, dass wir wenig darüber wissen, wie Menschen in Armut eigentlich die Bibliotheken nutzen und wofür. Hingegen wissen wir recht viel darüber, wie Menschen in Armut in unseren Gesellschaften leben und welche Auswirkungen dieser gesellschaftliche Status auf ihr Leben hat. Ich werde hier nur Einiges darstellen können, was meiner Meinung nach für die Frage relevant ist, wie Bibliotheken in Bezug auf Menschen in Armut agieren können.

Zum ersten zur Dimension von Armut. Nehmen wir einmal, ohne deren Herkunft weiter zu diskutieren, die Daten von Eurostat, dann lebten 2015 in Österreich 1,55 Millionen Menschen, oder 18,3% der Bevölkerung, in Armut. In Deutschland waren es 16,08 Millionen Menschen oder 20%, in der Schweiz 2014 1,32 Millionen Menschen oder 16,4%. Wir können also nicht davon ausgehen, dass es sich nur um einige, wenige Fälle handeln würde, denen man leicht irgendwie helfen könnte, wenn man es nur ehrlich und richtig will. Vielmehr wird das Gesamtproblem Armut nur auf Ebene der gesamten Gesellschaft anzugehen sein, wobei – dies als Nebenbemerkung – die Gesellschaft sich dazu überhaupt erst einmal klar sein muss, dass es dieses Problem gibt.

Was wir wissen über das Leben der Menschen in Armut in unseren Gesellschaften ist unter anderem:

  1. Die meisten Menschen haben sich auf niedrigem finanziellen Niveau, unter Verzicht auf bestimmte, zum normalen Lebensstandard zählende Dinge und mithilfe von Substituten eingerichtet. Sie schaffen es unter großem Druck und Stress, mit viel Selbstverleugnung, nach außen den Eindruck von Normalität aufrecht zu erhalten. Die sichtbaren Armen sich die, die dies nicht mehr schaffen, aber sie sind Ausnahmen. Dieses Leben in scheinbarer Normalität ist immer prekär: Eine Institution, auf die man vertraut, muss ihr Angebot ändern oder umziehen, eine Möglichkeit, etwas zu substituieren, muss wegfallen oder eine andere größere Änderung eintreten – beispielsweise eine Waschmaschine, die kaputt geht – und dieses Leben wird grundlegend erschüttert. Menschen in Armut brauchen in unseren Gesellschaften Verlässlichkeit in der eigenen Umwelt, um ihr Leben zu meistern.

  2. Arm sein heißt in unseren Gesellschaften, über einen langen Zeitraum, teilweise das ganze Leben, wenig ökonomische Mittel zu Verfügung zu haben. Aber das ist nicht das einzige Merkmal. Arm sein heißt in unseren Gesellschaften auch, die ständige Erfahrung des Scheiterns zu machen. Dieses Scheitern bezieht sich auf die gesamten Ebenen der Lebenserfahrungen. Während zum Beispiel Personen aus dem Mittelstand Erfolge durch Bildung kennenlernen – also durch Schulbildung oder Weiterbildung aufsteigen und sich Möglichkeiten eröffnen – gilt das für Menschen in Armut nur in Ausnahmefällen. Zumeist ist die Schule schon ein Ort des Scheiterns, auch weil viele Dinge gelernt werden, die mit dem Leben in Armut nicht viel zu tun haben. Das Scheitern bezieht sich ebenso auf Lebenspläne, Planungen von Karrieren und des Alltags. Wenn das Leben prekär ist, ist zum Beispiel der Plan, auf einen Auslandsaufenthalt zu sparen, einer, der weit eher scheitert, als wenn das Leben einigermaßen planbar verläuft. Dieses ständige Scheitern lehrt Menschen in Armut eher eine Lebenshaltung, die vor zu großen Plänen und Hoffnungen warnt. Hinzu kommt, dass das Leben in Armut durch eine große Enge gekennzeichnet ist. Man hat wenig Möglichkeiten und ökonomischen Spielraum, um Erfahrungen zu machen. Das gilt nicht nur für den Auslandsaufenthalt, den sich viele Menschen aus dem Mittelstand leisten, Menschen in Armut aber kaum. Dies gilt auch für Zeiten des Ausprobierens, des Experimentierens, das Einfach-mal-Machens. Wer zum Beispiel das Geld für Museums-, Zoo-, Konzertbesuche oder den Besuch von Sportereignissen lange im Vorfeld planen muss, investiert es eher in schon bekannte Dinge und lernt vielleicht nie, was es noch alles für Möglichkeiten und Chancen gibt. Dies führt zudem zu oft engen, ökonomisch ähnlich gestellten, Netzwerken, die wieder wenig Chancen ermöglichen, aber einigermaßen Sicherheiten bieten. Kurz: Leben in Armut in unseren Gesellschaften ist, bei allen individuellen Ausnahmen, gekennzeichnet von ökonomischem Mangel, der ständigen Erfahrung des Scheiterns, der wenigen Erfahrungen und Chancen, eines prekären Lebens und enger sozialer Netzwerke.

  3. Wir leben gleichzeitig in Gesellschaften, deren Leitidee die der Meritokratie ist. Eine Meritokratie wäre eine Gesellschaft, in der Menschen aufgrund ihrer Fähigkeiten und Anstrengungen ihre jeweilige soziale Position erreichen. Oder anders: Wer sich anstrengt, soll gesellschaftlich weit oben ankommen, wer sich nicht anstrengt oder nichts kann, weit unten. Quasi alle relevanten politischen Richtungen gehen heute davon aus, dass eine solche Gesellschaft fair wäre und das wir grundsätzlich heute alle Barrieren abgebaut hätten, die Menschen davon abhalten würden, durch eigene Anstrengung eine soziale Position zu erreichen. Es gibt immer Diskussionen darum, ob man nicht mehr Chancengleichheit ermöglichen müsste, damit diese Vorstellung Realität wird, ob es nicht doch noch Barrieren gibt, beispielsweise angezeigt durch die ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern oder ob nicht gar – das ist jetzt eine andere politische Richtung – der Staat durch seine Regelungen den angeblich leistungswilligen Mittelstand davon abhält, seine angemessene soziale Position zu erreichen. Grundsätzlich aber ist das meritokratische Ideal eine der Leitideen der heutigen Gesellschaften. Daraus ergibt sich auch, dass der Großteil der Lösungen für die Frage, ob jemand aus Armut aussteigen kann und wie, im Rahmen dieses meritokratischen Ideals verortet wird. Man sucht nach etwas, was den Menschen zu einer besseren Position verhilft und da man davon ausgeht, dass einzig Fähigkeiten und Anstrengungen die soziale Position bestimmen, ist die Antwort immer wieder: (a) die Menschen in Armut mehr oder minder anzutreiben, sich anzustrengen – darin ist gerade Deutschland mit den Hartz IV-Regime gut – und (b) Bildung, Bildung und noch mehr Bildung, die man irgendwie an diese Menschen bringen möchte. Die erste Lösung zeugt von einem bedenklichen Menschenbild, die zweite scheint menschenfreundlicher. Grundsätzlich ist nichts gegen Bildung zu sagen, insbesondere wenn sie zu mehr Chancen, mehr Blickwinkeln oder einem kritischen Geist verhilft. Aber sie ist nur dann eine wirkliche Lösung, wenn die Gesellschaft wirklich meritokratisch ist. Und das ist sie nicht. Es ist nur eine Vorstellung, die ständig im Hintergrund politischer Überzeugungen steht. Manchmal hat man den Eindruck, dass dieser Überzeugung gefolgt wird, weil man dann das Vorhandensein von Armut den Menschen in Armut selber als Versagen – sie hätten sich halt nicht richtig angestrengt – vorwerfen kann und damit nicht mehr über gesellschaftliche Strukturen reden muss. Das Ergebnis ist aber, dass (a) Bildung als Lösung überbewertet wird, so dass jede Bildung als Lösung gilt und nicht mehr erläutert wird, wie spezifische Bildungsaktivitäten spezifischen Menschen in Armut genau helfen sollen und somit Bildung – ich erinnere an die ständige Erfahrung des Scheiterns – für Menschen in Armut, die damit ständig behelligt werden, eine negative Erfahrung wird – weil sich Hoffnungen auf einen Aufstieg durch Bildung halt oft nicht realisieren –, (b) dass wir auch nicht über andere Gründe für das Entstehen und die ständige Reproduktion von Armut reden können, wenn wir immer annehmen, dass es eigentlich die Fähigkeiten und Anstrengungen der Menschen selber sind, die sie aus dieser Situation befreien könnten (und sie im Umkehrschluss hineingebracht hätten) und (c) dass deshalb vielleicht andere Hilfestellungen, als noch mehr Bildung oder noch mehr Antreiben, Motivieren etc. nicht mehr thematisiert werden, worunter vor allem die leiden, die von solchen anderen Hilfeleistungen profitieren könnten – nämlich Menschen in Armut.

  4. Wenn wir uns anschauen, welche Interessen Menschen in Armut haben, dann sind das grundsätzlich drei: (a) Das Aussteigen aus der Armut, auch wenn dies teilweise mit unrealistischen Vorstellungen, wie dies zu erreichen sei, einhergeht. (b) Sehr oft geht es aber auch darum, dass Leben in Armut lebbar zu gestalten. Dies wird viel seltener thematisiert, auch weil es wie eine Kapitulation vor den Verhältnissen wirkt, so als wäre man gar nicht daran interessiert sein, dass Armut abgeschafft wird. Die Realität ist aber, dass es Menschen in Armut gibt und das ihre Chance, diesen Zustand zu verlassen, zumindest sofort, gering ist. Selbst wenn eine der politischen Parteien es tatsächlich schaffen würde, einen Weg zu finden, Armut in einer unserer Gesellschaften abzubauen und sich damit durchsetzen würde – zwei Dinge, die in den letzten 150 Jahren nicht passiert sind – würde dies einige Zeit dauern. Es gibt Menschen in Armut, sie sehen realistisch, dass sie längere Zeit in Armut leben werden und sie haben deshalb ein Interesse, dies so gut es geht, zu tun. Institutionen können darüber nachdenken, wie sie ihnen dies ermöglichen oder zumindest nicht noch schwerer machen können. (c) Entgegen aller Vorstellungen davon, dass Menschen in Armut schlechtere Eltern wären – und sei es nur aus Unkenntnis –, kann man festhalten, dass sie ein Interesse daran haben, dass es ihren Kindern besser geht, als ihnen selber und das zumindest diese aus Armut aussteigen können. Das unterscheidet sie nicht von anderen Eltern. Was sie unterscheidet, ist die soziale und ökonomische Situation.

4. Vorschläge für Bibliotheken

Ich will all dies jetzt zusammenfassen in Aufgaben für das Öffentliche Bibliothekswesen, die sich in Bezug auf das Thema Armut stellen:

  1. Die Bibliotheken sollten sich darüber klar werden, was sie eigentlich tun wollen. Gegen Armut sein, ist nett, aber wenig hilfreich, weil es nicht zu sinnvollen Angeboten führt. Wollen sie (a) die Menschen in Armut dabei unterstützen, ihr Leben in Armut besser lebbar zu gestalten, also zum Beispiel zugängliche Institutionen sein, auf die man sich verlassen kann? Wollen sie Informationen vermitteln, wie man dieses Leben besser führen kann, indem man sich zum Beispiel der eigenen Rechte gegenüber der zuständigen Ämter bewusst wird? (b) Oder wollen sie Menschen in Armut dabei unterstützen, aus der Armut auszusteigen? Das würde dann aber auch heißen, zu klären, wie das funktionieren soll: „Zugang zu Information vermitteln“ oder „Bildung, Bildung, Bildung“ sind keine immer sinnvollen Lösungen. Das heißt nicht, das nicht doch einzelne Menschen durch Bildung den Ausstieg aus Armut schaffen oder gerade in der Bibliothek die nötige Information finden, um das zu tun, aber es sind Vorschläge, die ihnen ehedem ständig gemacht werden, von den Ämtern, von der Gesellschaft, von der Presse – Bibliotheken wären da nur eine weitere Einrichtung, die das Gleiche sagen würde. Die gälte auch, wenn man es auf Kinder und Jugendliche oder die Unterstützung von Bildung in der Familie reduzieren würde. (c) Oder – der Vollständigkeit halber erwähnt – sollten Bibliotheken die Gesellschaft darüber aufklären, wie Menschen in Armut leben? Wann die verbreitete Vorstellung ist, dass jede oder jeder es mit eigener Anstrengung und Bildung schaffen könnte, nicht arm zu sein, wäre es für eine realistische gesellschaftliche Debatte vielleicht sinnvoll zu zeigen, dass dies nicht so ist.

  2. Bibliotheken sollten sich aktiv darüber informieren, wie Menschen in Armut leben und wie sie Bibliotheken tatsächlich nutzen. Das ist bislang ein ganz blinder Fleck, der jede Diskussion zum Thema im Ungefähren verlässt. Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen. Das Bibliothekswesen könnte auf Forschungen zur Armut aus anderen Wissenschaftsfeldern – der Soziologie, den Erziehungswissenschaften, der Forschung zur Sozialen Arbeit – bauen. Bibliotheken könnten sich aber auch selber informieren, sich gegenseitig ihrer Vorannahmen zum Thema hinterfragen und an der Realität testen oder aber sich direkt von Menschen in Armut informieren lassen, zum Beispiel indem sie diese bitten, von ihrem Leben zu berichten. Zu vermuten ist, dass Bibliotheken längst eine Rolle im Leben von Menschen in Armut spielen oder spielten, Bibliotheken dies aber bislang nicht wissen, weil sie nicht danach fragen.

  3. Aus diesen zwei Schritten ergibt sich erst, was Bibliotheken in Bezug auf Armut tun können. Auch wenn wir uns heute hier eigentlich treffen, um eine Antwort darauf zu finden, denke ich, dass eine richtige Antwort erst später möglich sein wird. Vermuten würde ich aber, dass Bibliotheken am sinnvollsten Handeln werden, wenn sie realistisch bleiben. Es ist für sie wohl einfach und machbar, als Einrichtungen zu funktionieren, die das Leben von Menschen in Armut lebbar machen, insbesondere indem sie eine verlässliche Einrichtung darstellen. Solche Einrichtungen als Basis des eigenen Lebens zu haben, kann einzelnen Menschen in Armut auch die Möglichkeit geben, Schritte aus der Armut heraus zu unternehmen. Das ist bestimmt richtig. Aber das gleich als Ziel zu setzen und Bibliotheken zum Beispiel als Einrichtung zu verstehen, die Menschen beim Ausstieg aus Armut helfen, scheint mir unrealistisch. Ebenso scheint es mir sinnvoll festzuhalten, dass die Lösung für Armut – also letztlich die Veränderung der Gesellschaft dahingehend, dass niemand arm sein muss – nicht in der Macht der Bibliothek liegt, sondern eine politische Aufgabe wäre. So gerne man manchmal den einen Hebel hätte, der diesen für unsere reichen Gesellschaften so skandalösen Zustand Armut zu beenden – es gibt ihn nicht. Deshalb werden die Bibliothek sich auch weiter mit der Frage Armut auseinandersetzen müssen.

5. Fazit

Am Schluss möchte ich noch einmal festhalten: Grundsätzlich haben Bibliotheken gute Voraussetzungen, um Menschen in Armut dabei zu unterstützen, ein besseres Leben zu führen. Dazu zählen:

  • Die hohe Verlässlichkeit der Angebote von Bibliotheken. (Wenn sie nicht gerade, ohne Rücksicht auf die konkreten Auswirkungen, sich ständig neu erfinden.)

  • Den Fakt, dass diese Angebote freiwillig genutzt oder auch nicht genutzt werden können.

  • Der Sicherheit, die der Raum Bibliothek bietet, nicht nur faktisch, sondern auch als imaginären Ort, in dem man sich der Alltagssorgen oder auch der Enge der eigenen sozialen Netzwerke für einen gewisse Zeit entledigen kann.

  • Und, nie zu vergessen, der kostenlose Zugang zum Raum und der kostengünstigen Zugang zu den bibliothekarischen Angeboten.

Aber, man darf sich dies auch nicht zu einfach vorstellen:

  • Die positive Wirkung, die Bibliotheken im Leben von Menschen in Armut haben oder haben können, wird wohl vor allem indirekt sein und nicht direkt auf ein Angebot, eine Struktur, eine Regelung zurückgeführt werden können.

  • Ohne das klar wird, was Bibliotheken in Bezug auf Armut tun sollen, wird unklar bleiben, ob sie tatsächlich eine positive Wirkung haben.

  • Bibliotheken müssen mehr darüber lernen, wie Menschen in Armut leben. Erst so kann klar werden, wie und wieso Bibliotheken in deren Leben wirken oder nicht wirken. Und nur so kann verhindert werden, dass Bibliotheken Menschen in Armut abstoßen, indem sie zum Beispiel Auswirkungen sozialer Situationen als moralisches Problem definieren und sich vielleicht vorstellen, Eltern in Armut beibringen zu müssen, dass zu Hause mit den Kindern über Gelesenes gesprochen werden muss, damit Literaturförderung funktioniert – weil diese dies vorgeblich nicht wüssten –, wenn das Problem eigentlich ist, dass diese Eltern mit zwei Jobs per Person einfach nicht die Zeit dafür haben.

  • Bibliotheken müssen sich, so mein abschließendes Wort, angewöhnen, mit Menschen in Armut zu reden und sie als Gruppe in ihre Forschungen, Befragungen und Planungen einzubeziehen.

 

Fussnote

Das ist ein Unterschied zu Menschen, die in unsere Gesellschaften migrieren. Da ist klar, dass diese vom Zugang zu Medien, die die jeweiligen Landessprachen vermitteln oder über das Leben in Österreich, Schweiz, Deutschland, Liechtenstein informieren, profitieren, weil diese sie beim Ankommen unterstützen, während der Rest der Gesellschaft ja schon da ist und die Landessprachen spricht.

Zitate: Bibliothek hilft nicht bei Armut, sondern zeigt sie an (1932/1933)

Leider erst jetzt, und nicht vor meinem Vortrag in Wien, habe ich „Die Arbeitslosen von Marienthal“ wieder gelesen. (Jahoda, Marie ; Lazarsfeld, Paul F. ; Zeisel, Hans (2009 [1960/1933]). Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkung langandauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie (edition suhrkamp; 769). Frankfurt am Main : Suhrkamp, 22. Aufl., 2009) Die Studie ist ein Klassiker der Armutsforschung. Durchgeführt wurde sie 1932 in einem Dorf bei Wien (deswegen hätte es gepasst), dass sich seit einigen Jahren in einen strukturellen Krise befand: Die Fabrik, die den Ort erst richtig geschaffen hatte (weil in Phasen des Aufschwungs immer Arbeit da war und Familien in grosser Zahl nach Marienthal zogen), war geschlossen, sonst gab es kaum Arbeit, gleichzeitig gab es auch in Österreich die weltweite Wirtschaftskrise am Ende der 1920er, Anfang der 1930er zu spüren.

Die Studie gilt als Klassiker, weil sie versuchte, eine Verbindung von Beschreibung und Empirie zu schaffen und dafür ein ganzen Arsenal von Daten und Forschungsmethoden anwandte (z.B. Zeit- und Budgetblätter, die von den Bewohnerinnen und Bewohnern ausgefüllt wurden, eine Kleiderausgabeaktion, in deren Rahmen Interviews mit Arbeitslosen durchgeführt wurden, narrative Interviews, Experteninterviews etc., grösstenteils für die Studie erst erdacht). Sie zeichnete ein Dorf, in dem nicht nur die Arbeit aufgehört hatte, sondern in dem sich eine auswegslose Situation ergeben hatte (viele junge Leute waren schon abgewandert), in der das politische Leben zusammengebrochen war (Ende der 1920er!, also einer hoch-politisierten Zeit) und das gesellschaftliche sich sehr reduziert hatte: „Jetzt treten wir in den Ort, und der Eindruck, den wir gewinnen, ist der einen abgestumpften Gleichmäßigkeit.“ (Jahoda, Lazarsfeld & Zeisel 2009: 55)

Bekannt ist die Studie auch wegen dem Ergebnis, dass diese ständige Arbeitslosigkeit die Menschen (okay, die Männer) langsamer macht, genauer, dass die Zeit eher verschwimmt, die Männer im öffentlichen Raum sich eher wenig, mit vielen Pausen und vielem Rumstehen bewegten. (Was machten die Frauen? Den Haushalt. Typisch.) Das andere öfter zitierte Ergebnis ist, dass sich trotz allen Problemen in fast allen Familien immer zuerst um die Kinder gesorgt und gekümmert wird. Nur bei ganz wenigen zerfallenen Familien nicht (mehr). Aber sonst: Egal wie Arm, es wird versucht, den Kindern ein besseres Leben zu bieten. (Das ist übrigens, aller moral panics über „arme Familien“ zum Trotz, auch heute noch das Ergebnis vieler Studien zu Familien/Erziehungsnetzwerke in Armut.)

Das kleine Buch ist immer noch erstaunlich aktuell. Mittendrin finden sich zwei für Bibliotheken erstaunliche Zitate, an die ich mich nicht mehr erinnerte. Warum erstaunlich? Weil sie den Vorstellungen, die sich Bibliotheken manchmal selber im Bezug auf Armut und der Rolle, die sie spielen können, um das Leben von Menschen in Armut zu erleichtern (oder gar zum Ausstieg aus diesem verhelfen), machen, widersprichen.

Die Autorin und Autoren fanden in der Arbeiterbibliothek (also der SPÖ zugehörig, die aber auch die grösste Partei im Ort war; und nicht der Gemeinde) Daten vor, die Ihre These vom zusammenbrechenden sozialen Leben und dem Zusammenbrechen von „sinnhaften Tätigkeiten“ durch die lange Arbeitslosigkeit gut illustrierten:

„Auch das Bibliotheksbuch der Marienthaler Arbeiterbibliothek zeigt das Einschrumpfen der Lebensäußerungen. Die Zahl der Entlehnungen ist vom Jahre 1929 [Beginn der Krise im Dorf, Schliessung der Fabrik, KS] auf das Jahr 1931 um 48,7 Prozent gesunken, obwohl früher eine Entlehnungsgebühr verlangt wurde, während heute die Bücher völlig kostenlos verliehen werden. Zunächst hat sich die Zahl der Leser verringert; aber auch die wenigen, die der Bibliothek treu geblieben sind, lesen jetzt viel seltener als früher. Es betrug:

Bandzahl der Entlehner
1929     1930     1931
3,23      2,3        1,6

(…) Es ist also nicht so einfach, wie immer wieder angenommen wird, daß der Arbeitslose seine Zeit zur Weiterbildung verwenden könnte. Wenn man an seiner Situation nur das Zeithaben sieht und sonst nichts, mag man sich über das Abnehmen der Leselust wundern; wer die Gesamthaltung beurteilt und nicht nur einen Ausschnitt aus ihr, wird in diesen Zahlen nur eine charakteristische Bestätigung der Grundhaltung der Arbeitslosen sehen.“ (Jahoda, Lazarsfeld & Zeisel 2009: 57)

Bibliotheken formulieren heute von Zeit zu Zeit (bestimmt auch damals schon), dass sie eine Ausgleichsfunktion haben könnten; vor allem Medien bereitstellen, die Zuhause nicht vorhanden sein können und damit den Effekt von Armut begrenzen könnten. Eine hübsche Idee, aber wenn die Situation von Menschen in Armut heute auch , nur ähnlich ist, wie damals in Marienthal, scheint eher damit zu rechen zu sein, dass auch bei Ihnen zumindest durch Arbeitslosigkeit gerade die Tage so sinnlos, das Leben so ereignislos werden können, dass die Bibliothek sie viel weniger erreicht (mit dem gleichen Angebot, in Marienthal sogar mit einem leicht besseren, da kurz vor dem Zusammenbruch der Fabrik noch eine andere Bibliothek aufgekauft und integriert worden und da die Gebühren abgeschafft waren) als zu einem Zeitpunkt, als sie nicht in Armut lebten / leben werden.

Dieses „Zerfliessen der Zeitstruktur“, die vorher stark von der Fabrik und der Arbeitswoche vorgegeben war, und jetzt von der zwei-wöchigen Ausgabe der staatlichen Unterstützungleistung strukturiert ist, auf die hin gerechnet, gespart und geplant wird, stellen die Autorin und die Autoren noch einmal am Beispiel der Bibliothek dar:

„Auf eine Veränderung im größeren Zeitrhythmus stoßen wir, wenn wir zum Schluß noch einmal den Ort als Ganzes ins Auge fassen. Sonn- und Feiertage haben viel von ihrer Bedeutung verloren; der Bibliothekar berichtet z.B., daß die Enlehnungen, die wie überall so auch in Marienthal an Sonn- und Feiertagen besonders stark waren, heute diese periodische Steigerung kaum mehr aufweisen.“ (Jahoda, Lazarsfeld & Zeisel 2009: 92)

Neben dem Hinweis darauf, dass 1932 in Österreich die Sonntagsöffnung von Bibliotheken offenbar normal war (was, bevor man das als Argument für heute nimmt, wohl auch damit zu tun hatte, dass die Arbeiterbibliothek neben anderen sozialdemokratischen Vereinen, eine Alternative zum Kirchgang anbietet wollte, einen sozialdemokratischen Sonntag ohne „Pfaffen“), ist auch hier zu sehen, wie wenig die Bibliothek offenbar für die Arbeitslosen eine „Ankerfunktion“ oder Funktion als „sozialer Ort“, von dem heute oft in den bibliothekarischen Sonntagsreden (Sonntags…, egal) zu hören ist, wahrnimmt.

Kann man das auf heute übertragen? Nicht zu 100%, selbstverständlich. Es gab 1931 in Marienthal Armut, nach der „vollständigen Aussteuerung“ (d.h. dem Ende aller Unterstützungsleistungen), die es heute so nicht mehr gibt. Die Bibliotheken sind heute eher Gemeindebibliotheken, nicht an eine Partei/ein Milieu gebunden und sie sind Freihandbibliotheken, was sie 1931 nicht unbedingt waren (aber vielleicht, experimentiert wurde damit seit den frühen 1910ern). Trotzdem sollten sie zu denken geben, bevor Bibliotheken sich wieder einmal (gewiss positiv gemeint) ihre „Funktion“ in Bezug auf Armut als sehr einfach und direkt vorstellen.

Was ist eigentlich die Aufgabe der Bibliothekswissenschaft für Bibliotheken? Doch Kritik und Überprüfung von Annahmen, oder?

Problem: Woher soll ich das eigentlich wissen? Bloss, weil ich als Wissenschaftler bezahlt werde?

Letztens sass ich bei der Jahrestagung der bibliothekarischen Fachstellenkonferenzen (der Deutschen, ich hoffe, dass ist jetzt der richtige Name), in Saarbrücken auf dem Podium. Thema war die Leseförderung. Mein Beitrag, der bei solchen Diskussionsrunden ja immer kurz sein muss, bezog sich darauf, dass “wir” im Bibliothekswesen eigentlich gar nicht (mehr) wissen, warum Leseförderung gemacht wird, also wozu die Menschen (Jugendlichen, es geht ja meist um die) was lesen sollen, was Ihnen das bringt / bringen soll etc. Das liesse sich immer nur ganz allgemein beantworten (Lesefreude und soziales Fortkommen), aber dann bleibt es allgemein und es ergibt sich nicht, was genau das mit Bibliotheken zu tun hat. Oder man versucht es ganz weit runterzubrechen, auf bestimmte Personengruppen in bestimmten Situationen, dann wird es schnell klar, dass “wir” gar nicht so ein klares Verständnis davon haben, wozu die was Lesen sollen ‒ und dann stellt sich die Frage, was die bibliothekarische Leseförderung eigentlich genau will.

Wo ich mich zurückgehalten habe, was ich im Nachhinein aber doch lieber klar gesagt hätte ‒ aber man will sich ja auf einem Podium auch nicht zu streiten sehr ‒ ist, dass die Diskussionen, Angebote, Studien um die Leseförderung eigentlich nicht mehr von der Gesellschaft reden; “sozial abstinent” habe ich später als Begriff gelesen, der das gut ausdrückt. Es wird in der Forschung ‒ und wurde auch auf dieser spezifischen Konferenz – nicht mehr von Menschen in unterschiedlichen sozialen Lagen ausgegangen, sondern davon, dass alle die gleiche Form des Lesens und der Lesestoffs benötigen würden, egal aus welcher Schicht, mit welchem Hintergrund etc. Alle das gleiche. Das wirft schnell die Vermutung auf, dass man z.B. von Armut nicht reden will und lieber eine mittelständisches Verständnis von “gutes Leben”, “vorankommen”, “Karriere” und “Lesen” reproduziert. Gefragt wird dann vor allem, wie “die anderen” dazu gebracht werden können, diesem mittelständischen Verständnis zu folgen; wie man sie dazu “verführen” könnte, dass in der Bibliothek zu tun. (Ausnahme, auch auf dieser Konferenz, und wie ich schon anderswo betont habe bestimmt eine der Sternstunden des deutschen Bibliothekswesens, ist das massive Engagement der Bibliotheken für Geflüchtete. Das soll man nicht verschweigen, aber auch das scheint oft davon auszugehen, dass es eine deutsche Gesellschaft gäbe, die quasi im Bezug auf das Lesen immer gleich funktioniert, mit den gleichen Ziele, ohne Unterschiede in den sozialen Schichte etc. ‒ und die man für die Geflüchteten öffnen will.)

Ich dachte, ich hätte zumindest Ersteres (wir wissen nicht genau, was eigentlich das Ziel von Leseförderung in Bibliotheken sein soll und deshalb können wir auch gar nicht so richtig sagen, wie in welche Richtung vorgegangen werden kann) klar gesagt. Vielleicht war das nur mein Eindruck. Eine Kollegin aus einer der Fachstellen fragte in der offenen Runde dann nämlich direkt mich (nicht die anderen auf dem Podium), was sie jetzt “ihren Bibliotheken” sagen sollte, die sie immer fragten, was sie tun sollen. Ich muss ehrlich sagen, dass mich dies überrascht hat. Wieso soll ich das wissen?1

Jetzt, nach einigen Wochen drüber nachdenken, habe ich den Eindruck, dass es bei dieser Frage und meinem Erstaunen darüber auch um das Verständnis davon geht, was Bibliothekswissenschaft für Bibliotheken leisten können sollte. Obwohl ich mich selber nicht als Experte für viele andere Dinge ansehen würde, als für das Generieren und Aggregieren von Texten, werde ich teilweise wirklich als Wissenschaftler wahrgenommen (Dafür werde ich ja auch bezahlt, als “Wissenschaftlicher Mitarbeiter”, aber damit bin ich wirklich nicht allein.), wenn auch anders, als ich das tun würde. Das ist mir nicht das erste Mal begegnet.

Was die Bibliothekswissenschaft tun soll, 1

Ein Beispiel ist die Erwartung, gerade die Bibliothekswissenschaft müsse innovativ und immer vorneweg bei allen Zukunftsvisionen sein. Das wird direkt und indirekt immer wieder geäussert. Teilweise nimmt das absurde Blüten an, wenn Menschen aus der Praxis sich stark in einem Thema oder Projekt engagieren und das dann als innovativ verstehen. Sie selber sehen sich als innovativ, also sind ihre Projekte auch innovativ. Und sie erwarten, dass die Forschung, als hier die Bibliothekswissenschaft, sich auch in die Richtung, die sie richtig finden, engagiert. Absurd wird dies, wenn man als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler ‒ Fokus: Texte, also auch Erfahrungen, Berichte aggregieren ‒ eher Zweifel an bestimmten Behauptungen entwickelt hat, z.B. bemerkt, dass die Behauptungen, die von den Engagierten darüber gemacht werden, was demnächst kommen wird, jetzt gleich und man müsse sich darauf vorbereiteten ‒ wenn diese Behauptungen schon eine lange Zeit gemacht werden, ohne das sie bislang eintraten. Aber manchmal scheinen die Engagierten so überzeugt von ihrem Engagement, dass sie auch gegen vorgebrachte Gründe die Sache so interpretieren, dass die Wissenschaft sie unterstützen müsste ‒ oder nicht innovativ sei und damit keine richtige Wissenschaft.2

Aber das sind nur einige Fälle. Eher scheint es das allgemeine Gefühl zu geben, die Wissenschaft müsse Innovation hervorbringen. Nicht: Die Wissenschaft macht etwas und am Ende kommt daraus auch etwas Innovatives, sondern: das Ziel der Wissenschaft müsse die Innovation sein. Mir scheint, dass dann Wissenschaft als “Erfindungen machen” verstanden wird. So: im Labor stehen, an Dinge rumschrauben, Heureka schreien. Frank Seeliger ‒ der sich da nicht missrepräsentiert sehen wird, aber der mich darauf brachte, dass es da einen Unterschied zwischen meinem Verständnis von Wissenschaft und seinem Verständnis gibt ‒ vertritt ein solches Verständnis, wie ich persönlich erfahren durfte (obwohl er selber und sein Team in Wildau eher so Innovations-getrieben agieren und dafür nicht wirklich die Bibliothekswissenschaft brauchen würden). Mich irritiert dieses Verständnis, weil mir nicht klar ist, wie viel dieses Ausprobieren, Rumschrauben etc. wirklich Wissenschaft im Sinne von “neues Wissen schaffen” ist. Klar, wenn es funktioniert, kommen neue Dinge raus, die man anwenden kann. Schön und gut. Aber machen das nicht auch Bibliotheken (Stichwort: Wildau) selber ‒ und viel besser? Und Firmen? Sollten nicht gerade Firmen das machen? Ich dachte, dass wäre ein Argument, warum wir so viele Sachen an Firmen abgeben, dass die immer so risikobereit und auf Marktvorteil durch Innovation aus sind. Habe ich das missverstanden? Ich habe gar nichts gegen das Rumschrauben per se, wir machen das zum Teil in Chur auch, aber eben immer in Projekten, wo wir Thesen testen und neues Wissen produzieren wollen.

Daneben gibt es noch das Verständnis, dass die Kollegin in Saarbrücken zu äussern schien: das die Bibliothekswissenschaft so etwas wie eine Beratungsstelle sein solle, die zu konkreten Alltagsproblemen der Bibliotheken Lösungen anbietet. Das ist mir auch nicht das erste Mal begegnet.3 Angesichts dessen, dass Kolleginnen und Kollegen aus Hochschulen immer wieder in Weiterbildungen zu allen möglichen Themen eingebunden werden, ist das vielleicht sogar eine naheliegende Vermutung. Aber ich finde sie doch komisch: Die Bibliothekswissenschaft ist doch keine Beratungseinrichtung. Wie sollte sie das sein? Auf welcher Wissensbasis sollte sie das auch tun?

Was die Bibliothekswissenschaft, jede Wissenschaft an Fachhochschulen heutzutage, eigentlich macht

Mir scheint, dass diese Vorstellungen auch daher stammen könnten, dass man (a) aus der eigenen Praxis heraus interpretiert, wie die Wissenschaft arbeiten würde und (b) nicht genau weiss, wie heute die Hochschulen strukturiert sind. (Wobei sich a und b ergänzen.)

Das Bild von den Forschenden, die angestellt sind, um frei rumzuforschen, sich in Laboren zu verkriechen, um dann mit einer Welterfindung und wirren Haaren wieder hervorzutreten oder die in Elfenbeintürmen hocken und nur denken, im Stillen Bücher schreiben und dann mit wirren Haaren aus diesen Türmen heraustreten würden ‒ falls diese Bilder je gestimmt haben, heute stimmen sie nicht mehr. Vielmehr sind alle an den Hochschulen eingebunden in bürokratische Prozesse, die vielleicht anderswo nicht weniger sind, aber doch nervig und ständig wachsend, in die Lehre ‒ die sie nur noch zu einem ganz geringen Teil selber entscheiden, d.h. gar nicht wirklich an die eigene Forschung zurückbinden können ‒ und immer auf der Suche danach, mit Mitteln von ausserhalb irgendwelche Projekte zu machen. Bei einigen Hochschulen ist das noch besser, als bei anderen. Aber zum Beispiel bei uns in Chur (und eigentlich in der ganzen Schweiz) findet die Wissensproduktion in Fachhochschulen nur in diesen Projekten statt, die fast immer von aussen finanziert werden. Und diese Projekte verbieten eigentlich auch ‒ strukturell, weil sie Projekte sind ‒ das weitergehende Denken: Sie müssen ein klares Ziel haben (ein “Produkt” wie es oft heisst), sie müssen sehr oft möglichst eine Lösung für irgendwas anbieten (zumindest behaupten, dass es können, im Vorfeld, was ganz absurd ist, weil… vorher soll man die Lösung im Vorfeld kennen?), oft auch mit möglichst vielen hippen Schlagworten ausgestattet sein. Am Ende müssen den Interessen der geldgebenden Einrichtungen (und das können auch gutmeinende Stiftungen, Sozialunternehmen oder staatliche Strukturen sein, man muss da nicht gleich an die Pharmaindustrie denken ‒ aber auch gutmeinde Stiftungen haben immer einen eigenen Fokus) entsprechen; nicht den Interessen der Forschenden oder der Gesellschaft oder der Bibliotheken.4 Das das nicht lange gut gehen wird und die Gesellschaft so nur immer dümmer wird, wenn Forschende nur noch Projekten hinterlaufen, ist richtig. Mal schauen, wann sich das wieder ändert, irgendwann muss es das. Bis dahin aber wird Wissen eigentlich nur noch “heimlich”, “irregulär” produziert: Wenn es sich irgendwie im Rahmen der Projekte am Rand realisieren lässt, wenn es sich irgendwie anderswo abknapsen lässt (ich sag nur: Lehre) oder am Abend/Wochenende/Urlaub/Freien Tagen (also unbezahlt). Es ist nicht so, dass man Projekte machen würde und dann Zeit hätte, nach den Projekten Wissen zu produzieren. Nach den Projekten sind einfach nur noch mehr Projekte.

All das zeigt, dass die Vorstellungen davon, was die Bibliothekswissenschaft (oder irgendeine andere an Fachhochschulen angegliederte Wissenschaft) tun soll ‒ Projekte von Engagierten unterstützen, Innovativ im Sinne von “Rumbasteln im Labor”, Beratung für alle möglichen praktischen Fragen ‒, nicht funktionieren kann. Wenn, müsste man von aussen Projekte finanzieren, die das irgendwie zum Ziel haben. (D.h. wenn die Fachstellen wirklich Beratung von der Bibliothekswissenschaft haben wollen, müssten sie das bezahlen. Was nicht an der Bibliothekswissenschaft oder den Forschenden liegt, sondern daran, dass wir als Gesellschaften es zugelassen haben, dass die Fachhochschulen so widersinnig konstruiert sind, dass sie strukturell von Steuergeldern finanziert werden, aber nicht der Gesellschaft, sondern den Institutionen mit eh schon viel Geld zugute kommen. Das kommt halt davon, wenn man der Bildungs- und Forschungspolitik als Gesellschaft nicht auf die Finger schaut.)

Was die Bibliothekswissenschaft tun soll, 2

Aber das ist noch nicht alles, was mich irritiert. Bislang kann man vielleicht von Missverständnissen sprechen, Missverständnisse darüber, was im Rahmen der heutigen Fachhochschulstrukturen überhaupt zu leisten ist. Was mich mehr irritiert ist, dass diese Vorstellungen wenig mit meinem Verständnis davon, was Bibliothekswissenschaft tun kann und sollte (und wie sie rezipiert werden könnte) zu tun hat. Ich kann von den drei genannten Perspektiven die mit dem “Rumbasteln im Labor” noch einigermassen nachvollziehen. Die ist sympathisch,5 aber ‒ wie schon gesagt ‒ finde ich oft, dass das die Bibliotheken (also jetzt nicht alle, aber doch im Ganzen gesehen) das viel besser machen als z.B. ich es könnte.6

Für mich ist Wissenschaft, und hier rede ich jetzt vor allem von Geisteswissenschaft ‒ aber als solche verstehe ich die Bibliothekswissenschaft ‒, vor allem eines: kritisch. Bei Wissenschaft geht es kurz gesagt darum, mehr, besseres, genaueres Wissen zu schaffen. Besseres, nicht per se “praktischeres” oder politisch für die eigene Meinung zu verwendendes. Wie oben gesagt: Texte ‒ und damit Überlegungen, Berichte, Analysen ‒ aggregieren und neue Texte produzieren. Das ist nicht Selbstzweck, sondern soll dazu dienen, die Welt, in der wir alle leben (und die wir mit geschaffen haben bzw. immer weiter schaffen) immer besser zu verstehen. Die Hoffnung dahinter bleibt, dass eine besser verstandene Welt eine ist, die wir (also wir alle) besser so gestalten können, das sie am Ende für alle Menschen besser wird. Aufklärung, Humanität, all das. (Und immer eingedenk allem, was mit dieser Hoffnung schon schief gegangen ist. Dialektik der Aufklärung und so weiter. Kurz gesagt: Die Hoffnung, dass sich eine reflektierte Aufklärung immer noch dazu nutzen lässt, die Welt besser zu machen. Besser, nicht unbedingt effektiver.)

Dafür stehen der Wissenschaft verschiedene Methoden zur Verfügung: Thesenbildung, Hypothesenbildung, Theoriebildung, Modellbildung, Prototypen und die Überprüfung, Widerlegung, Testung derselben etc. pp.. Aber grundsätzlich zusammengefasst geht es mir darum, bezogen auf die Bibliothekswissenschaft und ihren Untersuchungsgegenstand Bibliotheken, die tatsächliche Praxis zu überprüfen und vor allem die hinter dieser Praxis stehende Annahmen und Vorstellungen erst sichtbar zu machen und dann auch zu testen. Gehen wir zurück auf die am Anfang dieses Beitrags stehende Leseförderung in Bibliotheken, heisst das zum Beispiel klar zu machen, dass ein Verständnis und damit eine Diskussion darüber fehlt, was das Ziele der Leseförderung sind.7 Das aufzuzeigen ist selbstverständlich kritisch, weil es zeigt, dass die Praxis vielleicht deshalb sich fragt, was sie tun soll, weil sie nicht ausspricht oder durchdenkt, was sie eigentlich will. Das ist eigentlich kein grosser Wurf, keine neue Sozialtheorie oder so. Aber es ist das, was Wissenschaft eigentlich gut kann: Zeigen, wann die Praxis ins Leere läuft oder wann Überzeugungen ‒ hier: eine “eigentlich wissen doch alle, wofür Leseförderung da ist”-Haltung ‒ sich nicht halten lassen (aber es gibt noch mehr Thesen, gerade im Bereich Open Access und Digital Humanities, auf der die strategische Planung von Bibliotheken basiert, die einer genauen Überprüfungen meiner Meinung nach nicht standhalten).

Ist das zu wenig? Nur weil es nicht ein total neues Programm für die Leseförderung vorschlägt (Woher sollte das kommen? Aus den Büchern über gut funktionierende Leseförderung, die auch die Bibliothekarinnen und Bibliothekare selber lesen könnten?), dass dann alle jungen Menschen zum Lesen in die Bibliothek bringt?

Sicherlich: In der Wissenschaft kann man so weit gehen, Wissen zu produzieren und Dinge aufzuzeigen, die diskutiert, geklärt, vielleicht auch verändert werden müssten. Wobei in der Bibliothekswissenschaft vor allem, da es sich bei der Bibliothek am Ende vor allem um eine soziale, also über Kommunikation funktionierende Einrichtung handelt, aufzeigen der Notwendigkeiten zu Diskussionen und Entscheidungen, die gemeinsam im Rahmen des Bibliothekswesens getroffen werden müssten. Selber diese Diskussionen führen kann sie nicht. Das muss die Praxis, die dann selbstverständlich auf die Einwürfe der Wissenschaft reagieren müsste.

Dabei ist das selbstverständlich eine fragile Hoffnung. Es gibt kaum Hinweise darauf, dass irgendeine Praxis, die “eine eigene Wissenschaft” hat, auf diese, “ihre” Wissenschaft reagieren würde – insbesondere wenn sie kritisch wird. Da hilft auch alles Gerede von “evidence based” nix. Die Beziehung von Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik ist besser untersucht,8 aber grundsätzlich gilt das wohl auch für die Bibliothekswissenschaft. Die kritischen Einwürfe der Wissenschaft, die sie macht, wenn sie Texte, Gedanken, Erfahrungen aggregiert und eventuell auch auf eine abstraktere Ebene packt, müsste die Praxis wahrnehmen und darauf reagieren. Aber das passiert eher ausgesucht, uminterpretiert, d.h. die Praxis nimmt das, was sie als sinnvoll findet. Prototypen werden als Innovation verstanden, als Produkte, ohne die getesteten Thesen wahrzunehmen; die Anmerkungen werden vor allem wahrgenommen, wenn sie “passen” und als Bestätigung für die eigene Position Engagierter eingebaut, aber die Anmerkungen, das bestimmte Überzeugungen vielleicht nicht stimmen und besser nochmal überprüft werden sollten, werden ignoriert. Die Forschenden werden als Beraterinnen und Berater “missverstanden”, die nicht “liefern”, weil sie entweder nicht konkrete Vorschläge machen, sondern zum Überdenken anregen, oder aber (was mich ehrlich gesagt viel mehr irritiert), weil ihre publizierten Toolkits etc., die so gestalten sind, dass sie in der Praxis direkt eingesetzt werden können, dann doch nicht wahrgenommen werden.

Sicherlich hat das auch damit zu tun, dass Wissenschaft vor allem über Texte kommuniziert wird, aber in der Praxis zum Teil diese Texte nicht wahrgenommen werden. So einen Gegensatz kenne ich als die Aussage, dass es nicht möglich wäre, im Alltag 50 Seiten zu lesen (warum nicht?) oder einen Text in Englisch wahrzunehmen (warum nicht?). Sicherlich ist diese Aussage nicht ganz aus der Luft gegriffen, aber sie irritiert mich: Wie kann man erwarten, dass die Wissenschaft der Praxis etwas liefert, wenn man sie nicht wahrnimmt? Ist es so schwer? Ich fahre ja auch “in die Praxis” und schaue die mir an?

Aber das lässt sich wohl nicht so einfach klären und spricht eigentlich gegen meine Hoffnung, dass Wissenschaft irgendetwas in Bibliotheken weiterbringen würde. Gleichzeitig gibt es auch genügend Gegenbeispiele, wo Anmerkungen von Seiten der Bibliothekswissenschaft dazu führten, dass Bibliotheken sich Gedanken machten (nicht immer die, die ich erwartet hätte, aber das ist okay; Wissenschaft, die “ihrem” Untersuchungsgegenstand vorgeben will, wie dieser zu sein hätte, ist schon so oft falsch gelaufen).

Grundsätzlich: Wissenschaft ist Denken und soll Denken anregen. Eine kluge Gesellschaft (oder ein kluges Bibliothekswesen), die sich nicht hinter “das muss so” oder “im Alltag gibt es andere Probleme” versteckt, sondern wahrnimmt, dass es immer eine Differenz zwischen Denken und Handeln geben wird, dass aber ein Handeln alleine oder ein Denken in immer den gleichen “Problemen” und mit den immer gleich ungetesteten Überzeugungen im Besten Falle die Reproduktion des Immer-Gleichen, im Schlimmsten die Verstärkung der negativen Seiten dieses Handelns und Denkens ist ‒ und das deshalb das Testen der eigenen Überzeugungen und das Ernstnehmen von Hinweisen auf Leerstellen sinnvoll ist ‒ würde eine bessere Gesellschaft für alle sein. Ich bin da am Ende positiv gesinnt, dass das funktionieren kann. (Das ist die Bedeutung von Kritik, im guten Sinne: Das falsche Schlechte im Bestehenden aufzeigen. Eine Gesellschaft, die sich selbst regelmässig fair kritisiert und damit ihrer Grundlagen klarer ist, wird deshalb besser, eine Gesellschaft, die das nicht tut, wird tendenziell schlechter. Und für “die Gesellschaft” lassen sich immer gesellschaftliche Teilsysteme, wie das Bibliothekswesen, in diesen Satz einsetzen.) Die Rolle als kritische Instanz ist es, in der ich die Bibliothekswissenschaft sehe. Alles andere machen die Bibliotheken schon selber.

 

Fussnoten

1 Grundsätzlich, wenn ich schon etwas dazu sagen soll: Wenn ich schon einen Tipp geben soll, sollten sich die Bibliotheken klar werden, was sie eigentlich wollen, dass die Menschen mit dem “Lesen” tun, was die daraus ziehen sollen und nicht einfach nur Leseförderung mit dem Ziel “alle sollen viel lesen” machen. Sie müssen das wohl für sich selbst bestimmen, weil das Bibliothekswesen als Ganzes es nicht tun. Und von dieser Bestimmung aus sollten sie ihre Leseförderung konzipieren. Gleichzeitig sollten sie sich klar werden, dass sie wohl “Lesen” aus einer sehr spezifischen Schicht heraus bewerten und verstehen, das aber die Gesellschaft nicht aus dieser Schicht alleine besteht und nicht einfach dieses Verständnis für alle Menschen aus allen Schichten vorausgesetzt werden kann. Eher sollte man zuhören, wie Menschen aus unterschiedlichen Schichten Lesen verstehen und angehen ‒ und dann darauf aufbauen, sie dabei zu unterstützen, Lesen wie sie es jeweils als sinnvoll oder gehaltvoll ansehen umzusetzen. Aber nicht andersrum ihnen das vorschreiben.

2 Zu prüfen wäre auch, welche Formen von Zukunftsvision die Wissenschaft eigentlich formulieren darf, ohne das ihr die Ernsthaftigkeit abgesprochen würde. Ich würde z.B. gerne darüber nachdenken, wie ein Bibliothekswesen in einer sozial gerechten Gesellschaft aussehen würde. Aber dürfte ich das, besonders wenn ich davon ausginge, dass einen sozial gerechte Gesellschaft halt eine sein würde, in der die BWL als Scharlatanerie (mit egomanischen Strukturen) verstanden und die Wirtschaft ganz anders organisiert und dem gesellschaftlichen Willen unterworfen wäre? Oder wäre das zu weit? Könnte ich zumindest über ein Bibliothekssystem in einer Gesellschaft nachdenken, die nachhaltig wirtschaftet? Oder wäre auch das zu weit? Mir scheint immer wieder, dass “Innovation” heutzutage nur Innovation in bestimmten Richtungen sein darf.

3 Allerdings auch schon in absurderen Zusammenhängen, wenn an Kolleginnen, Kollegen oder mich Fragen gestellt wurden, die schon längst “gelöst” waren, also zum Beispiel Probleme angesprochen wurden, für die schon mehrere Handbücher, Toolkits und so weiter existieren, teilweise geschrieben von diesen Kolleginnen und Kollegen, die gefragt wurden, oft in Zusammenarbeit oder mit Rückmeldungen aus “Bibliotheken aus der Praxis”. Als wäre es ‒ für Bibliothekarinnen und Bibliothekare nota bene ‒ schwer vorstellbar, einfach mal nach denen zu recherchieren. Aber es ist auch so oft passiert, dass es mir strukturell vorkommt; so als wären es Bibliotheken zum Teil einfach gewohnt, dass es immer Beraterinnen und Berater gibt, die rumkommen und sagen, wie es richtig geht. Das aber nur eine Vermutung.

4 Theoretisch gibt es den Schweizerischen Nationalfonds (oder ähnliche Einrichtungen in anderen Staaten) als Einrichtung, die Forschung von den Interessen der Forschenden geleitet finanziert. Aber wer sich nur die Statistiken zur Mittelvergabe anschaut wird merken, dass die jetzige Funktion des Nationlfonds eigentlich ist, Geld an die Unis und den ETH-Bereich zu verteilen und von den Fachhochschulen fernzuhalten. Zumal die Fachhochschulen mit ihren an der Wirtschaft orientierten Jahresrhytmus für Projekte gar nicht auf die SNF-Struktur mit dem mehrmaligen Zurückweisen und Wiedereinreichen von Anträgen nach Überarbeitung vereinbar ist. Aber das ist ein anderes Thema. Praktisch ist er als finanzielle Quelle für Fachhochschulen verschlossen, ohne dass das wirklich thematisiert wird.

5 “Verrückte” Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dieser Art haben auch immer was vom utopischen Potential eines “anderen Lebens”, dass möglich ist, so wie Popstars. Dieses “verrückt-sein” ist ja auch immer ein Ver-rücktsein, ein gewisses Ent-rücktsein aus den gesellschaftlichen Strukturen und Anforderungen, die uns sonst alle betreffen.

6 Es ist halt oft nur nicht so bekannt, was schon gemacht wird. Aber ich würde immer raten, mal in Wildau nachzufragen. Die haben offenbar oft schon das gebaut, was man sich so als “könnte mal wer machen” ausdenken kann.

7 Was noch sichtbarer wird, wenn man darauf verweist, dass zumindest grosse Teile der Bibliotheken das vor hundert Jahren wussten, wenn wir auch die damaligen Ziele ‒ gegen “Schund” und dagegen, dass die Jugend durch die falschen Bücher sozialdemokratisch, gar kommunistisch wird oder, bei den Bibliotheken der Arbeiterbewegung, gegen “Schund” und für Klassenbewusstsein, nicht mehr teilen.

8 Z.B. Rürup, Matthias (Hrsg.): Innovationen im Bildungswesen : analytische Zugänge und empirische Befunde (Educational Governance). Wiesbaden: Springer, 2013; Bosche, Anne: Schulreformen steuern: Die Einführung neuer Lehrmittel und Schulfächer an der Volksschule (Kanton Zürich, 1960er- bis 1980er-Jahre). Bern: Hep, 2013; Bosche, Anne: The back office of school reform: educational planning units in German-speaking Switzerland (1960s and 1970s). In: Paedagogica Historica 52 (2016) 4: 380-394.

Was ist das: critlib?

Zu: Mehra, Bharat & Rioux, Kevin (edit.) (2016). Progressive Community Action. Critical Theory and Social Justice in Library and Information Science. Sacramento: Library Juice Press, 2016

Einer der aktuellen Trends im englischsprachigen Bibliothekswesen und der englischsprachigen Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist – zumindest soweit ich das sehe, aber vielleicht folge ich auch nur einer sehr ausgewählten Gruppe an Aktiven – „critlib“ beziehungsweise „critical librarianship“ (oder auch „critical library science“), gerne auch als #critlib. Neben einzelnen Initiativen, Treffen und Panels auf grösseren Konferenzen, ist ein Zentrum dieses Trends der Verlag Litwin Books und dessen Imprint Library Juice (Imprint) aus Sacramento. Dieser Verlag hat unter anderem eine eigene Zeitschrift – Journal of Critical Library and Information Studies – für diesen Trend gegründet, die allerdings bislang keine Nummer herausgegeben hat. Ansonsten erscheinen dort regelmässig Sammelbände und Monographien, die sich selber der „critlib“ zuordnen, unter anderem – als eines der aktuellen Beiträge – das hier angesprochene Buch. Die Publikation ist ein gutes Beispiel für die Stärken aber auch Schwächen dieser, nun ja, Bewegung.

Schwäche: Was ist das genau?

Zuerst zu den Schwächen: critlib klingt gut. Der Anspruch ist, innerhalb der Bibliothek und von der Bibliothek ausgehend, kritisch zu sein; kritisch im Sinne von links, antirassistisch, feministisch, kritisch gegenüber dem Neoliberalismus und seinen Zumutungen etc. Dabei erheben viele der Publikationen den Anspruch, nicht nur „irgendwie“ kritisch zu sein, sondern sowohl auf der Basis der tatsächlichen bibliothekarischen Arbeit kritische Analysen vorzunehmen als auch auf der Basis kritischer Theorie(n) aufzubauen. Okay. Was heisst das genau? Das ist sehr, sehr offen.

The LIS [Library and Information Science] field has long had a commitment to social responsibility, which has been a core value of the American Library Association, as is expressed in the profession’s service orientation, and from the civil rights era, in professional advocacy for equitable information access. However, we are now turning the corner and finding a voice that questions inequity and normativity, names the inequities, represents the oppressed, and speaks clearly and loudly of action that can be modeled or structural barriers that need to be eradicated. In one breath, when we utter diversity, we also now state or understand that it engages the work of inclusion, equity, and social justice.1

Theorie. Welche Theorie? All of the theories. ALL of them!

Ein gutes Beispiel für diese Offenheit ist die theoretische Basis, auf die verwiesen wird. In den Texten – beispielsweise der „Introduction“ zu diesem Buch (Kevin Rioux & Bharat Mehra: Introduction. In: dies. 2016:1-10) – taucht immer wieder die Vorstellung auf, dass critlib mit der Zeit eine gemeinsame theoretische Basis aufbauen würde, die auf schon vorhandener kritischer Theorie aufbaue. Ein erster Verweis, der oft gegeben wird, ist der auf die „Kritische Theorie“ der Frankfurter Schule, wobei bei critlib viel eher an Jürgen Habermas gedacht wird als an Adorno und Horckheimer. Aber das ist eine Nebenkerze, quasi. Dass es der Frankfurter Schule (vor Habermas) um eine Neuformulierung des Marxismus nach der Shoa und gegen den Stalinismus ging, taucht in den critlib-Texten zum Beispiel nie auf. Genauer: Trotz dem ständigen Verweis findet sich eigentlich keine theoretischen Anschlüsse z.B. an die „Dialektik der Aufklärung“ oder „The Authoritarian Personality“ (einer Studie, die in und über die USA geschrieben wurde, also sogar kulturell passen würde).2 Die Frankfurter Schule wird eher, ausser Habermas, genamedropt, und daran anschliessend Listen weiterer „kritischer Literatur“ genannt.3 Alleine in diesem Buch kommen George Lukács, Antonio Gramsci, die Operatisten (hier „Autonomist Marxist“ genannt, explizit Antonio Negri), Marx, Henry Giroux und Ivan Illich vor. In anderen Sammelbänden werden gerade zeitgenössische Feministinnen, z.B. Judith Butler, die französischen Poststrukturalisten, vor allem Michel Foucault, Bildungstheoretiker wie John Dewey oder Bildungssoziologen wie Pierre Bourdieu angeführt.4 Alles in allem ein grosser Mischmasch, der trotz ständiger Behauptungen, dass alles irgendwie zusammengehört, doch recht offen und unverbunden dasteht. An sich ist es, trotz dem öfter vorkommenden Namedropping, oft nicht möglich, die theoretische Grundlage in den dann geschriebenen Texten wiederzufinden.

All das wäre per se nicht falsch: In der critlib-Literatur wird oft und offen darüber geredet, dass es notwendig sei, sich erst einmal (wieder) als kritische Bewegung zu finden, nachdem der Neoliberalismus in den letzten Jahrzehnten auch die Bibliotheken und deren Diskurse nachhaltig gestört hätte. Insoweit sind Suchbewegungen zu erwarten und die Idee, dass man sich als Bewegung versteht und dadurch empowert fühlt, sich Gedanken zu machen und Orte zu suchen, wo diese Gedanken vorgestellt und diskutiert werden können, verständlich. Was aber irritiert, sind die oft behaupteten Ansprüche an die eigenen Texte, insbesondere im Bezug auf „Theorie“, die fast nie eingehalten werden. Teilweise, so auch bei diesem Buch, scheint es eine Einladung zum intellektuellen Austausch zu sein, der dann aber nicht wirklich stattfindet. Dabei wäre critlib auch so möglich, ohne ständig Theorien zu „namedroppen“. Wenn man z.B. gar nicht über „Entfremdung“ nachdenken will, zu diesem Zeitpunkt, warum dann überhaupt die verschiedenen Marxismen zitieren?

I saw the light?

Erstaunlich ist die in machen Texten (in diesem Buch z.B. der von Wendy Highby, siehe weiter unten) auftauchende Sprachfigur, nach der andere Texte aus dem critlib-Zusammenhang einzelne Bibliothekarinnen und Bibliothekare dazu ermuntert hätten, endlich ihr Stimme zu erheben und selber aktiv zu werden. Das klingt oft religiös, wie eine Erleuchtungsgeschichte (als hätte sie zuvor jemand daran gehindert, sich auf kritische Theorie zu beziehen). Verständlich ist es vielleicht als befreiendes Gefühl, wenn Personen bemerken, dass sie mit ihrer kritischen Anmerkungen oder Beobachtungen im bibliothekarischen Alltag nicht allein sind und das es möglich ist, sich kritisch und kohärent zu äussern. Vielleicht. Es bleibt aber immer wieder ein negativer Beigeschmack.

Positives: So offen, es regt zum Nachdenken an

Die Offenheit der Themen und Zugänge ist aber wohl auch eine Stärke der „Bewegung“. Wie gesagt: Alles, was irgendwie als zeitgenössisch und kritisch im Bibliothekswesen (und der Informationsnutzung) gilt, passt hinein. Ein Merkmal der Texte scheint auch zu sein, dass sie oft vom konkreten Fall ausgehend versuchen, zu Verallgemeinerungen zu gelangen. Nicht immer gelingt dies nachvollziehbar, aber „die Bewegung“ scheint immer wieder dazu zu ermutigen, es zu versuchen.

Gedanken über die heutigen „Funktionen“ und den Alltag in Bibliotheken hinaus

Ein gelungenes Beispiel dafür scheint der Beitrag von Zachary Loeb im Buch.5 Loeb versucht, an Ivan Illich – dem Schul- und Bildungskritiker – anzuschliessen und versteht Bibliotheken als gesellschaftliche Tools, also Einrichtungen, die von der Gesellschaft genutzt werden. In diesem Zusammenhang interpretiert er die teilweise auftretende kritische Haltung in Bibliotheken zu Technologien nicht als Rückständigkeit, sondern als gesellschaftliche Funktion, die tatsächlichen Nutzungsmöglichkeiten und die Sinnhaftigkeit von Technologien zu beachten. Das ist alles recht interessant zu diskutieren, aber am bemerkenswertesten ist ein Teil des Texten, in dem Loeb über Illich hinausgeht und die „activist libraries“ – also solche, die bei sozialen Protesten, die einen festen Ort finden, immer wieder entstehen; hier vor allem die Peoples Library von Occupy Wallstreet – als Ausdruck dieser Funktion zu verstehen versucht. Er postuliert, dass an diesen Bibliotheken abgelesen werden kann, was Menschen in einer Gesellschaft eigentlich wirklich an einer Bibliothek wertschätzen (weil sie die Funktionen herstellen/bauen und anderes weglassen). Von dieser These ausgehend begreift er Bibliotheken – was insbesondere in den activist libraries sichtbar würde, aber von diesen ausgehend für andere Bibliotheken abgeleitet werden kann – als „Prototypen“ einer kommenden (nicht-kapitalistischen) Gesellschaft. Muss man dieser Überlegung folgen? Sie ist zumindest diskutabel und so voll nur möglich, weil ein Rahmen geschaffen ist, in welcher man über den Alltag direkt hinaus laut über kommende Gesellschaften nachdenken kann.

Dieser Rahmen ermöglicht auch, Thesen zur Diskussion zu stellen und zu prüfen, die an Grundüberzeugungen, wie sie aktuell vertreten werden, rütteln. Dabei geht es nicht um „alles ist falsch, ich weiss wie die Bibliotheken richtig funktionieren werden“-Texte, die sich als radikal generieren, um doch nur immer wieder bei den gleichen „Innnovation, Innovation, Innovation“-Thesen anzukommen; sondern um Fragen, die sich am Politischen orientieren – politisch im Sinn von „Wie wollen wir leben? Wie sollen wir die Gesellschaft gestalten?“ Gabriel Gomez stellt in seinem Beitrag zum Beispiel die Frage, was für ein Menschenbild eigentlich hinter den Debatten um Big Data und Informationskompetenz steht.6 Er unterstellt, dass dieses Menschenbild ein sehr mechanistisches ist, welches in behavioristischen Lerntheorien aufgeht, die Wissen über Information instrumentell verstehen (das und das ist zu machen, so und so ist es zu machen). Stattdessen müsste es eine Aufgabe von „Informationskompetenz“-Angeboten sein, dieses mechanische Menschenbild sichtbar und damit kritisierbar zu machen. Seine implizite Kritik ist, dass die bisherigen „Informationskompetenz“-Arbeit von Bibliothek dies nicht tun würde, aber das ist nicht der Punkt seines Textes. Vielmehr geht es Gomez darum, durchzudenken, wie die Diskurse um Big Data etc. tatsächlich wirken.

Jonathan Cope arbeitet innerhalb dieses Rahmen sein Unbehagen über die Entwicklung der Bibliotheken in den letzten Jahren durch.7 Sein Postulat ist, dass Bibliotheken Demokratie nicht einfach nur als eine Aufgabe behaupten und dann zum „Alltagsgeschäft“ übergehen dürften, sondern diesen Anspruch, eine demokratische Einrichtung zu sein, ernst nehmen müssen. Sie sind von der Gesellschaft, in der sie sich befinden, und den sozialen Auseinandersetzungen und Kämpfen um Macht und Deutungshoheiten in diesen geprägt. Es wäre ihre Aufgabe, dies sichtbar zu machen. Hier verweist er kurz auf den „general intellect“, also die gesellschaftlich erbrachte Information- bzw. Wissensgenerierung, die Marx in den „Grundrissen der Kritik der politische Ökonomie“ angeführt hat. Dieses gesellschaftlich erbrachte Wissen würde, so Marx, im Kapitalismus abgeschöpft, das heisst genutzt, um gleichzeitig Fortschritt voranzubringen und Kapital zu generieren (also vor allem in Produkte umgesetzt). Die Grundrisse sind ein Fragment, insoweit ist die Interpretation, was der „general intellect“ genau ist, schon seit ihrer Erstpublikation umstritten. Bei Cope ist es das Wissen, dass zum Beispiel auf Facebook „entsteht“, indem Menschen Informationen teilen und dies von Facebook als Wissen abgegriffen wird.8 Es wäre Aufgabe von Bibliotheken, in einer demokratischen Gesellschaft, dass aufzuzeigen. Nicht unbedingt, es zu verhindern, aber es klar zu machen. Was genau „demokratisch“ als Arbeit für Bibliotheken heissen soll, bleibt bei Cope eher oberflächlich beschrieben. Er benutzt den Raum eher, um zu fordern, dass dies theoretisch durchdrungen werden soll. Was ihm wichtig ist, ist darauf zu verweisen, dass seiner Meinung nach Bibliotheken sich im Alltagsgeschäft eher versuchen, an die BWL anzulehnen, die aktiv bestreitet, dass eine Gesellschaft und in dieser Gesellschaft soziale Auseinandersetzungen gäbe, also quasi vorschlägt, in einem gesellschaftlichen Vakuum zu operieren. Dies geht für ihn nicht einher mit dem Anspruch von Bibliotheken, demokratische Orte zu sein. Der Text ist eine Kritik an der Praxis und ein Versuch, ein Nachdenken anzuregen. (Laut dem Autor auch ein „framework“ (107) für dieses Nachdenken.)

critlib als Ermutigung zum Denken und Handeln

Um einen weiteren Text herauszugreifen, der die Möglichkeiten zeigt, die dieser Diskursraum critlib eröffnet: Wendy Highby beschreibt in ihrem Text den persönlichen Weg, den sie genommen hat, um als Bibliothekarin einer Universität in Colorado mit Informationsarbeit aktiv zu werden, als ihre Unileitung beschloss, dass Gelände, auf dem die Universität steht für das „Fracking“ (also die Methode der Erdöl-Förderung, die im Ruf steht, umweltschädlicher und gesundheitsgefährdender, dafür aber auch profitabler als andere zu sein) freizugeben.9 Quasi wurden die Lagerstätten unter der Uni zur Ausbeutung freigegeben (von einem Standort ausserhalb des Geländes, der aber auch nahe bewohnter Häuser liegt), während auf der Oberfläche der Lehr- und Forschungsbetrieb weitergeht. Highby war irritiert von dieser Entscheidung, fühlte sich aber auch alleine mit dieser Meinung. Die Unileitung hatte den Diskurs etabliert, dass nur auf diese Art die finanziellen Probleme der Einrichtung zu lösen wären und gleichzeitig die Methode risikolos für die Beschäftigten und Studierenden sei. Durch die Literatur von Henry Giroux (auch dies liesst sich zum Teil als Erweckungserlebnis) kam sie dazu, aktiver zu werden.

Sie bestimmte ihre Situation an ihrer Einrichtung, sie wies – Giroux folgend – die Vorstellung zurück, dass es eine und tatsächlich nur eine Lösung für ein Problem gäbe (hier Fracking, um die Finanzprobleme zu lösen) und das damit alle Seiten der Debatte abgedeckt wären. Zudem suchte sie andere Personen an der Uni, die ähnliche Zweifel hatten. Zusammen – hier die bibliothekarische Komponente – recherchierten sie weitere Informationen zum Fracking, zur Situation der Hochschule, zu den Auswirkungen des Fracking ausserhalb der Uni, zum Beispiel der working class area, in welcher der Standort des Fracking angesiedelt sein sollte. Über die Formierung einer Ad-Hoc-Gruppe forderten sie Rederecht bei der Universitätsleitung ein und erhielten nach einem Vortrag, bei sie strategisch betonten, dass zu der Zeit, als die Leitung ihre Entscheidung traf, noch nicht alle Informationen vorlagen, die jetzt vorliegen würden, die Möglichkeit eine nicht-offizielle aber irgendwie doch von der Leitung etablierte Arbeitsgruppe zum Thema zu formieren, welche eine Beratungsfunktion einnimmt. Damit wurden die Probleme, die mit dem Fracking aufkommen, nicht behoben; aber der Diskurs („es gibt nur diese Lösung“) verschoben hin zu einem komplexeren Bild. Ausgewirkt hatte sich das zum Zeitpunkt des Verfassen des Textes dahin, dass die Unileitung nun höhere Sicherheitsstandards für das Fracking unter dem Unigelände und beim Standort ausserhalb des Geländes einforderte.

Keine perfekte Lösung; aber Highby stellt in ihrem Text dar, wie sie über die Literatur von Henry Giroux und critlib als Diskursraum überhaupt den Antrieb gefunden hat, aktiv zu werden und zu sehen, dass sie einen Einfluss haben kann. Schon durch das Sehen, dass anderswo das Sprechen und Sich-Melden mit Informationen eine erfolgreiche Intervention darstellen kann, motivierte sie, dass auch bei sich vor Ort als möglich zu verstehen.

Was ist es nun, dieses critlib?

Gerade der letzte besprochen Text zeigt wohl, was critlib bislang in seinen besten Momenten ist: Ein Diskursraum, in welchem diejenigen im bibliothekarischen Feld, die sich als irgendwie links, progressiv, fortschrittlich sehen (und das ist heute ja schon zu verstehen als sich als demokratisch im Sinne von „es gibt in der Gesellschaft soziale Auseinandersetzungen und wir können sie besser durch demokratische Prozesse regeln, als durch Ignorieren“ und sich nicht single-minded auf ein „no alternative“-Mindset einlassend), austauschen und gegenseitig befruchten können. Ganz offensichtlich ist das für viel motivierend. Die Texte sind durchzogen von der Vorstellung, durch critlib aktuell zu einer neuen Agency für diese Themen zu gelangen, nachdem in den letzten Jahrzehnten das neoliberale Denken (also in diesem Zusammenhang vor allem die „singled-mindness“ auf ökonomische Aspekte und Erklärungen, die Vorstellung, dass nur eine ökonomische orientierte Lösung für alle Probleme möglich wäre, das Bestreiten von gesellschaftlichen Strukturen und das Überbetonen individualisierte Lösungen und Verantwortungen) vorgeherrscht und das alternative Denken an den Rand gedrängt hätte. Dabei ist es nicht mal wichtig, ob diese Vorstellung wirklich und vollständig der Realität entspringt. Es ist so oder so eine Vorstellung, die offenbar viele der Aktiven überhaupt zum Schreiben und Diskutieren motiviert.

Gleichzeitig ist critlib aktuell beschränkt auf einen US-amerikanisch/kanadischen Diskurs. Ob die „Bewegung“ jemals über diesen Rahmen hinausgehen wird, ist schwierig zu sagen. Zurzeit hat es nicht den Anschein. Beispielsweise lässt sich für die deutsch-sprachige bibliothekarische Diskussion auch eine starke Abstinenz von Theorie und gesellschaftlicher Diskussion – allerdings nicht unbedingt von Praxis, die auf soziale Herausforderungen zielt – sprechen, die manchmal den Wunsch aufkommen lässt, dass es anders wäre.10 Aber das heisst ja nicht, dass critlib deswegen tatsächlich aufgegriffen würde. (Evidence based librarianship, die vor allem kanadisch geprägte „bibliothekarische Bewegung“ der letzten Jahre, die sogar viel mehr Anschluss an ökonomisierte Diskurse bietet und deren kritischen Spitzen erst in der konkreten Anwendung sichtbarer werden, wurde ja auch nicht aufgegriffen.) Für Frankreich, wo in den Bulletin des Bibliothèques de France, der Bibliothèque(s) (also den beiden grossen Fachpublikationen) und der Presses de l’enssib (also dem Verlag der grossen Ausbildungseinrichtung für das Bibliothekswesen) ständig auch Artikel und Monographien zu sozialen Themen, mit Bezug auf Sozialwissenschaft und Philosophie erscheinen, scheint mir das recht unwahrscheinlich. Das, was im US-amerikanisch/kanadischen Bereich critlib als Diskursraum erst etabliert, scheint mir in Frankreich zu existieren.11 Ist deshalb das französische Bibliothekswesen „progressiver“ als das US-amerikanische und kanadische?

Verwirrend, aber vielleicht muss das am Anfang einer „Bewegung“ wir critlib so sein, ist der immer wieder vorgebrachte Anspruch, an kritische Theorien anzuschliessen und selber Theorie – also Erklärungen, wie die Gesellschaft und wie die Bibliotheken in der Gesellschaft funktionieren – zu produzieren, im Vergleich mit der theoretischen Beliebigkeit und Ungenauigkeit, die in den Texten offensichtlich wird. Oft scheint es sogar von Nachteil zu sein, die jeweils referenzierte Theorie tatsächlich zu kennen. Sinnvoller ist es wohl, die jeweils genamedroppten Theorien als ungefähren Ausgangspunkt für die jeweiligen Überlegungen anzusehen. Dann können diese Überlegungen zu interessanten Thesen führen – z.B. die oben zitierte von den activist libraries als Ausdruck dessen, was der Gesellschaft an Bibliotheken wichtig ist –, vor allem aber ermöglichen sie etwas, was Highby für ihren Fall schildert: Sie machen das Denken über Bibliotheken gerade auch an Punkten möglich, wo es scheint, als gäbe es nur eine Lösung, die verfolgt werden könnte, als gäbe es keine Auswirkungen dieser Lösungen, die zu beachten wäre und als gäbe es keine Alternativen. critlib erinnert daran, dass es immer andere Möglichkeiten gibt und das es eine Verantwortung ist, sich für eine (und damit gegen andere) zu entscheiden und diese Entscheidung mit ihren jeweiligen Auswirkungen zu tragen.

 

Fussnoten

1 Clara M. Chu: Preface. In Mehra & Rioux 2016:VIII-X, VIII.

2 Horkheimer, Max & Ardono, Theodor W. (2002 [1944]). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (Sonderausgabe). Frankfurt am Main: Suhrkamp. Ardono, Theodor W. ; Frenkel-Brunswik, Else ; Levinson, Daniel & Sanford, Nevitt (1950). The authoritarian personality (Studies in prejudice). New York: Harper & Row, 1950.

3 Bekanntlich wird die „Frankfurter Schule“ in den USA gerne auf Habermas reduziert, während in der deutsch-sprachigen Literatur eher die früheren „Generationen“ als Frankfurter Schule, und Habermass als jemand mit anderer Entwicklung angesehen werden. Das ist Interpretationssache. Aber gerade die „Introduction“ in diesem Buch scheint über diese unterschiedliche Interpretation hinaus inhaltlich falsch zu sein. Es wird z.B. behauptet, die Generation um Adorno und Horckheimer hätte sich vor allem mit der deutschen Gesellschaft in den 1920er beschäftigt und wäre vor allem im „german idealism“ (5) verankert gewesen. Die zweite Generation hätte „elements of American pragmatism“ (5) eingeführt, zudem würden Lukács und Gramsci zu dieser Generation gehören. Das ist eine sehr gewagte Darstellung. Die „erste Generation“ ist eher dafür bekannt, sich mit der Shoa und deren Auswirkungen sowie mit Pädagogik befasst zu haben, als Marxisten würden sie sich gewiss nicht als Teil des „german idealism“ sehen; Lukács und Gramsci gehören eher anderen marxistischen Strömungen an (mit gegenseitigen Einflüssen). Obwohl man dies lange diskutieren könnte, ist all das am Ende egal: obwohl sie in der Introduction angeführt werden, taucht eigentlich nur noch Habermas im restlichen Buch auf. Es ist verwirrend, insbesondere wenn man die angeführten Autoren (in anderen Büchern auch Autorinnen) selber gelesen hat.

4 Zum Beispiel: Estep, Erik & Enright, Nathaniel (edit.): Class and Librarianship. Essays at the Intersection of Information, Labor and Capital. Sacramento: Library Juice, 2016. Schroeder, Robert (edit.): Critical Journeys. How 14 Librarians Came to Embrace Critical Practice. Sacramento: Library Juice, 2014. Schroeder, Robert & Hollister, Christopher V.: Librarians’ Views on Critical Theories and Critical Practices. In: Behavioral & Social Sciences Librarian 33 (2014) 2:91-119.

5 Zachary Loeb: Beyond the Prototype. Libraries as Convivial Tools in Action. In: Mehra & Rioux 2016:15-39.

6 Gabriel Gomez: Will Big Data’s Instrumentalist View of Human Behavior Change Understandings of Information Behavior and Disrupt the Empowerment of Users Through Information Literacy?. In: Mehra & Rioux 2016:41-73.

7 Jonathan Cope: The Labor of Informational Democracy. A Library and Information Science Framework for Evaluating the Democratic Potential in Socially-Generated Information. In: Mehra & Rioux 2016:75-118.

8 Vergleiche auch für die Position, dass sich daraus eigentlich die Forderung ableiten müsste, diese Arbeit sichtbar zu machen und Lohn einzufordern: Fuchs, Christian (2014): Digital Labour and Karl Marx. New York ; Abington: Routledge, 2014.

9 Wendy Highby: Beyond the Recycling Bin. The Creation of an Environment of Educated Hope on a Fracked Campus in a Disposable Community. In: Mehra & Rioux 2016:123-180.

10 Ich gebe zu, ich verstehe das oft nicht, wie man auf die Idee kommen kann, eine Einrichtung als „sozialen Treffpunkt“, „demokratische Institution“, „Ort für alle“ verstehen und konzipieren zu wollen, ohne sich Gedanken darum zu machen, wie diese Gesellschaft funktioniert. Mir ist zum Beispiel nicht klar, wie man eine „Bildungseinrichtung“ sein will, man nicht zu verstehen versucht, wie „Bildung“ überhaupt funktionieren soll. Der Rückzug auf individualisierte Ansätze wie Psychologie oder – erschreckenderweise tatsächlich vertreten – Biologie kann ja nur einen kleines Stück weit helfen. Deshalb würde ich in der bibliothekarischen Diskussion immer mehr, wenn schon nicht Diskussion über „die Bibliotheken in der kommenden Gesellschaft“ und die „kommende Gesellschaft“, so doch zumindest Bezug zu soziologischen Themen und Theorie erwarten. Aber vielleicht sehe ich das falsch und es ist einfach nur ein persönlicher Wunsch.

11 Sicherlich ist die Frage, warum nicht Kolleginnen und Kollegen aus Grossbritannien, Australien, Neuseeland an critlib partizipieren, offen. Ganz zu schweig von denen aus englisch-sprachigen Staaten des globalen Südens. Das gilt aber auch bei anderen „Bewegungen“. Offenbar ist nicht nur die Sprache ein Grund.

Neo-70er. Oder: Bibliotheken werden nicht getrieben, sie erfinden nur ständig die 1970er neu. [Vortragsskript, 13. InetBib-Tagung, Stuttgart, 12.02.2016]

Vorbemerkung: Im Folgenden ein Skript meines Vortrags auf der diesjährigen, 13. InetBib-Tagung in Stuttgart. Der Vortrag war auf die Tagung und deren Motto – „Treiben wir [die Bibliotheken] oder werden wir getrieben?“ – zugeschnitten, also auf ein Treffen, auf der Bibliotheken vor allem darüber sprechen, wie sie an auf die Zukunft gerichteten Projekten arbeiten, verbunden mit einem Motto, dass in gewisser Weise eine unterschwellige Angst ausdrückt, von Entwicklungen ausserhalb der Bibliotheken „überholt“ zu werden. Er präsentierte eine These, mit der ich mich schon länger rumschlage und die zu dieser Tagung gewollt etwas quer stand. Diese These ist ein Diskussionsangebot, allerdings sind Tagung nicht der perfekte Ort für Diskussionen (ein grosser Saal, vorne die Vortragenden, alle anderen im Hörsaal schauen nach unten). Trotzdem rief der Vortrag einige Reaktionen hervor, die ich so von anderen Vorträgen nicht kenne. Ein ganzer Teil der Kolleginnen und Kollegen, vor allem auf den hinteren Reihen ganz oben (die man aber von der Position des oder der Vortragenden halt am Besten sieht) schienen nicht einverstanden zu sein, sondern sehr vor sich hinzugrummeln. Warum genau weiss ich selbstverständlich nicht. Aber es schien mir schon mehr Widerspruch als sonst. Gleichzeitig kamen nach dem Vortrag aber auch viel mehr Anwesende, als sonst, die etwas zu meinen Thesen zu sagen hatten. Auch das eher kurz, weil selbstverständlich auf einer Tagung auch die Kaffeepausen eher kurz sind. Aber offenbar haben meine Ausführungen ein paar Punkte getroffen, die zumindest Reaktionen auslösten.

Da nicht alle Kolleginnen und Kollegen in Stuttgart anwesend waren und weil ich tatsächlich die These als Diskussionsangebot unterbreite möchte, bei der ich selber noch nicht sicher bin, was genau sie bedeuten (könnte), aber gleichzeitig überzeugt bin, dass die Beobachtungen, die ich im Vortrag darlegte, für die bibliothekarischen Debatten relevant sind, liefere ich hier einen über die Folien (hier) hinausgehenden Beitrag nach. Er ist als Skript geschrieben, das heisst, er folgt den Folien, die ich verwendete. Gleichzeitig ist es erst nach der Tagung geschrieben worden, insoweit stimmt es nicht mit dem gesprochenen Wort – dass sich auch auf die Tagung und die heftigen Diskussionen um einen kurz vorher publizierten Artikels eines gar nicht Anwesenden bezog – überein, aber mit dem, was ich sagen wollte.

 

Folie 1

Erinnerung

Die Frage der Konferenz ist: Treiben wir [die Bibliotheken] oder werden wir getrieben?

Gegenthese:

  • Bibliotheken haben das Gefühl getrieben zu werden, wissen aber nicht, dass sie sich das selber immer wieder neu erzählen.
  • Die meisten Debatten gab es schon mal.
  • Bibliotheken wissen nicht, was ’sie‘ schon gemacht und durchgestanden haben.

 

Guten Morgen. Ich möchte Ihnen heute einige Thesen vorlegen, die sich aus dem Motto der Tagung und meiner Forschungstätigkeit ergeben haben. Dabei müssen Sie beachten, dass ich als Bibliothekswissenschaftler viele Nachteile gegenüber Ihnen in den Bibliotheken habe, aber einen Vorteil: Ich muss nicht, wie die meisten der hier Anwesenden, Entscheidungen darüber treffen, was in einer konkreten Bibliothek passiert, was dort demnächst gemacht werden oder wofür Geld ausgegeben werden soll. Stattdessen kann ich am Rande meiner Arbeit über Bibliotheken und deren Entwicklungen in einer längeren Perspektive nachdenken. Eine Sache, die ich dabei noch recht oft mache, ist, die Bibliotheksliteratur aus der Vergangenheit anzuschauen. Nicht so sehr die von vor einigen hundert Jahren, sondern eher die der vergangenen Jahrzehnte. Dabei ist mir etwas aufgefallen, dass sich dann mit dem Motto dieser Tagung zu diesem Vortrag entwickelt hat.

Dabei muss Sie bitten, dass alles als provisorisch anzusehen, als Vorschlag zur Diskussion. Vielleicht übertreibe ich Entwicklungen, vielleicht beachte ich wichtige Dinge nicht. Aber ich denke, es ist besser, Ihnen das zur Diskussion vorzulegen, als es zurückzuhalten.

Sie erinnern sich, dass das Motto der Tagung lautet: „Treiben wir oder werden wir getrieben?“ Es geht also darum, ob die Bibliotheken nicht ganz up to date sind, sondern Entwicklungen hinterher rennen oder ob sie selber bestimmen, was up to date ist. Ich möchte dem eine These gegenüberstellen. Mir scheint, dass Bibliotheken sehr gut darin sind, sich gegenseitig überzeugend zu erzählen, dass sie getrieben würden – was auch seine guten Seiten hat, weil es Bibliotheken offenbar zu ständigen Veränderungen antreibt. Dabei scheinen sie sich aber nicht im Klaren zu sein, dass die meisten der Debatten darüber, wie und warum Bibliotheken sich entwickeln sollen oder müssen, schon mindestens einmal geführt wurden und das die Bibliotheken diese Debatten auch durchgestanden haben.

Das, was wir heute im Bibliothekswesen als Entwicklungen diskutieren – und das auf verschiedenen Ebenen und Themengebieten –, scheint mir in vielen Fällen so ähnlich schon einmal in den 1970er Jahren diskutiert worden zu sein. Oft mit den gleichen Argumenten für die (vorgeblichen) Entwicklungen, manchmal bis hin zu den einzelnen Formulierungen, oft mit ähnlichen Lösungen; nur halt oft auf der Basis der damaligen technischen und gesellschaftlichen Entwicklung.

Was ich Ihnen in diesem Vortrag aus Zeitgründen nicht zeigen werde, sondern als grosse These darbiete, ist die Behauptung, dass sich in den 1970er Jahren, innerhalb weniger Jahre, in den deutschsprachigen Bibliothekswesens – zumeist mit Ausnahme der DDR, die ein Thema für sich ist – das Denken der Bibliotheken über sich selber und über die Herausforderungen der Bibliothek radikal änderte. Sicherlich ging dies nicht sofort mit dem dem Jahreswechsel von 1969 zu 1970 einher, aber doch scheint es mir so, als ob die bibliothekarische Literatur der 1960er und 1950er Jahre noch sehr wie die der 1920er oder 1910er Jahre klingt, sowohl in Gestus als auch der Zielsetzung der bibliothekarischen Arbeit, der Wahrnehmung der Bibliothek – und sich dann in kurzer Zeit vom Ende der 1960er und bis vielleicht 1975, die bibliothekarischen Literatur rabiat änderte und sich Diskursformen etablierten, welche sich seitdem in der bibliothekarischen Literatur immer wieder finden. Mir scheint, die 1970er waren die Zeit dieses Bruches, nicht etwa die 1990er, auch nicht die späten 1940er (was man ja aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen in diesen Jahren eher hätte erwarten können).

Falls Sie eine ähnlichen Bruch suchen, allerdings einen mit einer hohen Fallhöhe, wie ich Ihnen noch mehr in diesem Vortrag als Interpretation vorschlagen werde: Mich erinnert dieser Bruch in den Diskursen, auch wenn er viel kleiner ist, immer wieder an das Aufkommen der Strafgesellschaft, wie sie Michel Foucault in „Überwachen und Strafen“ beschreibt (Foucault 2001), wo innerhalb kurzer Zeit Ende des 18. Jahrhunderts sich auf einmal Formen des Denkens über die Steuerung, Kontrolle und Bestrafung von Menschengruppen durchsetzen, die dann dazu führten, dass auf einmal ganz viele unterschiedliche öffentliche Bauten ähnlich konzipiert wurden: das Gefängnis, die Schule, die Kaserne, die Fabrik, das Hospital. Selbstverständlich: Bibliotheken sind ein viel erfreulicheres Thema als die Gefängnisse, aber der Bruch scheint mir ähnlich erstaunlich zu sein und ähnlich plötzlich aufzutreten. (Was ich auch nicht tun werde, aber was eine interessante Forschungsfrage wäre, wäre zu schauen, ob ähnliche Brüche in anderen gesellschaftlichen Bereichen, beispielsweise dem Bildungswesen, der Krankenversorgung oder auch den Gefängnissen, zur gleichen Zeit stattfanden.)

 

Folie 2

Vorbemerkung I:

  • Vortrag soll diese These testen
  • Persönliche Note: Gesellschaftliche Veränderung nach dem Ende der DDR meine „Lebenserfahrung“ –> Eindruck, dass sich einige Veränderungen & Versprechen wiederholen –> vielleicht überbetont
  • Texte aus den 70er zum Bibliothekswesen vermitteln aber ähnliches Gefühl („gab es doch schon…“)

 

Zwei kurze Vorbemerkungen, die mir notwendig erscheinen: Zu meiner Biographie gehört, dass ich meine Jugend in den 1990er Jahren in Ostdeutschland erlebt habe und zuvor auch den Zusammenbruch der DDR. Neben all dem Stress mit Nazis und Ostalgischen Menschen, neben all der Freiheit, die wir dann auf einmal hatten und den frei nutzbaren Platz, den wir in Ost-Berlin damals noch vorfanden, gibt es eine Erfahrung, die vielleicht Menschen, die damals nicht in Ostdeutschland lebten, so nicht bewusst ist, obwohl sie doch sehr prägend war: Die 1990er waren eine Zeit, wo sehr oft der Eindruck entstand – was auch mit den Personen zu tun haben wird, die damals „in den Osten gingen“, um zu erzählen, wie Demokratie und Kapitalismus und Politik so richtig geht –, dass sehr viele Versprechen und Ansätze sich wiederholten, die es mit einer (zumeist) anderen Terminologie schon in der DDR gegeben hatte. Sicherlich veränderten sich Dinge, aber viele blieben auch einfach gleich, zumindest in der Grundstruktur. Mir scheint, dass diese Erfahrung unter anderem meinen Blick auf Entwicklungen im Bibliothekswesen geprägt hat und vielleicht zu sehr geprägt hat. Das wäre vielleicht ein Ansatz, meine These wieder aufzuheben. Vielleicht ist das, was ich Ihnen präsentieren möchte, einfach überinterpretiert.

Und trotzdem scheint mir immer wieder, dass sich dieses Gefühl, auf die gleichen Diskurse und Thesen, wie sie auch heute besprochen werden, gestossen zu sein, immer wieder sich einstellt, wenn man die bibliothekarischen Texte aus den 1970er Jahren – die immer noch in den Magazinen der Bibliotheken stehen und leicht zugänglich sind – liest.

 

Folie 3

Vorbemerkung II:

Die 1970er Jahre waren eine Zeit voller gesellschaftlicher Umbrüche und Zukunftsvisionen (gleichzeitig: gesellschaftlicher Kontinuität)

  • politische Bewegungen wurden „erwachsen“ und wirkmächtig
  • die Gesellschaft wurde als „in radikaler Veränderung“ begriffen, inklusive vieler neuer Möglichkeiten
  • generelle Liberalisierung
  • neue Technik, neue Methoden (u.a. in Schulen, Betrieben)
  • viele „Irrwege“ wurden enthusiastisch begangen –> Überzeugung vieler, zu wissen, was die Zukunft bringt

 

Eine zweite Vorbemerkung für alle die, die – so wie ich – vielleicht die 1970er gar nicht selber erlebt haben: Die 1970er Jahre, gerade die frühen, waren in den deutschsprachigen Gesellschaften (wieder, mit partieller Ausnahme der DDR) Zeiten grosser gesellschaftlicher Umbrüche, deren man sich heute nicht mehr ganz gewahr ist. Damals wurde in weiten Teilen der Gesellschaft davon ausgegangen, dass sich grundlegend alles ändern würde. Es gab politische Bewegungen, innerhalb und ausserhalb der Parlamente, die eine grundlegende Demokratisierung der Gesellschaft oder auch eine ganz andere Gesellschaft anstrebten und die in den 1970er Jahren sehr wirkmächtig wurden. Ich habe vor kurzem in einem Projekt in St. Gallen, einen eher konservativen, aber auch nicht dem konservativsten, Kanton, politische Dokumente aus dieser Zeit gelesen, wo sich die politischen Parteien zu geplanten Gesetzen äusserten. In diesen Schriften finden sie auch bei den damaligen konservativen Parteien – die SVP gab es damals in der heutigen Form noch nicht – Sätze der Art: „In einer Zeit wie heute, wo alles in Frage gestellt wird…“ und die Vorstellung, dass es gerade aktuell eine notwendige Hinterfragung von gesellschaftlichen Strukturen und Zielen gab – und das das gut wäre. Generell gab es in den deutschsprachigen Gesellschaften (ausser der DDR) einen unheimlichen Liberalisierungsschub. Alles wurde „modern“, aber immer auch mit der Überzeugung, dass es dadurch besser und freier würde oder zumindest werden sollte.

Dies gilt nicht nur für das Denken, sondern auch für Technik und Methodiken. Beispielsweise wurden im Schulbereich unheimlich viele Experimente mit damals neuen Lernmethoden und Lerngeräten angestellt, die zumeist später wieder eingestellt wurden. Aber es war zum Beispiel auch eine Zeit, wo ernsthaft darüber diskutiert wurde, ob man „Lernmaschinen“ bauen sollte, die auf die Lernerfolge der Schülerinnen und Schüler reagieren und den Unterricht individueller machen würden. In den Fabriken wurden in diesen Jahren Computer, Rechenzentren und erste Roboter in grosser Masse eingeführt.

Wenn Sie Literatur der damaligen Zeit lesen, nicht nur im Bibliotheksbereich, sondern zum Beispiele gerade im Bildungsbereich oder auch politischen Programme, finden Sie unter anderem einen Diskurs von Behauptungen darüber, wie die Zukunft sein wird. Oft sind diese Texte sehr polemisch gegenüber dem, was angeblich bislang gewesen wäre; also ein Diskurs von „was bisher war, ist alt und unmodern“ und das, was in Zukunft kommen oder gelten wird, ist dagegen modern und es wird genau so und so sein. Es gab ein unheimliches Vertrauen darin, die Zukunft vorhersagen und auch planen zu können. (Diese Überzeugung gab es dann auch in der DDR, aber mit einem anderen Hintergrund.) Vieles davon hat sich als falsch herausgestellt, aber in den 1970ern wurde es noch mit sehr viel Überzeugung vertreten.

Das als Hintergrund.

 

Folie 4

Ein paar Beispiele für Dinge, die in den 1970ern im Bibliothekswesen diskutiert wurden – und heute sehr modern klingen

 

Im Folgenden möchte ich Ihnen einige Beispiele für Diskurse und Vorschläge zeigen, die Sie in der deutschsprachigen Bibliotheksliteratur der 1970er Jahre finden und die sich nicht so sehr von dem unterscheiden, was heute im bibliothekarischen Rahmen diskutiert wird. Sicherlich sieht die Technik heute anders aus, aber Sie werden hoffentlich sehen, dass die grundlegenden Vorstellungen und Ängste sehr ähnlich waren, zum Teil bis hin zur Terminologie.

Dabei sind das die Beispiele, die mir aufgefallen sind. Nicht alle, da wir nicht unendlich Zeit haben. Aber ich bin mir sicher, dass Sie, wenn Sie systematischer Vorgehen, noch mehr Beispiele finden werden. Und das scheint mir wichtig: Ich habe diese Beispiele nicht aktiv gesucht, Sie sind mir eher zufällig aufgefallen, aber immer wieder neue und immer mehr, so dass ich irgendwann zur Grundthese meines Vortrags kam. Wie gesagt, ich präsentiere Ihnen die hier als Diskussionsvorschlag. Falls die Diskussion in Gang kommt, wäre es eine Aufgabe, nachzuschauen, ob ich einfach schon alles gefunden habe und überinterpretiere oder ob ich auf eine interessante Struktur gestossen bin.

 

Folie 5

VORWORT

Kürzlich wurde mir in den USA die Bibliotheken eines elitären College mit besonderem Stolz vorgezeigt: sie hat kaum mehr Bücher; wirkt wie ein Rechenzentrum; alles ist mikrofein und telegen gespeichert; die Lesegeräte und Leseterminals machen die Räume zu technologischen Gehirnzellen und Kommunikationsganglien, in denen Informationen sekundenschnell zirkulieren, clever abgerufen, und (…) inkorporiert werden. Statt Bibliothekarinnen müssten eigentlich Stewardessen das geistige Air-conditioning durchstrahlen. (…)

 

Lassen Sie mich mit einem Zitat aus einer Broschüre – Bibliothek in einer menschlichen Stadt. Materialien zu einer aktuellen Diskussion – beginnen. Genauer mit einem Zitat direkt aus dem Vorwort (Glaser 1976). Sie sehen den ersten Teil hier. Die Broschüre wurde von der Arbeitsgemeinschaft der Verleger, Buchhändler und Bibliothekare in der Friedrich-Ebert-Stiftung, also der SPD-nahen Parteienstiftung, herausgegeben und behandelte die Frage, wie die Öffentliche Bibliothek in den zukünftigen Städten der damaligen BRD aussehen sollte. Das ist also keine Vorstellung irgendwo von einem gesellschaftlichen Rand, ganz utopisch von links oder so; sondern kommt direkt aus der politischen Mitte. Es ist eine „normale“ Schrift und keine Novität.

Was sehen wir in diesem Zitat? Lassen Sie mich auf ein paar Punkte hinweisen. Sie sehen die Vorstellung von einer zukünftigen Bibliothek, die von Technik bestimmt sein wird. Offenbar gegenüber der bisherigen Bibliothek: Die Bücher verschwinden, die Computer kommen und das Wissen wird über die Computer organisiert. Das ist eine Vorstellung, die Sie technisch aktualisiert heute auch im bibliothekarischen Diskurs finden. Die Angst oder Vorstellung, dass die Bücher und Medien verschwinden und die Bibliothek von der Technik geprägt werden wird. Sie wissen das selber. Aber was Sie hier auch sehen, ist, dass diese Vorstellung nicht mit dem Internet oder so begonnen hat. Sie ist schon älter. (Und vor den 1970er Jahren scheint sie so aber nicht in breitem Rahmen geäussert worden zu sein.)

Was Sie auch sehen ist die damit zusammenhängende Vorstellung, dass die Aufgabe der Bibliothekarinnen und Bibliothekaren sich radikal ändern würde, so sehr, dass sich die Frage stellen würde, ob es dann überhaupt noch Bibliothekarinnen und Bibliothekare wären. Auch das ist eine Vorstellung, die Sie heute immer wieder finden, wenn über die Zukunft der Bibliotheken diskutiert wird: Was wird das Personal machen? Wie werden sich seine Aufgaben verändern? Auch dies scheint mir als Diskurs nicht erst vor Kurzem, sondern in den 1970er Jahren gestartet zu sein. Nur, wenn Sie darüber nachdenken, ist das irgendwann absurd. Wenn sich die Bibliothek und die Aufgaben des Personals in Zukunft so radikal verändern sollen, wie es teilweise behauptet wird, sollte das irgendwann auch einmal passiert sein. Scheint es aber nicht, sonst würde sich der Diskurs nicht wiederholen.

Was Sie an dem Zitat auch sehen, ist die Ausrichtung auf die USA. Das ist etwas, was Sie in den bibliothekarischen Texten in den 1970er und danach immer wieder finden: Beispiele von Bibliotheken aus den USA, die in dem Impetus vorgetragen werden, dass sie die Zukunft aller Bibliotheken, gerade in der BRD, Schweiz und Österreich beschreiben würden. Was auch interessant ist, weil sich dies nicht wirklich geändert hat. Sie kennen auch das aus den bibliothekarischen Diskussionen: Fast alle Beispiele, besonders wenn es darum geht, das die Technik die Medien ersetzen würde, kommen aus den USA (seltener aus Grossbritannien), obwohl sie auch aus vielen anderen Staaten kommen könnten (beispielsweise Australien, Kanada oder den europäischen Nachbarländern wie Frankreich.)

 

Folie 6

Lebt die Bibliothek bald? So, wie Walser sie sich als ‚wirkliche Bibliothek‘ wünscht: mit Abenduniversität, Diskussionsforum, Swimm-in, kritischer Buchberatung, Russischstunde, Tennismatch, Kulturkneipe? So wie Robert Jungk hofft: als Ort der Inspiration, die weniger perfekte Maschinen als phantasievolle Anreger – und Benutzer, die sich anregen lassen – braucht? Die Bibliothek als Treffpunkt für all diejenigen, die sich schreibend, zeichnend, photographierend, musizierend, und natürlich lesend ausdrücken wollen. Das Stockholmer ‚Kulturhaus‘ strebt ja derartiges an und ist in manchem sehr gelungen; viel frequentiert; ein Kommunikationsort par excellence.“

(Hermann Glaser, 1976: 6)

 

Schauen wir auf den zweiten Teil des Zitates. Was Sie hier sehen, ist die andere Region, aus der heute gerne Beispiele für die „Bibliothek der Zukunft“ zitiert werden, nämlich Skandinavien. (Genauer, eine Art „gefühltes Skandinavien“, das die Niederlande umfasst, aber nicht Island oder die Färorer-Inseln.) Auch das ist etwas, was in den bibliothekarischen Texten in den 1970er Jahren immer wieder finden. Es werden Beispiele von Bibliotheken angeführt, immer wieder bestimmte, die dann oft für eine bestimmte Zeit in mehreren Texten auftauchen. Auch diese Beispiele werden immer wieder mit dem Impetus vorgetragen, dass sie Bibliotheken die Zukunft darstellen würden. Jetzt – also wenn das Beispiel in einem Text gebracht wird – wäre das so, wie in Skandinavien Bibliothek gemacht würden – obwohl es eigentlich immer wieder bestimmte Beispiele sind, kaum einmal das ganzen Bibliothekswesens Dänemarks oder Schwedens, das dargestellt wird, insoweit ist nie klar, ob die Beispiele repräsentativ sind oder nicht –, bald wird das auch in Bonn, Zürich oder Wien so sein. So ungefähr die implizite Argumentation.

Und diese skandinavischen Bibliotheken, die Sie seit den 1970ern immer wieder in der bibliothekarischen Literatur als Vorbild finden, stellen immer wieder etwas ähnliches dar: Sie sind Bibliotheken, die über das Anbieten von Medien hinausgehen. Sie werden beschrieben als Einrichtungen, die soziale Funktionen erfüllen, gesellschaftliche. Einrichtungen, die Kommunikation für alle möglichen Mitglieder der Gesellschaft ermöglichen. Einrichtungen, die flexibel sind, mit Räumen, die flexibel sind und in denen die Medien in den Hintergrund gerückt werden oder zumindest nicht die Hauptrolle spielen. (Aber oft gibt es Orte für damals neue Medien und Mediennutzungsweisen.) Oft sind diese Bibliotheken Teil von grösseren Einrichtungen – wie hier im Kulturhaus – oder umfassen selber andere Einrichtungen, beispielsweise Kinosäle, Discos oder Plattenabhörstationen. Und Sie finden in den deutschsprachigen, bibliothekarischen Texten auch immer wieder ein Erstaunen darüber, dass dies in einer Bibliothek möglich ist. Verbunden mit der Vorstellung, dass auch „unsere Bibliotheken“ so werden müssten, um modern zu sein.

Wenn Sie jetzt an das Dokk 1 in Aarhus (oder, ein paar Monate zurück, an die Centrale Openbare Bibliotheek Amsterdam) denken, und daran, wie diese in der bibliothekarischen Literatur dargestellt und besprochen wurde, finden Sie bestimmt zumindest einige Parallelen. Auch an dieser Einrichtung wurde hervorgehoben, das sie offen, flexibel und ein Kommunikationsort sei, das die Medien in den Hintergrund gerückt seien und so weiter. Und mir scheint, dass es auch nicht zufällig ist, dass diese Bibliothek eine dänische (oder niederländische) ist. Obwohl dies immer wieder als neu dargestellt und wahrgenommen wird, scheint sich der Diskurs um skandinavische (Öffentliche) Bibliotheken in der deutschsprachigen bibliothekarischen Literatur kaum geändert zu haben. Auch das ist erstaunlich: Entweder stimmt der Diskurs nicht oder die Bibliotheken in den deutschsprachigen Ländern verändern sich nicht. Eine Vermutung wäre, dass es eher ein kultureller Unterschied ist, dass also Bibliotheken in Skandinavien einfach so konzipiert werden und in den deutschsprachigen Ländern eher nicht oder zumindest nicht so; aber sie erscheinen in der deutschsprachigen Literatur immer wieder neu als Zukunft.

 

Folie 7

Beispiel Schulbibliotheken

  • Projekt 1970-1973 (Uni FF/M; Bertelsmann-Stiftung) zur „modernen Schulbibliothek“

–> „Bestandsaufnahme“: „alte Schulbibliotheken“ wurden verworfen, weil… alt und nicht modern, also nicht zeitgemäss (so die Behauptung, ohne Nachweis)

–> Entwurf „moderner Schulbibliotheken“ (a) alle Medien, alle modernen Medienformen, (b) zugänglich und immer offen, (c) Zentrum der Schule und in Kontakt mit den LehrerInnen, (d) Aufgreifen „moderner Pädagogik“ (Individualisierung des Lernens, Projekte / Arbeitsgruppen, Demokratisierung / Kritikfähigkeit)

 

-> Später übergegangen in das deutsche Bibliotheksinstitut, Zeitschrift „die schulbibliothek“ (1974-2000) -> heute „dbv-Kommission Bibliothek und Schule“

 

Ein weiteres Beispiel, das mit einem meiner Forschungsschwerpunkte zu tun hat, den Schulbibliotheken. Wenn Sie sich die Geschichte der bibliothekarischen Diskussion über Schulbibliotheken im deutschsprachigen Raum anschauen, kommen Sie nicht daran vorbei, das am Ende alles auf ein Projekt (und ein Buch) zurückverweist, welches am Anfang der 1970er stattfand. Das Projekt, gar nicht im bibliothekarischen Rahmen angesiedelt, sondern von einem Literaturwissenschaftler, Klaus Doderer, an der Goethe-Universität Frankfurt am Main geleitet, hatte das Ziel, eine Infrastruktur für moderne Schulbibliotheken aufzubauen.

Wenn Sie das Buch aus dem Projekt (Die moderne Schulbibliothek, Doderer et al. 1970) lesen, sehen Sie sehr schnell, wie dabei vorgegangen wurde. Das Projektteam stellte sehr hohe Anforderungen dafür auf, was eine moderne Schulbibliothek zu sein hätte. Diese Anforderungen sind nicht wirklich begründet, sondern im besten Falle hergeleitet: Moderne Schulen hätten moderne Schülerinnen und Schüler mit modernen Methoden zu unterrichten, daraus ergäbe sich auch eine bestimmte Form von Schulbibliotheken. Das ist ganz offensichtlich, wenn Sie das Buch lesen: Es gibt kaum Aussagen oder Studien oder Herleitungen, auf denen sich die Vorstellungen davon, was moderne Schulbibliotheken sein müssten, aufbaut. Es wird einfach behauptet und darauf verwiesen, dass es in anderen Ländern (vor allem den USA, aber es finden sich auch Bilder aus der Sowjetunion und anderen Staaten) so sei.

Die Behauptung ist halt, dass dies modern sei. Dabei gab es solche Behauptungen vorher nicht. Die Schulbibliotheken, welche zuvor in der bibliothekarischen Literatur besprochen wurden, wurden zumeist ganz anders dargestellt, zumeist als Lesebibliotheken, die von Lehrpersonen betreut wurden. Das Buch und das Projekt machen da einfach einen Bruch. (Und zumindest für die Schweiz ist es sehr einfach zu zeigen, dass dann im Nachhinein den Vorstellungen in diesem Buch im bibliothekarischen Diskurs gefolgt wurde. 1973 erschien eine Broschüre des Schweizer Bibliotheksdienstes (1973), die mit einem schweiz-spezifischen Twists diese Vorstellungen aufgreift, obwohl die Schriften zu Schulbibliotheken in der Schweiz zuvor nicht von solchen „modernen Schulbibliotheken“ sprachen.)

Danach besuchte das Projektteam eine ganze Reihe von Schulen und bewertete die Schulbibliotheken dort immer aus dem von ihm selbst aufgestellten Blickwinkel. Alle fielen durch und das wird im Buch so dargestellt, das all diese Schulbibliotheken als „noch nicht modern“, als „zurückgeblieben“, als „unmodern“ besprochen werden; also immer mit der Vorstellung, dass es möglich ist, zu sagen, was einen gute Schulbibliothek sei und das jede Schulbibliothek über kurz oder lang modern werden wird, also das man den „jetzigen Zustand“ quasi auf einer Zeitachse abtragen kann. Auch das ist eine Wahl: Man hätte ebenso fragen können, warum die Schulbibliotheken so sind, wie sie vorgefunden wurden, ob sie vielleicht so ihren Zweck erfüllen, ob es vielleicht so von den Schulen gewünscht wurde, ob vielleicht die Vorstellung von „modernen Schulbibliotheken“ nicht ganz richtig sei. Aber die einzige Begründung, die Sie im Buch finden, ist: Die Schulbibliotheken sind nicht so, wie sie sein sollen, also sind sie unmodern, veraltet. Und dieses Denken setzt sich meiner Meinung nach bis heute in den Texten über Schulbibliotheken fort, wenn auch die Terminologie etwas anders ist. Das ist für Deutschland nicht ganz so überraschend. Aus dem Projekt selber ging über mehrere Transformationen die heutige Expertengruppen im dbv hervor. Aber es gilt auch für die Schweiz (mit ihren Richtlinien für Schulbibliotheken (Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für allgemeine öffentliche Bibliotheken 2014) und zumindest zum Teil Österreich.

Und erstaunlich ist das, wenn Sie sich anschauen, was eigentlich in dem Buch von 1970 von einer „modernen Schulbibliothek“ erwartet wird: Sie soll ein Zentrum der Schule sein, alle Medienformen enthalten und wie eine Öffentliche Bibliothek funktionieren (mit Katalog als Nachweisinstrument, mit bibliothekarisch ausgebildetem Personal und allem), sie soll immer offen sein und vor allem „moderne Formen“ der Lernen und Unterrichtens unterstützen. Gerade diese „modernen Formen“ sind oft nur kurz beschrieben: Unterricht in der Bibliothek, Projekte und Arbeitsgruppen sowie Individualisierung. Und das ist genau das, was Sie auch heute in der bibliothekarischen Literatur über Schulbibliotheken finden. Wenn Schulbibliotheken zum Beispiel in Abschlussarbeiten beschrieben werden, merken Sie oft, das genau dieses Denken dahinter steht: Es gibt diesen „modernen Standard“, der angelegt wird. Wenn er nicht eingehalten wird, werden die Schulbibliotheken als defizitär beschrieben und oft Programme aufgestellt, wie sie zu „richtigen“ Schulbibliotheken werden können. Dabei, nochmal, könnte man auch Anderes fragen, zum Beispiel ob bestimmte Schulen nicht andere Schulbibliotheken haben wollen, ob die bibliothekarischen Vorstellungen wirklich stimmen und so weiter. Aber das wird nicht getan und gerade bei diesem Beispiel haben Sie mit diesem Buch auch eine Quelle, die ich Ihnen ans Herz legen würde. Hier scheint mir sehr klar sichtbar, wie ein Diskurs quasi „aus dem Nichts“ auftaucht und dann immer wieder als „richtig“ reproduziert wird. Erstaunlich ist dabei, dass er auch heute zumindest im bibliothekarischen Rahmen als modern gilt, obwohl er sich seit einigen Jahrzehnten kaum verändert zu haben scheint. Wie kann es den sonst sein, dass eine „moderne Schulbibliothek“ 1970 fast genauso beschrieben wird, wie heute? Das ist doch schon einige Generationen von Schülerinnen und Schülern her.

(Erwähnt werden muss allerdings, dass Klaus Doderer, der Projektleiter, offenbar ein solches polemisches Vorgehen, bei dem alles, was bislang war, über einen Kamm geschoren und als „unmodern“ und veraltet bezeichnet, dagegen ein „neues Denken“ als richtig und modern beschrieben wird, auch bei der Diskussion über Jugendliteratur an den Tag gelegt hat. Zumindest behauptet das Sonja Müller (Müller 2014) in ihrer Arbeit über die Theoriedebatten zum Jugendbuch in den 1950ern und 1960ern. Diese hätten sich von den Vorstellungen der Jahrzehnte vorher – Stichwort „Schmutz und Schund“ – entfernt, wären aber dann in den 1970ern ohne grosse Differenzierung mit den Diskussionen aus den 1910er zusammengebracht und als veraltet abqualifiziert worden, unter anderem von Doderer.)

 

Folie 8

Schule und berufliche Ausbildung werden künftig für immer mehr Menschen nur die erste Phase im Bildungsgang sein. Denn schon heute zeigt sich, dass die in dieser ersten Bildungsphase erworbene Bildung den später an den einzelnen herantretenden Anforderungen selbst dann nicht genügen kann, wenn diese Bildung auf Tiefe, Breite und die Erfüllung erwarteter Bedürfnisse angelegt ist. (…) Immer mehr Menschen müssen durch organisiertes Weiterlernen neue Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten erwerben können, um den wachsenden und wechselnden beruflichen und gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden.

Der Begriff der ständigen Weiterbildung schliesst ein, dass das organisierte Lernen auf spätere Phasen ausgedehnt wird und dass sich die Bildungsmentalität weitgehend ändert.“

(Deutscher Bildungsrat, 1970: 51)

 

Noch ein Text, den ich Ihnen gerne zeigen möchte. Das ist kein direkter bibliothekarischer Text, sondern ein bildungspolitischer. Aber es ist einer, auf den sich Bibliotheken in den 1970ern ungefähr so bezogen, wie sie sich vor ein paar Jahren noch auf die PISA-Studien bezogen. Der Text, Strukturplan für das Bildungswesen, ist in seiner Wirkung nicht zu unterschätzen. Der Deutsche Bildungsrat wurde Ende der 1960er von Bund und Ländern eingerichtet, mit Vertreterinnen und Vertretern aus allem damals im deutschen Bundestag vertretenden Parteien, um das zukünftige Bildungssystem der Bundesrepublik Deutschland zu planen, auf Jahrzehnte hin. Ich sagte vorher, dass diese Zeit eine war, in der die Gesellschaft als in radikaler Modernisierung begriffen wurde, und im und um den Bildungsrat herum hat sich das damals sehr zugespitzt. In seiner Hochzeit fokussierten sich um den Bildungsrat – und die Bildungsreformen in einigen Bundesländern wie Hessen – die Debatten darum, was das Bildungssystem in einer modernen deutschen Gesellschaft tun sollte. Und das hatte Auswirkungen. Das heute in den Schulgesetzen steht, dass die Schülerinnen und Schüler zu eigenständigen, demokratisch orientierten und selbstbewussten Personen werden sollen, wäre zum Beispiel ohne den Bildungsrat wohl nicht durchgesetzt worden. Durch den Bildungsrat wurden die Gesamtschulen erst möglich (auch wenn am Ende nicht, wie sich damals von vielen erhofft wurde, damit die Gymnasien abgeschafft wurden). Der Bildungsrat und seine damalige Wirkung ist nicht zu unterschätzen. Der Strukturplan war quasi das Meisterstück der Rates und unter anderem Bibliotheken nutzten diesen, um sich in den 1970er Jahren zu orientieren.

Ich habe Ihnen das Zitat hier mitgebracht, weil es zeigt, wie sehr sich nicht nur die Aussagen, sondern auch die Argumente und teilweise Formulierungen der damaligen Zeit und der heutigen Debatten gleichen. Wenn Sie dieses Zitat lesen, ohne auf die Jahreszahl zu achten, werden Sie merken: Dass ist die gleiche Argumentation, wie sie in den letzten Jahren für das „Lebenslange Lernen“ vorgebracht wurde. Dieses sei notwendig, weil die Menschen in der Schule und Erstausbildung nur noch eine Grundbildung erhalten würden, die nicht ausreichen würde, sich in einer ständig verändernden Welt zurechtzufinden. Bislang sei das nötig gewesen, jetzt sei es anders. Sie merken schon, ganz kann das Argument nicht stimmen. Wenn es schon in den 1970ern nicht ausreichend war, in Schule und Ausbildung zu lernen, kann es in den 2000er Jahren nicht neu sein.

Wichtig ist mir hier, dass der Bildungsrat ungefähr die gleichen Schlüsse zieht, wie sie vor einigen Jahren die Bibliotheken sehr oft in den bibliothekarischen Texten vertreten haben: Wenn jetzt (halt immer von der Zeit aus gesehen, in der das postuliert wird) sich die Situation mit dem Lernen ändert, muss die Weiterbildung nach der Erstausbildung organisiert und die Mentalität der Gesellschaft geändert werden. Oder anders: Die Menschen müssten jetzt auch gerne über die Erstausbildung hinaus lernen. Ansonsten würden sie und damit auch die Gesellschaft untergehen. Wie gesagt: Ganz kann das nicht stimmen, denn sonst wäre die Gesellschaft entweder schon untergegangen (was sie ganz offensichtlich nicht ist), weil sich die Menschen in den 1970ern oder 1990ern nicht ausreichend genügend sich weitergebildet haben oder aber es ist nicht so, dass es in den 2000er Jahren neu ist und dann stellt sich die Frage, warum es in den 2000ern so überzeugend klang.

Trotzdem finden Sie sowohl in bibliothekarischen Texten der 1970er (aber nicht wirklich vorher) als auch der letzten Jahre, Bibliotheken, die sich gerade auf dieses Argument beziehen und davon ausgehen, jetzt Einrichtungen werden zu müssen, welche die individuelle Weiterbildung der Menschen ermöglichen. Daraufhin wurden Räume umgestaltet, Bestände aufgebaut, Beratungsangebote eingerichtet und so weiter. Mein Argument ist auch gar nicht, dass es falsch wäre, in Bibliotheken individuelle Weiterbildung zu ermöglichen. Mein Argument ist, dass sich die Begründung für diese bibliothekarischen Strategien wiederholen und das wir im Bibliothekswesen bislang nicht darüber nachdenken, wieso. Mir scheint, dass das Argument im Zitat vielleicht doch nicht so stark ist, wie es scheint (was ein Grund dafür sein könnte, dass die Angebote nicht von so vielen Menschen angenommen werden oder anders benutzt werden, als sich das Bibliotheken erhoffen).

 

Folie 9

Mit dem Beispiel ‚Informationsverarbeitung‘ ist das bisher ungelöste Problem der ’neuen Fächer‘ aufgeworfen. Es ist offensichtlich, dass die Schule nicht automatisch entsprechend jeder neuen wissenschaftlichen und technischen Disziplin neue Schulfächer einrichten kann. Ebenso wenig kann sie neue Fächer entsprechend allen Anforderungen einrichten, die sich aus dem Alltag ergeben, so unbestreitbar es ist, dass dem Kind durch die Schule geholfen werden muss, sich im Alltag zurecht zu finden.“

(Deutscher Bildungsrat, 1970: 69)

 

Aus dem gleichen Strukturplan, den Sie in seiner Wirkung und Verbreitung wirklich nicht unterschätzen sollten, wie ich schon sagte, habe ich Ihnen noch ein Zitat mitgebracht, dass leider nicht ganz so gut passt. Es kommt aber aus einer Argumentation, die Ihnen vielleicht erstaunlich aktuell vorkommt. Ich fasse die einmal zusammen: Die Vorstellung im Strukturplan ist, dass es jetzt, also in den 1970ern, zu einem Wachstum von elektronischen Geräten, elektronischer Datenverarbeitung und Lernmaschinen kommt. In der Zukunft würden immer mehr Informationen vorliegen und durch die elektronische Datenverarbeitung zugänglich gemacht. Es wäre jetzt, also in den 1970ern, ein Punkt erreicht, wo ein einzelner Mensch nicht mehr alle diese Informationen bewältigen könnte. Es gäbe einfach zu viele und ständig würden mehr produziert werden. Daraus ergibt sich, dass die Menschen – in diesem Zitat geht es vor allem um die Kinder und Jugendlichen in den Schulen – die Fähigkeiten erlernen müssten, sich in dieser Übermasse von Informationen zurechtzufinden. Das war alles auch mit dem Anspruch verbunden, dass die Fähigkeiten zur kritischen Reflexion über die Informationen – insbesondere über die Produktionsbedingungen der Informationen – damit einhergehen müssten. Im Strukturplan wird diskutiert, ob dafür ein extra Schulfach eingerichtet werden sollte, was abgelehnt wird. Vielmehr sei es eine Querschnittaufgabe. Wenn die Menschen aber diese Fähigkeiten nicht lernen würden, würden sie von den Informationen überwältigt und die Gesellschaft sei nicht mehr in der Lage, sich selber zu steuern.

Ich weiss nicht, wie Sie das sehen; aber für mich klingt diese Argumentation fast genauso, wie die für die ganzen Debatten und Projekte um „Informationskompetenz“, die in den letzten Jahren in Bibliotheken geführt wurden und zu unzähligen Angeboten, Strukturen und Personalstellen geführt haben. Man könnte diskutieren, wie wichtig heute noch die Frage der kritischen Reflexion genommen wird oder ob die Debatte nicht heute einen anderen Fokus hat. Aber ansonsten scheint mit das doch erstaunlich. Wenn Bibliotheken heute über „Informationskompetenz“ sprechen, ist die implizite Vorstellung, dass es die Verbreitung des Internets wäre, die es notwendig machen würde, diese Fähigkeiten zu lehren und das es das Internet wäre, das zu zu vielen Informationen geführt hätte, während es zuvor eher zu wenig Informationen gegeben hätte. Aber dann finden Sie die gleiche Argumentation schon in den 1970ern. Für mich stellt sich die Frage, wie das sein kann. Ist es vielleicht so, dass die Gefahr in den 1970ern gesehen wurde, die Menschen dann aber doch mit den ganzen Informationen klar kamen? Was würde das für die heutige Situation bedeuten?

Was stimmt ist, dass heute Bibliotheken eher aus diesen Vorstellungen heraus Angebote entwickelt haben. Ich muss Ihnen die ja gar nicht aufzählen, Sie alle kennen garantiert mindestens drei Standards für Informationskompetenz und so weiter. In den 1970ern finden Sie diese Ideen aber auch schon in bibliothekarischen Texten, nur halt mehr in pädagogischen.

Wieder geht es mir hier nicht darum, zu diskutieren, ob die Vorstellung falsch wäre. Mein Argument ist wieder, dass sich die Vorstellung wiederholt, ohne das dies bislang diskutiert oder wahrgenommen wird.

 

Folie 10

Beispiel Benutzer/innen/forschung

  • Projekt Federführung Uni HH (BMBF) und Arbeitsstelle für das Bibliothekswesen (neu gegründet) (1970-1976)

–> Frage: Wer nutzt die Bibliothek wie? Kann man ein Instrument erstellen, um das kontinuierlich in den Bibliotheken zu erfassen?

–> Methoden: Umfragen und Beobachtungen („moderne Forschungsmethoden“)

–> Ziel: Verstehen, wer in die Bibliothek kommt; Angebote der Bibliotheken danach ausrichten

 

–> Instrument (Fragebögen und Auswertung) waren „zu kompliziert“

–> Daten liegen vor aus einigen Stadt- und Universitätsbibliotheken

 

Noch ein letztes Beispiel, die Forschung zu Nutzerinnen und Nutzern. Das ist etwas, was wir an der HTW Chur in den letzten Jahren versucht haben, anzustossen. Es erschien uns logisch; das, was bisher gemacht wird, sind oft Befragungen und Umfragen, dabei könnte man viel mehr Methoden anwenden. Wir haben das vor allem über Bachelorarbeiten und in Projektkursen machen lassen, aber mit der Überzeugung, etwas Neues zur Bibliotheksforschung beizutragen. Und dann sind mir diese drei Bücher untergekommen (Heidtmann 1971, Fischer 1973, Fischer 1978) – mit quasi genau der gleichen Idee, vielleicht sogar etwas weiter. Anfang der 1970er gab es offenbar die Vorstellung, dass es in den Bibliotheken nicht genügend Wissen über die tatsächliche Nutzung gab und das dies mit damals modernen Forschungsmethoden angegangen werden könnte. Dabei sind vor allem die beiden Bücher von Fischer (1973, 1978) interessant, weil die ein Projekt beschreiben, dass damals vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wurde, und gleich mit dem Anspruch antrat, ein Instrument entwickeln zu können, dass von den Bibliotheken selber angewandt werden sollte. Die Idee war, dass die Bibliotheken Umfragebögen erhalten sollten, die sie dann regelmässig selber einsetzen uns auswerten könnten und dabei auch vergleichbare Werte erhalten würden. Im ersten Buch (Fischer 1973) wird das noch sehr ausführlich dargestellt: Die Bibliotheken erheben die gleichen Werte, dann vergleichen sie sich untereinander und können daraus lernen.

Auch das ist nicht ungehört in den letzten Jahren im Bibliothekswesen. Der jetzt eingestellte BIX hatte am Ende die gleiche Vorstellung, nur kam er aus einer anderen Richtung (halt der BWL, im Gegensatz zur Sozialwissenschaft wie bei Fischer). Aber auch seit den 1970ern scheint diese Idee zu bestehen, dass der regelmässige Vergleich von Daten, die in Bibliotheken erhoben werden, einen Lerneffekt darstellen könnte und für die Steuerung der Bibliotheken wichtig wäre. Deshalb finde ich es auch interessant, dass weder dieses Projekt noch der BIX lange über die Projektförderung hinaus bestanden haben. Das Projekt in den 1970er wurde, so heisst es im späteren Buch (Fischer 1978) eingestellt, weil sich herausgestellt hätte, dass das Umfrageinstrument zu komplex für die Bibliotheken sei. Was das genau heisst oder was wirklich passiert ist, steht da nicht. Mir scheint die Parallele aber beachtlich.

Das dritte Buch (Heidtmann 1971) ist dann für mich persönlich eine Erkenntnis gewesen. Das ist eine Studie zur Nutzung der Bibliothek der Technischen Universität in Berlin, ebenso durchgeführt mit damals modernen Umfragemethoden. Ich hatte Ihnen ja gesagt, dass wir grundsätzlich etwas Ähnliches in den letzten Jahren in Chur versucht haben. Das Projekt in Berlin wurde von Frank Heidtmann geleitet, der vielleicht den meisten von Ihnen nichts sagt. Aber: Das war mein Doktorvater, er hat schon meine Magisterarbeit betreut gehabt und ich habe auch bei ihm studiert. In all den Jahren aber ist diese Studie und die ganze Richtung Nutzungsforschung nicht aufgekommen. Wir haben damals in den 2000ern bei ihm stattdessen Buchillustrationsgeschichte gelernt. Erst jetzt, einige Jahre nach meiner Promotion, bin ich überhaupt auf das Buch gestossen. Was mir das gezeigt hat: Offenbar gibt es Themen und Vorschläge, die sich in der bibliothekarischen Literatur wiederholen, ohne dass die, die sich einmal mit einem Thema beschäftigt haben, es unbedingt als notwendig erachten, darauf hinzuweisen. Sicherlich, dass ist alles ein sehr grosser Zufall, dass ich jetzt ähnliches versucht habe, wie mein Doktorvater, ohne das mit zu bekommen. Aber es hat mich schon irritiert. Gerade als Forschender denkt man ja gerne, man wäre am Puls der Zeit, weit vorne. Aber offenbar stecke ich erstmal in den gleichen Denkstrukturen fest. Offenbar ist solches „Vergessen“ im Bibliothekswesen normal und nicht reiner Zufall. Aus solchen „Normalitäten“ kann man am Besten heraustreten, wenn man sie sich bewusst macht.

 

Folie 11

Andere Themen (aus Zeitgründen ausgelassen):

  • Bibliotheksarchitektur (flexibel, offen, kommunikativ)
  • Grosse Infrastrukturprogramme, die auf „die technischen und ökonomischen Veränderungen reagieren“ sollen (Fachinformationszentren)
  • Offen Wissenschaft (Wissenschaftsläden)

 

  • Frage, ob „die neuen Medien“ die Bibliothek obsolet machen
  • Vorstellung, dass die Bibliothek potentiell dem Ende zugeht

 

Es gäbe noch eine ganze Reihe von anderen Beispielen, die ich aus Zeitgründen auslasse. Dabei hätte ich gerade zur Bibliotheksarchitektur einiges zu sagen, weil mich das sehr fasziniert, dass die Anforderungen an Bibliotheksräume in den 1970ern fast gleich klingen wie die Anforderungen, die heute in der Bibliotheksliteratur genannt werden – weil das wieder die Frage aufwirft, wie das sein kann. Hat sich die Vorstellung, was „flexibel“ und „offen“ heisst, so sehr verändert? Wurden die Bibliotheken in den 1970ern dann doch nicht so gebaut, wie gefordert? Oder wurde sie in der Zwischenzeit wieder „unflexibler“ gemacht – und wenn ja, wieso?

Wichtig ist mir nur noch mal zu sagen, dass das alles Beispiele sind, die mir persönlich im Rahmen anderen Projekte oder allgemeiner Lektüre untergekommen sind. Ich bin der festen Überzeugung, dass es noch einige mehr gibt, die man mit einer systematischen Lektüre finden würde.

 

Folie 12

Warum gibt es diese „Wiederholungen“? (Noch ein paar Thesen)

 

Ich möchte in diesem Teil des Vortrags ein paar Thesen dazu vorstellen, warum es diese Wiederholungen gibt. Wenn Sie von den Beispielen nicht davon überzeugt sind, dass sich dies zumindest zu untersuchen lohnt, wird Sie dieser Teil nicht interessieren. Ich denke aber, gerade wenn es um Bibliothekswissenschaft geht, ist es auch eine Aufgabe, zu schauen, ob diese auffälligen Gemeinsamkeiten irgendwie erklärt werden können und nicht nur Zufälle sind. Mir scheint schon klar zu sein, dass es hier nicht um irgendwelche Versäumnisse oder Verheimlichungen geht, also das irgendwer bestimmte Sachen verstecken wollen würde. Wir gesagt: Die Beispiele finden sich alle in der bibliothekarischen Literatur, die heute noch in Bibliotheken steht. Ich habe vor allem Bestände aus Zürich und Berlin benutzt, aber ich bin mir sicher, dass sich auch in Bibliotheken anderer Städte noch genügend dieser Literatur finden lässt. Wenn Sie daran Spass haben, können Sie ja mal schauen, was bei Ihnen noch im Magazin steht.

Zu diesen Thesen ist allerdings zu sagen, dass sie noch lange nicht fertig durchdacht oder ausformuliert sind. Es ist eher so, dass ich je nach Tag, Stimmung und Thema mal zu der einen oder anderen These neige. Sie werden auch merken, dass die Thesen sehr grob sind. Ich präsentiere sie Ihnen, um sie für die Diskussion vorzulegen, auch um Sie gemeinsam zu testen, wie sich das ja für einen wissenschaftlichen Diskurs gehört. Aber schon, dass sich die Thesen je nach Tagesstimmung ändern, zeigt, dass noch keine theoretisch gesättigt ist.

 

Folie 13

Die Nietzsche-These:

  • Die ewige Wiederkehr des Gleichen (d.h. das ist normal und wird immer wieder passieren)
  • Aber was ist mit den Unterschieden (z.B. dem Ziel Demokratisierung?)

 

Die erste These (und die muss ich wohl haben, wenn ich in Graubünden arbeite) lehnt sich an der Vermutung an, die Sie bei Nietzsche finden. Selbstverständlich, bei Nietzsche geht es im Zarathustra um Fragen der menschlichen Geschichte und die Konstitution des Menschen (Nietzsche 1994), mir geht es darum zu verstehen, warum sich Behauptungen, Vorstellungen und Ansätze in der bibliothekarischen Diskussion seit den 1970ern wiederholen. Das sind sehr unterschiedliche Fallhöhen. Trotzdem finden Sie, sehr wirkmächtig, bei ihm die These, dass sich die Geschichte in Zirkeln wiederholt, dass es also normal ist, wenn sich Situationen und Behauptungen, die es schon mal gab, immer wieder neu finden. Wenn das stimmt, sind diese Wiederholungen nicht viel mehr, als eine normale Entwicklung und könnten auch als solche verstanden werden. Wir müssten dann auch sehr einfach vorhersagen können, welche Themen und Argumentationen als nächstes in der bibliothekarischen Diskussion auftauchen werden.

Zum Beispiel könnte man vermuten, dass einfach jede neuere Technik, die sich verbreitet, dazu führt, dass eine Anzahl von Beiträgen erscheinen, die postulieren, dass die Menschen jetzt die Fähigkeiten lernen sollten, diese Technik zu beherrschen, ansonsten würden sie von der Technik beherrscht. Dann wären die Debatten um „Informationskompetenz“ nur eine weitere Variante dieses Spiels. (Und wenn Sie sich erinnern, hat ironischerweise gerade Nietzsche im Bezug auf Schreibmaschinen ähnliches angedacht.)

Manchmal könnte man dies vermuten, aber es überzeugt auch nicht ganz. Warum passiert das bei bestimmten Techniken (Informationsverarbeitung, Internet, vielleicht auch Schreibmaschinen), aber anderen nicht. Oder habe ich einfach Debatten um die Auswirkungen der Videogeräte übersehen? Fanden die einfach nur ausserhalb des Bibliothekswesens statt? Und selbst dann, warum finden sich bestimmte Themen in diesen „Wiederholungen“ nicht mehr. Wo ist zum Beispiel die breite Debatte um die Demokratisierung und Erhöhung der Kritikfähigkeit der Kinder und Jugendlichen geblieben, die in den 1970ern die Debatten um die Nutzung der Informationsverarbeitungstechnologien mit prägte? Das gibt es bei den Debatten um die Informationskompetenz ja quasi nicht mehr oder nur sehr am Rande, als Kritik, das es fehlt, unter dem Stichwort „critical information literacy“, was aber in der deutschsprachigen Literatur so gut wie nicht beachtet wird.

Ich zumindest, und ich weiss nicht, wie es Ihnen da geht, bin nicht wirklich überzeugt. Zumal mir scheint, dass die Wiederholungen mit den 1970ern beginnen und nicht „schon immer“ zu finden sind.

 

Folie 14

Die Hegel/Marx-These:

Hegel bemerkte irgendwo, dass alle grossen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ (Marx: 18 Brumaire…)

  • Sind die heutigen „Wiederholungen“ Farce, weil nicht (mehr) historisch gedacht wird? Kann man das verhindern? Sollte man es verhindern?

 

Eine andere wirkungsmächtige These über Wiederholungen in der Geschichte ist die, die auf die auf dieses Zitat aus der „18 Brumaire Napoleons“ von Marx zurückgehen. (Marx 1965) Auch hier ist die Fallhöhe wieder sehr unterschiedlich. Marx wollte, auf der Basis der Hegelschen Philosophiegeschichte, den, nun sagen wir mal: Verrat Napoleons an der Französischen Revolution untersuchen, Hegel ging es um antike griechische Philosophie. Mir geht es um Wiederholungen im bibliothekarischen Diskurs. Da steht nicht so viel auf dem Spiel. Und Sie wissen auch, dass sowohl Hegels als auch Marx’ens Thesen heute nicht unbestritten sind. Aber darum geht es mir hier nicht, sondern darum, dass durch diese Bemerkung von Marx eine Vermutung über die geschichtlichen Entwicklungen in die Welt gesetzt wurde, die immer wieder einmal als erklärungsmächtig wahrgenommen wird. Egal, was Sie dann persönlich von Napoleon und seiner Politik denken.

Diese Vermutung ist, dass Geschichte nicht in Zirkeln verläuft, sondern linear – das haben Sie so ja bei Hegel eine Grundthese – und es gleichzeitig möglich ist, aus der Geschichte zu lernen (und sie damit auch zu gestalten, wobei bei Marx nicht ganz klar ist, wie viel gestaltet werden kann; aber auch das ist hier nicht Thema). Insoweit lassen sich „Wiederholungen“ auch als Möglichkeiten verstehen, Dinge besser zu machen. Ansonsten, so die Vermutung, werden sie zur Farce. Oder: Wenn sie das erste Mal scheitern, war es ein ehrenhafter Versuch, die Geschichte zu gestalten, weil niemand wusste, wie es ausgehen würde. Wenn es wieder versucht wird, ohne das aus der vorliegenden Geschichte gelernt wurde, dann ist es eine Farce. Es wäre die Aufgabe der Menschen, indem sie über die Geschichte nachdenken – und eben nicht nur über das vorliegende „Problem“, auf das reagiert werden muss –, es nicht zur Farce kommen zu lassen.

Vor allem, wenn ich über Schulbibliotheken nachdenken – und das Thema lässt mich nicht los, auch wenn ich es immer wieder versuche, davon weg zu kommen –, scheint es mir manchmal, dass Marx und Hegel zumindest mit dieser Vermutung Recht haben könnten. Wenn in den 1970ern Bibliotheken (und Teile der Literaturwissenschaft) antreten, um – sicherlich mit dem besten Zielsetzungen und Wünschen – moderne Schulbibliotheken zu entwerfen und den Schulen als notwendig zu erklären, obwohl es in den Schulen so nur ganz selten ankommt und obwohl die Interessen der Schulen zurückstehen, kann man das etwas pathetisch als Tragödie verstehen. So viele Menschen wollten so viel gutes für die Schülerinnen und Schüler, für die Schulen und die Bibliotheken – und agierten offenbar aneinander vorbei. Wenn aber später, heute noch, quasi die gleichen Argumente und Ziele angestrebt werden, ohne das aus dem – trotz Ausnahmen – weitflächigen Scheitern, solche Schulbibliotheken umzusetzen, gelernt wird, dann lässt sich das manchmal als Farce verstehen. Weil es nicht nötig wäre. Nach all den Jahrzehnten wäre es möglich zu wissen, dass all dies Argumente – die Sie bei uns in der Schweiz ja auch noch handlich zusammengefasst in den „Richtlinien für Schulbibliotheken“ (Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für allgemeine öffentliche Bibliotheken 2014) finden, die aber ausserhalb des Bibliothekswesens kaum beachtet werden – nicht zu „modernen Schulbibliotheken“ in allen Schulen führen, egal wie oft man die – wieder mit den besten Zielsetzungen und Wünschen – vorbringt. Zumindest in diesem Fall scheint es oft, als könnte man sehr einfach aus der Geschichte lernen, wenn man sie als geschichtliche Entwicklung wahrnimmt und sich eben nicht nur auf das vorliegende „Problem“, dass die Schulen oft andere Entscheidungen im Bezug auf Schulbibliotheken treffen, als das Bibliothekswesen gerne hätten, fokussiert.

An manchen Tagen und für manche Themen klingt diese These recht überzeugend, aber an anderen Tagen und für andere Themen nicht.

 

Folie 15

Die „Neoliberalismus“-These:

Der Neoliberalismus basiert auch darauf, ständig zu behaupten, „neu“ zu sein und auf der Seite des Fortschritts zu stehen –> alles andere sei „alt“ und abzulehnen

Diese Rhetorik ist zum Teil (nicht unbedingt mit dem gleichen Zielen) im Bibliothekswesen zu finden

–> Eine solche Rhetorik ist überzeugender, wenn nicht überprüft wird, ob es wirklich „neu“ (und besser) ist

–> wer keine Geschichte kennt, kann einfacher innovativ sein und / oder Angst vor der Zukunft haben / verbreiten

 

Eine andere These, die mir gerade an Tagen, wenn ich sehr polemisch gestimmt bin, als sinnvoll erscheint, nennen ich, wie Sie sehen, die Neoliberalismus-These. Auf der nächsten Folie gibt es diese in einer weniger polemischen Form. Auch hier geht es mir nicht darum, zu diskutieren, was ist Neoliberalismus, wie wirkt er und so weiter. Mir geht es um einen Teilaspekt.

Wenn Sie die Literatur lesen, die sich als kritisch zum Neoliberalismus versteht, beispielsweise sehr ausformuliert bei Naomi Klein (Klein 2007), dann finden Sie immer wieder die Kritik, dass der Neoliberalismus als Diskursformation und Begründungszusammenhang intellektuell eigentlich sehr dürftig ist, das er aber wirkmächtig wird, weil seine Vertreterinnen und Vertreter Krisensituationen ausnutzen. Im Grossen und Ganzen: Wenn heftige Krisenmomente auftreten, tauchen Vertreterinnen und Vertreter auf, die argumentieren, dass alles, was bislang gewesen wäre, falsch, unmodern und ineffektiv gewesen sei und deshalb abzulehnen wäre und dass das, was sie anbieten, radikal anders, neu und zielführend sei. Diese Interventionen würden Sie immer wieder finden: nach dem Zusammenbruch der DDR, nach wirtschaftlichen Zusammenbrüchen wie in den Argentinien Ende der 90er oder auch gerade jetzt in der Ukraine. Die Beraterinnen und Berater würden die Reformen, die sie vorschlagen, vor allem argumentativ durch diese Diskreditierung der Vergangenheit absichern. Weil es eine Krise gibt, sei alles, was davor war falsch. Punkt. Gerade wenn es wirklich eine Krise gibt, kann das sehr überzeugend klingen. Gleichzeitig stimmt das meistens nicht: Die Situation ist oft komplexer, nicht alles, was war, ist wirklich falsch; nicht alles, was als neu vorgeschlagen wird, ist neu oder zielführend. Damit beschäftigt sich dann die Literatur zum Neoliberalismus.

Was Sie aber sehen ist, dass es einfacher ist, solche Behauptungen aufzustellen, wenn man ein sehr einfaches Bild von der Vergangenheit malt, zum Beispiel die Bürokratie ohne Unterschied als ineffektiv und korrupt darstellt oder die Lohnkosten und die soziale Absicherung an sich als Problem. Was ja so nie stimmt. Es gibt ja immer auch Gründe für die Bürokratie, für die Lohnkosten, für soziale Sicherungssystem. Aber es ist einfacher, sich als neu und gut darzustellen und die eigene Vorschläge als modern und zukunftsweisend, wenn man die Geschichte vereinfacht oder ganz ignoriert. Wenn niemand weiss, dass bestimmte Debatten schon einmal geführt wurden oder das bestimmte Dinge schon ausprobiert wurden, ist es einfacher, diese als neu und innovativ zu verstehen. Ebenso: Wenn man nicht mehr weiss, dass bestimmte Krisen oder Ängste schon einmal durchgestanden wurden, ist es leichter, vor ihnen Angst zu haben. (Oder umgekehrt: Es ist einfacher, vor ihnen keine Angst zu haben, wenn klar ist, dass sie auch schon zuvor durchgestanden wurden, dass zum Beispiel die Mikroelektronik oder die Kinos die Bibliotheken nicht obsolet gemacht haben und das es deshalb „das Internet“ mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht machen wird.)

Und wir haben im Bibliothekswesen eine Reihe von Personen, die sich zum Teil sehr laut äussern, welche eine ähnliche Rhetorik verwenden, die also oft von der Zukunft als grosse Veränderung reden, die Vergangenheit der Bibliotheken als sehr einfach darstellen und dann Dinge als neue Herausforderungen oder mögliche Enden der Bibliotheken oder so darstellen. Mir geht es bei meinem Argument hier um diese Rhetorik und die Darstellung von „Neuheit“. Ich will niemandem eine politische Agenda unterstellen. Darum geht es hier gerade nicht. Es geht mir auch gar nicht um einzelne Personen, sondern um diese Argumentationsform: (1) Die Vergangenheit wird als unmodern, falsch und krisenhaft bezeichnet – und das auch schon seit den 1970ern, auch da finden Sie Texte, wo behauptet wird, die Bibliothek sei bislang ein „Bücherspeicher“ gewesen, aber jetzt, 1970, müsste das anders werden, sonst würde die Bibliothek untergehen, was solche Argumente nur noch komischer macht, wenn Jahrzehnte später wieder behauptet wird, die Bibliothek sei bislang ein „Bücherspeicher“ gewesen und würde untergehen, wenn sie sich nicht verändert. Weil: Entweder stimmt das Argument nicht und die Bibliothek ist oder war nie dieser „Bücherspeicher“ oder sie ist schon längst untergegangen. Aber dieser Widerspruch fällt erst dann auf, wenn man die bibliothekarische Diskussion über einen längeren Zeitraum betrachtet. (2) Es wird dann aus der angeblichen oder tatsächlichen Krise geschlossen, die Bibliothek müsste sich in eine Richtung entwickeln, sonst würde sie untergehen. Und oft scheint das Argument da zu enden. Die vorgegebene Richtung wird als richtig und modern verstanden, weil sie anders sei, als die „unmoderne“ Bibliothek zuvor, die ja in der Krise steckt. Mir scheint, dass diese Argumente daraus an Überzeugungskraft gewinnen, weil sie nicht mit den schon mal geführten Debatten gegengeprüft werden. Und wie gesagt, gerade an „polemischen Tagen“ scheint mir, dass diese These viele Debatten und Wiederholungen im Bibliothekssystem erklären kann.

 

Folie 16

Die „Vorwärts immer“-These:

Der Blick von Bibliotheken, gerade bei strategischen Entscheidungen, scheint in die Zukunft gerichtet zu sein

–> wirkliche Veränderung und Konstanz ist so nicht mehr feststellbar

–> Es entsteht die Annahme, dass sich ständig etwas verändern würde und / oder man selber etwas ändern müsste, sonst würde man untergehen

–> Diese Angst ist Antriebskraft (Aber ist das gut? Übersieht man dann nicht wirkliche Veränderungen?)

 

Es gibt eine andere Form dieser These, eine für weniger polemische Tage. Schauen wir einmal in die zeitgenössische bibliothekarische Diskussion, realistisch, fällt schnell auf, dass sich heute Bibliotheken immer wieder nach vorne, in die Zukunft hin, orientieren. Das haben wir ja hier auf dieser Tagung direkt vor Augen gehabt. Immer wieder ging es darum, was Bibliotheken in Zukunft machen werden, wie sie sich entwickeln werden, wie sie auf Herausforderungen reagieren werden. Fast immer verbunden mit der Überzeugung, dass Bibliotheken das schaffen werden. Und das spricht für Bibliotheken. Egal, wie sehr sie selber manchmal Angst davor zu haben scheinen, von Entwicklungen überrollt zu werden, sind sie heute sehr agil und veränderungsbereit.

Aber: Das hat offenbar seinen Preis. Der ständige Blick nach vorne scheint mir ein Grund zu sein, dass es zu Wiederholungen von Vorhersagen, Annahmen und Projekten kommt. Wenn man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, nach vorne zu schauen und sich zu fragen, wie man sich verändern muss und kann, ist man vielleicht nicht mehr in der Lage, die Konstanz in der eigenen Arbeit und dem bibliothekarischen Diskurs festzustellen. Man fragt nicht danach, was schon war und überwunden ist, man schaut nicht wirklich, ob Dinge funktionieren und warum, sondern man hantiert mit der These, dass man immer nicht gut genug ist und sich jetzt, sofort, auf der Stelle weiterentwickeln muss. Wenn die Vergangenheit überhaupt angeschaut wird, dann entweder als überwunden oder als Basis zur Weiterentwicklung – und vor allem, immer sehr einge Begriffe und Punkte reduziert.

Mein Argument hier ist nicht, dass es per se falsch wäre, sich zu verändern. Mein Argument ist, dass mit einem solchen, unhinterfragten Blick, sich eine Art Tunnelblick einstellt, der gar nicht mehr wirklich in der Lage ist, die eigene Vergangenheit zu befragen oder auch nur die Gegenwart danach, warum sie so ist, wie sie ist. Dieser Blick ist vielleicht notwendig, um sich zu entwickeln. Das weiss ich nicht. Aber er stellt eine radikale Verengung der Fragemöglichkeiten und damit auch Lerngelegenheiten dar. Ein Beispiel dafür scheinen mir die Vorstellungen rund um die Notwendigkeit von „Informationskompetenz“ darzustellen. Der Blick nach vorne scheint die Bibliotheken dahin geführt zu haben, in diesem Feld aktiv zu werden – und wir wissen alle, mit welchem Elan dies geschehen ist –, aber offenbar ohne sich zu fragen, ob das so eingängige Argument, das Internet würde bedingen, dass neue Kompetenzen gelernt werden müssten, wirklich ein Neues ist oder ob es nicht eine Wiederholung darstellt. Das hätte, um konkret zu werden, zum Beispiel dazu führen können, dass man viel früher hätte merken können, dass selbstverständlich die Schulen sich für solche „Kompetenzvermittlungen“ zuständig fühlen würden – wie sie es auch in den 1970ern getan haben. Stattdessen hat man neben den Schulen Angebote entworfen, die manchmal positive Ergebnisse hatten und manchmal auch nicht.

 

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Die „Postmoderne“-These:

Eventuell sind wir einfach in einer Zeit angekommen, „in der alles geht“ und es ist egal

  • Aber warum dann immer die gleichen / ähnlichen Ideen?
  • Warum keine Referenz auf die eigene Geschichte, sondern auf Behauptungen über Entwicklungen (die Postmoderne wäre mehr „Hipster“ und würde Geschichte ironisch nutzen)

 

Zwei weitere Thesen noch. Die eine drängt sich oft auf, wenn all die Beispiele von Wiederholungen und die immer wieder vorgebrachten Argumente im bibliothekarischen Diskurs zu viel werden. Es gibt diese Behauptung, dass wir in der Postmoderne leben und in der Postmoderne alles irgendwie geht und deshalb irgendwie auch egal wäre. Das sind zwei Behauptungen, gerade die letzte stimmt eigentlich nicht, denn die Postmoderne – für die gerade der oder die „Hipster“ mit ihrer ironisch-kritisch-affirmativen Haltung prototypisch ist –, ist nicht beliebig, sondern zitiert sehr aktiv und auf der Basis eines Wissens um Geschichte (wenn auch manchmal der Geschichte komischer Themen wie popkultureller Phänomene) und eines recht von sich selbst bewussten Weltbildes, um daraus eine Identität zu prägen. Auch wenn sich an manchen Tagen die These aufdrängt, die Wiederholungen in den bibliothekarischen Diskursen seine einfach „postmodern“, scheint mir das die eine These zu sein, die man einfach zurückweisen kann. Eine „es ist doch heute egal, weil alles geht“ kann nicht erklären, warum diese Wiederholungen scheinbar in den 1970er Jahren einen Bruchpunkt haben und auch nicht, warum die heutigen Wiederholungen praktisch ohne einen Rückgriff auf die Geschichte der Bibliotheken daherkommen.

 

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Die These von den ungelösten Problemen:

Eventuell haben sich Bibliotheken in den letzten Jahrzehnten „nur“ mit anderen Fragen (z.B. Computerisierung) auseinandergesetzt und alte Fragen „beiseitegeschoben“. Nachdem Fragen der Computerisierung u.a. einigermassen geklärt sind, tauchen die alten Fragen und Thesen wieder auf, weil sie ungeklärt sind.

 

Eine letzte These und ehrlich gesagt die unspannendste. Aber vielleicht ist sie ja gerade deshalb richtig, weil sie so unspannend und irgendwie einfach ist. Auch diese These hat mit dem Projekt in St. Gallen zu tun, dass ich vorhin kurz erwähnte. Im Rahmen dieses Projektes haben ich Weiterbildungen, die in den letzten Jahrzehnten für Bibliotheken im Kanton angeboten wurden, durchgeschaut. Die Unterlagen der Kommissionen, welche diese Weiterbildungen organisierten und nachher die der Kantonsbibliothek, wo die eine Kommission angesiedelt wurde, sind recht vollständig erhalten. Was mir dabei auffiel war, dass sich die Weiterbildungen in den 1970er und frühen 1980er Jahren recht modern lesen. Der Fokus lag auf der Leseförderung, der Zusammenarbeit von Schule und Bibliothek, der Einführung von neuen Medien und so weiter. Zumindest eine Zeit lang scheinen diese Weiterbildungen gut funktioniert zu haben. Zumindest wurden sie immer wieder neu aufgelegt. Und dann, nicht sofort, aber doch stetig im Laufe der 1980er Jahre, ändert sich das. Die einst ausgebuchten Weiterbildungen hören auf, dafür gibt es neue Kurse zu neuen Themen, namentlich die Einführung von EDV in den Bibliotheken. Das ist dann auf einmal über Jahre hinweg das grosse Thema. So als ob sich in den 1980er Jahren in sanktgallischen Bibliotheken niemand mehr für das Lesen, aber alle für die Computer interessieren würde. In den 1990ern scheint noch die strategische Planung hinzuzutreten. Aber jetzt, nach 2000, tauchen Themen aus den 1970er Jahren wieder auf.

Ein Grund dafür könnte sein, dass einfach die Probleme mit der Einführung der EDV gelöst sind. In jeder Bibliothek stehen Computer, das Internet ist etabliert. Das ist kein Problem mehr. Das haben Sie ja auch auf dieser Tagung gesehen. Es wurde die Performance von Bibliothekssystemen verglichen und über die Präsentation von Lernplattformen in Öffentlichen Bibliotheken berichtet, aber niemand hat mehr darüber diskutiert, was die Einführung von Computern in Bibliotheken so verändern wird. Sie müssen auch heute eigentlich keiner Bibliothek mehr sagen, dass sie sich entwickeln soll und das sie das besser strategisch tut. Auch das ist gesetzt.

Vielleicht waren diese Probleme einfach wichtiger oder schwieriger und jetzt, nachdem sie gelöst sind, tauchen Fragen wieder auf, die gar nicht gelöst, sondern von anderen Fragen zur Seite gedrängt wurden. Beispiel Schulbibliotheken: Vielleicht hat man in den 1970ern gar nicht geklärt, was eine gute oder moderne Schulbibliothek ist, sondern hat das Thema praktisch zur Seite gelegt, weil erst einmal andere Fragen geklärt werden mussten. Und jetzt taucht es wieder auf, wo sich zeigt, dass die bibliothekarischen Vorstellungen die Schulen kaum überzeugen.

Falls diese These von den „ungelösten Problemen“ stimmt, wäre es sinnvoll zu schauen, was in den 1970ern alles diskutiert wurde. Hierfür ein Beispiel: In den 1970ern und frühen 1980ern wurde über „Soziale Bibliotheksarbeit“ diskutiert, ein Thema waren Bringdienste Öffentlicher Bibliotheken für hausgebundene Menschen. Die Diskussion hörte dann Anfang der 1980er Jahre auf. Eine Redaktionskollegin aus der LIBREAS hat in den frühen 2000ern zur Sozialen Bibliotheksarbeit ihre Abschlussarbeit geschrieben (Schulz 2009), zwei weitere haben ein Buch zu Sozialer Bibliotheksarbeit herausgegeben (Kaden / Kindling 2007), in welchen das Thema mit erwähnt wird. Aber mir scheint, das war es dann auch schon mit der bibliothekarischen Literatur in den letzten Jahren. Es scheint einfach so, als wären die Bringedienste „tot“. Dabei ist diese Frage nie vollständig geklärt worden: Sollten die Bibliotheken solche Angebote machen und wenn ja, wie sollten die aussehen? Jetzt habe ich eine Bachelorarbeit betreuen dürfen, die sich angeschaut hat, ob es überhaupt solche Bringdienste in Deutschland gibt und diese Arbeit konnte mit einer Internetrecherche – also noch nicht mal mit tiefgehenden Nachfragen nach nicht so einfach sichtbaren Angeboten, sondern „nur“ nach solchen, die öffentlich sichtbar sind –, über 100 solcher Dienste nachweisen, die aktuell betrieben werden. Davon wurde eine Anzahl seit den 1970er oder 1980er Jahren kontinuierlich weitergeführt, aber viele wurden auch erst in den letzten Jahren begründet. Offenbar ist das Thema gar nicht gelöst und fertig, sondern taucht wieder in der bibliothekarischen Praxis auf, obwohl es in der bibliothekarischen Literatur aktuell nicht vorkommt. Ich denke, dass ist zumindest ein Hinweis darauf, dass die These von den „ungelösten“ oder „aufgeschobenen“ Problemen stimmen könnte.

 

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FAZIT (I)

  • Neue These: Niemand drängt Bibliotheken wirklich, sie drängen auch wenig. Vielmehr deuten sie bestimmte Entwicklungen als „Antreiben“ oder Gefahr, aber das ist ihre Interpretation.
  • Bibliotheken interpretieren immer wieder die gleichen / ähnlichen Gefahren / Innovationsgründe / gesellschaftlichen Entwicklungen und finden darauf immer wieder ähnliche Antworten (zumeist, ohne „die alten Antworten“ zu kennen)
  • Der Eindruck, gedrängt zu werden, kommt auch daher, dass man nicht fragt, was sich eigentlich wirklich verändert und wie die Bibliotheken wirklich sind –> eher eine Rhetorik von „wir müssen uns verändern, sonst gehen wir unter“, die offenbar überzeugt, aber nicht unbedingt den Fakten entspricht

 

Lassen Sie mich noch ein Fazit ziehen, ein vorläufiges. Ich habe mehrfach gesagt und betone das gerne nochmal, dass dies hier ein Diskussionsangebot ist; dass ich Ihnen zeigen wollte, was mir aufgefallen ist, und gerade nicht sagen, wie die Welt funktioniert. Ich würde mich freuen, wenn das klar geworden ist. Gerne würde ich wissen, ob es dieses Phänomen der ständigen Wiederholungen in der bibliothekarischen Debatte, vor allem mit dem Bruch in den 1970ern, wirklich gibt oder ob das überinterpretiere (oder vielleicht einen viel wichtigeren Bruch übersehen habe). Mir scheint das alles überzeugend, aber vielleicht bin ich der Einzige. Falls nicht, würde ich auch gerne darüber diskutieren, warum das so ist. Wie gesagt, einige grosse Vorschläge fallen mir sehr schnell ein, wenn ich über Geschichte und deren Strukturen nachdenke, aber passen die und wenn ja, wie? Vor allem, was heisst es dann für die bibliothekarischen Debatten? (Und habe ich vielleicht eine bessere Erklärung übersehen?) Wie Sie gewiss auch gemerkt haben, sind die anderen gesellschaftlichen Veränderungen, die es in den 1970er Jahren gab, in meinem Vortrag nicht vorgekommen. Ich habe kurz auf sie verwiesen, als Kontext, aber die Frage, ob vielleicht dieses Phänomen gar kein rein bibliothekarisches ist, sondern für andere Diskurse auch festgestellt werden kann, habe ich gar nicht gestellt, weil die Zeit begrenzt ist. Selbstverständlich sollte sie aber gestellt werden. Sie sehen, ich sehe grosses Diskussionspotential.

Aber zum Fazit. Der erste Teil des Fazits bezieht sich auf das Motto der Tagung: „Treiben wir oder werden wir getrieben?“ Ich hoffen, es ist ersichtlich geworden, warum ich zu der These neige, dass die Bibliotheken weder getrieben werden noch selber treiben, sondern dass sie sich vielmehr immer wieder neu vorstellen, angetrieben zu werden. Bestimmte Entwicklungen werden als „Antreiben“ oder als Gefahr interpretiert, aber das ist eine Interpretation – eine, die Bibliotheken dazu bringt, sich Gedanken über Veränderungen zu machen, aber doch eine Interpretation, die von Bibliotheken vorgenommen wird. Bibliotheken antworten auch immer wieder auf ähnliche Weisen auf diese wahrgenommen „Gefahren“, ohne zu reflektieren, dass diese Antworten schon mal gegeben wurden und dass ähnliche „Gefahren“ schon durchgestanden wurden.

Es überzeugt, aber stimmt nicht immer. Ich denke, Bibliotheken könnten als Gesamtsystem ruhiger und vor allem weniger kurzfristig reagieren, wenn sie das wahrnehmen würden. Dazu bedarf es selbstverständlich, nicht nur nach vorne zu schauen oder nur auf die vorliegenden „Probleme“, sondern sich Zeit zu lassen, schon um ganz banal auch mal ältere Texte zu lesen. Hat dafür jemand Zeit? Weiss ich nicht. Sollten wir uns dafür Zeit nehmen? Das denke ich schon. Wäre es eine Aufgabe der Bibliothekswissenschaft, diese Aufklärung der Bibliotheken über sich selber und ihren eigenen Diskurs zu betreiben? Gewiss, aber das müsste als Aufgabe gefasst und organisiert – heute auch finanziert – werden.

 

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FAZIT (II)

  • Um das Bibliothekswesen zu entwickeln, benötigt es Kenntnisse über die Geschichte der Bibliotheken in den letzten Jahrzehnten (nicht einfach Annahmen darüber, wie die Bibliothek „früher war“)
  • Die hier vorgetragenen Thesen benötigen weiterer Überprüfungen.
  • Insgesamt braucht es für eine Entwicklung von Bibliotheken mehr Ruhe. „Untergangsszenarien“ und „das ist modern, alles andere ist alt“-Behauptungen weniger ernstnehmen, dafür einen etwas weiteren Blick entwickeln, kann gut helfen.
  • Irgendwas ändert sich immer. Das alleine ist noch kein Grund für irgendwas; es bedürfte immer einer weitergehenden Begründung, warum es wirklich etwas verändert.

 

Zweiter Teil des Fazits. Etwas, was sehr einfach gemacht werden könnte, wäre im bibliothekarischen Diskurs zu akzeptieren, dass es eines Wissens darüber bedarf, wie sich die Bibliotheken in den letzten Jahren wirklich entwickelt, was sie wirklich diskutiert und ausprobiert haben. Wenn wir das nicht wissen, sollten wir nicht versuchen, das mit Bildern von „alten“ oder „unmodernen“ Bibliotheken, die es früher einmal angeblich gegeben hätte, auszufüllen. Diese Bilder stimmen meist nicht. Die Behauptung, eine Bibliothek sei früher schlecht gewesen und würde jetzt erst richtig entwickelt – was, wie gesagt, auch schon seit einigen Jahrzehnten immer wieder neu behauptet wird –, ist meistens für das Ziel, dass man erreichen will oder für das Argument nicht nötig. Will man zum Beispiel begründen, warum die Bibliothek einen Makerspace haben soll, kann man das auch, ohne zu behaupten, die Bibliothek hätte zuvor nichts in Richtung Aufbau von Communities oder so gemacht. Man kann auch einfach sagen, man hätte gerne einen Makerspace. Oder man kann auch gut und gerne sagen, man würde lieber elektronische Medien anbieten, ohne zu unterstellen, die Bibliotheken hätten sich bislang nie Gedanken dazu gemacht, welche Medienformen sie anbieten sollten.

Grundsätzlich wäre es bestimmt gut, in den bibliothekarischen Debatten mehr Ruhe zu bewahren. Die Bibliotheken werden nicht untergehen, das wurde schon so oft behauptet, ohne das ein eintrat. Die Bibliotheken werden nicht „unmodern“ werden, auch das sind einfach eine sehr alte, beständig wiederholte Behauptungen. Vor allem sollte man sich aber mehr Zeit nehmen, die Vorstellungen über die notwendigen Entwicklungen besser zu begründen und zu verstehen, vielleicht auch zu revidieren, bevor man anfängt, aus ihnen Schlüsse zu ziehen. Mir scheint aber, dass wir in einer Zeit leben, in der es manchmal schon ausreicht zu behaupten, irgendetwas verändert sich, zum Beispiel in der Medienwelt, deswegen müssten die Bibliotheken das und das tun. Möglichst sofort. Aber das ist, dass sollte klar geworden sein, oft nicht wahr. (Und auch hier ist das Argument nicht, dass man nicht auf Veränderungen schauen und Dinge ausprobieren sollte. Das Argument ist, dass die Behauptung oder Feststellung, etwas sei neu oder hätte Potential, irgendetwas anders zu machen, als bislang, noch keine Begründung dafür ist, warum es Bibliotheken und deren Umfeld verändern wird, vor allem so, dass Bibliotheken darauf reagieren müssen. Der Begründungszusammenhang sollte viel genauer und komplexer sein, dass ist es auch viel besser möglich, über ihn zu diskutieren und tatsächliche Veränderungen von fehlgeleiteten Vorstellungen, übergrossen Versprechen oder einfach auch Hypes und Missverständnissen zu trennen.)

Irgendwas verändert sich immer, aber am Ende nie so, dass es nicht ein paar Jahrzehnte wieder neu auftauchen könnte. Man muss schon verstehen, was sich wirklich ändert und ob es überhaupt einen Einfluss auf Bibliotheken haben wird. Mir scheint, gerade bei Aussagen über die Zukunft von Bibliotheken sollte das Denken komplexer werden.

Ich danke Ihnen.

 

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Literatur, Primär

  • Deutscher Bildungsrat (1970): Strukturplan für das Bildungswesen (Empfehlungen der Bildungskommission). Stuttgart, 1970
  • Doderer, Klaus et al. (1970): Die moderne Schulbibliothek: Bestandsaufnahme und Modell (Schriften zur Buchmarkt-Forschung, 19). Hamburg, 1970
  • Fischer, Bodo (1973): Profil der Benutzer öffentlicher Bibliotheken : eine Analyse von Einstellungen, Erwartungen, Verhaltensweisen und sozialen Determinanten der Bibliotheksbenutzer : quantitative Vorstudie (AfB-Materialien, 3). Berlin, 1973
  • Fischer, Bodo (1978): Die Benutzer öffentlicher Bibliotheken in der Bundesrepublik Deutschland : Ergebnisse einer repräsentativen Erhebung (AfB-Materialien, 21). Berlin, 1978
  • Glaser, Hermann (1976): Vorwort. In: Arbeitsgemeinschaft der Verleger, Buchhändler und Bibliothekare in der Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Bibliothek in einer menschlichen Stadt. Materialien zu einer aktuellen Diskussion. Bonn, 1976, 6-7
  • Heidtmann, Frank (1971): Materialien zur Benutzerforschung : aus einer Pilotstudie ausgewählter Benutzer der Universitätsbibliothek der Technischen Universität Berlin (Bibliothekspraxis, 3). München-Pullach, 1971

 

Literatur, Sekundär

  • Foucault, Michel (2001). Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 184). Frankfurt am Main, 2001 [1975]
  • Kaden, Ben ; Kindling, Maxi (Hrsg.) (2007). Zugang für alle – soziale Bibliotheksarbeit in Deutschland. Berlin, 20007
  • Klein, Naomi (2007). The shock doctrine: the rise of disaster capitalism. New York, 2007
  • Marx, Karl (1965). Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte (Sammlung Insel, 9). Leipzig, 1965 [1852]
  • Müller, Sonja (2014): Kindgemäß und literarisch wertvoll: Untersuchungen zur Theorie des guten Jugendbuchs – Anna Krüger, Richard Bamberger, Karl Ernst Maier (Kinder- und Jugendkultur, -literatur und -medien, 88). Frankfurt am Main, 2014
  • Nietzsche, Friedrich (1994). Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen. Stuttgart, 1994 [1886]
  • Schulz, Manuela (2009). Soziale Bibliotheksarbeit: „Kompensationsinstrument“ zwischen Anspruch und Wirklichkeit in öffentlichen Bibliotheken. Berlin, 2009
  • Schweizer Bibliotheksdienst (1973). Planung von Schulbibliotheken (Informationsblatt der Genossenschaft Schweizer Bibliotheksdienst, 3). Bern, 1973
  • Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der allgemeinen öffentlichen Bibliotheken (2014). Richtlinien für Schulbibliotheken (3. Auflage). Aarau, 2014, http://www.sabclp.ch/images/Richtlinien_Schulbibliotheken_2014.pdf