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Ein Beispiel der NutzerInnenforschung aus der DDR (1975)

Es gibt die Vorstellung, dass die Hinwendung zu den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer in Bibliotheken ‒ die sich beispielsweise durch die zahllosen unterschiedlichen Umfragen unter ihnen oder auch des Heranziehens ihres (tatsächlichen oder vorgeblichen) Willens bei der Planung von bibliothekarischen Dienstleistungen zeigt ‒ etwas relativ Neues wäre. Bislang hätten die Bibliotheken eher aus sich heraus gelebt, in den letzten Jahren hätten sie sich den Nutzerinnen und Nutzern zugewandt. Zuvor hätte man kaum gewusst, was diese Nutzerinnen und Nutzer eigentlich tun. Deshalb auch gelten Umfragen als modernes Managementinstrument und das Einbeziehen von Jugendlichen bei dem Umgestaltung von Bibliotheken als Innovativ. Nur: Das stimmt so nicht.

Vielleicht kann man heute ‒ aber auch das sollte zuvorderst untersucht werden ‒ von einer neuen Qualität dieser Hinwendung zu den Nutzerinnen und Nutzern gesprochen werden; eventuell ist auch der Diskurs um Transparenz und Partizipation in Bibliotheken relevanter geworden, als er es zuvor war. Aber die Idee, man müsse, um eine Bibliothek sinnvoll zu steuern, wissen, wer die Nutzerinnen und Nutzer sind beziehungsweise was diese wollen, ist schon einige Jahrzehnte immer wieder gedacht und geäussert, zum Teil auch in konkreten Projekten umgesetzt worden.

Die Untersuchung 1970

Ein erstaunliches, weil doch schon älteres und quasi vergessenes Beispiel dafür liefert die Publikation Benutzungsanforderungen an Staatliche Allgemeinbibliotheken.1 Erstaunlich ist diese Untersuchung, weil sie in einem anderen gesellschaftlichen System durchgeführt wurde und dabei selbstverständlich eine andere Terminologie nutzte, auch Rekurs auf einige heute nicht mehr vertretende Ideologeme nimmt, aber so anders als heutige Untersuchungen dann doch nicht ist. Vielmehr: Die Untersuchung wäre, würde sie heute durchführt, immer noch eine erstaunlich umfassende.
Das die Untersuchung durchführende Zentralinstitut für Bibliothekswesen hatte die Aufgabe, in der DDR die Planung des Bibliothekswesens zu ermöglichen, Forschungen im Bereich Bibliotheken durchzuführen und in gewisser Weise das, was heute wohl als Marketing- und Beratungsdienstleistung beschrieben wird, durchzuführen.2 Die in der hier besprochenen Publikation dargestellte Untersuchung war eine dieser Forschungsleistungen.
Aufgabe war, die Anforderungen an die Staatlichen Allgemeinbibliotheken ‒ welche die Aufgaben von Öffentlichen Bibliotheken im Rahmen des staatlich geplanten Bibliothekswesens übernahmen3 ‒ durch die Nutzerinnen und Nutzer zu erfassen und daraus Schritte zur Gestaltung der Bibliotheksarbeit abzuleiten. Diese Schritte waren, ebenso wie die Bibliotheken, immer eingelassen in die Aufgaben, welche den Bibliotheken zugeschrieben wurde. Gleichzeitig ‒ aber dies ist nicht DDR-spezifisch ‒ wurden die Bibliotheken eine grössere Fähigkeit und Aufgabe bei der Lenkung der Leseinteressen von Nutzerinnen und Nutzern als heute zugeschrieben.4 Nicht zuletzt agierten Bibliotheken in der DDR innerhalb einer Zensur- und Verknappungspraxis im Bezug auf Literatur.5 Von einem freien Zugang zu allen Medien konnte gar nicht erst ausgegangen werden.

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Titel

Trotzdem: Grundsätzlich wurde davon ausgegangen, dass die Anforderungen der Nutzenden und die der Gesellschaft sich überschneiden:

“Die gesellschaftlichen Anforderungen drücken sich als Benutzungsanforderungen, als Bedarf an Bibliotheksbenutzung aus, der von konkreten Personen an die Bibliotheken herangetragen wird.

Die Benutzungsanforderungen an StAB [Staatliche Allgemeinbibliotheken, KS] stellen also eine Konkretisierung und in der Mehrzahl der Fälle auch eine Individualisierung der objektiven gesellschaftlichen Anforderungen dar.” (Waligora & Proll 1975, 7)

Die Definition der “Benutzungsanforderungen” ist relativ umfassend.

”In diesen Ausführungen wird von ‘Benutzungsanforderungen’ gesprochen. Wir verstehen darunter von Benutzern geäußerte Anforderungen, die sich auf die Literatur und ihre Inhalte (Bestand und dessen Zugriffsmöglichkeiten) richten, desgleichen auf Breite und Vielfalt des Angebotes an Dienstleistungen (einschl. der Beschaffung von Literatur aus anderen Bibliothekseinrichtungen); auf gute Erreichbarkeit (ausgebautes Netz und ausreichende Öffnungszeiten); auf Aufenthaltsmöglichkeiten (gut ausgestattete Räume einschl. der Möglichkeiten von Gruppenarbeit und Teilnahme an Veranstaltungen).

Benutzung muß daher in doppeltem Sinne verstanden werden:

– als Aktivität der Bibliotheken, die Benutzung ermöglichen und anbieten;

– als Aktivität der Benutzer, die die Bibliotheken und deren Leistungen benötigen. Die Benutzung von Bibliotheken setzt auf der Grundlage der dargelegten objektiven Anforderungen jeweils die freie Entscheidung der Persönlichkeit voraus.” (Waligora & Proll 1975, 7)

Eine Grundidee der Arbeit war, dass es “objektive” Gründe für die Nutzung von Literatur beziehungsweise das Interesse an ihr gebe. Diese objektiven Gründe ergaben sich aus der gesellschaftlichen Stellung der jeweiligen Personen. Sicherlich ist der Begriff “objektiv” heute schwierig, wurde damals aber in Übereinstimmung mit dem historischen Materialismus gebildet, der ja von einer direkten Verbindung von gesellschaftlicher Stellung und (notwendiger) Ideologie ausging.

“Ausdrücklich muß betont werden, daß die Untersuchung n i c h t einen Leistungsnachweis anstrebte. Das Angebot der Bibliotheken und die Anforderungen seitens der Bevölkerung werden sich in Wechselwirkung miteinander verändern, und somit werden sich auch einige Proportionen in den Benutzungsergebnissen verändern. Mit wachsendem Angebot werden die Leistungen steigen.

Es geht in dieser Untersuchung um die Beziehungen zwischen Literatur/Benutzung und Literatur/Benutzer sowie Bibliothek/Benutzer. Es handelt sich um eine komplizierte Frage, die nicht durch eine einzige empirische Untersuchung beantwortet werden kann. Er kommt darauf an, jedes Literaturwerk im Lichte seiner spezifischen Benutzung zu sehen und darauf auch effektivere Vermittlungs- und Erschließungsmethoden zu gründen. Mit dieser Forschungsrichtung befinden wir uns in Übereinstimmung mit sowjetischen Fachkollegen, die an einer sozial-psychologisch bestimmten Klassifizierung der Leser arbeiten.” (Waligora & Proll 1975, 7)

Im Rahmen der Untersuchung wurden nun angestrebt, alle ‒ wirklich alle ‒ Benutzungsfälle in einer Anzahl von Staatlichen Allgemeinbibliotheken zu erfassen. Dies war kein kleines Forschungsprogramm, dass letztlich 1970 ‒ nach einem Testdurchgang in Rathenow 1969 ‒ innerhalb einer April-Woche in Altenburg, Bautzen, Güstrow, Köthen, Malchin, Mühlhausen, Staßfurt, Zittau und Zossen durchgeführt wurde:

“Um Art und gesellschaftliche Herkunft der Anforderungen an Literatur zu ermitteln, wurde bei jedem Entleihungsfall nach dem ‘Benutzungszweck’ gefragt. […]

Der Ordnung der entliehenen Literatur wurde die in den StAB verbindliche Gliederung der Literatur, die Gruppenbildung der ‘Systematik für allgemeinbildende Bibliotheken’ (SAB) zugrundegelegt. Auch für die Erfassung a l l e r Tätigkeiten, die die Benutzer bei ihrem Besuch in der Bibliothek ausübten, wurden entspechende Vorgaben erarbeitet. […]

Um die Verhaltensweise der Benutzergruppen besser kennenzulernen, fragten wir nach einigen Benutzungsgewohnheiten und -bedingungen. (Entfernung von der Bibliothek, Häufigkeit des Bibliotheksbesuches; Benutzung weiterer Bibliotheken; Benutzung des Fernleihverkehrs).” (Waligora & Proll 1975, 11)

Titelseite.

Titelseite.

Ergebnisse der Untersuchung

Die empirische Darstellung der Ergebnisse der einen Untersuchungswoche erfolgt ohne Vergleich (die Bibliotheken wurden zusammengezählt, eine Differenzierung fand nicht statt; ebenso wurde nicht mit der Gesmtbevölkerung der DDR verglichen). Insoweit ist gerade heute deren Aussagekraft gering.6 Tendenziell nutzten auch in der DDR Schülerinnen und Schüler die Bibliotheken mehr als andere Gruppen. So gibt eine Übersicht an, dass von den Nutzerinnen und Nutzern 32,1% “Beruftätige” waren (“Arbeiter und Angestellte” 25,6%, “Genossenschaftsbauern” 0,4%, “Angehörige der Intelligenz” 4,3%, “Handwerker oder Gewerbetreibende” 0,5%, “Sonstige” 1,3%), “In Ausbildung Stehende: 49,3%” (“Studenten” 9,5%, “Lehrlinge” 7,9%, “Schüler 31,9%) und “Nicht Berufstätige: 18,6% (“Hausfrauen” 2,6%, “Rentner, 16,0% (Waligora & Proll 1975, 20f.) Ebenso ist ein “Leseknick” (also ein rabiater Einbruch der Nutzungszahlen in einem bestimmten Alter) festzustellen, allerdings erst nach 25 Jahren (15-18 Jahre: 25,3%, 18-25 Jahre: 20,5%, 25-35 Jahre: 12,0%)
Grundsätzlich spricht die Untersuchung den Bibliotheken eine hohe Leistungsfähigkeit zu:

“- Die StAB erfüllen ihre Aufgabe, sich an alle Bevölkerungsschichten zu wenden. Wenn die jugendlichen Jahrgänge (s. Altersstruktur) zahlenmäßig einen so großen Raum einnehmen, so wird damit eine wichtige Aufgabe unterstrichen. Es handelt sich um die Arbeiterklasse von morgen. Gegenwärtig wird die Arbeit der Bibliotheken durch diese Benutzer sehr geprägt. Neueste repräsentative Zählungen bestätigen die in dieser Untersuchung in Erscheinung getretenen Ergebnisse.

– Die Altersstruktur der Benutzerschaft zeigt bei dem 25. Lebensjahr noch immer die bekannte Zäsur, hier tritt das Absinken auf. Erst bei zunehmendem Alter beginnen die Anteile wieder zu steigen. […]

– Die Zahlenergebnisse nach den Gesichtspunkten der Schulbildung, Fachausbildung und der nebenberuflichen Qualifizierung zeigen, daß die StAB es mit steigenden Ansprüchen zu tun haben, die an alle Mitarbeiter im Bibliothekswesen höhere Ansprüche stellt.” (Waligora & Proll 1975, 26)

Auch die weiteren Zahlen bestätigen grundlegend bekanntes Wissen, beispielsweise, dass mit der Entfernung zur Bibliothek die Nutzung der gleichen sinkt (Höchststand bei 5-15 Minuten Entfernung) oder das die Mehrzahl der Nutzerinnen und Nutzer die Bibliothek normalerweise einmal im Monat nutzt. Interessant ist vielleicht noch, dass nach der Sachgruppe “Philosophie, Religion” (mit 1,9% der Ausleihen) die Sachgruppe “Marxismus-Leninsmus” mit 2,0% der Ausleihe die am zweitseltesten ausgeliehene Nutzungsgruppe bei der Sachliteratur bildete (gefolgt von “Mathematik, Kybernetik” und “Hauswirtschaft” mit jeweils 2,1%). Dies wird berichtet, aber – obgleich dies vielleicht zu erwarten gewesen wäre – nicht weiter kommentiert. “Gewonnen” hatten “Naturwissenschaften” mit 10,4%, “Erd-, Länder- und Völkerkunde, Reisebeschreibungen” mit 12,4% und “Technik” mit 20,5%. Auch in der DDR wurde hauptsächlich Belletristik entliehen (mit 61,8%).
Hervor sticht in der Untersuchung, dass zur Auswertung der Daten eine Methode eingesetzt wurde, die denen der heute gerne empfohlenen “Personas” ähnelt (auch wenn den Personen keine Namen gegebenen wurden). Es wurden insgesamt dreizehn Nutzungsprofile erstellt, denen unterschiedliche Literaturinteressen zugeschrieben und deren Profile dann in der Gesamtnutzerinnenschaft der Bibliotheken verortet wurden (Waligora & Proll 1975, 48-58):

  • “Einfach lesen” (32,1%)

  • “Interesse am Thema” (18,9%)

  • “Interesse am Autor” (11,6%)

  • “Sachinteresse” (9,0%)

  • “Hobby” (7,4%)

  • “Schule” (5,1%)

  • “Interesse an der Literatur des Landes” (3,7%)

  • “Fachschule” (2,7%)

  • “Hochschule” (2,7%)

  • “Berufsausbildung” (2,6%)

  • “Berufsausübung” (1,4%)

  • “laufende berufliche Information” (1,4%)

  • “Gesellschaftliche Tätigkeit” (1,4%)

Des Weiteren wurde zusammengetragen, was die Nutzerinnen und Nutzer eigentlich in der Bibliothek tun. Dabei stellte die Auswahl aus der Freihandausstellung mit 86,7% (der Nutzerinnen und Nutzer bei einem beobachteten Besuch) die Hauptaktivität dar, gefolgt von der Beratung durch Bibliothekarin und Bibliothekar (27,1%) sowie Auskunftserteilung (11,8%). Die Katalogbenutzung lag bei 9,9%. Die Zeitschriftennutzung lag bei insgesamt 12,8% und damit wenig hoch.
Die Zusammenfassung dieser Auswertung liest sich – lässt man die Terminologie fort – wieder recht modern:

“Die Untersuchung hat ergeben, daß die Benutzung in den Räumen der Bibliothek eine zunehmende und bedeutende Rolle spielt. Die Ergebnisse zeigen Tendenzen, aus denen zu ersehen ist, daß die ideologische und wissenschaftliche Wirksamkeit noch zu erhöhen ist. Die Verhaltensweise der einzelnen Benutzergruppen geben dafür aufschlußreiche Anhaltspunkte.

Zurückkommend auf das eingangs zur Rolle und Bedeutung der Bibliotheksbenutzung und der Rolle der Dienstleistungen Gesagte läßt sich unter Stützung auf die Untersuchungsergebnisse feststellen, daß die Wirksamkeit der Dienstleistungen einerseits durch die Aktivitäten der Benutzer bestimmt wird, diese jedoch andererseits durch Vorhandensein und Angebot der Bibliotheken hervorgerufen werden. Das Angebot der Bibliotheken ist die Voraussetzung die Vorgabe. Somit besteht eine Wechselwirkung zwischen beiden Aktivitäten. Die Benutzer bedienen sich dabei in unterschiedlicher Weise der Einrichtung Bibliothek.

Die Inanspruchnahme der Dienstleistungen der Bibliotheken ist an die funktionstüchtige stationäre Bibliothek gebunden. Literaturbeschaffung und Literaturbenutzung kann auch auf anderen Wegen zustandekommen als dem durch die StAB. Je besser aber die StAB mit über die Literaturbeschaffung hinausgehenden Dienstleistungen ausgestattet sind, umso wirkungsvoller wird Bibliotheksbenutzung über die bloße Beschaffung hianus. Die Ergebnisse haben bestätigt, daß sich die Benutzer vielfältig in der Bibliothek betätigen.

Die Benutzergruppe verhalten sich dabei unterschiedlich, sie orientieren sich schwerpunktmäßig auf verschiedene Aktivitäten, vom umfangreichen Entleihen, der Benutzung vieler Dienstleistungen bis zur gezielten Literatur- und Informationssuche. Keine Aktivität ist gegen die andere abzuwerten.” (Waligora & Proll 1975, 119)

“Die Bibliotheken entwickeln sich immer mehr vom bloßen Ausleihzentrum zum geistig kulturellen Zentrum. Das zunehmende Bedürfnis, sich in den Räumen der Bibliothek länger aufzuhalten, muß als ein wichtiger Hinweis betrachtet werden. Ausreichende und ansprechende Bibliotheksräume sind dazu notwendig. Der Raumbedarf der Bibliotheken darf nicht nur bemessen werden nach der Stellfläche für Bücher, sondern nach den Arbeits- und Aufenthaltsmöglichkeiten für Benutzer.” (Waligora & Proll 1975, 127)

Heute

Die Untersuchung des Zentralinstituts hat heute in den Zahlen gewiss nur noch historischen Wert. Sie wurde für Bibliotheken in einem anderen gesellschaftlichen System, in einem nicht mehr existierenden Staat und zudem vor Jahrzehnten durchgeführt. Erstaunlich ist vielleicht, wie wenig das, was man heute über die DDR weiss (vor allem die Zensur und politische Abgrenzung zu anderen gesellschaftlichen Systemen) in der Studie selber vorkommt.
Interessant scheint mir, wie viel von dem, was man heute als moderne Nutzerinnen- und Nutzerforschung beschreiben könnte, selbst das, was heute den Bibliotheken immer wieder als neues Paradigmen vorgeschlagen wird, in der Studie ‒ wenn auch teilweise in anderer Terminologie ‒ vorkommt. Grundsätzlich liesse sich die Studie, wieder mit anderer Terminologie und leicht verschobenen Fragestellungen ‒ beispielsweise anderen Gruppen, die Unterteilung in Intelligenz oder Genossenschaftsbauern interessiert zum Beispiel aktuell weniger ‒ heute ähnlich wiederholen. (Dabei muss man bedenken, dass die Studie gewiss keine Einzelerscheinung war, sondern aus einer weiteren Forschungspraxis entstanden sein wird.)
Ist das erstaunlich? Nicht wirklich, die Fragen haben sich so gross nicht geändert. Zu erwähnen ist selbstverständlich, dass es offenbar immer wieder eine Abgrenzung zu einem “Früher” gibt. Nur: Wann und wo war dieses Früher eigentlich genau? Wenn in den 70er Jahren gesagt wird, die Bibliotheken würden heute zum Arbeitsraum und wären nicht mehr nur Ausleihzentrum und in den 2010er Jahren ebenso, ist irgendetwas komisch. Hier scheint es weniger um eine wirkliche Bibliotheksgeschichte zu gehen, sondern mehr um ein Selbstbild der Bibliothek.
Mir ist die Publikation eher zufällig in die Hand gefallen und ich wollte hier nur mein Erstaunen mitteilen.

 

Fussnoten

1 Waligora, Johanna ; Proll, Rotraud (1975) / Benutzungsanforderungen an Staatliche Allgemeinbibliotheken : Untersuchungsergebnisse aus ausgewählten Bibliotheken der Deutschen Demokratischen Republik (Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit ; 19). Berlin : Zentralinstitut für Bibliothekswesen,1975.

2 Eine weit kritischere, gleichwohl polemische Darstellung des Zentralinstituts findet sich im letzten Kapitel bei Rothbart, Otto-Rudolf (2002) / Deutsche Büchereizentralen als bibliothekarische Dienstleistungsinstanz : Gestaltung und Entwicklung von Zentraleinrichtungen im gesamtstaatlichen Gefüge (Buchwissenschaftliche Beiträge aus dem Deutschen Bucharchiv München ; 69). Wiesbaden : Harrassowitz, 2002.

3 Oder im Jargon der DDR: “Bedeutende Veränderungen vollzogen sich am Ende der 60er Jahre in der Arbeit der allgemeinen öffentlichen Bibliotheken. Um die Versorgung der am Ort tätigen wissenschaftlichen Kader mitzuübernehmen, mußten sie in breitem Maße wissenschaftliche und Spezialliteratur in ihre Bestände aufnehmen. Zur Unterstützung der sozialistischen Bewußtseinsbildung, der sozialistischen Allgemeinbildung und der Aus- und Weiterbildung war es erforderlich, Informationsbestände aufzubauen und eine große Palette von Fachzeitschriften bereitzuhalten. Neue Medien (auditive, visuelle und audiovisuelle Mittel) fanden als Bestandseinheiten Eingang in die Bibliotheken. War mit den vorhanden Literaturfonds einerseits die niveauvoll Unterhaltung und schöpferische Freizeitgestaltung der Bevölkerung zu fördern, so mußte andererseits die auf das Territorium bezogene regionalkundliche Literatur ‒ unter Einschluß von Veröffentlichungen der örtlichen Organe und Einrichtungen ‒ gesammelt, erschlossen und archiviert werden. (…)

[Somit, KS] stellen die staatlichen Allgemeinbibliotheken den territorial wirksam werdenden Teilbereich des Bibliothekssystems der DDR dar. […] Der mit der 5. DB [Durchführungsbestimmung, KS] der BVO [Bibliotheksverordnung, KS] konstituierte Typ der staatlichen Allgemeinbibliothek erwuchs aus den allgemeinen öffentlichen Bibliotheken der 60er Jahre und knüpfte an die progressiven Traditionen dieser Einrichtungen an. Denn die wesenseigenen Merkmal dieses Bibliothekstyps, die umfassende Verbreitung belletristischer und künstlerischer Literatur, die Propagierung gesellschaftswissenschaftlicher und Fachliteratur sowie die Literaturbetreuung von Kindern und Jugendlichen, blieben erhalten.” Marks, Erwin (1987) / Die Entwicklung des Bibliothekswesens der DDR (Zentralblatt für Bibliothekswesen ; Beiheft 94). Leipzig : VEB Bibliographisches Institut, 1987, S.177f.

4 Nicht umsonst veröffentlichte das Zentralinstitut zahlreiche Materialien zur Einführung unterschiedlicher Nutzerinnen- und Nutzergruppen in die Bibliothek. Es wurde einfach davon ausgegangen, dass eine gute Bibliothek die Nutzerinnen und Nutzer lenkt. Vgl. als einer der letzten dieser Publikationen Rossoll, Erika (1989) / Zum Verhalten der Benutzer bei der Literaturauswahl : Untersuchungsergebnisse aus staatlichen Allgemeinbibliotheken (Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit ; 47). Berlin : Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1989

5 Emmerich, Wolfgang (2007). Kleine Literaturgeschichte der DDR. Neuauflage. Berlin : Aufbau Verlag, 2007.

6 Das Statistische Jahrbuch der DDR ist zwar bei DigiZeitschriften vollständig digitalisiert, gibt aber nur zu einigen der erhobenen Kriterien Auskunft.

Noch ein bibliothekshistorisches Schmankerl: Übergelassene Elemente eines alten Bestandsmanagementsystems. (In vielen Medien aus den Magazinen der ETH Zürich zu finden.)

Noch ein bibliothekshistorisches Schmankerl: Übergelassene Elemente eines alten Bestandsmanagementsystems. (In vielen Medien aus den Magazinen der ETH Zürich zu finden.)

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Ist das Denken von der Bibliothek geprägt, die man nutzt?

Vor nicht allzu langer Zeit benötigte ich für einen Artikel die Lehrbriefe Schulbibliothek. Diese erschienen 1985 in einem Schuber, zuvor auch als Einzelhefte. Wer sich mit Schulbibliotheken in Deutschland auseinandersetzt, sollte diese Publikation kennen (oder ist halt dazu verurteilt, regelmäßig inhaltlich hinter das damals geschriebene zurückzufallen). Schon öfter benötigte ich diese Lehrbriefe und sei es nur, um kurz etwas nachzuschlagen oder sie neben mir auf den Tisch zu stellen, als Objekte, die Denken anregen. (Letzter Halbsatz für die, die Bruno Latour kennen.) Ich besitze sie aber nicht. Vielmehr habe ich sie immer in der Bibliothek genutzt. Als ich sie nun desletztens benötigte, fiel mir etwas auf, was ich vorhin mit einer Kollegin besprochen habe, aber auch weiteren Kreisen zur Kenntnis bringen muss.

Die Bibliothek als ein weiteres Büro?

Ich weiss genau, wo diese Lehrbriefe in Berlin im Grimm-Zentrum stehen: Etage, Regal, Ort. Fast traumwandlerisch finde ich sie dort. Nur: Jetzt bin ich (auch) in Chur. Wir haben diese Lehrbriefe in Chur nicht, vielmehr stehen sie – leider nicht im Schuber – in einem Magazin der ETH Zürich und wenn sich nicht das Team der Bibliothek der HTW Chur dankeswerter Weise darum gekümmert hätte, die ganzen Einzelhefte zu bestellen, ich hätte den Artikel wohl auf die lange Bank geschoben, bis „ich mal in Berlin genug Zeit habe“, d.h er wäre wohl nie geschrieben worden. (Auch so wollte die ETH die Hefte sofort nach vier Wochen zurück, obgleich die bestimmt niemand anders lesen wollte. Die Hefte in Berlin stehen auch seit Jahren immer da, wo sie stehen.)

Dabei fiel mir auf, dass dieses Verhalten gar nicht so selten ist. Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, zumindest in den Geisteswissenschaften, sind wir bestimmte Umgebungen gewohnt. Die Bücher und Zeitschriften, die wir öfter nutzen, stehen immer in den gleichen Bibliotheken an den gleichen Stellen. Wenn sie mal nicht dastehen, sind wir irritiert und schieben manchmal Arbeit einfach auf, bis wir sie wieder nutzen können. Mit Vorliebe nutzen wir bestimmte Arbeitsplätze in bestimmten Bibliotheken und wenn die mal nicht frei sind – meistens wegen Studierenden – können wir an den anderen Plätzen nicht so richtig arbeiten. Zumindest dann, wenn wir bestimmte Bibliotheken als Dritt-, Viert- etc. -arbeitsplatz nutzen, stellt sich offenbar eine Vertrautheit mit dem Gebäude, den Nutzungsweisen, den Beständen etc. ein. Wie gesagt: Es geht gar nicht darum, dass wir die gleichen Medien nicht auch anders bekommen könnten. Die Fernleihe funktioniert. Aber die Zugriffsweisen sind doch andere. Wir haben uns an bestimmte Dinge gewöhnt. Ich, z.B. daran, wo die Lehrbriefe Schulbibliothek und die BuB im Grimm-Zentrum steht, daran, wie die erziehungswissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Zeitschriften in der Amerika Gedenkbibliothek geordnet sind. Und die Aussicht aus den Fenstern bei zwei bestimmten Arbeitsplätzen in der Bibliothek für bildungsgeschichtliche Forschung beruhigen mich auch immer wieder und lassen mich konzentriert arbeiten. Sicherlich, mit der Zeit kommen andere Arbeitsorte hinzu. In der Zentralbibliothek Zürich habe ich auch zwei Arbeitsplätze, die mich zum ruhigen Arbeiten bringen und ich weiss mich fast blind in den dortigen bibliothekarischen Zeitschriften zu orientieren. Aber die alten Prägungen sind doch noch da. Ist das eine subjektive Macke? Zumindest die Kollegin, mit der ich mich über meine Beobachtungen unterhielt, konnte ähnliches aus Ihrer Forschungspraxis berichten. In Cambrigde, der Promotionsuni, war die Bibliothek ein Arbeits-Zuhause, in den weiteren Stationen dann immer weniger.

Hat Nietzsche Recht?

Hier stellt sich mir eine erste Frage: Wenn wir offenbar den Arbeitsweisen in den Bibliotheken hinterhängen, wie sehr prägt dann die Bibliothek, der Bestand, der Raum unsere Arbeit?

Wieder mein Beispiel zur Illustration: Früher wäre ich bei einer Frage, die sich auf die Geschichte der Schulbibliotheken bezieht, einfach ins Grimm-Zentrum gefahren – wo die meisten meiner diesbezüglichen Texte auch entstanden sind – und hätte dort in der Nähe der Lehrbriefe Schulbibliothek an der jeweiligen Frage gearbeitet. Dabei musste ich die Lehrbriefe noch nicht einmal benutzen. Sie waren Teil eines habituellen Raumes, der sich mit der Zeit mit schulbibliothekarischen Fragen verbunden hatte. (Oder hat. Ein Ergebniss meines letzten längeren Berlin-Aufenthalts war, mich wieder am Grimm-Zentrum einzuschreiben, nachdem ich die letzten Monate auch die Amerika-Gedenkbibliothek als Arbeitsort wiederentdeckt habe. Man kann ja nicht die ganze Zeit nur Frühstück Essen und in Clubs rumhängen.) Wie gesagt: Das kann meine persönliche Macke sein, aber ich denke, grundsätzlich können wir eine ähnliche Macke bei vielen Forschenden wiederfinden.

Es gibt eine empfehlenswerte Buchreihe mit dem schönen Titel Zur Genealogie des Schreibens, in der unter anderem gelernt werden kann, dass es medienwissenschaftliches Wissen ist, dass „unser Schreibzeug [mit]arbeitet […] an unseren Gedanken“ (Nietzsche). Das lässt sich erweitern: Auch dass das Labor an den „Gedanken“ der Naturwissenschaft „mitschreibt“ ist eine Erkenntnis, die man Wissenschaftshistorikerinnen und -historikern nicht erzählen muss. Das ist Usus. Ich denke, wir können das zumindest als Hypothese erweitern: Die Bibliothek schreibt mit an den Gedanken der Geisteswissenschaften. Zu untersuchen wäre, wie. (Und hier empfiehlt sich die Lektüre der meisten Bücher der genannten Reihe, um auf Forschungsthesen zu gelangen. Und selbstverständlich immer Kittlers Aufschreibesysteme 1800/1900.)

Führt Mobilität zu schlechterer Wissenschaft?

Aber weiter: Wäre ich nicht aus Berlin (zum Teil) weitergewandert, mir wäre dieser Zusammenhang vielleicht nie aufgefallen. Allerdings: Das Herumwandern in der Welt ist zum Lebensinhalt von Forschenden geworden. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind immer kürzer an einem Ort, einer Einrichtung. Diese Mobilität wird explizit gefordert, erzwungen (so darf man ja, außer man finanziert sich selber über Drittmittel, nicht länger als sechs Jahre als Wissenschaftliche Mitarbeiterin oder Wissenschaftler Mitarbeiter an einer deutschen Hochschule arbeiten. Entweder man hat dann die Professur oder man ist raus) und als positiv angesehen. Selbstverständlich gibt es an dieser Idee berechtigte Kritik. Menschen kommen nicht dazu, Familien zu gründen oder ordentliche Beziehungen zu führen und gleichzeitig Wissenschaft zu betrieben, weil sie sich nie richtig sozial verankern können. Menschen, die in kleinen Städten leben wollen, müssen auf einmal in Megacities und Menschen, die Grossstädte zum Leben brauchen, landen in kleinen Städten im ländlichen Raum. Ausserdem: Was ist das überhaupt für eine Vorstellung, dass alle Menschen in der Wissenschaft eine Professur haben wollen? Warum soll meine Forschung besser werden, wenn ich immer wieder den Arbeitsort wechsel? Und so weiter. Man kann lange darüber diskutieren.

Ich würde eine weitere Frage anfügen: Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich tatsächlich an bestimmte Bibliotheken als Arbeitsort gewöhnen und „nur da“ bestimmte Texte schreiben, Arbeiten durchführen, Gedanken haben können, führt dann dieses ständige Umherziehen nicht zu tendenziell schlechterer Wissenschaft? Viele Forschende können ja nicht einfach mal gleichzeitig in ihrer alten und neuen Heimat wohnen, wie ich das zwischen Berlin und Schweiz aktuell tun kann. Andere sind ja in Australien, den USA, Bolivien, Japan, Südafrika oder sonstwo angekommen. Und gerade wenn man animmt, dass diese habituelle Verbindung zu einzelnen Bibliotheken und Forschungsthemen mit der Zeit wächst (was ich wieder an meinem Beispiel mit den Lehrbriefen Schulbibliothek zeigen könnte), ist dann dieses ständige Umherziehen nicht gerade besonders negativ? Immerhin sehen wissen wir ja, dass immer mehr Forschende nie die ihnen zur Verfügung stehenden Bibliotheken nutzen. Kann das nicht auch damit zusammenhängen, dass sie gar keine Zeit haben, sich an diese zu gewöhnen? Wer gerade mal ein, zwei Jahre an der Uni XYZ arbeitet, wie soll der oder die eine habituelle Verbindung zu einer Bibliothek aufbauen? Es ist zumindest schwierig. (Mir fällt auf, dass ich weiter oben anhand der Zentralbibliothek Zürich beschrieben habe, wie das bei mir funktioniert hat. Aber hierbei muss man bedenken, dass ich per se bibliotheksaffin bin und zudem dieses Wandern in die Schweiz meine erste Wanderungsbewegung war. Die schon zitierte Kollegin hat bei ihrer ersten Wanderung auch noch eine Verbindung zur dortigen Bibliothek aufgebaut, aber mit dem weiteren Wandern immer weniger dazu geneigt.)

Man kann auch diese Frage noch einmal weiterdenken: Wenn Forschende eine habituelle Verbindung zu bestimmten Bibliotheken, Beständen, Raumen aufbauen und daraus sich Forschung ergibt, plant dann die Bibliothek richtig, wenn sie auf ständige Veränderung setzt? Auch dies ist wieder nicht trival. Die Lehrbriefe Schulbibliothek stehen in Berlin, wie gesagt, seit Jahren am gleichen Ort und sind bislang noch nie ausgeliehen gewesen, wenn ich sie nutzen wollte. Meine Nutzung aber schlägt sich in den Ausleihstatistiken überhaupt nicht nieder. Ich nehme sie an den Arbeitsplatz und lese das, was ich benötige. Was drinsteht weiss ich ja. Manchmal müssen sie, wie gesagt, auch einfach dastehen, damit ich mit dem Schreiben anfangen kann. Irgendwann aber wird die Bibliothek diese und andere Bestände vielleicht ins Magazin bringen oder ganz aussondern, weil: Sie sind alt und es nutzt sie ja offenbar niemand (zumindest des Ausleihstatistiken nach). Eine solche Entscheidung wird meine Produktivität im Bezug auf Texte zur Geschichte der Schulbibliotheken in Deutschland einschränken, aber woher soll die Bibliothek das wissen? (Zumal ich ja kein eingeschriebener Forschender der Humboldt-Universität mehr bin, sondern einer der Nicht-Universitäts-Angehörigen. Insoweit würde meine Meinung in Umfragen wohl auch weniger zählen, falls ich zufällig mal gefragt werde.)

Brauchen wir mehr Wissenschaftsforschung zu Bibliotheken?

Vielleicht ist diesem Problem nicht mit Bestands- und Bibliotheksmanagement beizukommen, sondern eher mit bibliothekspraktischem Wissen. Vielleicht können, bei allen Versuchen, objektiv zu sein, bestimmte wissenschaftliche Texte nur zu bestimmten Zeit geschrieben werden (in den Literaturwissenschaften ist das für bestimmte Texte von Autorinnen und Autoren ja auch Erklärungsansatz akzeptiert). Vielleicht müssen wir erst einmal mehr darüber herauskriegen, wie Nutzerinnen und Nutzer die Bibliotheken tatsächlich nutzen. Wir denken ja, geprägt durch einen betriebswirtschaftlichen Diskurs, den wir seit Jahren immer wieder mitproduzieren und produzieren lassen, eher in einfachen Zahlen: Ausleihe, Besuchszahlen, Auslastung, Zufriedenheit, Liefergeschwindigkeiten etc. Aber eigentlich könnten wir aus der Wissenschaftsforschung und unserer eigenen Praxis wissen, dass die wissenschaftliche Arbeit – genauso wie die pädagogische Arbeit oder das Lernen der Studierenden, um hier nochmal ein grosses Fass aufzumachen – viel komplexerer ist, als diese einfachen betriebswirtschaftlichen Modelle, wo sich alles in Zahlen ausdrücken lässt. Wenn es einen habituellen Gewinn gibt, betsimmte Bereiche und Bestände in Bibliotheken nicht ständig auszutauschen und zu verändern, der sich auf die Qualität von Wissenschaft niederschlägt, sollten die Bibliotheken davon erfahren.

Der arabische Frühling in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft?

In der Library Review 2/2012 erschien gerade ein Text von Essam Mansour von der South Vally University in Qena (Ägypten) über den Einfluss Sozialer Netzwerke in der ägyptischen Revolution. [Mansour, Essam (2012) / The role of social networking sites (SNSs) in the January 25th Revolution in Egypt. In: Library Review 61 (2012) 2, pp. 128-159.] Mansour berichtet über eine Reihe von Fokusgruppen-Interviews, die er mit Beteiligten an dieser Revolution gemacht hat.

Ein Spezifika der Revolutionen, die unter dem Label „Arabischer Frühling“ zusammengefasst werden, war und ist bekanntlich, dass es keine richtigen Anführer gibt. Kein George Washington, kein Fidel Castro, die man interviewen könnte. Selbst dort, wo mit der Zeit Leitungen auftauchten (Libyen, eventuell auch in der Freien Syrischen Armee), leiteten sie die Proteste und Kämpfe nicht wirklich an. Um also überhaupt an Personen zu kommen, die befragt werden konnten, ging Mansour selber während der Proteste auf den Tharir Platz in Kairo und fragte dort Menschen, ob sie an der Studie teilnehmen würden (und mehr Menschen kennen, die teilnehmen würden).1 Dies scheint mir eine der risikoreichsten Studien in der Geschichte der Bibliotheks- und Informationswissenschaft gewesen zu sein.

Sicherlich: Auf diese Weise kam kein repräsentativer Querschnitt der ägyptischen Bevölkerung oder auch nur der Protestierenden auf dem Tharir-Platz zustande; vielmehr werden sich Personen an der Studie beteiligt haben, die {a} für die Revolution waren und {b} aktiv soziale Netzwerke nutzen. Das mag nicht der normale Ägypter oder die normale Ägypterin sein, aber es ist eine sinnvolle Auswahl. Es führte aber zu einer wohl untypischen Gruppe: 37% über 30 Jahre alt, 33% Frauen, 37% an einer Universität arbeitend, 21% engineers, nur 5% arbeitslos.

Weiter berichtet Mansour über die Verbreitung von Kommunikationstechnologien in der arabischen Welt, insbesondere Ägypten. Hier steht Ägyptern im Mittelfeld (93% der Bevölkerung nutzen Fernseher, 66.69% haben statistische gesehen ein Mobiltelefon, 24.26% nutzen das Internet, 7.66% Facebook und 0.15% Twitter.), vorne liegen Staaten wie Bahrain, Qatar, Kuweit, Vereinigte Arabische Emirate und Saudi-Arabien. (Wo interessanterweise noch keine erfolgreichen Aufstände stattfanden, sondern, wenn überhaupt, wie in Bahrain, unterdrückt wurden.)

Mansour geht nun in seiner Studie von der Beobachtung aus, dass trotz der nicht flächendeckenden Verbreitung dem Internet eine fundamentale Kraft zugeschrieben wurde. Unvergessen wohl der 28.01.2011, als in Ägypten begonnen wurde, das gesamte Internet zu blockieren – offenbar weil das Regime dem Netz eine Bedeutung zuschrieb. Mansour fragt nun, wie die an den Protesten Beteiligten die Sozialen Netzwerke (denen bekanntlich noch mehr partizipative Funktionen zugeschrieben werden, als dem Internet allein) wahrnahmen. Relevant ist, dass die meisten Befragten angeben, Facebook et cetera schon vor den Protesten genutzt zu haben und zwar genau aus dem Grund, wozu es eigentlich da ist: Um soziale Kontakte zu pflegen, Bilder, Geschichten, Erfahrungen auszutauschen, Informationen zu finden. Obgleich sie auch andere Soziale Netzwerke nutzen, waren zumindest die Befragten auf Facebook konzentriert.

Von dieser Basis aus wurden die sozialen Netzwerke während der Revolution relevant. Die Beteiligten nutzen ihre sozialen Gepflogenheiten und Fähigkeiten, um sich zu beteiligen. Dies funktionierte, weil die Fähigkeiten vorhanden waren und Soziale Netzwerke eine Verbeitung gefunden hatten. Interessant ist, dass – im Gegensatz zu Studien, die darauf verweisen, dass ein Grossteil der Kontakte, die Online gepflegt werden, auch Offline existieren – Ägypterinnen und Ägypter während der Proteste ihre sozialen Zirkel per Sozialen Netzwerken erweiterten (was auch das Kennenlernen anderer Sichtweisen auf die Welt einschliessen kann).

Die Befragten geben an, dass ihnen die Netzwerke die Möglichkeit gaben, {a} Kontakte zwischen Protestierenden herzustellen und zu halten, {b} notwendige Informationen auszutauschen, {c} die ägyptische Bevölkerung zu mobilisieren, {d} das Regime zu schwächen und letztlich zu Fall zu bringen und {e} Sympathien für ihren Kampf in anderen Staaten herzustellen. „SNS helped greatly in the Egyptian Revolution, facilitating the people’s access to the events and news of the revolution around the clock.“ (Mansour 2012, p. 145)

Der Text von Mansour ist unbedingt zu empfehlen.

Und sonst?

Aber: Wie steht es eigentlich sonst mit dem Thema in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft? Irgendwie scheint Mansours Text alleine zu stehen. Auch bei näherem Hinschauen. Es gibt einige wenige Texte in fachnahen Zeitschriften, beispielsweise eine kurze Diskussion von John Charlton [Charlton, John (2011) / Tweeting a Revolution. In: Information Today 28 (2011) 6, p.p.12-13] in welcher er die These vertritt, dass Soziale Netzwerke für die Revolutionen in Tunesien, Ägypten und (damals noch „laufend“) Libyen relevant wären, aber andere Faktoren (insbesondere eine Infrastruktur aus Protestgruppen) wichtiger seien.

Ashraf Darwish und Kamaljit I. Lakhtaria stimmen dem letztlich in einem kurzen Abschnitt eines Textes, welcher sich sonst eher mit Web 2.0-Kommunikation im allgemeinen beschäftigt, [Darwish, Ashraf ; Lakhtaria, Kamaljit I. (2011) / The Impact of the New Web 2.0 Technologies in Communication, Development, and Revolutions of Societies. In: Journal of Advances in Information Technology, 2 (2011) 4, 204-216] zu: „The role of the internet in Egypt’s revolution has definitely been overstated.“ (Darwish, Lakhtaria 2011, p. 214). Allerdings basieren sie diese Aussagen nur auf Daten über die Verbreitung von Kommunikationsgeräten in Ägypten, während Mansour Menschen, die sich an den Protesten beteiligten, befragte.

Aber daneben sieht es mau aus. Es scheint, als würde sich die Bibliotheks- und Informationswissenschaft nicht mit den Revolutionen auseinandersetzen, obgleich die Forschungsfragen quasi auf den Tahrir-Plätzen herumlagen. Es gab massive gesellschaftliche Veränderungen; das Internet, mobile Kommunikationen, Informationsverteilung spielten dabei eine wichtige Rolle: Es läge nahe, wenn dies zu Forschungen führen würde. Aber nicht einmal solche Zeitschriften wie die FirstMonday, die sonst sehr nahe am Puls der Internetgemeinde sind, haben zum arabischen Frühling Artikel publiziert.

Der globale Norden

Sicherlich: Solche Aussagen mache ich auf einer leidlich unsicheren Basis. Ich beziehe mich auf Texte in deutscher, englischer und französischer Sprache. Das sind lange nicht alle die Sprachen, die auf den Strassen Ägyptens, Tunesiens, Libyens oder Syriens gesprochen werden, nicht einmal die wichtigsten. Vielleicht gibt es in der Region eine lebhafte Forschung, die auf arabisch geführt wird. Wer weiss? (Also: Wenn es jemand weiss, würde ich es gerne wissen.) Ich meine: Es gibt ein Department of Library & Information Science an der South Valley University, Qena (wo Essam Mansour herkommt) – nicht einmal davon wusste ich, bevor ich den Text in der Library Review las. Was wissen wir schon über die Bibliotheks- und Informationswissenschaft Westeuropas, Kanadas und der USA?

Und sicherlich hätte das einen unguten Beigeschmack, wenn wieder nur der globale Norden über den globalen Süden forschen würde. Aber selbst dies müsste nicht sein. Nicht nur, dass das Thema ein guter Grund wäre, die Sprachgrenzen zu überwinden und mit Kolleginnen und Kollegen des globalen Südens zusammenzuarbeiten. Es gäbe auch hier, im globalen Norden, genug zu forschen. So war 2011 bei vielen auch das Jahr, wo aus Al Jazeera „der Sender, von dem man in anderen Sender mal gehört hat“ ein Al Jazeera „der krasse Sender, der manchmal ganz schon antisemitisch ist, aber auf der anderen Seite sich auch voll für die eigenen Sendungen in Zeug legt, moderne Kommunikationswege integriert, und unglaubliche Dinge veranstaltet, um über Proteste zu berichten“ wurde. Das alleine wäre schon mehrere Studien Wert: Wie wird und wurde Al Jazeera wäre der Revolutionen wahrgenommen, insbesondere da er als Internetsender funktionierte und Web 2.0-Angebote fliessen integrierte? Hat der Sender das Bild der Proteste im globalen Norden geprägt (beziehungsweise: klar hat er das, aber wie hat er sie geprägt). Was ging im Netz? Haben die Reaktionen der Internetnutzerinnen und nutzer im globalen Norden etwas beigetragen zu den Revolutionen? Was? Wie? Welche Rolle spielten dabei Informationen? Mir scheint, eine der wichtigen Lehren, die aus dem Text von Mansour gezogen werden können, ist, dass hier ein erstaunliches Forschungsdesiderat vorliegt. Oder interessiert einfach niemand die soziale und politische Seite der Nutzung von Informationen?

 

Fussnote 

1„This researcher participated in most of the demonstrations that took place in El-Tharir (Libration) square in the heart of Cairo, informing demonstrators of this study in person, in addition to announcing it on his Facebook page.” (Mansour 2012, p. 134).

Forschungskonzept: Anforderungen aus Schulbibliotheken an Öffentliche Bibliotheken: Theoretische und empirische Nachweise von realistischen Unterstützungsmöglichkeiten Öffentlicher Bibliotheken

Vorwort

Ende diesen Jahres verlasse ich Deutschland und wandere aus. Nicht weit weg, aber immerhin so, dass meine Forschungsinteressen sich weniger um deutsche Bibliotheken und Schulbibliotheken drehen werden. Vor einigen Monaten habe ich allerdings ein Forschungsprojekt ausgearbeitet, bei dem es um Schulbibliotheken in Deutschland geht. Das lag jetzt einige Zeit und ich werde es wohl nicht in den nächsten Jahren umsetzen. Ich will es aber auch nicht einfach in der Schublade lassen, weil es eventuell und unter ganz bestimmten Umständen vielleicht doch jemand anders dazu bringen könnte, über Schulbibliotheken in Deutschland zu forschen. Der oder die kann gerne dieses Projekt nehmen, ändern, umsetzen. Ich würde dann gerne die Ergebnisse sehen.

Während ich das Projekt eigentlich in der vorliegenden Form für sinnvoll und machbar halte, gab es noch einige Kritik, die ich nicht verschweigen möchte. Würde ich in Berlin bleiben, würde ich sie noch einarbeiten.

  • Es wurde bemängelt, dass es sich bei diesem Projekt nur um Berliner Schulbibliotheken handelt. Ich fände das, angesichts der Menge schon ausreichend. Aber es gab auch die Anregung, weitere Städte mit einzubeziehen, um einen Vergleich anstellen zu können. Das kann man machen, aber ich denke, dass auch Berlin alleine schon viele Daten liefern würde. Falls man allerdings einen Vergleich anstrebt, sollte man meines Erachtens auch gleich groß herangehen. Das würde einiges an Arbeit bedeuten, aber ich würde in diesem Fall vorschlagen, Berlin, Brandenburg und Bayern zu vergleichen. Das würde nicht nur eine größere Fallzahl bedeuten, sondern auch zahlreiche Kontrastmöglichkeiten bieten. (1) Einen Ost/West und einen Nord/Süd-Vergleich, (2) alle Regionalformen (ländlicher Raum bis Metropole) wären vertreten, (3) alle möglichen Formen von Unterstützung der Schulbibliotheken durch Öffentliche Bibliotheken (von gar nicht, über indirekte und direkte Angebote und Schulbibliothekarische Arbeitsstellen bis hin zu integrierten Systemen wir in Landshut) wären vertreten, (4) man würde ein traditionell dreigliedriges Schulsystem (Bayern), ein zweigliedriges (Brandenburg) und eines in der Reformphase von drei- zu zweigliedrig (Berlin) miteinander vergleichen können. (Allerdings müsste dann der Pre-Test anderswo durchgeführt werden.)
  • Weiterhin wurden die vielen offenen Fragen kritisiert. Vielmehr solle man möglichst viele Zahlen abfragen. Dem würde ich vehement widersprechen. Zahlen kann man nutzen, wenn man weiß, wonach man schauen will. Aber das wissen wir nicht. Die Zahlen, die gerne in bibliothekarischen Standards verwendet werden, sind weder theoretisch noch empirisch hergeleitet und bilden die Realität von Schulbibliotheken auch nicht wirklich ab. Offene Fragen hingegen produzieren viele Aussagen, die wir dann auch diskurstheoretisch interpretieren können und die uns einen Einblick in die Wahrnehmung der Personen, welche Schulbibliotheken betreiben, ermöglichen. Wir wissen überhaupt noch nicht genug darüber, wie Schulbibliotheken wirklich funktionieren, als das wir da mit quantitativen Methoden herangehen können. Wer da zu schnell auf Zahlen ausweicht wischt die Diversität und Realität in Schulbibliotheken einfach weg. Dabei wissen wir, dass diese Diversität viel zu groß ist, um das einfach zu tun. (Immerhin das.)
  • Weitere Kritik wurde an der zeitlichen Planung des Projektes laut, es sei etwas sehr kurz geplant. Das muss man vielleicht nochmal diskutieren, wenn man es umsetzen will. Ich finde die Planung machbar.

 

Das folgende ist also eine Skizze eines möglichen Forschungsprojektes, die zwar schon weit ausgearbeitet ist, aber auch nicht unbedingt fertig. Nur werde ich daran erstmal nichts mehr ändern. Ich habe versucht, eine Frage zu entwickeln, die einerseits ein Forschungsinteresse befriedigt, aber gleichzeitig auch einen praktischen Nutzen haben kann. Man darf sich halt nur nicht darauf einlassen, nur praktische Ergebnisse haben zu wollen, weil man dann wieder an der Realität von Schulbibliotheken vorbeischaut.

Das Programm gibt es auch als PDF hier

 

 

Anforderungen aus Schulbibliotheken an Öffentliche Bibliotheken: Theoretische und empirische Nachweise von realistischen Unterstützungsmöglichkeiten Öffentlicher Bibliotheken

Karsten Schuldt

1. Einleitung und Themenaufriss

Öffentliche Bibliotheken wissen wenig darüber, wie Schulbibliotheken funktionieren, welche Vorstellungen in Schulbibliotheken von den Aufgaben der jeweils individuellen Einrichtung sowie Schulbibliotheken als Einrichtungen, aber auch anderen Institutionen – wie beispielsweise Öffentlichen Bibliotheken – existieren. Dies geht allerdings einher mit drei Phänomenen: Erstens werden trotzdem seit den 1970er Jahren immer wieder Konzepte dazu erstellt, wie Schulbibliotheken aufgebaut bzw. wie sie bei Ihrer Arbeit unterstützt werden sollen, obgleich viele Einrichtungen, die auf der Grundlage dieser Konzepte errichtet wurden, insoweit scheiterten, als das sie oft nach einigen Jahren wieder schlossen. Zweitens gibt es fernab dieser bibliothekarischer Debatten eine reichhaltige schulbibliothekarische Praxis, in den letzten Jahren auch ein Wachstum der Schulbibliotheken. Dies weist darauf hin, dass Engagierte offenbar auch außerhalb der Öffentlichen Bibliothekswesens – welches zumeist den Anspruch erhebt, die Basis schulbibliothekarischer Arbeit zu sein – Wege finden, Schulbibliotheken zu errichten und zu betreiben. Drittens findet sich, zumeist fernab bibliothekarischer Debatten, auf der lokalen Ebene oft eine Zusammenarbeit von Öffentlichen Bibliotheken und Schulbibliotheken, die teilweise im Rahmen der Arbeit der Öffentlichen Bibliotheken, teilweise im Graubereich der nicht festgelegten Aufgaben und teilweise auch außerhalb der eigentlichen Arbeit der Bibliotheken, beispielsweise in der Freizeit der Bibliothekarinnen und Bibliothekare – „unter der Hand“ – stattfindet. Diese Zusammenarbeit ist dann allerdings, bedingt durch ihren prekären Status, uneinheitlich. Gleichzeitig aber sind diese Unterstützungsleistungen oft eng an den tatsächlichen Bedürfnissen des Schulbibliotheken orientiert.

Gleichzeitig gibt es, wenn auch eher anekdotisch berichtet, bei den Engagierten in Schulbibliotheken den Erfahrungswert, dass eine angestrebte Zusammenarbeit mit Öffentlichen Bibliotheken nicht immer möglich ist. Es scheint, als ob viele angestrebte Kooperationen oder Hilfestellungen daran scheitern, dass entweder die gewünschten Hilfestellungen nicht von den Öffentlichen Bibliotheken angeboten werden oder aber, dass sich Schulbibliotheken nicht von den Öffentlichen Bibliotheken als eigenständige Einrichtungen ernst genommen fühlen, sondern teilweise als unvollständige Bibliotheken, welche belehrt werden müssten. Fakt ist, dass zahlreiche Schulbibliotheken eher eigenständige Strukturen entwickeln – sichtbar in Bestandstäuschen und Bestandausleihen untereinander, regelmäßige und unregelmäßige Treffen, Vereinen wie der Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen und der Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Berlin-Brandenburg sowie den immer öfter durchgeführten Schulbibliothekstagen – als mit Öffentlichen Bibliotheken zusammenzuarbeiten.

Die im folgenden skizzierte Forschungsarbeit soll die Interessen der Schulbibliotheken gegenüber den Öffentlichen Bibliotheken aufklären helfen. Dabei werden Schulbibliotheken als Einrichtungen ernst genommen, die sich als eigenständige Einrichtungen und als Teil der jeweiligen Schullandschaft verstehen. Ungeachtet der Frage, ob dies die bestmögliche Lösung darstellt, soll hier von der Eigenwahrnehmung der Bibliotheken ausgegangen und für diese geklärt werden, welche Unterstützungsleistungen von Seiten der Öffentlichen Bibliotheken sie sich überhaupt als sinnvoll vorstellen könnten. Dies soll nicht nur dazu beitragen, dass Wissen über die Schulbibliotheken in Deutschland, die sich – ähnlich der Schulsozialarbeit – in den letzten Jahren unübersehbar als weithin funktionierende Einrichtungen etabliert haben, zu erweitern; es soll auch den Öffentlichen Bibliotheken die Möglichkeit geben, auf der Basis der existierenden Strukturen die bestmögliche Unterstützung für diese Einrichtungen zu leisten und damit den Schülerinnen und Schülern der betreffenden Schulen die größtmöglichen Lernchancen zu ermöglichen.

2. Theoretische Vorüberlegungen und Annahmen

Schulbibliotheken stellen Einrichtungen dar, die sich grundsätzlich im Aufbau, der Zielsetzung und täglichen Arbeit auf die Schule beziehen, in der sie angesiedelt sind. Zudem sind sie geprägt von den Vorstellungen der jeweils in den Schulbibliotheken Tätigen. So gut wie gar nicht orientieren sich Schulbibliotheken in Deutschland an bibliothekarischen Vorstellungen von bibliothekarischer Arbeit oder an den Vorstellungen von Schulbibliotheken, welche in der bibliothekarischen Literatur publiziert werden. Es ist aufgrund der bislang vorhandenen Wissensbestände über Schulbibliotheken in Deutschland nicht zu klären, warum dies so ist.

Möglich ist es, zu dieser Frage folgende Thesen zu formulieren:

  • Die bibliothekarischen Vorstellungen könnten sich für die Arbeit von Schulbibliotheken als nicht sinnvoll herausstellen. Dies könnte aufgrund einer fehlenden Anbindung an didaktische und pädagogische Konzepte in bibliothekarischen Konzepten ebenso begründet sein wie in einer falschen Wahrnehmung der tatsächlichen Aufgaben und Möglichkeiten von Schulbibliotheken in Schulen.

  • Schulbibliotheken selber könnten so verschieden sein, dass immer nur Teile bibliothekarischer Vorstellungen für sie zutreffend sein könnten. Implizit gehen hingegen die Modelle von Schulbibliotheken, die in der bibliothekarischen Literatur publiziert werden, davon aus, zumindest pro Schulform oder aber übergreifend für alle Schulen jeweils ein einziges Konzept von Schulbibliotheken angeben zu können. Zudem könnten die Zielsetzungen von Schulbibliotheken als unterstützende Einrichtungen in Schulen zu sehr von bibliothekarischen Zielsetzungen abweichen, um miteinander vermittelt werden zu können.

  • Die bibliothekarischen Vorstellungen über gute bibliothekarische Arbeit könnten auch in Schulbibliotheken unbekannt, nicht verständlich vermittelt oder nicht ausreichend ausformuliert sein.

  • Die Vorbehalte gegen Öffentliche Bibliotheken oder bibliothekarische Expertise könnten in Schulbibliotheken – aufgrund verschiedener Gründe – zu groß sein, um sich mit bibliothekarischen Vorstellungen auseinander zu setzen.

  • In Schulbibliotheken könnte die Überzeugung vorherrschen, entweder keine vollständige Bibliothek werden zu müssen – sondern entweder eine unvollständige Bibliothek oder aber eine Einrichtung mit einem anderen Schwerpunkt als dem bibliothekarischen – oder aber in absehbarer Zeit keine solche Bibliothek werden zu können.1

Zu vermuten ist, dass es keinen Kausalgrund gibt, sondern dass vielmehr für alle hier genannten Thesen einzelne Evidenzen gefunden werden können. Im Rahmen dieser Arbeit ist vor allem relevant, dass offenbar davon auszugehen ist, dass Schulbibliotheken als eigenständige Einrichtungen begriffen werden müssen, die sich nicht direkt in das Bibliothekssystem eingliedern wollen.2 Vielmehr wird hier davon ausgegangen, dass es sich bei Schulbibliotheken um Einrichtungen handelt, die als eigenständige Institutionen etabliert sind und auch als solche begriffen werden müssen. Netze und Kooperationen von Schulbibliotheken untereinander oder mit anderen Einrichtungen müssen sich demnach eher nach dem Modell der losen Koppelung vorgestellt werden den als anderen Einrichtungen strukturell untergeordnet.3

Eine Besonderheit der Institution Schulbibliothek gegenüber den Öffentlichen Bibliotheken besteht darin, dass sie – wie auch einige andere Institutionen, beispielsweise die Schulsozialarbeit gegenüber der Sozialen Arbeit – bildungsnah und zum Teil auch als Bildungseinrichtungen arbeiten sowie gleichzeitig eine jeweils relativ klar definierte Nutzerinnen- und Nutzergruppe bedienen. Sie sind als Einrichtungen jeweils den einzelnen Schulen beigeordnet und haben übergreifend den Auftrag, diese bei ihrem gesetzlich festgelegten Auftrag, Schülerinnen und Schüler zu bilden, zu unterstützen.4

Darüber hinaus finden sich eine Anzahl von Schulbibliotheken, die sich als eigenständige Einrichtungen begreifen, welche mit ähnlichen Einrichtungen Netzwerke bilden und institutionalisieren. Gleichwohl sind es offenbar nicht alle Schulbibliotheken, welche diese Ambitionen hegen oder von den Aufrufen, solche Netzwerke zu bilden, angesprochen werden. In den letzten Jahren wurden – nach dem Vorbild der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Schulbibliotheken in Hessen, die seit den 1980er Jahren besteht – in einer Anzahl von deutschen Bundesländern Schulbibliothekstage als mehr oder minder regelmäßige Veranstaltungen etabliert, zudem hat sich – wieder dem Vorbild Hessens folgend – die LAG Schulbibliotheken Berlin / Brandenburg etabliert.5 Zusätzlich existieren in einigen Städten – beispielsweise Frankfurt am Main, Jena, Ingolstadt, Landshut – schon länger Netzwerke von Schulbibliotheken, die sich direkt auf zuständige Stellen in den jeweiligen Öffentlichen Bibliotheken beziehen. Auch hier hat es in den letzten Jahren einige Neugründungen gegeben.6 Tendenziell scheint es also bei einer Anzahl von Schulbibliotheken ein Interesse an der Zusammenarbeit zu geben, wobei angemerkt werden muss, dass zumindest der Eindruck entsteht, dass nicht die Zusammenarbeit zwischen Schulbibliotheken und Öffentlichen Bibliotheken oder zwischen Schulbibliotheken und den Schulämtern, sondern die Zusammenarbeit zwischen Schulbibliotheken untereinander im Vordergrund dieser Aktivitäten steht.

Über die Ausgestaltung und Qualität dieser Zusammenarbeit kann bislang wenig berichtet werden. Sichtbar ist allerdings, dass sich zumindest die an diesen Netzwerken beteiligenden Schulbibliotheken auch als eigenständige Institutionen begreifen. Im Umkehrschluss ordnen sie sich offenbar nicht vollständig den Schulen, an denen sie tätig sind, unter. Gleichzeitig verstehen sie sich nicht als reine – reguläre oder irreguläre – Außenstellen des Öffentlichen Bibliothekswesens. Sie artikulieren eigene Interessen und können deshalb – so zumindest die These, der hier gefolgt werden soll – als Organisationen begriffen werden, die eigene Ziele und Leistungsbegriffe definieren, ihre Kontakte zur Umwelt – also vorrangig der jeweiligen Schule – selbstständig definieren und mit Handlungsroutinen ausgestalten sowie Strukturen entwickeln, die ihren Fortbestand sichern sollen.7

Diese Beschreibung unterscheidet sich relevant von dem Verständnis von Schulbibliotheken, welche ansonsten in der bibliothekarischen Literatur, Planung und Forschung über Schulbibliotheken vertreten wird, aber auch von der Vorstellung, die in der pädagogischen Literatur von Schulbibliotheken niedergelegt wird. Die bibliothekarische Literatur nimmt Schulbibliotheken vor allem als Einrichtungen wahr, die sich idealtypisch an den für Öffentliche Bibliotheken geltenden impliziten und expliziten Prinzipien zu orientieren hätten. Unter diesem Fokus müssen Schulbibliotheken von Öffentlichen Bibliotheken betrieben, geplant und ausgestattet werden, folgerichtig wird unter diesem Blickwinkel der Großteil der existierenden Schulbibliotheken als defizitär begriffen. Dabei hat der Bibliotheksbereich bislang nicht nachweisen können, wieso die für Öffentliche Bibliotheken geltenden Prinzipien die spezifische Aufgaben von Schulbibliotheken unterstützen könnten. Angesichts dessen, dass Schulbibliotheken in ihrer großen Zahl sich nicht an diesen Vorstellungen orientieren, ist eher zu vermuten, dass andere Prinzipien existieren, die für die Aufgaben der Schulbibliotheken sinnvoller sind.

In der pädagogischen Literatur werden Schulbibliotheken zumeist als weitere Einrichtungen wahrgenommen, um den Unterricht und den in der Bedeutung wachsenden außerunterrichtlichen Bereich zu gestalten.8 Dabei liegt der Fokus in der Deutschsprachigen Literatur auf der Unterstützung des Lesen-lernens und des Aufbaus der Lesefähigkeiten. Seltener besprochen werden weitere Formen der Arbeit in Schulbibliotheken, beispielsweise die Projektarbeit oder die Unterstützung der außerunterrichtlichen Arbeit von Schülerinnen und Schülern. Die Eigenständigkeit der Einrichtung Schulbibliothek kommt fast nie zur Sprache.

Konträr zu diesen beiden Blickrichtungen soll in dieser Arbeit von der Eigenständigkeit der Einrichtung Schulbibliothek ausgegangen werden. Schulbibliotheken sind Einrichtungen, die in einer engen Beziehung zu den jeweiligen Schulen stehen und sich grundsätzlich als Orte definieren, welche die schulische Arbeit unterstützen. Schulbibliotheken folgen Prinzipien, die sich an dieser Aufgabe ausrichten. Ob diese Prinzipien mit denen Öffentlicher Bibliotheken übereinstimmen oder übereinstimmen sollten, ist bislang nicht zu klären. Die dann ausformulierten Prinzipien stimmen ebenso nicht immer überein, sondern orientieren sich an den grundsätzlichen Modellen der Schulbibliotheken.9 Zudem agieren Schulbibliotheken nicht nur gegenüber der Schule, in der sie existieren, sondern zum Teil auch gegenüber anderen Organisationen – Öffentlichen Bibliotheken, Geldgebern, Schulvereinen, Schülerinnen- und Schülervertretungen, Eltern und Elternvertretungen, dem Buchhandel und vor allem gegenüber anderen Schulbibliotheken – eigenständig.

Diese Eigenständigkeit schlägt sich auch im Verhältnis zwischen den Schulbibliotheken und anderen Einrichtungen, namentlich Öffentlichen Bibliotheken und Schulen, nieder. Die Einrichtungen lassen sich nicht einem Paradigma unterordnen. Es sind Aushandlungsprozesse möglich, insbesondere, da die Schulbibliothek sich prototypisch dem Interesse der Schule anpassen, die Schulen aber im Rahmen der „Neuen Steuerung“ zu einer verstärkten Autonomie und Profilbildung angehalten sind, sich also verstärkt pluralisieren.10 In der bibliothekarischen Literatur zu Schulbibliotheken wird hingegen zumeist der Eindruck erweckt, dass Schulbibliotheken den bibliothekarischen Standards und Vorstellungen zu unterwerfen seien. Als Idealform gilt implizit eine Schulbibliothek, die entweder als Außenstelle einer Öffentlichen Bibliothek oder aber als Kombinierte Schul- und Öffentliche Bibliothek existiert. Ist dies nicht gegeben, werden Schulbibliotheken als positiv beschrieben, die möglichst vollständig von bibliothekarischen Kräften angeleitet werden.11 Andere Schulbibliotheken werden selten und dann zumeist als unvollständig beschrieben.

Empirisch lässt sich allerdings nicht nachweisen, dass der Typus der Kombinierten Schul- und Öffentlichen Bibliothek und der Außenstelle in Schulen verbreitet wäre. Es gibt einige Städte und Gemeinden, in welcher sich diese Form von Schulbibliotheken durchgesetzt hat, beispielsweise Ingolstadt und Landshut. Allerdings stellen diese Städte Ausnahmen dar. Obgleich die Rückmeldungen aus diesen Systemen nicht negativ sind, haben sie doch nicht dazu geführt, dass solche Einrichtungen in allen Schulen Deutschlands eingerichtet wurden.12

Vielmehr existieren die meisten Schulbibliotheken ohne einen Kontakt zum Öffentlichen Bibliothekssystem. Dies führt fraglos zu einer Reichhaltigkeit von Lösungen für die Aufgaben der Schulbibliotheken, auch zu solchen, die als bibliothekarisch ungenügend angesehen werden. Nimmt man allerdings die Eigenständigkeit der Schulbibliotheken ernst, dann ist zu fragen, ob die bibliothekarischen Standards überhaupt für die Arbeit von Schulbibliotheken als allgemeiner Maßstab gelten können.

In der hier projektionierten Arbeit soll keine Bewertung der Arbeit von Schulbibliotheken vorgenommen werden. Der derzeitige Zustand wird als gegeben angenommen und auf dessen Grundlage untersucht, welche Hilfestellungen und Angebote Öffentlicher Bibliotheken von existierenden Schulbibliotheken als notwendig und als sinnvoll angesehen werden. Hierbei wird es in den unterschiedlich Schulbibliotheken auch unterschiedliche Zielsetzungen geben. Zum einen lassen sich mehrere Grundmodelle von existierenden Schulbibliotheken ausmachen, zum anderen vier unterschiedliche langfristige Zielsetzungen:

  • Die Schulbibliothek könnte ein Interesse daran haben, von Öffentlichen Bibliotheken dabei unterstützt zu werden, überhaupt als funktionierende Einrichtung aufgebaut zu werden. In diesem Fall können zwar die unterschiedlichen Interessen und Vorstellungen davon, was eine Schulbibliothek sein soll, konfligieren; gleichzeitig wird diese Aufgabe immer wieder in der bibliothekarischen Literatur postuliert.

  • Die Schulbibliothek könnte daran ein Interesse haben, dass Aufgaben, die sie bislang ausfüllt, von einer Öffentlichen Bibliothek übernommen wird, ohne dass die Schulbibliothek selber sich verändern will.

  • Die Schulbibliothek könnte Vorstellungen davon haben, wie sie sich entwickeln möchte, indem sie zum Beispiel bestimmte Angebote auf- oder ausbaut, und dabei die Unterstützung der Öffentlichen Bibliothek einfordern.

  • Die Schulbibliothek könnte als langfristiges Ziel die Eingliederung in das Öffentliche Bibliothekswesen anstreben, auch indem sie dem Grundmodell einer kleinen Stadtteilbibliothek folgt, und dabei die Unterstützung der Öffentlichen Bibliothek einfordern.

2.1 Schulbibliothekarische Arbeitsstellen

In der bibliothekarischen Literatur zu Schulbibliotheken werden des Öfteren schulbibliothekarische Arbeitsstellen und zum Teil auch andere Einrichtungen, die Schulbibliotheken unterstützen sollen – insbesondere Staatliche Fachstellen –, besprochen. In der Realität gibt es nur wenige dieser Stellen, wobei eine Anzahl von ihnen auch eingestellt wurde. Insbesondere in den 1970er Jahren – als im Rahmen der damaligen Debatten um eine Bildungsreform beim Institut für Jugendbuchforschung in einem Projekt versucht wurde, Beratungsstrukturen für den Ausbau eines Schulbibliothekssystems in Westdeutschland aufzubauen und unter anderem mit den Informationen für den Schulbibliothekar (1972-1974) und der darauf folgenden schulbibliothek aktuell (1975-2000) eine Zeitschrift für die fachliche Diskussion über Schulbibliotheken geschaffen wurde – gab es eine Debatte über die tatsächlichen Aufgaben solcher Arbeitsstellen. Obgleich während dieser Debatte teilweise differenzierte Modelle für Schulbibliothekarische Arbeitsstellen vorgelegt wurden,13 hat sich dennoch keine allgemein geteilte Aufgabenpalette oder Aufgabenbeschreibung etabliert.14 Dies änderte sich auch nicht, als es in den frühen 1990er Jahren in den neuen Bundesländern zur Neugründung dieser Arbeitsstellen – von denen allerdings die meisten relativ schnell eingestellt wurden – kam.15

Vielmehr haben sich auch die jeweiligen Schulbibliothekarischen Arbeitsstellen der jeweiligen Situation vor Ort, sowohl im jeweiligen Öffentlichen Bibliothekswesen als auch in den Schulen und Schulbibliotheken, die betreut werden, angepasst.

  • Eine relativ kleine Anzahl von Schulbibliothekarischen Arbeitsstellen betreibt selber Schulbibliotheken, teilweise mit, teilweise ohne die Unterstützung von anderem Schulbibliothekspersonal.

  • Einige Arbeitsstellen treiben aktiv den Aufbau von Schulbibliotheken voran, wobei sie teilweise die Eingliederung in das Öffentliche Bibliothekswesen anstreben, teilweise die Entscheidung über das Grundmodell den jeweils in einer Schule engagierten überlassen.

  • Eine offenbar größere Zahl übernimmt einzelne bibliothekarische Arbeitsschritte für Schulbibliotheken, wie die Katalogisierung oder das Einarbeiten von Medien.

  • Ebenso werden oft Beratungen zum Bestandsaufbau und zur Bestandsauswahl sowie die Blockausleihe von Beständen für Schulbibliotheken von den Arbeitsstellen angeboten.

  • Selten stellen die Arbeitsstellen offenbar explizit Kontakte zwischen Schulbibliotheken her, wobei auch hier mehrere Formen – zwischen einmaligen Kontakten bis hin zu regelmäßigen Arbeitstreffen – vorzufinden sind.

  • Interesssanterweise ist in Deutschland der Begriff „schulbibliothekarische Arbeit“ nicht auf Schulbibliotheken beschränkt, sondern wird teilweise auch für die direkte Arbeit von Öffentlichen Bibliotheken für Lehrerinnen, Lehrer, Schülerinnen und Schüler verwandt. Nicht selten sind solche Angebote wie Klassenführungen, Klassensätze oder Bibliotheksralleys dem Aufgabenfeld Schulbibliothekarischer Arbeitsstellen zugeordnet.

  • Weiterhin ist es nicht selbstverständlich, dass Schulbibliothekarische Arbeitsstellen dem jeweiligen örtlichen Bibliothekssystem zugeordnet sind. Arbeitsstellen befinden sich ebenso bei lokalen Schulämtern.

Nichtsdestotrotz werden offenbar die meisten existierenden Schulbibliotheken nicht von Schulbibliothekarischen Arbeitsstellen oder vergleichbaren Einrichtungen des Öffentlichen Bibliothekswesens erreicht. Während in den 1970er Jahren die Vorstellung in der bibliothekarischen Fachliteratur vorherrschte, dass eine solche Betreuung für all die Schulbibliotheken, die nicht – bzw. wie es im damaligen Fortschrittsverständnis oft hieß, noch nicht – von bibliothekarisch ausgebildetem Personal betrieben würden, notwendig wäre, kann man aufgrund der Erfahrung, dass viele Schulbibliotheken sogar die Schließung solcher Arbeitsstellen überlebten oder auch ohne einen Kontakt mit ihnen auskam, die These aufstellen, dass Schulbibliothekarische Arbeitsstellen zwar mögliche Einrichtungen an der Schnittstelle von Bibliotheks- und Schulwesen darstellen, aber zumindest bislang nicht unbedingt notwendig sind.

Wichtig für die hier skizzierte Arbeit ist, dass man für die Frage, welche Angebote die Öffentlichen Bibliotheken für Schulbibliotheken vorhalten könnten, auf die Erfahrungen der existierenden Schulbibliothekarischen Arbeitsstellen sowie die in der Literatur niedergelegten Vorstellungen und Erfahrungen aus deren Arbeit zurückgreifen kann. Eine kleine Anzahl dieser Arbeitsstellen existierte mehrere Jahre, teilweise Jahrzehnte. Insoweit kann man davon ausgehen, dass sich eine Erfahrungsmenge aufgebaut hat, obgleich vorauszusehen ist, dass ein großer Teil des in diesen Arbeitsstellen produzierten Wissens nicht verschriftlicht und somit in weiten Teilen – wie gesagt wurden weit mehr Arbeitsstellen wieder geschlossen, als sich heute finden lassen – verloren ist. Allerdings könnten Archivrecherchen noch Unterlagen dieser Einrichtungen zu Tage fördern.

2.2 Modelle von Schulbibliotheken

Auf der Grundlage der verfügbaren Daten über die real zwischen 2008-2010 in Berlin existierenden Schulbibliotheken wurden in einer früheren Arbeit fünf Modelle von Schulbibliotheken identifiziert.16 Diese Modelle wurden auf einer relativ unsicheren empirischen Basis als Idealtypen formuliert, die bislang nicht getestet wurden. Allerdings ermöglichen diese Modelle, das Vorhandensein und Funktionieren miteinander kaum vergleichbarer Schulbibliotheken in einem Schulsystem zu erklären. Sie widersprechen allerdings auch der Vorstellung, dass einheitliche Standards für Schulbibliotheken aufgestellt werden könnten.

Die fünf Modelle gliedern sich wie folgt:

  • Modell Schulbibliothek als Ort des guten Unterrichts, die Einrichtungen beschreiben, welche explizit in ihrer räumlichen Ausstattung und ihrem Bestand daraufhin ausgerichtet sind, die unterschiedlichen Unterrichtsfächer zu unterstützen und gleichzeitig einen Ort zu bieten, an welchem Unterricht stattfinden kann.

  • Modell Schulbibliotheken als Lese-Lern-Räume, die sich explizit auf die Unterstützung des Lesens orientieren, was sich ebenfalls im Bestand, der räumlichen Ausstattung und den möglicherweise vorhandenen Angeboten niederschlägt.

  • Modell Schulbibliotheken als Offene Lernräume, die das selbstständige Lernen der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt stellen.

  • Modell Schulbibliotheken als schulfreie Räume, die sich als zensurenfreier Freizeitraum verstehen und sich deshalb kaum oder gar nicht auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler fokussieren.

  • Modell Schulbibliotheken als kleine Stadtteilbibliotheken, die hauptsächlich als anzustrebendes Modell aus der Sicht Öffentlicher Bibliotheken zu bezeichnen und – zumindest in der Großstadt Berlin – kaum nachzuweisen sind.

In der hier skizzierten Arbeit wird davon ausgegangen, dass diese Modelle – trotz ihrer bislang schlechten empirischen Basis – eine gute Ausgangsbasis darstellen, um die möglichen Angebote und Dienstleistungen, welche Schulbibliothek von Öffentlichen Bibliotheken wünschen, zu strukturieren. Es soll – zumindest als These – davon ausgegangen werden, dass sich diese Modelle auch in den Anforderungen der Schulbibliotheken an andere Einrichtungen niederschlagen werden.

2.3 Abgeleitete Angebote Öffentlicher Bibliotheken für Schulbibliotheken

In der Literatur zu Schulbibliotheken ist so gut wie nicht ersichtlich, wie Schulbibliotheken mit Öffentlichen Bibliotheken zusammenarbeiten. Die einzige Ausnahme bieten Schulbibliotheken, die von Öffentlichen Bibliotheken betrieben werden. Ansonsten finden sich – insbesondere von der Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle Frankfurt am Main17 – einige Hinweise zu dieser Frage. Allerdings sind auch die Konzepte der meisten Schulbibliothekarischen Arbeitsstellen daraufhin ausgerichtet, dass Schulbibliothek sich möglichst eng am Vorbild Öffentlicher Bibliotheken orientieren. Dies bedeutet, dass die Mehrzahl der Schulbibliotheken welche in Deutschland existieren und deren mögliche Schnittstellen zu Öffentlichen Bibliotheken, in der bibliothekarischen Literatur nicht beachtet werden.18

In der hier skizzierten Arbeit soll eine Übersicht zu den realen Anforderungen von Schulbibliotheken erstellt werden. Dies wird, trotz der Erfahrungen aus den Schulbibliothekarischen Arbeitsstellen, erst nach der weiter unten vorgeschlagenen Forschung geschehen können. Dennoch ist es möglich, eine große Anzahl von möglichen Angeboten zu benennen, die sich ergeben:

  1. Aus der bisherigen Arbeit von Schulbibliothekarischen Arbeitsstellen.

  2. Aus Äußerungen von Schulbibliotheken bzw. schulbibliothekarischem Personal die in der Literatur, auf Treffen von schulbibliothekarisch Engagierten sowie in informellen Gesprächen mit dem Autor getätigt wurden.

  3. Aus einer Systematisierung bisher vorhandener Daten.

Diese Angebote werden selbstverständlich unvollständig sein und zudem einen starken Bias in Richtung des Modells Kombinierte Schul- und Öffentliche Bibliothek bzw. der Schulbibliothek als kleiner Stadtteilbibliothek haben. Dennoch werden sie für die Erkundung des Untersuchungsfeldes, insbesondere des Erstellens eines Fragebogens sinnvoll sein. Unter Beachtung dieser Einschränkungen kann man folgende, zudem sinnvoll geclusterte, Liste erstellen:

  • Bestand

    • Bücher- / Medienboxen

    • Überlassung

    • Blockausleihe

    • rotierender Bestand

  • Infrastruktur

    • Katalogisierung (ist das überhaupt notwendig?)

    • Medienbearbeitung

    • Personal

  • Beratung, Weiterbildung

    • Bestandsaufbau

    • Erfahrungen

    • Hilfsmittel

    • Abwicklung

  • Haltung / Habitus der Schulbibliothek gegenüber den Öffentlichen Bibliotheken

    • in Ruhe gelassen werden“

    • gleichberechtigt als bibliothekarischen Einrichtung wahrgenommen werden

    • als Einrichtung in einer Schule wahrgenommen werden

    • als Einrichtung, die unterstützt werden soll, wahrgenommen werden

    • die SuS in den Mittelpunkt stellen

  • Vernetzung / Zusammenarbeit

    • regelmäßig / unregelmäßige Treffen

    • AnsprechpartnerInnen

    • Vernetzung zu anderen Schulbibliotheken organisieren (Netzwerke)

    • Absprache in der Beziehung Schule-Bibliothek-Schulbibliothek

Trägt man diese Liste und die bislang gebildeten Modelle von Schulbibliotheken zusammen, ergibt sich folgende Tabelle. In dieser können – ebenfalls als Thesen – sich zumindest einige Kombinationen als möglich oder nicht möglich abgetragen werden. Diese Möglichkeiten ergeben sich hauptsächlich aus den Modellen der Schulbibliotheken. Sichtbar wird damit, dass zumindest theoretisch die unterschiedlichen Modelle von Schulbibliotheken auch unterschiedliche Anforderungen an die mögliche Unterstützung von Seiten der Öffentlichen Bibliotheken implizieren.

Diese Tabelle kann ebenfalls als Vorgriff auf die erwartbaren Ergebnisse der hier skizzierten Forschung angesehen werden. Die letztlich erhobenen Ergebnisse werden mit hoher Wahrscheinlichkeit differenzierte Aussagen über die Anforderungen von Schulbibliotheken an Öffentliche Bibliotheken ermöglichen, außerdem weitere Formen der potentiellen Unterstützungsleistungen enthalten. Grundsätzlich wird die Form der sinnvollen Datenpräsentation aber eine ähnliche sein.

3. Forschungsfrage

Grundsätzlich soll in der hier skizzierten Arbeit gefragt, welche Anforderungen reale Schulbibliotheken in Deutschland an das Öffentliche Bibliothekswesen haben. Dabei werden Schulbibliotheken als eigenständige Einrichtungen wahrgenommen. Die Forschung wird größtenteils im Land Berlin stattfinden, da für dieses Daten vorhanden sind, auf deren Grundlage eine Vollerhebung der Schulbibliotheken versucht werden kann.

4. Methoden und Forschungsplan

Hauptinstrument der Forschung wird ein Fragebogen zu den Wünschen und Vorstellungen der Schulbibliotheken sein, welcher möglichst an alle Schulbibliotheken im Land Berlin verteilt werden soll.

  1. Der Fragebogen soll aufgrund der bislang publizierten Erfahrungen und Planungen zur Zusammenarbeit von Öffentlichen Bibliotheken und Schulbibliotheken entworfen werden.

  2. Weiterhin soll im Vorfeld eine Reihe von Expertinnen- und Experteninterviews zu diesem Themenbereich geführt werden. Hierfür bieten sich Personal aus den Schulbibliothekarischen Arbeitsstellen und ähnlichen Einrichtungen sowie Aktive aus Schulbibliotheksnetzwerken, beispielsweise den Landesarbeitsgemeinschaften an. In diesen Gesprächen soll vor allem herausgearbeitet werden, welche Schnittstellen zwischen den Öffentlichen Bibliotheken und Schulbibliotheken tatsächlich bestehen und welche Erfahrungen zur sinnvollen aber auch zu gescheiterten Zusammenarbeiten vorliegen.

  3. Der Fragebogen soll so konzipiert werden, dass er einerseits Auskunft über die grundlegenden Vorstellungen, die in den Schulbibliotheken über die eigenen Ziele und Möglichkeiten vertreten werden sowie dem grundsätzlich gefolgten Modell erteilt und andererseits Aussagen über die möglichen, gewünschten und tatsächlichen Schnittstellen zu Öffentlichen Bibliotheken und die Anforderungen der Schulbibliotheken an die Öffentlichen Bibliotheken möglich werden. Geplant ist eine Vollerhebung der Schulbibliotheken in Berlin, obgleich absehbar ist, dass nicht alle Schulbibliotheken antworten werden.

  4. Geplant ist, ein Pre-Test des Fragebogens in einer Anzahl von Schulbibliotheken in Brandenburg durchzuführen. Dadurch soll ausgeschlossen werden, dass Schulbibliotheken sowohl am Pre-Test als auch an der tatsächlichen Befragung teilnehmen. Schulbibliotheken in Brandenburg bieten sich zudem wegen der räumlichen Nähe zu Berlin an, so dass die Pre-Tests ohne größere Probleme mit Befragungen in den Schulbibliotheken verbunden werden können. Gleichzeitig besteht mit der Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken Berlin-Brandenburg ehedem ein organisatorischer Zusammenhang zwischen den Schulbibliotheken beider Bundesländer. So die Landesarbeitsgemeinschaft zur Mitarbeit bewegt werden kann, wäre es möglich, die Einrichtungen für den Pre-Test über sie anzusprechen.19

  5. Wie erwähnt stellt der Autor seit 2008 regelmäßig über die Schulhomepages jährlich einmal eine Sammlung der existierenden Schulbibliotheken in Berlin zusammen.20 Auf diese Daten kann für die Verschickung der Fragebögen zurückgegriffen werden. Geplant ist die Verschickung in mehreren Wellen und Medienformen. In einer ersten Welle sollen die Schulbibliotheken oder, wenn keine andere Kontaktmöglichkeit gegeben ist, die Schulen per Mail gebeten werden, an der Umfrage teilzunehmen. Dabei wird auf die Schulferien und die besonderen Belastungszeiten im Schuljahr zu achten sein. Zu erwarten ist, dass eine Zahl von Rückmeldungen auf andere Kontaktmöglichkeiten oder Zuständigkeiten hinweisen werden. Diese sollen als Nacherhebung angeschrieben werden. In einer zweiten Welle sollen nach dem Überschreiten einer Deadline diejenigen Einrichtungen, die nicht geantwortet haben, noch einmal per Mail angeschrieben werden. Nach dem Überschreiten einer dritten Deadline soll an die nicht antwortenden Einrichtungen der Fragebogen, um eine gewisse Dringlichkeit zu symbolisieren, postalisch verschickt werden.

  6. Der Fragebogen soll eine möglichst große Zahl an offenen Fragen beinhalten. Diese erschweren immer die Auswertung der gesammelten Daten, ermöglichen aber gleichzeitig eine größere Bandbreite an Antwortmöglichkeiten. Da es sich bei dieser Forschung um die erste Erschließung des Feldes Schulbibliotheken in Deutschland in dieser Breite handeln würde, wäre ein Vorgehen mit weitgehend standardisierten Fragestellungen nicht zielführend.

  7. Der Auswertung der Fragebögen soll eine Anzahl von vertiefenden Interviews mit Aktiven in Schulbibliotheken folgen. Diese sollen dem Prinzip der größtmöglichen Erkenntnispotentiale und Kontraste (im Sinne des theoretisches Sampling, wie es in der Grounded Theory benutzt wird) auf der Grundlage der Antworten in den Fragebögen folgend ausgewählt werden. Ziel der Auswertung wird es sein a.) die unterschiedlichen als sinnvoll erachteten Leistungen von Öffentlichen Bibliotheken für Schulbibliotheken zu erfassen, sinnvoll zu clustern und auch nach Häufigkeiten zu ordnen, b.) aus den Antworten durch Inhaltsanalysen Tendenzen der gewünschten Unterstützungsleistungen und, wenn dies möglich ist, der Arbeitsweisen und Vorstellungen, die in Schulbibliotheken betrieben werden, abzuleiten, c.) Felder und potentielle Angebotsformen herausarbeiten, die nicht oder kaum angesprochen werden.

  8. Die Forschung soll auch Auskunft darüber geben, ob sich die Forschungsmethode der Fragebögen für die Forschung über Schulbibliotheken eignet und für zukünftige Forschungen sinnvoll wäre.21

Die abschließende Auswertung der gesammelten Daten soll die Anforderungen von Schulbibliotheken an Öffentliche Bibliotheken systematisieren, eine Hinweis darauf liefern, ob die gebildeten Modelle von Schulbibliotheken sinnvoll sind oder gegebenenfalls ergänzt oder transformiert werden müssen. Zudem soll zumindest ansatzweise thematisiert werden, welche Voraussetzungen auf Seiten der Öffentlichen Bibliotheken gegeben sein müssen, falls sie Angebote entwickeln wollen, um auf diese Anforderungen zu reagieren.

5. Erwartbare Ergebnisse

Die Arbeit soll einen Einblick in die tatsächlichen Praktiken und Vorstellungen, die in Schulbibliotheken vorherrschen, liefern. Das dazu vorhandene Wissen ist bislang im besten Fall als anekdotisch zu beschreiben. Es stammt zumeist aus informellen Gesprächen oder aber aus Schulbibliotheken, die in der bibliothekarischen und der pädagogischen Literatur vorgestellt werden. Allerdings sind diese Bibliotheken zumeist sehr speziell und repräsentieren mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Gesamtheit der Schulbibliotheken in Deutschland. Auch informelle Gespräche, die beispielsweise auf Schulbibliothekstagen geführt werden können, haben zumeist den Bias, dass die dort Anwesenden Engagierten einer Selbstselektion unterliegen. Es sind vor allem diejenigen, die, im Rahmen der ehedem schon gesonderten gesellschaftlichen Gruppe der Engagierten, überdurchschnittlich engagiert sind.

Andere Umfragen aus dem Bibliothekswesen, beispielsweise jährlich in Sachsen-Anhalt, 2007/2008 in Schleswig-Holstein oder auf lokaler Ebene, beziehen sich zum größten Teil auf statistisch abzufragende Werte. In der hier skizzierten Arbeit sollen hingegen die Einstellungen der Engagierten und die Zielvorstellungen der Schulbibliotheken im Vordergrund stehen. Dies scheint in dieser Größe bislang nicht unternommen worden zu sein.

Weiterhin werden die Ergebnisse für das Öffentliche Bibliothekswesen eine praktische Bedeutung haben, da sie die tatsächlich vorhandenen Anforderungen aus Schulbibliotheken darstellen und somit die Abschätzung der Sinnhaftigkeit von Angeboten für Schulen und Schulbibliotheken sowie die Projektionierung weiterer sinnhafter Angebote ermöglichen wird. Bislang sind die Öffentlichen Bibliotheken bei solchen Planungen auf den engen Kontakt mit den Schulbibliotheken vor Ort, welcher allerdings oft nicht als Teil der Arbeitszeit des Personals eingeplant ist, oder auf Vermutungen angewiesen. Die skizzierte Arbeit soll einen Katalog von möglichen Unterstützungsleistungen inklusive einer Gewichtung der Erwartungen erstellen, der sich aus einem weit größeren Pool von Schulbibliotheken speist. Die Ergebnisse dieser Arbeit können also aller Voraussicht nach helfen, die Praxis Öffentlicher Bibliotheken zu informieren.

Zudem sollen die Ergebnisse ermöglichen, im Bibliothekswesen eine fundiertere Debatte über die Stellung von Öffentlichen Bibliotheken zu Schulbibliotheken zu führen. Wie aufgezeigt wurde, gehen die meisten Konzepte der letzten Jahrzehnte davon aus, dass Schulbibliotheken letztlich von Öffentlichen Bibliotheken angeleitet oder diesen sogar unterstellt werden müssten. Hingegen zeigen die Daten, dass Schulbibliotheken relativ unabhängig von den Zielvorgaben des Öffentlichen Bibliothekswesens funktionieren.22 Mit dieser Arbeit soll auch die Grundlage für eine Debatte darüber geliefert werden, ob die Schulbibliotheken nicht sinnvollerweise eher als institutionelle Einrichtungen, die in ihrer spezifischen Arbeit unterstützt werden müssten, verstanden werden können. Dies würde eine andere Konzeption des Verhältnisses von Öffentlichen Bibliotheken und Schulbibliotheken ermöglichen, welche unter Umständen der realen Situation angemessener sein könnte.

 

Literatur

Anonym. (1972). Dokumentation zum Schulbibliotheksplan der Stadt Osnabrück. Informationen für den Schulbibliothekar, (2), 12-27.

Appel, S. (2009). Handbuch Ganztagsschule : Praxis, Konzepte, Handreichungen (6. Aufl.). Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag.

Braun, G. (1993). Das Schulbibliothekssystem der Stadtbücherei Landshut. schulbibliothek aktuell, 19(1), 27-35.

Breithaupt, R. (1975). Schulbibliothekarische Arbeitsstellen: Aufgaben – Planung – Arbeitsweise / Erläutert am Modellversuch Frankfurt. Buch und Bibliothek, 27, 201-207.

Buchholz, E. (1976). Konkrete Forderungen und Aufgaben der Schulbibliothekarischen Arbeitsstellen. Buch und Bibliothek, 28, 52-54.

Elstner, R. (1994). Der Aufbau des Leipziger Schulbibliotheksnetzes. Buch und Bibliothek, 46(6/7), 552-556.

Frank, D. (1990). Das Schulbibliothekssystem in Ingolstadt. schulbibliothek aktuell, 16(1), 34-39.

Heyde, K., Jouly, H., Kirchner, C., & Kurschat-Zenkel, B. (1983). Zeichen, Akzente, Ideen : Veränderungen in der Aufgabenstellung staatlicher Fachstellen für das öffentliche Bibliothekswesen in Baden-Württemberg. Buch und Bibliothek, 35(3), 210-218.

Lange-Bohaumilitzki, I. (2011). Auswirkungen von Schulbibliotheken auf Unterrichts- und Lernentwicklungen in Hamburger Schulen: Eine Evaluation der Universität Hamburg in Kooperation mit dem Landesinstitut für Lehrerebildung und Schulentwicklung. BuB, 63(3), 182-183.

Schiberna, A. (2000). Ingolstadt: Ein Jahr Schulmedienzentrale : Die Fusion hat sich gelohnt – und wie! schulbibliothek aktuell, 26(3), 293-294.

Schuldt, K. (o. J.). Interview mit Günter Schlamp. LIBREAS Podcast 11. Abgerufen von http://www.ib.hu-berlin.de/~libreas/libreas_neu/podcast/podcast_11/index.html

Schuldt, K. (2010). Schulbibliotheken in Berlin 2008-2010: Übersicht zu den grundsätzlichen Entwicklungen und der Anzahl der Schulbibliotheken in Berlin. Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Berlin: Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.

Schuldt, K. (2011). Neue Steuerung im Schulwesen: Möglichkeitsräume für Öffentliche Bibliotheken. BuB, 63(3), 174-177.

Seume, U. (1985). Einrichtung und Betreuung kleinerer Schulbibliotheken: Planungen und Erprobungen der Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle in Weinheim/Bergstraße. dbi-materialien. Berlin: Deutsches Bibliotheksinstitut.

Wolf, S., & Schuldt, K. (2011). Praxisbuch Schulbibliotheken. Praxisreihe Ganztagsschulen. Schwalbach / Ts. Wochenschau Verlag.

 

Fußnoten 

1 Hier ist auch an Schulbibliotheken zu denken, die ehemals als Außenstellen von Öffentlichen Bibliotheken betrieben und anschließend in die Obhut von Schulen übergeben wurden. Die in vielen Schulen mit solchen Einrichtungen vorzufindende Einschätzung, dass diese Einrichtungen in absehbarer Zeit nicht wieder ins das Öffentliche Bibliothekssystem aufgenommen werden, ist aufgrund dieser Erfahrungen nachvollziehbar. Deshalb stellt sich für diese Einrichtungen verstärkt die Frage, warum diese sich überhaupt an bibliothekarischen Vorstellungen orientieren sollten, schließlich wurden sie explizit – wenn auch oft aus fiskalischen und nicht aus bibliothekarischen Gründen – aus den bibliothekarischen Netzen entfernt.

2 Es geht dabei hier nicht darum, eine Aussage darüber zu treffen, ob diese Situation positiv zu bewerten ist und ob eine Alternative – wobei auch hier mehrere denkbar sind, nicht nur die Eingliederung in das Bibliothekssystem, sondern zum Beispiel auch in das Schulsystem oder das System der Kinder- und Jugendhilfe – sinnvoll wäre. Dies wäre überhaupt erst möglich, wenn weithin geteilte Zielsetzungen von Schulbibliotheken formuliert wären, was realistisch gesehen nicht in einem absehbaren Zeitraum geschehen wird. Allerdings kann darauf verwiesen werden, dass sich Schulbibliotheken in Deutschland vorrangig als den Schulen und Schulprofilen untergeordnete Einrichtungen entwickelt haben, die zudem oft einen großen Freiraum für bürgerschaftliches Engagement eröffnen, zu einem kleinen Teil aber auch direkt dem Bibliothekssystem zugehörig sind. Diese Situation hat sich immerhin als so tragfähig erwiesen, dass sie beständig reproduziert und nur von einem – allerdings augenscheinlich größer werdenden – Teil der in und für Schulbibliotheken Engagierten als so veränderungswürdig angesehen wird, dass sich auch für eine Veränderung engagiert wird.

3 In den bei Lange-Bohaumilitziki (2011) und Seume (1985) dargelegten Konzepten wird demgegenüber postuliert, dass erfolgreiche Schulbibliotheken von Öffentlichen Bibliotheken angeleitet werden müssten und diesen deshalb zu unterstehen hätten. Gleichwohl wird in beiden Texten bemerkt, dass diese Vorstellung nicht von allen Schulen geteilt wird.

4 In der Literatur quasi gar nicht diskutiert ist die Möglichkeit, dass Schulbibliotheken auch direkt die Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern in den einzelnen Schulen unterstützen, beispielsweise durch das Bereithalten von pädagogischer Literatur. In der Realität gibt es in einer kleinen Zahl von Schulbibliotheken auch solche Bestände.

5 Zudem existieren ähnliche Formen der Zusammenarbeit mit explizit beauftragten Stellen in den jeweiligen Schulämtern, beispielsweise mit der Schulbibliothekarischen Arbeit im Schulamt Treptow-Köpenick von Berlin oder der Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle im Schulamt Leipzig.

6 Allerdings muss angemerkt werden, dass es solche Neugründungen auch in den Jahrzehnten zuvor schon gab. Ein Großteil dieser Neugründungen – die beispielsweise in den Ausgaben der zwischen 1975 und 2000 erschienenen Zeitschrift schulbibliothek aktuell relativ regelmäßig angekündigt wurden, zumeist als Schulbibliothekarische Arbeitsstelle – hat seine Tätigkeit wieder eingestellt. Leider liegen keine ausreichenden Berichte über die Erfahrungen dieser Gründungen vor, obgleich diese für eine Neukonzipierung von Angeboten für Schulbibliotheken, die immer wieder in Öffentlichen Bibliotheken angegangen werden, interessant wären.

7 Insoweit bieten sich als soziologische Modelle einer Forschung zu Schulbibliotheken die Systemtheorie und die Theoreme der losen Koppelung an.

8 Vgl. Appel / Rutz (2009).

9 Beispielsweise gehen einige Schulbibliotheken davon aus, dass sie als offene Räume in den Schulpausen als Sozialort genutzt werden müssen, was auch eine gewisse Lautstärke herrscht, während andere Einrichtungen aus Prinzip darauf, dass sie als Leseraum beständig darauf achten müssten, eine Ruhe zu bewahren, die ansonsten – nicht immer zu Recht – wissenschaftlichen Bibliotheken zugeschrieben wird.

10 Vgl. Schuldt (2011). Dies funktioniert weder automatisch noch in allen Schulen. Insbesondere, dass Schulbibliotheken auch „einschlafen“, also geschlossen werden, ohne das dies beklagt wird, weißt darauf hin, dass die Funktionalität der jeweiligen Einrichtung in der individuellen Schule nicht immer ausgeprägt wird. Auch existierende Schulbibliotheken befinden sich teilweise in einer prekären Situation in ihrer Schule, teilweise sogar im Streit mit dieser. Das harmonische Miteinander von Schule und Schulbibliothek, welches auch in der Literatur zu Schulbibliotheken oft implizit vorausgesetzt wird und welches aller Erfahrung nach für die längerfristige Existenz von Schulbibliotheken essentiell ist, findet sich nicht überall.

11 Vgl. noch einmal wegen der dort unmissverständlich vorgebrachten Forderung Seume (1985) und Lange-Bohaumilitziki (2011).

12 Vgl. Frank (1990), Braun (1993), Schiberna (2000),

13 Vgl. Anonym (1972),Breithaupt (1975), Buchholz (1976), Heyde et al. (1983), Elstner (1994).

14 In der DDR wurde eine ähnliche Debatte in den 1960er Jahren geführt, wobei die Situation nicht nur aus politischen Gründen eine andere war. Es gab in den Jugendgesetzen der DDR in den 1950er und 1960er Jahren Vorgaben, dass in jeder Schule eine Schülerbücherei existieren sollte. Die Debatte konzentrierte sich auf die Frage, wie dieses Ziel erreicht werden könnte – was offenbar niemals vollständig gelang – und ob dabei Schülerbüchereien unter der Obhut der Schulen oder Kinderbibliotheken stehen sollten. Bei letzterer Lösung – die unter dem Namen „Zwickauer Weg“ diskutiert wurde – sollten die Kinderbibliotheken ähnliche Aufgaben übernehmen, wie es dann später die Schulbibliothekarischen Arbeitsstellen tun sollten. Allerdings lassen sich zu dieser Debatte bislang zu wenig Beiträge nachweisen, um diese weiter einzubeziehen.

15 In einer im Vorfeld dieser Arbeit durchgeführten Recherche wurde ersichtlich, dass sich in deutschsprachigen bibliothekarischen Publikationen Meldungen aus und zu Schulbibliothekarischen Arbeitsstellen vor allem in den 1980er Jahren finden lassen, als insbesondere in Nordrhein-Westfalen eine Anzahl dieser Einrichtungen begründet wurde, welche allerdings fast ausnahmslos für die 1990er Jahre schon nicht mehr nachzuweisen sind.

16 Schuldt (2010). Daten für das Jahre 2011 liegen ebenfalls vor.

17 Jordan-Bonin (1999).

18 In der praktisch-pädagogischen und der erziehungswissenschaftlichen Literatur werden zwar des Öfteren Schulbibliotheken besprochen, die sich nicht direkt am Modell Öffentlicher Bibliotheken anlehnen. Allerdings wird in solchen Texten die Zusammenarbeit mit Öffentlichen Bibliotheken praktisch nicht thematisiert.

19 Der Zugang zur Landesarbeitsgemeinschaft wird für den Autor über persönliche Kontakte höchstwahrscheinlich möglich sein.

20 Zu den Grenzen der Datenerhebung und die Besprechung anderer möglicher Formen der Datenerhebung siehe Schuldt (2010).

21 Anekdotisch wird aus Öffentlichen Bibliotheken, die auf lokalen Ebene Daten von Schulbibliotheken erheben, berichtet, dass sich viele ihrer Fragebögen für die Schulbibliotheken als zu schwierig herausstellen und weniger bzw. gar nicht beantwortet werden, wenn sie eine gewisse Komplexität erreichen. Allerdings kann dies auch daran liegen, dass die Fragebögen in der Wahrnehmung der Schulbibliotheken zu sehr auf bibliothekarische Terminologie und Konzepte ausgerichtet sind. Auch hierzu liegen bislang keine Erkenntnisse vor.

22 Vgl. Schuldt (o.J.), Wolf / Schuldt (2011).

Forschungen zur Schulsozialarbeit als Vorbild für Schulbibliotheksforschung

Die Forschungen über die Schulsozialarbeit können unter anderem als Vorbild für Forschungen über Schulbibliotheken dienen. Es scheint im Bibliothekswesen kaum bekannt zu sein, welches Wachstum dieses Feld der Sozialarbeit und die dieses Feld untersuhende Forschung in den letzten zehn bis zwanzig Jahren zu verzeichnen hatte. Dieser Text soll zumindest die Grundzüge umreißen. Dabei geht es nicht um die Schulsozialarbeit selber – die selbstverständlich wichtig ist, aber wohl auch einer Einführung in die Theorie und Praxis der Soziale Arbeiten bedürfen würde, um nachvollziehbar dargestellt werden zu können – sondern darum, dass zu dieser Praxis Untersuchungsdesigns erarbeitet und Forschungsdesigns erprobt wurden, welche unter gewisser Anpassung auch für eine Forschung zu Schulbibliotheken adaptiert werden könnte. Mir scheint, dass es bei allen Differenzen auch erstaunlich ähnliche Strukturen in der Schulsozialarbeit und den Schulbibliotheken zu geben scheint.

Durchsetzung der Schulsozialarbeit in den letzten 20 Jahren

Schulsozialarbeit ist zuerst einmal als Soziale Arbeit in Schulen zu verstehen. Allerdings greift das etwas kurz. Es handelt sich nicht um Soziale Arbeit, die von außen für und an Schulen geleistet wird, sondern um Soziale Arbeit, die direkt strukturell in der Schule, als Bestandteil der Schule und im Schulgebäude verankert ist. Der Unterschied ist ungefähr der wie der zwischen Arbeit Öffentlicher Bibliotheken für Schulen und Schulbibliotheken, die in Schulen verankert sind.

Karsten Speck – jetzt Professor am Institut für Pädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, früher in Potsdam –, der neben seinem häufigen Publikationspartner Thomas Olk von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg den deutschsprachigen wissenschaftlichen Diskurs zur Schulsozialarbeit in weiten Teilen dominiert, verweist darauf, dass das Wachstum der Schulsozialarbeit als eigenständigem Zweig der Sozialen Arbeit auf drei grundlegenden Entwicklungen beruhte (Speck, 2007):

  1. Die Öffnung der Schulen für außerschulische Partner im Rahmen der Schulreformen, die in Deutschland in den 1990er Jahren begannen. Diese programmatische Öffnung nach innen und außen, verbunden mit der Aufforderung zur ständigen Schulentwicklung, ermöglichte die zunehmende Etablierung außerunterrichtlicher Einrichtungen in Schulen.

  2. Die Rücknahme der radikalen Schulkritik in der Sozialen Arbeit. Es gab und gibt eine Kritikströmung in der Sozialen Arbeit, welche die Schule hauptsächlich als Zwangseinrichtung begreift und soziale Probleme der Schülerinnen und Schüler der Organisationsform der Schulen zuschreibt. Neben dieser Strömung haben sich allerdings Strömungen durchgesetzt, die zwar weiter eine Distanz zur Schule halten, aber diese auch als Sozialraum mit unterschiedlichen Potentialen wahrnimmt; in gewisser Weise also akzeptieren, dass nicht nur die Soziale Arbeit, sondern auch die Schule, beziehungsweise die Lehrerinnen und Lehrer (und weitere Personen), das Beste für die Schülerinnen und Schüler wollen.

  3. Die Transformation der Schulsysteme in den neuen Bundesländern (und Berlin), welche eine Dynamik in Gang setzte, die auch in auf andere Schulsysteme (in diesem Fall namentlich der Deutschschweiz und der alten Bundesländer in Deutschland) indirekte Auswirkungen hatte. [1]

Das Zusammentreffen dieser drei Entwicklungen verband sich mit einem Diskurs, den Claudia Streblow (2005) als Differenzansatz beschreibt. Der Schule werden Differenzen zur Lebenswelt nachgewiesen oder auch nachgesagt, die sich aus der Struktur der Schule selber ergeben. Die Schule und insbesondere die Lehrerinnen und Lehrern seien nicht in der Lage, die gesamte Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler abzudecken, sie müssten es aber auch nicht. Die Bearbeitung dieser Differenz würde von der Schulsozialarbeit übernommen.

Selbstverständlich funktioniert diese Diskursstrategie nur, wenn sie auch von den Schulen und der Schulpolitik akzeptiert wird. Dadurch, dass die Soziale Arbeit sich als Partner der Schulen für die Bearbeitung eines akzeptierten Problems, welcher die Professionalität und Aufgabenzuschreibung der Lehrerinnen und Lehrer zugleich nicht angreift, darstellen konnte und zudem – dass der weitere Punkt – in den Feldprojekten auch Erfolge zeitigte, konnte sie sich in den meisten Schulen etablieren.

Insbesondere für die Deutschschweiz wird zudem immer wieder darauf hingewiesen, dass die Schulsozialarbeit zudem finanzielle Effekte hätte. Durch die Schulsozialarbeit würden Folgekosten (also beispielsweise für Heimeinweisungen) eingespart. [2]

Das interessante für den Bibliotheksbereich ist hierbei, dass die Schulsozialarbeit es über diesen Diskurs geschafft hat, sich in den Schulen zu etablieren, während die Bibliotheken in der gleichen Zeit nur ein sehr mäßiges Wachstum der Zusammenarbeit von Schulen und Bibliotheken verzeichnen konnten. Auch das nachweisbare Wachstum der Schulbibliotheken geht ja kaum auf das Öffentliche Bibliothekswesen zurück. Kooperationsverträge sind nun einmal etwas anderes, als Personal, dass direkt in Schulen angestellt und tätig ist. Offenbar ist die Defizitbeschreibung der Schulsozialarbeit drängender gewesen, als die der Bibliotheken, eventuell auch die nachgewiesene Akzeptanz der Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Nachweis von tatsächlichen oder angenommenen Erfolgen. [3]

Die Datenbasis ist in den einzelnen Bundesländern und – wie gesagt ist die Deutschschweiz auch von dieser Entwicklung betroffen und hat zudem in den Fachhochschulen für Soziale Arbeit Einrichtungen gefunden, die mehr oder minder regelmäßig zur Schulsozialarbeit forschen – Kantonen unterschiedlich, dennoch lässt sich der Trend zur Etablierung nicht abweisen. So können Vögeli-Mantorvani und Grossenbacher (2005) für die Deutschschweiz im Jahr 1998 16 Projekte der Schulsozialarbeit in 34 Schulen nachweisen und 2005 schon über 200. Im Sammelwerk von Karsten Speck und Thomas Olk (2010) wird zumindest für die gesamten Neuen Bundesländer in den Einzelbeiträgen bei allen, zumeist fiskalischen Schwierigkeiten, eine Etablierung der Schulsozialarbeit an Schulen aller Schulformen nachgewiesen.

Zur Definition und Aufgaben der Schulsozialarbeit

In den einzelnen Schulen ist die Schulsozialarbeit relativ unterschiedlich strukturiert, auch wenn es selbstverständlich immer Gemeinsamkeiten gibt. (Vgl. Baier / Heeg, 2011) Matthias Drilling versucht, das Feld mit folgendem Definitionsversuch zu fassen:

„Schulsozialarbeit ist ein eigenständiges Handlungsfeld der Jugendhilfe, das mit der Schule in formalisierter und institutionalisierter Form kooperiert. Schulsozialarbeit setzt sich zum Ziel, Kinder und Jugendliche im Prozess des Erwachsenwerdens zu begleiten, sie bei einer für sie befriedigenden Lebensbewältigung zu unterstützen und ihre Kompetenzen zur Lösung von persönlichen und / oder sozialen Problemen zu fördern. Dazu adaptiert Schulsozialarbeit Methoden und Grundsätze der Sozialen Arbeit auf das System Schule.“ (Drilling, 2009, S. 14)

„Schulsozialarbeit ist nicht einfach die Übertragung von Sozialer Arbeit in die Schule. Schulsozialarbeit ist innerhalb eines Systems tätig, das eigene Methoden und Verfahren entwickelt hat, wie es mit leistungsschwachen oder schulmüden Schülerinnen und Schülern umzugehen gedenkt. Diese Systemzusammenhänge gilt es zu kennen und in die Arbeit einzubeziehen.“ (ebenda, S. 144)

In dieser Definition werden einige wesentliche Grundzüge der Schulsozialarbeit benannt, die auch dann wichtig werden, wenn man sie versucht, zu Schulbibliotheken und die Zusammenarbeit von Öffentlichen Bibliotheken und Schulen zu parallelisieren:

  1. Schulsozialarbeit ist eine eigenständige Form der Jugendhilfe. Sie ist nicht einfach Übertragung der Jugendhilfe, sondern eine Reinterpretation der Aufgaben, Felder, Möglichkeiten, Zielsetzungen und Methoden der Jugendhilfe im schulischen Kontext. Sie ist, um es kurz zu fassen ein eigenständiger Typus der Jugendhilfe; etwas anderes, als Jugendhilfe außerhalb der Schule.

  2. Im Mittelpunkt der Schulsozialarbeit stehen die Kinder und Jugendlichen und deren Gelingen bei der Bewältigung ihrer Lebensaufgaben. Dies ist ein anderer Fokus, als der von Lehrerinnen und Lehrern, die Unterricht gestalten und zuvorderst an die zu vermittelnden Inhalte und die Unterstützung von Kompetenzaufbau denken müssen. Für die Sozialarbeit ist es wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen ihr Leben gesamt bewältigen können. Dies muss nicht immer mit den Zielen der Schule – also zum Beispiel dem Besuch von Unterricht – einhergehen; auch wenn es das oft tut.

  3. Schulsozialarbeit ist nicht zufällig oder einmalig, sondern formalisiert und institutionalisiert, dass heißt auch, ansprechbar, einplanbar und in ihren Grenzen bekannt. Den Lehrerinnen und Lehrern tritt mit der Schulsozialarbeit also innerhalb der Schulen selber eine zugleich in ihren Aufgaben und Möglichkeiten einigermaßen festgeschriebene, aber zugleich selbstständig handelnd und auftretende Institution gegenüber.

Schaut man die Zusammenfassungen der Evaluationsstudien auf die Ausgestaltung der Schulsozialarbeit hin durch, so gehört zu Grundausstattung der Schulsozialarbeit eine Angestellte oder ein Angestellter – allerdings nicht immer mit voller Personalstelle – mit professioneller sozialpädagogischer Ausbildung, in der Schweiz zum Teil auch einer speziellen Ausbildung für die Schulsozialarbeit, zudem ein Büro in der Schule mit der gesamten notwendigen Ausstattung. Die meisten Einrichtungen können zudem weitere Räume, beispielsweise für freie Angebote, nutzen. In einer ganzen Anzahl von Einrichtungen sind weit mehr Personen angestellt. Beispielsweise werden in den Schulsozialstationen in Berliner Grundschulen explizit gemischtgeschlechtliche Teams eingesetzt. (Gleichzeitig gibt es auch Modelle, in denen eine Person an verschiedenen Schulen tätig ist, was allerdings immer wieder als unzulängliche Lösung beschrieben wird.)

Die Arbeit der Schulsozialarbeit passt sich der Situation vor Ort in den einzelnen Schulen an. Der Großteil der Arbeit strukturiert sich in Beratung und Offene Angebote. Dabei ist es offensichtlich wichtig, dass die Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter auf der einen Seite Vertrauen aufbauen, um überhaupt für die Kinder und Jugendlichen als Ansprechpartnerinnen und Partner wahrgenommen werden zu können, andererseits müssen sie einen Zugang zu den Lehrerinnen und Lehrern finden. Ein Problem stellt immer das Changieren zwischen dem Anspruch, ein freiwilliges Angebot zu unterbreiten und dem Fakt, dass Schülerinnen und Schüler direkt von den Lehrpersonen und der Schulleitung an die Schulsozialarbeit verwiesen werden können, dar. Die Freiwilligkeit ist immer ein Grundsatz von Sozialarbeit. Deshalb betonen mehrere Texte, dass selbst bei solchen eher erzwungenen Kontakten – die vor allem dann, wenn die Schulsozialarbeit als „soziale Feuerwehr“ im Schulhaus gesehen wird, oft vorkommen – den Schülerinnen und Schülern Angebote gemacht werden müssen, welche diese annehmen oder ablehnen können. [4]

Grundprinzipien der Schulsozialarbeit sind neben der Freiwilligkeit und Offenheit der Angebote, die Parteilichkeit für die Kinder und Jugendlichen, die Verschwiegenheit und Partnerschaftlichkeit (das heißt, dass die betroffen Kinder und Jugendlichen immer über die jeweiligen Schritte mitbestimmen sollen), sowie der Lebenswelt-Bezug und die Beziehungsarbeit, also die Arbeit an den sozialen Beziehungen der Kinder und Jugendlichen (Klasse, Peer-Group, Elternhaus et cetera).

Ein Problem ist selbstverständlich, dass die Erfolge von Schulsozialarbeit einen paradoxen Effekt haben können: Sie sollen ja dazu führen, dass Kinder und Jugendlichen ihre Probleme besser bewältigen. Das Beruhigt oft auch das soziale Klima einer Schule. Aber wie das messen? Es gibt selbstverständlich Evaluationen – der Großteil der Studien zur Schulsozialarbeit sind Prozessevaluationen –, aber Florian Baier und Rahel Heeg (2011) berichten auch davon, dass einige Träger die Anzahl der Beratungskontakte zum messbaren Wert erhoben haben. Dies hatte bei mindestens einer Schulsozialarbeitsstelle, die mit offenen Angeboten und guter Arbeit ein gutes Schulklima hergestellt hatte, den Effekt, dass dort überlegt wurde, wie man quasi zwanghaft Beratungssituationen herstellen könnte, um sie zählen zu können, was selbstverständlich kontraproduktiv wäre. Letztlich muss die Bewertung der Arbeit von Schulsozialarbeit also immer in einer Prozessrekonstruktion stattfinden.

Da sich die Schulsozialarbeit den Bedingungen der lokalen Schule (und den regionalen Förderstrukturen) anpasst und zudem mit unterschiedlichen Personengruppen interagiert, ist auch die Sicht auf die Schulsozialarbeit und deren Wirkung sehr unterschiedlich. Zusammenfassend arbeiten Baier und Heeg (2011, S. 50 ff.) insgesamt vierzehn Erscheinungsformen von Schulsozialarbeit heraus:

  1. Schulsozialarbeit als soziale Innovation (Im Schulrahmen, wobei Innovation neu, nicht unbedingt besser heißt.)

  2. Schulsozialarbeit als Konservierungsmittel (Konservierung als Erhalt vorhandener Strukturen und Arbeitsweisen, praktisch als Mittel, nichts verändern zu müssen.)

  3. Schulsozialarbeit als Auffangnetz

  4. Schulsozialarbeit als Mensch gewordener Rohrstock (Also als Strafeinrichtung, zu der Schülerinnen und Schüler geschickt werden können, nicht um Probleme zu klären, sondern um sie zu erziehen.)

  5. Schulsozialarbeit als Mittel zur Professionalisierung des Lehrer/innenberufs

  6. Schulsozialarbeit als kostengünstige sozialpolitische Aktivität

  7. Schulsozialarbeit als attraktives Berufsfeld

  8. Schulsozialarbeit als Bildungshemmnis und Kontrollorgan

  9. Schulsozialarbeit als Markt für Hochschulen

  10. Schulsozialarbeit als Seismograph und Alarmglocke

  11. Schulsozialarbeit als Mittel zur Vermeidung von Unterricht (Hauptsächlich für Schülerinnen und Schüler.)

  12. Schulsozialarbeit als Korrektiv schulisch induzierter Probleme

  13. Schulsozialarbeit als corporate identity von Schule

  14. Schulsozialarbeit als neues Bündnis der Generationen (Im Schulkontext. In der Schulsozialarbeit können Beziehungen zwischen Generationen entstehen, die im Verhältnis von Lernenden und Lehrenden in Schulen schwerlich zu realisieren sind.)

Weiterhin stellen Baier und Heeg (2011) heraus, dass die Schulsozialarbeit offenbar auch als Potentialität eine Bedeutung erlangt. Die Möglichkeit, dass man mit Problemen zur Schulsozialarbeit gehen könnte oder die Möglichkeit, dass man als Lehrkraft oder Elternteil professionelle Unterstützung einholen könnte, wird in den Interviews, die im Rahmen der Forschungen zur Schulsozialarbeit durchgeführt werden, immer wieder für als eigenständiger Wert angegeben. Lehrerinnen und Lehrer berichten zum Teil, dass dies ihnen die Schulsozialarbeit Erleichterung und Sicherheit verschafft hätte, ohne das überhaupt wirklich auf die Unterstützung zurückgreifen müssten.

Forschungen zur Schulsozialarbeit

Neben der Schulsozialarbeit selber hat sich eine eigene Forschungspraxis zur Schulsozialarbeit ausgeprägt. Das hat selbstverständlich auch mit dem Trend zu tun, Projekte während der Laufzeit evaluieren zu lassen. Die Hoffnung der finanzierenden Institutionen – bei der Schulsozialarbeit hauptsächlich die Kommunen und Ministerien auf Landes-/Kantonebene – ist dabei, durch eine Evaluation Aussagen zur Wirksamkeit von Projekten zu erhalten, einen Mehrwert an Wissen. Perspektivisch soll das auch zur Weiterentwicklung von Projekten beitragen. Selbstverständlich ist das nicht nur positiv zu sehen. Evaluation beschränkt sich oft auf Ergebnismessung, zudem ist immer noch fragwürdig, ob der Mehrwert an Wissen wirklich so groß ist, wie erhofft.

Für die Wissenschaft besteht immer das Problem, dass die Fragestellung bei Evaluationen eine andere ist, als bei wissenschaftlichen Studien. Etwas vereinfacht kann man sagen: Evaluation will wissen, ob etwas funktioniert und wie gut, Wissenschaft will wissen, was passiert und wie. Das muss sich nicht widersprechen, aber es ist – trotz aller Rede von wissenschaftlicher Evaluation – nicht deckungsgleich. Deshalb hat sich neben der Evaluation von Schulsozialarbeit auch eine Forschung etabliert, die nicht nach Gelingen oder Nicht-Gelingen von Schulsozialarbeit fragt, sondern darüber hinaus versucht, die strukturellen Funktionen und die tatsächlichen Abläufe von Schulsozialarbeit zu verstehen.

Die Forschung zu Schulsozialarbeit ist immer wieder darauf bedacht, die Sichtweisen der unterschiedlichen Nutzer- und Nutzerinnengruppen von Schulsozialarbeit zu rekonstruieren. Beachtet werden dabei mindestens folgend Gruppen:

  1. Schülerinnen und Schüler

  2. Lehrerinnen und Lehrer

  3. Eltern (beziehungsweise Erziehungsnetzwerke)

  4. Trägerinstitutionen der Schulsozialarbeit

  5. Das Personal der Schulsozialarbeit selber (also zumeist die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter)

Die Bedeutung der Schulsozialarbeit ist für diese Gruppen jeweils sehr unterschiedlich, weshalb ein multiperspektivisches Untersuchungsdesign notwendig ist. Zudem ist bekannt, dass, mit Ausnahme der letzten Gruppe, alle diese Gruppen die Schulsozialarbeit selektiv nutzen und zum Teil auch versuchen, gegen die Intentionen der Schulsozialarbeit oder der anderen Gruppen umzunutzen. Das ist selbstverständlich und im Lebensweltansatz der Schulsozialarbeit auch angelegt. Aber es bedeutet für die Forschung selber, dass es nicht möglich ist, nur eine Perspektive zu betrachten und aus dieser die Bedeutung der Schulsozialarbeit für die anderen Gruppen herzuleiten.

Egal, ob es sich um Evaluationen oder um andere Forschungen handelt, steht deshalb immer wieder die Befragung möglichst aller potentiell nutzenden Gruppen der Schulsozialarbeit als Aufgabe. Zumeist wird sie gelöst, indem Schülerinnen und Schüler mit anderen Fragebögen oder Interviews konfrontiert werden, als die Lehrerinnen und Lehrer, die wieder andere Fragen beantworten sollen als Eltern oder die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schulsozialarbeit selber.

Es scheint eine gewisse Regelmäßigkeit zu existieren: In den einzelnen Bundesländern und Kantonen wurden in einer frühen Phase der Schulsozialarbeitsforschung Datensammlungen angelegt, die einen Überblick zu den überhaupt vorhandenen Angeboten liefern sollten. Daneben wurden immer wieder Einzelevaluationen durchgeführt, teilweise wurde die Datensammlungen auch im Rahmen von Evaluationen angelegt. War eine solche Datensammlung vorhanden, wurde sie zur Ausweitung der Forschungsfragen genutzt. Dabei ist auffällig, dass diese Empirie nicht dazu genutzt wurde, um weitere Hypothesen zu prüfen, sondern zuerst als Überblick alleine sinnvoll genug erschienen.

Darauf folgend wurden vor allem stark qualitativ orientierte Studien unternommen. Die Interviews und Fragebögen waren wenig strukturiert, enthielten also viele Möglichkeiten zu Äußerungen der befragten Personen. Mit diesem Vorgehen soll offenbar auch auf die ambivalente Wirkung von Schulsozialarbeit eingegangen werden, gleichwohl macht dies Vergleiche – oder, um auf eine im Bibliothekswesen beliebte Vokabel zu verweisen, Best Practice Analysen – selbstverständlich schwer. Speck und Olk (2010) betonen in den programmatischen Aufsätzen ihres Sammelbandes, dass es zwar einen großen Methodenmix gibt, aber das sehr selten eine Triangulierung der Methoden stattfindet. Ebenso verweisen Baier und Heeg (2011) darauf, dass es zwar eine Anzahl von Einzelstudien, auch als Abschlussarbeiten von Studierenden, gibt, die einzelne Angebote differenzierter untersuchen, diese aber kaum für eine übergreifende Forschung ausgewertet werden.

Es scheint, als wenn einige wenige Forschende sich darum bemühen, möglichst viele Studien zur Schulsozialarbeit zusammenzutragen und auswerten (in Speck / Olk, 2010 findet sich beispielsweise eine Tabelle von Forschungsprojekten zur Schulsozialarbeit seit 1992). Speck und Olk erläutern die Situation wie folgt:

„Zusammenfassend betrachtet zeichnet sich die insgesamt sehr heterogene Forschungslandschaft zur Schulsozialarbeit durch eine starke Anwendungsforschung, beschreibende und evaluierende Forschungsziele, zumeist quantitative Erhebungs- und Auswertungsverfahren, einmalige Erhebungen, Untersuchungsdesigns mit unterschiedlichen Befragungsgruppen sowie eine oftmals eingeschränkte Ergebnisveröffentlichung aus. Tendenziell nehmen in den letzten Jahren hypothesenprüfende Untersuchungsziele, Längsschnittuntersuchungen, quasi-experimentelle Designs, multivariante Auswertungsverfahren sowie qualitative Erhebungs- und Auswertungsverfahren und Fallstudien in der Forschung zur Schulsozialarbeit zu.“ (Speck / Olk, 2010, S. 315)

Wir können also noch lange nicht von einer strukturierten und eingleisigen Forschung zur Schulsozialarbeit reden. Dennoch gibt es einige, insbesondere von Speck (2007) zusammengefasste Ergebnisse, die als allgemein geteiltes Wissen über die Schulsozialarbeit bezeichnet werden können. Neben der Erkenntnis, dass eine Schulsozialarbeit, die sich nicht an den weiter oben genannten Grundsätzen orientiert, sondern sich beispielsweise zu sehr die Funktion einer „sozialen Feuerwehr“ zuschreiben lässt, unerfolgreich ist, ist bekannt, dass die Schulsozialarbeit zumeist eine positive Wirkung für die Kinder und Jugendlichen selber, aber auch die Schule als Gesamtinstitution hat; gleichwohl aber – was einem auf Freiwilligkeit basierenden Angebot immer inhärent ist – nie alle Kinder und Jugendlichen erreicht, schon gar nicht sofort und durchgreifend. Die multiperspektivischen Problemlagen von Kindern und Jugendlichen bedürfen zum Teil auch andere Hilfe- und Beratungsansätze als sie die Schulsozialarbeit bieten kann. Zudem ist abgesichert, dass eine Schulsozialarbeit kontinuierlich existieren muss. Gerade die Praxis, Schulsozialarbeit mit befristeten Stellen auszustatten, ist dagegen kontraproduktiv. Ein Hauptarbeitsmittel von Schulsozialarbeit ist das Aufbauen und Pflegen von vertrauensvollen Kontakten zu Kindern und Jugendlichen, was nicht möglich ist, wenn die vor Ort in der Schulsozialarbeit tätigen Personen beständig wechseln.

Weiterhin abgesichert ist, dass die gesamte Soziale Arbeit für und in der Schule unterschiedlichen Modellen zugeordnet werden kann, wobei die einzelnen Modelle und – was ja das Ziel dieser Modellbildungen ist – die Bedeutung der einzelnen Modelle für die Schulsozialarbeit umstritten ist. Matthias Drilling (2009) unterscheidet beispielsweise prinzipiell zwischen einem addativen Modell (Kooperation von Schulen und Sozialer Arbeit in loser Form) und einem integrativen Modell (die Schulsozialarbeit ist in der Schule integriert), zu einem späteren Zeitpunkt seiner Arbeit dann für die Schulsozialarbeit in Thüringen ein additiv-destruktives Modell, ein additiv-konstruktives Modell, ein integratives Modell „Hilfslehrkraft“, ein integratives Modell „sozialpädagogische Schule, ein kooperative-sporadisches Modell und ein kooperativ-konstitutives Modell. Vögeli-Mantovani und Grossenbacher (2005) beschreiben ein Distanzmodell / addivites Modell, ein Subordinationsmodell / Integrationsmodell (die Soziale Arbeit ist der Schule untergeordnet) und ein Kooperationsmodell (Schule und Soziale Arbeit als gleichberechtigte Partner).

Zuletzt lässt sich festhalten, dass die Schulsozialarbeit in allen Schulformen (inklusive der Berufsschulen) angenommen wird und sinnvoll ist. Dies beschränkt sich nicht nur auf „Problemschulen“. Baier und Heeg (2011, S. 25) ordnen die Themen der Beratungen in der Schulsozialarbeit nach Häufigkeit:

  1. Konflikte und Probleme unter Kindern und Jugendlichen

  2. Schulische Probleme und Probleme zwischen Lehrkräften und Schülerinnen

  3. Persönliche Herausforderungen der Lebensbewältigung

  4. Probleme in der Familie

In „Problemschulen“ werden mehr Probleme mit Gewalt (gegen sich selbst, andere und Sachen) behandelt, in anderen Schulen, insbesondere Gymnasien, Probleme der Schülerinnen und Schüler mit den Herausforderungen der Lebens- und Unterrichtsbewältigung. Während junge Schülerinnen und Schüler die Schulsozialarbeit, insbesondere dann, wenn sie offene Angebote umfasst, relativ oft und von sich aus nutzen, geht diese Nutzung mit zunehmenden Alter zurück. Ebenso nutzen mehr Mädchen / junge Frauen die Schulsozialarbeit als Jungen / junge Männer.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Schulsozialarbeit und Schulbibliotheken

Die Grundthese dieses Textes lautet, dass aus der Forschung über Schulsozialarbeit auch etwas für die Forschung über Schulbibliotheken gelernt werden kann. Bevor diese These weiter ausgeführt wird, sollen kurz die beiden Institutionen Schulsozialarbeit und Schulbibliotheken verglichen werden. Aus den strukturellen Gemeinsamkeiten der Institutionen ergibt sich erst die weitergehende These.

  1. Schulsozialarbeit und Schulbibliotheken haben in den letzten Jahren in Deutschland einen massiven Aufschwung erfahren, wobei die Schulsozialarbeit den weit größeren zu verzeichnen hat. Man kann von einer gewissen Etablierung der Einrichtungen in Schulen ausgehen. Zwar ist diese Etablierung nicht vollständig – also beispielsweise nicht mit der Etablierung von Sporthallen in Schulen zu vergleichen, die einfach zum Grundbestand gehören –, aber doch so weit fortgeschritten, dass sich praktisch alle Schulen damit auseinandersetzen müssen, ob sie diese Einrichtungen aufbauen und unterhalten oder nicht.

  2. Bei diesem Aufschwung profitieren beide Einrichtungen von den Schulreformen und dem Zwang zu Öffnung nach innen und außen, der für Schulen existiert. Diese Öffnung und die Profilbildung der Schulen hat zu einer Zunahme von unterstützenden Einrichtungen in Schulen geführt. Gleichwohl etablierte sich die Schulsozialarbeit als professionelle Einrichtungsform, insbesondere mit professionell ausgebildetem Personal, während Schulbibliotheken weit eher von der Transformation des Ehrenamtes zu profitieren scheinen.

  3. Sowohl Schulsozialarbeit als auch Schulbibliotheken etablierten sich als besondere Formen der jeweiligen „Haupteinrichtung“. Schulsozialarbeit ist keine reine Soziale Arbeit in Schulen, sondern eine gesonderte Form Sozialer Arbeit mit eigenen Arbeitsstrukturen, eigenem Methodenmix und besonderen Aufgabenstellungen. Ebenso sind Schulbibliotheken zumeist keine Öffentlichen Bibliotheken in Schulen, sondern ein gesonderter Bibliothekstyp in Schulen, mit eigene Arbeitsstrukturen, Zielvorstellungen, Aufgaben et cetera. Dabei orientieren sich Schulsozialarbeit und Schulbibliotheken an den Anforderungen der lokalen Schulen.

  4. Neben der Schulsozialarbeit und den Schulbibliotheken existiert immer auch die Arbeit der „Elterneinrichtungen“ – also Soziale Arbeit und Öffentliche Bibliotheken – mit Schulen.

  5. Schulsozialarbeit und Schulbibliotheken stellen beide Unterstützungseinrichtungen für die Hauptaufgaben der Schulen selber dar. Dabei ist es lokal unterschiedlich, wie eng oder nicht-eng die Einrichtungen in den Unterricht eingebunden sind. Es scheint dabei keine in allen Fällen sinnvolle Nähe oder Ferne zu geben.

  6. Die Wirkungen von Schulsozialarbeit und Schulbibliotheken sind immer nur bis zu einem gewissen Anteil direkt nachzuweisen. Vieles bleibt im Ungefähren, oft ist auch das Vorhandensein allein als Potentialität wirksam.

  7. Dennoch können sowohl Schulsozialarbeit als auch Schulbibliotheken immer direkt von interessierten Schulen, Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrern enger in die Schule eingebunden und zum Beispiel für Unterrichtszwecke genutzt werden.

  8. Beide Einrichtungen erheben den Anspruch, Schulen in Aufgabenfeldern zu unterstützen, die von den Schulen anders nicht abgedeckt werden können, wobei die Schulsozialarbeit mit diesem Anspruch offenbar eine größere Akzeptanz erfährt als die Schulbibliotheken.

  9. Zugleich setzen beiden Einrichtungsformen dem zu starken Zugriff aus der Schule auch Behaarungs- und Differenzierungsbestrebungen entgegen. Sie verstehen sich zumeist als eigenständige Einrichtungen.

  10. Nicht zuletzt werden die meisten Schulbibliotheken ebenso durch Schülerinnen und Schüler genutzt, wie die meisten Angebote der Schulsozialarbeit. Es ist kann also nicht darum gehen, zu zeigen, was funktioniert und was nicht, sondern wie gut für welche Aufgaben etwas funktioniert und warum.

  11. Zudem lassen sich die Funktionen, Zielsetzungen und Wirkungen von Schulsozialarbeit ebenso sinnvoll für unterschiedliche Gruppen (Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Schule und Schulleitung, Träger, das Personal der Einrichtungen) bestimmen, wie dies auch bei Schulbibliotheken der Fall ist. Ebenso ist anzunehmen, dass alle diese Gruppen Schulbibliotheken ebenso funktional für sich zu nutzen suchen, wie sie es bei der Schulsozialarbeit tun.

Schulbibliotheksforschung

Das Wachstum der Schulbibliotheken in Deutschland ist immer noch nicht von einer wirklich sichtbaren Schulbibliotheksforschung begleitet worden. Es lassen sich aber, wie angedeutet, aus der Forschung zur Schulsozialarbeit einige Dinge lernen, wenn nicht gar bestimmte Forschungsdesigns übernommen werden können.

Zwei Erkenntnisse der Schulsozialarbeitsforschung sollten beachtet werden:

  1. Die schon angesprochene unterschiedliche Bedeutung der Einrichtungen – hier also der Schulbibliotheken – für unterschiedliche Gruppen. Es wurde in der Forschung nachgewiesen, dass die Betrachtung der unterschiedlichen Wirkungen von Schulsozialarbeit für die unterschiedliche Gruppen tatsächlich dazu beiträgt, die Funktionsweisen der Einrichtungen rekonstruieren und für die Zukunft bestimmen zu können. Dies wird sich bei Schulbibliotheken höchstwahrscheinlich ebenfalls zeigen.

  2. Die Einbindung der Schulsozialarbeit in die Schulen folgt unterschiedlichen Modellen. Auch die Skizzierung dieser unterschiedlichen Modelle hat sich – obgleich es unterschiedliche Ansätze für die Modelle selber gibt – in der Forschung als sinnvoll herausgestellt. Da Schulsozialarbeit sehr unterschiedlich strukturiert ist, scheint es schwierig, Aussagen für die gesamte Schulsozialarbeit zu machen. Auch dies wird sich bei Schulbibliotheken mit hoher Wahrscheinlichkeit wiederfinden.

Die Wirkung von Schulbibliotheken wird sich, ebenso wie bei der Schulsozialarbeit, nicht einfach standardisieren lassen. Vielmehr wird mit Hilfe qualitativer Forschungsansätze die Wirkungsweise der Schulbibliotheken rekonstruiert werden müssen, um sinnvolle Aussagen darüber treffen zu können, was wann für wen und für welchen Zweck funktioniert. Auch Schulbibliotheken müssen als Einrichtungen begriffen und untersucht werden, die sich in die lokalen Gegebenheiten der Schulen einfügen.

Als sinnvoll hat sich offenbar erwiesen, in regelmäßigen Abständen eine Übersicht über die vorhandenen Angebote in einem Untersuchungsgebiet – also normalerweise Bundesländer oder Kantone – anzulegen. Diese Empirie alleine liefert offenbar auch schon ohne eine weitere Hypothesenbildung sinnvolle Aussagen. Zudem lassen sich auf Grundlage solchen Sammlungen weitere Forschungsfragen formulieren.

Es hat sich als möglich erwiesen, mit teilstrukturierten Interviews und Fragebögen Aussagen über die Funktionsweisen und Wirkungen der Schulsozialarbeit zu erheben. Diese wird für Schulbibliotheken ähnlich gelten. Wenig Interesse scheint an fertigen Konzepten oder gar normativen Aussagen zu bestehen, vielmehr sollten Vorschläge für die Einrichtung und den Betrieb von Einrichtungen – nimmt man die Schulsozialarbeit zum Vorbild – mit Erfahrungen oder Daten aus anderen Einrichtungen begründet werden zu können. Zu beachten ist allerdings, dass auch die Schulsozialarbeit zum Teil schon versucht hat, die Forschung für sich zu instrumentalisieren. [5]

Es gab immer ein Interesse der Träger an Evaluationen von Schulsozialarbeit. Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass eine reine Handlungsforschung nur bestimmte Aussagen treffen kann. Warum zum Beispiel sich die Schulsozialarbeit so massiv etabliert hat, lässt sich mit Handlungsforschung nicht herausarbeiten. Ebenso ist die gesellschaftliche Wirkung von Schulsozialarbeit über die Schule hinaus nicht ohne eine weiterreichende Forschung untersuchbar. Das wird spiegelverkehrt auch für Schulbibliotheken gelten.

Immer wieder wird betont, dass sehr viele Forschung zur Schulsozialarbeit, insbesondere Einzeluntersuchungen und Abschlussarbeiten von Studierenden, nicht oder schwer erreichbar publiziert werden. Eine Aufgabe der Forschenden besteht offenbar auch immer wieder in einer intensiven Recherche nach solchen Forschungen, obgleich diese wertvolle Daten und Ergebnisse enthalten können. Eine ähnliche Situation findet sich auch im Bezug auf Schulbibliotheken, wo insbesondere Abschlussarbeiten kaum erreichbar verbreitet werden. Dem sollte man mit der Etablierung von Veröffentlichungseinrichtungen im Sinne eines potentiellen Forschungsdiskurses entgegenwirken.

Nicht zuletzt zeigt die Forschung zur Schulsozialarbeit, was möglich ist, wenn zumindest ein Teil der Forschenden auch weiter vom Untersuchungsobjekt zurücktritt und beispielsweise Fragen zur Wirkungsweisen stellt, ohne gleich Handlungsempfehlungen geben zu wollen. Dies kann wegen der weiter oben aufgezeigten Parallelen zwischen Schulsozialarbeit und Schulbibliotheken ebenso vorbildhaft wirken.

Fußnoten

[1] Vgl. dazu auch Zymek (2010).

[2] Vgl. Vögeli-Mantovani / Grossenbacher, 2005, Drilling, 2009 und Baier / Heeg, 2011.

[3] Man sollte bedenken, dass Bibliotheken mit ihren zwei Hauptthemen „Leseförderung“ und „Informationskompetenz“ selbstverständlich immer in der Gefahr stehen, zumindest den Eindruck zu vermitteln, als würde den Lehrerinnen und Lehrern nicht zugetraut, eigenständig das Lesen der Schülerinnen und Schüler zu fördern und genügend Wissen über Recherche- und Bewertungsprozesse zu vermitteln. Zudem kann auch der Eindruck entstehen, als wenn die Bibliotheken die Probleme von Schülerinnen und Schüler – entgegen dem Wissen der Lehrerinnen und Lehrer – auf das richtige und viele Lesen reduzieren wollten.

[4] Claudia Streblow (2005) beschreibt die Funktion von Schulstationen als „neutraler Raum, als Ort, von dem aus (neu) gehandelt werden kann“ (ebenda, S. 289).

[5] Thomas Padelko (in Speck / Olk, 2010) berichtet zum Beispiel davon, dass einige Schulstationen in Berlin versuchten, direkten Einfluss auf die Forschungsfragen und sogar die Gestaltung der zur Forschung verwendeten Fragebögen zu nehmen. Dies ist selbstverständlich nicht sinnvoll.

Literatur

Baier, Florian ; Heeg, Rahel / Praxis und Evaluation von Schulsozialarbeit : Sekundäranalysen von Forschungsdaten aus der Schweiz. – Wiesbaden : VS, 2011

Drilling, Matthias / Schulsozialarbeit : Antworten auf veränderte Lebenswelten. – 4., aktualisierte Auflage. – Bern ; Stuttgart ; Wien : Haupt Verlag, 2009

Speck, Karsten / Schulsozialarbeit : Eine Einführung ; Mit 14 Tabellen. – (UTB ; 2929). – München ; Basel : Ernst Reinhard Verlag, 2007

Speck, Karsten ; Olk, Thomas (Hrsg.) / Forschung zur Schulsozialarbeit : Stand und Perspektiven. – Weinheim ; München : Juventa Verlag, 2010

Spies, Anke ; Pötter, Nicole / Soziale Arbeit an Schulen : Einführung in das Handlungsfeld Schulsozialarbeit. – (Beiträge zur Sozialen Arbeit an Schulen ; 1). – Wiesbaden : VS, 2011

Streblow, Claudia / Schulsozialarbeit und Lebenswelten Jugendlicher : Ein Beitrag zur dokumentarischen Evaluationsforschung. – Opladen : Verlag Barbara Budrich, 2005

Vögeli-Mantorvani, Urs ; Grossenbacher, Silvia (Mitarb.) / Die Schulsozialarbeit kommt an!. – (Trendbericht SKBF ; 8 ). – Aarau : Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung, 2005

Zymek, Bernd / Nur was anschlussfähig ist, setzt sich auch durch : Was man aus der deutschen Schulgeschichte des 20. Jahrhunderts (gerade auch der der DDR und der ostdeutschen Bundesländer) lernen kann. – In: Die deutsche Schule, 102 (2010) 3, S. 193-208

Schulbibliotheksforschung: Skizze eines möglichen (kollaborativen) Forschungsprogrammes

Es gibt keine Schulbibliotheksforschung, zumindest nicht im deutschsprachigen Raum. Es gibt eine relativ kleine Anzahl von Arbeiten, die sich wenig aufeinander beziehen. Und obgleich sich dies vor allem durch Abschlussarbeiten an verschiedenen Fachhochschulen langsam zu ändern scheint, kann man noch lange nicht davon sprechen, dass es einen wirklichen Zusammenhang oder gar einen wissenschaftlichen Diskurs über Schulbibliotheken geben würde. Warum das so ist, soll hier nicht besprochen werden. Wichtig ist aber zu bemerken, dass ein von mehreren Seiten bearbeitetes Forschungsfeld inklusive eines wissenschaftlichen Diskurses die Voraussetzung für sinnhafte und weiterführende Erkenntnisse zu diesem Feld darstellen würde. Ein Wissen darüber, wie etwas funktioniert oder gar ein Wissen, von dem aus sinnvolle Rückmeldungen an die Praxis gemacht werden könnten (oder welches aus der Praxis heraus genutzt werden könnte), kann erst dann wirklich erarbeitet werden, wenn mehrere Forschende mit ihren unterschiedlichen Blickwinkeln, Grundannahmen und Methoden ein Feld untersuchen und die jeweiligen Ergebnisse, wie es in der Wissenschaft gefordert ist, überprüfen, kritisieren und verarbeiten – das ist zumindest die Überzeugung, der hier gefolgt werden soll. Alle andere Forschung bleiben Schlaglichter, die immer wieder sinnvoll sind, aber beispielsweise zu einer Theoretisierung oder einer aufeinander aufbauenden Arbeit nicht ausreichen. Eine solche Theoretisierung und kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung ist allerdings eine Voraussetzung für jede Art von Professionalisierung, auch in Einrichtungen, die wie Schulbibliotheken stark ehrenamtlich geprägt sind. [1] Eine solche Professionalisierung ist es allerdings, die in vielen Schulbibliotheken angestrebt wird.

Exkurs: Wie etabliert man ein Forschungsfeld?
Dies allerdings ist keine Eigenheit von Schulbibliotheken alleine, sondern wieder für sehr viele mögliche Forschungsthemen zu konstatieren. Es gibt immer eine große Anzahl von Forschungsthemen, egal ob geistes- oder naturwissenschaftlich, egal ob anwendungs- und praxisnah oder gerade nicht, die kaum wissenschaftliche bearbeitet werden; es gibt unter diesen aber auch immer einige Felder, die sich quasi im „Aufwind“ befinden, dem sich also mehrere Forschende zuzuwenden beginnen. Das alleine reicht selbstverständlich nicht aus, um ein Feld fest als Forschungsfeld zu etablieren. Vielmehr muss unter den Forschenden eine Art Kolleginnen- und Kollegenschaft entstehen, die eine Debatte und letztlich ein, wenn auch oft loses, Forschungsnetzwerk ermöglichen, in welchem sich die Forschenden gegenseitig vorantreiben. Zudem muss irgendwann eine Institutionalisierung einsetzen, die es ermöglicht, einen bestimmten Wissensbestand über ein Forschungsfeld als gesichert zu etablieren und an die Praxis und spätere Forschende weiterzugeben. [2] Schaut man zumindest, wie sich in den letzten Jahrzehnten Forschungsfelder etabliert haben, drängt sich zumindest diese Struktur auf.
Wie aber etablieren sich solche Netzwerke von Forschenden? Das wiederum ist nicht klar nachzuweisen. [3] Manchmal sind sie Folge einer intensiven Forschungsförderung, oft geht die Forschungsförderung aber auch schief. Manchmal erwachsen sie aufgrund eines starken öffentlichen Interesses, manchmal etablieren sie sich aber auch auf Feldern, die in der Öffentlichkeit nicht diskutiert werden. (Meist ist die Forschung schon da, wenn die Öffentlichkeit auf einmal Lösungen fordert – siehe nur die Bildungssoziologie und Bildungsforschung als der „PISA-Schock“ eintrat. Aber dann gibt es wieder das Problem, wie die komplexen Untersuchungen der Wissenschaft an die Öffentlichkeit und Politik vermittelt werden kann – auch dies geht meistens „schief“.) Manchmal werden explizit Forschungsnetzwerke und Zusammenhänge begründet, die sich als produktiv erweisen, manchmal finden sich aber auch Forschende, die für sich alleine auf einem Feld forschen, mit anderen, die dies auch schon tun, zusammen. Es scheint keine Möglichkeit zu geben, ein schließlich erfolgreiches Forschungsnetzwerk „einfach so“ zu etablieren.
Ein Ansatz, dies dennoch zu versuchen, ist das Aufstellen von Forschungsplänen oder -memoranden, welche ein potentielles Forschungsfeld abgrenzen, intern systematisieren, nach grundlegenden Forschungsfragen durchforsten, mögliche Felder der längerfristigen Forschungsanstrengungen benennen und zudem versuchen soll, die notwendigen Abstände zu benachbarten Forschungsfelder und -disziplinen zu benennen. Dies soll zumindest die Möglichkeit eröffnen, dass sich Forschende mit ihrer Arbeit verorten und aufeinander beziehen können, dass sie sich als – wenn auch intern gewiss aus sehr unterschiedlichen Personen zusammensetzende – Gruppe begreifen können und das mögliche Fortschritte bei der wissenschaftlichen Durchdringung eines Forschungsfeldes sichtbar gemacht werden können. Nicht zuletzt soll darstellbar werden, was in einem Feld erforscht werden könnte, also sowohl unerforschte als auch stark umstrittene Bereiche. Auch dieser Ansatz ist sehr prekär und oft kann man nach einigen Jahren feststellen, dass sich niemand an diesem orientiert hat. [4]
Aber es gibt auch Beispiele, in denen solche Programme eine längerfristige Forschung etabliert und motiviert haben. Und daran soll hier angeschlossen werden, wenn im Folgenden ein mögliches Forschungsprogramm für ein Schulbibliotheksforschung entworfen wird.

Bedarf es einer Schulbibliotheksforschung?
Ist es aber überhaupt notwendig und sinnvoll, über Schulbibliotheken zu forschen? Ein Grund dafür, dass es bislang keine etablierte Forschung auf diesem Feld gibt, könnte sein, dass es lapidar ausgedrückt niemand interessiert. Oder das es nichts zu sagen oder zu untersuchen gibt. Dem würde ich widersprechen.
Es gibt offenbar eine wachsende Anzahl von sehr unterschiedlichen Schulbibliotheken, ebenso nehmen die Veranstaltung für Schulbibliotheken und deren Teilnehmerinnen- und Teilnehmerzahlen zu. [5] Nicht zuletzt gibt es immer wieder Veröffentlichungen über Schulbibliotheken, auch wenn die Anzahl dieser Texte (noch) relativ gering ist.
Daneben ist aber abzusehen, dass das Interesse an diesen Einrichtungen zunehmen wird. Die Reformen des Bildungs- und Schulwesens – so unterschiedlich sie in den Bundesländern auch formuliert werden – weisen drei gemeinsame Grundrichtungen auf: 1.) die Verlängerung des gemeinsamen Lernens in der Grundschule und die Straffung der drei- bzw. fünfgliedrigen Schulsysteme auf perspektivisch zwei Schulformen (obgleich es darum noch intensive Debatten gibt), 2.) die Einführung einer größeren Autonomie der Schulen, welche mehr und mehr für die Ausgestaltung ihrer Lern- und Freizeitorte verantwortlich werden und 3.) die Tendenz zur Ganztagsbetreuung der Kinder und Jugendlichen in der Schule. Punkt 2.) und 3.) implizieren eine absehbare Steigerung des Interesses an Schulbibliotheken, sowohl in den Schulen selber als auch im politischen und zivilgesellschaftlichen Umfeld.
Schulen, Schulträger, aber auch in und bei Schulen Engagierte (z.B. in den Fördervereinen) werden verstärkt dazu aufgefordert, die jeweilige Schule selber auszugestalten, während sie durch die Ganztagsbetreuung gleichzeitig dazu angehalten werden, verstärkt einen außerunterrichtlichen Bereich in den Schulen auszubauen. Gleichzeitig können sie sich – da die Kinder und Jugendlichen ja möglichst lange in den Schulen betreut werden sollen – immer weniger auf die indirekte Unterstützung der Bildungswege von Schüler/inne/n durch außerschulische Einrichtungen wie Jugendclubs, Sozialarbeit, Sport- und anderen Vereinen oder eben Öffentliche Bibliotheken verlassen. Eine Konsequenz daraus kann die Beschäftigung mit Schulbibliotheken sein, also sowohl mit der Frage, ob Schulen Schulbibliotheken aufbauen und unterhalten sollen als auch mit der Frage, wie sie diese für welche Aufgaben nutzen können. Das bedeutet nicht, dass in Zukunft unbedingt Schulbibliotheken begründet (oder ausgebaut) werden. Dennoch ist auffällig, dass die Idee, solche einzurichten, sehr oft in Schulprogrammen und ähnlichen Dokumenten erwähnt wird.
Nicht zuletzt sind Schulbibliotheken auch Einrichtungen, die zu einem zivilgesellschaftlichen Engagement einladen. Die Situation ist etwas absurd: einerseits steigt das Engagementinteresse von Eltern und anderen. Nicht überall und schon gar nicht überall gleich, aber dennoch kann man festhalten, dass Eltern und andere verstärkt nach Wegen suchen, um Schulen zu unterstützen und dazu auch aufgefordert werden. [6] Gleichzeitig ist nicht wirklich klar, was diese Engagierten überhaupt tun können. [7] Selbstverständlich können sie kein pädagogisches Personal ersetzen. Schulbibliotheken hingegen – egal, wie sehr dies den Akteurinnen und Akteuren des bibliothekarischen Feldes missfällt – stellen offenbar eine Ort dar, der sehr oft für ein solches Engagement gewählt wird, egal ob für den persönlichen Einsatz oder Spenden.
Insoweit lässt sich festhalten, dass es ein steigendes Interesse an Thema Schulbibliotheken gibt, welches auch durch die Wissenschaft aufgegriffen werden sollte. Wissenschaft ist bekanntlich auch dazu da, die Reflexivität in gesellschaftlichen Felder zu ermöglichen und durch die Beschreibung und Untersuchung von Institutionen und sozialen Handlungsstrukturen die jeweilige Praxis verständlich und handhabbar zu machen, gleichzeitig aber auch – und das macht einen wichtigen Teil der Wissenschaft aus – auf blinde Flecken der sozialen Praxis zu verweisen. Eine Praxis, die nur auf Erfahrungen und Entscheidungen vor Ort basiert, kann nur bis zu einem bestimmten Punkt wirkungsvoll sein; aus ihr heraus lassen sich zudem nicht-intendierte Wirkungen der Praxis nur schwer erkennen und verstehen. Deshalb könnte eine Schulbibliotheksforschung auch zu einer Reflexivität der Praxis in Schulbibliotheken beitragen.
Gleichzeitig gilt selbstverständlich die Prämisse der Wissenschaft, dass ein unerforschtes, aber mögliches Forschungsfeld allein schon deshalb interessant es, weil es noch unerforscht ist.
Zu der Frage, was es überhaupt zu erforschen gäbe in und im Bezug auf Schulbibliotheken, soll hier nur kurz darauf verwiesen werden, das es sich bei diesen um Einrichtungen handelt, die im Schnittfeld sehr unterschiedlicher Interessen stehen, da es nicht klar ist, ob es sich bei ihnen um bibliothekarische, schulische, sozial-pädagogisch betreute oder gänzlich eigenständige Institutionen handelt. Wir haben es mit einem sehr differenzierten Feld mit sehr unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren zu tun, was zu sehr unterschiedlichen Einrichtungen, die allesamt Schulbibliotheken darstellen, geführt hat. Fraglos gibt es deshalb eine Anzahl von möglichen Forschungsfragen und -themen.

Ein Modell
Die meisten Forschungsfelder, die sich mit Institutionen und sozialen Prozessen befassen, systematisieren ihre Forschung und ihre Forschungsfragen in die drei Ebenen Meta- oder Makroebene, Mesoebene und Mikroebene. Die Mikroebene umfasst dabei die jeweilige Forschung vor Ort, direkt am Untersuchungsgegenstand oder den erforschten Personen inklusive der Handlungs- und praxisnahen Forschung. Die Metaebene umfasst Forschungsfragen, welche auf den jeweiligen Forschungsgegenstand sozusagen direkt „von oben“ schauen, vor allem Strukturen und Entwicklungsläufe untersuchen und den Gegenstand in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang zu verstehen versuchen. Während die Erkenntnisse auf der Mikroebene sich immer nur zu einem kleinen Teil für weitergehende Steuerungen eines Feldes eignen (beispielsweise lässt sich auf die Erkenntnisse der Unterrichtsforschung, welche direkt Interaktionen in Schulklassen untersucht, nur schwer sinnvoll bei der Steuerung des Schulsystems zurückgreifen), sind die Erkenntnisse auf der Metaebene nur sehr schwer direkt in der Praxis zu verwenden (beispielsweise sind die Beschreibungen der Schichtabhängigkeiten für Erfolge und Misserfolge von Schülerinnen und Schüler, die in der Bildungssoziologie erarbeitet wurden, nur schwer im realen Unterricht direkt zu verwenden). Zwischen diesen beiden Ebenen wird zumeist eine Mesoebene konstatiert, auf der sich mit Forschungsfragen, welche gewissermaßen zwischen Meta- und Mikroebene vermitteln, beschäftigt (Beispielsweise Untersuchungen zu den konkreten Auswirkungen der Schichtzugehörigkeiten von Schülerinnen und Schülern im Unterricht oder die Systematisierung von Erkenntnissen der Unterrichtsforschung). Eine ausreichende wissenschaftliche Durchdringung eines Forschungsfeldes ist nur durch ein Zusammenspiel von Forschungen auf diesen drei Ebenen zu bewerkstelligen. [8] (Beispielsweise lassen sich Interaktionen im Unterricht durch Theorien über schichtspezifische Prädispositionen erklären; gleichzeitig lassen sich Theorien nur auf der Basis einer ausreichenden Empirie erstellen und testen.)
Lehnt man sich an diese Unterteilung an, kann man das folgend dargestellte und diskutierte Modell für mögliche Forschungsebenen für das Feld Schulbibliotheken aufstellen.

Vorüberlegungen
Im einzelnen lassen sich die zehn Teilebenen, die innerhalb der drei Hauptebenen aufgeführt werden, weiter ausführen. Zuvor allerdings sollen einige Vorüberlegungen helfen, die Komplexität des potentiellen Forschungsgegenstandes Schulbibliothek zu umreißen.
Auf der Metaebene geht es um übergreifende gesellschaftliche Fragen und Fragen der Institution, in denen Schulbibliotheken angesiedelt sind – nämlich Schulen –; in der Mesoebene würden Fragen im Bezug auf die drei für Schulbibliotheken relevanten Bezugssysteme (Bibliothek, Pädagogik, bürgerschaftliches Engagement) behandelt werden; in der Mikroebene die einzelnen Schulbibliotheken sowohl als Räume in den Schulen als auch als eigenständig handelnde (und sich beispielsweise Arbeitskreisen anschließende) Einrichtungen behandelt.
Schulbibliotheken sind hybride Einrichtungen, auf die – dies wurde schon mehrfach gesagt – aus unterschiedlichen Perspektiven zugegriffen wird, bzw. die aus unterschiedlichen Perspektiven bewertet werden. Über die genauen Anforderungen wissen wir wenig, aber sie lassen sich zumindest grob mit folgender Skizze verdeutlichen:

Wir können die drei direkt auf Schulbibliotheken zugreifende Personengruppen Bibliotheken (bzw. vor allem bibliothekarische Verbände), Lehrerinnen / Lehrer sowie Eltern und Schülerinnen / Schüler benennen, müssen dahinter allerdings weitere Gruppen vermuten, die indirekt die Perspektiven und Sichtweisen auf Schulbibliotheken beeinflussen, wie die Politik und die (organisierte) Öffentlichkeit, die beispielsweise mit Diskursen über Bildungsqualität, Leseförderung, die Festlegung der Aufgabenbereiche von Bibliotheken und Schulen oder die Schulautonomie die Sicht auf Schulbibliotheken verändert.
Diese unterschiedlichen Diskurse und auch Definitionsversuche (in der realen Praxis) machen die Forschung zu Schulbibliotheken spannend. Keine Perspektive hat sich bislang als unumstrittene oder auch nur als Leitperspektive durchsetzen können, obgleich gerade bibliothekarische Einrichtungen immer wieder in Anspruch nehmen, dass ihre Sicht die leitende sein müsste. [9] Letztlich müssen in einer Forschung alle Ebenen berücksichtigt werden.
Allerdings zeigt sich in den realen Einrichtungen ebenso, dass es – bedingt durch die unterschiedlichen Zugriffe und die fehlende Leitperspektive – auch kein einheitliches Schulbibliotheksmodell gibt, welchem gefolgt werden könnte. Vielmehr lassen sich (bislang) drei Grundmodelle unterscheiden: a.) die Schulbibliothek als bibliothekarischer Raum (Bezug zur Öffentlichen Bibliothek), b.) die Schulbibliothek als schulischer Raum (Bezug zum Unterricht), c.) die Schulbibliothek als Sozial- und Freizeitraum (Bezug zum außerunterrichtlichen, zum schul-sozialarbeiterischen und Freizeitbereich). Die tatsächlichen Einrichtungen orientieren sich dann allerdings nur an diesen (konstruierten) Grundmodellen, sie erfüllen sie niemals ganz. [10] Eine Schulbibliothek, die sich stark an Öffentlichen Bibliotheken (inklusive dem breiten und katalogisierten Bestand und dem Ziel, diesen den Schülerinnen und Schülern möglichst frei zur Verfügung zu stellen) orientiert, nimmt zumeist mit der Zeit dennoch Elemente des unterrichts-orientierten Raumes auf usw. Auch dies lässt sich skizzenhaft verdeutlichen:

Einzelne Teilebenen
Nach diesen Vorüberlegungen sollen noch einmal die im Modell angeführten Teilebenen besprochen werden:

  1. Gesellschaftliche Ebene. Auch Schulbibliotheken sind Einrichtungen, die innerhalb einer Gesellschaft mit ihren Stratifikationen, Schichtungen, verschränkten Diskursen etc. existieren und Aufgaben übernehmen sollen. Als Überbau muss sich auch eine Forschung, die sich auf Schulbibliotheken beziehen soll, mit der Frage beschäftigen, wie diese Gesellschaft konstituiert ist und welche Bedeutung dies für Schulbibliotheken hat. Insbesondere darf dabei nicht bei der reinen Aufzählung empirischer Wissensbestände stehengeblieben werden. Vielmehr müssen die Theoretisierungsversuche, die das Zustandekommen und die Reproduktion der empirisch nachweisbaren gesellschaftlichen Stratifikationen mit beachtet werden. (Eine sich aufdrängende Frage ist selbstverständlich, wie sich die sehr unterschiedlichen Schülerinnen- und Schülerschaften in den einzelnen Schulen auf die Arbeit der Schulbibliotheken auswirken.) Als mögliche Themen auf dieser Ebene lassen sich – unvollständig – anführen: der Wandel von Kindheit und Jugend, der Medien- und Kommunikationswandel, Bildung und Freizeit als gesellschaftliche Metathemen und Diskurse, die Debatten um die Shadow Education, die Transformation des Ehrenamtes und der Corporate Social Responsibility.
  2. Systemische Ebene. Die Soziologie, insbesondere die Systemtheorie, stellt die interessante Frage, wie die Teilsysteme innerhalb der Gesellschaft eigentlich funktionieren, wie sie sich beständig reproduzieren und differenzieren und vor allem, welche Funktion gesellschaftliche Teilsysteme und Systeme in Teilsystemen eigentlich übernehmen. Welche Funktion hat z.B. das Bildungssystem, in ihm die Schulen und darin wieder die Schulbibliotheken für die Reproduktion der Gesamtgesellschaft? Eine solche systemische Perspektive ermöglicht einen Blick auf die Gesellschaft und die Organisationen in der Gesellschaft, der vorgeblich sichere Gewissheiten und Annahmen auf ihre Funktion für die Aufrechterhaltung der jeweiligen Teilsysteme befragt. (Beispielsweise die Funktion der allgemein geteilten Annahme, dass Lesen an sich eine unverzichtbare Kulturtechnik wäre, für Bibliotheken und Schulen.)
  3. Organisationelle Ebene. Nach diesen beiden Ebenen, die eher „über“ den Schulbibliotheken anzusiedeln sind, lässt sich auch eine direkt auf die Schulbibliotheken bezogene Ebene abgrenzen, die sich mit den Fragen beschäftigt, welche Modelle von Schulbibliothek möglich sind bzw. tatsächlich existieren, wie diese Modelle zu differenzieren sind bzw. welche Vor- und Nachteile sich bei ihnen finden und / oder erwarten lassen etc. Ebenso ist auf dieser Ebene die Frage anzusiedeln, welche gesellschaftlichen Gruppen unter welchen Zielsetzungen, mit welchen Mittel und mit welchem Erfolg auf Schulbibliotheken zugreifen.
  4. Bildungssteuerung / Schulautonomie / Schultypen. Eine weitere Ebene muss sich, wenn es um Schulbibliotheken geht, mit dem existierenden Schulsystem und den Entwicklungen in diesem Bereich befassen. Einerseits muss die Gliederung des deutschen Schulsystems thematisiert werden, da diese eindeutig einen Einfluss auf die Schulbibliotheken hat. Gleichzeitig müssen die aktuellen Debatten um die Bildungssteuerung, namentlich um die Schulautonomie, berücksichtigt und auf Schulbibliotheken bezogen werden.
  5. Bibliothekarische Entwicklungen. Ebenso müssen die Debatten und Entwicklungen im bibliothekarischen Bereich beachtet werden, obgleich viele Schulbibliotheken ohne eine direkte Verbindung zu diesen existieren. Allerdings ist vorauszusehen, dass Konzepte, die auf eine längerfristig angelegte und geplante Zusammenarbeit von Schulen und Öffentlichen Bibliotheken abzielen, einen Einfluss auf Schulbibliotheken haben werden. Ebenso können die Debatten, die unter dem Label Bibliothek 2.0 geführt werden, für die Entwicklungen in Schulbibliotheken relevant sein, zumal die Schülerinnen und Schüler die Veränderungen in der Mediennutzung, um die es ja bei der Bibliothek 2.0 auch geht, weit früher vollziehen, als die Gesamtbevölkerung.
  6. Schulbibliothek als bibliothekarischer Raum. Ausgehend von den geäußerten Vorüberlegungen lassen sich auf der Mesoebene Schulbibliotheken als unterschiedliche Räume verstehen und untersuchen. Dabei ist zu bedenken, dass die Forschungen auf der Mesoebene immer auch die Verbindung zwischen Meta- und Mirkoebene herstellen sollen.
    Betrachtet man Schulbibliotheken unter dem Fokus eines bibliothekarische Raumes, dann lassen sich Fragen stellen, die an den Vorstellungen und Zielsetzungen von Bibliotheken anschließen: Welche Aufgaben haben Schulbibliotheken als Bibliotheken? Wie erfüllen sie diese? Oder erfüllen sie diese nicht? Gibt es eine Evidenzbasis für die Vorstellungen aus bibliothekarischer Perspektive, beispielsweise für die beständig wiederholte Vermutung, dass Schulbibliotheken ein Lernort für den Umgang mit anderen Bibliotheken darstellten? Gibt es Zusammenarbeiten zwischen Schulbibliotheken und Öffentlichen Bibliotheken und wenn ja, welche und mit welchen Ergebnissen? Wie lassen sich diese Ergebnisse erklären?
  7. Schulbibliothek als pädagogischer Raum. Ähnliche Fragen wie für die sechste Ebene lassen sich auch stellen, wenn man die Schulbibliotheken unter dem Fokus ihrer pädagogischen Aufgaben und Wirkungen betrachtet. Welche Aufgaben sind dies? Wer formuliert sie? Wie werden sie umgesetzt? Geht es um die Unterstützung der literarischen Bildung, des Lesen-Lernens, der Unterrichtsgestaltung, des freien Lernens etc.? Oder geht es um den Sozialraum Schulbibliothek, der den Schulalltag unterstützt oder aber den außerschulischen Bereich?
  8. Schulbibliothek als Ort bürgerschaftlichen Engagements / Professionalisierung (Personal). Weiterhin lassen sich auf der Mesoebene Fragen zum bürgerschaftlichen Engagement, die weiter oben schon angeklungen sind, erforschen: Wie konstituiert und verändert sich das bürgerschaftliche Engagement in den Schulbibliotheken? Welche Formen des bürgerschaftlichen Engagements gibt es? Wer engagiert sich wie? Wie wirkt sich dies aus? Dies lässt sich sinnhaft auf Fragen des Personals erweitern: Wie auch in anderen Bereichen des bürgerschaftlichen Engagements finden sich in Schulbibliotheken Ansätze zu einer Professionalisierung der Engagierten, sowohl hinsichtlich von Fortbildungen, Vernetzung, Kommunikation und in das Engagement eingebrachtem Bildungskapital als auch hinsichtlich der Verstetigung und damit auch Finanzierung des Engagements. Das Nebeneinander von kostenlosem Engagement vieler, prekärer Beschäftigungsverhältnisse einiger und Festanstellungen einiger weniger, die dann vor allem übergeordnete Aufgaben übernehmen, lässt sich auch in Schulbibliotheken vorfinden. In vielen Bereichen des sozialen Engagements kommt es dabei zu einer langsamen Etablierung von Karrieremöglichkeiten und damit auch zu einer Professionalisierung. Die Frage ist, ob dies im Bereich Schulbibliotheken auch der Fall ist und wenn ja, was dies für die Schulbibliotheken bedeutet.
  9. Einzeleinrichtungen: Alltag, Erfahrungen, Evidenzen. Auf der Mikroebene wird vor allem die Untersuchung der Abläufe in den einzelnen Schulbibliotheken von Interesse sein. Also die Frage, wie die Schulbibliothek von wem, wie und wozu genutzt wird; wie die konkreten Abläufe (Bestandsaufbau, Aufstellung, Erschließung und Bestandsnutzung ebenso wie die „normale“ Nutzung durch Lernende, Lehrende und andere, z.B. die Schulsozialarbeit) organisiert sind; wie sowohl die freie als auch die unterrichtliche Benutzung organisiert ist etc. Gleichzeitig lassen sich auf dieser Teilebene Fragen der Motivation und subjektiven Theorien des Personals und der Nutzenden untersuchen sowie gleichzeitig nach Evidenzen für intendierte und nicht-intendierte Wirkungen der Schulbibliotheken suchen.
  10. Einzeleinrichtungen: differenzierte Organisationen. Gleichzeitig sind Schulbibliotheken als Einrichtungen zu begreifen, die sich bezüglich ihrer Aufgaben ausdifferenziert haben und eigenständige Teilsysteme darstellen. Sowohl die Stellung und Verankerung der Schulbibliotheken in den jeweiligen Schulen und lokalen Netzwerken von Lernorten der Schülerinnen und Schüler als auch die Eigenaktivitäten der Schulbibliotheken, beispielsweise Vernetzungen, Anstrengungen zur Aufrechterhaltung der Einrichtungen und die aktive Abgrenzung der Schulbibliotheken von anderen Einrichtungen innerhalb und außerhalb der jeweiligen Schule eröffnen interessante Forschungsfragen.

Anmerkung
Das Ziel dieses vorgeschlagenen Forschungsprogrammes ist es, eine Kommunikation zwischen denjenigen, die zu Schulbibliotheken forschen und forschen wollen, zu ermöglichen. Es ist selbstverständlich offen für Anmerkungen und Diskussionen. Aber es soll ermöglichen, dass Forschungen verortet, systematisiert und damit sinnvoll aufeinander bezogen werden können. Langfristig sollten, wenn Forschungen in den einzelnen Teilebenen vorliegen, belastbare Aussagen und Theoriebildungen zu Schulbibliotheken möglich werden. Auf der Basis solcher Wissensbestände würde dann auch, wie in der ersten Skizze verdeutlicht wurde, sowohl eine strukturierte Beratung als auch die Evaluation sowohl für einzelne Einrichtungen als auch für die gesamte Bildungs- und Bibliothekspolitik möglich. (Die bisherige Beratung, die von Engagierten für andere Engagierte angeboten wird, ist immer wieder auf die persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen dieser Engagierten angewiesen. Ohne Frage ist auch diese sehr hilfreich.) Allerdings kann dies nicht die Hauptaufgabe von Wissenschaft sein. Forschung soll zur Selbstaufklärung eines Feldes und zur Reflexion über dieses beitragen, zumindest in den Forschungszweigen, die sich mit gesellschaftlichen Fragen und Institutionen beschäftigen. Dies wäre auch die Aufgabe einer Forschung zu Schulbibliotheken, die hier vorgeschlagen wurde.

Literatur
Arnold, Rolf ; Faulstich, Peter ; Mader, Wilhelm ; Nuissl von Rein, Ekkehard ; Schlutz, Erhard / Forschungsmemorandum für die Erwachsenen- und Weiterbildung. – Bonn : DIE, 2000. [http://www.die-bonn.de/oear/forschungsmemorandum/forschungsmemorandum.htm]
Einsiedler, Wolfgang / Didaktische Entwicklungsforschung als Transferforschung. – In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 13 (2010) 1, S. 9-81.
Gräsel, Cornelia / Stichwort : Transfer und Transferforschung im Bildungsbereich. – In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 13 (2010) 7, S. 7-20.
Niesyto, Horst ; Meister, Dorothee ; Moser, Heinz ; Wagner, Ulrike ; Tillmann, Angela ; Neuß, Norbert ; Hoffmann, Dagmar ; Hoffmann, Bernward ; Schorb, Bernd ; Hasebrink, Uwe ; Lampert, Claudia / Keine Bildung ohne Medien! : Medienpädagogisches Manifest. – Ludwigsburg, 2009. [http://www.keine-bildung-ohne-medien.de/medienpaedagogisches-manifest.pdf]
Raumel, Frank / Systematische Erschließung von Bildungspartnerschaften : Ein Leben lang lesen und lerenn in der Stadtbücherei Biberach an der Riss. – In: BuB, 62 (2010) 5, S. 377.
Schuldt, Karsten / Schulbibliotheken in Berlin 2008-2010 – Übersicht zu den grundsätzlichen Entwicklungen und der Anzahl der Schulbibliotheken in Berlin. – [Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft ; 27]. – Berlin : Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät I, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, 2010. [http://edoc.hu-berlin.de/docviews/abstract.php?id=30912]
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ; Alscher, Mareike ; Dathe, Dietmar ; Priller, Eckhard ; Speth, Rudolf / Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland. – Berlin : Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2009. [http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/buergerschaftliches-engagement-bericht-wzb-pdf,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf]

Fußnote
[1] Die Forschungen zum bürgerschaftlichen Engagement sprechen auch von einer Professionalisierung des Ehrenamtes. Vgl. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (2009).
[2] Findet eine solche Institutionalisierung, beispielsweise in Instituten, Lehrstühlen, Forschungsnetzwerken, nicht statt, sondern bleibt die Forschung in einem Feld zu eng an eine oder wenige Personen gebunden, kann es – wie dies auch immer wieder passiert – vorkommen, dass diese Felder mit dem ausscheiden der Forschenden von der Landkarte der Wissenschaft wieder verschwinden.
[3] Wäre es möglich, dass vorherzusagen, würde dies der Forschungspolitik ein wichtiges Mittel zur Steuerung der Wissenschaft in die Hand geben, könnte sie dann doch Forschungsfelder direkt planen und auch „schließen“ und nicht „nur“ indirekt über die Vergabe von Geldmitteln, Forschungsaufträgen und der Etablierung von Standards. Allerdings kann solche Vorstöße der Bildungspolitik wie die Exzellenzinitiative gerade als Versuche interpretieren, solche Netzwerke regelrecht zu erzwingen.
[4] Vgl. zu einem bekannten Versuch einen solchen Forschungsrahmen aufzustellen das Forschungsmemorandum für die Erwachsenen- und Weiterbildung [Arnold et al. (2000)]. In gewisser Weise lässt sich auch das „Medienpädagogische Manifest“ [Niesyto et al. (2009)] als ein solcher Rahmen verstehen, auch wenn es vordergründig um die Veränderung der pädagogischen Praxis geht.
[5] Vgl. Schuldt (2010). Ob die Zahl der Schulbibliotheken wieder wächst – weil z.B. in der zeit der letzten großen Bildungsreform in der BRD in den 60er/70er Jahren Schulbibliotheken begründet, diese aber zu einem großen Teil eingegangen sind, lässt sich nicht mehr feststellen.
[6] Vgl. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (2009).
[7] Dies ist bekanntlich für bürgerschaftlich Engagierte in Bibliotheken auch noch lange nicht geklärt.
[8] Vgl. Gräsel (2010), Einsiedler (2010), die dies gerade unter dem Fokus einer Handlungsforschung (in schulischen Bereich) diskutieren.
[9] Vgl. dazu als aktuelles Beispiel Raumel (2010), wo Schulbibliotheken als reine Untereinrichtungen des städtischen Bibliothekssystems in Biberach an der Riss beschrieben werden.
[10] Vgl. Schuldt (2010).

Mit Evidence Based Librarianship gegen die Forschungs-Praxis-Lücke?

Wolfgang G. Stock berichtet in einem kurzen Text in der aktuellen Bibliotheksdienst über die letzte Evidence Based Library & Information Practice Conference in Stockholm. [Stock, Wolfgang G. (2009) / Evidenzbasierte Bibliotheks- und Informationspraxis : EBLIP5, Stockholm, 2009. – In: Bibliotheksdienst 43 (2009) 8/9, S. 902-908]. Dies scheint der erste – und wenn nicht, dann einer der ersten – deutschsprachigen Text zum Evidence Based Librarianship (EBLS) zu sein. [1] Deshalb ist Stock auch genötigt, überhaupt das Konzept einzuführen.
Allerdings folgt auch er ohne Not der Unsitte, englische Begrifflichkeiten, die nicht mit ihrem gesamten relevanten Bedeutungsinhalt übersetzt werden können, trotzdem ins Deutsche zu übersetzen. Seine eins-zu-eins-translation zu „Evidenzbasierte Bibliotheks- und Informationspraxis“ unterschlägt deshalb leider den Zusammenhang des Begriffes Evidence – der im Englischen weit gebräuchlicher ist, als dass Deutsche „Evidenz“ – mit der Vorstellung, Menschen Wahlmöglichkeiten zu eröffnen (having a choice) und die Möglichkeit zu geben, Ihre gesellschaftliche Umwelt zu beeinflussen (make a difference). Während das EBLS als Praxis im Englischen in einem engen Zusammenhang zur Gestaltung der Gesellschaft und der Betonung der Individualität steht, wird in der Darstellung von Stock dieser Bedeutungszusammenhang unterschlagen. Das ist deshalb relevant, weil meines Erachtens das wirklich Interessante an der EBLS-Bewegung ist, dass Bibliothekarinnen und Bibliothekare sich als mit ihrer Arbeit gesellschaftlich aktiv verorten und (Forschungs-)Fragen stellen, die für die lokale und die gesamte Gesellschaft relevant sind. Bei Stock hingegen wird die EBLS zu einer Praxis der Verwaltung von Bibliotheken – was sie auch sein kann, aber gerade nicht ausschließlich ist.
Nichtsdestotrotz ist die Einführung von Stock zu empfehlen, gerade weil sie kurz und knapp eine grundlegende Darstellung des EBLS bietet. EBLS ist ein Praxis, in der Bibliotheken sich selber die Definitionsmacht über die Entscheidungen, welche die langfristige Strategie ihrer Organisationsentwicklung betreffen, zuschreiben und sich in einem geordneten Prozess daran machen, zu untersuchen, welche Instrumente zur Lösung welcher Problemstellungen oder einfach zur Verbesserung ihrer Arbeit erfolgversprechend sind. Dazu untersuchen sie die im Begriff EBLS angesprochen Evidence, sie fragen also, ob Instrumente Effekte haben und wenn ja, welche und in welchem Maße. Diese Effekte werden dann für Entscheidungen über die Organisationsentwicklung der Bibliotheken genutzt.
Stock wählt aus mehreren konkurrierenden Prozessdarstellungen, die für die EBLS vorliegen, eine zehnstufige aus, die er am sinnvollsten hält. Folgend die zehn Stufen (Seite 902-903, mit erläuternder Skizze auf Seite 903):

  1. Frage formulieren (z.B. Wie nutzen unseren Nutzerinnen und Nutzern die Selbstlernbereiche?, Wie wird unser Bestandsaubau wahrgenommen?, Wie nutzen Jugendliche unsere Bibliothek?)
  2. Suche nach Evidenz (Quellenrecherche in bibliothekarischen/bibliothekswissenschaftlichen Studien und Statistiken, aber auch in angrenzenden Themenbereichen, eventuell eigene Forschung)
  3. Kritische Bewertung der Quellen
  4. Entscheidung (Organisationsentwicklung, Projekte etc.)
  5. Evaluation (Gesamtprozess)
  6. Ist die richtige Entscheidung getroffen worden? (rekursive Evaluation)
  7. Wurde die Evidenz korrekt bewertet? (rekursive Evaluation)
  8. War die eigenen Forschung derart erfolgreich, dass sie die passende Evidenz erbrachte?
  9. Ist überhaupt richtig recherchiert worden?
  10. Wurde zu Beginn die richtige Frage gestellt?

Bei Punkt 2 und 8 würde ich Stock zum Teil widersprechen. Er stellt es so dar, als würde eine eigenständige Forschung durch Bibliothekarinnen und Bibliothekare im Rahmen des EBLS eine Ausnahme darstellen, die dann greift, wenn anderweitig keine Quellen gefunden werden können, um die gestellten Fragen zu beantworten. Schaut man aber die englisch-sprachige Literatur zum EBLS durch, scheint es eher so zu sein, als wäre das herausragend Neue gerade das Bibliothekarinnen und Bibliothekare eigenständig im Rahmen ihrer Bibliothek forschen und dabei Forschungsfragen stellen, die sich an der Realität ihrer Einrichtung orientieren (und beispielsweise weniger an den Wünschen der Verwaltung).
So oder so wertet Stock die EBLS als Möglichkeit, auch in Deutschland eine von ihm (und zahlreichen anderen) postulierten Forschungs-Praxis-Lücke zwischen bibliothekarischer Praxis und Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu überwinden, wie dies zum Teil auch in anderen Ländern gelungen sei. Dem ist zuzustimmen.

Fußnote
[1] (Some shameless self-promotion) But watch out for my forthcoming Doktorarbeit, Kapitel 3.3.