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Eine untergegangene Tradition der bibliothekarischen Arbeit: Lesesoziologie

Ich möchte in diesem Blogpost (Essay?) gerne über einen Teil der Arbeit öffentlicher Bibliotheken (kleines ö, wird gleich thematisiert) reden, der lange Zeit ganz normal dazugehörte, aber seit einigen Jahrzehnten verschwunden ist. Das hat mit meinem Versuch zu tun, ein bibliothekshistorisches Buch zu schreiben, welches die Diskurse um öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum nachzeichnen soll. Im Rahmen der Recherchen dazu fallen solche abgebrochenen Traditionen selbstverständlich auf.

Diesen Teil der Arbeit, den ich besprechen möchte, nenne ich hier Lesesoziologie. So wurde er oft genannt. Aber es gab auch viele andere Bezeichnungen, zum Beispiel „Lesekunde‟, „Literatursoziologische Untersuchungen‟, „Leseforschung‟. Heute, wie gesagt, gibt es diese Tradition nicht mehr. Es gibt weiterhin eine Literatursoziologie in der Soziologie und Literaturwissenschaften miteinander verbunden sind, aber die – obgleich interessant – stellt andere Fragen. Mir geht es um die Lesesoziologie, die von Bibliotheken und bibliothekarischen Infrastrukturen betrieben wurde.

Ich spreche von öffentlichen Bibliotheken mit kleinem „ö‟, weil es um alle Bibliotheken mit dem Anspruch geht, eine gewisse Öffentlichkeit zu erreichen. Gerade für die Jahre vor 1933 (beziehungsweise den 1950ern in der Schweiz) gilt, dass es sehr verschiedene Bibliothekstypen gab, die das versuchten; nicht nur die, die am Ende die heutigen Öffentlichen Bibliotheken wurden. Auch bewegungsgebundene Bibliotheken („Arbeiterbibliotheken‟, Bibliotheken des politisch organisierten Katholizismus) oder „kommerzielle Leihbibliotheken‟ teilten sich diese Tradition. Ich spreche hier aber nicht von den Wissenschaftlichen oder Spezial-Bibliotheken.

Themen und Praktiken der Lesesoziologie

Es ist nicht ganz einfach zu sagen, wenn die Tradition der Lesesoziologie anfing und wann sie endete. Wie immer bei solchen Enden gibt es kein Dokument, dass sagt: „Jetzt ist Schluss.‟ So etwas passiert gradueller. Aber ich würde sagen, dass sie mit dem modernen Bibliothekswesen, also ungefähr in den 1880er Jahren aufkam und bis in die 1970er, vielleicht auch 1980er betrieben wurde. Mit merklichen Häufungen an Publikationen um die Jahrhundertwende und in den 1960er Jahren.

Wie und warum die Lesesoziologie betrieben wurde, veränderte sich – parallel zu den Bibliotheken selber – während dieser Zeit. Aber die Grundfragen war immer die gleichen: Was lesen die Lesenden? Die, die in die Bibliothek kommen und die, die nicht in die Bibliothek kommen? Oft wurde auch nach dem Warum lesen sie das? gefragt und lange Zeit auch: Welche Wirkung hat dieses Gelesene auf die Lesenden? (Letztes änderte sich mit der Zeit, siehe nächster Abschnitt.)

Es wurden verschiedene Methoden genutzt, um Antworten auf diese Fragen zu finden: Empirische (Umfragen, Auswertungen von Ausleihen, Befragungen) und theoretische (Auswertung der in Bibliotheken verliehenen Literatur, beispielsweise mit Modellen von „Schmutz und Schund‟ auf der einen, „Kunst und Technik‟ auf der anderen Seite). Es wurden Untersuchungen ganz verschiedener Grössenordnungen durchgeführt: Auf der Basis eine Bibliothek, einer Stadt oder eine Landes. Mal mit wenigen Themen, mal mit möglichst viel. Die bibliothekarische Literatur, die auf uns gekommen ist, ist voll von Ergebnissen solcher Studien: Artikel, Broschüren, Teile von Jahresberichten informieren über diese. Eine Anzahl von Abschlussarbeiten bibliothekarischer Ausbildungsgänge mit lesesoziologischen Studien existieren auch. Gerade die Vielzahl grauer Literatur lässt vermuten, dass es noch weit mehr Broschüren und Abschlussarbeiten gab, die vielleicht gar nicht überliefert wurden oder sich noch in dunklen Ecken von Magazinen und Archiven befinden.

Teil bibliothekarischer Arbeit

Eines ist wichtig zu betonen: Die Lesesoziologie war keine Aufgabe von Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Sie war vorrangig Teil der normalen bibliothekarischen Arbeit und wurde vor allem von Bibliotheken selber durchgeführt, in allen öffentlichen Bibliothekstypen1 und offenbar auch von Bibliotheken aller Grössen. In älteren bibliothekarischen Lehrbüchern werden sie auch (aber eher nebenher, als wichtige, aber nicht immer durchzuführende Arbeit) thematisiert. Es war nicht so, das die paar Forschungseinrichtungen, die von Zeit zu Zeit gab, Hauptproduzenten dieser Studien gewesen wären.

Vielleicht auch deshalb sind die theoretischen Hintergründe der Arbeiten nicht immer leicht ersichtlich, selten reflektiert und vor allem sind die Studien methodisch nicht immer perfekt. Aber das mussten sie auch nicht. Es ging in ihnen nicht darum, wissenschaftliche Qualifikation nachzuweisen, sondern Wissen zu generieren, das oft den jeweiligen Bibliotheken zu Gute kommen sollte. (Allerdings ist es schon auffällig, wie viele Bibliothekare, spätere auch Bibliothekarinnen, sich zutrauten, solche Studien durchzuführen. Vom heute gerne mal postulierten geringen Selbstbewusstsein der Bibliotheken ist in den Studien nichts zu spüren.) Dafür wurden in der bibliothekarischen Literatur Kolonen über Kolonen von Zahlen und Titeln ausgeborgter Werke produziert, dargestellt und diskutiert.

Die Überzeugung, die sich auch in vielen Quellen explizit so ausgedrückt findet, war, dass Bibliotheken ihre Arbeit nur effektiv und sinnvoll durchführen könnten, wenn sie wüssten, was ihre Leser*innen lesen, beziehungsweise was die Menschen, die sie zu erreichen hofften lesen und warum. Nur dann könnten Bibliotheken (a) ihren Bestand sinnvoll aufbauen und (b) die Lesenden beraten. Ohne dieses Wissen können man nur mit Annahmen und den eigenen, immer unvollständigen, Vorstellungen arbeiten. Aber, das wird in den Quellen auch deutlich, selbst in Zeiten, als die Bibliothekare (männlich) stark der Meinung waren, dass sie bestimmen könnten, was gute und schlechte Literatur sei, welche Literatur zu welcher „Lesestufe‟ passen würde und welche (noch) zu komplex für für welche Lesenden war, gab es immer die Vorstellung, dass die (potentiellen) Lesenden Personen mit eigenem Willen seien, denen man nicht einfach Literatur aufzwingen könne. Mag das in der Realität auch anders gehandhabt worden sein, in den Quellen werden die Literaturinteressen immer erst einmal akzeptiert, um dann an ihnen zu arbeiten. Selbst, wenn man mit den Bibliotheken Menschen erziehen wollte, wurde es als notwendig angesehen, erst einmal zu wissen, was sie lesen.

Entwicklungen

Die Lesesoziologie entwickelte sich. Auch das wird in den Quellen sichtbar. Je nachdem, was die einzelnen Bibliotheken als ihre Aufgabe ansahen, entwickelte sich auch, was und wie genau gefragt wurde.

Lange Zeit war es üblich, die Aufgabe der Bibliotheken darin zu sehen, die jeweiligen Lesenden zu einer besseren Nutzung von Literatur zu erziehen. Nicht unbedingt als Selbstzweck. Im Diskurs der Lesehallen war zum Beispiel verankert, dass sie helfen sollten, vor allem in den unteren Sozialschichten Menschen, die das Talent dazu hatten und sich selber engagierten, den Aufstieg durch Bildung zu ermöglichen. Das sollte diesen Menschen, aber auch der Gesellschaft im Allgemeinen helfen. Arbeiterbibliotheken sollten dazu beitragen, dass die organisierten Arbeiter*innen in die Lage versetzt würden, eine sozialistische (kommunistische, anarchistische und so weiter) Gesellschaft aufzubauen. Bibliotheken im Nationalsozialismus sollten dazu beitragen, dass sich Menschen ihre angeblich natürlichen Rolle in der „Volksgemeinschaft‟ und „Rasse‟ klar würden. Und so weiter. Lesesoziologie wurde eingesetzt, um den Erfolg solcher Aufgaben zu überprüfen. Borgten die Lesenden im Laufe der Zeit mehr „qualitätsvolle‟ und / oder politisch richtige Literatur aus? Verzichteten sie auf die falsche Literatur (lasen sie beispielsweise mehr sozialkritische Romane und weniger Liebesromane)? Wie wirkte sich die Arbeit der Bibliotheken jeweils darauf aus?

In den späten 1910er, frühen 1920er Jahren änderte sich die Vorstellung davon, wie Lesen funktioniert und was die Aufgabe von Bibliotheken ist. Nicht vollständig, nicht überall, aber doch merklich. Der demokratische Geist der Weimarer Republik und der Ersten Österreichischen Republik zeigte sich auch in den Bibliotheken, obgleich es dort viele konservative Tendenzen gab. Man ging weniger davon aus, dass das Lesen der Menschen gesteuert werden könne, sondern das es eine Lesebiographie gäbe, deren Entwicklung man unterstützen müsse. Das lässt sich auch in den Lesesoziologie nachvollziehen. Immer mehr wird nicht danach gefragt, ob die richtige Literatur gelesen wird, sondern eher danach, welche Wege die Lesenden nehmen. Das Ziel ist oft immer noch, dass sie am Ende die richtige Literatur (was immer das in der jeweiligen Bibliothek ist) gelesen wird. Aber die Lesenden sollen praktisch selber dahinkommen und auf dem Weg dorthin unterstützt werden. Gesteuert, aber selbstbestimmt. (Das erscheint uns heute vielleicht nicht logisch, aber ist wichtig, diese Entwicklung auch als Entwicklung anzusehen. Bibliothekare, und auch die ersten Bibliothekarinnen, machten sich sehr wohl Gedanken über ihre Arbeit und veränderten ihre Vorstellungen. Das war nie eine feste Meinung, die für immer feststand und von allen geteilt wurde.)

Und auch, als sich nach dem Nationalsozialismus (beziehungsweise der Geistigen Landesverteidigung in der Schweiz) und den restaurativen Jahren dann Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre die Auffassung durchsetzte, dass es die Aufgabe der Bibliotheken sei, die Interessen der potentiellen Lesenden zu unterstützen, ihnen Fortbildungsmöglichkeiten und „sinnvolle Freizeitbeschäftigung‟ zu bieten, aber sie auch nicht zu zwingen, wurde dem in der Lesesoziologie gefolgt. Weiterhin wird in diesen Jahren gefragt, was gelesen wird, von wem und warum. Es werden Thesen über die weitere Entwicklung der Literatur aufgestellt, da man davon ausgeht, dass sich gesellschaftliche und technologische Entwicklungen auch darauf niederschlagen werden, was und wie viel gelesen wird. (Stichwort: Mehr Freizeit.)

Auffällig ist auch, dass die jeweilige Lesesoziologie sich mit den Aufgaben der Bibliotheken verbindet. In der DDR gab es beispielsweise immer wieder „parteiliche‟ Auswertungen, in denen aus den gesammelten Daten vor allem die der „Werktätigen und Kollektivbauern‟ herausgehoben wurden. Bekanntlich sollten die gefördert werden, damit sie die sozialistische Gesellschaft aufbauen könnten. (Und dann wären alle in der sozialistischen Gesellschaft, auch die, die nicht gesondert gefördert würden.) Hier verband sich Politik und Bibliotheksarbeit ganz direkt.

Aber, und das ist mir hier wichtig: Die Grundfragen der Lesesoziologie blieben. Was lesen die Leute und warum? Die Studien und Inhalte entwickelten sich mit den Bibliotheken,. Aber die Grundüberzeugung, dass eine sinnvolle Bibliotheksarbeit nur möglich wäre, wenn es Antworten auf diese Frage gibt, wurde die ganze Zeit beibehalten. (Das ist wichtig für die Frage ganz unten, ob sich Lesesoziologie wieder etablieren lässt.)

Gesellschaft und Lesesoziologie

Eine Sache, die in der ganzen Lesesoziologie auffällt, ist, dass sie immer einen Blick auf die Gesellschaft hatte. Egal, wer die Studien betrieb, egal in welchem Jahrzehnt oder für welchen Bibliothekstyp: Es gab immer ein klares Verständnis davon, dass die soziale Schicht und die konkreten sozialen Umstände, aus denen die betreffenden Lesenden kamen, eine grosse Bedeutung für die jeweilige Lesebiographie hatten. Sowohl dafür, was gelesen wurde als auch dafür, was als sinnvolle Lektüre galt. Nicht nur Arbeiterbibliotheken – bei denen das zu erwarten war, immerhin waren sie Teil einer marxistischen Bewegung – gingen davon aus, dass verschiedene soziale Schichten einen unterschiedlichen Zugang zum Lesen hatten, sondern praktisch alle taten dies. Sicherlich betonten andere Bibliotheken mehr die individuellen Entscheidungen der Lesenden. Aber praktisch galt immer:

  1. Prinzipiell können alle Menschen lernen, alle Literatur lesen.
  2. Menschen in verschiedenen sozialen Schichten haben unterschiedliche Möglichkeiten dazu. Deshalb ist es wichtig, nach den sozialen Umständen zu fragen.

Oft wurde zum Beispiel betont, dass Arbeiter*innen gar nicht so viel Zeit hätten, um sich umfassende literarische Kenntnisse anzueignen. Oder das der Alltag von Bäuer*innen durch die „Zeitläufe der Natur‟ geprägt sei und somit auch die Anregungen zur Beschäftigung mit Literatur andere wären als die der städtischen Mittelschicht. Das galt auch für Bibliotheken, die zum Beispiel einen „sozialen Ausgleich‟ im Ständestaat unterstützen sollten. Nicht nur für solche, die in Kategorien des Klassenkampfes dachten.

So oder so: Es war ein soziologisches Verständnis von Gesellschaft, das hinter der Lesesoziologie stand. Soziologisch in dem Sinne, dass die Gesellschaft begriffen wurde als in verschiedene soziale Schichten eingeteilt und dass die Literaturinteressen als von den sozialen Umständen dieser Schichten bedingt gedacht wurde (nicht determiniert, immer galt es auch die individuellen Interessen zu beachten). Deshalb zum Beispiel wurde intensiv diskutiert (in den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen), ob der Zuwachs an Freizeit für Arbeiter*innen in Fabriken in den 1950er / 1960er Jahren zu anderen Leseinteressen dieser Schicht führen würden: Weil sich deren soziale Umstände veränderten.

Vom Verschwinden der Lesesoziologie

Heute gibt es, pauschal gesagt, keine Lesesoziologie mehr. Vor allem nicht mehr als Teil bibliothekarischer Arbeit. Sie kommt in der Ausbildung nicht vor. Sie kommt bei der Festlegung der Bestandsstrategien nicht vor und sie wird auch nicht bei den strategischen Prozessen von Bibliotheken benutzt. Wann ist das passiert und wieso?

Wie oben gesagt: Genau lässt sich das nicht sagen. Es scheint eher, als sei diese Tradition ausgelaufen. Wie so oft bei öffentlichen Bibliotheken scheint sich diese Veränderung in den 1970er zu vollziehen. Spätestens in den 1980er Jahren scheint die Tradition mehr oder minder „tot‟ gewesen zu sein. Sie taucht in den bibliothekarischen Publikationen nicht mehr auf.

Ist sie von etwas anderem ersetzt worden? Auffällig ist, dass, als diese Tradition verschwindet, das Konzept und der Begriff des „Kunden‟ (heute selbstverständlich auch „Kund*innen‟) auftaucht. Die Leute, die die Bibliothek nutzen, werden nicht mehr als Lesende, Benutzer*innen und so weiter verstanden, sondern als Kund*innen. Auch das nicht sofort, nicht vollständig. Aber wenn man ein Datum setzen will, dann wäre der Beginn des Engagements der Bertelsmann-Stiftung im deutschen Bibliothekswesen 1985 ein guter Termin. Das würde zeitlich passen. (Aber nicht erklären, warum es in Österreich, der Schweiz und auch der DDR mit dieser Tradition gerade dann vorbei zu sein scheint. Man kann das Engagement der Stiftung vielleicht als Katalysator einer Entwicklung, die auch so stattgefunden hätte, interpretieren.)

Was diesen Begriff unter anderem auszeichnet ist, dass die Menschen als einzelne Individuen begriffen werden, die eigne Interessen ausprägen. Soziale Unterschiede werden dabei eingeebnet: Warum die Individuen ihre Interessen ausprägen, warum sie das mögen und das nicht, wird als grundsätzlich egal angesehen. Sie werden Atomisiert. Es wird bei Kund*innen eher nach Trends gefragt, die sich entwickeln und auf die man reagieren müsste und nicht mehr nach sozialen Umständen, welche die Trends hervorbringen. Zumindest als These lässt sich aufstellen, dass die Lesesoziologie mit ihrem Fokus darauf, warum Menschen was lesen, nicht in ein solches Denken passt. Wenn die gesellschaftlichen Umstände die Literaturinteressen mitbestimmen, kann man sie nicht als Kund*innen verstehen. Die Fragen der Lesesoziologie passen nicht zum neoliberalen Denken.

Aber das kann nicht die ganze Erklärung sein: Das Wahrnehmen von Menschen als atomisierte Individuen, und nicht als geprägt von sozialen Schichten, muss überzeugt haben. Sonst wäre es nicht so angenommen worden. Und die Lesesoziologie – die, dass muss man erwähnen, oft zeigte, dass die Anstrengungen der Bibliotheken wenig Einfluss auf das Leseverhalten hatten – mussten weniger überzeugt haben.

Should we revive Lesesoziologie?

Bibliotheken heute wissen überhaupt nicht, welche Menschen aus welchen sozialen Schichten welche Literatur (oder welche anderen Medienformen) bevorzugen. Sie wissen nicht, ob sich das Interesse an bestimmten Medien, Genres und so weiter grob an sozialen Schichten orientiert oder nicht. Wenn überhaupt, dann wird gefragt, ob bestimmte Altersstufen und das Interesse an bestimmten Medien zusammenhängt. (Vor allem bei Kindern und Jugendlichen, nicht bei anderen Altersgruppen.2)

Die Lesesoziologie basierte auf der Annahme, dass man wissen müssen, was Menschen lesen und warum, um überhaupt den Bestand und die restlichen Aktivitäten der Bibliothek sinnvoll planen zu können. Das war keine falsche Überzeugung. Heute hingegen scheinen die meisten Entscheidungen von Bibliotheken über den Bestand und über die Angebote der Bibliothek auf kaum fundierten Vorstellen, Behauptungen und Hoffnungen (die sich halt auch oft zerschlagen) aufzubauen. Dadurch, dass die Tradition der Lesesoziologie aufgegeben wurde, haben sich Bibliotheken (gewiss ungewollt) eher in die Hände von meinungsstarken Einzelpersonen begeben. Sie sind dadurch strukturell dümmer geworden (im Sinne von: Sie wussten früher mehr).

Eventuell ist ein Grund dafür, dass sie ihre strategischen Entscheidungen mehr und mehr nicht an Medien, sondern an Angeboten, die weniger mit Medien zu tun haben, ausrichten, der, dass sie sich kaum noch Daten darüber erarbeiten, was Menschen eigentlich alles mit Medien machen. Die Abwertung der konkreten Mediennutzung (also dem lautstark thematisieren Interesse am Lesen und ähnlichen Aktivitäten) im bibliothekarischen Diskurs scheint auch mit dem Niedergang der Lesesoziologie einigermassen parallel zu laufen.

Deshalb drängt sich Frage auf (auch, weil die These vom Ende des Neoliberalismus in unseren Gesellschaften in der Luft hängt), ob es sinnvoll und möglich wäre, die Lesesoziologie wiederzubeleben. Sollte man Bibliotheken raten, sich wieder Studien darüber zuzuwenden, was und warum ihre potentiellen Nutzer*innen lesen?

Ja, aber der Zeit und unserem Wissen über die Medienrezeption angepasst. Es ist offensichtlich, dass in den letzten Jahrzehnten, in denen Bibliotheken versucht haben, Angebote neben der „reinen Mediennutzung‟ aufzubauen, die Nutzung der Medien – und vor allem immer noch das Lesen von ausgeborgten, gedruckten Büchern – weiterhin die Hauptaktivität in Bibliotheken geblieben ist. Das ist nie weggegangen. Deshalb sollte man auch wieder anfangen, Daten über diese Aktivitäten zu erheben und für die bibliothekarische Arbeit zu verwenden.

Wie oben diskutiert wurde die Lesesoziologie immer im Rahmen dessen durchgeführt, wie die Bibliotheken jeweils ihre Aufgaben definierten. Lesesoziologie ist also wandelbar. Was wäre heute anders?

  1. Sicherlich würde man heute die verschiedenen Medienformen, die in Bibliotheken vorhanden sind, integrieren. Das wäre keine Innovation. Als in Bibliotheken Angebote an Zeitschriften und Zeitungen aufgebaut wurden, wurden auch sie in die lesesoziologischen Befragungen integriert. (Sie würde dann vielleicht auch anders heissen. Aber Lesesoziologie ist ja, wie oben dargestellt, eh nur der Begriff, den ich gewählt habe. Insoweit wäre auch das kein Problem.)
  2. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert herrschte eine recht direkte Vorstellung davon, wie Literaturrezeption funktioniert vor. Man ging davon aus, dass man aus dem Text selber herauslesen konnte, wie dieser auf die Lesenden wirken würde. Literatur würde praktisch eins zu eins interpretiert, Romane praktisch als Abbildung der Realität gelesen (und damit zum Beispiel falsche Vorstellungen vermitteln oder aber gerade ungewohnte Einblicke ermöglichen). Das stimmt selbstverständlich nicht. Die Literaturwissenschaft (oder auch die Filmwissenschaft, die Musikwissenschaft und so weiter) haben komplexere Rezeptionsmodelle erarbeitet und auch empirisch untermauert. Wir wissen zum Beispiel heute, dass Lesende jeweils mitbestimmen, wie ein Medium wahrgenommen wird und das Bedeutung eines Textes (Films, Musikstücks und so weiter) von diesen bei der Rezeption co-produziert wird.3 Solche Rezeptionsmodelle müssten sinnvoll in die Lesesoziologie integriert werden.
  3. Es gibt heute mehr Forschungseinrichtungen um Bibliotheken drumherum als früher. All die Fachhochschulen, aber auch mietbaren freien Forschungsinstitute wären wohl in der Lage, lesesoziologische Untersuchungen durchzuführen. Aber: Die Stärke der Lesesoziologie war, dass sie direkt von Bibliotheken durchgeführt und dann wohl auch eher genutzt wurde. Nur Daten über die Mediennutzung zu erheben, verändert die Bibliotheksarbeit noch nicht. (Es gibt ja zum Beispiel regelmässige Studien zur Nutzung digitaler Medien. Wie werden die den genutzt.) Wenn Bibliotheken solche Studien durchführen, müssen sie sich selber klar werden, was sie eigentlich wieso und wie fragen, auswerten und so weiter. Das ist es, was wiederbelebt werden sollte.

Was sich allerdings ändern würde durch eine solche „neue Lesesoziologie‟ wäre wohl, dass einige in den letzten Jahrzehnten liebgewonnene Vorstellungen über Bibliotheken aufgegeben werden müssten: Es würde sich zeigen (weil sich das in anderen soziologischen Studien auch immer wieder zeigt), dass sich die Interessen an bestimmten Medien, Genres, Inhalten und so weiter stark an den sozialen Schichten anlehnen. Die Grundvorstellung, dass es in unseren Gesellschaften nur „Kund*innen‟ gäbe, müsste aufgegeben werden. Ausserdem würde sich wohl zeigen, dass es weiterhin die Mediennutzung ist, welche die meisten Besuche von Bibliotheken motiviert. Es ist seit den 1980ern normal geworden, zu behaupten, Bibliotheken müssten sich auf andere Angebote konzentrieren (heute Makerspaces, aber auch das ist nicht neu, sondern eine Tradition). Es würde sich wohl zeigen, dass diese Behauptungen argumentativ davon profitieren, dass sie kaum empirisch überprüft werden. Wie gesagt zeigte sich in den lesesoziologischen Untersuchungen oft, dass die Bemühungen der Bibliotheken mit spezifischen Angeboten, Beratungen, Lenkungsversuchen und so weiter die Lesenden zu beeinflussen, immer nur geringe Effekte hatten,. Immer kamen Menschen vor allem, um das zu lesen was sie interessierte. Wenn sich also in neuen lesesoziologischen Untersuchungen zeigen würde, dass das auch heute gilt, wäre das nur gut. Es würde die Bibliotheksarbeit erden.

 

Fussnoten

1 In meinem Artikel zu Arbeiterbibliotheken in der vorletzten LIBREAS habe ich auch Beispiele angeführt, wo solche Studien zu polemischen Zwecken genutzt wurden. Zum Beispiel Abbildung 4 und 5, wo die Arbeiterbibliotheken Wiens anführen, welche Autor*innen und welche Arten von Beständen bei Ihnen ausgeliehen wurden, um zu zeigen, dass sie die Kultur der Arbeiter fördern würden. (Schuldt, Karsten (2019). „Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts‟. In: LIBREAS. Library Ideas 35 (2019), https://libreas.eu/ausgabe35/schuldt/).

2 Es gab auch die kurze Zeit, wo einige Bibliotheken auf den antifeministischen Zug aufzuspringen versuchten und angebliche „Literatur für Jungen‟ anbieten wollten. Das ist zum Glück untergegangen, wohl auch weil die Vorstellungen davon, was „Jungenliteratur‟ sein soll, auf keinen Daten – sondern auf hinterwäldlerischen und antifeministischen Annahmen – beruhte.

3 Das wäre übrigens die „richtige‟ Verwendung von „co-produziert‟ (richtig im Sinne von: hierfür gibt es einen Definition). Ich weiss, dass Bibliotheken diesen Begriff aktuell auch benutzen, aber mir ist nicht klar, was sie damit meinen. Offenbar nicht das.

Poster: Fünf Tests für Umfragen in (Öffentlichen) Bibliotheken

Im Rahmen meiner Arbeit komme ich immer wieder mit Öffentlichen Bibliotheken (vor allem, aber nicht nur in der Schweiz) in Kontakt, die Umfragen oder ähnliche Erhebungen durchführen wollen, vor allem um von ihren Nutzer*innen (oder Nicht-Nutzer*innen, was manchmal fälschlich als eine neue Idee wahrgenommen wird) etwas zu erfahren. Es gibt unterschiedliche Wege, wie das genau ausgedrückt wird, aber fast immer geht es darum, (a) das die jeweilige Bibliothek ihre Arbeit von den Nutzer*innen „spiegeln“ lassen will oder / und (b) das sie über Veränderungen nachdenkt, die sie gerne vorderhand bewerten möchte. Manchmal fragen die Bibliotheken, ob Studierende für sie diese Umfragen durchführen können, manchmal wollen sie beraten oder unterstützt werden. Das hängt von der Bibliothek, den konkreten Fragen und vorhandenen Finanzen ab.

Aber: Immer wieder geht es um ähnliche Fragen, immer wieder gehe ich mit Bibliotheken dabei ähnliche Punkte durch. Bibliotheken sind halt doch oft ähnlich und haben ähnliche Ideen. Es wird also auch in anderen Bibliotheken ähnlich sein. Ich habe diese Punkte hier einmal zusammengefasst und als Poster (DIN A0) gestaltet, damit man es ausdrucken / plotten und an die Wand hängen kann, wenn man eine solche Umfrage plant. Es nimmt keine Arbeit ab, sondern fordert auf, die jeweilige Umfrage noch mehrfach durchzugehen. Meine Erfahrung ist aber, das die auf dem Poster genannten „Tests“ helfen, solche Umfragen „sinnvoller“ (im Sinne von: Mehr Daten erzeugend, mit denen die Bibliotheken etwas anfangen können) zu gestalten.

Symbobild für das Poster "Tests für Umfragen und andere Erhebungen von Bibliotheken"

(Datei hier oder auch bei E-LIS unter http://hdl.handle.net/10760/39467.)

Umfragen, um dann zu machen, was alle machen?

Letztens, in einer Kneipe bei mir aber auch bei der „Helene Nathan Bibliothek” in Berlin-Neukölln um die Ecke, fielen mir die aktuellen Informationen (vom April 2019) des Quartiersmanagements in die Hände (flugblätter 1.19 – Informationen rund um den Flughafenkiez, https://qm-flughafenstrasse.de/fileadmin/user_upload/2019/04_April/flugblätter_1.19-web.pdf̈), vorne drauf ein Artikel zum Umbau der Bibliothek. Dieser Artikel liess mich einigermassen ratlos zurück. Es gibt ihn dutzende Male, hunderte Male für verschiedene Bibliotheken in hunderten ähnlichen Publikationen. Dieser bezog sich einfach auf eine Bibliothek, die ich direkt kenne. Ich bin auch nochmal vorbeigegangen, um zu schauen, ob meiner Irritation verfliegt, wenn ich die neu umgebaute Bibliothek direkt sehe – aber nein, nein. Die Irritation bleibt. Ich versuche sie hier mal zu fassen.

Es beginnt mit dem Bild, das – selbstverständlich nicht von der Bibliothek, sondern von jemandem im Quartiersmanagement, die oder der die Ausgabe gesetzt hat – als Illustration gewählt wurde: Die Bildungsstadträtin sitzt in einem Sonic Chair (nicht etwa diesen Chair „nutzend”, also zurückgelehnt irgendetwas hörend, sondern irgendwie das Tablet festhaltend, aber irgendwoandershin schauend). Was soll das? Was drückt das aus? Sicherlich: Die Bildungsstadträtin steht hinter der Bibliothek – das wäre die eine positive Interpretation. Aber wie lange noch muss eine Sonic Chair – von dessen Nicht-Nutzung im Alltag aus so vielen Bibliotheken berichtet wird – noch als „Zukunftsmöbel” einstehen? Nochmal 10 Jahre? Vielleicht 20? Ich weiss nicht, vielleicht bin ich zu zynisch. Aber ich muss noch die Bibliothek finden, welche die Anschaffung eines solchen Chairs im Nachhinein als sinnvoll bezeichnet. Gleichzeitig werden solche Bilder jetzt schon seit Jahren eingesetzt, um neu umgebaute Bibliotheken zu symbolisieren. Das scheint mir je länger je mehr absurd. Irgendwann müsste der Neuigkeitswert doch aufgebraucht sein – aber offenbar nicht.

„Ein Ort für alle”

Aber zum Text: Es geht darum, dass die Bibliotheken umgebaut wurde. Vor einigen Jahren gab es in der Bibliothek Probleme damit, wie und von wem sie wofür genutzt wurde (angesichts der Verdrängung billiger Aufenthaltsorte und dem Zubauen von freien Flächen hier im Kiez kann man sich wohl denken: Es ging vor allem darum, ob die Bibliothek ruhig sein sollte oder auch ein lauter Aufenthaltsort, aber laut durch Jugendliche, die sich nicht wie lernwillige Mittelstands-Jugendliche verhalten – und nicht laut durch die vorgeblich so lebendige Stadtgesellschaft.). Diese Probleme seien, so der Text, jetzt durch den Umbau vorbei. (Was ich, Nebenbemerkung, eine ganz absonderlich unsoziologische Interpretation durch das Quartiersmanagement, finde. Ich würde zumindest fragen, ob sich nicht einfach durch Verdrängung und Prioritätenverschiebung bei Jugendlichen eine andere Klientel eingefunden hat, während Teile der alten Klientel jetzt anderswo wohnen müssen – was das Quartiesmanagement eigentlich interessieren müsste.) Aber auch das ist nicht, was mich irritiert. Bibliotheken werden umgebaut, erneuert, neu geplant. Das gehört zur bibliothekarischen Arbeit, dazu muss man eigentlich keinen grossen Grund angeben. Aber vielleicht darf man das nicht in einen Artikel schreiben, weil es dann keine richtigen Artikel mit Neuigkeiten wäre.

Was mich wirklich irritierte war dieser Satz: „Nach einer Befragung von Mitarbeiter*innen und Nutzer*innen wurde beschlossen, die Bibliothek zu einem Ort für alle umzubauen.”

Da wurde also eine Umfrage durchgeführt, um dann das zu machen, was alle (Öffentlichen Bibliotheken) machen (wollen): Umbauen und „Ort für alle” werden? Was ist dann der Sinn dieser Umfrage? Mir ist das nicht klar. Vielleicht, weil ich zu oft Anfragen kriege, dass entweder ich oder aber Studierende solche Umfragen in Bibliotheken durchführen sollen – aber es erscheint mir eine ganz absonderliche Vorgehensweise. Wenn man eine Umfrage macht und dann anschliessend eh das, was die anderen Bibliotheken auch machen – wozu macht man dann die Umfrage? Wieso betreibt man diesen Aufwand?

Es gibt immer wieder zwei Antworten, die ich dazu: (1) Bibliotheken vermuten, dass es bei Ihren Nutzer*innen ganz anders wäre und (2) Bibliotheken vermuten, dass sie die Ergebnisse als Argumentation für … die Politik (?) benötigen würden.

Ad (1): Mir ist nie klar, was die einzelnen Bibliotheken denn denken, dass bei Ihnen so anders wäre, als bei anderen Bibliotheken. Klar: Alles ist spezifisch, jede Stadt, jeder Kiez ist anders. Alle Menschen sind verschieden (und sollen es sein). Aber mal ehrlich – im Bezug darauf, wie eine Bibliothek genutzt und was von ihr gefordert wird: Was soll da so spezifisch anders sein? Mal werden mehr Angebote für Kinder gefordert – weil mehr Kinder im Kiez wohnen. Oder mehr Angebote für Senior*innen – weil mehr davon im Kiez wohnen. Dazu braucht es aber keine Umfrage, dass kann man auch aus den demographischen Daten herauslesen. Ich habe mir schon mehrfach den Spass gemacht, bei solchen Umfragen vorher zu schätzen, was rauskommt und hatte da bislang immer Recht. Man kann das alles reduzieren, ähnliche Bibliotheken nach deren Umfragen fragen, deren Ergebnisse zusammenfassen, die etwas wichten (Demographie, Einkommensverhältnisse etc.) – und hat am Ende das gleiche Wissen, mit einer besseren Basis (weil aus mehreren Bibliotheken), aber viel weniger Aufwand.

Ad (2): Falls sich Politiker*innen oder Verwaltungs*angestellte etc. überhaupt von Daten aus Umfragen etc. beeinflussen lassen (was bislang von Bibliotheken vermutet, aber auch nie nachgewiesen wird), dann würde das auch für Zusammenfassung von Daten aus ähnlichen Umfragen gelten. Nochmal: Was soll schon anderes herauskommen, wenn man zum gleichen Thema nochmal praktisch die gleichen Fragen einer ähnlichen Personengruppe stellt? Nix.

Das es wirklich nicht sehr sinnvoll ist, zeigt das Beispiel dieser Bibliothek im oben angeführten Text: Am Ende wird nur das Konzept gewählt, dass aktuell eh schon die ganze Zeit durch das Bibliothekswesen genudelt wird. Und umgesetzt wird es, indem von einem Bibliotheksanbieter [der hier nicht genannt werden soll] die gleichen „hippen” Möbel gekauft werden, die der schon seit Jahren so im Angebot hat und die man auch in hunderten anderen Bibliotheken findet.

Das scheint mir alles eine immense Verschwendung von Zeit und Ressourcen zu sein, denn, wie schon gesagt, das wird in so vielen Bibliotheken immer und immer wieder gemacht. Berliner Bibliotheken sind da einfach nur sehr spät dran, aber ansonsten sind sie da in nichts spezifisch.

Was man auch machen könnte

Was mich auch irritiert ist, dass es sehr einfach sehr viel besser gehen könnte:

  1. Es ist wirklich ein Leichtes, die Ergebnisse solche Umfragen und Prozesse vorherzusagen. Inhaltlich ergibt sich da nichts Neues. Man könnte also die Zeit und die Ressourcen auch für weitergehende Fragen und Projekte nutzen. Wenn man z.B. weiss, dass man am Ende eh einen „Raum für alle” bauen und einen Sonic Chair reinstellen will – kann man die Zeit verwenden, um zum Beispiel mehr über die Veränderung der Klientel nachzudenken. Oder andere Fragen zu stellen. Oder zu schauen, ob die Sonic Chairs irgendwo anders überhaupt verwendet werden. Irgendwas anderes halt, nur nicht wiederdie gleichen Umfrage.

  2. Wenn solche Umfragen und Veränderungsprozesse genutzt werden, um die Arbeitskultur zu verändern und beispielsweise ab jetzt bei Entscheidungen das Personal einzubeziehen und nicht autoritär von oben zu treffen – dann liesse sich der Aufwand vielleicht rechtfertigen. Aber ist das der Fall? Nicht, wenn in der jetzigen Umfrage das Personal erstmal befragt werden musste.

  3. Der Aufwand wäre vielleicht auch zu rechtfertigen, wenn die Umfrage praktisch eine Fingerübung dafür wäre, ab jetzt evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen – also erstmal etwas einfaches, wo man anhand der Daten aus anderen Umfragen in anderen Bibliotheken schauen kann, ob man alles richtig macht bei Erheben von Evidenz. Und dann aber in Zukunft mehr Methoden, mehr Fragen etc. Ist das hier der Fall? Ich glaube nicht.

Und ehrlich: Mich irritiert das mehr und mehr. Mir ist schon klar, dass Bibliotheken im Alltag vor allem auf sich schauen, dass das intensive Lesen der Fachliteratur (in der Ergebnisse aus ähnlichen Umfragen drin steht) oder das Treffen von Entscheidungen auf der Basis das best-möglichen Wissens nicht verbreitet sind. Aber je öfter je mehr ist mir nicht klar, was das soll. Haben Bibliotheken so viele Ressourcen und so viel Zeit, diese ständige Doppelarbeit zu machen? Wäre es nicht sinnvoller, gemeinsam voranzuschreiten und auf dem Wissen anderer Bibliotheken aufzubauen?

[Und warum jemand den Sonic Chair für eine gute Idee hält, habe ich auch nie verstanden – but maybe that’s just me.]

Was war eigentlich vorher?

Eine Spezifika der Helene Nathan Bibliothek ist es übrigens, dass sie in einem Einkaufszentrum untergebracht ist. In einer Meldung im Bibliotheksdienst 2001 [oder so, gerade nicht greifbar] wird geschildert, dass der Bezirk dem Bau des Einkaufszentrum nur mit der Voraussetzung zugestimmt hat, dass in diesem die Bibliothek untergebracht wird. Die Gründe waren die, die immer bei solchen Projekten angegeben werden: Die Bibliothek soll da sein, wo das Publikum ist; sie soll verkehrsgünstig liegen (was sie tut, direkt am U-Bahnhof); sie soll mit anderen Funktionen verbunden werden (was zumindest soweit auch funktioniert, als das das Zentrum heute neben Einkauf und Cafés auch Kino, Fitnessstudio und Hipster-Bar mit Urban Gardening und Tanzveranstaltungen auf dem Dach beinhaltet).

Es gibt also eine Geschichte von Überlegungen, wie man die Bibliothek beleben könnte und wie sie genutzt werden soll. Kommt das im Artikel hervor? Nein. (Da wird Helene Nathan erwähnt, was schon richtig ist, sie war eine wichtige Person – aber der Verweis hilft wenig, auch ihre Überlegungen zur Volksbibliothek Neukölln werden im Text nicht aufgegriffen.) Wurde diese Geschichte, also vor allem die Versprechen, die man sich machte und die entweder nicht eintraten oder zu sehr eintraten (auf einmal waren Jugendliche in der Bibliothek, die etwas machten, was sie nicht sollten), bei der Neuplanung beachtet? Das scheint mir nicht so. Zumindest ist es nicht sichtbar.

Die Erzählung im Artikel (in so vielen Artikeln zum Umbau von Bibliotheken) ist: Erst war es schlecht, dann machten wir eine Umfrage, jetzt werden wir ein Ort für alle und sind zukunftsgerichtet. Überzeugt das wen? Es ist doch klar, dass, wenn das so weiter geht, einfach in zehn-fünfzehn Jahren wieder behauptet wird: Bis jetzt war es schlecht, jetzt machen wir eine Umfrage, dann werden wir ein Ort für alle und sind zukunftsgerichtet. Ein Kreislauf. Die Bibliothek hier sollte aber auch schon „Ort für alle” sein, als sie ins Einkaufszentrum gebaut wurde – und irgendwas ist schiefgelaufen.

Wäre es nicht sinnvoller, aus der Geschichte zu lernen anstatt einfach diesen Kreislauf wieder und wieder und wieder zu wiederholen? Nein? Dann bin ich zumindest davon irritiert.

Wie schlimm kann es sein, ehrlich gesagt?

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass mir so ein Text in die Hände fiel. Noch nicht mal das erste Mal, dass er mir über diese Bibliothek in die Hände fiel. Vielmehr finden sich solche Texte in lokaler Presse oder solchen peripheren lokalen Publikationen immer und immer und immer wieder. In Berlin fallen sie mir in den Kneipen in die Hände, anderswo, zum Beispiel im Urlaub, irgendwo anders. Aber doch in schöner Regelmässigkeit. Und auch wenn ich an den Texten und Bildern in ihnen verzweifle, weil sie immer wieder gleich sind, gilt doch: So gleichförmig das alles ist, kommen Bibliotheken in ihnen doch auch immer gut weg. Es finden sich Texte darüber, wie sie umgebaut wurden, welche neuen Angebote sie haben etc. Manchmal wird gesagt, dass XYZ noch mehr sein könnte (mehr Öffnungszeiten oder so), aber wirklich Kritik wird in solchen Texten eigentlich nie geäussert.

Das liegt quer dazu, wie einige Bibliothekar*innen das Bild von Bibliotheken in der Öffentlichkeit wahrnehmen. Diese Idee, Bibliotheken würden praktisch nicht betrachtet und würden als langweilig, „verstaubt” etc. gelten… Ich kann das einfach nicht verstehen. Ich weiss, es gehört offenbar zur Identität als Bibliothekar*in, solch einen Eindruck zu haben. Aber immer wieder, wenn mir so ein Text in die Hände fällt – und ich kann ja nicht der Einzige sein, dem das passiert, einige Freund*innen und Familienmitglieder bringen mir solche Texte auch immer wieder einmal mit, das wird bei anderen Kolleg*innen ähnlich sein – kann nicht umhin zu denken: Was genau ist eigentlich das Problem? Die Öffentlichkeit hat ein positives Bild von Bibliotheken. Welche Einrichtung wird sonst noch kontinuierlich so positiv dargestellt? Die Feuerwehr vielleicht. Aber sonst? Das irritiert mich nur noch mehr.