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Einfach mal nachgucken gehen, anstatt alle Thesen zu glauben

In Wien bin ich gewesen. Nicht das erste Mal, aber diesmal fiel mir etwas auf, dass mit Öffentlichen Bibliotheken, den von ihnen gepflegten Diskursen und Obsessionen und damit, wie sie zu Entscheidungen über ihre eigene Entwicklung kommen, zu tun hat. Nämlich grundsätzlich, dass viele Behauptungen, welche die Basis für reale Entwicklungen in Bibliotheken bilden, eigentlich ohne grosse Probleme überprüft werden könnte, bevor sie einfach geglaubt und wiederholt werden. Das möchte ich hier schildern, aber zuvor noch darauf eingehen, wieso ich das relevant finde.

Unterschiedliche Wissenskulturen

Ein Leben als Bibliothekswissenschafter hat – wie auch das Leben mit anderen Jobs – viele frustrierende Momente. Öffentlichen Bibliotheken dabei zuzusehen, wie sie regelmässig die immer gleichen Behauptungen über die Entwicklung von Bibliotheken, über die aktuelle und zukünftige Mediennutzung oder über gesellschaftlichen Entwicklungen wiederholen, die oft einfach nicht stimmen und – noch schlimmer – wie sie oft offensichtlich falsche Aussagen von Berater*innen als scheinbare sinnvolle Argumente übernehmen – das sind oft solche frustrierende Augenblicke. Frustrierend ist dabei nicht etwa, dass nicht anstatt der jeweiligen Berater*in einfach ich gefragt werde: Das wäre nur die Ersetzung mit einem anderen Berater (allerdings, im Gegensatz zu vielen Berater*innen, die alles sind, aber keine Bibliothekar*innen, jemand mit fachlicher Qualifikation). Frustrierend ist, mit wie wenig Anstrengung Bibliotheken eigentlich diese Obsessionen und Behauptungen selber überprüfen und als falsch (oder mindestens unterkomplex) erkennen können. Sie wiederholen oft Behauptungen entgegen einfach zugänglichen Wissens. Das ist das Frustrierende.1

Und dann werden auf der Basis dieses Obsessionen oder Behauptungen die oft immer wieder gleichen Entscheidungen getroffen – die dann (a) oft auch schon vorher vorausgesagt werden können und (b) Ressourcen (Zeit, Personal, Geld, Goodwil von Personal und Nutzer*innen, Infrastruktur und so weiter) verschwenden, weil selbstverständlich nichts anderes herauskommt, wenn Bibliotheken das gleiche nochmal machen, wie andere Bibliotheken vor ihnen auch.

Manchmal, muss ich zugeben, möchte ich einfach tief und vernehmbar durchatmen, dabei einen frustrierten Ton ausstossen und dann einfach nur fragen: „Warum, um alles in der Welt, glauben Sie dann das jetzt schon wieder?” wenn ich Kolleg*innen aus Bibliotheken über Makerspaces oder 3. Orte oder „neue Stadtgesellschaft” oder „Wohnzimmer der Stadt” oder „Coding als die neue Sprachkompetenz” oder Ähnliches reden höre.

Aber selbstverständlich ist auch das unterkomplex. Es gibt wohl Gründe dafür, dass die Dinge sind, wie sie sind (sonst wären sie anders).

Wissenschaft, Praxis, Beratung: Das sind drei verschiedene Wissenskulturen mit drei unterschiedlichen Wissensparadigmen. Man würde erwarten, dass die sich sinnvoll aufeinander beziehen, aber das tun sie selbstverständlich nicht. Dann wäre die Welt ja zu einfach.

  1. Wissenschaft – jetzt einmal einfach und kritiklos gefasst – ist vor allem daran interessiert, strukturiert und methodisch neues Wissen zu generieren. Schon vorhandenes Wissen wird benutzt, strukturiert, ausgewertet und dann daraus neues Wissen geniert (oft über neue Fragen, die dann systematisch beantwortet werden). Bei Luhmann hat Wissenschaft als System die Aufgabe, zu entscheiden, ob etwas wahr oder nicht wahr ist. (So wie alle Systeme bei Luhmann genau eine Aufgabe haben.)

  2. In der Bibliothekspraxis ist das Interesse an Wissen ein anderes: Es geht darum, Wissen zu erhalten, vielleicht auch zu generieren, welches Entscheidungen ermöglicht: Soll man Ressourcen für XYZ einsetzen oder nicht? Soll man Angst vor Veränderung ABC haben oder nicht? Soll man sich Gedanken um dies machen oder um das? Am Ende des Prozesses muss jeweils eine Entscheidungen darüber stehen, wie die Arbeit gemacht wird. Man würde vielleicht vermuten, dass dieses „Entscheidungswissen” und das Wissen, wie es in der Wissenschaft produziert wird, übereinstimmt – aber das tut es nicht. Für die Praxis ist es nicht so wichtig, ob etwas wahr oder nicht wahr ist, sondern das eine Entscheidung getroffen wird. [Das sich das nicht nachhaltig ausgeht, weil Ressourcen so falsch investiert werden und weil so auch Erfahrungen aus anderen Einrichtungen oder gar abstrakteren Wissen oft nicht genutzt werden… das ist ein anderes Thema.]

  3. Beratung hat auch kein grosses Interesse dran, ob Wissen wahr oder nicht wahr ist. Stattdessen wird, abstrakt gesagt, Wissen in der Beratung eingesetzt, um in Bibliotheken Entscheidungsprozesse zu motivieren (also oft erst den Eindruck zu vermitteln, dass Veränderungen nötig sind, aber gleichzeitig auch möglich) und dann diese Entscheidungen zu ermöglichen. Das heisst nicht, dass Beratung unbedingt falscher Wissen präsentiert oder das die Berater*innen nicht von dem, was sie erzählen, überzeugt sind. Aber die Funktion des Wissens ist eine ganz andere: Wenn es nur Entwicklungsprozesse anstösst, ist es gut. Dann wird nichts mehr nachgeprüft. Auch die Methoden, die genutzt werden, haben dann eine sehr andere Funktion als in der Wissenschaft: Sie sollen Ergebnisse ermöglichen, nicht – wie in der Wissenschaft – neues Wissen generieren.

Wie gesagt könnte man vermuten, dass sich diese Wissenskulturen sinnvoll ergänzen würden. Aber sie tun es nicht. So oft wird das vorhandene Wissen aus der Forschung nicht genutzt und stattdessen nochmal die gleichen Aussagen wiederholt, weil Sie Entscheidungen ermöglichen. Ich kann mir vorstellen, dass das hilfreicher ist: Zu glauben, das Makerspaces und Coding-Workshops gross etwas verändern würden, ist wohl motivierender, als die tatsächlichen Ergebnisse aus Forschungen zu Makerspaces und Coding-Workshops, die eher geringe nachhaltige Effekte zeigen, wahrzunehmen und von diesen auszugehen. Aber gleichzeitig ist hoffentlich verständlich, wie frustrierend es sein kann, wenn man als Bibliothekswissenschaftler all die Studien zu Makerspaces in Bibliotheken und zu anderen Makerspaces kennt, deren Ergebnisse eigentlich eindeutig sind (siehe hier und hier) – und dann wieder und wieder stattdessen etwas anderes behauptet wird.

Umzugehen mit diesen Frustrationen; aus dem Wissen daraus, dass die Wissenskulturen anders sind etwas machen: Das mag eine Aufgabe sein, die man vielleicht gemeinsam angehen sollte. Ein Schritt dahin wäre wohl, wahrzunehmen, dass es diese Unterschiede gibt und zumindest zu schauen, was man einfach und schnell besser machen könnte.

Mein Vorschlag hier für die Praxis wäre: (1) Sich bei allen Entscheidungen bewusst sein, dass die Behauptungen, die so in der bibliothekarischen Presse und unter der Hand verbreitet werden, vielleicht gut klingen, aber deshalb nicht unbedingt stimmen müssen – und auch nicht dadurch richtiger werden, dass sie wiederholt werden. (2) Einfach mal bedenken, wie viele dieser Behauptungen schon gemacht wurden, um dann wieder aus dem Diskurs zu verschwinden und (3) deshalb Behauptungen überprüfen, bevor auf ihrer Basis Entscheidungen getroffen und Ressourcen eingesetzt werden.

Wien liefert ein gutes Beispiel dafür, wie einfach das oft möglich ist.

Wien: Kaffeehäuser, public space, Stühle und Bänke

Wien kommt in Ray Oldenburgs „The Great Good Place: Cafes, Coffee Shops, Community Centers, Beauty Parlors, General Stores, Bars, Hangouts, and How They Get You Through the Day” (New York, 1989) prominent vor. In diesem Buch formuliert Oldenburg seine, well, Analyse vom „3. Place”, auf dem viele bibliothekarische Diskurse heute basieren. [Dass das Buch 1989 erschien – und vieles darin auch schon anderswo gesagt wurde –, die Diskurs in Englisch aber erst gegen 2000, in Deutsch und Französisch gegen 2010 anfingen, ist eine der komischen Eigenheiten, die eigentlich aufhorchen lassen sollten – aber das hat dem Diskurs auch bisher nicht aufgehalten.]

Zur Erinnerung: Oldenburg suchte nach Einrichtungen, welche die gesellschaftliche Kohärenz der US-amerikanischen Gesellschaft (wieder) erhöhen könnten – und fand diese vor allem in Europa oder der US-amerikanischen Geschichte. Diese nannte er „3. Place” (als Kurzform für „great good place”).2 In diesen Orten würden Menschen in einem besonderen Raum aufeinander treffen, angeregt durch „anregende Getränke” über gesellschaftliche Grenzen hinweg miteinander kommunizieren und somit lernen, Gesellschaft herzustellen.

Kaffeehäuser

Bibliotheken haben daraus heute selbstverständlich etwas ganz anderes gemacht. Aber trotzdem: Die Kaffeehäuser in Wien sind für Oldenburg – neben englischen Pubs und französischen Bistros – die Vorzeige 3. Orte der Jetztzeit (beziehungsweise der späten 1980er Jahre). Die Kaffeehäuser gibt es heute noch – nicht mehr alle; einige sind so touristifiziert, das sie nicht mehr als der 3. Ort gelten können, von dem Oldenburg sprach. Es gibt (und gab) selbstverständlich in Wien auch ganz andere Lokalitäten als nur die Kaffeehäuser. Und auch die Kaffeehäuser, welche weiterhin vor allem die lokale Bevölkerung bedienen, haben sich seit den späten 1980ern etwas verändert [bei dem um die Ecke von meiner Unterkunft konnte man jetzt explizit vegetarisch essen und wurde sofort, wenn auch weiterhin mit Wiener Schäm, bedient – das war vor einigen Jahren nicht so].

Dennoch sind es weiter Wiener Kaffeehäuser. Was Oldenburg an diesen hervorhob, war (a) das „soziale Spiel”, also vor allem das Verhalten der Ober, die erstmal warten lassen, wenn man die ersten Mal kommt, dann von oben herab fragen, was es sein soll, dann betont unhöflich servieren; dann aber nach wenigen Besuchen schnell Personen zu Stammgäst*innen erheben, sich deren Namen und Vorlieben merken, mit einem Titel eine Stufe über dem tatsächlichen Titel ansprechen und so schnell Personen in eine Gemeinschaft einbinden, (b) die Stammgäst*innen, welche den spezifischen Ort Kaffeehaus prägen würden, mit ihrem raumnehmenden Verhalten, langer Kommunikation, Sonderwünschen und so weiter. Solche Personen, so betont Oldernburg, wären für 3. Orte nötig. Erst sie würden den Raum sozial machen und dafür sorgen, dass er als ein Ort funktionieren würde, der Gesellschaft herstellt.

Stimmt das? Also: Ist das Wiener Kaffeehaus wirklich ein Ort, der so Gesellschaft herstellt? Erfüllt der 3. Ort par excellence seine Funktion? Wenn ja: Was heisst das für die Versuche von Bibliotheken, 3. Orte zu werden? Erfüllen sie die Funktion, Stammgäst*innen einzubinden, wie es das Personal der Kaffeehäuser tut? Und wenn nein (was gut sein kann, das Buch von Oldenburg ist nicht unbedingt immer überzeugend): Heisst das vielleicht, dass schon Oldenburg einer fixen Idee gefolgt ist, die sich so gar nicht umsetzt? Ist es dann wirklich sinnvoll, der zu folgen?

Was jetzt interessant ist: Anstatt dass Bibliotheken immer wieder in Workshops, Strategiepapieren, Gesprächen mit Journalist*innen einfach nur die sehr verkürzte Formel, der 3. Ort seie nicht der 1. und nicht der 2. Ort, wiederholen, könnte man auch einfach mal für zwei-drei Tage nach Wien fahren und dort Kaffeehäuser besuchen. Die Thesen, denen gefolgt wird, könnte man überprüfen, bevor man sich daran macht, aus ihnen Entscheidungen abzuleiten. [Auch die anderen beiden Beispiele, Bistro und Pub könnte man besuchen – nach dem Brexit vielleicht eher Pubs in Irland, aber soviel anders als die britischen sind die auch nicht.] Folgt man einer forschenden Wissenskultur, wäre das selbstverständlich – Thesen müssen systematisch überprüft werden; man kann die nicht einfach glauben. Aber auch in einer praxisorientierten Wissenskultur wäre das sinnvoll – auch wenn es am Ende heissen könnte, dass man eventuell die eigenen Vorstellungen ändern müsste. [Was nicht unwahrscheinlich ist: So sehr ich Kaffeehäuser und Bistros selber mag, so sehr denke ich mir, dass das nicht das ist, was Bibliotheken machen. Aber nicht mir glauben: Lieber mal hinfahren, selber nachgucken.]

Public space

Wien ist auch eine sehr progressive Stadt. Was gut ist. Bekannt ist sie heute für ihre Lebensqualität, die immer wieder verbessert werden soll. Dazu gehört der Versuch, Autos möglichst aus der Stadt herauszuhalten, dafür einen guten ÖPNV anzubieten und den öffentlichen Raum zu beleben. Das 365-Euro-Jahresticket gehört dazu, ebenso die doch sehr zuverlässigen Trams, Busse und Bahnen. Das mag bekannt sein.

Was man aber eher erst bei einem Besuch sieht, ist der Ausbau des öffentlichen Raumes in der Stadt. Zum Beispiel haben viele Restaurants und Cafés, die an einer Strasse situiert sind, heute einen Vorbau neben dem Trottoir. Da wo in anderen Städten zwei, drei Autos parken würden, finden sich in Wien abgegrenzte Bereiche für Stühle, Tische, Schirme. Weniger Platz für Autos, mehr Platz für Menschen und freiere Trottoirs. Daneben sind im öffentlichen Raum zahllose Stühle und Bänke gestellt. Massiv viele, viel mehr als anderswo. In allen Parks scheinen die Gehwege lückenlos mit Bänken bestückt, auf den kleinen Plätzen, teilweise an den Strassenkreuzungen, stehen neue, fest installierte Sitzgelegenheiten (alle so, was auf den zweiten Blick aufhält, dass niemand dort schlafen könnte, dafür sind sie „zufällig” zu klein, die Lehnen zu hart). Es ist offensichtlich, was hier versucht wird: Die Stadt folgt der gerne geäusserten Behauptung, dass ein Ort geschaffen werden muss, wo sich Menschen treffen können; dann würden sie miteinander kommunizieren und damit über Unterschiede hinweg gesellschaftliche Nähe entstehen.

Das sollte aufhören lassen, weil es die gleiche These ist, die aktuell bei vielen Umbauten bei Bibliotheken im Hintergrund steht: Der Raum Bibliothek soll belebt werden, indem Barrieren abgebaut und Kommunikationsmöglichkeiten eröffnet werden.

Was man jetzt in Wien machen kann – und das war es, was mir vor allem auffiel –, ist, zu überprüfen, ob diese Annahme stimmt. Funktioniert es? Wird so ein öffentlicher Raum hergestellt?

Nein, das passiert nicht. Besonders gut kann man das in Bezirken sehen, wo diese Stühle und Bänke neben Cafés und Restaurants stehen. Kaum jemand sitzt auf den freien Bänken, praktisch niemand kommuniziert; aber in den Restaurants und Kaffeehäusern daneben sind Menschen und kommunizieren. (Ist das dann schon ein public space in den Restaurants oder reden einfach nur die miteinander, die sich auch schon kennen? Das ist eine andere Frage. Erstmal geht es um den Vergleich.)3 Das ist vielleicht zu erwarten, aber in Wien, gerade in den Jahreszeiten, wo man draussen sitzen kann, kann man das gut selber sehen: Es ist offensichtlich nicht so, dass die vorgebaute Situation Kommunikation ermöglicht, sondern das, was im Raum passiert und was der Raum ausdrückt, hat eine grössere Bedeutung. Bibliotheken bräuchten sich also von Berater*innen nicht erzählen lassen, dass die Gestaltung des Raumes zur Belebung führt und das glauben – sondern könnten diese These einfach mal selber überprüfen. [Auch anderswo. Wien ist hier ein wenig zufällig gewählt, weil ich (a) nach Wien wollte (wer will das nicht) und (b) sich gleich zwei Thesen einfach überprüfen lassen.]

Eine Konsequenz wäre dann wohl, die These zurückzuweisen und mehr über die tatsächliche Nutzung – also die Veranstaltungen, Angebote und so weiter – zu reden. (Das wäre auch bei Oldenburg angelegt, der hat auch betont, das der 3. Ort plain sein müsste und vor allem die Stammkund*innen, Kommunikation und anregender Getränke wichtig wären.) Und zwar wirklich drüber reden, nicht behaupten, dass das irgendwie „doch klar” wäre, aber dann wieder nur vom Raum reden.

Schauen kann man überall

Was ich sagen will ist wohl vor allem:

  1. Es ist erstaunlich, was Bibliotheken in ihren Diskursen und Zukunftskonzepten so alles an Behauptungen wiederholen, die auch ohne grosses Nachdenken überprüft und dabei als fehlerhaft erkannt werden könnten. Erklärbar ist das zum Teil mit den unterschiedlichen Wissenskulturen: Die Bibliothekspraxis braucht vielleicht solche Behauptungen, weil sie Entscheidungen treffen muss; mich in der Forschung interessiert eher, ob die überhaupt stimmen und sinnvoll sind.

  2. Aber es sollte klar sein, dass Entscheidungen, die auf der Basis falscher Behauptungen getroffen werden, wohl vor allem Ressourcen verschwenden und irgendwann auch demotivierend auf Personal und Leitung wirken müssen, wenn sich immer und immer wieder Versprechen, die auf der Basis dieser Behauptungen gemacht werden, nicht einlösen.

  3. Dabei gäbe es in vielen Fällen einen einfach Weg, die Thesen zu überprüfen: Einfach mal nachschauen, ob sie wirklich stimmen. Zwei Beispiele dazu: Ich war nicht nur in Wien diesen Sommer, sondern auch in den Niederlanden. In den Niederlanden [weil ich dort mit jemand anders war, mit dem man das machen kann] war ich auch in Öffentlichen Bibliotheken. Das kann ich auch empfehlen. Gerade deutsche Bibliotheken hängen bestimmten Entwicklungen ja lange hinterher. Was in Deutschland als innovativ besprochen wird, ist in den Niederlanden oft schon eingerichtet; nicht nur in den grossen Städten, sondern auch in den kleineren. Man kann sich also live angucken, wie aufgelockerte Bibliotheken mit Hands-On-Labs und Ausstellungen und offenen Räumen und Makerspaces eigentlich im Normalbetrieb wirken. Oder wie hippen Sitzgelegenheiten genutzt werden.4 [Ausserhalb der Veranstaltungszeiten: Leise, leise, leise. Viele Leute, die leise vor sich hinarbeiten oder lesen.] Anstatt Oldenburg nochmal zu lesen habe ich auch Richard Sennetts neues Buch (Building and Dwelling. Ethics for the City. London 2019) Was man in dem Buch lernen kann, auch für Bibliotheken, ist das der 3. Ort keine neue Fragestellung ist und das schon viel darüber nachgedacht wurde, wie Menschen überhaupt „Stadt machen”, also Beziehungen miteinander herstellen – das man also auf viel mehr Erfahrungen, Teste, Nachdenken zurückgreifen könnte, wenn man über Räume nachdenkt, als die einfachen Behauptungen, auf die immer wieder zurückgegriffen wird. Die Thesen bei Sennett – und nicht nur bei ihm, er geht so ein bisschen durch die Geschichte der Stadtplanung – sind auch viel differenzierter. Man könnte also auch mal weitergehen und muss nicht bei den gleichen drei Behauptungen stehen bleiben.

Das sind alles ganz einfache Vorschläge: Obsessionen als solche erkennen; Behauptungen nicht glauben, insbesondere wenn sie beständig wiederholt werden, sondern überprüfen; die unterschiedlichen Wissenskulturen beachten. Das würde, davon bin ich überzeugt, zu besseren Entscheidungen in Bibliotheken über ihre eigene Entwicklung führen und zu besser eingesetzten Ressourcen.

Warum kann das nicht die Forschung machen? Ich hoffe, dass ist klar geworden: Bibliotheken interessieren sich für anderes Wissen als das, was die Forschung produziert. Die Forschung hat viele Behauptungen schon schon widerlegt, bevor die Bibliothekspraxis sie sich aneignet. Bibliotheken wiederholen sie dann trotzdem gerne weiter. Deshalb müssen offenbar sie selber sich daran machen, die zu überprüfen (was vielleicht auch ein leicht anderes Mindset als jetzt bedarf). Ich wollte hier nur zeigen, wie einfach solche Überprüfungen von Thesen möglich sind.

 

Fussnoten

1 Es gibt selbstverständlich noch weit mehr Frustrationsquellen als Bibliothekswissenschafter, aber um die soll es hier nicht gehen.

2 Falls das überrascht, dann überrascht vielleicht auch, dass er in diesem Buch explizit ausschliesst, dass Bibliotheken 3. Places sein können. Aber auch das hat den bibliothekarischen Diskurs nicht gestoppt.

3 Zumindest unter der Woche. Kaum hatte ich das geschrieben, fiel mir – weil ich durch sie gegangen bin – auf, dass in der einen Hälfte der Bergmannstrasse in Berlin-Kreuzberg auch ähnliche Vorbauten stehen: Dort, wo sonst Autos parken würden, aber nicht für Plätze von Restaurants und Kneipen, sondern als öffentliche Sitzgelegenheiten. Und auf diesen sassen tatsächlich einige Menschen und redeten – lange nicht so viele wie in den Restaurants drumherum, aber doch einige. Allerdings: Am Samstag Abend. Zu anderen Zeiten, in denen ich dort vorbeigegangen bin, ist mir nicht erinnerlich, dass sie merklich benutzt worden wären.

4 Was man in diesen Bibliotheken auch lernen kann, ist, dass man die Toiletten in der Bibliothek 50 Cent kosten lassen kann – manchmal für alle, manchmal kostenlos für Nutzer*innen mit Bibliothekskarte. Ich weiss aber nicht, ob das ein gutes Beispiel ist.

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Vom Unbehagen mit „den Bibliotheken‟ von Aat Vos

Hier ein Geständnis von mir (vielleicht ist es auch keines): Die neu eröffneten Bibliotheken, welche gerade durch die bibliothekarische Presse gereicht werden und bei denen in den Begleittexten oft in den Vordergrund gestellt wird, dass Aat Vos an ihrer Gestaltung beteiligt war – ich finde sie alle abstossend. Hässlich ist das falsche Wort – aber weder einladend noch gemütlich (wie sie immer wieder genannt werden), sondern auf Effizienz und genaue Aufgaben hin durchgeplant; ausgestattet wie diese Co-Working-Spaces, die auf Firmen ausgerichtet sind und den Vibe ausstrahlen, dass man in ihnen einerseits so tun muss, als wäre man gerade heftig entspannt kreativ und entspannt, bei denen aber andererseits fühlbar ein „travail travail travail‟ über allem geschrieben steht. Wie eine unbelebte Bühne, wo alles zu sauber, neu, ungebraucht dasteht, aber einen cooles Café darstellen soll. Halt wie Räume, die auf Effizienz, Arbeitssamkeit und korrekte Manieren hin geplant wurden. Aber selbstverständlich könnte das ein rein subjektives Empfinden sein. Das Leute Dinge mögen, die ich nicht ausstehen kann – das ist mein Leben.

Doch mir scheint, es ist komplizierter, als das man es einfach auf subjektive Eindrücke reduzieren könnte. Die Bibliotheken, welche in den betreffenden Texten begeistert beschrieben und in den Bildern dargestellt werden, scheinen mir erstaunlich klar einen eindeutigen Habitus auszustrahlen. Während andere („alte‟) Bibliotheken mit ihren offenen Flächen zwar auch bestimmte Dinge zu „fordern‟ scheinen, scheinen sie mir doch immer offener zu sein als die Bibliotheken „von Aat Vos‟. Oder anders: Letztgenannte, „neue‟ Bibliotheken scheinen mir – entgegen ihrem Anspruch – viel einschränkender zu sein, als die heute im Bibliothekswesen offenbar als langweilig wahrgenommenen Bibliotheken des letzten Jahrzehnts. Und gleichzeitig auch entgegen dem eigenen Anspruch eben nicht „alle‟ ansprechend, sondern sehr klar vor allem gutsituierte Personen. Sozial Schwache, so scheint es mir, werden aus diesen „neuen‟ Bibliotheken eher draussen gehalten werden – obwohl selbstverständlich der Anspruch ist, das sie auch die Bibliothek nutzen sollen – wie sie halt praktisch aus den höherpreisigen Coffeeshops und Co-Workingspaces herausgehalten werden, die so aussehen, wie diese Bibliotheken.

Wie diesen Vibe fassen? Wo kommt dieses Feeling, dieses Unbehagen her? Wie es über den subjektiven Eindruck hinausheben, der alleine ja nichts sagt und allgemein auch als nicht zu diskutieren gilt? Das denke ich langsam zu wissen und möchte er gerne hier zeigen. [Und, dass ist mir wichtig: Es geht mir nicht darum die Person Aat Vos zu kritisieren. Das hier ist keine Polemik und kein persönlicher Angriff. Er wird nur immer und immer wieder als Designer erwähnt, deshalb erwähne ich ihn. Wie so oft geht es mir um strukturelle Fragen. Es ist ja zum Beispiel nicht nur Vos, seine Beratung und seine Arbeit anbietet, sondern es sind auch immer Bibliotheken, die diese annehmen.]

Soziologie, Ethnologie

Bourdieu und Lefebvre – beziehungsweise die Arbeiten dieser beiden Soziologen scheint mir eine gute Grundlage, um das Unbehagen besser zu fassen und auch das Nachdenken (und dann das Verändern, wenn das gewünscht ist) dieser Situation zu ermöglichen. [Und ja, es fällt auf, dass dieser Text durchgehend von Männern spricht; offensichtlich gäbe es sowohl bei der Kritik als auch der Gestaltung von Bibliotheken andere Bezugspersonen, die gewiss das Design vielfältiger und die Kritik inhaltlich besser machen würden.]

Zu Bourdieu: Was gemütlich ist, ist schichtspezifisch

Pierre Bourdieus „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft‟ (Original: „La distiction. Critique sociale du jugement‟, 1979) ist (bekanntlich?) eine empirische Studie zum Zusammenhang von sozialer Position und ästhetischen Urteilen; also grundsätzlich der Frage, ob das, was als schön, sinnvoll, gemütlich et cetera angesehen wird ein individuelles Charakteristikum ist – oder aber in einem Zusammenhang mit der sozialen Position steht, die eine Person einnimmt. Oder noch anders: Ob Reiche, Arme und die Menschen dazwischen jeweils einen eigenen Stil haben (in der Wohnungseinrichtung, dem Bezug zur Kunst, dem, was sie schön oder hässlich finden…), oder ob das zufällig verteilt ist. Die Daten dazu sind heute alt (erhoben in den 1960er und 1970er Jahren) und aus Frankreich, aber die Ergebnisse wurden grundsätzlich immer wieder auch in anderen Zusammenhängen bestätigt. Die Struktur scheint zu stimmen, nur die Ausprägung ändert sich.

Und die Ergebnisse waren (bekanntlich?), dass: Ja, die ästhetischen Urteile und die soziale Lage eng miteinander verknüpft sind. Was in der einen Sozialschicht als schön, gut et cetera galt, gilt in anderen Sozialschichten nicht auch als gut, schön und so weiter. Teilweise, aber nicht immer, gilt es explizit als hässlich, als Ausdruck eines schlechten Geschmacks, eines falschen Lebens. Diese Geschmacksurteile, die als subjektiv gelten (siehe oben, die Vermutung, dass meine Wahrnehmung der genannten Bibliotheken rein subjektiv sein könnte), sind sehr sehr eng daran gebunden, welcher sozialen Schicht wir entstammen oder welcher wir zugehören. Deshalb lässt sich auch nicht so einfach etwas finden, was „alle‟ schön, gemütlich oder zumindest okay finden (ausser, die sozialen Schichten sind nicht weit voneinander entfernt, aber unsere Gesellschaft strebt ja eher auseinander als aufeinander zu).

Bei Bourdieu geht es dann auch darum, wie sich diese Geschmacksurteile in die Körper einschreiben und dazu führen, dass sich Angehörigen einer Sozialschicht „erkennen‟. Aber schon in der originalen Datenaufnahme – im Buch dargestellt – geht es darum, wie Menschen aus unterschiedlichen Schichten ihre Wohnungen einrichten. Dabei wird sichtbar, dass dies selbstverständlich auch damit zu tun hat, wie viel Geld jemand für die Einrichtung einer Wohnung investieren kann, aber nicht nur. Menschen bezeichnen unterschiedliche Stile als schön, gemütlich und nannten auch ganz andere Kriterien, nach denen sie ihre Wohnungen bewerten würden. Die Wohnungen von Menschen mit wenig Geld sehen nicht aus wie billige Kopien der Wohnungen von Menschen mit viel Geld – sondern wirklich anders. (Im Buch neigen Menschen mit wenig Geld zum Beispiel zu einem „praktischen Stil‟, also dazu, dass als schön angesehen wird, was auch praktisch ist – aber das kann sich geändert haben.) Das heisst nicht, dass die soziale Schicht den Geschmack, den Stil und so weiter vollständig determiniert. Es gibt immer persönliche Unterschiede und Ausnahmen. Aber was Bourdieu et al. zeigten, war, dass der Zusammenhang sehr, sehr eng ist.

Mir scheint, dass lässt sich selbstverständlich auch auf Räume wie Bibliotheken übertragen. Bibliotheken behaupten gerne – und wieder einmal in den Texten, welche die hier thematisierten neu gebauten / eingerichteten Bibliotheken beschreiben – Orte sein zu wollen, die für alle offen sind. Aber wie baut man Räume, die „für alle offen sind‟, wenn sich das, was als schön, gemütlich und so weiter gilt, je nach sozialer Schicht unterscheidet? Vielleicht, indem man sie sehr einfach und funktional macht. Zumindest aber nicht, indem man einfach behauptet, dass es eine spezifisch „gemütlichen‟ Stil gäbe, der die meisten Menschen ansprechen würde. Und schon gar nicht so, wie das in diesen Bibliotheken gemacht wird: mit Möbeln aus dem höherpreisigen Design-Möbelgeschäften, vollgestellten Räume, überall Designelemente und so Pseudo-verspielte-Garten-Farben. Wenn man erst einmal akzeptiert hat, dass die soziale Schicht auch den Stil mitbestimmt, und dann auf diese Räume blickt, dann fällt schnell auf, dass die vor allem für den Geschmack einer gut-situierten Schicht gebaut scheinen; einer Schicht, die einen Stil (vielleicht) gemütlich findet, der Arbeit und Freizeit nicht wirklich voneinander trennt. Wie halt, wie oben schon gesagt, Co-Working-Spaces, die Gemütlichkeit eher simulieren und eher zum Arbeiten auffordern, zum etwas-machen, zum aktiv sein auffordern. Andere soziale Schichten trennen aber zum Beispiel Arbeit und Freizeit ganz explizit.

Zu Lefebvre: Was der Raum ist, bestimmt nicht das Design allein

Noch etwas irritiert mich bei den ganzen positiven Darstellungen dieser neuen Bibliotheken immer wieder: Es wird über das Design berichtet, auch über die Prozesse, wie über die Umbauten / Neubauten entschieden wurde und es werden Bilder aus den Räumen publiziert. Aber das ist das schon der Raum Bibliothek?

Hier kommen mir immer und immer wieder die Arbeiten von Henri Lefebvre darüber in den Sinn, wie Städte „funktionieren‟. (Vor allem, aber nicht nur „Das Recht auf Stadt‟, Original „Le droit à la ville‟, 1968.) Hauptthese bei ihm – die auch wieder nicht aus der Luft gegriffen, sondern theoretisch und empirisch untermauert und bis heute immer wieder genutzt und bestätigt wird – ist, dass das „Funktionieren‟ von Städten und Räumen sich nur verstehen lässt aus dem Zusammenspiel von Gebautem Raum (Infrastruktur) – Wahrgenommenen Raum (Was soll er? Was sind die „sozialen Regeln‟ des Raumes? Was „gehört‟ sich und was nicht?) – Gelebten Raum (Wie wird sich verhalten? Wie wird der Raum „bewohnt‟). Ein Raum, seine Struktur, seine Ausstattung hat immer einen mehr oder minder klaren Aufforderungscharakter: Was in ihm passieren soll. Dazu hat jeder Raum aber auch seine eigenen Regeln, die sich sozial ergeben. Nicht nur, was erlaubt oder verboten ist, sondern auch was sozial erwünscht ist und was nicht, was als schicklich gilt oder nicht. Und daneben gibt es das, was im Raum wirklich passiert.

Ohne das gleich empirisch zu fassen, lässt sich das ganz gut nachvollziehen, wenn man nur ähnliche Räume in unterschiedlichen Gesellschaften oder auch nur Städten / Gemeinden besucht und dann jeweils eine Zeit lang in ihnen aufhält. Jetzt gerade sitze ich zum Beispiel in einem Café in Basel, dass so leicht alternativ ist, mit intellektuelleren Zeitschriften und eher linken bis mitte-linken Zeitungen in der Auslage, WLAN, kleinen Speisen, gutem Kaffee etc. Es könnte sich so auch gut in Berlin, Wien, Lausanne befinden, mit dem gleichen Aufbau, dem gleichen Fokus und so weiter. Aber es würde sich anders anfühlen. In Berlin oder Lausanne zum Beispiel nicht so arbeitssam, auch nicht so „zur Stadt passend‟. Wieso, wenn die Möbel und die Infrastruktur die gleichen sein könnten? Weil der „wahrgenommene Raum‟ und der „gelebte Raum‟ nicht der gleiche ist. Die sozialen Regeln sind in schweizerischen Grosststädten halt etwas anders als in deutschen oder österreichischen Metropolen und in der Deutschschweiz auch anders als in der Romandie. Sie sind schwieriger (aber bei genau Zeit auch nicht unmöglich) zu fassen, als einfache Auszählungen von Nutzer*innen. Auch das Leben ist leicht anders. Sonst wären die Städte ja alle gleich – was sie bekanntlich nicht sind. [Man kann das aber auch selber an anderen Beispielen überprüfen, wenn man Cafés nicht mag. Ich war in den letzten Wochen zum Beispiel auch in Öffentlichen Bibliotheken mehrerer Städte, die alle mit dem Möbeln des gleichen Bibliotheksausstatters gestaltet wurden und deshalb auch in vielem gleich waren – aber doch gänzlich unterschiedlich laut, benutzt und so weiter. Ich bin der Überzeugung: Hätte ich etwas mehr Zeit in ihnen verbracht und nicht nur einen kurzen Blick in sie geworfen, wären mir mehr Unterschiede aufgefallen. – Das Experiment kann jede und jeder auch selber einmal durchführen, wenn sie oder er mir das nicht glaubt.]

Aber, bezogen darauf, wie die neu gestalteten Bibliotheken dargestellt werden, scheint das überhaupt nicht thematisiert zu werden. Hier scheint eher die Überzeugung vertreten zu werden, dass es praktisch nur auf das Design der Räume ankäme, um sie zu verändern. Das scheint mir leicht absurd: Was ist den mit denen anderen Bereichen? Wie soll man den etwas über die Wirkung der Bibliotheken sagen können, wenn man nur über Design redet und Bilder der Räume (meiste ohne Menschen drin) zeigt? Mir scheint, wenn man einmal mit Lefebvre den Blickwinkel einnimmt, dass Räume nicht einfach nur durch den gebauten und designten Raum funktionieren, stellt sich schnell die Frage, was alles in der Planung und Darstellung fehlt (beziehungsweise zu fehlen scheint): Neben der Frage nach dem sozialen Charakter der Räume, die da gebaut werden (siehe oben), auch die Frage nach den sozialen Regeln, die mit den Räumen aufgerufen werden und denen, die tatsächlich etabliert und dann gelebt werden.

Kurz noch Habermas, Oldenburg

Gleichzeitig wird in den Texten zu diesen Bibliotheken immer wieder behauptet, dass sie gebaut würden, um eine Ort herzustellen, in dem sich alle zusammenfinden sollen und so Gesellschaft entsteht. Es wird auf den „Dritten Ort‟ verwiesen und darauf, dass „heute‟ Bibliotheken als Ort wichtig würden, an denen Vertrauen geschaffen wird und so weiter. Die immer gleichen Schlagworte und immer wieder genutzten Formulierungen sind wohl bekannt.

Aber nochmal: Am Ende wird in den Texten vor allem von Design und Planungsprozessen geredet; nicht vom sozialen Leben. Mir scheint, dass oft eine sehr einfache Überlegung im Hintergrund steht: Nähe von Personen wird mit Kommunikation über soziale und andere Grenzen hinweg gleichgesetzt. Oder anders: Weil die Räume gemütlich wären, würden sich hier viele unterschiedliche Menschen einfinden und dann beginnen, miteinander zu reden. Der Raum scheint dafür oft als genügend anregend zu gelten. Abgesehen davon, dass der Stil meiner Meinung nach eher zu einer Verengung der sozialen Schichten, welche diese Bibliotheken gerne nutzen, führen wird: So funktioniert Gesellschaft selbstverständlich überhaupt nicht.

Mir scheint hier ein ganz vereinfachtes – so einfach, dass es falsch ist – Verständnis von öffentlichen Raum vorzuliegen. Das wird gerne mit Habermas und seinen Arbeiten zum Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft durch Kommunikation in Verbindung gebracht, aber selbstverständlich ist das nicht das, was bei Habermas drin steht. Bei ihm geht es auch um soziale Unterschiede, um Kommunikationsbarrieren, um Themensetzungen und so weiter.

Bei den Texten zu den neuen Bibliotheken scheint es aber die Vorstellung zu geben, dass man einfach Räume bauen könne, in denen soziale Unterschiede, Unterschiede in Verständnis, Wahrnehmung, Interpretation von sozialen Regeln, Erwartungen und so weiter verschwinden – und dadurch dann schon Leute miteinander reden und deshalb Gesellschaft herstellen. Das müsste man aber nachweisen (und meiner Meinung nach kann man das nicht nachweisen, weil es so nicht passiert). Wenn man Räume baut, in denen Menschen miteinander reden sollen (ganz abgesehen davon, dass nicht klar ist, ob das überhaupt schon Gesellschaft ausmacht), dann muss man über die Funktion dieser Räume nachdenken – und das funktioniert nicht durch Infrastruktur oder Design, sondern durch aktives Tun: Irgendetwas oder irgendwer muss die Kommunikation erst motivieren oft auch am Laufen halten.

Sicherlich kann man Räume bauen, die praktisch Kommunikation verhindern – deshalb ist es ganz gut, wenn man darüber nachdenkt, wie man das gerade nicht tut. Aber einfach gemütliche Räume bauen und dann hoffen, dass das schon ausreicht – – – das funktioniert selbstverständlich nicht. Das führt nur dazu, dass Menschen, die sich schon kennen, miteinander reden und die anderen daneben vor sich hinarbeiten / hinleben. (Auch das kann man in den Cafés, auf die sich implizit ja bei den ganzen „gemütlichen Bibliotheken‟ bezogen wird, beachten. Wenn es keinen Grund gibt, miteinander zu reden, sitzen die Menschen auch da getrennt voneinander. Auch hier: Jetzt sitze ich seit vier Stunden in diesem gemütlichen, kleinen, hellen Café in Basel und habe genau mit den beiden Herren am Tresen gesprochen, sonst niemand. So wie andere auch. Die Idee, dass es in solchen Räumen zu Kommunikation kommen würde, scheinen mir oft Menschen zu haben, die sich praktisch nie in solchen aufhalten. – – – Auch hier mein Hinweis: Wer es nicht glaubt, kann ja mal ein paar Stunden in solchen Cafés verbringen und sich das selber anschauen.)

Dabei: Allgemein wird bei solchen Bibliotheken ja auf den „Dritten Ort‟ verwiesen und das wiederum könnte auf das Buch von Ray Oldenburg („The Great Good Place‟, 1989) zurückverweisen, in dem er diesen Begriff „Dritter Ort‟ geprägt hat. Ich weiss, das wird gerne ignoriert und der Begriff eher gefühlt als begründet. Aber ist doch auffällig, dass Oldenburg bei der Prägung des Begriffes immer und immer wieder darauf verweist, dass die Orte, die er als „Dritter Ort‟ beschreibt, „plain‟ sein: Einfach, ohne notwendig grossen Schnick-schnack, ohne grosses Design. Sehr offen in der Nutzung. Nur so könnten sie funktionieren (und dazu würden sie noch einige andere Dinge brauchen, beispielsweise „anregende Getränke‟ und „Kommunikation als Hauptzweck‟ und „Stammnutzer*innen‟, welche erst die sozialen Regeln etablieren und leben). Das „gemütlich‟, von dem Oldenburg spricht – und im Buch anhand von Bildern illustriert – ist etwas anderes als das, was in den neuen Bibliotheken gebaut wird und auch etwas anderes als das, was Bibliotheken unter „erhöhter Aufenthaltsqualität‟ zu verstehen scheinen. Oldenburg ist schlecht im Begründen seiner Thesen, aber ich denke, was er andeutet ist, dass „Dritte Orte‟ vor allem so sein müssen, dass sie weniger dem Stil einer sozialen Schicht folgen, sondern offen genug sind, damit sie zumindest nicht den bevorzugten Stilen mehrerer sozialer Schichten widersprechen. (Oder die unterschiedlichen Stile verbinden. Deswegen ist er so begeistert von englischen Pubs, in denen so unterschiedliche Räume nebeneinander untergebracht sind.) Vielleicht gilt das ja viel eher für Bibliotheksräume, die als „langweilig‟ bezeichnet werden, als für die neu gebauten? Zumindest ist es schon erstaunlich, wie weit eigentlich diese „neuen‟ Bibliotheksräume von den Thesen sind, auf die sie sich vorgeblich – durch die Verwendung des Schlagworts „Dritter Ort‟ – beziehen.

Nicht zuletzt bin ich auch deshalb über das Fehlen von allen Aussagen dazu, wie diese Räume „funktionieren‟ (sollen) bei gleichzeitiger Behauptung, sie wäre für die Herstellung von Gesellschaft geschaffen, so irritiert, weil es selbstverständlich eine ganze Wissenschaftsdisziplin gibt, die sich damit beschäftigt, wie Gesellschaft auf der Ebene von Individuen und Gruppen hergestellt wird: Der Ethnologie. In ihr geht es um gelebte soziale Regeln, Erwartungen, Rituale, Verhaltensweisen und so weiter. Wie kann man diese ganze Disziplin ignorieren? (Klar, wie ich schon sagte: Indem man behauptet, die Bereitstellung des richtig gestalteten Raumes sein schon ausreichend. Aber das ist doch erstaunlich, wenn man aus der Ethnologie eigentlich lernen könnte, wie viel Arbeit erst von Menschen dareingesteckt wird, Gesellschaft auf lokaler Ebene herzustellen. Wäre es so einfach, dass man dafür einfach nur den richtigen Raum bereitstellen müsste, dann bräuchte es diese ganze Disziplin überhaupt nicht.)

Wieso ist das so?

Zusammengefasst: Ich habe ein grossen Unbehagen mit den neu gebauten Bibliotheken, die aktuell durch die bibliothekarischen Publikationen als neu und zukunftsweisend gereicht werden. Und mit etwas Theorie scheint mir das Unbehagen mehr als eine rein subjektive Abneigung. Mir scheint sogar, ungewollt aber doch real, hat man hier Räume gebaut, die noch mehr ausgrenzen, als man das schon von „langweiligen Bibliotheksräumen‟ vermutet hat. Stimmt das? Das müsste empirisch überprüft werden. (Aber man kann es erst überprüfen, wenn man den Verdacht äussert und zeigt, wieso es so sein könnte – was ich hier versuche.)

Aber wieso ist das so? Es ist ja nicht so, dass Bibliotheken Räume bauen wollen, die ausgrenzen. Ganz im Gegenteil. Und auch Aat Vos würde ich so was nicht unterstellen. Grundsätzlich kann man bei allen Beteiligten von good wil ausgehen. Nur: good wil alleine führt noch nicht zu guten Ergebnissen – „nur‟ zu gut gemeinten.

Ich denke, es sind zwei Dinge, die hier hineinspielen.

Zuerst, da es in den Texten auch immer um Aat Vos geht, soll es hier auch um Aat Vos gehen: Der ist Designer (und „Kreativ-Coach‟, ich weiss aber nicht, was ein Kreativ-Coach macht; aber was Designer*innen machen weiss ich ein bisschen). Als solcher muss er wohl davon überzeugt sein, dass vor allem Design die Welt retten oder zumindest besser machen wird. Es gibt im Design und der Architektur (bekanntlich?) eine lange, lange Tradition, sich gerade nicht an „the man‟ verkaufen und nur für Reiche irgendetwas Hübsches designen oder bauen zu wollen – sondern etwas, was besser ist für alle Menschen. Mit sozialem Anspruch Designen und Bauen. Wir haben gerade noch „100 Jahre Bauhaus‟, da sollte so eine Aussage nicht irritieren. Aber immer und immer wieder wurden Dinge designt, Gebäude gebaut, Plätze und Städte geplant, damit es allen besser geht und die Gesellschaft besser funktioniert – immer wieder auf der Basis von spezifischen Überzeugungen der Personen, die Designen oder Planen, was gut für die Gesellschaft wäre, wie die Gesellschaft funktioniert und so weiter. (Auch da ist das Bauhaus ein gutes Beispiel für.) Einiges hat zu einem besseren Leben beigetragen, vieles ist eher gescheitert (die „New Towns‟ in GB, die Banlieus in Frankreich, die sozialistischen Kollektivhäuser in der frühen Sowjetunion), noch mehr wurde anders genutzt, als geplant (zum Beispiel die ganzen Bauhaus-Wohnungen, die dann von Bewohner*innen doch nicht spartanisch und funktional durchgeplant belassen, sondern vollgestellt wurden). Diese Tradition ist da – und selbstverständlich ist es sympathischer, wenn mit so einem Anspruch geplant und designt wird. Aber sie wird auch fast „nur‟ mit Mitteln des Designs und der Architektur reflektiert und interpretiert, also eher mit einem Ansatz der Untersuchung von Beispielen mit ästhetisch und anderen Kriterien, aber zum Beispiel wenig soziologischem Verständnis. In einem solchen Denken kann es als ausreichend gelten, die funktionierende Gesellschaft auf lokaler Eben als eine zu verstehen, in der Menschen miteinander reden und dann nach Design-Lösungen zu suchen, die das ermöglichen würden.

Nachvollziehbar. Aber nur, weil Designer*innen davon überzeugt sind, dass Design die Welt besser machen würde, müssen Bibliotheken das nicht gleich glauben. Schon die Geschichte all der gescheiterten Interventionen durch Design sollte zeigen, dass diese eher Scheitern als Funktionieren. Darum scheint mir die Soziologie (und Ethnologie) weit besser zu erklären als das Design. Mich erstaunt deshalb, wie umstandslos Behauptungen aus dem Design in bibliothekarische Texte (und wohl auch bibliothekarisches Denken) übernommen zu werden scheinen.

Das dies so einfach übernommen wird scheint mir – das ist der zweite Punkt – ein Ergebnis der Untertheoretisierung von Bibliotheksbau und Raumplanung (und der tatsächlichen Funktion von Bibliotheken) zu sein. Eigentlich haben wir, wie oben gezeigt, genügend Wissen darüber, worauf und wohin wir zumindest schauen müssten, wenn wir darüber nachdenken, Bibliotheken umzubauen oder neu zu bauen. Aber weil das Bibliothekswesen eher schlecht darin ist, wirklich öffentlich und nachvollziehbar darüber nachzudenken, scheint es manchmal, als könnte einfach jemand etwas über die Wirkung von Räumen behaupten – und wenn das nur selbstbewusst und oft genug gemacht wird, dann wird das übernommen.

Das ist nicht perfekt, weil es nicht per se gute Räume baut (sondern auch zu solchen führen kann, die vielleicht eher ausschliessen). Sicherlich: Ich könnte es zu meiner Mission machen, auch selbstbewusst und oft etwas über Räume und Bibliotheksbau zu behaupten. Aber das kann ja nicht die Lösung sein. Sinnvoller wäre es wohl, Design und Architektur als das zu sehen, was sie sind: Design und Architektur. Und die Aussagen und das Nachdenken über Gesellschaft und Wirkung von Bibliotheksräumen nicht diesen zu überlassen, sondern eher auf die Disziplinen zurückzugreifen, die das Wissen dazu systematisch erwerben. Das ist halt vor allem die Soziologie.

Sinnvoll als Praxis wäre es wohl auch, regelmässig mit einem soziologischen Blick Bibliotheksräume zu interpretieren. Übung macht dabei auch die Anwendung soziologischer Modelle besser. Ich hoffe, es ist klar geworden, dass diese Theorien nicht „einfach dahergesagt‟ sind, so wie Berater*innen einfach vieles auf der Basis ihrer eigenen Überzeugung dahersagen, sondern auf Empirie, Theoretisierung und wiederholter Anwendung / Testung beruhen. Sie erklären auch etwas – und mehr, als doch eher einfache Annahmen über die Funktion von Räumen und Gesellschaft, welche aktuell das Nachdenken über Bibliotheksräume zu prägen scheint.

Aber irgendetwas muss man ja bauen…

Sicherlich: Bibliotheken werden ständig um- oder neugebaut. Deshalb müssen auch immer wieder Entscheidungen darüber getroffen werden, was gebaut / in den Raum gestellt wird und wie. Das kann nicht einfach unentschieden gelassen werden, bis die best-mögliche Lösung erarbeitet ist. Irgendwas muss halt doch gebaut werden. Und es ist auch richtig, dass dafür bestimmte Methoden verwendet werden müssen. Und grundsätzlich wäre es wohl richtig zu sagen, dass alle Methoden erst mal sinnvoll sein können, wenn sie nur je zum zu lösenden Problem oder den gestellten Fragen passen.

Bei den „neuen Bibliotheken‟ ist es aber auffällig, wie oft diese – am Ende ja doch immer wieder ähnlich aussehenden – Bibliotheken mit vor allem einer Methode, nämlich Design Thinking verbunden werden. Wenn etwas zum eigentlichen Entscheidungsprozess für diese Neu- und Umbauten in den betreffenden Texten mitgeteilt wird, dann, dass es diese Methode war. Und, wie gesagt, die Bibliotheken scheinen mir gerade viel geschlossener und nicht offener zu werden. Die Vermutung liegt nahe, dass die Methode doch etwas damit zu tun hat, das die Bibliotheken am Ende immer wieder so werden, wie sie werden. Es wäre deshalb sinnvoll, sich diese doch noch einmal genauer anzuschauen, bevor sie weiter einfach immer wieder als vorgeblich zeitgemässe, innovatives Vorgehensweise genutzt wird. Mir scheint, dass zumindest Teile der Methode dafür verantwortlich sind, dass ständig einer offenbar stark verkürzte Vorstellung davon, wie Gesellschaft und Räume funktionieren, gefolgt wird und das immer wieder diese, meiner Meinung nach, ausschliessenden Räume gebaut werden. [Drei Vermutungen: Das „Kritikverbot‟, welches oft am Anfang der Methode eingeführt wird, führt dazu, dass offensichtliche Widersprüche nicht genannt werden. Der Fokus auf „Tun‟ (Making, Rapid-Prototyping etc.) verengt den Blick und das, worüber man nachdenken soll / kann auf Design-Lösungen. Der vorgeblich kreative, spielerische Ansatz zieht Personen aus bestimmten Sozialschichten – die Arbeit und Freizeit beziehungsweise Arbeit und Spiel nicht wirklich voneinander trennen – an und stösst andere eher ab. Aber das nur erste Vermutungen.]

Was sein könnte

Grundsätzlich aber scheint mir, dass gerade diese neuen Bibliotheken eine Aufforderung darstellen, mehr über die tatsächliche Nutzung und Wirkung von Bibliotheksräumen nachzudenken; dabei nicht nur einer Erzählung über „kreative Räume‟ und so weiter zu glauben, sondern auch das einzubeziehen, was als einigermassen gesicherter Wissensbestand über Gesellschaft, Stil, Wahrnehmung bekannt ist. Und es wäre sinnvoll, vielleicht wieder andere Methoden mit zu benutzten – und nicht eine, die so eindeutig aus dem Design kommt, ungefragt zu übernehmen. Was dabei rauskommen wird? Keine Ahnung, das wäre ein (gemeinsamer) Prozess.

Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass am Ende klar wird, dass das, was als „langweiliger Raum‟ beschrieben wird (nicht als schlechter, lauter, billiger; sondern als langweilig und bland) sich als sinnvoller Raum herausstellen kann, wenn man wirklich dem Ziel folgen will, Räume „für alle‟ zu bauen. Und ich kann mir auch vorstellen, dass man dahin kommt, Planung von neuen Bibliotheken gar nicht erst rein als Design- und Architekturprojekt zu verstehen und zu präsentieren, sondern als umfassender: Mit Raum und Infrastruktur, aber auch Angeboten, Regeln, die man durchsetzen möchte, Dingen, die man ermöglichen möchte (und wie) und so weiter. Und vor allem kann ich mir vorstellen, dass man nicht mehr einzelne BeraterInnen als Wissensquelle benutzt und deren Thesen einfach zu übernehmen scheint.

Was sich aus so einem Nachdenken wie hier meiner Meinung nach auch ergibt, sind zahlreiche Forschungsfragen, die mal angegangen werden könnte – und sei es, um meine Wahrnehmungen zu widerlegen (anstatt einfach zu behaupten, dass sie nicht stimmen). Beispielsweise, wie Menschen aus verschiedenen Sozialschichten diese (und andere) Bibliotheken wahrnehmen und nutzen. Oder wie und ob die erhofften (und in vielen Texten zu den neuen Bibliotheken ja explizit erwähnten) Kommunikationen zwischen Nutzer*innen überhaupt stattfinden. Oder ob andere Methoden, bezogen auf die gleichen Aufgaben, bessere Ergebnisse hervorbringen und es tatsächlich eine Methodenfrage ist. (So funktioniert Theorie, wenn sie angewandt wird: Sie lenkt den Blick darauf, was zu beobachten sein müsste.) Aber das nur als Aufforderung.

Umfragen, um dann zu machen, was alle machen?

Letztens, in einer Kneipe bei mir aber auch bei der „Helene Nathan Bibliothek” in Berlin-Neukölln um die Ecke, fielen mir die aktuellen Informationen (vom April 2019) des Quartiersmanagements in die Hände (flugblätter 1.19 – Informationen rund um den Flughafenkiez, https://qm-flughafenstrasse.de/fileadmin/user_upload/2019/04_April/flugblätter_1.19-web.pdf̈), vorne drauf ein Artikel zum Umbau der Bibliothek. Dieser Artikel liess mich einigermassen ratlos zurück. Es gibt ihn dutzende Male, hunderte Male für verschiedene Bibliotheken in hunderten ähnlichen Publikationen. Dieser bezog sich einfach auf eine Bibliothek, die ich direkt kenne. Ich bin auch nochmal vorbeigegangen, um zu schauen, ob meiner Irritation verfliegt, wenn ich die neu umgebaute Bibliothek direkt sehe – aber nein, nein. Die Irritation bleibt. Ich versuche sie hier mal zu fassen.

Es beginnt mit dem Bild, das – selbstverständlich nicht von der Bibliothek, sondern von jemandem im Quartiersmanagement, die oder der die Ausgabe gesetzt hat – als Illustration gewählt wurde: Die Bildungsstadträtin sitzt in einem Sonic Chair (nicht etwa diesen Chair „nutzend”, also zurückgelehnt irgendetwas hörend, sondern irgendwie das Tablet festhaltend, aber irgendwoandershin schauend). Was soll das? Was drückt das aus? Sicherlich: Die Bildungsstadträtin steht hinter der Bibliothek – das wäre die eine positive Interpretation. Aber wie lange noch muss eine Sonic Chair – von dessen Nicht-Nutzung im Alltag aus so vielen Bibliotheken berichtet wird – noch als „Zukunftsmöbel” einstehen? Nochmal 10 Jahre? Vielleicht 20? Ich weiss nicht, vielleicht bin ich zu zynisch. Aber ich muss noch die Bibliothek finden, welche die Anschaffung eines solchen Chairs im Nachhinein als sinnvoll bezeichnet. Gleichzeitig werden solche Bilder jetzt schon seit Jahren eingesetzt, um neu umgebaute Bibliotheken zu symbolisieren. Das scheint mir je länger je mehr absurd. Irgendwann müsste der Neuigkeitswert doch aufgebraucht sein – aber offenbar nicht.

„Ein Ort für alle”

Aber zum Text: Es geht darum, dass die Bibliotheken umgebaut wurde. Vor einigen Jahren gab es in der Bibliothek Probleme damit, wie und von wem sie wofür genutzt wurde (angesichts der Verdrängung billiger Aufenthaltsorte und dem Zubauen von freien Flächen hier im Kiez kann man sich wohl denken: Es ging vor allem darum, ob die Bibliothek ruhig sein sollte oder auch ein lauter Aufenthaltsort, aber laut durch Jugendliche, die sich nicht wie lernwillige Mittelstands-Jugendliche verhalten – und nicht laut durch die vorgeblich so lebendige Stadtgesellschaft.). Diese Probleme seien, so der Text, jetzt durch den Umbau vorbei. (Was ich, Nebenbemerkung, eine ganz absonderlich unsoziologische Interpretation durch das Quartiersmanagement, finde. Ich würde zumindest fragen, ob sich nicht einfach durch Verdrängung und Prioritätenverschiebung bei Jugendlichen eine andere Klientel eingefunden hat, während Teile der alten Klientel jetzt anderswo wohnen müssen – was das Quartiesmanagement eigentlich interessieren müsste.) Aber auch das ist nicht, was mich irritiert. Bibliotheken werden umgebaut, erneuert, neu geplant. Das gehört zur bibliothekarischen Arbeit, dazu muss man eigentlich keinen grossen Grund angeben. Aber vielleicht darf man das nicht in einen Artikel schreiben, weil es dann keine richtigen Artikel mit Neuigkeiten wäre.

Was mich wirklich irritierte war dieser Satz: „Nach einer Befragung von Mitarbeiter*innen und Nutzer*innen wurde beschlossen, die Bibliothek zu einem Ort für alle umzubauen.”

Da wurde also eine Umfrage durchgeführt, um dann das zu machen, was alle (Öffentlichen Bibliotheken) machen (wollen): Umbauen und „Ort für alle” werden? Was ist dann der Sinn dieser Umfrage? Mir ist das nicht klar. Vielleicht, weil ich zu oft Anfragen kriege, dass entweder ich oder aber Studierende solche Umfragen in Bibliotheken durchführen sollen – aber es erscheint mir eine ganz absonderliche Vorgehensweise. Wenn man eine Umfrage macht und dann anschliessend eh das, was die anderen Bibliotheken auch machen – wozu macht man dann die Umfrage? Wieso betreibt man diesen Aufwand?

Es gibt immer wieder zwei Antworten, die ich dazu: (1) Bibliotheken vermuten, dass es bei Ihren Nutzer*innen ganz anders wäre und (2) Bibliotheken vermuten, dass sie die Ergebnisse als Argumentation für … die Politik (?) benötigen würden.

Ad (1): Mir ist nie klar, was die einzelnen Bibliotheken denn denken, dass bei Ihnen so anders wäre, als bei anderen Bibliotheken. Klar: Alles ist spezifisch, jede Stadt, jeder Kiez ist anders. Alle Menschen sind verschieden (und sollen es sein). Aber mal ehrlich – im Bezug darauf, wie eine Bibliothek genutzt und was von ihr gefordert wird: Was soll da so spezifisch anders sein? Mal werden mehr Angebote für Kinder gefordert – weil mehr Kinder im Kiez wohnen. Oder mehr Angebote für Senior*innen – weil mehr davon im Kiez wohnen. Dazu braucht es aber keine Umfrage, dass kann man auch aus den demographischen Daten herauslesen. Ich habe mir schon mehrfach den Spass gemacht, bei solchen Umfragen vorher zu schätzen, was rauskommt und hatte da bislang immer Recht. Man kann das alles reduzieren, ähnliche Bibliotheken nach deren Umfragen fragen, deren Ergebnisse zusammenfassen, die etwas wichten (Demographie, Einkommensverhältnisse etc.) – und hat am Ende das gleiche Wissen, mit einer besseren Basis (weil aus mehreren Bibliotheken), aber viel weniger Aufwand.

Ad (2): Falls sich Politiker*innen oder Verwaltungs*angestellte etc. überhaupt von Daten aus Umfragen etc. beeinflussen lassen (was bislang von Bibliotheken vermutet, aber auch nie nachgewiesen wird), dann würde das auch für Zusammenfassung von Daten aus ähnlichen Umfragen gelten. Nochmal: Was soll schon anderes herauskommen, wenn man zum gleichen Thema nochmal praktisch die gleichen Fragen einer ähnlichen Personengruppe stellt? Nix.

Das es wirklich nicht sehr sinnvoll ist, zeigt das Beispiel dieser Bibliothek im oben angeführten Text: Am Ende wird nur das Konzept gewählt, dass aktuell eh schon die ganze Zeit durch das Bibliothekswesen genudelt wird. Und umgesetzt wird es, indem von einem Bibliotheksanbieter [der hier nicht genannt werden soll] die gleichen „hippen” Möbel gekauft werden, die der schon seit Jahren so im Angebot hat und die man auch in hunderten anderen Bibliotheken findet.

Das scheint mir alles eine immense Verschwendung von Zeit und Ressourcen zu sein, denn, wie schon gesagt, das wird in so vielen Bibliotheken immer und immer wieder gemacht. Berliner Bibliotheken sind da einfach nur sehr spät dran, aber ansonsten sind sie da in nichts spezifisch.

Was man auch machen könnte

Was mich auch irritiert ist, dass es sehr einfach sehr viel besser gehen könnte:

  1. Es ist wirklich ein Leichtes, die Ergebnisse solche Umfragen und Prozesse vorherzusagen. Inhaltlich ergibt sich da nichts Neues. Man könnte also die Zeit und die Ressourcen auch für weitergehende Fragen und Projekte nutzen. Wenn man z.B. weiss, dass man am Ende eh einen „Raum für alle” bauen und einen Sonic Chair reinstellen will – kann man die Zeit verwenden, um zum Beispiel mehr über die Veränderung der Klientel nachzudenken. Oder andere Fragen zu stellen. Oder zu schauen, ob die Sonic Chairs irgendwo anders überhaupt verwendet werden. Irgendwas anderes halt, nur nicht wiederdie gleichen Umfrage.

  2. Wenn solche Umfragen und Veränderungsprozesse genutzt werden, um die Arbeitskultur zu verändern und beispielsweise ab jetzt bei Entscheidungen das Personal einzubeziehen und nicht autoritär von oben zu treffen – dann liesse sich der Aufwand vielleicht rechtfertigen. Aber ist das der Fall? Nicht, wenn in der jetzigen Umfrage das Personal erstmal befragt werden musste.

  3. Der Aufwand wäre vielleicht auch zu rechtfertigen, wenn die Umfrage praktisch eine Fingerübung dafür wäre, ab jetzt evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen – also erstmal etwas einfaches, wo man anhand der Daten aus anderen Umfragen in anderen Bibliotheken schauen kann, ob man alles richtig macht bei Erheben von Evidenz. Und dann aber in Zukunft mehr Methoden, mehr Fragen etc. Ist das hier der Fall? Ich glaube nicht.

Und ehrlich: Mich irritiert das mehr und mehr. Mir ist schon klar, dass Bibliotheken im Alltag vor allem auf sich schauen, dass das intensive Lesen der Fachliteratur (in der Ergebnisse aus ähnlichen Umfragen drin steht) oder das Treffen von Entscheidungen auf der Basis das best-möglichen Wissens nicht verbreitet sind. Aber je öfter je mehr ist mir nicht klar, was das soll. Haben Bibliotheken so viele Ressourcen und so viel Zeit, diese ständige Doppelarbeit zu machen? Wäre es nicht sinnvoller, gemeinsam voranzuschreiten und auf dem Wissen anderer Bibliotheken aufzubauen?

[Und warum jemand den Sonic Chair für eine gute Idee hält, habe ich auch nie verstanden – but maybe that’s just me.]

Was war eigentlich vorher?

Eine Spezifika der Helene Nathan Bibliothek ist es übrigens, dass sie in einem Einkaufszentrum untergebracht ist. In einer Meldung im Bibliotheksdienst 2001 [oder so, gerade nicht greifbar] wird geschildert, dass der Bezirk dem Bau des Einkaufszentrum nur mit der Voraussetzung zugestimmt hat, dass in diesem die Bibliothek untergebracht wird. Die Gründe waren die, die immer bei solchen Projekten angegeben werden: Die Bibliothek soll da sein, wo das Publikum ist; sie soll verkehrsgünstig liegen (was sie tut, direkt am U-Bahnhof); sie soll mit anderen Funktionen verbunden werden (was zumindest soweit auch funktioniert, als das das Zentrum heute neben Einkauf und Cafés auch Kino, Fitnessstudio und Hipster-Bar mit Urban Gardening und Tanzveranstaltungen auf dem Dach beinhaltet).

Es gibt also eine Geschichte von Überlegungen, wie man die Bibliothek beleben könnte und wie sie genutzt werden soll. Kommt das im Artikel hervor? Nein. (Da wird Helene Nathan erwähnt, was schon richtig ist, sie war eine wichtige Person – aber der Verweis hilft wenig, auch ihre Überlegungen zur Volksbibliothek Neukölln werden im Text nicht aufgegriffen.) Wurde diese Geschichte, also vor allem die Versprechen, die man sich machte und die entweder nicht eintraten oder zu sehr eintraten (auf einmal waren Jugendliche in der Bibliothek, die etwas machten, was sie nicht sollten), bei der Neuplanung beachtet? Das scheint mir nicht so. Zumindest ist es nicht sichtbar.

Die Erzählung im Artikel (in so vielen Artikeln zum Umbau von Bibliotheken) ist: Erst war es schlecht, dann machten wir eine Umfrage, jetzt werden wir ein Ort für alle und sind zukunftsgerichtet. Überzeugt das wen? Es ist doch klar, dass, wenn das so weiter geht, einfach in zehn-fünfzehn Jahren wieder behauptet wird: Bis jetzt war es schlecht, jetzt machen wir eine Umfrage, dann werden wir ein Ort für alle und sind zukunftsgerichtet. Ein Kreislauf. Die Bibliothek hier sollte aber auch schon „Ort für alle” sein, als sie ins Einkaufszentrum gebaut wurde – und irgendwas ist schiefgelaufen.

Wäre es nicht sinnvoller, aus der Geschichte zu lernen anstatt einfach diesen Kreislauf wieder und wieder und wieder zu wiederholen? Nein? Dann bin ich zumindest davon irritiert.

Wie schlimm kann es sein, ehrlich gesagt?

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass mir so ein Text in die Hände fiel. Noch nicht mal das erste Mal, dass er mir über diese Bibliothek in die Hände fiel. Vielmehr finden sich solche Texte in lokaler Presse oder solchen peripheren lokalen Publikationen immer und immer und immer wieder. In Berlin fallen sie mir in den Kneipen in die Hände, anderswo, zum Beispiel im Urlaub, irgendwo anders. Aber doch in schöner Regelmässigkeit. Und auch wenn ich an den Texten und Bildern in ihnen verzweifle, weil sie immer wieder gleich sind, gilt doch: So gleichförmig das alles ist, kommen Bibliotheken in ihnen doch auch immer gut weg. Es finden sich Texte darüber, wie sie umgebaut wurden, welche neuen Angebote sie haben etc. Manchmal wird gesagt, dass XYZ noch mehr sein könnte (mehr Öffnungszeiten oder so), aber wirklich Kritik wird in solchen Texten eigentlich nie geäussert.

Das liegt quer dazu, wie einige Bibliothekar*innen das Bild von Bibliotheken in der Öffentlichkeit wahrnehmen. Diese Idee, Bibliotheken würden praktisch nicht betrachtet und würden als langweilig, „verstaubt” etc. gelten… Ich kann das einfach nicht verstehen. Ich weiss, es gehört offenbar zur Identität als Bibliothekar*in, solch einen Eindruck zu haben. Aber immer wieder, wenn mir so ein Text in die Hände fällt – und ich kann ja nicht der Einzige sein, dem das passiert, einige Freund*innen und Familienmitglieder bringen mir solche Texte auch immer wieder einmal mit, das wird bei anderen Kolleg*innen ähnlich sein – kann nicht umhin zu denken: Was genau ist eigentlich das Problem? Die Öffentlichkeit hat ein positives Bild von Bibliotheken. Welche Einrichtung wird sonst noch kontinuierlich so positiv dargestellt? Die Feuerwehr vielleicht. Aber sonst? Das irritiert mich nur noch mehr.

„Bibliotheken sind heute viel mehr als ein Bücherspeicher.”

„Bibliotheken sind heute viel mehr als ein Bücherspeicher.” Die Präsidentin des Stiftungsrats der Liechtensteinischen Landesbibliothek, Christina Hilti, schrieb diesen Satz in ihre Geleitwort zur „Bibliotheksstrategie 2025”.1 Dabei war und ist sie nicht die Einzige. Vielmehr findet sich diese Aussage aktuell immer und immer wieder in Bibliotheksstrategien, in Texten, in denen sich Bibliotheken der Öffentlichkeit gegenüber vorstellen oder in denen über die Zukunft von Bibliotheken nachgedacht wird. Auch Journalistinnen und Journalisten schreiben ihn seit einig Jahren sehr gerne. Es ist klar, was dieser Satz heissen soll: Bibliotheken sind modern, entwickeln sich und so weiter.

Aber: Dieser Satz enthält eine (a) falsche und (b) auch ein wenig gefährlich Behauptung. Ich fände es gut, wenn im Bibliothekswesen etwas mehr nachgedacht wird, bevor solche Sprachbilder verbreitet werden. (Auf den Journalismus habe ich keinen Einfluss, aber auch da kommt diese Aussage ja nicht von ungefähr. Irgendwer muss die Leute ja darauf bringen, immer wieder diesen Satz zu schreiben.) Das werde in diesem Blogpost besprechen: Zuerst etwas dazu, wie Sprachbilder allgemein wirken (1), dann etwas zur Geschichte von Bibliotheken, die von diesem Sprachbild überzeichnet wird (2), anschliessend einige Überlegungen dazu, was der Effekt dieses spezifischen Sprachbildes ist (3) und im Fazit noch ein paar Vorschläge, was man anders machen könnte (4).

1.Sprachbilder

Bibliothekarische Texte verwenden, wie alle anderen Texte auch, Sprachbilder, um Zusammenhänge darzustellen, Überlegungen zu verdeutlichen, Argumente zu verstärken, Bedenken zu zerstreuen und so weiter. Aber Sprachbilder sind mehr als „nur Gerede”. Sie sind nicht unschuldig in dem Sinne, dass es egal ist, ob sie verwendet werden oder nicht.

Vielmehr produzieren erfolgreich angewendete Sprachbilder bestimmte Vorstellungen von Realität – und führen auch dazu, dass andere Vorstellungen von Realität mehr oder minder unmöglich zu denken sind. Nicht, weil es verboten wäre, sie zu denken, sondern weil sie von den wirkmächtigen Sprachbildern überdeckt werden. Meist wird durch solche Sprachbilder die komplexe Realität so weit reduziert, dass sie falsch wird. Wir kennen das: Wenn sich zum Beispiel das Bild durchsetzt, Lyrik sei vor allem unzugänglich und schwierig zu verstehen, prägt das, wie Lyrik wahrgenommen wird – auch wenn man einfach durch das Lesen von etwas Lyrik merken würde, dass das so überhaupt nicht stimmt. Aber es ist ein wirkmächtiges Sprachbild, das leider viele davon abhält, Spass mit Sprache zu haben.

Kurz: Sprachbilder verkürzen das Denken und die Wahrnehmung von der Realität. Das kann manchmal sinnvoll und notwendig sein, dass kann – in der Lyrik – auch interessante Effekte hervorbringen. Aber wenn es falsch läuft, bringen sie falsche Vorstellungen hervor und produzieren auch falsche (irrealistische) Überzeugungen. Deshalb sollten sie immer wieder einmal überprüft werden. [Ganz abgesehen davon, dass sie auch sprachlich langweilig sind. Wenn sie neu gefunden werden, im Gedicht, dann mag das interessant sein; aber wenn sie zum hundertsten Male wiederholt werden, dann vermitteln sie nur noch Überzeugung, nicht mehr sprachliche Innovativität.]

2.Bibliotheken als Bücherspeicher

Was mit dem Satz „Bibliotheken sind heute viel mehr als ein Bücherspeicher” behauptet wird, ist, dass früher [Wann?] Bibliotheken einmal „Bücherspeicher” [Warum?] gewesen wären und sich jetzt [Seit wann?] verändert hätten [Wie?], also nicht mehr „Bücherspeicher” wären, sondern modern.

Das ist schlicht und ergreifend historisch falsch.

In der ganzen Geschichte moderner Bibliotheken (lassen wir sie mit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts beginnen, ein guter Startpunkt ist „Die Volksbibliothek, ihre Aufgabe und ihre Reform” von Constantin Nörrenberg2) waren Bibliotheken nie „Bücherspeicher” – das gilt für alle Bibliothekstypen, dafür steht die Landesbibliothek in Vaduz als Nationalbibliothek und Öffentliche Bibliothek in einem ganz gut. Immer gab es Versuche – sowohl in der Literatur als auch in der Bibliothekspraxis selber – Bibliotheken als moderne Einrichtungen zu definieren und zu gestalten.

  • Niemals gab es die Idee, die Bibliothek als reine „Ausleihstation” oder „Bücherspeicher” zu betreiben. Vielmehr wurden Bibliotheken immer wieder Aufgaben zugeschrieben, die sie erfüllen sollten (oft aus den Bibliotheken selber, manchmal aber auch von aussen): Bildung, Kampf gegen die Sozialdemokratie oder für das Klassenbewusstsein, gegen den Alkoholismus oder für den Patriotismus, gegen schlechte Literatur oder zum modernen Staatsbürger, zur modernen Staatsbürgerin, die Aufbewahrung und Erschliessung des nationalen Kulturerbes. Aber niemals galten sie als „reiner Bücherspeicher”.

  • Was genau modern hiess und was Bibliotheken deswegen tun sollten, veränderte sich mit der Zeit. Es war oft umstritten, gab immer wieder auch andere Meinungen (so wie es lange nicht nur eine Form von Bibliothek gab). Aber das ist ja mit einem Blick in die Geschichte seit Ende des 19. Jahrhunderts auch zu erwarten.

  • Diese Entwicklung wurde im DACH-Raum zum Teil durch Kriege und gesellschaftliche Katastrophen unterbrochen; es war auch keine gradlinig verlaufene Entwicklung. (Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde bekanntlich in Deutschland und Österreich erstmal versucht, an die Vorstellungen und Debatten der 1920er wieder anzuschliessen. Aber man darf sich zum Beispiel deswegen nicht vorstellen, dass Bibliotheken während des Nationalsozialismus nicht „entwickelt” worden wären. Vielmehr gab es bis in die Jahre des Weltkrieges hinein massive Entwicklungen, Neubauten, Aufbau von Infrastrukturen – ganz abgesehen davon, dass in der Zeit selbstverständlich auch in der Schweiz und Liechtenstein Bibliotheken weiterentwickelt wurden.) Aber immer gab es eine Entwicklung. Und niemals eine dahin, dass die Bibliothek nur Bücher „speichern” sollten.

  • Das gilt gerade auch für Bibliotheken und Bibliothekstypen, die wir heute als unmodern und veraltet ansehen. Aber auch die „Thekenbibliotheken” der 1910er – egal ob mit oder ohne Lesesaal – hatten nicht einfach die Aufgabe, Bücher zu speichern. Sie sollten als moderne Einrichtungen wirken. Der Bestand, das ganze Sammeln, Auswählen, Managen, Vermitteln von Beständen war diesen Aufgaben untergeordnet. Es gab zu anderen Zeiten mehr Bücher in Bibliotheken als heute, aber das hatte auch mit den jeweils vorhandenen Medien zu tun – und es gab auch immer wieder Diskussionen über andere Medienformen. Das ist nicht neu.

  • Was es auch gab, waren immer Bibliotheken, die den gerade aktuellen Ansprüchen an moderne Bibliotheken nicht genügten, die schlecht ausgestattet waren, sich langsamer entwickelten und so weiter. (Und es gab lange auch solche, die aus anderen Bibliotheken heraus abgelehnt wurden, weil sie die falschen Ziele verfolgten.) „Veraltete” Bibliotheken gab es immer, aber daneben – das ist für die folgende Argumention wichtig – immer, immer Diskussionen darüber, wie moderne Bibliotheken auszusehen hätten, wie sie einzurichten wären und was für Leistung von ihnen erwartet werden könnten.

Der Unterschied ist nochmal wichtig: Einen Diskurs um moderne Bibliotheken gab es immer. Mal mehr heftig, mal weniger; mal besser untermauert, mal weniger; mal mit mehr Beteiligung, mal mit weniger – aber irgendwie gab es ihn immer. Und daneben gab es immer eine bibliothekarische Realität, die diesen Diskussionen nicht perfekt entsprach – aber das ist ja auch logisch, sonst wären die Diskussionen nicht notwendig gewesen.

3.Was dieses Sprachbild verdeckt

Was passiert nun, wenn der Satz „Bibliotheken sind heute viel mehr als ein Bücherspeicher” benutzt wird? Es wird eine Entwicklung des Bibliothekswesens behauptet, die nicht stimmt. Es wird damit auch die Realität über die heutigen Diskussionen und Darstellungen davon, was eine moderne Bibliothek sei, verzerrt.

  1. Der Versuch, Bibliotheken modern zu gestalten, ist auch historisch der Normalfall. Das heute darüber diskutiert wird, dass sich Bibliotheken zur Gesellschaft öffnen sollten, dass sie einen bunten Medienmix anbieten sollten, aber auch Lern- und Arbeitsplätze, dass sie Veranstaltungen anbieten sollten – all das ist Teil einer Tradition. Es passt in die Geschichte des bisherigen Diskussionen und ist gerade nicht neu (und, so wie es aussieht, werden auch diese Diskussionen wieder von neuen Diskussionen abgelöst werden; sie brechen eigentlich mit nichts und fangen auch so richtig nichts Neues an).

  2. Die tatsächlichen Veränderungen sind nicht die, über die geredet wird. Das Sprachbild vermitteln den Eindruck, als hätte sich bislang niemand Gedanken darüber gemacht, was die Bibliotheken sein sollten, sondern als seien bislang vor allem Bücher „gespeichert” worden – ohne grosses Nachdenken, wozu. Mit dieser Behauptung im Hinterkopf kann dann auch das Einrichten eine Bibliothekscafés als radikal neue Entwicklung angesehen werden (oder, dass man die Nutzerinnen und Nutzer auch mal fragt, wie sie die Bibliothek sehen). Aber was sich wirklich verändert (hat) sieht man so nicht. Insoweit wird man auch immer wieder die realen Entwicklungen falsch einschätzen: Als Bruch mit einer Tradition, als radikal neu, als ganz anders, als modern – aber man kann gar nicht fragen, ob sie das wirklich sind, weil man so zum Beispiel nicht sehen kann, dass die Orientierung an den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer schon lange Thema war.

  3. Die Vorstellung davon, wie die „alten Bibliotheken” waren, die jetzt verändert werden, basieren so also auf einer falsche „Rückprojektion”. Was nicht selten zu passieren scheint, ist, dass einzelne Personen ihre privaten Erfahrungen davon, wie Bibliothek „früher waren” (vielleicht zu ihrer Kindheit oder Jugend) als Basis dieser „Projektion” nutzen. Aber das ist falsch: Wie gesagt gab es immer „schlechte”, „veraltete” Bibliotheken; auch haben immer Menschen Bibliotheken etwas anders interpretiert, als die Bibliotheken selber. Es mag also sein, dass einer oder einem Jugendlichen die lokale Bibliothek damals…. 1983 (?)… als „Bücherspeicher” erschien (weil sie keine heissen Scheiben hatte?). Aber das ist nicht gleichzusetzen mit der tatsächlichen Diskussion im Bibliothekswesen, sondern vielleicht eher mit der Wahrnehmung Jugendlicher der unterfinanzierten Bibliotheken 1983 in XYZ-Stadt.

  4. Das ist auch relevant für Folgendes: Die Vorstellung, jetzt würden durch neue Diskurse die Bibliothek verändert, ist so nicht stimmig: Es ist erstmal nur eine Veränderung der Diskurse. Es scheint oft, als würde angenommen, der Diskurs sei schon eine Veränderung der Realität. Menschen stellen sich vor, zu wissen, was die Bibliothek 1983 (?) war („ein Bücherspeicher, da sind wir nie reingegangen”) und würden jetzt den Diskurs ändern („auf die Stadtgesellschaft zugehen, sie in die Bibliothek hineinholen”). Aber das sind zwei unterschiedliche Ebenen (die auf einander bezogen sind). Den Diskurs, nicht nur Bücher anbieten und nicht nur im Literaturbereich unterwegs zu sein, gab es auch schon 1983; Jugendliche, die das nicht wahrnehmen und nicht in die Bibliothek gehen, gibt es auch 2019 (vielleicht gibt es jetzt weniger davon, aber das mag eher mit den heutigen Jugendlichen zu tun haben).

  5. Man vergibt sich also, die Erfahrungen, welche schon in der Vergangenheit bei der Entwicklung von bibliothekarischen Diskursen und darauf basierenden Veränderungen der Bibliothekspraxis gemacht wurden, in die heutige Entwicklung zu integrieren. Zu vermuten ist, dass man deshalb auch bestimmt viele, viele Erfahrungen, die schon längst gesammelt wurden, noch einmal macht. Vor allem, weil nicht nachschaut wird, was schon gelernt wurde – weil man denkt, die Bibliothek früher sei „ein Bücherspeicher” gewesen, von dem man nichts zu lernen hätte.

  6. Daneben ist diese Vorstellung auch etwas beleidigend gegenüber den früheren Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, die sich immer auch schon Gedanken um die Entwicklung von Bibliotheken – auf der Ebene einer Bibliothek oder aber des Bibliothekswesens – gemacht haben. Selbstverständlich waren die auch nicht dumm und selbstverständlich haben die auch nach sinnvollen Möglichkeiten gesucht, moderne Bibliotheken zu entwickeln. Das diskreditiert man, wenn man behauptet, erst jetzt würde man sich solche Gedanken machen. (Als ob Menschen heute, 2019, klüger wären als 1890.)

  7. Falsche Vorstellungen über die vergangene Bibliotheken scheinen ein Grund für falsche Vorstellungen über langfristige Entwicklung hin zu den heutigen Bibliotheken, den Diskussionen um die Entwicklung von Bibliotheken und der Realität in Bibliotheken zu sein. Solche falschen Vorstellungen können zu falschen Entscheidungen führen (wenn man zum Beispiel gar nicht fragt, warum bestimmte Dinge so geregelt wurden, wie sie geregelt sind, sondern sich einfach vorstellt, dass das immer eine mindestens veraltete Entscheidungen gewesen wären).

Sicherlich: Solche Sprachbilder können immer schnell in die Tasten gehauen werden – vor allem, wenn sie schon so oft zuvor gebraucht wurden. Mein Tipp wäre hier aber, einfach mal von Zeit zu Zeit in ältere bibliothekarische Zeitschriften zu schauen, ganz zufällig über die Jahrzehnte verteilt oder aber gezielt aus der Zeit, von der man denkt, dass Bibliotheken damals „Bücherspeicher” gewesen seien, und dort nachzuschauen, über was damals eigentlich wirklich diskutiert wurde. Nicht selten wurde sogar tatsächlich über „Bücherspeicher”, also Magazine, diskutiert, aber nie als Leitbild von Bibliotheken.

4.Fazit

Am Ende würde ich dafür plädieren, gerade dieses Sprachbild nicht mehr zu benutzen. Es ist einfach falsch und überdeckt zu viel. [Und es ist auch langweilig geworden. Wenn schon Sprachbilder, warum dann nicht ein paar neue? Die Lyrik schafft das ja auch.] Wirklich gut wäre, sich öfter mal Gedanken darüber zu machen, was man da eigentlich sowohl in die Bibliotheken hinein als auch aus ihnen heraus für Vorstellungen transportiert, wenn man bestimmte Sprachbilder nutzt und sich dann zu fragen, ob man das wirklich will. [Ich hätte da noch einige andere Beispiele: Was soll das beispielsweise mit dem „Sofa” oder „Wohnzimmer der Stadt”, das Bibliotheken sein sollen?]

Was man unbedingt tun sollte, ist, nicht so zu reden oder zu denken, als sei man, nur weil man gerade in 2019 aktiv ist, klüger als die Kolleginnen und Kollegen vorher. Selbstverständlich hatten die in vielem nicht Recht, selbstverständlich waren viel ihrer Annahmen falsch – aber die kann man nicht sinnvoll kritisieren, indem sie abqualifiziert als quasi dumm („nur Bücherspeicher”). Wenn wir hingegen deren Überlegungen und deren Bibliothekspraktiken ernst nehmen, können wir in der Auseinandersetzung mit diesen viel besser und viel genauer darüber nachdenken, was eigentlich unsere Vorstellungen sind, wo diese herkommen und wo die tatsächlich hingehen. Wenn wir hingegen behaupten, bisher sei einfach alles unmodern und falsch gewesen, aber jetzt, weil wir gerade in unserer Zeit leben und weil wir unsere Methoden anwenden, wüssten wir es einfach besser, halten wir uns (selber) vom Nachdenken darüber ab, was sich wirklich verändert und / oder verändern sollte. Es macht uns ehrlich gesagt dümmer und überheblicher, als wir sein müssten. Veränderung gab es immer – das macht unser Zeitalter nicht aus.3

Zu lernen ist auch, dass der Zusammenhang zwischen Diskurs und Realität wohl komplexer ist, als das man erwarten könnte, einfach mit einer Veränderung des Diskurses schon die Realität massiv zu verändern. Wie gesagt: Diskussionen darum, wie eine moderne Bibliothek sein sollte, gab es praktisch immer, seit die Gesellschaft über breitenwirksame Einrichtungen diskutiert. Aber offenbar, sonst wäre das Sprachbild von den „Bücherspeichern”, die Bibliotheken angeblich früher gewesen seien, nicht so überzeugend: Die Realität, zumindest die, die wahrgenommen wurde, war offenbar nicht immer so. Es gibt keinen Hinweis, das einfach durch eine Weiterentwicklung der Diskussionen die Wahrnehmung der Bibliotheken verändert wird.

 

Fussnoten

1 Liechtensteinische Landesbibliothek: Bibliotheksstrategie 2025. Vaduz 2018, S. 2, https://www.landesbibliothek.li/wp-content/uploads/2019/01/LiLB_Bibliotheksstrategie-2025_20190130.pdf.

2 Constantin Nörrenberg: Die Volksbibliothek, ihre Aufgabe und ihre Reform. Berlin 1895, https://archive.org/details/dievolksbibliot00nrgoog. Ich verlinke die hier auch, damit man gleich einmal mit dem im Fazit angesprochenen Nachlesen in älterer bibliothekarischer Literatur beginnen kann.

3 Auch die Behauptung, heute gäbe es mehr Veränderung als früher, stimmt nicht – einfach nochmal über die Veränderung 1880-1900 nachdenken und dann mit der Veränderung 1999-2019 vergleichen. Erstere war, was leicht zu sehen ist, massiver.

Ist das Bauchgefühl oder ist das eine Studie?

Zur Belastbarkeit von Aussagen, die im Bibliothekswesen zu Entscheidungen benutzt werden

Auf dem Bibliothekstag 2019, der jetzt auch schon ein paar Tage her ist, erhielt ich auf meinen Vortrag hin eine Frage, die mich doch irritierte. Ich habe etwas über sie nachgedacht und denke jetzt besser zu wissen, wieso. Mein Vortrag beschäftigte sich mit der Frage, warum so viele „partizipative Projekte” in Bibliotheken nicht funktionieren; warum so viele Angebote, die mit ihrer Hilfe aufgebaut werden, doch nicht die erhofften Ergebnisse bringen und warum so viele Kolleginnen und Kollegen in Bibliotheken, die solche Projekte durchführten, eher Negativ darüber berichten. Hauptthese meines Vortrages war, dass das strukturell bedingt ist. Die Frage bezog sich aber auf etwas anderes: Ich hatte am Anfang darauf verwiesen, dass es wirklich viele, viele negativen Beispiele solcher „partizipativen Projekte” in Bibliotheken gibt – wenn man nur genauer nachfragt. (Nur, dass die Projekte, die auf Bibliothekstagen präsentiert werden, ja gerade nicht diese Beispiele sind.) Mir scheint das wenig zu bestreiten zu sein.

Die Frage aus dem Publikum war jetzt, auf was ich diese Grundthese aufbaue: Sei das „durch eine wissenschaftliche Studie” untermauert oder sei das „eher so Bauchgefühl”?

Die Kollegin, welche die Frage stellte, betonte, dass es ihr darum geht, einzuschätzen, wie glaubwürdig die These sei. Aber es kam selbstverständlich als Zweifel herüber. Beziehungsweise, in der heutigen Zeit, schlimmer (ich hoffe, ich tue damit der Kollegin Unrecht): Aber es ist selbstverständlich eine Diskursstrategie des autoritären Teils der Gesellschaft, jede Aussage, die ihm missfällt, mit der Behauptung anzugehen, dass sei ja gar nicht wissenschaftlich untermauert. Einfach so, ohne Nachweis. Und dann, wenn sich jemand die Zeit nimmt und die Mühe macht, die Wissenschaftlichkeit zu untermauern, zu behaupten, dass das alles keine richtige Wissenschaft oder aber interessengesteuerte Wissenschaft sei. So viele Frauen und Nicht-Weisse, die sich öffentlich äussern, so viele Menschen, die sich zu feministischen Themen äussern, kennen diese Strategie, die angewendete wird, um ihre Aussagen abzuwerten, die selbstverständlich nicht am Wahrheitsgewinn orientiert ist, sondern nur darauf, die Zeit deren zu verschwenden, die sich auf diesen Diskurs einlassen und sie gleichzeitig zu diskreditieren. Daran erinnert so eine Frage auf dem Bibliothekstag, auch wenn sie gar nicht so gemeint ist (was wohl ein weiteres Beispiel für die „Vergiftung des Diskurses” in der heutigen Zeit ist). Vielleicht war ich deshalb in diesem Moment etwas sehr verdutzt.

Wissenschaftliche Studien im Bibliothekswesen

Aber nehmen wir an, dass es wirklich um die Frage von Glaubwürdigkeit ging und wirklich um Erkenntnisinteresse: Dann war die Frage trotzdem nicht fair gestellt.

Ich möchte das kurz erklären.

Wie werden Entscheidungen im Bibliothekswesen getroffen und wie wird das Wissen generiert, um diese Entscheidungen zu treffen? Genauer: Wird das Wissen, das genutzt wird, um Entscheidungen im Bibliothekswesen zu treffen, aus Forschung gezogen? Und wenn ja: Aus welcher Forschung? Die Antwort auf diese Fragen ist – jetzt dreht sich die Argumentation ein wenig im Kreis – schwierig, weil sie wenig erforscht ist. Aber es gibt Hinweise. Schaut man sich zum Beispiele die Konzept- und Strategiepapiere, die im Bibliothekswesen erstellt und publiziert werden daraufhin an, wie dort die jeweiligen Aussagen und Entscheidungen begründet werden, fällt sehr schnell auf:

  1. Zumeist sind das Behauptungen, die ohne weitere Begründung angegebenen werden. Die Gesellschaft verändert sich so und so; die Bibliotheken müssen sich auf diese und jene Herausforderung einstellen; die Nutzerinnen und Nutzer verändern Ihre Ansprüche und zwar auf diese Weise oder auf jene Weise. Selbstverständlich gibt es Gründe, warum diese Aussagen angebracht werden. Man braucht gar nicht zynisch darauf reagieren, auch wenn man immer wieder Aussagen findet, bei denen man den Kopf schütteln muss: Die Aussagen, die in solchen Papieren angebracht werden, sind wohl solche, von denen die Personen, die in den Bibliotheken entscheiden, überzeugt sind – oder aber von denen sie überzeugt sind, dass andere – die Träger, die Nutzerinnen und Nutzer, die Öffentlichkeit – davon überzeugt sind oder überzeugt werden können. Wären sie nicht überzeugend, dann würde sie wohl nicht so einfach als Argument (aus dem ja jeweils etwas folgt, zum Beispiel strategische Entscheidungen, Verschiebung von Ressourcen, Veränderung des Arbeitsalltags in Bibliotheken, Umbauten) angebracht, sondern wohl mehr begründet.

  2. Es gibt Argumente, die näher begründet werden, bei denen tatsächlich auf Studien, Umfragen, Bücher verwiesen wird. Aber wenn man sich diese Quellen anschaut, bleibt die Beliebigkeit oft erhalten. Die Umfragen sind oft nicht wissenschaftliche basiert, sondern von Interessensgruppen durchgeführt oder aber aus diesen gesellschaftlichen Bereichen, wo alle sich gegenseitig befragen und das dann als Ergebnis präsentieren. (Ich durfte gerade in einen anderen Studiengang hineinschauen, wo es eher um Startups geht, und wo ständig Startups befragt werden – als „ExpertInnen” – um daraus Studien zu erstellen, die dann wieder für Entscheidungen in Startups benutzt werden sollen, ungefähr in dem Stil, dass gesagt wird „in einer Umfrage unter XYZ Startups sind 90% der Meinung, dass diese Technologie in Zukunft einen wichtigen Trend ausmacht – also sollte man darin investieren”. So ungefähr lesen sich oft die Studien und Umfragen, auf die in den bibliothekarischen Strategiepapieren verwiesen wird.) Auch wenn einmal auf tiefergehende Arbeiten verwiesen wird, ist oft nicht ersichtlich, warum gerade auf diese. Oft gibt es dann in den jeweiligen Bereichen hunderte, tausende Arbeiten mit unterschiedlichen Aussagen – und eine wissenschaftliche Arbeit wäre es, die zusammenzufassen und daraufhin zu überprüfen, was den jetzt verfestigte Erkenntnisse sind. Aber in den bibliothekarischen Strategien wird oft eine kleine Anzahl ausgewählt, die halt die, die sie auswählen, überzeugen, und dann als Argument angeführt.

  3. Was sich viel, viel öfter findet, ist, dass bestimmte Beispiele – die sich dann auch oft für eine Anzahl von Jahren wiederholen – angeführt werden, welche dann als Vorbildhaft gelten. Aus dem Vorhandensein dieser Beispiele wird dann oft abgeleitet, dass dies und das in denen gezeigt worden wäre und deshalb auch für unsere Bibliothek / das Bibliothekswesen im Allgemeinen und so weiter zu gelten hätte. Auch hier würde sich die Frage stellen, wieso gerade diese Beispiele ausgewählt wurden und warum nicht andere; auch warum auf bestimmte Dinge in ihnen geachtet wird und nicht auf andere. Aber grundsätzlich auch hier: Die Beispiele überzeugen offenbar oder es wird vermutet, dass sie andere überzeugen würden.

Man kann sich jetzt Gedanken darum machen, ob das wirklich gut ist; ob es nicht vielleicht besser ginge. Aber erstmal geht es mir darum: Im Bibliothekswesen ist die eigentliche Argumentationsbasis im Allgemeinen sehr schwach. Entscheidungen werden nicht auf der Basis von wirklich überprüftem, nachvollziehbaren, systematisch erworbenen Wissen getroffen, sondern auf Wissen, dass aus anderen Gründen überzeugt. Nicht der Nachweis, dass etwas theoretisch sinnvoll, empirisch abgesichert und so weiter ist, überzeugt – sondern anderes. Positive Bilder, hübsche Aussagen, Behauptungen, die mit der jeweils eigenen Weltsicht übereinstimmen sind wohl alle überzeugender als forschend erworbene Kenntnisse.

Und es funktioniert ja, einigermassen. Die Bibliotheken gehen nicht unter, sie verändern sich, vielleicht werden sie sogar besser. Sie könnten vielleicht, wenn anders gehandelt würde, noch viel besser werden, aber das ist hier nicht der Punkt. Offenbar sind sie eher geprägt von Überzeugungen einzelner. (Und wir wissen auch nicht, wie diese einzelnen zu diesen Überzeugungen gelangen. Es gibt selbstverständlich Kolleginnen und Kollegen, die versuchen, ihre Entscheidungen besser abzusichern. Aber der Tag hat nur so viele Stunden, die Wochen nur so viele Tage, es gibt auch andere Dinge zu tun und der Rest des Bibliothekswesens, mit dem mithalten will, ist vielleicht schneller bei Entscheidungen, weil es eher auf den Alltag fokussiert.) Vielleicht funktioniert dies ja, weil auch andere Teile der Gesellschaft so funktionieren. (Die Klagen, das Politik oft fern jeder wissenschaftlicher Erkenntnis betrieben wird, sind zum Beispiel ja auch Legion.)

So ist aber die Situation.

Wenn jetzt die Frage gestellt wird, ob bestimmte Aussagen wissenschaftlich untermauert wären oder ein Bauchgefühl darstellen würden, dann ist das halt nicht fair. Solange das, was im Bibliothekswesen als positiv und überzeugend gilt, nicht auf der Basis theoretisch und empirisch untermauerter Arbeiten steht, sondern einfach nur überzeugend behauptet wird; solange muss auch das, was nicht so positiv ist, was vielleicht die eigenen Hoffnungen und Erwartungen, die man so an bestimmte Entscheidungen und Projekte hat, hinterfragt, auch auf der Basis von überzeugenden Behauptungen akzeptiert werden. Aber die nächstbeste neue skandinavische Bibliothek ohne intensive Beschäftigung mit ihr und dem Kontext, in dem sie steht, als Vorbild für Entscheidungen anzunehmen, dann aber gleichzeitig die Aussage, dass es eine grosse Unzufriedenheit im Bibliothekswesen über bestimmte Dinge gibt, zu bestreiten, weil das nicht wissenschaftlich untermauert wäre (wie auch?), dass ist weder fair noch sinnvoll. So kommt man nicht über bestehende Probleme hinweg. Vielleicht sollte man beides als Debattenbeiträge, die man selber überprüfen kann, ansehen. Das wäre realistischer.

Exkurs: Warum macht das die Forschung nicht?

Man könnte auch fragen, warum die Forschung nicht mehr Studien durchführt, die überzeugen und mehr Fakten liefert? Das ist aber, bezogen darauf, wie Debatten im Bibliothekswesen geführt und wie Entscheidungen getroffen werden, keine sinnvolle Forderung.

  1. Ich habe jetzt schon mehrfach an unterschiedlichen Stellen betont, dass das Bibliothekswesen die vorliegenden wissenschaftlichen Arbeiten praktisch nicht benutzt. Das gilt für die Forschungen über Bibliotheken und es gilt auch für Studien aus anderen Bereichen, die für Bibliotheken relevant sein könnten (Leseforschung, Soziologie, Literaturwissenschaft, Ethnologie und so weiter). So viele Abschlussarbeiten, die so viele wichtige Fakten erarbeiten, meist ganz praxisnah, stehen zum Beispiel in Bibliotheken und liegen auf den Repositorien von Fachhochschulen und werden nicht in die Entscheidungen einbezogen… Wenn das anders wäre, wäre die Frage nach einer wissenschaftlichen Basis für bestimmte Aussagen vielleicht sinnvoll. Aber solange im Bibliothekswesen die Forschung, die existiert, nicht genutzt wird, ist es auch nicht sinnvoll, nach noch mehr Forschung zu verlangen.

  2. Abgesehen davon kostet Forschung. Und die Forschungspolitik ist heute so, das Hochschulen und Fachhochschulen nicht einfach grundfinanziert werden und dann losforschen können, sondern das Forschung praktisch immer durch Drittmittel finanziert werden muss. Die müssen irgendwoher kommen. Wenn das Bibliothekswesen also Forschung will, muss es diese finanzieren (oder Wegen finden, sie zu finanzieren, zum Beispiel über Stiftungsgelder oder indem sich dafür eingesetzt wird, dass die Hochschulen grundfinanziert werden) – dann kann es auch Forderungen stellen. Oder aber Forschende forschen in ihrer Freizeit auf eigene Kosten, weil sie etwas wissen wollen. Das passiert – und zwar öfter als man vielleicht denkt (ich selber habe zum Beispiel meine 10-Jahre Studie zu Schulbibliotheken in Berlin so durchgeführt und auch meine ganzen bibliotheksgeschichtlichen Lektüren, die ich gerade betreibe, finden in meiner Freizeit statt, nicht in meiner Arbeitszeit). Aber da ist klar, dass dann auch die Forschenden bestimmen, was und wie geforscht wird – es sind ja dann ihre Zeit und ihre Ressourcen.

  3. Und ob Forschung genutzt wird, um Entscheidungen zu treffen – das liegt nicht in der Hand der Forschung. Egal, wie diese durchgeführt, präsentiert, zugänglich gemacht wird: Am Ende müssten die Bibliotheken beziehungsweise das Bibliothekswesen die nutzen, in ihre Arbeit und ihre Entscheidungsprozesse einbeziehen. Das kann nicht die Forschung machen. (Sie könnte dabei unterstützen, aber ich weise auf Punkt (2) zurück: Das müsste finanziert werden und es müssten auch noch andere Dinge gelten, beispielsweise keine Gefälligkeitsgutachten zu fordern.)

Was kann sonst gegen das Bauchgefühl tun?

Ich fände es gut, sich diese Situation einmal einzugestehen: Das Bibliothekswesen ist geprägt von Behauptungen, die überzeugen oder weniger überzeugen. Es funktioniert so auch nicht so schlecht, dass daran Bibliotheken zugrunde gehen würden.

Aber ich hätte auch einen Vorschlag, wie man gegen das „Bauchgefühl” angehen könnte, wenn man damit wirklich ein Problem hat: Selber Aussagen oder Behauptungen überprüfen, die man bezweifelt. Um beim Beispiel von ganz oben zu bleiben: Wenn die Kollegin daran zweifelt, dass es in Bibliotheken eher negative Haltungen zu den tatsächlich durchgeführten „partizipativen Projekten” gibt, könnte Sie einfach selber Personen aus vielleicht 10 Bibliotheken dazu fragen, informell (und vielleicht nicht gerade Personen aus der Leitung). Das kann so schwer nicht sein, man kennt sich im Bibliothekswesen.

Sicherlich, dass ist der Witz: Wenn sie dabei systematisch vorgeht, also wirklich zehn Kolleginnen und Kollegen zu einer Frage, die sie umtreibt, befragt und am Ende daraus ein faires Fazit zieht (also sich beantwortet, ob ich meine Behauptung zu Recht aufgestellt habe oder nicht) – dann wäre das schon ein wenig Forschung. Und wenn man anfinge, ähnliches auch bei Behauptungen, die einer oder einem zusagen, zu unternehmen, würde man fair handeln. Denn: Forschung ist keine Hexerei. Es ist nur ein systematisches Vorgehen bei Erstellen von Wissen, unter anderem beim Beantworten von Fragen.

(Worum es mir aber auch ging, war, mehr auf die kritischen Stimmen, die im Personal von Bibliotheken zu finden sind, zu hören. Sicherlich kann man die schnell als „Meckern” oder „absichtlich Störung”, vor allem als „Leute, die die Entwicklung aufhalten wollen”, um – was weiss ich – „ein einfaches Leben in Bibliotheken zu haben bis zur Rente” diskreditieren. Aber man kann sie auch nutzen, um innezuhalten und darüber nachzudenken, ob sie nicht Reaktionen auf strukturelle Probleme darstellen. Mir scheint oft zweiteres zu stimmen.)

Wird die Welt (um Bibliotheken) komplexer?

In den letzten Monaten ist im Bibliothekswesen immer wieder einmal eine Phrase aufgetaucht, in Gesprächen, Positions- und Planungspapieren, auf Podien: Die Gesellschaft, die Welt würde immer komplexer und unübersichtlicher. Sie sei nicht mehr zu überblicken. Der einzige Weg wäre – so wird mal direkt, mal indirekt gesagt – auf die Nutzerinnen und Nutzer zu hören. (Was dann in Design-Thinking-Workshops und ähnlichen „partizipativen Prozessen” umgesetzt wird.) Im aktuellen Positionspapier des ekz-Fachbeirats steht das direkt:

„Die Bibliothek der Zukunft wird nicht für die Bürger*innen, sondern gemeinsam mit ihnen geschaffen! Diversität und Pluralismus gehören heute zusammen mit der permanenten Informationsexplosion zu unseren Alltagsrealitäten. Das Fazit daraus: Niemand überblickt Wissensbereiche komplett, aber die Weisheit der Vielen kann Bibliotheken als Motor der Gesellschaft ganz weit nach vorn bringen!” [ekz-Fachbeirat: „Positionspapier ‹Fünf Aufgaben für die Bibliothek der Zukunft›”, 2019: 1, https://www.ekz.de/fileadmin/ekz-media/downloads/unternehmen/2019_01Positionspapier_Zukunft_der_Bibliotheken_ekz-Beirat.pdf]

Nun, ich habe etwas dazu zu sagen. Mir scheint das eine gefährliche Argumentation, eine, die nicht nur falsch ist, sondern auch die Bibliotheken schlechter macht, wenn ihr gefolgt wird. Das mag überraschen, weil zum Beispiel dieses Zitat so fortschrittlich klingt und Partizipation einen so guten Ruf hat. Es ist aber, wie ich hier argumentieren werde, eine ideologische Position, die sich aus der theoretischen Grundlage des Neoliberalismus ergibt. Und das hat, wenn ihr gefolgt wird, die gleichen Auswirkungen, wie es der Neoliberalismus im Allgemeinen hat: Die Kapitulation des eigenen Denkens und Planens öffentlicher Institutionen vor angeblichen Kräften, die von aussen „steuern”, und damit auch eine Aufgabe des Kerns dessen, was diese zu öffentlichen – Gesellschaft mitproduzierenden – Einrichtungen macht. Und gleichzeitig eine „Steuerung” dieser Einrichtungen hin zu solchen, welche die vorhandenen Strukturen (vor allem die sozialen Spaltungen) der Gesellschaften verstärken.

Dabei geht es nicht darum, hier gegen progressive Themen, die mit dieser Phrase verbunden werden wie zum Beispiel im zitierten Papier, zu argumentieren (das erwartet wohl niemand von mir): Diversität, offene Gesellschaft, Pluralismus. Alles hübsch. Aber in diesem Zusammenhang sind sie nicht Ziel einer Gesellschaftsveränderung, sondern Blendwerk.

Wir haben mit den Öffentlichen Bibliotheken in Grossbritannien seit „New Labour” schon ein Beispiel dafür, was passiert, wenn mit vorgeblich progressiven Zielen den neoliberalen Ideologemen gefolgt wird: Und es ist nicht schön. (Auch ohne „Brexit” ist der Besuch in Bibliotheken in Grossbritannien in den letzten Jahren ja immer peinlicher geworden, so wie die Gebäude zerfallen, die Bestände veralten, die Menschen in den Bibliotheken immer weniger werden und die Bibliotheken, die noch „laufen”, mit peinlichen Gift-Shops ausgestattet werden.) Es wäre gut, noch einmal innezuhalten und nachzudenken, bevor man sich auch auf diesen Weg begibt.

Um dieses Argument zu machen, werde ich ein Buch referieren, das sich überhaupt nicht mit Bibliotheken, sondern mit Architektur befasst. Das als Vorwarnung. Ich hoffe aber, dass am Ende des Textes klar ist, warum. (Bleiben Sie dabei.)

Neoliberale Architektur

Ich werde auf folgendes Buch zurückgreifen: Douglas Spencer (2016). „The Architecture of Neoliberalism. How contemporary architecture became an instrument of control and compliance.” (London; New York: Bloomsburry). Inhaltlich geht es, wie der Titel angibt, darum, wie neoliberale Ideologeme die aktuelle Architektur geprägt haben. Man könnte erwarten, das es vor allem um hochfliegende Analysen aktueller Bauten gehen würde oder aber um eine (nicht unberechtigte) Polemik gegen die ganzen Sichtbeton-Bauten.

Das ist aber nicht, was das Buch macht. Es ist vielmehr eine sehr klare Darstellung der Entwicklung neoliberaler Ideologeme, des Aufgreifens dieser durch einzelne Architekt*innen und der Gebäude, die so entstandensind. Es ist ein sehr gutes Buch, ich würde es immer weiterempfehlen. Was gezeigt wird, ist, dass (unüberraschend) die Vorstellung davon, wie die Gesellschaft und die Beziehungen zwischen Menschen funktionieren, auch bestimmt, was für Gebäude geplant und gebaut werden – und wie so aktuelle Architektur diese Ideologeme so umsetzt, dass sie faktisch zu weniger Gesellschaft und zu weniger Kontakten zwischen Menschen führen. Es geht also nicht um Ästhetik (obgleich diese ganzen Gebäude wirklich, wirklich, wirklich hässlich sind), es geht um die Gesellschaft und die Verantwortung der Architektur.

Wie gesagt folge ich dem Buch hier, werde dann wieder zu den Bibliotheken kommen.

Hayek: Alles ist zu komplex

Die Geschichte des neoliberalen Denkens ist schon oft erzählt worden: Wie die Grundideen in den späten 1920ern und den 1930ern entwickelt wurden (Popper, Mies, Hayek, Österreichische Schule, Ordoliberalismus), aber erst in den 1970ern im reale Politik umgesetzt wurde, zuerst in Diktaturen (Chile), dann von Konservativen (Reagan, Thatcher), dann von Progressiven (New Labour, SPD unter Schröder). Gerade wegen seiner Verbreitung und weil der Begriff zu einem allumfassenden Schimpfwort geworden ist, ist es aber wichtig, nochmal zu den Anfängen zurückzugehen .

Was sind die Grundideen des Neoliberalismus? Worum ging es? Erstmal ging es um eine „Rettung” des Kapitalismus. Ende der 1920er – Wirtschaftskrise, die Sowjetunion als Vorbild für eine nicht-kapitalistische Gesellschaft, Faschismus als eine ganz andere Alternative in Italien, plus Wirtschaftskrise – galt es nicht als ausgemacht, dass gerade der Kapitalismus die beste Form der Organisation von Gesellschaft und Wirtschaft darstellen würde.1 Überzeugt davon, dass er es doch sei, suchten die Vertreter des Neoliberalismus nach Gründen für seine „Schwäche” und gleichzeitig nach Wegen, zu erklären, wie er doch besser werden könne.

Friedrich von Hayek – auf den Spencer stark eingeht, der aber selbstverständlich nur einer, wenn auch einer der einflussreichsten Vertreter dieser Denkrichtung war – brachte, in Übereinstimmung mit seinen Mitstreitern, einige radikale Thesen vor:

  • Er unterstellt, dass die Gesellschaft so komplex sei, dass sie nicht zu steuern wäre. Jeder Versuch, mittels Planungen oder staatlichen Interventionen oder gross angelegten Programmen die Gesellschaft zu steuern, zu verbessern, sei zum Scheitern verurteilt. Egal, was die Planungen erreichen wollten – und seien es die hehrsten aller Ziele – würde durch Bürokratie und dadurch, dass nicht alles mitgeplant werden können, zu unerwarteten und letztlich negativen Ergebnissen führen. Vor allem würde immer die Freiheit der Menschen eingeschränkt.
  • Freiheit heisst bei Hayek vor allem die Freiheit, selbst zu entscheiden. (Nicht, wie zum Beispiel bei Keynes, die Freiheit von Gefahren, um so besser das eigene Leben gestalten zu können. Mit Isaiah Berlin gesprochen: Freiheit kann sich Hayek nur als „negative Freiheiten” vorstellen, „positive Freiheiten” seien ein Mythos, die immer mit Planung einhergehen würden und deshalb schlechte Ergebnisse hervorbrächten.)
  • Hayek setzt in dieser Argumentation alle zu seiner Zeit existierenden Alternativen zu der von ihm präferierten Formen von Kapitalismus gleich: Faschismus, Sozialismus / Kommunismus, andere Formen staatlicher Intervention, wie sie dann mit dem New Deal in den USA umgesetzt wurden. Das Problem mit all diesen sei, dass sie davon ausgehen würden, das man Gesellschaften planen könnte. (Und ja, mit dieser Argumentation wird es für Hayek dann egal, ob diese Planung aus rassistischem Denken – wie im Faschismus – geschieht oder aus dem Wunsch, eine klassenlose Gesellschaft zu schaffen oder um die Effekte des Kapitalismus abzuschwächen. Das ist ihm alles eines, weil es ihm um die angeblichen Unterschied von Planungen versus Markt geht.)
  • Was ist die richtige Alternative für Hayek (und die ganze neoliberale Schule)? Bekanntlich der Markt. Was in der Gesellschaft – nicht nur von Firmen, sondern von allen Einrichtungen, insbesondere staatlichen – gemacht werden solle, sei, nach Marktprinzipien zu funktionieren: Nach Marktsignalen suchen und auf sie reagieren – was normalerweise über den Preis funktioniert (wir erinnern uns: im Liberalismus und Neoliberalismus ist die Idee bestimmend, dass sich der Preis eines Produktes ergeben würde aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage; er würde solange steigen, solange eine Nachfrage besteht und dann nicht mehr erhöht werden können, weil die Marktsignale – es wird weniger zu einem höheren Preis gekauft – anzeigen, dass das Maximum erreicht sei); aber anderswo, wo dieser Marktsignale nicht über den Preis gegeben werden können, nachgebildet werden müsse. Nur diese Marktsignale seien in der Lage, die nötigen Informationen bereitzustellen, damit die Gesellschaft sich selber steure. Alle andere Formen der Steuerung seien fehlerbehaftet.
  • Aufgabe sei nun, alle Barrieren, diese Marktinformationen zu bilden oder wahrzunehmen sowie alle „Verzerrungen” des Preises abzubauen – weil diese dazu führen, dass die Informationen falsch verstanden würden und damit halt nicht ihre Steuerungsfunktionen haben könnte. Zu diesen Verzerrungen gehören halt auch alle staatlichen Interventionen oder grossflächigen Planungen. (Es ist also folgerichtig, für die Marktteilnehmer die grösstmögliche Freiheit – im Sinne von möglichst wenig Interventionen – zu fordern.)

Spencer zeigt nun, dass diese Idee von Hayek und anderen weitergetrieben wurde. Und hier wird es relevant, denn so werden Ideen davon, wie die Gesellschaft funktionieren würde, über den Bereich des Wirtschaftsmarktes hinaus transportiert. Logischerweise, den wie sollen sich diese Ideen auf den Bereich von Firmen beschränken? Diese Idee zielen ganz auf die Gesellschaft.

  • Wenn nur der Markt – mit seinen Hinweisen, die wahrgenommen werden und verstanden werden müssen – als Steuerungsinstanz gelten darf, dann darf es folgerichtig nur möglichst wenig staatliche Interventionen, Planungen, Eingriffe geben; eigentlich nur solche, welche die Produktion von Signalen aus dem Markt und deren Wahrnehmung stärken.2 Das mag man folgerichtig nennen, aber es geht noch weiter: Jede Form von Kritik, von systematischer Analyse, von Planung, die von anderen Grundsätzen – zum Beispiel, dass es den Menschen besser gehen soll oder das ihr Leben weniger von strukturellen Unterschieden bestimmt sein sollte – ausgeht, wird untersagt. Alles das sei unsinnig, weil es zu falschen Ergebnisse führen würde. Auch jeder andere Anspruch, zum Beispiel moralische Ansprüche oder ästhetische, sei falsch, irregeleitet. Marktsignale wahrnehmen, sie hervorrufen, sie interpretieren und darauf reagieren: Das alles sei möglich. Alles andere nicht. Umgesetzt führt das dazu, dass der gesamte gesellschaftliche Diskurs erstirbt. Man darf keine Kritik äussern (weil das die freie Produktion und Interpretation von Marktsignalen beschränken würde), nicht über Systeme oder systematische Strukturen nachdenken, weil es die gar nicht wirklich geben würde, sondern nur die Eigeninteressen von Individuen, die alle die gleichen Möglichkeiten hätten, sich zu entfalten. Dafür gibt es auch keine moralische Verantwortung – wie sollte die sich auch begründen?
  • Vermittelt wird aber auch ein Gesellschaftsbild, in dem es eigentlich keine Konflikte gibt. Alle Auseinandersetzungen seien nur unterschiedliche Interessen von Menschen, die sich am Besten über Marktprozesse ausgleichen lassen (nicht unbedingt zur Zufriedenheit aller, aber so, dass ein Optimum von Ausgleichen, der in der Gesellschaft möglich sei, erreicht würde – so, wie sich halt der Preis auch als „Optimum” bilden würde, der auch nicht alle befriedigen würde). Alle anderen Wahrnehmungen von Konflikten seien falsch. Alle politischen Bewegungen, die versuchen würden, die Konflikte anders, als durch den Markt zu regeln, seien missgeleitet (und nochmal zur Erinnerung: der grosse Feind sei die Planung; dabei traten damals fast alle politischen Bewegungen mit der Idee der Planung auf). Dieses Gesellschaftsbild hat Konsequenzen: Man stellt sich zum Beispiel vor, dass alle Menschen eigentlich gleichberechtigte Interessen hätten. Wenn man nur die ganzen politischen Ideen entfernen und die Leute miteinander kommunizieren lassen würden, würden sich die Interessen ausgleichen – wobei Kommunikation heisst, Marktsignale zu geben, nicht unbedingt miteinander tiefer zu kommunizieren. (Wenn jemand hier an „willingness to pay-Studien” denkt: genau.)
  • Wie alle anderen Ideologie – und es sollte klar geworden sein, dass der Neoliberalismus eine Ideologie ist, auch wenn er behauptet, das gerade nicht zu sein – versteht sich auch der Neoliberalismus als modern und fortschrittlich. (Das haben selbst die Ideologie gemacht, die als „rückwärtsgewandt” bezeichnet werden. Auch die haben die Vorstellung, dass sie in die richtige, moderne, einzig sinnvolle Richtungen gehen, während die Welt bislang irgendwo in der Geschichte „falsch abgebogen” sei. Der Faschismus in den 1930ern sprach nicht umsonst von „nationaler Revolution” [heute ja immer noch].) So trat schon Hayek auf, so wird auch heute aufgetreten: Neoliberale Grundsätze werden als modern, fortschrittlich bezeichnet, alles andere als fehlgeleitet, unmodern, „verkrustet” diffarmiert. Genauso wie für Hayek Faschismus, Sozialismus / Kommunismus und Staatsintervention eigentlich alle das gleiche waren – weil halt Planung –, genauso wurde im Laufe der Zeit alle anderen Kritiken, Alternativen und so weiter als gleich veraltet und verkrustet bezeichnet. (Und das konnte die Idee von demokratischer Kontrolle der Wirtschaft in Pinochets΄ Chile sein wie auch Naturschutz oder indigene Rechte in den USA in den letzten Jahren oder aber Eingriff in die eigenbestimmte Wahl der sexuellen Identität im heutigen Deutschland – was immer in der jeweiligen Gesellschaft jeweils als Ausdruck als modern gelten kann.) Das ist wichtig festzuhalten: Neoliberale Ideologeme lassen sich offenbar mit den verschiedensten gesellschaftspolitischen Grundhalten verbinden (weil sie ihnen gegenüber grundsätzlich agnositisch sind), solange diese Grundhaltungen nicht die gemeinschaftliche Einforderung von Rechten beinhaltet. Und gleichzeitig können sie immer als modern und neu präsentiert werden.

Der neoliberale Bau

In seinem Buch stellt Spencer diese ideologischen Grundlagen noch ausführlicher dar. Er führt dies dann weiter auf das Feld der Architektur. Das ist ein Feld, in dem immer wieder und immer wieder neu darüber nachgedacht wird, ob und wenn ja, welche moralischen, gesellschaftlichen und anderen Aufgaben die Architektur hat. (Im 100-Jahre-Bauhaus-Jahr sollte das nicht überraschen.) Er zeigt anhand einer ganzen Anzahl von Architekturbüros und Gebäuden, wie diese Büros mit den neoliberalen Ideologemen im Gepäck, jede moralische und gesellschaftliche Verantwortung abgelegt haben. Ergebnis sind dann Gebäude, die das eben geschilderte Denken davon, wie Gesellschaften funktionieren (sollen), umgesetzt haben.

  • Eine ganze Anzahl von Büros hat – mit dem Argument, dass der Markt vorgibt, was gebaut wird, weil nur er die richtigen Signale geben kann – sich den Anforderungen der Auftraggeber gebeugt und dabei gleichzeitig keinen Unterschied mehr zwischen den Auftraggebern gemacht. Beispiel sind hochmoderne Bauten in aktuellen Diktaturen, gebaut von Büros aus der Schweiz oder den USA. Gleichzeitig wird sich den Hauptvoraussetzungen gebeugt, die vorgegeben werden und nicht mehr danach gefragt, wie etwas anders, besser, menschlicher, ästhetischer gestaltet werden kann.
  • Die Idee, dass es eigentlich keine gesellschaftlichen Konflikte gibt, sondern einfach mit Transparenz und Individualisierung alle gezwungen werden müssen, sich als Teilnehmer*innen an einem Markt / Pseudo-Markt zu verhalten, hat dann auch zu Gebäude geführt, die genau das fördern sollen: Alles hell, alles glatt (Sichtbeton und am Rechner geplante Flächen, die keine Einbuchtungen, Ecken, Sichtschranken etc. mehr zulassen, keine Verzierungen), alles in ausdruckslosen Farben, alles Vereinzelnd: So, als müssten die Menschen einfach nur gezwungen werden, sich selber zu präsentieren – dann würden sie schon „Marktsignale” geben, die zu interpretieren wären.
  • Aber selbstverständlich ist das gar nicht der Effekt: Dadurch, dass gesellschaftliche Strukturen ignoriert werden (weil es sie in diesem Denken gar nicht gibt) und dass sich nur noch vorgestellt werden kann, dass Gesellschaft möglichst in offenen Räumen stattfinden muss (weil das Transparenz sei), werden mit diesen Gebäuden gesellschaftliche Strukturen verstärkt: Da, wo es Überwachungsstaaten gibt, wird so die Überwachung stärker; da wo es Demokratien gibt, wird die eigentliche demokratische Gesellschaft unmöglicher gemacht, weil Grundfunktionen der Demokratie – das Menschen sich nach ihren Interessen zusammenfinden, diskutieren und zu gemeinsamen Positionen finden, die sie dann mit Argumenten (und nicht als Marktsignale) verteidigen – in solchen Räumen gar nicht mehr durchgeführt werden kann. Dadurch, dass die Gebäude als hypermodern präsentiert werden wird jede Kritik an Ihnen als unmodern, rückständig gezeichnet. (Immer kann zum Beispiel behauptet werden, die Kritik sei eigentlich nur eine Neuauflage des Bauhauses und damit – 100 Jahre alt – irrelevant veraltet. Damit muss dann auch nicht mehr auf die Kritik eingegangen werden.)
  • Auffällig ist auch, dass in solchen Gebäuden versucht wird, die Komplexität, die ja eigentlich alle Gebäude haben – und die zum Beispiel beim Bauhaus noch Ansporn war, diese durch Multifunktionalität und Planung auch auf kleinem Raum zugänglich zu machen – in slicken Landschaften, die eher einfach ineinanderfliessen und einen „geglätteten Raum” präsentieren, zu verbergen. Das ist nicht selbstverständlich, das diese Gebäude heute so aussehen – die Architekturgeschichte ist voll von Gegenbeispielen.

Neoliberale Bibliothek?

Und jetzt endlich zurück zu den Bibliotheken. Warum denke ich, dass die Darlegungen von Spencer relevant für Bibliotheken sind? Ich hoffe, dass ist ersichtlich geworden: Weil das die gleiche Argumentation ist.

Nochmal zur Erinnerung: Am Anfang bei Hayek (und den restlichen frühen Vertretern des Neoliberalismus) steht die Überzeugung, (a) dass die Welt, die Gesellschaft zu komplex sei, um mit Planungen gesteuert zu werden und (b) das die einzige Möglichkeit, damit umzugehen, wäre, die Gesellschaft sich über Marktprozesse selber steuern zu lassen. Alles andere ergibt sich folgerichtig (und führt zu langweiligen Sichtbetonbauten, wo man sich nur in Cafés setzen kann, die ein*e möglichst transparent von allen Seiten sichtbar werden lassen). Es geht nicht, wie das die Verwendung des Begriffes „Neoliberalismus” als Beleidigung impliziert, darum, dass irgendwer Profit macht. Das ist „nur” ein Nebeneffekt.

Hayeks Vorstellungen im Bibliothekswesen

Mir scheint, das – parallel dazu, wie es sich in der Architektur entwickelt hat – diese Argumentation auf dem Weg ist, sich zum Teil im Bibliothekswesen festzusetzen. Wenn „partizipative Projekte” so begründet werden, dass die Welt zu komplex sei, um sie zu verstehen, und man deshalb – quasi als Produktion von Marktsignalen – nichts anderes tun könnte, als die Nutzer*innen fragen, dann ist das doch die gleiche Argumentation.

Es sind die gleichen Vorstellungen, die auch Hayek antreiben:

  • Die Idee, dass die Welt zu komplex geworden sei.
  • Die Idee, dass die Nutzer*innen – als Marktteilnehmer*innen – die Informationen hätten, wie die Bibliothek zu entwickeln sei. (Und dafür tendenzielle ein Rücknehmen der eigenen Entscheidungsfähigkeiten der Bibliothek – siehe nochmal das Zitat am Anfang dieses Textes.)
  • Der Vorstellung, dass die Gesellschaft eigentlich keine unauflösbaren Interessenskonflikte hat, sondern das man alle Konflikte ausgleichen könnte, indem man die Interessen der Nutzer*innen erfragt (die Marktsignale) und dann austariert: nicht so, dass alle zufrieden sind, aber so, wie es gerade optimal ist. (Und wer hier an die rekursiven Prozesse von Design Thinking-Projekten denkt, dieses Bauen – Testen – Evaluieren – neu Bauen – wieder Testen und so weiter: Genau. Daran denke ich auch.)
  • Dem praktischen Verbot von Kritik (nochmal in den Grundtexten zu Design Thinking nachlesen, da wird Kritik als „Bedenkträgerei” und ähnlich diffamiert und gleichzeitig eingeschränkt, dass man zum Beispiel nicht über Dinge nachdenken darf, die man nicht verändern könne), langfristigen Planungen und Zielen, die ersetzt wurden mit dem Fokus auf angebliche „Bedarfe” und Trends, die man suchen müssen, weil nur sie angeben würden, wohin sich Institutionen (hier die Bibliotheken) entwickeln sollen.
  • Der Anschluss an aktuell vorherrschende Tendenzen in der Gesellschaft, mit dem Gestus, dass jede Kritik, praktisch rückständige Kritik an diesen Tendenzen und damit unmodern sei – als wenn Kritik nicht inhaltlich wäre und auch inhaltlich eingeteilt und verstanden werde müsse. (Das Papier des ekz-Fachbeirats ist da ein sehr gutes Beispiel für: Es wird mit * gegendert, es wird Diversität betont – es wird sich also [viel mehr als man das der ekz vielleicht zutrauen würde] explizit auf die Seite des vernünftigen, progressiven Teils der Gesellschaft gestellt. Aber gleichzeitig kann jetzt jede Kritik an diesem Papier als Kritik an dieser Progressivität interpretiert werden. – Ich hoffe es ist klar, dass ich keine Kritik an dieser Progressivität habe. Dem applaudiere ich. Mein Problem ist, dass damit eine abzulehnende Ideologie kaschiert wird.]

Genauso, wie bei Hayek – dessen Denken ja erschreckende Wirkungen für Millionen von Menschen hatte, ich deute nur nochmal nach Grossbritannien und wie sich die sozialen Spaltungen da verstärken, trotz aller progressiven Terminologien seit New Labour, trotz mehr Sichtbarkeit und Erfolg von Minderheiten, trotz freiem Museumseintritt und so weiter –, ist die Frage ja, ob es überhaupt stimmt, dass (a) die Welt so komplex geworden ist, dass es (b) unmöglich geworden ist, sinnvoll und langfristig zu planen (und damit längerfristige Ziele über das reine „Überleben” der Einrichtungen hinaus zu planen) und (c) ob damit die einzige Möglichkeit nur noch daran besteht, rauszufinden, was die Nutzer*innen wollen und diesen Interessen zu folgen.

Die Antwort ist einfach: Nein, ist sie nicht. Die Welt ist nicht komplexer geworden, schon gar nicht in den letzten Jahren. Und vor allem stimmt es nicht, dass es damit unmöglich geworden sei, sinnvoll zu planen und selber Ziele zu setzen.

Nicht komplexer, sondern anders

Ich hätte eine Reihe von Argumenten dafür, dass die Welt nicht komplexer geworden ist. Das erste stammt nochmal aus einem Buch, das mit dem Bibliothekswesen gar nichts zu tun hat (auch eher zufällig dieses, weil ich es letztes Jahr gelesen habe; es könnte auch ein anderes sein): John Waller (2009). „A Time to Dance A Time to Die. The extraordinary story of the dancing plague of 1518.” (London: Icon Books) Waller berichtet über eine Phänomen aus dem Jahr 1518 in Strasbourg. Eine Frau begann, unkontrolliert und damit ohne aufhören zu können, zu tanzen. Es gab gar keine Musik dazu, sie tanzte einfach auf der Strasse, dann „steckte” sie andere an, die auch begannen, zu tanzen. Das ging über Wochen. Wie viele Menschen diese unkontrollierten Tänze aufführten, ist unklar, aber es geht um mehrere Dutzend, wenn nicht hunderte. Die Stadtverwaltung versuchte, dies unter Kontrolle zu bekommen, spätestens als die Tanzenden begannen, zusammenzubrechen und zum Teil zu sterben (andere brachen zusammen, hörten danach auf zu tanzen). Es gab verschiedene Versuche, vom Zusammensperren der Tanzenden bis hin zum Geleit zu einem Tempel für einen spezifischen Heiligen.

Was Waller in dem Buch darlegt, ist, wie schwierig für uns die damaligen Herangehensweisen, Denkmuster und auch Überlegungen nachzuvollziehen sind. Beispielsweise ist für uns nicht klar ersichtlich, warum gerade dieser Heilige als Wundertäter für dieses Problem ausgewählt wurde – es wurde nirgends dargelegt. Und dennoch gab es eine Logik, wie das Phänomen verstanden wurde und wie versucht wurde, gegen es vorzugehen: es wurde dieser Heilige ausgewählt und allen war so klar, wieso, dass dies nirgends niedergelegt wurde. Die Stadtverwaltung machte Pläne, diskutierte Lösungen, investierte Ressourcen. Was Waller betont und diskutiert – und was in den letzten Jahren immer und immer wieder in der Mediävistik diskutiert wird – ist die Frage, ob und wie wir Menschen aus dem Mittelalter überhaupt verstehen können. Was klar ist, wenn man sich konkret mit dem Mittelalter beschäftigt, ist, dass es nicht einfacher war, das man sich damals nicht weniger Gedanken gemacht hat und so weiter. Das Denken, die Handlungen und die Gesellschaften der damaligen Zeiten waren nicht einfacher. Sie waren anders. Dinge, die für uns heute oft irrelevant sind – welche Heiligen gibt es, was tun sie, wie sind sie auf Probleme zu beziehen, was ist mit unserem Seelenheil – waren damals relevant, relevant und komplex. Dafür sind andere Dinge heute für uns komplex.

Es gibt radikale Positionen in der Mediävistik, die behaupten, wir könnten die Gedankenwelt des Mittelalters gar nicht mehr nachvollziehen (oder, erweitert, irgendeines anderen Zeitalters oder einer anderen Kultur) und weniger radikale, die uns doch die Möglichkeit dazu zusprechen. Aber so oder so: Es ist heute klar, dass die Welt des Mittelalters nicht weniger komplex war. Die Menschen machten sich andere Gedanken und hatten bei anderen Problemen das Gefühl, den Entscheidungen anderer… well: Kräfte ausgeliefert zu sein, als heute. Aber das waren nicht weniger oder mehr Gedanken als heute. Alles andere ist Projektion aus der Jetztzeit in ein angeblich „einfacheres Zeitalter”.

Das gilt, so mein weiteres Argument, auch für die letzten Jahrzehnte. Die Behauptung, dass die Welt, die Gesellschaft JETZT so komplex geworden sei, dass man sie nicht mehr zu steuern sei, setzt voraus, dass sie es vorher nicht wahr. Aber das geht überhaupt nicht logisch damit einher, dass Hayek das Gleiche schon in den 1930ern behauptet hat. Oder das in den 1970ern Bibliotheken vor der „Informationsflut” warnten, die sich nicht mehr bewältigen würden. Oder das Bibliotheken in den 1990ern behaupteten, mit dem Internet sei die Welt zu unübersichtlich geworden, um sie zu ordnen und zu steuern. Und so weiter. Seit Jahrzehnten wird behauptet, jetzt sei die Welt zu komplex, vorher sei sie es nicht gewesen: Aber das wird nie nachgewiesen, es wird einfach im Vorbeigehen auf die jeweils aktuelle Informationstechnologie verwiesen. Meine Gegenthese: Die Welt ist nicht komplexer, sie ist „nur” anders geworden (in einigen Bereichen besser, in anderen schlechter). Wir Menschen sind alle noch mit den gleichen Möglichkeiten in der Welt, wie die Menschen vor 100 Jahren, wir haben Tools dazubekommen, aber die können wir alle bedienen oder nicht bedienen. Das macht keine neue Komplexität aus, schon gar keine, welche die Gesellschaft mehr oder weniger steuerbar macht, als vorher.

Noch ein Argument: Was Komplex erscheint, ist immer auch eine Wahrnehmungsfrage. Nochmal zum Papier des ekz-Fachbeirats: Dort wird postuliert, durch zunehmende Diversität und Pluralität sei die Welt komplexer. Aber stimmt das? Der Eindruck mag sein, dass man zum Beispiel früher nur von Mann und Frau in heterosexuellen Beziehungen ausgegangen wäre, aber jetzt würde man akzeptieren, dass es nicht einfach nur Mann oder Frau sein kann, sondern das Menschen unterschiedliche Interpretationen ihrer Geschlechtsidentität haben und das gleichzeitig alle möglichen Formen von Beziehungen gelebt werden können [und, um dem ekz-Fachbeirat auf Respekt zu geben, wo er verdient ist: dass das etwas Gutes ist]. Nur: Ist das wirklich komplexer? Ein kurzer Blick in Foucaults‘ „Sexualität und Wahrheit” zeigt ja, dass auch „in einfacheren Zeiten” ständig Arbeit daran geleistet werden musste, die beiden Geschlechter „herzustellen”, zu leben und gleichzeitig alle anderen möglichen Lebensformen zu erfassen, zu definieren und „abzugrenzen”. Ist es nicht eher so, dass sich diese diskursive Arbeit einfach verschoben hat? Anstatt ständig sich und anderen versichern zu müssen, wer oder was in das eine oder andere Geschlecht hineingehört oder wer gerade bezogen auf sein / ihr Geschlecht etwas „falsch” macht und Angst zu haben, dass diese Binarität irgendwie aufbricht (zum Beispiel durch nicht-heterosexuelle Beziehungen oder Menschen, die sich nicht in das Geschlechterschema pressen liessen), setzt sich heute [zumindest beim vernünftigen, progressiven Teil der Gesellschaft] die Haltung durch, dass alle diese Identitäten und Beziehungsformen okay sind. Man kann vielleicht heute mehr Erfahrungen machen, aber ist es wirklich komplexer und mehr Arbeit? Ich denke, gerade nicht. Dafür ist ja die ganze andere intellektuelle Energie eingesparrt, mit der man die Binaritäten aufrechterhalten wollte. [Was es komplex macht ist doch nicht, dass die Binarität aufgebrochen wird, sondern das daneben noch einen anderen, anti-progressiven Teil der Gesellschaft gibt.]

Und noch ein Argument, diesmal ein persönliches: Ich lebe ja seit einigen Jahren praktisch in drei Städten gleichzeitig: Chur (Kleinstadt), Berlin (Metropole) und Lausanne (Grossstadt). Ich denke, langsam kann ich das Leben in diesen gut miteinander vergleichen. In der allgemeinen Erzählung müsste das Leben in Berlin am komplexesten sein, weil da mehr Menschen, mehr Diversität, mehr Angebote, mehr alles ist, als in Lausanne; und in Lausanne komplexer als in Chur. Das ist aber überhaupt nicht so. In allen drei Städten gibt es zum Beispiel spezifische soziale Erwartungen, die zu erfüllen sind, um nicht als unanständig aufzufallen und andere soziale Regeln, um an gesellschaftlichen Orten zu kommunizieren. Die sind jeweils den Umständen entsprechend angepasst (beispielsweise in Berlin eher die Erwartung, dass man im Café in Ruhe gelassen wird und andere in Ruhe lässt, weil so viele unterschiedliche Menschen miteinander auskommen müssen; während in Chur eher erwartet wird, das man zumindest in kurze Gespräche verwickelt wird, dabei mitmacht und das man eher – aber gerade auch nicht immer, nicht creepy – in Gespräche an anderen Tischen eingreifen kann, weil weniger Menschen sich eher öfter sehen und deshalb eine Beziehung zueinander aufbauen sollten). Diese Regeln sind anders, aber nicht mehr komplex in Berlin oder weniger komplex in Chur. Komplexität erklärt nicht den Unterschied zwischen ihnen.

Der Markt ist nicht die Lösung

Wenn jetzt aber das Argument gar nicht stimmt, dass die Welt immer komplexer würde und gerade jetzt „zu komplex” sei – dann stimmen auch die Reaktionen darauf nicht. Die Idee, die Interaktionen zwischen Bibliothek und Nutzenden dem Markt nachzugestalten, ist gar keine Lösung für dieses Problem, weil es das Problem gar nicht gibt. Und damit werden auch die Konsequenzen – dass man aufhört, zu planen, zu kritisieren, nachzudenken, Gesellschaft zu ermöglichen – unnötig. Genauer: Man kann daran gehen, zu fragen, ob es nicht sogar – das ist jetzt vielleicht ironisch – ungewollte Effekte gibt, wenn man diese These von der „zu grossen Komplexität” akzeptiert.

Ich würde sagen, dass es diese Effekte gibt und sie sehr schlecht sind.

  • Ersteinmal ist die Verengung des Begriffes „Partizipation” auf „lass die Nutzenden sagen, was sie wollen” gefährlich, weil es die tatsächlichen demokratischen Potentiale von Partizipation einfach wegwischt. Partizipation heisst, Macht über Entscheidungen zu teilen, nicht Macht angeblich abzugeben, aber dann ja doch zu behalten, weil man am Ende doch die Entscheidung trifft. Wirkliche Partizipation heisst auch, zu akzeptieren, dass es unterschiedliche Interessen und das es gesellschaftliche Strukturen gibt – und diese sichtbar zu machen und dann auszuhandeln, nicht in einem allgemeinen „alle dürfen mal was sagen” zu übergehen. Das alles geht nicht, wenn man Partizipation mit „Design Thinking” oder Co-Design-Workshop gleichsetzt: Diese ganzen Verfahren gehen davon aus, dass alle Nutzenden gleich, mit den gleichwertigen Erfahrungen, den gleichwichtigen Zielen und so weiter existieren und auftreten würden – was selbstverständlich in unseren Gesellschaften nicht der Fall ist. Diese ganzen Verfahren, die so tun, als wären die Interessen der Nutzenden auf einem Pseudo-Markt zu verorten (und nicht in einer Gesellschaft) und man müsste nur ein Verfahren, dass ähnlich ausgleichend funktioniert wie die Preisbildung, finden, dann würde man auch deren Interessen austarieren können, entziehen den Bibliotheken diskursiv die Möglichkeit, planen, handeln oder ihr professionelles Wissen einbringen zu können.
  • Zudem gehen diese Verfahren und dieses Denken immer davon aus, dass die Nutzenden besser wüssten, wie die Bibliothek zu entwickeln sei. Aber das stimmt ja nicht, nicht mal theoretisch. Selbst wenn die Welt zu komplex wäre und zu verwirrend, um sie ganz zu erfassen – wären die Nutzenden genauso dieser Welt ausgesetzt wie die Bibliotheken. Nutzende wissen es auch nicht besser. Sie können andere Sichtweisen einbringen, aber sie können den Bibliotheken die Entscheidung nicht abnehmen.
  • Am Gefährlichsten scheint mir aber diese Verbindung von neoliberalen Ideologemen und Progressivität. Genau das schildert Spencer auch in der Architektur: Da werden in China für Weltmeisterschaften Stadien gebaut, in denen die Überwachung (als „Transparenz”) gleich mit eingebaut ist – und das wird dann doch (im Architekturbüro im schweizerischen, demokratischen Basel) als hypermodern und fortschrittlich dargestellt; Kritik daran hingegen als „bedenkträgerisch” und rückständig. Wer sich die Grundlagentexte zum Beispiel zu Design Thinking durchliesst, wird auch auf solche Formulierungen treffen. Auch da wird „erstmal” verboten, Kritik zu äussern, weil das angebliche Kreativität zurückhalten würde (und diese Kritik dann niemals mehr wieder erlaubt). Von solcher angeblichen Modernität sollte man sich nicht aufhalten oder blenden lassen. Selbstverständlich kann und sollte man immer kritisch sein und auch nach Strukturen fragen. Die Grundthese ist falsch, Kritik an ihr ist nicht unmodern. (Und wenn die jeweilige Kritik schon älter ist: (a) Sind die Grundthesen des Neoliberalismus auch schon alt, (b) ist die Kritik deshalb nicht falsch.)

Nein, die Welt ist nicht zu komplex

Und deshalb finde ich es gefährlich, wenn Bibliotheken die Behauptung nachreden, dass die Welt jetzt (gerade jetzt) zu komplex geworden sei. Sie ist nicht zu komplex geworden, sie nur anders geworden. Aber das wird sie immer: Die Welt ist anders als zu der Zeit, als Hayek versuchte, die Kapitalismus zu retten. Sie wurde auch anders, als die „Tanzwut” 1518 in Strasbourg abebbte. Gab es nämlich vorher den ganzen Rhein entlang über einige Jahrhunderte solche Vorfälle, gab es sie nach 1518 nicht mehr – und wenn man Waller folgt, dann vor allem weil sie die Gesellschaft veränderte. Jetzt lockert sich zum Glück endlich dieses enge Zwangskorsett der Geschlechterordnung, das im 19. Jahrhundert so fest gezogen wurde (und vorher, hier nochmal Foucault lesen, auch anders war). Damit wird es anders; besser, weil weniger Menschen leiden und mehr Menschen sinnhafte Beziehungen führen können – aber nicht komplexer. Jetzt gibt es mehr Informationen als vorher, aber auch das macht die Welt nicht komplexer. Das es „zuviele Informationen” gäbe, ist auch eine Jahrzehnte-alte Klage. [Mehr Geschichte würde vielleicht helfen, diese Veränderungen als Veränderungen, nicht als Gefahr wahrzunehmen.]

Die Welt ist für die Bibliotheken nicht komplexer geworden, nur anders. Man kann genauso gut oder schlecht wie vorher Planen, Ziele anstreben, über die Aufgaben der Bibliothek nachdenken. Das sind gute Nachrichten, aber vielleicht für Einige auch schlechtere:

  • Das Argument von der „Komplexität” nimmt den Bibliotheken nicht ihre Verantwortung dafür ab, darüber zu entscheiden, wie sie sich entwickeln sollen oder können. Und auch nicht moralische Verantwortung für diese Entscheidungen. Egal, welche Methoden man einsetzt, um zu den Entscheidungen über die Entwicklung einer Bibliothek zu kommen, es ist immer die Verantwortung der Bibliothek. Es gibt keine unsichtbare Hand des Marktes oder Pseudo-Marktes, die das regelt.
  • Das heisst auch, dass es weiter keinen Grund gibt, sich im ständigen Nachjagen von Trends zu versuchen, dabei zu scheitern und sich dann zu beschweren, dass niemand sagt, wie man die Trends nachverfolgen soll. Folgt man der Argumentation, dass alles, was man machen könnte, wäre, Marktsignalen zu folgen, weil Planungen immer schlechte Ergebnisse haben – dann wäre das vielleicht ein sinnvolles Vorgehen. Die Argumentation stimmt aber nicht, das Bibliotheken das trotzdem tatsächlich die ganze Zeit machen, ist deren Entscheidung. Solch ein Hinterherjagen kann viel Arbeit erzeugen, aber es verhindert offenbar oft, langfristig zu planen und sich darüber klarzuwerden, was man selber will, dass die Bibliothek tut (denn, wie gesagt, die Hoffnung, das auf die Nutzenden abzuschieben, ist nicht mal theoretisch sinnvoll).
  • Ebenso nimmt das den Bibliotheken nicht die Verantwortung dafür, falls sie sich wirklich selber gegenseitig einreden (oder sich einreden lassen), dass die Welt zu komplex würde. Es bleibt ihre Verantwortung nachzuschauen, ob das ein richtiges Argument ist und daraus Konsequenzen zu ziehen (also es zu akzeptieren und denn „Marktkräften” der Interessen der Nutzer*innen zu überlassen oder aber doch tiefer nachzudenken, zu planen und dafür die Verantwortung zu übernehmen).
  • Das heisst übrigens nicht, dass es falsch wäre, darüber nachzudenken, wie man (intern und extern) mehr Partizipation einführen, einüben und umsetzen kann. Aber man sollte einen Grund für diese Partizipation haben (zum Beispiel mehr Blickwinkel einnehmen, Demokratie üben, Verantwortung teilen, Hierarchien abbauen) – und nicht einfach die Generierung von Pseudo-Marktsignalen mit Partizipation verwechseln. Diese Tendenz ist wirklich zurückzuweisen. (Sie fördert, dass man weniger Demokratie übt, weil sie mit kurzen Meinungsäusserungen gleichgesetzt wird und sie entzieht Bibliotheken tatsächliche Potentiale von Beteiligung.)

Es ist bei den Bibliotheken wie in der Architektur: Man kann diesen Weg gehen, sich von „Kräften ausserhalb unseres Verständnisses” treiben lassen und damit eher in die Richtung gehen, gesellschaftliche Entwicklungen zu ignorieren und damit die eh schon vorhandenen Strukturen zu stärken. Oder aber das Argument zurückweisen und schauen, ob man mit Planung und langfristigen Überlegungen die Bibliotheken (und die Welt) doch besser machen kann.

(Das macht dann vielleicht das Planen schwieriger, dafür aber sinnvoller. Ein Beispiel noch: Bei Spencer wird dargestellt, wie diese Überzeugung, dass man eh nicht versteht, wie Gesellschaft funktioniert und das eigentlich nur alle miteinander transparent sein müssen – weil es ja eigentlich keine wirklichen Konflikte gäbe – dazu, dass diese hässlichen, unwirtlichen „Kommunikationsorte” gebaut werden, umgeben von Sichtbeton und in hohen Räumen – wir alle haben das bestimmt schon oft gesehen. Aber Bibliotheken machen das auch, wenn sie glauben, wenn man nur baulich irgendwie die Leute dazu bringt, in „Landschaften” nebeneinander zu sitzen und sich zu sehen, würde damit Kommunikation und Gesellschaft hergestellt – was halt dann doch kaum klappt, weil es soziale Regeln gibt. Diese Reduktion im Denken führt dazu, dass man vielleicht neue Tische und Stühle aufstellt – aber dann doch aufzuhören scheint, darüber nachzudenken, was das bringen soll. Dabei gibt es keinen Grund dafür, aufzuhören nachzudenken. Ausser die ideologischen Grenzen des neoliberalen Denkens. Ohne diese wäre es viel verständlicher, wenn sich Bibliotheken hinsetzen und schauen würden, wie zum Beispiel bei Ihnen um die Ecke im Café Gesellschaft hergestellt oder nicht hergestellt wird – und dann daraus lokale Schlüsse zu ziehen. Aber das ist nicht vorgesehen, wenn man behauptet, alles wäre eh zu komplex, um es zu verstehen.)

 

Die Gesellschaft ist von Menschen gemacht. Jede. Deshalb ist sie auch für Menschen verständlich. Die Behauptung, sie sei zu komplex, mystifiziert das nur. Bibliotheken sollten sich nicht auf diesen Mythos einlassen – das würde sie nur zum Spielball anderer Interessen machen, und im schlimmsten Falle zum eigenen Niedergang beitragen, wie es ja in Grossbritannien passiert ist.

 

Fussnoten

1 Man sollte auch nicht so tun, als wäre die „Chicago School”, in der die meisten dieser Ideen zusammenkamen, die einzige Institution gewesen, die sich mit dieser Frage beschäftigten. Keynes versuchte es zum Beispiel auch, aber mit ganz anderen Grundideen. Neoliberalismus war auch schon am Anfang nicht alternativlos, ist er auch heute nicht.

2 In den 1980ern, als auch Bibliotheken darüber diskutierten, ob sie „Informationsvermittlungsstellen” werden sollten und gleichzeitig mehrere Anbieter versuchten, mit Informationen und Dienstleistungen zu Informationen Geld zu verdienen, wurde von letzteren diese Position vertreten: Der Markt dürfe nicht „verzerrt” werden, indem Bibliotheken kostenfrei Dienstleistungen anbieten – wenn überhaupt (um eine Informationsgerechtigkeit zu erreichen) dürfe die Nachfrageseite gestärkt werden, also Menschen des Geld gegeben werden, um Dienstleistungen einzukaufen. Was man als Versuch verstehen könnte, mehr Profit zumachen; was sich aber auch aus dem neoliberalen Denken ergibt, ohne Profitabsicht: Wenn man davon überzeugt ist, dass nicht Planung, sondern Informationen aus dem Markt die beste Form von Steuerung sind, dann darf das nur auf diese Weise geschehen – Menschen dürfen in den Status von Markteilnehmer*innen gesetzt werden, aber nicht die Wirtschaft anders organisiert werden. Ist das sinnvoll? Nur mit diesem Gedankenhintergrund.

Forderung der Bibliothekspraxis an die Forschung: Leider so nicht zu erfüllen

Noch einmal zur Podiumsdiskussion Öffentliche Bibliotheken in Forschung und Lehre, die am 04.12.2018 in Berlin stattfand. (https://www.ibi.hu-berlin.de/de/aktuelles/termine/paneldiskussion_oeff_bib) Auf dieser erhoben Dr. Ulrike Koop und Maria Schmidt als Vertreterinnen der Praxis (neben Danilo Vetter, der aber – vielleicht weil er sich zu sehr herausfordert fühlte – eher sagte, was er so macht) einige Forderungen an die Forschung, die dann leider untergingen – wie auf Podiumsdiskussionen immer Dinge untergehen. Ich würde aber gerne auf diese Vorschläge antworten, auch weil sie immer wieder einmal geäussert werden.

Ich bleibe grundsätzlich bei meiner These, dass Öffentliche Bibliotheken strukturell nicht darauf eingerichtet sind, Wissen aus der Forschung zu nutzen. Deshalb sind diese Forderungen, auch wenn sie zuerst vielleicht logisch klingen, unerfüllbar. Es gab (und gibt weiterhin) Versuche, sie zu erfüllen; offenbar wird in der Praxis aber nicht wahrgenommen, dass sie immer wieder scheitern. [Darüber nachzudenken, warum, wäre sinnvoll. Das ist der Sinn meiner These. Es mehr oder minder als Aufgabe an die Forschung abzutreten mit dem Hinweis, dass irgendwie „neu‟ und „anders‟ zu machen – wie Danilo Vetter es tat – ist da letzlich nicht hilfreich. Was da als „neu‟ angesehen wird, ist oft nicht neu, sondern es vielleicht oft einfach nicht mehr erinnerlich, aber oft schon mehrfach gescheitert.]

Das sie immer wieder einmal geäussert werden, zeigt aber auch, dass es da gewisse Wünsche und Hoffnungen gibt, die unerfüllt sind – nur, dass ich mehr und mehr der Meinung bin, dass sie bei der Forschung an der falschen Adresse sind.

1. Forschung soll Trends aufzeigen, insbesondere frühzeitig

Frau Schmidt äusserte den Wunsch, dass Forschung den Bibliotheken Trends aufzeigen sollte, auf die sie schnell reagieren können. Sie habe den Eindruck, dass Bibliotheken immer erst einige Jahre zu spät auf Trends reagieren würden.1

Hinter dieser Forderung steht wohl die Vorstellung, dass die Forschung in der Lage sei, Trends zu erkennen und zu benennen. Und gleichzeitig die Vorstellung, dass es in der Gesellschaft (oder Teilbereichen wie der Technik oder den Schulen) Trends gibt, die man erkennen und bedienen müsse. Wenn sie nur früh genug erkannt und benannt würde, würden Bibliotheken darauf reagieren können.

So ist das aber nicht.

  1. Bibliotheken reagieren überhaupt nicht darauf, wenn Trends aufgezeigt werden. Was Bibliotheken machen, ist selber Trends auszuwählen, die sie als relevant ansehen und diesen sie dann in grosser Zahl folgen. Es gibt dann oft einen Diskurs, in denen sich Bibliotheken gegenseitig versichern, dass der jeweilige Trend wichtig sei. Es gibt dann eine grosse Überzeugung innerhalb des Bibliothekswesens, die keine richtigen Überprüfung ausgesetzt werden kann. Das zeigt sich immer wieder in der Geschichte der Öffentlichen Bibliotheken. Diese aktuell breit geteilte Überzeugung, dass es einen gesellschaftlichen Bedarf nach etwas, was Bibliotheken „Dritter Ort‟ nennen, gäbe, ist nur eines davon. Die Überzeugung, dass es eine „Schmutz und Schund‟-Literatur gäbe, die vor allem mit guter Literatur (aus Bibliotheken) zu bekämpfen sei, war eine andere, zu einer anderen Zeit. Wieso sich Bibliotheken wann für einen Trend entscheiden, wann sie ihn wieder fallen lassen — das ist nicht so richtig zu bestimmen (scheint mir, vielleicht verstehe ich das eines Tages noch). Aber es hat nichts damit zu tun, ob diese Trends in der Gesellschaft wirklich existieren oder ob und wann diese Trends den Bibliotheken vorgestellt werden. Es sind Bibliotheken, die die als relevant auswählen. Viele andere Vorschläge / Vorstellungen von Trends werden nicht beachtet.
  2. Bibliotheken reagieren vor allem oft negativ oder zumindest abwiegelnd, wenn darauf hingewiesen werden, dass die Trends, die sie als relevant ansehen, es vielleicht doch nicht sind. Das ist machnmal eine ganz absonderliche Sache. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir auf einem Zürcher Bibliothekstag mal vorstellten, was wir zum „Dritten Ort‟, Stadtentwicklung und so weiter wissen. Das hatten wir aus unserer Forschung an der HTW Chur gezogen. Und das hiess zum Beispiel, dass wir zeigen konnten, dass Bibliothekscafés nicht so funktionieren, wie sich das erhofft wird (aber auch nicht negativ) und das „Dritter Ort‟ in Bibliotheken nicht das heisst, was er bei Ray Oldenburg (der den Begriff geprägt hat) heisst und auch das Bibliotheken mit ihrem Verständnis von „Dritten Ort‟ gar nicht das versuchen zu erreichen, was „Dritte Orte‟ bei Oldenburg erreichen sollten. Die Einzelheiten sind hier egal. Relevant war, dass nachher sowohl die Chefin eines grossen Bibliothekssystems als auch der Vorsitzende eines Bibliotheksverbandes als auch eine Bibliothekarin unbedingt zurückmelden mussten, das sie das nicht so sehen. Die Bibliothekarin fand das noch interessant, weil sie Dinge anders verstanden hatte. Aber die beiden anderen fanden es einfach falsch – nicht, weil sie irgendwelche Fakten hatten, sondern… weil sie es falsch fanden. Es war nicht das, was sie erwarteten. Dabei hatten wir genau das gemacht, was wir sollten: Forschung zu den Trends vorstellen, die Bibliotheken für wichtig ansahen. Wie soll man es sonst machen? Oder: Nach der Podiumsdiskussion in Berlin wurde mir auch vorgeworfen, dass ich für meine Aussage, dass diese Coden mit Robotern in Bibliotheken nicht wirklich funktionieren würde, keine Beweise anbringen hätte – auf einer Podiumsdiskussion, wo niemand die Zeit hat, irgendwelche Beweise anzubringen (und die in einer Bibliothek stattfand, die genügend Literatur zum Thema Coden enthält, wo man die gewünschten „Beweise‟ selber finden könnte – aber das ist noch ein anderes Thema).
  3. Gleichzeitig, wenn man gut fundierte Trends anspricht, auf die Bibliotheken reagieren könnten oder solten, zum Beispiel die zunehmende soziale Spaltung (in einer Stadt wie Berlin auch die Verdrängungen durch steigende Mieten bei stagnierenden Löhnen) oder aber – ein viel besser fundiertes Thema als z.B. Makerspace – Bibliotheraphie, erntet man bestenfalls ein zustimmendes Nicken, dem aber oft nichts weiter folgt.

In Summa: Die Vorstellung, Forschung solle Trends präsentieren, bricht sich einfach an der Realität, dass (a) Bibliotheken sich selber dafür entscheiden, was sie als relevanten Trend auswählen und was sie als Trend nicht akzeptieren und (b) das auf die Hinweise aus der Forschung teilweise sehr negativ reagiert wird. Es ist also – ganz abgesehen davon, dass so ein Trends-zeigen auch irgendwie finanziert werden müsste – eine aktuell unmöglich zu erfüllende Aufgabe.

2. Forschung soll mehr Fakten darüber liefern, was funktioniert und was nicht funktioniert

Frau Schmidt äusserte auch den Wunsch, dass Forschung mehr zeigt, welche Angebote, Veranstaltungen et cetera wie funktionieren. Sie schien unzufrieden damit, dass ständig neue „Best Practice‟-Vorschläge präsentiert würden und dann Bibliotheken versuchen, denen irgendwie zu folgen – und eben nicht auf gesichertem Wissen aufbauen können.

Grundsätzlich verstehe ich diese Frustration. Mir ist diese Begeisterung für Best Practice, neue Vorschläge und diese vielleicht manchmal fehlende Nachdenken darüber, was eigentlich sinnvoll ist oder zumindest wie es funktioniert, auch unverständlich. Aber: Wie gerade gesagt, reagieren Öffentliche Bibliotheken sehr oft gerade nicht positiv darauf, wenn man Veranstaltungen, Angebote und so weiter kritisch untersucht. Sie entscheiden sich für Projekte, kämpfen sie vielleicht über Jahre hinweg gegenüber der jeweiligen Verwaltung durch und wollen sie dann durchziehen. Oder auch: Sie einigen sich darauf, dass XYZ der richtige Trend ist und wollen dann nicht hören, dass dem vielleicht gar nicht so ist. Das ist dann auch irgendwann einmal (als Forscher) deprimierend.

Abgesehen davon – wie auf dem Podium geäussert – dass viele Abschlussarbeiten vorliegen, die eng an der Praxis orientiert gerade genau das machen, was hier gefordert: aktuelle Angebote prüfen – die dann aber von der Praxis auch nicht wahrgenommen werden.

Wie gesagt: Öffentliche Bibliotheken scheinen nicht daraufhin eingerichtet zu sein, auf solches Wissen zu reagieren. (Meine Vermutung ist schon, dass dies so, wie Projekte in Bibliotheken durchgeführt werden, einfach nicht vorgesehen ist.) Insoweit ist auch dieser Wunsch leider nicht einfach zu erfüllen. Beziehungsweise wird er schon oft erfüllt, ohne das dies viel ändert.

[Es ist halt auch so, dass Forschende sehr wohl Auskunft geben können zu Fragen von Bibliotheken – es muss halt oft finanziert werden. Und es darf nicht mit diesem Confirmation Bias gefragt werden, wie man dem ausgewählten Trend XYZ in der Bibliothek folgen kann (weil der halt oft von Bibliotheken ausgewählt wurde, aber nicht aufgrund dessen, weil er einfach umzusetzen wäre – dass müsste man dann auch hören wollen) oder Ding XYZ, dass Bibliotheken ABC hat (oder angeblich hat) auch haben kann – das kann Forschung oft nicht beantworten, weil dieses Ding oft vor allem ein schönes Bild ist, keine Realität; was Bibliotheken aber auch oft nicht hören wollen. Anderes Thema.]

3. Mehr Weiterbildung mit Informationen aus der Forschung, auch der ausländischen

Beide, Dr. Kopp und Frau Schmidt (wenn ich mich richtig erinnere) wünschten sich mehr Informationen über Ergebnisse aus der Forschung. Sowohl Weiterbildungen, in denen nicht einfach nur neue Angebote vorgestellt werden, sondern Ergebnisse aus der Forschung als auch mehr Informationen über Forschung aus anderen Sprachen.

Dazu: Einerseits organisiert nicht die Forschung die Weiterbildungen, sondern andere Anbieter (in der Schweiz zum Beispiel der Bibliotheksverband). Selbst wenn Hochschulen Weiterbildung anbieten, tun sie das eigentlich immer mit Blick darauf, was Bibliotheken wollen. So oft, wie die gefragt werden, was die wollen, sollte es eigentlich schon solche Weiterbildungen geben, wenn so ein Interesse angemeldet würde. Insoweit: Wenn Bibliotheken den Eindruck haben, dass die Weiterbildungen nicht in die richtige Richtung gehen, wäre zu fragen wieso. Wieso organisieren das die Anbieter nicht, wenn es ein Interesse gibt?

Andererseits ist vielleicht schon klar geworden, dass ich auch meine Zweifel habe, ob es dafür wirklich eine grosses Interesse gibt. Vor allem, wenn es über das Vorstellen von Projekten geht, also wenn vor allem Ergebnisse präsentiert werden. Ergebnisse von Forschung sind nun mal (es ist ja Forschung) fast nie nur positiv bestätigend, auch nicht nur negativ, sondern eher realistisch komplex – mir scheint nicht, dass viele Bibliotheken an dieser Komplexität kein Interesse haben, sondern eher an einfacher fassbaren Bildern. [Ich kann mich täuschen. Aber mal als Forschender: Irgendwann hat man auch keinen Bock mehr, sich als unrealistisch oder unwissend oder so beschimpfen zu lassen, nur weil man Forschungsergebnisse präsentiert und lieber Fakten nennt, als hübsche Bilder zu zeichnen. Würde man hübsche Bilder zeichnen wollen, wäre man in der Bibliotheksberatung; würde man Utopien zeichnen, durchsetzen und dafür auch mal angegangen werden wollen, wäre man in der Politik. Aber es gibt ja Gründe, warum man diese beiden Wege nicht eingeschlagen hat.]

Interessant finde ich aber auch, dass es selbstverständlich Versuche dieser Art gab und gibt. In der LIBREAS haben wir (bekanntlich ?) seit einigen Zeit eine eigene Rubrik „Das liest die LIBREAS‟, in der wir nichts anderes machen, als möglichst kurz Fach- und andere Literatur vorzustellen (selbstverständlich nach unseren subjektiven Interessen, aber nach welchen auch sonst – immerhin entsteht die Zeitschrift in unserer Freizeit). Es gab auch das Portal B2I, welches so eine Verbreitung von Wissen anstrebte – vielleicht nicht so, wie es gewünscht war; aber es hätte während der Zeit, in der es bestand (2006-2015) genügend Möglichkeiten gegeben, Veränderungswünsche anzumelden. Stattdessen ging es unter, ohne dass sich Bibliotheken gross dazu geäussert haben. Der Eindruck, der entsteht, ist – obwohl ich das persönliche Interesse der Personen auf dem Podium ernstnehmen möchte – doch schon eher der, als ob die bestehenden Angebote, das Wissen aus der Forschung zur Kenntnis zu nehmen, zumindest vom grossen Teil des Öffentlichen Bibliothekswesens gar nicht genutzt werden. [Kurz Polemik: Herr Vetter würde jetzt vielleicht, wie auf dem Podium sagen, dann müssen man halt neue und andere Wege begehen – aber welche den noch? Das müsste geklärt werden. Herr Hobohm hat aus dem Publikum auf eine Studie dazu verwiesen, wie Bibliotheken überhaupt Fachliteratur wahrnehmen – mit dem Ergebnis „praktisch gar nicht‟. Und andere Anwesende aus Hochschulen, die zu Bibliotheken forschen und ausbilden teilten diese Einschätzung. So etwas, Jahr um Jahr erfahren, hinterlässt dann schon einen Nachgeschmack. Während ich nicht daran zweifle, dass Prof. Koop und Frau Schmidt Interesse an Weiterbildungen über Forschungsergebnisse hätten, zweifle ich doch, ob das für das Öffentliche Bibliothekswesen im Allgemeinen zutrifft. Ich kann mich täuschen – es läge aber an Anbieter von Weiterbildungen, dass auszuprobieren.]

4. Forschung soll die Rolle und Aufgabe von Bibliotheken klären

Eine weitere Forderung von Frau Schmidt war, dass Forschung die Rolle der Bibliotheken in der heutigen Gesellschaft klären sollte, damit diese nicht einfach immer weiter ausprobieren, wie man sich verändern kann, sondern wüssten, worauf sie aufbauen können.

Das muss ich zweimal zurückweisen:

  1. Es sind die Bibliotheken, die diesen Kern bestimmen. Bei meinem ongoing Rechercheprojekt zu der Frage, wie sich der Diskurs über „moderne Bibliotheken‟ in den letzten 150 Jahren verändert hat, scheint mir das immer klarer zu werden: Die Bibliotheken sind es, die sich gegenseitig sagen, was sie gerade als Kern ansehen. Es ist nicht die Gesellschaft oder irgendeine Entwicklung, es ist auch niemand von aussen. Fast alles richtigen Veränderungen im Verständnis der Rolle von Bibliotheken kam aus den Bibliotheken selber. Auf einiges mussten sie reagieren, auf Kriege, sinkenden Etat, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – aber nicht halb so sehr, wie sie das vielleicht selber wahrnehmen. (Schon die Langlebigkeit der Thekenbibliothek über verschiedene Gesellschaftssystem und zwei Weltkriege hinweg sollte dafür ein Beispiel sein.) Bibliotheken fühlen sich vielleicht von aussen getrieben, aber eigentlich sie sind es, die sich treiben oder auch nicht treiben. Das zu zeigen: Dafür kann Forschung gut sein. Aber zu sagen, was „der Kern ist‟, dass kann nicht Forschung machen. Die Aufgabe wäre falsch adressiert.
  2. Die Hauptaufgabe von Öffentlichen Bibliotheken ist weiterhin das Sammeln, Ordnen, Zur-Verfügung-stellen von Literatur, zum Teil auch die Förderung von Literatur. Und der grösste Teil dieser Literatur in gedruckten Medien. Da wäre ein Kern (die Bibliotheksstatistik liefert dafür Daten, aber auch jeder Besuch in einer Öffentlichen Bibliothek), aber das wollen Öffentliche Bibliotheken offenbar nicht hören, vielmehr streiten sie es gerne ab und wehren sich dagegen. Aber was soll Forschung daran ändern? Die Selbstwahrnehmung der Bibliotheken und die Realität der Bibliotheken streben auseinander. Forschung kann das benennen und vielleicht auch fragen, warum das so ist – aber ändern kann sie es nicht. Das wäre vielleicht die Aufgabe von Bibliothekspolitik.

5. Forschung soll – zum Beispiel durch Langzeitstudien – Fakten liefern, die dann als Argumente für Bibliotheken verwendet werden können

Gerade Dr. Koop forderte mehrfach, dass in Langzeitstudien nachgewiesen werden sollte, was Bibliotheken an Leistungen erbringen, welche (positiven) Wirkungen sie haben. Von der Forschung werden sich Fakten gewünscht, die man dann in der politischen und gesellschaftlichen Sphäre nutzen will, um Bibliotheken eine besser Position zu ermöglichen.

Diese Forderung wird nicht selten erhoben, mir scheint da aber ein Missverständnis vorzuliegen: Offenbar wird sich vorgestellt, dass Politik und Gesellschaft rational funktioniert; dass halt die mit den am Besten untermauerten Fakten die sind, die die besten Argumente haben. Dem ist einfach nicht so. Politik funktioniert nicht rational, sondern indem Gesellschaftsentwürfe formuliert werden und dann versucht wird, diese umzusetzen. Man darf sich von dem vorgeblichen Primat ökonomischer Rationalität nicht irritieren lassen: Politik ist ein Machtspiel und eines um die Wahrheit, nicht um das abgesicherste Argument. Gesellschaft verändert sich durch Politik und Diskursverschiebungen.

Wir haben zum Beispiel schon eine ganze Anzahl von Studien, die sich auf das vorgeblich unsere Gesellschaft prägende ökonomische Dispositiv stützen und versuchen, auszurechnen, was „Bibliotheken wert sind‟ (auf dem Bibliotheksportal gibt es sogar den Bibliothekswertrechner); wir haben auch eine ganze Anzahl von Studien, die fragen, wie zum Beispiel Politikerinnen und Politiker Bibliotheken sehen (im Allgemeinen ganz positiv und als wichtig). Was bringt es? Nicht soviel, dass sich Bibliotheken nicht doch ständig als in einer Krise befindlich ansehen.

Forschung kann da nicht einfach noch mehr Daten liefern (man müsste schon sagen, welche es den noch sein wollen – und das müsste die Praxis tun, wenn noch nicht mal der Bibliothekswertrechner ihren Ansprüchen entspricht – und danach fragen, wie es finanziert werden muss [aber über den letzten Punkt herrschte wohl Konsens]).

[Was Forschung tun kann, ist eher diesen Krisendiskurs hinterfragen, aber das ist eine andere Frage.]

Struktur anschauen – Struktur verändern

Wenn ich hier so klinge, als würde ich einfach alle Ansprüche der Praxis abwehren wollen: So ist das nicht. Ich fände es sehr sinnvoll, wenn Praxis und Forschung näher zueinander kommen. (Das ist auch in meiner Arbeit so. Ich suche schon die Nähe zur Praxis, anders geht das heute gar nicht, schon weil man anders gar nicht mehr forschen könnte.) Aber wie ich es am Anfang meiner Statements auf der Podiumsdiskussion sagte: Wir müssen auch mal daraus lernen, dass wir dass alles schon oft angegangen sind. Das Beiheft 102-103 des Bibliotheksdienstes „Bibliothekswissenschaft und öffentliche Bibliothek‟ (1974) und andere Texte aus dieser Zeit enthielen schon fast alle die hier genannten Forderungen. Die Forschung hat versucht darauf zu reagieren. Wie kann es sein, dass wir immer noch am gleichen Punkt stehen?

Nicht, weil nicht genügend versucht wurde, etwas zu ändern, sondern weil es eine Struktur ist. Und nach all meinen Erfahrungen scheint mir klar zu sein, dass die Veränderung dieser Struktur heisst (a) dass diese überhaupt benannt werden muss, (b) dass dann geschaut werden kann, was sich ändern muss (und dabei die Bringschuld nicht einfach auf die Forschung abgeschoben werden kann), (c) dass sich dabei vielleicht zeigt, dass es gar nicht wirklich geht, dass zum Beispiel das Bibliotheken etwas von der Forschung erwarten, was eigentlich sie lösen müssten, weil sie auch das „Problem‟ erst selber produzieren. Und dazu ist es dann auch gut, wenn sich darüber unterhalten wird. (Und, wie ich auch auf dem Podium erwähnte, sinnvoll wäre es, dafür auf die Forschung zum gleichen Thema – wie kommt überhaupt wissenschaftliches Wissen in die Praxis – in der Erziehungswissenschaft, aufzubauen. Man muss ja nicht alles nochmal machen – aber vielleicht denke ich da zu sehr wie ein Wissenschaftler.)

Ich habe nur wirklich kein Interesse (mehr), die gesammelten Erfahrungen mit all den Versuchen der Forschung, auf die Praxis einzugehen, zu ignorieren. Das führt doch nur dazu, dass sie wiederholt werden. Immer und immer und immer und immer wieder. Und wer will das?

 

Fussnote

1 Mir scheint eigentlich, dass Bibliotheken, im Vergleich zu anderen Kultureinrichtungen, recht schnell darin sind, auf bestimmte Trends (die sie als wichtig anerkennen) zu reagieren. Es fiele mir schwer zu sagen, wer da schneller ist. Theater vielleicht, aber Oper, Museen, gar Archive… nein.