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Wie kommt Neues in die Bibliothek? – Buchvorstellung

Ich habe ein neues Buch veröffentlicht. Es ist hier als OA bei E-LIS zu finden: http://eprints.rclis.org/40270/ und hier gedruckt zu bestellen: https://www.epubli.de/shop/buch/Wie-kommt-Neues-in-die-Bibliothek-Karsten-Schuldt-9783752983425/102025

[Update: Die Datei auf E-LIS ist offenbar korrupt. Solange, bis sie ausgetauscht ist hier die „richtige“ Version: Buch_BibliothekenEvidenzBasiertEntwickeln_Neu]

 

Hier möchte ich es gerne kurz vorstellen.

Das Buch ist auf der einen Seite theoretisch, aber auf der anderen Seite gerade doch für die Bibliothekspraxis gedacht. Durch die Theoriebildung wird hier meiner Meinung nach nämlich etwas geklärt, was im Alltag von Bibliotheken sonst wohl oft untergeht.

Es geht darum, wie eigentlich Öffentliche Bibliotheken dazu kommen, etwas als Neu zu akzeptieren – sowohl als neues Thema für Bibliotheken als auch als mögliches neues Angebot oder auch als neues Ziel von Bibliotheken. Das ist nicht so einfach zu erklären, wie man sich das vielleicht denken würde. Ich habe schon mehrfach hier im Blog diskutiert, dass nicht immer von aussen nachzuvollziehen ist, wieso Bibliotheken bestimmte Themen, Behauptungen, Vorbild-Bibliotheken, Angebote besetzen und diskutieren, aber andere nicht. Sicherlich gibt es im Bibliothekswesen einige Behauptungen dazu (zum Beispiel Innovation, Nutzer*innenorientierung, Best Practice), aber die halten einer genaueren Prüfung oft nicht stand: Was als innovativ gilt ist oft nicht wirklich innovativ, zum Beispiel. Andere Themen als die, die allgemein in der bibliothekarischen Literatur diskutiert werden, wären auch immer möglich und sinnvoll.

Es muss, so die Vermutung hinter diesem Buch, andere Gründe dafür geben, wie Bibliotheken entscheiden, was sie als Neu gelten lassen oder gerade nicht gelten lassen. (Selbstverständlich hat das auch mit meiner Arbeit als Bibliothekswissenschaftler zu tun, der ja Bibliotheken helfen soll, sich zu entwickeln. Aber mir geht es im Buch nicht darum, Recht zu haben und den Bibliothek zu erzählen, was sie zu tun haben. Sondern vielmehr darum, zu verstehen, was hier passiert. Wissenschaft als Erkenntnisprozess.) In dem Buch trete ich ein wenig zurück und versuche, diese Struktur zu verstehen.

Hilft das der Praxis: Ich denke ja. Wenn klar wird – was ich hoffe, dass es das im Buch wird – wer Einfluss auf diese Entscheidungen hat, können diese Entscheidungen auch besser strukturiert und klarer gesteuert werden. Es kann wohl auch genutzt werden, um Themen erfolgreicher im Bibliothekswesen zu etablieren, wenn das gewünscht ist.

Grundsätzlich ist das Ergebnis im Buch, dass es die Bibliotheken – nicht das Bibliothekswesen als Ganzes, nicht die Wissenschaft, die Bibliotheksverbände oder andere Expert*innen, sondern eher die einzelnen Bibliotheken – selber sind, welche diese Entscheidungen treffen und ein Thema als neu und relevant bestimmen (oder gerade nicht). Aber auf dem Weg zu diesem Ergebnis hoffe ich, mehr dazu zu zeigen, wie das passiert und damit dann auch, wie man dies besser steuern, planen, durchführen kann. Zudem zeige ich am Ende des Buches, was dieses Ergebnis für die Bibliothekspraxis bedeuten könnte.

Was ich auch hoffe, dass das Buch zeigt, ist, was für Fragen man bearbeiten kann, wenn man etwas aus dem Bibliotheksalltag heraustritt und die Aktivitäten dort zum Gegenstand von Beobachtungen und Überlegungen macht.

Sind Bibliotheken einer der wenigen Orte ohne Konsumzwang – und was soll das eigentlich heissen?

Die Bibliothek ist in vielen Gemeinden der einzige Ort ohne Konsumzwang […]‟ (Bibliosuisse 2020: 7) teilen die schweizerischen Richtlinien für Öffentliche Bibliotheken mit. Damit sind sie nicht alleine, vielmehr hört man diese Aussage so regelmässig von Bibliotheken, auch an ganz unerwarteten Stellen, dass man sie als Standardargument ansehen kann. Ein bisschen, als wäre es Teil der bibliothekarischen Folklore.

Beim vBib20 wurde dies beispielsweise bei einem Vortrag zur Nachhaltigkeit von Bibliotheken erwähnt. Neben diesem Vortrag wurde in einem Pad (anonym) diskutiert und diese Aussage dort kritisiert – worauf jemand anders schrieb, vielleicht betriebsblind zu sein, aber nicht zu wissen, welche Einrichtung sich in diesem Punkt mit Öffentlichen Bibliotheken vergleichen liesse. Ich sah diesem Austausch (der noch weiter ging) zu, überrascht: Hätte man mich gefragt, ich hätte mir nicht vorstellen können, dass jemand diese Aussage über den „Ort ohne Konsumzwang‟ im 21. Jahrhundert mit Ernst vorbringen würde und nicht mit Ironie. Aber selbstverständlich: Sie würde nicht so oft gemacht werden, wenn Kolleg*innen sie nicht auch glauben würden. Ich hätte gesagt, es wird vielleicht in der Hoffnung benutzt, andere (die Politik?, die Öffentlichkeit?) davon zu überzeugen, das Bibliotheken etwas Gutes sind (und ich habe die Aussage auch tatsächlich schon von Politiker*innen gehört), ohne das selber zu glauben. Aber offensichtlich ist das nicht der Fall.

Ich hatte mit dieser Aussage immer Bachschmerzen, die mit den Jahren nur schlimmer geworden sind. In diesem Blogpost würde ich gerne kurz aufdröseln, warum. Vielleicht wird dadurch verständlich, warum die Aussage für mich bestenfalls ironisch klingt.

Ist die Bibliothek wirklich so einzigartig?

Der erste Punkt, der bei dieser Aussage auffällt, ist die Behauptung, dass die Bibliothek mit der angeblichen Konsumfreiheit eine Besonderheit in der Gesellschaft darstellt. Das ist, um es kurz zu sagen, nicht richtig. Nur ein wenig Nachdenken kann andere Einrichtungen anführen, die das auch sind: Parks und Wälder, Jugendclubs, Senior*innenclubs, Spielplätze, staatliche Galerien (und in einigen Ländern auch Museen), Gedenkstätten, freie Badezonen, Wanderwege, Lehrwege, Naturhäuser, viele kleinere Zoos, Märkte und Marktplätze (über die man ja gerade auch wandern kann, ohne etwas kaufen zu wollen), immer mehr Stadt-, Kunst-, Lichtfestivals, Friedhöfe (die ja nicht nur zum Gedenken da sind, sondern auch als interessantes Ausflugsziel – looking at you, Wien).1 Diese Liste wird schnell lang und länger. Und wenn man dann auch noch konkret fragt, was „Konsumzwang‟ genau heisst (also, , um es hier einfach zu machen, ob man wirklich etwas kaufen muss), wächst sie sogar noch mehr. Starbucks betont auch immer und immer wieder, dass man nichts kaufen muss. In Stammkneipen konnte man immer auch so rumhängen, wenn man „dazugehörte‟. Viele Bahnhöfe mögen jetzt zwar umgebaut worden sein, um dort mehr zu konsumieren – aber immer widersetzen sich dem Leute und hängen dort eher rum. Kurz: Nein, die Bibliothek ist nicht so einzigartig darin, dass man dort nichts kaufen muss. So einfach gefasst hat dieses Argument noch nie gestimmt.

Und wenn man es genau nimmt, stimmte es ja auch nie, dass in der Bibliothek kein Geld fliesst. Sicherlich: Ausser der Jahresgebühr (und die nicht überall) muss kein Geld fliessen, um eine Bibliothek zu nutzen. Aber es fliesst trotzdem ständig, beispielsweise für besondere Leistungen. Nicht umsonst haben Bibliotheken Gebührenordnungen. Und seit Bibliotheken Cafés einrichten und sich vorstellen (und es ermöglichen, zum Beispiel indem am Arbeitsplatz getrunken werden darf) das Menschen lange Stunden in ihnen verbringen und sich dann in diesen Cafés versorgen, fliesst noch mehr Geld. Sicherlich: Man darf auch in die Bibliothek ohne das jeweilige Café zu nutzen. Aber genau das darf man im Starbucks auch.

Insoweit ist das Argument faktisch nicht richtig. Aber das muss es noch nicht ganz falsch machen. Nehmen wir an, „ohne Konsumzwang‟ wäre etwas Positives: Dann wäre es ja auch gut, wenn es mehr als eine Einrichtung gibt, wo das gilt. Man sollte dann vielleicht nur nicht mehr davon reden, dass die Bibliothek das als Besonderheit hat.

Was soll das sein, „ohne Konsumzwang‟?

Ein weiteres Problem mit dem Statement ist allerdings, dass nicht so richtig klar ist, was genau damit eigentlich gesagt werden soll. Es wird im Allgemeinen gebracht, als wäre es selbsterklärend und wird also nicht weiter erklärt. Es scheint sehr klar, dass es etwas Positives sein soll. Aber wie genau, dass muss man raten. Vielleicht soll es ja heissen, dass die Bibliothek offen für alle ist, weil sie keinen Eintritt nimmt und weil man niemanden zwingt, etwas zu kaufen? Ich könnte mir vorstellen, dass das oft der Hintergrund dieser Aussage sein soll.

Was spricht im Kapitalismus für Bibliotheken gegen Konsum?

Aber das ist nicht per se logisch: Wir leben im Kapitalismus (egal, ob man jetzt denkt, dass es gut ist das wir das tun), also einer Gesellschaft, in der soziale Beziehungen über Geld vermittelt sind. Sicherlich kann man sagen, dass sollte nicht so sein; Menschen sollten direkte Beziehungen untereinander aufbauen und so weiter. Aber gleichzeitig ist das auch illusorisch, solange man nicht die ganze Gesellschaft verändern will. Die moderne Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Beziehungen oft gut funktionieren über den Tausch von Geld – das ist zum Beispiel einer der Punkte, an dem schon Weber und Marx einer Meinung waren (und beide zeigten auch, dass das erst die Ausweitung der Tauschbeziehungen in der kapitalistischen Gesellschaft, inklusive der Freiheiten, die dadurch trotz allem entstehen, ermöglicht). Bei einem Angebot praktisch zu sagen, dass es nichts kostet, heisst erstmal also noch nichts per se Positives.

Auffällig ist dieser Widerspruch aktuell noch mehr, wenn diese Aussage vom fehlenden Konsumzwang in den gleichen Texten auftaucht, in denen sich auf Ray Oldenburg und sein Konzept des 3. Ortes bezogen wird. Ich weiss, das Konzept wird auch zitiert, ohne Oldenburg gelesen zu haben. Aber er hat in seinem Buch (Oldenburg 1989), aus dem das Konzept stammt, explizit eine gegenteilige Position bezogen. Geld vermittelt bei ihm soziale Beziehungen, deshalb ist die Möglichkeit, für etwas zu bezahlen, inklusiv: Wer Geld gibt, stellt Beziehung zur restlichen Gesellschaft her und nimmt an ihr teil. Deshalb betont er, dass es wichtig sei für „3. Orte‟, dass sie so billig wären, dass alle sie sich leisten können – und gerade nicht umsonst sein sollen. Das englische Pub lobt er, weil man dort für Pennies (naja, irgendwann mal) ein Bier trinken kann, während andere Personen gleichzeitig in anderen Räumen für mehr Geld mit der Familien essen können: Alle haben Zugang, weil alle bezahlen können. Dinge, die man nicht bezahlt, würden diese Integration nicht leisten.

Sicherlich kann man Oldenburg hier widersprechen. Es ist vielleicht (bestimmt sogar) eine rein ökonomische Sichtweise, die ignoriert, dass Menschen auch auf andere Weise integriert werden können, beispielsweise durch die sichtbare Zugehörigkeit zu einem Staat, der – aus Steuern finanziert – Angebote für alle macht (aber das gilt dann wieder für das fünfhunderste Festival of Lights genauso wie für eine Bibliothek). Aber darauf kann man sich so einfach nicht zurückziehen, wenn man schon selber mit dem Begriff „Konsumzwang‟ argumentiert, also die ökonomische Sphäre hereinbringt.

Ist es vielleicht der Zwang, der stört?

„Ohne Konsumzwang‟ könnte auch heissen sollen, dass Bibliotheken nicht das Ziel hätten, Menschen zum Kauf oder zur Annahme von etwas zu verleiten, während andere Einrichtungen – sagen wir einmal Einkaufzentren – dies zum Ziel hätten.

Auch diese Vorstellung lässt sich eigentlich nicht halten. Zum einen haben Bibliotheken selbstverständlich Ziele, die sie aber anders ausdrücken: Literatur vermitteln, Menschen zum Lesen verführen, Informationskompetenz vermitteln. Hierzu werden ja immer wieder Strategien entworfen und Wege gesucht. (Was nicht heisst, dass sie immer erfolgreich sind, aber das gilt ja auch bei Einrichtungen des Konsums – die können ja auch nicht alles verkaufen, was sie sich erhoffen.) Das nicht direkt zu erzwingen, sondern beispielsweise eher anzuregen (so, dass die Menschen das selber wählen zum Beispiel) ist auch nichts spezifisch nicht-kommerzielles. Die gerade – ich gebe zu, für dieses Argument – eingeführten Einkaufszentren agieren auch so. Auch dort werden immer wieder indirekt Dinge ein- und aufgebaut, die nicht direkt zu mehr Konsum führen, aber offenbar indirekt doch mehr Konsum erreichen wollen: Sitzgelegenheiten, Ausstellungen, Foodcorner, die man auch frei nutzen kann (in Grenzen, solange man sich benimmt, aber das gilt für Bibliotheken auch), aktuell auch offenbar gerne Spendenboxen, um soziale Verantwortung zu zeigen (die man glauben kann oder auch nicht). Kein Zwang, sondern eher Nudging – auch das ist nichts spezifisch Besonderes oder Gutes, das nur für Bibliotheken gilt.

Des bibliothèques pour le socialisme / néo-anarchisme ?

Und nicht zuletzt fällt an dem Begriff ja auch auf, dass Bibliotheken ja gerade keine Einrichtungen sind, die irgendwie in Opposition zu der Gesellschaft stehen, in der Beziehungen über Geld vermittelt sind. Sie wollen keine sozialistische Gesellschaft aufbauen oder Verhaltensweisen einer solchen Gesellschaft einprobieren lassen. (Redecker 2018) Überhaupt: „ohne Konsumzwang‟. Was ist das eigentlich für ein Wort? Wer sagt so was im 21. Jahrhundert? Klingt es nicht auch etwas aus der Zeit gefallen?

Es gibt im Francophonen eine gewisse politische Strömung, die aktive Kapitalismuskritik vor allem darin versteht, weniger zu Produzieren, weniger zu Verbrauchen, lokaler zu Handeln. In der Westschweiz gibt die Zeitschrift „Moins!‟ („Weniger!‟, http://www.achetezmoins.ch), die das vertritt. Im Verlag Éditions La Découverte (https://editionsladecouverte.fr) erschienen einige Bücher, die man der Strömung zuordnen kann (aber viele auch nicht, der Verlag hat einen extrem hohen Output). Oder in Grossbritannien eine Anzahl der Autor*innen, die bei PlutoPress (https://www.plutobooks.com) publizieren. Eigentlich viele Personen, die sich irgendwie auf Ivan Illich beziehen. (Im DACH-Raum vielleicht die Zeitschrift graswurzelrevolution, https://www.graswurzel.net/gwr/.) In Ermangelung einer klaren Bezeichnung dieser Strömung nenne ich sie mal „Neo-Anarchismus‟.2 Wenn Personen aus diesem Umfeld „Konsumzwang‟ sagen, dann hat das eine Verbindung zu ihrer Gesellschaftkritik und ihrer politischen Praxis. In der „Moins!‟ werden zum Beispiel kontinuierlich irgendwelche selbstverwalteten Initiativen, Kommunen, Fahrrad-Werkstätten, Bauernhöfe vorgestellt, dies sich irgendwie mit dieser Strömung in Verbindung bringen lassen. Wenn die Leute dort sagen, dass sie „ohne Konsumzwang‟ leben wollen, dann passt das Wort dort. (Ob es funktioniert, das ist eine andere Frage.)

Aber bei Bibliotheken, die ja nicht diesen neo-anarchistischen Kreisen zugehören, klingt das Wort halt auch kontextlos. Die oben zitierten schweizerischen Richtlinien für Öffentliche Bibliotheken führen sonst eher Begriff aus anderen Zusammenhängen an, beispielsweise solche Sätze: „Die Optimierung der Betriebsabläufe und der Angebote steht im Dienst der Kundschaft. Effektives und effizientes Handeln sowie marktorientiertes Denken sind Konstanten der Betriebsführung. Bibliotheken setzen sich Ziele und kontrollieren permanent deren Umsetzung, sie überprüfen periodisch ihre Organisation sowie die Arbeitsabläufe. Mit gezielter Lobbyarbeit stärken sie ein positives Image.‟ (bibliosuisse 2020: 6)3 Das Argument mit dem fehlenden „Konsumzwang‟ ist auch deshalb wenig glaubwürdig, weil es nicht in den sonstigen Diskurs von Bibliotheken über sich selber passt. Es scheint entweder aus einem anderen Kontext oder aus einer anderen Zeit (oder beidem) zu stammen.

Was hiess „ohne Konsumzwang‟ früher?

Mir scheint eine andere Erklärung für dieses Argument viel passender, als die Vermutung, dass Bibliotheken sich in Wirklichkeit hinter der Suche nach Best Cases, Professionalisierung, Bestimmung von Kennzahlen und so weiter nur verstecken, um ihre eigentliche neo-anarchistische Zielsetzung zu verschleiern. Viel überzeugender ist für mich die Vermutung, dass es aus einer anderen Zeit stammt, aber im bibliothekarischen Diskurs kontinuierlich reproduziert wird. (Ich gebe zu, dieses Argument wiederholt sich bei mir mit einige Themen und die folgende Geschichte habe ich jetzt auch schon ein paar mal erzählt.)

Bibliothekarische Polemiken, Ende 19. / Anfang 20. Jahrhundert

Die Geschichte der Einrichtungen, die wir heute als Öffentliche Bibliotheken kennen, beginnt Ende des 19. Jahrhunderts, Pi mal Daumen mit der Industrialisierung beziehungsweise in deren Schlepptau: Als die Städte urbanisiert waren, die Arbeiter*innen als eigene Schicht (oder Klasse) auftraten (sich selbst organisierten, aber gleichzeitig den Rest der Gesellschaft so auch dazu brachten, darüber nachzudenken, wie man auf diese neue Schicht reagieren sollte), als die Alphabetisierung weit genug verbreitet war und die Druckindustrie technisch und organisatorisch in der Lage war, billig Massenauflagen zu produzieren, beginnt die eigentliche Geschichte der Öffentlichen Bibliothek.4

Was wichtig zu erinnern ist, ist Folgendes: Wie die Öffentliche Bibliothek aussehen, was ihre Aufgaben sind und von wem sie getragen werden sollte (finanziell, aber auch politisch) war damals keine ausgemachte Sache. Es gab verschiedene Formen von Bibliotheken, nicht eine Öffentliche Bibliothek. Es gab teils heftige Auseinandersetzungen und Polemiken zwischen Aktiven in diesen unterschiedlichen Bibliotheksformen. Genauso, wie die entstehende moderne Gesellschaft massive Friktionen durchlief, galt dies auch für das Bibliothekswesen. Als wichtige Bibliotheksformen der damaligen Zeit sind zu erwähnen:

  • die Lesehallen (die sich als unpolitische Einrichtungen verstanden, die einen liberale Zugangspolitik pflegten, der Volksbildung – wir kommen gleich dazu – dienen sollten und die forderten, von den Gemeinden finanziert zu werden)
  • die Arbeiterbibliotheken (die der sozialistischen Bewegung – und ihrer Spaltungen – verpflichtet waren, sich als Bildungseinrichtungen für das Proletariat verstanden, die das politischen Ziel einer sozialistischen Gesellschaft hatten und die finanziert wurden von der Bewegung selber, also durch Partei, Gewerkschaften, proletarischen Bildungsvereine (siehe auch: Schuldt 2019))
  • die katholischen Bibliotheken (die vom politisch organisierten Katholizismus getragen wurden, der insbesondere während des „Kulturkampfes‟ Ende des 19. Jahrhunderts entstand – mit der Zentrumspartei im Mittelpunkt, aber tausenden von weiteren Vereinigungen, die um die Kirche herum organisiert waren – um sich gegen den Zugriff des Staates zur Wehr zu setzen, die Mitgliedern der Gemeinden offen standen, die die Ziele des politisch organisierten Katholizismus unterstützten und die von den Kirchgemeinden getragen wurden)
  • Leihbibliotheken, in der Folgezeit (von den anderen Bibliotheken) auch „kommerzielle Leihbibliotheken‟ genannt (Unternehmen, oft mit genau einer Filiale, in denen Bücher und Broschüren verliehen wurden wie später Videos in Videotheken – auf ökonomischer Grundlage, dafür auch durch dieses Geschäft selber finanziert)

Das sind lange nicht alle Formen von Bibliotheken, die es Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts gab, aber die wichtigsten.5 Wichtig ist auch zu erinnern, dass das keine monolithischen Bewegungen waren: Teilweise waren die Grenzen fliessend, oft gab es Auseinandersetzungen innerhalb der einzelnen Bibliotheksformen.6 Für das eigentliche Thema dieses Blogposts, der Frage wo die Aussage, Bibliotheken wären Orte „ohne Konsumzwang‟, herkommt, werde ich mich hier auf die Lesehallen fokussieren. Aber wenn man die Zeit hat, kann man das selbstverständlich noch weiter auffächern.

„Konsumzwang‟ als polemisches Argument

Fast alle diese Bibliotheken grenzten sich voneinander ab, insbesondere die, die sich als Bewegung (oder Teil einer Bewegung) verstanden und dafür auf eigene Medien zurückgreifen konnten. Die Leihbibliotheken sahen sich nicht wirklich als gemeinsame Bewegung (mit Ausnahmen) und äusserten sich praktisch kaum zu den Angriffen auf sie. (Auch wenn es einige Publikationen gab wie „Der Leih-Bibliothekar‟, 1885-1891.) Dafür waren sie verbreitet und existierten entgegen aller Angriffe bis in die 1950er, 1960er Jahre hinein.

Lesehallen hingegen wussten sich zu äussern: In Zeitschriften (eigenen, wie den „Blätter für Volksbibliotheken und Lesehallen‟, 1900-1919 oder den „Eckart: ein deutsches Literaturblatt‟, 1906-1915 oder inhaltlich nahen wie den „Comenius-Blättern für Volkserziehung‟), in Broschüren, Büchern, Eingaben, Artikeln und anderen Formen. Wir wissen also recht viel darüber, was zumindest in den Leitungen der Lesehallen gedacht wurde.

Lesehallen verstanden sich, wie oben gesagt, als unpolitisch. Aber selbstverständlich waren sie das nicht. Unpolitisch im Deutschen und Österreich-Ungarischen Kaiserreich und dann vor allem anschliessend in der Weimarer Republik und der Ersten Österreichischen Republik hiess, eine bestimmte politische Position einzunehmen, die allerdings als über der Politik verstanden wurde: Geteilt wurden hier Vorstellungen von Volk, Gesellschaft, Autorität, Kaiser und später Demokratie, die heute eindeutig rechts einzuordnen wären. Die Vorstellung, dass es eine geistige Elite gäbe, die das Volk führen müsste; dass es Werte gäbe, die in jeder Regierungsform gelten, auch, dass diese Autorität nicht erklärt werden müsse, sondern – wenn man nur richtig schaut – für sich selbst verständlich würde, war Teil dieser Idee des „Unpolitischen‟. Jede Einführung in die Geschichte der Weimarer Republik, der Ersten Republik oder auch der Gesellschaft der beiden Kaiserreiche schildert diese bürgerliche Elite, die sich der Mitarbeit an der Demokratie mindestens verweigert, teilweise auch an ihrer Abschaffung mittat und das immer mit dem Verständnis, grössere Zeitzusammenhänge zu verstehen als „die Massen‟. Sie war einer Form von Romantik verpflichtet, die angeblich fühlend geistige Wahrheiten erkennen würde, die nicht rational zu erfassen wären.

Teil dieses „unpolitisch sein‟ war ein gewisses Verständnis davon, was „Volksbildung‟ heissen sollte – auf das sich die Lesehallen explizit bezogen. Diese wurde als ästhetische Bildung verstanden, in welcher das Volk – hier: die Massen, die nicht zu Elite gehörten, aber auch schon mit genügend Anklängen an das „völkische‟ – die ihm innewohnenden Eigenheiten erkennen und entwickeln sollte und sich damit gegen „Vermassung‟ und andere Charakteristika der Moderne wehren sollten. Das ging schnell vom Individuum über zu angeblich natürlichen Gemeinschaften, die mit „Volksbildung‟ ihr wahres Wesen erkennen lernen würden. Volksbildung hiess ein gefühlsmässig verstandene und vermittelte Ästhetik in Kultur, Literatur und anderen Bereichen zu vermitteln, die immer gegen „Vermassung‟ stehen sollte. Verband man das mit sozialem Anspruch landete man vielleicht bei Arts and Crafts-Bewegung, der Lebensreformbewegung oder den Wiener Werkstätten, aber wohl öfter bei solchen ästhetischen Programmen wie denen im George-Kreis oder solchen Vereinigungen wie den „Vereinigten Prüfungsausschüssen‟, die in ihrer Zeitschrift „Jugendschriften-Warte‟, 1893-1933, auf der Basis solcher ästhetischen Urteile, die vor allem aus sich selbst heraus erklärt wurden, Literatur bewerten und solche, die sie als „Schmutz und Schund‟ bezeichneten bekämpfen wollten.7

Das waren alles vor allem Abwehrbewegungen gegen die Moderne, wie Kaspar Maase (2012) vollkommen richtig gezeigt hat: Die Eliten hatten Angst vor den Massen, die sie eigentlich erst mit der Industrialisierung geschaffen hatten. Einige fühlten sich den Massen überlegen und wollten, dass dies so bliebe. Andere sahen eine neue Gesellschaft herankommen, in denen die Massen sich durchsetzen würden, und wollten die Massen auf dem Weg dorthin erziehen, damit sie eine bessere Gesellschaft einrichten würden. Immer ging es um irrationale Ängste.

Und aus dieser Zeit und diesem Denken stammen die Lesehallen: Der Literatur wurde ein Wert zugeschrieben, weil sie zur Bildung des Volkes da sein sollte. Wie genau das funktionieren sollte, was Volk genau hiess und wie gute und schlechte Literatur aussehen: Das war immer offen für Diskussionen und Interpretationen, gerade weil das alles immer politische Frage sind, auch wenn behauptet wurde, dass sie nicht politisch wären. Eine der Einrichtungen, die für die Lesehallenbewegung als Einrichtung dieser Vermassung galt, weil sie „Massenliteratur‟, „Schund und Schmutz‟ verbreiten würden, waren die „kommerziellen Leihbibliotheken‟.

Das „Problem‟ war immer da: Volksbildungsbewegung, Lesehallen, Verbände von Lehrpersonen und Bibliothekar*innen, auch oft die Politik und Polizei versuchten gegen die „schlechte‟ Massenliteratur vorzugehen – und trotzdem gab es sie immer weiter, wurde sie immer weiter gelesen. Irgendwer musste daran Schuld sein. Heute würden wir sagen, das war halt das, was die Leute lesen wollten. (Und wir würden auch darauf verweisen, dass die ganze Einteilung in Schund und Schmutz auf der einen und guter Literatur auf der anderen Seite immer Unsinn war; vor allem, dass die Literatur, die dabei als schlecht verworfen wurde, viel differenzierter war, als in der Polemiken gegen sie dargestellt.) Aber von den Grundthesen der Volksbildungsbewegung her kann das nicht sein, sondern jemand musste diese Literatur verbreiten, um die Massen zu, well, „Vermassen‟.

Leihbibliotheken wurde vorgeworfen, dass sie aus kommerziellen Interessen Literatur anschaffen und verbreiten würden. Literatur, die „niedere Instinkte ansprechen‟ würde, nicht kunstvoll gestaltet sei, sondern grob. Inhaltlich schlecht: Action, Romanze, Erotik, schnelle Geschichten, die vor allem Sinne reizen, aber nicht zur Ausbildung eines Individuums beitragen würden. Literatur, die schnell weggelesen und Appetit auf noch mehr davon machen würde. Eine Droge, die die Massen dumm halten würde – Schund halt. („Opium für das Volk‟ hätte man in der Lesehalle nicht gesagt, dass Zitat wäre damals zu geladen gewesen – aber ungefähr so war es gemeint.) Dies alles würde sich daraus ergeben, dass die Leihbibliothek eine kommerzielle sei – eine, die immer auf das Geschäft schauen müsste.

Und hier kommen wir dazu, woher die Aussage, Bibliotheken (eigentlich Lesehallen) seien Einrichtungen „ohne Konsumzwang‟, wohl stammt: Aus der Polemik der Lesehallen gegen die „kommerziellen Leihbibliotheken‟. Es war eine Abgrenzung: Leihbibliotheken müssten Geschäfte machen, Lesehallen würden sich der Volksbildung zuwenden. Leihbibliotheken würden Schmutz und Schund verbreiten (müssen), die Lesehalle gerade nicht. Leihbibliotheken würden die „Vermassung‟ vorantreiben, Lesehallen hingegen Volksbildung betreiben. „Ohne Konsumzwang‟ hiess in diesem Zusammenhang nicht, dass individuell in der Bibliothek nichts bezahlten werden müsse, sondern dass sie gegen die als Problem wahrgenommen Entwicklungen der modernen Gesellschaft stehen würde: Konsum als instinkthaftes Handeln der ungebildeten Masse (im Gegensatz zum kulturellen Konsum der Gebildeten).

In diesem Zusammenhang macht das Argument auch mehr Sinn, weil es einen Kontext hat (so, wie es heute im neo-anarchistischen Diskurs einen Kontext hat, wenn auch einen sehr anderen). Man kann diesen Kontext (mit guten Gründen) falsch finden, aber es ist immerhin in gewisser Weise folgerichtig. Es passt von der Sprache auch viel mehr in diese Zeit und diese Denkweise als in die Sprache, die heute von Bibliotheken genutzt wird. Die Aussage war keine grundsätzliche Kritik am Kapitalismus, sondern eine Abwehr von spezifischen Entwicklungen der Moderne – unter anderem dem, dass immer weitere Teile der Bevölkerung ein Surplus an Einkommen hatten, die sie zur Entwicklung einer eigenständigen Kultur einsetzen konnten und das ein Markt für literarische Erzeugnisse (und andere, die Entwicklung des Kinos und die Reaktionen von Bibliotheken darauf sind zum Beispiel nochmal eine eigene Geschichte) entstand, der auf diese Surplus-Einkommen ausgerichtet war, also eher billige Massenprodukte, von denen viele verkauft werden mussten, um einen Gewinn zu produzieren, publizierte als teure Sonderdrucke.

Hat die Geschichte Relevanz?

Eine der Grundfragen bei solchen historischen Herleitungen ist immer, ob diese Geschichte heute eine Relevanz hat: Die Gesellschaft hat sich offensichtlich verändert, die Bibliotheken auch (um nur die auffälligste Veränderung zu unterstreichen: Es gibt jetzt nur noch eine Form Öffentlicher Bibliotheken, nicht mehrere). Und trotzdem wird diese Aussage – aber andere nicht mehr – laufend immer wieder gebracht. Hat sich vielleicht den Inhalt verändert und meint jetzt einfach etwas ganz anderes? Lohnt sich die Suche in der Geschichte dann überhaupt?

Ja, auf jeden Fall. Begriffe, Argumente, Dinge, „die man so daher sagt‟ (gerade die, weil halt ohne grosse Reflexion) schleppen immer die Bedeutung mit, die sich in ihrer Geschichte gebildet hat. Sie haben Bedeutung, weil sie oft ein Denken verlängern, selbst wenn sich die Situation vollkommen geändert hat, aus der dieses Denken stammt, und die aufgerufen werden, auch wenn die, die sie aufrufen, sich nicht darüber im Klaren sind (oder, schlimmer, sich weigern, sich darüber klar zu werden). Das gilt auch für die auf den ersten Blick vielleicht unschuldige Aussage, Bibliotheken seien Orte „ohne Konsumzwang‟. Diese stammt aus einer Zeit, in der sich diejenigen, welche Lesehallen forderten, als Elite verstanden, welche das Recht hätten, „die Massen‟ davon abzuhalten, eine eigene Kultur inklusive einer eigenen Mediennutzung auszuprägen und stattdessen sie auf Ideal zu verpflichten, welches die Eliten für richtig und natürlich ansahen.8 Hat die Aussage diese Geschichte wirklich verloren? Sagt man mit ihm nicht auch weiterhin, die Kultur, die da zum Beispiele Jugendliche beim Cornern im Einkaufszentrum ausprägen oder die Kultur, die in der Stammkneipe entsteht, sei Konsum: Irgendwie falsch, zumindest nicht richtig gut. Nicht verboten, aber auch nicht richtig. Erhebt man die Bibliothek durch das Argument nicht auch weiterhin zu einer Einrichtung, die irgendwie ausserhalb der Gesellschaft steht?

Fazit: Aussagen bedenken

Also: Sollten man die Aussage weiter als Argument verwenden? Nein, sie ist faktisch einfach nicht richtig. Sie ist inhaltlich nicht genügend geklärt, um zu überzeugen. Und sie hat eine Geschichte, die man beenden, nicht verlängern sollte.

Aber das scheint mir gar nicht das Wichtigste zu sein. Interessanter finde ich festzustellen, dass offenbar eine ganze Anzahl von Kolleg*innen immer weiter Argumente und Behauptungen als richtig und sinnvoll ansieht, die ich – und andere – eigentlich immer nur als ironische Aussage verstehen können. Das habe ich beim Nachdenken über dieses Argument gelernt. Warum ist das so? Was finden Kolleg*innen an solchen Aussagen und Argumenten richtig? Ich muss zugeben, dass ich daran immer noch knabbere: Ich hoffe, dass an diesem Beispiel hier sichtbar geworden ist, dass es eigentlich nicht viel Arbeit bedeutet, zu zeigen, dass die Aussage nicht stimmen kann. Das ist mit anderen Argumenten, die oft für Bibliotheken gebracht werden, nicht anders. (Vor nicht zu langer Zeit habe ich das zu dem Argument, Bibliotheken würden „Armut beim Zugang zu Medien ausgleichen‟ auch schon mal diskutiert.) Was aber ist dann ihre Funktion? Verlängern sie veraltete Vorstellungen? Bieten sie Orientierung? Gibt es einfach keine besseren Argumente mehr? Darüber sollten wir alle mehr nachdenken.

Gleichzeitig ist das hier selbstverständlich ein Plädoyer dafür, Begriffe und Argumente nicht einfach zu übernehmen, sondern gerade dann, wenn man sie selber als für sich selbst-erklärend und richtig versteht, stehenzubleiben und erst einmal die Begriffe zu klären: Was sagen sie eigentlich? Sind sie faktisch richtig? Überzeugen sie auch andere? Wo kommen sie her und welche Geschichte schleppen sie mit? Ist man dann immer noch überzeugt, kann man sie wohl verwenden. Aber in vielen Fällen, so bin ich überzeugt, werden sie das dann nicht mehr sein. (Was nur die Argumente, die man dann doch macht, besser machen wird.)

 

 

Literatur

Bibliosuisse (2020). Richtlinien Öffentliche Bibliotheken 2020: Grundlagen und Empfehlungen zu Personal, Infrastruktur, Angeboten und Leistungen, Qualitätsmanagement. Aarau: Bibliosuisse, 2020, https://bibliosuisse.ch/Dokumente/Angebote/Downloads/Richtlinien-Öffentliche-Bibliotheken

Maase, Kaspar (2012). Die Kinder der Massenkultur : Kontroversen um Schmutz und Schund seit dem Kaiserreich. Frankfurt am Main: Campus, 2012

Oldenburg, Ray (1989). The Great Good Place: Cafes, Coffee Shops, Community Centers, Beauty Parlors, General Stores, Bars, Hangouts, and How They Get You Through the Day. New York: Paragon House, 1989

Redecker, Eva von (2018). Praxis und Revolution: Eine Sozialtheorie radikalen Wandels. Frankfurt, New York: Campus, 2018

Schuldt, Karsten (2019). Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In: LIBREAS 35 (2019), http://dx.doi.org/10.18452/20324

Vodosek, Peter (Hg.) (1978). Vorformen der öffentlichen Bibliothek (Beiträge zum Büchereiwesen. Reihe B, Quellen und Texte ; 6). Wiesbaden : Harrassowitz, 1978

 

Fussnoten

1 Der Zufall will es, dass ich das in einem solchen Café auf einem Friedhof schreibe, keine fünf Minuten von so einem Marktplatz und so einem Zoo ohne Eintritt – aber auch keine fünf Minuten von einer Bibliothek – und vielleicht zehn Minuten von der nächsten staatlichen Galerie ohne Eintritt entfernt schreibe. Sicherlich: Inmitten einer Grossstadt, aber so schwer ist es wirklich nicht, solche „Orte ohne Konsumzwang‟ zu finden.

2 Anarchismus als politische Strömung, die eine Gesellschaft die auf gemeinsamen Absprachen und Assoziationen freier Individuen errichten möchte, nicht Anarchismus als „Chaos‟. Ich hoffe, der Unterschied ist bekannt. Man tue mich auch bitte nicht in diese Strömung, nur weil ich sie kenne. Ich habe sie des Arguments wegen ausgesucht, weil sie halt die sind, in der ich einen Begriff wie „kein Konsumzwang‟ heutzutage besser aufgehoben sehe als in Bibliotheken.

3 Auch hier gebe ich gerne zu, dass ich die Richtlinien wegen dieser Argumentes ausgewählt habe. Aber das macht das Argument nicht falsch – in ihnen (auch weil sie so konzis geschrieben sind) zeigt sich der Widerspruch einfach sehr gut.

4 Selbstverständlich gab es Vorformen, siehe Vodosek (1978).

5 Selbstverständlich gab es zum Beispiel auch Bibliotheken, die von evangelischen Gemeinden getragen wurden, aber diese Kirche war nicht Angriffes des Staates ausgesetzt, wie die katholische und entwickelte deshalb auch keine eigene Bewegung (prägte aber Parteien). Und: Das gilt auch nicht für alle Denominationen. Beim Judentum traue ich mir keine übergeifende Aussage zu, aber selbstverständlich unterhielten die jüdisch-sozialistischen Parteien Bibliotheken, mehr oder minder – wie diese Parteien selber mehr oder minder in der Arbeitebwegung – eingebunden waren in die Arbeiterbibliotheken. Zionistische Vereinigungen unterhielten auch Bibliotheken, wie hätte man sonst für die Alija lernen sollen? Für andere Teil des Judentums weiss ich es bislang nicht. Daneben gründeten auch viele Vereinigungen von Angestellten, auch die, die sich nicht als Teil der Arbeiterbewegung verstanden, Bibliotheken für ihre Mitglieder. Es war eine sehr offene Situation für die gesellschaftliche Entwicklung und so auch für Bibliotheken.

6 Die innerhalb der Lesehallen in den 1910ern und 1920ern ist als „Richtungsstreit‟ bekannt; die innerhalb der Arbeiterbewegung folgten der Ausdifferenzierung der Arbeiterbewegung: Welche politische bewusste Anarchistin hätte sich 1912 schon in einer sozialdemokratischen Bibliothek blicken lassen? Welcher Kommunist in einer anarchosyndikalistischen? Eben.

7 Schund sei Literatur, die „inhaltlich wertlos‟ sei, Schmutz sei solche, die sich „mit niederen Themen‟ beschäftigen, was fast immer hiess mit Sex (Gewalt war nicht so negativ angesehen, vor allem nicht in der militarisierten Gesellschaften der beiden Kaiserreiche).

8 Wie ich in Schuldt (2019) auch dargestellt habe, unterschieden sich Arbeiterbibliotheken in diesem Punkt nicht so sehr von Lesehallen, aber mit einer gewichtigen Differenz: Anstatt das Volk von der „Vermassung‟ abhalten zu wollen, bewerteten sie Literatur aus ihrer Aufgabe heraus, eine bessere Gesellschaft einrichten zu helfen.

Ist die Bibliothek ein Ort, der Armut ausgleicht?

Ein Blogpost zu etwas, was mich immer wieder irritiert und, ehrlich gesagt, mehr und mehr auch ärgert.

Letztens hörte ich wieder einmal folgende Argumentation: Bibliotheken würden Menschen in Armut Zugang zu Medien ermöglichen, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Deshalb könne man sagen, dass Bibliotheken gegen Armut helfen.

Dieses Argument wird immer wieder einmal gebracht. Es is falsch. Aber vor allem ist das Bringen dieses Arguments, dass dann auch oft das letzte Wort zum Thema Armut ist, Ausdruck einer meiner Meinung nach problematische Argumentationsstruktur. Einer, die Probleme reproduziert anstatt über sie nachzudenken oder gar anzugehen.

Was hier passiert ist nämlich, dass Bibliotheken als gut, sinnvoll, richtig erklärt werden (zumeist aus dem Bibliothekswesen selber, aber nicht nur) und dann aber die konkreten Verhältnisse gar nicht angeschaut werden. Nutzen den Menschen in Armut die Bibliothek so? Sehen sie die auch so oder anderes? Was denken die über Bibliotheken? Das wird bei dieser Argumentation übergangen.

Vielmehr wird die Reflexion der Realität schon abgebrochen, bevor solche überhaupt Fragen aufkommen oder gar Menschen in Armut sich irgendwie äussern könnten. Das ist einerseits gefährlich, weil das Überzeichnen der Realität nie dazu führt, dass diese Realität weggeht, sondern vielmehr dazu, dass diese immer wieder abgewehrt werden muss. Dazu muss viel intellektuelle Energie aufgebracht werden, um die Realität, die sich dem einfachen Argument nicht unterordnet, abzuwehren, aktiv zu ignorieren oder umzudeuten. Andererseits ist es auch traurig, weil sich so nichts ändert und viele (tatsächlich bestehende) Potentiale vergeben werden.

Struktur und Effekt des Arguments

Dröseln wir das einmal auf. Wie ist diese Struktur (gleich, um sie sichtbarer zu machen, ein wenig vom Thema Armut abstrahiert)?

  1. Es wird ein irgendwie positives Ziel benannt (hier: Bibliotheken sollen Menschen in Armut helfen).

  2. Das Ziel wird nicht als Ziel begriffen, dass man anstreben sollte. Vielmehr wird behauptet, dass dieses schon Realität wäre.

  3. Damit wird auch jede potentielle Diskussion abgeschnitten. Weder wird so ermöglicht, über das Ziel an sich zu diskutieren (hier zum Beispiel nicht: Was könnte die Bibliothek eigentlich für Menschen in Armut bedeuten? Sollte sie vor allem ein Ort sein, der Medienzugang ausgleicht? Oder sollte es andere Ziele geben? Vielmehr wird das Thema „Armut‟ wird sofort auf „Zugang zu Medien‟ eingeengt), noch wird so ermöglicht, diese Aussage irgendwie zu überprüfen. So etabliert man – eigentlich ohne Notwendigkeit – eine gewisse Blindheit für die Realität.

  4. Die von dieser Aussage tatsächlich Betroffenen werden übergangen. Sie werden nicht gefragt, ihnen wird nicht zugehört, es wird noch nicht mal überlegt, wie deren Alltag eigentlich tatsächlich ist. Zudem wird sofort ein bestimmtes Bild von Ihnen vermittelt, dass nicht der Realität entsprechen muss (hier: Menschen in Armut würden den gleichen Zugang zu Medien haben wollen, wie alle anderen auch – was zum Beispiel einfach als gegeben setzt, dass alle Menschen dieses gleiche Ziel hätten).

  5. Das Thema gilt dann meisten mit diesem Argument auch als beendet, was auch heisst, dass das Bild vermittelt wird, das Bibliotheken nichts ändern müssen.

Was sind die Effekte dieser Struktur?

  1. Grundsätzlich schreibt man so nicht nur der Bibliothek eine Wirkung zu, die nicht überprüft wird. Man beendet damit auch Diskussionen um die Entwicklung und Wirkung von Bibliotheken. Ebenso schneidet man Diskussionen über politische Ziele und Aufgaben von Bibliotheken ab.

  2. Man übergeht die Betroffenen.

  3. Man postuliert so nicht nur, dass Veränderung nicht notwendig wäre, sondern in gewisser Weise auch, dass sie nicht möglich wäre. Warum darüber nachdenken, etwas zu verbessern, wenn es schon gut ist?

Es muss einen Grund dafür geben, dass dieses Argument immer und immer wieder reproduziert wird. Ich würde vermuten, dass es eher darum geht, das Bibliotheken sich gegenseitig ihrer eigenen Identität versichern, als das es um Menschen in Armut geht. Aber wenn das so ist: Wozu das? Oder gibt es einen anderen Grund? (Gibt es Menschen, die davon überzeugt werden? Von was?)

Evidenzen gegen das Argument

Es gibt, um zum Thema Armut zurückzukehren, eine ganze Reihe Evidenzen dafür, dass diese Aussagen nicht stimmt (nicht umsonst habe ich ein Buch dazu geschrieben (Schuldt 2017)):

  • Schon der Fakt, dass diese Aussage so oft wiederholt wird, ohne sie zu untermauern, ist ein Hinweis darauf, das ihre Funktion nicht ist, die Realität darzustellen. Vielmehr scheint, als ob sich hier vor allem Bibliotheken untereinander immer wieder gegenseitig ihrer Bedeutung versichern. Wäre es anders, würde wohl schon jemand losgehen und zum Beispiel Testimonials einholen von Menschen in Armut, die genau das sagen, was im Argument gesagt wird. Aber die gibt es praktisch nicht. Genauso wenig, wie in Umfragen von Bibliotheken überhaupt nach sozialer Schicht oder ökonomischen Möglichkeiten von Nutzer*innen gefragt wird – also auch jedesmal versäumt wird, überhaupt Daten zu erheben, um das Argument zu überprüfen.

  • Die paar Untersuchungen, die herangezogen werden können, um zu klären, ob diese Argument überhaupt stimmt, beziehen sich fast alle auf Obdachlose / Menschen ohne festen Wohnsitz und stammen praktisch immer aus anderen Staaten als dem DACH-Raum. Aber sie bieten zumindest einen Hinweis, dass die Situation nicht so eindeutig ist, wie das Argument unterstellt. Lo, He und Yan (2019) zeigten zum Beispiel – für eine andere Fragestellung –, dass Menschen ohne festen Wohnsitz in Shanghai die Öffentliche Bibliothek vor allem nutzen, um „Zeit tot zu schlagen‟, nicht um Medien auszuleihen. Provence et al. (2020) stellten fest, dass für die USA gesagt werden kann, dass Menschen in dieser Lage sich mehr für Informationen interessieren, die sich auf ihre konkrete Situation beziehen lassen – wie sie an Unterstützung gelangen et cetera –, aber das sich ihre Interessen ansonsten mit denen anderer Personen decken. Zhang & Chawner (2018) kritisierten, dass die Stimmen von Menschen in dieser Situation im Bibliothekswesen praktisch nicht gehört werden und befragten deshalb solche in Auckland, Neuseeland. Für diese sind auch nicht der Zugang zu Medien, sondern Regelmässigkeit und Vertrauen wichtig: Sie versuchten, ihr Leben zu strukturieren und einen lebbaren Alltag herzustellen – das ist ihnen wichtig. Wenn die Bibliothek dabei hilft, nutzten sie diese. Tinker Sachs et al. (2018) stellten wieder für die USA fest, dass Menschen ohne festen Wohnsitz nicht nicht lesen, sondern vielmehr recht viel und sehr breit Medien konsumieren, dass ihnen aber gleichzeitig oft nicht bewusst ist, welche Möglichkeiten ihnen zum Beispiel in Bibliotheken offen ständen. So geht das weiter: Das Bild ist nicht per se negativ (es gäbe also wohl viele Potentiale dafür, dass Bibliotheken im Leben von Menschen eine positive Wirkung haben könnten, wenn sie das forcieren), aber es ist lange nicht so eindeutig, wie es das oben genannte Argument unterstellt. Würden Daten zu Menschen in Armut, aber mit festen Wohnsitz – also der viel, viel grösseren Gruppe – zur Verfügung stehen, wäre das Bild wohl noch uneindeutiger.

  • Mit dem Argument wird auch so getan, als bestände das Problem von Menschen in Armut nur darin, zu wenige ökonomische Mittel zu haben, um die gleichen Dinge erwerben zu können, wie andere Menschen. Das ist immer ein unterkomplexes Bild: Weit weniger Mittel als der Durchschnitt zur Verfügung zu haben, ist nur ein Teil von Armut. Vielmehr ist das Leben in ständiger Prekarität und mit ständige Bedrohung des Status quo, dessen Zusammenbruch weitreichende Konsequenzen für das eigene Leben haben kann, etwas, was Armut ausmacht. Es geht nicht um reine materielle Defizite, die man nur irgendwie ausgleichen müsste, damit die Menschen in Armut ein besseres Leben führen können. Insoweit ist selbstverständlich auch nicht davon auszugehen, dass es im Bezug auf Bibliotheken und Medien nur darum gehen würde, materielle Defizite auszugleichen, um dann schon für Menschen in Armut sinnvolle Arbeit zu leisten. (Schuldt 2017) Es ist bestimmt komplexer. (Nicht zuletzt auch, weil ein anderes Ziel für Menschen in Armut oft ist, aus dieser Situation herauszukommen; nicht einfach in der Situation selber verharren zu müssen. Das kommt bei diesem Argument auch nicht vor.)

Das Argument erzeugt eine diskursive Situation, indem es so scheint, als sei das Problem schon recht gut gelöst und man könne zu anderen Fragen übergehen. Aber nehmen wir einfach mal an, Menschen in Armut würden nicht unbedingt (nur) Zugang zu Medien suchen, sondern vor allem eine Institution, auf die sie sich verlassen können – das würde mit dem Argument nicht mal thematisierbar. Die Bibliotheken hören oft mit diesem einem Argument auf, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Menschen in Armut haben so gar keine Möglichkeit, Hinweise dazu, was sie benötigen würden, zu hinterlassen. Alle Ansätze in Bibliotheken sind mit dem Argument auf eine Lösung (Zugang zu Medien) zugeschnürt.

Die Betroffenen können sich nicht äussern, die Bibliotheken fühlen sich gut in ihrem Tun, aber können sich so auch nicht ändern. Und das, obwohl es in so einem Fall noch nicht mal schwer wäre und es, wie gesagt, grosses Potential gäbe: Bibliotheken könnten sehr wohl zu verlässlichen Institutionen werden, die Menschen in Armut nutzen könnten, um ihr Leben besser abzusichern. Schon dadurch, die sie verlässlich da sind und immer die gleichen Angebote haben. Das würde helfen. Man müsste gar nicht viel verändern. Aber (a) Bibliotheken müssten wohl aufhören, sich gegenüber zu behaupten, dass sie in Bezug auf das Thema Armut in gewissem Sinne schon „perfekt‟ sind, (b) sie müssten offen sein, nicht über, sondern mit den Betroffenen zu reden und auch denen vielmehr Lead dabei zu überlassen zu sagen, was sie wichtig finden und wie sie grundsätzlich die Situation wahrnehmen, (c) und ja – sie müssten akzeptieren, dass sie nicht perfekt sind, sondern sich ändern können.

Kann man das besser machen?

Könnte man es anders machen? Ja, klar. Es wäre noch nicht einmal schwer.

  1. Wichtig wäre, dass man aufhört, zu behaupten, das bestimmte politische Ziele (hier, das Menschen in Armut geholfen wird) als schon die bestehende Realität darstellen. Man kann gerne sagen, Bibliotheken sollten Menschen in Armut helfen – aber erstmal sollte man das als Utopie begreifen, als „so sollte es sein‟. Das (a) macht das überhaupt einmal diskutierbar (Sind alle dieser Meinung? Ist das ein von der Profession geteilter Wert?) und (b) schliesst Diskussion nicht sofort ab, sondern eröffnet sie.

  2. Wirklich wichtig ist, den Gestus abzulegen, etwas, was man gerne hätte, als schon gegeben darzustellen – vor allem dann, wenn es einen nicht direkt betrifft. Vielmehr sollte man davon ausgehen, dass es nicht so ist, wie man es gerne hätte und sich zu fragen, wie man es erreichen kann. Versucht man zu verstehen, ob die Situation so ist, wie man sie gerne hätte, ohne gleich darein zu verfallen, sie so, wie sie ist verteidigen zu wollen, lernt man viel mehr über die Realität und kann die Einrichtung Bibliothek auch viel besser verändern. [Ein Vorgehen bei wissenschaftlichen Studien ist bekanntlich, (begründete) Hypothesen aufzustellen und dann zu versuchen, sie zu widerlegen. Schafft man das nicht, gelten sie erstmal als gültig – aber beim Versuch sie zu widerlegen lernt man meisten viel über das Thema. So sollte man auch mit offensichtlichen Wünschen, wie denen, die sich hinter dem genannten Argument zu verbergen scheinen, umgehen.] Das geht am Besten selbstverständlich, wenn man die Perspektive der Bibliothek verlässt und mit denen spricht, die – hier, in diesem Fall, von Armut – betroffen sind.

  3. Wenn man die Situation geklärt hat (also hier: Wenn klar ist, dass die spezifische Bibliothek oder das ganze Bibliothekswesen Menschen in Armut unterstützen sollte UND man weiss, wie die Situation eigentlich ist, vor allem, was Menschen in Armut eigentlich benötigen), kann man überlegen, wie man dazu kommt, dieses Ziel zu erreichen. Es wird dann garantiert ein anderes sein, als das einfache „die Bibliothek substituiert materielle Voraussetzungen beim Zugang zu Medien‟. Aber wichtig ist, dass man nur so überhaupt klärt, ob und was geändert werden müsste. Oder ob die ganze Idee vielleicht nicht hinreichend war / ist.

  4. Relevant dafür wäre auch, den Blick zu ändern: Nicht davon auszugehen, dass die Bibliothek schon an sich gut / perfekt wäre und dann „nur‟ versuchen, dass irgendwie zu verteidigen. Es gibt überhaupt keinen Grund dafür. Nichts ist perfekt.

Eine Frage wäre, ob das alles nur für dieses eine Argument über Armut gilt. Selbstverständlich nicht – es gibt eine ganze Anzahl von Argumenten, die in bibliothekarischen Diskussionen und Selbstdarstellungen immer wieder reproduziert werden und bei denen behauptet wird, dass Bibliotheken bestimmte Dinge erfüllen / sind / tun und die nicht hinterfragt werden: Wenn Behauptungen darüber aufgestellt werden, dass Bibliotheken bestimmte Kompetenzen „vermitteln‟ würden. Wenn postuliert wird, dass die Bibliothek ein offener Raum für alle wäre (und sich dann gefragt wird, warum sich so wenig Menschen, die nicht der Mehrheitsgesellschaft gehören, bewerben würden – als wäre das ein Fehler dieser Menschen). Wenn gesagt wird, dass Bibliotheken „Orte der Begegnung‟ wären (für alle), „Orte der Integration‟ und so weiter. Armut ist als Thema eher zufällig herausgegriffen, weil ich dazu Einiges zu sagen habe. Aber vielmehr irritiert und ärgert mich die Struktur. Ich kann sie mir nur als Arbeit an der bibliothekarischen Identität erklären – aber eine, die die eigentlichen Potentiale von Bibliotheken für eine, well, bessere Gesellschaft verbauen.

Wer behauptet, Bibliotheken wären schon perfekt, verhindert, dass sie sich entwickeln. Wer über Menschen redet, statt mit ihnen, reproduziert oft nur die Strukturen, von denen Menschen betroffen sind. So wird nichts besser.

Literatur

Lo, Patrick ; He, Minying ; Liu, Yan (2019). „Social inclusion and social capital of the Shanghai Library as a community place for self-improvement‟. In: Library Hi Tech 37 (2019) 2: 197–218, https://doi.org/10.1108/LHT-04-2018-0056

Provence, Mary A. ; Wahler, Elizabeth A. ; Helling, John ; Williams, Michael A. (2020). „Self-Reported Psychosocial Needs of Public Library Patrons: Comparisons Based on Housing Status‟. In: Public Library Quarterly (2020) (Latest Articles) https://doi.org/10.1080/01616846.2020.1730738

Karsten, Schuldt (2017). „Armut und Bibliotheken: Anmerkungen zu einer notwendigen Diskussion‟. 2017, http://hdl.handle.net/10760/31084

Tinker Sachs, Gertrude ; McGrail, Ewa ; Lewis Ellison, Tisha ; Dukes, Nicole Denise ; Walsh Zackery, Kathleen (2018). „Literacy scholars coming to know the people in the parks, their literacy practices and support systems‟. In: Critical Inquiry in Language Studies 15 (2018) 1, https://doi.org/10.1080/15427587.2017.1351880

Soll man einfach so zum Status quo ante zurückkehren?

So, Bibliotheken sperren langsam auf. Nicht überall, immer mit Einschränkungen, unterschiedlichen Lösungen und Zeithorizonten (und vielleicht auch nur erstmal, falls „die zweite Welle‟ kommt). Dazu hätte ich mal eine Frage: Ist das Ziel jetzt am Ende des Prozesses alles wieder so zu haben, wie es – sagen wir mal – im Januar 2020 war? Soll neue Normalität heissen vor allem irgendwie die alte Normalität, wenn auch in Schritten, wieder zu erreichen?

Weil, zumindest das was man hört und sieht, wenn man vor allem weiter daheim bleibt und Online arbeitet, scheint darauf hinzudeuten. Das muss nicht heissen, dass es überall so ist. Vieles was in einzelnen Bibliotheken lokal geschieht, gerade internes, sieht man so ja nicht. Aber wenn dieser Eindruck stimmt, würde ich doch etwas einwerfen wollen: Das muss überhaupt nicht das Ziel sein und es wird viel Unzufriedenheit hervorrufen. Es wäre falsch. Ich würde hierbei vor allem, aber nicht nur, vom Personal sprechen.

Was gelernt wurde

Während der Pandemie ist in den letzten Monaten unter anderem in Bibliotheken klar worden, (a) was in den einzelnen Bibliotheken auch anders möglich wäre, (b) was von den Nutzenden als wichtig angesehen und genutzt wird oder nicht, (c) was für Vorstellungen Bibliotheken über sich und ihre Funktion haben und wie sehr sich das mit der Realität (also dem, was wirklich benutzt oder wertgeschätzt wird) deckt, (d) was für interne Strukturen vielleicht gar nicht nötig sind, zumindest aber nicht in der hergebrachten Form. Nur ein paar Punkte:

  • Das ganze Arbeiten Online und vielleicht mit weniger direkter Kontrolle durch ständigen Kontakt in der Bibliothek / im Büro hat gezeigt, wie gut oder schlecht das wirklich funktioniert. Etwas überrascht (weil, zugegeben, ich als Forschender eigentlich schon immer so arbeite) konnte man in den letzten Wochen ja feststellen, dass einige Einrichtungen und Personen jetzt, 2020, erst damit wirlich Erfahrungen sammeln. Und diese Erfahrungen sind selbstverständlich ganz unterschiedlich (das hätten Leute wie ich, die schon so arbeiten, auch sagen können, hätte man mal gefragt). Viele kamen damit nicht gut klar, bei vielen auch wegen dem Betreuungsaufwand, den sie auf einmal zusätzlich hatten. Aber bei vielen auch, weil sie die Organisation auf diese Weise nicht gewohnt waren. Andere kamen gut klar und konnten besser und effektiver, vielleicht auch zufriedener arbeiten. Gleichzeitig wurden viele Annahmen über die Leitung von Bibliotheken und das Management von Personal auf die Probe gestellt. So viele Leitungen und Personen mit Personalverantwortung, welche die Überzeugung hatten, Führung ginge nur über direkten Kontakt in Sitzungen und Gesprächen vor Ort (ansonsten würde niemand arbeiten?) waren jetzt gezwungen, das anders zu organisieren. Bestimmt wieder mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen. Aber mit realen Erfahrungen.

  • Das Personal in vielen Bibliotheken musste und konnte in diesen Wochen die eigene Arbeit anders organisieren als in der Bibliothek / im Büro. Auch hier: Einige werden damit Schwierigkeiten gehabt haben, andere werden gut damit zurecht gekommen sein und eine Anzahl wird so viel besser als sonst gearbeitet haben. Wenn der Eindruck nicht täuscht, haben viele auch selber erlebt (und werden vielleicht in den nächsten Tagen beim vBIB20 noch erleben), das Weiterbildung auch Online gut möglich ist, und wenn es einfach nur die Zeit ist, die man sich nimmt, um einen Vortrag zu schauen, anstatt extra dafür hunderte Kilometer zu fahren und dann da mit Leuten kommunizieren zu müssen. (Das ist ja auch ein Lernprozess.)

  • Es scheint auch so, als wäre das eigentliche Empfinden des Personals – also sowohl die, die in dieser Krise belastet waren, beispielsweise mit mehr Ängsten, depressivem Phasen, Stress, Unsicherheiten als auch denen, die positivere Erfahrungen hatten, beispielsweise freier arbeiten konnten oder konzentrierter – kaum Thema von Diskussionen. Das kann täuschen, es ist schwer in die internen Prozesse der einzelnen Bibliotheken zu schauen. Aber – wie auch in der breiten Öffentlichkeit, wo mehr über die Sorgen vermögender Firmen und Restaurants-Lobbygruppen geredet wurde, als über die Belastungen für Menschen mit wenig Geld oder mehr Ängsten – scheint auch im bibliothekarischen Diskurs vor allem eher über institutionelle Dinge geredet worden zu sein. Das zeigt auch eine gewisse Wertigkeit (die, wie gesagt, vor Ort anders aussehen kann).

  • Viele Bibliotheken, vor allem Öffentliche, gingen in den Anfangswochen dieser Krise davon aus, dass es einen grossen Bedarf daran gäbe, irgendwie Bücher bereitzustellen. Wir haben das alle irgendwo gelesen: Lieferdienste per Post oder direktem Vorbeibringen, Anrufen in der Bibliothek und vor der Bibliothek abholen und alle anderen möglichen Lösungen. Mehr Onleihe, Filmfriend und so weiter sowie die Möglichkeit, sich online einzuschreiben. Es wäre jetzt möglich, mal zu schauen, wie sehr diese These stimmte. Wie waren den die Zahlen? Hat sich der Aufwand gelohnt? Und selbst wenn die Zahlen nicht gut waren (die wenigen, die bislang durchgedrungen sind, klangen nicht überragend; aber das kann ja wieder anderswo anders gewesen sein1), fand es vielleicht die Öffentlichkeit, die Träger und so weiter gut, dass es das Angebot gab? Oder war das eine verkehrte Annahme der Bibliotheken davon, was Nutzende (in dieser Situation) wichtig finden?

Wie immer wird die Antwort nicht einfach Ja oder Nein, Gut oder Schlecht sein. Nicht zum Beispiel: „Ja, ab jetzt nur noch Online arbeiten‟ oder „Nein, nur noch vor Ort‟. Aber was wohl klar sein sollte: Alle haben in dieser Krise Erfahrungen gesammelt (und sammeln sie weiter, auch beim jetzigen „Öffnungsprozess‟; die Krise ist ja noch nicht um). Viele haben erlebt, dass Dinge wirklich nicht so sein müssen, wie sie sind.

Was man tun könnte

Mein Argument wäre: Einfach anstreben, die Bibliothek im, sagen wir mal, Oktober, wieder so zu haben, wie sie im, sagen wir mal, Januar war, wäre ein Fehler. Das wird Teile des Personals (und damit meine ich auch Leitungen selber) und vielleicht auch der Öffentlichkeit enttäuschen. Menschen haben jetzt nicht einfach als denkbare Möglichkeit, sondern in der Realität, gelernt, dass es anders sein kann. Das heisst nicht, dass alle wollen, dass es so anders bleibt. Aber viele werden sehen wollen, dass ihre Bibliothek aus diesen Erfahrungen lernt. Die einfache, undiskutierte Rückkehr zum Status quo ante wird den Eindruck vermitteln, dass man die Erfahrungen des Personals – gute, schlechte und die dazwischen – nicht relevant findet und nur an der Aufrechterhaltung vorhandenen Strukturen und Prozesse interessiert ist, egal was deren – auch wieder guten, schlechten und dazwischen – Effekte sind. (Das wird Auswirkungen auf die Motivation von Teilen des Personals haben und vielleicht auch dessen Wunsch, sich anderswo um Karrieren umzusehen.)

Was könnten Bibliotheken praktisch tun?

  1. Bibliotheken sollten nicht einfach davon ausgehen, dass alle den Wunsch und das Ziel haben, ungefragt und unbedacht wieder zum Zustand vom Januar 2020 zurückzukehren und die Frage einfach nur wäre, wie und über welchen Zeitraum. Das wäre schlicht eine falsche Annahme. (Ungefähr so, wie wenn die Leitung alleine das Leitbild schreibt und dann davon ausgeht und plant, als wenn das von allen in der Einrichtung geteilt wird.)

  2. Bibliotheken sollten zeitnah einen Prozess aufsetzen, in dem sich alle in der Bibliothek gemeinsam darüber Gedanken machen können, was jetzt eigentlich in der Krise passiert ist, wie sie das erlebt haben, was sie gelernt haben und so weiter. Der Prozess kann ganz unterschiedlich aussehen, wie solche Prozesse in den Bibliotheken halt aussehen: Ein grosses Treffen (online?), ein strukturierter Prozess in mehreren Phasen mit verschiedenen Formen der Rückmeldung. Die Managementliteratur ist voll mit Vorschlägen für solche Abstimmungsprozesse, man kann da einen auswählen. (Bibliotheken, die Prozesse etabliert haben, in dem das Personal sich wirkmächtig – also so, dass auch tatsächlich etwas passiert und ohne Angst haben zu müssen, dass es für sie negative Auswirkungen hat, wenn sie sich äussern – äussern können, sind dabei im Vorteil. Solche, die bislang solche internen Prozesse nicht haben und eher hierarchisch organisiert entscheiden oder bislang dem Personal keinen realen Einfluss auf Entscheidungen gewährt haben, werden damit weiter Probleme haben. Aber das liegt dann gerade an der internen Struktur über die gerade reale Erfahrungen gesammelt wurden.) Verschiebt man diesen Prozess auf irgendwann nach der Krise oder geht ihn gar nicht an, sendet man an das Personal die Nachricht, dass deren Erfahrungen irrelevant sind im Gegensatz zur Aufrechterhaltung des Bestehenden.

  3. Was in einem solchen Prozess geklärt werden sollte, ist nicht nur, welche Erfahrungen die Einzelnen in den letzten Monaten hatten (wobei dabei wichtig wäre zu merken, wie unterschiedliche diese Erfahrungen wohl waren und nicht die Erfahrungen einzelner zum normalen Empfinden stilisiert werden sollten). Es sollte thematisiert werden, was funktioniert hat und was nicht (wobei hier klar sein sollte, dass nicht alles gut funktionieren kann und vor allem die tatsächlichen Anstrengungen wertgeschätzt werden sollten), was an „alten Strukturen‟ und vielleicht auch Denkweisen (oben schon erwähnt die Annahme, Leitung müssen in Sitzungen und Gesprächen vor Ort durchgeführt werden) dem Funktionieren im Weg stand, was an Vorstellungen davon, was die Bibliothek ist und soll, sich bestätigt oder nicht bestätigt hat.

  4. Geklärt werden sollte auch gemeinsam, was das Ziel für die Normalität nach der Krise sein soll. Wie gesagt, gerade scheint mir, dass an vielen Stellen einfach vorausgesetzt wird, dass alle zum Status quo ante zurückkehren wollen würden. Aber: So, wie es Januar 2020 war, war es vielleicht gar nicht bestmöglich. Vielleicht haben sich durch die Erfahrungen der letzten Monate alternative Vorstellungen davon, wie die jeweilige Bibliothek sein soll, wie die internen Strukturen sein sollen, wie die Arbeit sein soll, entwickelt. Vielleicht haben sich Lockerungen ergeben. Vielleicht hat sich erst durch die neuen Erfahrungen gezeigt, wie die Strukturen eigentlich sind. Oder vielleicht wollen wirklich alle in der Bibliothek wieder zum gleichen Stand zurück und die gleichen Angebote machen. Das wäre in einem solchen Prozess zu klären. Aber es einfach vorauszusetzen, hiesse nur, die Erfahrungen des Personals überhaupt nicht ernstzunehmen.

Keine dummen Sprüche

Auch wenn es vielleicht nicht so anfühlt, weil wir vor allem daheim geblieben sind: Für diejenigen von uns, die bislang ihr ganzes Leben im DACH-Raum verbracht haben und nicht etwa aus Bürgerkriegs-/Kriegsgebieten eingewandert sind, war dies (beziehungsweise ist dies weiterhin) die grösste Katastrophe, die wir (bislang) erlebt haben: Die mit der grössten Anzahl Toter und den meisten bleibenden Schäden. (In der Presse ist vor allem von Schäden für die Wirtschaft die Rede, aber nachdem ich den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft erlebt habe, kann ich nur sagen, dass uns das nicht schocken sollte. Wirtschaft jammert immer, redet dabei nicht von den Menschen und erholt sich am Ende zumeist innerhalb kurzer Zeit wieder. Aber die Gesundheitsschäden und die Schäden an der conditio humana, die machen mir Sorgen.) Deswegen finde ich es auch unangebracht, wenn jetzt schon wieder Marketingsprüche von „der Krise als Chance‟ die Runde machen oder leichter Hand irgendwelche Voraussagen dazu gemacht werden, wie „uns‟ die Krise verändert haben wird, wie das in den Kommentarspalten vieler Zeitungen gerade passiert. Vielleicht ist mein moralischer Kompass falsch, aber das ruft bei mir Verachtung hervor. Weder muss man den Ernst der Lage mit motivierenden Sprüchen überdecken, noch muss man mit Tunnelblick eine Entwicklungsrichtung (und wenn es die von „alles soll werden wie vorher‟) vorgeben. Die so vorhergesagten Veränderungen treten eh nie ein. Das will nicht machen, weil ich es auch nicht besser weiss.
Eine Krise ist keine Chance, die man nur nutzen muss, um das durchzusetzen, was man gerne hätte (wie das in der Marketingliteratur gerne vorgeschlagen wird). Sie ist vielmehr immer ein Zeitpunkt, an dem der Status quo, die Annahmen davon, wie etwas ist und wirkt sowie die Strukturen, so wie sie sind, belastet werden. Einige brechen, einige biegen sich, einige halten oder beweisen eine grössere Stärke als angenommen. Das ist jetzt auch in den Bibliotheken passiert. (Ich würde vermuten, dass sich die Vorstellungen, Leute würde sich in Krisen auf Bücher stürzen und in grosser Zahl Liefer- und Onlineangebote nutzen, nicht bestätigt hat, aber das der Willen des Personal zu arbeiten, auch wenn es nicht eng geführt wird, sich als viel stärker bewiesen hat, als viele Leitungen Angst hatten – aber das nur meine Vermutungen.) Diese Belastungsproben jetzt nicht zu nutzen, um zumindest zu schauen, ob man etwas anders machen sollte, würde nur den Eindruck vermitteln – nach innen und nach aussen – dass Bibliotheken gar kein Interesse daran haben, sich zu verändern oder auch nur zu fragen, ob etwas anders sein könnte. Aber das wird, da sich – egal ob Krise oder nicht – immer etwas ändert, nicht funktionieren.
Ich bin mir sicher, dass in vielen Bibliotheken auch jetzt wieder das Argument vorgebracht wird (weil es so oft vorgebracht wird), dass man jetzt gerade keine Zeit hätte, sich damit zu beschäftigen, darüber nachzudenken, ob man zurück zur gleichen Normalität möchte, die es schon mal gab, oder zu einer anderen oder was passiert ist und so weiter. Aber das ist immer ein schlechtes Argument, auch jetzt. Wenn man es jetzt nicht zeitnah angeht, wird man es nie angehen und wohl eher negative Effekte haben, weil das Nicht-Behandeln (wie oben gesagt) sich zumindest auf Teile des Personals negativ auswirken wird. Zudem ist die Verteilung von Ressourcen, also auch der Arbeitszeit, die für interne Prozesse, wie den hier angemahnten, aufgebracht wird oder nicht aufgebracht wird und dafür, was als wichtig wertgeschätzt wird oder nicht, immer eine politische Entscheidung, auch innerhalb einer Bibliothek. Ressourcen wie Zeit nur dafür einzusetzen, ungefragt ein Ziel (den Status qua ante) anzustreben, sagt halt auch etwas über die jeweilige Bibliothek.

[Zumal: Wir sollten auch wenn diese Krise irgendwann durchgestanden ist, nicht davon ausgehen, dass es dann einfach „weitergeht‟. Wir – nicht die Bibliotheken, die Menschen – haben die Erde umgestaltet. Es ist wirklich das Anthropozän. Wir haben dabei Bedingungen für vieles geschaffen, aber eben auch dafür, dass es immer schneller und öfter Epidemien und Pandemien geben wird, neben den ganzen Auswirkungen der Klimakatastrophe, die auch – ich erinnere nur an den warmen April dieses Jahr – auf uns zukommen werden. Es wird mehr solche Krisen geben. Vielleicht werden wir als Gesellschaft auf die nächste Pandemie schneller reagieren. Aber wir sollten nicht davon ausgehen, dass das „Herunterfahren der Gesellschaft‟ in den letzten Monaten etwas einmaliges war. Bibliotheken, aber auch Gesellschaften, die aus dieser Krise lernen, werden besser darauf vorbereitet sein, wenn es wieder soweit kommt. Bibliotheken, aber auch Gesellschaften, die nur den Status quo ante anstreben, werden dann wieder vor den gleichen Problemen stehen.]

 

Fussnoten

1 Es ist aber erstaunlich, wie wenig man von diesen Angeboten, jetzt, wo man sie auswerten könnte, hört. Mag unterschiedliche Gründe haben, aber man könnte erwarten, dass sie pro-aktiv nach aussen dargestellt würden, wenn sie sehr erfolgreich gewesen wären.

Thekenbibliotheken / Pandemie-gerechte Bibliotheken

Thekenbibliotheken – aktuell, wo sich jetzt viele Bibliotheken darauf vorbereiten wieder für das Publikum zu öffnen, unter strengen Hygiene-Regelungen und vor allem für die Ausgabe zuvor bestellter Medien und die Rücknahme derselben, wird immer wieder einmal der Witz gemacht, sie seien jetzt halt wieder Thekenbibliotheken. Solche Witz kann man machen und es ist selbstverständlich auch gut, in der jetzigen Situation einmal zu lachen. Unbenommen.

Aber Thekenbibliotheken sind das selbstverständlich nicht.

Sicherlich: Da ist – in den meisten Bibliotheken – eine Theke, vor die die Nutzer*innen treten werden, dahinter Bibliothekar*innen, die Medien zurücknehmen oder zuvor bestellte Medien aushändigen. So ähnlich war es in den Thekenbibliotheken bis in die 1950er / 1960er auf den ersten Blick auch. Aber die Unterschiede sind doch immens.

Wenn man den Witz einmal gemacht hat, kann man die Situation auch nutzen, um sie als Beispiel dafür zu nehmen, was sich seitdem alles geändert hat. Die Bibliothek ist, so kann man bei diesem Vergleich gut sehen, immer mehr als der Raum selber. Es geht immer auch darum, was sich die Bibliotheken – also das Personal konkret vor Ort, aber auch die Profession als Ganzes – unter einer Bibliothek, deren Aufgaben, Möglichkeiten, Zielen vorstellt und was sich die Öffentlichkeit – die Nutzer*innen vor Ort, aber auch die Allgemeinheit – darunter vorstellt. Sicherlich: Der Raum repräsentiert dieses Denken und prägt es auch wieder (insbesondere, wenn dieser nicht von den notwendigen Regeln zur Reduktion des Ansteckungsrisikos in einer Pandemie geprägt ist – obgleich wir weiter unten sehen können, dass gerade das eine Verbindung zu den „alten Thekenbibliotheken‟ darstellt). Aber das ist nur ein Teilaspekt.

Was waren Thekenbibliotheken?

Öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum begannen in den 1910er Jahren langsam darüber nachzudenken (und allererste Experimente dazu durchzuführen), ob den Leser*innen nicht der direkte Zugang zum Bestand gewährt werden könnte. Immer mit Einschränkungen, immer erstmal bezogen auf Teile des Bestandes und immer mit grossem Widerstand aus der Profession. Es dauerte lange, bis dieser Zugang zum Allgemeingut wurde. Jahrzehnte lang gab es diese Diskussionen, immer mit Verweis darauf, dass ein solcher Zugang – die Freihandbibliothek – in anderen Ländern normal sei (was übrigens so auch nicht stimmte).

Während des Nationalsozialismus gab es eine ganze Reihe von Bibliotheken, die als Freihand eingerichtet wurden, aber es scheint, als seine viele davon nach 1945 zerstört gewesen oder zurückgebaut worden. Zumindest wurde kaum über diese Phase geredet.

Erst während der 1960er scheint sich die Freihand-Bibliothek im DACH-Raum als normale Bibliotheksform etabliert zu haben. Zumindest finden sich ab Anfang der 1960er in der bibliothekarischen Literatur Raumskizzen für neugebaute Öffentliche Bibliotheken, die nicht mehr lange begründen, warum bestimmte Bereiche als Freihand gebaut oder geplant wurden, sondern offenbar stillschweigend voraussetzen, dass dies die richtige Form für eine Bibliothek sei. (Selbstverständlich gab es eine Übergangszeit mit Bibliotheken, die nicht oder nur so halb umgebaut wurden. Aber in den 1960ern verschwindet zumindest die Debatte über die Freihand-Bibliothek aus der bibliothekarischen Literatur.) Das gilt eigentlich für den gesamten DACH-Bereich.1

Zuvor, seit man von Formen Öffentlicher Bibliotheken reden kann (also je nach Land und Region den 1870er-1890er Jahre), waren diese im DACH-Raum alle als „Thekenbibliotheken‟ konzipiert. Es gab von der Grösse her unterschiedliche Formen. Beispielsweise bei sehr kleinen Beständen „Bibliotheksschränke‟, die in anderen Einrichtungen (Schulen, Gaststätten, Partei- und Gewerkschaftslokalen, Kirchen und so weiter) standen und die nur vom jeweiligen Bibliothekar (bis zu Bona Peiser, die 1895 als solche zu arbeiten begann, offenbar keine Bibliothekarin) verwaltet wurden, der dann auch die Bücher ausgab und wieder einstellte. Etwas grössere Bibliotheken hatten keine richtigen Theken, sondern Tische, die vor Buchregalen an der Wand standen. Nur die grösseren Einrichtungen hatten wirklich Theken, die baulich den Raum zwischen Leser*innen und Bibliothekspersonal trennten, mit Türen, verschiedenen – oft auch verschliessbaren – Ausgabe- und Rücknahmetresen und anderen gebauten Feinheiten. Dies hing immer von der Grösse des Bestandes und den verfügbaren Mitteln ab. Aber grundsätzlich waren das alles Thekenbibliotheken.

Die räumlich Gestaltung war aber, wie gesagt, nur ein Teil der Thekenbibliotheken. Was diese ausmacht, war ein spezifisches Denken über (a) das Lesen, (b) davon, was für eine Einrichtung Bibliotheken darstellten und (c) was für Aufgaben sich daraus ergaben.

  • Zuerst verstanden sich alle diese Bibliotheken explizit als Bildungseinrichtungen. Und zwar nicht im recht offenen, recht unbestimmten und immer auch mit anderen Aufgaben wie Unterhaltung oder Kultur in Konkurrenz stehenden Sinne, wie dieser Begriff heute manchmal für Öffentliche Bibliotheken verwendet wird – sondern ganz explizit: Die Aufgabe der Bibliotheken war es, die Leser*innen zu bilden und zwar zum richtigen Lesen. Die heutige Idee, dass einige (viele) Nutzende die Bibliothek selbstbestimmt für ihre eigene Bildung nutzen, andere aber für etwas anderes, wäre diesen Bibliotheken zumindest als Ziel fremd. Bibliotheken hatten den Anspruch, die, die sie nutzen zu erziehen. Selbst Unterhaltungsliteratur stand unter diesem Vorbehalt, wenn sie überhaupt vorhanden war. (Das impliziert auch, dass die Bibliotheken halt nicht „für alle‟ da waren, sondern für die, die diese Bildung nötig hätten.)
  • Alle diese Bibliotheken hätten deshalb ein Konzept für die „Leserlenkung‟. Wie erreicht man die Menschen, damit sie überhaupt anfangen, in die Bibliothek zu kommen? Wie lenkt man sie dahin, die richtige Literatur zu wählen, nicht nur keine „schlechte‟, sondern auch keine so komplexe, dass sie von den Leser*innen „noch nicht‟ verstanden werden kann? Was genau ist „richtiges Lesen‟ und wie schafft man es als Bibliothek, die einzelnen Leser*innen zu diesem Lesen zu führen? Wie viel ist zu viel oder zu wenig Lesen? Die Antworten auf diese Fragen waren unterschiedlich, änderten sich mit den Jahrzehnten, waren Thema von Diskussionen in der bibliothekarischen Literatur, in Debatten, in der Ausbildung. Aber die grundsätzliche Idee, dass die Leser*innen „gelenkt‟ werden müssten (und der Anspruch als Bibliotheken, das zu können und zu dürfen), war allen diesen Bibliotheken gemein.
  • Die Bewertungskriterien und die Strategien dazu waren unterschiedlich. Es gab nicht die eine Öffentliche Bibliothek – so wie wir das heute kennen –, sondern bis in die 1950er Jahre Bibliotheken, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Zielen dienten: Neben den Lesehallen, die nach eigenem Verständnis neutral und für alle da sein wollten (ein Anspruch, der von anderen bestritten wurde und deren Ideologie man auch eher als Teil des rechts-konservativen Mainstreams der beiden Kaiserreiche und des Bürgertums bis in die 1950er Jahre bezeichnen müsste), gab es zum Beispiel „Arbeiterbibliotheken‟, die sich vor allem als Teil der sozialistischen Bewegung verstanden (und die Arbeiter*innen dazu ermächtigen wollten, Produktionsmittel und Gesellschaft zu übernehmen) oder die katholischen Bibliotheken, die ein konservatives (aber eigentlich modernes, weil erst in der Auseinandersetzung mit der modernen Gesellschaft gewonnenes) Gesellschaftsbild etablieren wollten.2 Es gab auch teilweise massive Auseinandersetzung über diese Strategien innerhalb der unterschiedlichen Bibliotheksformen, insbesondere den sogenannten „Richtungsstreit‟ innerhalb der Lesehallen, indem es vor allem darum ging, was eigentlich die von diesen angestrebte „Volksbildung‟ sei und wie sehr zur Gewinnung von Leser*innen Unterhaltungsliteratur eingesetzt werden sollte. Aber wichtig hier: Alle Formen der Thekenbibliothek hatten Bewertungskriterien von Literatur und Strategien zur Lenkung von Leser*innen als gedanklichen Hintergrund und fanden diese so wichtig für die eigene Identität als Bibliothek, dass sie bereit waren, darüber zu streiten.
  • Die bibliothekarische Literatur der Jahrzehnte der Freihandbibliotheken ist voll von Texten (und Streitigkeiten) über „Bibliothekstechnik‟ (Technik auch im Sinne von Arbeitsweisen, -abläufen), die sich nur durch diese Form von Bibliothek erklären lassen: Einerseits die Frage, wie das Ausheben der benötigten Bücher aus dem Bestand am Effektivsten organisiert werden kann (das ist heute noch für Bibliotheken mit Magazinen Thema), anderseits aber auch, wie die Beratung der Leser*innen, die Ausgabe und Rücknahme der Medien zu organisieren sei. Pläne wurden gezeichnet, wie sich die Personen durch den Raum vor der Theke bewegen sollte. Gesonderte Kataloge für die Leser*innen wurden entworfen, die immer anders waren als die, welche das Bibliothekspersonal benutzte. Es gab Diskussionen um die „offene‟ und die „gebundene Theke‟ (bei der offenen kann an allen Plätzen alles gemacht werden, bei der gebundenen gibt es Plätze für die Rückgabe, für die Ausgabe und so weiter).
  • All diese Planungen und Diskussionen hiessen selbstverständlich nicht, dass alles immer funktionierte. Ebenso finden sich in der bibliothekarischen Literatur immer wieder Klagen, dass sich die Leser*innen den Zielen, der Beratung, den Arbeitsweisen der Bibliotheken entziehen. Dass sie eigene Interessen durchsetzen. Dass sie sich nicht darauf einliessen, sich „empor zu lesen‟. Zudem gab es – zumindest in den Städten – immer die Möglichkeit, dass Leser*innen auf andere Bibliotheken auswichen. Einerseits zum Beispiel nicht in die Lesehalle gingen, sondern in die Arbeiterbibliothek. Andererseits – das war eher der Horror – in die „kommerziellen Leihbibliotheken‟, welche Medien als Gewerbe vermieteten, oft direkten Zugang zu den Beständen boten und – so die Behauptung der ganzen unterschiedlichen Thekenbibliotheken, der die Leihbibliotheken selbstverständlich widersprachen – vor allem schlechte Literatur anbieten würden, weil es ihnen nur um Geld und nicht um Bildung ginge.
  • Ein Punkt, der in der bibliothekarischen Literatur der damaligen Jahre auch immer wieder einmal auftauchte war der der Hygiene. Es gab Diskussionen darüber, ob die Erreger verschiedenster Krankheiten – von denen vermutet wurde, dass sie bei Leser*innen aufgrund deren ökonomischer Verhältnisse, aber auch aufgrund ihres Lebenswandels verstärkt auftreten würden – sich über die Bücher von Bibliotheken verbreiten würden. Es gab auch dazu verschiedene Meinungen und Lösungsansätze, verschiedene Vorschläge zur Reinigung der Medien nach der Rückgabe oder auch Vorschläge, wie lange sie zu lagern wären, bevor sie wieder ohne Gefahr ausgegeben werden könnten. Eine eindeutige Lösung gab es nie, aber das Thema tauchte immer wieder auf. An sich war das in den letzten Jahrzehnten nicht mehr Thema der bibliothekarischen Literatur (was nicht heisst, dass es nicht von Zeit zu Zeit auf anderen Kanälen antönte), aber jetzt ist es das aus guten Gründen wieder. (Wobei es die Desinfektionsmittel, die heute zur Verfügung stehen, damals nicht gab.)

Zum Übergang zur Freihand

Wie gesagt, begangen die Bibliotheken im DACH-Raum in dem 1910er Jahren ganz vorsichtig über die Freihand zu diskutieren. Aber es dauerte wirklich lange, bevor sich dann – eher plötzlich – die Freihand wirklich durchsetzte. Die Vorstellung davon, was die Bibliothek sei und wie sie zu arbeiten hätte, veränderte sich nicht schnell. Interessant sind vor allem Beiträge am Ende dieser Entwicklung. In den 1950ern liest man öfters3 davon, dass an sich akzeptiert wird, dass die Freihand „die Bibliotheksform der Zukunft wäre‟, aber das sie dann auch massiv viel mehr Personal bedürfe, weil die Lenkung der Leser*innen dann direkt am Regal erfolgen müsse. An der Theke können man die Gespräche gut organisieren – wie gesagt, wie das stattfinden sollte, war auch Teil der Bibliothekstechnik –, aber am Regal müsse man neue Formen finden.

Auch wurden lange diskutiert, ob man nur bestimmte Teile der Bestände als Freihand aufstellen solle und welche. Und wem man dann Zugang gewähren könne und wem nicht. Dazwischen kamen viele Teilschritte, beispielsweise der immer wieder neue Entwurf von Katalogsystemen für die Leser*innen oder die Mechanisierung der Ausleihe. Das ist seine eigene Geschichte.

Aber sichtbar ist, dass sich der Übergang zur Freihand nicht einfach räumlich gestaltete – auch wenn das einen nicht zu unterschätzenden Aufwand bedeutete –, sondern inhaltlicher Art war. Die Bibliotheken mussten erst die Vorstellung ändern, was für Einrichtungen sie wären und was ihre Aufgabe wäre, um dann in der Freihand wieder eigene bibliothekarische Arbeitsformen zu finden. Das veränderte viel mehr, als nur die Aufstellung der Bestände. Beispielsweise wurde den Interessen der Leser*innen substantiell mehr Beachtung geschenkt – deshalb heissen sie heute ja auch nicht mehr Leser*innen, sondern je nach Weltanschauung Nutzer*innen oder Kund*innen (oder anders).

Thekenbibliothek versus „Pandemie-gerechte Bibliothek‟

Die eingeschränkte Ausleihe in Bibliotheken, wie sie jetzt eingeführt und wohl für den Zeitraum der Pandemie beibehalten wird (und, machen wir uns nichts vor, die Welt ist kaputt, es wird mit hoher Wahrscheinlichkeeit in unserer Lebenszeit weitere Pandemien geben, in denen das wieder ähnlich sein wird) ist also offensichtlich keine Thekenbibliothek. Im Hintergrund der jetzigen Bibliotheken steht eine andere Idee davon, was für eine Aufgabe (beziehungsweise Aufgaben) die Bibliotheken haben. Der Zugang zum Bestand ist jetzt physisch eingeschränkt, aber sonst offen. Nutzer*innen und Bibliothekar*innen nutzen die gleichen Kataloge, weil man alle zutraut, sich in diesen zurecht zu finden. Bibliotheken erziehen die Nutzer*innen nicht zum richtigen Lesen und erheben auch nicht den Anspruch, Literatur inhaltlich daraufhin zu bewerten, ob sie zum „hinauflesen‟ geeignet wäre. Es gibt weit mehr Medienformen als Bücher und das ist keiner Diskussion mehr wert.

Was dieser Ausflug in die Bibliotheksgeschichte zeigt, ist, dass es immer eine Sicht der Bibliotheken auf sich selber, auf ihre Aufgaben und so weiter gibt, die sich mit der Zeit ändert. Sie ist offensichtlich nicht festgeschrieben, sondern verhandelbar (dafür muss sie dann benannt, diskutiert, vielleicht auch kritisiert werden – aber das ist hier nicht das Thema). Diese Vorstellung strukturiert dann die Arbeit, die tatsächlich in den Bibliotheken geleistet wird, sie strukturiert den Raum Bibliotheken und auch das, was als wichtig genug angesehen wird, um es zu diskutieren (oder was als dafür nicht wichtig genug angesehen wird). Die jetzige Situation wird vorübergehen – vielleicht in Monaten, vielleicht in Jahren. Aber die Vorstellung von Bibliotheken, was ihre Aufgabe ist, wird sich auch nach dieser Pandemie immer weiterentwickeln.

 

Fussnoten

1 Für die DDR habe ich, glaube ich, schon einmal geschrieben, wie erstaunlich ich das fand, dass die Broschüre „Über die Arbeit in Freihandbibliotheken‟ (Günter de Bruyn, Berlin : Zentralinstitut für Bibliothekswesen ; 1957) auf Erfahrungen aus „den bürgerlichen Bibliotheken‟ (also BRD und vielleicht Österreich) und USA, Grossbritannien und Skandinavien sowie aus der DDR selber zurückgriff, aber gerade nicht auf – eigentlich damals schon existierende – Erfahrungen in der Sowjetunion mit Freihandbibliotheken.

2 Zu Arbeiterbibliotheken siehe meinen Artikel„Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts‟ (Schuldt, Karsten, in: Libreas 35 (2019), https://libreas.eu/ausgabe35/schuldt/), zu katholischen Bibliotheken (in Frankreich, aber das lässt sich prinzipiell übertragen) siehe „La mise au pas des écrivains. L’impossible mission de l’abbé Bethléem au XXe siècle.‟ (Mollier, Jean-Yves, Paris: Librairie Arthème Fayard, 2014).

3 [Ich weiss, hier wären Literaturnachweise angebracht. Aber die liegen leider nicht hier, wo ich gerade bin, sondern in einem Ort, den in wegen geschlossener Grenzen während der Pandemie nicht einfach erreichen kann.]

Schlechte Arbeitsplatzkultur [in Bibliotheken] & COVID-19 (Coronavirus) – Einladung zur Teilnahme an einer Umfrage

Werte Kolleg*innen,

in dieser Krisenzeit, und leider auch ausserhalb dieser, gibt es eine ganze Reihe von Bibliothekar*innen, die mit ihrer Arbeit unzufrieden sind, weil die Kultur am eigenen Arbeitsplatz schlecht ist. Beispielsweise, weil das Personalmanagement schlecht ist, die Leitung eher autoritär und intransparent handelt, aber auch weil Kolleg*innen nicht als Team handeln, sondern regelmässig beleidigen oder übergriffig sind. Die hohen Burnout-Quoten und hohen Raten beim Personalwechsel in einigen Bibliotheken ist dafür ein sichtbarer Indikator. (Wenn dies bei Ihnen nicht so ist, ist das erfreulich.)

 

An die Kolleg*innen, welche solche eher belastende Arbeitskultur erleben, richtet sich folgende Umfrage, zu der ich sie gerne einlade.

Link zur Umfrage: https://survey.fhgr.ch/289232?lang=de

 

Ich habe diese Umfrage von Kaetrana Davis Kendrick (Medford Library, University of South Carolina Lancaster) übernommen, die schon länger in den USA zu Formen und Gründen solcher bedauerlichen Zustände forscht. Die Umfrage baut auf diesen Forschungen auf. Deshalb ist die Umfrage zum Teil auch etwas stark an den USA orientiert. Das heisst, dass Ihnen vielleicht einige Fragen oder Antwortoptionen etwas übertrieben vorkommen werden – aber das ist der kulturelle Unterschied.

Die Umfrage bezieht sich explizit darauf, ob sich die Arbeitsplatzkultur während der aktuellen Krise verändert hat. Ich möchte damit auch den Kolleg*innen die Möglichkeit geben sich dazu zu äussern, die aktuell schlechte Erfahrungen haben (neben denen, die sich aktuell über ihr Engagement äussern können). Gleichzeitig möchte ich, in Zusammenarbeit mit Kaetrana Davis Kendrick, etwas darüber erfahren, welche Unterschiede es im Bezug auf dieses Thema zwischen den USA und deutschsprachigen Raum gibt.

Die Umfrage wird mindestens so lange geöffnet bleiben, bis das letzten Land im DACH-Raum die Krise für überwunden erklärt hat. Alle Angaben und Antworten sind freiwillig und werden anonym behandelt.

Vielen Dank, wenn Sie an der Umfrage teilnehmen und vielen Dank dafür, wenn Sie die Umfrage mit anderen Kolleg*innen in einer solchen Situation teilen.

 

m.f.G.

Karsten Schuldt (Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Schweizerisches Institut für Informationswissenschaft, FH Graubünden)

Vocational Awe: Vom Glauben der Bibliotheken an die eigene Bedeutung

Aktuell, in der COVID-Pandemie, präsentieren sich Bibliotheken als wichtige Einrichtungen, welche die Wissenschaft am Laufen halten und den Zusammenhalt der Gesellschaft rstützen. Unter anderem unter den Hashtags #BibliothekSindDa und #BibAtHome sowie auf diesem Etherpad und noch an anderen Stellen werden aktuell kostenlose Anmeldungsmöglichkeiten per Internet, Zugang zu Online-Medien, Lieferdienste von Bibliotheken und so weiter verbreitet. In den bibliothekarischen Mailinglisten und an anderen Stellen werden weitere Einzellösungen von Bibliotheken verbreiten. Listen über Listen von Lernressourcen wurden zusammengestellt. Aktivitäten allenthalben, offenbar mit dem Verständnis, das in der jetzigen Situation Richtige zu tun. Und ein wenig klingt es schon so, als würden sie sich dabei selber auf die Schulter klopfen.

Emotionale und andere Belastungen?

Die Situation sieht aber auch so aus:

  • Menschen machen sich Sorgen, auch Kolleg*innen. Jeder Gang nach draussen ist bekanntlich ein Risiko. Eine ganze Anzahl von Kolleg*innen muss jetzt in die Bibliotheken, ins Back-Office oder auch den Bestand, um all diese Angebote von Bibliotheken aufrecht zu erhalten oder Projekte vorwärts zu treiben. Oft ist es nicht so, dass diese Kolleg*innen eine Wahl hätten – das sie zum Beispiel gefragt worden wären, ob sie dieses Risiko übernehmen wollten. Und ein wenig ist der Eindruck auch (das wird vielleicht nach der Krise einmal empirisch zu erheben sein), dass vor allem Kolleg*innen aus den niedrigeren Gehaltsstufen für solche Arbeiten eingesetzt werden, nicht unbedingt das Personal aus den „Chefetagen‟. (Aber das kann täuschen.)
  • Kolleg*innen, egal ob im Einsatz oder Daheim, kommen mit der jetzigen Situation auch schlecht zurecht. Nicht alle, aber genauso wie bei anderen Menschen auch, gibt es beim Bibliothekspersonal solche und solche: Einige sind jetzt entspannter und produktiver (wobei produktiver nicht immer gut ist, sondern bekanntlich auch gerade eine Verdrängungsstrategie sein kann), aber andere sind emotional, körperlich und geistig stark belastet, vielleicht auch schon kurz vor dem Zusammenbruch. Das kann wieder sehr unterschiedliches heissen: Die, die mit den unstrukturierten Tagen weniger gut klarkommen oder den offeneren Arbeitsstrukturen; die, die mit dem Leben in nur einer Wohnung – mit Kindern oder Partner*innen oder vielleicht Mitbewohner*innen oder alleine – nicht gut klar kommen; die, die mit der Unsicherheit, wie die Situation sich entwickeln wird, nicht gut umgehen können oder unter den Regelungen, wie jetzt die Supermärkte und Parks und Promenaden zu nutzen sind; die, die sich Sorgen um Eltern oder Bekannte oder Freund*innen machen, die von Corona betroffen sind oder sein könnten. All die und noch mehr.
  • Kolleg*innen sind nicht unbedingt davon überzeugt, dass die Bibliotheken so wichtige Einrichtungen wären wie zum Beispiel Supermärkte und Apotheken, sondern in dieser Situation auch für einigen Wochen geschlossen haben könnten. (Nicht zuletzt, da sie teilweise extra in Schliessungsanordnungen von Gemeinden oder Kantonen / Bundesländern erwähnt wurden.)

Aber darüber wird praktisch nicht geredet. Im wahrnehmbaren Diskurs von Bibliotheken sind vor allem die zuerst genannten, positiv gemeinten Beispiele präsent. Dabei wäre es bestimmt gut, auch die tatsächlichen jetzigen Arbeitsbedingungen in den Bibliotheken zu thematisieren. Oder sich gegenseitig, als Kolleg*innen durch diese Krise zu helfen. Oder einmal zu diskutieren, ob Bibliotheken wirklich versuchen müssen, jede Lücke der Verordnungen auszunutzen, um doch noch Medien verleihen oder gescannt zur Verfügung stellen zu können.

Einige, wenige Widersprüche

Nur ganz selten scheint diese Kritik öffentlich auf:

  • Eine Kollegin äusserte sich am 26.03. auf ForumOeb mit einem klaren „habt ihr grade alles nichts Besseres zu tun?‟ und kritisierte die Diskussionen darum, wie Bibliotheken doch noch irgendwie ihre Dienste aufrecht erhalten könnten. Sie erntete einige Zustimmung, aber dann war es mit der Diskussion dazu auch vorbei.
  • Einige Kolleg*innen, die sich mit Open Access beschäftigten, kritisierten hier und da – vollkommen zu Recht – dass Bibliotheken jetzt immer wieder auf Angebote grosser Verlage, die vorübergehend während der Krise „freigeschaltet‟ wurden, hinwiesen, anstatt auf die schon immer offenen (und mit Open Access-gerechter Lizenz publizierten) Angebote ausserhalb der Verlage. Das ist keine unwichtige Anmerkungen, da Bibliotheken so nur wieder daran mittun, die Quasi-Monopole der grossen Verlage auf dem wissenschaftlichen Publikationsmarkt zu stärken.
  • Für den englisch-sprachigen Raum existiert als Ventil für solche Beschwerden der anonyme Twitter-Bot LIS Grievances ([1], [2]). Hier findet sich einiges an Bemerkungen, insbesondere (wohl) von Kolleg*innen, die von ihren Bibliotheksleitungen entweder gegen ihre eigenen Überzeugungen dazu gezwungen werden, ihre jeweilige Bibliothek offen zu halten oder aber neben Ihrer eigentlichen Arbeit, die sie in der jetzigen Situation eh schon kaum schaffen, auch noch Sonderaufgaben übernehmen sollen. ([1], [2], [3])

Kritik ist vorhanden; Kolleg*innen sind unzufrieden damit, wie die Situation gehandhabt wird. Aber warum wird das kaum artikuliert?

Ein gelöschter Tweet

Ich selber habe zum Beispiel einen Tweet über die absonderliche Situation geschrieben, dass Bibliotheken (hier in der Schweiz) jetzt damit Werbung machen, dass sie weiterhin Medien per Post verschicken, während gleichzeitig die Schweizer Post (aber nicht nur die, alle Lieferdienste von Paketen) darauf hinweisen, dass sie nicht mehr hinterherkommen mit all den Lieferungen, dass die Systeme und das Personal vollkommen überlastet sind und sie schon Angebote reduzieren und strecken mussten. Aber ich habe den Tweet gelöscht und eben nicht geschickt. Warum? Ich konnte mir gut vorstellen, wie Kolleg*innen den uminterpretierten würden als Angriff auf ihre Arbeit („und das, Herr Schuldt, obwohl man doch sehen würde, wie wichtig sie wären — all die Pakete, die geschickt werden müssen, all die Dokumente, die gescannt werden müssen – – -‟), nicht als Aufforderung, einmal über die Konsequenzen dieser hektischen Aktivitäten nachzudenken. Ich hatte das Gefühl, dass das vielleicht jetzt (in der Krise) auch nicht sein muss.

Offenbar liegt hier ein Problem vor: Die Situation, die Bibliotheken nach aussen darstellen, ist nicht die Situation, wie sie wohl wirklich ist, zumindest nicht die vollständige Situation. Und es gibt keinen Ort, wo das Bibliothekswesen (im DACH-Raum) wirklich über die Situation, wie sie ist, reden kann, ohne das man zumindest das Gefühl hätte, Gefahr zu laufen, dass den Diskutierenden unterstellt wird, die Mission der Bibliotheken zu unterlaufen. Wie kann das sein? Ich würde hier gerne ein Konzept vorstellen, dass das meiner Meinung nach recht gut erklärt (und damit auch eine Möglichkeit bietet, die Situation zu verändern – siehe weiter unten).

Voactional Awe: Die Mission der Bibliothek als Über-Bibliothekarisch

In der Angloamerikanischen Bibliothekswelt gibt es das Konzept des „Vocational Awe‟ als Begriff seit vielleicht zwei Jahren. Eingeführt wurde es durch einen Artikel von Fobazi Ettarh (Ettarh 2018), welcher seitdem zahlreich kommentiert, zitiert und anderweitig aufgegriffen wurde. (Beispielsweise ohne weitere Erklärung, so, als würden ihn alle kennen, bezogen auf die aktuelle Pandemie beim schon genannten LIS Grievances-Bot [1], [2]) Das Konzept hat also offenbar einen Nerv getroffen, nicht nur in der Forschung, sondern auch Kolleg*innen aus der Praxis – ansonsten hätte es sich nicht so schnell verbreitet.

Wie kann die Bibliothek einfach nur eine Einrichtung unter vielen sein?

Ettarh beginnt – wie auch dieser Blogpost – mit Beispielen von Arbeiten, bei denen Bibliotheken eine wichtig Rolle einzunehmen scheinen: Davon, wie Bibliotheken in den USA auf die „Opioid crisis‟ reagierten – mit dem Bereitstellen von Erste Hilfe Sets in Bibliotheken und mit tatsächlich geleisteter Erster Hilfe für Opfer der Krise. Und damit, wie sich Bibliotheken gegenseitig davon berichteten und sich versicherten, das sie lebenswichtig seien. Wie könnte man, so Ettarh, dem nicht zustimmen?

Indem man sich fragt, was hier eigentlich passiert und wie es auf die tatsächliche Arbeit von und in Bibliotheken Auswirkungen hat. Erzählungen davon, wie wichtig Bibliotheken wären, würden dazu führen, dass diese die eigene Bedeutung und den eigenen Einfluss massiv überschätzten. Gleichzeitig würden so Bibliotheken quasi zu „heiligen Einrichtungen‟, die von sich aus immer gut und richtig wären und an denen deshalb keine Kritik möglich wäre. (Ettarh schrieb in den USA, dort sind die Vergleiche mit religiösen Institutionen und ihren übergreifenden Ansprüchen vielleicht noch etwas näher liegend als hier im mehr säkularisierten Mitteleuropa, wo auch die religiösen Einrichtungen zumeist solche Ansprüche nicht mehr ernsthaft formulieren. Aber auch hierzulande ist die Analogie sinnvoll.)

„Awe‟ ist ein Begriff, der stark mit religiöser Erfahrung konnotiert ist: Gläubige stehen in awe vor Gott und seiner/ihrer Schöpfung. Im Gottesdienst / Ritual sind sie durch diesen awe in eine andere Sphäre transportiert – so ungefähr (ausgedrückt als Atheist). Die Übersetzung von awe als „Ehrfurcht‟, „Schauer‟ treffen es also vielleicht nicht ganz.

Ettarh benutzt diesen Begriff, bezogen auf die Profession Bibliothek, um die Haltung vieler Kolleg*innen zu beschreiben: Die awe über die Bedeutung der eigene Arbeit, genauer der eigenen „Berufung‟ (im DACH-Raum würde man hierzu Max Weber zitieren), welche die Aufgabe der Bibliotheken als wichtiger begreift, als die sichtbaren Tätigkeiten: Nicht nur werden Medien verliehen und zugänglich gemacht, Lesen und andere Kompetenzen gefördert, sondern der Zusammenhalt der Gesellschaft wird hergestellt, die Ungleichheiten überwunden, das Gute an sich wird verbreitet.

Das ist vielleicht eine überzogene Darstellung, aber… so einfach ist sie nicht von der Hand zu weisen. (Bibliotheken als „Tempel des Wissens‟ zu beschreiben oder gar zu bauen, ist ja dann auch nicht ungehört.) Die Selbstdarstellungen von Bibliotheken sind voll von solchen Anspielungen auf grössere Aufgaben und Behauptungen von Wirkungen, die praktisch nie nachgewiesen werden – bei denen auch selten versucht wird, sie nachzuweisen, sondern die geglaubt werden (müssen). Wie halt in Religionen, die zwar auch durchdacht, untersucht, diskutiert, verglichen und so weiter werden können (in Theologie, Religionswissenschaften oder Religionssoziologie), aber bei den alle Gläubigen darauf beharren werden, dass dabei immer ein wichtiger Teil unerklärbar, ununtersuchbar, unverstehbar bleiben wird – ein Teil, der über dem reinen Verständnis der Menschen existiert und der geglaubt und gefühlt werden muss. Der awe, der ein*en überfällt.

Glaubenssätze des Bibliothekswesens

Die Analogie hält, auch wenn sie überspitzt erscheint: Das (Öffentliche) Bibliothekswesen ist geprägt von gewissen Grundüberzeugungen, die auch als Glaubenssätze beschrieben werden können (und die weit über die Arbeit mit Medien hinausgehen). Diese werden regelmässig – in Reden, Texten, Vorträgen, Diskussionen, Jahresberichten und so weiter – wiederholt. Zum Beispiel, wenn sich in der aktuellen Situation wieder einmal gegenseitig die Bedeutung der Bibliotheken bestätigt wird, als eine Einrichtung, die selbstverständlich irgendwie ihre Angebote auch in der Krise aufrechterhalten muss. Oder wenn, wieder einmal, in einer grösseren Tageszeitung oder Radiosendung ein (positiver) Beitrag über Bibliotheken erschienen ist und dieser zur Bestätigung innerhalb des Bibliothekswesens herumgeschickt wird. Diese Grundüberzeugungen sind schwer zu kritisieren. Wer es versucht, wird meist ignoriert oder aber die Wortmeldungen werden tendenziell als Polemik wahrgenommen. (Sicherlich, wie auch die meisten Religionen, ist das Bibliothekswesen heute liberal. Solange Personen zu „unserem Kreis‟ gezählt werden, weil sie sich bewiesen haben, lässt man sie sagen, was sie zu sagen haben. Aber halt oft, ohne dann selber viel zu ändern.1)

Was sind die Funktionen solcher Grundüberzeugungen, eines solchen vocational awe? Ettarh stellt in ihrem Text dar, wie hinter diesen gegenseitigen Erzählungen von Bibliotheken über Bibliotheken die tatsächliche Arbeit, die in Bibliotheken geleistet wird, verschwindet. Was ist der Bestandsaufbau, die Organisation von Lesungen und Veranstaltungen, die Zusammenstellung von Medienkisten schon, wenn die eigentliche Aufgabe offenbar das Leben retten (Opiod-Krise) oder das Zusammenhalten der Gesellschaft (COVID-Pandemie) ist? Ist das dann überhaupt relevant? Ist das wirklich Arbeit, die als Arbeit zählt? (Oder ist es, wie beim Gottesdienst, Dienst, der einfach dazugehört, aber nicht das eigentlich Wichtige, awe-Auslösende ist?)

Gleichzeitig verschwindet, wie Ettarh auch zeigt, hinter diesem vocatinal awe die tatsächliche Arbeitssituation. Wenn die Bedeutung der Arbeit so gross ist, dann gehört es sich nicht, sich über die Arbeitsbedingungen (Lohn, Arbeitszeit, aktuell Risiken, Überlastung, ungewollte Teilzeitarbeit, temporäre Arbeitsverhältnisse und so weiter) zu unterhalten. So was kann man in „richtigen‟ Jobs tun, aber nicht, wenn es sich um „Berufungen‟ handelt. Berufene handeln aus eigenem Interesse und Wunsch, andere arbeiten „einfach‟ für Geld. Das führt dann aber zu einem Arbeitsalltag, dessen Strukturen kaum zu thematisieren (und zu verändern) sind und der gleichzeitig überlastet ist: Neben der „normalen‟ bibliothekarischen Arbeit auch noch Leben retten, Urban Gardens anlegen und damit Food-Crises überwinden, soziale Ungleichheiten ausgleichen, die Gesellschaft zusammenhalten und so weiter. (Das ist nicht nur in Bibliotheken so, auch andere soziale Berufe werden gesellschaftlich solchen „Berufungen‟ zugeordnet und haben dann schlechte Arbeitsbedingungen bei viel zu grossen Aufgaben, die sie sich selber zuschreiben. Soziale Arbeit wäre da ein gutes Beispiel. Nicht zufällig ist das Risiko von Burn-Out in solchen Berufen – und auch in Öffentlichen Bibliotheken – höher als in anderen.)

Zusammengefasst: Die Überschätzung der eigenen Bedeutung – das awe vor dieser Bedeutung – führt zu einem Verschwinden der tatsächlichen Arbeit von Bibliotheken und auch dazu, dass Strukturen nicht thematisiert werden können. Wenn alles heroisches, heldenhaftes Handeln sein muss (und das ist es, wenn das Ziel so gross ist, dass man nicht einfach für Lohn für dieses arbeitet, sondern sich dafür „aufopfert‟), dann ist kein Platz für alltägliche Arbeit und alltägliches Leben.

Professionelle und individuelle Identität

Was bringt das? Auch hier hilft die Analogie zur Religion: Es gibt Identität. Den einzelnen Personen, den Institutionen, der gemeinsamen Gruppe (also hier dem Personal, den Bibliotheken, dem Bibliothekswesen). Dabei ist zu vermuten, dass tendenziell die, die emotional mehr in diese Glaubensgrundsätze „investieren‟ und die, welche länger in sie sozialisiert wurden, diese eher für die Aufrechterhaltung der eigenen Identität „benötigen‟. (Aber auch hier: Das gilt bei Religionen auch nicht für alle und jede*n.) Wie überall haben Identitäten nicht nur den Effekt, dass sie den Menschen, die Institutionen und so weiter bestimmen, ihnen Aufgaben im Leben geben und so weiter, sondern dass sie auch zur Abgrenzung und zur Aufrechterhaltung des Status Quo führen. Nicht absichtlich, aber doch praktisch. Wenn es ein grosses, gemeinsames Ziel gibt und wenn man vor allem „heroisch‟ handelt, nicht einfach arbeitet, dann ist auch nie die richtige Zeit oder eine gute Situation, darüber nachzudenken, ob die Strukturen, in denen man so handelt, sinnhaft sind.

Vocational awe: Ein Konzept, um die jetzige Situation zu verstehen?

Ist das so? Kann man mit dem Konzept vocational awe etwas im Bibliothekswesen im DACH-Raum erklären? Mir scheint, ja. Gerade jetzt zeigt sich, wie am Anfang des Blogpost geschildert, wohin das führen kann. Bibliotheken, die sich in Aktivitäten überschlagen und Schlupflöcher in – eigentlich ganz klar formulierten und einsichtigen – Verordnungen suchen, ohne das auch nur diskutiert wird, ob das sinnvoll ist – weil die Überzeugung von der eigenen Bedeutung (als Institution) so gross ist, dass sich offenbar diese Frage erst gar nicht stellt. Kolleg*innen, die zum Teil ungefragt dazu genötigt werden, sich Risiken auszusetzen – also „heroisch‟ zu handeln, obwohl sie vielleicht doch eigentlich dafür nicht in der Bibliothek arbeiten, sondern „nur‟ Lohnarbeit leisten wollen (also keiner „Berufung‟ folgen, sondern dem Zwang, irgendwie am Ende des Monats die Rechnungen zu zahlen) – und für die es offenbar keinen Ort gibt, das zu thematisieren. An sich das auffällige Fehlen der Frage, wie es eigentlich uns, als Personen im Bibliothekswesen, geht – so als wären halt alle okay, weil sie immer heldenhaft handeln könnten.

Wenn wir einmal annehmen, dass vocational awe etwas beschreibt, dass existiert, dann wird diese Situation verständlich. Eine ganze Anzahl von Personen benötigt vielleicht gerade jetzt eine solche Grundüberzeugung, vielleicht weil daran ihre Identität hängt. Würde sie sich eingestehen, dass Arbeit in Bibliotheken weiterhin vor allem Arbeit ist (und oft ganz unheroische, aber notwendige Lohnarbeit, wie die Arbeit am Bestand und bei Veranstaltungen, nicht die Rettung der Welt), die halt auch mal für eine Weile ruhen könnte, wenn es die Situation – eine Pandemie, bei der die Hauptaufgabe darin besteht, jeden unnötigen sozialen Kontakt zu meiden – erfordert, würde vielleicht ihr Selbstbild und das von der Institution, in der sie arbeiten oder die sie leiten, brüchig. Nur, dass das halt dazu führt, dass andere Kolleg*innen leiden, sich Risiken aussetzen müssen und „die Kurve‟ vielleicht nicht so flach wird, wie sie sein könnte.

Vom Nutzen solcher Konzepte

Was ein solches Konzept möglich macht, ist, die Situation zu benennen, zu thematisieren und damit dann auch zu diskutieren und zu verändern. Deshalb wollte ich es hier einführen. Ich sehe einige Parallelen zu dem, was Ettarh für die USA beschreibt, im DACH-Raum und gerade in der aktuellen Situation. Ich schaue mir das aktuelle Handeln von Bibliotheken an und frage mich oft, wie die oben zitierte Kollegin, ob es nicht aktuell anderes gibt, dass zu tun wäre. Warum diese Hyperaktivität? Warum dieses nicht-diskutieren der aktuellen Situation? (Warum zum Beispiel auch auf einmal diese Begeisterung für die Onleihe, wenn sie einmal für mehr Nutzer*innen freigeschaltet wird, die aber zuvor oft kritisiert wurde? Warum diese ganzen Sammlungen von Lernangeboten, die zusammengestellt und verbreitet werden – wenn die Leute doch garantiert auch anders benötigen und begrüssen würden? Muss es „Bildung‟ sein, weil das ein grosses Ziel ist, und darf nicht einfach Unterhaltung und Ablenkung sein?) Selbstverständlich weiss ich die Antworten auf diese Fragen nicht. Auch ich sitze, wie viele andere, vor allem in der gleichen Wohnung und kommuniziere vor allem Online. Aber das Konzept vocational awe scheint mir sehr viel von diesen Fragen besser zu erklären.

Persönlich würde ich immer dafür plädieren, wenn Diskussionen, Grundüberzeugungen, Handlungen möglichst nahe an der Realität sind; wenn sie auch immer wieder einmal abgeglichen werden. Nicht einfach Überzeugungen folgen und vor allem erst einmal handeln. Nicht, sich heldenhaft fühlen, sondern „postheroisch‟ (Metz & Seeßlen 2014). Alles andere hilft vielleicht kurzzeitig über aktuelle Zweifel, Verunsicherungen und so weiter hinweg, führt aber langfristig immer dazu, dass schlechte Strukturen weiterbestehen und zum Beispiel emotionale Belastungen gar nicht thematisiert werden können. (Aber, zugegeben, man könnte jetzt zynisch argumentieren, dass ich gerade deshalb für die Wissenschaft berufen wäre. Was ich nicht bin – das ist auch nur Lohnarbeit.) Wenn vocational awe eine Erklärung für das jetzige Handeln von Bibliotheken ist, dann hat dieses Handeln wohl auch eine Funktion, für die Kolleg*innen, die so handeln. Diese Funktion könnten wegfallen, wenn man die Grundüberzeugungen thematisiert. Wäre das gut? Aber auch: Ist es etwa gut, wie es jetzt ist? Ich weiss es nicht. Aber das ist wohl der Grund, warum ich meinen Tweet gelöscht habe. (Gleichwohl: Bibliotheken sollten wirklich überlegen, ob sie aktuell Buchpakete mit der Post durch die Gegend schicken müssen.)

Literatur

Ettarh, Fobazi (2018). ‚Vocational Awe and Librarianship. The Lies we Tell Ourselves‛. In: In the Library with the Lead Pipe, 10. Januar 2018, http://www.inthelibrarywiththeleadpipe.org/2018/vocational-awe/

Metz, Markus & Seeßlen, Georg (2014). ‚Wenn Helden nicht mehr nötig sind. Heldendämmerung: Anmerkungen zur postheroischen Gesellschaft‛. In: Deutschlandfunk Kultur, https://www.deutschlandfunkkultur.de/postheroismus-wenn-helden-nicht-mehr-noetig-sind.976.de.html?dram:article_id=299526

Velasquez-Potts, Michelle (2019). ‚Imagine Otherwise: Fobazi Ettarh on the Limits of Vocational Awe‛. In: Ideas of Fire-Podcast, 23. Oktober 2019, https://ideasonfire.net/98-fobazi-ettarh/

 

Fussnote

1 Ich kenne Personen, die durch ihre Familien Angehörigen unterschiedlicher Religionen waren, und die sich in ihren Heimatgemeinden irgendwann in ihrer Jugend kritisch zu Homophobie in der jeweiligen Religion äussern durften (weil sie doch als Teil der jeweiligen Gemeinden angesehen wurden), dann irgendwann in wegzogen – und heute berichten können, dass sich in dieser Frage in ihrer jeweiligen alten Gemeinde wenig geändert hätte. So ungefähr scheint das im Bibliothekswesen auch manchmal zu funktionieren.

Eine untergegangene Tradition der bibliothekarischen Arbeit: Lesesoziologie

Ich möchte in diesem Blogpost (Essay?) gerne über einen Teil der Arbeit öffentlicher Bibliotheken (kleines ö, wird gleich thematisiert) reden, der lange Zeit ganz normal dazugehörte, aber seit einigen Jahrzehnten verschwunden ist. Das hat mit meinem Versuch zu tun, ein bibliothekshistorisches Buch zu schreiben, welches die Diskurse um öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum nachzeichnen soll. Im Rahmen der Recherchen dazu fallen solche abgebrochenen Traditionen selbstverständlich auf.

Diesen Teil der Arbeit, den ich besprechen möchte, nenne ich hier Lesesoziologie. So wurde er oft genannt. Aber es gab auch viele andere Bezeichnungen, zum Beispiel „Lesekunde‟, „Literatursoziologische Untersuchungen‟, „Leseforschung‟. Heute, wie gesagt, gibt es diese Tradition nicht mehr. Es gibt weiterhin eine Literatursoziologie in der Soziologie und Literaturwissenschaften miteinander verbunden sind, aber die – obgleich interessant – stellt andere Fragen. Mir geht es um die Lesesoziologie, die von Bibliotheken und bibliothekarischen Infrastrukturen betrieben wurde.

Ich spreche von öffentlichen Bibliotheken mit kleinem „ö‟, weil es um alle Bibliotheken mit dem Anspruch geht, eine gewisse Öffentlichkeit zu erreichen. Gerade für die Jahre vor 1933 (beziehungsweise den 1950ern in der Schweiz) gilt, dass es sehr verschiedene Bibliothekstypen gab, die das versuchten; nicht nur die, die am Ende die heutigen Öffentlichen Bibliotheken wurden. Auch bewegungsgebundene Bibliotheken („Arbeiterbibliotheken‟, Bibliotheken des politisch organisierten Katholizismus) oder „kommerzielle Leihbibliotheken‟ teilten sich diese Tradition. Ich spreche hier aber nicht von den Wissenschaftlichen oder Spezial-Bibliotheken.

Themen und Praktiken der Lesesoziologie

Es ist nicht ganz einfach zu sagen, wenn die Tradition der Lesesoziologie anfing und wann sie endete. Wie immer bei solchen Enden gibt es kein Dokument, dass sagt: „Jetzt ist Schluss.‟ So etwas passiert gradueller. Aber ich würde sagen, dass sie mit dem modernen Bibliothekswesen, also ungefähr in den 1880er Jahren aufkam und bis in die 1970er, vielleicht auch 1980er betrieben wurde. Mit merklichen Häufungen an Publikationen um die Jahrhundertwende und in den 1960er Jahren.

Wie und warum die Lesesoziologie betrieben wurde, veränderte sich – parallel zu den Bibliotheken selber – während dieser Zeit. Aber die Grundfragen war immer die gleichen: Was lesen die Lesenden? Die, die in die Bibliothek kommen und die, die nicht in die Bibliothek kommen? Oft wurde auch nach dem Warum lesen sie das? gefragt und lange Zeit auch: Welche Wirkung hat dieses Gelesene auf die Lesenden? (Letztes änderte sich mit der Zeit, siehe nächster Abschnitt.)

Es wurden verschiedene Methoden genutzt, um Antworten auf diese Fragen zu finden: Empirische (Umfragen, Auswertungen von Ausleihen, Befragungen) und theoretische (Auswertung der in Bibliotheken verliehenen Literatur, beispielsweise mit Modellen von „Schmutz und Schund‟ auf der einen, „Kunst und Technik‟ auf der anderen Seite). Es wurden Untersuchungen ganz verschiedener Grössenordnungen durchgeführt: Auf der Basis eine Bibliothek, einer Stadt oder eine Landes. Mal mit wenigen Themen, mal mit möglichst viel. Die bibliothekarische Literatur, die auf uns gekommen ist, ist voll von Ergebnissen solcher Studien: Artikel, Broschüren, Teile von Jahresberichten informieren über diese. Eine Anzahl von Abschlussarbeiten bibliothekarischer Ausbildungsgänge mit lesesoziologischen Studien existieren auch. Gerade die Vielzahl grauer Literatur lässt vermuten, dass es noch weit mehr Broschüren und Abschlussarbeiten gab, die vielleicht gar nicht überliefert wurden oder sich noch in dunklen Ecken von Magazinen und Archiven befinden.

Teil bibliothekarischer Arbeit

Eines ist wichtig zu betonen: Die Lesesoziologie war keine Aufgabe von Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Sie war vorrangig Teil der normalen bibliothekarischen Arbeit und wurde vor allem von Bibliotheken selber durchgeführt, in allen öffentlichen Bibliothekstypen1 und offenbar auch von Bibliotheken aller Grössen. In älteren bibliothekarischen Lehrbüchern werden sie auch (aber eher nebenher, als wichtige, aber nicht immer durchzuführende Arbeit) thematisiert. Es war nicht so, das die paar Forschungseinrichtungen, die von Zeit zu Zeit gab, Hauptproduzenten dieser Studien gewesen wären.

Vielleicht auch deshalb sind die theoretischen Hintergründe der Arbeiten nicht immer leicht ersichtlich, selten reflektiert und vor allem sind die Studien methodisch nicht immer perfekt. Aber das mussten sie auch nicht. Es ging in ihnen nicht darum, wissenschaftliche Qualifikation nachzuweisen, sondern Wissen zu generieren, das oft den jeweiligen Bibliotheken zu Gute kommen sollte. (Allerdings ist es schon auffällig, wie viele Bibliothekare, spätere auch Bibliothekarinnen, sich zutrauten, solche Studien durchzuführen. Vom heute gerne mal postulierten geringen Selbstbewusstsein der Bibliotheken ist in den Studien nichts zu spüren.) Dafür wurden in der bibliothekarischen Literatur Kolonen über Kolonen von Zahlen und Titeln ausgeborgter Werke produziert, dargestellt und diskutiert.

Die Überzeugung, die sich auch in vielen Quellen explizit so ausgedrückt findet, war, dass Bibliotheken ihre Arbeit nur effektiv und sinnvoll durchführen könnten, wenn sie wüssten, was ihre Leser*innen lesen, beziehungsweise was die Menschen, die sie zu erreichen hofften lesen und warum. Nur dann könnten Bibliotheken (a) ihren Bestand sinnvoll aufbauen und (b) die Lesenden beraten. Ohne dieses Wissen können man nur mit Annahmen und den eigenen, immer unvollständigen, Vorstellungen arbeiten. Aber, das wird in den Quellen auch deutlich, selbst in Zeiten, als die Bibliothekare (männlich) stark der Meinung waren, dass sie bestimmen könnten, was gute und schlechte Literatur sei, welche Literatur zu welcher „Lesestufe‟ passen würde und welche (noch) zu komplex für für welche Lesenden war, gab es immer die Vorstellung, dass die (potentiellen) Lesenden Personen mit eigenem Willen seien, denen man nicht einfach Literatur aufzwingen könne. Mag das in der Realität auch anders gehandhabt worden sein, in den Quellen werden die Literaturinteressen immer erst einmal akzeptiert, um dann an ihnen zu arbeiten. Selbst, wenn man mit den Bibliotheken Menschen erziehen wollte, wurde es als notwendig angesehen, erst einmal zu wissen, was sie lesen.

Entwicklungen

Die Lesesoziologie entwickelte sich. Auch das wird in den Quellen sichtbar. Je nachdem, was die einzelnen Bibliotheken als ihre Aufgabe ansahen, entwickelte sich auch, was und wie genau gefragt wurde.

Lange Zeit war es üblich, die Aufgabe der Bibliotheken darin zu sehen, die jeweiligen Lesenden zu einer besseren Nutzung von Literatur zu erziehen. Nicht unbedingt als Selbstzweck. Im Diskurs der Lesehallen war zum Beispiel verankert, dass sie helfen sollten, vor allem in den unteren Sozialschichten Menschen, die das Talent dazu hatten und sich selber engagierten, den Aufstieg durch Bildung zu ermöglichen. Das sollte diesen Menschen, aber auch der Gesellschaft im Allgemeinen helfen. Arbeiterbibliotheken sollten dazu beitragen, dass die organisierten Arbeiter*innen in die Lage versetzt würden, eine sozialistische (kommunistische, anarchistische und so weiter) Gesellschaft aufzubauen. Bibliotheken im Nationalsozialismus sollten dazu beitragen, dass sich Menschen ihre angeblich natürlichen Rolle in der „Volksgemeinschaft‟ und „Rasse‟ klar würden. Und so weiter. Lesesoziologie wurde eingesetzt, um den Erfolg solcher Aufgaben zu überprüfen. Borgten die Lesenden im Laufe der Zeit mehr „qualitätsvolle‟ und / oder politisch richtige Literatur aus? Verzichteten sie auf die falsche Literatur (lasen sie beispielsweise mehr sozialkritische Romane und weniger Liebesromane)? Wie wirkte sich die Arbeit der Bibliotheken jeweils darauf aus?

In den späten 1910er, frühen 1920er Jahren änderte sich die Vorstellung davon, wie Lesen funktioniert und was die Aufgabe von Bibliotheken ist. Nicht vollständig, nicht überall, aber doch merklich. Der demokratische Geist der Weimarer Republik und der Ersten Österreichischen Republik zeigte sich auch in den Bibliotheken, obgleich es dort viele konservative Tendenzen gab. Man ging weniger davon aus, dass das Lesen der Menschen gesteuert werden könne, sondern das es eine Lesebiographie gäbe, deren Entwicklung man unterstützen müsse. Das lässt sich auch in den Lesesoziologie nachvollziehen. Immer mehr wird nicht danach gefragt, ob die richtige Literatur gelesen wird, sondern eher danach, welche Wege die Lesenden nehmen. Das Ziel ist oft immer noch, dass sie am Ende die richtige Literatur (was immer das in der jeweiligen Bibliothek ist) gelesen wird. Aber die Lesenden sollen praktisch selber dahinkommen und auf dem Weg dorthin unterstützt werden. Gesteuert, aber selbstbestimmt. (Das erscheint uns heute vielleicht nicht logisch, aber ist wichtig, diese Entwicklung auch als Entwicklung anzusehen. Bibliothekare, und auch die ersten Bibliothekarinnen, machten sich sehr wohl Gedanken über ihre Arbeit und veränderten ihre Vorstellungen. Das war nie eine feste Meinung, die für immer feststand und von allen geteilt wurde.)

Und auch, als sich nach dem Nationalsozialismus (beziehungsweise der Geistigen Landesverteidigung in der Schweiz) und den restaurativen Jahren dann Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre die Auffassung durchsetzte, dass es die Aufgabe der Bibliotheken sei, die Interessen der potentiellen Lesenden zu unterstützen, ihnen Fortbildungsmöglichkeiten und „sinnvolle Freizeitbeschäftigung‟ zu bieten, aber sie auch nicht zu zwingen, wurde dem in der Lesesoziologie gefolgt. Weiterhin wird in diesen Jahren gefragt, was gelesen wird, von wem und warum. Es werden Thesen über die weitere Entwicklung der Literatur aufgestellt, da man davon ausgeht, dass sich gesellschaftliche und technologische Entwicklungen auch darauf niederschlagen werden, was und wie viel gelesen wird. (Stichwort: Mehr Freizeit.)

Auffällig ist auch, dass die jeweilige Lesesoziologie sich mit den Aufgaben der Bibliotheken verbindet. In der DDR gab es beispielsweise immer wieder „parteiliche‟ Auswertungen, in denen aus den gesammelten Daten vor allem die der „Werktätigen und Kollektivbauern‟ herausgehoben wurden. Bekanntlich sollten die gefördert werden, damit sie die sozialistische Gesellschaft aufbauen könnten. (Und dann wären alle in der sozialistischen Gesellschaft, auch die, die nicht gesondert gefördert würden.) Hier verband sich Politik und Bibliotheksarbeit ganz direkt.

Aber, und das ist mir hier wichtig: Die Grundfragen der Lesesoziologie blieben. Was lesen die Leute und warum? Die Studien und Inhalte entwickelten sich mit den Bibliotheken,. Aber die Grundüberzeugung, dass eine sinnvolle Bibliotheksarbeit nur möglich wäre, wenn es Antworten auf diese Frage gibt, wurde die ganze Zeit beibehalten. (Das ist wichtig für die Frage ganz unten, ob sich Lesesoziologie wieder etablieren lässt.)

Gesellschaft und Lesesoziologie

Eine Sache, die in der ganzen Lesesoziologie auffällt, ist, dass sie immer einen Blick auf die Gesellschaft hatte. Egal, wer die Studien betrieb, egal in welchem Jahrzehnt oder für welchen Bibliothekstyp: Es gab immer ein klares Verständnis davon, dass die soziale Schicht und die konkreten sozialen Umstände, aus denen die betreffenden Lesenden kamen, eine grosse Bedeutung für die jeweilige Lesebiographie hatten. Sowohl dafür, was gelesen wurde als auch dafür, was als sinnvolle Lektüre galt. Nicht nur Arbeiterbibliotheken – bei denen das zu erwarten war, immerhin waren sie Teil einer marxistischen Bewegung – gingen davon aus, dass verschiedene soziale Schichten einen unterschiedlichen Zugang zum Lesen hatten, sondern praktisch alle taten dies. Sicherlich betonten andere Bibliotheken mehr die individuellen Entscheidungen der Lesenden. Aber praktisch galt immer:

  1. Prinzipiell können alle Menschen lernen, alle Literatur lesen.
  2. Menschen in verschiedenen sozialen Schichten haben unterschiedliche Möglichkeiten dazu. Deshalb ist es wichtig, nach den sozialen Umständen zu fragen.

Oft wurde zum Beispiel betont, dass Arbeiter*innen gar nicht so viel Zeit hätten, um sich umfassende literarische Kenntnisse anzueignen. Oder das der Alltag von Bäuer*innen durch die „Zeitläufe der Natur‟ geprägt sei und somit auch die Anregungen zur Beschäftigung mit Literatur andere wären als die der städtischen Mittelschicht. Das galt auch für Bibliotheken, die zum Beispiel einen „sozialen Ausgleich‟ im Ständestaat unterstützen sollten. Nicht nur für solche, die in Kategorien des Klassenkampfes dachten.

So oder so: Es war ein soziologisches Verständnis von Gesellschaft, das hinter der Lesesoziologie stand. Soziologisch in dem Sinne, dass die Gesellschaft begriffen wurde als in verschiedene soziale Schichten eingeteilt und dass die Literaturinteressen als von den sozialen Umständen dieser Schichten bedingt gedacht wurde (nicht determiniert, immer galt es auch die individuellen Interessen zu beachten). Deshalb zum Beispiel wurde intensiv diskutiert (in den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen), ob der Zuwachs an Freizeit für Arbeiter*innen in Fabriken in den 1950er / 1960er Jahren zu anderen Leseinteressen dieser Schicht führen würden: Weil sich deren soziale Umstände veränderten.

Vom Verschwinden der Lesesoziologie

Heute gibt es, pauschal gesagt, keine Lesesoziologie mehr. Vor allem nicht mehr als Teil bibliothekarischer Arbeit. Sie kommt in der Ausbildung nicht vor. Sie kommt bei der Festlegung der Bestandsstrategien nicht vor und sie wird auch nicht bei den strategischen Prozessen von Bibliotheken benutzt. Wann ist das passiert und wieso?

Wie oben gesagt: Genau lässt sich das nicht sagen. Es scheint eher, als sei diese Tradition ausgelaufen. Wie so oft bei öffentlichen Bibliotheken scheint sich diese Veränderung in den 1970er zu vollziehen. Spätestens in den 1980er Jahren scheint die Tradition mehr oder minder „tot‟ gewesen zu sein. Sie taucht in den bibliothekarischen Publikationen nicht mehr auf.

Ist sie von etwas anderem ersetzt worden? Auffällig ist, dass, als diese Tradition verschwindet, das Konzept und der Begriff des „Kunden‟ (heute selbstverständlich auch „Kund*innen‟) auftaucht. Die Leute, die die Bibliothek nutzen, werden nicht mehr als Lesende, Benutzer*innen und so weiter verstanden, sondern als Kund*innen. Auch das nicht sofort, nicht vollständig. Aber wenn man ein Datum setzen will, dann wäre der Beginn des Engagements der Bertelsmann-Stiftung im deutschen Bibliothekswesen 1985 ein guter Termin. Das würde zeitlich passen. (Aber nicht erklären, warum es in Österreich, der Schweiz und auch der DDR mit dieser Tradition gerade dann vorbei zu sein scheint. Man kann das Engagement der Stiftung vielleicht als Katalysator einer Entwicklung, die auch so stattgefunden hätte, interpretieren.)

Was diesen Begriff unter anderem auszeichnet ist, dass die Menschen als einzelne Individuen begriffen werden, die eigne Interessen ausprägen. Soziale Unterschiede werden dabei eingeebnet: Warum die Individuen ihre Interessen ausprägen, warum sie das mögen und das nicht, wird als grundsätzlich egal angesehen. Sie werden Atomisiert. Es wird bei Kund*innen eher nach Trends gefragt, die sich entwickeln und auf die man reagieren müsste und nicht mehr nach sozialen Umständen, welche die Trends hervorbringen. Zumindest als These lässt sich aufstellen, dass die Lesesoziologie mit ihrem Fokus darauf, warum Menschen was lesen, nicht in ein solches Denken passt. Wenn die gesellschaftlichen Umstände die Literaturinteressen mitbestimmen, kann man sie nicht als Kund*innen verstehen. Die Fragen der Lesesoziologie passen nicht zum neoliberalen Denken.

Aber das kann nicht die ganze Erklärung sein: Das Wahrnehmen von Menschen als atomisierte Individuen, und nicht als geprägt von sozialen Schichten, muss überzeugt haben. Sonst wäre es nicht so angenommen worden. Und die Lesesoziologie – die, dass muss man erwähnen, oft zeigte, dass die Anstrengungen der Bibliotheken wenig Einfluss auf das Leseverhalten hatten – mussten weniger überzeugt haben.

Should we revive Lesesoziologie?

Bibliotheken heute wissen überhaupt nicht, welche Menschen aus welchen sozialen Schichten welche Literatur (oder welche anderen Medienformen) bevorzugen. Sie wissen nicht, ob sich das Interesse an bestimmten Medien, Genres und so weiter grob an sozialen Schichten orientiert oder nicht. Wenn überhaupt, dann wird gefragt, ob bestimmte Altersstufen und das Interesse an bestimmten Medien zusammenhängt. (Vor allem bei Kindern und Jugendlichen, nicht bei anderen Altersgruppen.2)

Die Lesesoziologie basierte auf der Annahme, dass man wissen müssen, was Menschen lesen und warum, um überhaupt den Bestand und die restlichen Aktivitäten der Bibliothek sinnvoll planen zu können. Das war keine falsche Überzeugung. Heute hingegen scheinen die meisten Entscheidungen von Bibliotheken über den Bestand und über die Angebote der Bibliothek auf kaum fundierten Vorstellen, Behauptungen und Hoffnungen (die sich halt auch oft zerschlagen) aufzubauen. Dadurch, dass die Tradition der Lesesoziologie aufgegeben wurde, haben sich Bibliotheken (gewiss ungewollt) eher in die Hände von meinungsstarken Einzelpersonen begeben. Sie sind dadurch strukturell dümmer geworden (im Sinne von: Sie wussten früher mehr).

Eventuell ist ein Grund dafür, dass sie ihre strategischen Entscheidungen mehr und mehr nicht an Medien, sondern an Angeboten, die weniger mit Medien zu tun haben, ausrichten, der, dass sie sich kaum noch Daten darüber erarbeiten, was Menschen eigentlich alles mit Medien machen. Die Abwertung der konkreten Mediennutzung (also dem lautstark thematisieren Interesse am Lesen und ähnlichen Aktivitäten) im bibliothekarischen Diskurs scheint auch mit dem Niedergang der Lesesoziologie einigermassen parallel zu laufen.

Deshalb drängt sich Frage auf (auch, weil die These vom Ende des Neoliberalismus in unseren Gesellschaften in der Luft hängt), ob es sinnvoll und möglich wäre, die Lesesoziologie wiederzubeleben. Sollte man Bibliotheken raten, sich wieder Studien darüber zuzuwenden, was und warum ihre potentiellen Nutzer*innen lesen?

Ja, aber der Zeit und unserem Wissen über die Medienrezeption angepasst. Es ist offensichtlich, dass in den letzten Jahrzehnten, in denen Bibliotheken versucht haben, Angebote neben der „reinen Mediennutzung‟ aufzubauen, die Nutzung der Medien – und vor allem immer noch das Lesen von ausgeborgten, gedruckten Büchern – weiterhin die Hauptaktivität in Bibliotheken geblieben ist. Das ist nie weggegangen. Deshalb sollte man auch wieder anfangen, Daten über diese Aktivitäten zu erheben und für die bibliothekarische Arbeit zu verwenden.

Wie oben diskutiert wurde die Lesesoziologie immer im Rahmen dessen durchgeführt, wie die Bibliotheken jeweils ihre Aufgaben definierten. Lesesoziologie ist also wandelbar. Was wäre heute anders?

  1. Sicherlich würde man heute die verschiedenen Medienformen, die in Bibliotheken vorhanden sind, integrieren. Das wäre keine Innovation. Als in Bibliotheken Angebote an Zeitschriften und Zeitungen aufgebaut wurden, wurden auch sie in die lesesoziologischen Befragungen integriert. (Sie würde dann vielleicht auch anders heissen. Aber Lesesoziologie ist ja, wie oben dargestellt, eh nur der Begriff, den ich gewählt habe. Insoweit wäre auch das kein Problem.)
  2. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert herrschte eine recht direkte Vorstellung davon, wie Literaturrezeption funktioniert vor. Man ging davon aus, dass man aus dem Text selber herauslesen konnte, wie dieser auf die Lesenden wirken würde. Literatur würde praktisch eins zu eins interpretiert, Romane praktisch als Abbildung der Realität gelesen (und damit zum Beispiel falsche Vorstellungen vermitteln oder aber gerade ungewohnte Einblicke ermöglichen). Das stimmt selbstverständlich nicht. Die Literaturwissenschaft (oder auch die Filmwissenschaft, die Musikwissenschaft und so weiter) haben komplexere Rezeptionsmodelle erarbeitet und auch empirisch untermauert. Wir wissen zum Beispiel heute, dass Lesende jeweils mitbestimmen, wie ein Medium wahrgenommen wird und das Bedeutung eines Textes (Films, Musikstücks und so weiter) von diesen bei der Rezeption co-produziert wird.3 Solche Rezeptionsmodelle müssten sinnvoll in die Lesesoziologie integriert werden.
  3. Es gibt heute mehr Forschungseinrichtungen um Bibliotheken drumherum als früher. All die Fachhochschulen, aber auch mietbaren freien Forschungsinstitute wären wohl in der Lage, lesesoziologische Untersuchungen durchzuführen. Aber: Die Stärke der Lesesoziologie war, dass sie direkt von Bibliotheken durchgeführt und dann wohl auch eher genutzt wurde. Nur Daten über die Mediennutzung zu erheben, verändert die Bibliotheksarbeit noch nicht. (Es gibt ja zum Beispiel regelmässige Studien zur Nutzung digitaler Medien. Wie werden die den genutzt.) Wenn Bibliotheken solche Studien durchführen, müssen sie sich selber klar werden, was sie eigentlich wieso und wie fragen, auswerten und so weiter. Das ist es, was wiederbelebt werden sollte.

Was sich allerdings ändern würde durch eine solche „neue Lesesoziologie‟ wäre wohl, dass einige in den letzten Jahrzehnten liebgewonnene Vorstellungen über Bibliotheken aufgegeben werden müssten: Es würde sich zeigen (weil sich das in anderen soziologischen Studien auch immer wieder zeigt), dass sich die Interessen an bestimmten Medien, Genres, Inhalten und so weiter stark an den sozialen Schichten anlehnen. Die Grundvorstellung, dass es in unseren Gesellschaften nur „Kund*innen‟ gäbe, müsste aufgegeben werden. Ausserdem würde sich wohl zeigen, dass es weiterhin die Mediennutzung ist, welche die meisten Besuche von Bibliotheken motiviert. Es ist seit den 1980ern normal geworden, zu behaupten, Bibliotheken müssten sich auf andere Angebote konzentrieren (heute Makerspaces, aber auch das ist nicht neu, sondern eine Tradition). Es würde sich wohl zeigen, dass diese Behauptungen argumentativ davon profitieren, dass sie kaum empirisch überprüft werden. Wie gesagt zeigte sich in den lesesoziologischen Untersuchungen oft, dass die Bemühungen der Bibliotheken mit spezifischen Angeboten, Beratungen, Lenkungsversuchen und so weiter die Lesenden zu beeinflussen, immer nur geringe Effekte hatten,. Immer kamen Menschen vor allem, um das zu lesen was sie interessierte. Wenn sich also in neuen lesesoziologischen Untersuchungen zeigen würde, dass das auch heute gilt, wäre das nur gut. Es würde die Bibliotheksarbeit erden.

 

Fussnoten

1 In meinem Artikel zu Arbeiterbibliotheken in der vorletzten LIBREAS habe ich auch Beispiele angeführt, wo solche Studien zu polemischen Zwecken genutzt wurden. Zum Beispiel Abbildung 4 und 5, wo die Arbeiterbibliotheken Wiens anführen, welche Autor*innen und welche Arten von Beständen bei Ihnen ausgeliehen wurden, um zu zeigen, dass sie die Kultur der Arbeiter fördern würden. (Schuldt, Karsten (2019). „Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts‟. In: LIBREAS. Library Ideas 35 (2019), https://libreas.eu/ausgabe35/schuldt/).

2 Es gab auch die kurze Zeit, wo einige Bibliotheken auf den antifeministischen Zug aufzuspringen versuchten und angebliche „Literatur für Jungen‟ anbieten wollten. Das ist zum Glück untergegangen, wohl auch weil die Vorstellungen davon, was „Jungenliteratur‟ sein soll, auf keinen Daten – sondern auf hinterwäldlerischen und antifeministischen Annahmen – beruhte.

3 Das wäre übrigens die „richtige‟ Verwendung von „co-produziert‟ (richtig im Sinne von: hierfür gibt es einen Definition). Ich weiss, dass Bibliotheken diesen Begriff aktuell auch benutzen, aber mir ist nicht klar, was sie damit meinen. Offenbar nicht das.

Begründungen für die Bibliotheksentwicklung: Wie stark sind sie mit der tatsächlichen Bibliotheksarbeit verbunden?

Eine Sache, die mich umtreibt, ist der Zusammenhang zwischen den Gründen, die dafür genannt werden, warum sich Bibliotheken ändern müssten (zum Beispiel in der bibliothekarischen Literatur, Konferenzbeiträgen oder Bibliotheksstrategien) auf der einen Seite und der Bibliotheksarbeit, die dann tatsächlich geleistet wird auf der anderen Seite. Mir scheint sehr einfach zu zeigen zu sein, dass es da ein Missverhältnis gibt: Das, was in den Bibliotheken tatsächlich gemacht, geändert, gearbeitet wird, scheint immer wieder nicht wirklich mit dem zusammenzubringen zu sein, wieso dafür argumentiert wurde, etwas zu ändern (oder, viel seltener, etwas zu lassen wie es ist).

Behauptungen über die PISA-Studien und die Digitalisierung

Aufgefallen ist mir das wieder einmal, als letztens (03.12.2019) die neue PISA-Studie erschien und im Bibliothekswesen darauf schnell reagiert wurde. Zum Beispiel wurde behauptet: „Schulbibliotheken spielen eine große Rolle in Sachen #Bildung und #Lesekompetenz, das zeigte die aktuelle #PISA-Studie.”1 Der Deutsche Bibliotheksverband postulierte in einer direkt einen Tag nach der Veröffentlichung der Ergebnisse publizierten Erklärung, die Studie hätte gezeigt, dass man Lesen früh fördern müsse und schliesst daraus, dass deshalb die Zusammenarbeit von Schulen und Bibliotheken gefördert werden müsse.2

Das steht alles in der Studie nicht drin. (Das lässt die Methodik gar nicht zu.) Es ist auch nur ein Reflex, der jedesmal nach dem Erscheinen der PISA-Studie, also alle drei Jahre, einmal angeregt wird. In früheren Runden war das alles viel massiver, die Behauptungen und Forderungen grösser, die Nachwirkung länger. Seit einigen Runde werden die PISA-Studien in der bibliothekarischen Diskussion (und nicht nur da) nach ein paar Wochen praktisch wieder vergessen.

Aber es erinnerte mich daran, wie es bei den ersten PISA-Studien war: Die Behauptungen waren die gleichen, aber Bibliotheken machten sich länger Gedanken dazu, was es den heisst, das Lesen langfristig zu fördern etc. Was dann aber in den Bibliotheken tatsächlich gemacht wurde, hatte wenig mit den Erkenntnissen aus den Studien selber zu tun. Mich hat damals schon irritiert, wie man eine Studie zitieren kann, die eindeutig zeigt, dass der Lernerfolg in der Schule (um den es in den PISA-Studien geht) sozialen Strukturen folgt, also mit der sozialen Herkunft der Kinder und Jugendlichen verbunden ist, und daraus dann zu schlussfolgern, dass man mehr Leseförderung für alle anbieten müsse. Und dann vor allem solche machte, die gerade nicht darauf abzielt, soziale Ungleichheiten zumindest auszugleichen, sondern stattdessen nicht mehr über diese Strukturen redet.3

Jetzt bin ich älter und habe mehr Erfahrungen mit dem Bibliothekswesen. Und während ich es immer noch falsch finde, sich auf die PISA-Studien zu berufen, ohne sie offenbar gelesen zu haben,4 erkenne ich eine Struktur: Das, was zur Begründung für Bibliotheken und Veränderungen von / in Bibliotheken angeführt wird und das, was dann passiert, ist nicht einfach aufeinander zu beziehen.

Ein anderes Beispiel ist das Phänomen, dass heute in vielen, vielen, vielen Bibliotheksstrategien steht, dass diese auf die Digitalisierung reagieren wollen. Und zwar mit dem, was Bibliotheken als „3. Ort” beschreiben: Veranstaltungen, „erhöhte Aufenthaltsqualität”, Bibliothekscafé usw. Manchmal Makerspaces. Das ist kein richtiger Zusammenhang. Was hat Digitalisierung mit Cafés und Aufenthaltsqualität zu tun? Gewiss, man kann Zusammenhänge konstruieren (Digitalisierung heisst das mehr Menschen mehr Einsam sind, deshalb müssen Bibliotheken Veranstaltungen machen, damit Menschen sich treffen können. So in etwa.), aber das wird in den Bibliotheksstrategien im Allgemeinen nicht gemacht.5

Bibliotheksgeschichte: Begründungen für Bibliotheksentwicklung in der DDR

Im Rahmen meines Quest, anhand zeitgenössischer Quellen in die moderne Geschichte der Bibliotheken im DACH-Raum einzutauchen, lese ich gerade die Reihe „Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit” (still ongoing) des Zentralinstitut für Bibliothekswesen, welches in der DDR für Forschung und „Anleitung” der allgemeinbildenden Bibliotheken (also der Öffentlichen Bibliotheken) zuständig war. Die Reihe erschien von Anfang der 1970er bis 1989.

In vielen Nummern dieser Reihe scheint mir eine ähnliche Struktur zu finden zu sein: Es wird erst ein Begründung für eine Veränderung angegeben, dann aber etwas gemacht, dass sich nicht ganz aus der Begründung selber ergibt. Zumindest nicht direkt. An diesen Beispielen kann man ganz gut sehen, wie diese Struktur aussieht. Das ist auch ungefährlicher, als über den 3. Ort oder die PISA-Studien zu diskutieren, weil die DDR und ihr Bibliothekswesen Geschichte ist und niemand (kaum jemand) mehr einen Einsatz in diesem Spiel hat.

Wer sich also die Struktur einmal ohne grosse Emotionen anschauen will, dem würde ich empfehlen, das in den im folgenden besprochenen Publikationen zu tun.

Strategie 1: Dialektik

1974 publizierte das Zentralinstitut den Vorschlag für die Gründung „Wissenschaftlicher Allgemeinbibliotheken in den Bezirken” [WAB(B)], die als – so die Behauptung – neuer, sozialistischer Bibliothekstyp das Bibliothekswesen verändern sollten. (WAB(B) 1974) Es ging also direkt um Veränderung des Bestehenden.

Die WAB(B) sollten an der Spitze des Öffentlichen Bibliothekswesens des jeweiligen Bezirkes (also der mittleren staatlichen Ebene) stehen, den sogenannten „Spitzenbedarf” an Bestand abdecken (beispielsweise die spezielle wissenschaftliche Literatur, die zur Verfügung stehen, aber nicht in den anderen Bibliotheken angeschafft werden sollte, weil sie so speziell sei) und fachliche Anleitung für die anderen Bibliotheken im Bezirk bieten. Ob das sinnvoll war, warum es angestrebt wurde, wie die Bibliotheken (die dann wirklich eingerichtet wurden) tatsächlich wirkten: Das ist hier erstmal egal. Was interessiert, ist, wie es begründet wurde.

Die WAB(B) würden „dialektisch die besten Traditionen […] der allgemeinen öffentlichen Bibliotheken und der wissenschaftlichen Allgemeinbibliotheken [aufnehmen]” (WAB(B) 1974:10). Das ist eigentlich auch die Argumentation, die man in einer marxistisch orientierten Gesellschaft erwarten würde6: Die Dialektik ermöglicht den Fortschritt. Das ist bekanntlich das Denkmodell, welches von Marx und Engels von Hegel übernommen und auf die Gesellschaft übertragen wurde. Es entstehen durch ökonomischen und anderen Fortschritt gesellschaftliche Widersprüche, die werden dialektisch mit einer neuen Lösung in einer nächsten Ebene überwunden. (Und da entstehen neue Widersprüche, die wieder dialektisch gelöst werden müssen.) So ungefähr.

Ganz nachvollziehbar ist diese Argumentation am Ende nicht. Was ist das Problem beziehungsweise der Widerspruch, welcher durch die WAB(B) dialektisch gelöst wird? Das wird nicht klar. Was ist die nächste Ebene, die WAB(B) anzeigen? Auch das wird nicht diskutiert. Es wird behauptet, dass sie ein neuer Bibliothekstyp seien – und weil dieser in einer sozialistischen Gesellschaft eingerichtet würde, seien sie auch ein sozialistischer Bibliothekstyp. Haben die WAB(B) diesen Anspruch später eingelöst? Das lässt sich auch nicht so richtig sagen, weil dieser Anspruch nicht so richtig zu bestimmen ist. Sie fungierten als neue Zentren im Netz der Bibliotheken, dass immerhin.

Aber: Wir sehen hier eine der akzeptierten Begründungen für gesellschaftliche Veränderung, welche in der DDR akzeptiert war. Dialektik ist Teil des „wissenschaftlichen Sozialismus”, insoweit kann man mit ihm Veränderung begründen.

Strategie 2: Hinweise

In der zuerst 1970 zum 100. Geburtstag Lenins erschienen Arbeit zu „Sowjetischen Massenbibliotheken” zeigt Hanna Spiegel (Spiegel 1974) eine andere Argumentationsstrategie: Sie behauptet, dass sich das Sowjetische Bibliothekswesen aus „Hinweisen” und Anweisungen Lenins ergeben hätte.

Ganz explizit bespricht sie, wann Lenin was über Bibliotheken gesagt hätte und wie das dann später interpretiert wurde, damit daraus das Öffentliche Bibliothekswesen der Sowjetunion entstand. Es kommen die bekannten (?) positiven Äusserungen Lenins zur New York Public Library, zum britischen und schweizerischen Bibliothekswesen ebenso vor, wie seine Anweisungen bezüglich Bibliotheken gleich nach der Oktoberrevolution. Laut Spiegel hätte sich aus diesen, eher kurzen, Bemerkungen das System der Bibliotheken ergeben, wie sie 1970 in der Sowjetunion bestanden. (Das ist selbstverständlich absurd, weil sie unterstellt, Lenin hätte ein System bei diesen Äusserungen gehabt, obwohl es oft viel eher Gelegenheitsarbeiten waren oder kurze Äusserungen.7)

Sie beschreibt das als Schritte: Lenin hätte quasi schon in seinen Äusserungen in den 1910er und 1920er Jahren beschrieben, dass die Bibliotheken verbreitet, für die Bevölkerung offen, im System organisiert und so weiter sein müssten, die r;alen Bibliotheken hätten sich dem dann immer mehr angenähert. Das Buch liest sich als Beschreibung der Schritte. Immer wieder gehen die Bibliotheken daran, besser zu werden. Immer wieder entdeckt man, dass sie noch nicht genügend als gemeinsames Netz arbeiten. Immer wieder wird deshalb neu, besser, systematischer zentralisiert. Aber immer auf der Basis, dass Lenin einst erwähnte, dass es sinnvoll wäre, wenn sie als Netz organisiert werden.

Man könnte vermuten, dass diese Argumentation mit dem 100. Geburtstag zusammenhängt, aber sie ist in dieser Arbeit nur expliziter als sonst ausgebreitet. Sie war etabliert. Sühnhold und Schurzig (1971) zum Beispiel begründen die Notwendigkeit ihrer Arbeit zur „Rationalisierung der Arbeitsorganisation in zentralen Einarbeitungsstellen” damit, dass es im Rahmen des VIII. SED-Parteitages „Hinweise” gegeben und die Aufgabe „hervorgehoben wurde” (Sühnhold & Schurzig 1971:5) die Rationalisierung der gesellschaftlicher Produktion voranzutreiben. Auch hier wird der Verweis auf ein Proxy benutzt, um nicht selber dialektisch zu argumentieren, sondern praktisch Äusserungen derer, deren Aufgabe es sei, dialektisch voranzudenken (Lenin, SED) diese Arbeit machen zu lassen und dann diese Äusserungen „auszuwerten”, zu interpretieren und als Arbeitsanweisung zu verstehen.

Dies war eine zweite akzeptierte Möglichkeit, Veränderungen zu begründen: Das Berufen auf die richtigen Quellen (Personen, Institutionen) und die Interpretation ihrer Aussagen. Selbstverständlich ist das auch keine einfache Strategie – man muss trotzdem wählen, was eine akzeptierte Quelle ist und interpretieren, was deren Aussagen meinen. [Ist das überhaupt ein dialektisches Vorgehen? Selbstverständlich nicht. Aber es hat ja auch niemand gesagt, dass die DDR und das Argumentieren in ihr widerspruchsfrei war. Das ist nicht das Thema. Das Thema ist, dass diese Form von Begründung akzeptiert war.]8

Hat Lenin wirklich 1918 das Bibliothekssystem, wie es 1970 in der Sowjetunion bestand, vorhergesehen und in seinen Schriften Hinweise darauf versteckt? Bestimmt nicht. Aber die Arbeit von Spiegel (1974) zeigt, dass es möglich war, mit dieser Begründung bestimmte Entwicklungen durchzuführen.

Strategie 3: Erst begründen, dann ignorieren.

Eine dritte Strategie wählte Hans Boden in der Studie dazu, wie sich Nutzer*innen („Benutzer”) in der Freihandbibliothek verhalten. (Boden 1976. „Seine” Studie wäre falsch gesagt. Er leitet Studierende zu Forschungen an und fasste die Ergebnisse dann zusammen.) Die Publikation hat ihre 200 Seiten. In den ersten („Einleitung” und „Theoretische Grundlagen der Benutzerforschung”) leitet Boden den Zusammenhang von Nutzung und Bibliothek als Institution marxistisch – wieder so, wie das in der DDR verstanden wurde – her: Dialektisch, Beachtung der Wechselwirkung von gesellschaftlicher Entwicklung und Benutzung, Verhältnis von Selbstständigkeit und Lenkung, all das.

Und dann, nach diesen Abschnitten, setzt er nochmal an und stellt die „Kommunikationstheorie” vor, die sich bei ihm sehr wie die theoretischen Arbeiten der „bürgerlichen” Informationswissenschaft lesen. Nur mit anderen Grundlagenwerken, auf die verwiesen wird, und der Behauptung, dass die Theorie Teil der theoretischen Entwicklung im Marxismus sei, weil sie helfen würde, die Benutzung der Bibliothek zu erfassen, zu beschreiben und dann im grösseren theoretischen Modell – welches er gerade beschrieben hätte – einzuordnen. Anschliessend, im längsten Teil der Publikation, folgen empirische Ergebnisse, die am Ende mit Hilfe der „Kommunikationstheorie” interpretiert werden.

Müsste dann nicht noch ein Schritt folgen, also die Verortung der interpretieren Ergebnisse in die marxistische Analyse der Bibliotheksbenutzung? Die findet sich nirgends. Die Studie ignoriert diesen ganzen ersten Abschnitt einfach. Nicht nur am Ende, sondern in der gesamten Publikation findet sich keine Rückgriff mehr auf diese lange Darstellung. Wozu war sie dann da? (Sie war da, damit die Studie erscheinen konnte. Man darf nie die Umstände verkennen, unter denen solche Texte publiziert wurden. Heute wäre das aber eine richtige Frage an einen Text: Warum so ein lange Begründung schreiben, wenn am Ende eine zweite Theorie eingeführt und benutzt wird?)

Wo ist der Zusammenhang?

In einer logisch organisierten Welt wäre es so, dass aus den Begründungen für bestimmte Entwicklungen von Institutionen sich auch etwas ergibt, was sich auf diese Begründungen bezieht. Die Begründung sollte nachvollziehbar, begründet und logisch sein – und so überzeugen; aus ihnen sollten sich dann logisch nachvollziehbare Veränderungen ergeben. Das ist nicht der Fall. Die drei Strategien aus der DDR, Veränderungen zu begründen, zeigen dies. Solange man bei ihnen am Text bleibt, gilt: Es ist nicht nachvollziehbar, warum gerade WAB(B) sich dialektisch als Lösung anbieten. Es ist nicht klar, warum sich aus Lenins „Hinweisen” gerade das Bibliothekssystem ergab, das es dann gab (oder aus den „Hinweisen” vom SED-Parteitag gerade die eine Untersuchung von Rationalisierung bei der Buchbearbeitung). Es ist nicht nachvollziehbar, warum eine theoretische Herleitung zur Benutzung von Bibliotheken geliefert wird, wenn sich später nicht mehr darauf zurück bezogen wird.

Zu vermuten ist, dass die Struktur ähnlich auch für heute genutzt Begründungen gilt. Sicherlich: Einiges an den Widersprüchen in den genannten Texten lässt sich aus den Zwängen in der DDR erklären – keine akzeptable Begründung hiess damals keine Publikation. Aber es ist Zufall, dass ich gerade diese drei Begründungsstrategien so schnell hintereinander gelesen habe. Das ist nur Ergebnis meines zumindest etwas strukturierten Vorgehens, Reihen nacheinander zu lesen. Es gibt ähnliche Phänomene die ganzen Jahre des modernen Bibliothekswesens hindurch.

Die Welt (des Bibliothekswesens) ist offenbar nicht logisch strukturiert. Die Begründungen und die dann tatsächlich durchgeführte Bibliotheksarbeit haben keinen direkten Zusammenhang, sondern entweder einen indirekten oder manchmal auch gar keinen. Was der Blick zurück in die Geschichte zu klären hilft, ist, darauf hinzuweisen, worauf man achten kann oder sollte, wenn man sich mit diesem Zusammenhang beschäftigt. (Was kein rein intellektuelles Spiel ist, sondern sich zum Beispiel immer wieder auch als Problem stellt, wenn Bibliotheken versuchen, aus den Begründungen, die in anderen bibliothekarischen Texten geliefert werden, konkrete Arbeitsschritte herzuleiten.)

  • Sollte man die Begründungen vor allem als Rhetorik begreifen? Wenn ja: Wozu werden sie dann eingesetzt? Wer will mit ihnen was erreichen? Und was wird erreicht? Nehmen auch alle anderen die nur als Rhetorik wahr? (Das würde zum Beispiel nicht erklären, warum sie sich zum Teil weitflächig durchsetzen.)

  • Oder sollte man an sie die Forderung stellen, dass Begründungen für Veränderungen nachvollziehbar, begründet und logisch sind – und wenn nicht, sie dann ablehnen? Sollten sie also „wahr” sein müssen? Sollte man zum Beispiel vom Bibliotheksverband fordern, Studien erst zu lesen, bevor sich zu ihnen inhaltlich geäussert wird? Oder von begeisterten Redner*innen auf Konferenzen und von Berater*innen fordern, dass sie zeigen, dass die behaupteten Entwicklungen überhaupt stattfinden? Wenn nicht, was sagt das dann über solche Begründungen?

  • Ist das eine Struktur, die man vielleicht hinnehmen – aber dann reflektiert – muss oder macht hier wer Fehler? Wer? Welche? Ist es zum Beispiel ein Fehler, dass die Begründungen nicht wahr sind – oder ist es ein Fehler, das zu fordern? Wissen die Personen, welche Begründungen für Bibliotheksentwicklung liefern, dass diese oft nicht mit der dann später geleisteten Arbeit, die sich diese Begründungen bezogen wird, übereinstimmen? Streben sie das an und scheitern daran?

  • Sollte man vielleicht aufgeben, diesen Begründungen zu glauben und sie als reines (vielleicht mal durch die Umstände erzwungen, mal zynisch eingesetztes) Spiel verstehen? Als wirkungslos? Was würde das dann heissen?

Für das Nachdenken über Bibliotheksentwicklung heisst das aber erstmal, dass man die Begründungen nicht direkt als Aussagen interpretieren kann, die direkt in der Bibliotheksarbeit umgesetzt werden. Man kann aus ihnen wohl eher ableiten, was Bibliotheken über sich selber und ihre Umwelt denken. (Eher als Diskurs, der eine Wirkung hat – wie jeder Diskurs – aber eben keine eins zu eins-Beziehung.)

Das macht es selbstverständlich schwieriger – nicht nur historisch, sondern auch in der „praxisorientierten Forschung”, die gerne gefordert wird – über Bibliotheksentwicklung nachzudenken. Es zeigt zum Beispiel, dass man nicht einfach Einfluss in der Bibliothek haben kann, nur weil man den Diskurs ändert / kritisiert. (Was dann zumindest Hoffnung macht, dass bestimmte, eher absonderliche Behauptungen, die als Begründung für Veränderungen genutzt werden, wenig oder keinen Einfluss auf die Bibliotheken hat, bevor er dann wieder durch neue Begründungen abgelöst wird.)

Literatur

Boden, Hans (1976). „Kommunikation in der Freihandausleihe. Eine theoretisch-empirische Studie zur Ausleihmethodik”. – [Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit; 21] – Berlin: Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1976

Deutscher Bibliotheksverband (2019). „PISA-Studie 2018. Leseförderung muss höchste Priorität bekommen: Pressemitteilung des dbv”. https://www.bibliotheksverband.de/dbv/presse/presse-details/archive/2019/december/article/pisa-studie-2018-lesefoerderung-muss-hoechste-prioritaet-bekommen.html?tx_ttnews[day]=04&cHash=2f5c1a17a638c25aaa1477384e17c343

Krupskaja, Nadežda (1956). „Was Lenin über die Bibliotheken schrieb und sagte”. Leipzig : VEB Verlag für Buch- und Bibliothekswesen, 1956

Spiegel, Hanna (1974). „Die Entwicklung der sowjetischen Massenbibliotheken unter besonderer Berücksichtigung der Neuordnung und Zentralisierung ihres Netzes”. – [Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit; 15] – Berlin: Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1974

Sühnhold, Karl Heinz; Schurzig, Edith (1971). „Rationalisierung der Arbeitsorganisation in zentralen Einarbeitungsstellen: Ergebnisse einer Untersuchung in Stadt- und Kreisbibliotheken”. – [Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit; 8] – Berlin: Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1971

[WAB(B) 1974] „Zur Entwicklung Wissenschaftlicher Allgemeinbibliotheken in den Bezirken – Empfehlungen”. – [Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit; 14] – Berlin: Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1974

 

Fussnoten

2 „Das Potential der Partnerschaft zwischen Bibliotheken und den formalen Bildungsinstitutionen muss erkannt und systematisch gefördert werden. Für den Ausbau und die Intensivierung dieser Partnerschaft bedarf es bildungspolitischer Unterstützung über die Verankerung der Kooperation in den jeweiligen Bildungsplänen der Bundesländer.” (dbv 2019)

3 Was kommt dann wohl raus, wenn man eine soziale Ungleichheit hat, ein Angebot macht, dass das verändern soll, aber gleichzeitig nicht mehr über diese soziale Ungleichheit nachdenkt? Man reproduziert die soziale Ungleichheit. Mindestens. Vielleicht verstärkt man sie auch noch.

4 Mir kann niemand erzählen, im dbv hätte jemand innert eines Tages die Studie gelesen und dann auch gleich eine fundierte Meinung dazu formuliert. Und wie in einer Studie, in deren Ergebnisband (https://doi.org/10.1787/1da50379-de) noch nicht mal das Wort „Bibliothek” vorkommt, gezeigt werden sein soll, dass Schulbibliotheken notwendig wären, muss auch erstmal erklärt werden.

5 Aber sagen Sie sowas nicht in einem Bewerbungsgespräch. Man würde vermuten, Bibliotheken fänden es gut, wenn sie auf so einen Widerspruch aufmerksam macht, weil man damit zeigt, das man tatsächlich über die Begründungen nachdenkt; aber eigentlich schauen dann alle nur betroffen. Für Sie ausprobiert.

6 Zumindest in einer, die Marxismus als „historisch-dialektisch” begreift, was man in der DDR tat. Andere marxistische Traditionen, welche die Geschichtsphilosophie überdachten oder gar gestrichen haben, würden die Dialektik nicht unbedingt so hoch ansetzen. Aber wir sind nicht hier, um über die verschiedenen marxistischen Strömungen zu diskutieren.

7 Es ist wirklich nicht so viel, „was Lenin über die Bibliotheken schrieb und sagte”. Nadežda Krupskaja – die es wissen musste – hat unter diesem Titel eine Sammlung publiziert und die ist wirklich nicht umfangreich. (Krupskaja 1956) Vor allem enthält wenige längere Arbeiten.

8 Nebenbemerkung: Während meines Studiums las ich für ein Seminar zu Literatur in der DDR eine Reihe von in der DDR geschriebenen Promotionen zu Sagen. Sagen standen offenbar unter dem Verdacht, rückständige Literatur zu sein. Aber Engels hatte einmal drei-vier Sätze dazu geschrieben, wie sehr Sagen in Südamerika das Denken der dortigen Bevölkerung spiegel würde und wie wichtig es wäre, dieses Denken zu kennen. Deshalb wurden am Anfang jeder dieser Arbeiten diese Sätze zitiert und dann aus diesen abgeleitet, dass es sich lohnen würde, sich mit Sagen auseinanderzusetzen. Die Argumentationsstrategie war nicht nur in der bibliothekarischen Literatur zu finden.

Wie schnell oder langsam sollen sich Bibliotheken verändern? [Vortragsskript]

Skript zu einem Vortrag auf der Herbsttagung der Bibliothekarinnen und Bibliothekare Graubündens (organisiert von Lesen.GR – KJM Graubünden) am 18.09.2019, Bergün.


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Werte Damen und Herren,

gerne ich möchte heute zu Ihnen über ein Thema sprechen, von dem ich denke, dass es für die Bibliothekspraxis relevant ist, auch wenn es nicht sofort praktisch klingt: Ich möchte gerne diskutieren, wie schnell sich Bibliotheken verändern können und sollen. Dabei geht es mir nicht darum, wie Sie merken werden, Anweisungen zu geben über Veränderungen – das können andere viel besser, selbstbewusster. Stattdessen möchte ich mir mit Ihnen die Realität anschauen, die wir wirklich in Bibliotheken vorfinden und daraus Schlüsse ziehen.

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Das ist meine Agenda. Zuerst möchte ich die jetzige Situation skizzieren, auf die man trifft, wenn man über Veränderungen in Bibliotheken, vor allem Öffentlichen Bibliotheken redet. Das geht sonst oft unbeachtet im Alltag einfach unter, aber ich denke, das Problem, über das ich mit Ihnen nachdenken möchte und die Grundfrage hinter dem Thema wird schnell sichtbar, wenn wir uns einmal diese Skizze anschauen. Wir werden unterschiedliche Positionen vorfinden. Ich möchte dann schauen, ob eine dieser Positionen argumentativ so untermauert werden kann, dass sie als Richtig gelten muss, oder aber – das ist dann eher meine These, wie Sie schon in der Agenda sehen – ob wir es mit einer Struktur zu tun haben, die dem Bibliothekswesen eigen ist. Wir werden uns dabei in einer gewissen Abstraktionsebene bewegen, deshalb werde ich das Ganze anschliessend nochmal an einigen ausgewählten Beispielen besprechen. Ich denke, mit diesen wird die abstrakte Diskussion verständlicher werden. Und zuletzt möchte ich ganz kurz zusammenfassen, was Bibliotheken aus all dem mit in den Alltag nehmen können.

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Schauen wir uns die Situation an. Was passiert, wenn man in Bibliotheken versucht, über Veränderungen zu sprechen?

Sie finden dann immer Kolleginnen und Kollegen, welche mehr oder minder rabiat die Meinung vertreten, dass Bibliotheken sich praktisch gar nicht verändern würden, es aber unbedingt sehr schnell müssten. Bibliothek würden schon lange den Entwicklungen in der Gesellschaft, der Technik, der Pädagogik und so weiter hinterherhinken – und das sei ein Problem. Zudem äussern diese Kolleginnen und Kollegen oft den Eindruck, dass Veränderungen in Bibliotheken oft blockiert und hinterfragt würden, dass sie sich oft sehr alleine bei ihrem Drang nach vorne fühlen und das sie oft den Eindruck haben, dass andere Kolleginnen und Kollegen lieber alles so bleiben lassen würden, wie es ist.

Gleichzeitig – schon, weil dies auch in anderen Bereichen wie der Wirtschaft, oder hier in Bergün, wie wir gerade wieder gehört haben, dem Tourismus,1 gilt – sei es notwendig, dass sich Bibliotheken verändern, sonst würden sie nicht mehr lange bestehen. Das wird mal mit mehr, mal mit weniger Verve vorgetragen.

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Andere Kolleginnen und Kollegen hingegen haben ein anderes Gefühl: Bibliotheken, so ihre Ansicht, würden sich schon ständig verändern, viel zu schnell, viel zu unstet. Sie haben oft eher den Eindruck, dass sie gar keine Ruhe für „normale‟ Arbeit mehr hätten und stattdessen immer aufgefordert würden, noch Mehr, noch Neueres, noch Innovativeres zu tun. Es ist ihnen oft unverständlich, wieso, da vieles von dem, was Bibliotheken tun, zu funktionieren scheint. Wenn die vorher besprochenen Kolleginnen und Kollegen oft das Gefühl zu haben scheinen, dass sie in ihrer Arbeit aufgehalten werden, haben Kolleginnen und Kollegen mit dieser Position oft das Gefühl, dass ihre eigentlich Arbeit nicht wertgeschätzt wird.

Dabei können Sie sich darauf berufen, dass Bibliotheken überhaupt nicht so schnell untergehen, wie das manchmal als Szenario gezeichnet wird. Auch bisherige Veränderungen hätten Bibliotheken gut überstanden.

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Und wieder andere Kolleginnen und Kollegen befinden sich in einer Position zwischen diesen beiden, sagen wir einmal, Extremen. Einerseits verstehen sie, dass Bibliotheken sich verändern müssen, andererseits haben sie auch den Eindruck, dass das passiert. Oft scheinen Veränderungen, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, nicht immer fassbar. Wenn sie darüber nachdenken, können sie Dinge benennen, die sich verändert haben – nicht nur kleine in ihrer eigenen Bibliothek, die auch mal renoviert wurde oder wo der Bestand umgestellt wurde, sondern auch grundsätzliche Dinge. Aber gleichzeitig erinnern sie sich schnell an Hypes, die es auch gab, wo behauptet wurde, dass diese sich bald durchsetzen würden – aber… es dann doch nicht taten. Diese Kolleginnen und Kollegen sind oft etwas unsicher in Bezug auf Veränderungen: Ja, aber wie? Und welche? Welche nicht?

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Das sind, etwas überzeichnet und zusammengefasst, die Positionen, die Sie vorfinden, wenn Sie in Öffentlichen Bibliotheken, zumindest hier in der Schweiz, über Veränderungen reden.2 Ich möchte versuchen zu klären, wer Recht hat. Das ist die erste Aufgabe in diesem Vortrag. Den, wenn wir das sagen können, dann hat das Auswirkungen auf die Bibliotheken.

Dabei, dass möchte ich kurz vorher klären, schaue ich auf die Bibliotheken als Bibliothekswissenschaftler, nicht als Bibliothekar. Das ist – für diese Frage – eine privilegierte Position. Ich muss zum Beispiel nicht im Alltag Entscheidungen treffen darüber, ob eine bestimmte Veränderung umgesetzt wird oder nicht. Ich muss mich auch nicht mit dem Gemeinderat oder so über den Etat auseinandersetzen. Dafür bin ich immer etwas ausserhalb: Ich sehe Veränderungen, Trends, Entwicklungen, Kontinuität in vielen Bibliotheken auf einmal, nicht unbedingt den praktischen Alltag, den Umgang mit den Nutzerinnen und Nutzern. (Und muss dafür andere Entscheidungen treffen, zum Beispiel Noten geben. Aus dem Entscheidtreffen kommt man wohl nicht raus.)

Gleichzeitig habe ich immer, einen etwas historischen Blick auf Bibliotheken. Das werden sie an den Beispielen vielleicht merken. Nicht so sehr auf die alten Bibliotheken im Barock oder so; aber auf die modernen Bibliotheken so ab 1880, 1890, der Industrialisierung, der Moderne. Mich interessieren die Diskussionen und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.

Ich kann schon vorwegnehmen, dass sich unsere Frage wohl nicht mit einem einfach Ja oder Nein beantworten lässt. Aber das ist auch zu erwarten: Die meisten Fragen, wenn man etwas über sie nachdenkt, sind das nicht. Doch auf dem Weg zu unserer komplexeren Antwort werden wir hoffentlich genügend Neues lernen.

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Wie ist die Situation also jetzt? Sie sieht schon stark nach einer Struktur aus, also nach etwas, was nicht die Verantwortung, Schuld etc. einzelner Personen ist, die sich richtig oder falsch verhalten, sondern nach einer Anordnung von Positionen, die sich zu einem System ergänzen.

Zuerst: Die drei Positionen, die ich Ihnen am Anfang genannt habe, laufen im Bibliothekswesen im Alltag gut nebeneinander her, ohne sich gegenseitig aufzuheben, obwohl sie das ja eigentlich inhaltlich tun. Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlichen Positionen können Bibliotheken, zum Teil die gleiche Bibliothek miteinander, betreiben, ohne dass damit die Arbeit dysfunktional wird. Erst dann, wenn es wirklich um Veränderungen geht – und selbst dann nicht immer – kommt es zu Friktionen. Es scheint aber, dass das Bibliothekswesen als Ganzes gut mit diesen unterschiedlichen Positionen leben kann.

Dann ist die Situation aber natürlich unbefriedigend. Kolleginnen und Kollegen sind in dieser Frage oft unsicher: Veränderung, welche Veränderung? Und teilweise, wie wir gesehen haben, fühlen sie sich auch nicht ernst genommen, ausgebremst, zumindest schlecht behandelt. Dabei, dass kann ich Ihnen versichern, wollen eigentlich alle, dass die Bibliothek gut funktioniert. Wenn sie sich nicht darum Gedanken machen würden, was gut ist für die Bibliothek, wären sie nicht so involviert, dass man immer und immer wieder so emotionale Aussagen hören würde. Dann wäre es ihnen wohl viel eher egal. Aber alle wollen etwas Positives für die Bibliothek, alle finden die Situation, wie sie sie jetzt sehen, nicht gut. Das ist unbefriedigend. Aber es ist erinnert auch an viele, viele andere Situationen in unserer heutigen Gesellschaft: Alle verlieren irgendwie ein bisschen, dann funktioniert es.

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Doch gehen wir einmal die drei genannten Positionen durch und schauen wir, ob sich eine davon bestätigen lässt. Das ist jetzt vielleicht, weil ich als Wissenschaftler arbeite und man in der Wissenschaft so vorgeht. Aber es scheint mir sinnvoll, einen solchen Test zu machen. Wenn wir finden, dass eine Position argumentativ oder empirisch gut untermauert ist und die anderen nicht – dann wäre die Frage einfach geklärt. Wir haben aber leider keine Daten, genauer nicht mal ein Modell, um überhaupt zu wissen, welche Daten wir erheben und auswerten könnten. Einfache Empirie geht also nicht. Deshalb müssen wir etwas weiter greifen und fragen, was für oder gegen die jeweilige Position spricht – aber auf der Basis dessen, was wir über die Welt und über Bibliotheken wissen.

***

Also: Zur ersten Position, der, dass sich Bibliotheken schnell ändern müssen. Für diese lässt sich sagen, dass es sehr wohl viele und schnelle Veränderungen gibt, dass sich Bibliotheken heute in einem sehr, sehr anderen gesellschaftlichen, technischen, medialen Umfeld befinden, als vor zehn oder 20 oder 30 Jahren. Ich hab ihnen ein paar zusammengetragen: Ihr Smartphone, das hat sich rabiat schnell entwickelt und ist heute Teil ihres, unseres Lebens, kam aber erst vor knapp zehn Jahren wirklich auf. Der Lehrplan 213 hat innerhalb kurzer Zeit das Reden und Denken darüber, wie Schulen funktionieren, was und wie sie lehren sollen, verändert. Diese Fokussierung auf Kompetenzen, die jetzt in den Schulen umgesetzt werden soll, die Veränderung dessen, was von den Lehrpersonen erwartet wird – beispielsweise die Zusammenarbeit mit den Eltern – hat sich in der Schweiz in erstaunlich wenigen Jahren schnell verschoben. Und aktuell können wir uns garantiert darauf einigen, egal wie Sie persönlich politisch bei diesem Themen stehen, dass jetzt breit ganz anders über Plastik, Wegwerfgesellschaft, Ökologie, das Fliegen geredet wird, als noch vor zehn Jahren. Oder beim Rauchen, da können Sie die Veränderung auch gut sehen, wie schnell sich diese verschoben hat. Veränderungen finden also statt, dass ist nicht zu bestreiten. Die Position, dass sich Bibliotheken schon deshalb verändern müssen, weil sich soviel anderes verändert, ist nicht so einfach von der Hand zu weisen.

Und gerade in der Wirtschaft gilt: Wer sich nicht um Innovation bemüht und sich nicht verändert, geht unter. Für andere Bereiche als die Bibliotheken finden wir das wohl auch ohne Probleme verständlich. Vor diesem Vortrag haben wir über Bergün-Filisur Tourismus gehört und wie dieser verband versucht, sich neue Felder des Tourismus zu erschliessen. Und egal, was wir jetzt von den eingeschlagenen Wegen halten: Das es für die Region notwendig ist, sich solche Gedanken zu machen, musste hier wohl niemand erklärt werden. Warum sollte das nicht auf Bibliotheken übertragen werden?

Das ist die Stärke der Position. Eine wichtige Schwäche ist allerdings, dass es nicht einfach ist zu sagen, auf welche Veränderungen genau Bibliotheken (oder andere Einrichtungen wie Tourismusverbände) reagieren sollen. Auf einige schon, aber auf andere eher nicht. Im Nachhinein ist es einfacher zu sagen, auf welche. Aber mittendrin in den Veränderungen? Schwieriger.

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Weiter zur zweiten Position, der, dass es schon zu viel Veränderungen gibt und dass es sinnvoller wäre, einfach mal als Bibliothek arbeiten zu können. Lässt sich diese Position untermauern?

Tatsächlich können wir in der Bibliotheksarbeit viel Konstanz sehen. Insbesondere kann man für Öffentliche Bibliotheken sehen, dass trotz aller Veränderungen, Umbauten, neuen Services und auch entgegen dem, was man wegen der Veränderungen in der Mediennutzung in der Gesellschaft annehmen würde, weiterhin die Nutzung von gedruckten Büchern im Mittelpunkt steht. Auch, wenn viele Menschen in die Bibliothek kommen, um sie als Treffpunkt, Aufenthaltsraum oder so zu benutzen, auch wenn Veranstaltungen in den Bibliotheken oft gut besucht sind, zielt weiter der übergrosse Teil der Bibliotheksbesuche darauf, Bücher auszuleihen. Das ist auch in den letzten Jahren gleich geblieben.

Es ist auch so, dass in vielen Bibliotheken von immer angekündigten Veränderungen so viel nicht mitzubekommen ist: Weiterhin haben Sie ja auch in ihren Bibliotheken viele Familien, welche die Bibliotheken benutzen. Weiterhin vor allem Menschen, die Lesen wollen – ob in der Bibliothek oder anderswo. Das ist immer noch der Mittelpunkt bibliothekarischer Arbeit. Auch die Hoffnungen darauf, was die Veränderungen in Bibliotheken, die durchgeführt werden, erreichen sollen, scheinen sich so schnell nicht zu ändern. Seit Jahrzehnten soll jedes Mal die Bibliothek zum Begegnungsort, zum Treffpunkt der Gemeinde werden; fast immer sollen Jugendliche angesprochen werden. Man kann also schnell den Eindruck bekommen, dass sich so schnell auch nichts verändert und gute Gründe für diese Position finden.

Selbst bei den Veränderungen, die man wahrnimmt, lässt sich Frage stellen, ob das nicht einfach die normale Entwicklung ist – Medienformen, die sich verändern; Mediennutzung, die sich mit verändert; andere Moden, die sich austauschen –, die in der Gesellschaft auch so stattfindet? Schaut man sich die Situation so an, dann lässt sich schon vermuten, dass es einen Kern bibliothekarischer Arbeit gibt, der sich so schnell nicht entwickelt. Insoweit kann auch diese Position gute Argumente für sich vorbringen.

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Und zur dritten Position, die in der Mitte. Auch die lässt sich begründen. Es gibt Hypes und Moden im Bibliothekswesen und gleichzeitig gibt es wirkliche Veränderungen. Ist man nur etwas länger in Bibliotheken beschäftigt, erinnert man sich an Dinge, die versucht und wieder eingestellt wurden; an Vorschläge für neue Angebote und ähnliches, denen dann nichts mehr folgte. Und gleichzeitig kann man doch Veränderungen benennen, meist mit etwas Nachdenken. Einige Veränderungen gibt es nämlich, die aber oft schnell zum Alltag werden und dann erscheinen, als wären sie praktisch schon immer Teil der Bibliothek gewesen. Aber es gab oft einen Zeit davor, beispielsweise vor den Selbstverbuchungsanlagen.

Auch diese Position lässt sich leicht bestätigen. Es gibt Veränderungen und es gibt Trends. Beides. Was soll man daraus machen? Gibt es erkennbare Gründe dafür, dass sich das Eine durchsetzt und das Andere nicht? Setzt sich durch, was sinnvoll ist? Was heisst sinnvoll?

Wir können das noch einmal an den gleich folgenden vier Beispielen durchspielen, welche die Aussagen zu den drei Positionen hoffentlich noch verständlicher machen.

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Hier das erste Beispiel: Buchstart.4 Das ist der erste Artikel, mit dem das Projekt damals dem Bibliothekswesen in der Schweiz vorgestellt wurde. Sie sehen: 2007. Das ist so lange auch nicht her. Davor gab es in Öffentlichen Bibliotheken hier in der Schweiz praktisch keine Angebote für Kinder von 0-3 Jahren. Das war keine Zielgruppe, über die nachgedacht wurde, was vielleicht auch mit der massiven Verbreitung der Ludotheken zu tun hat. Aber dann hat sich das rasend schnell etabliert. Heute ist es praktisch für jede Bibliothek normal, spezifische Angebote für diese Zielgruppe zu haben, eigene Veranstaltungen, eigene Bestände. Das wird nirgends mehr kritisiert oder diskutiert, dass ist einfach so. Ich bin 2012 in die Schweiz gekommen und damals schon wurde mir in jeder Öffentlichen Bibliothek, die ich besuchte, Buchstart als Angebot gezeigt. Das war fünf Jahre nach diesem ersten Artikel.

Aber es wird auch kaum noch bedacht, dass es eine lange Zeit gab, in der das nicht so war. Es wurde vorgeschlagen, setzte sich schnell durch. Dabei hat bestimmt geholfen, dass am Anfang Geld dahinter stand und auch, dass es von Bibliotheken schnell als sinnvoll angenommen wurde. Für die Fragestellung dieses Vortrags ist aber vor allem wichtig, wie schnell das passierte und wie schnell es praktisch vergessen ging, dass dies eine recht grosse Veränderung darstellte.

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Das zweite Beispiel ist ähnlich. Aber es gab eine Zeit in den frühen 2000er Jahren, in denen die Idee, in Bibliotheken Medienkisten zusammenzustellen und anzubieten, als neue Idee präsentiert wurde. Immer wieder wurden verschiedene Formen dieser Kisten vorgestellt, oft so, als hätte es die anderen Artikel, Vorträge und so weiter zu Medienkisten nicht gegeben. Dabei wurden immer wieder ähnliche Ideen präsentiert – entweder fertige Medienkisten oder solche, die für Schulen und ähnliche Einrichtungen im Auftrag neu zusammengestellt wurden – und manchmal ganz kleinteilige Fragen – wie viele Medien, welche Medienformen, wo kann man Kisten herbekommen und so weiter – behandelt. Und dann, nach einigen Jahren, hörte das wieder auf. Dieser Text hier von 2009 ist eigentlich schon ein sehr später Texte. Schauen Sie heute in die bibliothekarische Literatur, finden Sie solche Texte praktisch nicht mehr.

Aber wenn Sie gleichzeitig in Öffentliche Bibliotheken gehen, finden sie praktisch überall diese Kisten in der einen oder anderen Form, in grösseren Bibliotheken auch in verschiedenen Varianten: Als Kisten für Lehrpersonen und Kindergärten, für Grosseltern, als Überraschungstaschen. Sie sind als normales Angebot von Bibliotheken etabliert, so normalisiert, dass nicht mehr über sie diskutiert wird. (Obwohl es sinnvoll wäre, die Erfahrungen dazu auszutauschen, aber darum soll es hier nicht gehen.)

Wer heute anfängt in einer Bibliothek zu arbeiten, lernt das Pflegen solcher Boxen als normale Arbeit kennen, die halt gemacht wird, ohne zu merken, dass das vor 15-20 Jahren nicht normal war. Das ist ein weiteres gutes Beispiel für Veränderungen, die sich durchsetzen und bei denen dann vergessen geht, dass sich das erst so entwickeln musste, um so zu sein, wie es heute ist.

Aber das ist für die Fragestellung hier relevant: Wenn man bei einigen Angeboten schnell vergisst, dass dies sich erst entwickelt haben, dass die also als Veränderungen erst eingeführt werden mussten, dass lässt sich vielleicht erklären, warum die einen Kolleginnen und Kollegen den Eindruck haben, dass sich praktisch nichts verändert, während andere den Eindruck haben, alles würde sich ständig verändern.

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Ein anderes Beispiel, aber eines, das meiner Meinung nach etwas sehr gut erklären kann: Ich habe Ihnen hier einen Text von 2004 mitgebracht, aber der hätte auch aus den 1970ern oder 1990ern oder von heute sein können. Die Vorstellung, Bibliotheken wären „Büchertempel‟ oder würden zumindest als solche wahrgenommen, finden Sie spätestens seit den 1970ern ständig in der bibliothekarischen Literatur. In diesem Jahrzehnt änderte sich viel, auch für die Öffentlichen Bibliotheken. In der Schweiz kam es eigentlich erst dann zur Verbreitung der Bibliotheken in der Fläche, also nicht nur in den grossen Städten, sondern wie wir es heute haben in vielen, vielen Gemeinden. Aber seitdem finden sie diese Vorstellung, teilweise mit gleichbleibenden Formulierungen, immer und immer und immer wieder. Es gibt diese Vorstellung, dass die Bibliothek irgendwie veraltet sei und dass sie deshalb verjüngt werden müsse. Auch die Vorschläge dazu sind seit Jahrzehnten immer wieder ähnlich: Es müssten neue Medienformen in den Bestand, das Image der Bibliotheken müsse geändert werden, die Bibliotheken müssten Treffpunkt werden und „von den Büchern wegkommen‟.

Wie kann das stimmen, wenn sich Bibliotheken – wie wir gesehen haben – ja doch verändern? Ich denke, dass wir hier einen Hinweis darauf haben, dass dieser Eindruck sich aus der Struktur des Bibliothekswesen heraus ergibt. Nicht für alle, aber immer für einen Teil der Kolleginnen und Kollegen ergibt sich der Eindruck einer gewissen Rückständigkeit von Bibliotheken. Das ist gewiss ernst gemeint, aber eigentlich nie so richtig mit Fakten unterlegt. (Wenn es mal Umfragen dazu gibt, wie Bibliotheken wahrgenommen werden, zeigt sich, dass sie von der Bevölkerung eigentlich durchgängig positiv gesehen werden, auch von dem Teil, der keine Bibliotheken nutzt. Nicht super innovativ, aber sehr positiv. Kaum eine andere Einrichtung wird so positiv gesehen. Die Feuerwehr vielleicht noch. Aber trotzdem haben immer wieder Kolleginnen und Kollegen einen gegenteiligen Eindruck.)

Es ist auch bemerkenswert, dass die Begriffe, die in solchen Beiträgen genutzt werden, sich in gewisser Weise vererben. Es sind immer wieder neue Kolleginnen und Kollegen, die solche Beiträge verfassen, aber immer wieder mit ähnlichen Worten und Argumentationen.

Das ist für mich ein starker Hinweis darauf, dass diese Position – und damit wohl auch die anderen beiden Positionen in Bezug auf Veränderungen in Bibliotheken – strukturell zu erklären ist, dass sie also aus der Arbeit in Bibliotheken immer wieder neu entsteht und auch immer wieder entstehen wird, egal was sich ändert. Vielleicht, so meine Interpretation, muss es immer wieder Kolleginnen und Kollegen geben, die diese Position vertreten und andere, welche andere Positionen vertreten. Vielleicht geht es weniger um die konkreten Veränderungen und viel mehr darum, dass Bibliotheken so funktionieren, dass die einen, die Bibliotheken arbeiten, sich zurückgehalten, die anderen sich getrieben fühlen und wieder andere sich dazwischen wiederfinden.

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Noch ein Beispiel, dass alles komplizierter macht. Es gab so zwischen 2005 und 2010 ein Thema, welches in der bibliothekarischen Literatur immer wieder auftauchte, die „Wertmessung von Bibliotheken‟. Die Idee war, das Bibliotheken sich gegenüber den Geldgebern profilieren müssten und könnten, indem sie bestimmten, welchen Wert ihre Leistungen haben. Es sollte also nachgewiesen werden, wie viel die Investition in Bibliotheken den Gemeinden, Institutionen, der Bevölkerung einbringen würde. So und so viele Franken Investition bringt so und so viele Franken sozialen Gewinn. (Oder, für wissenschaftliche Bibliotheken, Gewinn an Forschung.) Das wurde mit recht viel Verve vorgetragen und als zukünftige Form von Marketing und Fundraising beschrieben.

Es wurden verschiedene Methoden ausprobiert. Diese ergaben dann auch immer wieder Werte, welche zeigen sollten, dass die Bibliotheken der Gesellschaft, den Gemeinden und Menschen mehr einbrachten, als sie kosteten. Mindestens eine Promotion wurde zum Thema geschrieben, einige Abschlussarbeiten, eine ganze Reihe von Studien und Projekten wurde durchgeführt. Auch an meiner Hochschule, deshalb habe ich Ihnen gerade diesen Text mitgebracht.

Aber wenn sie heute schauen, dann ist davon praktisch nichts mehr übrig. Dieser Ansatz wurde nie widerlegt oder offiziell beendet, aber er kommt auch praktisch nirgends mehr vor: Nicht in der Literatur, nicht in den Handbüchern, nicht in der Praxis. Es wird Gründe dafür geben. Für meinen Vortrag ist aber wichtig, dass es ein gutes Beispiel für einen dieser Hypes abgibt, auf den Kolleginnen und Kollegen immer wieder einmal verweisen, wenn es um Veränderungen in Bibliotheken geht. Es gibt sie wirklich. Sie kommen auf, entwickeln eine kurze Zeit einen gewissen Verve, werden oft mit grösseren Versprechen – das sie die Bibliotheken verändern würden, das sie Bibliotheken retten, ihren Etat, ihren Bestand sichern würden – verbunden und verschwinden dann ohne grosse Nachwirkung. Auch das gibt es.

Aber warum war gerade dieses Thema ein Hype, während andere sich durchsetzten und schnell vergessen, dass sie auch eine Veränderung im Bibliothekswesen waren? Kann man das vorher sagen? Es ist nicht so einfach. Ich habe es mehrfach versucht, bin aber auch immer wieder daran gescheitert. Dinge setzen sich durch oder auch nicht – und nicht immer ist verständlich, wieso. Das wiederholt sich. Ich habe nur ein paar Beispiele ausgesucht, um das zu zeigen, aber es gibt viele mehr. Es scheint wirklich eher eine Struktur zu sein, die hier wirkt.

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Also: Lässt sich eine der drei Positionen bestätigen? Können wir sagen, welche Position die Richtige ist?

Ja und Nein. Für alle drei Positionen lassen sich starke Argumente anführen. Beispiele aus der bibliothekarischen Realität verkomplizieren das alles noch. Aber wir können keine der Positionen verwerfen und auch keine als die Wahrscheinlichste bezeichnen. Vielleicht die dritte, aber das kann auch daran liegen, dass solche „Konsenspositionen‟ in der Mitte eigentlich immer irgendwie akzeptabel sind, aber dann auch noch nicht viel erklären.

Wir können also nicht sagen, welche Kolleginnen und Kollegen Recht haben und welche nicht. Eher scheint es so, als können man beides zu allen Positionen sagen, was ein Hinweis darauf sein kann, dass die Frage, wie schnell oder langsam sich Bibliotheken verändern sollen, vielleicht in der Praxis nicht so wichtig für das Funktionieren des Bibliothekswesen selber ist.

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Noch zwei wichtige Anmerkungen zu dieser Frage. Zuerst finden wir diese Situation nicht nur in Bibliotheken vor, sondern auch in anderen, ähnlichen Institutionen. Gerade im Schulwesen scheint das offensichtlich zu sein. Auch hier geht es immer wieder um Veränderung oder Konstanz, auch hier gibt es immer wieder die drei Positionen, die ich für Bibliotheken gezeigt habe.

Aktuell gibt es eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen, die sich darum bemühen – in ihren eigenen Worten –, dass die Schulen im digitalen Zeitalter ankommen. Wenn Sie sich deren Kommunikationsplattformen anschauen – beispielsweise die Social Media Accounts von Beteiligten – finden Sie da immer wieder die Position, dass es schwierig sei, weil sie aufgehalten würden, weil sich andere Lehrpersonen gegen diese Veränderungen stellen und die Mitarbeit verweigern würden, weil Lehrpersonen und Direktionen nicht sehen würden, wie drängend das Thema sei. Und gleichzeitig finden sie auf Social Media Accounts anderer Lehrpersonen (oder in Diskussionen in der schulpraktischen Literatur) die Position, dass die Veränderung auch einmal aufhören müsse, damit man wieder zu normaler schulischer Arbeit übergehen können. Insbesondere lesen Sie da von steigender Arbeitsbelastung durch Veränderungen. Und dann finden sie viele, viele Positionen dazwischen, die keine klare Position zu haben scheinen, sondern die Notwendigkeit von Veränderung bejahen, aber gleichzeitig nicht wissen, wie viel von dieser Veränderung notwendig ist.

Das führt zu Friktionen und wohl auch zu Überlastung. Wir wissen das alle, dass der Lehrberuf von einer extrem hohen Burn-Out-Rate gekennzeichnet ist. Einer der Gründe dafür können die Friktionen sein, die wegen solchen Veränderungen auftreten, auch wenn das nicht der einzige Grund sein wird.

Im Schulwesen scheint sich also ebenso nicht einfach klären zu lassen, welche Position die richtige ist, sondern es lassen wohl für und gegen alle drei gute Argumente finden.

Wenn das aber im Bibliothekswesen und den Schulen (und noch anderen Einrichtungen wie Museen) ähnlich ist, ist das ein Hinweise auf eine Struktur, nicht auf Fehler einzelner Personen oder Missverständnisse, die einfach abgestellt werden könnten.

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Ein anderer wichtiger Hinweise auf eine Struktur ist, dass sich diese Situation immer und immer und immer wieder im Bibliothekswesen zu finden scheint. Das ist offenbar keine gerade heute erst entstandene Situation, sondern eine, die immer wieder einmal in der Literatur aufscheint: Klagen, dass die Veränderungen zu langsam oder viel zu schnell, unüberlegt durchgeführt würden, finden sich immer wieder. Sicherlich: Immer etwas versteckt, weil im Allgemeinen bei Artikeln etwas überlegter formuliert wird, als in der mündlichen Rede. Aber doch auffällig durchgängig. Es gibt Zeiten, in denen das offensichtlicher ist – am Anfang des modernen Bibliothekswesens, während des „Richtungsstreits‟ in den 1920er Jahren oder Ende der 1960/Anfang der 1970er, als es ja tatsächlich zu massiven Veränderungen kam. Aber es scheint nicht aufzuhören.

Das heisst, die Kolleginnen und Kollegen ändern sich – weil neue hinzukommen, andere in Rente gehen – und auch die Themen ändern sich immer wieder einmal. Aber die Struktur, die Struktur, die Argumente und Klagen, die ändern sich kaum, sondern wiederholen sich.

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Was machen wir daraus? Ich denke, es sollte klar geworden sein, dass ich der Überzeugung bin, dass es sich beim Thema, wie schnell oder langsam Bibliotheken sich verändern sollten, um eine Struktur handelt, nicht um Fehler oder falsche Meinungen einzelner Kolleginnen und Kollegen. Auch wenn das manchmal so scheinen kann, auch wenn einige Kolleginnen und Kollegen von Auseinandersetzung und Entscheidungen um Veränderungen stark beeinflusst werden und sich von anderen gedrängt, gestresst oder in der eigenen Arbeit aufgehalten sehen, auch wenn einige das Gefühl haben, dass etwas ganz schief läuft.

Das es schon lange und auch in anderen Einrichtungen solche Friktionen gibt, das sich die Positionen und auch das Schicksal von Veränderungen – das einige sich durchsetzen, aber schnell ihr Status als Veränderung vergessen geht, andere aber schnell wieder verschwinden – wiederholen, scheint mir darauf hinzudeuten, dass sich dies offenbar aus der Struktur der Einrichtungen ergibt. Offenbar entsteht immer wieder für einige Kolleginnen und Kollegen die Vorstellung, dass es viel zu langsam geht, obwohl die Situation drängend ist, für andere die Vorstellung, dass es viel zu viele Veränderungen in viel zu kurzer Zeit gäbe und für wieder andere, dass es nicht so klar ist. Und offenbar gibt es immer wieder für alle Positionen gute Gründe.

Wenn das so ist, dann hängt es aber auch nicht an einzelnen Personen. Es würde aber erklären, warum eigentlich alle etwas Positives für Bibliotheken wollen, aber bei unterschiedlichen Positionen landen.

Folie 19

Ich finde das einen Erkenntnisfortschritt. Wenn man klären kann, dass eine Situation eine Struktur ist und diese Struktur benennen kann, dann kann man auch gemeinsam daran gehen, diese Struktur zu verändern. Ich habe mich hier nicht daran gemacht, zu klären, wie genau diese Struktur aussieht und warum sie so wirkt, wie sie wirkt. Wichtig scheint mir erst einmal in einem ersten Schritt zu klären, dass sie überhaupt existiert.

Aber wenn man sich daran machen will, sie zu ändern, müsste man fragen, was den das Ergebnis dieser Struktur ist: Wieso wird sie immer wieder reproduziert? Wie hält sie die Institut Bibliothek aufrecht? Wer gewinnt durch sie was? (Selbstverständlich nicht als Verschwörungstheorie, dass sich hier irgendwer etwas aneignen würde, sondern als sozialer Gewinn. Vielleicht können sich durch diese Struktur Kolleginnen und Kollegen eine Professionalität erarbeiten, die sie sonst nicht hätten?)

Folie 20

Wenn wir einmal akzeptieren, dass es sich um eine Struktur handelt, dann können wir schon jetzt aus diesem Fakt einiges für Bibliotheken herausziehen.

Was mir, wie Sie hoffentlich gemerkt haben, immer wichtig ist: Wenn es einen Struktur ist, dann kann man nicht einzelne Personen alleine verantwortlich machen. Dann ist es nicht so, dass einzelne Kolleginnen und Kollegen einfach falsche Vorstellungen haben, die sie verändern müssten. Vielmehr ist es mit diesem Verständnis viel einfacher möglich, allen zuzugestehen, dass etwas Positives für die Bibliotheken – zumindest die eigene – wollen. Die inhaltlichen Unterschiede müssen nicht zu persönlichen Friktionen werden.

Gleichzeitig können wir sagen, dass es in Bibliotheken immer Veränderungen und Konstanz zugleich gibt und das es nicht sinnvoll ist, dies gegeneinander auszuspielen.

Und was wir verändern sollten, habe ich Ihnen auf der rechten Seite dieser Folie zusammengefasst. Wichtig scheint mir, dass wir bei allen vorgeschlagenen oder wahrgenommenen Veränderungen die Rhetorik zurückfahren. Weder treten die grossen Versprechen ein noch die grossen Befürchtungen, mit denen um Veränderungen gestritten wird. Nach Jahrzehnten ständiger Veränderung im Bibliothekswesen können wir sehen, dass das reine Rhetorik ist und niemand wirklich überzeugt. Das macht dann Veränderung auch viel gestaltbarer. Hat man den Eindruck, dass eine Veränderung unbedingt sein muss oder aber das es eine Bedrohung ist, die man abweisen müsse, dann ist es schwieriger angemessen zu reagieren, als wenn man auf der Basis des best-möglichen Wissens über die Veränderung (für das man einige Zeit braucht, um es zu sammeln) und die eigene Reaktion als Bibliothek oder als Bibliothekarin, Bibliothekar entscheidet.

Folie 21

Wir sollten Veränderung als normalen Teil der bibliothekarischen Arbeit ansehen. Das ist weder gefährlich noch besonders aufregend, insbesondere wenn man sich vor Augen führt – wie bei unseren Beispielen – dass sich die erfolgreichen Veränderungen schnell so sehr in den bibliothekarischen Alltag integrieren, das schnell die Zeit „davor‟ vergessen geht.

Folie 22

Ich würde also für ein kontinuierliches, dafür aber auch ruhigeres Vorgehen plädieren. Dystopien oder grosse Versprechungen bringen Bibliotheken dabei nicht viel weiter.

Was ich auch betonen möchte ist, dass es sinnvoll wäre, wenn wir – also das gesamte Bibliothekswesen – uns öfter darüber unterhalten würden, was sich eigentlich wirklich verändert hat und mit welcher Wirkung. Wie gesagt denke ich, dass sich die drei Positionen, die ich am Anfang genannt habe, immer wieder ergeben werden, solange die Struktur, aus der sie sich ergeben, nicht verändern. Irgendwer wird immer das Gefühl haben, Bibliotheken hätten ein veraltetes Image (gegen alle Umfrageergebnisse, die etwas anderes zeigen); irgendwer wird sich immer gedrängt fühlen, Dinge zu verändern, die nicht geändert werden müssten. Aber gleichzeitig denke ich, wenn mehr bedacht würde, wie viele Veränderungen eigentlich stattfinden und was mit ihnen passiert oder nicht passiert ist, wird diesen Eindrücken die Dringlichkeit genommen. So schlecht stehen Bibliotheken in Bezug auf Veränderungen nämlich gar nicht dar.

Folie 23

Auf dieser letzten Folie habe ich Ihnen noch einmal die Take-Aways zusammengefasst, die ich am Wichtigsten finde.

Am Ende hätte ich auf die Frage des Vortrags eine Antwort, die vielleicht etwas enttäuscht, aber dafür hoffentlich verständlicher ist: Wie schnell oder langsam sollen sich Bibliotheken verändern? Das scheint mir nicht so wichtig zu sein. Wir haben gesehen, dass sie sich schon verändern und das offenbar so, dass sie recht erfolgreich bleiben. Immer noch kommen viele Menschen in die Bibliothek, immer noch ist das Lesen wichtig, immer aber auch andere Funktionen. Wenn der Rückblick eines lehrt, dann, dass Bibliotheken eigentlich ganz gut darin sind, Veränderungen so schnell oder langsam aufzunehmen, wie es nötig ist. Das scheint mir wirklich nicht das Problem zu sein. Wenn etwas ein Problem ist, dann die Friktionen, die zwischen Bibliotheken und Kolleginnen, Kollegen wegen Veränderungen aufkommen. Aber die bedrohen offenbar nicht die Bibliotheken selber, sondern gehören offenbar zur Institution selber.

 

Fussnoten

1 Es gab zuvor einen Vortrag über den Tourismus in der Region Bergün-Filisur.

2 Für den Blog zu ergänzen ist, dass sie sich wohl im DACH-Raum nicht so sehr unterscheiden, auch wenn es einige Gebiete gibt, in der „Veränderung‟ in den letzten Jahren oft mit Ressourcen- und Etatstreichung verbunden war, was sich teilweise ändert. In der Schweiz gab es diese Erfahrungen in der breiten Fläche nicht, wenn auch einige Kantone über „Finanznot‟ reden und einige ressourcenarme Gemeinden – unter anderem in Graubünden – besondere Herausforderungen zu meistern haben. Aber grundsätzlich heisst in schweizerischen Bibliotheken Veränderung tatsächlich Veränderung, nicht Mittelstreichung.

3 Anmerkung fürs Blog: Im Lehrplan 21 wurden – gegen politische Widerstände – für 21 deutschsprachige Kantone und das Fürstentum Liechtenstein ein Rahmen für den Unterricht in den Schulen geschaffen, der unter anderem auf Kompetenzorientierung fokussiert. Er wird in den Kantonen und dem Fürstentum aktuell umgesetzt (und bestimmt immer etwas anders interpretiert, aber so funktionieren Lehrpläne und so funktioniert der Förderalismus) und hat Positionen aufgegriffen, die zum Beispiel in Deutschland einige Jahre früher von Kultusministerien und Erziehungswissenschaft vertreten wurde. Veränderungen sind halt immer auch landesspezifisch, aber darum ging es hier im Vortrag nicht.

4 Anmerkung fürs Blog: Es geht hier um das schweizerische Projekt Buchstart, getragen vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien. In anderen Ländern gab / gibt es ähnliche Projekte mit diesem Namen, die aber auch auf andere Strukturen reagierten.