«Mit den Menschen reden gehen.» Einige Überlegungen zur Popularität von Design Thinking, Partizipation etc. im Bibliotheksbereich

Eine Frage, die mich schon eine ganze Weile umtreibt (auch schon vor der Pandemie), ist die, warum solche Methoden / Methodensätze wie «Design Thinking» eigentlich so populär im Bibliothekswesen sind. Nicht nur Design Thinking, auch vieles was unter dem Label «Partizipation» läuft, obwohl es «nur» um die Entwicklung / Weiterentwicklung von bibliothekarischen Angeboten unter Einbezug von einigen Nutzenden geht oder auch verschiedene «Technology Acceptance Models», die in einer Anzahl von Bibliotheken auch für diese Aufgaben herangezogen werden. Sicherlich: Alles, was präsentiert wird als hippe, neue Methode, die so mal nix Probleme lösen soll, die angeblich früher nicht gelöst worden wären, löst bei mir Vorsicht aus. Das klingt eher nach Marketingbehauptung als nach Tatsachen. So oft gibt es die angeblichen Probleme gar nicht wirklich, so oft löst die Methode auch gar nicht ein, was über sie behauptet wird. Aber mir scheint, es ist nicht nur das.

Was soll eine Methode in der Forschung? Was soll sie in der Praxis?

Grundsätzlich habe ich als Wissenschaftler vielleicht einen anderen Anspruch an Methoden als Bibliotheken. Für mich gilt: Eine Methode muss immer zur Frage passen. Genauer: Die Anwendung der Methode muss es ermöglichen, eine konkrete Frage zu beantworten, ein Problem zu lösen und so weiter. Sicherlich kann bei der Anwendung einer Methode noch einiges schief gehen: Umfragen können nicht beantwortet werden, Fragen können sich als unbeantwortbar herausstellen, Probleme können komplexer sein, als erwartet und so weiter. Aber man sollte bei einer Methode zumindest annehmen dürfen, dass sie zur Lösung der jeweiligen Frage oder des jeweiligen Problems beiträgt. Die Frage «Welche Schwerpunkte sollen wir beim Bestandsaufbau setzen» beantwortet man nicht mit einer Experiment, ein Problem mit der Beleuchtung im Lesesaal geht man nicht sinnvoll mit einer Fokusgruppe an. Und nicht zuletzt sammelt sich in der Forschung mit der Zeit Wissen darüber an, welche Methoden für welche Fragen gut oder weniger gut funktionieren.

Und wenn man diesen Anspruch anlegt, dann schneidet Design Thinking zum Beispiel sehr schlecht ab. Zwar wird gerne behauptet, dass man mit diesem Prozess / Methodenset kreative Lösungen für Probleme finden würde, bei denen mehrere Blickwinkel einbezogen werden. Aber eigentlich kommen immer nur Lösungen heraus, die erstaunlich eng gefasst sind, deren Kreativität man schon bezweifeln kann (sicher: Wie Kreativität bewerten? Aber auffällig ist, wie oft praktisch die gleichen Lösungen herauskommen) und bei denen am Ende notorisch schwierig zu bestimmen ist, ob sie wirklich Lösungen für die behaupteten Probleme sind. Vor allem fällt auch auf, wie oft Design Thinking im Bibliothekswesen genutzt wird, wenn es gar nicht um die Lösung von Problemen geht sondern zum Beispiel darum, eine Situation zu verstehen. Man könnte das noch weiter ausführen (beispielsweise diskutieren, warum gerade die Profession des Design ein positives Vorbild sein soll) und auch die anderen oben genannten Methodensets anschauen, aber das soll hier nicht der Punkt sein. (Zumal es schon genug kritische Literatur gerade zu Design Thinking gibt, auch wenn sie im Bibliothekswesen nicht so recht rezipiert wird.1) Nehmen wir hier einfach einmal als gegeben an, dass die Methoden wirklich kaum zu den Fragen passen und sich auch nicht «beweisen», also das nicht gezeigt werden kann, dass sie besser Antworten oder Ergebnisse liefern, als andere Ansätze. Mir geht dann um etwas anders: Die Frage, warum sie dennoch so beliebt zu sein scheinen oder zumindest, warum sie immer und immer wieder angewendet werden.

Eines fällt nämlich auf: Nicht nur die «üblichen Verdächtigen» – die Berater*innen, welche Design Thinking als Beratungsangebot verbreiten, die Kolleg*innen an Hochschulen und Bibliotheken, welche immer sehr schnell dabei sind, neue Entwicklungen auszuprobieren und anzupreisen – zeigen sich einigermassen begeistert. Sondern auch Kolleg*innen in Bibliotheken, die Projekte mit diesen Methoden durchgeführt haben, äussern sich nachher recht positiv, wenn man sie privat / halb-privat fragt. Gleichzeitig scheinen (das ist jetzt nicht empirisch untermauert – aber alle können das selber nachvollziehen, indem sie im eigenen Umfeld Bibliothekar*innen, die solche Projekte mitgemacht haben, befragen) die Kolleg*innen nicht so richtig sagen zu können, was genau an den Ergebnissen so besonders oder anders wurde durch die jeweils im Projekt genutzten Methoden. Aber grundsätzlich fanden sie es immer gut.

Mich erinnert das an die Ergebnisse einer Studie zu Berater*innen in kanadischen Bibliotheken: Dort wurden Bibliothekar*innen befragt, was die jeweiligen Berater*innen, die an ihren Bibliotheken tätig waren, eigentlich getan hatten und was sich durch sie verändert hätte – im Ergebnis konnten das die Bibliothekar*innen nicht genau sagen, hatten aber dennoch eine positive Meinung von den Berater*innen (nicht unbedingt vom eigenen Management, welche die Berater*innen engagiert hatte).2 Die beiden Autorinnen dieser Studie konnten sich aus diesem Ergebnis keine richtigen Reim machen und so ein wenig fühle ich mich manchmal auch, wenn ich die tatsächlichen Ergebnisse von «Design Thinking»-Projekten in Bibliotheken anschaue auch.

«Etwas verändern» als Ziel

Aber: Ich denke, das hat auch etwas mit der Perspektive zu tun. Wie gesagt ist für mich klar, dass eine Methode zur jeweiligen Fragestellung beziehungsweise zum jeweiligen Problem passen muss. Und das sie deshalb auch danach bewertet werden kann, wie sehr sie am Ende dazu beigetragen hat, die jeweilige Frage zu beantworten oder das jeweilige Problem zu lösen. (Oder, in der Studie aus Kanada: Berater*innen und ihre Arbeit sollten danach bewertet werden können, wie sie helfen, die jeweiligen Probleme zu lösen – aber das ist nicht, wonach sie dann bewertet wurden.)

Aber offenbar muss man den Blickwinkel wechseln und fragen, was Bibliothekar*innen (und Bibliotheken) eigentlich aus den Projekten ziehen. Denn: Das Methoden helfen sollen, Fragen zu beantworten, ist selbstverständlich der Blick aus dem Wissenschaftssystem, in dem es ja immer darum geht, neues Wissen zu produzieren, indem Fragen gestellt und möglichst systematisch beantwortet werden. Das ist in Bibliotheken aber nicht die Aufgabe, dort geht es vor allem darum, bibliothekarische Arbeit zu organisieren und Probleme, die in dieser Arbeit auftreten, so zu lösen, dass sie nicht mehr als Probleme erscheinen (was nicht heissen muss, dass sie wirklich gelöst sind, sondern das man irgendwie mit ihnen arbeiten / leben kann). Und oft geht es – zumindest aus der Sicht vieler Bibliotheksleitungen – darum, Veränderungen so zu organisieren, dass sie vom Personal mitgetragen werden (und nicht zum Beispiel als Angriff «von oben» auf das Bibliothekspersonal verstanden werden).

Das ändert aber alles: Um die Aufgaben zu erfüllen, die Bibliotheken an die Projekte stellen, müssen nicht unbedingt Fragen gut (und systematisch) beantwortet werden oder Probleme gelöst werden. Vielmehr müssen sie dabei helfen, die Arbeit von Bibliotheken so zu organisieren, dass sie anschliessend verändert und besser erscheint. Weder müssen das die bestmöglichen Lösungen sein, noch die effektivsten – das wird selten überprüft. Es müssen einfach am Ende Veränderungen stattgefunden haben, die im Idealfall besser funktionieren als die vorherigen Lösungen. (Sicherlich ist der Anspruch immer, eine möglichst gute Lösung zu finden, aber es fällt auf, dass das selten überprüft und schon gar nicht auf die in Projekten genutzten Methoden zurückgeführt wird.) Die Methoden werden also – beispielsweise von Berater*innen oder Bibliotheksleitungen – gar nicht dafür genutzt, um strukturiert neues Wissen zu erarbeiten, wie das in der Forschung der Fall wäre, sondern um Veränderungsprozesse zu strukturieren. (Und damit unterliegt das am Ende doch entstandene Wissen, dass in neue Angebote, Gebäude und so weiter fliesst, auch nicht den gleichen Bewertungen, wie es Wissen in und aus der Forschung unterliegt – was eigene Probleme mit sich bringt, die aber vielleicht Thema für einen anderen Post sein sollten.)

Fragen wir unter diesem Blickwinkel, was solche Methoden wie Design Thinking, «Partizipation» und so weiter für Bibliotheken mit sich bringen, fällt etwas auf: Wenn sie auch immer wieder mit anderem Gestus präsentiert werden, verbindet diese alle, dass sie – richtig durchgezogen, was auch nicht immer der Fall ist – immer wieder ein ähnliche hintergründige Struktur haben:

  1. Zuerst wird bestimmt, über was man bei den Projekten überhaupt reden und was man verändern möchte. Beim Design Thinking nennt es sich oft «das Problem definieren», anderswo heisst es «das Thema bestimmen» oder ähnlich. Aber grundsätzlich kommt es auf immer wieder das gleiche heraus: Es wird umrissen, um was es im Projekt genau geht und es wird allen Beteiligten – dass sich vor allem die Bibliothekar*innen – vermittelt, dass die jeweilige Veränderung grundsätzlich notwendig ist.3
  2. Anschliessend werden die Bibliothekar*innen mehr oder minder direkt gezwungen, «aus der Bibliothek hinauszugehen», also mit Nutzer*innen und anderen Personen direkt zu kommunizieren. Manchmal heisst das, wirklich explizit anderswohin zu gehen (zum Beispiel auf den Marktplatz, durch die Innenstadt, in den Kiez / das Quartier), manchmal heisst das mit Umfragen, Interviews und so weiter räumlich mehr in der Bibliothek zu bleiben, aber trotzdem mit Nicht-Bibliothekar*innen zu kommunizieren.
  3. Ergebnis dieses «Hinausgehens» ist dann oft, dass die Rückmeldungen gegenüber der Bibliothek grundsätzlich positiv sind. Es scheint, wenn man mit Bibliothekar*innen redet, die solche Projekte mitgemacht haben, dass sie gerade das überrascht. Irgendwie scheinen sie (oft) erwartet zu haben, dass die «Menschen da draussen» sie negativ sehen und das sie Probleme haben werden, wenn sie mit ihnen reden. Aber am Ende geht das immer wieder gut aus und der Grossteil der Menschen hat eine positive Sicht auf Bibliotheken. [Das könnte man auch so wissen – weil es immer wieder das Ergebnis von Umfragen et cetera ist. Aber… offenbar gibt es immer wieder diese Angst.]
  4. Am Ende der Projekte kommt es dann zu einer Art von Umsetzungen von neuen Angeboten, dem Um- oder Neubau von Bibliotheken und so weiter. Zumindest erscheint es am Ende immer so, dass das Projekt «nicht umsonst» war. (Auch hier könnte man empirisch schauen, ob die Lösungen überhaupt zu den «Problemen» aus Schritt eins passen – das scheint nicht immer der Fall zu sein. Aber wieder ist das vielleicht auch die falsche Frage aus der Forschung heraus, die einen solchen Zusammenhang vermuten würde. Aus der eigenen «Beratungspraxis» kenne ich das auch, dass während solcher Projekte die Themen auf einmal wechseln, aber trotzdem alle einigermassen zufrieden scheinen, wenn überhaupt am Ende irgendetwas herauskommt.)

Einerseits sieht man hier den einen… Trick, den man als Berater*in mit solchen Methoden vollführen kann. Die Methoden, gerade Design Thinking, führen immer dazu, dass es am Ende ein Ergebnis gibt und da Veränderung an sich das implizite Ziel solcher Projekte zu sein scheint, liefert man mit einem solchen Methodenset am Ende genau das: Eine Struktur, die eine Veränderung provoziert. You can’t go wrong.

Aber andererseits sticht für mich gerade der zweite Punkt heraus: Der Zwang – erzeugt durch die Struktur, welche die Methode vorgibt – «herauszugehen». Wie gesagt ist das ein Eindruck und keine empirisch untermauerte Erfahrung, aber mit scheint, dass ist es, was Bibliothekar*innen am Ende positiv erinnern: Das sie sich trauen mussten, mit Menschen ausserhalb ihres eigenen Kreises über ihr Bibliothek reden zu müssen und das dies letztlich eine positive Erfahrung war.

Das kann man auch so organisieren

Nur – dafür braucht es kein Design Thinking oder Partizipations-Projekt oder auch nur unbedingt ein Projekt, dass irgendwie in einer Veränderung enden soll. Was die Begeisterung für solche Projekte aktuell auszumachen scheint ist, dass es für Bibliothekar*innen offenbar nicht zur Normalität gehört, solche Gespräche ausserhalb der eigene Komfortzone zu führen. Die Methoden scheinen jeweils eine gewisse Dynamik, vielleicht auch einen Druck, zu produzieren, solche Gespräche doch zu führen. Im Idealfall strukturieren sie diese auch vor (mit Fragebögen, Ziele, warum man die Gespräche führt und so weiter) und geben damit eine gewisse Sicherheit beim Führen der Gespräche. (Nicht zuletzt scheinen sie dazu zu führen, dass solche Gespräche gemeinsam geführt werden. Kaum je werden Bibliothekar*innen alleine losgeschickt, um sie zu führen, sondern eher in Paaren oder kleinen Gruppen.)

All das lässt sich auch so gestalten und mir scheint, es wäre sinnvoll, es von den hippen Methoden und Veränderungsprojekten zu trennen. Es liesse sich in die normale bibliothekarische Arbeit integrieren. Regelmässig organisiert würde es auch dazu führen, dass es für die einzelne*n Bibliothekar*in zur Normalität wird, nicht zu etwas, dass man sich irgendwie trauen muss. Es wäre dann sogar möglich, Erfahrungen aus diesen Gesprächen zu sammeln, reflektieren und so Kompetenzen im Planen und Führen dieser Gespräche aufbauen. Man wäre auch nicht mehr von den grundsätzlich positiven Rückmeldungen erfreut oder erleichtert, sondern könnte konkreter auf die Zwischenstimmen hören.

Was wäre dafür zu tun?

  1. Man müsste regelmässige Anlässe für solche Gespräche schaffen und nicht Bibliothekar*innen einfach so «hinaus schicken». Aber alle ein, zwei Jahre finden sich immer Projekte, bei denen Angebote evaluiert, Wissen drüber, wie bestimmte Angebote in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, gesammelt oder – ja, das auch – Angebote verändert, eingestellt oder neu eingefügt werden sollen und bei denen es sich anbietet, irgendeine Form von Gesprächen «ausserhalb der Bibliothek» zu führen: Interviews, Umfragen, Meinungssammlungen zu bestimmten Vorschlägen der Bibliothek. Das zu organisieren, wäre eine Leitungsaufgabe. (Auch, dass alle Kolleg*innen immer wieder diese Aufgabe übernehmen dürfen / müssen – wie gesagt, scheint es immer wieder bei solchen Projekten auch einen gewissen Mut zu benötigen, der erst durch die Logik des jeweiligen Projektes – «das muss jetzt getan werden» – aufgebracht wird, zumindest bei einigen Kolleg*innen; aber dann nach dem Projekt als positiv erlebt wird. Wenn das so ist, wird das auch im «normalen» Bibliotheksbetrieb so sein.)
  2. Die grundsätzliche Struktur, die oben geschildert wurde, kann ruhig beibehalten werden. (1) Eine konkrete Fragestellungen formulieren, die auch zu einer gewissen Änderung im Bibliotheksalltag führen kann, (2) dann Personen «ausserhalb der Bibliothek» direkt ansprechen, (3) nachher auswerten und, wenn sinnvoll, tatsächlich eine Veränderung durchführen (oder gemeinsam entscheiden, aufgrund der Ergebnisse, sie nicht durchzuführen, aber so, dass die Ergebnisse der Gespräche auch einen sichtbaren Einfluss haben). Wenn man das regelmässig – und für alle transparent – durchführt und nicht nur bei expliziten Veränderungsprojekten, die irgendwie als Besonderheiten herausragen, wird sich eine gewisse Normalität einstellen, auch wenn dann schon neue Methoden und nicht mehr Design Thinking als hip gelten werden. Grundsätzlich sollte es zu einer professionell arbeitenden Bibliothek gehören, solche Gespräche zu führen und deren Ergebnisse in die Entscheidungen über die Bibliotheksarbeit einzubeziehen. Das Erstaunliche ist eher, dass es das offenbar in vielen Bibliotheken nicht ist.

Fussnoten

1 Vgl. Gram, Maggie (2019). On Design Thinking. In: N+1 (2019) 35, https://nplusonemag.com/issue-35/reviews/on-design-thinking/.

2 Vgl. Dymarz, Ania; Harrington, Marni (2019). Consultants in Canadian Academic Libraries: Adding new voices to the story. In: In the Library with the Lead Pipe, 30.10.2019, http://www.inthelibrarywiththeleadpipe.org/2019/consultants/.

3 Was sich oft zeigt, ist ja, dass das Ergebnis dieses Schritts nicht sein kann, «es gibt kein Problem». Ein wenig ist das dann auch ein Trick bei solchen Projekten – irgendwas muss sich immer ändern, weil sie so strukturiert sind, dass sie als Misserfolg gelten, wenn man feststellt, dass alles schon optimal ist.

Zoos sind doch schon lange Teil der Stadtgesellschaft! Oder: Über die Ungeduld von Bibliotheken, dass ihre Veränderungen endlich anerkannt werden sollen.

In letzter Zeit lese ich in Sozialen Medien und an ähnlichen Orten wieder verstärkt Äusserungen von Bibliothekar*innen, die mal mehr und mal minder zu beklagen scheinen, dass die Veränderungen, die in Bibliotheken – es geht dabei meist um Öffentliche Bibliotheken – von anderen nicht wahrgenommen werden würden. «Bibliotheken sind längst Teil der Stadtgesellschaft» heisst es da oder «Bibliotheken sind schon lange Dritte Orte» oder «Es ist erstaunlich, was [die Politik, der Journalismus, die Öffentlichkeit, Entscheider*innen, konkrete Personen] noch über Bibliotheken denken. Wir sind ganz anders geworden.» Grundsätzlich scheinen diese Äusserungen eine gewisse Verzweiflung zu vermitteln, aber auch ein gewisses Beleidigtsein. Es scheint, als würden die, die sich so äussern, etwas von ausserhalb des Bibliothekswesens erwarten, und gleichzeitig in gewisser Weise daran zu leiden, dass diese Erwartung nicht erfüllt wird.

Mich erstaunen diese Aussagen und vor allem, dass es scheint, als würden sie immer und immer wieder gemacht werden. Als würde das alles nicht von der Stelle kommen. (Selbstverständlich ist das nur zum Teil richtig: Es sind immer wieder einmal neue Bibliothekar*innen, die sich so äussern. Aber Inhalt und Tenor scheinen sich trotzdem nicht gross zu ändern.) Was ich in diesem Blogpost machen möchte, ist (1) zuerst die Erwartungen, die hinter solchen Äusserungen stehen, etwas zu erden, (2 & 3) zweitens die Erwartungen etwas genauer klären, weil ich denke, dass sich wenig über mögliche Konsequenzen Gedanken gemacht wird, (4) diese möglichen Konsequenzen kurz aufgliedern. Einerseits sagen diese Äusserungen selbstverständlich etwas über das Bibliothekswesen und wie es sich selber versteht aus. Man kann dabei stehenbleiben und es als Teil der «Identität» von Bibliotheken akzeptieren. Andererseits muss man das aber nicht. Wenn diese verzweifelten Ausrufe ernst gemeint sind, dann könnte man nämlich auch daran gehen, etwas an ihren Gründen zu ändern.

1. Zootest II

Ich hatte für das Thema «Umfragen in Bibliotheken» schon einmal einen Zootest vorgeschlagen. Hier ist ein zweiter. Insbesondere dann, wenn Bibliothekar*innen das Gefühl haben: «Ja, es stimmt was mit diesen Äusserungen gesagt wird, dass die Welt [Politik, Öffentlichkeit und so weiter] ignoriert, was wir in Bibliotheken so in den letzten Jahren verändert haben», kann der vielleicht etwas erden.

  1. Schreiben Sie einmal, ohne nachzuschauen, auf, fünfzehn Minuten lang auf, was Zoos machen: Was sind ihre Aufgaben? Wie erfüllen sie die? Was macht einen Zoo aus?1
  2. Zoos haben sich in den letzten 15 Jahren verändert und sind nicht mehr so, wie sie früher waren. Schauen Sie jetzt, was ihr gerade geschriebener Text über Zoos über diese Veränderungen sagt. Schauen Sie dann einmal in der Literatur über Zoos nach und vergleichen Sie dann: Was von den tatsächlichen Veränderungen findet sich in Ihrem eigenen Text wieder? Was von dem, wie Zoos ihre Aufgaben und Aussenwirkung verstehen, findet sich in Ihrem Text?

Was man, so wette ich, bei dieser Übung merken wird, ist, dass man es nicht so richtig weiss. Vielleicht hat man hier und da etwas bemerkt, als man zuletzt im Zoo war – beispielsweise, dass öffentliche Fütterungen jetzt eigentlich immer moderiert werden –, aber die meisten Veränderungen, vor allem die, wie sich Zoos selber sehen und wie sie gerne von der Öffentlichkeit gesehen würden, kennt man nicht. Eher würde man die eigene Vorstellung von Zoos bei der Überprüfung mit hoher Wahrscheinlichkeit als, nun ja, veraltet und etwas stereotyp ansehen. Und das ohne böse Absicht, weil: Wer hat schon was gegen Zoos?2

Wie Einrichtungen in der Öffentlichkeit [der Politik, dem Journalismus und so weiter] wahrgenommen werden, hat immer nur indirekt etwas mit der Realität in diesen Einrichtungen zu tun. Die Vorstellungen, die über eine Einrichtung verbreitet sind, ändern sich nur langsam – und fast nie, weil die Einrichtungen sich ändern. Das ist mit Bibliotheken nicht anders als mit Zoos. Wenn man selber, als Bibliothekar*innen aber die Veränderungen in Zoos nicht wahrgenommen hat, wie soll man dann erwarten, dass andere die Veränderungen in Öffentlichen Bibliotheken wahrgenommen und dann auch noch so bewertet haben, wie die Bibliotheken sie selber bewerten? [Und wenn man glaubt, dass das halt bei Zoos so ist, aber nicht bei anderen Einrichtungen: Was hat sich denn in den letzten 15 Jahren in Fachhochschulen verändert? Da stosse ich in Bibliotheken auch immer wieder auf erstaunliche Vorstellungen.]

Man sollte die eigenen Ansprüche realistisch halten. Sicherlich: Leute arbeiten Tag für Tag in der Bibliothek, sie versuchen dies, verändern das, machen sich Gedanken, stecken Arbeit hinein. Und dann stellen sie fest, dass die ganze Arbeit nicht – oder nicht so viel, wie sie gerne möchten – wahrgenommen wird. Das kann frustrieren, aber es ist nichts Bibliotheksspezifisches. Das gilt einfach für alle Einrichtungen in unseren funktional differenzierten Gesellschaften. Gerade deshalb, weil die Funktionen differenziert werden und wir mehr oder minder darauf vertrauen können, dass sie von Einrichtungen, «die dafür zuständig sind», erfüllt werden, denken wir alle wenig darüber nach, wie sich die ganze Einrichtungen tatsächlich verändern, ausser wenn wir mit ihnen direkt zu tun haben oder aber es zu Krisen in ihrer Funktion kommt. Auch, wenn man sich dadurch persönlich manchmal in der eigenen Arbeit in der jeweils eigenen Einrichtung herabgesetzt fühlen kann, hat das im Gesamt gesehen auch grosse Vorteile: Mehr oder minder funktioniert die Gesellschaft. (Sie könnte immer besser funktionieren, aber immerhin bricht sie nicht auseinander und liefert bessere Ergebnisse, als wenn es sie nicht gäbe.)

Äusserungen von Bibliothekar*innen, die sich verärgert darüber zeigen, dass die ganzen Veränderungen, die sie so anstreben oder durchführen oder wahrzunehmen scheinen, gar nicht richtig gewertschätzt werden, übergehen das. Deswegen ändern sie auch nichts. (Und haben tatsächlich wenig verändert. Seit den 1970er Jahren, nachdem die Freihand etabliert war, sind Öffentliche Bibliotheken immer wieder in Sinnkrisen und wollen sich entwickeln – und entwickeln sich auch. Aber seitdem finden sich solche Stossseufzer, dass diese Entwicklungen nicht wahrgenommen werden würden, immer wieder. Sicherlich jetzt, mit den sozialen Medien, verstärkter wahrzunehmen, aber mehr versteckt auch in der bibliothekarischen Literatur in den Jahrzehnten zuvor. Das legendäre Bild von dem «Bild der verstaubten Bibliothek, von dem wir wegkommen müssen» ist keine neue rhetorische Figur, sondern eine mit Tradition. Die Frage ist, was das Ziel ist: Was wollen Bibliothekar*innen mit diesen Äusserungen erreichen? Die Gesellschaft und die Bibliotheken haben sich verändert, aber diese Stossseufzer eigentlich nicht. Es scheint, als ginge es um etwas anderes: Um die Identität der Bibliotheken selber.)

2. Was wäre denn wenn?

Man könnte dabei stehen bleiben. Vielleicht ist es einfach Teil der Identität von gesellschaftlichen Einrichtungen, dass von Zeit zu Zeit einmal solche Stossseufzer ausgestossen werden. (Weil, wenn man sich nur genug mit anderen Einrichtungen beschäftigt, hört man solche Äusserungen auch dort.) Vielleicht hört man sie im Bibliothekswesen mehr oder intensiver als in anderen Einrichtungen, die sich ihrer Position sicherer sind – aber das wäre zu überprüfen (vielleicht ist das auch einfach meine Wahrnehmung, weil ich mehr mit Bibliotheken zu tun habe, als mit anderen Einrichtungen). Ich möchte aber ein bisschen weitergehen und fragen, was denn wäre, wenn jemand auf diese Äusserungen reagieren würde – wie würde die Welt dann aussehen?

Interessanterweise ist das praktisch nie Thema solcher Äusserungen. Man kann einiges vermuten, aber es klingt dann immer wie ein Klischee: Menschen würden für bestimmte Dinge, die, die halt neu sind (und nicht einfach die Medien sind, die eine Bibliothek im Angebot hat) in die Bibliothek kommen. Politiker*innen würden mehr Geld geben – oder auch nur, sich positiv über die Arbeit von Bibliotheken äussern (aber das tun sie eigentlich auch schon so regelmässig). Journalist*innen würden vor allem darüber berichten, wie sich Bibliotheken verändern (aber ehrlich gesagt, ist das immer wieder Thema von Artikeln und Beiträgen, die dann in der Bibliotheksszene rumgereicht werden). Oder Jugendliche würden sagen «Bibliotheken sind cool» (aber wer sagt schon noch «cool»?). Grundsätzlich ist nicht klar, was eigentlich erwartet wird, welche Veränderung von welchen Personen sich erhofft werden und was das dann wieder für Bibliotheken heissen würde.

Und das ist selbstverständlich ein Problem. Weil: Wenn man nicht weiss, was sich eigentlich ändern soll, kann man auch nicht feststellen, ob es sich verändert. Wenn wir zum Beispiel erwarten würden, dass im Journalismus ein anderes, «zeitgenössisches» Bild von Bibliotheken gezeichnet wird, könnte man erst bestimmen, wie dieses Bild aussehen sollte; dann eine Inhaltsanalyse von journalistischen Beiträgen machen und anschliessend die Ergebnisse mit den Erwartungen vergleichen (und gleichzeitig sehen, ob sich dieses Bild in den Beiträgen über die Zeit verändert hat). Aber – abgesehen davon, dass ich vermuten würde, dass das gezeichnete Bild schon «modern» ist, nur das die Erzählung halt oft ist, dass die/der Journalist*in davon überrascht ist – das ist nicht möglich, weil wir nicht wissen, was für ein Bild den gewünscht ist. Oder wenn wir wüssten, was von der Politik und den Trägereinrichtungen erwartet wird, könnten wir nachschauen, was die den wirklich tun. Aber: Sollen die rumkommen und die Bibliotheken regelmässig für ihre Veränderung loben? Wenn ja, könnte man nachschauen, ob sie das machen. (Auch hier wäre ich nicht überrascht, wenn sich zeigen würde, dass die Politik dies nicht von Zeit zu Zeit macht.) Oder wenn wir wüssten, was Jugendliche oder andere Teile der Bevölkerung von den Bibliotheken denken sollen, könnte man schauen, ob sie das nicht auch machen. (Und auch hier: Wenn man nicht zu hohe Ansprüche hat, kann ich mir gut vorstellen, dass die nicht so negativ denken, wie man vermuten könnte.)

Grundsätzlich scheint mir, dass die, die sich beschweren, nicht wirklich sagen können, was sie den sonst wollen. Die Bibliothek, wenn ihr veränderten Angebote wahrgenommen würden, würde gut benutzt werden. Bibliotheken werden im Allgemeinen recht gut benutzt. Vielleicht nicht alle neuen Angebote so, wie sich die Bibliothekar*innen, die die einrichten, erhoffen – aber an was liegt das? Liegt es wirklich daran, dass die nicht wahrgenommen werden?

3. Ein Politiktest

Ich würde noch einen Test vorschlagen, um die eigenen Ansprüche etwas zu erden: Einmal die Position wechseln.

  1. Stellen Sie sich vor, sie sind Kommunalpolitiker*in mit Regierungsverantwortung: Bürgermeister*in einer mittelgrossen Gemeinde zum Beispiel. Wie sieht ihr Alltag wohl aus? Sie müssen Entscheidungen treffen. Sie benötigen Informationen, um diese Entscheidungen zu treffen – die Sie nicht alle alleine erstellen und besorgen können, sondern über die Sie sich oft auch informieren lassen. Sie müssen Entscheidungen auch vorbereiten, beispielsweise schauen, welche Sie überhaupt rechtlich treffen können und welche Gesetze Sie beachten müssen. Sie müssen Entscheidungen mit anderen absprechen, die auch Einfluss haben. Oft müssen Sie auch über Entscheidungen verhandeln, Kompromisse schliessen und so weiter. Und Kontakte pflegen müssen auch noch.
  2. Was wissen und was wollen Sie in dieser Position von der Bibliothek? Erst einmal wissen Sie, ob die Bibliothek vor Ort funktioniert oder ob es Krisen gibt, also ob sich zum Beispiel viele Menschen über die Bibliothek beschweren oder ob das Bibliothekspersonal ständig nach einigen Monaten kündigt. Aber solange das nicht der Fall ist und solange die Bibliothek nicht negativ heraussticht, wissen Sie vor allem, dass sie funktioniert. Sie wissen nichts von täglichen Klein-Klein in der Bibliothek, so wie sie auch nichts vom täglichen Klein-Klein in den Schulen der Gemeinde oder im Bauamt oder der Stadtgärtnerei wissen. Sie halten Kontakte, sie lassen sich informieren – über die Bibliothek so wie auch über andere Einrichtungen. Das schon. Aber sonst vertrauen Sie, dass in der funktional differenzierten Gesellschaft die Einrichtung Bibliothek schon weiss, was sie tut.
  3. Was können Sie erwarten von der Bibliothek? Das sie professionell funktioniert. Unter anderen, dass die schon selber weiss, wie Medien für den Bestand ausgewählt werden. Aber auch, dass die richtigen Veranstaltungen organisiert werden. Oder, dass sich die Bibliothek im Kontext der Entwicklung des gesamten Bibliothekswesens mitentwickelt. Anders gesagt: Das sie selber handelt. Das heisst zum Beispiel, dass, wenn es notwendige Änderungen gibt, die Bibliothek Ihnen das präsentiert. Als Politiker*in wollen sie nicht wissen, was Bibliotheken untereinander darüber diskutieren, wozu sie zum Beispiel einen Makerspace oder Beete für das Urban Gardening oder Bibliothekscafés brauchen. Sie wollen eine Entscheidung dazu vorbereitet haben. Wenn die Bibliothek denkt, dass sie einen Makerspace braucht, möchten Sie von der darauf hingewiesen werden und wenn es nötig ist dafür Entscheidungen zu treffen, die über den Rahmen der Bibliothek hinausgehen (beispielsweise weil die Personalstellen, der Platz der Bibliothek oder der Etat verändert werden müssen), dann wollen Sie diese Entscheidung vorbereitet bekommen. Zu dieser Vorbereitung zählt auch, erklärt zu bekommen, wozu das aus Sicht der Bibliothek nötig ist. Aber grundsätzlich wollen Sie eine Bibliothek, die sich selber entwickelt.
  4. Manchmal, meist im Rahmen anderen Entscheidungen, wollen Sie Entscheidungen über die Bibliothek treffen, die nicht von der Bibliothek selber vorbereitet werden. Beispielsweise wollen Sie den Gemeindekern neu beleben, weil der nach und nach immer leerer wird und denken daran ein neues Gemeindezentrum zu bauen, in dem auch die Bibliothek unterkommen soll. Das kommt vor – aber selten. Dann beschäftigen Sie sich etwas mehr mit der Bibliothek, aber vor allem doch mit der Entwicklung Ihrer Gemeinde.
  5. Heisst das, dass sie etwas gegen die Bibliothek haben? Nein. Oft – in mittelgrossen Gemeinden – sind sie gut vertraut mit der/dem Bibliotheksleiter*in, vielleicht auch einzelnen Bibliothekar*innen. Aber halt auch mit so vielen anderen Personen. Da sticht die Bibliothek nicht heraus.

Wenn wir einmal diesen Blickwinkel einnehmen, wird schnell klar, dass Erwartungen an die Politik, dass diese irgendwie wahrnehmen soll, wie sich die Bibliotheken verändern, eigentlich recht illusorisch sind. Was sollte sich denn in der Politik dabei ändern? Sollte sie mehr Lob verteilen? Sollte sie in Leistungsvereinbarungen mit der Bibliothek «moderne Angebote» integrieren im Sinne von «Die Bibliothek betreibt auch ein Café»? (Das passiert, aber vor allem, wenn die Bibliothek es vorbereitet.)

Meiner Erfahrung aus Beratungsprojekten nach funktioniert dies alles auch schon recht gut. Die Politik, insbesondere die lokale, ist eigentlich immer recht gut auf die Bibliothek zu sprechen und unterstützt die im Rahmen ihrer Möglichkeiten. [Selbstverständlich: Die Bibliotheken, die meine Kollegen und mich in Beratungsprojekten engagieren, sind schon eine Auswahl. Vielleicht geht es anderen schlechter und sie können deshalb solche Projekte nicht aufsetzen und finanzieren.] Aber wenn es etwas zu ändern gäbe, dann eher von Seiten der Bibliotheken aus: Die müssten sagen, was sie den anderes von der Politik erwarten. Und da die Aufgabe von Politiker*innen immer wieder heisst, Entscheidungen zu treffen, Richtlinien zu erlassen und so weiter, heisst es auch, dass Bibliotheken solche Entscheidungen vorbereiten müssen. Sie müssen sagen, wofür Geld da sein soll, wofür andere Richtlinien erlassen werden sollen und so weiter. Aber was sie, ehrlich gesagt, von der Politik erwarten können, ist, dass auf ihre Entscheidungsgrundlagen reagiert wird. Nicht weniger, aber auch nicht wirklich mehr – und das ist wieder nicht Bibliotheksspezifisches, sondern gilt für alle Einrichtungen.

4. Veränderungen anstossen

Nehmen wir aber an, die oben genannten Äusserungen von Bibliothekar*innen sind nicht vor allem dazu da, die eigene Identität von Bibliotheken und Bibliothekar*innen als immer wieder irgendwie «übersehen» zu bestätigen, sondern die Kolleg*innen wollen tatsächlich eine Veränderung. Dann sollte man daran gehen, auch tatsächlich etwas zu verändern. Was wäre zu tun?

  1. Erstmal müsste man sich darüber klar werden, dass diese Äusserungen nicht singulär sind – weder für die Bibliotheken als Einrichtungen, noch für diese aktuelle Zeit, noch für die einzelnen Kolleg*innen. Personen in anderen Einrichtungen machen ähnliche Aussagen. Bibliothekar*innen haben solche Aussagen in den letzten Jahrzehnten schon oft gemacht. Andere Bibliothekar*innen machen solche Aussagen auch. Es geht also nicht um einzelne Personen, um die aktuelle Situation oder nur um Bibliotheken – es geht um Strukturen. Was zu verändern wäre, wären Strukturen. Es ginge nicht um die eine Bürgermeisterin, der eine Skater auf dem Platz vor der Bibliothek, die eine Journalistin die nicht schreibt, was man gerne hätte – sondern um grundsätzliche Veränderungen.
  2. Es müsste klar werden, was die angestrebten Veränderungen eigentlich sein sollten. Ich könnte (siehe oben) das nicht sagen – aber hoffentlich die Kolleg*innen, die solche Äusserungen machen. Was genau soll den anders werden? Man könnte das gut und gerne einmal aufschreiben – für solche Selbstverständigungsprozesse von Institutionen sind ja zum Beispiel Berufsverbände da.
  3. Anschliessend müsste man versuchen zu verstehen, warum «die anderen» so handeln, wie sie handeln, wie weiter oben beim «Politiktest». (Dabei muss man nicht raten – es gibt genügend Literatur dazu. Aber wichtig ist, die einzelnen Personen nicht als Individuen – die eine Bürgermeisterin, der eine Skater –, sondern als Personen in Handlungszusammenhängen zu verstehen.)
  4. Und dann müsste man daran gehen, aufbauend auf diesem Verständnis, systematisch auf Veränderungen hinzuarbeiten. Wenn man weiss, welche Veränderungen und welche Handlungszusammenhänge, dann kann man auch ein Programm erarbeiten (wieder: man muss nicht raten, es gibt schon Vorarbeiten, aber die muss man nutzen), um diese Veränderungen anzustreben.
  5. Und dann kann – auch hier sind wieder festere Strukturen wie Berufsverbände im Vorteil gegenüber einzelnen Kolleg*innen – regelmässig geschaut werden, welche Effekte das jeweilige Vorgehen hat und dann darüber nachdenken, warum. Das liefert dann mehr Wissen dazu, ob die Veränderungen möglich sind und was an Vorgehen «funktioniert». Das klingt ein bisschen einfach, aber wenn man versteht, dass es nicht individuelle «Probleme» sind, sondern Strukturen, dann ist das der richtige Weg.

Es müsste dann, in diesem Zusammenhang, auch ein Messinstrument installiert werden, das klären kann, ob man den Veränderungen näher kommt oder nicht. Wenn sich dann über ein längeren Zeitraum nichts verändert, hätte man auch einen klaren Hinweis darauf, dass das (zumindest über den dann eingeschlagenen Weg) nicht funktioniert. Die Interpretation wäre dann eine andere Aufgabe. Es könnte sich zum Beispiel zeigen, dass die bisherige Struktur – beispielsweise: Die Bibliotheken stellen immer mal wieder Angebote um, die Politik begleitet das wohlwollend, aber auch distanziert, weil sie die Bibliotheken als sich selber steuernde, professionelle Einrichtungen wahrnimmt – recht gut funktioniert, als Teil der lose gekoppelten, funktionalen Differenzierung, die unsere Gesellschaften prägt. Aber dann wüsste man es zumindest und könnte sich – als Profession und als Bibliothekar*in – fragen, ob solche Stossseufzer überhaupt einen Sinn haben.


Fussnoten

1 Das funktioniert nicht, wenn Sie zufällig eng verwandt oder befreundet sind mit jemand, die/der in einem Zoo arbeitet und ständig mit Ihnen darüber spricht. Sie müssen von Zoos ein wenig entfernt sein, so wie die normale Öffentlichkeit auch von Bibliotheken ein wenig entfernt ist. Sie können aber eine ähnlich gut beleumundete Einrichtung nehmen: Jugendclubs, Museen und so weiter.

2 Ja, okay. Selbstverständlich gibt es Kritik an Zoos, beispielsweise aus der Tierschutzrechtsszene. Einige davon auch, weil die Entwicklungen in Zoos in den letzten Jahren von den Kritiker*innen nicht so richtig wahrgenommen werden; andere aber wohl nicht unberechtigt. Aber grundsätzlich sind Zoos, wie Öffentliche Bibliotheken, Einrichtungen, die in der Öffentlichkeit keine schlechten Leumund haben.

Die eigene Situation als Bibliothekar*in verstehen. Ein Beispiel von Autoethnographien

Arellano Douglas, Veronica ; Gadsby, Joanna (2020). Deconstructing Service in Libraries: Intersections of Identities and Expactations. (Series on Gender and Sexuality in Information Studies; 11) Sacramento: Litwin Books, 2020


Das Buch, welches diesen Blogpost motiviert, ist ein «hard read». Es geht eigentlich darum zu klären, was «Services» in (vor allem Wissenschaflichen) Bibliotheken sind, wie gering sie wertgeschätzt werden und warum. Die Grundidee, die sich durch fast alle Beiträge in diesem Band zieht, ist die, dass Services – von Beratungen über Unterricht durch Bibliothekar*innen bis hin zu Angeboten, die entwickelt werden, weil auf Nutzende gehört wird – auch «emotional labor» sind und dieser Teil der Arbeit nicht wahrgenommen, teilweise auch aktiv negiert wird. Stattdessen gäbe es eine Überbewertung von einfach zu erheben Zahlen, die als Ausweis von Arbeit interpretiert werden, und von technischen Lösungen. Grundsätzlich wäre das Ausdruck eines neoliberalen Denkens, dass alle Arbeit in reproduzierbare (und von den Effekten her einfach mess- und vergleichbare) Produkte fassen will. Ein Effekt sei, dass die Arbeit von Bibliothekar*innen den Interessen der Universitäten untergeordnet wird, nicht den der Nutzenden, mit denen man aber in der bibliothekarischen Arbeit zu tun hat, so dass ständig unterschiedliche Wertigkeiten das Handeln bestimmen würden. Eine andere Kritikebene ist, dass so «weiblich» konnotierte Tätigkeiten ab- und «männlich» konnotierte aufgewertet werden.

All das kann man diskutieren und ist auch in der Realität von bibliothekarischer Arbeit (zumindest in den USA) fundiert. Aber eigentlich ist dieses Buch für mich eines über die Möglichkeiten von Autoethnographie (und offenen Essays) dafür, diese Realität abzubilden und über den Einzelfall hinaus verständlich zu machen. Es zeigt, dass problematische Strukturen und Entwicklungen auch im Bibliothekswesen greifbar gemacht werden können. Viele der Texte vermitteln zudem den Eindruck, als wären die schreibenden Kolleg*innen – die zumeist aktiv Bibliothekar*innen und nicht vor allem Forschende sind – durch das Schreiben der Texte dazu gekommen, darzustellen, wie ihre persönliche Situation tatsächlich ist. Schreiben scheint hier das Werkzeug gewesen zu sein, um sich und anderen die eigene Situation überhaupt verständlich zu machen.

Es gab einen Call for Papers für dieses Buch. Aus diesem ist ersichtlich, dass es wenig formale Vorgaben für die Beiträge gab. Das zeigt sich dann auch. Es gibt ausgewertete Umfragen und Interviews, persönliche Reflexionen, die Beschreibung einer Lerngruppe. Aber hauptsächlich gingen die Autor*innen autoethnographisch vor: Die eigenen Erfahrungen wurden als Datenmaterial genommen, um nach Strukturen, Funktionsweisen von Institutionen und Settings, von wirkmächtigen Vorannahmen und so weiter zu fragen. Das macht das Buch zum erwähnten «hard read», weil es sehr oft sehr erschreckend ist, was die Autor*innen darstellen.

Es wird aus sehr unterschiedlichen Subjektpositionen geschrieben: gay asian-american, fat female librarians, disabled staff, Kolleg*innen mit Depressionen. Die Schreibenden bestimmen (meist) mittels der Frage «Wie funktionieren die sozialen Beziehungen in meiner Einrichtung?» und fragendem Vorgehen, bei dem eigene Erfahrungen und Wissen aus anderen Quellen verbunden werden, ihre eigene Situation in den Bibliotheken zu verstehen, aber auch, was diese Situation über die Institution Bibliothek aussagt. Und – wie gesagt – das führt nicht immer zu positiven Antworten.

Dabei geht es weniger um konkrete Diskriminierung und vielmehr um strukturelle Einschränkungen sowohl bezogen auf die persönliche Ebene als auch auf die institutionelle Ebene (hier vor allem der Bibliothek gegenüber der Universität, aber auch der Servicebereiche gegenüber anderen Bereichen in der Bibliothek selber). Beispielsweise geht es immer wieder darum, für was Kolleg*innen als kompetent oder nicht kompetent wahrgenommen werden oder was für sie faktisch schwieriger ist aufgrund dessen, was Personen ihrer jeweiligen Identität zugeschrieben wird und wie die Institution konstituiert ist. Es geht auch oft um die kontinuierliche Devaluation der Erfahrungen und Arbeit in Servicebereichen gegenüber shiny tech projects oder Wirkungen, die in «harten Zahlen» zu fassen sind.

Das alles ist – trotzdem im CfP zu Einreichungen aus anderen Ländern aufgerufen wurde – sehr US-lastig und lässt sich nicht direkt in den DACH-Raum übertragen. Alle Ungleichheitskategorien haben ihre eigenen Geschichten und Bedeutungen in unterschiedlichen Gesellschaften, also auch die in diesem Buch diskutierten. Autoethnographie als Methode produziert zudem immer erst einmal lokales Wissen. (Aber, wie das Buch zeigt: Viel lokales Wissen, dass immer wieder ähnliche Strukturen aufzeigt, deutet darauf hin, dass es nicht einfach um lokale Probleme geht.)

Was das Buch zeigt, ist, dass ein solches Vorgehen, bei dem Bibliothekar*innen autoethnograpisch über ihre Position schreiben, hilfreich ist. Hilfreich für Kolleg*innen selber, um zu klären, in welcher Position sie sich befinden, warum die Situation so ist, wie sie ist und welche Strukturen wie auf ihre Möglichkeiten einwirken. (Das gilt nicht nur für Personen, deren Identität «am Rand» der Mehrheitsgesellschaft verortet wird.) Aber hilfreich auch, um als Bibliothek oder Bibliothekswesen darüber nachzudenken, was geändert werden kann.

Dieses Vorgehen macht das Vorhandensein von Strukturen und deren Wirkung sichtbar – und wenn sie benannt sind, lassen sich auch ändern. Es zeigt, dass es oft nicht einfach um persönliche Probleme oder Lösungen geht. Was die Texte machen, ist, Wissen zum Beispiel aus der Literatur und Praxis zusammenzubringen, indem «theoretisches Wissen» anhand persönlicher Erfahrungen überprüft und in seiner Wirkung aufgezeigt wird. Es ist zum Beispiel das eine, wenn grundsätzlich über bestimmte Vorurteile gesprochen wird, aber das andere, wenn man liest, wie sie Kolleg*innen tatsächlich betreffen.

Bibliotheken im DACH-Raum (und nicht nur dort) machen sich in den letzten Jahren darum Gedanken, wie sie auf die wachsende gesellschaftliche Diversität reagieren können und sollen. (Manchmal geht das sehr dahin, vor allem darüber nachzudenken, wie das Personal diverser werden kann – was nur ein Teilbereich ist. Aber vielleicht ist das einfach das greifbarste Thema.) Dieses Buch gibt dazu praktisch ein Werkzeug in die Hand, dass mitgenutzt werden sollte. Insbesondere zeigt es, dass autoethnographisches Vorgehen hilft, die ganzen Theorien zu Ungleichheitskategorien (die ja auch nicht einfach am Schreibtisch erarbeitet wurden, sondern vorrangig anhand empirischen Materials) mit praktischen Erfahrungen in Bibliotheken zu verbinden. Es hilft einerseits Kolleg*innen, sich zu verorten, aber e hilft anderen auch, diese Verortung nachzuvollziehen. Oder genauer: Es würde Bibliotheken (und dem Bibliothekswesen) helfen zu verstehen, was zu bearbeiten ist, wenn man dem Anspruch, die gesellschaftliche Diversität mindestens in der Bibliothek auch abzubilden, gerecht werden möcchte.

Kurz: Ich empfehle das Buch, wenn auch nicht unbedingt für den eigentlichen Inhalt (der einen weiteren Text wert wäre). Aber man sollte sich auf eine längere Lesezeit einstellen. So einfach «weglesen» lässt es sich nicht.

Advocacy für Bibliotheken: Erinnert sich wer?

Aufgabe von Verbänden ist es immer, die Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten, was (auch) heisst, Lobbyarbeit zu betreiben. Für Bibliotheksverbände heisst dies dann, Lobbyarbeit für Bibliotheken zu machen. (Auch wenn einige Verbände dabei zweigespalten sein müssen, weil sie sowohl die Institutionen als auch das Personal vertreten – also in vielen Fällen zwei Seiten zu einer Frage gleichzeitig. Aber das ist ein anderes Thema.) Diese Arbeit bezieht sich oft auf «die Öffentlichkeit» im Allgemeinen und «die Politik» auf nationaler und Landes-/Kantonsebene. Auf lokaler Ebene – also vor allem auf Ebene der Gemeinden – betreiben sowohl Bibliotheken selber als auch manchmal andere Vereinigungen (zum Beispiel Freundeskreise oder im Krisenfall Ad-hoc Bündnisse) solche Arbeit.

Wenn das wie eine selbstverständliche Aussage klingt, dann, weil es so allgemein akzeptiert ist. Es gibt solche Aktivitäten immer wieder und sie werden auch immer wieder neu aufgegleist. Oder anders: Es gibt schon viele Erfahrungen mit unterschiedlicher Lobbyarbeit für Bibliotheken (oder auch vergleichbaren Einrichtungen, Museen sind zum Beispiel auch recht aktiv). Das Erstaunliche ist aber, dass diese Erfahrungen kaum genutzt werden. Schaut man sich an, was Verbände, Bibliotheken und andere Vereinigungen an Lobbyarbeit für Bibliotheken machen, fällt schnell auf, dass immer wieder ähnliche Ideen verfolgt, ähnliche Projekte aufgesetzt und auch, wenn überhaupt, am Ende ähnliche Berichte zu diesen Aktivitäten publiziert werden. Was auch auffällt ist, dass kaum über tatsächliche Erfolge (oder Misserfolge) solcher Aktivitäten berichtet und diskutiert wird. Grundsätzlich ist das vielleicht auch nicht nötig: Das Verbände Lobbyarbeit machen scheint so normal, dass es nicht hinterfragt wird. Aber fraglos wäre es besser, über die Erfolge und Misserfolge dieser Aktivitäten nachzudenken. Das würde potentiell die weitere Arbeit auf diesem Gebiet besser machen (und damit, idealerweise, wohl positive Effekte für Bibliotheken haben). Darum soll es im Folgenden gehen.

Die Krise britischer Bibliotheken – und die Lobbyarbeit für sie

Ausgangspunkt soll dabei das Buch Bibliothèques publiques britanniques contemporaines: autopsie des années de crise sein.1 In diesem geht es grundsätzlich um die Krise, in welcher sich das britische Öffentliche Bibliothekswesen seit mehr als zehn Jahren befindet. Die Autor*innen schildern hier, wie tiefgehend dieser Krise ist, wie sie sich in Zahlen ausdrückt, aber auch, wie sehr sie Ergebnis politischer Entscheidungen war / ist.2 Ihr Fokus liegt auf den Regierungsjahren von David Cameron (2010-2016), aber die Krise ist weitergegangen.

Der zweite und letzte Teil des Buches widmet sich dem, was im Buch als «advocacy» beschrieben wird: Unterschiedliche Formen von Lobbyarbeit für Bibliotheken. Hier werden viele Beispiele von verschiedenen Formen von Protesten, von direkter Lobbyarbeit, vom Eintreten für lokale Bibliotheken oder für Bibliotheken im Allgemeinen – beispielsweise durch Autor*innen – dargestellt. Gerade weil dabei viele Beiträge direkt von Aktiven (ins Französische übersetzt) übernommen wurden, finden sich hier auch viele Argumente, die bei deiser Advocacy für Bibliotheken gesammelt wurden. Auf der einen Seite zeigt dieser Teil des Buches eine beeindruckende Breite an Aktivitäten. Auf der anderen Seite zeigt er auch ein Scheitern an: Die meisten dieser Proteste, dieser Lobbyarbeit und so weiter haben nicht dazu geführt, dass Bibliotheken «gerettet» wurden oder das die Krise des britischen Öffentlichen Bibliothekswesens beendet worden wäre. Die Erfolge all dieser Aktivitäten waren gering. Irritierend ist ein wenig, dass das in diesem Buch nicht einmal thematisiert wird, sondern das es nach der Darstellung endet.

Dabei wird im ersten Teil des Buches dargestellt, dass diese Krise Ergebnis politischer Entscheidungen auf einer anderen Ebene waren, als die der Bibliotheken. Es geht dabei um das spezifische Verständnis von Gesellschaft und den Aufgaben von Staat und Gesellschaft, die von den Regierungen unter David Cameron vertreten wurden. Diese ideologischen Weichenstellungen mögen in der Radikalität, mit der es damals umgesetzt wurden, eine britische Besonderheit sein. Aber was mich hier interessiert, sind zwei Sachen:

  1. Die auffällige Differenz zwischen den politischen Entwicklungen (also vor allem dem Umbau des britischen Sozialstaates und die Etablierung neoliberaler politischer Vorstellungen), welche als Hauptgrund der Krise dargestellt werden und den Aktionen für Bibliotheken, die dann geschildert werden. Die politischen Entwicklungen gingen (so das Buch) dahin, dass sich der Staat aus der Finanzierung der gesellschaftlichen Infrastruktur zurückzieht und der Gesellschaft (in Form von Vereinen und ähnlichen Institutionen) überträgt. Die Argumentationen für Bibliotheken gingen dahin, den gesellschaftlichen Wert der Bibliotheken zu betonen, teilweise zu quantifizieren, und für den Erhalt der vorhandenen Bibliotheken einzutreten. Das sind zwei sehr unterschiedliche, sogar zum Teil widersprüchliche Sachen.
  2. Auf Seiten der Advocacy für Bibliotheken waren die eigentlichen, langfristigen Ziele kaum klar. Es ging oft um den Erhalt des Status Quo, also beispielsweise einer Bibliothek oder des gesamten Netzes von Bibliotheken. Aber dann? Was war das langfristige Ziel? Auch, wenn zum Beispiel mit Versuchen, den Wert von Bibliotheksleistungen für die Gesellschaft zu berechnen, über den lokalen Rahmen hinausgegangen wurde, war nicht klar, was genau das Ziel war. Wenn zum Beispiel Labor wieder (einmal) in Grossbritannien regieren würde, was genau sollte die Regierung dann tun? Über das «rettet die Bibliothek / die Bibliotheken, wie sie gerade ist / sind» ging die ganze Lobbyarbeit kaum hinaus.

Beispiele aus dem DACH-Raum

Das Buch ist aus Frankreich und es handelt von Grossbritannien. Aber es illustriert gut eine Struktur der Lobbyarbeit für Bibliotheken, die sich auch im DACH-Raum findet. Einige Beispiele:

Ökonomischer Wert der Bibliotheken

Vor zehn, fünfzehn Jahren wurden recht viele Arbeiten dazu geschrieben, wie man den «Wert von Bibliotheken» berechnen könnte. Es gab einige Projekte dazu und immer noch findet sich auf dem Bibliotheksportal des Deutschen Bibliotheksverbandes der «Bibliothekswertrechner»,3 bei dem Bibliotheken eingeben können, wie viele Medien sie verliehen haben und so weiter, um dann einen Wert in Euro geliefert zu bekommen, den die Bibliothek «wert» sei. Es gab und gibt andere Formeln, um solche Wert zu errechnen. Zum Beispiel werden in den sozialen Medien immer wieder einmal Bilder von Bibliotheken aus dem Ausland geteilt, auf deren Ausleihquittungen Werte angegeben werden, wie viel Geld die jeweiligen Nutzer*innen mit dieser Ausleihe oder den Ausleihen des letzten Jahren schon gespart hätten. Ebenso gab es ähnliche Ansätze wie «willingness to pay»-Studien, wo versucht wurde, den Wert von Bibliotheken zu messen, indem man fragt, was Leute sonst bereit wären, für bestimmte Angebote zu zahlen.

Die Idee kommt auch immer wieder einmal auf, dass man solche Werte bräuchte, um Werbung für Bibliotheken machen zu können. (Was… manchmal erstaunlich ist.) Auch im oben besprochenen Buch finden sie sich.

Hinter diesem Ansatz stand wohl immer die – manchmal angedeutete, manchmal nicht ausgesprochene – Vorstellung, dass Bibliotheken dann gut abschneiden würden, wenn sie zeigen könnten, dass die Bevölkerung durch sie viel einspart oder mehr Wert «erhält», als sie über die Steuern und / oder Nutzungsgebühren bezahlt hätte. So was in der Art. Aber: Abgesehen davon, dass das selbstverständlich auch andere Einrichtungen behaupten können – und es gab und gibt immer auch willingness zu pay-Studien zu Museen, Parks und so weiter, in denen dann auch gezeigt wird, dass diese Einrichtungen mehr Wert «bringen» als sie kosten – ist zumindest mir nie ein Text untergekommen oder eine Geschichte erzählt worden, wo dies einen positiven Effekt hatte.

Es ist auch nicht klar, wie genau das funktionieren soll: Sagen wir wieder einmal, eine Politikerin kriegt diese Zahlen auf den Tisch – was dann? Was soll sie tun? Selbst wenn diese zum Beispiel mit der Forderung verbunden wären, zum Beispiel in einem Flugblatt, deshalb eine Bibliothek nicht zu schliessen, kann die Politikerin wenig mehr tun, als dann gegen die Schliessung zu stimmen, wenn es zur Abstimmung kommt. Aber wird sie dass wegen solcher Zahlen tun?

Auffällig war eigentlich immer, dass mit solchen Angaben vom «Wert» von Bibliotheken die Überzeugung verbunden war, dass solche Nachweise des eigenen Werts eine Bedeutung in der Politik haben. Aber so funktioniert Politik ja nicht. Es geht um Macht und Verteilung von Macht, um das Identifizieren von Problemen, den Entwurf von Lösungsmöglichkeiten, die Etablierung von Alternativen, die Durchsetzung ideologischer Programme. Das ist Politik. Argumente aller Art, auch solche, die in Geldwerten ausgedrückt werden, sind nur ein kleiner Bestandteil, der nicht von sich aus überzeugt.

Was nötig wäre, wenn man die Idee vertritt, mit solchen Nachweisen Lobbyarbeit zu betreiben, wäre zu sagen, welchen Effekt diese Zahlen haben sollen: Wer soll die glauben? Wer soll durch die von was überzeugt werden? Was genau soll danach geschehen? (Was, wenn andere Einrichtungen ähnliche Zahlen vorlegen können?) Ist die Politik angesprochen? Die Öffentlichkeit? Die Medien? Was soll das bringen? Aber das ist bislang nicht gesagt worden. Stattdessen sind diese Versuche seltener geworden.

«Bibliothek 2007»

In der gleichen Zeit, als diese Versuche der Wertberechnung populär waren – und wohl inhaltlich damit verbunden – gab es von der Bundesvereinigung deutscher Bibliotheksverbände und der damals im Bibliotheksbereich aktiven Bertelsmann Stiftung das Projekt «Bibliothek 2007». Heute ist nicht mehr fiel davon zu finden. Die damals aktiven Homepages sind abgeschaltet.4 Ganz klar war auch da nicht, was eigentlich genau das Ziel war. Es wurden beispielsweise «Best Practice» recherchiert,5 was hiess, eine Anzahl von Öffentlichen Bibliothekswesen vorzustellen (wobei, so überraschend waren die nicht: Skandinavien, Grossbritannien – obwohl es damals schon immer mehr in die Krise schlitterte – und Singapur wurden oft genannt). Es wurden Dokumente erstellt, in denen ein «Reformbedarf» des Deutschen Bibliothekswesens postuliert wurde. Ausserdem wurde das Bild eines Öffentlichen Bibliothekswesen, welches sich auf Bildung und neue Medien fokussieren und als gemeinsames Netz organisiert würde, gezeichnet. Dieses sollte bis 2007 etabliert sein.

Im Rahmen dieses Projektes wurde auch auf Politikberatung gesetzt. Beispielsweise wurde ein Treffen mit Mitgliedern des Bundestages angestrebt.

Was hat dieses Projekt gebracht? Schon der Fakt, dass man heute nach ihm intensiv recherchieren muss und eigentlich nur Konzeptpapiere, aber keine Texte, die über die tatsächlichen Effekte berichten oder nur nachdenken, findet, ist ein Hinweis. (Ich kann zum Beispiel nicht sagen, ob das Treffen im Bundestag nur angestrebt oder auch durchgeführt wurde. Und wenn ja, mit wem? Mit welchem Ergebnis?) Auch hier muss man vermuten, was eigentlich die Erwartungen waren. Sichtbar ist – aber das ist zu erwarten, wenn die Bertelsmann-Stiftung dabei war – die Übernahme von neoliberalen Vorstellungen und Terminologien. Die Bibliotheken wurden als effizient, aber entwicklungsfähig verkauft. Es wurde von Investition in die Zukunft gesprochen. Und so weiter.

Wieder: Wenn eine Politikerin das damals, 2004, auf den Tisch bekommen hat – was genau hätte sie tun sollen? War zum Beispiel die «BibliotheksEntwicklungsAgentur», von der im «Zukunftsbild» gesprochen wurde, ernstgemeint und sollte die Politikerin sie einrichten? (Eine bundesweit agierende Agentur, wenn Kultur und Bildung Landessache sind? Wie soll das gehen?) Oder war sie ein Symbol? Was genau sollte getan werden? Was in den Dokumenten auffällt, ist nicht nur, wie quer zur politischen Struktur Deutschlands die dort beschriebene Zukunft des Bibliothekswesens stand, sondern auch, dass gleichzeitig nicht klar wurde, was genau gefordert wurde.

Und, im Nachhinein, wie schnell von der Kampagne nicht mehr geredet wurde. (Zum Beispiel verschwand sie als Thema ganz schnell aus BuB und Bibliotheksdienst, obwohl dort einige Jahre regelmässig Artikel zu ihr erschienen.)

«Bibliofreak»

2015 bis 2017 gab es in der Schweiz die Kampagne «BiblioFreak». Die Homepage lässt sich noch aufrufen,6 aber der Schlussbericht nicht mehr.7 Sie zielte darauf ab, das Bild von Öffentlichen Bibliotheken zu verbessern – I guess. Ich habe die Kampagne quasi live miterlebt und dennoch nie so richtig verstanden, was das Ziel war. Weiterhin steht auf der Kampagnenseite dazu folgendes:

«BiblioFreak ist eine nationale Imagekampagne für Bibliotheken. Sie will die Bibliotheken stärken, deren öffentliche Wahrnehmung verbessern und ihre Bekanntheit steigern.

BiblioFreak will dazu beitragen, den Kreis der Nutzerinnen und Nutzer der Bibliotheken zu erweitern.

BiblioFreak macht die vielfältigen Leistungen der Bibliotheken sichtbar, bringt Bibliotheken ins Gespräch und hilft so, das nachhaltige Engagement der Träger zu sichern.

BiblioFreak hilft auf unkonventionelle Art, dass über die Bibliotheken gesprochen wird.»8

Was nicht heisst, dass die Kampagne damals nicht beliebt gewesen wäre – bei Bibliotheken. Viele Bibliotheken verlinkten damals auf die Homepage, besorgten sich Kampagnenmaterialien und machten solche Aktionen wie gemeinsames Wandern (mit Shirts der Kampagne), produzierten Flyer und Werbematerialien. Oft war der Eindruck, als ob vor allem Bibliotheken selber sich mit der Kampagne identifizieren konnten und mit ihr eine gewisse «feel good»-Atmosphäre vermittelt wurde. (Was nicht zu unterschätzen ist.)

Das Ergebnis der Kampagne ist nicht klar. Herbert Staub (damals Präsident des damaligen Verbandes Bibliothek Information Schweiz, der praktisch das Gesicht der Kampagne war) hat, als er sie 2017 auf dem Deutschen Bibliothekstag vorstellte – und auch anderswo – selber gesagt, dass die Ergebnis schwierig zu bestimmen sind. Und jetzt wird praktisch nicht mehr über diese Kampagne geredet. Der Verband und Vorstand ist ein anderer und offenbar ist das alles kein Thema mehr.

Fazit

Das sind alles ein paar Beispiele. Selbstverständlich gab es mehr. Aber wir können aus diesen Beispielen schon einiges lernen, denke ich:

  1. Die Ziele solcher Aktivitäten sind oft erstaunlich unklar. Sicherlich gab auch einige anderen Lobbyaktivitäten, die konkreter waren. Ich denke nur an die Versuche, Bibliotheksgesetze zu etablieren, die in einigen deutschen Bundesländern und einem schweizerischen Kanton erfolgreich waren (in anderen nicht). Aber ansonsten gibt es oft erstaunlich ungenaue Angaben dazu, was hier eigentlich von wem erreicht werden soll. Immer wieder geht es darum, Politik und Bevölkerung irgendwie anzusprechen – aber wofür? Immer wieder, wenn ich mir eine Politikerin vorstelle, die von den Kampagnen angesprochen wird, kann ich mir nicht vorstellen, was genau von der erwartet wird. Aber wenn man kein konkretes Ziel hat: Warum macht man es dann überhaupt?
  2. Erstaunlich ist auch, wie selten überhaupt am Ende solcher Aktivitäten über deren Ergebnisse berichtet oder nachgedacht wird. Das es mal einen Abschlussbericht für BiblioFreak gab und auch einige Vorträge dazu, war schon eine Ausnahme. Das hinterlässt – besonders, wenn es immer wieder passiert – schnell den Eindruck, dass es niemand so richtig mit diesen Aktivitäten ernstgemeint hat (was ich nicht glauben kann). Eventuell ist es, wie angedeutet, einfach so, dass jeder Verband Lobbyarbeit macht und von jeweils neuen Vorständen erwartet wird, es auch zu tun (ausser sie haben andere Projekte, die auch als wichtig erscheinen).
  3. Bemerkenswert ist auch, wie schnell diese Kampagnen wieder aus dem «Gedächtnis» der Profession verschwinden, also wie schnell nicht mehr von ihnen gesprochen wird, wenn sie einmal vorbei sind. Hören die «jungen Leute», wenn sie jetzt mit der bibliothekarischen Ausbildung oder dem Studium anfangen, überhaupt noch von «Bibliothek 2007» oder «Bibliofreak»?9 So ist es dann aber auch nicht möglich, aus den schon gesammelten Erfahrungen aus vorhergehenden Kampagnen zu lernen – und wäre es auch nur, dass bestimmte Dinge schon ohne erkennbares Ergebnis probiert wurden.
  4. Was manchmal erstaunt, ist, wie sehr die eigentlichen Kampagnen und die politische Realität nebeneinander stehen. Im oben besprochen Buch war dies auffälliger als bei anderen Beispielen, weil es einfach auch im Buch selber zwei getrennte Teile waren. Die Analyse der politischen Veränderung hatte mit den Aktivitäten, die dann beschrieben wurden, nicht viel zu tun. Wenn die Tories die Idee vertraten, dass die Gesellschaft und nicht der Staat die gesellschaftlichen Einrichtungen tragen soll, die sich wichtig findet (was eine komische Vorstellung davon ist, was eigentlich der Staat ist – aber gut, anderes Thema), war es zum Beispiel nicht sinnvoll, wenn Bibliotheken zeigen, dass sie der Bevölkerung so und so viel Wert seien oder so und so viel einsparen. Aber das war, was gemacht wurde. Wie Politik tatsächlich funktioniert, scheint bei all der Advocacy kaum bedacht zu werden. (Ein anderes Buch aus Frankreich – Des bibliothèques pour Marseille: en finir avec l’indolence – ist da direkter.10 Hier nimmt der Autor direkt die Position ein, dass die Ausgestaltung des Öffentlichen Bibliothekswesen in Marseille das Ergebnis politischer Entscheidungen sei und deshalb auch nur durch Entscheidungen der Politik verändert werden kann. Im Vorwort zu dem von ihnen herausgegebenen Buch Public Library Governance11beschreiben Edward Abbott-Halpin und Carolynn Rankin das Verhältnis von Bibliothek und Politik deshalb auch als «wicked problem», weil weit mehr Stakeholder als nur Bibliotheken und Politiker*innen an solchen politischen Entscheidungen beteiligt sind und weil die Entscheidungen auch komplex sind. Aber in der Lobbyarbeit für Bibliotheken erscheint es oft nicht so.)

Ich bin niemand, der sich in so grossen Vereinigungen wie Bibliotheksverbänden engagieren kann. Aber wäre ich es, ich würde mir vornehmen, diese Situation zu verändern. Lobbyarbeit ist wohl Teil der Arbeit von Verbänden, aber wenn der Überblick hier etwas gezeigt hat, dann folgendes:

  • Sie sollte klare Ziele haben.
  • Sie sollte sich bemühen zu verstehen, wie Entscheidungen getroffen werden, die dazu führen, dass diese Ziele erreicht werden – und nicht einfach nur um goodwill oder so werben. (Das ist bei Bibliotheken nicht notwendig. Wie viel mehr goodwill wollen sie noch haben?) Es geht um Politik, also sollte man auch verstehen, wie Politik funktioniert und wo angesetzt werden muss, um etwas zu verändern.
  • Alle Lobbyaktivitäten sollten daraufhin überprüft werden, was eigentlich ihre Ergebnisse waren. Das Wissen, welches über Jahre und Jahrzehnte mit solchen Kampagnen gesammelt wurde, sollte nicht einfach wieder verschenkt, sondern aktiv gesammelt werden.

Fussnoten

1 Touitou, Cécile (dir.) (2020). Bibliothèques publiques britanniques contemporaines: autopsie des années de crise. [La Numérique] Villeurbanne: Presses de l’enssib, 2020, https://doi.org/10.4000/books.pressesenssib.11527

2 Ich habe letztens gehört, dass es Berater*innen gibt, die aktuell die Öffentlichen Bibliotheken in Grossbritannien als positives Vorbild für bestimmte Entwicklungen im DACH-Raum darstellen. Aber ich kann nicht glauben, dass das jemand ernst meint oder ernst nimmt. Alle Zahlen in Grossbritannien zeigen kontinuierlich nach unten: Etat, Personal, Anzahl Filialen, Ausleihen, Medien, Veranstaltungsbesuche.

3 https://bibliotheksportal.de/bibliothekswertrechner/.

4 Aber ganz verschwindet so was selbstverständlich nicht. Es gibt die gedruckten Medien noch in Bibliotheken und teilweise digitalisiert: https://core.ac.uk/download/pdf/195393741.pdf.

5 https://media02.culturebase.org/data/docs-bideutschland/Best_Practice_Recherche.pdf.

6 http://bibliofreak.ch.

7 http://bibliofreak.ch/uploads/downloads/Bericht/BiblioFreak_Schlussbericht.pdf.

8 http://bibliofreak.ch/page/hilfe.

9 Und während ich das schreibe fällt mir auf, dass sie es von mir hören könnten – aber haben sie nie. Nie erschien mir das wichtig, ihnen Wissen über diese vergangenen Kampagnen mitzugeben. Ein Fakt, über den ich nochmal nachdenken muss.

10 Rose, José (2020). Des bibliothèques pour Marseille: en finir avec l’indolence. Marseille: Éditions Gaussen, 2020

11 Abbott-Halpin, Edward ; Rankin, Carolynn (edit.) (2020). Public Library Governance: International Perspectives (IFLA Publications, 176). Berlin; Boston: De Gruyter Saur, 2020.

Würde ein Schulbibliothekswesen in Deutschland ein Teil des Öffentlichen Bibliothekswesens sein? Hinweise aus anderen Ländern

Okay, noch ein Wort zu Schulbibliotheken. Letzte Woche triggert mich die Nachricht, dass sie demnächst in der deutschen Bibliotheksstatistik auftauchen sollen, so weit, dass ich doch nochmal einen Blogpost zu ihnen geschrieben habe. Dort habe ich in einer Fussnote einen Punkt angesprochen, der mich schon irritiert hat, als ich mich noch tiefer mit dieser Bibliotheksform auseinandersetzte. Damals habe ich nichts dazu geschrieben, weil ich immer auch etwas anderes besprechen wollte. Aber vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, ihn zu thematisieren, bevor mich der Elan wieder verlässt.

Was ist eigentlich mit Schulbibliotheken in anderen Ländern?

Ich komme gleich (nach der nächsten Überschrift) zu diesem Punkt, aber woher noch eine Anmerkung: Eine Sache, die bei der deutschen bibliothekarischen Literatur zu Schulbibliotheken schnell auffällt, ist, dass Verweise auf die Situation von Schulbibliotheken in anderen Ländern eher ungenau sind. Nicht selten wird angeführt, dass Schulbibliotheken in diesem oder jenem Land besser organisiert wären oder Teil des Bibliothekswesens wären oder ähnliches. Daraus werden dann Forderungen für die deutsche Situation abgeleitet. Aber kaum einmal scheint jemand zu schauen, ob diese Aussagen überhaupt stimmen. Die Situation im Ausland wird also als Argument genutzt, aber kaum als Möglichkeit, um etwas zu lernen. (Das ist aber nicht nur im Bezug auf Schulbibliotheken so.)

Sehr gut kann ich mich zum Beispiel daran erinnern, wie damals, als die PISA-Studien in der Öffentlichkeit noch Wellen warfen, mehrfach in der bibliothekarischen Literatur behauptet wurde, die Länder, welche in diesen (ersten Runden der) PISA-Studien gut abgeschnitten hätten, hätte allesamt ein «gut ausgebautes Schulbibliothekswesen» (was dann oft nicht weiter beschrieben wurde) und dann daraus abgeleitet wurde, Deutschland bräuchte auch eines. Das hat als Argument die Politik offensichtlich nicht überzeugt, sonst gäbe es heute in Deutschland wohl mehr Schulbibliotheken der Art, wie sie in der bibliothekarischen Literatur beschrieben werden. Als ich das Argument dann im Rahmen meiner Magisterarbeit überprüfte, zeigte sich, dass viel mehr Ländern, die an den PISA-Studien teilgenommen hatten, auch ein Schulbibliothekswesen hatten, hinter dem Geld und politischer Wille steckte – das dies aber nichts mit der Position innerhalb der PISA-Studien zu tun hatte. Diese Ländern fanden sich auf allen Positionen der «PISA-Listen». Herausstechend war nur, dass Deutschland (und einige andere Länder) aus dem Rahmen fallen, weil sie kaum Schulbibliotheken hatten / haben. Das Argument wurde also gemacht, ohne es selber zu überprüfen.1

Mir scheint, diese Situation, dass die Realität von Schulbibliotheken in anderen Ländern gar nicht richtig wahrgenommen, sondern im besten Fall als Argument dafür angeführt wird, das (durch wen?) in Deutschland mehr getan werden sollte, mit ein Grund ist dafür, dass sich bei diesem Thema so wenig ändert: Es wird kaum geprüft, ob die Annahmen, die im deutschen Bibliothekswesen jetzt seit einigen Jahrzehnten immer wieder reproduziert werden, stimmen (können).2

Das Öffentliche Bibliothekswesen wird die Schulbibliotheken anleiten

Der Punkt, welcher mich immer irritiert, ist folgender: Die implizite Erwartung derer, die sich im Öffentlichen Bibliothekswesen für das Thema Schulbibliotheken engagieren, scheint immer zu sein, dass am Ende die Öffentlichen Bibliotheken die Leiteinrichtung für Schulbibliotheken sein werden. Es wird – früher, als es mit der schulbibliothek aktuell noch eine regelmässige Publikation gab, expliziter formuliert als heute – offenbar davon ausgegangen, das Schulbibliotheken, wenn sie erst einmal auf weiter Fläche eingeführt sein wären, nicht nur wie Öffentliche Bibliotheken funktionieren sondern auch in das Öffentliche Bibliothekswesen eingefügt sein würden.

Alle Planungen in diesem Bereich, alle Projekte, alle Konzeptpapiere gehen implizit davon aus. Deshalb erscheint es ja auch offenbar richtig, wenn das Öffentliche Bibliothekswesen schon vorgängig beschreibt, wie Schulbibliothek in dieser Zukunft sein werden. Oder, dass die Zusammenarbeit von Schulen und Öffentlichen Bibliotheken als eine Seite, Schulbibliotheken als andere Seite der gleichen Aufgabe angesehen wird. (Und deshalb auch in einer Kommission des dbv, die sich aus der Arbeitsgruppe im Deutschen Bibliotheksinstitut entwickelt hat, gemeinsam behandelt wird.) Und auch, wenn realistischer davon gesprochen wird, dass die vorhandenen Schulbibliotheken und Öffentlichen Bibliotheken «verzahnt» werden sollen, «mehr Kooperationen eingehen» sollen und so weiter, scheint diese Vorstellung dahinter zu stehen, dass das Öffentliche Bibliothekswesen die Schulbibliotheken integrieren, beraten und anleiten soll.

Aber: Ist das überhaupt zu erwarten, falls es je dazu kommen würde (beispielsweise weil die Bildungspolitik in Deutschland oder zumindest einigen Bundesländern so will), dass in allen Schulen solche Schulbibliotheken eingerichtet würde, wie sie im Öffentlichen Bibliothekswesen beschrieben werden? Nein, ist es nicht. Wenn man es einmal näher durchdenkt, ist es wenig haltbar. Und wenn man dann wirklich ins Ausland schaut, finden sich da auch vor allem Hinweise, dass es gerade nicht so sein wird. Darum soll es im Folgenden gehen.

So viel Schulbibliothekspersonal, so wenig in den Öffentlichen Bibliotheken

Was sich mir nie richtig erschlossen hat bei dieser Vorstellung: Nehmen wir einmal als Gedankenspiel an, es würden, wie das oft die Forderung ist, in jeder Schule in Deutschland (oder halt eines Bundeslandes) Bibliotheken mit bibliothekarischem Personal eingerichtet. Schon wenn das nur ein Person pro Schule wäre (was nicht zu erwarten ist, in vielen Schulen wären es dann gleich mehrere Personen), dann gäbe es auf einmal viel, viel mehr Schulbibliothekspersonal als es Personal in Öffentlichen Bibliotheken gäbe. Es gibt ja einfach viel mehr Schulen (32.3323) als es Öffentliche Bibliotheken (7.1484) gibt.

Dieses Personal würde nicht explizit gegen Öffentliche Bibliotheken arbeiten oder so, aber es hätte einfach andere Interessen und einen anderen Fokus:

  • Schulbibliotheken haben zum Beispiel – im Gegensatz zu Öffentlichen Bibliotheken – eine sehr klar definierte Nutzer*innenschaft: Die Schüler*innen ihrer Schule und – je nachdem, wie die Bibliothek genutzt wird – die Lehrpersonen (nicht als Privatmenschen, sondern als Personen, die unterrichten). Die Schüler*innen haben dann ein klar definierbares Alter und recht klare Aufgaben: Die, die sich in der Schule stellen und die, die sich mit dem Alter stellen (Stichwort: Adoleszenz). All die Gedanken, die sich Bibliotheken um andere Nutzer*innen oder andere Aufgaben machen, sind für Schulbibliotheken deshalb wenig interessant.
  • Schulbibliotheken dieser Art hätten auch einen anderen Kontext als Öffentliche Bibliotheken: Konkrete Schulen, als Bildungseinrichtungen, in denen sie integriert wären. Während Öffentliche Bibliotheken recht einfach behaupten können, Bildung anzubieten, ohne das das je wirklich geprüft wird, befinden sich Schulbibliotheken in einem Kontext, wo andere Personen eine pädagogische Ausbildung haben und auch pädagogisch handeln – die Lehrpersonen: Sie müssen dann, wenn sie ernst genommen werden wollen, an dieses Wissen anschliessen. Sie würden also mehr in dieser Richtung diskutieren, planen, testen wollen als das bei Öffentlichen Bibliotheken der Fall ist.
  • Der Kontext Schule würde für Schulbibliotheken auch heissen, dass es im Umfeld schon viele andere Orte gibt, die Aufgaben wahrnehmen, welche sich Öffentliche Bibliotheken zuschreiben: Lernorte gibt es zum Beispiel zuhauf in den Schulen; auch Orte, wo Schüler*innen Kommunizieren oder Partizipation üben. Schulbibliotheken müssen sich deshalb viel genauer verorten und ihre Aufgaben definieren, als das Öffentliche Bibliotheken tun.
  • Andere Themen, die Öffentliche Bibliotheken umtreiben, sind für Schulbibliotheken nicht relevant, beispielsweise weil sie betreffende Nutzer*innen gar nicht bedienen oder bestimmte Aufgaben nicht haben (aktuell in der Diskussion zum Beispiel: Bibliotheken und Stadtentwicklung).

In so einer Situation wäre nicht zu erwarten, dass das Schulbibliothekspersonal sich in der Öffentliche Bibliothekswesen einordnen würde. Vielmehr würde es wohl eigene Strukturen ausbilden – nicht gegen das Öffentliche Bibliothekswesen, aber doch ausserhalb. Die gemeinsamen Interessen der Schulbibliotheken wären wohl einfach grösser als die gefühlte Verbindung zum Öffentlichen Bibliothekswesen – selbst wenn das Personal in beiden Bibliotheksformen die gleiche Ausbildung hätte. Zu erwarten wäre eher, dass dann, neben Öffentlichen und Wissenschaftlichen Bibliotheken, Schulbibliotheken eine eigene Bibliotheksform mit einer beachtlichen Grösse wären.5 Aber dann wäre die ganze Vorarbeit aus dem Öffentlichen Bibliothekswesen über Schulbibliotheken auch schnell hinfällig.

Zu erinnern ist nur, dass erst letztens die Medienpädagog*innen in Bibliotheken auch eine eigene Fachgruppe in der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (und nicht einem bibliothekarischen Verband) gegründet haben, weil sie ihre Interessen als so unterschiedlich vom Öffentlichen Bibliothekswesen (aber nicht gegen das Öffentliche Bibliothekswesen) ansehen, dass eine eigene Struktur als notwendig ansehen (https://www.gmk-net.de/ueber-die-gmk/lf-fachgruppe/medienpaedagogik-in-bibliotheken/). Und es gibt noch lange nicht so viele Medienpädagog*innen in Bibliotheken,6 wie es Schulbibliothekspersonal gäbe, wenn die Vorstellungen aus dem Öffentlichen Bibliothekswesen umgesetzt würden.

Schulbibliothekswesen in anderen Ländern

An verschiedenen Stellen habe ich betont, dass sich das Öffentliche Bibliothekswesen in jedem Land unterschiedlich entwickelt, auch wenn sich einige Bibliothekswesen gegenseitig beeinflussen. Insoweit warne ich selber immer wieder davor, die Entwicklung in einem Land als Hinweis dafür zu nehmen, wie sich die Bibliotheken in einem anderen Land entwickeln werden. Aber wenn sich in verschiedenen Ländern ähnliche Strukturen entwickeln, dann lässt sich dies doch als Hinweise darauf lesen, dass sich Bibliothekswesen in anderen Ländern, wenn sie mit vergleichbaren Herausforderungen und Situationen umgehen müssen, zu ähnlichen Ergebnissen gelangen werden.

Im Folgenden werde ich eine Anzahl Länder durchgehen, die alle ein einigermassen etabliertes Schulbibliothekswesen haben, wie es sich in deutschen bibliothekarischen Texten nur vorgestellt wird: Mit Schulbibliotheken in den meisten Schulen, mit für die Arbeit in Schulbibliotheken ausgebildetem (oder weitergebildetem) Personal, mit Einbindung der Schulbibliotheken in den Unterricht und so weiter. Die Auswahl ist beschränkt durch meine Sprachkenntnisse (deutsch / englisch / französisch), durch die Zugänglichkeit zu Informationen im Homeoffice und durch die Zeit, welche ich für diese Recherche aufbringen konnte. Sie kann (und sollte) von anderen also immer ergänzt werden.

Und dennoch zeigt sich bei der schnellen Recherche (rund zwei Stunden), dass sich zumindest in den beschriebenen Ländern immer wieder ähnliche Strukturen zeigen, die darauf hindeuten, dass sich auch in Deutschland «gut ausgestattete Schulbibliotheken» ab einer gewissen Verbreitung halt nicht zum Öffentlichen Bibliothekswesen zählen werden und sich von diesem auch nicht anleiten lassen würden.

Frankreich

Schulbibliotheken in Frankreich heissen seit 1973 centre de documentation et d’information (CDI). Es gibt einen eigenen Verband, die Association des professeur documentaliste de l’education nationale (http://apden.org), der nicht Teil des Öffentlichen Bibliotheksverbandes ist.

Die Ausbildung des Personals ist uneinheitlich und bereitet auch immer wieder Kopfschmerzen (sie wird also immer wieder einmal diskutiert). Grundsätzlich wird das Personal in den CDI als professeur·e·s documentaliste bezeichnet. Aber es gibt keine eigene Ausbildung um professeur·e documentaliste zu werden, sondern verschiedene Wege in die Profession (über eine bibliothekarische oder pädagogische Ausbildung, immer plus Weiterbildungen) und es gibt Vorgaben, welche Kompetenzen auf diesem Weg zu erwerben sind. (http://apden.org/Prof-doc-un-nouveau-cadre.html) Grundsätzlich wird die Arbeit aber als anders angesehen als die anderer Bibliothekar*innen aber auch anderer Lehrpersonen.

Es gibt eine eigene Zeitschrift, die interCDI (http://www.intercdi.org) und eine Konferenz, welche alle vier Jahre stattfindet (http://apden.org/?page=federation).

USA

Die American Association of School Librarians (AASL) (http://www.ala.org/aasl/) ist eine Division der American Library Association (http://www.ala.org/aboutala/divs), in der es auch Divisionen für Öffentliche Bibliotheken oder Research Libraries gibt. In einigen Bundesstaaten gibt es darüber hinaus selbstständig agierende School Library Associations. Jährlich findet eine Konferenz der AASL statt, zudem ist sie an den halbjährlichen ALA-Konferenzen vertreten.

Das Personal in den Schulbibliotheken wird School Librarian (oder School Library Media Specialist) genannt, für das es gesonderte Ausbildungen an verschiedenen Ausbildungseinrichtungen gibt. Geregelt ist diese von Bundesstaat zu Bundesstaat anders. (http://www.ala.org/aasl/about/ed/recruit/learn)

Die AASL selber gibt zwei Zeitschriften heraus, eine praxisorientierte (Knowledge Quest https://knowledgequest.aasl.org) und eine wissenschaftliche (School Library Research, http://www.ala.org/aasl/pubs/slr). Zusätzlich existiert das School Library Journal (https://www.slj.com), eigene Reihen für Schulbibliotheken in bibliothekarischen und pädagogischen Verlagen und Blogs, Newsletter und Zeitschriften einzelner Verbände auf Ebene der Bundesstaaten.

Kanada

Die bewegteste Situation findet sich in Kanada. Dort brachen Mitte der 2010er Jahre vorhandene Strukturen für Schulbibliotheken auf Bundesebene zusammen (nicht aber die in allen Provinzen und Territorien): Die School Library Division der Canadian Library Association wurden 2010 aufgelöst, die Zeitschrift School Libraries in Canada eingestellt, Projekte nicht mehr weitergeführt. (https://www.canadianschoollibraries.ca/wp-content/uploads/2018/01/CSL_Poster_OLA2018-SMALL.pdf)

2016 dann wurde wieder die Non-Profit Canadian School Libraries (CSL) gegründet, welche eigenständige Verbände für Schulbibliotheken aus den Provinzen und Territorien vereinigt (https://www.canadianschoollibraries.ca). Sie ist nicht Teil der Library Association. Das Personal in den Schulbibliotheken wird zumeist Teacher-Librarian genannt. Es gibt an verschiedenen Universitäten und Ausbildungseinrichtungen Kurse für diese (sowohl zur direkten Ausbildung als auch zur Weiterbildung auf Basis bibliothekarischer oder pädagogischer Ausbildungen). (https://journal.canadianschoollibraries.ca/exploring-teacher-librarian-training-in-canada/) Nicht in allen Schulbibliotheken sind auch Teacher-Librarians angestellt.

Mit dem Canadian School Libraries Journal (https://journal.canadianschoollibraries.ca) gibt es seit 2017 wieder eine Zeitschrift für kanadische Schulbibliotheken. Eine eigene Konferenz ist (noch nicht) wieder etabliert, aber es wurde ein «Think Thank» für Schulbibliotheken (tmc – treasure mountain canada) gegründet, welcher jährlich ein Symposium anbietet (https://tmc.canadianschoollibraries.ca), auf dem Forschung zu Schulbibliotheken diskutiert werden soll.

Australien

Auch in Australien gibt es eine eigenständige Australian School Library Association (ASLA) (https://asla.org.au), die alle zwei Jahre eine Konferenz organisiert sowie eine Zeitschrift, Access (https://asla.org.au/access), und einen Newsletter (https://asla.org.au/asla-newsletter) herausgibt. Das Personal in den Schulbibliothek wird Teacher Librarian genannt, für die es keine direkte Ausbildung gibt. Vielmehr gibt es Wege über eine bibliothekarische oder pädagogische Ausbildung und dann jeweils kontinuierlicher Weiterbildung, um diesen Beruf auszuführen. Was existiert, sind Dokumente, in denen von der ASLA beschrieben wird, welche Kompetenzen die Teacher Librarians mitbringen sollen. (https://asla.org.au/what-is-a-teacher-librarian, https://asla.org.au/resources/Documents/Website%20Documents/Policies/policy_tls_in_australia.pdf, https://asla.org.au/resources/Documents/Website%20Documents/Policies/policy_qualifications.pdf)

Aotearoa New Zealand

Die Struktur in Aotearoa New Zealand ist ähnlich, aber auch nicht gleich wie in Australien. Es gibt wieder einen eigenständigen Verband ausserhalb des Bibliotheksverbandes, die School Library Association of New Zealand Aotearoa (SLANZA) (http://www.slanza.org.nz), welche eine eigene Zeitschrift, Collected (http://www.slanza.org.nz/collected.html), herausgibt. Die Zusammentreffen, welche der Verband auf nationaler oder regionaler Ebene organisiert, sind allerdings unregelmässig.

Das Personal in den Schulbibliotheken des Landes hat keine einheitliche Bezeichnung oder Ausbildung. Vielmehr beschreibt SLANZA die Situation so: «School Librarians and Library Assistants, Teacher Librarians, Teachers with Library Responsibility and school staff involved in managing school libraries». (http://www.slanza.org.nz) Es gibt verschiedene Ausbildungen, um in diese Positionen zu gelangen, die offenbar alle akzeptiert sind.

Grossbritannien

Auch die School Library Association (SLA) (https://www.sla.org.uk) in Grossbritannien ist ein eigenständiger Verband, der eine eigene Zeitschrift, The School Librarian (https://www.sla.org.uk/the-school-librarian), publiziert. Es gibt allerdings keine gesonderte Ausbildung, sondern das Personal wird als School Librarian bezeichnet und durchläuft grundsätzliche eine bibliothekarische Ausbildung, teilweise mit gesonderten Kursen. Die SLA führt keine eigene Konferenzen durch, dafür organisiert sie viele Kurse und Weiterbildungen. Zudem publiziert sie eigene Broschüren und Plakate (https://www.sla.org.uk/publications).

Irland

Erstaunlich, aber dann für das Thema dieses Blogpost auch bezeichnend, ist die Situation in Irland. Es existierte eine eigene School Library Association in the Republic of Ireland (https://www.slari.ie), die nicht Teil des Bibliotheksverbandes ist. Dafür ist sie aber Teil der britischen SLA. Sie führt – im Gegensatz zur SLA – jährlich Konferenzen durch. Als Zeitschrift wird wohl die britische The School Librarian ((https://www.sla.org.uk/the-school-librarian) mitbenutzt.

Das Personal in den Schulbibliotheken wird School Librarian genannt und es wird dafür als Ausbildungsweg auf bibliothekarische Studiengänge in Irland, Nord-Irland, Wales und Schottland – aber nicht England – verwiesen (https://www.slari.ie/advice-and-support/becoming-a-school-librarian/).

Wenn es je ein deutsches Schulbibliothekswesen gibt, wird es sich ausserhalb des Öffentlichen Bibliothekswesens organisieren

Wie gesagt: Vorsicht ist geboten, wenn man aus den Entwicklungen im Bibliothekswesen eines Landes die Entwicklungen in einem anderen Land ableiten will. Nationale Strukturen und Traditionen übertrumpfen immer wieder mögliche Einflüsse aus anderen Ländern. Aber wenn sich Strukturen so oft zeigen – wenn also in verschiedenen Ländern bei ähnlichen Herausforderungen immer wieder ähnliche Entwicklungen vorkommen –, dann lässt sich doch ein vorsichtiger Schluss ziehen.

Und in diesem Fall ist der Schluss – auch weil er unabhängig von den Beispielen theoretisch nachvollziehbarer ist als andere mögliche Entwicklungen –: Wenn es je ein deutsches Schulbibliothekswesen geben wird, wenn also in allen (oder vielen) Schulen Schulbibliotheken mit dafür explizit angestelltem Personal eingerichtet würden, dann würden sich diese Schulbibliotheken nicht als Form Öffentlichen Bibliotheken verstehen, sondern wohl eigenständig organisieren, um ihre eigenen Fragen zu klären, Herausforderungen anzugehen und gemeinsam zu handeln. Sie werden dann eine eigene Identität als Schulbibliotheken ausprägen.

Die Beispiele zeigen Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede: Gemeinsam ist ihnen, dass sich eigenständige Verbände (oder Divisions in grösseren Bibliotheksverbänden, in denen es eigene Division für unterschiedliche Bibliothekstypen gibt) organisieren, dass eigene Publikationsmedien aufgebaut werden (und nicht einfach die Öffentlicher Bibliotheken mitbenutzt werden), dass eigene Treffen und Weiterbildungen organisiert und versucht wird, sich darauf zu verständigen, welche Kompetenzen und Ausbildungen das Schulbibliothekspersonal haben soll. Bei letzterem sind nicht alle Schulbibliotheksverbände gleich erfolgreich, aber immer geht es darum, nicht einfach Bibliothekar*innen aus Öffentlichen Bibliotheken einzusetzen, sondern Personal mindestens mit gezielten Weiterbildungen, wenn nicht gar eigener Ausbildung, auf die spezifische Bibliotheksform Schulbibliothek hin auszurichten. Normalerweise wird dann Wert darauf gelegt, dass das Personal gleichzeitig bibliothekarische und pädagogische Kenntnisse haben soll. Die eigenen Zeitschriften dieser ganzen Verbände weisen auch darauf hin, dass es für Schulbibliotheken genügend Themen gibt, die sie so, wie sie in anderen bibliothekarischen Medien bearbeitet werden, nicht passen: Einige Themen werden Schulbibliotheken viel mehr interessieren als Öffentliche Bibliotheken, andere gar nicht und wieder andere vielleicht nur Schulbibliotheken.7

Was die Beispiele auch zeigen, ist, dass diese Entwicklung nicht immer erfolgreich sein muss (das Beispiel Kanada), manchmal die Zahl der Schulbibliotheken so klein (?) zu sein scheint, dass man sich anderen Verbänden anschliesst (das Beispiel Irland). Auch, dass selbst Länder, die eigentlich viele Gemeinsamkeiten und Zusammenarbeit aufweisen, bei Schulbibliotheken unterschiedliche Lösungen haben können (die Beispiele Aotearoa New Zealand und Australien). Es ist noch nicht mal einheitlich in einem Sprachraum geklärt, wie das Personal in den Schulbibliotheken genannt wird. Es gibt also eine gemeinsame Richtung, in der sich Schulbibliothekswesen vieler Länder entwickeln, aber keine überall gleiche Lösung.

Und so würde es wohl auch in Deutschland sein, würde sich der seit den 1970er Jahren immer wieder im Bibliothekswesen geäusserte Wunsch erfüllen und flächendeckend viele «gut ausgestattete Schulbibliotheken» eingerichtet: Vielleicht mit einiger Verzögerung würde sich dann eine eigene Struktur – als eigener Verband oder auch eigenständige Gruppen in vorhandenen bibliothekarischen Strukturen – entwickeln, eigene Publikationskanäle etabliert (vielleicht eine Zeitschrift, aber vielleicht auch «nur» Blogs und Newsletter), eigene Konferenzen und wohl auch eine von den Schulbibliotheken selber dominierte Diskussion darum, was das Schulbibliothekspersonal an Kompetenzen haben und wie es dafür ausgebildet werden soll. Und dann werden Schulbibliotheken nicht gegen das Öffentliche Bibliothekswesen arbeiten, aber sich auch nicht viel von ihm hereinreden lassen. Warum? Weil es sich um zwei unterschiedliche Bibliotheksformen handelt, mit unterschiedlichen Zielsetzungen, «Problemlagen» und Kontexten.

Hat das eine Bedeutung?

Jetzt mag man sagen: Okay, vielleicht wird es sich so ergeben und nicht so, wie es sich implizit erhofft wird, wenn im Öffentlichen Bibliothekswesen über Schulbibliotheken nachgedacht werden. Ist das aber nicht, im besten Fall, Zukunftsmusik? Ich würde dagegen argumentieren. Die wahrscheinliche Zukunft sagt halt auch etwas über all die immer wieder angemahnten Versuche, «etwas für Schulbibliotheken zu tun», «mal anzufangen», «Schulbibliotheken und Öffentliche Bibliotheken zu verzahnen» und wie das noch immer ausgedrückt wird: Es funktioniert wohl auch immer wieder nicht, weil die vorhandenen Unterschiede zwischen Öffentlichen Bibliotheken und Schulbibliotheken (egal in welcher Form sie aktuell existieren), die in anderen Ländern zum Entstehen von getrennten Strukturen führen, übergangen werden. Schon für all solche Versuche liesse sich einiges aus dem gerade Dargestellten lernen:

  • «Verzahnen von Schul- und Öffentlichen Bibliotheken» muss immer davon ausgehen, dass es zwei unterschiedliche Bibliotheksformen sind, bei denen keine der anderen «untergeordnet» ist. Das ist etwas anderes, als wenn zum Beispiel zwei Öffentliche Bibliotheken zweier Gemeinden sich «mehr verzahnen wollen».
  • Eine einfach Sache wäre, wenn sich im Öffentlichen Bibliothekswesen nicht mehr nur gefragt würde, wie man die eigenen Vorstellungen auf Schulbibliotheken und Schulen übertragen könnte, sondern vielmehr, was man selber als Öffentliche Bibliotheken von Schulbibliotheken lernen könnte. Schon durch den Kontext gibt es zum Beispiel in Schulbibliotheken (selbst denen, die als Zweigbibliothek von Öffentlichen Bibliotheken geführt werden) auch heute schon mehr Erfahrungen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen sowie mehr Erfahrungen mit Unterricht und Erwartungen von Lehrpersonen als in Öffentlichen Bibliotheken.
  • Diese Unterschiede sollten auch beim Nachdenken über Schulbibliotheken einbezogen werden. Anstatt zum Beispiel bei den unregelmässigen Schwerpunktheften zu Schulbibliotheken diese immer wieder möglichst ähnlich zu Öffentlichen Bibliotheken darzustellen (und gerade die vorzustellen, die sich nahe an den Vorstellungen des Öffentlichen Bibliothekswesens befinden) sollte sie eher im Kontext von Schulen und als eigene Bibliotheksform präsentiert werden (und dann vielleicht auch eher die ganze Bandbreite der vorhandenen Schulbibliotheken, nicht nur ausgewählte). Ebenso wäre wohl hilfreich, wenn in den ganzen Abschlussarbeiten, die in bibliothekarischen Studiengängen zu Schulbibliotheken geschrieben wird, nicht immer wieder danach gefragt wird, wie eine «gute» Schulbibliothek aussehen oder wie sie eingerichtet werden sollte, sondern in ihnen den Blick darauf zu lenken, wie die Realität in den Schulen tatsächlich ist und wieso. Und schon gar nicht aus eine Defizitperspektive (im Sinne von «Warum sind die nicht so, wie Öffentliche Bibliotheken? Was fehlt denen?»). [Auch wenn verständlich ist, dass Studierende eher untersuchen wollen, was «gute» Schulbibliotheken sind, wenn sie der vorhandenen bibliothekarischen Literatur folgen. Es wäre wohl Aufgabe der Dozierenden, sie auch auf andere mögliche Forschungsfragen hinzuweisen.]
  • Im deutschen Bibliothekswesen werden die beiden Themen «Zusammenarbeit von Schulen und Öffentlichen Bibliotheken» und «Schulbibliotheken» oft zusammen verhandelt, als wäre das praktisch eines. So ist es, wie gesagt, beispielsweise eine Kommission im dbv, die sich beiden Themen widmet (und sich mal mehr auf das eine und mal mehr auf das andere fokussiert). In Schwerpunktheften bibliothekarischer Zeitschriften zu einem Thema finden sich auch immer wieder Beiträge zum anderen Thema. Aber es sind zwei unterschiedliche Themen, bei denen sich auch nicht einfach Erfahrungen vom einen direkt zum anderen Thema übertragen lassen. Dieses Zusammenfassen sollte aufhören. Nur, weil Öffentliche Bibliotheken in vielen Fällen gut angenommene Angebote für Schulen und Lehrpersonen machen können, heisst das nicht, das sie automatisch auch wissen, wie Schulbibliotheken funktionieren. Deswegen werden beide Themen in anderen Ländern auch getrennt behandelt. Das sollte auch in Deutschland etabliert werden.
  • Was hoffentlich auch schon durch diese schnelle Recherche sichtbar geworden ist: Es lohnt sich nicht einfach nur immer auf die Situation im Ausland zu verweisen, wenn man das irgendwie als Argument für die eigenen Vorstellungen verwenden will, sondern tatsächlich die dortige Situation genauer anzuschauen. Mir fiel zum Beispiel auf, dass all die genannten Zeitschriften, ausser der französischen und dem School Library Journal, frei als PDF (aber oft nicht mit OA-Lizenz) vorliegen. Man kann die immer lesen oder zumindest überfliegen, was dort als Thema behandelt wird. (Das war, als ich meine Magisterarbeit schrieb, noch nicht möglich. Wie sehr hätte ich das gewünscht.) Das würde gewiss helfen, zumindest diese Unterschiede zwischen Schulbibliothek und Öffentlicher Bibliothek wahrzunehmen.

Fussnoten

1 Dabei wäre vielleicht «fast alle Länder in der OECD haben ein Schulbibliothekswesen, deshalb sollte Deutschland auch eines haben» ein viel besseres Argument gewesen.

2 In meinem Blogpost von letzter Woche habe ich auf ein Buch von 1970 verwiesen, dass ich als Beginn des Denkens über Schulbibliotheken, wie es seitdem im deutschen Bibliothekswesen etabliert ist, bezeichne. Und auch da wurde es schon so gehandhabt: Schulbibliotheken aus dem Ausland wurden einfach als zu erreichendes Vorbild dargestellt, ohne zu fragen, warum die Schulbibliotheken im Ausland (angeblich) so anders waren. Ob sie vielleicht andere Aufgaben erfüllt als in deutschen Schulen oder eine andere Tradition hatten.

3 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/235954/umfrage/allgemeinbildende-schulen-in-deutschland-nach-schulart/

4 Deutsche Bibliotheksstatstik, Stand 2019, https://service-wiki.hbz-nrw.de/pages/viewpage.action?pageId=99811337

5 Und daneben selbstverständlich die ganzen weiteren Bibliotheksformen, die sich ja auch oft in eigenen Gruppen organisieren, nur das sie je nicht so viele sind, wie es dann Schulbibliotheken sein würden.

6 In der geschlossenen Facebook-Gruppe sind es aktuell (28.01.2021) 940 Mitglieder.

7 Hier läge eine Arbeit drin: Jemand könnte daher gehen und systematisch schauen, welche Themen überhaupt in diesen «Schulbibliotheks-Zeitschriften» behandelt werden und jeweils vergleichen mit denen, die in anderen bibliothekarischen Medien aus den jeweiligen Ländern behandelt werden. Zeigen sich dann eindeutige Themenbereiche, die Schul- oder Öffentlichen Bibliotheken (oder noch anderen Bibliothekstypen) zugeordnet werden können?

Schulbibliotheken in der Bibliotheksstatistik – Wird die Realität in den Schulen pfadabhängig übergangen?

Letztens bin ich fast vom Stuhl gefallen, als eine Nachricht des Deutschen Bibliotheksverbandes über die üblichen Kanäle verbreitet wurde. Die Nachricht: Schulbibliotheken sollen ab demnächst in der Bibliotheksstatistik vertreten sein (https://www.bibliotheksverband.de/dbv/presse/presse-details/archive/2021/january/article/deutsche-bibliotheksstatistik-dbs-erfasst-ab-2021-daten-zu-schulbibliotheken-in-deutschland.html?tx_ttnews%5Bday%5D=15&cHash=84ee7046e7eeef7861ab5ddd1d98e4c6). Das ist so falsch, ich habe erst geglaubt, es wäre ein schlechter Scherz. Aber offenbar ist das ernst gemeint.

Ich möchte hier gerne erklären, warum das keine gute Idee ist. Das Bibliothekswesen in Deutschland ist seit 1970 auf einem falschen Pfad was Schulbibliotheken betrifft.1 Dieser Schritt ist nur ein weiterer auf diesem Pfad, der in den meisten existierenden Schulbibliotheken auch gar nichts verändern wird. Das Erstaunliche ist aber, dass das Bibliothekswesen den immer weiter geht.

Ich habe eine ganze Anzahl von Jahren über Schulbibliotheken in Deutschland geforscht: Angefangen von meiner Magisterarbeit über ein Praxisbuch (nicht alleine geschrieben) bis hin zu einer Langzeitstudie (zehn Jahre) über die Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin. Danach habe ich das Thema aufgegeben, weil alle meine Fragen beantwortet waren. (Und ich zu diesem Zeitpunkt auch gar nicht mehr in Deutschland, sondern der Schweiz arbeitete; aber auch in der Schweiz bin ich vom Thema Schulbibliotheken nicht unberührt geblieben.)

Es war auch nicht so, dass ich je ein engagierter Vertreter von Schulbibliotheken gewesen wäre. Ich habe das Thema für meine Magisterarbeit gewählt, weil ich einigen Abstand zu ihm hatte. Interessiert hat es mich, weil Schulbibliotheken gerade nicht einfach Bibliotheken sind, sondern Einrichtungen, deren Realität in der jeweiligen Schule selber von verschiedenen Personen mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen ausgehandelt werden. Bei vielen Personen, die sich sonst mit Schulbibliotheken beschäftigen, ist das anders. Die meisten Studien werden von Personen durchgeführt, die oft stark in Schulbibliotheken engagiert sind. Ebenso werden meisten Projekte von Engagierten aufgesetzt und auch die meisten Texte von ihnen geschrieben. Eventuell ist das ein Grund, warum ich einen anderen Blick auf die Entscheidung habe, Schulbibliotheken in den Bibliotheksstatistik aufzunehmen als andere, die diese Meldung begeistert retweetet haben. Mir interessiert die Geschichte, die Denkweisen über Schulbibliotheken, die Realität in Schulbibliotheken und die Strukturen hinter diesen. Aber eine Schulbibliothek gründen oder gar Schulbibliotheken sagen, wie sie zu sein hätten, das wollte ich nie. Das ist bei Engagierten anders (mit gutem Grund, sonst wären sie nicht engagiert).

Und eigentlich wollte ich auch gar nichts mehr zu Schulbibliotheken sagen, aber dieses Presseerklärung hat mich doch so erstaunt, dass ich mich nicht zurückhalten konnte. Es ist eine falsche Entwicklung und das Bibliothekswesen sollte endlich aufhören, immer nur diesen Weg weiterzugehen.

Das Bibliothekswesen will bestimmen, was Schulbibliotheken sind

Das Öffentliche Bibliothekswesen in Deutschland nimmt für sich in Anspruch, über Schulbibliotheken entscheiden und für Schulbibliotheken sprechen zu können. Es nimmt auch für sich in Anspruch, sagen zu können (und zu wissen), wie Schulbibliotheken sein sollten, also wie sie funktionieren sollten, welche Aufgaben sie übernehmen sollten, welche Wirkungen sie haben würden, wenn sie nur so wären, wie das Bibliothekswesen sich das vorstellt. Aber: Das ist schlicht und ergreifend falsch.

Schulbibliotheken sind keine kleinen, spezialisierten Öffentlichen Bibliotheken. Sie sind nicht Teil des Bibliothekswesens. Die Vorstellungen darüber, wie Schulbibliotheken sein sollen und welche Wirkungen sie haben sollen, die im Bibliothekswesen verbreitet werden, sind weder alternativlos – es gibt immer auch andere Vorstellungen, die in der Praxis in den konkreten Schulen oft eine viel grössere Bedeutung haben als die aus dem Bibliothekswesen – noch sind sie irgendwie besser begründet (oder gar mit empirischen Daten untermauert) als die anderen Vorstellungen. Und dennoch wird im Bibliothekswesen so gehandelt, als wären die Öffentlichen Bibliotheken die Leiteinrichtung für Schulbibliotheken.

Die reale Situation

Wie sieht die reale Situation aus? (Hier verweise ich gerne darauf: Während meiner «aktiven Jahre» zu diesem Thema war ich in ungezählten Schulbibliotheken in Deutschland, habe viele Interviews geführt – die ersten für meine Magisterarbeit – und habe Daten gesammelt, vor allem für meine Langzeitstudie in Berlin. Das Folgende sind also nicht reine Behauptung. Und auch, wenn ich vor einigen Jahren damit aufgehört habe und sich seitdem bestimmt einiges geändert hat: Soviel wird es nicht sein.)

  1. Schulbibliotheken sind deshalb interessante Einrichtungen, weil sie aus Aktionen verschiedener Stakeholder (in Mangel eines besseres Wortes) entstehen. Die wichtigsten sind dabei die Schulen selber, welche Schulbibliotheken unterhalten und in diesen die Personen, die konkret die Schulbibliothek betreiben sowie die Schulleitungen. Wie die sich vorstellen, was die Aufgabe einer Schulbibliothek ist, prägt am meisten, wie die Schulbibliothek dann tatsächlich aussieht. Und das ist in den Schulen sehr, sehr unterschiedlich.2 Oft, aber nicht so oft, wie man vielleicht vermuten würde, sind es Lehrpersonen, die für die Schulbibliotheken zuständig sind. Werden Schulbibliotheken von Ehrenamtlichen (oder manchmal auch geringfügig Beschäftigten) betrieben, sind auch diese Stakeholder, was vor allem dann relevant ist, wenn ihre Vorstellungen nicht – wie bei Lehrpersonen – durch pädagogische Ausbildungen geprägt sind. Da viele Schulbibliotheken von Schulvereinen unterstützt werden, sind auch die Eltern und anderen Engagierten in diesen Vereinen, Stakeholder. Wichtig sind oft, aber nicht immer, die anderen Lehrpersonen einer Schule – es gibt Schulbibliotheken, die so abgetrennt vom Unterricht existieren, dass es egal ist, was die anderen Lehrpersonen denken und solche, die sehr in den Unterricht integriert sind und in denen es dann relevant ist, was diese Lehrpersonen denken. Ob die Schüler*innen selber Stakeholder sind, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. In konkreten Schulbibliotheken ist auffällig, dass einige explizit Schüler*innen einbinden (einige Schulbibliotheken werden sogar ganz von Schüler*innen betrieben), andere aber direkt über sie hinweg entscheiden.
  2. Öffentliche Bibliotheken und das Bibliothekswesen im Allgemeinen sind nur der geringste unter diesen Stakeholdern. Um sicherzugehen: Es gibt Schulbibliotheken, die sind als Zweigstellen Teil Öffentlicher Bibliotheken. Es gibt Städte und Gemeinden, in denen Öffentliche Bibliotheken unterschiedliche Infrastrukturen aufgebaut haben, um mit Schulen zusammen Schulbibliotheken zu betreiben oder Schulen beim Betrieb ihrer Bibliotheken zu unterstützen. Für all das gibt es Beispiele. Aber das sind alles Ausnahmen. Und zwar nicht erst seit Öffentliche Bibliotheken durch Sparmassnahmen seit den 1980ern Zweigstellen in Schulen, die einmal (seit den 1970ern) eingerichtet wurden, wieder schlossen, sondern schon weit davor. Die ganze Zeit über waren die Schulbibliotheken, die von Öffentlichen Bibliotheken oder mit Hilfe Öffentlichen Bibliotheken betrieben wurde, viel weniger als die Schulbibliotheken, die anders und ohne Kontakt mit den Öffentlichen Bibliotheken betrieben wurden. Lokal ist das manchmal anders (wie gesagt: Es gibt Städte, wo in allen Schulen eine Zweigstelle der Öffentlichen Bibliothek zu finden ist oder gut ausfinanzierte und aktive «Schulbibliothekarische Arbeitsstellen»), aber alle breiteren Datensammlungen, die seit den 1970ern durchgeführt wurden, zeigen das gleiche: Die Schulbibliotheken mit irgendeinem feststellbaren Kontakt zu Öffentlichen Bibliotheken sind immer in der krassen Minderzahl.
  3. In vielen Schulbibliotheken interessiert sich deshalb niemand dafür, was für Vorstellungen von Schulbibliotheken (oder anderen Bibliotheken) im Bibliothekswesen vertreten werden. Oft denkt niemand überhaupt daran, dass das Öffentliche Bibliothekswesen überhaupt solche Vorstellungen haben könnte. Vielmehr gibt es immer unterschiedliche andere Vorstellungen in den Schulen. Ich habe einmal fünf unterschiedliche Modelle von Schulbibliotheken aufgestellt, die ich in Berlin real vorgefunden habe (also nicht theoretisch formuliert, sondern aus den Daten, die ich gesammelt hatte, herausgezogen), aber es gibt weitere. Aber auch dabei war auffällig: Die Idee, eine Schulbibliothek müsste wie eine kleine Öffentliche Bibliothek funktionieren, war eine Randerscheinung. Die meisten Schulbibliotheken wollten Orte sein, wo Schüler*innen in Ruhe – oft abgetrennt vom anderen Schulalltag – lesen konnten und auf der Basis dieser Vorstellung waren sie auch aufgebaut. Gerade kein Unterrichtsraum, kein Katalog (auch weil es vor allem um Belletristik ging, die nicht tief erschlossen wurde), kein Ort für Hausaufgaben, sondern Platz, um sich anders zu fühlen als in der restlichen Schule. Was man in Interviews mit den Aktiven in solchen Schulbibliotheken oft feststellt, ist, dass sie ihre Bibliothek auch als eine Einrichtung sehen, die ganz andere Aufgaben hat als eine Öffentliche Bibliothek. Und vor allem, dass die Engagierten vor Ort ihre Bibliothek, so wie sie ist, gut finden. Nicht zuletzt sind auch fast alle diese unterschiedlichen Schulbibliotheken recht gut benutzt – es kann also so falsch nicht sein, was sie machen.
  4. Aber selbst in den Schulbibliotheken, die eine Zusammenarbeit mit Öffentlichen Bibliotheken betreiben, bringen immer andere Vorstellungen ein. Sie sehen immer wieder anders aus und haben andere Aufgaben, selbst in Städten, in denen eine starke Schulbibliothekarische Arbeitsstelle existiert und Beratungen anbietet. Auch dort finden sich viele Schulbibliotheken, die sehr an Leseförderung und «ausserschulischen Räumen in der Schule» interessiert sind und andere, die sich als Ort für das selbstständige Lernen der Schüler*innen verstehen. Es ist einfach nie so einheitlich, wie das im Bibliothekswesen typisch ist, wo trotz aller konkreten Unterschiede ähnliche, durch die berufliche Sozialisation erworbene, Vorstellungen davon, was eine Öffentliche Bibliothek für Aufgaben hat und wie sie organisiert sein soll, die Arbeit in den unterschiedlichen Bibliotheken vorgeben.
  5. Auffällig ist auch, dass sich die meisten Schulbibliotheken als Teil ihrer Schule verstehen und auch versuchen, im Rahmen ihrer Schule zu funktionieren. Nur wenige schauen über diesen Bezugsrahmen hinaus, nur wenige organisieren sich mit anderen Schulbibliotheken (und dann bezeichnenderweise oft in «Landesarbeitsgemeinschaften» von Schulbibliotheken, die weder Teil bibliothekarischer noch pädagogischer Verbände sind). Immer wieder gibt es Engagierte, die ein Zusammengehen von Schulbibliotheken anstossen wollen, aber immer wieder stossen diese auch auf Probleme, andere zu diesem Zusammengehen zu motivieren. Die meisten Schulbibliotheken funktionieren gut in ihrer Schule und versuchen gar nicht erst, darüber hinaus zu gehen. Somit bildet sich auch kein gemeinsames Verständnis davon aus, wie solche Einrichtungen funktionieren sollten.
  6. In konkreten Schulbibliotheken – die als solche, um das nochmal zu sagen, in ihrer Schule immer wieder gut und oft auch über längere Zeiträume funktionieren – finden sich auch immer wieder explizite Unterschiede zu Öffentlichen Bibliotheken. Einige Beispiele:
    1. Öffentliche Bibliotheken streben einen inhaltlich breiten Bestand an, da sie auch für unterschiedliche Funktionen genutzt werden wollen. In vielen Schulbibliotheken ist eine inhaltliche Breite (oder eine Breite von Medienformen) gar nicht gewünscht. Das ist auch logisch: Wenn die Aufgabe die Leseförderung ist (nur als Beispiel) ist ein weitergehender Sachbuchbestand nicht nötig.
    2. Öffentliche Bibliotheken, insbesondere wenn sie Zweigbibliotheken in Schulen betreiben, betonen gerne die Funktion, dass sie den Unterricht, Hausaufgaben und das selbstständige Lernen von Schüler*innen unterstützen. In einigen Schulbibliotheken wird das auch als wichtige Funktion angesehen und dann beispielsweise der Bestand darauf ausgerichtet oder der Raum so eingerichtet, dass Unterricht und / oder selbstständiges Lernen möglich ist. Aber in vielen (viel mehr) Schulbibliotheken ist das explizit nicht das Ziel. Das ist in jeder Schulbibliothek anders. [Öffentliche Bibliotheken scheinen einfach davon auszugehen, dass die Bibliothek der perfekte Ort für solche Tätigkeiten ist. Aber selbst das ist nicht klar. Schulen haben immer auch andere Orte geschaffen, in denen das möglich ist.]
    3. Oft ist, wie gesagt, liegt Fokus einer Schulbibliothek auf dem Lesen an sich. Und das wird dann auch als ausreichend angesehen. Das muss noch nicht mal heissen, dass andere mögliche Funktionen von Bibliotheken als irrelevant angesehen werden – aber dann halt oft als Aufgabe der jeweiligen Öffentlichen Bibliothek vor Ort, nicht als Aufgabe der Schulbibliothek.
    4. Wirklich auffällig ist, wie die Katalogisierung in Schulbibliotheken gehandhabt wird. Meistens gar nicht. Bibliotheken versuchen auch seit Jahrzehnten immer wieder entweder Schulbibliotheken beizubringen, wie man richtig katalogisiert oder aber Kataloge für Schulbibliotheken – gerne mit Fernleihfunktion von einer Schulbibliothek in die nächste – aufzubauen. Der Katalog steht sehr oft im Mittelpunkt des Denkens des Öffentlichen Bibliothekswesens über Schulbibliotheken. In konkreten Schulbibliotheken ist das ganz anders: Oft gibt es keinen Katalog, sondern der Bestand ist durch Aufstellung erschlossen. Oft ist der Katalog ein reiner Nachweis, der für die Ausleihverbuchung benutzt wird, aber in dem Medien nicht inhaltlich erschlossen sind. (Oft findet sich der eine Rechner in einer solchen Bibliothek mit dem Katalog auf dem Pult der Bibliothekar*in, ohne das die Schüler*innen diesen je selbst für Recherchen benutzen.) Und auch das ist nachvollziehbar: Wenn der Bestand klein ist (einfach so überblickt werden kann) und der Fokus nicht auf die Vermittlung der Medien, warum sollte sich dann jemand die ganze Arbeit machen, einen Katalog à jour zu halten?
    5. In den meisten Schulbibliotheken ist nichts darüber bekannt, was das Öffentliche Bibliothekswesen über Schulbibliotheken denkt und es besteht auch kein Interesse, dass irgendwie zu wissen. Sie sehen sich als Teil der eigenen Schule und sie funktionieren in der Schule. Sie sehen sich nicht als Teil des Bibliothekswesens.

Bibliothekarische Ansprüche

In der oben angeführten Pressemitteilung des dbv, welcher die Eingliederung der Schulbibliotheken in die Bibliotheksstatistik angekündigt, heisst es:

Das Schulbibliothekswesen in Deutschland ist sehr heterogen. So gibt es die Schulbibliothek als Zweigstelle einer Öffentlichen Bibliothek, als Schulbibliotheks-Verbund mit unterschiedlichen organisierenden Institutionen, als kombinierte Öffentliche Bibliothek und Schulbibliothek, oder als selbständige Schulbibliothek, bei der die Schule die Bibliothek eigenständig betreibt.

Auf den ersten Blick scheint es, als würde hier die Vielgestaltigkeit der Schulbibliotheken akzeptiert, aber genau das passiert nicht. Die Passage erscheint so oder so ähnlich seit Jahrzehnten immer wieder, wenn im Bibliothekswesen über Schulbibliotheken berichtet wird und sie vermittelt ein Denken, das falsch ist. Interessant ist, dass es – pfadabhängig – immer und immer wieder reproduziert wird, obwohl es – was noch diskutiert wird – immer und immer wieder scheitert.

Was ist falsch an diesem Zitat? Zuerst geht es von einem «Schulbibliothekswesen» aus. Das gibt es nicht. Die Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland arbeiten so eng zusammen, dass man von einem Bibliothekswesen reden kann. In diesem werden Vorstellungen über die Funktion von Bibliotheken geteilt und diskutiert (über den Bibliotheksverband, die Fachpresse, die Konferenzen, die Gremienarbeit, die Ausbildung und so weiter). Die Wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland arbeiten sogar noch enger zusammen (beispielsweise regelmässig in Projekten) und prägen gemeinsame Vorstellungen aus. Bei ihnen kann man auch gut von einem Bibliothekswesen reden. Schulbibliotheken sind nicht so: Sie arbeiten nicht zusammen. Die meisten Versuche, sie zu organisieren und sie dazu zu bringen, gemeinsame Vorstellungen, Richtlinien und so weiter zu entwickeln, waren seit den 1970er Jahren kurzlebig; meistens blieben sie in der Anfangsphase stecken. (Und selbst die, wie die Landesarbeitsgemeinschaft in Hessen, die lange aktiv blieben, taten dies ausserhalb des Bibliothekswesens.) Schulbibliotheken bilden in Deutschland kein «Schulbibliothekswesen», dass irgendwie gemeinsam handeln würde oder gemeinsame Interessen hätte. Dies zu behaupten, heisst einfach nur, Denken aus dem Öffentlichen Bibliothekswesen auf Schulbibliotheken übertragen zu wollen.

Schlimmer ist aber, was in dem Zitat – und, wie gesagt, seit Jahrzehnten immer wieder neu – als «heterogen» aufgezählt wird. Im Bibliothekswesen werden Schulbibliotheken seit den 1970er Jahren immer wieder in die gleiche Reihenfolge gebracht, die eine Wertigkeit vermittelt:

  1. Zuerst die «richtigen» Bibliotheken, die als Zweigstellen von Öffentlichen Bibliotheken so wie Öffentliche Bibliotheken funktionieren.
  2. Dann die Schulbibliotheken, die zwar von mehreren Einrichtungen betrieben werden, aber die dann – idealtypisch – von Öffentlichen Bibliotheken angeleitet werden. Also Netzwerke, in denen andere Einrichtungen akzeptiert werden – beispielsweise Schulen, die Etat geben und inhaltlich einbringen, welche Medien sie benötigen –, aber die von Öffentlichen Bibliotheken dominiert werden.
  3. Dann die weniger akzeptablen «kombinierten» Schulbibliotheken, wo die jeweiligen Schulen einen grossen Einfluss haben. Nicht in dieser Presseerklärung, aber anderswo oft schon, wird das als Kompromisslösung dargestellt, die eigentlich nur als Übergang zu akzeptieren sei.
  4. Und dann erst die selbstständigen Schulbibliotheken, die gar nicht so richtig als Bibliotheken akzeptiert werden. Deshalb stehen sie immer am Ende dieser Aufzählungen. Gerade in älteren Texten werden sie sogar als Notlösung bezeichnet, die es aufzuheben gälte.

Wie gesagt: Die Reihenfolge ist kein Zufall, sie findet sich immer wieder. Die Realität sieht, wie gesagt, ganz anders aus. Die «selbstständige Schulbibliothek» ist der Normalfall und zwar schon «immer». Sie sind sehr divers, aber im Denken des Bibliothekswesens werden sie immer als eine «Anderes»-Kategorie zusammengefasst, über die nur nicht zu viel nachgedacht wird. In älteren Texten wurde sie auch mit solchen Worten wie «noch» als abzuschaffende Form von Schulbibliotheken bezeichnet, die zu ersetzen sei. Die anderen drei Formen von Schulbibliotheken sind die Ausnahme. Aber das bibliothekarische Denken zu Schulbibliotheken beschäftigt sich eigentlich nur mit diesen drei Formen. Als richtige Schulbibliothek wird immer nur die Bibliothek angesehen, die direkt in das Öffentliche Bibliothekswesen eingebunden ist. Je mehr sie davon entfernt scheint – wenn beispielsweise die Schulen ein grosses eigenes Mitspracherecht nutzen –, je weniger wird sie akzeptiert. Es ist ein absonderlicher Blick, bei dem sich im Bibliothekswesen das Recht und das Wissen zugesprochen wird, über Schulbibliotheken entscheiden zu dürfen und zu können und gleichzeitig den anderen Stakeholdern dieses Wissen und Recht tendenziell abgesprochen wird.

Das erstaunliche ist, dass dies seit 1970 immer wieder passiert und auch Projekte, wie jetzt die Eingliederung von Schulbibliotheken in die Bibliotheksstatistik, leitet, die immer wieder scheitern. So, als gäbe es keinen Lerneffekt, sondern immer nur diesen einen Pfad, den das Bibliothekswesen immer weiter geht.

Erfahrungen

Das alles ist nicht erst seit Gestern so, sondern schon lange Jahrzehnte. Und seit langen Jahrzehnten gibt es auch Versuche von Seiten des Bibliothekswesens, das zu ändern. Viele sind schon wieder vergessen worden, aber man sollte nicht denken, dass nicht schon alles mögliche versucht wurde. Einige Beispiele:

  • Am Deutschen Bibliotheksinstitut gab es eine Arbeitsgruppe zu Schulbibliotheken, die – übernommen aus einem Vorgängerprojekt – bis 2000 sogar eine eigene Zeitschrift schulbibliothek aktuell publizierte.
  • In verschiedenen Projekten wurden Schulbibliotheken mit Hilfe von Öffentlichen Bibliotheken eingerichtet, komplett mit Weiterbildungen für Lehrkräfte, die lernen sollten, wie die Bibliothek zu managen und wie sie zu nutzen seien.
  • Es wurden immer wieder neue Broschüren darüber aufgelegt, wozu Schulbibliotheken genutzt werden können. Mindestens ein Lehrfilm wurde gedreht (aber er scheint verschollen).
  • Es wurden «Lehrbriefe Schulbibliothek» herausgegeben, die im Selbststudium und in Lehrgängen genutzt werden sollten, um Schulbibliothekspersonal auszubilden.
  • Immer wieder wurden politische Vorstösse unternommen, um in Schulen gut ausgestattete Bibliotheken einzurichten. Und nicht erfolglos: Gerade in Schulen, die für irgendwelche Reformen gegründet wurden, wurden diese auch tatsächlich eingerichtet. Und dann meistens wieder irgendwann geschlossen.3 Einen «Leuchtturmeffekt», der sich oft davon erhofft wurde, scheint nirgends eingetreten zu sein.
  • Ungezählt sind auch die Zweigstellen von Öffentlichen Bibliotheken, die tatsächlich irgendwann einmal in den letzten Jahrzehnten in deutschen Schulen eingerichtet, dann aber auch wieder geschlossen wurden. Niemand hat die gezählt, aber es ist wirklich nicht ungewöhnlich, in eine Schule zu kommen, in der eine Lehrkraft eine Schulbibliothek betreibt, die irgendwann mal Zweigstelle war, aber jetzt mit anderen Zielen geführt wird.4 Es würde mich nicht wundern, wenn es heute mehr solcher ehemaligen Zweigstellen gibt als aktive Zweigstellen von Öffentlichen Bibliotheken in Schulen.
  • Es ist auch ganz normal, dass Schulbibliotheken zu Schwerpunkten in solchen bibliothekarischen Zeitschriften wie der BuB werden (in zwei Monaten ist das nächste solcher Hefte angekündigt). Es gäbe also eine Ort, wo sich über die Fortentwicklung von Schulbibliotheken Gedanken gemacht werden könnte, aber immer wieder im Bibliothekswesen, nicht im Schulwesen.
  • Auch endlos oft wurden in Öffentlichen Bibliotheken Schulbibliothekarische Arbeitsstellen oder ähnliche Institutionen eingerichtet oder angedacht, solche einzurichten. Die Hinweise darauf sind verstreut, aber es ist nicht ungewöhnlich, beispielsweise in Bibliotheksentwicklungsplänen oder -strategien von solchen Plänen (die dann oft nicht umgesetzt wurden) zu lesen. Was genau diese tun sollten oder sollen ist (wieder) sehr unterschiedlich. Viel öfter aber sind sie, wenn sie je eingerichtet wurden, heute auch schon wieder geschlossen (und oft vergessen) als das sie weiterbestehen.
  • Auch unzählbar sind die Versuche, Personen, die mit Schulbibliotheken zu tun haben, irgendwie zusammenzubringen, ob jetzt unter dem Dach von Öffentlichen Bibliotheken und Schulbibliothekarischen Arbeitsstellen oder anderswie. Viele diese Versuche haben bestimmt keine sichtbaren Spuren in Dokumenten oder Artikeln hinterlassen. Aber die, es taten, sind über Jahrzehnte verstreut. (Auffällig ist aber, dass die, die über einen längerem Zeitraum bestanden haben, das oft gerade nicht in Verbindung mit dem Öffentlichen Bibliothekswesen taten.)
  • Vollkommen unüberblickbar sind die Abschluss- und Studienarbeiten zum Thema, die an bibliothekarischen Ausbildungsstellen geschrieben wurden, oft mit dem Ziel, zu klären, wie eine gute Schulbibliothek aussehen soll. Hinzu kommen zahllose Seminare im Studium, die manchmal über das Studium hinaus wirkten.

All das ist ohne grössere Probleme zu recherchieren. Die meisten Dokumente dazu liegen mehrfach in Bibliotheken, beispielsweise die gesamte schulbibliothek aktuell. Als Start dieser Entwicklung ist das Jahr 1970 zu nennen, als das Buch «Die moderne Schulbibliothek: Bestandsaufnahme und Modell ; Untersuchung zur Situation der Schulbibliotheksverhältnisse in der Bundesrepublik und in West-Berlin. Vorschläge zu ihrer Verbesserung» (Doderer et al.) erschien. Dieses war Teilergebnis eines Projektes – nicht mal im Bibliothekswesens – des Instituts für Jugendbuchforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main. Im gleichen Projekt wurde auch die Zeitschrift gegründet, die dann die schulbibliothek aktuell wurde, und die Grundlage für die Arbeitsgruppe gelegt, die dann im Deutschen Bibliotheksinstitut aktiv war. Was das Buch ausmacht, ist, dass hier der Pfad angelegt wurde, auf dem das deutsche Bibliothekswesen bis heute wandelt, wenn es um Schulbibliotheken geht. Die Vorstellung, dass die Schulbibliothek den Konzepten Öffentlicher Bibliotheken folgen soll – und nicht etwa einer eigenen Entwicklung – wurden hier zuerst öffentlich formuliert. Alle Argumente, die seitdem im Bibliothekswesen vorgebracht werden, wenn es darum geht, diese Vorstellung zu untermauern, finden sich in diesem Buch das erste Mal zusammengefasst. Auch die tendenzielle Geringachtung anderer Formen von Schulbibliotheken und die Staffelung von «richtiger» Schulbibliothek (die wie eine Öffentliche Bibliothek funktioniert) bis hinab zu «selbstständigen Schulbibliotheken», die tendenziell abgeschafft werden müssten, ist in diesem Buch angelegt. Das Bibliothekswesen hat seitdem praktisch diesen Pfad immer nur weiter beschritten und ausgetreten, aber die Grundstruktur nicht mehr verlassen. (Zurückgelassen wurde der Kontext der Bildungsreform, in welchem dieses Projekt durchgeführt wurde.)

Im Buch wird zum Beispiel postuliert,

  1. dass die Bibliothek zentral sein soll, das heisst einerseits eine Einrichtung in der Schulen (und nicht verteilt in Klassenräumen) und andererseits ein zentrale Einrichtung in der Schulen, am Besten zentral gelegen.
  2. dass sie eine Einrichtung sein muss, in der Unterricht und selbstständiges Lernen stattfindet und dass sie auf den Unterricht ausgerichtet sein muss.
  3. dass sie von ausgebildetem Personal geleitet werden muss (im Buch heisst es «sachkundig vorgebildeten Schulbibliothekaren»; aber da es diese Ausbildung in Deutschland gar nicht gibt, wurden daraus in der bibliothekarischen Literatur schnell ausgebildete Bibliothekar*innen).
  4. dass der Bestand modern und auf den Unterricht ausgerichtet sein soll (das schliesst dann auch die je aktuellen Medienformen ein) und dass eine Schulbibliothek relevant mehr Medien pro Schüler*in vorhalten müsse als eine Öffentliche Bibliothek pro potentielle*r Nutzer*in.
  5. dass die Katalogisierung und Aufstellung einheitlich sein soll, damit alle Schulbibliotheken ein Netzwerk bilden können.

Das sind alles Argumente, die seit 1970 immer und immer wieder vorgebracht werden, wenn auch manchmal umformuliert. Wenn in der oben angeführten Presseerklärung des dbv die Rede davon ist, dass Schulbibliotheken durch die Eingabe ihrer Daten in die Bibliotheksstatistik «ihr Bildungspotential sichtbar» machen können sollen, ist das nur eine aktuelle Fassung der Idee, dass sie vor allem für Bildung (und im Schulbereich dann Unterricht und Selbstbildung) zuständig seien. Auch die Vorstellung, dass man die Arbeit von Schulbibliotheken durch bibliothekarische Kennzahlen – selbst wenn diese, wie das wohl der Fall sein wird, angepasst werden – ausgedrückt werden kann, ist nur eine Fortschreibung der Idee, dass sei von ausgebildeten Schulbibliothekar*innen auf die immer gleiche Weise geführt werden müssten, um richtige Schulbibliotheken zu sein.

Das ist alles nicht durch die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte untermauert. (Aber: Auch das ist ein Teil dieses Pfades. Schon im Buch wurden die Aussagen nicht theoretisch oder mit Daten untermauert. Vielmehr wurde gesagt, dass müsste so sein; ausserdem gäbe es andere Ländern, in denen es so wäre und es wäre schlimm, dass in Deutschland nicht so sei.)

  • Eine Erfahrung, die sich durch die ganzen Jahrzehnte zieht, ist, dass das Bibliothekswesen schon in der Lage ist, Bibliotheken nach eigenen Vorstellungen in Schulen einzurichten, solange es die dafür notwendigen Mittel (Etat und Personal) mitbringt. Dann werden sie oft (nicht immer) in Schulen akzeptiert. Aber wenn diese Mittel nicht mehr da sind (weil das Projekt zu Ende ist oder wenn der Etat der Bibliotheken gekürzt wird), dann führen die Schulen die Bibliotheken nicht so weiter, wie das Öffentliche Bibliotheken machen. In vielen Schulen werden die Bibliotheken dann geschlossen, was bedauert wird, aber nicht so sehr, dass sich so eingesetzt wird, dass sie doch irgendwie weiterlaufen. (Das passiert auch: Bibliothekar*innen sind mehrfach aus dem Bibliothekswesen ausgeschieden und vollständig aus einem Schuletat finanziert worden, um Bibliotheken fortführen zu können. Aber immer nur in Ausnahmefällen.) In anderen Schulen werden die Schulbibliotheken weitergeführt, aber verändert. Kataloge werden nicht weitergeführt, der Bestand wird verändert (oder nicht verändert, sondern über Jahre einfach weitergenutzt, aber nicht ergänzt).
  • Alle Beratung durch das Bibliothekswesen, alle Projekte und so weiter führen nicht dazu, dass Schulen ihre Bibliotheken einfach so nach den Vorstellungen des Bibliothekswesens umgestalten. So oft auch Bibliotheken davon schreiben, dass Bibliotheken Unterrichtsort werden oder Plätze für Hausaufgaben und selbstgesteuertes Lernen einrichten sollen, so oft wird das von Schulen nicht wahrgenommen oder wahrgenommen, aber ablehnt. Der einzige überzeugende Weg ist in den letzten Jahrzehnten immer nur der gewesen, dass das Bibliothekswesen selber Mittel zum Betrieb einer Schulbibliothek zur Verfügung stellt.
  • Die Behauptungen über Schulbibliotheken, die im Bibliothekswesen gemacht werden, wandeln sich kaum. Sie werden immer wieder einmal neu formuliert (und der Aspekt der Demokratisierung, welcher im genannten Buch von 1970 wichtig war, wurde fallengelassen). Aber es bleibt immer bei diesen Behauptungen. Zu erwarten wäre, dass das Bibliothekswesen losgeht und die Zusammenhänge, die es behauptet – beispielsweise das gut ausgestattete Schulbibliotheken zu besserem Lernen führen würden – untersucht (und dann aus diesen Untersuchungen lernt). Aber das passiert nicht. Stattdessen werden die gleichen Argumente, die schon vorher keinen Erfolg hatten, wiederholt. Das sie offenbar nicht überzeugen (was ein Hinweis darauf sein könnte, dass sie nicht stimmen), ändert dies nicht.5 Stattdessen werden neue Projekte aufgelegt, um Schulen dazu zu bringen, ihre Bibliotheken nach bibliothekarischen Vorstellungen zu gestalten.
  • Immer weiter findet das meisten «Leben» von Schulbibliotheken ausserhalb des Bibliothekswesens in den Schulen selber statt. Aber – das eine weitere Erfahrung über die letzten Jahrzehnte – die Erfahrungen aus diesen Schulbibliotheken werden gar nicht erst gesucht, auch das Wissen aus Schulen interessiert im Bibliothekswesen nicht.6 Die Erfahrung ist, dass das Bibliothekswesen die anderen Stakeholder immer wieder disqualifiziert oder ganz ignoriert.

Die Bibliotheksstatistik als weiterer Schritt auf dem gleichen Pfad

Die Entscheidung, Schulbibliotheken in der Bibliotheksstatistik aufzunehmen, ist nur ein weiterer Schritt auf diesem Pfad. Wieder wird so getan, als sei es die Aufgabe des Bibliothekswesens – des kleinsten und unerfolgreichsten Stakeholder – über die Schulbibliotheken zu bestimmen und ihre Entwicklung vorzugeben. Die bibliothekarische Wertigkeit – eine richtige Schulbibliothek ist nur eine, die bibliothekarischen Vorstellungen folgt, alle anderen sind Kompromisse – wird so wieder einmal hergestellt.

Weil, was wird wohl passieren? Ersteinmal sind die Schulbibliotheken, die Zweigstellen Öffentlicher Bibliotheken sind, schon in der Bibliotheksstatistik enthalten. Für die ist dieser Schritt nichts. Die anderen Schulbibliotheken, die sich die Arbeit machen werden, sich in die Bibliotheksstatistik einzutragen, werden die sein, die ansonsten sehr nahe an der Öffentlichen Bibliothek sind – vielleicht einige der «aufgegebenen» Zweigbibliotheken, die vollständig von Schulen übernommen wurden.

Aber die anderen Bibliotheken? Mal abgesehen davon, dass die mit hoher Wahrscheinlichkeit nie von dieser Statistik hören werden, würden sie gar nichts davon haben, sich diese Arbeit zu machen. Öffentliche Bibliotheken, die ihre Daten an die Bibliotheksstatistik abliefern, haben den Vorteil, dass sie so in ihrer Identität als Öffentliche Bibliothek bestätigt werden (und theoretisch die Daten nutzen können, um sich zu vergleichen und so weiter, aber ob das passiert, ist eine andere Frage) – eine richtige Öffentliche Bibliothek führt eine Statistik und nimmt an der Bibliotheksstatistik teil. Doch Schulbibliotheken, die gar nicht der Vorstellung folgen, dass sie wie eine kleine Öffentliche Bibliothek funktionieren sollten, würden ihre Realität gar nicht in einer solchen Statistik abbilden können – und selber wenn, gar keinen Mehrwert daraus ziehen können. Müssen sie auch nicht, weil sie gar nicht Teil eines «Schulbibliothekswesens» sind, das über solche gemeinsamen, geteilten Strukturen zusammengehalten wird.

Man darf nicht glauben, dass das diesmal anders gemacht wurde, als bei den anderen Projekten der letzten Jahrzehnte: Wieder wurde vom Bibliothekswesen aus definiert, was eine Schulbibliothek sein soll und damit auch, was sie nicht sein darf. Man muss in der Presseerklärung des dbv nur nach den Vertreter*innen suchen, die eine andere Position hätten einbringen können, beispielsweise solche aus Schulen oder Landesarbeitsgemeinschaften:

An der Arbeitsgruppe der dbv-Kommission Bibliothek & Schule zur Einrichtung der entsprechenden statistischen Abfrage waren beteiligt: Irene Säckel von der Stadtbücherei Frankfurt am Main, Frank Raumel vom Medien- und Informationszentrum Biberach, Ira Foltin, Gaby Heugen-Ecker und Therese Nap von der DBS-Redaktion des Hochschulbibliothekszentrums des Landes NRW sowie Dr. Ulla Wimmer von der Humboldt Universität zu Berlin.

Es gab sie nicht – wieder einmal. Hier haben wieder einmal Bibliothekar*innen, eine Bibliothekswissenschaftlerin und Vertreter*innen das Anbieters der Bibliotheksstatistik über Einrichtungen entschieden, die zumeist gar keinen Kontakt zum Bibliothekswesen haben. Deshalb werden in der Statistik bestimmt Werte abgefragt, die im Alltag der Schulbibliothek gar keine Rolle spielen. (Das Beispiel mit dem Katalog weiter oben ist da nur das sichtbarste. Die Anzahl der Medien ist beispielsweise für eine Schulbibliothek nicht unbedingt wichtig, wenn ihr Hauptfokus der ist, dass die Schüler*innen sich aus dem Schulalltag zurückziehen können. Aber die Statistik wird verlangen, dass die vorhandenen Medien gezählt werden, nicht wie viele Schüler*innen sich in den Raum Schulbibliothek zurückziehen.)

Wieder wird versucht, der Realität ein bibliothekarisches Verständnis von Schulbibliotheken überzustülpen. Das wird genauso wenig funktionieren, wie alle anderen dieser Versuche. Was mich verwundert ist, dass es immer noch passiert. Das Bibliothekswesen betrügt sich einfach selbst und tut so, als könnte es über Schulbibliotheken bestimmen, während die Schulen weiter an ihm vorbei handeln werden. (Was heisst, es ist eher ein Problem des Bibliothekswesens und man könnte es dabei belassen. Wäre es nicht gleichzeitig so unverschämt gegenüber all den Aktiven in den Schulbibliotheken, die vom Bibliothekswesen als «nicht so richtig schulbibliothekarisch arbeitend» disqualifiziert werden.)

Ein besserer Pfad

Ich hatte oben gesagt, dass ich das Thema Schulbibliotheken hinter mir gelassen habe. Nie wollte ich Schulbibliotheken oder anderen Personen sagen, was sie zu tun haben (ausser sie fragen), sondern ich wollte diese wunderbar amorphe Einrichtung «Schulbibliothek» verstehen. Aber wenn ich schon so geschockt bin, dass ich doch nochmal auf das Thema zurückkomme, vielleicht doch einige Worte. Das Bibliothekswesen könnte anders handeln und sollte es auch. Ansonsten wird es nur noch weiter Projekte dieser Art aufsetzen, die es dann nur weiter bestätigen werden, dass «auch mal was für die Schulbibliotheken getan werden muss».7

  1. Das Bibliothekswesen muss endlich von seinem hohen Ross absteigen (und den eingetretenen Pfad verlassen): Schulbibliotheken sind nicht Teil des Bibliothekswesens, sondern eine eigene Form von Einrichtungen, über deren Aufgaben, Arbeit und Entwicklung nicht das Bibliothekswesen entscheiden kann. Sie sind keine kleinen Öffentlichen Bibliotheken, ausser dann, wenn das Bibliothekswesen die dafür notwendigen Ressourcen stellt. Anstatt die Schulbibliotheken zwanghaft in das Bibliothekswesen integrieren zu wollen, sollten sie als eigene Bibliotheksform verstanden und behandelt werden. (Öffentliche Bibliotheken wollen ja auch den Gefängnisbibliotheken, Museumsbibliotheken, Gerichtsbibliotheken und so weiter nicht vorschreiben, was ihre Aufgaben sein sollen. So müsste es auch mit Schulbibliotheken sein.)
  2. Das Bibliothekswesen weiss nicht, was eine richtige und funktionierende Schulbibliothek ist. Es weiss noch nicht mal, ob und wie die Schulbibliotheken, die es selber betreibt, eigentlich wirklich funktionieren. Das sollte akzeptiert und dann davon aus weitergegangen werden. Auf der einen Seite wäre es sinnvoll, die ganzen Argumente, die immer wieder gemacht werden, ernsthaft zu untersuchen: Sind diese kleinen Öffentlichen Bibliotheken in Schulen wirklich für einen besseren Unterricht, selbstgesteuertes Lernen, Hausaufgaben und so weiter relevant? Wie soll das funktionieren? Welche Daten gibt es dazu (Daten, nicht Behauptungen oder hübsche Bilder)? Oder übernehmen sie ganz andere Aufgaben? Das wäre die einfache Seite. Die schwierige wäre für das Bibliothekswesen wohl zu akzeptieren, dass in den meisten Schulen mit Bibliotheken diese Schulbibliotheken andere Aufgaben haben, als sich die Öffentlichen Bibliotheken vorstellen und das sie deshalb auf diese Aufgaben ausgerichtet arbeiten – und das das okay ist. (Eine Kleinigkeit, die mich auch früher schon immer irritiert hat, und die man leicht ändern könnte: Das die Kommission im dbv «Bibliothek & Schule» heisst, also die Bibliothek nach vorne stellt, obwohl Schulbibliotheken viel eher von Schulen bestimmt werden und das in ihr überhaupt keine Vertreter*innen aus Schulen zu finden sind. Wäre ich Schulleiter, ich würde das nicht ernst nehmen können. Der Namen sollte geändert und der ständige Kontakt zu Vertreter*innen von Schulen gesucht werden.)
  3. Das Bibliothekswesen muss akzeptieren, dass es nur ein Stakeholder – und dann auch noch nicht der wichtigste – ist, wenn es um Schulbibliotheken geht. Insbesondere dann, wenn es (wie in den meisten Fällen) gar keine Ressourcen für Schulbibliotheken mitbringt. Es mag sein, dass man das ändern will, weil man gehört hat, dass dies in anderen Ländern anders wäre8 – aber das wäre eine Entscheidung auf Ebene der Bildungspolitik und lässt sich nicht erwirken, indem man immer so tut, als wäre man selber wichtiger als die anderen Stakeholder.
  4. Das Bibliothekswesen sollte aus den vergangenen Projekten lernen: Schulen sind nicht mit den immer gleichen Argumenten zu überzeugen, Bibliotheken nach Vorstellungen des Bibliothekswesens einzurichten. Die Bildungspolitik ist so auch nicht zu überzeugen, dass Schulwesen so zu ändern, dass Schulbibliotheken in jeder Schule notwendig werden. (Die lokale Politik manchmal schon.) Die Engagierten in den Schulbibliotheken sind so auch nicht zu überzeugen.
  5. Was auch auffällt, weil immer nur der gleiche Pfad weitergegangen wird, ist, dass bei den ganzen Texten, Vorträgen und so weiter im Bibliothekswesen über Schulbibliotheken die konkreten Schulen und die Entwicklungen, die in ihnen in den letzten Jahrzehnten stattgefunden haben, praktisch nicht auftauchen. Es ist eine von der schulischen Praxis (und der Erziehungswissenschaft) oft ganz losgelöste Debatte. Das sollte aufhören. Schulen haben sich verändert und es ist – nur ein Beispiel – heute normal, das Unterricht als Arbeit in Laboren und Projekten stattfindet. Es gibt in vielen Schulhäusern zahlreiche Lernorte, an denen Schüler*innen selbstbestimmt arbeiten, inklusive der Umstellung des Unterrichts von Wissensvermittlung zu Kompetenzentwicklung. Aber man wüsste es nicht, wenn man bibliothekarische Texte über Schulbibliotheken liest. Da sieht es so aus, als wäre die Schulbibliothek der einzige Ort, wo selbstbestimmtes Lernen stattfindet. Das muss sich ändern, so oder so. Das Bibliothekswesen muss wahrnehmen, wie Schulen heute funktionieren, wenn es irgendwelche Aussagen über Schulbibliotheken machen will.

***

Fussnoten

1 Ich sage hier Deutschland, um es abzukürzen. Aber historisch ist es selbstverständlich so: Von 1970 bis 1990 meint das die BRD, danach tendenziell Deutschland inklusive der «neuen Bundesländer», obwohl es immer auch Traditionen aus der DDR gab, die länger vorhielten, auch im Bibliothekswesen. Anderswo habe ich auch dargestellt, wie die Vorstellungen über Schulbibliotheken aus der BRD einige Jahre später in der Schweiz rezipiert wurden. Aber dort sind sie wieder auf andere Traditionen und Realitäten getroffen, hatten dann auch eine andere Wirkung. Wie immer bei der Entwicklung von Bibliothekswesens gilt auch hier: Es gibt gegenseitige Beeinflussungen, aber grundsätzlich ist die Entwicklung doch je Land unterschiedlich. Insoweit geht es in diesem Beitrag nicht um den DACH-Raum, sondern um Deutschland.

2 Es gibt, wie ich in der Schweiz gelernt habe, auch Traditionen dabei, was als Aufgaben einer Schulbibliothek angesehen wird, die lange existieren können.

3 Mein Lieblingsbeispiel ist immer noch, dass in alle Oberstufenzentren, die in den späten 1970ern in Berlin gegründet wurden, eine Bibliothek inklusive Personalstelle eingerichtet wurde und dann, als ich 2005/2006 meine Magisterarbeit schrieb, gerade noch die letzte Bibliothekarin in der letzten dieser Bibliotheken «erwischte», die gerade in Rente ging und deren Bibliothek dann, als letzte, auch geschlossen wurde.

4 Solche Bibliotheken haben dann oft noch Bibliothekstechnik aus den Jahren, in denen sie zuletzt Teil der Öffentliche Bibliothek waren, in der Ecke stehen. Sie wird dann nicht mehr benutzt, aber weggeworfen wird sie auch nicht.

5 Eine Zeit lang wurden auch in der deutschen bibliothekarischen Literatur sogenannte «school library impact studies» aus den USA zitiert, in den angeblich gezeigt worden wäre, dass Schulbibliotheken eine positive Wirkung auf die Noten der Schüler*innen in den jeweiligen Schulen hätten. Aber einerseits stimmte das so nie – nicht nur ist das Schulwesen in den USA anders als in Deutschland, auch nannten die meisten Studien für gut ausgestattete Schulbibliotheken Minimalwerte, die in Deutschland nirgends erreicht werden und waren die Studien selber nicht frei von Bias – und überzeugte auch nicht gross ausserhalb des Bibliothekswesens. Andererseits ist das verstummt, jetzt, wo es auch in den USA immer mehr Schulen ohne Schulbibliothek und ohne Schulbibliothekspersonal gibt (obwohl es die Studien weiterhin gibt).

6 Immer wieder kann man von Engagierten aus Schulbibliotheken und Landesarbeitsgemeinschaften Geschichten hören, wie sie von Vertreter*innen des Bibliothekswesens von Beratungen ausgeschlossen oder so behandelt wurden, als hätten sie keine Ahnung von Schulbibliotheken – nicht immer und von allen, aber doch regelmässig. Erstaunlich ist auch, dass die schulbibliothek aktuell zwar in der Vorgängerzeitschrift der heutigen kjl&m aufgegangen ist, die bis heute deshalb den Untertitel forschung.schule.bibliothek führt, aber das es keinen Kontakt mehr zwischen der Redaktion dieser Zeitschrift und den Vertreter*innen im dbv gibt, welche die Eingliederung der Schulbibliotheken in die Bibliotheksstatistik vorangetrieben haben.

7 Ein Satz, den ich so oft in meiner «aktiven» Zeit gehört habe: Immer wieder wird sich im Bibliothekswesen – auch von Kolleg*innen, die schon lange dabei sind – vorgestellt, man würde am Anfang einer Entwicklung von Schulbibliotheken stehen, man hätte mit dem Projekt XYZ Neuland betreten, obwohl es immer wieder die gleiche Geschichte ist und immer wieder das gleiche Ergebnis schon zu Beginn angelegt ist. So, als hätte es die ganzen Projekte seit 1970 nicht gegeben.

8 Wobei das oft auch so nicht stimmt, wenn man genau schaut. In meiner aktiven Zeit habe ich oft gehört, in den USA wären die Schulbibliotheken Teil des Öffentlichen Bibliothekswesens – aber, plot twist, in der Realität bilden sie dort ein eigenes (schrumpfendes) Schulbibliothekswesen mit eigener Ausbildung, eigenen Medien, eigenen Verbänden und Strukturen. Sie arbeiten mit den Öffentlichen Bibliotheken zusammen, aber Teil des Öffentlichen Bibliothekswesens sind sie gerade nicht.

Eine Umfrage zur Zukunft der ÖB von 2015 zeigt… keinen Dritten Ort

Im Rahmen einer anderen Recherche ist mir ein Dokument von 2015 untergekommen, welches ich damals wohl übersehen oder nur überflogen habe. Jetzt aber bin ich von ihm fasziniert: Im Auftrag der ekz führte das Institut für Demoskopie Allensbach damals eine «Repräsentativbefragung» zur «Zukunft der Bibliotheken in Deutschland» durch. (Institut für Demoskopie Allensbach 2015) Insgesamt wurden 1448 Interviews geführt. Das kann nicht billig gewesen sein. Andreas Mittrowan (2015), damals Bibliothekarischer Leiter der ekz, stellte in einem zeitnahen Text dar, dass die ekz zumindest damals regelmässig Umfragen durchführte, um zu wissen, welche Angebote sie entwickeln sollte. Ich vermute mal, dass diese Befragung in diesen Rahmen gehört.

Was mich fasziniert, ist nicht so sehr, dass diese Befragung durchgeführt wurde. Ich bin eher von den Ergebnissen irritiert. Sicherlich: Man darf Resultate solcher Befragungen nicht als letzte Wahrheit darüber, was Menschen denken und tun, nehmen. Aber diese wurde ja offenbar durchgeführt, um sie dann auch zu benutzen. (Und sie wurde auch benutzt für die Konferenz «Chancen 2016: Bibliotheken meistern den Wandel» (https://chancen2016.wordpress.com, Anonym 2016, ekz.bibliotheksservice 2016.)) Insoweit würde man erwarten, dass die Ergebnisse auch etwas bedeuten.

Aber mir scheint das gerade nicht der Fall zu sein. Zuerst liefert die Befragung einige erwartbare demographische Ergebnisse (S. 5) zur Nutzung oder Nicht-Nutzung von Bibliotheken. Anschliessend liefert die Frage danach, ob es in Zukunft wichtig wäre, dass Bibliotheken existieren, dass dies von den meisten Befragten bejaht wird. (S. 7, S. 8) Die Graphik ist so gehalten, als ob es 50/50 wäre, aber die Daten zeigen, dass die Antworten zu «wichtig / sehr wichtig» (ohne offenbar, dass man «ist mir egal» antworten konnte) überwiegen. Per se ist das nicht erstaunlich, da sich das eigentlich immer wieder zeigt, wenn Menschen direkt zu solchen Themen befragt werden: Die Bibliotheken haben einfach ein überwiegend grossen goodwil in der Bevölkerung, auf den sie bauen könnten, wenn sie wöllten. Erstaunlich ist eher, dass das in den Diskussion zwischen Bibliotheken so oft untergeht.

Die Daten, die mich mehr faszinieren, finden sich in den Graphiken, welche die Antworten auf die Frage: «Wie sollte eine öffentliche Bibliothek sein, die Sie gerne nutzen?» (mit Auswahl von Möglichkeiten aus einer Karte) zusammenfassen. (S. 11, S. 13, S. 16) Hier wurden nämlich (fast) all die Vorstellungen versammelt, die sich Öffentliche Bibliotheken damals von ihrer Zukunft gemacht haben (d.h. «Partizipation» und Demokratie standen noch nicht auf der Liste, dafür in Unterpunkte gepackt der «3. Ort»). Das Ergebnis ist, dass praktisch alle diese Vorstellungen von den Befragten zurückgewiesen wurden: Wichtig ist ihnen ein umfangreiches Medienangebot, eine angenehme Atmosphäre, gute Beratung und Angebote für Kinder. Sicherlich könnte man «angenehme Atmosphäre» als etwas bezeichnen was zum «3. Ort» passt, aber der Punkt ist so subjektiv, dass er zu allen möglichen Räumen passt, in denen man sich aufhält. Die Frage ist halt immer, was «angenehm» heissen soll. Aber «bequeme Sitzmöglichkeiten» (auch etwas, dass nicht nur zum «3. Ort» passt und sehr subjektiv ist) kommt erst in der Mitte der Liste. Der Wunsch nach einem Café in der Bibliothek steht weit unten in der nach Häufigkeit geordneten Liste (aber noch, notabene, vor dem Wunsch, dass die Bibliothek Sonntags geöffnet werden sollte, was kaum gewünscht wird). Die letzten drei Punkte sind der Wunsch, «mit anderen ins Gespräch kommen», Makerspaces und Computerspiele. Oder anders: Was in diese Befragung eigentlich zurückgemeldet wurde, war, dass die Befragten eher «traditionelle» Öffentliche Bibliotheken wollen, die ihren Fokus auf Medien haben.

Die Faszination kommt nun selbstverständlich davon, dass sich die bibliothekarische Diskussion und auch die Planungen von Bibliotheken genau in die andere Richtung entwickelten. Schon einige Zeit vor 2015, aber auch danach.

Sicherlich: Man muss Ergebnisse solche Befragungen nicht als Handlungsanweisung lesen. (Aber warum macht man sie dann überhaupt?) Mehrfach habe ich von Bibliothekar*innen zu dieser Frage immer wieder ein Zitat gehört (so oft, dass es danach klang, als hätten sie es alle von der gleichen Person, die als Berater*in tätig war, gehört), dass ich hier nicht wiederholen will (weil die zitierte Person auch bekannter Antisemit und Ausbeuter war). Aber was das Zitat sagt, ist, dass man nicht weiterkommt, wenn man darauf wartet, dass die Menschen ihre Meinung ändern und man stattdessen anfangen muss, etwas zu verändern, damit die Menschen nachher merken, das die Veränderung besser war. Oder anders gesagt: Die Leute wissen nicht, was sie wollen, bis sie es selber erleben.

Well. So eine Haltung passt selbstverständlich schwer mit dem aktuell in der bibliothekarischen Literatur oft vorgetragen Anspruch der Partizipation zusammen, bei dem ja den Menschen mehr vertraut werden soll, gute Entscheidungen zu treffen. Aber ignorieren wir das mal kurz. Dann müssten Bibliotheken nicht nur neue Angebote einrichten, sondern auch irgendwann zeigen, dass sie Recht damit hatten, diese Veränderungen durchzusetzen. Die Menschen müssten dann z.B. das Café tatsächlich so nutzen, wie sich das in der bibliothekarischen Planung vorgestellt wird. Aber: Solche Nachweise sind in der Literatur praktisch auch nicht vorhanden.

Was mich fasziniert ist, dass man mit dieser Befragung eigentlich etwas in der Hand hat, um selber zu sehen, dass die meisten Veränderungen in Bibliotheken in den letzten Jahren nicht etwa dadurch ausgelöst wurden, weil Menschen solche Veränderungen eingefordert hätten oder weil sie irgendwie von aussen als notwendig erschienen – sondern, weil Bibliotheken sie selber wollten.

Was mir dabei nicht klar ist, ist warum solche Befragungen überhaupt durchgeführt wurden. (So oft kommen sie auch nicht vor. Vielleicht ist das auch etwas, was nicht mehr gemacht wird.) Ich habe da keine Antwort, nur die Frage: Für wen werden die gemacht, wenn die Entscheidungen und Diskussionen im Bibliothekswesen gar nicht auf diesen Ergebnissen basieren?

Literatur

Anonym. (2016). Chancen 2016: Bibliotheken meistern den Wandel—Internationale Bibliothekskonferenz zeigte Herausforderungen und Lösungsansätze | Lesen in Deutschland. Lesen in Deutschland. https://www.lesen-in-deutschland.de/html/content.php?object=journal&lid=1360

ekz.bibliotheksservice. (2016, Juli 8). Chancen 2016—Ekz.bibliotheksservice GmbH. https://web.archive.org/web/20160708103739/http://www.ekz.de/seminare-veranstaltungen/veranstaltungen/chancen-2016/

Institut für Demoskopie Allensbach. (2015). Die Zukunft der Bibliotheken in Deutschland: Eine Repräsentativbefragung der Bevölkerung ab 16 Jahre (S. 43). Institut für Demoskopie Allensbach. http://www.ekz.at/fileadmin/ekz-media/unternehmen/Zukunftsstudie/2016_Studie_Zukunft_Bibliotheken_in_Deutschland.pdf

Mittrowan, A. (2015). ekz-Kundenbefragung 2014: Bibliotheken wählen ihre Zukunftsrollen. Bibliotheksdienst, 49(3–4), 393–400. https://doi.org/10.1515/bd-2015-0047

Ist die APC eine Neuauflage der UB der 1950er Jahre?

1950er: Universitätsbibliothek vs. Departements-Bibliotheken

Jürgen Badendreier (2018), Klaus Kempf (2018) und Sven Kuttner (2018) berichteten, jeweils in eigenen Beiträgen, in einem der Jahrestreffen des Wolfenbütteler Arbeitskreis für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichte über die Bibliothekslandschaft an deutschen Universitäten in den 1950er Jahren. Sie schilderten, wie sich die Universitätsbibliotheken nach 1945 traditionalisierten. Die Bibliotheken schlossen an einer kulturkonservativen Sicht auf Wissenschaft (und die Welt) der 1920er und 1930er Jahre an. In den ersten Jahren nach 1945 ging es ihnen vor allem um den «Wiederaufbau» (nie um die eigene Geschichte während des Nationalsozialismus). Als dieser einigermassen erreicht war, folgten sie einem Denken, dass «Bildung» als romantischen Eigenwert gegen Technisierung, Mechanisierung und «Materialismus» stellte. Das Feindbild war die Moderne, das Ideal waren sich langsam und intensiv bildende Wissenschaftler. Den Universitätsbibliotheken ging es darum, eine Tradition aufrechtzuerhalten, die es – wie bei so vielen Traditionen – so nie gegeben hatte. Sie orientierten sich dabei auch an einem Bild von Forschung, dass nicht (mehr) der Realität der meisten Forschenden entsprach.

Das war selbstverständlich nicht das, was Forschende oder Studierende benötigten. Sie brauchten schnellen Zugang zu Medien, zu Zeitschriften – die nicht unbedingt im Fokus der Universitätsbibliotheken standen – und grundsätzlich zur Moderne. Aber Institutionen erhalten sich selber: So einfach konnten die Universitätsbibliotheken nicht von ihrem Weg abgebracht werden. Ergebnis war, dass die Forschenden zur Eigeninitiative griffen und neben den Universitätsbibliotheken aus eigenen Mitteln eigene Bibliotheken aufbauten: Departements- und Fakultätsbibliotheken, Lehrstuhl- und Fachbibliotheken und so weiter. Teilweise klein, teilweise aber auch gross, betrieben von bibliothekarischen Fachkräften. Diese Bibliotheken orientierten sich eher am modernen Bibliothekswesen anderswo, fokussierten sich darauf, schnell Zugang zur Fachliteratur zu schaffen und so weiter. Sie waren unabhängig von den Universitätsbibliotheken, mal offiziell, mal de-facto, auch wenn es auf dem Papier anders aussah.

Das zweigliedrige Bibliothekssystem an den deutschen Universitäten war also, folgt man dieser Darstellung, auch Ergebnis von schwerfälligen, gedanklich in der Vergangenheit verhafteten und diesen «traditionellen» Ideen folgend organisierten Universitätsbibliothek auf der einen, einer sich verändernden Wissenschaft auf der anderen Seite. (Selbstverständlich kann das nicht der einzige Grund gewesen sein, sonst hätte es in den Schweizer Universitäten nicht auch zahllose Neben- und Zweigbibliotheken gegeben beziehungsweise gäbe es sie nicht heute noch.) Dies änderte sich erst mit den Universitätsneugründungen der 1960er und 1970er Jahre (Bochum, Regensburg, Konstanz, Bielefeld, Bremen et cetera) und den dort neu eingerichteten Bibliotheken (mit Freihand!) sowie einem Generationswechsel in den Bibliotheken und wohl auch der Liberalisierung der bundesdeutschen Gesellschaft in diesen Jahren.

2010er, 2020er: Open Access-Geschäftsmodelle und so weiter

Sicherlich ist die Situation heute ganz anders: Universitätsbibliotheken sind nicht konservativ in ihrer Weltsicht. Bibliotheken in einer Universität sind Teil eines gemeinsamen Netzes oder gar gleich eingliedrig. Sie verstehen sich als Einrichtungen, die Forschende und Studierenden unterstützen wollen. Und dennoch, mit etwas Abstand und Abstraktion scheint es manchmal, als würden sich Strukturen wiederholen.

Thema Open Access. Die Probleme sind wohl bekannt: Was einst startete, um die wissenschaftliche Kommunikation radikal zu verändern, ist zu einem Geschäftsmodell für die gleichen grossen Verlage geworden, wegen denen man überhaupt darauf hoffen musste, ein neues System an wissenschaftlicher Kommunikation aufzubauen. Anstatt ein Netz von frei verfügbaren Publikationsorten in der Hand der Forschung selber zu schaffen wurden Strukturen geschaffen, in denen noch mehr Geld an Verlage fliesst, als schon zuvor. All das. (Wir haben in der Libreas-Redaktion letztens zum Beispiel über einen Open Access-Wettbewerb einer Bibliothek gesprochen, bei dem es praktisch nur APCs «zu gewinnen» gibt. Was absurd ist, wenn man Open Access fördern will, ausser man definiert OA als APCs. Und das ist nicht der einzige solcher Wettbewerbe.)

Was mich interessiert, ist, was Bibliotheken machen. Sie machen, trotz aller Klagen und Hinweise, dass das eigentlich nicht gut ist, mit bei diesem System. (Nicht nur Bibliotheken, auch Forschungsförderer.) Aktuelle Ansätze, mit Verlagen umzugehen – nationale Lizenzverträge mit «right to publish»-Komponenten; Publikationsfonds, die APCs bezahlen und so weiter – sich eigentlich immer auf der gleichen Spur bewegen. Es ist schon anderswo oft und richtig festgestellt worden, dass so Strukturen verewigt und zum Beispiel Differenzen zwischen Forschung im globalen Norden und Süden nur verstärkt werden. Alles richtig. Was auch passiert ist, dass zum Beispiel Publikationsformen verewigt werden: Die Fokussierung der «Open Access»-Arbeit von Bibliotheken auf Zeitschriften und zunehmend Monographien könnte mit ein Grund sein, warum die auch schon lange angekündigte Entwicklung neuer wissenschaftlicher Publikationsformen (und was wurde nicht schon alles angedacht von Overlay-Journals zu Nanopublikationen und Social Media) nicht abzuheben scheint.

Viele haben sich über diese Probleme schon ausgelassen. Was ich zum Bild hinzufügen möchte ist die Feststellung, dass Forschende nicht warten. Mir scheint – aber das wäre wohl noch empirisch zu zeigen –, dass immer mehr Forschende tatsächlich dazu übergehen, eigene Open Access-Strukturen aufzubauen, also vor allem – aber nicht nur – Zeitschriften zu gründen. Wir hatten letztes Jahr in der Libreas zum Beispiel einen Text (Ganz, Wrzesinski & Rauchecker 2019) über «non-APC, scholar-led Open-Access-Journalen», in dem sich Redakteur*innen verschiedener dieser Zeitschriften Gedanken über diese machten. Sicherlich: Es geht immer auch darum, solche Initiativen auf eine nachhaltige Basis zu stellen. Aber: Immer mehr Initiativen finden auch Wege dazu, sei es durch Projektfinanzierungen, Einbindung an Lehrstühlen, Vereinsgründungen – wie bei der Libreas – oder anderes, die an Bibliotheken und Verlagen vorbeigehen.

Sicherlich gibt es von Bibliotheken teilweise dafür Unterstützung. Server für Open Journal System-Instanzen und Lösungen für Langzeitarchivierung werden an vielen Wissenschaftlichen Bibliotheken unterhalten. Open Access Büros beraten auch bei der Gründung von scholar-led OA-Journals. Aktive aus diesen Büros (und ähnlichen Strukturen) denken laut über mögliche Veränderungen im wissenschaftlichen Publikationsmarkt und von wissenschaftlichen Publikationsformen nach. Aber der Hauptteil der Arbeit von Bibliotheken im Bereich OA, der Hauptteil der Diskussionen, Projekte, des Geldes geht nicht dorthin, sondern in Strukturen, die eher traditionell sind. (Vielleicht auch Strukturen, die bekannt sind und in deren Rahmen man weiss, wie man handeln kann, nämlich indem man mit Verlagen verhandelt und mit diesen Verträge schliesst.) Mir scheint, dass mehr und mehr Forschende diese Strukturen verlassen.

Der Eindruck verstärkt sich für mich nur, wenn mir solche Texte wie dieser Tagungsbericht (Stille et al. 2020) zum Workshop „Was ist Forschung?“ (ULB Darmstadt) unterkommen. Bei diesem Workshop trafen sich Bibliothekar*innen, die sich mit «forschungsnahen Dienstleistungen» beschäftigen, um sich gegenseitig und durch Vorträge von Forschenden darüber auszutauschen, wie Forschende mit Daten und Publikationen umgehen. Dagegen ist erst einmal nichts zu sagen, wäre es nicht der gefühlte hundertste Text zu dieser Fragestellung und wäre das Ergebnis nicht immer das Gleiche: Forschende verschiedener Disziplinen nutzen Daten und Publikationen unterschiedlich, innerhalb der Disziplinen gibt es weitere Differenzen. Sie schaffen sich zur Not ihre eigenen Strukturen, um ihre Formen von Datennutzung und Publikationen umzusetzen. Hingegen vermitteln auch engagierte Bibliotheken immer wieder den Eindruck, als würden praktisch alle auf den data management life cycle schauen und denken, dieser würde wirklich zeigen, wie Forschende mit Daten umgehen – und Bibliotheken müssten ihre Angebote an diesem ausrichten, um für Forschende relevante Infrastrukturen zur Verfügung zu stellen. Und dann, nachdem sich in der Realität zeigt, dass das so nicht stimmt, würden sich Bibliotheken wieder darüber informieren, dass diese in unterschiedlichen Disziplinen und bei unterschiedlichen Forschenden so unterschiedlich wäre, dass es eigentlich nicht in einem solchen Modell abgebildet werden kann – ohne das dies einschneidende Veränderungen im Denken von Bibliotheken darüber, wie Forschung ablaufen würde führen würde. (Selbstverständlich hat das wohl auch strukturelle Gründe: Der Cycle ist etabliert und impliziert Entscheidungsmöglichkeiten. Niemand scheint einen komplexeren aufstellen zu wollen; alle haben anderes zu tun. Es heisst also nicht, dass die Kolleg*innen in den Bibliotheken in diesem Bereich nicht engagiert wären.)

Garantiert ohne es zu wollen, scheinen sich Bibliotheken von der tatsächlichen Forschungspraxis zu entfernen. Strukturell scheinen sie Publikationsstrukturen zu stützen, denen die Forschenden immer mehr fliehen. Und sie scheinen Vorstellungen davon, wie Forschung funktioniert zu folgen – und anhand dieser Vorstellungen Angebote, Infrastrukturen, Ressourcenverteilung zu organisieren –, die sich in der Realität als mindestens unterkomplex herausstellen. An den Hochschulen und Forschungseinrichtungen werden in den letzten Jahren immer wieder auch ausserhalb von Bibliotheken Stellen und Strukturen geschaffen, die für ihre Hochschule, ihren Fachbereich und so weiter Aufgaben übernehmen, die eben auch Bibliotheken übernehmen wollen, wenn sie von «forschungsnahen Dienstleistungen» sprechen. Ich denke an all die Datacenter, Open Science-Verantwortlichen, Data Officers und so weiter an Hochschulen, Fakultäten, Departements, Lehrstühlen. (Auch hier wäre es bestimmt sinnvoll, diesen Eindruck empirisch zu untersuchen.) Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit werden diese eingerichtet, weil Forschende oder Hochschulverantwortliche der Meinung sind, dass sie diese so, wie sie die einrichten, benötigen.

Und hier kommt das oben genannte historische Beispiel ins Spiel: Wissenschaftliche Bibliotheken scheinen mir – selbstverständlich ohne es anzustreben – gerade wieder Gefahr zu laufen, zu sich selbst erhaltenden Einrichtungen zu werden, die sich vorstellen, bestimmte Aufgaben zu übernehmen, während die Forschung – für die diese Aufgaben übernommen werden sollen – an ihnen vorbei eigene Strukturen aufbaut.

Wofür machen Bibliotheken das?

Sicherlich: Das ist erstmal ein Eindruck. Aber keiner, den ich so einfach loswerde. Wenn ich wieder mal Diskussionen über dieses oder jenes OA-Dashboard höre, über APCs und nationale Verträge und so weiter, frage ich mich schon oft, für wen das eigentlich alles diskutiert und gemacht wird. Ist das wirklich das, was die Forschenden wollen? (Oder vielleicht zumindest die Hochschulleitungen?) Wird da nicht in Bibliotheken oft einem von der Praxis entfernten Bild davon, wie Forschende arbeiten und worauf sie Wert legen, gefolgt? Und wenn ich den nächsten Bericht lese, in dem geklärt wird, dass Forschende Daten anders nutzen, aufbewahren, analysieren als erwartet und das sich das von Disziplin zu Disziplin unterscheidet, scheint mir auch die Frage auf, für wen diese Berichte eigentlich geschrieben und diese Workshops gemacht werden? Hat das nicht eher mit der Selbstvergewisserung von Bibliotheken zu tun?

Die Gefahr, dass Wissenschaftliche Bibliotheken zu Einrichtungen werden, die neben der realen Forschungspraxis stehen, ist immer da. Was das historische Beispiel zeigt, ist, dass es schon einmal passiert ist.


Literatur

Badendreier, Jürgen (2018). Von der Bibliotheks- zur Bildungskatastrophe: Wissenschaftliche Literaturversorgung am deutschen Wirtschaftswunderrand. In: Kuttner, Sven; Kempf, Klaus (Hrsg.). Buch und Bibliothek im Wirtschaftswunder: Entwicklungslinien, Kontinuitäten und Brüche in Deutschland und Italien während der Nachkriegszeit (1949-1965). [Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen, 63]. – Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2018: 39-63

Ganz , Kathrin ; Wrzesinski, Marcel ; Rauchecker, Markus (2019). Nachhaltige Qualitätssicherung und Finanzierung von non-APC, scholar-led Open-Access-Journalen. In: LIBREAS. Library Ideas, 36 (2019). https://libreas.eu/ausgabe36/ganz/

Kempf, Klaus (2018). Die bundesdeutsche Hochschulbibliothek in den Jahren des «Wirtschaftswunders» zwischen Kontinuität und Aufbruch. In: Kuttner, Sven; Kempf, Klaus (Hrsg.). Buch und Bibliothek im Wirtschaftswunder: Entwicklungslinien, Kontinuitäten und Brüche in Deutschland und Italien während der Nachkriegszeit (1949-1965). [Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen, 63]. – Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2018: 33-38

Kuttner, Sven (2018). «Funktionär im Räderwerk des Betriebs»: Bibliothekarisches Berufsbild und Modernekritik in der späten Nachkriegszeit. In: Kuttner, Sven; Kempf, Klaus (Hrsg.). Buch und Bibliothek im Wirtschaftswunder: Entwicklungslinien, Kontinuitäten und Brüche in Deutschland und Italien während der Nachkriegszeit (1949-1965). [Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen, 63]. – Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2018: 65-71

Stille, Wolfgang ; Farrenkopf, Stefan ; Hermann, Sibylle ; Jagusch, Gerald ; Leiß, Caroline ; Strauch, Annette (2020). Bibliotheken als Partner der Forschung: Bericht zum Workshop „Was ist Forschung?“ am 13. und 14. November 2019 an der ULB Darmstadt. In: o-bib 4 (2020) 7: 1-9, https://doi.org/10.5282/o-bib/5634

Eine Sammlung, was man im Feld der Bibliotheken nach der Pandemie untersuchen / besprechen könnte

Wir befinden uns jetzt also unbestreitbar in der (in Europa) zweiten Welle der COVID-19-Pandemie. Sicherlich: Alle haben dadurch wieder zu tun. Und dennoch scheint es mir, es wäre auch eine gute Zeit, um einmal festzuhalten, was sich Bibliothek oder die Bibliothekswissenschaft im Anschluss an diese Pandemie fragen könnten und sollten.

  • Die Extremsituation hat – wie alle Extremsituationen – Strukturen und Vorstellungen getestet. Haben die Infrastrukturen gehalten? Wenn nicht, wie kann man sie verbessern? Aber auch: Haben die Vorstellungen der Bibliotheken davon, was Bibliotheken sind, wofür sie genutzt und geschätzt werden, gehalten? Antworten auf solche Fragen würden nach der Pandemie helfen, Bibliotheken weiterzuentwickeln.
  • Gleichzeitig hatten wir jetzt schon einmal eine Phase, in der Bibliotheken geschlossen wurden und eine, in der Bibliotheken «wiedereröffnet» wurden. Auch wenn die Situation jetzt teilweise anders ist als während der ersten Welle, wird es (mindestens) wieder eine Phase der Wiedereröffnung geben, wohl irgendwann im Frühling / Sommer 2021. Für diese wäre es selbstverständlich gut, aus der ersten Phase zu lernen, um dann diesen Prozess zielgerichteter organisieren zu können.
  • Nicht so sehr aktuell, aber in den ersten Monaten der Pandemie wurde immer wieder die Erwartung geäussert, dass sich durch diese viel ändern wird: Beispielsweise würden mehr elektronische Medien genutzt werden, weil die Menschen im März, April, Mai so viele nutzten. Oder die Arbeit im «Home-Office» würde sich (noch mehr) etablieren. Es wäre Zeit, auch aus den Erfahrungen im Sommer 2020, als an vielen Orten eine gewisse Normalität eingekehrte, zu lernen, ob diese Voraussagen immer noch haltbar sind – und wenn ja, was das für die Zukunft nach der Pandemie heisst. Wenn nein, warum nicht.

Hier eine erste Zusammenstellung von mir über die Fragen, die man in diesem Zusammenhang bearbeiten / diskutieren könnte. Es gibt Liste für diese keine richtige Basis ausser meine eigenen Beobachtungen und Überlegungen. Insoweit bin ich mir sicher, dass es noch viele andere Themen gäbe und das einige Themen von anderen als nicht wichtig erachtet werden. Ich unterbreite sie hier einfach als ersten Vorschlag und freue mich, wenn sie jemand aufgreift / ergänzt / überarbeitet (und wenn es dann erst nach der Pandemie ist, die hoffentlich irgendwann vorbei sein wird). Es soll vor allem eine Erinnerung daran sein, dass man aus dieser Krise etwas lernen kann und nicht einfach so schnell als möglich zur Normalität übergehen sollte.

Direkt die Bibliothek betreffend (Ebene 1)

Eine erste Liste von Fragen betrifft die Bibliothek als Einrichtung selber (ich nenne das hier Ebene 1, im Gegensatz zum Blick auf die Bibliothek von anderen Einrichtungen, die ich weiter unten Ebene 2 nenne).

  • Was und wann wurde während der ersten Welle in der Bibliothek gemacht? Nicht nur wann wurden die Räume geschlossen, sondern auch wann wurden Dienste eingestellt, wieder eingeführt oder ganz neu aufgesetzt? Hier zum Beispiel wäre es schon hilfreich, wenn möglichst viele Bibliotheken eine Chronologie der Ereignisse liefern würden, welche man dann miteinander vergleichen könnte. Einige haben das schon in ersten Artikeln gemacht, aber man könnte das beispielsweise in einer Abschlussarbeit auch systematisieren. Dann könnte man schauen, ob es Gemeinsamkeiten oder Unterschiede gab und warum. Das würde vielleicht etwas darüber sagen, wie sehr Bibliotheken vernetzt oder nicht vernetzt sind, wie sehr oder wenig sie von Entscheidungen anderer abhängig sind und so weiter.
  • Warum wurde es so gemacht? Hier wäre es interessant, Gründe zu erfahren: Warum haben einige Bibliotheken ganz geschlossen, andere Lieferdienste eingerichtet, andere trotz Homeoffice-Empfehlung viel im Backoffice arbeiten lassen? Wer hat diese Entscheidung getroffen? Auf der Basis welcher Überlegungen?
  • Mit welchem Ergebnis? Wie waren zum Beispiel die Ausleihzahlen? Hier wäre es wirklich interessant, Zahlen zu erhalten. Beispielsweise haben sehr viele Bibliothek im April angefangen, entweder Medien per Post zu verschicken oder die Abholung von Medien zu ermöglichen. Interessant wäre, wie das genutzt wurde – die Zahlen, die man hier und da hört, sind eher gering, aber das muss ja nicht überall so gewesen sein – und wie es wahrgenommen wurde. Interessant wäre zum Beispiel auch, ob diese Dienste über die Bibliothekskreise und die der engen Stammnutzer*innen hinaus bekannt wurden. Wurde das zum Beispiel in der Presse oder der lokale relevanten Social Media-Kanälen aufgegriffen?
  • Was ist jetzt mit den elektronischen Medien? Eine besondere Frage wäre, wie sich die Nutzung der elektronischen Medien tatsächlich entwickelt hat. Zu Beginn der Pandemie, im März, April, wurde viel davon geschrieben, dass Bibliotheken den Zugang zu elektronischen Medien vereinfacht und zum Beispiel die Anmeldung für die Bibliotheksnutzung online ermöglicht hätten. Zudem wurde davon berichtet, dass die Nutzungszahlen explodieren würden und daraus unter anderem abgeleitet, dass dies der Beginn es längerfristigen Trends wäre. Aber jetzt, einige Monate später, stellt die Frage, wie sich die Zahlen entwickelt haben: War das ein kurzfristiges Hoch oder tatsächlich ein Trend? Wie waren / sind die Zahlen? Auch hier hört man hier und da, dass sie während des Sommers wieder massiv zurückgegangen wären, aber eine systematische Sammlung wäre selbstverständlich aussagekräftiger.
  • Gab es Rückmeldungen zu den Schliessungen, Angeboten und so weiter der Bibliotheken? Wenn ja, von wem und welche? Hier wäre es interessant zu erfahren, ob und wenn ja wer wahrgenommen hat, was Bibliotheken während der ersten Welle getan haben. Bibliotheken haben immer wieder die Angst, dass sie übersehen werden und teilen gleichzeitig über interne Kanäle immer wieder, wenn sich jemand über sie äussert: Aber wie war es den während der Pandemie? Und vor allem: Kann man aus diesen Rückmeldungen, egal ob direkt an Bibliotheken gemacht, beispielsweise in Kommentaren, oder über Bibliotheken, beispielsweise in Berichten, etwas lernen?
  • Gab es Kooperationen oder andere Formen von Zusammenarbeit während der Pandemie (zwischen Bibliotheken, zwischen Bibliothek und anderen Einrichtungen)? Extremsituationen zu meistern ist oft einfacher, wenn man dies in Zusammenarbeit mit anderen tut. Zudem streben eigentlich alle Bibliotheken, nimmt man die ganzen Strategiepapiere der letzten Jahre ernst, Kooperationen mit anderen Einrichtungen an. Interessant wäre, welche Kooperationen Bibliotheken während der Pandemie eingegangen sind und wofür. Wurden zum Beispiel soziale Stiftungen angesprochen, um über sie Medien an Nutzer*innen zu liefern? Zudem relevant in diesem Zusammenhang wäre es zu wissen, ob dabei auf bestehende Kooperationen zurückgegriffen oder neue aufgebaut wurden. Lohnte sich die Arbeit in die Kontakte, die in den Jahren zuvor geleistet wurden? Und auch, wenn Bibliotheken gerade keine Kooperationen eingegangen sind, sondern eher alleine agiert haben: Was würde das heissen?
  • Wie wurde über «Wiedereröffnung» entschieden? Was genau hiess «Wiedereröffnung»? Was waren die Erfahrungen? Wie wurden die Angebote genutzt? Gab es Trends / Veränderungen über den Sommer? Wie haben sich die Nutzungszahlen entwickelt? Gab es Rückmeldungen von Nutzer*innen? Die Frage ist schon deshalb relevant, weil es zwar vielleicht (hoffentlich) keine neue Welle geben wird, aber wieder eine Phase der «richtigen» Wiedereröffnung.

Interne Ebene

Nicht unbedingt im Bibliothekswesen, aber anderswo schon wurden sich schon während der ersten Welle viele Gedanken dazu gemacht, welche Auswirkungen diese auf die zukünftige Arbeit haben würden: Wird sich das Homeoffice durchsetzen? Wenn ja, was wird das für Arbeit, Zufriedenheit, Infrastruktur bedeuten? Von anderer Seite wurde aber auch gefragt, wie mit dem Personal während der Krise umgegangen wird und wie sich das für die Zeit nach der Krise auswirken wird. Beispielsweise gab es Hinweise darauf, dass Personal, dass gegen den eigenen Willen entweder zum Arbeiten vor Ort oder zum Arbeiten daheim genötigt wurde, vielleicht nach der Pandemie daran gehen wird, sich andere Arbeitsstellen zu suchen. Zudem wurden Vermutungen angestellt, wer überhaupt zum Beispiel darüber entscheiden kann, wo sie*er arbeitet oder wer nicht.

Die Personalebene in Bibliotheken wird selten besprochen, ebenso die Frage, wie die Arbeit in Bibliotheken überhaupt genau organisiert ist. Dennoch gäbe es auch hier einige relevante Fragen.

  • Erfahrungen des Remote Work: Welches, wie, mit welchen Ergebnissen und Erkenntnissen? Wie hat sich das Personal dabei gefühlt? Insbesondere für viele Öffentliche Bibliotheken und Spezialbibliotheken scheint, wenn man dem was man hier und da hört Glauben schenken kann, die Umstellung auf die Arbeit im «Homeoffice» ein neuer, teilweise schwieriger Schritt gewesen zu sein. Aber auch nicht für alle. In Wissenschaftlichen Bibliotheken war dies eher schon verbreitet, aber auch nicht für alles Personal oder in allen Bibliotheken. Und einige Bibliotheken sind offenbar so schnell wieder zur Arbeit vor Ort zurückgekehrt, dass es eigentlich keine Arbeit im Homeoffice für sie gab. Und dennoch: Es wäre interessant zu erfahren, wie genau Bibliotheken mit dem Homeoffice umgegangen sind. Nicht nur, ob sie es getan haben, sondern auch, wie sie die Arbeit umgestellt haben, wie das Personal damit umgegangen ist, wie die allgemeinen Erfahrungen sind und so weiter. Dies ist ja schon für die Frage wichtig, ob es jetzt wirklich eine Hinwendung zum Homeoffice geben wird oder nicht – und ob Bibliotheken sich darauf einstellen müssen.
  • Gab es Lernprozesse? Wie wurden die organisiert? Die erste Krisenzeit und dann die ersten Entspannungen im Sommer wären eine gute Zeit dafür gewesen, intern Lernprozesse zu gestalten, also vielleicht gemeinsam zu reflektieren, welche Erfahrungen gesammelt wurde und wie sie in Zukunft benutzt werden. Sicherlich: Solche Prozesse zu organisieren und zu managen sollte in jeder Organisation zu jeder Zeit geschehen und das passiert ja auch in vielen Bibliotheken. Aber es wäre interessant systematischer zu sehen, was Bibliotheken wann gelernt haben, auch zum Beispiel, ob sie irgendwann zu Einschätzungen gelangten, die sie dann in den nächsten Monaten / Wochen wieder verwarfen.
  • Wurde etwas am Bestandsmanagement geändert? Weiterhin ist der Bestand (inklusive der Zugänge, die über Bibliotheken organisiert werden) der Hauptteil bibliothekarischer Arbeit. Zudem war in der ersten Welle die Arbeit mit und am Bestand der Teil bibliothekarischer Arbeit, welcher noch durchgeführt werden konnte, während zum Beispiel Veranstaltungsarbeit vor Ort oder das Angebot von Lern- und Leseplätzen nicht möglich war. Aber hat sich bei der Arbeit am und mit dem Bestand mittel- und kurzfristig etwas verändert? Wird jetzt zum Beispiel anders ausgewählt, eingekauft, lizenziert, katalogisiert, Zugang geschaffen? Wurden Bestandsstrategien überarbeitet? Wie? Hat sich die Nutzung elektronischer Medien in den ersten Monaten der Pandemie in der Bestandsarbeit niedergeschlagen?
  • Wie wurde mit dem Personal umgegangen? Das ist vielleicht eine gewerkschaftliche Frage: Aber während der ersten Welle waren immer wieder Stimmen zu vernehmen, bei denen sich Personal darüber beschwerte, was von ihm erwartet würde; dass nicht auch auf die Gesundheit des Personals geachtet wurde; dass erwartet wurde, dass es einfach wie immer «funktioniert»; dass ihm Aufgaben übertragen wurden, die es nicht übernehmen wollte / kann (und wenn es nach der Wiedereröffnung «nur» die Durchsetzung der Hygieneregel sind). Die Stimmen waren recht viele, gefühlt mehr als sonst. Aber das heisst nicht, dass es überall so gewesen sein muss. Es gab auch Personal, dass sich positiv geäussert hat. Insoweit wäre die Frage schon, wie das Personal die Situation erlebt hat – und ob sich daraus etwas für die Bibliotheken ergibt. Wird es jetzt zum Beispiel nach der Pandemie schwieriger werden, Personal zu halten oder zu gewinnen, wenn negative Erfahrungen überwogen haben? Oder andersherum einfacher? Was sagt es über Bibliotheken, wenn sich (einiges?) Personal so negativ äussert? Was unterscheidet vielleicht diese Bibliotheken von anderen Bibliotheken? [Diese Fragenkomplex wäre wohl wirklich was für die Gewerkschaften. Ich habe gelernt: Sie einfach so zu stellen ist gefährlich. Manche Menschen wollen sie nicht hören.]
  • Gab es eine Krisenplanung? Hat die geholfen? Wobei? Gibt es jetzt eine Krisenplanung? Krisen lassen sich besser durchstehen, wenn man auf sie vorbereitet ist und zum Beispiel weiss, wohin man sich um Unterstützung wenden kann. Gab es solche Planung in Bibliotheken? Wie sahen die aus und welchen Effekt hatten sie? Und: Wird jetzt vielleicht an neuen Krisenplanungen gearbeitet? (Zu vermuten, dass diese Pandemie die einzige Krise ist, die uns in den nächsten Jahren / Jahrzehnten treffen wird, ist ja illusorisch. Nicht nur ist die Chance auf die nächste Pandemie immer da, solange sich die Strukturen, welche die Verbreitung des Virus ermöglicht haben, nicht verändern. Aber die Klimakatastrophe und deren Auswirkungen ist auch immer noch da.)

Indirekt die Bibliothek betreffend (Ebene 2)

Bibliotheken beobachten nicht nur sich selbst, sondern sie werden auch von anderen Institutionen beobachtet, nicht zuletzt von ihren Trägern. Zudem gab die Krise auch einen guten Einblick darin, was Bibliotheken selber darüber denken, was an ihnen wichtig ist, warum sie (gerne) genutzt werden, was die Nutzer*innen von ihnen wollen und wie wichtig sie im Vergleich mit anderen Einrichtungen sind – den Bibliotheken schrieben mehr darüber, als sonst, wenn sie zum Beispiel Lobbyarbeit dafür betrieben, öffnen zu dürfen oder sich bei der jeweiligen «Wiedereröffnung» präsentierten. Und gleichzeitig gab die Krise auch eine Gelegenheit zu schauen, wie andere Institutionen – beispielsweise die Kantone und Bundesländer – oder die Nutzer*innen darauf reagierten.

Auf diese Ebene wäre eine systematische Sammlung und Auswertung solcher Äusserungen von Bibliotheken und der Reaktion darauf erhellend und würden eine Basis dafür liefern, dass Bibliotheken darüber nachdenken können, welche Bedeutung sie sich selber zuschreiben, warum sie das tun und wie die Nutzer*innen und die Öffentlichkeit darauf reagiert.

  • Was vermuteten / behaupteten Bibliotheken über sich selbst? (Verlautbarungen et cetera)
  • Wurden diese Vermutungen bestätigt / widerlegt / widersprochen? Was heisst das?
  • Welchen Aufgaben schrieben sich Bibliotheken zu? Welche wurden ihnen zugeschrieben (zum Beispiel durch die konkrete Nutzung, durch andere Stellen)?

Le Denier Cri pour les Bibliothèques?

Oder: Warum so viel „Bewegung‟ in den einen Bibliothekswesen und eher gemächliche Entwicklung in anderen?

Vor einer ganzen Zeit (irgendwann 2018?) machte ich auf Twitter einen mässigen Witz: Auf der Basis eines Artikels1 aus den USA behauptete ich, dass andere Trends in der Bibliothek jetzt „durch‟ seien und Yoga der neue Trend wäre. Von mehreren Seiten wurde ich dann darauf hingewiesen, dass auch im DACH-Raum eine Anzahl von Bibliotheken Yoga anbietet – fair enough. Seitdem habe ich den gleichen Witz trotzdem noch ein paar mal bei anderen Artikeln gemacht, in denen es zum Beispiel um Urban Gardening,2 Sammlungen von Pflanzensamen3 oder von Bibliotheken organisierten Wandergruppen4 ging. (Ich gebe: Der Witz ist verbraucht, ich muss ihn begraben.)

Letztens hielt ich wieder einen solchen Artikel aus den USA in der Hand.5 Es geht in ihm darum, dass Öffentliche Bibliotheken dazu beitragen sollen, das Erleben der Natur zu ermöglichen, beispielsweise durch organisierte Spaziergänge durch Parks und Wälder, unterstützt durch Erzählungen. Mir fiel beim Lesen des Textes einiges auf, dass die Unterschiede zwischen dem US-amerikanischen Öffentlichen Bibliothekswesen und denen im DACH-Raum etwas erklären könnte. Das mir das auffiel hat damit zu tun, dass ständig solche Texte in US-amerikanischen bibliothekarischen Publikationen erscheinen, wie der, den ich in den Händen hielt, während die über neue Angebote oder Themen, welche im DACH-Raum erscheinen, sehr anders sind. Diesen Unterschied will das hier erläutern.

Ungleichzeitigkeiten

Bibliotheken im DACH-Raum sind selbstverständlich auch immer auf der Suche nach neuen Themen, die sie irgendwie besetzen oder zu denen hin sie sich entwickeln können sowie nach neuen Angeboten, die sie machen können. Das unterscheidet sie nicht von denen in den USA. Die Suche danach bestimmt ganze Ausgaben bibliothekarischer Zeitschriften. Aber gleichzeitig erscheinen sie, vergleicht man sie mit dem, was in US-amerikanischen bibliothekarischen Zeitschriften erscheint, langsam und thematisch recht eingeschränkt. Im DACH-Raum geht es jetzt seit Jahren eigentlich immer wieder um den „3. Ort‟ (in bibliothekarischer Interpretation), um die „Stadtgesellschaft‟ (was auch immer das meint) und Makerspaces. In den USA hingegen, wie gesagt, um solche Themen wie Yoga, Wandern, Urban Gardening, Soziale Arbeit, Social Justice, Naturerleben und vielen mehr.

Es wäre leicht – darauf ging der Witz ja aus – diese Texte einfach als Suche nach dem «denier cri» zu lesen, die immer fehlgehen muss, da die Umsetzung jeder dieser Ideen in die tatsächliche bibliothekarische Praxis so lange dauern würde, dass sie dann schon längst wieder vom nächsten denier cri überholt wäre. Aber das hiesse, an der Oberfläche zu bleiben. Interessanter scheint mir, tiefer zu schauen, nämlich was die beiden «Geschwindigkeiten» bei neuen Themen in den Bibliothekssystemen im DACH-Raum und in den USA über die Strukturen dieser Bibliothekssysteme sagen. Und dabei vor allen darüber, was als bibliothekarische Arbeit verstanden wird.

Outreach oder die neueste Mode?

Schaut man sich die Artikel aus den USA, die solche jeweils neuesten Angebote, Trends und so weiter vorstellen, an, fallen einige Gemeinsamkeiten (die immer viele, aber nicht alle haben) auf:

  • Im Allgemeinen beginnen die Texte, indem ein Begründung gegeben wird, warum das jeweilige Thema wichtig sei. Nicht unbedingt, warum es für Bibliotheken wichtig wäre, sondern an sich wichtig – für die Menschen, die Gesellschaft und so weiter. Es werden dafür Studien, Statistiken und so weiter herangezogen. (Schaut man mehrere Texte an, ist der Eindruck schnell, dass man einfach alles begründen kann, wenn man nur will. Aber vielleicht ist das nur ein Eindruck, den man erstmal testen müsste. Wichtiger ist, dass zumindest dann, wenn die Texte geschrieben werden, sie nicht einfach als Trend oder Mode beschrieben werden, sondern ihnen jeweils eine gewisse Empirie unterlegt werden kann.)
  • Dann aber werden fast immer Kolleg*innen in Bibliotheken benannt, die pro-aktiv hinter dem Thema stehen. Man würde erwarten, dass sich immer auch Begründungen finden, warum das Thema für Bibliotheken wichtig wäre, aber eigentlich ist die Argumentation immer, dass es an sich wichtig sei und das Bibliotheken es deshalb auch anbieten sollten.
  • Eine Anzahl dieser Texte schildert Beispiele aus einzelnen Bibliotheken. Aber ein ganzer Teil dieser Text – insbesondere, wenn Angehörige von Hochschulen beteiligt sind, was öfter passiert, als man vielleicht erwarten würde – beinhaltet weitere Daten. Oft werden dann Umfragen gemacht und gezeigt, dass das jeweilige Thema sich schon weit verbreitet hat, also das jeweils in vielen Bibliotheken schon Angebote zum jeweiligen Thema gemacht werden. Die Autor*innen der Texte sind dann gar nicht Vorreiter*innen bei einem Thema, sondern decken eher jeweils einen Trend auf, der sich dann schon länger ankündigte. (Man sollte das nicht unterschätzen. Im Text zu Yoga in Bibliotheken gaben über 50% der antwortenden Bibliotheken – und das waren nicht wenige – an, dies schon anzubieten. Das ist nicht Nichts.)
  • Am Ende solcher Texte steht dann oft die Aussage, dass Bibliotheken sich dem Thema noch mehr annehmen sollten, als sie es schon tun, um die Bedeutung der Bibliotheken in der Gesellschaft zu stärken. Das liest sich dann oft als Floskel, weil ja oft gezeigt wurde, dass Bibliotheken das eh schon machen.

Wie werden solche Texte im DACH-Raum wahrgenommen? Oft gar nicht. Aber wenn, dann – so zumindest mein Eindruck – werden sie eher als Ideen verstanden, was man als Bibliothek auch machen könnte, als Ergänzung der eigentlichen Arbeit. Bei Strategieprozessen stehen die dann oft auf der Wunschliste, aber fallen dann zumeist wieder runter für Dinge, die einfacher umsetzbar sind oder die sich in Bibliotheken im DACH-Raum schon etabliert haben. Die Haltung scheint sehr zu sein, dass die Entwicklung der eigenen Bibliothek weniger experimentell sein sollte und vor allem aus der Fokus der Bibliothek als relevant wahrgenommen wird. Man will nicht unbedingt jeder neuen Mode hinterrennen.

Im US-amerikanischen Bibliothekswesen scheint etwas anderes vorzuliegen (im kanadischen auch, aber das kommt nur manchmal «mit vor» in solchen Texten, meistens wird nicht weiter beachtet). Dort scheint die unterliegende Haltung zu sein, dass Bibliothekar*innen mit solchen Angeboten nicht neue Ideen oder Moden generieren, sondern es scheint die Haltung zu geben, dass sie sich selber und die eigenen Interessen und / oder die Interessen anderer in die bibliothekarische Arbeit einbringen. Outreach – also das «Herausgehen» aus der Bibliothek mit Angeboten, die eher versuchen, möglichst breite Kreise anzusprechen, beispielsweise, indem man «zu ihnen geht» oder indem sie, wie Yoga, andere Themen ansprechen, die sich nicht wirklich auf Medien zurückbeziehen lassen – ist Teil normaler bibliothekarischer Arbeit, der eingeplant, in der Ausbildung unterrichtet und dann auch von den Bibliothekar*innen erwartet wird.

Das ist ein gewichtiger Unterschied: Während im DACH-Raum immer wieder einmal neu «entdeckt» wird, dass Bibliotheken nicht unbedingt im eigenen Haus bleiben müssen und dass sie auch Angebote machen können, die sich nicht auf den Bestand beziehen lassen (und das dann wieder vergessen und anschliessend neu entdeckt wird), ist es so sehr Teil bibliothekarischer Arbeit in den USA, dass es gar nicht mehr diskutiert werden muss. Nicht, dass Bibliotheken solchen Outreach machen, ist besonders. Die Frage ist immer nur, was genau sie machen. Deshalb ist es für sie nicht unbedingt notwendig, bei neuen Angeboten zu begründen, «was das mit der Bibliothek zu tun hat», sondern eher danach zu schauen, was es einer möglichst grossen Zahl von Menschen bringt.

Was macht die Bibliothek?

Bedenkt man das nicht, sieht es wohl schnell danach aus, als würden in den USA schneller als im DACH-Raum in Bibliotheken nach dem dernier cri gesucht. Aber es scheint eher ein strukturell anderes Verständnis davon zu sein, was als bibliothekarische Arbeit gilt und was nicht. Wenn im DACH-Raum ein Bibliothekar zum Beispiel einen Häkelkurs anbietet, selbst wenn er im Raum der Bibliothek stattfindet, wird er es schwer haben, dies als bibliothekarische Arbeit anerkennen zu lassen. Es gilt dann eher als Privatvergnügen. (Das ist auch sichtbar bei vielen Veranstaltungen, die tatsächlich in Bibliotheken im DACH-Raum heute angeboten werden: Eher werden die als Aufgabe von extra angestellten Medienpädagog*innen oder speziellen Abteilungen wie der «Bibliothekspädagogik» angesehen, denn als Arbeit von Bibliothekar*innen.) In den USA hingegen wird von Bibliothekar*innen eher erwartet, dass sie solche Aktivitäten anbieten und zwar als Teil ihrer bibliothekarischen Arbeit.

Wie ändert sich die Bibliothek?

Wenn das so ist, dann hat das aber auch Konsequenzen dafür, wie sich Bibliotheken verändern können. Dann kann es nicht darum gehen, das jeweils aktuelle Thema, zu dem man Angebote machen könnte, zu erkennen. Das hätte im DACH-Raum kaum eine Auswirkung, weil es nicht die Strukturen der Bibliotheken passt – und in den USA wäre es halt nur das nächste Thema, das man auch machen könnte. Wollte man tatsächlich – was nicht unbedingt anzustreben ist –, dass die Bibliotheken im DACH-Raum auch so flexibel und – sagen wir mal – innovativ werden, wie man das von US-amerikanischen wahrzunehmen meint, dann müsste man die unterliegende Struktur ändern: Outreach dieser Art müsste zum Teil bibliothekarischer Arbeit werden (also: als solche anerkannt, gefordert, mit Ressourcen ausgestattet und in der Ausbildung unterrichtet). Dann würden sich auch so schnell wie in den USA immer wieder neue Themen finden, die sich schnell durchsetzen (und nicht vereinzelt in einigen Bibliotheken bleiben, wie das heute im DACH-Bereich der Fall ist).

Ist das zu erwarten? Eher nicht. Es wird ja kaum über die unterliegende Struktur – also die Frage, was als bibliothekarische Arbeit anerkannt wird und was nicht – diskutiert. Eine Anzahl von Medienpädagog*innen, die an Bibliotheken angestellt sind, scheinen aktuell zumindest die Diskussion vorantreiben zu wollen, was genau ihre Aufgabe ist – was dann auch heissen würde, zu klären, was die Aufgabe der Bibliothekar*innen wäre. Aber sonst ist das weniger der Fall.

Eher gibt es immer wieder einmal Behauptungen, Bibliotheken im DACH-Raum hätten sich geändert und wären heute (zumindest vor der Pandemie) offener als früher, hätten mehr Veranstaltungen und so weiter. Aber so richtig gross scheint die Veränderung nicht zu sein. (Insbesonders, wenn man das historisch sieht: Das die Bibliotheken immer offener würde, wird jetzt auch schon einige Jahrzehnte über behauptet.) Es sind eher langsame Schritte und Veränderungen.

Ich denke oft, an die «Zone der nächsten Entwicklung», die bei Lew Wygotski wichtig ist – und die selbstverständlich eigentlich gerade nicht auf die Organisationsentwicklung bezogen ist. Bei Wygotski geht es darum, wie sich Kinder und Menschen entwickeln. Die Zone der nächsten Entwicklung ist dann die Zone der Fähigkeiten, die ein Mensch noch nicht ausgeprägt hat, aber die quasi als nächstes bevorsteht oder zumindest bevorstehen kann: Wo also die Potentiale vorhanden sind, sich in diese Richtung weiterzuentwickeln. Es geht dann darum, wenn man Lern- und Entwicklungsprozesse unterstützen will, nicht zu schnell vorzugehen oder Zonen zu überspringen, aber auch nicht davon auszugehen, dass es keine Entwicklung gibt. Und obwohl es nicht ganz stimmig ist, denke ich öfter, dass die Veränderung von Bibliotheken mit diesem Begriff der «Zone der nächsten Entwicklung» gut zu beschreiben ist. Bibliotheken im DACH-Raum entwickeln sich auf der Basis ihrer eigenen Voraussetzungen: Bestand als Mittelpunkt, über den man weniger spricht. Veranstaltungen, die sich auf den Bestand beziehen (zum Beispiel Lesungen). Zugänglicher Raum. Das ist die Basis, die Entwicklung baut immer darauf auf.

US-amerikanische Bibliotheken bauen auf ihren Voraussetzungen auf: Bestand, mittelmässig gute Räume, aber ein gewisses Verständnis von Outreach, bei dem es normal ist, die Bibliothek aus dem Raum hinauszutragen und darauf zu achten, möglichst viele Menschen anzusprechen.

Halt keine gegenseitigen Vorbilder

Um genau zu sein: Mir geht es nicht darum zu sagen, dass es so, wie es in den USA wäre, gut wäre oder das es so, wie es im DACH-Raum ist, schlecht wäre. Es gäbe genügend daran schlecht zu finden, wie es in den USA im Bibliothekswesen ist. Nicht umsonst wurde der Begriff des «vocational awe» im US-amerikanischen Bibliothekswesen geprägt: Kolleg*innen dort fühlen sich auch überfordert, mit zu vielen Aufgaben betraut, emotional und anders ausgebeutet.

Mit ging es hier darum, zu fragen, warum es diese auffälligen Unterschiede gibt: In den USA ständig neue Angebote, die dann auch noch offenbar weite Verbreitung in den Bibliotheken finden und nicht weiter erläutert werden müssen. Und im DACH-Raum eher eine gemächliche Entwicklung.$

Fussnoten

1 Lenstra, Noah (2017). Yoga at the Public Library: An Exploratory Survey of Canadian and American Librarians. In: Journal of Library Administration 57 (2017) 7: 758-775, https://doi.org/10.1080/01930826.2017.1360121

2 Overbey, Tracey A. (2020). Food Deserts, Libraries, and Urban Communities: What Is the Connection?. In: Public Library Quarterly 39 (2020) 1: 37-49, https://doi.org/10.1080/01616846.2019.1591156

3 Peekhaus, Wilhelm (2018). Seed Libraries: Sowing the Seeds for Community and Public Library Resilience. In: Library Quarterly 88 (2018) 3: 271-285, https://doi.org/10.1086/697706

4 Anonym (2019). Bartow County Public Library System Hiking Club. In: Georgia Library Quarterly 56 (2019) 3: 4-5

5 Lenstra, Noah ; Campana, Kathleen (2020). Spending Time in Nature: How Do Public Libraries Increase Access?. In: Public Library Quarterly [Latest Articles] https://doi.org/10.1080/01616846.2020.1805996