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Vortrag „Grenzen der Partizipation.‟ [Würzburg, 19.08.2019]

Skript zum Vortrag „Grenzen der Partizipation. Was können Bibliotheken für ihre partizipativen Projekte aus den Erfahrungen mit Partizipation in Ethnologie, Stadtplanung und Kunst lernen? Können sie schon bekannte Herausforderungen solcher Projekte angehen?‟ gehalten beim Workshop „Partizipation: Impulse für Öffentliche Bibliotheken‟ der „hochdrei Stadtbibliotheken verändern‟-Werkstatt der Kulturstiftung des Bundes, 19.08.2019, in Würzburg. (Der Text entspricht nicht genau dem, was Gesagt wurde. In ihn wurde die folgende Diskussion miteinbezogen und bestimmte Dinge wurden, hoffentlich, hier klarer dargestellt als in der freien Rede.)

Chur, 02.09.2019

Allegra,

ich bin eingeladen worden, um eine kritische Position zum Thema „Partizipation und Bibliotheken‟ zu bieten. Was ich hier tun will. Grund der Einladung war, dass ich schon einen ähnlichen Vortrag auf dem Bibliothekstag in Leipzig gehalten habe. Wir hatten das Thema aber auch schon als Seminarthema bei uns im Unterricht an der HTW Chur. Dabei haben die Studierenden und wir uns schon die Zähne ausgebissen am Konzept „Partizipation‟; die Studierenden dann aber auch daran, ihre partizipativen Projekte in Bibliotheken umzusetzen – und zwar nicht so sehr, dass kann ich Ihnen schon einmal sagen, weil die Bibliotheken nicht gewollt hätten oder weil den Studierenden nichts eingefallen wäre, sondern vor allem, weil die Nutzerinnen und Nutzer oft kein Interesse hatten, mitzumachen.

Okay, hier meine Agenda. Ich möchte sehr kurz am Anfang etwas zum Begriff „Partizipation‟ selber sagen. Sie werden da schon merken, dass es gerade nicht einfach ist. Der wichtigere Punkt sind aber die Beispiele aus anderen Felder. Es gibt zwei Sachen, die ich ihnen wirklich vermitteln will – und eine davon ist das, dass es schon viele, viele Erfahrungen in vielen anderen Feldern gibt. Deswegen ist das auch der längste und wichtigste Teil des Vortrags. Den Abschluss bieten dann Take-Aways für Bibliotheken und, vielleicht auch als Diskussionsgrundlage, Lernmöglichkeiten. Aber das ganz am Schluss.

Zum Begriff: Partizipation ist ein Containerbegriff. Das heisst, er umfasst viel und nicht alles ist passend. Solche Begriffe haben Vorteile, weil sie zum Beispiel Kommunikation überhaupt ersteinmal ermöglichen. So können Menschen den gleichen Begriff nennen, damit etwas anderes meinen – aber da sie den gleichen Begriff verwenden, zumeist eine Weile miteinander drüber kommunizieren. So lässt sich auch manchmal weiterdenken, neue Inhalte besser einführen, Strukturen erkennen und benennen und so weiter. Aber gleichzeitig, dass sollte klar sein, sind solche Containerbegriffe auch schwierig: Wenn sie vieles heissen können, worüber redet man dann gerade? Es ist auch oft nötig, die Begriffe genauer zu klären.

Solche Containerbegriffe sind für das Bibliothekswesen auch nicht ungewöhnlich. Vielmehr wird oft mit ihnen hantiert. Vor zehn-fünfzehn Jahren war das „Bildung‟, aktuell gibt es auch andere. Das ist per se nichts für das Thema Partizipation besonderes.

Was kann Partizipation also alles umfassen? Erstens werden alle Aktivitäten, bei denen Entscheidungsprozesse für (potentiell) Beteiligte geöffnet werden, als partizipativ beschrieben. Diese Beteiligung, dass werden wir noch sehen, kann sehr unterschiedlich sein. Aber das ist nur der eine Bereich: Beteiligung. Zweitens wird in vielen Bereichen unter partizipativ heute auch schon verstanden, wenn Menschen miteinander kommunizieren. Man schafft Räume, Orte, Situationen, wo Menschen miteinander reden können sollen. Das sind zwei unterschiedliche Sachen, aber beides wird unter dem gleichen Containerbegriff zusammengefasst.

Sie können selbstverständliche immer eine genauere Definition vornehmen, wenn Sie über Partizipation nachdenken wollen. Aber das führt wenig weit, wenn Sie darüber nachdenken, was im Bibliotheksbereich unter dem Begriff diskutiert wird: Da ist es nämlich alles auf einmal.

Wir haben heute auch eine starke Verbindung von Demokratie und Partizipation. Spätestens seit den späten 1960ern wird vermutet, dass eine stärkere Partizipation zu mehr Demokratie führen würde. Manchmal ist das besser begründet, manchmal wird der Zusammenhang eher behauptet. Aber diese Verbindung ist wohl auch ein Grund dafür, dass Partizipation heute sehr, sehr positiv besetzt ist. Nicht nur im Bibliotheksbereich: Alle – okay fast alle, wir wissen, es gibt aktuell in Deutschland und auch schon länger in der Schweiz oder Österreich politische Strömungen, die dagegen sind, aber hier im Raum zumindest und in unseren Kreise und dem grössten Teil unserer Gesellschaften – sind erstmal für Partizipation. Dafür gibt es Pluspunkte und Fördergelder. Der Workshop hier ist ja nur ein Beispiel dafür. Das es sich um einen sehr weiten Containerbegriff handelt, hilft gewiss dabei.

Ich hatte das schon gesagt, wiederhole es aber nochmal gerne: Bibliotheken (in Deutschland) sind mit ihrem aktuellen Interesse an Partizipation eigentlich sehr spät dran. Ganz auf der ersten Folie haben Sie ein Buch aus den 1980er Jahren, dass sich schon intensiv mit dem Thema befasst, nur halt für Kanada. Es geht da um den spezifischen Fall Toronto und wie Menschen in die Bibliotheksentwicklung eingegriffen haben – erfolgreich, so dass es heute noch 100 Bibliotheken in Toronto gibt, die fast alle eher lokal orientiert sind. Aber das Buch bespricht eigentlich auch alle anderen interessanten Fragen, die sich in diesem Feld stellen. Nehmen Sie das ruhig als Lesetipp.

Eine interessante Frage wäre, warum Bibliotheken in Deutschland gerade jetzt auf dieses Thema kommen. Gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die Bibliotheken dazu drängen? Entwicklungen in Bibliotheken? Aber darum soll es mir hier nicht gehen.

Ich möchte in diesem Vortrag auf etwas anderes heraus: Dadurch, dass Bibliotheken spät zu diesem Thema kommen, gibt es schon viele Erfahrungen und auch theoretischen Arbeiten zu Partizipation, auf die wir zurückgreifen können. Spät heisst nicht, dass es falsch ist; aber es heisst, dass wir wirklich nicht nochmal das Gleiche durchdenken und erleben müssen, was schon in anderen Felder passierte. Wir können auf dieses Wissen aufbauen. Das möchte ich in diesem Vortrag machen.

Ich möchte dazu in drei Felder schauen, die Sie hier sehen: Stadtplanung, Ethnologie und Kunst – wobei Ethnologie eigentlich zwei Themen sind.

Ein Feld, dass ich gerade nicht besprechen möchte, obwohl es sich praktisch immer und immer wieder selber aufdrängt, ist das Design. Das hat einen guten Grund: Sie haben seit Jahrzehnten im Design Versuche, partizipativ oder sozial zu designen – die Veröffentlichungen dazu sind unzählbar. Ich habe Ihnen hier zwei herausgesucht, aber eher zufällig. Das rechte ist dann auch gleich noch zu einer Ausstellung im Museum für Gestaltung, Zürich, erschienen – selbstverständlich sehr schön layoutet, wie man das bei so einem Museum erwarten kann. Aber es wiederholt sich: Immer wieder werden in solchen Ausstellungen und Publikationen zum Beispiel solche Kioske vorgestellt, wie auf dem Cover dieses Buches, wo halt Leute sich treffen sollen. Oder andere Orte, wo sich Leute direkt treffen können. Das gilt dann als social design oder als partizipativ. Was Sie im Design aber gerade nicht haben, ist eine Theoretisierung. Es geht ums Bauen und Gestalten, aber wenig ums Nachdenken über die tatsächliche Wirkung dieser Bauten und Designs, weniger ums Strukturen erkennen und Lernen aus vergangenen Versuchen. Sie haben oft sehr einfache Behauptungen darüber, was partizipativ oder sozial sein – und dann immer wieder ähnliche Vorschläge. Und vor allem haben Sie immer und immer wieder neue Anfänge: Es gibt zwar manchmal Reminiszenzen an ältere Versuche, aber dann wird immer wieder so getan, als wäre das, was gemacht wird, ganz neu und ganz anders und vorher nie gedacht – obwohl es sich immer wieder gleicht. Vielleicht ist das ein notwendige Haltung, wenn man designt oder baut, aber für Bibliotheken kann man daraus meiner Meinung nach wenig Konkretes lernen.

In den drei Feldern, die ich gewählt habe (die auch nicht alle möglichen sind), können wir meiner Meinung nach viel, viel mehr Lernen; auch wenn es nicht immer so schön designt aussieht.

Okay, Stadtplanung. In der Stadtplanung haben Sie seit den späten 1960ern / frühen 1970ern intensive Versuche, die Bevölkerung bei Planungen einzubeziehen, zu einigen Zeiten konkreter als zu anderen. Von diesen Versuchen ging mit der Zeit sehr viel wieder vergessen, aber gerade in den ersten Jahren – die ja in der gesamten Gesellschaft, zumindest in West-Deutschland, Schweiz und Österreich mit massiven Veränderungen verbunden waren – finden Sie unzählige praktische Versuche, Überlegungen, Reflexionen, Auseinandersetzungen. Und zwar durch die ganze Gesellschaft, nicht nur in marxistischen und anarchistischen und ähnlichen Gruppen, sondern bis tief in die etablierten Parteien und die Verwaltungen hinein.

Wenn Sie dieses Buch hier auf der Folien nehmen: Das ist ein Brocken, A4, fast 500 Seiten, kleine Schrift, immer in zwei Spalten gesetzt. Und was in dem Buch gemacht wird, ist, Texte, die sich mit Partizipation in der Stadtplanung auseinandersetzen, darzustellen. Immer kurz verschlagwortet, dann beschrieben, vielleicht 6-8 Texte pro Seite. Eine Fachbibliographie würden wir hier dazu sagen. Das sind selbstverständlich ganz unterschiedliche Texte: Berichte, Planungen, Überlegungen, Broschüren, wissenschaftliche Abhandlungen. Was aber klar wird, ist, dass das Thema damals massiv verbreitet war und Wissen angesammelt wurde, auf das wir zurückgreifen können.

Begründet wurden diese Versuche mit den wahrgenommen gesellschaftlichen Veränderungen: Bislang hätten die Verwaltungen in Deutschland, durch die unterschiedlichen politischen Systeme hindurch, wie in einem Obrigkeitsstaat gehandelt und gedacht. Aber jetzt würden immer mehr Menschen ihre Stimme erheben, dadurch würde die Gesellschaft komplexer. Zudem würde die Verwaltung sich immer mehr als direkt von der Bevölkerung und nicht dem Staat beauftragt sehen. Daraus würde sich zum Beispiel ergeben, dass auch die Personen einbezogen werden müssten, die sich sonst wenig hörbar machen würden. Möglich sei das alles nur durch Beteiligung der Bevölkerung.

Die Begründung für die ganzen Versuche ergab sich also aus den gesellschaftlichen Veränderungen. Das ist nicht erstaunlich, wenn Sie an die damalige Zeit denken. Die interessantere Frage ist vielleicht, wie ich schon gesagt habe, warum sich gerade jetzt Bibliotheken in Deutschland für dieses Thema (wieder) zu interessieren scheinen. Gibt es aktuell gesellschaftliche Veränderungen, die das antreiben? Warum gerade jetzt? Das könnten wir diskutieren.

Für diesen Vortrag wichtig scheinen mir die Erkenntnisse aus diesen Versuchen, weil wir aus diesen viel lernen können.

Der erste Punkt, der sich immer und immer wieder zeigte, war, dass das Interesse von Bevölkerungsgruppen, sich zu beteiligen, sozial sehr unterschiedlich verteilt ist. Auch die tatsächlichen Möglichkeiten, Interessen zu formulieren und durchzusetzen, sind sozial unterschiedlich verteilt. Hier in dem Buch auf der Folie wurde das recht marxistisch analysiert – da ist das ganz logisch: Die ökonomisch bestimmenden Schichten setzen ihre Interessen auch gesamtgesellschaftlich durch, egal wie die Gesellschaft strukturiert ist, solange da nicht explizit gegen agiert wird. Aber zu dem gleichen Ergebnis kamen auch Untersuchen und Versuche aus ganz anderen Denktraditionen. Im selben Buch wird zum Beispiel diskutiert, wie man diese Ungleichheit angehen kann und auf die Praxis in den USA verwiesen, Firmen bei Entscheidungen in der Stadtplanung einzubeziehen, welche in diesen als „Agenten‟ die Interessen sozial benachteiligter Schichten zu vertreten hatten. Im Buch wird das als Lösung eher abgelehnt, aber es hat nicht so schlecht funktioniert, wie man erwarten könnte, weil die Firmen das nicht rein zynisch betrieben haben.

Wichtig finde ich aber vor allem diesen Punkt: Es reicht nicht aus, eine Veranstaltung, ein Projekt und so weiter einfach als „für alle gleich offen‟ zu deklarieren oder sich vorzustellen, dass alle gleichberechtigt miteinander interagieren würden, wenn man nur den Raum dafür schafft. So werden soziale Strukturen nur reproduziert und verstärkt.

Der zweite Punkt ist ebenso relevant: Auch wenn man oft die Vorstellung hatte, dass man Entscheidungsprozesse so partizipativ gestalten könnte, dass in ihnen ein Konsens entstehen könnte – wenn also nur alle wirklich miteinander reden würden, würde man auf ein gemeinsam geteiltes Ergebnis kommen – hat sich das nicht bewahrheitet. Partizipation ist immer konfliktträchtig, die Interessen sind fast immer unterschiedlich verteilt und nicht immer gibt es Lösungen, die alle Interessen tragen. Wieder von Vorteil ist man da mit marxistischem Denken, da geht man eh davon aus, dass es einen unhintergehbaren Antagonismus zwischen den Klassen gibt und – klar, dann zeigt der sich auch bei der Partizipation. Aber die Konflikte zeigen sich auch, wenn man mit anderen Denktraditionen herangeht. Allerdings, so zumindest der Tenor der Zeit: Das ist für Demokratien normal und wünschenswert. Eine Demokratie ist kein Obrigkeitsstaat oder Ständestaat oder so, in welchem alle Menschen ihre gesellschaftliche Position haben, die sich nie verändern dürfe. Vielmehr ist eine Demokratie immer durch unterschiedliche Interessen gekennzeichnet, die ausgehalten, sichtbar gemacht und ausgehandelt werden müssen. Deshalb ist sie auch nie fertig.

Die Hoffnung also, das, wenn nur alle „an einem Strang ziehen‟ oder „auf Augenhöhe miteinander reden würden‟, ist Illusion, sogar gefährlich, wenn Sie Unterschiede einebnet oder wenn man beginnt, Leuten, die weiterhin Konflikte thematisieren, das vorzuwerfen – weil sie sich nicht in das Bild der schönen konsensualen Lösung einfügen.

Und wichtig war ein weiterer Punkt: Mit Partizipation verändern sich auch Verwaltungen. Das lässt sich auf andere Institutionen übertragen: Dadurch, dass in den Entscheidungsprozessen durch Partizipation unterschiedliche Interessen sichtbar und Aushandlungsprozesse nötig werden, müssen auch Institutionen anders denken und handeln. Partizipation ist nicht folgenlos, wenn sie tatsächlich ernstgemeint ermöglicht wird.

In diesen Jahren hat man in der Praxis der Stadtplanung Erfahrungen gesammelt, die meiner Meinung nach auch ohne theoretische Reflexion für Bibliotheken relevant sind.

Eine bestimmt ärgerliche Erkenntnis ist, dass Methoden Ergebnisse produzieren, die deshalb aber nicht unbedingt richtig sein müssen. Also: Sie können zum Beispiel eine Zukunftswerkstatt durchführen oder eine Umfrage – und wenn nicht irgendetwas gänzlich Gegenteiliges passiert, haben Sie am Ende immer Umfrageergebnisse oder gebaute Modelle oder gezeichnete Pläne für Orte. Nur, wenn jemand ganz die Werkstatt aufhält, weil er oder sie etwas ganz anderes macht, als vorgesehen oder wenn wirklich niemand auf eine Umfrage antwortet, haben Sie kein Ergebnis. Aber das passiert selten. Eher gegen Leute aus der Werkstatt oder kommen erst gar nicht, eher antworten Menschen weniger ehrlich bei Umfrage, als das sie diese stören. Aber die Ergebnisse sind dann nicht unbedingt, wie man sich das erhofft: repräsentativ oder „wahr‟ oder so. Sie sind da, weil die Methoden so strukturiert sind, dass Ergebnisse herauskommen. Und selbstverständlich benötigen Sie Methoden, um neues Wissen hervorzubringen, auf dessen Basis Sie dann Entscheidungen treffen können. Aber, das können Sie aus der Erfahrung der Stadtplanung lernen, Sie müssen immer nochmal fragen, wie sinnvoll diese Ergebnisse sind. (Und das gilt für heute, wo in Bibliotheken immer wieder ähnliche Methoden genutzt werden, besonders.)

Gleichzeitig wurde klar, das bestimmte Methoden immer wieder die gleichen Personen oder Personenkreise ansprechen und integrieren, wohl auch weil sie die Lebenserfahrungen dieser Kreise ansprechen – und die anderer Gruppen nicht. Methoden sind nicht gleich offen. Daraus können wir schon lernen, dass die Frage, welche Methoden bei partizipativen Prozessen genutzt werden und welche nicht, relevant ist.

Auch etwas enttäuschend, zumindest für die, die sich das erhofft hatten, war die Erkenntnis, dass, nur weil etwas partizipativ erarbeitet wird, es nicht heisst, dass diese Entscheidungen mehr akzeptiert würden. Auch solche Projekte, Umbauten und so weiter können wieder von Teilen der Bevölkerung abgelehnt, ignoriert werden; es kann wieder zu Protesten gegen sie kommen. Partizipation führt nicht per se zu besseren Lösungen, sondern vor allem dazu, dass die getroffenen Entscheidungen von einer grösseren Anzahl von Menschen getroffen werden. Falsch können sie trotzdem sein.

Wichtig auch, dass sich in der Bevölkerung Erfahrungen mit Partizipation ansammeln. Menschen machen solche Prozesse mit oder kriegen zumindest von ihnen mit und lernen daraus. Und immer, wenn ein neuer partizipativer Prozess stattfindet, bringen Sie diese Erfahrungen mit – solche über Methoden, über positive oder negative Erfahrungen. Da kommt man nicht heraus, damit muss man umgehen.

Wenn Sie sich mit Stadtplanung und Partizipation beschäftigen, kommen Sie immer und immer und immer und immer wieder auf diesen einen Text, der bis heute zitiert und benutzt wird. Oft falsch. Es geht oft um diese Graphik auf der Folie, die es auch in verschiedenen Formen gibt. Ich habe Ihnen die, meines Wissens, erste deutschsprachige Übersetzung mitgebracht; aus dem Buch, das ich Ihnen vorhin schon gezeigt habe. Hier heisst es „Stufen der Beteiligung‟. Im Original heisst der Texte „Lader of citizien participation‟, da ist die Graphik auch eine Leiter mit acht Stufen. Es gibt Sie auch als Pyramide, oft im Design, wo dann manchmal noch oben eine Stufe draufgesetzt wird – „Co-Design‟ oder so – die es logisch gar nicht geben kann. Solche Texte kann man gleich weglegen, die haben den Originaltext nicht rezipiert.

Aber es überzeugt offenbar auch, sonst würde der Text, oder zumindest die Graphik, nicht so weiterhin zitiert werden. Auch ich finde es immer noch sinnvoll, um darüber nachzudenken, was eigentlich gemeint wird, wenn man von Partizipation redet. Deshalb kurz zu dem Text.

Zeitlich ist der vor allem in die Versuche der Johnson-Regierung einzuordnen, die Forderungen der Bürgerrechtsbewegung in den USA einigermassen umzusetzen – also vor allem nach der Abschaffung der Jim Crow-Gesetze durch Beteiligung zu einer faireren Gesellschaft zu kommen. Dazu wurde auch in der Stadtplanung oft versucht, partizipativer vorzugehen. Was Sherry R. Arnstein im Text tut, ist, diese Projekte zusammenzufassen und in eine Struktur zu bringen. Es war offensichtlich, dass es sehr unterschiedliche Bedeutungen von Partizipation und Erfahrungen mit diesen Projekten gab. Sie wollte klären, wie die zusammenhängen.

Arnstein strukturierte sie dann danach, welche Macht überhaupt von den Institutionen, Verwaltungen und so weiter an die direkt Beteiligten abgegeben wird und wie ernsthaft die Idee der Beteiligung verfolgt wird. Dafür gab es gute Gründe. In mehreren Fällen wurde „Beteiligung‟ als das genutzt, was sie als Manipulation bezeichnet. Es gab Beispiele, wo durch mehrheitlich „black communities‟ Autobahnen gebaut werden sollten, dann dort die Bevölkerung gefragt wurde, ob sie das wolle – was sie nicht wollte – und dann trotzdem die Autobahn gebaut wurde und die Community mit der Zeit verschwand. Aber gleichzeitig gab es auch ernsthafte Versuche von Beteiligung und viele Projekte, die irgendwo dazwischen angesiedelt werden können.

Wichtig ist, dass es auch bei Arnstein nicht darum geht, zu sagen, dass alle partizipativen Prozesse unbedingt in Stufe 8 passen müssen. Es ist manchmal auch notwendig oder sinnvoll, wenn die Projekte nicht so viel Macht abgegeben. Mit dieser Abstufung kann man aber besser darüber reden, was für eine Form von Partizipation das ist, die durchgeführt wird und was wirklich entschieden werden kann.

Wir an der HTW Chur haben in einem Text zu unserem schon genannten Seminar zu Partizipation und Bibliotheken auch diese Leiter benutzt und die Beispiele aus Bibliotheken, die wir gefunden haben, eingeordnet. Die waren für uns alle bei 4 oder 5 – also nicht manipulativ, aber auch nicht so hoch, wie das Beispiel aus Toronto, wo tatsächlich Teile der Bevölkerung Entscheidungen über die Bibliotheksentwicklung trafen.

Wichtig zumindest: Das ist der Originaltext. Wenn ihnen jemand mit einer solchen Graphik kommt, lesen Sie den nochmal. Der ist hilfreich. Und glauben Sie niemandem, der oder die eine neunte Stufe oben drauf setzen will.

Okay. Soviel zur Städteplanung. Jetzt zur Ethnologie, also der Wissenschaft davon, wie Gemeinschaften entstehen, sich erhalten, wie sie reproduziert werden, sich verändern. Die hat teilweise andere Namen und interne Differenzierung, aber darum geht es mir hier nicht. Sie hat eine Geschichte von Rassismus und Kolonialismus – weisse, gut situierte Männer, die in Gruppen quasi-militärische Expeditionen bei „den Wilden‟ durchführen und so weiter –, aber deswegen auch heute eine Geschichte der intensiveren Auseinandersetzung mit eben dieser eigenen Geschichte.

In der Ethnologie wurde sich damit auseinandergesetzt, was man da eigentlich tut, wenn man Gemeinschaften erforscht, welche Stellung der Forschenden selber haben – in der Gemeinschaft, aber auch der Theoriebildung oder der Auswahl und Wertung von Fakten, Methoden, Ergebnissen – und wie man überhaupt zu sinnvollen Ergebnissen gelangen kann. Zudem gab es auch Wandlungen der Fragestellungen von Forschung: Heute wird nicht mehr vermutet, dass es unterschiedlich wertige und entwickelte Gemeinschaften gäbe, die alle die gleiche Entwicklung durchlaufen würden und wo man in „alten Gemeinschaften‟ einen alten Stand dieser Entwicklung untersuchen könnte; stattdessen gelten alle Communities als eigenständig und sich entwickelnd. Damit verändert sich aber selbstverständlich (und richtigerweise) die Position der Forschenden selber.

Als Ziel wird heute oft angestrebt, dass die Beforschten an den Forschung selber partizipieren können. Das wird erprobt, darüber wird nachgedacht. Die Forschung soll denen, über die geforscht wird, auch direkt etwas bringen. Was genau das ist, können und sollen sie mitbestimmen. Nur so kann man offenbar überhaupt zu sinnvollen Ergebnissen gelangen.

Das dreht die Begründung für Forschungsprojekte um. Vor allem die Forschenden selber müssen sich fragen, was sie da gerade machen, welchen Zielen sie folgen, welchen Vorstellungen, Annahmen, Hoffnungen. Dafür haben sie auch Zeit, weil weiterhin das Ideal gilt, sich möglichst lange „im Feld‟ aufzuhalten; weiterhin mindestens ein Jahr – egal, ob man Fussballfankulturen untersucht oder Communities ganz weit weg. Mindestens ein Jahr an Forschung, Nachdenken, Miterleben, besser mehr, sollten es schon sein, bevor man Ergebnisse publiziert. (In anderen nationalen Forschungstraditionen offenbar auch länger, dafür aber mit mehreren Besuchen, also lieber zehn Jahre immer wieder einmal einige Monate direkte Forschung „im gleichen Feld‟.)

Partizipation, das können wir hier lernen, verändert also Forschungsstrukturen. Das wird auch für andere Felder gelten.

Was wir aus dem Nachdenken der Ethnologie über sich selbst auch lernen können, sind Grenzen der Partizipation. Es kommt immer wieder auf ähnliche Fragen zurück; die Wichtigsten habe ich Ihnen hier mitgebracht. Ich denke, die lassen sich auch gut auf partizipatorische Projekte anderer Art übertragen.

Die wichtigste Frage ist, warum jemand überhaupt an solchen Forschungen oder Projekten teilnehmen soll. Und wenn, mit welcher Motivation. Es ist nicht möglich davon auszugehen, dass Menschen einfach so mitmachen oder das alle das gleiche Interesse hätten, bei allen Projekten etwas beizutragen. Aber wenn nicht, warum machen die es, die doch mitmachen? Erhoffen sie sich etwas davon? Vermuten sie einen Gewinn? Wollen sie einfach nett sein? Haben sie eigene Vorstellungen, die sie einbringen, vielleicht unbewusst? In der Ethnologie gibt es mehrere Beispiele dafür, dass Menschen Forschung zugearbeitet haben, um dann später diese Forschung für eigene Zwecke zu nutzen; beispielsweise die Hoffnung haben, das es durch diese Forschung möglich wird, spezifische Traditionen einer Gemeinschaft wiederzubeleben. Den Forschenden wurde in diesem Zusammenhang eine Aufgabe zugeschrieben, die diese vielleicht gar nicht haben wollten – aber die Reflexion darüber hat dazu geführt, dass im Forschungsprozess immer wieder solche Fragen gestellt werden. Und ich denke, dass sie auch für Bibliotheken sinnvoll sind. Weil halt Menschen auch nicht einfach so bei Projekten von Bibliotheken mitmachen wollen.

Relevant finde ich auch die Frage nach dem Vertrauen. Es ist klar, dass in der ethnologischen Forschung über Dinge geforscht wird, die sehr persönlich oder relevant für Gemeinschaften sein können. Sie können nicht davon ausgehen, dass sie alles erfahren, dass Ihnen als Forschenden sofort – oder jemals – zugetraut wird, mit sensitivem Material oder Wissen umzugehen. Deshalb wird auch diskutiert, ob das überhaupt ausreicht, ein Jahr im Feld zu sein. Ist das überhaupt genug Zeit, um Vertrauen aufzubauen? Ganz abgesehen davon, dass die Forschenden in vielen Forschungen ja auch direkt oder indirekt Institutionen, Mehrheitsgesellschaften, gesellschaftliche Schichten repräsentieren, die gerade für die untersuchten Gemeinschaften negativ konnotiert sein können. Aber wenn schon ein Jahr nicht reicht, wieso könnten dann Bibliotheken erwarten, das ihnen vertraut wird, wenn Sie partizipativ vorgehen? Weil sie nicht so tiefgehende Fragen stellen? Es sollte zumindest bedacht werden.

Wichtig ist auch, dass sich die Forschenden selber reflektieren: Sie kommen nicht als neutrale Personen ohne Hintergedanken in solche Forschungen – sondern immer mit Vorannahmen, Zielen, Vorstellungen, Infrastrukturen im Hintergrund. Es hat sich immer und immer wieder gezeigt, dass es nicht hilfreich ist, das zu ignorieren; sondern das diese „Dinge im Hintergrund‟ tatsächlich prägen, was geforscht wird, wie geforscht wird, wie entschieden wird, was als relevant gilt und was nicht. Das bezieht sich dann auch darauf, dass geklärt werden muss, wer eigentlich bestimmt, was als Ergebnis gilt und was nicht – kurz, was am Ende als „Wahrheit‟ gilt. Deshalb haben sie heute viele Forschungen, in denen Beforschte und Forschende gemeinsam darüber entscheiden, was als Ergebnis gilt – aber auch das ist nicht so einfach. Abgesehen davon, dass nicht alle Erforschten ein Interesse daran haben, mitzuentscheiden, haben auch die, die mitmachen, ihre eigenen Vorstellungen. Wenn zum Beispiel zu einem Forschungsprojekt beigetragen wird, in der Hoffnung, damit Traditionen einer Gemeinschaft wiederzubeleben, haben die, die das tun ihre eigene Agenda – was selbstverständlich ihr gutes Recht ist, aber was ist mit anderen Angehörigen der Gemeinschaft, die daran vielleicht kein oder ein anderes Interesse haben? Das ist für Bibliotheken anders, aber so anders auch nicht.

Ich habe Ihnen auch noch ein Modell mitgebracht, in dem versucht wird, darüber nachzudenken, wie ethnologische Forschung partizipativ gestaltet werden kann. Bei diesem hier geht es um „vulnerable groups‟, vor allem Kinder. Das ist aber nur ein Beispiel. In der Literatur finden Sie unzählige solcher Modelle. Hinter diesen steht oft die Idee, dass Forschung partizipativer ist, je mehr sie zu sozialer Veränderung führt. Ich wollte ihnen das zeigen, um (a) darauf hinzuweisen, dass das Modell von Arnstein wirklich nur das bekannteste, aber nicht das einzige Modell ist, wenn es um Partizipation geht, (b) um nochmal zu betonen, dass auch Wissenschaften, die sich lange und intensiv mit Fragen der Partizipation auseinandersetzen, zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen sind, sondern weiterdiskutieren und (c) daraus zu schliessen, dass auch Bibliotheken nicht so schnell zu einem einheitlichen Verständnis von Partizipation kommen werden, aber vom schon getätigten Denken gerade in der Ethnologie profitieren können.

Neben dem Nachdenken über die eigene Forschungspraxis gibt es in der Ethnologie eine ganze Reihe von Forschungen über partizipative Prozesse selber. Zumeist geht es darum, dass in vielen Bereichen Partizipation schon länger etabliert ist, aber die Wirkungen nicht so sind, wie man das erwarten würde. Die Frage ist dann, wieso das so ist.

Hier nur zwei Bücher dazu. Das erste ist ein Sammelband, bei dem es darum geht, dass in vielen Regionen der Welt versucht wird, unterschiedliche Nutzung von Anbauflächen partizipativ zu organisieren. Denken Sie an Regionen, in denen Landwirtschaft betrieben, aber auch gleichzeitig für den Weltmarkt Kaffee oder Soja angebaut wird. Die Beteiligten haben da sehr unterschiedliche Zielsetzungen, die Idee ist oft, dass man im organisierten Gespräch bessere Lösungen finden könnte, die allen irgendwie gerecht werden. Aber in der Realität zeigt sich immer wieder, dass das nicht funktioniert. Die betroffene Bevölkerung darf zwar oft etwas sagen, gemacht wird dann aber vor allem anderes, eher auf den Weltmarkt orientiertes.

Bei dem anderen Buch geht es um Brasilien und die dortigen First Nations. Noch unter einer anderen Regierung, die jetzige hat bekanntlich kein Interesse, mit First Nations irgendetwas einvernehmlich zu regeln, sondern hätte gerne, dass es keine First Nations gäbe. Aber die Regierung zuvor hatte ein Interesse, die Interessen von First Nations und anderer Bevölkerung beziehungsweise dem Staat selber, auszugleichen. Grundsätzlich ging es darum, dass – ähnlich wie wir das beim Gender Mainstreaming kennen – bei allen Entscheidungen, die sich auf die Gebiete, in denen First Nations leben oder die von ihnen genutzt werden, diese angehört werden müssen. Deren Perspektive musste in die Entscheidungen integriert werden. Auch das hat nicht ganz geklappt, obwohl wirklich Einiges versucht wurde. Die Untersuchung zeigt zum Beispiel, dass eine Schwierigkeit darin besteht, dass politische Entscheidungsstrukturen in der Hauptstadt Brasília konzentriert sind, dass also die Vertreterinnen und Vertreter der First Nations immer zwischen ihren Heimatorten und Brasília hin- und herreisen mussten, während die, die die Entscheidungen trafen, in Brasília verbleiben und dort auch viel kürzere Wege zu anderen Personen haben, die Entscheidungen treffen.

Was diese Forschungen immer und immer wieder zeigen, ist, dass Mitbestimmung alleine nichts an den vorhandenen Machtstrukturen ändert. Wobei Sie bei Macht nicht nur an politische Mach denken müssen, im Sinne von sagen zu können, das und das gilt jetzt oder das und das gilt nicht. Auch nicht gleich an Gewalt. Es geht auch, wie schon gesagt, darum, wer bestimmt, was relevant ist und was nicht; was von dem, was gesagt wurde, in einer Entscheidung einbezogen wird und was „nur als Smalltalk‟ gilt. Oder auch wer festlegen kann, worüber überhaupt geredet oder entschieden wird. Menschen haben unterschiedliche Voraussetzung und Möglichkeiten, auch bei partizipativen Prozessen. Das ist an sich selbstverständlich – unsere marxistischen Freundinnen und Freunde aus der Stadtplanung würde sagen: Wie soll es auch anders sein, wenn die Gesellschaft so aufgebaut ist, wie sie es ist? – aber es wird oft so getan, als ob alle die gleichen Möglichkeiten hätten. Nicht einmal immer, weil jemand versuchen würde, zu manipulieren. Oft auch, weil die, die Macht haben, sich das nicht eingestehen oder nicht sehen (wollen). Aber wie immer: In einer Welt mit sozialen Unterschieden, werden diese nur reproduziert oder gar verstärkt, wenn man so tut, als wären die nicht vorhanden.

Machtstrukturen, dass zeigen die Arbeiten, ändern sich dann, wenn sie benannt und angegangen werden – und auch dann nicht vollständig, wie das Beispiel aus Brasilien zeigt.

Das ist alles noch sehr konkret. Ich würde gerne mit Ihnen noch in die Kunst gehen – und zwar, wie geschrieben, als Zumutung. Wie Kunst halt oft etwas ist, dem man sich aussetzen muss, die dann aber auch eine Wirkung hat, würde ich Ihnen hier gerne drei rabiate Beispiele vorzeigen.

Erstmal: Wenn Sie sich mit Partizipation und Kunst auseinandersetzen, kommen Sie immer wieder auf dieses Buch – und auch zurecht. Claire Bishop postuliert in diesem, dass es seit einigen Jahrzehnten eine Tendenz gäbe, Partizipation in der Kunst anzustreben und das als positiv, demokratisierend, progressiv zu verstehen. Das ist auch etwas, wofür Sie heute Förderung erhalten können – participatory art, Ausstellungen mit Partizipation, social impact. Bishop kritisiert das aus mehreren Richtungen, zum Beispiel zeigt sie, dass auch diese Kunst immer wieder „Miteinander reden‟ und Partizipation gleichsetzt oder auch, dass sie Ziele anstrebt, obwohl die Wirkung von Kunst eigentlich offen ist. Und – das wird Ihnen als Argument bekannt vorkommen –, dass es eigentlich eine lange Geschichte von Partizipation und Kunst gibt, die oft daraufhin deutet, dass die erhofften Wirkungen dieser partizipativen Kunst vor allem das sind: Hoffnungen, die eher nicht eintreten.

Ich finde übrigens schon das Cover ganz grossartig, weil Sie hier auch etwas Einfaches über Partizipation lernen können: Dass ist eine Performance – ich glaube im Tate Modern, London – wo Sie einen Polizisten in die Ausstellung reiten sehen. Das sollte Beteiligung auslösen, Leute sollten miteinander reden, sich verhalten und so weiter. Aber schauen Sie hier rechts vorne die Leute – da gibt es keine Reaktion. Den Grossteil interessiert nicht, was da passiert. Die Aufforderung zur Partizipation wird ignoriert – was sehr, sehr oft passiert.

Ich stelle Ihnen zwei Beispiele aus dem Buch vor, die vielleicht etwas Holzhammer-mässig wirken und die im Anschluss an das Buch auch schon sehr oft besprochen wurden. Aber sie sind, meiner Meinung nach, weiterhin sehr berechtigt.

Das erste Beispiel sind die italienischen Futuristen (praktisch nur Männer) der 1920er Jahre. Der Futurismus als Kunstrichtung war, nach dem ersten Weltkrieg, fasziniert von der Moderne und waren gleichzeitig von der Idee besessen, die als untätig, langsam, sterbend wahrgenommen Kultur radikal zu ändern. Es sollten die Werte umgewertet werden, damit waren sie dem Dadaismus, Expressionismus, Kubismus und so weiter nahe – halt all die Kunstrichtungen, der Zeit, die sich als Avantgarde verstanden. Aber ihnen ging es vor allem um Geschwindigkeit, Härte, Gewalt, Krieg, „Männlichkeit‟. Die Kunst sollte eine neue Gesellschaft hervorbringen, diese Gesellschaft sollte durch ständige Veränderung, Bewegung, Speed gekennzeichnet sein. Es gab zum Beispiel eine Faszination mit Autos. Oder auch einer Architektur, die sie zum Teil noch heute in Italien finden, die so Bewegung symbolisieren, hervorbringen sollte.

Eine Form von künstlerischer Aktivität, auf die Bishop eingeht, waren die „Futuristischen Happenings‟. Das waren praktisch Theatervorstellungen, bei denen die Futuristen von der Bühne herab das Publikum beschimpften. Es ging darum, das Publikum anzuregen, mitzumachen. Es war eingebunden. Ziel war es, Gegenreaktionen auszulösen. Menschen sollten sich aufregen, äussern, schimpfen. Erfolgreich waren Happenings, bei denen das Publikum Tomaten auf die Bühne warf. Es sollte aktiv werden, nicht passiv eine Vorführung geniesen. Das wurde als Vorbereitung für den Kampf, die Veränderung der Gesellschaft verstanden: Menschen sollten in den Happenings lernen, aktiv und rabiat zu sein und dass dann im Alltag auch sein.

Der Holzhammer ist jetzt, dass viele – nicht alle – Futuristen später den italienischen Faschismus unterstützten. Die Verbindung ist auch nicht schwer zu sehen.

Aber das gehört zur Geschichte von Partizipation und Kunst: Heute verstehen wir Partizipation als demokratisch, öffnend, progressiv. Das ist nicht per se gegeben. Das Ziel ist wichtig, Partizipation lässt sich für viele, viele Ziele nutzen. Sie muss auch nicht als Vervielfältigung der Stimmen verstanden werden, sondern kann, wie in diesem Beispiel, als Mittel genutzt werden, Menschen in einer Richtung auszurichten.

Es zweites Beispiel aus dem gleichen Buch. Spätestens seit Bishop darüber geschrieben hat, ist diese Aktion auch immer und immer wieder besprochen worden. Die Bilder der Aktion wurden, wenn ich das richtig erinnere, auf einer Documenta nochmal gezeigt und dutzende Texte dazu geschrieben. Auch, weil nicht klar ist, was genau das Ergebnis aussagt.

Aber: Die Situation. Argentinien 1968. Die Welt an sich in Veränderungen begriffen. Gleichzeitig gibt es in Argentinien selber seit zwei Jahren eine Militär-Junta, die Proteste dagegen wachsen, es gibt auch erste gewalttätige Auseinandersetzungen. In dieser Situation führte die Künstlerin Graciela Carnevale diese Aktion durch, die offenbar – ich bringe gleich meine Interpretation – Beteiligung, Kommunikation, Solidarität hervorbringen soll. Oder zumindest testen.

Sie lud zu einer Ausstellungseröffnung in diesen Raum, den Sie im Bild sehen: Ein Schaufenster, eine Glastür, sonst keine Ausgang, nichts. Dann verschloss sie die Tür und ging. Die Frage war, was jetzt passieren würde, wie sich die Menschen verhalten würden. Das war keine ungefährliche oder komfortable Situation. Die Lösung sehen sie: Erst passierte lange nichts. Dann wurde ein Passant dazu gebracht, das Fenster mit einem Stein einzuwerfen. Auf dem Bild sehen Sie eine junge Dame die Galerie durch dieses Fenster verlassen.

Die Frage, die auch lange ohne eindeutiges Ergebnis diskutiert wurde, ist nun, was dieses Ergebnis heisst. Haben sich Menschen in Solidarität vereinigt? Haben sie eine gemeinsame Lösung gefunden? Oder gerade nicht? Sie sehen ja, rausgekommen sind alle, aber eigentlich nur durch Hilfe von aussen. Benötigt man Hilfe von aussen, um solche Situationen zu verlassen, nicht Solidarität im Inneren? Gibt es irgendetwas, dass die Menschen in der Galerie aus dieser Situation heraus zusammengebracht hat oder hat sich das alles nach dem Ende der Situation aufgelöst? (Und was sagte das über das Leben unter der Militär-Junta aus?)

Es gibt bestimmte keine klare Antwort, aber auch das ist Teil der Geschichte von Partizipation und Kunst. Oder Partizipation allgemein. Partizipation und Ergebnisse partizipativer Prozesse sind nicht eindeutig. Nicht einmal in Extremsituationen wie bei diesem Experiment von Carnevale.

Ein drittes Beispiel aus der Kunst. Graffiti, also das Anmalen von Zügen, Mauern, Bahnhöfen. Es gibt aktuell zwei Bewegungen: Einerseits wird seit sehr langer Zeit in der Kunsttheorie über Graffiti diskutiert. Andererseits gibt es seit einigen Jahren mehr und mehr eine Praxis legaler Street-Art, gerne für grosse Objekte – Murals an Wänden von Mietshäusern und solche Grössen –, für die es auch zunehmend Geld gibt. In Berlin gibt es zum Beispiel seit einiger Zeit das Street-Art Museum Urban Nation, dass Graffiti ausstellt, aber gleichzeitig immer wieder Murals in Auftrag gibt.

Diese beiden Bewegungen sind immer aufeinander bezogen. Beispielsweise gab es Anfang dieses Jahres ein Heft der Zeitschrift „Kunstforum‟ [#260: Graffiti NOW. Ästhetik des Illegalen], in der Sie das gut nachvollziehen konnten: Graffiti wird als partizipative Kunstform par excellence wahrgenommen: Alle können einfach so mitmachen, Dosen kaufen, etwas anmalen. Selbstgewählt und selbstbestimmt, ohne Zugangsbarrieren. (Zumindest in der Theorie, in der Praxis entwickeln sich auch im Graffiti soziale Regeln, die sich mit der Zeit auch ändern. Aber bleiben wir bei der Theorie.) Gleichzeitig wird Graffiti über ihre Illegalität definiert. Das können Sie im genannten Heft genauer nachvollziehen.

Street-Art hingegen, die mehr und mehr beauftragt wird, ist gerade nicht illegal, dafür mehr in den Kunstbetrieb eingebunden. Es ist klar, wer die Künstlerinnen, die Künstler sind. Es gibt abgesteckte Rahmen und Aufträge. Die Feststellung ist nun, dass in diesem Fall Partizipation, also Beteiligung, an Illegalität gebunden wird und zumindest vermutet wird, dass diese gerade dann abnimmt, ja weniger illegal Graffiti oder Street-Art ist; dass die Kunst dafür aber vielleicht auch akzeptierter wird, je weniger illegal sie ist. Und selbstverständlich immer mit Übergängen; Personen, die sich zwischen den „Welten‟ Graffiti und Street-Art bewegen oder die einst Graffiti machten und jetzt im Atelier arbeiten und so weiter.

Ich habe Ihnen diese Zeitschrift hier, „GraffitiArt‟, mitgebracht, weil die das ganz gut abbildet. Es ist eine französische Zeitschrift, die Sie Frankreich wirklich in Buchhandlungen und zumindest in grossen Bahnhöfen kaufen können – obwohl es in ihr auch um das Anmalen von Zügen geht. Aber was Sie in den Ausgaben der letzten Jahre sehen, ist oft diese Zweigleisigkeit: Die Werbung bezieht sich immer wieder direkt auf Graffiti. Das eine Bild ist eine Galerie in Zürich, die wohl in jeder Ausgabe ein neues Bild von einem angemalten Zug benutzt – meist schweizerische Züge, aber der hier ist ein deutscher. Oder die andere Werbung ist ganz blatant direkte Werbung für eine Marke von Farbdosen: „25 years supporting graffiti‟. Da gibt es also einen klaren Bezug zum Illegalen. Aber die Artikel in der Zeitschrift handeln fast alle nur von Murals und grossen, legalen Bildern. Mit ähnlicher Ästhetik, aber immer mit der Künstlerin, dem Künstler im Mittelpunkt. Hier, bei dem Artikel auf der Folie, gab es sogar Beteiligung, wie Sie sehen. Menschen durften mitmalen und wohl auch über die Farben entscheiden. Aber das ist wirklich eine Ausnahme.

Für die Kunst ist das einfacher: Wir sagen vielleicht „das ist doch verboten‟. Aber Kunst kann sich dann immer darauf zurückziehen: „Well… it‛s art.‟ Bibliotheken können das nicht, die bewegen sich immer im Legalen. Aber was wir lernen können, ist, dass uns Partizipation immer auch in Bereiche führt, in die wir vielleicht gar nicht wollen oder uns gar nicht trauen. Und Situationen, in denen weniger Partizipation oder nur bestimmte Formen von Partizipation erst eine Zugänglichkeit ermöglichen. (Was zum Beispiel bei Street-Art zum Teil argumentiert wird: Das durch diese legale Kunst der Zugang für die „normale Bevölkerung‟ grösser ist als durch die illegalen Formen.)

Wieder: Keine klare Antwort, sondern ein Beispiel, mit dem Sie sich, wie bei guter Kunst, selber konfrontieren können.

Zuletzt noch zwei Folien darüber, was Bibliotheken jetzt aus der Geschichte der Partizipation und partizipativer Projekte lernen können. Ich hoffe, es ist klar geworden, dass ich denke, wir sollten die ganzen Erfahrungen aus anderen Bereichen ernstnehmen und benutzen. Es ist nicht schlecht, dass Bibliotheken (in Deutschland) bei diesem Thema spät sind. (Beziehungsweise es gerade wieder entdecken). Dadurch kann man auf vorhandenes Wissen zurückgreifen. Schlecht wäre, so zu tun, als wäre das etwas Neues.

Also, was kann gelernt werden?

Zuerst, dass Partizipation für sich alleine keine Lösung ist, sondern das es immer auf die Ziele ankommt. Und dies können sehr unterschiedliche Ziele sind. Dabei lässt sich auch nicht „möglichst viel Partizipation‟ mit „bestmögliche Ergebnisse‟ gleichsetzen. Zudem wichtig: Machtstrukturen bleiben in partizipativen Prozessen bestehen. Wie gesagt heisst Macht nicht nur, Anweisungen erteilen zu können, sondern auch bestimmen zu können, was gemacht wird, worüber geredet und nicht geredet werden kann, was oder wer ernst genommen wird und was oder wer nicht. Die müssen beachtet werden. Einfach anzunehmen, dass sie (schon) überwunden seien, reproduziert und verstärkt sie nur. Für Bibliotheken, die oft nicht das Selbstbild haben, viel Macht zu haben, mag das eine ungewöhnliche Situation sein. Aber damit muss man umgehen lernen, dass man in bestimmten Situationen auch Macht hat, obwohl man sie anderswo vielleicht weniger hat.

Zu lernen ist auch, dass Menschen – dadurch, dass es kein neues Thema ist – schon viele Erfahrungen mit partizipativen Prozessen gemacht haben, die sie mitbringen. Nicht nur Erfahrungen, auch Erwartungen, Annahmen, Interpretationen. Und gerade, wenn die schlecht waren, muss erst daran gearbeitet werden, sie zu verändern. Man kann das aber auch als Anforderung nehmen, einfach mal selber an anderen partizipativen Prozessen – beispielsweise da, wo man wohnt – teilzunehmen, als Bürgerin, als Bürger, bevor man selber in der eigenen Bibliothek partizipative Prozesse plant. Um dann aus diesen Erfahrungen heraus besser zu verstehen, wie partizipative Prozesse auf Menschen wirken.

Und wichtig finde ich auch, sich immer und immer wieder klarzumachen, das nicht alle Menschen an Partizipation interessiert sind. Und selbst wenn, dann nicht gleich. Das kann man bei der Planung, bei der Analyse und so weiter, nicht voraussetzen. Daraus ergibt sich auch nochmal, dass Partizipation immer ein langer Prozess ist, kein schnell abzuschliessendes Projekt.

Und hier nochmal, vielleicht auch für die Diskussion, die wichtigsten Take-aways.

Partizipation und Machtstrukturen – dass ist das Zweite, was ich Ihnen unbedingt vermitteln wollte, neben der Geschichte. Auch wichtig, dass es ein Lernprozess ist, der nicht fertig wird, zumindest wenn Partizipation als mit der Demokratie verbunden verstanden wird – was ja, wie wir gesehen haben, nicht immer der Fall sein muss.

Partizipation enthält keine Garantie, weder für mehr Demokratie noch für bessere Ergebnisse. Man kann gerne politisch die Meinung beziehen, dass die Gesellschaft besser wäre, wenn sie partizipativer wäre: Mehr unterschiedliche Stimmen machen eine bessere Gesellschaft möglich und so weiter. Als politische Position ist das okay. Aber von sich alleine produziert Partizipation das nicht. Das muss erst hergestellt werden, langfristig und auch institutionell.

Und, was ich Ihnen unbedingt noch mitgeben möchte, ist diese Erkenntnis, dass Methoden Ergebnisse produzieren, aber damit die Ergebnisse noch nicht sofort gut oder richtig werden. In der Ethnologie sind das Bücher, die am Ende geschrieben werden; in der Stadtplanung Bebauungspläne, die am Ende fertig sind. Für Bibliotheken können Sie selber Beispiele einsetzen.

 

Vielen Dank

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Vom Unbehagen mit „den Bibliotheken‟ von Aat Vos

Hier ein Geständnis von mir (vielleicht ist es auch keines): Die neu eröffneten Bibliotheken, welche gerade durch die bibliothekarische Presse gereicht werden und bei denen in den Begleittexten oft in den Vordergrund gestellt wird, dass Aat Vos an ihrer Gestaltung beteiligt war – ich finde sie alle abstossend. Hässlich ist das falsche Wort – aber weder einladend noch gemütlich (wie sie immer wieder genannt werden), sondern auf Effizienz und genaue Aufgaben hin durchgeplant; ausgestattet wie diese Co-Working-Spaces, die auf Firmen ausgerichtet sind und den Vibe ausstrahlen, dass man in ihnen einerseits so tun muss, als wäre man gerade heftig entspannt kreativ und entspannt, bei denen aber andererseits fühlbar ein „travail travail travail‟ über allem geschrieben steht. Wie eine unbelebte Bühne, wo alles zu sauber, neu, ungebraucht dasteht, aber einen cooles Café darstellen soll. Halt wie Räume, die auf Effizienz, Arbeitssamkeit und korrekte Manieren hin geplant wurden. Aber selbstverständlich könnte das ein rein subjektives Empfinden sein. Das Leute Dinge mögen, die ich nicht ausstehen kann – das ist mein Leben.

Doch mir scheint, es ist komplizierter, als das man es einfach auf subjektive Eindrücke reduzieren könnte. Die Bibliotheken, welche in den betreffenden Texten begeistert beschrieben und in den Bildern dargestellt werden, scheinen mir erstaunlich klar einen eindeutigen Habitus auszustrahlen. Während andere („alte‟) Bibliotheken mit ihren offenen Flächen zwar auch bestimmte Dinge zu „fordern‟ scheinen, scheinen sie mir doch immer offener zu sein als die Bibliotheken „von Aat Vos‟. Oder anders: Letztgenannte, „neue‟ Bibliotheken scheinen mir – entgegen ihrem Anspruch – viel einschränkender zu sein, als die heute im Bibliothekswesen offenbar als langweilig wahrgenommenen Bibliotheken des letzten Jahrzehnts. Und gleichzeitig auch entgegen dem eigenen Anspruch eben nicht „alle‟ ansprechend, sondern sehr klar vor allem gutsituierte Personen. Sozial Schwache, so scheint es mir, werden aus diesen „neuen‟ Bibliotheken eher draussen gehalten werden – obwohl selbstverständlich der Anspruch ist, das sie auch die Bibliothek nutzen sollen – wie sie halt praktisch aus den höherpreisigen Coffeeshops und Co-Workingspaces herausgehalten werden, die so aussehen, wie diese Bibliotheken.

Wie diesen Vibe fassen? Wo kommt dieses Feeling, dieses Unbehagen her? Wie es über den subjektiven Eindruck hinausheben, der alleine ja nichts sagt und allgemein auch als nicht zu diskutieren gilt? Das denke ich langsam zu wissen und möchte er gerne hier zeigen. [Und, dass ist mir wichtig: Es geht mir nicht darum die Person Aat Vos zu kritisieren. Das hier ist keine Polemik und kein persönlicher Angriff. Er wird nur immer und immer wieder als Designer erwähnt, deshalb erwähne ich ihn. Wie so oft geht es mir um strukturelle Fragen. Es ist ja zum Beispiel nicht nur Vos, seine Beratung und seine Arbeit anbietet, sondern es sind auch immer Bibliotheken, die diese annehmen.]

Soziologie, Ethnologie

Bourdieu und Lefebvre – beziehungsweise die Arbeiten dieser beiden Soziologen scheint mir eine gute Grundlage, um das Unbehagen besser zu fassen und auch das Nachdenken (und dann das Verändern, wenn das gewünscht ist) dieser Situation zu ermöglichen. [Und ja, es fällt auf, dass dieser Text durchgehend von Männern spricht; offensichtlich gäbe es sowohl bei der Kritik als auch der Gestaltung von Bibliotheken andere Bezugspersonen, die gewiss das Design vielfältiger und die Kritik inhaltlich besser machen würden.]

Zu Bourdieu: Was gemütlich ist, ist schichtspezifisch

Pierre Bourdieus „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft‟ (Original: „La distiction. Critique sociale du jugement‟, 1979) ist (bekanntlich?) eine empirische Studie zum Zusammenhang von sozialer Position und ästhetischen Urteilen; also grundsätzlich der Frage, ob das, was als schön, sinnvoll, gemütlich et cetera angesehen wird ein individuelles Charakteristikum ist – oder aber in einem Zusammenhang mit der sozialen Position steht, die eine Person einnimmt. Oder noch anders: Ob Reiche, Arme und die Menschen dazwischen jeweils einen eigenen Stil haben (in der Wohnungseinrichtung, dem Bezug zur Kunst, dem, was sie schön oder hässlich finden…), oder ob das zufällig verteilt ist. Die Daten dazu sind heute alt (erhoben in den 1960er und 1970er Jahren) und aus Frankreich, aber die Ergebnisse wurden grundsätzlich immer wieder auch in anderen Zusammenhängen bestätigt. Die Struktur scheint zu stimmen, nur die Ausprägung ändert sich.

Und die Ergebnisse waren (bekanntlich?), dass: Ja, die ästhetischen Urteile und die soziale Lage eng miteinander verknüpft sind. Was in der einen Sozialschicht als schön, gut et cetera galt, gilt in anderen Sozialschichten nicht auch als gut, schön und so weiter. Teilweise, aber nicht immer, gilt es explizit als hässlich, als Ausdruck eines schlechten Geschmacks, eines falschen Lebens. Diese Geschmacksurteile, die als subjektiv gelten (siehe oben, die Vermutung, dass meine Wahrnehmung der genannten Bibliotheken rein subjektiv sein könnte), sind sehr sehr eng daran gebunden, welcher sozialen Schicht wir entstammen oder welcher wir zugehören. Deshalb lässt sich auch nicht so einfach etwas finden, was „alle‟ schön, gemütlich oder zumindest okay finden (ausser, die sozialen Schichten sind nicht weit voneinander entfernt, aber unsere Gesellschaft strebt ja eher auseinander als aufeinander zu).

Bei Bourdieu geht es dann auch darum, wie sich diese Geschmacksurteile in die Körper einschreiben und dazu führen, dass sich Angehörigen einer Sozialschicht „erkennen‟. Aber schon in der originalen Datenaufnahme – im Buch dargestellt – geht es darum, wie Menschen aus unterschiedlichen Schichten ihre Wohnungen einrichten. Dabei wird sichtbar, dass dies selbstverständlich auch damit zu tun hat, wie viel Geld jemand für die Einrichtung einer Wohnung investieren kann, aber nicht nur. Menschen bezeichnen unterschiedliche Stile als schön, gemütlich und nannten auch ganz andere Kriterien, nach denen sie ihre Wohnungen bewerten würden. Die Wohnungen von Menschen mit wenig Geld sehen nicht aus wie billige Kopien der Wohnungen von Menschen mit viel Geld – sondern wirklich anders. (Im Buch neigen Menschen mit wenig Geld zum Beispiel zu einem „praktischen Stil‟, also dazu, dass als schön angesehen wird, was auch praktisch ist – aber das kann sich geändert haben.) Das heisst nicht, dass die soziale Schicht den Geschmack, den Stil und so weiter vollständig determiniert. Es gibt immer persönliche Unterschiede und Ausnahmen. Aber was Bourdieu et al. zeigten, war, dass der Zusammenhang sehr, sehr eng ist.

Mir scheint, dass lässt sich selbstverständlich auch auf Räume wie Bibliotheken übertragen. Bibliotheken behaupten gerne – und wieder einmal in den Texten, welche die hier thematisierten neu gebauten / eingerichteten Bibliotheken beschreiben – Orte sein zu wollen, die für alle offen sind. Aber wie baut man Räume, die „für alle offen sind‟, wenn sich das, was als schön, gemütlich und so weiter gilt, je nach sozialer Schicht unterscheidet? Vielleicht, indem man sie sehr einfach und funktional macht. Zumindest aber nicht, indem man einfach behauptet, dass es eine spezifisch „gemütlichen‟ Stil gäbe, der die meisten Menschen ansprechen würde. Und schon gar nicht so, wie das in diesen Bibliotheken gemacht wird: mit Möbeln aus dem höherpreisigen Design-Möbelgeschäften, vollgestellten Räume, überall Designelemente und so Pseudo-verspielte-Garten-Farben. Wenn man erst einmal akzeptiert hat, dass die soziale Schicht auch den Stil mitbestimmt, und dann auf diese Räume blickt, dann fällt schnell auf, dass die vor allem für den Geschmack einer gut-situierten Schicht gebaut scheinen; einer Schicht, die einen Stil (vielleicht) gemütlich findet, der Arbeit und Freizeit nicht wirklich voneinander trennt. Wie halt, wie oben schon gesagt, Co-Working-Spaces, die Gemütlichkeit eher simulieren und eher zum Arbeiten auffordern, zum etwas-machen, zum aktiv sein auffordern. Andere soziale Schichten trennen aber zum Beispiel Arbeit und Freizeit ganz explizit.

Zu Lefebvre: Was der Raum ist, bestimmt nicht das Design allein

Noch etwas irritiert mich bei den ganzen positiven Darstellungen dieser neuen Bibliotheken immer wieder: Es wird über das Design berichtet, auch über die Prozesse, wie über die Umbauten / Neubauten entschieden wurde und es werden Bilder aus den Räumen publiziert. Aber das ist das schon der Raum Bibliothek?

Hier kommen mir immer und immer wieder die Arbeiten von Henri Lefebvre darüber in den Sinn, wie Städte „funktionieren‟. (Vor allem, aber nicht nur „Das Recht auf Stadt‟, Original „Le droit à la ville‟, 1968.) Hauptthese bei ihm – die auch wieder nicht aus der Luft gegriffen, sondern theoretisch und empirisch untermauert und bis heute immer wieder genutzt und bestätigt wird – ist, dass das „Funktionieren‟ von Städten und Räumen sich nur verstehen lässt aus dem Zusammenspiel von Gebautem Raum (Infrastruktur) – Wahrgenommenen Raum (Was soll er? Was sind die „sozialen Regeln‟ des Raumes? Was „gehört‟ sich und was nicht?) – Gelebten Raum (Wie wird sich verhalten? Wie wird der Raum „bewohnt‟). Ein Raum, seine Struktur, seine Ausstattung hat immer einen mehr oder minder klaren Aufforderungscharakter: Was in ihm passieren soll. Dazu hat jeder Raum aber auch seine eigenen Regeln, die sich sozial ergeben. Nicht nur, was erlaubt oder verboten ist, sondern auch was sozial erwünscht ist und was nicht, was als schicklich gilt oder nicht. Und daneben gibt es das, was im Raum wirklich passiert.

Ohne das gleich empirisch zu fassen, lässt sich das ganz gut nachvollziehen, wenn man nur ähnliche Räume in unterschiedlichen Gesellschaften oder auch nur Städten / Gemeinden besucht und dann jeweils eine Zeit lang in ihnen aufhält. Jetzt gerade sitze ich zum Beispiel in einem Café in Basel, dass so leicht alternativ ist, mit intellektuelleren Zeitschriften und eher linken bis mitte-linken Zeitungen in der Auslage, WLAN, kleinen Speisen, gutem Kaffee etc. Es könnte sich so auch gut in Berlin, Wien, Lausanne befinden, mit dem gleichen Aufbau, dem gleichen Fokus und so weiter. Aber es würde sich anders anfühlen. In Berlin oder Lausanne zum Beispiel nicht so arbeitssam, auch nicht so „zur Stadt passend‟. Wieso, wenn die Möbel und die Infrastruktur die gleichen sein könnten? Weil der „wahrgenommene Raum‟ und der „gelebte Raum‟ nicht der gleiche ist. Die sozialen Regeln sind in schweizerischen Grosststädten halt etwas anders als in deutschen oder österreichischen Metropolen und in der Deutschschweiz auch anders als in der Romandie. Sie sind schwieriger (aber bei genau Zeit auch nicht unmöglich) zu fassen, als einfache Auszählungen von Nutzer*innen. Auch das Leben ist leicht anders. Sonst wären die Städte ja alle gleich – was sie bekanntlich nicht sind. [Man kann das aber auch selber an anderen Beispielen überprüfen, wenn man Cafés nicht mag. Ich war in den letzten Wochen zum Beispiel auch in Öffentlichen Bibliotheken mehrerer Städte, die alle mit dem Möbeln des gleichen Bibliotheksausstatters gestaltet wurden und deshalb auch in vielem gleich waren – aber doch gänzlich unterschiedlich laut, benutzt und so weiter. Ich bin der Überzeugung: Hätte ich etwas mehr Zeit in ihnen verbracht und nicht nur einen kurzen Blick in sie geworfen, wären mir mehr Unterschiede aufgefallen. – Das Experiment kann jede und jeder auch selber einmal durchführen, wenn sie oder er mir das nicht glaubt.]

Aber, bezogen darauf, wie die neu gestalteten Bibliotheken dargestellt werden, scheint das überhaupt nicht thematisiert zu werden. Hier scheint eher die Überzeugung vertreten zu werden, dass es praktisch nur auf das Design der Räume ankäme, um sie zu verändern. Das scheint mir leicht absurd: Was ist den mit denen anderen Bereichen? Wie soll man den etwas über die Wirkung der Bibliotheken sagen können, wenn man nur über Design redet und Bilder der Räume (meiste ohne Menschen drin) zeigt? Mir scheint, wenn man einmal mit Lefebvre den Blickwinkel einnimmt, dass Räume nicht einfach nur durch den gebauten und designten Raum funktionieren, stellt sich schnell die Frage, was alles in der Planung und Darstellung fehlt (beziehungsweise zu fehlen scheint): Neben der Frage nach dem sozialen Charakter der Räume, die da gebaut werden (siehe oben), auch die Frage nach den sozialen Regeln, die mit den Räumen aufgerufen werden und denen, die tatsächlich etabliert und dann gelebt werden.

Kurz noch Habermas, Oldenburg

Gleichzeitig wird in den Texten zu diesen Bibliotheken immer wieder behauptet, dass sie gebaut würden, um eine Ort herzustellen, in dem sich alle zusammenfinden sollen und so Gesellschaft entsteht. Es wird auf den „Dritten Ort‟ verwiesen und darauf, dass „heute‟ Bibliotheken als Ort wichtig würden, an denen Vertrauen geschaffen wird und so weiter. Die immer gleichen Schlagworte und immer wieder genutzten Formulierungen sind wohl bekannt.

Aber nochmal: Am Ende wird in den Texten vor allem von Design und Planungsprozessen geredet; nicht vom sozialen Leben. Mir scheint, dass oft eine sehr einfache Überlegung im Hintergrund steht: Nähe von Personen wird mit Kommunikation über soziale und andere Grenzen hinweg gleichgesetzt. Oder anders: Weil die Räume gemütlich wären, würden sich hier viele unterschiedliche Menschen einfinden und dann beginnen, miteinander zu reden. Der Raum scheint dafür oft als genügend anregend zu gelten. Abgesehen davon, dass der Stil meiner Meinung nach eher zu einer Verengung der sozialen Schichten, welche diese Bibliotheken gerne nutzen, führen wird: So funktioniert Gesellschaft selbstverständlich überhaupt nicht.

Mir scheint hier ein ganz vereinfachtes – so einfach, dass es falsch ist – Verständnis von öffentlichen Raum vorzuliegen. Das wird gerne mit Habermas und seinen Arbeiten zum Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft durch Kommunikation in Verbindung gebracht, aber selbstverständlich ist das nicht das, was bei Habermas drin steht. Bei ihm geht es auch um soziale Unterschiede, um Kommunikationsbarrieren, um Themensetzungen und so weiter.

Bei den Texten zu den neuen Bibliotheken scheint es aber die Vorstellung zu geben, dass man einfach Räume bauen könne, in denen soziale Unterschiede, Unterschiede in Verständnis, Wahrnehmung, Interpretation von sozialen Regeln, Erwartungen und so weiter verschwinden – und dadurch dann schon Leute miteinander reden und deshalb Gesellschaft herstellen. Das müsste man aber nachweisen (und meiner Meinung nach kann man das nicht nachweisen, weil es so nicht passiert). Wenn man Räume baut, in denen Menschen miteinander reden sollen (ganz abgesehen davon, dass nicht klar ist, ob das überhaupt schon Gesellschaft ausmacht), dann muss man über die Funktion dieser Räume nachdenken – und das funktioniert nicht durch Infrastruktur oder Design, sondern durch aktives Tun: Irgendetwas oder irgendwer muss die Kommunikation erst motivieren oft auch am Laufen halten.

Sicherlich kann man Räume bauen, die praktisch Kommunikation verhindern – deshalb ist es ganz gut, wenn man darüber nachdenkt, wie man das gerade nicht tut. Aber einfach gemütliche Räume bauen und dann hoffen, dass das schon ausreicht – – – das funktioniert selbstverständlich nicht. Das führt nur dazu, dass Menschen, die sich schon kennen, miteinander reden und die anderen daneben vor sich hinarbeiten / hinleben. (Auch das kann man in den Cafés, auf die sich implizit ja bei den ganzen „gemütlichen Bibliotheken‟ bezogen wird, beachten. Wenn es keinen Grund gibt, miteinander zu reden, sitzen die Menschen auch da getrennt voneinander. Auch hier: Jetzt sitze ich seit vier Stunden in diesem gemütlichen, kleinen, hellen Café in Basel und habe genau mit den beiden Herren am Tresen gesprochen, sonst niemand. So wie andere auch. Die Idee, dass es in solchen Räumen zu Kommunikation kommen würde, scheinen mir oft Menschen zu haben, die sich praktisch nie in solchen aufhalten. – – – Auch hier mein Hinweis: Wer es nicht glaubt, kann ja mal ein paar Stunden in solchen Cafés verbringen und sich das selber anschauen.)

Dabei: Allgemein wird bei solchen Bibliotheken ja auf den „Dritten Ort‟ verwiesen und das wiederum könnte auf das Buch von Ray Oldenburg („The Great Good Place‟, 1989) zurückverweisen, in dem er diesen Begriff „Dritter Ort‟ geprägt hat. Ich weiss, das wird gerne ignoriert und der Begriff eher gefühlt als begründet. Aber ist doch auffällig, dass Oldenburg bei der Prägung des Begriffes immer und immer wieder darauf verweist, dass die Orte, die er als „Dritter Ort‟ beschreibt, „plain‟ sein: Einfach, ohne notwendig grossen Schnick-schnack, ohne grosses Design. Sehr offen in der Nutzung. Nur so könnten sie funktionieren (und dazu würden sie noch einige andere Dinge brauchen, beispielsweise „anregende Getränke‟ und „Kommunikation als Hauptzweck‟ und „Stammnutzer*innen‟, welche erst die sozialen Regeln etablieren und leben). Das „gemütlich‟, von dem Oldenburg spricht – und im Buch anhand von Bildern illustriert – ist etwas anderes als das, was in den neuen Bibliotheken gebaut wird und auch etwas anderes als das, was Bibliotheken unter „erhöhter Aufenthaltsqualität‟ zu verstehen scheinen. Oldenburg ist schlecht im Begründen seiner Thesen, aber ich denke, was er andeutet ist, dass „Dritte Orte‟ vor allem so sein müssen, dass sie weniger dem Stil einer sozialen Schicht folgen, sondern offen genug sind, damit sie zumindest nicht den bevorzugten Stilen mehrerer sozialer Schichten widersprechen. (Oder die unterschiedlichen Stile verbinden. Deswegen ist er so begeistert von englischen Pubs, in denen so unterschiedliche Räume nebeneinander untergebracht sind.) Vielleicht gilt das ja viel eher für Bibliotheksräume, die als „langweilig‟ bezeichnet werden, als für die neu gebauten? Zumindest ist es schon erstaunlich, wie weit eigentlich diese „neuen‟ Bibliotheksräume von den Thesen sind, auf die sie sich vorgeblich – durch die Verwendung des Schlagworts „Dritter Ort‟ – beziehen.

Nicht zuletzt bin ich auch deshalb über das Fehlen von allen Aussagen dazu, wie diese Räume „funktionieren‟ (sollen) bei gleichzeitiger Behauptung, sie wäre für die Herstellung von Gesellschaft geschaffen, so irritiert, weil es selbstverständlich eine ganze Wissenschaftsdisziplin gibt, die sich damit beschäftigt, wie Gesellschaft auf der Ebene von Individuen und Gruppen hergestellt wird: Der Ethnologie. In ihr geht es um gelebte soziale Regeln, Erwartungen, Rituale, Verhaltensweisen und so weiter. Wie kann man diese ganze Disziplin ignorieren? (Klar, wie ich schon sagte: Indem man behauptet, die Bereitstellung des richtig gestalteten Raumes sein schon ausreichend. Aber das ist doch erstaunlich, wenn man aus der Ethnologie eigentlich lernen könnte, wie viel Arbeit erst von Menschen dareingesteckt wird, Gesellschaft auf lokaler Ebene herzustellen. Wäre es so einfach, dass man dafür einfach nur den richtigen Raum bereitstellen müsste, dann bräuchte es diese ganze Disziplin überhaupt nicht.)

Wieso ist das so?

Zusammengefasst: Ich habe ein grossen Unbehagen mit den neu gebauten Bibliotheken, die aktuell durch die bibliothekarischen Publikationen als neu und zukunftsweisend gereicht werden. Und mit etwas Theorie scheint mir das Unbehagen mehr als eine rein subjektive Abneigung. Mir scheint sogar, ungewollt aber doch real, hat man hier Räume gebaut, die noch mehr ausgrenzen, als man das schon von „langweiligen Bibliotheksräumen‟ vermutet hat. Stimmt das? Das müsste empirisch überprüft werden. (Aber man kann es erst überprüfen, wenn man den Verdacht äussert und zeigt, wieso es so sein könnte – was ich hier versuche.)

Aber wieso ist das so? Es ist ja nicht so, dass Bibliotheken Räume bauen wollen, die ausgrenzen. Ganz im Gegenteil. Und auch Aat Vos würde ich so was nicht unterstellen. Grundsätzlich kann man bei allen Beteiligten von good wil ausgehen. Nur: good wil alleine führt noch nicht zu guten Ergebnissen – „nur‟ zu gut gemeinten.

Ich denke, es sind zwei Dinge, die hier hineinspielen.

Zuerst, da es in den Texten auch immer um Aat Vos geht, soll es hier auch um Aat Vos gehen: Der ist Designer (und „Kreativ-Coach‟, ich weiss aber nicht, was ein Kreativ-Coach macht; aber was Designer*innen machen weiss ich ein bisschen). Als solcher muss er wohl davon überzeugt sein, dass vor allem Design die Welt retten oder zumindest besser machen wird. Es gibt im Design und der Architektur (bekanntlich?) eine lange, lange Tradition, sich gerade nicht an „the man‟ verkaufen und nur für Reiche irgendetwas Hübsches designen oder bauen zu wollen – sondern etwas, was besser ist für alle Menschen. Mit sozialem Anspruch Designen und Bauen. Wir haben gerade noch „100 Jahre Bauhaus‟, da sollte so eine Aussage nicht irritieren. Aber immer und immer wieder wurden Dinge designt, Gebäude gebaut, Plätze und Städte geplant, damit es allen besser geht und die Gesellschaft besser funktioniert – immer wieder auf der Basis von spezifischen Überzeugungen der Personen, die Designen oder Planen, was gut für die Gesellschaft wäre, wie die Gesellschaft funktioniert und so weiter. (Auch da ist das Bauhaus ein gutes Beispiel für.) Einiges hat zu einem besseren Leben beigetragen, vieles ist eher gescheitert (die „New Towns‟ in GB, die Banlieus in Frankreich, die sozialistischen Kollektivhäuser in der frühen Sowjetunion), noch mehr wurde anders genutzt, als geplant (zum Beispiel die ganzen Bauhaus-Wohnungen, die dann von Bewohner*innen doch nicht spartanisch und funktional durchgeplant belassen, sondern vollgestellt wurden). Diese Tradition ist da – und selbstverständlich ist es sympathischer, wenn mit so einem Anspruch geplant und designt wird. Aber sie wird auch fast „nur‟ mit Mitteln des Designs und der Architektur reflektiert und interpretiert, also eher mit einem Ansatz der Untersuchung von Beispielen mit ästhetisch und anderen Kriterien, aber zum Beispiel wenig soziologischem Verständnis. In einem solchen Denken kann es als ausreichend gelten, die funktionierende Gesellschaft auf lokaler Eben als eine zu verstehen, in der Menschen miteinander reden und dann nach Design-Lösungen zu suchen, die das ermöglichen würden.

Nachvollziehbar. Aber nur, weil Designer*innen davon überzeugt sind, dass Design die Welt besser machen würde, müssen Bibliotheken das nicht gleich glauben. Schon die Geschichte all der gescheiterten Interventionen durch Design sollte zeigen, dass diese eher Scheitern als Funktionieren. Darum scheint mir die Soziologie (und Ethnologie) weit besser zu erklären als das Design. Mich erstaunt deshalb, wie umstandslos Behauptungen aus dem Design in bibliothekarische Texte (und wohl auch bibliothekarisches Denken) übernommen zu werden scheinen.

Das dies so einfach übernommen wird scheint mir – das ist der zweite Punkt – ein Ergebnis der Untertheoretisierung von Bibliotheksbau und Raumplanung (und der tatsächlichen Funktion von Bibliotheken) zu sein. Eigentlich haben wir, wie oben gezeigt, genügend Wissen darüber, worauf und wohin wir zumindest schauen müssten, wenn wir darüber nachdenken, Bibliotheken umzubauen oder neu zu bauen. Aber weil das Bibliothekswesen eher schlecht darin ist, wirklich öffentlich und nachvollziehbar darüber nachzudenken, scheint es manchmal, als könnte einfach jemand etwas über die Wirkung von Räumen behaupten – und wenn das nur selbstbewusst und oft genug gemacht wird, dann wird das übernommen.

Das ist nicht perfekt, weil es nicht per se gute Räume baut (sondern auch zu solchen führen kann, die vielleicht eher ausschliessen). Sicherlich: Ich könnte es zu meiner Mission machen, auch selbstbewusst und oft etwas über Räume und Bibliotheksbau zu behaupten. Aber das kann ja nicht die Lösung sein. Sinnvoller wäre es wohl, Design und Architektur als das zu sehen, was sie sind: Design und Architektur. Und die Aussagen und das Nachdenken über Gesellschaft und Wirkung von Bibliotheksräumen nicht diesen zu überlassen, sondern eher auf die Disziplinen zurückzugreifen, die das Wissen dazu systematisch erwerben. Das ist halt vor allem die Soziologie.

Sinnvoll als Praxis wäre es wohl auch, regelmässig mit einem soziologischen Blick Bibliotheksräume zu interpretieren. Übung macht dabei auch die Anwendung soziologischer Modelle besser. Ich hoffe, es ist klar geworden, dass diese Theorien nicht „einfach dahergesagt‟ sind, so wie Berater*innen einfach vieles auf der Basis ihrer eigenen Überzeugung dahersagen, sondern auf Empirie, Theoretisierung und wiederholter Anwendung / Testung beruhen. Sie erklären auch etwas – und mehr, als doch eher einfache Annahmen über die Funktion von Räumen und Gesellschaft, welche aktuell das Nachdenken über Bibliotheksräume zu prägen scheint.

Aber irgendetwas muss man ja bauen…

Sicherlich: Bibliotheken werden ständig um- oder neugebaut. Deshalb müssen auch immer wieder Entscheidungen darüber getroffen werden, was gebaut / in den Raum gestellt wird und wie. Das kann nicht einfach unentschieden gelassen werden, bis die best-mögliche Lösung erarbeitet ist. Irgendwas muss halt doch gebaut werden. Und es ist auch richtig, dass dafür bestimmte Methoden verwendet werden müssen. Und grundsätzlich wäre es wohl richtig zu sagen, dass alle Methoden erst mal sinnvoll sein können, wenn sie nur je zum zu lösenden Problem oder den gestellten Fragen passen.

Bei den „neuen Bibliotheken‟ ist es aber auffällig, wie oft diese – am Ende ja doch immer wieder ähnlich aussehenden – Bibliotheken mit vor allem einer Methode, nämlich Design Thinking verbunden werden. Wenn etwas zum eigentlichen Entscheidungsprozess für diese Neu- und Umbauten in den betreffenden Texten mitgeteilt wird, dann, dass es diese Methode war. Und, wie gesagt, die Bibliotheken scheinen mir gerade viel geschlossener und nicht offener zu werden. Die Vermutung liegt nahe, dass die Methode doch etwas damit zu tun hat, das die Bibliotheken am Ende immer wieder so werden, wie sie werden. Es wäre deshalb sinnvoll, sich diese doch noch einmal genauer anzuschauen, bevor sie weiter einfach immer wieder als vorgeblich zeitgemässe, innovatives Vorgehensweise genutzt wird. Mir scheint, dass zumindest Teile der Methode dafür verantwortlich sind, dass ständig einer offenbar stark verkürzte Vorstellung davon, wie Gesellschaft und Räume funktionieren, gefolgt wird und das immer wieder diese, meiner Meinung nach, ausschliessenden Räume gebaut werden. [Drei Vermutungen: Das „Kritikverbot‟, welches oft am Anfang der Methode eingeführt wird, führt dazu, dass offensichtliche Widersprüche nicht genannt werden. Der Fokus auf „Tun‟ (Making, Rapid-Prototyping etc.) verengt den Blick und das, worüber man nachdenken soll / kann auf Design-Lösungen. Der vorgeblich kreative, spielerische Ansatz zieht Personen aus bestimmten Sozialschichten – die Arbeit und Freizeit beziehungsweise Arbeit und Spiel nicht wirklich voneinander trennen – an und stösst andere eher ab. Aber das nur erste Vermutungen.]

Was sein könnte

Grundsätzlich aber scheint mir, dass gerade diese neuen Bibliotheken eine Aufforderung darstellen, mehr über die tatsächliche Nutzung und Wirkung von Bibliotheksräumen nachzudenken; dabei nicht nur einer Erzählung über „kreative Räume‟ und so weiter zu glauben, sondern auch das einzubeziehen, was als einigermassen gesicherter Wissensbestand über Gesellschaft, Stil, Wahrnehmung bekannt ist. Und es wäre sinnvoll, vielleicht wieder andere Methoden mit zu benutzten – und nicht eine, die so eindeutig aus dem Design kommt, ungefragt zu übernehmen. Was dabei rauskommen wird? Keine Ahnung, das wäre ein (gemeinsamer) Prozess.

Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass am Ende klar wird, dass das, was als „langweiliger Raum‟ beschrieben wird (nicht als schlechter, lauter, billiger; sondern als langweilig und bland) sich als sinnvoller Raum herausstellen kann, wenn man wirklich dem Ziel folgen will, Räume „für alle‟ zu bauen. Und ich kann mir auch vorstellen, dass man dahin kommt, Planung von neuen Bibliotheken gar nicht erst rein als Design- und Architekturprojekt zu verstehen und zu präsentieren, sondern als umfassender: Mit Raum und Infrastruktur, aber auch Angeboten, Regeln, die man durchsetzen möchte, Dingen, die man ermöglichen möchte (und wie) und so weiter. Und vor allem kann ich mir vorstellen, dass man nicht mehr einzelne BeraterInnen als Wissensquelle benutzt und deren Thesen einfach zu übernehmen scheint.

Was sich aus so einem Nachdenken wie hier meiner Meinung nach auch ergibt, sind zahlreiche Forschungsfragen, die mal angegangen werden könnte – und sei es, um meine Wahrnehmungen zu widerlegen (anstatt einfach zu behaupten, dass sie nicht stimmen). Beispielsweise, wie Menschen aus verschiedenen Sozialschichten diese (und andere) Bibliotheken wahrnehmen und nutzen. Oder wie und ob die erhofften (und in vielen Texten zu den neuen Bibliotheken ja explizit erwähnten) Kommunikationen zwischen Nutzer*innen überhaupt stattfinden. Oder ob andere Methoden, bezogen auf die gleichen Aufgaben, bessere Ergebnisse hervorbringen und es tatsächlich eine Methodenfrage ist. (So funktioniert Theorie, wenn sie angewandt wird: Sie lenkt den Blick darauf, was zu beobachten sein müsste.) Aber das nur als Aufforderung.

„Bibliotheken sind heute viel mehr als ein Bücherspeicher.”

„Bibliotheken sind heute viel mehr als ein Bücherspeicher.” Die Präsidentin des Stiftungsrats der Liechtensteinischen Landesbibliothek, Christina Hilti, schrieb diesen Satz in ihre Geleitwort zur „Bibliotheksstrategie 2025”.1 Dabei war und ist sie nicht die Einzige. Vielmehr findet sich diese Aussage aktuell immer und immer wieder in Bibliotheksstrategien, in Texten, in denen sich Bibliotheken der Öffentlichkeit gegenüber vorstellen oder in denen über die Zukunft von Bibliotheken nachgedacht wird. Auch Journalistinnen und Journalisten schreiben ihn seit einig Jahren sehr gerne. Es ist klar, was dieser Satz heissen soll: Bibliotheken sind modern, entwickeln sich und so weiter.

Aber: Dieser Satz enthält eine (a) falsche und (b) auch ein wenig gefährlich Behauptung. Ich fände es gut, wenn im Bibliothekswesen etwas mehr nachgedacht wird, bevor solche Sprachbilder verbreitet werden. (Auf den Journalismus habe ich keinen Einfluss, aber auch da kommt diese Aussage ja nicht von ungefähr. Irgendwer muss die Leute ja darauf bringen, immer wieder diesen Satz zu schreiben.) Das werde in diesem Blogpost besprechen: Zuerst etwas dazu, wie Sprachbilder allgemein wirken (1), dann etwas zur Geschichte von Bibliotheken, die von diesem Sprachbild überzeichnet wird (2), anschliessend einige Überlegungen dazu, was der Effekt dieses spezifischen Sprachbildes ist (3) und im Fazit noch ein paar Vorschläge, was man anders machen könnte (4).

1.Sprachbilder

Bibliothekarische Texte verwenden, wie alle anderen Texte auch, Sprachbilder, um Zusammenhänge darzustellen, Überlegungen zu verdeutlichen, Argumente zu verstärken, Bedenken zu zerstreuen und so weiter. Aber Sprachbilder sind mehr als „nur Gerede”. Sie sind nicht unschuldig in dem Sinne, dass es egal ist, ob sie verwendet werden oder nicht.

Vielmehr produzieren erfolgreich angewendete Sprachbilder bestimmte Vorstellungen von Realität – und führen auch dazu, dass andere Vorstellungen von Realität mehr oder minder unmöglich zu denken sind. Nicht, weil es verboten wäre, sie zu denken, sondern weil sie von den wirkmächtigen Sprachbildern überdeckt werden. Meist wird durch solche Sprachbilder die komplexe Realität so weit reduziert, dass sie falsch wird. Wir kennen das: Wenn sich zum Beispiel das Bild durchsetzt, Lyrik sei vor allem unzugänglich und schwierig zu verstehen, prägt das, wie Lyrik wahrgenommen wird – auch wenn man einfach durch das Lesen von etwas Lyrik merken würde, dass das so überhaupt nicht stimmt. Aber es ist ein wirkmächtiges Sprachbild, das leider viele davon abhält, Spass mit Sprache zu haben.

Kurz: Sprachbilder verkürzen das Denken und die Wahrnehmung von der Realität. Das kann manchmal sinnvoll und notwendig sein, dass kann – in der Lyrik – auch interessante Effekte hervorbringen. Aber wenn es falsch läuft, bringen sie falsche Vorstellungen hervor und produzieren auch falsche (irrealistische) Überzeugungen. Deshalb sollten sie immer wieder einmal überprüft werden. [Ganz abgesehen davon, dass sie auch sprachlich langweilig sind. Wenn sie neu gefunden werden, im Gedicht, dann mag das interessant sein; aber wenn sie zum hundertsten Male wiederholt werden, dann vermitteln sie nur noch Überzeugung, nicht mehr sprachliche Innovativität.]

2.Bibliotheken als Bücherspeicher

Was mit dem Satz „Bibliotheken sind heute viel mehr als ein Bücherspeicher” behauptet wird, ist, dass früher [Wann?] Bibliotheken einmal „Bücherspeicher” [Warum?] gewesen wären und sich jetzt [Seit wann?] verändert hätten [Wie?], also nicht mehr „Bücherspeicher” wären, sondern modern.

Das ist schlicht und ergreifend historisch falsch.

In der ganzen Geschichte moderner Bibliotheken (lassen wir sie mit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts beginnen, ein guter Startpunkt ist „Die Volksbibliothek, ihre Aufgabe und ihre Reform” von Constantin Nörrenberg2) waren Bibliotheken nie „Bücherspeicher” – das gilt für alle Bibliothekstypen, dafür steht die Landesbibliothek in Vaduz als Nationalbibliothek und Öffentliche Bibliothek in einem ganz gut. Immer gab es Versuche – sowohl in der Literatur als auch in der Bibliothekspraxis selber – Bibliotheken als moderne Einrichtungen zu definieren und zu gestalten.

  • Niemals gab es die Idee, die Bibliothek als reine „Ausleihstation” oder „Bücherspeicher” zu betreiben. Vielmehr wurden Bibliotheken immer wieder Aufgaben zugeschrieben, die sie erfüllen sollten (oft aus den Bibliotheken selber, manchmal aber auch von aussen): Bildung, Kampf gegen die Sozialdemokratie oder für das Klassenbewusstsein, gegen den Alkoholismus oder für den Patriotismus, gegen schlechte Literatur oder zum modernen Staatsbürger, zur modernen Staatsbürgerin, die Aufbewahrung und Erschliessung des nationalen Kulturerbes. Aber niemals galten sie als „reiner Bücherspeicher”.

  • Was genau modern hiess und was Bibliotheken deswegen tun sollten, veränderte sich mit der Zeit. Es war oft umstritten, gab immer wieder auch andere Meinungen (so wie es lange nicht nur eine Form von Bibliothek gab). Aber das ist ja mit einem Blick in die Geschichte seit Ende des 19. Jahrhunderts auch zu erwarten.

  • Diese Entwicklung wurde im DACH-Raum zum Teil durch Kriege und gesellschaftliche Katastrophen unterbrochen; es war auch keine gradlinig verlaufene Entwicklung. (Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde bekanntlich in Deutschland und Österreich erstmal versucht, an die Vorstellungen und Debatten der 1920er wieder anzuschliessen. Aber man darf sich zum Beispiel deswegen nicht vorstellen, dass Bibliotheken während des Nationalsozialismus nicht „entwickelt” worden wären. Vielmehr gab es bis in die Jahre des Weltkrieges hinein massive Entwicklungen, Neubauten, Aufbau von Infrastrukturen – ganz abgesehen davon, dass in der Zeit selbstverständlich auch in der Schweiz und Liechtenstein Bibliotheken weiterentwickelt wurden.) Aber immer gab es eine Entwicklung. Und niemals eine dahin, dass die Bibliothek nur Bücher „speichern” sollten.

  • Das gilt gerade auch für Bibliotheken und Bibliothekstypen, die wir heute als unmodern und veraltet ansehen. Aber auch die „Thekenbibliotheken” der 1910er – egal ob mit oder ohne Lesesaal – hatten nicht einfach die Aufgabe, Bücher zu speichern. Sie sollten als moderne Einrichtungen wirken. Der Bestand, das ganze Sammeln, Auswählen, Managen, Vermitteln von Beständen war diesen Aufgaben untergeordnet. Es gab zu anderen Zeiten mehr Bücher in Bibliotheken als heute, aber das hatte auch mit den jeweils vorhandenen Medien zu tun – und es gab auch immer wieder Diskussionen über andere Medienformen. Das ist nicht neu.

  • Was es auch gab, waren immer Bibliotheken, die den gerade aktuellen Ansprüchen an moderne Bibliotheken nicht genügten, die schlecht ausgestattet waren, sich langsamer entwickelten und so weiter. (Und es gab lange auch solche, die aus anderen Bibliotheken heraus abgelehnt wurden, weil sie die falschen Ziele verfolgten.) „Veraltete” Bibliotheken gab es immer, aber daneben – das ist für die folgende Argumention wichtig – immer, immer Diskussionen darüber, wie moderne Bibliotheken auszusehen hätten, wie sie einzurichten wären und was für Leistung von ihnen erwartet werden könnten.

Der Unterschied ist nochmal wichtig: Einen Diskurs um moderne Bibliotheken gab es immer. Mal mehr heftig, mal weniger; mal besser untermauert, mal weniger; mal mit mehr Beteiligung, mal mit weniger – aber irgendwie gab es ihn immer. Und daneben gab es immer eine bibliothekarische Realität, die diesen Diskussionen nicht perfekt entsprach – aber das ist ja auch logisch, sonst wären die Diskussionen nicht notwendig gewesen.

3.Was dieses Sprachbild verdeckt

Was passiert nun, wenn der Satz „Bibliotheken sind heute viel mehr als ein Bücherspeicher” benutzt wird? Es wird eine Entwicklung des Bibliothekswesens behauptet, die nicht stimmt. Es wird damit auch die Realität über die heutigen Diskussionen und Darstellungen davon, was eine moderne Bibliothek sei, verzerrt.

  1. Der Versuch, Bibliotheken modern zu gestalten, ist auch historisch der Normalfall. Das heute darüber diskutiert wird, dass sich Bibliotheken zur Gesellschaft öffnen sollten, dass sie einen bunten Medienmix anbieten sollten, aber auch Lern- und Arbeitsplätze, dass sie Veranstaltungen anbieten sollten – all das ist Teil einer Tradition. Es passt in die Geschichte des bisherigen Diskussionen und ist gerade nicht neu (und, so wie es aussieht, werden auch diese Diskussionen wieder von neuen Diskussionen abgelöst werden; sie brechen eigentlich mit nichts und fangen auch so richtig nichts Neues an).

  2. Die tatsächlichen Veränderungen sind nicht die, über die geredet wird. Das Sprachbild vermitteln den Eindruck, als hätte sich bislang niemand Gedanken darüber gemacht, was die Bibliotheken sein sollten, sondern als seien bislang vor allem Bücher „gespeichert” worden – ohne grosses Nachdenken, wozu. Mit dieser Behauptung im Hinterkopf kann dann auch das Einrichten eine Bibliothekscafés als radikal neue Entwicklung angesehen werden (oder, dass man die Nutzerinnen und Nutzer auch mal fragt, wie sie die Bibliothek sehen). Aber was sich wirklich verändert (hat) sieht man so nicht. Insoweit wird man auch immer wieder die realen Entwicklungen falsch einschätzen: Als Bruch mit einer Tradition, als radikal neu, als ganz anders, als modern – aber man kann gar nicht fragen, ob sie das wirklich sind, weil man so zum Beispiel nicht sehen kann, dass die Orientierung an den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer schon lange Thema war.

  3. Die Vorstellung davon, wie die „alten Bibliotheken” waren, die jetzt verändert werden, basieren so also auf einer falsche „Rückprojektion”. Was nicht selten zu passieren scheint, ist, dass einzelne Personen ihre privaten Erfahrungen davon, wie Bibliothek „früher waren” (vielleicht zu ihrer Kindheit oder Jugend) als Basis dieser „Projektion” nutzen. Aber das ist falsch: Wie gesagt gab es immer „schlechte”, „veraltete” Bibliotheken; auch haben immer Menschen Bibliotheken etwas anders interpretiert, als die Bibliotheken selber. Es mag also sein, dass einer oder einem Jugendlichen die lokale Bibliothek damals…. 1983 (?)… als „Bücherspeicher” erschien (weil sie keine heissen Scheiben hatte?). Aber das ist nicht gleichzusetzen mit der tatsächlichen Diskussion im Bibliothekswesen, sondern vielleicht eher mit der Wahrnehmung Jugendlicher der unterfinanzierten Bibliotheken 1983 in XYZ-Stadt.

  4. Das ist auch relevant für Folgendes: Die Vorstellung, jetzt würden durch neue Diskurse die Bibliothek verändert, ist so nicht stimmig: Es ist erstmal nur eine Veränderung der Diskurse. Es scheint oft, als würde angenommen, der Diskurs sei schon eine Veränderung der Realität. Menschen stellen sich vor, zu wissen, was die Bibliothek 1983 (?) war („ein Bücherspeicher, da sind wir nie reingegangen”) und würden jetzt den Diskurs ändern („auf die Stadtgesellschaft zugehen, sie in die Bibliothek hineinholen”). Aber das sind zwei unterschiedliche Ebenen (die auf einander bezogen sind). Den Diskurs, nicht nur Bücher anbieten und nicht nur im Literaturbereich unterwegs zu sein, gab es auch schon 1983; Jugendliche, die das nicht wahrnehmen und nicht in die Bibliothek gehen, gibt es auch 2019 (vielleicht gibt es jetzt weniger davon, aber das mag eher mit den heutigen Jugendlichen zu tun haben).

  5. Man vergibt sich also, die Erfahrungen, welche schon in der Vergangenheit bei der Entwicklung von bibliothekarischen Diskursen und darauf basierenden Veränderungen der Bibliothekspraxis gemacht wurden, in die heutige Entwicklung zu integrieren. Zu vermuten ist, dass man deshalb auch bestimmt viele, viele Erfahrungen, die schon längst gesammelt wurden, noch einmal macht. Vor allem, weil nicht nachschaut wird, was schon gelernt wurde – weil man denkt, die Bibliothek früher sei „ein Bücherspeicher” gewesen, von dem man nichts zu lernen hätte.

  6. Daneben ist diese Vorstellung auch etwas beleidigend gegenüber den früheren Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, die sich immer auch schon Gedanken um die Entwicklung von Bibliotheken – auf der Ebene einer Bibliothek oder aber des Bibliothekswesens – gemacht haben. Selbstverständlich waren die auch nicht dumm und selbstverständlich haben die auch nach sinnvollen Möglichkeiten gesucht, moderne Bibliotheken zu entwickeln. Das diskreditiert man, wenn man behauptet, erst jetzt würde man sich solche Gedanken machen. (Als ob Menschen heute, 2019, klüger wären als 1890.)

  7. Falsche Vorstellungen über die vergangene Bibliotheken scheinen ein Grund für falsche Vorstellungen über langfristige Entwicklung hin zu den heutigen Bibliotheken, den Diskussionen um die Entwicklung von Bibliotheken und der Realität in Bibliotheken zu sein. Solche falschen Vorstellungen können zu falschen Entscheidungen führen (wenn man zum Beispiel gar nicht fragt, warum bestimmte Dinge so geregelt wurden, wie sie geregelt sind, sondern sich einfach vorstellt, dass das immer eine mindestens veraltete Entscheidungen gewesen wären).

Sicherlich: Solche Sprachbilder können immer schnell in die Tasten gehauen werden – vor allem, wenn sie schon so oft zuvor gebraucht wurden. Mein Tipp wäre hier aber, einfach mal von Zeit zu Zeit in ältere bibliothekarische Zeitschriften zu schauen, ganz zufällig über die Jahrzehnte verteilt oder aber gezielt aus der Zeit, von der man denkt, dass Bibliotheken damals „Bücherspeicher” gewesen seien, und dort nachzuschauen, über was damals eigentlich wirklich diskutiert wurde. Nicht selten wurde sogar tatsächlich über „Bücherspeicher”, also Magazine, diskutiert, aber nie als Leitbild von Bibliotheken.

4.Fazit

Am Ende würde ich dafür plädieren, gerade dieses Sprachbild nicht mehr zu benutzen. Es ist einfach falsch und überdeckt zu viel. [Und es ist auch langweilig geworden. Wenn schon Sprachbilder, warum dann nicht ein paar neue? Die Lyrik schafft das ja auch.] Wirklich gut wäre, sich öfter mal Gedanken darüber zu machen, was man da eigentlich sowohl in die Bibliotheken hinein als auch aus ihnen heraus für Vorstellungen transportiert, wenn man bestimmte Sprachbilder nutzt und sich dann zu fragen, ob man das wirklich will. [Ich hätte da noch einige andere Beispiele: Was soll das beispielsweise mit dem „Sofa” oder „Wohnzimmer der Stadt”, das Bibliotheken sein sollen?]

Was man unbedingt tun sollte, ist, nicht so zu reden oder zu denken, als sei man, nur weil man gerade in 2019 aktiv ist, klüger als die Kolleginnen und Kollegen vorher. Selbstverständlich hatten die in vielem nicht Recht, selbstverständlich waren viel ihrer Annahmen falsch – aber die kann man nicht sinnvoll kritisieren, indem sie abqualifiziert als quasi dumm („nur Bücherspeicher”). Wenn wir hingegen deren Überlegungen und deren Bibliothekspraktiken ernst nehmen, können wir in der Auseinandersetzung mit diesen viel besser und viel genauer darüber nachdenken, was eigentlich unsere Vorstellungen sind, wo diese herkommen und wo die tatsächlich hingehen. Wenn wir hingegen behaupten, bisher sei einfach alles unmodern und falsch gewesen, aber jetzt, weil wir gerade in unserer Zeit leben und weil wir unsere Methoden anwenden, wüssten wir es einfach besser, halten wir uns (selber) vom Nachdenken darüber ab, was sich wirklich verändert und / oder verändern sollte. Es macht uns ehrlich gesagt dümmer und überheblicher, als wir sein müssten. Veränderung gab es immer – das macht unser Zeitalter nicht aus.3

Zu lernen ist auch, dass der Zusammenhang zwischen Diskurs und Realität wohl komplexer ist, als das man erwarten könnte, einfach mit einer Veränderung des Diskurses schon die Realität massiv zu verändern. Wie gesagt: Diskussionen darum, wie eine moderne Bibliothek sein sollte, gab es praktisch immer, seit die Gesellschaft über breitenwirksame Einrichtungen diskutiert. Aber offenbar, sonst wäre das Sprachbild von den „Bücherspeichern”, die Bibliotheken angeblich früher gewesen seien, nicht so überzeugend: Die Realität, zumindest die, die wahrgenommen wurde, war offenbar nicht immer so. Es gibt keinen Hinweis, das einfach durch eine Weiterentwicklung der Diskussionen die Wahrnehmung der Bibliotheken verändert wird.

 

Fussnoten

1 Liechtensteinische Landesbibliothek: Bibliotheksstrategie 2025. Vaduz 2018, S. 2, https://www.landesbibliothek.li/wp-content/uploads/2019/01/LiLB_Bibliotheksstrategie-2025_20190130.pdf.

2 Constantin Nörrenberg: Die Volksbibliothek, ihre Aufgabe und ihre Reform. Berlin 1895, https://archive.org/details/dievolksbibliot00nrgoog. Ich verlinke die hier auch, damit man gleich einmal mit dem im Fazit angesprochenen Nachlesen in älterer bibliothekarischer Literatur beginnen kann.

3 Auch die Behauptung, heute gäbe es mehr Veränderung als früher, stimmt nicht – einfach nochmal über die Veränderung 1880-1900 nachdenken und dann mit der Veränderung 1999-2019 vergleichen. Erstere war, was leicht zu sehen ist, massiver.

Wird die Welt (um Bibliotheken) komplexer?

In den letzten Monaten ist im Bibliothekswesen immer wieder einmal eine Phrase aufgetaucht, in Gesprächen, Positions- und Planungspapieren, auf Podien: Die Gesellschaft, die Welt würde immer komplexer und unübersichtlicher. Sie sei nicht mehr zu überblicken. Der einzige Weg wäre – so wird mal direkt, mal indirekt gesagt – auf die Nutzerinnen und Nutzer zu hören. (Was dann in Design-Thinking-Workshops und ähnlichen „partizipativen Prozessen” umgesetzt wird.) Im aktuellen Positionspapier des ekz-Fachbeirats steht das direkt:

„Die Bibliothek der Zukunft wird nicht für die Bürger*innen, sondern gemeinsam mit ihnen geschaffen! Diversität und Pluralismus gehören heute zusammen mit der permanenten Informationsexplosion zu unseren Alltagsrealitäten. Das Fazit daraus: Niemand überblickt Wissensbereiche komplett, aber die Weisheit der Vielen kann Bibliotheken als Motor der Gesellschaft ganz weit nach vorn bringen!” [ekz-Fachbeirat: „Positionspapier ‹Fünf Aufgaben für die Bibliothek der Zukunft›”, 2019: 1, https://www.ekz.de/fileadmin/ekz-media/downloads/unternehmen/2019_01Positionspapier_Zukunft_der_Bibliotheken_ekz-Beirat.pdf]

Nun, ich habe etwas dazu zu sagen. Mir scheint das eine gefährliche Argumentation, eine, die nicht nur falsch ist, sondern auch die Bibliotheken schlechter macht, wenn ihr gefolgt wird. Das mag überraschen, weil zum Beispiel dieses Zitat so fortschrittlich klingt und Partizipation einen so guten Ruf hat. Es ist aber, wie ich hier argumentieren werde, eine ideologische Position, die sich aus der theoretischen Grundlage des Neoliberalismus ergibt. Und das hat, wenn ihr gefolgt wird, die gleichen Auswirkungen, wie es der Neoliberalismus im Allgemeinen hat: Die Kapitulation des eigenen Denkens und Planens öffentlicher Institutionen vor angeblichen Kräften, die von aussen „steuern”, und damit auch eine Aufgabe des Kerns dessen, was diese zu öffentlichen – Gesellschaft mitproduzierenden – Einrichtungen macht. Und gleichzeitig eine „Steuerung” dieser Einrichtungen hin zu solchen, welche die vorhandenen Strukturen (vor allem die sozialen Spaltungen) der Gesellschaften verstärken.

Dabei geht es nicht darum, hier gegen progressive Themen, die mit dieser Phrase verbunden werden wie zum Beispiel im zitierten Papier, zu argumentieren (das erwartet wohl niemand von mir): Diversität, offene Gesellschaft, Pluralismus. Alles hübsch. Aber in diesem Zusammenhang sind sie nicht Ziel einer Gesellschaftsveränderung, sondern Blendwerk.

Wir haben mit den Öffentlichen Bibliotheken in Grossbritannien seit „New Labour” schon ein Beispiel dafür, was passiert, wenn mit vorgeblich progressiven Zielen den neoliberalen Ideologemen gefolgt wird: Und es ist nicht schön. (Auch ohne „Brexit” ist der Besuch in Bibliotheken in Grossbritannien in den letzten Jahren ja immer peinlicher geworden, so wie die Gebäude zerfallen, die Bestände veralten, die Menschen in den Bibliotheken immer weniger werden und die Bibliotheken, die noch „laufen”, mit peinlichen Gift-Shops ausgestattet werden.) Es wäre gut, noch einmal innezuhalten und nachzudenken, bevor man sich auch auf diesen Weg begibt.

Um dieses Argument zu machen, werde ich ein Buch referieren, das sich überhaupt nicht mit Bibliotheken, sondern mit Architektur befasst. Das als Vorwarnung. Ich hoffe aber, dass am Ende des Textes klar ist, warum. (Bleiben Sie dabei.)

Neoliberale Architektur

Ich werde auf folgendes Buch zurückgreifen: Douglas Spencer (2016). „The Architecture of Neoliberalism. How contemporary architecture became an instrument of control and compliance.” (London; New York: Bloomsburry). Inhaltlich geht es, wie der Titel angibt, darum, wie neoliberale Ideologeme die aktuelle Architektur geprägt haben. Man könnte erwarten, das es vor allem um hochfliegende Analysen aktueller Bauten gehen würde oder aber um eine (nicht unberechtigte) Polemik gegen die ganzen Sichtbeton-Bauten.

Das ist aber nicht, was das Buch macht. Es ist vielmehr eine sehr klare Darstellung der Entwicklung neoliberaler Ideologeme, des Aufgreifens dieser durch einzelne Architekt*innen und der Gebäude, die so entstandensind. Es ist ein sehr gutes Buch, ich würde es immer weiterempfehlen. Was gezeigt wird, ist, dass (unüberraschend) die Vorstellung davon, wie die Gesellschaft und die Beziehungen zwischen Menschen funktionieren, auch bestimmt, was für Gebäude geplant und gebaut werden – und wie so aktuelle Architektur diese Ideologeme so umsetzt, dass sie faktisch zu weniger Gesellschaft und zu weniger Kontakten zwischen Menschen führen. Es geht also nicht um Ästhetik (obgleich diese ganzen Gebäude wirklich, wirklich, wirklich hässlich sind), es geht um die Gesellschaft und die Verantwortung der Architektur.

Wie gesagt folge ich dem Buch hier, werde dann wieder zu den Bibliotheken kommen.

Hayek: Alles ist zu komplex

Die Geschichte des neoliberalen Denkens ist schon oft erzählt worden: Wie die Grundideen in den späten 1920ern und den 1930ern entwickelt wurden (Popper, Mies, Hayek, Österreichische Schule, Ordoliberalismus), aber erst in den 1970ern im reale Politik umgesetzt wurde, zuerst in Diktaturen (Chile), dann von Konservativen (Reagan, Thatcher), dann von Progressiven (New Labour, SPD unter Schröder). Gerade wegen seiner Verbreitung und weil der Begriff zu einem allumfassenden Schimpfwort geworden ist, ist es aber wichtig, nochmal zu den Anfängen zurückzugehen .

Was sind die Grundideen des Neoliberalismus? Worum ging es? Erstmal ging es um eine „Rettung” des Kapitalismus. Ende der 1920er – Wirtschaftskrise, die Sowjetunion als Vorbild für eine nicht-kapitalistische Gesellschaft, Faschismus als eine ganz andere Alternative in Italien, plus Wirtschaftskrise – galt es nicht als ausgemacht, dass gerade der Kapitalismus die beste Form der Organisation von Gesellschaft und Wirtschaft darstellen würde.1 Überzeugt davon, dass er es doch sei, suchten die Vertreter des Neoliberalismus nach Gründen für seine „Schwäche” und gleichzeitig nach Wegen, zu erklären, wie er doch besser werden könne.

Friedrich von Hayek – auf den Spencer stark eingeht, der aber selbstverständlich nur einer, wenn auch einer der einflussreichsten Vertreter dieser Denkrichtung war – brachte, in Übereinstimmung mit seinen Mitstreitern, einige radikale Thesen vor:

  • Er unterstellt, dass die Gesellschaft so komplex sei, dass sie nicht zu steuern wäre. Jeder Versuch, mittels Planungen oder staatlichen Interventionen oder gross angelegten Programmen die Gesellschaft zu steuern, zu verbessern, sei zum Scheitern verurteilt. Egal, was die Planungen erreichen wollten – und seien es die hehrsten aller Ziele – würde durch Bürokratie und dadurch, dass nicht alles mitgeplant werden können, zu unerwarteten und letztlich negativen Ergebnissen führen. Vor allem würde immer die Freiheit der Menschen eingeschränkt.
  • Freiheit heisst bei Hayek vor allem die Freiheit, selbst zu entscheiden. (Nicht, wie zum Beispiel bei Keynes, die Freiheit von Gefahren, um so besser das eigene Leben gestalten zu können. Mit Isaiah Berlin gesprochen: Freiheit kann sich Hayek nur als „negative Freiheiten” vorstellen, „positive Freiheiten” seien ein Mythos, die immer mit Planung einhergehen würden und deshalb schlechte Ergebnisse hervorbrächten.)
  • Hayek setzt in dieser Argumentation alle zu seiner Zeit existierenden Alternativen zu der von ihm präferierten Formen von Kapitalismus gleich: Faschismus, Sozialismus / Kommunismus, andere Formen staatlicher Intervention, wie sie dann mit dem New Deal in den USA umgesetzt wurden. Das Problem mit all diesen sei, dass sie davon ausgehen würden, das man Gesellschaften planen könnte. (Und ja, mit dieser Argumentation wird es für Hayek dann egal, ob diese Planung aus rassistischem Denken – wie im Faschismus – geschieht oder aus dem Wunsch, eine klassenlose Gesellschaft zu schaffen oder um die Effekte des Kapitalismus abzuschwächen. Das ist ihm alles eines, weil es ihm um die angeblichen Unterschied von Planungen versus Markt geht.)
  • Was ist die richtige Alternative für Hayek (und die ganze neoliberale Schule)? Bekanntlich der Markt. Was in der Gesellschaft – nicht nur von Firmen, sondern von allen Einrichtungen, insbesondere staatlichen – gemacht werden solle, sei, nach Marktprinzipien zu funktionieren: Nach Marktsignalen suchen und auf sie reagieren – was normalerweise über den Preis funktioniert (wir erinnern uns: im Liberalismus und Neoliberalismus ist die Idee bestimmend, dass sich der Preis eines Produktes ergeben würde aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage; er würde solange steigen, solange eine Nachfrage besteht und dann nicht mehr erhöht werden können, weil die Marktsignale – es wird weniger zu einem höheren Preis gekauft – anzeigen, dass das Maximum erreicht sei); aber anderswo, wo dieser Marktsignale nicht über den Preis gegeben werden können, nachgebildet werden müsse. Nur diese Marktsignale seien in der Lage, die nötigen Informationen bereitzustellen, damit die Gesellschaft sich selber steure. Alle andere Formen der Steuerung seien fehlerbehaftet.
  • Aufgabe sei nun, alle Barrieren, diese Marktinformationen zu bilden oder wahrzunehmen sowie alle „Verzerrungen” des Preises abzubauen – weil diese dazu führen, dass die Informationen falsch verstanden würden und damit halt nicht ihre Steuerungsfunktionen haben könnte. Zu diesen Verzerrungen gehören halt auch alle staatlichen Interventionen oder grossflächigen Planungen. (Es ist also folgerichtig, für die Marktteilnehmer die grösstmögliche Freiheit – im Sinne von möglichst wenig Interventionen – zu fordern.)

Spencer zeigt nun, dass diese Idee von Hayek und anderen weitergetrieben wurde. Und hier wird es relevant, denn so werden Ideen davon, wie die Gesellschaft funktionieren würde, über den Bereich des Wirtschaftsmarktes hinaus transportiert. Logischerweise, den wie sollen sich diese Ideen auf den Bereich von Firmen beschränken? Diese Idee zielen ganz auf die Gesellschaft.

  • Wenn nur der Markt – mit seinen Hinweisen, die wahrgenommen werden und verstanden werden müssen – als Steuerungsinstanz gelten darf, dann darf es folgerichtig nur möglichst wenig staatliche Interventionen, Planungen, Eingriffe geben; eigentlich nur solche, welche die Produktion von Signalen aus dem Markt und deren Wahrnehmung stärken.2 Das mag man folgerichtig nennen, aber es geht noch weiter: Jede Form von Kritik, von systematischer Analyse, von Planung, die von anderen Grundsätzen – zum Beispiel, dass es den Menschen besser gehen soll oder das ihr Leben weniger von strukturellen Unterschieden bestimmt sein sollte – ausgeht, wird untersagt. Alles das sei unsinnig, weil es zu falschen Ergebnisse führen würde. Auch jeder andere Anspruch, zum Beispiel moralische Ansprüche oder ästhetische, sei falsch, irregeleitet. Marktsignale wahrnehmen, sie hervorrufen, sie interpretieren und darauf reagieren: Das alles sei möglich. Alles andere nicht. Umgesetzt führt das dazu, dass der gesamte gesellschaftliche Diskurs erstirbt. Man darf keine Kritik äussern (weil das die freie Produktion und Interpretation von Marktsignalen beschränken würde), nicht über Systeme oder systematische Strukturen nachdenken, weil es die gar nicht wirklich geben würde, sondern nur die Eigeninteressen von Individuen, die alle die gleichen Möglichkeiten hätten, sich zu entfalten. Dafür gibt es auch keine moralische Verantwortung – wie sollte die sich auch begründen?
  • Vermittelt wird aber auch ein Gesellschaftsbild, in dem es eigentlich keine Konflikte gibt. Alle Auseinandersetzungen seien nur unterschiedliche Interessen von Menschen, die sich am Besten über Marktprozesse ausgleichen lassen (nicht unbedingt zur Zufriedenheit aller, aber so, dass ein Optimum von Ausgleichen, der in der Gesellschaft möglich sei, erreicht würde – so, wie sich halt der Preis auch als „Optimum” bilden würde, der auch nicht alle befriedigen würde). Alle anderen Wahrnehmungen von Konflikten seien falsch. Alle politischen Bewegungen, die versuchen würden, die Konflikte anders, als durch den Markt zu regeln, seien missgeleitet (und nochmal zur Erinnerung: der grosse Feind sei die Planung; dabei traten damals fast alle politischen Bewegungen mit der Idee der Planung auf). Dieses Gesellschaftsbild hat Konsequenzen: Man stellt sich zum Beispiel vor, dass alle Menschen eigentlich gleichberechtigte Interessen hätten. Wenn man nur die ganzen politischen Ideen entfernen und die Leute miteinander kommunizieren lassen würden, würden sich die Interessen ausgleichen – wobei Kommunikation heisst, Marktsignale zu geben, nicht unbedingt miteinander tiefer zu kommunizieren. (Wenn jemand hier an „willingness to pay-Studien” denkt: genau.)
  • Wie alle anderen Ideologie – und es sollte klar geworden sein, dass der Neoliberalismus eine Ideologie ist, auch wenn er behauptet, das gerade nicht zu sein – versteht sich auch der Neoliberalismus als modern und fortschrittlich. (Das haben selbst die Ideologie gemacht, die als „rückwärtsgewandt” bezeichnet werden. Auch die haben die Vorstellung, dass sie in die richtige, moderne, einzig sinnvolle Richtungen gehen, während die Welt bislang irgendwo in der Geschichte „falsch abgebogen” sei. Der Faschismus in den 1930ern sprach nicht umsonst von „nationaler Revolution” [heute ja immer noch].) So trat schon Hayek auf, so wird auch heute aufgetreten: Neoliberale Grundsätze werden als modern, fortschrittlich bezeichnet, alles andere als fehlgeleitet, unmodern, „verkrustet” diffarmiert. Genauso wie für Hayek Faschismus, Sozialismus / Kommunismus und Staatsintervention eigentlich alle das gleiche waren – weil halt Planung –, genauso wurde im Laufe der Zeit alle anderen Kritiken, Alternativen und so weiter als gleich veraltet und verkrustet bezeichnet. (Und das konnte die Idee von demokratischer Kontrolle der Wirtschaft in Pinochets΄ Chile sein wie auch Naturschutz oder indigene Rechte in den USA in den letzten Jahren oder aber Eingriff in die eigenbestimmte Wahl der sexuellen Identität im heutigen Deutschland – was immer in der jeweiligen Gesellschaft jeweils als Ausdruck als modern gelten kann.) Das ist wichtig festzuhalten: Neoliberale Ideologeme lassen sich offenbar mit den verschiedensten gesellschaftspolitischen Grundhalten verbinden (weil sie ihnen gegenüber grundsätzlich agnositisch sind), solange diese Grundhaltungen nicht die gemeinschaftliche Einforderung von Rechten beinhaltet. Und gleichzeitig können sie immer als modern und neu präsentiert werden.

Der neoliberale Bau

In seinem Buch stellt Spencer diese ideologischen Grundlagen noch ausführlicher dar. Er führt dies dann weiter auf das Feld der Architektur. Das ist ein Feld, in dem immer wieder und immer wieder neu darüber nachgedacht wird, ob und wenn ja, welche moralischen, gesellschaftlichen und anderen Aufgaben die Architektur hat. (Im 100-Jahre-Bauhaus-Jahr sollte das nicht überraschen.) Er zeigt anhand einer ganzen Anzahl von Architekturbüros und Gebäuden, wie diese Büros mit den neoliberalen Ideologemen im Gepäck, jede moralische und gesellschaftliche Verantwortung abgelegt haben. Ergebnis sind dann Gebäude, die das eben geschilderte Denken davon, wie Gesellschaften funktionieren (sollen), umgesetzt haben.

  • Eine ganze Anzahl von Büros hat – mit dem Argument, dass der Markt vorgibt, was gebaut wird, weil nur er die richtigen Signale geben kann – sich den Anforderungen der Auftraggeber gebeugt und dabei gleichzeitig keinen Unterschied mehr zwischen den Auftraggebern gemacht. Beispiel sind hochmoderne Bauten in aktuellen Diktaturen, gebaut von Büros aus der Schweiz oder den USA. Gleichzeitig wird sich den Hauptvoraussetzungen gebeugt, die vorgegeben werden und nicht mehr danach gefragt, wie etwas anders, besser, menschlicher, ästhetischer gestaltet werden kann.
  • Die Idee, dass es eigentlich keine gesellschaftlichen Konflikte gibt, sondern einfach mit Transparenz und Individualisierung alle gezwungen werden müssen, sich als Teilnehmer*innen an einem Markt / Pseudo-Markt zu verhalten, hat dann auch zu Gebäude geführt, die genau das fördern sollen: Alles hell, alles glatt (Sichtbeton und am Rechner geplante Flächen, die keine Einbuchtungen, Ecken, Sichtschranken etc. mehr zulassen, keine Verzierungen), alles in ausdruckslosen Farben, alles Vereinzelnd: So, als müssten die Menschen einfach nur gezwungen werden, sich selber zu präsentieren – dann würden sie schon „Marktsignale” geben, die zu interpretieren wären.
  • Aber selbstverständlich ist das gar nicht der Effekt: Dadurch, dass gesellschaftliche Strukturen ignoriert werden (weil es sie in diesem Denken gar nicht gibt) und dass sich nur noch vorgestellt werden kann, dass Gesellschaft möglichst in offenen Räumen stattfinden muss (weil das Transparenz sei), werden mit diesen Gebäuden gesellschaftliche Strukturen verstärkt: Da, wo es Überwachungsstaaten gibt, wird so die Überwachung stärker; da wo es Demokratien gibt, wird die eigentliche demokratische Gesellschaft unmöglicher gemacht, weil Grundfunktionen der Demokratie – das Menschen sich nach ihren Interessen zusammenfinden, diskutieren und zu gemeinsamen Positionen finden, die sie dann mit Argumenten (und nicht als Marktsignale) verteidigen – in solchen Räumen gar nicht mehr durchgeführt werden kann. Dadurch, dass die Gebäude als hypermodern präsentiert werden wird jede Kritik an Ihnen als unmodern, rückständig gezeichnet. (Immer kann zum Beispiel behauptet werden, die Kritik sei eigentlich nur eine Neuauflage des Bauhauses und damit – 100 Jahre alt – irrelevant veraltet. Damit muss dann auch nicht mehr auf die Kritik eingegangen werden.)
  • Auffällig ist auch, dass in solchen Gebäuden versucht wird, die Komplexität, die ja eigentlich alle Gebäude haben – und die zum Beispiel beim Bauhaus noch Ansporn war, diese durch Multifunktionalität und Planung auch auf kleinem Raum zugänglich zu machen – in slicken Landschaften, die eher einfach ineinanderfliessen und einen „geglätteten Raum” präsentieren, zu verbergen. Das ist nicht selbstverständlich, das diese Gebäude heute so aussehen – die Architekturgeschichte ist voll von Gegenbeispielen.

Neoliberale Bibliothek?

Und jetzt endlich zurück zu den Bibliotheken. Warum denke ich, dass die Darlegungen von Spencer relevant für Bibliotheken sind? Ich hoffe, dass ist ersichtlich geworden: Weil das die gleiche Argumentation ist.

Nochmal zur Erinnerung: Am Anfang bei Hayek (und den restlichen frühen Vertretern des Neoliberalismus) steht die Überzeugung, (a) dass die Welt, die Gesellschaft zu komplex sei, um mit Planungen gesteuert zu werden und (b) das die einzige Möglichkeit, damit umzugehen, wäre, die Gesellschaft sich über Marktprozesse selber steuern zu lassen. Alles andere ergibt sich folgerichtig (und führt zu langweiligen Sichtbetonbauten, wo man sich nur in Cafés setzen kann, die ein*e möglichst transparent von allen Seiten sichtbar werden lassen). Es geht nicht, wie das die Verwendung des Begriffes „Neoliberalismus” als Beleidigung impliziert, darum, dass irgendwer Profit macht. Das ist „nur” ein Nebeneffekt.

Hayeks Vorstellungen im Bibliothekswesen

Mir scheint, das – parallel dazu, wie es sich in der Architektur entwickelt hat – diese Argumentation auf dem Weg ist, sich zum Teil im Bibliothekswesen festzusetzen. Wenn „partizipative Projekte” so begründet werden, dass die Welt zu komplex sei, um sie zu verstehen, und man deshalb – quasi als Produktion von Marktsignalen – nichts anderes tun könnte, als die Nutzer*innen fragen, dann ist das doch die gleiche Argumentation.

Es sind die gleichen Vorstellungen, die auch Hayek antreiben:

  • Die Idee, dass die Welt zu komplex geworden sei.
  • Die Idee, dass die Nutzer*innen – als Marktteilnehmer*innen – die Informationen hätten, wie die Bibliothek zu entwickeln sei. (Und dafür tendenzielle ein Rücknehmen der eigenen Entscheidungsfähigkeiten der Bibliothek – siehe nochmal das Zitat am Anfang dieses Textes.)
  • Der Vorstellung, dass die Gesellschaft eigentlich keine unauflösbaren Interessenskonflikte hat, sondern das man alle Konflikte ausgleichen könnte, indem man die Interessen der Nutzer*innen erfragt (die Marktsignale) und dann austariert: nicht so, dass alle zufrieden sind, aber so, wie es gerade optimal ist. (Und wer hier an die rekursiven Prozesse von Design Thinking-Projekten denkt, dieses Bauen – Testen – Evaluieren – neu Bauen – wieder Testen und so weiter: Genau. Daran denke ich auch.)
  • Dem praktischen Verbot von Kritik (nochmal in den Grundtexten zu Design Thinking nachlesen, da wird Kritik als „Bedenkträgerei” und ähnlich diffamiert und gleichzeitig eingeschränkt, dass man zum Beispiel nicht über Dinge nachdenken darf, die man nicht verändern könne), langfristigen Planungen und Zielen, die ersetzt wurden mit dem Fokus auf angebliche „Bedarfe” und Trends, die man suchen müssen, weil nur sie angeben würden, wohin sich Institutionen (hier die Bibliotheken) entwickeln sollen.
  • Der Anschluss an aktuell vorherrschende Tendenzen in der Gesellschaft, mit dem Gestus, dass jede Kritik, praktisch rückständige Kritik an diesen Tendenzen und damit unmodern sei – als wenn Kritik nicht inhaltlich wäre und auch inhaltlich eingeteilt und verstanden werde müsse. (Das Papier des ekz-Fachbeirats ist da ein sehr gutes Beispiel für: Es wird mit * gegendert, es wird Diversität betont – es wird sich also [viel mehr als man das der ekz vielleicht zutrauen würde] explizit auf die Seite des vernünftigen, progressiven Teils der Gesellschaft gestellt. Aber gleichzeitig kann jetzt jede Kritik an diesem Papier als Kritik an dieser Progressivität interpretiert werden. – Ich hoffe es ist klar, dass ich keine Kritik an dieser Progressivität habe. Dem applaudiere ich. Mein Problem ist, dass damit eine abzulehnende Ideologie kaschiert wird.]

Genauso, wie bei Hayek – dessen Denken ja erschreckende Wirkungen für Millionen von Menschen hatte, ich deute nur nochmal nach Grossbritannien und wie sich die sozialen Spaltungen da verstärken, trotz aller progressiven Terminologien seit New Labour, trotz mehr Sichtbarkeit und Erfolg von Minderheiten, trotz freiem Museumseintritt und so weiter –, ist die Frage ja, ob es überhaupt stimmt, dass (a) die Welt so komplex geworden ist, dass es (b) unmöglich geworden ist, sinnvoll und langfristig zu planen (und damit längerfristige Ziele über das reine „Überleben” der Einrichtungen hinaus zu planen) und (c) ob damit die einzige Möglichkeit nur noch daran besteht, rauszufinden, was die Nutzer*innen wollen und diesen Interessen zu folgen.

Die Antwort ist einfach: Nein, ist sie nicht. Die Welt ist nicht komplexer geworden, schon gar nicht in den letzten Jahren. Und vor allem stimmt es nicht, dass es damit unmöglich geworden sei, sinnvoll zu planen und selber Ziele zu setzen.

Nicht komplexer, sondern anders

Ich hätte eine Reihe von Argumenten dafür, dass die Welt nicht komplexer geworden ist. Das erste stammt nochmal aus einem Buch, das mit dem Bibliothekswesen gar nichts zu tun hat (auch eher zufällig dieses, weil ich es letztes Jahr gelesen habe; es könnte auch ein anderes sein): John Waller (2009). „A Time to Dance A Time to Die. The extraordinary story of the dancing plague of 1518.” (London: Icon Books) Waller berichtet über eine Phänomen aus dem Jahr 1518 in Strasbourg. Eine Frau begann, unkontrolliert und damit ohne aufhören zu können, zu tanzen. Es gab gar keine Musik dazu, sie tanzte einfach auf der Strasse, dann „steckte” sie andere an, die auch begannen, zu tanzen. Das ging über Wochen. Wie viele Menschen diese unkontrollierten Tänze aufführten, ist unklar, aber es geht um mehrere Dutzend, wenn nicht hunderte. Die Stadtverwaltung versuchte, dies unter Kontrolle zu bekommen, spätestens als die Tanzenden begannen, zusammenzubrechen und zum Teil zu sterben (andere brachen zusammen, hörten danach auf zu tanzen). Es gab verschiedene Versuche, vom Zusammensperren der Tanzenden bis hin zum Geleit zu einem Tempel für einen spezifischen Heiligen.

Was Waller in dem Buch darlegt, ist, wie schwierig für uns die damaligen Herangehensweisen, Denkmuster und auch Überlegungen nachzuvollziehen sind. Beispielsweise ist für uns nicht klar ersichtlich, warum gerade dieser Heilige als Wundertäter für dieses Problem ausgewählt wurde – es wurde nirgends dargelegt. Und dennoch gab es eine Logik, wie das Phänomen verstanden wurde und wie versucht wurde, gegen es vorzugehen: es wurde dieser Heilige ausgewählt und allen war so klar, wieso, dass dies nirgends niedergelegt wurde. Die Stadtverwaltung machte Pläne, diskutierte Lösungen, investierte Ressourcen. Was Waller betont und diskutiert – und was in den letzten Jahren immer und immer wieder in der Mediävistik diskutiert wird – ist die Frage, ob und wie wir Menschen aus dem Mittelalter überhaupt verstehen können. Was klar ist, wenn man sich konkret mit dem Mittelalter beschäftigt, ist, dass es nicht einfacher war, das man sich damals nicht weniger Gedanken gemacht hat und so weiter. Das Denken, die Handlungen und die Gesellschaften der damaligen Zeiten waren nicht einfacher. Sie waren anders. Dinge, die für uns heute oft irrelevant sind – welche Heiligen gibt es, was tun sie, wie sind sie auf Probleme zu beziehen, was ist mit unserem Seelenheil – waren damals relevant, relevant und komplex. Dafür sind andere Dinge heute für uns komplex.

Es gibt radikale Positionen in der Mediävistik, die behaupten, wir könnten die Gedankenwelt des Mittelalters gar nicht mehr nachvollziehen (oder, erweitert, irgendeines anderen Zeitalters oder einer anderen Kultur) und weniger radikale, die uns doch die Möglichkeit dazu zusprechen. Aber so oder so: Es ist heute klar, dass die Welt des Mittelalters nicht weniger komplex war. Die Menschen machten sich andere Gedanken und hatten bei anderen Problemen das Gefühl, den Entscheidungen anderer… well: Kräfte ausgeliefert zu sein, als heute. Aber das waren nicht weniger oder mehr Gedanken als heute. Alles andere ist Projektion aus der Jetztzeit in ein angeblich „einfacheres Zeitalter”.

Das gilt, so mein weiteres Argument, auch für die letzten Jahrzehnte. Die Behauptung, dass die Welt, die Gesellschaft JETZT so komplex geworden sei, dass man sie nicht mehr zu steuern sei, setzt voraus, dass sie es vorher nicht wahr. Aber das geht überhaupt nicht logisch damit einher, dass Hayek das Gleiche schon in den 1930ern behauptet hat. Oder das in den 1970ern Bibliotheken vor der „Informationsflut” warnten, die sich nicht mehr bewältigen würden. Oder das Bibliotheken in den 1990ern behaupteten, mit dem Internet sei die Welt zu unübersichtlich geworden, um sie zu ordnen und zu steuern. Und so weiter. Seit Jahrzehnten wird behauptet, jetzt sei die Welt zu komplex, vorher sei sie es nicht gewesen: Aber das wird nie nachgewiesen, es wird einfach im Vorbeigehen auf die jeweils aktuelle Informationstechnologie verwiesen. Meine Gegenthese: Die Welt ist nicht komplexer, sie ist „nur” anders geworden (in einigen Bereichen besser, in anderen schlechter). Wir Menschen sind alle noch mit den gleichen Möglichkeiten in der Welt, wie die Menschen vor 100 Jahren, wir haben Tools dazubekommen, aber die können wir alle bedienen oder nicht bedienen. Das macht keine neue Komplexität aus, schon gar keine, welche die Gesellschaft mehr oder weniger steuerbar macht, als vorher.

Noch ein Argument: Was Komplex erscheint, ist immer auch eine Wahrnehmungsfrage. Nochmal zum Papier des ekz-Fachbeirats: Dort wird postuliert, durch zunehmende Diversität und Pluralität sei die Welt komplexer. Aber stimmt das? Der Eindruck mag sein, dass man zum Beispiel früher nur von Mann und Frau in heterosexuellen Beziehungen ausgegangen wäre, aber jetzt würde man akzeptieren, dass es nicht einfach nur Mann oder Frau sein kann, sondern das Menschen unterschiedliche Interpretationen ihrer Geschlechtsidentität haben und das gleichzeitig alle möglichen Formen von Beziehungen gelebt werden können [und, um dem ekz-Fachbeirat auf Respekt zu geben, wo er verdient ist: dass das etwas Gutes ist]. Nur: Ist das wirklich komplexer? Ein kurzer Blick in Foucaults‘ „Sexualität und Wahrheit” zeigt ja, dass auch „in einfacheren Zeiten” ständig Arbeit daran geleistet werden musste, die beiden Geschlechter „herzustellen”, zu leben und gleichzeitig alle anderen möglichen Lebensformen zu erfassen, zu definieren und „abzugrenzen”. Ist es nicht eher so, dass sich diese diskursive Arbeit einfach verschoben hat? Anstatt ständig sich und anderen versichern zu müssen, wer oder was in das eine oder andere Geschlecht hineingehört oder wer gerade bezogen auf sein / ihr Geschlecht etwas „falsch” macht und Angst zu haben, dass diese Binarität irgendwie aufbricht (zum Beispiel durch nicht-heterosexuelle Beziehungen oder Menschen, die sich nicht in das Geschlechterschema pressen liessen), setzt sich heute [zumindest beim vernünftigen, progressiven Teil der Gesellschaft] die Haltung durch, dass alle diese Identitäten und Beziehungsformen okay sind. Man kann vielleicht heute mehr Erfahrungen machen, aber ist es wirklich komplexer und mehr Arbeit? Ich denke, gerade nicht. Dafür ist ja die ganze andere intellektuelle Energie eingesparrt, mit der man die Binaritäten aufrechterhalten wollte. [Was es komplex macht ist doch nicht, dass die Binarität aufgebrochen wird, sondern das daneben noch einen anderen, anti-progressiven Teil der Gesellschaft gibt.]

Und noch ein Argument, diesmal ein persönliches: Ich lebe ja seit einigen Jahren praktisch in drei Städten gleichzeitig: Chur (Kleinstadt), Berlin (Metropole) und Lausanne (Grossstadt). Ich denke, langsam kann ich das Leben in diesen gut miteinander vergleichen. In der allgemeinen Erzählung müsste das Leben in Berlin am komplexesten sein, weil da mehr Menschen, mehr Diversität, mehr Angebote, mehr alles ist, als in Lausanne; und in Lausanne komplexer als in Chur. Das ist aber überhaupt nicht so. In allen drei Städten gibt es zum Beispiel spezifische soziale Erwartungen, die zu erfüllen sind, um nicht als unanständig aufzufallen und andere soziale Regeln, um an gesellschaftlichen Orten zu kommunizieren. Die sind jeweils den Umständen entsprechend angepasst (beispielsweise in Berlin eher die Erwartung, dass man im Café in Ruhe gelassen wird und andere in Ruhe lässt, weil so viele unterschiedliche Menschen miteinander auskommen müssen; während in Chur eher erwartet wird, das man zumindest in kurze Gespräche verwickelt wird, dabei mitmacht und das man eher – aber gerade auch nicht immer, nicht creepy – in Gespräche an anderen Tischen eingreifen kann, weil weniger Menschen sich eher öfter sehen und deshalb eine Beziehung zueinander aufbauen sollten). Diese Regeln sind anders, aber nicht mehr komplex in Berlin oder weniger komplex in Chur. Komplexität erklärt nicht den Unterschied zwischen ihnen.

Der Markt ist nicht die Lösung

Wenn jetzt aber das Argument gar nicht stimmt, dass die Welt immer komplexer würde und gerade jetzt „zu komplex” sei – dann stimmen auch die Reaktionen darauf nicht. Die Idee, die Interaktionen zwischen Bibliothek und Nutzenden dem Markt nachzugestalten, ist gar keine Lösung für dieses Problem, weil es das Problem gar nicht gibt. Und damit werden auch die Konsequenzen – dass man aufhört, zu planen, zu kritisieren, nachzudenken, Gesellschaft zu ermöglichen – unnötig. Genauer: Man kann daran gehen, zu fragen, ob es nicht sogar – das ist jetzt vielleicht ironisch – ungewollte Effekte gibt, wenn man diese These von der „zu grossen Komplexität” akzeptiert.

Ich würde sagen, dass es diese Effekte gibt und sie sehr schlecht sind.

  • Ersteinmal ist die Verengung des Begriffes „Partizipation” auf „lass die Nutzenden sagen, was sie wollen” gefährlich, weil es die tatsächlichen demokratischen Potentiale von Partizipation einfach wegwischt. Partizipation heisst, Macht über Entscheidungen zu teilen, nicht Macht angeblich abzugeben, aber dann ja doch zu behalten, weil man am Ende doch die Entscheidung trifft. Wirkliche Partizipation heisst auch, zu akzeptieren, dass es unterschiedliche Interessen und das es gesellschaftliche Strukturen gibt – und diese sichtbar zu machen und dann auszuhandeln, nicht in einem allgemeinen „alle dürfen mal was sagen” zu übergehen. Das alles geht nicht, wenn man Partizipation mit „Design Thinking” oder Co-Design-Workshop gleichsetzt: Diese ganzen Verfahren gehen davon aus, dass alle Nutzenden gleich, mit den gleichwertigen Erfahrungen, den gleichwichtigen Zielen und so weiter existieren und auftreten würden – was selbstverständlich in unseren Gesellschaften nicht der Fall ist. Diese ganzen Verfahren, die so tun, als wären die Interessen der Nutzenden auf einem Pseudo-Markt zu verorten (und nicht in einer Gesellschaft) und man müsste nur ein Verfahren, dass ähnlich ausgleichend funktioniert wie die Preisbildung, finden, dann würde man auch deren Interessen austarieren können, entziehen den Bibliotheken diskursiv die Möglichkeit, planen, handeln oder ihr professionelles Wissen einbringen zu können.
  • Zudem gehen diese Verfahren und dieses Denken immer davon aus, dass die Nutzenden besser wüssten, wie die Bibliothek zu entwickeln sei. Aber das stimmt ja nicht, nicht mal theoretisch. Selbst wenn die Welt zu komplex wäre und zu verwirrend, um sie ganz zu erfassen – wären die Nutzenden genauso dieser Welt ausgesetzt wie die Bibliotheken. Nutzende wissen es auch nicht besser. Sie können andere Sichtweisen einbringen, aber sie können den Bibliotheken die Entscheidung nicht abnehmen.
  • Am Gefährlichsten scheint mir aber diese Verbindung von neoliberalen Ideologemen und Progressivität. Genau das schildert Spencer auch in der Architektur: Da werden in China für Weltmeisterschaften Stadien gebaut, in denen die Überwachung (als „Transparenz”) gleich mit eingebaut ist – und das wird dann doch (im Architekturbüro im schweizerischen, demokratischen Basel) als hypermodern und fortschrittlich dargestellt; Kritik daran hingegen als „bedenkträgerisch” und rückständig. Wer sich die Grundlagentexte zum Beispiel zu Design Thinking durchliesst, wird auch auf solche Formulierungen treffen. Auch da wird „erstmal” verboten, Kritik zu äussern, weil das angebliche Kreativität zurückhalten würde (und diese Kritik dann niemals mehr wieder erlaubt). Von solcher angeblichen Modernität sollte man sich nicht aufhalten oder blenden lassen. Selbstverständlich kann und sollte man immer kritisch sein und auch nach Strukturen fragen. Die Grundthese ist falsch, Kritik an ihr ist nicht unmodern. (Und wenn die jeweilige Kritik schon älter ist: (a) Sind die Grundthesen des Neoliberalismus auch schon alt, (b) ist die Kritik deshalb nicht falsch.)

Nein, die Welt ist nicht zu komplex

Und deshalb finde ich es gefährlich, wenn Bibliotheken die Behauptung nachreden, dass die Welt jetzt (gerade jetzt) zu komplex geworden sei. Sie ist nicht zu komplex geworden, sie nur anders geworden. Aber das wird sie immer: Die Welt ist anders als zu der Zeit, als Hayek versuchte, die Kapitalismus zu retten. Sie wurde auch anders, als die „Tanzwut” 1518 in Strasbourg abebbte. Gab es nämlich vorher den ganzen Rhein entlang über einige Jahrhunderte solche Vorfälle, gab es sie nach 1518 nicht mehr – und wenn man Waller folgt, dann vor allem weil sie die Gesellschaft veränderte. Jetzt lockert sich zum Glück endlich dieses enge Zwangskorsett der Geschlechterordnung, das im 19. Jahrhundert so fest gezogen wurde (und vorher, hier nochmal Foucault lesen, auch anders war). Damit wird es anders; besser, weil weniger Menschen leiden und mehr Menschen sinnhafte Beziehungen führen können – aber nicht komplexer. Jetzt gibt es mehr Informationen als vorher, aber auch das macht die Welt nicht komplexer. Das es „zuviele Informationen” gäbe, ist auch eine Jahrzehnte-alte Klage. [Mehr Geschichte würde vielleicht helfen, diese Veränderungen als Veränderungen, nicht als Gefahr wahrzunehmen.]

Die Welt ist für die Bibliotheken nicht komplexer geworden, nur anders. Man kann genauso gut oder schlecht wie vorher Planen, Ziele anstreben, über die Aufgaben der Bibliothek nachdenken. Das sind gute Nachrichten, aber vielleicht für Einige auch schlechtere:

  • Das Argument von der „Komplexität” nimmt den Bibliotheken nicht ihre Verantwortung dafür ab, darüber zu entscheiden, wie sie sich entwickeln sollen oder können. Und auch nicht moralische Verantwortung für diese Entscheidungen. Egal, welche Methoden man einsetzt, um zu den Entscheidungen über die Entwicklung einer Bibliothek zu kommen, es ist immer die Verantwortung der Bibliothek. Es gibt keine unsichtbare Hand des Marktes oder Pseudo-Marktes, die das regelt.
  • Das heisst auch, dass es weiter keinen Grund gibt, sich im ständigen Nachjagen von Trends zu versuchen, dabei zu scheitern und sich dann zu beschweren, dass niemand sagt, wie man die Trends nachverfolgen soll. Folgt man der Argumentation, dass alles, was man machen könnte, wäre, Marktsignalen zu folgen, weil Planungen immer schlechte Ergebnisse haben – dann wäre das vielleicht ein sinnvolles Vorgehen. Die Argumentation stimmt aber nicht, das Bibliotheken das trotzdem tatsächlich die ganze Zeit machen, ist deren Entscheidung. Solch ein Hinterherjagen kann viel Arbeit erzeugen, aber es verhindert offenbar oft, langfristig zu planen und sich darüber klarzuwerden, was man selber will, dass die Bibliothek tut (denn, wie gesagt, die Hoffnung, das auf die Nutzenden abzuschieben, ist nicht mal theoretisch sinnvoll).
  • Ebenso nimmt das den Bibliotheken nicht die Verantwortung dafür, falls sie sich wirklich selber gegenseitig einreden (oder sich einreden lassen), dass die Welt zu komplex würde. Es bleibt ihre Verantwortung nachzuschauen, ob das ein richtiges Argument ist und daraus Konsequenzen zu ziehen (also es zu akzeptieren und denn „Marktkräften” der Interessen der Nutzer*innen zu überlassen oder aber doch tiefer nachzudenken, zu planen und dafür die Verantwortung zu übernehmen).
  • Das heisst übrigens nicht, dass es falsch wäre, darüber nachzudenken, wie man (intern und extern) mehr Partizipation einführen, einüben und umsetzen kann. Aber man sollte einen Grund für diese Partizipation haben (zum Beispiel mehr Blickwinkel einnehmen, Demokratie üben, Verantwortung teilen, Hierarchien abbauen) – und nicht einfach die Generierung von Pseudo-Marktsignalen mit Partizipation verwechseln. Diese Tendenz ist wirklich zurückzuweisen. (Sie fördert, dass man weniger Demokratie übt, weil sie mit kurzen Meinungsäusserungen gleichgesetzt wird und sie entzieht Bibliotheken tatsächliche Potentiale von Beteiligung.)

Es ist bei den Bibliotheken wie in der Architektur: Man kann diesen Weg gehen, sich von „Kräften ausserhalb unseres Verständnisses” treiben lassen und damit eher in die Richtung gehen, gesellschaftliche Entwicklungen zu ignorieren und damit die eh schon vorhandenen Strukturen zu stärken. Oder aber das Argument zurückweisen und schauen, ob man mit Planung und langfristigen Überlegungen die Bibliotheken (und die Welt) doch besser machen kann.

(Das macht dann vielleicht das Planen schwieriger, dafür aber sinnvoller. Ein Beispiel noch: Bei Spencer wird dargestellt, wie diese Überzeugung, dass man eh nicht versteht, wie Gesellschaft funktioniert und das eigentlich nur alle miteinander transparent sein müssen – weil es ja eigentlich keine wirklichen Konflikte gäbe – dazu, dass diese hässlichen, unwirtlichen „Kommunikationsorte” gebaut werden, umgeben von Sichtbeton und in hohen Räumen – wir alle haben das bestimmt schon oft gesehen. Aber Bibliotheken machen das auch, wenn sie glauben, wenn man nur baulich irgendwie die Leute dazu bringt, in „Landschaften” nebeneinander zu sitzen und sich zu sehen, würde damit Kommunikation und Gesellschaft hergestellt – was halt dann doch kaum klappt, weil es soziale Regeln gibt. Diese Reduktion im Denken führt dazu, dass man vielleicht neue Tische und Stühle aufstellt – aber dann doch aufzuhören scheint, darüber nachzudenken, was das bringen soll. Dabei gibt es keinen Grund dafür, aufzuhören nachzudenken. Ausser die ideologischen Grenzen des neoliberalen Denkens. Ohne diese wäre es viel verständlicher, wenn sich Bibliotheken hinsetzen und schauen würden, wie zum Beispiel bei Ihnen um die Ecke im Café Gesellschaft hergestellt oder nicht hergestellt wird – und dann daraus lokale Schlüsse zu ziehen. Aber das ist nicht vorgesehen, wenn man behauptet, alles wäre eh zu komplex, um es zu verstehen.)

 

Die Gesellschaft ist von Menschen gemacht. Jede. Deshalb ist sie auch für Menschen verständlich. Die Behauptung, sie sei zu komplex, mystifiziert das nur. Bibliotheken sollten sich nicht auf diesen Mythos einlassen – das würde sie nur zum Spielball anderer Interessen machen, und im schlimmsten Falle zum eigenen Niedergang beitragen, wie es ja in Grossbritannien passiert ist.

 

Fussnoten

1 Man sollte auch nicht so tun, als wäre die „Chicago School”, in der die meisten dieser Ideen zusammenkamen, die einzige Institution gewesen, die sich mit dieser Frage beschäftigten. Keynes versuchte es zum Beispiel auch, aber mit ganz anderen Grundideen. Neoliberalismus war auch schon am Anfang nicht alternativlos, ist er auch heute nicht.

2 In den 1980ern, als auch Bibliotheken darüber diskutierten, ob sie „Informationsvermittlungsstellen” werden sollten und gleichzeitig mehrere Anbieter versuchten, mit Informationen und Dienstleistungen zu Informationen Geld zu verdienen, wurde von letzteren diese Position vertreten: Der Markt dürfe nicht „verzerrt” werden, indem Bibliotheken kostenfrei Dienstleistungen anbieten – wenn überhaupt (um eine Informationsgerechtigkeit zu erreichen) dürfe die Nachfrageseite gestärkt werden, also Menschen des Geld gegeben werden, um Dienstleistungen einzukaufen. Was man als Versuch verstehen könnte, mehr Profit zumachen; was sich aber auch aus dem neoliberalen Denken ergibt, ohne Profitabsicht: Wenn man davon überzeugt ist, dass nicht Planung, sondern Informationen aus dem Markt die beste Form von Steuerung sind, dann darf das nur auf diese Weise geschehen – Menschen dürfen in den Status von Markteilnehmer*innen gesetzt werden, aber nicht die Wirtschaft anders organisiert werden. Ist das sinnvoll? Nur mit diesem Gedankenhintergrund.

Welche Vorbilder wählt sich das Bibliothekswesen und wieso? Einige Überlegungen

Letztes Wochenende fand in Genf die Fête de la Musique statt. Anders als anderswo ist das in Genf nicht der Tag des Sommeranfangs (21. Juni), sondern das ganze Wochenende nach diesem Tag (Freitag bis Sonntag, diesmal 22-24. Juni). Aber ebenso wie anderswo: Musik, vornehmlich draussen, umsonst, mit verschiedensten Musikrichtungen, sehr lokal geprägt (also Bands und so weiter aus Genf, was bei der doch internationalen Stadt Genf halt auch heisst, sehr international geprägte Musik). Da sich der Grossteil der Bühnen in Genf in der Altstadt und neben der Altstadt im Parc des Bastions befindet, gab es hier auch recht zentral all die Essens- und Getränkestände, symphatischerweise nicht von grossen Caterern, sondern vor allem von Vereinen betrieben, die so Geld für ihre jeweiligen Vereinszwecke sammeln. Auch die Infrastruktur: Sehr nett. Kostenfreie und saubere WCs (im Vergleich), überall Brunnen mit Trinkwasser.

Und mittendrin hat die Öffentliche Bibliothek eine Bühne, genauer: Von den Öffentlichen Bibliotheken der Stadt hat einer der 13 Standorte (Bibliothèque de la Cité) eine Abteilung für Musik (Espace musique) und diese Abteilung wiederum hat einen eigenen Bibliotheksbus (Mobithèque) (neben dem Bibliotheksbus – Bibli-o-bus – für die kleinen Orte im Kanton, aber ausserhalb der Stadt Genf selber, den es auch gibt), welcher die ganzen drei Tage bei der Fête de la Musique auch Programm bietet: Filme, Quiz, Chanson, DJs.

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Der DJ beginnt mit seinem Set und geht dabei gleich symphatisch mit ab. Später wurde getanzt (inklusive vieler Kinder, deshalb hier keine Bilder davon).

Auch das war ganz nett. Aber wie wir so bei der Mobithèque sassen, dem DJ (Abraham Licorne, wenn ich das vergangene Programm richtig lese) zuhörten, wie er so einen sehr aufbauenden Mix von Funk, Swing, Rap und Elektro auflegte und wir den Leuten zuschauten, wie sie am warmen, sommerlichen Abend tanzten und auch sonst alles im Rahmen ganz symphatisch fanden, begann ich mich eines zu fragen: Warum ist eigentlich nicht das – die Bibliothèques Municipales de la Ville Genève und ihre Angebote, die direkt zu den Menschen gehen – ein Vorbild für Bibliotheken im deutsch-sprachigen Raum?

Was ist Vorbild – und was nicht?

Je länger der Abend dauerte, umso mehr stellte sich mir diese Frage: Wie wird eigentlich im Bibliothekswesen ausgewählt, welche Bibliotheken als Vorbild gelten und was von ihnen als vorbildhaft gilt? Damit einher geht selbstverständlich immer die Frage, was gerade nicht ausgewählt wird. Der Diskurs (der mal wieder) über bestimmte Vorbilder ist selbstverständlich eine Verständigung darüber, was als denk- und machbar gilt. Gleichzeitig errichtet er ein „Aussen” von Lösungen (in diesem Fall: Bibliotheken), die als nicht vorbildhaft gelten, als nicht denkbar, nicht umsetzbar, als bestenfalls utopisch. Und das vor allem als Diskurs, als System von Worten, Aussagen und Denkweisen. Denn: Ich sass dort im Park und hörte dem DJ, der in der Mobithèque auflegte, zu. Das gibt es real. In einer sehr internationalen Grossstadt mit allen ihren netten und nicht-netten, verrückten und langweiligen Menschen, mit all ihrer Infrastruktur, ihrer Wirtschaftsorientierung, dem „Weggucken” bei all den Quasi-Diktatoren, die dort wohnen, bei ihrem spezifischen Verständnis von Wohlfahrt. Es ist also gar nicht so utopisch; es ist schon gebaut. Aber es ist nicht als Vorbild im deutschsprachigen Diskurs drin.

So erscheint es im deutschsprachigen bibliothekarischen Diskurs praktisch als unmöglich: Ein Bibliotheksverständnis, das eher auf viele kleine Filialen, die dafür dort sind, wo Menschen wohnen, setzt; auf Programme, mit denen zur Bevölkerung gegangen wird, mit Bücherbussen und persönlichen Angeboten. Mit einer Agenda, die so viele Veranstaltungen beinhaltet (ein Teil in Kooperation mit anderen Einrichtungen, aber der Grossteil von der Bibliothek selber organisiert), dass sie mehrfach im Jahr, zum Teil nur für bestimmte Themen (zum Beispiel Musik) gedruckt werden muss? Warum erscheint so ein Verständnis von Bibliothek nicht als vorbildhaft, warum werden Bibliotheken im deutschsprachigen Raum, die auch eher auf solche Strukturen setzen, eher als unzeitgemäss angesehen? Das zum Beispiel Zürich oder Wien so viele Filialen haben, wie sie haben, erstaunt ja heute schon eher. Thematisiert wird es kaum.

Dabei, so wurde eigentlich klar, während der Abend weiterging, haben die Nutzerinnen und Nutzer da gar nichts dagegen.

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Nur mal zwei der aktuellen Programme der Bibliothèques Municipales de Genève. (Das Motto „une fenétre sur le monde“ heisst übrigens „ein Fenster zur Welt“. Auch das symphatisch.)

Was macht „unsere Vorbilder” aus?

Bislang habe ich schon mehrfach (hier im Blog und anderswo) darauf hingewiesen, dass es eine Tradition in den deutschsprachigen Bibliothekswesen gibt, die eigentlich einer Erklärung bedarf: der ständige Blick in die USA, nach Grossbritannien und „Skandinavien” (ohne Island, selten nach Finnland, dafür manchmal in die Niederlande) und die dortigen Bibliotheken. Die Tradition gibt es seit Langem, auch durch verschiedene politische Systeme hindurch. Sie war nicht immer so stark (man findet in älteren bibliothekarischen Zeitschriften zwar auch diesen Blick, aber doch mehr Artikel, die andere Bibliothekswesen vorstellen; es war also eher „bunter”), sie scheint heute auch viel fokussierter auf Teilaspekte der dortigen Bibliothekswesen als früher. Aber sie erklärt zum Teil, warum das Bibliothekswesen in Genf nicht als Vorbild gilt.1

Aber neben dieser Tradition fiel mir an diesem Abend zusätzlich auf, dass die „Vorbild-Bibliotheken”, welche in den bibliothekarischen Texten vorgestellt, in organisierten Informationsreisen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren besucht und auf Konferenzen als Beispiel angeführt werden, nicht nur in diese Tradition passen, sondern einige andere Gemeinsamkeiten haben.

In meiner „aktiven Zeit” im Bibliothekswesen (etwas mehr als zehn Jahre) hat es drei dieser grossen Vorbilder gegeben:

  1. Die Idea Stores in London
  2. Die Openbare Bibliotheek Amsterdam, Centrale Bibliotheek
  3. Dokk1 in Århus2

Ich gehe mal davon aus, diese bekannt sind. (Und wenn die Idea Stores unbekannt sind und schon lange nichts mehr von ihnen vermeldet wurde, ist das auch nur bezeichnend, siehe weiter unten.)

Es gibt eine Anzahl von Gemeinsamkeit bei diesen drei Vorbildern:

  1. Es ging bei allen drei um einen aktiven Stadtumbau, in welchen die Bibliotheken einbezogen wurden. Die Idea Stores waren Teil der aktiven Aufwertung von Wohnquartieren. Es wurden Bibliotheken geschlossen, die – so die Argumentation – veraltet waren und neue Stores gebaut, die unter anderem durch ihr Design und ihre Architektur Moderne ausstrahlen und dazu beitragen sollten, dass sich die Quartiere erneuerten. Die Centrale Bibliotheek und das Dokk1 sind noch expliziter Institutionen, die zur Aufwertung von ehemals industriell genutzten Häfen beitragen sollen. Beide Male war die Aufgabe, welche sich die Stadtverwaltungen stellten die, Häfen, die lange die Stadt vom jeweiligen Wasser trennten, neu in die Stadt einzubinden. Es trafen sie ja auch die gleichen Entwicklungen (und nicht nur sie) in der Logistik, die in den letzten 10-15 Jahren weltweit „Häfen freimachen”. In diesen beiden Fällen wurden – nicht nur – Bibliotheken als Mittel gewählt, diese Öffnung zur Stadt zu erreichen.
  2. In allen drei Fällen ging es um Architektur. Alle Gebäude wurden explizit als zeitgenössisch, überwältigend und eindrücklich konzipiert. Sie sollen – so würde ich es interpretieren – alle eine gewisse Offenheit, Helle und Moderne repräsentieren. Ob sie das erreichen ist eine andere Frage. (Mir persönlich scheinen vor allem die Idea Stores und das Dokk1 erstaunlich abweisend.) Aber es war und ist auffällig, wie oft die Architektur im Mittelpunkt von Darstellungen dieser Bibliotheken stand und wie oft Texte vor allem mit grossen Architekturbildern dieser Bibliotheken bebildert wurden.
  3. Um was es viel weniger ging, bei den Texten zu diesen drei Beispielen, war die Funktionalität der Gebäude selber. Sicherlich wurden sich bei den Bauprojekten darüber Gedanken gemacht. Aber in den Darstellungen überwog eher, wie die Gebäudeals Gebäude und stadtplanerische Statements wirken sollen (also ein architektonischer und vielleicht auch stadtplanerischer Blick) und weniger, wie sie tatsächlich im Alltag für bibliothekarische und andere Aufgaben wirken (also ein bibliothekarischer Blick). Ein wenig so, als würde sich auch in der bibliothekarischen Literatur eher für die Gestalt als für den Inhalt interessiert.
  4. Bei allen drei Beispielen wurde postuliert, dass eine Lösung vorgeblicher bibliothekarischer Probleme (dass das Bild der Bibliotheken schlecht wäre, dass sie veraltet seien, dass sie immer weniger Nutzerinnen und Nutzer hätten) darin bestehen würde, die Bibliotheken mit anderen Einrichtungen zusammenzulegen und als gemeinsame Einrichtungen zu betreiben. Bei den Idea Stores mit der Erwachsenenweiterbildung, in Amsterdam mit Theater, Radio und anderen Einrichtungen, im Dokk1 gleich als Kulturzentrum. Dies wurde auch in der deutschsprachigen Literatur immer wieder als vorbildhaft herausgestellt. (Es ist eigentlich keine sonderlich neue Idee und auch anderswo schon mehrfach umgesetzt. Dennoch wurde es immer wieder als neu herausgestellt.)
  5. Damit einher ging, dass bei den drei Vorbildern moderne bibliothekarische Arbeit vor allem als Arbeit entworfen wurde, die über einen gewissen „traditionellen Kern” hinausgehen würde. Mehr Veranstaltungen, Makerspaces (Amsterdam, Århus), Bildungsberatung (London) und so weiter. Auch das war eigentlich nichts Neues, aber es wurde immer wieder als vorbildhaft dargestellt. Was weniger diskutiert wurde, war die eigentliche bibliothekarische Aufgabe dieser Einrichtungen. Stattdessen diskutiert wurden (vorgeblich) hinzukommende Aufgaben und Angeboten.
  6. Vielleicht ist es nur mein Eindruck, aber mir scheint, dass die potentiellen Nutzerinnen und Nutzer, die in den „Vorbild-Bibliotheken” angestrebt werden (und die auf den Bildern in den Artikeln zu sehen waren), trotz aller Betonung von Offenheit und Urbanität doch sehr eingeschränkt sind: sehr kleinbürgerlich, selbstmotiviert, bildungs- und aufstiegsorientiert, kreativ in dieser sehr aufgeräumten Weise, „vernünftig” im Sinne von Leuten, denen man weder Ekstase noch durchgetanzte Nächte zutraut [im Gegensatz zu DJs auf der Fête de la Musique, die zumindest an solche „unsinnig” kreativ verbrachten Nächte erinnern] und „vernünftig” im Sinne von auf Harmonie und Ausgleich ausgerichtet [und eben nicht auf die Thematisierung von Widersprüchen und gesellschaftlichen Strukturen]. Halt „ordentliche, vernünftige Leute”. Welcher Herkunft, sexueller Identität, religiöser Haltung et cetera scheint egal, solange sie „vernünftig” sind. Halt doch nur ein Teil der Gesellschaft.
  7. Bei der Darstellung der Vorbilder fällt im Nachhinein auch auf, dass sie praktisch nur als solitäre Einrichtungen dargestellt wurden; nicht als Teil des jeweiligen lokalen Bibliothekswesens. (Das hat sich ja auch in vielen „Bibliotheksreisen” gezeigt, die immer vor allem zu der einen Bibliothek gingen; als würde man aus den anderen Bibliotheken drumherum nicht viel lernen können.) Ob die jeweiligen Einrichtungen überhaupt eine Besonderheit darstellen oder eine Tradition fortsetzen; wie sie sich in das jeweilige Bibliothekssystem einliessen, wurde kaum gefragt. [Gerade beim Beispiel in Amsterdam wurde das am genutzten Namen für die Bibliothek manchmal auffällig: Openbare Bibliotheek Amsterdam heisst einfach Öffentliche Bibliothek Amsterdam – und von denen gibt es mehrere. Die Centrale Bibliotheek (Zentralbibliothek) über die gesprochen wurde, wurde aber oft so besprochen, als wäre es die eine und einzige Öffentliche Bibliothek in Amsterdam, deswegen wurde sie auch oft einfach „Openbare Bibliotheek” genannt.]
  8. Ebenso im Nachhinein (also zumindest für die Idea Stores und die Bibliothek in Amsterdam, aber jetzt eigentlich auch für die in Århus) fällt auf, dass sie nach den Phasen, in denen sie als Vorbild dargestellt und besucht wurden, eigentlich nicht mehr in der deutschsprachig bibliothekarischen Literatur auftauchen. Oder anders: Dargestellt wird der Anfang, aber nachher scheint kaum jemand nachzuschauen, wie sich diese Vorbilder entwickeln. Wie soll man das interpretieren? Geht es vor allem um den Eindruck des Neuen, nicht um das tatsächliche Funktionieren?

Ist das naturgegeben, dass gerade solche Bibliotheken ausgewählt werden, um in ihnen etwas neues oder vorbildhaftes zu finden? Ist es naturgegeben, dass sie so angeschaut und dargestellt werden, wie sie es werden? (Also Fokus auf die Architektur, wenig Fokus auf die Aufgaben, die der jeweiligen Einrichtung zum Beispiel bei der Stadtplanung zugeschrieben werden.) Selbstverständlich nicht. Man könnte andere Bibliotheken wählen, man könnte Bibliothekssysteme (und nicht einzelne Einrichtungen) anschauen, man könnte anderes thematisieren (zum Beispiel die Funktionalität von Gebäuden oder die Verdrängungsprozesse, an denen Bibliotheken (ungewollt) beteiligt sind, wenn sie als Teil der Aufwertung von städtischen Räumen angesehen werden). Man könnte auch Bibliotheken ausserhalb grosser Städte als Vorbild nehmen. Das ist alles möglich und in den letzten 100-125 Jahren ist das auch getan worden. Es ist also eigentlich erklärungsbedürftig, warum es heute so getan wird, wie es getan wird.

Was sagen unsere Vorbilder über uns aus?

Als ich nun in Genf neben der Mobithèque sass und über all dies ein wenig nachdachte, fiel mir ein Satz ein, der diese ganzen Überlegungen ganz gut zusammenfasst:

Es ist politisch, was man als Vorbild nimmt, was man nicht als Vorbild nimmt sowie was man an Vorbildern als vorbildhaft thematisiert und was nicht.

Eigentlich ziemlich einfach. Bei Menschen ist das auch nicht anders. Ob ich es als sinnvoll ansehe, Vorbilder zu haben oder nicht ist eine Entscheidung, die auf meinem Bild über die Welt und die Menschen aufbaut. Wen ich als vorbildhaft ansehe ebenso. Und was ich an diesen Personen als vorbildhaft ansehe auch (Beispielsweise jemand sehr oft gewähltes: Che Guevara. Finde ich die konkrete Politik Ches vorbildhaft oder nur, das er sich für seine Ideen einsetzte? Finde ich das Hasta la victoria siempre gut oder den konkreten militärischen Einsatz in Kuba, Kongo und Bolivien? Und: Wie tiefgehend meine ich das? Geht es mir um ein ungefähres Bild [„Man muss so radikal für die Armen sein, wie Che”] oder um konkrete Einzelheiten [„Man muss das kubanische Tagebuch und die wichtigsten Reden kennen und denen nachleben.”]?) Das scheint am Ende bei Bibliotheken nicht anders. Es ist halt nicht zufällig, was als Vorbild angesehen wird und was nicht. Und deshalb kann man auch versuchen von den Vorbildern, die in den deutschsprachigen Bibliothekswesen gewählt werden, abzuleiten, wie sich Bibliotheken politisch verorten.

Das aber wiederum hat mich ganz schön nachdenklich gemacht. Alles Vermutungen, aber:

  1. Auffällig ist schon, dass die Einbindung der drei Vorbilder in konkrete Gentrifizierungstendenzen gar nicht thematisiert wird. Wird das etwa gut gefunden? Wird das nicht gesehen? Ist es nicht eine gewisse Komplizenschaft, das praktisch bei den Darstellungen auszulassen und einfach so hinzufahren?
  2. Auffällig ist aber auch die relativ unkonkrete Darstellung dieser Vorbilder: Die konkrete Funktion im Alltag, die bibliothekarischen Fragen (zu denen dann offenbar auch solche der Veranstaltungsorganisiation und Kooperation zählen) stehen ja ganz oft im Hintergrund, dafür werden vielmehr Bilder präsentiert. Das bleibt alles immer sehr, sehr schwammig. Und nachher wird auch wenig geschaut, ob es überhaupt wirkt. Worum geht es dann? Eher so um den Vibe des Neuen, um das Gefühl, modern zu sein? [Wie beim Che-Beispiel: Eher um den Vibe der Veränderung als um die konkrete Auseinandersetzung mit der Praxis?]
  3. Auffällig auch, dass vor allem Einzelgebäude angeschaut werden, nicht Bibliothekssysteme. Im neoliberalen Stadtumbau ist das normal: Nachdem die Kommunen fast alle Steuerungselemente aus der Hand gegeben haben, um den Markt möglichst viel regulieren zu lassen, ist das Mittel der Wahl heute, irgendetwas hinzustellen (Gebäude, Projekte), das dann die über den Markt regulierte Gesellschaft oder Stadt in eine Richtung stossen soll. Weniger Infrastruktur, mehr beispielhafte Interventionen. In gewisser Weise scheint sich das bei den bibliothekarischen Vorbildern wiederzufinden: Einzelne Bauten, nicht Systeme werden angeschaut, es scheint eher in Interventionen (Innovationen) gedacht zu werden und weniger an Infrastruktur oder konkreter Arbeit.
  4. Und auffällig ist einfach auch, wie wenig eigentlich die Gesellschaft thematisiert wird. Es gibt so ein grundsätzliches Diversitäts-Versprechen, aber eigentlich scheint es, als würde nicht gefragt, was diese Vorbild-Bibliotheken eigentlich für Menschenbilder vermitteln (bei den Idea-Stores und ihrer Fixierung auf Bildung wären dies sehr einfach zu thematisieren). Es scheint halt schon manchmal, als würde umstandslos die kleinbürgerliche (ist das das richtige Wort?) Orientierung einfach übernommen. Vorsichtig interpretiert scheinen sich Bibliotheken mit den kleinbürgerlichen Werten (die ja heute auch offener sind als früher, halt diverser, solange alle „vernünftig” sind) zu identifizieren. Vielleicht weil das genau das Weltbild ist, dass von vielen in der Bibliothek vertreten und gelebt wird?

Bessere Vorbilder?

Wohin führen solche Überlegungen? Ich bin mir nicht sicher. Es wäre sehr einfach, andere Vorbilder zu fordern und auch einen anderen Blick auf diese Vorbilder. Ich könnte gleich einige nennen: Genf, Wien, Toronto; jeweils die ganzen System der Öffentlichen Bibliotheken, nicht Einzelbauten; und der Blick weg von „alles muss neu sein” hin zu „wie fördern die das Gemeinwohl”. Aber diese Auswahl sagt vielleicht auch einfach mehr über mich und mein Weltbild aus.

Wichtig ist für mich eher der Satz von dem politischen Verhaftet-Sein der Vorbilder im bibliothekarischen Diskurs. Gerade verbunden mit dem Wissen, dass es auch schon anders war (beispielsweise das Mitte der 1960er Jahre nicht auf skandinavische Bibliotheken geschaut wurde, um da die Zukunft der Bibliothek, sondern um Vorbilder für eine rationale Gestaltung der Bibliotheksarbeit zu finden), zeigt er, dass der mögliche Wissensraum viel grösser wäre, als der, der aktuell genutzt wird. Es gäbe viel mehr Fragen, Erfahrungen und mögliche Fokusse. Und zu verstehen, dass es politische Entscheidungen (im Sinne von „wie stelle ich mir vor, dass die Welt funktioniert; was betrachte ich als relevante Themen und was nicht?”) sind, mach auch klar, dass über die impliziten Annahmen, die mit den Vorbildern vermittelt werden, diskutiert und das diese auch verändert werden können.

Dieses Nachdenken hinterlässt einen gewissen schallen Beigeschmack. Was genau ist das, diese gewissen Einschränkungen bei den Bibliotheken, die als Vorbild gelten? Ist das die Neoliberalisierung des bibliothekarischen Denkens (wie halt bei vielen linken Parteien in den letzten Jahrzehnten, wo auch bestimmte Themen und Fragen einfach „verschwunden” sind)? Ist das „Denkfaulheit”, die vielleicht durch zu viel Arbeit oder zu viel Zumutungen im Alltag hervorgerufen wurde? Ist es ein Ausdruck der Überzeugungen über die Gesellschaft, denen im Bibliothekswesen gefolgt wird oder prägen die Vorbilder und ihre Darstellung diese Überzeugungen? Nochmal: Warum sind nicht die so nahe bei den Nutzerinnen und Nutzern verorteten Öffentlichen Bibliotheken in Genf ein Vorbild, dafür aber das Ungetüm in Århus? Ist es vielleicht einfach ein Zeichen von zu wenig Utopie und zu wenig Mut zum Denken über das Bekannte hinaus? Zum Glück war der DJ gut und der Sommerabend warm, aber nicht zu warm; sonst wäre aus dem Nachdenken vielleicht eine sehr rabiate Polemik geworden.

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Vor dem DJ-Set gab es eine Musikquiz.

 

Fussnoten

1 Für die Schweiz kommt die Tradition hinzu, die Teile auf „der anderen Seite der Sprachgrenze” als irgendwie ganz anders zu verstehen, zwar als schweizerisch, aber als doch nicht gleich. Die Bibliotheken in Genf können sehr schnell als „in der Romandie sind sie (?) eher so staats-orientiert, aber in der Deutschschweiz eher so förderalistisch” als mögliches Vorbild abqualifiziert werden.

Zwischendurch wurde auch die Seattle Public Libray, Central Library etwas öfter thematisiert, aber nicht so oft wie die anderen drei Bibliotheken. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass es teurer ist und länger dauert, Seattle zu besuchen, als Århus. Aber auch für Seattle gilt, dass viel mehr über eine spezifische Bibliothek berichtet wurde, als – wie Olaf Eigebrodt einmal erwähnte, ich weiss aber leider nicht mehr wo – über die gesamte Ausrichtung des gesamten Bibliotheksnetzes in Seattle. Die Bibliothek New Library in Birmingham wurde fast nur wegen der Architektur und dann der Absurdität, dass nach dem Bau zu wenig Geld zum kontinuierlichen Betrieb der Bibliotheken der Stadt übrig war, erwähnt.

Wie könnte ein besserer Zukunftsreport für Bibliotheken aussehen?

Der Horizon Report ist nicht mehr

Einige Jahre lang (2015-2017) gab es bekanntlich einen Horizon Report Library Edition; jetzt nicht mehr. Der Horizon Report war, im Anschluss an den “originalen” Horizon Report, der jährlich über die Trends der Technologie für Bildung / Hochschulbildung berichtete, der Versuch, einen Trendreport für Bibliotheken auf internationaler Ebene zu etablieren. Es gab auch offenbar ein Interesse an einem solchen. Zumindest fanden sich (in der Schweiz und Deutschland) Einrichtungen, die den Report finanzierten, inklusive einer deutschen Übersetzung im ersten Jahr. Zudem waren die Downloadzahlen massiv. Rudolf Mumenthaler, der – jetzt kann man es ja sagen – vor allem dafür verantwortlich war, dass der Report überhaupt begonnen wurde, berichtete im Unterricht mehrfach davon, dass schon in der ersten Woche mehr als eine Millionen Downloads zustande gekommen waren. Ob alle, die den Report lasen, wirklich diese Art von Report haben wollten, würde ich bezweifeln. Zur schon recht rapiden Methodik, wie der Text erstellt wurde (Diskussion von Expertinnen und Experten in einem Wiki in sehr kurzer Zeit, Abstimmungen mit Punktevergabe, thematischen Fokus, Auswahl der Expertinnen und Experten) hat Rudolf Mumenthaler in der LIBREAS publiziert. Die Methodik hat dazu geführt, dass ein Text entstand; aber ob sie wirklich dazu führte, dass belastbar Trends benannt wurden, welche in den nächsten Jahren Bibliotheken beeinflussen werden, ist nicht so klar.

Sie war halt, meiner Meinung nach, an der Methodik anderer Trendreports orientiert, die ein Geschäftsfeld darstellen. Überall da, wo Geld in grossen Mengen fliesst, gibt es Institutionen, die (entscheidungsschwachen?) Managern und Managerinnen für viel Geld Trendreports verkaufen, damit diese ihre Entscheidungen (Vor allem: Wo investieren? wo nicht investieren?) daran orientieren können. Dazu braucht man klar strukturierte Aussagen, überzeugend vorgetragen, gerne mit gewichteten Listen. Aber das ist ja eigentlich nicht, was Bibliotheken brauchen (und das Team, welches der Horizon Report für Bibliotheken anstoss, versuchte auch, diese Methodik und die Thematik des Reports zu beeinflussen).

Trotzalledem: Der Report wird nicht wiederkommen. Die Organisation hinter den Horizon Reports – die Not-for-Profit Einrichtung (also quasi die Stiftung) New Media Consortium – verkündete Ende 2017, dass sie pleite sei und sich auflösen würde. Das scheint unumkehrbar.

Einen neuen Report / einen bess’ren Report / den könnten wir uns dichten

Nach den beiden Ausgaben 2015 und 2017 wird es also keine weiteren dieser Reports mehr geben. Man kann das bedauern, aber man könnte es auch als Ausgangspunkt dafür nehmen, darüber nachzudenken, ob das Bibliothekswesen (egal ob weltweit oder nur im DACH-Raum) eigentlich einen solchen Trend-Report braucht, wie er vielleicht (das ist die Chance) besser gemacht werden könnte (und dabei, was besser eigentlich heisst, auch, was er überhaupt bringen soll und wem) – und dann vielleicht organisieren, dass er auch erstellt wird.

Dafür müsste eine Anzahl von Kolleginnen und Kollegen – egal, ob aus Bibliotheken, Bibliotheksverbänden oder bibliothekarischen Ausbildungseinrichtungen – zusammenkommen und einen solchen Report aufgleisen. (Beim Horizon Report konnte man auf eine schon fertige Methodik und Infrastruktur setzen.) Ich persönlich bin keine dieser Personen, weil ich, ehrlich gesagt, den Sinn hinter solchen Reports immer noch nicht sehe. Aber ich sehe auch, dass es ein Interesse an den Horizon-Reports gab. Insoweit muss es Personen geben, die von ihnen überzeugt sind. Und ich denke, dass gerade jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, darüber zu diskutieren, ob es einen Nachfolger des Horizon-Reports geben sollte. Jetzt ist der noch im Hinterkopf, später muss man alles wieder neu aufbauen.

Ich werfe diesen Beitrag mal in die Runde, in der Hoffnung, dass er als Anstoss wirkt für Kolleginnen und Kollegen, die sich für einen solchen, neuen Report engagieren wollen. (Per Twitter hatten sich Ende 2017 Rudolf Mumenthaler und Ursula Georgy daran interessiert gezeigt. Es müssten selbstverständlich mehr werden. Und die müssten sich organisieren.)

Eine kurze Bewertung des Horizon-Reports

Um zu entscheiden, wie eine besserer Report – und nicht einfach nur eine Fortsetzung, wenn man schon die Chance auf einen Neuanfang hat – aussehen könnte, ist es sinnvoll, sich den alten nochmal anzuschauen. Was waren negative und positive Punkte?

Erst einmal die kritischen:

  • Der Horizon-Report war, bei allen Versuchen, dass zu ändern, Techniklastig. Es ging immer um die Frage, welche Techniken wann eine Relevanz für die Bibliotheken haben werden. Das ist verständlich, wenn man sich das Ziel des (herausgebenden) New Media Consortiums anschaut. Dem ging es bei der Gründung darum, die Integration von Technik in Schulen und anderen Lehreinrichtungen zu befördern. (Deshalb erinnerte wohl auch die ganze Methodik hinter dem Report stark an IT-Projekte.) Bibliotheken und Museen kamen dann in den letzten Jahren hinzu. Aber Technik ist nicht alles; ein neuer Report muss wohl unbedingt auch andere Foki enthalten. (Als Beispiel: Die ganzen Beschäftigungen mit der Frage, was der “Raum Bibliothek” ist, werden soll und sein wird, konnten im Horizon Report so gar nicht wirklich bearbeitet werden, obwohl sie für Bibliotheken ein unheimlich wichtiges Thema darstellt.)
  • Diese Techniklastigkeit führt meiner Meinung nach auch zu einem falschen Bild von Entwicklung. Es kann sehr schnell so aussehen, als würde die Technik sich einfach so, von alleine oder zumindest auf Bahnen, die wir Normalsterblichen nicht verstehen können, entwickeln, und alles was wir – in diesem Fall die Bibliotheken – tun könnten, wäre zu verstehen, was die Technik kann, wie sie genutzt werden wird und dann rauszufinden, wie wir uns verändern müssen, um uns der Technik anzupassen. (Polemisch dargestellt. Man könnte selbstverständlich auch sagen: Wie wir uns verändern müssen, um die Potentiale der Technik auszuschöpfen.) Aber so ist das ja nicht: Wie Technik sich entwickelt, in welche Richtungen, mit welchen Schwerpunkten etc. und in welche Richtungen etc. nicht, ist immer eine Entscheidung, die auch von jemand getroffen wird. Und wie Technik genutzt, integriert etc. wird, ist auch immer eine Entscheidung, die sich nicht alleine aus der Technik ergibt, sondern aus Entscheidungen von Menschen, aus Infrastrukturen (die auch nicht einfach so entstehen), auch aus Anforderungen, die dadurch entstehen, dass etwas als modern / neu / besser etc. verstanden wird oder nicht. Es ist also nicht so, dass die Technik alleine die Richtung vorgibt. Oder anders: Die Bibliotheken haben eine grosse Agency darin, zu entscheiden, welche Technik wie “ankommen” wird oder nicht. (Es ist ja keine Überraschung, dass quasi keine Technik, auch nicht die in den Horizon Reports besprochene, jemals die Versprechen, mit der sie eingeführt wurde, einhält.)
  • Kritisch scheint an diesem Bild aber vor allem die spezifische Vorstellung davon, wie Entwicklung funktioniert, die im Horizon Report implizit vermittelt wurde. So, wie er aufgebaut und beschrieben war, wurde der Eindruck vermittelt, als gäbe es einen unaufhaltsames Vorwärtsschreiten von Entwicklung, die immer in die Richtung gehen würde, die im Report beschrieben wurde, und wir, die wir diesem Fortschritt ausgeliefert sind, können ihm eigentlich nur noch folgen – oder untergehen. Das wäre die eine, kleine Form von Agency, die man hätte: Entscheiden könnte man eigentlich nur, wann man sich auf das Eintreffen des jeweiligen Fortschritts vorbereiten würde. Aber (ganz abgesehen von den offensichtlichen geschichtsphilosophischen Hintergründen dieses Fortschrittsglaubens): so ist die Realität ja nicht. Schon die Horizon-Reports selber, liest man sie heute, zeigen ja, dass viele der Voraussagen gar nicht eingetroffen sind. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein, es könnten sich zum Beispiel die falschen Expertinnen und Experten geäussert haben. Aber ich würde argumentieren, dass das Problem in diesem impliziten Denken liegt. Entwicklung, egal ob gesamtgesellschaftlich, auf ein Feld oder einen Institution bezogen oder auch individuell, funktioniert nicht so gradlinig und vorhersehbar. Wäre es so, würden wir in einer viel besseren Welt leben. Eine Darstellung wie im Horizon Report vermittelt ein falsches Bild, weil sie z.B. über all die Entscheidungen, die von irgendwem getroffen werden, über die Widersprüche bei der Umsetzung von Veränderungen, über die gewachsenen Strukturen und Überzeugungen, die immer einen Einfluss darauf haben, was wie umgesetzt wird und auch über die unterschiedlichen Interessen von Institutionen und Menschen einfach hinweg geht.
  • Grundsätzlich, das sollte klar geworden sein, scheint der Horizon-Report viel zu wenig von der Gesellschaft wissen zu wollen. Es gibt in ihm einige einfache Überzeugungen (wie dass die Menschen immer individueller würden und gleichzeitig immer mehr in Gruppen lernen würden). Aber viel weiter geht das Nachdenken über Menschen und die Gesellschaft nicht. Und das ist eigentlich nicht ausreichend, wenn man über irgendetwas nachdenkt, was mit Menschen zu tun hat. Auffällig ist aber auch, dass die Reports praktisch ohne ein Bewusstsein von Geschichte, auch der Geschichte der Technologien und Trends, die sie selber erwähnen, auskam. Gerade so, als wären Technik und Trends vom Himmel gefallen. Aber wenn man Trends in oder für irgendwelche Einrichtungen beschreiben will, muss man selbstverständlich verstehen, wo diese herkommen, wie sie sich entwickelt haben und warum sie jetzt so sind, wie sie sind. Schon, weil auch Institutionen ein “Gedächtnis” haben und weitere Trends immer auf der Basis schon gesammelter Erfahrungen bewerten. Die Horizon-Reports hatten aber noch nicht einmal eine Methodik, um aus den eigenen Voraussagen (also ob sie eingetroffen waren oder nicht oder, was wohl öfter vorkommt, anders als gedacht eingetroffen waren) in die nächsten Reports einzubinden. Die Expertinnen und Experten hätten das jeweils untereinander diskutieren können, hatten dafür aber wenig Zeit. Ansonsten ging es immer nur vorwärts.
  • Der Horizon Report war gleich für die ganze Welt gedacht, mindestens für den ganzen globalen Norden. Das an sich ist nicht kritisch. Man muss nicht jede Frage immer nur auf ein Land oder so beziehen. Gleichzeitig schien der Report aber nicht zu beachten, dass er für verschiedene Länder – und damit auch Bibliothekskulturen – geschrieben war. Ein Beispiel war das ständig auftretende Thema Learning Analytics, dass in praktisch allen Horizon Reports (nicht nur der Library Edition) als wichtiges Thema beschrieben wird; immer wieder als eines, dass praktisch vor der Tür stände. Das ist nicht nur nicht eingetroffen, es schien auch immer wieder absurd. Im DACH-Raum lässt die Idee, dass Lehrpersonen möglichst viele Daten von Lernenden sammeln und dann auswerten sowie mit den Daten anderer Lernender vergleichen, sofort (berechtigte) Überlegungen zum Datenschutz aufkommen. Selbst wenn es technisch möglich wäre, scheint es gesellschaftlich überhaupt kein diskutierbares Thema zu sein. In solchen Fällen vermittelte der Report den Eindruck, als wäre er am Ende doch nur für die USA geschrieben. So, als würde man den eigenen Anspruch (für den ganzen globalen Norden zu schreiben) gar nicht einlösen wollen.

Aber, sonst wäre der Report ja nicht so erfolgreich gewesen, es gab selbstverständliche Positionen:

  • Der Horizon Report versuchte, die nahe Zukunft greifbar zu machen – was offenbar für viele im Bibliothekswesen von Interesse ist. Es scheint an sich, als wollten Bibliothekarinnen und Bibliothekare gerne einmal hören, was sich demnächst verändern wird und wie sie reagieren sollten. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich mir z.B. die bibliothekarischen Tagungen und Konferenzen ansehe. Wie gesagt bin ich kritisch, ob das überhaupt möglich ist; für mich sind solche Aussagen oft eher umformulierte Wünsche Einzelner, die wohl besser diskutiert werden müssten, aber stattdessen als “so wird es sein”-Aussagen präsentiert werden und dann aber auch Auswirkungen oft die strategischen Entscheidungen von Bibliotheken haben. So oder so: Es scheint, dass es ein Interesse daran gibt, dass geklärt wird, wie sich z.B. die Technologie entwickeln wird, die Einfluss auf Bibliotheken haben wird. Der Horizon Report schien auf dieses Interesse einzugehen und vielleicht damit Bibliotheken zu ermöglichen, Entscheidungen über die eigene Entwicklung zu treffen oder aber zumindest als Thema vorzuschlagen. Und das regelmässig. (Ob es wirklich wichtig ist, dass Trendberichte regelmässig erscheinen, ist nicht so klar. Es ist aber schon so, dass auch andere Trendberichte im bibliothekarischen Feld, regelmässig erscheinen, beispielsweise die “top trends in academic libraries” der Association of College and Research Libraries, die alle zwei Jahre erscheinen oder das IFLA Trend Report Update, welches jährlich erscheint.)
  • Man musste etwas genauer hinschauen, aber es war nicht unmöglich, herauszubekommen, wie der Horizon Report erstellt wurde, wer an ihm beteiligt war und wie man selber an ihm arbeiten konnte. Es wurde versucht, eine grössere Anzahl von Expertinnen und Experten einzubeziehen und diese Gruppe möglichst divers zu gestalten. Natürlich hatte das immer Grenzen (Grenze eins: Alles wurde in Englisch kommuniziert. Auch im Wiki, in welchem die beteiligten Expertinnen und Experten diskutierten, wurde vor allem auf englischsprachige Quellen verwiesen, was natürlich dem Ziel, international Trends zu benennen, zuwiderläuft.) Das steht aber positiv im Gegensatz zu anderen Trendreports. Bei diesen ist manchmal nicht klar, wer an diesen beteiligt war oder – was wichtiger erscheint – wie an diesen mitgewirkt werden kann. Manchmal werden Commitees genannt, welche einen Report erstellt haben, aber nicht, wie diese gearbeitet haben. Die Methodik ist auch selten sichtbar. Das alles galt so für den Horizon Report nicht. Es stand zumindest der Versuch dahinter, möglichst viele Personen und Positionen einzubinden.

Was bräuchte eine besserer Zukunftsreport?

Also, wenn der Horizon Report ein Anfang, aber nicht der bestmögliche Report war: Was müsste der nächste besser machen?

Mir scheint, egal mit welcher Methodik man in einem anderen Report versucht, die Zukunft irgendwie zu bestimmen, eines wichtig: Es muss viel mehr kontextualisiert werden. Diese fast religiöse Überzeugung, dass der Fortschritt in der Technik liegt und man ihm nur folgen kann und dass die Zukunft mit klaren Aussagen zu bestimmen ist, die muss weg. Neben aller Kritik, die schon weiter oben geleistet wurde, führt diese Darstellungsweise nur dazu, dass man den Aussagen entweder glauben oder nicht glauben kann. Ein Dazwischen, wo Diskussion stattfinden, gibt es dann gar nicht. Ein seriöser Trendreport könnte das auch anders. Ihm ihm sollte dargestellt werden:

  • Wie das Team hinter dem Report auf die Trends gekommen ist. Und zwar nicht mit die Realität überschreibenden Worten (“an in-depth, contextualised analysis of the most outstanding studies of this field”), sondern tatsächlich so, wie es passiert ist; damit Bibliotheken, welche den Report lesen, einordnen können, wie untermauert oder nicht untermauert die Aussagen in ihm sind.
  • Klare Aussagen dazu, ob eine Trend wirklich kommen wird (dann mit Begründungen, warum, z.B. weil bestimmte Gesetze oder Änderungen in Kraft treten oder weil bestimmte Technik eingestellt wird), welche Trends wahrscheinlich kommen werden (dann auch, wieso das Team dieser Meinung ist) und welche vielleicht kommen.
  • Da Trends nicht einfach so auftauchen, wäre es auch sinnvoll, wenn ein solcher Report zeigt, was Bibliothekswesen oder einzelne Bibliotheken jetzt aus diesem Trend machen sollen. Insbesondere, wenn nocht nicht klar ist, ob er wirklich kommt, sollte auch klargemacht werden, ob und wie man diesen befördern oder verhindern könnte, also welche Agency die Bibliotheken haben.
  • Die Quellen sollten klarer sein, als sie es bislang bei Trends Reports sind. Teilweise erscheinen sie so – besonders, wenn man sie öfter liest – als wären einzelne Trend Reports die Hauptquelle für andere Reports, was natürlich den ganzen Sinn solcher Reports aufhebt.

Der Horizon Report vermittelt auch, durch seine Methodik, den Eindruck, als sei Zukunft irgendwie durch die richtige Methode vorherzusagen (oder aus den Expertinnen und Experten herauszuholen). Man kann das versuchen, wenn man die Methodik darstellt. Aber es muss gar nicht so sein. Wenn ein Report wirklich daraus entsteht, dass einige Kolleginnen und Kollegen zusammenkommen und sich eine Zukunft ausmalen / wünschen / befürchten, kann das auch eine Methode sein.

Was mich an all diesen Reports viel mehr erstaunt, ist, wie sehr der Eindruck von Konsens vermittelt wird. Immer scheint es, als wären die Beteiligten (egal, ob man sie kennt oder nicht) zu einer gemeinsamen Meinung gekommen. Das erscheint doch absurd, wenn man über die Zukunft spricht. Ist es nicht eher, so hatte ich die Vermutung beim Horizon Report, das dies das Ergebnis der Methodik selber war, die gar nicht vorsah, dass es unterschiedliche Meinungen geben könnte? Sinnvoller – auch für die Glaubhaftigkeit der Reports selber – schiene mir, wenn abweichende Meinungen unter den Expertinnen und Experten sichtbar gemacht werden können, wenn also z.B. die, die von einem Trend überzeugt sind, dass auch zeigen können, auch wenn sie die Minderheit sind, oder aber wenn klar wird, dass einen Trend gibt, den alle gleich einschätzen (was ja auch eine Aussage ist).

An sich sollte ein solches Dokument gar nicht erst so tun, als wäre es möglich, die zukünftigen Trends vorauszubennen. Vielmehr wäre wohl ein Dokument besser, das benennt, welche Themen eventuell in Zukunft relevant werden können. Nicht weniger und nicht mehr. Das würde die Interessen von Bibliotheken (Entscheidungen treffen können, Themen benannt bekommen) wohl auch erfüllen, aber ohne den ganzen missionarischen Gestus. Ein solches Dokument würde ich auch viel eher als eine Einladung verstehen (und konzipieren) mögliche Zukunftsbilder zu gestalten, auf die man zustreben kann.

Kriterien für einen neuen Trend Report

Zusammenfassend lassen sich einige Kriterien benennen, die ein neuer Trend Report, der an den Horizon Report anschliessen würde, erfüllen müsste, zumindest meiner Meinung nach:

  • Es muss klar sein, wie er zustande kam und was das Ziel des Reports ist. Bibliotheken auf eine Zukunftsentwicklung einschwören? Mögliche Entwicklungen aufzeigen? Diskussionen über die zukünftige Entwicklung zusammenfassen?
  • Es muss klar sein, ob (und wenn ja, wie) am Report mitgearbeitet werden kann.
  • Es muss ein Bewusstsein für die Entwicklung von Bibliotheken (also ihre Agency und ihre Strukturen) vorhanden sein. Man kann nicht einfach mehr sagen: “Das kommt, bereitet euch darauf vor, sonst geht ihr unter.” Das hat noch nie gestimmt. Ebenso muss ein Bewusstsein dafür da sein, welche Voraussagen alle schon gemacht wurden in diesem und anderen Trend Reports und was aus diesen Vorhersagen geworden ist.
  • Sinnvoll wäre, darüber nachzudenken, ob es unbedingt ein internationaler Trend Report sein muss. Per se ist ein weiter Blick immer gut. Die Verengung der Sicht auf die Welt, die anderswo gerade stattfindet, muss man nicht mitmachen. Aber es schien immer ein Schwachpunkt des Horizon Reports zu sein, auf lokale Gegebenheiten gar nicht eingehen zu können. Eventuell wäre ein Bericht für den DACH-Raum, bei dem zwar international (und nicht nur im englischsprachigen Raum) nach Trends geschaut wird, dann aber gefragt wird, ob und wie das für Bibliotheken in Schweiz, Deutschland, Österreich und Liechtenstein wirken kann, ausreichend.
  • Sinnvoll am Horizon Report war der Versuch, möglichst unterschiedliche Personen (und damit Positionen) einzubinden. Das sollte ein neuer Report auch tun.
  • Offenbar wird versucht, Trend Reports irgendwie regelmässig erscheinen zu lassen. Eventuell lässt sich nur so die Arbeit bewältigen (sonst würden die Beiträge nur hinausgeschoben werden) oder die Finanzierung sicherstellen (weil lieber für regelmässige Dinge bezahlt / gesponsort wird)? Vielleicht sind Trend Reports auch nur so überzeugend? Aber ich denke, es wäre sinnvoll darüber nachzudenken, ob das wirklich notwendig wäre. Vielleicht wären regelmässig zusammenkommende Gruppen, die aber nur dann etwas publizieren, wenn es zu einem Trend etwas zu sagen gibt, viel besser – weil dann nämlich nur etwas gesagt wird, wenn es notwendig ist. Eventuell könnte man dies auch anders organisieren, beispielsweise als öffentliche Treffen.
  • Und zuletzt muss einfach geklärt werden, was Bibliotheken eigentlich von so einem Trend Report haben oder zumindest haben sollen. Das scheint mir auch noch nicht geklärt.

Was ist das: critlib?

Zu: Mehra, Bharat & Rioux, Kevin (edit.) (2016). Progressive Community Action. Critical Theory and Social Justice in Library and Information Science. Sacramento: Library Juice Press, 2016

Einer der aktuellen Trends im englischsprachigen Bibliothekswesen und der englischsprachigen Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist – zumindest soweit ich das sehe, aber vielleicht folge ich auch nur einer sehr ausgewählten Gruppe an Aktiven – „critlib“ beziehungsweise „critical librarianship“ (oder auch „critical library science“), gerne auch als #critlib. Neben einzelnen Initiativen, Treffen und Panels auf grösseren Konferenzen, ist ein Zentrum dieses Trends der Verlag Litwin Books und dessen Imprint Library Juice (Imprint) aus Sacramento. Dieser Verlag hat unter anderem eine eigene Zeitschrift – Journal of Critical Library and Information Studies – für diesen Trend gegründet, die allerdings bislang keine Nummer herausgegeben hat. Ansonsten erscheinen dort regelmässig Sammelbände und Monographien, die sich selber der „critlib“ zuordnen, unter anderem – als eines der aktuellen Beiträge – das hier angesprochene Buch. Die Publikation ist ein gutes Beispiel für die Stärken aber auch Schwächen dieser, nun ja, Bewegung.

Schwäche: Was ist das genau?

Zuerst zu den Schwächen: critlib klingt gut. Der Anspruch ist, innerhalb der Bibliothek und von der Bibliothek ausgehend, kritisch zu sein; kritisch im Sinne von links, antirassistisch, feministisch, kritisch gegenüber dem Neoliberalismus und seinen Zumutungen etc. Dabei erheben viele der Publikationen den Anspruch, nicht nur „irgendwie“ kritisch zu sein, sondern sowohl auf der Basis der tatsächlichen bibliothekarischen Arbeit kritische Analysen vorzunehmen als auch auf der Basis kritischer Theorie(n) aufzubauen. Okay. Was heisst das genau? Das ist sehr, sehr offen.

The LIS [Library and Information Science] field has long had a commitment to social responsibility, which has been a core value of the American Library Association, as is expressed in the profession’s service orientation, and from the civil rights era, in professional advocacy for equitable information access. However, we are now turning the corner and finding a voice that questions inequity and normativity, names the inequities, represents the oppressed, and speaks clearly and loudly of action that can be modeled or structural barriers that need to be eradicated. In one breath, when we utter diversity, we also now state or understand that it engages the work of inclusion, equity, and social justice.1

Theorie. Welche Theorie? All of the theories. ALL of them!

Ein gutes Beispiel für diese Offenheit ist die theoretische Basis, auf die verwiesen wird. In den Texten – beispielsweise der „Introduction“ zu diesem Buch (Kevin Rioux & Bharat Mehra: Introduction. In: dies. 2016:1-10) – taucht immer wieder die Vorstellung auf, dass critlib mit der Zeit eine gemeinsame theoretische Basis aufbauen würde, die auf schon vorhandener kritischer Theorie aufbaue. Ein erster Verweis, der oft gegeben wird, ist der auf die „Kritische Theorie“ der Frankfurter Schule, wobei bei critlib viel eher an Jürgen Habermas gedacht wird als an Adorno und Horckheimer. Aber das ist eine Nebenkerze, quasi. Dass es der Frankfurter Schule (vor Habermas) um eine Neuformulierung des Marxismus nach der Shoa und gegen den Stalinismus ging, taucht in den critlib-Texten zum Beispiel nie auf. Genauer: Trotz dem ständigen Verweis findet sich eigentlich keine theoretischen Anschlüsse z.B. an die „Dialektik der Aufklärung“ oder „The Authoritarian Personality“ (einer Studie, die in und über die USA geschrieben wurde, also sogar kulturell passen würde).2 Die Frankfurter Schule wird eher, ausser Habermas, genamedropt, und daran anschliessend Listen weiterer „kritischer Literatur“ genannt.3 Alleine in diesem Buch kommen George Lukács, Antonio Gramsci, die Operatisten (hier „Autonomist Marxist“ genannt, explizit Antonio Negri), Marx, Henry Giroux und Ivan Illich vor. In anderen Sammelbänden werden gerade zeitgenössische Feministinnen, z.B. Judith Butler, die französischen Poststrukturalisten, vor allem Michel Foucault, Bildungstheoretiker wie John Dewey oder Bildungssoziologen wie Pierre Bourdieu angeführt.4 Alles in allem ein grosser Mischmasch, der trotz ständiger Behauptungen, dass alles irgendwie zusammengehört, doch recht offen und unverbunden dasteht. An sich ist es, trotz dem öfter vorkommenden Namedropping, oft nicht möglich, die theoretische Grundlage in den dann geschriebenen Texten wiederzufinden.

All das wäre per se nicht falsch: In der critlib-Literatur wird oft und offen darüber geredet, dass es notwendig sei, sich erst einmal (wieder) als kritische Bewegung zu finden, nachdem der Neoliberalismus in den letzten Jahrzehnten auch die Bibliotheken und deren Diskurse nachhaltig gestört hätte. Insoweit sind Suchbewegungen zu erwarten und die Idee, dass man sich als Bewegung versteht und dadurch empowert fühlt, sich Gedanken zu machen und Orte zu suchen, wo diese Gedanken vorgestellt und diskutiert werden können, verständlich. Was aber irritiert, sind die oft behaupteten Ansprüche an die eigenen Texte, insbesondere im Bezug auf „Theorie“, die fast nie eingehalten werden. Teilweise, so auch bei diesem Buch, scheint es eine Einladung zum intellektuellen Austausch zu sein, der dann aber nicht wirklich stattfindet. Dabei wäre critlib auch so möglich, ohne ständig Theorien zu „namedroppen“. Wenn man z.B. gar nicht über „Entfremdung“ nachdenken will, zu diesem Zeitpunkt, warum dann überhaupt die verschiedenen Marxismen zitieren?

I saw the light?

Erstaunlich ist die in machen Texten (in diesem Buch z.B. der von Wendy Highby, siehe weiter unten) auftauchende Sprachfigur, nach der andere Texte aus dem critlib-Zusammenhang einzelne Bibliothekarinnen und Bibliothekare dazu ermuntert hätten, endlich ihr Stimme zu erheben und selber aktiv zu werden. Das klingt oft religiös, wie eine Erleuchtungsgeschichte (als hätte sie zuvor jemand daran gehindert, sich auf kritische Theorie zu beziehen). Verständlich ist es vielleicht als befreiendes Gefühl, wenn Personen bemerken, dass sie mit ihrer kritischen Anmerkungen oder Beobachtungen im bibliothekarischen Alltag nicht allein sind und das es möglich ist, sich kritisch und kohärent zu äussern. Vielleicht. Es bleibt aber immer wieder ein negativer Beigeschmack.

Positives: So offen, es regt zum Nachdenken an

Die Offenheit der Themen und Zugänge ist aber wohl auch eine Stärke der „Bewegung“. Wie gesagt: Alles, was irgendwie als zeitgenössisch und kritisch im Bibliothekswesen (und der Informationsnutzung) gilt, passt hinein. Ein Merkmal der Texte scheint auch zu sein, dass sie oft vom konkreten Fall ausgehend versuchen, zu Verallgemeinerungen zu gelangen. Nicht immer gelingt dies nachvollziehbar, aber „die Bewegung“ scheint immer wieder dazu zu ermutigen, es zu versuchen.

Gedanken über die heutigen „Funktionen“ und den Alltag in Bibliotheken hinaus

Ein gelungenes Beispiel dafür scheint der Beitrag von Zachary Loeb im Buch.5 Loeb versucht, an Ivan Illich – dem Schul- und Bildungskritiker – anzuschliessen und versteht Bibliotheken als gesellschaftliche Tools, also Einrichtungen, die von der Gesellschaft genutzt werden. In diesem Zusammenhang interpretiert er die teilweise auftretende kritische Haltung in Bibliotheken zu Technologien nicht als Rückständigkeit, sondern als gesellschaftliche Funktion, die tatsächlichen Nutzungsmöglichkeiten und die Sinnhaftigkeit von Technologien zu beachten. Das ist alles recht interessant zu diskutieren, aber am bemerkenswertesten ist ein Teil des Texten, in dem Loeb über Illich hinausgeht und die „activist libraries“ – also solche, die bei sozialen Protesten, die einen festen Ort finden, immer wieder entstehen; hier vor allem die Peoples Library von Occupy Wallstreet – als Ausdruck dieser Funktion zu verstehen versucht. Er postuliert, dass an diesen Bibliotheken abgelesen werden kann, was Menschen in einer Gesellschaft eigentlich wirklich an einer Bibliothek wertschätzen (weil sie die Funktionen herstellen/bauen und anderes weglassen). Von dieser These ausgehend begreift er Bibliotheken – was insbesondere in den activist libraries sichtbar würde, aber von diesen ausgehend für andere Bibliotheken abgeleitet werden kann – als „Prototypen“ einer kommenden (nicht-kapitalistischen) Gesellschaft. Muss man dieser Überlegung folgen? Sie ist zumindest diskutabel und so voll nur möglich, weil ein Rahmen geschaffen ist, in welcher man über den Alltag direkt hinaus laut über kommende Gesellschaften nachdenken kann.

Dieser Rahmen ermöglicht auch, Thesen zur Diskussion zu stellen und zu prüfen, die an Grundüberzeugungen, wie sie aktuell vertreten werden, rütteln. Dabei geht es nicht um „alles ist falsch, ich weiss wie die Bibliotheken richtig funktionieren werden“-Texte, die sich als radikal generieren, um doch nur immer wieder bei den gleichen „Innnovation, Innovation, Innovation“-Thesen anzukommen; sondern um Fragen, die sich am Politischen orientieren – politisch im Sinn von „Wie wollen wir leben? Wie sollen wir die Gesellschaft gestalten?“ Gabriel Gomez stellt in seinem Beitrag zum Beispiel die Frage, was für ein Menschenbild eigentlich hinter den Debatten um Big Data und Informationskompetenz steht.6 Er unterstellt, dass dieses Menschenbild ein sehr mechanistisches ist, welches in behavioristischen Lerntheorien aufgeht, die Wissen über Information instrumentell verstehen (das und das ist zu machen, so und so ist es zu machen). Stattdessen müsste es eine Aufgabe von „Informationskompetenz“-Angeboten sein, dieses mechanische Menschenbild sichtbar und damit kritisierbar zu machen. Seine implizite Kritik ist, dass die bisherigen „Informationskompetenz“-Arbeit von Bibliothek dies nicht tun würde, aber das ist nicht der Punkt seines Textes. Vielmehr geht es Gomez darum, durchzudenken, wie die Diskurse um Big Data etc. tatsächlich wirken.

Jonathan Cope arbeitet innerhalb dieses Rahmen sein Unbehagen über die Entwicklung der Bibliotheken in den letzten Jahren durch.7 Sein Postulat ist, dass Bibliotheken Demokratie nicht einfach nur als eine Aufgabe behaupten und dann zum „Alltagsgeschäft“ übergehen dürften, sondern diesen Anspruch, eine demokratische Einrichtung zu sein, ernst nehmen müssen. Sie sind von der Gesellschaft, in der sie sich befinden, und den sozialen Auseinandersetzungen und Kämpfen um Macht und Deutungshoheiten in diesen geprägt. Es wäre ihre Aufgabe, dies sichtbar zu machen. Hier verweist er kurz auf den „general intellect“, also die gesellschaftlich erbrachte Information- bzw. Wissensgenerierung, die Marx in den „Grundrissen der Kritik der politische Ökonomie“ angeführt hat. Dieses gesellschaftlich erbrachte Wissen würde, so Marx, im Kapitalismus abgeschöpft, das heisst genutzt, um gleichzeitig Fortschritt voranzubringen und Kapital zu generieren (also vor allem in Produkte umgesetzt). Die Grundrisse sind ein Fragment, insoweit ist die Interpretation, was der „general intellect“ genau ist, schon seit ihrer Erstpublikation umstritten. Bei Cope ist es das Wissen, dass zum Beispiel auf Facebook „entsteht“, indem Menschen Informationen teilen und dies von Facebook als Wissen abgegriffen wird.8 Es wäre Aufgabe von Bibliotheken, in einer demokratischen Gesellschaft, dass aufzuzeigen. Nicht unbedingt, es zu verhindern, aber es klar zu machen. Was genau „demokratisch“ als Arbeit für Bibliotheken heissen soll, bleibt bei Cope eher oberflächlich beschrieben. Er benutzt den Raum eher, um zu fordern, dass dies theoretisch durchdrungen werden soll. Was ihm wichtig ist, ist darauf zu verweisen, dass seiner Meinung nach Bibliotheken sich im Alltagsgeschäft eher versuchen, an die BWL anzulehnen, die aktiv bestreitet, dass eine Gesellschaft und in dieser Gesellschaft soziale Auseinandersetzungen gäbe, also quasi vorschlägt, in einem gesellschaftlichen Vakuum zu operieren. Dies geht für ihn nicht einher mit dem Anspruch von Bibliotheken, demokratische Orte zu sein. Der Text ist eine Kritik an der Praxis und ein Versuch, ein Nachdenken anzuregen. (Laut dem Autor auch ein „framework“ (107) für dieses Nachdenken.)

critlib als Ermutigung zum Denken und Handeln

Um einen weiteren Text herauszugreifen, der die Möglichkeiten zeigt, die dieser Diskursraum critlib eröffnet: Wendy Highby beschreibt in ihrem Text den persönlichen Weg, den sie genommen hat, um als Bibliothekarin einer Universität in Colorado mit Informationsarbeit aktiv zu werden, als ihre Unileitung beschloss, dass Gelände, auf dem die Universität steht für das „Fracking“ (also die Methode der Erdöl-Förderung, die im Ruf steht, umweltschädlicher und gesundheitsgefährdender, dafür aber auch profitabler als andere zu sein) freizugeben.9 Quasi wurden die Lagerstätten unter der Uni zur Ausbeutung freigegeben (von einem Standort ausserhalb des Geländes, der aber auch nahe bewohnter Häuser liegt), während auf der Oberfläche der Lehr- und Forschungsbetrieb weitergeht. Highby war irritiert von dieser Entscheidung, fühlte sich aber auch alleine mit dieser Meinung. Die Unileitung hatte den Diskurs etabliert, dass nur auf diese Art die finanziellen Probleme der Einrichtung zu lösen wären und gleichzeitig die Methode risikolos für die Beschäftigten und Studierenden sei. Durch die Literatur von Henry Giroux (auch dies liesst sich zum Teil als Erweckungserlebnis) kam sie dazu, aktiver zu werden.

Sie bestimmte ihre Situation an ihrer Einrichtung, sie wies – Giroux folgend – die Vorstellung zurück, dass es eine und tatsächlich nur eine Lösung für ein Problem gäbe (hier Fracking, um die Finanzprobleme zu lösen) und das damit alle Seiten der Debatte abgedeckt wären. Zudem suchte sie andere Personen an der Uni, die ähnliche Zweifel hatten. Zusammen – hier die bibliothekarische Komponente – recherchierten sie weitere Informationen zum Fracking, zur Situation der Hochschule, zu den Auswirkungen des Fracking ausserhalb der Uni, zum Beispiel der working class area, in welcher der Standort des Fracking angesiedelt sein sollte. Über die Formierung einer Ad-Hoc-Gruppe forderten sie Rederecht bei der Universitätsleitung ein und erhielten nach einem Vortrag, bei sie strategisch betonten, dass zu der Zeit, als die Leitung ihre Entscheidung traf, noch nicht alle Informationen vorlagen, die jetzt vorliegen würden, die Möglichkeit eine nicht-offizielle aber irgendwie doch von der Leitung etablierte Arbeitsgruppe zum Thema zu formieren, welche eine Beratungsfunktion einnimmt. Damit wurden die Probleme, die mit dem Fracking aufkommen, nicht behoben; aber der Diskurs („es gibt nur diese Lösung“) verschoben hin zu einem komplexeren Bild. Ausgewirkt hatte sich das zum Zeitpunkt des Verfassen des Textes dahin, dass die Unileitung nun höhere Sicherheitsstandards für das Fracking unter dem Unigelände und beim Standort ausserhalb des Geländes einforderte.

Keine perfekte Lösung; aber Highby stellt in ihrem Text dar, wie sie über die Literatur von Henry Giroux und critlib als Diskursraum überhaupt den Antrieb gefunden hat, aktiv zu werden und zu sehen, dass sie einen Einfluss haben kann. Schon durch das Sehen, dass anderswo das Sprechen und Sich-Melden mit Informationen eine erfolgreiche Intervention darstellen kann, motivierte sie, dass auch bei sich vor Ort als möglich zu verstehen.

Was ist es nun, dieses critlib?

Gerade der letzte besprochen Text zeigt wohl, was critlib bislang in seinen besten Momenten ist: Ein Diskursraum, in welchem diejenigen im bibliothekarischen Feld, die sich als irgendwie links, progressiv, fortschrittlich sehen (und das ist heute ja schon zu verstehen als sich als demokratisch im Sinne von „es gibt in der Gesellschaft soziale Auseinandersetzungen und wir können sie besser durch demokratische Prozesse regeln, als durch Ignorieren“ und sich nicht single-minded auf ein „no alternative“-Mindset einlassend), austauschen und gegenseitig befruchten können. Ganz offensichtlich ist das für viel motivierend. Die Texte sind durchzogen von der Vorstellung, durch critlib aktuell zu einer neuen Agency für diese Themen zu gelangen, nachdem in den letzten Jahrzehnten das neoliberale Denken (also in diesem Zusammenhang vor allem die „singled-mindness“ auf ökonomische Aspekte und Erklärungen, die Vorstellung, dass nur eine ökonomische orientierte Lösung für alle Probleme möglich wäre, das Bestreiten von gesellschaftlichen Strukturen und das Überbetonen individualisierte Lösungen und Verantwortungen) vorgeherrscht und das alternative Denken an den Rand gedrängt hätte. Dabei ist es nicht mal wichtig, ob diese Vorstellung wirklich und vollständig der Realität entspringt. Es ist so oder so eine Vorstellung, die offenbar viele der Aktiven überhaupt zum Schreiben und Diskutieren motiviert.

Gleichzeitig ist critlib aktuell beschränkt auf einen US-amerikanisch/kanadischen Diskurs. Ob die „Bewegung“ jemals über diesen Rahmen hinausgehen wird, ist schwierig zu sagen. Zurzeit hat es nicht den Anschein. Beispielsweise lässt sich für die deutsch-sprachige bibliothekarische Diskussion auch eine starke Abstinenz von Theorie und gesellschaftlicher Diskussion – allerdings nicht unbedingt von Praxis, die auf soziale Herausforderungen zielt – sprechen, die manchmal den Wunsch aufkommen lässt, dass es anders wäre.10 Aber das heisst ja nicht, dass critlib deswegen tatsächlich aufgegriffen würde. (Evidence based librarianship, die vor allem kanadisch geprägte „bibliothekarische Bewegung“ der letzten Jahre, die sogar viel mehr Anschluss an ökonomisierte Diskurse bietet und deren kritischen Spitzen erst in der konkreten Anwendung sichtbarer werden, wurde ja auch nicht aufgegriffen.) Für Frankreich, wo in den Bulletin des Bibliothèques de France, der Bibliothèque(s) (also den beiden grossen Fachpublikationen) und der Presses de l’enssib (also dem Verlag der grossen Ausbildungseinrichtung für das Bibliothekswesen) ständig auch Artikel und Monographien zu sozialen Themen, mit Bezug auf Sozialwissenschaft und Philosophie erscheinen, scheint mir das recht unwahrscheinlich. Das, was im US-amerikanisch/kanadischen Bereich critlib als Diskursraum erst etabliert, scheint mir in Frankreich zu existieren.11 Ist deshalb das französische Bibliothekswesen „progressiver“ als das US-amerikanische und kanadische?

Verwirrend, aber vielleicht muss das am Anfang einer „Bewegung“ wir critlib so sein, ist der immer wieder vorgebrachte Anspruch, an kritische Theorien anzuschliessen und selber Theorie – also Erklärungen, wie die Gesellschaft und wie die Bibliotheken in der Gesellschaft funktionieren – zu produzieren, im Vergleich mit der theoretischen Beliebigkeit und Ungenauigkeit, die in den Texten offensichtlich wird. Oft scheint es sogar von Nachteil zu sein, die jeweils referenzierte Theorie tatsächlich zu kennen. Sinnvoller ist es wohl, die jeweils genamedroppten Theorien als ungefähren Ausgangspunkt für die jeweiligen Überlegungen anzusehen. Dann können diese Überlegungen zu interessanten Thesen führen – z.B. die oben zitierte von den activist libraries als Ausdruck dessen, was der Gesellschaft an Bibliotheken wichtig ist –, vor allem aber ermöglichen sie etwas, was Highby für ihren Fall schildert: Sie machen das Denken über Bibliotheken gerade auch an Punkten möglich, wo es scheint, als gäbe es nur eine Lösung, die verfolgt werden könnte, als gäbe es keine Auswirkungen dieser Lösungen, die zu beachten wäre und als gäbe es keine Alternativen. critlib erinnert daran, dass es immer andere Möglichkeiten gibt und das es eine Verantwortung ist, sich für eine (und damit gegen andere) zu entscheiden und diese Entscheidung mit ihren jeweiligen Auswirkungen zu tragen.

 

Fussnoten

1 Clara M. Chu: Preface. In Mehra & Rioux 2016:VIII-X, VIII.

2 Horkheimer, Max & Ardono, Theodor W. (2002 [1944]). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (Sonderausgabe). Frankfurt am Main: Suhrkamp. Ardono, Theodor W. ; Frenkel-Brunswik, Else ; Levinson, Daniel & Sanford, Nevitt (1950). The authoritarian personality (Studies in prejudice). New York: Harper & Row, 1950.

3 Bekanntlich wird die „Frankfurter Schule“ in den USA gerne auf Habermas reduziert, während in der deutsch-sprachigen Literatur eher die früheren „Generationen“ als Frankfurter Schule, und Habermass als jemand mit anderer Entwicklung angesehen werden. Das ist Interpretationssache. Aber gerade die „Introduction“ in diesem Buch scheint über diese unterschiedliche Interpretation hinaus inhaltlich falsch zu sein. Es wird z.B. behauptet, die Generation um Adorno und Horckheimer hätte sich vor allem mit der deutschen Gesellschaft in den 1920er beschäftigt und wäre vor allem im „german idealism“ (5) verankert gewesen. Die zweite Generation hätte „elements of American pragmatism“ (5) eingeführt, zudem würden Lukács und Gramsci zu dieser Generation gehören. Das ist eine sehr gewagte Darstellung. Die „erste Generation“ ist eher dafür bekannt, sich mit der Shoa und deren Auswirkungen sowie mit Pädagogik befasst zu haben, als Marxisten würden sie sich gewiss nicht als Teil des „german idealism“ sehen; Lukács und Gramsci gehören eher anderen marxistischen Strömungen an (mit gegenseitigen Einflüssen). Obwohl man dies lange diskutieren könnte, ist all das am Ende egal: obwohl sie in der Introduction angeführt werden, taucht eigentlich nur noch Habermas im restlichen Buch auf. Es ist verwirrend, insbesondere wenn man die angeführten Autoren (in anderen Büchern auch Autorinnen) selber gelesen hat.

4 Zum Beispiel: Estep, Erik & Enright, Nathaniel (edit.): Class and Librarianship. Essays at the Intersection of Information, Labor and Capital. Sacramento: Library Juice, 2016. Schroeder, Robert (edit.): Critical Journeys. How 14 Librarians Came to Embrace Critical Practice. Sacramento: Library Juice, 2014. Schroeder, Robert & Hollister, Christopher V.: Librarians’ Views on Critical Theories and Critical Practices. In: Behavioral & Social Sciences Librarian 33 (2014) 2:91-119.

5 Zachary Loeb: Beyond the Prototype. Libraries as Convivial Tools in Action. In: Mehra & Rioux 2016:15-39.

6 Gabriel Gomez: Will Big Data’s Instrumentalist View of Human Behavior Change Understandings of Information Behavior and Disrupt the Empowerment of Users Through Information Literacy?. In: Mehra & Rioux 2016:41-73.

7 Jonathan Cope: The Labor of Informational Democracy. A Library and Information Science Framework for Evaluating the Democratic Potential in Socially-Generated Information. In: Mehra & Rioux 2016:75-118.

8 Vergleiche auch für die Position, dass sich daraus eigentlich die Forderung ableiten müsste, diese Arbeit sichtbar zu machen und Lohn einzufordern: Fuchs, Christian (2014): Digital Labour and Karl Marx. New York ; Abington: Routledge, 2014.

9 Wendy Highby: Beyond the Recycling Bin. The Creation of an Environment of Educated Hope on a Fracked Campus in a Disposable Community. In: Mehra & Rioux 2016:123-180.

10 Ich gebe zu, ich verstehe das oft nicht, wie man auf die Idee kommen kann, eine Einrichtung als „sozialen Treffpunkt“, „demokratische Institution“, „Ort für alle“ verstehen und konzipieren zu wollen, ohne sich Gedanken darum zu machen, wie diese Gesellschaft funktioniert. Mir ist zum Beispiel nicht klar, wie man eine „Bildungseinrichtung“ sein will, man nicht zu verstehen versucht, wie „Bildung“ überhaupt funktionieren soll. Der Rückzug auf individualisierte Ansätze wie Psychologie oder – erschreckenderweise tatsächlich vertreten – Biologie kann ja nur einen kleines Stück weit helfen. Deshalb würde ich in der bibliothekarischen Diskussion immer mehr, wenn schon nicht Diskussion über „die Bibliotheken in der kommenden Gesellschaft“ und die „kommende Gesellschaft“, so doch zumindest Bezug zu soziologischen Themen und Theorie erwarten. Aber vielleicht sehe ich das falsch und es ist einfach nur ein persönlicher Wunsch.

11 Sicherlich ist die Frage, warum nicht Kolleginnen und Kollegen aus Grossbritannien, Australien, Neuseeland an critlib partizipieren, offen. Ganz zu schweig von denen aus englisch-sprachigen Staaten des globalen Südens. Das gilt aber auch bei anderen „Bewegungen“. Offenbar ist nicht nur die Sprache ein Grund.