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Wird die Welt (um Bibliotheken) komplexer?

In den letzten Monaten ist im Bibliothekswesen immer wieder einmal eine Phrase aufgetaucht, in Gesprächen, Positions- und Planungspapieren, auf Podien: Die Gesellschaft, die Welt würde immer komplexer und unübersichtlicher. Sie sei nicht mehr zu überblicken. Der einzige Weg wäre – so wird mal direkt, mal indirekt gesagt – auf die Nutzerinnen und Nutzer zu hören. (Was dann in Design-Thinking-Workshops und ähnlichen „partizipativen Prozessen” umgesetzt wird.) Im aktuellen Positionspapier des ekz-Fachbeirats steht das direkt:

„Die Bibliothek der Zukunft wird nicht für die Bürger*innen, sondern gemeinsam mit ihnen geschaffen! Diversität und Pluralismus gehören heute zusammen mit der permanenten Informationsexplosion zu unseren Alltagsrealitäten. Das Fazit daraus: Niemand überblickt Wissensbereiche komplett, aber die Weisheit der Vielen kann Bibliotheken als Motor der Gesellschaft ganz weit nach vorn bringen!” [ekz-Fachbeirat: „Positionspapier ‹Fünf Aufgaben für die Bibliothek der Zukunft›”, 2019: 1, https://www.ekz.de/fileadmin/ekz-media/downloads/unternehmen/2019_01Positionspapier_Zukunft_der_Bibliotheken_ekz-Beirat.pdf]

Nun, ich habe etwas dazu zu sagen. Mir scheint das eine gefährliche Argumentation, eine, die nicht nur falsch ist, sondern auch die Bibliotheken schlechter macht, wenn ihr gefolgt wird. Das mag überraschen, weil zum Beispiel dieses Zitat so fortschrittlich klingt und Partizipation einen so guten Ruf hat. Es ist aber, wie ich hier argumentieren werde, eine ideologische Position, die sich aus der theoretischen Grundlage des Neoliberalismus ergibt. Und das hat, wenn ihr gefolgt wird, die gleichen Auswirkungen, wie es der Neoliberalismus im Allgemeinen hat: Die Kapitulation des eigenen Denkens und Planens öffentlicher Institutionen vor angeblichen Kräften, die von aussen „steuern”, und damit auch eine Aufgabe des Kerns dessen, was diese zu öffentlichen – Gesellschaft mitproduzierenden – Einrichtungen macht. Und gleichzeitig eine „Steuerung” dieser Einrichtungen hin zu solchen, welche die vorhandenen Strukturen (vor allem die sozialen Spaltungen) der Gesellschaften verstärken.

Dabei geht es nicht darum, hier gegen progressive Themen, die mit dieser Phrase verbunden werden wie zum Beispiel im zitierten Papier, zu argumentieren (das erwartet wohl niemand von mir): Diversität, offene Gesellschaft, Pluralismus. Alles hübsch. Aber in diesem Zusammenhang sind sie nicht Ziel einer Gesellschaftsveränderung, sondern Blendwerk.

Wir haben mit den Öffentlichen Bibliotheken in Grossbritannien seit „New Labour” schon ein Beispiel dafür, was passiert, wenn mit vorgeblich progressiven Zielen den neoliberalen Ideologemen gefolgt wird: Und es ist nicht schön. (Auch ohne „Brexit” ist der Besuch in Bibliotheken in Grossbritannien in den letzten Jahren ja immer peinlicher geworden, so wie die Gebäude zerfallen, die Bestände veralten, die Menschen in den Bibliotheken immer weniger werden und die Bibliotheken, die noch „laufen”, mit peinlichen Gift-Shops ausgestattet werden.) Es wäre gut, noch einmal innezuhalten und nachzudenken, bevor man sich auch auf diesen Weg begibt.

Um dieses Argument zu machen, werde ich ein Buch referieren, das sich überhaupt nicht mit Bibliotheken, sondern mit Architektur befasst. Das als Vorwarnung. Ich hoffe aber, dass am Ende des Textes klar ist, warum. (Bleiben Sie dabei.)

Neoliberale Architektur

Ich werde auf folgendes Buch zurückgreifen: Douglas Spencer (2016). „The Architecture of Neoliberalism. How contemporary architecture became an instrument of control and compliance.” (London; New York: Bloomsburry). Inhaltlich geht es, wie der Titel angibt, darum, wie neoliberale Ideologeme die aktuelle Architektur geprägt haben. Man könnte erwarten, das es vor allem um hochfliegende Analysen aktueller Bauten gehen würde oder aber um eine (nicht unberechtigte) Polemik gegen die ganzen Sichtbeton-Bauten.

Das ist aber nicht, was das Buch macht. Es ist vielmehr eine sehr klare Darstellung der Entwicklung neoliberaler Ideologeme, des Aufgreifens dieser durch einzelne Architekt*innen und der Gebäude, die so entstandensind. Es ist ein sehr gutes Buch, ich würde es immer weiterempfehlen. Was gezeigt wird, ist, dass (unüberraschend) die Vorstellung davon, wie die Gesellschaft und die Beziehungen zwischen Menschen funktionieren, auch bestimmt, was für Gebäude geplant und gebaut werden – und wie so aktuelle Architektur diese Ideologeme so umsetzt, dass sie faktisch zu weniger Gesellschaft und zu weniger Kontakten zwischen Menschen führen. Es geht also nicht um Ästhetik (obgleich diese ganzen Gebäude wirklich, wirklich, wirklich hässlich sind), es geht um die Gesellschaft und die Verantwortung der Architektur.

Wie gesagt folge ich dem Buch hier, werde dann wieder zu den Bibliotheken kommen.

Hayek: Alles ist zu komplex

Die Geschichte des neoliberalen Denkens ist schon oft erzählt worden: Wie die Grundideen in den späten 1920ern und den 1930ern entwickelt wurden (Popper, Mies, Hayek, Österreichische Schule, Ordoliberalismus), aber erst in den 1970ern im reale Politik umgesetzt wurde, zuerst in Diktaturen (Chile), dann von Konservativen (Reagan, Thatcher), dann von Progressiven (New Labour, SPD unter Schröder). Gerade wegen seiner Verbreitung und weil der Begriff zu einem allumfassenden Schimpfwort geworden ist, ist es aber wichtig, nochmal zu den Anfängen zurückzugehen .

Was sind die Grundideen des Neoliberalismus? Worum ging es? Erstmal ging es um eine „Rettung” des Kapitalismus. Ende der 1920er – Wirtschaftskrise, die Sowjetunion als Vorbild für eine nicht-kapitalistische Gesellschaft, Faschismus als eine ganz andere Alternative in Italien, plus Wirtschaftskrise – galt es nicht als ausgemacht, dass gerade der Kapitalismus die beste Form der Organisation von Gesellschaft und Wirtschaft darstellen würde.1 Überzeugt davon, dass er es doch sei, suchten die Vertreter des Neoliberalismus nach Gründen für seine „Schwäche” und gleichzeitig nach Wegen, zu erklären, wie er doch besser werden könne.

Friedrich von Hayek – auf den Spencer stark eingeht, der aber selbstverständlich nur einer, wenn auch einer der einflussreichsten Vertreter dieser Denkrichtung war – brachte, in Übereinstimmung mit seinen Mitstreitern, einige radikale Thesen vor:

  • Er unterstellt, dass die Gesellschaft so komplex sei, dass sie nicht zu steuern wäre. Jeder Versuch, mittels Planungen oder staatlichen Interventionen oder gross angelegten Programmen die Gesellschaft zu steuern, zu verbessern, sei zum Scheitern verurteilt. Egal, was die Planungen erreichen wollten – und seien es die hehrsten aller Ziele – würde durch Bürokratie und dadurch, dass nicht alles mitgeplant werden können, zu unerwarteten und letztlich negativen Ergebnissen führen. Vor allem würde immer die Freiheit der Menschen eingeschränkt.
  • Freiheit heisst bei Hayek vor allem die Freiheit, selbst zu entscheiden. (Nicht, wie zum Beispiel bei Keynes, die Freiheit von Gefahren, um so besser das eigene Leben gestalten zu können. Mit Isaiah Berlin gesprochen: Freiheit kann sich Hayek nur als „negative Freiheiten” vorstellen, „positive Freiheiten” seien ein Mythos, die immer mit Planung einhergehen würden und deshalb schlechte Ergebnisse hervorbrächten.)
  • Hayek setzt in dieser Argumentation alle zu seiner Zeit existierenden Alternativen zu der von ihm präferierten Formen von Kapitalismus gleich: Faschismus, Sozialismus / Kommunismus, andere Formen staatlicher Intervention, wie sie dann mit dem New Deal in den USA umgesetzt wurden. Das Problem mit all diesen sei, dass sie davon ausgehen würden, das man Gesellschaften planen könnte. (Und ja, mit dieser Argumentation wird es für Hayek dann egal, ob diese Planung aus rassistischem Denken – wie im Faschismus – geschieht oder aus dem Wunsch, eine klassenlose Gesellschaft zu schaffen oder um die Effekte des Kapitalismus abzuschwächen. Das ist ihm alles eines, weil es ihm um die angeblichen Unterschied von Planungen versus Markt geht.)
  • Was ist die richtige Alternative für Hayek (und die ganze neoliberale Schule)? Bekanntlich der Markt. Was in der Gesellschaft – nicht nur von Firmen, sondern von allen Einrichtungen, insbesondere staatlichen – gemacht werden solle, sei, nach Marktprinzipien zu funktionieren: Nach Marktsignalen suchen und auf sie reagieren – was normalerweise über den Preis funktioniert (wir erinnern uns: im Liberalismus und Neoliberalismus ist die Idee bestimmend, dass sich der Preis eines Produktes ergeben würde aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage; er würde solange steigen, solange eine Nachfrage besteht und dann nicht mehr erhöht werden können, weil die Marktsignale – es wird weniger zu einem höheren Preis gekauft – anzeigen, dass das Maximum erreicht sei); aber anderswo, wo dieser Marktsignale nicht über den Preis gegeben werden können, nachgebildet werden müsse. Nur diese Marktsignale seien in der Lage, die nötigen Informationen bereitzustellen, damit die Gesellschaft sich selber steure. Alle andere Formen der Steuerung seien fehlerbehaftet.
  • Aufgabe sei nun, alle Barrieren, diese Marktinformationen zu bilden oder wahrzunehmen sowie alle „Verzerrungen” des Preises abzubauen – weil diese dazu führen, dass die Informationen falsch verstanden würden und damit halt nicht ihre Steuerungsfunktionen haben könnte. Zu diesen Verzerrungen gehören halt auch alle staatlichen Interventionen oder grossflächigen Planungen. (Es ist also folgerichtig, für die Marktteilnehmer die grösstmögliche Freiheit – im Sinne von möglichst wenig Interventionen – zu fordern.)

Spencer zeigt nun, dass diese Idee von Hayek und anderen weitergetrieben wurde. Und hier wird es relevant, denn so werden Ideen davon, wie die Gesellschaft funktionieren würde, über den Bereich des Wirtschaftsmarktes hinaus transportiert. Logischerweise, den wie sollen sich diese Ideen auf den Bereich von Firmen beschränken? Diese Idee zielen ganz auf die Gesellschaft.

  • Wenn nur der Markt – mit seinen Hinweisen, die wahrgenommen werden und verstanden werden müssen – als Steuerungsinstanz gelten darf, dann darf es folgerichtig nur möglichst wenig staatliche Interventionen, Planungen, Eingriffe geben; eigentlich nur solche, welche die Produktion von Signalen aus dem Markt und deren Wahrnehmung stärken.2 Das mag man folgerichtig nennen, aber es geht noch weiter: Jede Form von Kritik, von systematischer Analyse, von Planung, die von anderen Grundsätzen – zum Beispiel, dass es den Menschen besser gehen soll oder das ihr Leben weniger von strukturellen Unterschieden bestimmt sein sollte – ausgeht, wird untersagt. Alles das sei unsinnig, weil es zu falschen Ergebnisse führen würde. Auch jeder andere Anspruch, zum Beispiel moralische Ansprüche oder ästhetische, sei falsch, irregeleitet. Marktsignale wahrnehmen, sie hervorrufen, sie interpretieren und darauf reagieren: Das alles sei möglich. Alles andere nicht. Umgesetzt führt das dazu, dass der gesamte gesellschaftliche Diskurs erstirbt. Man darf keine Kritik äussern (weil das die freie Produktion und Interpretation von Marktsignalen beschränken würde), nicht über Systeme oder systematische Strukturen nachdenken, weil es die gar nicht wirklich geben würde, sondern nur die Eigeninteressen von Individuen, die alle die gleichen Möglichkeiten hätten, sich zu entfalten. Dafür gibt es auch keine moralische Verantwortung – wie sollte die sich auch begründen?
  • Vermittelt wird aber auch ein Gesellschaftsbild, in dem es eigentlich keine Konflikte gibt. Alle Auseinandersetzungen seien nur unterschiedliche Interessen von Menschen, die sich am Besten über Marktprozesse ausgleichen lassen (nicht unbedingt zur Zufriedenheit aller, aber so, dass ein Optimum von Ausgleichen, der in der Gesellschaft möglich sei, erreicht würde – so, wie sich halt der Preis auch als „Optimum” bilden würde, der auch nicht alle befriedigen würde). Alle anderen Wahrnehmungen von Konflikten seien falsch. Alle politischen Bewegungen, die versuchen würden, die Konflikte anders, als durch den Markt zu regeln, seien missgeleitet (und nochmal zur Erinnerung: der grosse Feind sei die Planung; dabei traten damals fast alle politischen Bewegungen mit der Idee der Planung auf). Dieses Gesellschaftsbild hat Konsequenzen: Man stellt sich zum Beispiel vor, dass alle Menschen eigentlich gleichberechtigte Interessen hätten. Wenn man nur die ganzen politischen Ideen entfernen und die Leute miteinander kommunizieren lassen würden, würden sich die Interessen ausgleichen – wobei Kommunikation heisst, Marktsignale zu geben, nicht unbedingt miteinander tiefer zu kommunizieren. (Wenn jemand hier an „willingness to pay-Studien” denkt: genau.)
  • Wie alle anderen Ideologie – und es sollte klar geworden sein, dass der Neoliberalismus eine Ideologie ist, auch wenn er behauptet, das gerade nicht zu sein – versteht sich auch der Neoliberalismus als modern und fortschrittlich. (Das haben selbst die Ideologie gemacht, die als „rückwärtsgewandt” bezeichnet werden. Auch die haben die Vorstellung, dass sie in die richtige, moderne, einzig sinnvolle Richtungen gehen, während die Welt bislang irgendwo in der Geschichte „falsch abgebogen” sei. Der Faschismus in den 1930ern sprach nicht umsonst von „nationaler Revolution” [heute ja immer noch].) So trat schon Hayek auf, so wird auch heute aufgetreten: Neoliberale Grundsätze werden als modern, fortschrittlich bezeichnet, alles andere als fehlgeleitet, unmodern, „verkrustet” diffarmiert. Genauso wie für Hayek Faschismus, Sozialismus / Kommunismus und Staatsintervention eigentlich alle das gleiche waren – weil halt Planung –, genauso wurde im Laufe der Zeit alle anderen Kritiken, Alternativen und so weiter als gleich veraltet und verkrustet bezeichnet. (Und das konnte die Idee von demokratischer Kontrolle der Wirtschaft in Pinochets΄ Chile sein wie auch Naturschutz oder indigene Rechte in den USA in den letzten Jahren oder aber Eingriff in die eigenbestimmte Wahl der sexuellen Identität im heutigen Deutschland – was immer in der jeweiligen Gesellschaft jeweils als Ausdruck als modern gelten kann.) Das ist wichtig festzuhalten: Neoliberale Ideologeme lassen sich offenbar mit den verschiedensten gesellschaftspolitischen Grundhalten verbinden (weil sie ihnen gegenüber grundsätzlich agnositisch sind), solange diese Grundhaltungen nicht die gemeinschaftliche Einforderung von Rechten beinhaltet. Und gleichzeitig können sie immer als modern und neu präsentiert werden.

Der neoliberale Bau

In seinem Buch stellt Spencer diese ideologischen Grundlagen noch ausführlicher dar. Er führt dies dann weiter auf das Feld der Architektur. Das ist ein Feld, in dem immer wieder und immer wieder neu darüber nachgedacht wird, ob und wenn ja, welche moralischen, gesellschaftlichen und anderen Aufgaben die Architektur hat. (Im 100-Jahre-Bauhaus-Jahr sollte das nicht überraschen.) Er zeigt anhand einer ganzen Anzahl von Architekturbüros und Gebäuden, wie diese Büros mit den neoliberalen Ideologemen im Gepäck, jede moralische und gesellschaftliche Verantwortung abgelegt haben. Ergebnis sind dann Gebäude, die das eben geschilderte Denken davon, wie Gesellschaften funktionieren (sollen), umgesetzt haben.

  • Eine ganze Anzahl von Büros hat – mit dem Argument, dass der Markt vorgibt, was gebaut wird, weil nur er die richtigen Signale geben kann – sich den Anforderungen der Auftraggeber gebeugt und dabei gleichzeitig keinen Unterschied mehr zwischen den Auftraggebern gemacht. Beispiel sind hochmoderne Bauten in aktuellen Diktaturen, gebaut von Büros aus der Schweiz oder den USA. Gleichzeitig wird sich den Hauptvoraussetzungen gebeugt, die vorgegeben werden und nicht mehr danach gefragt, wie etwas anders, besser, menschlicher, ästhetischer gestaltet werden kann.
  • Die Idee, dass es eigentlich keine gesellschaftlichen Konflikte gibt, sondern einfach mit Transparenz und Individualisierung alle gezwungen werden müssen, sich als Teilnehmer*innen an einem Markt / Pseudo-Markt zu verhalten, hat dann auch zu Gebäude geführt, die genau das fördern sollen: Alles hell, alles glatt (Sichtbeton und am Rechner geplante Flächen, die keine Einbuchtungen, Ecken, Sichtschranken etc. mehr zulassen, keine Verzierungen), alles in ausdruckslosen Farben, alles Vereinzelnd: So, als müssten die Menschen einfach nur gezwungen werden, sich selber zu präsentieren – dann würden sie schon „Marktsignale” geben, die zu interpretieren wären.
  • Aber selbstverständlich ist das gar nicht der Effekt: Dadurch, dass gesellschaftliche Strukturen ignoriert werden (weil es sie in diesem Denken gar nicht gibt) und dass sich nur noch vorgestellt werden kann, dass Gesellschaft möglichst in offenen Räumen stattfinden muss (weil das Transparenz sei), werden mit diesen Gebäuden gesellschaftliche Strukturen verstärkt: Da, wo es Überwachungsstaaten gibt, wird so die Überwachung stärker; da wo es Demokratien gibt, wird die eigentliche demokratische Gesellschaft unmöglicher gemacht, weil Grundfunktionen der Demokratie – das Menschen sich nach ihren Interessen zusammenfinden, diskutieren und zu gemeinsamen Positionen finden, die sie dann mit Argumenten (und nicht als Marktsignale) verteidigen – in solchen Räumen gar nicht mehr durchgeführt werden kann. Dadurch, dass die Gebäude als hypermodern präsentiert werden wird jede Kritik an Ihnen als unmodern, rückständig gezeichnet. (Immer kann zum Beispiel behauptet werden, die Kritik sei eigentlich nur eine Neuauflage des Bauhauses und damit – 100 Jahre alt – irrelevant veraltet. Damit muss dann auch nicht mehr auf die Kritik eingegangen werden.)
  • Auffällig ist auch, dass in solchen Gebäuden versucht wird, die Komplexität, die ja eigentlich alle Gebäude haben – und die zum Beispiel beim Bauhaus noch Ansporn war, diese durch Multifunktionalität und Planung auch auf kleinem Raum zugänglich zu machen – in slicken Landschaften, die eher einfach ineinanderfliessen und einen „geglätteten Raum” präsentieren, zu verbergen. Das ist nicht selbstverständlich, das diese Gebäude heute so aussehen – die Architekturgeschichte ist voll von Gegenbeispielen.

Neoliberale Bibliothek?

Und jetzt endlich zurück zu den Bibliotheken. Warum denke ich, dass die Darlegungen von Spencer relevant für Bibliotheken sind? Ich hoffe, dass ist ersichtlich geworden: Weil das die gleiche Argumentation ist.

Nochmal zur Erinnerung: Am Anfang bei Hayek (und den restlichen frühen Vertretern des Neoliberalismus) steht die Überzeugung, (a) dass die Welt, die Gesellschaft zu komplex sei, um mit Planungen gesteuert zu werden und (b) das die einzige Möglichkeit, damit umzugehen, wäre, die Gesellschaft sich über Marktprozesse selber steuern zu lassen. Alles andere ergibt sich folgerichtig (und führt zu langweiligen Sichtbetonbauten, wo man sich nur in Cafés setzen kann, die ein*e möglichst transparent von allen Seiten sichtbar werden lassen). Es geht nicht, wie das die Verwendung des Begriffes „Neoliberalismus” als Beleidigung impliziert, darum, dass irgendwer Profit macht. Das ist „nur” ein Nebeneffekt.

Hayeks Vorstellungen im Bibliothekswesen

Mir scheint, das – parallel dazu, wie es sich in der Architektur entwickelt hat – diese Argumentation auf dem Weg ist, sich zum Teil im Bibliothekswesen festzusetzen. Wenn „partizipative Projekte” so begründet werden, dass die Welt zu komplex sei, um sie zu verstehen, und man deshalb – quasi als Produktion von Marktsignalen – nichts anderes tun könnte, als die Nutzer*innen fragen, dann ist das doch die gleiche Argumentation.

Es sind die gleichen Vorstellungen, die auch Hayek antreiben:

  • Die Idee, dass die Welt zu komplex geworden sei.
  • Die Idee, dass die Nutzer*innen – als Marktteilnehmer*innen – die Informationen hätten, wie die Bibliothek zu entwickeln sei. (Und dafür tendenzielle ein Rücknehmen der eigenen Entscheidungsfähigkeiten der Bibliothek – siehe nochmal das Zitat am Anfang dieses Textes.)
  • Der Vorstellung, dass die Gesellschaft eigentlich keine unauflösbaren Interessenskonflikte hat, sondern das man alle Konflikte ausgleichen könnte, indem man die Interessen der Nutzer*innen erfragt (die Marktsignale) und dann austariert: nicht so, dass alle zufrieden sind, aber so, wie es gerade optimal ist. (Und wer hier an die rekursiven Prozesse von Design Thinking-Projekten denkt, dieses Bauen – Testen – Evaluieren – neu Bauen – wieder Testen und so weiter: Genau. Daran denke ich auch.)
  • Dem praktischen Verbot von Kritik (nochmal in den Grundtexten zu Design Thinking nachlesen, da wird Kritik als „Bedenkträgerei” und ähnlich diffamiert und gleichzeitig eingeschränkt, dass man zum Beispiel nicht über Dinge nachdenken darf, die man nicht verändern könne), langfristigen Planungen und Zielen, die ersetzt wurden mit dem Fokus auf angebliche „Bedarfe” und Trends, die man suchen müssen, weil nur sie angeben würden, wohin sich Institutionen (hier die Bibliotheken) entwickeln sollen.
  • Der Anschluss an aktuell vorherrschende Tendenzen in der Gesellschaft, mit dem Gestus, dass jede Kritik, praktisch rückständige Kritik an diesen Tendenzen und damit unmodern sei – als wenn Kritik nicht inhaltlich wäre und auch inhaltlich eingeteilt und verstanden werde müsse. (Das Papier des ekz-Fachbeirats ist da ein sehr gutes Beispiel für: Es wird mit * gegendert, es wird Diversität betont – es wird sich also [viel mehr als man das der ekz vielleicht zutrauen würde] explizit auf die Seite des vernünftigen, progressiven Teils der Gesellschaft gestellt. Aber gleichzeitig kann jetzt jede Kritik an diesem Papier als Kritik an dieser Progressivität interpretiert werden. – Ich hoffe es ist klar, dass ich keine Kritik an dieser Progressivität habe. Dem applaudiere ich. Mein Problem ist, dass damit eine abzulehnende Ideologie kaschiert wird.]

Genauso, wie bei Hayek – dessen Denken ja erschreckende Wirkungen für Millionen von Menschen hatte, ich deute nur nochmal nach Grossbritannien und wie sich die sozialen Spaltungen da verstärken, trotz aller progressiven Terminologien seit New Labour, trotz mehr Sichtbarkeit und Erfolg von Minderheiten, trotz freiem Museumseintritt und so weiter –, ist die Frage ja, ob es überhaupt stimmt, dass (a) die Welt so komplex geworden ist, dass es (b) unmöglich geworden ist, sinnvoll und langfristig zu planen (und damit längerfristige Ziele über das reine „Überleben” der Einrichtungen hinaus zu planen) und (c) ob damit die einzige Möglichkeit nur noch daran besteht, rauszufinden, was die Nutzer*innen wollen und diesen Interessen zu folgen.

Die Antwort ist einfach: Nein, ist sie nicht. Die Welt ist nicht komplexer geworden, schon gar nicht in den letzten Jahren. Und vor allem stimmt es nicht, dass es damit unmöglich geworden sei, sinnvoll zu planen und selber Ziele zu setzen.

Nicht komplexer, sondern anders

Ich hätte eine Reihe von Argumenten dafür, dass die Welt nicht komplexer geworden ist. Das erste stammt nochmal aus einem Buch, das mit dem Bibliothekswesen gar nichts zu tun hat (auch eher zufällig dieses, weil ich es letztes Jahr gelesen habe; es könnte auch ein anderes sein): John Waller (2009). „A Time to Dance A Time to Die. The extraordinary story of the dancing plague of 1518.” (London: Icon Books) Waller berichtet über eine Phänomen aus dem Jahr 1518 in Strasbourg. Eine Frau begann, unkontrolliert und damit ohne aufhören zu können, zu tanzen. Es gab gar keine Musik dazu, sie tanzte einfach auf der Strasse, dann „steckte” sie andere an, die auch begannen, zu tanzen. Das ging über Wochen. Wie viele Menschen diese unkontrollierten Tänze aufführten, ist unklar, aber es geht um mehrere Dutzend, wenn nicht hunderte. Die Stadtverwaltung versuchte, dies unter Kontrolle zu bekommen, spätestens als die Tanzenden begannen, zusammenzubrechen und zum Teil zu sterben (andere brachen zusammen, hörten danach auf zu tanzen). Es gab verschiedene Versuche, vom Zusammensperren der Tanzenden bis hin zum Geleit zu einem Tempel für einen spezifischen Heiligen.

Was Waller in dem Buch darlegt, ist, wie schwierig für uns die damaligen Herangehensweisen, Denkmuster und auch Überlegungen nachzuvollziehen sind. Beispielsweise ist für uns nicht klar ersichtlich, warum gerade dieser Heilige als Wundertäter für dieses Problem ausgewählt wurde – es wurde nirgends dargelegt. Und dennoch gab es eine Logik, wie das Phänomen verstanden wurde und wie versucht wurde, gegen es vorzugehen: es wurde dieser Heilige ausgewählt und allen war so klar, wieso, dass dies nirgends niedergelegt wurde. Die Stadtverwaltung machte Pläne, diskutierte Lösungen, investierte Ressourcen. Was Waller betont und diskutiert – und was in den letzten Jahren immer und immer wieder in der Mediävistik diskutiert wird – ist die Frage, ob und wie wir Menschen aus dem Mittelalter überhaupt verstehen können. Was klar ist, wenn man sich konkret mit dem Mittelalter beschäftigt, ist, dass es nicht einfacher war, das man sich damals nicht weniger Gedanken gemacht hat und so weiter. Das Denken, die Handlungen und die Gesellschaften der damaligen Zeiten waren nicht einfacher. Sie waren anders. Dinge, die für uns heute oft irrelevant sind – welche Heiligen gibt es, was tun sie, wie sind sie auf Probleme zu beziehen, was ist mit unserem Seelenheil – waren damals relevant, relevant und komplex. Dafür sind andere Dinge heute für uns komplex.

Es gibt radikale Positionen in der Mediävistik, die behaupten, wir könnten die Gedankenwelt des Mittelalters gar nicht mehr nachvollziehen (oder, erweitert, irgendeines anderen Zeitalters oder einer anderen Kultur) und weniger radikale, die uns doch die Möglichkeit dazu zusprechen. Aber so oder so: Es ist heute klar, dass die Welt des Mittelalters nicht weniger komplex war. Die Menschen machten sich andere Gedanken und hatten bei anderen Problemen das Gefühl, den Entscheidungen anderer… well: Kräfte ausgeliefert zu sein, als heute. Aber das waren nicht weniger oder mehr Gedanken als heute. Alles andere ist Projektion aus der Jetztzeit in ein angeblich „einfacheres Zeitalter”.

Das gilt, so mein weiteres Argument, auch für die letzten Jahrzehnte. Die Behauptung, dass die Welt, die Gesellschaft JETZT so komplex geworden sei, dass man sie nicht mehr zu steuern sei, setzt voraus, dass sie es vorher nicht wahr. Aber das geht überhaupt nicht logisch damit einher, dass Hayek das Gleiche schon in den 1930ern behauptet hat. Oder das in den 1970ern Bibliotheken vor der „Informationsflut” warnten, die sich nicht mehr bewältigen würden. Oder das Bibliotheken in den 1990ern behaupteten, mit dem Internet sei die Welt zu unübersichtlich geworden, um sie zu ordnen und zu steuern. Und so weiter. Seit Jahrzehnten wird behauptet, jetzt sei die Welt zu komplex, vorher sei sie es nicht gewesen: Aber das wird nie nachgewiesen, es wird einfach im Vorbeigehen auf die jeweils aktuelle Informationstechnologie verwiesen. Meine Gegenthese: Die Welt ist nicht komplexer, sie ist „nur” anders geworden (in einigen Bereichen besser, in anderen schlechter). Wir Menschen sind alle noch mit den gleichen Möglichkeiten in der Welt, wie die Menschen vor 100 Jahren, wir haben Tools dazubekommen, aber die können wir alle bedienen oder nicht bedienen. Das macht keine neue Komplexität aus, schon gar keine, welche die Gesellschaft mehr oder weniger steuerbar macht, als vorher.

Noch ein Argument: Was Komplex erscheint, ist immer auch eine Wahrnehmungsfrage. Nochmal zum Papier des ekz-Fachbeirats: Dort wird postuliert, durch zunehmende Diversität und Pluralität sei die Welt komplexer. Aber stimmt das? Der Eindruck mag sein, dass man zum Beispiel früher nur von Mann und Frau in heterosexuellen Beziehungen ausgegangen wäre, aber jetzt würde man akzeptieren, dass es nicht einfach nur Mann oder Frau sein kann, sondern das Menschen unterschiedliche Interpretationen ihrer Geschlechtsidentität haben und das gleichzeitig alle möglichen Formen von Beziehungen gelebt werden können [und, um dem ekz-Fachbeirat auf Respekt zu geben, wo er verdient ist: dass das etwas Gutes ist]. Nur: Ist das wirklich komplexer? Ein kurzer Blick in Foucaults‘ „Sexualität und Wahrheit” zeigt ja, dass auch „in einfacheren Zeiten” ständig Arbeit daran geleistet werden musste, die beiden Geschlechter „herzustellen”, zu leben und gleichzeitig alle anderen möglichen Lebensformen zu erfassen, zu definieren und „abzugrenzen”. Ist es nicht eher so, dass sich diese diskursive Arbeit einfach verschoben hat? Anstatt ständig sich und anderen versichern zu müssen, wer oder was in das eine oder andere Geschlecht hineingehört oder wer gerade bezogen auf sein / ihr Geschlecht etwas „falsch” macht und Angst zu haben, dass diese Binarität irgendwie aufbricht (zum Beispiel durch nicht-heterosexuelle Beziehungen oder Menschen, die sich nicht in das Geschlechterschema pressen liessen), setzt sich heute [zumindest beim vernünftigen, progressiven Teil der Gesellschaft] die Haltung durch, dass alle diese Identitäten und Beziehungsformen okay sind. Man kann vielleicht heute mehr Erfahrungen machen, aber ist es wirklich komplexer und mehr Arbeit? Ich denke, gerade nicht. Dafür ist ja die ganze andere intellektuelle Energie eingesparrt, mit der man die Binaritäten aufrechterhalten wollte. [Was es komplex macht ist doch nicht, dass die Binarität aufgebrochen wird, sondern das daneben noch einen anderen, anti-progressiven Teil der Gesellschaft gibt.]

Und noch ein Argument, diesmal ein persönliches: Ich lebe ja seit einigen Jahren praktisch in drei Städten gleichzeitig: Chur (Kleinstadt), Berlin (Metropole) und Lausanne (Grossstadt). Ich denke, langsam kann ich das Leben in diesen gut miteinander vergleichen. In der allgemeinen Erzählung müsste das Leben in Berlin am komplexesten sein, weil da mehr Menschen, mehr Diversität, mehr Angebote, mehr alles ist, als in Lausanne; und in Lausanne komplexer als in Chur. Das ist aber überhaupt nicht so. In allen drei Städten gibt es zum Beispiel spezifische soziale Erwartungen, die zu erfüllen sind, um nicht als unanständig aufzufallen und andere soziale Regeln, um an gesellschaftlichen Orten zu kommunizieren. Die sind jeweils den Umständen entsprechend angepasst (beispielsweise in Berlin eher die Erwartung, dass man im Café in Ruhe gelassen wird und andere in Ruhe lässt, weil so viele unterschiedliche Menschen miteinander auskommen müssen; während in Chur eher erwartet wird, das man zumindest in kurze Gespräche verwickelt wird, dabei mitmacht und das man eher – aber gerade auch nicht immer, nicht creepy – in Gespräche an anderen Tischen eingreifen kann, weil weniger Menschen sich eher öfter sehen und deshalb eine Beziehung zueinander aufbauen sollten). Diese Regeln sind anders, aber nicht mehr komplex in Berlin oder weniger komplex in Chur. Komplexität erklärt nicht den Unterschied zwischen ihnen.

Der Markt ist nicht die Lösung

Wenn jetzt aber das Argument gar nicht stimmt, dass die Welt immer komplexer würde und gerade jetzt „zu komplex” sei – dann stimmen auch die Reaktionen darauf nicht. Die Idee, die Interaktionen zwischen Bibliothek und Nutzenden dem Markt nachzugestalten, ist gar keine Lösung für dieses Problem, weil es das Problem gar nicht gibt. Und damit werden auch die Konsequenzen – dass man aufhört, zu planen, zu kritisieren, nachzudenken, Gesellschaft zu ermöglichen – unnötig. Genauer: Man kann daran gehen, zu fragen, ob es nicht sogar – das ist jetzt vielleicht ironisch – ungewollte Effekte gibt, wenn man diese These von der „zu grossen Komplexität” akzeptiert.

Ich würde sagen, dass es diese Effekte gibt und sie sehr schlecht sind.

  • Ersteinmal ist die Verengung des Begriffes „Partizipation” auf „lass die Nutzenden sagen, was sie wollen” gefährlich, weil es die tatsächlichen demokratischen Potentiale von Partizipation einfach wegwischt. Partizipation heisst, Macht über Entscheidungen zu teilen, nicht Macht angeblich abzugeben, aber dann ja doch zu behalten, weil man am Ende doch die Entscheidung trifft. Wirkliche Partizipation heisst auch, zu akzeptieren, dass es unterschiedliche Interessen und das es gesellschaftliche Strukturen gibt – und diese sichtbar zu machen und dann auszuhandeln, nicht in einem allgemeinen „alle dürfen mal was sagen” zu übergehen. Das alles geht nicht, wenn man Partizipation mit „Design Thinking” oder Co-Design-Workshop gleichsetzt: Diese ganzen Verfahren gehen davon aus, dass alle Nutzenden gleich, mit den gleichwertigen Erfahrungen, den gleichwichtigen Zielen und so weiter existieren und auftreten würden – was selbstverständlich in unseren Gesellschaften nicht der Fall ist. Diese ganzen Verfahren, die so tun, als wären die Interessen der Nutzenden auf einem Pseudo-Markt zu verorten (und nicht in einer Gesellschaft) und man müsste nur ein Verfahren, dass ähnlich ausgleichend funktioniert wie die Preisbildung, finden, dann würde man auch deren Interessen austarieren können, entziehen den Bibliotheken diskursiv die Möglichkeit, planen, handeln oder ihr professionelles Wissen einbringen zu können.
  • Zudem gehen diese Verfahren und dieses Denken immer davon aus, dass die Nutzenden besser wüssten, wie die Bibliothek zu entwickeln sei. Aber das stimmt ja nicht, nicht mal theoretisch. Selbst wenn die Welt zu komplex wäre und zu verwirrend, um sie ganz zu erfassen – wären die Nutzenden genauso dieser Welt ausgesetzt wie die Bibliotheken. Nutzende wissen es auch nicht besser. Sie können andere Sichtweisen einbringen, aber sie können den Bibliotheken die Entscheidung nicht abnehmen.
  • Am Gefährlichsten scheint mir aber diese Verbindung von neoliberalen Ideologemen und Progressivität. Genau das schildert Spencer auch in der Architektur: Da werden in China für Weltmeisterschaften Stadien gebaut, in denen die Überwachung (als „Transparenz”) gleich mit eingebaut ist – und das wird dann doch (im Architekturbüro im schweizerischen, demokratischen Basel) als hypermodern und fortschrittlich dargestellt; Kritik daran hingegen als „bedenkträgerisch” und rückständig. Wer sich die Grundlagentexte zum Beispiel zu Design Thinking durchliesst, wird auch auf solche Formulierungen treffen. Auch da wird „erstmal” verboten, Kritik zu äussern, weil das angebliche Kreativität zurückhalten würde (und diese Kritik dann niemals mehr wieder erlaubt). Von solcher angeblichen Modernität sollte man sich nicht aufhalten oder blenden lassen. Selbstverständlich kann und sollte man immer kritisch sein und auch nach Strukturen fragen. Die Grundthese ist falsch, Kritik an ihr ist nicht unmodern. (Und wenn die jeweilige Kritik schon älter ist: (a) Sind die Grundthesen des Neoliberalismus auch schon alt, (b) ist die Kritik deshalb nicht falsch.)

Nein, die Welt ist nicht zu komplex

Und deshalb finde ich es gefährlich, wenn Bibliotheken die Behauptung nachreden, dass die Welt jetzt (gerade jetzt) zu komplex geworden sei. Sie ist nicht zu komplex geworden, sie nur anders geworden. Aber das wird sie immer: Die Welt ist anders als zu der Zeit, als Hayek versuchte, die Kapitalismus zu retten. Sie wurde auch anders, als die „Tanzwut” 1518 in Strasbourg abebbte. Gab es nämlich vorher den ganzen Rhein entlang über einige Jahrhunderte solche Vorfälle, gab es sie nach 1518 nicht mehr – und wenn man Waller folgt, dann vor allem weil sie die Gesellschaft veränderte. Jetzt lockert sich zum Glück endlich dieses enge Zwangskorsett der Geschlechterordnung, das im 19. Jahrhundert so fest gezogen wurde (und vorher, hier nochmal Foucault lesen, auch anders war). Damit wird es anders; besser, weil weniger Menschen leiden und mehr Menschen sinnhafte Beziehungen führen können – aber nicht komplexer. Jetzt gibt es mehr Informationen als vorher, aber auch das macht die Welt nicht komplexer. Das es „zuviele Informationen” gäbe, ist auch eine Jahrzehnte-alte Klage. [Mehr Geschichte würde vielleicht helfen, diese Veränderungen als Veränderungen, nicht als Gefahr wahrzunehmen.]

Die Welt ist für die Bibliotheken nicht komplexer geworden, nur anders. Man kann genauso gut oder schlecht wie vorher Planen, Ziele anstreben, über die Aufgaben der Bibliothek nachdenken. Das sind gute Nachrichten, aber vielleicht für Einige auch schlechtere:

  • Das Argument von der „Komplexität” nimmt den Bibliotheken nicht ihre Verantwortung dafür ab, darüber zu entscheiden, wie sie sich entwickeln sollen oder können. Und auch nicht moralische Verantwortung für diese Entscheidungen. Egal, welche Methoden man einsetzt, um zu den Entscheidungen über die Entwicklung einer Bibliothek zu kommen, es ist immer die Verantwortung der Bibliothek. Es gibt keine unsichtbare Hand des Marktes oder Pseudo-Marktes, die das regelt.
  • Das heisst auch, dass es weiter keinen Grund gibt, sich im ständigen Nachjagen von Trends zu versuchen, dabei zu scheitern und sich dann zu beschweren, dass niemand sagt, wie man die Trends nachverfolgen soll. Folgt man der Argumentation, dass alles, was man machen könnte, wäre, Marktsignalen zu folgen, weil Planungen immer schlechte Ergebnisse haben – dann wäre das vielleicht ein sinnvolles Vorgehen. Die Argumentation stimmt aber nicht, das Bibliotheken das trotzdem tatsächlich die ganze Zeit machen, ist deren Entscheidung. Solch ein Hinterherjagen kann viel Arbeit erzeugen, aber es verhindert offenbar oft, langfristig zu planen und sich darüber klarzuwerden, was man selber will, dass die Bibliothek tut (denn, wie gesagt, die Hoffnung, das auf die Nutzenden abzuschieben, ist nicht mal theoretisch sinnvoll).
  • Ebenso nimmt das den Bibliotheken nicht die Verantwortung dafür, falls sie sich wirklich selber gegenseitig einreden (oder sich einreden lassen), dass die Welt zu komplex würde. Es bleibt ihre Verantwortung nachzuschauen, ob das ein richtiges Argument ist und daraus Konsequenzen zu ziehen (also es zu akzeptieren und denn „Marktkräften” der Interessen der Nutzer*innen zu überlassen oder aber doch tiefer nachzudenken, zu planen und dafür die Verantwortung zu übernehmen).
  • Das heisst übrigens nicht, dass es falsch wäre, darüber nachzudenken, wie man (intern und extern) mehr Partizipation einführen, einüben und umsetzen kann. Aber man sollte einen Grund für diese Partizipation haben (zum Beispiel mehr Blickwinkel einnehmen, Demokratie üben, Verantwortung teilen, Hierarchien abbauen) – und nicht einfach die Generierung von Pseudo-Marktsignalen mit Partizipation verwechseln. Diese Tendenz ist wirklich zurückzuweisen. (Sie fördert, dass man weniger Demokratie übt, weil sie mit kurzen Meinungsäusserungen gleichgesetzt wird und sie entzieht Bibliotheken tatsächliche Potentiale von Beteiligung.)

Es ist bei den Bibliotheken wie in der Architektur: Man kann diesen Weg gehen, sich von „Kräften ausserhalb unseres Verständnisses” treiben lassen und damit eher in die Richtung gehen, gesellschaftliche Entwicklungen zu ignorieren und damit die eh schon vorhandenen Strukturen zu stärken. Oder aber das Argument zurückweisen und schauen, ob man mit Planung und langfristigen Überlegungen die Bibliotheken (und die Welt) doch besser machen kann.

(Das macht dann vielleicht das Planen schwieriger, dafür aber sinnvoller. Ein Beispiel noch: Bei Spencer wird dargestellt, wie diese Überzeugung, dass man eh nicht versteht, wie Gesellschaft funktioniert und das eigentlich nur alle miteinander transparent sein müssen – weil es ja eigentlich keine wirklichen Konflikte gäbe – dazu, dass diese hässlichen, unwirtlichen „Kommunikationsorte” gebaut werden, umgeben von Sichtbeton und in hohen Räumen – wir alle haben das bestimmt schon oft gesehen. Aber Bibliotheken machen das auch, wenn sie glauben, wenn man nur baulich irgendwie die Leute dazu bringt, in „Landschaften” nebeneinander zu sitzen und sich zu sehen, würde damit Kommunikation und Gesellschaft hergestellt – was halt dann doch kaum klappt, weil es soziale Regeln gibt. Diese Reduktion im Denken führt dazu, dass man vielleicht neue Tische und Stühle aufstellt – aber dann doch aufzuhören scheint, darüber nachzudenken, was das bringen soll. Dabei gibt es keinen Grund dafür, aufzuhören nachzudenken. Ausser die ideologischen Grenzen des neoliberalen Denkens. Ohne diese wäre es viel verständlicher, wenn sich Bibliotheken hinsetzen und schauen würden, wie zum Beispiel bei Ihnen um die Ecke im Café Gesellschaft hergestellt oder nicht hergestellt wird – und dann daraus lokale Schlüsse zu ziehen. Aber das ist nicht vorgesehen, wenn man behauptet, alles wäre eh zu komplex, um es zu verstehen.)

 

Die Gesellschaft ist von Menschen gemacht. Jede. Deshalb ist sie auch für Menschen verständlich. Die Behauptung, sie sei zu komplex, mystifiziert das nur. Bibliotheken sollten sich nicht auf diesen Mythos einlassen – das würde sie nur zum Spielball anderer Interessen machen, und im schlimmsten Falle zum eigenen Niedergang beitragen, wie es ja in Grossbritannien passiert ist.

 

Fussnoten

1 Man sollte auch nicht so tun, als wäre die „Chicago School”, in der die meisten dieser Ideen zusammenkamen, die einzige Institution gewesen, die sich mit dieser Frage beschäftigten. Keynes versuchte es zum Beispiel auch, aber mit ganz anderen Grundideen. Neoliberalismus war auch schon am Anfang nicht alternativlos, ist er auch heute nicht.

2 In den 1980ern, als auch Bibliotheken darüber diskutierten, ob sie „Informationsvermittlungsstellen” werden sollten und gleichzeitig mehrere Anbieter versuchten, mit Informationen und Dienstleistungen zu Informationen Geld zu verdienen, wurde von letzteren diese Position vertreten: Der Markt dürfe nicht „verzerrt” werden, indem Bibliotheken kostenfrei Dienstleistungen anbieten – wenn überhaupt (um eine Informationsgerechtigkeit zu erreichen) dürfe die Nachfrageseite gestärkt werden, also Menschen des Geld gegeben werden, um Dienstleistungen einzukaufen. Was man als Versuch verstehen könnte, mehr Profit zumachen; was sich aber auch aus dem neoliberalen Denken ergibt, ohne Profitabsicht: Wenn man davon überzeugt ist, dass nicht Planung, sondern Informationen aus dem Markt die beste Form von Steuerung sind, dann darf das nur auf diese Weise geschehen – Menschen dürfen in den Status von Markteilnehmer*innen gesetzt werden, aber nicht die Wirtschaft anders organisiert werden. Ist das sinnvoll? Nur mit diesem Gedankenhintergrund.

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Welche Vorbilder wählt sich das Bibliothekswesen und wieso? Einige Überlegungen

Letztes Wochenende fand in Genf die Fête de la Musique statt. Anders als anderswo ist das in Genf nicht der Tag des Sommeranfangs (21. Juni), sondern das ganze Wochenende nach diesem Tag (Freitag bis Sonntag, diesmal 22-24. Juni). Aber ebenso wie anderswo: Musik, vornehmlich draussen, umsonst, mit verschiedensten Musikrichtungen, sehr lokal geprägt (also Bands und so weiter aus Genf, was bei der doch internationalen Stadt Genf halt auch heisst, sehr international geprägte Musik). Da sich der Grossteil der Bühnen in Genf in der Altstadt und neben der Altstadt im Parc des Bastions befindet, gab es hier auch recht zentral all die Essens- und Getränkestände, symphatischerweise nicht von grossen Caterern, sondern vor allem von Vereinen betrieben, die so Geld für ihre jeweiligen Vereinszwecke sammeln. Auch die Infrastruktur: Sehr nett. Kostenfreie und saubere WCs (im Vergleich), überall Brunnen mit Trinkwasser.

Und mittendrin hat die Öffentliche Bibliothek eine Bühne, genauer: Von den Öffentlichen Bibliotheken der Stadt hat einer der 13 Standorte (Bibliothèque de la Cité) eine Abteilung für Musik (Espace musique) und diese Abteilung wiederum hat einen eigenen Bibliotheksbus (Mobithèque) (neben dem Bibliotheksbus – Bibli-o-bus – für die kleinen Orte im Kanton, aber ausserhalb der Stadt Genf selber, den es auch gibt), welcher die ganzen drei Tage bei der Fête de la Musique auch Programm bietet: Filme, Quiz, Chanson, DJs.

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Der DJ beginnt mit seinem Set und geht dabei gleich symphatisch mit ab. Später wurde getanzt (inklusive vieler Kinder, deshalb hier keine Bilder davon).

Auch das war ganz nett. Aber wie wir so bei der Mobithèque sassen, dem DJ (Abraham Licorne, wenn ich das vergangene Programm richtig lese) zuhörten, wie er so einen sehr aufbauenden Mix von Funk, Swing, Rap und Elektro auflegte und wir den Leuten zuschauten, wie sie am warmen, sommerlichen Abend tanzten und auch sonst alles im Rahmen ganz symphatisch fanden, begann ich mich eines zu fragen: Warum ist eigentlich nicht das – die Bibliothèques Municipales de la Ville Genève und ihre Angebote, die direkt zu den Menschen gehen – ein Vorbild für Bibliotheken im deutsch-sprachigen Raum?

Was ist Vorbild – und was nicht?

Je länger der Abend dauerte, umso mehr stellte sich mir diese Frage: Wie wird eigentlich im Bibliothekswesen ausgewählt, welche Bibliotheken als Vorbild gelten und was von ihnen als vorbildhaft gilt? Damit einher geht selbstverständlich immer die Frage, was gerade nicht ausgewählt wird. Der Diskurs (der mal wieder) über bestimmte Vorbilder ist selbstverständlich eine Verständigung darüber, was als denk- und machbar gilt. Gleichzeitig errichtet er ein „Aussen” von Lösungen (in diesem Fall: Bibliotheken), die als nicht vorbildhaft gelten, als nicht denkbar, nicht umsetzbar, als bestenfalls utopisch. Und das vor allem als Diskurs, als System von Worten, Aussagen und Denkweisen. Denn: Ich sass dort im Park und hörte dem DJ, der in der Mobithèque auflegte, zu. Das gibt es real. In einer sehr internationalen Grossstadt mit allen ihren netten und nicht-netten, verrückten und langweiligen Menschen, mit all ihrer Infrastruktur, ihrer Wirtschaftsorientierung, dem „Weggucken” bei all den Quasi-Diktatoren, die dort wohnen, bei ihrem spezifischen Verständnis von Wohlfahrt. Es ist also gar nicht so utopisch; es ist schon gebaut. Aber es ist nicht als Vorbild im deutschsprachigen Diskurs drin.

So erscheint es im deutschsprachigen bibliothekarischen Diskurs praktisch als unmöglich: Ein Bibliotheksverständnis, das eher auf viele kleine Filialen, die dafür dort sind, wo Menschen wohnen, setzt; auf Programme, mit denen zur Bevölkerung gegangen wird, mit Bücherbussen und persönlichen Angeboten. Mit einer Agenda, die so viele Veranstaltungen beinhaltet (ein Teil in Kooperation mit anderen Einrichtungen, aber der Grossteil von der Bibliothek selber organisiert), dass sie mehrfach im Jahr, zum Teil nur für bestimmte Themen (zum Beispiel Musik) gedruckt werden muss? Warum erscheint so ein Verständnis von Bibliothek nicht als vorbildhaft, warum werden Bibliotheken im deutschsprachigen Raum, die auch eher auf solche Strukturen setzen, eher als unzeitgemäss angesehen? Das zum Beispiel Zürich oder Wien so viele Filialen haben, wie sie haben, erstaunt ja heute schon eher. Thematisiert wird es kaum.

Dabei, so wurde eigentlich klar, während der Abend weiterging, haben die Nutzerinnen und Nutzer da gar nichts dagegen.

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Nur mal zwei der aktuellen Programme der Bibliothèques Municipales de Genève. (Das Motto „une fenétre sur le monde“ heisst übrigens „ein Fenster zur Welt“. Auch das symphatisch.)

Was macht „unsere Vorbilder” aus?

Bislang habe ich schon mehrfach (hier im Blog und anderswo) darauf hingewiesen, dass es eine Tradition in den deutschsprachigen Bibliothekswesen gibt, die eigentlich einer Erklärung bedarf: der ständige Blick in die USA, nach Grossbritannien und „Skandinavien” (ohne Island, selten nach Finnland, dafür manchmal in die Niederlande) und die dortigen Bibliotheken. Die Tradition gibt es seit Langem, auch durch verschiedene politische Systeme hindurch. Sie war nicht immer so stark (man findet in älteren bibliothekarischen Zeitschriften zwar auch diesen Blick, aber doch mehr Artikel, die andere Bibliothekswesen vorstellen; es war also eher „bunter”), sie scheint heute auch viel fokussierter auf Teilaspekte der dortigen Bibliothekswesen als früher. Aber sie erklärt zum Teil, warum das Bibliothekswesen in Genf nicht als Vorbild gilt.1

Aber neben dieser Tradition fiel mir an diesem Abend zusätzlich auf, dass die „Vorbild-Bibliotheken”, welche in den bibliothekarischen Texten vorgestellt, in organisierten Informationsreisen von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren besucht und auf Konferenzen als Beispiel angeführt werden, nicht nur in diese Tradition passen, sondern einige andere Gemeinsamkeiten haben.

In meiner „aktiven Zeit” im Bibliothekswesen (etwas mehr als zehn Jahre) hat es drei dieser grossen Vorbilder gegeben:

  1. Die Idea Stores in London
  2. Die Openbare Bibliotheek Amsterdam, Centrale Bibliotheek
  3. Dokk1 in Århus2

Ich gehe mal davon aus, diese bekannt sind. (Und wenn die Idea Stores unbekannt sind und schon lange nichts mehr von ihnen vermeldet wurde, ist das auch nur bezeichnend, siehe weiter unten.)

Es gibt eine Anzahl von Gemeinsamkeit bei diesen drei Vorbildern:

  1. Es ging bei allen drei um einen aktiven Stadtumbau, in welchen die Bibliotheken einbezogen wurden. Die Idea Stores waren Teil der aktiven Aufwertung von Wohnquartieren. Es wurden Bibliotheken geschlossen, die – so die Argumentation – veraltet waren und neue Stores gebaut, die unter anderem durch ihr Design und ihre Architektur Moderne ausstrahlen und dazu beitragen sollten, dass sich die Quartiere erneuerten. Die Centrale Bibliotheek und das Dokk1 sind noch expliziter Institutionen, die zur Aufwertung von ehemals industriell genutzten Häfen beitragen sollen. Beide Male war die Aufgabe, welche sich die Stadtverwaltungen stellten die, Häfen, die lange die Stadt vom jeweiligen Wasser trennten, neu in die Stadt einzubinden. Es trafen sie ja auch die gleichen Entwicklungen (und nicht nur sie) in der Logistik, die in den letzten 10-15 Jahren weltweit „Häfen freimachen”. In diesen beiden Fällen wurden – nicht nur – Bibliotheken als Mittel gewählt, diese Öffnung zur Stadt zu erreichen.
  2. In allen drei Fällen ging es um Architektur. Alle Gebäude wurden explizit als zeitgenössisch, überwältigend und eindrücklich konzipiert. Sie sollen – so würde ich es interpretieren – alle eine gewisse Offenheit, Helle und Moderne repräsentieren. Ob sie das erreichen ist eine andere Frage. (Mir persönlich scheinen vor allem die Idea Stores und das Dokk1 erstaunlich abweisend.) Aber es war und ist auffällig, wie oft die Architektur im Mittelpunkt von Darstellungen dieser Bibliotheken stand und wie oft Texte vor allem mit grossen Architekturbildern dieser Bibliotheken bebildert wurden.
  3. Um was es viel weniger ging, bei den Texten zu diesen drei Beispielen, war die Funktionalität der Gebäude selber. Sicherlich wurden sich bei den Bauprojekten darüber Gedanken gemacht. Aber in den Darstellungen überwog eher, wie die Gebäudeals Gebäude und stadtplanerische Statements wirken sollen (also ein architektonischer und vielleicht auch stadtplanerischer Blick) und weniger, wie sie tatsächlich im Alltag für bibliothekarische und andere Aufgaben wirken (also ein bibliothekarischer Blick). Ein wenig so, als würde sich auch in der bibliothekarischen Literatur eher für die Gestalt als für den Inhalt interessiert.
  4. Bei allen drei Beispielen wurde postuliert, dass eine Lösung vorgeblicher bibliothekarischer Probleme (dass das Bild der Bibliotheken schlecht wäre, dass sie veraltet seien, dass sie immer weniger Nutzerinnen und Nutzer hätten) darin bestehen würde, die Bibliotheken mit anderen Einrichtungen zusammenzulegen und als gemeinsame Einrichtungen zu betreiben. Bei den Idea Stores mit der Erwachsenenweiterbildung, in Amsterdam mit Theater, Radio und anderen Einrichtungen, im Dokk1 gleich als Kulturzentrum. Dies wurde auch in der deutschsprachigen Literatur immer wieder als vorbildhaft herausgestellt. (Es ist eigentlich keine sonderlich neue Idee und auch anderswo schon mehrfach umgesetzt. Dennoch wurde es immer wieder als neu herausgestellt.)
  5. Damit einher ging, dass bei den drei Vorbildern moderne bibliothekarische Arbeit vor allem als Arbeit entworfen wurde, die über einen gewissen „traditionellen Kern” hinausgehen würde. Mehr Veranstaltungen, Makerspaces (Amsterdam, Århus), Bildungsberatung (London) und so weiter. Auch das war eigentlich nichts Neues, aber es wurde immer wieder als vorbildhaft dargestellt. Was weniger diskutiert wurde, war die eigentliche bibliothekarische Aufgabe dieser Einrichtungen. Stattdessen diskutiert wurden (vorgeblich) hinzukommende Aufgaben und Angeboten.
  6. Vielleicht ist es nur mein Eindruck, aber mir scheint, dass die potentiellen Nutzerinnen und Nutzer, die in den „Vorbild-Bibliotheken” angestrebt werden (und die auf den Bildern in den Artikeln zu sehen waren), trotz aller Betonung von Offenheit und Urbanität doch sehr eingeschränkt sind: sehr kleinbürgerlich, selbstmotiviert, bildungs- und aufstiegsorientiert, kreativ in dieser sehr aufgeräumten Weise, „vernünftig” im Sinne von Leuten, denen man weder Ekstase noch durchgetanzte Nächte zutraut [im Gegensatz zu DJs auf der Fête de la Musique, die zumindest an solche „unsinnig” kreativ verbrachten Nächte erinnern] und „vernünftig” im Sinne von auf Harmonie und Ausgleich ausgerichtet [und eben nicht auf die Thematisierung von Widersprüchen und gesellschaftlichen Strukturen]. Halt „ordentliche, vernünftige Leute”. Welcher Herkunft, sexueller Identität, religiöser Haltung et cetera scheint egal, solange sie „vernünftig” sind. Halt doch nur ein Teil der Gesellschaft.
  7. Bei der Darstellung der Vorbilder fällt im Nachhinein auch auf, dass sie praktisch nur als solitäre Einrichtungen dargestellt wurden; nicht als Teil des jeweiligen lokalen Bibliothekswesens. (Das hat sich ja auch in vielen „Bibliotheksreisen” gezeigt, die immer vor allem zu der einen Bibliothek gingen; als würde man aus den anderen Bibliotheken drumherum nicht viel lernen können.) Ob die jeweiligen Einrichtungen überhaupt eine Besonderheit darstellen oder eine Tradition fortsetzen; wie sie sich in das jeweilige Bibliothekssystem einliessen, wurde kaum gefragt. [Gerade beim Beispiel in Amsterdam wurde das am genutzten Namen für die Bibliothek manchmal auffällig: Openbare Bibliotheek Amsterdam heisst einfach Öffentliche Bibliothek Amsterdam – und von denen gibt es mehrere. Die Centrale Bibliotheek (Zentralbibliothek) über die gesprochen wurde, wurde aber oft so besprochen, als wäre es die eine und einzige Öffentliche Bibliothek in Amsterdam, deswegen wurde sie auch oft einfach „Openbare Bibliotheek” genannt.]
  8. Ebenso im Nachhinein (also zumindest für die Idea Stores und die Bibliothek in Amsterdam, aber jetzt eigentlich auch für die in Århus) fällt auf, dass sie nach den Phasen, in denen sie als Vorbild dargestellt und besucht wurden, eigentlich nicht mehr in der deutschsprachig bibliothekarischen Literatur auftauchen. Oder anders: Dargestellt wird der Anfang, aber nachher scheint kaum jemand nachzuschauen, wie sich diese Vorbilder entwickeln. Wie soll man das interpretieren? Geht es vor allem um den Eindruck des Neuen, nicht um das tatsächliche Funktionieren?

Ist das naturgegeben, dass gerade solche Bibliotheken ausgewählt werden, um in ihnen etwas neues oder vorbildhaftes zu finden? Ist es naturgegeben, dass sie so angeschaut und dargestellt werden, wie sie es werden? (Also Fokus auf die Architektur, wenig Fokus auf die Aufgaben, die der jeweiligen Einrichtung zum Beispiel bei der Stadtplanung zugeschrieben werden.) Selbstverständlich nicht. Man könnte andere Bibliotheken wählen, man könnte Bibliothekssysteme (und nicht einzelne Einrichtungen) anschauen, man könnte anderes thematisieren (zum Beispiel die Funktionalität von Gebäuden oder die Verdrängungsprozesse, an denen Bibliotheken (ungewollt) beteiligt sind, wenn sie als Teil der Aufwertung von städtischen Räumen angesehen werden). Man könnte auch Bibliotheken ausserhalb grosser Städte als Vorbild nehmen. Das ist alles möglich und in den letzten 100-125 Jahren ist das auch getan worden. Es ist also eigentlich erklärungsbedürftig, warum es heute so getan wird, wie es getan wird.

Was sagen unsere Vorbilder über uns aus?

Als ich nun in Genf neben der Mobithèque sass und über all dies ein wenig nachdachte, fiel mir ein Satz ein, der diese ganzen Überlegungen ganz gut zusammenfasst:

Es ist politisch, was man als Vorbild nimmt, was man nicht als Vorbild nimmt sowie was man an Vorbildern als vorbildhaft thematisiert und was nicht.

Eigentlich ziemlich einfach. Bei Menschen ist das auch nicht anders. Ob ich es als sinnvoll ansehe, Vorbilder zu haben oder nicht ist eine Entscheidung, die auf meinem Bild über die Welt und die Menschen aufbaut. Wen ich als vorbildhaft ansehe ebenso. Und was ich an diesen Personen als vorbildhaft ansehe auch (Beispielsweise jemand sehr oft gewähltes: Che Guevara. Finde ich die konkrete Politik Ches vorbildhaft oder nur, das er sich für seine Ideen einsetzte? Finde ich das Hasta la victoria siempre gut oder den konkreten militärischen Einsatz in Kuba, Kongo und Bolivien? Und: Wie tiefgehend meine ich das? Geht es mir um ein ungefähres Bild [„Man muss so radikal für die Armen sein, wie Che”] oder um konkrete Einzelheiten [„Man muss das kubanische Tagebuch und die wichtigsten Reden kennen und denen nachleben.”]?) Das scheint am Ende bei Bibliotheken nicht anders. Es ist halt nicht zufällig, was als Vorbild angesehen wird und was nicht. Und deshalb kann man auch versuchen von den Vorbildern, die in den deutschsprachigen Bibliothekswesen gewählt werden, abzuleiten, wie sich Bibliotheken politisch verorten.

Das aber wiederum hat mich ganz schön nachdenklich gemacht. Alles Vermutungen, aber:

  1. Auffällig ist schon, dass die Einbindung der drei Vorbilder in konkrete Gentrifizierungstendenzen gar nicht thematisiert wird. Wird das etwa gut gefunden? Wird das nicht gesehen? Ist es nicht eine gewisse Komplizenschaft, das praktisch bei den Darstellungen auszulassen und einfach so hinzufahren?
  2. Auffällig ist aber auch die relativ unkonkrete Darstellung dieser Vorbilder: Die konkrete Funktion im Alltag, die bibliothekarischen Fragen (zu denen dann offenbar auch solche der Veranstaltungsorganisiation und Kooperation zählen) stehen ja ganz oft im Hintergrund, dafür werden vielmehr Bilder präsentiert. Das bleibt alles immer sehr, sehr schwammig. Und nachher wird auch wenig geschaut, ob es überhaupt wirkt. Worum geht es dann? Eher so um den Vibe des Neuen, um das Gefühl, modern zu sein? [Wie beim Che-Beispiel: Eher um den Vibe der Veränderung als um die konkrete Auseinandersetzung mit der Praxis?]
  3. Auffällig auch, dass vor allem Einzelgebäude angeschaut werden, nicht Bibliothekssysteme. Im neoliberalen Stadtumbau ist das normal: Nachdem die Kommunen fast alle Steuerungselemente aus der Hand gegeben haben, um den Markt möglichst viel regulieren zu lassen, ist das Mittel der Wahl heute, irgendetwas hinzustellen (Gebäude, Projekte), das dann die über den Markt regulierte Gesellschaft oder Stadt in eine Richtung stossen soll. Weniger Infrastruktur, mehr beispielhafte Interventionen. In gewisser Weise scheint sich das bei den bibliothekarischen Vorbildern wiederzufinden: Einzelne Bauten, nicht Systeme werden angeschaut, es scheint eher in Interventionen (Innovationen) gedacht zu werden und weniger an Infrastruktur oder konkreter Arbeit.
  4. Und auffällig ist einfach auch, wie wenig eigentlich die Gesellschaft thematisiert wird. Es gibt so ein grundsätzliches Diversitäts-Versprechen, aber eigentlich scheint es, als würde nicht gefragt, was diese Vorbild-Bibliotheken eigentlich für Menschenbilder vermitteln (bei den Idea-Stores und ihrer Fixierung auf Bildung wären dies sehr einfach zu thematisieren). Es scheint halt schon manchmal, als würde umstandslos die kleinbürgerliche (ist das das richtige Wort?) Orientierung einfach übernommen. Vorsichtig interpretiert scheinen sich Bibliotheken mit den kleinbürgerlichen Werten (die ja heute auch offener sind als früher, halt diverser, solange alle „vernünftig” sind) zu identifizieren. Vielleicht weil das genau das Weltbild ist, dass von vielen in der Bibliothek vertreten und gelebt wird?

Bessere Vorbilder?

Wohin führen solche Überlegungen? Ich bin mir nicht sicher. Es wäre sehr einfach, andere Vorbilder zu fordern und auch einen anderen Blick auf diese Vorbilder. Ich könnte gleich einige nennen: Genf, Wien, Toronto; jeweils die ganzen System der Öffentlichen Bibliotheken, nicht Einzelbauten; und der Blick weg von „alles muss neu sein” hin zu „wie fördern die das Gemeinwohl”. Aber diese Auswahl sagt vielleicht auch einfach mehr über mich und mein Weltbild aus.

Wichtig ist für mich eher der Satz von dem politischen Verhaftet-Sein der Vorbilder im bibliothekarischen Diskurs. Gerade verbunden mit dem Wissen, dass es auch schon anders war (beispielsweise das Mitte der 1960er Jahre nicht auf skandinavische Bibliotheken geschaut wurde, um da die Zukunft der Bibliothek, sondern um Vorbilder für eine rationale Gestaltung der Bibliotheksarbeit zu finden), zeigt er, dass der mögliche Wissensraum viel grösser wäre, als der, der aktuell genutzt wird. Es gäbe viel mehr Fragen, Erfahrungen und mögliche Fokusse. Und zu verstehen, dass es politische Entscheidungen (im Sinne von „wie stelle ich mir vor, dass die Welt funktioniert; was betrachte ich als relevante Themen und was nicht?”) sind, mach auch klar, dass über die impliziten Annahmen, die mit den Vorbildern vermittelt werden, diskutiert und das diese auch verändert werden können.

Dieses Nachdenken hinterlässt einen gewissen schallen Beigeschmack. Was genau ist das, diese gewissen Einschränkungen bei den Bibliotheken, die als Vorbild gelten? Ist das die Neoliberalisierung des bibliothekarischen Denkens (wie halt bei vielen linken Parteien in den letzten Jahrzehnten, wo auch bestimmte Themen und Fragen einfach „verschwunden” sind)? Ist das „Denkfaulheit”, die vielleicht durch zu viel Arbeit oder zu viel Zumutungen im Alltag hervorgerufen wurde? Ist es ein Ausdruck der Überzeugungen über die Gesellschaft, denen im Bibliothekswesen gefolgt wird oder prägen die Vorbilder und ihre Darstellung diese Überzeugungen? Nochmal: Warum sind nicht die so nahe bei den Nutzerinnen und Nutzern verorteten Öffentlichen Bibliotheken in Genf ein Vorbild, dafür aber das Ungetüm in Århus? Ist es vielleicht einfach ein Zeichen von zu wenig Utopie und zu wenig Mut zum Denken über das Bekannte hinaus? Zum Glück war der DJ gut und der Sommerabend warm, aber nicht zu warm; sonst wäre aus dem Nachdenken vielleicht eine sehr rabiate Polemik geworden.

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Vor dem DJ-Set gab es eine Musikquiz.

 

Fussnoten

1 Für die Schweiz kommt die Tradition hinzu, die Teile auf „der anderen Seite der Sprachgrenze” als irgendwie ganz anders zu verstehen, zwar als schweizerisch, aber als doch nicht gleich. Die Bibliotheken in Genf können sehr schnell als „in der Romandie sind sie (?) eher so staats-orientiert, aber in der Deutschschweiz eher so förderalistisch” als mögliches Vorbild abqualifiziert werden.

Zwischendurch wurde auch die Seattle Public Libray, Central Library etwas öfter thematisiert, aber nicht so oft wie die anderen drei Bibliotheken. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass es teurer ist und länger dauert, Seattle zu besuchen, als Århus. Aber auch für Seattle gilt, dass viel mehr über eine spezifische Bibliothek berichtet wurde, als – wie Olaf Eigebrodt einmal erwähnte, ich weiss aber leider nicht mehr wo – über die gesamte Ausrichtung des gesamten Bibliotheksnetzes in Seattle. Die Bibliothek New Library in Birmingham wurde fast nur wegen der Architektur und dann der Absurdität, dass nach dem Bau zu wenig Geld zum kontinuierlichen Betrieb der Bibliotheken der Stadt übrig war, erwähnt.

Wie könnte ein besserer Zukunftsreport für Bibliotheken aussehen?

Der Horizon Report ist nicht mehr

Einige Jahre lang (2015-2017) gab es bekanntlich einen Horizon Report Library Edition; jetzt nicht mehr. Der Horizon Report war, im Anschluss an den “originalen” Horizon Report, der jährlich über die Trends der Technologie für Bildung / Hochschulbildung berichtete, der Versuch, einen Trendreport für Bibliotheken auf internationaler Ebene zu etablieren. Es gab auch offenbar ein Interesse an einem solchen. Zumindest fanden sich (in der Schweiz und Deutschland) Einrichtungen, die den Report finanzierten, inklusive einer deutschen Übersetzung im ersten Jahr. Zudem waren die Downloadzahlen massiv. Rudolf Mumenthaler, der – jetzt kann man es ja sagen – vor allem dafür verantwortlich war, dass der Report überhaupt begonnen wurde, berichtete im Unterricht mehrfach davon, dass schon in der ersten Woche mehr als eine Millionen Downloads zustande gekommen waren. Ob alle, die den Report lasen, wirklich diese Art von Report haben wollten, würde ich bezweifeln. Zur schon recht rapiden Methodik, wie der Text erstellt wurde (Diskussion von Expertinnen und Experten in einem Wiki in sehr kurzer Zeit, Abstimmungen mit Punktevergabe, thematischen Fokus, Auswahl der Expertinnen und Experten) hat Rudolf Mumenthaler in der LIBREAS publiziert. Die Methodik hat dazu geführt, dass ein Text entstand; aber ob sie wirklich dazu führte, dass belastbar Trends benannt wurden, welche in den nächsten Jahren Bibliotheken beeinflussen werden, ist nicht so klar.

Sie war halt, meiner Meinung nach, an der Methodik anderer Trendreports orientiert, die ein Geschäftsfeld darstellen. Überall da, wo Geld in grossen Mengen fliesst, gibt es Institutionen, die (entscheidungsschwachen?) Managern und Managerinnen für viel Geld Trendreports verkaufen, damit diese ihre Entscheidungen (Vor allem: Wo investieren? wo nicht investieren?) daran orientieren können. Dazu braucht man klar strukturierte Aussagen, überzeugend vorgetragen, gerne mit gewichteten Listen. Aber das ist ja eigentlich nicht, was Bibliotheken brauchen (und das Team, welches der Horizon Report für Bibliotheken anstoss, versuchte auch, diese Methodik und die Thematik des Reports zu beeinflussen).

Trotzalledem: Der Report wird nicht wiederkommen. Die Organisation hinter den Horizon Reports – die Not-for-Profit Einrichtung (also quasi die Stiftung) New Media Consortium – verkündete Ende 2017, dass sie pleite sei und sich auflösen würde. Das scheint unumkehrbar.

Einen neuen Report / einen bess’ren Report / den könnten wir uns dichten

Nach den beiden Ausgaben 2015 und 2017 wird es also keine weiteren dieser Reports mehr geben. Man kann das bedauern, aber man könnte es auch als Ausgangspunkt dafür nehmen, darüber nachzudenken, ob das Bibliothekswesen (egal ob weltweit oder nur im DACH-Raum) eigentlich einen solchen Trend-Report braucht, wie er vielleicht (das ist die Chance) besser gemacht werden könnte (und dabei, was besser eigentlich heisst, auch, was er überhaupt bringen soll und wem) – und dann vielleicht organisieren, dass er auch erstellt wird.

Dafür müsste eine Anzahl von Kolleginnen und Kollegen – egal, ob aus Bibliotheken, Bibliotheksverbänden oder bibliothekarischen Ausbildungseinrichtungen – zusammenkommen und einen solchen Report aufgleisen. (Beim Horizon Report konnte man auf eine schon fertige Methodik und Infrastruktur setzen.) Ich persönlich bin keine dieser Personen, weil ich, ehrlich gesagt, den Sinn hinter solchen Reports immer noch nicht sehe. Aber ich sehe auch, dass es ein Interesse an den Horizon-Reports gab. Insoweit muss es Personen geben, die von ihnen überzeugt sind. Und ich denke, dass gerade jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, darüber zu diskutieren, ob es einen Nachfolger des Horizon-Reports geben sollte. Jetzt ist der noch im Hinterkopf, später muss man alles wieder neu aufbauen.

Ich werfe diesen Beitrag mal in die Runde, in der Hoffnung, dass er als Anstoss wirkt für Kolleginnen und Kollegen, die sich für einen solchen, neuen Report engagieren wollen. (Per Twitter hatten sich Ende 2017 Rudolf Mumenthaler und Ursula Georgy daran interessiert gezeigt. Es müssten selbstverständlich mehr werden. Und die müssten sich organisieren.)

Eine kurze Bewertung des Horizon-Reports

Um zu entscheiden, wie eine besserer Report – und nicht einfach nur eine Fortsetzung, wenn man schon die Chance auf einen Neuanfang hat – aussehen könnte, ist es sinnvoll, sich den alten nochmal anzuschauen. Was waren negative und positive Punkte?

Erst einmal die kritischen:

  • Der Horizon-Report war, bei allen Versuchen, dass zu ändern, Techniklastig. Es ging immer um die Frage, welche Techniken wann eine Relevanz für die Bibliotheken haben werden. Das ist verständlich, wenn man sich das Ziel des (herausgebenden) New Media Consortiums anschaut. Dem ging es bei der Gründung darum, die Integration von Technik in Schulen und anderen Lehreinrichtungen zu befördern. (Deshalb erinnerte wohl auch die ganze Methodik hinter dem Report stark an IT-Projekte.) Bibliotheken und Museen kamen dann in den letzten Jahren hinzu. Aber Technik ist nicht alles; ein neuer Report muss wohl unbedingt auch andere Foki enthalten. (Als Beispiel: Die ganzen Beschäftigungen mit der Frage, was der “Raum Bibliothek” ist, werden soll und sein wird, konnten im Horizon Report so gar nicht wirklich bearbeitet werden, obwohl sie für Bibliotheken ein unheimlich wichtiges Thema darstellt.)
  • Diese Techniklastigkeit führt meiner Meinung nach auch zu einem falschen Bild von Entwicklung. Es kann sehr schnell so aussehen, als würde die Technik sich einfach so, von alleine oder zumindest auf Bahnen, die wir Normalsterblichen nicht verstehen können, entwickeln, und alles was wir – in diesem Fall die Bibliotheken – tun könnten, wäre zu verstehen, was die Technik kann, wie sie genutzt werden wird und dann rauszufinden, wie wir uns verändern müssen, um uns der Technik anzupassen. (Polemisch dargestellt. Man könnte selbstverständlich auch sagen: Wie wir uns verändern müssen, um die Potentiale der Technik auszuschöpfen.) Aber so ist das ja nicht: Wie Technik sich entwickelt, in welche Richtungen, mit welchen Schwerpunkten etc. und in welche Richtungen etc. nicht, ist immer eine Entscheidung, die auch von jemand getroffen wird. Und wie Technik genutzt, integriert etc. wird, ist auch immer eine Entscheidung, die sich nicht alleine aus der Technik ergibt, sondern aus Entscheidungen von Menschen, aus Infrastrukturen (die auch nicht einfach so entstehen), auch aus Anforderungen, die dadurch entstehen, dass etwas als modern / neu / besser etc. verstanden wird oder nicht. Es ist also nicht so, dass die Technik alleine die Richtung vorgibt. Oder anders: Die Bibliotheken haben eine grosse Agency darin, zu entscheiden, welche Technik wie “ankommen” wird oder nicht. (Es ist ja keine Überraschung, dass quasi keine Technik, auch nicht die in den Horizon Reports besprochene, jemals die Versprechen, mit der sie eingeführt wurde, einhält.)
  • Kritisch scheint an diesem Bild aber vor allem die spezifische Vorstellung davon, wie Entwicklung funktioniert, die im Horizon Report implizit vermittelt wurde. So, wie er aufgebaut und beschrieben war, wurde der Eindruck vermittelt, als gäbe es einen unaufhaltsames Vorwärtsschreiten von Entwicklung, die immer in die Richtung gehen würde, die im Report beschrieben wurde, und wir, die wir diesem Fortschritt ausgeliefert sind, können ihm eigentlich nur noch folgen – oder untergehen. Das wäre die eine, kleine Form von Agency, die man hätte: Entscheiden könnte man eigentlich nur, wann man sich auf das Eintreffen des jeweiligen Fortschritts vorbereiten würde. Aber (ganz abgesehen von den offensichtlichen geschichtsphilosophischen Hintergründen dieses Fortschrittsglaubens): so ist die Realität ja nicht. Schon die Horizon-Reports selber, liest man sie heute, zeigen ja, dass viele der Voraussagen gar nicht eingetroffen sind. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein, es könnten sich zum Beispiel die falschen Expertinnen und Experten geäussert haben. Aber ich würde argumentieren, dass das Problem in diesem impliziten Denken liegt. Entwicklung, egal ob gesamtgesellschaftlich, auf ein Feld oder einen Institution bezogen oder auch individuell, funktioniert nicht so gradlinig und vorhersehbar. Wäre es so, würden wir in einer viel besseren Welt leben. Eine Darstellung wie im Horizon Report vermittelt ein falsches Bild, weil sie z.B. über all die Entscheidungen, die von irgendwem getroffen werden, über die Widersprüche bei der Umsetzung von Veränderungen, über die gewachsenen Strukturen und Überzeugungen, die immer einen Einfluss darauf haben, was wie umgesetzt wird und auch über die unterschiedlichen Interessen von Institutionen und Menschen einfach hinweg geht.
  • Grundsätzlich, das sollte klar geworden sein, scheint der Horizon-Report viel zu wenig von der Gesellschaft wissen zu wollen. Es gibt in ihm einige einfache Überzeugungen (wie dass die Menschen immer individueller würden und gleichzeitig immer mehr in Gruppen lernen würden). Aber viel weiter geht das Nachdenken über Menschen und die Gesellschaft nicht. Und das ist eigentlich nicht ausreichend, wenn man über irgendetwas nachdenkt, was mit Menschen zu tun hat. Auffällig ist aber auch, dass die Reports praktisch ohne ein Bewusstsein von Geschichte, auch der Geschichte der Technologien und Trends, die sie selber erwähnen, auskam. Gerade so, als wären Technik und Trends vom Himmel gefallen. Aber wenn man Trends in oder für irgendwelche Einrichtungen beschreiben will, muss man selbstverständlich verstehen, wo diese herkommen, wie sie sich entwickelt haben und warum sie jetzt so sind, wie sie sind. Schon, weil auch Institutionen ein “Gedächtnis” haben und weitere Trends immer auf der Basis schon gesammelter Erfahrungen bewerten. Die Horizon-Reports hatten aber noch nicht einmal eine Methodik, um aus den eigenen Voraussagen (also ob sie eingetroffen waren oder nicht oder, was wohl öfter vorkommt, anders als gedacht eingetroffen waren) in die nächsten Reports einzubinden. Die Expertinnen und Experten hätten das jeweils untereinander diskutieren können, hatten dafür aber wenig Zeit. Ansonsten ging es immer nur vorwärts.
  • Der Horizon Report war gleich für die ganze Welt gedacht, mindestens für den ganzen globalen Norden. Das an sich ist nicht kritisch. Man muss nicht jede Frage immer nur auf ein Land oder so beziehen. Gleichzeitig schien der Report aber nicht zu beachten, dass er für verschiedene Länder – und damit auch Bibliothekskulturen – geschrieben war. Ein Beispiel war das ständig auftretende Thema Learning Analytics, dass in praktisch allen Horizon Reports (nicht nur der Library Edition) als wichtiges Thema beschrieben wird; immer wieder als eines, dass praktisch vor der Tür stände. Das ist nicht nur nicht eingetroffen, es schien auch immer wieder absurd. Im DACH-Raum lässt die Idee, dass Lehrpersonen möglichst viele Daten von Lernenden sammeln und dann auswerten sowie mit den Daten anderer Lernender vergleichen, sofort (berechtigte) Überlegungen zum Datenschutz aufkommen. Selbst wenn es technisch möglich wäre, scheint es gesellschaftlich überhaupt kein diskutierbares Thema zu sein. In solchen Fällen vermittelte der Report den Eindruck, als wäre er am Ende doch nur für die USA geschrieben. So, als würde man den eigenen Anspruch (für den ganzen globalen Norden zu schreiben) gar nicht einlösen wollen.

Aber, sonst wäre der Report ja nicht so erfolgreich gewesen, es gab selbstverständliche Positionen:

  • Der Horizon Report versuchte, die nahe Zukunft greifbar zu machen – was offenbar für viele im Bibliothekswesen von Interesse ist. Es scheint an sich, als wollten Bibliothekarinnen und Bibliothekare gerne einmal hören, was sich demnächst verändern wird und wie sie reagieren sollten. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich mir z.B. die bibliothekarischen Tagungen und Konferenzen ansehe. Wie gesagt bin ich kritisch, ob das überhaupt möglich ist; für mich sind solche Aussagen oft eher umformulierte Wünsche Einzelner, die wohl besser diskutiert werden müssten, aber stattdessen als “so wird es sein”-Aussagen präsentiert werden und dann aber auch Auswirkungen oft die strategischen Entscheidungen von Bibliotheken haben. So oder so: Es scheint, dass es ein Interesse daran gibt, dass geklärt wird, wie sich z.B. die Technologie entwickeln wird, die Einfluss auf Bibliotheken haben wird. Der Horizon Report schien auf dieses Interesse einzugehen und vielleicht damit Bibliotheken zu ermöglichen, Entscheidungen über die eigene Entwicklung zu treffen oder aber zumindest als Thema vorzuschlagen. Und das regelmässig. (Ob es wirklich wichtig ist, dass Trendberichte regelmässig erscheinen, ist nicht so klar. Es ist aber schon so, dass auch andere Trendberichte im bibliothekarischen Feld, regelmässig erscheinen, beispielsweise die “top trends in academic libraries” der Association of College and Research Libraries, die alle zwei Jahre erscheinen oder das IFLA Trend Report Update, welches jährlich erscheint.)
  • Man musste etwas genauer hinschauen, aber es war nicht unmöglich, herauszubekommen, wie der Horizon Report erstellt wurde, wer an ihm beteiligt war und wie man selber an ihm arbeiten konnte. Es wurde versucht, eine grössere Anzahl von Expertinnen und Experten einzubeziehen und diese Gruppe möglichst divers zu gestalten. Natürlich hatte das immer Grenzen (Grenze eins: Alles wurde in Englisch kommuniziert. Auch im Wiki, in welchem die beteiligten Expertinnen und Experten diskutierten, wurde vor allem auf englischsprachige Quellen verwiesen, was natürlich dem Ziel, international Trends zu benennen, zuwiderläuft.) Das steht aber positiv im Gegensatz zu anderen Trendreports. Bei diesen ist manchmal nicht klar, wer an diesen beteiligt war oder – was wichtiger erscheint – wie an diesen mitgewirkt werden kann. Manchmal werden Commitees genannt, welche einen Report erstellt haben, aber nicht, wie diese gearbeitet haben. Die Methodik ist auch selten sichtbar. Das alles galt so für den Horizon Report nicht. Es stand zumindest der Versuch dahinter, möglichst viele Personen und Positionen einzubinden.

Was bräuchte eine besserer Zukunftsreport?

Also, wenn der Horizon Report ein Anfang, aber nicht der bestmögliche Report war: Was müsste der nächste besser machen?

Mir scheint, egal mit welcher Methodik man in einem anderen Report versucht, die Zukunft irgendwie zu bestimmen, eines wichtig: Es muss viel mehr kontextualisiert werden. Diese fast religiöse Überzeugung, dass der Fortschritt in der Technik liegt und man ihm nur folgen kann und dass die Zukunft mit klaren Aussagen zu bestimmen ist, die muss weg. Neben aller Kritik, die schon weiter oben geleistet wurde, führt diese Darstellungsweise nur dazu, dass man den Aussagen entweder glauben oder nicht glauben kann. Ein Dazwischen, wo Diskussion stattfinden, gibt es dann gar nicht. Ein seriöser Trendreport könnte das auch anders. Ihm ihm sollte dargestellt werden:

  • Wie das Team hinter dem Report auf die Trends gekommen ist. Und zwar nicht mit die Realität überschreibenden Worten (“an in-depth, contextualised analysis of the most outstanding studies of this field”), sondern tatsächlich so, wie es passiert ist; damit Bibliotheken, welche den Report lesen, einordnen können, wie untermauert oder nicht untermauert die Aussagen in ihm sind.
  • Klare Aussagen dazu, ob eine Trend wirklich kommen wird (dann mit Begründungen, warum, z.B. weil bestimmte Gesetze oder Änderungen in Kraft treten oder weil bestimmte Technik eingestellt wird), welche Trends wahrscheinlich kommen werden (dann auch, wieso das Team dieser Meinung ist) und welche vielleicht kommen.
  • Da Trends nicht einfach so auftauchen, wäre es auch sinnvoll, wenn ein solcher Report zeigt, was Bibliothekswesen oder einzelne Bibliotheken jetzt aus diesem Trend machen sollen. Insbesondere, wenn nocht nicht klar ist, ob er wirklich kommt, sollte auch klargemacht werden, ob und wie man diesen befördern oder verhindern könnte, also welche Agency die Bibliotheken haben.
  • Die Quellen sollten klarer sein, als sie es bislang bei Trends Reports sind. Teilweise erscheinen sie so – besonders, wenn man sie öfter liest – als wären einzelne Trend Reports die Hauptquelle für andere Reports, was natürlich den ganzen Sinn solcher Reports aufhebt.

Der Horizon Report vermittelt auch, durch seine Methodik, den Eindruck, als sei Zukunft irgendwie durch die richtige Methode vorherzusagen (oder aus den Expertinnen und Experten herauszuholen). Man kann das versuchen, wenn man die Methodik darstellt. Aber es muss gar nicht so sein. Wenn ein Report wirklich daraus entsteht, dass einige Kolleginnen und Kollegen zusammenkommen und sich eine Zukunft ausmalen / wünschen / befürchten, kann das auch eine Methode sein.

Was mich an all diesen Reports viel mehr erstaunt, ist, wie sehr der Eindruck von Konsens vermittelt wird. Immer scheint es, als wären die Beteiligten (egal, ob man sie kennt oder nicht) zu einer gemeinsamen Meinung gekommen. Das erscheint doch absurd, wenn man über die Zukunft spricht. Ist es nicht eher, so hatte ich die Vermutung beim Horizon Report, das dies das Ergebnis der Methodik selber war, die gar nicht vorsah, dass es unterschiedliche Meinungen geben könnte? Sinnvoller – auch für die Glaubhaftigkeit der Reports selber – schiene mir, wenn abweichende Meinungen unter den Expertinnen und Experten sichtbar gemacht werden können, wenn also z.B. die, die von einem Trend überzeugt sind, dass auch zeigen können, auch wenn sie die Minderheit sind, oder aber wenn klar wird, dass einen Trend gibt, den alle gleich einschätzen (was ja auch eine Aussage ist).

An sich sollte ein solches Dokument gar nicht erst so tun, als wäre es möglich, die zukünftigen Trends vorauszubennen. Vielmehr wäre wohl ein Dokument besser, das benennt, welche Themen eventuell in Zukunft relevant werden können. Nicht weniger und nicht mehr. Das würde die Interessen von Bibliotheken (Entscheidungen treffen können, Themen benannt bekommen) wohl auch erfüllen, aber ohne den ganzen missionarischen Gestus. Ein solches Dokument würde ich auch viel eher als eine Einladung verstehen (und konzipieren) mögliche Zukunftsbilder zu gestalten, auf die man zustreben kann.

Kriterien für einen neuen Trend Report

Zusammenfassend lassen sich einige Kriterien benennen, die ein neuer Trend Report, der an den Horizon Report anschliessen würde, erfüllen müsste, zumindest meiner Meinung nach:

  • Es muss klar sein, wie er zustande kam und was das Ziel des Reports ist. Bibliotheken auf eine Zukunftsentwicklung einschwören? Mögliche Entwicklungen aufzeigen? Diskussionen über die zukünftige Entwicklung zusammenfassen?
  • Es muss klar sein, ob (und wenn ja, wie) am Report mitgearbeitet werden kann.
  • Es muss ein Bewusstsein für die Entwicklung von Bibliotheken (also ihre Agency und ihre Strukturen) vorhanden sein. Man kann nicht einfach mehr sagen: “Das kommt, bereitet euch darauf vor, sonst geht ihr unter.” Das hat noch nie gestimmt. Ebenso muss ein Bewusstsein dafür da sein, welche Voraussagen alle schon gemacht wurden in diesem und anderen Trend Reports und was aus diesen Vorhersagen geworden ist.
  • Sinnvoll wäre, darüber nachzudenken, ob es unbedingt ein internationaler Trend Report sein muss. Per se ist ein weiter Blick immer gut. Die Verengung der Sicht auf die Welt, die anderswo gerade stattfindet, muss man nicht mitmachen. Aber es schien immer ein Schwachpunkt des Horizon Reports zu sein, auf lokale Gegebenheiten gar nicht eingehen zu können. Eventuell wäre ein Bericht für den DACH-Raum, bei dem zwar international (und nicht nur im englischsprachigen Raum) nach Trends geschaut wird, dann aber gefragt wird, ob und wie das für Bibliotheken in Schweiz, Deutschland, Österreich und Liechtenstein wirken kann, ausreichend.
  • Sinnvoll am Horizon Report war der Versuch, möglichst unterschiedliche Personen (und damit Positionen) einzubinden. Das sollte ein neuer Report auch tun.
  • Offenbar wird versucht, Trend Reports irgendwie regelmässig erscheinen zu lassen. Eventuell lässt sich nur so die Arbeit bewältigen (sonst würden die Beiträge nur hinausgeschoben werden) oder die Finanzierung sicherstellen (weil lieber für regelmässige Dinge bezahlt / gesponsort wird)? Vielleicht sind Trend Reports auch nur so überzeugend? Aber ich denke, es wäre sinnvoll darüber nachzudenken, ob das wirklich notwendig wäre. Vielleicht wären regelmässig zusammenkommende Gruppen, die aber nur dann etwas publizieren, wenn es zu einem Trend etwas zu sagen gibt, viel besser – weil dann nämlich nur etwas gesagt wird, wenn es notwendig ist. Eventuell könnte man dies auch anders organisieren, beispielsweise als öffentliche Treffen.
  • Und zuletzt muss einfach geklärt werden, was Bibliotheken eigentlich von so einem Trend Report haben oder zumindest haben sollen. Das scheint mir auch noch nicht geklärt.

Was ist das: critlib?

Zu: Mehra, Bharat & Rioux, Kevin (edit.) (2016). Progressive Community Action. Critical Theory and Social Justice in Library and Information Science. Sacramento: Library Juice Press, 2016

Einer der aktuellen Trends im englischsprachigen Bibliothekswesen und der englischsprachigen Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist – zumindest soweit ich das sehe, aber vielleicht folge ich auch nur einer sehr ausgewählten Gruppe an Aktiven – „critlib“ beziehungsweise „critical librarianship“ (oder auch „critical library science“), gerne auch als #critlib. Neben einzelnen Initiativen, Treffen und Panels auf grösseren Konferenzen, ist ein Zentrum dieses Trends der Verlag Litwin Books und dessen Imprint Library Juice (Imprint) aus Sacramento. Dieser Verlag hat unter anderem eine eigene Zeitschrift – Journal of Critical Library and Information Studies – für diesen Trend gegründet, die allerdings bislang keine Nummer herausgegeben hat. Ansonsten erscheinen dort regelmässig Sammelbände und Monographien, die sich selber der „critlib“ zuordnen, unter anderem – als eines der aktuellen Beiträge – das hier angesprochene Buch. Die Publikation ist ein gutes Beispiel für die Stärken aber auch Schwächen dieser, nun ja, Bewegung.

Schwäche: Was ist das genau?

Zuerst zu den Schwächen: critlib klingt gut. Der Anspruch ist, innerhalb der Bibliothek und von der Bibliothek ausgehend, kritisch zu sein; kritisch im Sinne von links, antirassistisch, feministisch, kritisch gegenüber dem Neoliberalismus und seinen Zumutungen etc. Dabei erheben viele der Publikationen den Anspruch, nicht nur „irgendwie“ kritisch zu sein, sondern sowohl auf der Basis der tatsächlichen bibliothekarischen Arbeit kritische Analysen vorzunehmen als auch auf der Basis kritischer Theorie(n) aufzubauen. Okay. Was heisst das genau? Das ist sehr, sehr offen.

The LIS [Library and Information Science] field has long had a commitment to social responsibility, which has been a core value of the American Library Association, as is expressed in the profession’s service orientation, and from the civil rights era, in professional advocacy for equitable information access. However, we are now turning the corner and finding a voice that questions inequity and normativity, names the inequities, represents the oppressed, and speaks clearly and loudly of action that can be modeled or structural barriers that need to be eradicated. In one breath, when we utter diversity, we also now state or understand that it engages the work of inclusion, equity, and social justice.1

Theorie. Welche Theorie? All of the theories. ALL of them!

Ein gutes Beispiel für diese Offenheit ist die theoretische Basis, auf die verwiesen wird. In den Texten – beispielsweise der „Introduction“ zu diesem Buch (Kevin Rioux & Bharat Mehra: Introduction. In: dies. 2016:1-10) – taucht immer wieder die Vorstellung auf, dass critlib mit der Zeit eine gemeinsame theoretische Basis aufbauen würde, die auf schon vorhandener kritischer Theorie aufbaue. Ein erster Verweis, der oft gegeben wird, ist der auf die „Kritische Theorie“ der Frankfurter Schule, wobei bei critlib viel eher an Jürgen Habermas gedacht wird als an Adorno und Horckheimer. Aber das ist eine Nebenkerze, quasi. Dass es der Frankfurter Schule (vor Habermas) um eine Neuformulierung des Marxismus nach der Shoa und gegen den Stalinismus ging, taucht in den critlib-Texten zum Beispiel nie auf. Genauer: Trotz dem ständigen Verweis findet sich eigentlich keine theoretischen Anschlüsse z.B. an die „Dialektik der Aufklärung“ oder „The Authoritarian Personality“ (einer Studie, die in und über die USA geschrieben wurde, also sogar kulturell passen würde).2 Die Frankfurter Schule wird eher, ausser Habermas, genamedropt, und daran anschliessend Listen weiterer „kritischer Literatur“ genannt.3 Alleine in diesem Buch kommen George Lukács, Antonio Gramsci, die Operatisten (hier „Autonomist Marxist“ genannt, explizit Antonio Negri), Marx, Henry Giroux und Ivan Illich vor. In anderen Sammelbänden werden gerade zeitgenössische Feministinnen, z.B. Judith Butler, die französischen Poststrukturalisten, vor allem Michel Foucault, Bildungstheoretiker wie John Dewey oder Bildungssoziologen wie Pierre Bourdieu angeführt.4 Alles in allem ein grosser Mischmasch, der trotz ständiger Behauptungen, dass alles irgendwie zusammengehört, doch recht offen und unverbunden dasteht. An sich ist es, trotz dem öfter vorkommenden Namedropping, oft nicht möglich, die theoretische Grundlage in den dann geschriebenen Texten wiederzufinden.

All das wäre per se nicht falsch: In der critlib-Literatur wird oft und offen darüber geredet, dass es notwendig sei, sich erst einmal (wieder) als kritische Bewegung zu finden, nachdem der Neoliberalismus in den letzten Jahrzehnten auch die Bibliotheken und deren Diskurse nachhaltig gestört hätte. Insoweit sind Suchbewegungen zu erwarten und die Idee, dass man sich als Bewegung versteht und dadurch empowert fühlt, sich Gedanken zu machen und Orte zu suchen, wo diese Gedanken vorgestellt und diskutiert werden können, verständlich. Was aber irritiert, sind die oft behaupteten Ansprüche an die eigenen Texte, insbesondere im Bezug auf „Theorie“, die fast nie eingehalten werden. Teilweise, so auch bei diesem Buch, scheint es eine Einladung zum intellektuellen Austausch zu sein, der dann aber nicht wirklich stattfindet. Dabei wäre critlib auch so möglich, ohne ständig Theorien zu „namedroppen“. Wenn man z.B. gar nicht über „Entfremdung“ nachdenken will, zu diesem Zeitpunkt, warum dann überhaupt die verschiedenen Marxismen zitieren?

I saw the light?

Erstaunlich ist die in machen Texten (in diesem Buch z.B. der von Wendy Highby, siehe weiter unten) auftauchende Sprachfigur, nach der andere Texte aus dem critlib-Zusammenhang einzelne Bibliothekarinnen und Bibliothekare dazu ermuntert hätten, endlich ihr Stimme zu erheben und selber aktiv zu werden. Das klingt oft religiös, wie eine Erleuchtungsgeschichte (als hätte sie zuvor jemand daran gehindert, sich auf kritische Theorie zu beziehen). Verständlich ist es vielleicht als befreiendes Gefühl, wenn Personen bemerken, dass sie mit ihrer kritischen Anmerkungen oder Beobachtungen im bibliothekarischen Alltag nicht allein sind und das es möglich ist, sich kritisch und kohärent zu äussern. Vielleicht. Es bleibt aber immer wieder ein negativer Beigeschmack.

Positives: So offen, es regt zum Nachdenken an

Die Offenheit der Themen und Zugänge ist aber wohl auch eine Stärke der „Bewegung“. Wie gesagt: Alles, was irgendwie als zeitgenössisch und kritisch im Bibliothekswesen (und der Informationsnutzung) gilt, passt hinein. Ein Merkmal der Texte scheint auch zu sein, dass sie oft vom konkreten Fall ausgehend versuchen, zu Verallgemeinerungen zu gelangen. Nicht immer gelingt dies nachvollziehbar, aber „die Bewegung“ scheint immer wieder dazu zu ermutigen, es zu versuchen.

Gedanken über die heutigen „Funktionen“ und den Alltag in Bibliotheken hinaus

Ein gelungenes Beispiel dafür scheint der Beitrag von Zachary Loeb im Buch.5 Loeb versucht, an Ivan Illich – dem Schul- und Bildungskritiker – anzuschliessen und versteht Bibliotheken als gesellschaftliche Tools, also Einrichtungen, die von der Gesellschaft genutzt werden. In diesem Zusammenhang interpretiert er die teilweise auftretende kritische Haltung in Bibliotheken zu Technologien nicht als Rückständigkeit, sondern als gesellschaftliche Funktion, die tatsächlichen Nutzungsmöglichkeiten und die Sinnhaftigkeit von Technologien zu beachten. Das ist alles recht interessant zu diskutieren, aber am bemerkenswertesten ist ein Teil des Texten, in dem Loeb über Illich hinausgeht und die „activist libraries“ – also solche, die bei sozialen Protesten, die einen festen Ort finden, immer wieder entstehen; hier vor allem die Peoples Library von Occupy Wallstreet – als Ausdruck dieser Funktion zu verstehen versucht. Er postuliert, dass an diesen Bibliotheken abgelesen werden kann, was Menschen in einer Gesellschaft eigentlich wirklich an einer Bibliothek wertschätzen (weil sie die Funktionen herstellen/bauen und anderes weglassen). Von dieser These ausgehend begreift er Bibliotheken – was insbesondere in den activist libraries sichtbar würde, aber von diesen ausgehend für andere Bibliotheken abgeleitet werden kann – als „Prototypen“ einer kommenden (nicht-kapitalistischen) Gesellschaft. Muss man dieser Überlegung folgen? Sie ist zumindest diskutabel und so voll nur möglich, weil ein Rahmen geschaffen ist, in welcher man über den Alltag direkt hinaus laut über kommende Gesellschaften nachdenken kann.

Dieser Rahmen ermöglicht auch, Thesen zur Diskussion zu stellen und zu prüfen, die an Grundüberzeugungen, wie sie aktuell vertreten werden, rütteln. Dabei geht es nicht um „alles ist falsch, ich weiss wie die Bibliotheken richtig funktionieren werden“-Texte, die sich als radikal generieren, um doch nur immer wieder bei den gleichen „Innnovation, Innovation, Innovation“-Thesen anzukommen; sondern um Fragen, die sich am Politischen orientieren – politisch im Sinn von „Wie wollen wir leben? Wie sollen wir die Gesellschaft gestalten?“ Gabriel Gomez stellt in seinem Beitrag zum Beispiel die Frage, was für ein Menschenbild eigentlich hinter den Debatten um Big Data und Informationskompetenz steht.6 Er unterstellt, dass dieses Menschenbild ein sehr mechanistisches ist, welches in behavioristischen Lerntheorien aufgeht, die Wissen über Information instrumentell verstehen (das und das ist zu machen, so und so ist es zu machen). Stattdessen müsste es eine Aufgabe von „Informationskompetenz“-Angeboten sein, dieses mechanische Menschenbild sichtbar und damit kritisierbar zu machen. Seine implizite Kritik ist, dass die bisherigen „Informationskompetenz“-Arbeit von Bibliothek dies nicht tun würde, aber das ist nicht der Punkt seines Textes. Vielmehr geht es Gomez darum, durchzudenken, wie die Diskurse um Big Data etc. tatsächlich wirken.

Jonathan Cope arbeitet innerhalb dieses Rahmen sein Unbehagen über die Entwicklung der Bibliotheken in den letzten Jahren durch.7 Sein Postulat ist, dass Bibliotheken Demokratie nicht einfach nur als eine Aufgabe behaupten und dann zum „Alltagsgeschäft“ übergehen dürften, sondern diesen Anspruch, eine demokratische Einrichtung zu sein, ernst nehmen müssen. Sie sind von der Gesellschaft, in der sie sich befinden, und den sozialen Auseinandersetzungen und Kämpfen um Macht und Deutungshoheiten in diesen geprägt. Es wäre ihre Aufgabe, dies sichtbar zu machen. Hier verweist er kurz auf den „general intellect“, also die gesellschaftlich erbrachte Information- bzw. Wissensgenerierung, die Marx in den „Grundrissen der Kritik der politische Ökonomie“ angeführt hat. Dieses gesellschaftlich erbrachte Wissen würde, so Marx, im Kapitalismus abgeschöpft, das heisst genutzt, um gleichzeitig Fortschritt voranzubringen und Kapital zu generieren (also vor allem in Produkte umgesetzt). Die Grundrisse sind ein Fragment, insoweit ist die Interpretation, was der „general intellect“ genau ist, schon seit ihrer Erstpublikation umstritten. Bei Cope ist es das Wissen, dass zum Beispiel auf Facebook „entsteht“, indem Menschen Informationen teilen und dies von Facebook als Wissen abgegriffen wird.8 Es wäre Aufgabe von Bibliotheken, in einer demokratischen Gesellschaft, dass aufzuzeigen. Nicht unbedingt, es zu verhindern, aber es klar zu machen. Was genau „demokratisch“ als Arbeit für Bibliotheken heissen soll, bleibt bei Cope eher oberflächlich beschrieben. Er benutzt den Raum eher, um zu fordern, dass dies theoretisch durchdrungen werden soll. Was ihm wichtig ist, ist darauf zu verweisen, dass seiner Meinung nach Bibliotheken sich im Alltagsgeschäft eher versuchen, an die BWL anzulehnen, die aktiv bestreitet, dass eine Gesellschaft und in dieser Gesellschaft soziale Auseinandersetzungen gäbe, also quasi vorschlägt, in einem gesellschaftlichen Vakuum zu operieren. Dies geht für ihn nicht einher mit dem Anspruch von Bibliotheken, demokratische Orte zu sein. Der Text ist eine Kritik an der Praxis und ein Versuch, ein Nachdenken anzuregen. (Laut dem Autor auch ein „framework“ (107) für dieses Nachdenken.)

critlib als Ermutigung zum Denken und Handeln

Um einen weiteren Text herauszugreifen, der die Möglichkeiten zeigt, die dieser Diskursraum critlib eröffnet: Wendy Highby beschreibt in ihrem Text den persönlichen Weg, den sie genommen hat, um als Bibliothekarin einer Universität in Colorado mit Informationsarbeit aktiv zu werden, als ihre Unileitung beschloss, dass Gelände, auf dem die Universität steht für das „Fracking“ (also die Methode der Erdöl-Förderung, die im Ruf steht, umweltschädlicher und gesundheitsgefährdender, dafür aber auch profitabler als andere zu sein) freizugeben.9 Quasi wurden die Lagerstätten unter der Uni zur Ausbeutung freigegeben (von einem Standort ausserhalb des Geländes, der aber auch nahe bewohnter Häuser liegt), während auf der Oberfläche der Lehr- und Forschungsbetrieb weitergeht. Highby war irritiert von dieser Entscheidung, fühlte sich aber auch alleine mit dieser Meinung. Die Unileitung hatte den Diskurs etabliert, dass nur auf diese Art die finanziellen Probleme der Einrichtung zu lösen wären und gleichzeitig die Methode risikolos für die Beschäftigten und Studierenden sei. Durch die Literatur von Henry Giroux (auch dies liesst sich zum Teil als Erweckungserlebnis) kam sie dazu, aktiver zu werden.

Sie bestimmte ihre Situation an ihrer Einrichtung, sie wies – Giroux folgend – die Vorstellung zurück, dass es eine und tatsächlich nur eine Lösung für ein Problem gäbe (hier Fracking, um die Finanzprobleme zu lösen) und das damit alle Seiten der Debatte abgedeckt wären. Zudem suchte sie andere Personen an der Uni, die ähnliche Zweifel hatten. Zusammen – hier die bibliothekarische Komponente – recherchierten sie weitere Informationen zum Fracking, zur Situation der Hochschule, zu den Auswirkungen des Fracking ausserhalb der Uni, zum Beispiel der working class area, in welcher der Standort des Fracking angesiedelt sein sollte. Über die Formierung einer Ad-Hoc-Gruppe forderten sie Rederecht bei der Universitätsleitung ein und erhielten nach einem Vortrag, bei sie strategisch betonten, dass zu der Zeit, als die Leitung ihre Entscheidung traf, noch nicht alle Informationen vorlagen, die jetzt vorliegen würden, die Möglichkeit eine nicht-offizielle aber irgendwie doch von der Leitung etablierte Arbeitsgruppe zum Thema zu formieren, welche eine Beratungsfunktion einnimmt. Damit wurden die Probleme, die mit dem Fracking aufkommen, nicht behoben; aber der Diskurs („es gibt nur diese Lösung“) verschoben hin zu einem komplexeren Bild. Ausgewirkt hatte sich das zum Zeitpunkt des Verfassen des Textes dahin, dass die Unileitung nun höhere Sicherheitsstandards für das Fracking unter dem Unigelände und beim Standort ausserhalb des Geländes einforderte.

Keine perfekte Lösung; aber Highby stellt in ihrem Text dar, wie sie über die Literatur von Henry Giroux und critlib als Diskursraum überhaupt den Antrieb gefunden hat, aktiv zu werden und zu sehen, dass sie einen Einfluss haben kann. Schon durch das Sehen, dass anderswo das Sprechen und Sich-Melden mit Informationen eine erfolgreiche Intervention darstellen kann, motivierte sie, dass auch bei sich vor Ort als möglich zu verstehen.

Was ist es nun, dieses critlib?

Gerade der letzte besprochen Text zeigt wohl, was critlib bislang in seinen besten Momenten ist: Ein Diskursraum, in welchem diejenigen im bibliothekarischen Feld, die sich als irgendwie links, progressiv, fortschrittlich sehen (und das ist heute ja schon zu verstehen als sich als demokratisch im Sinne von „es gibt in der Gesellschaft soziale Auseinandersetzungen und wir können sie besser durch demokratische Prozesse regeln, als durch Ignorieren“ und sich nicht single-minded auf ein „no alternative“-Mindset einlassend), austauschen und gegenseitig befruchten können. Ganz offensichtlich ist das für viel motivierend. Die Texte sind durchzogen von der Vorstellung, durch critlib aktuell zu einer neuen Agency für diese Themen zu gelangen, nachdem in den letzten Jahrzehnten das neoliberale Denken (also in diesem Zusammenhang vor allem die „singled-mindness“ auf ökonomische Aspekte und Erklärungen, die Vorstellung, dass nur eine ökonomische orientierte Lösung für alle Probleme möglich wäre, das Bestreiten von gesellschaftlichen Strukturen und das Überbetonen individualisierte Lösungen und Verantwortungen) vorgeherrscht und das alternative Denken an den Rand gedrängt hätte. Dabei ist es nicht mal wichtig, ob diese Vorstellung wirklich und vollständig der Realität entspringt. Es ist so oder so eine Vorstellung, die offenbar viele der Aktiven überhaupt zum Schreiben und Diskutieren motiviert.

Gleichzeitig ist critlib aktuell beschränkt auf einen US-amerikanisch/kanadischen Diskurs. Ob die „Bewegung“ jemals über diesen Rahmen hinausgehen wird, ist schwierig zu sagen. Zurzeit hat es nicht den Anschein. Beispielsweise lässt sich für die deutsch-sprachige bibliothekarische Diskussion auch eine starke Abstinenz von Theorie und gesellschaftlicher Diskussion – allerdings nicht unbedingt von Praxis, die auf soziale Herausforderungen zielt – sprechen, die manchmal den Wunsch aufkommen lässt, dass es anders wäre.10 Aber das heisst ja nicht, dass critlib deswegen tatsächlich aufgegriffen würde. (Evidence based librarianship, die vor allem kanadisch geprägte „bibliothekarische Bewegung“ der letzten Jahre, die sogar viel mehr Anschluss an ökonomisierte Diskurse bietet und deren kritischen Spitzen erst in der konkreten Anwendung sichtbarer werden, wurde ja auch nicht aufgegriffen.) Für Frankreich, wo in den Bulletin des Bibliothèques de France, der Bibliothèque(s) (also den beiden grossen Fachpublikationen) und der Presses de l’enssib (also dem Verlag der grossen Ausbildungseinrichtung für das Bibliothekswesen) ständig auch Artikel und Monographien zu sozialen Themen, mit Bezug auf Sozialwissenschaft und Philosophie erscheinen, scheint mir das recht unwahrscheinlich. Das, was im US-amerikanisch/kanadischen Bereich critlib als Diskursraum erst etabliert, scheint mir in Frankreich zu existieren.11 Ist deshalb das französische Bibliothekswesen „progressiver“ als das US-amerikanische und kanadische?

Verwirrend, aber vielleicht muss das am Anfang einer „Bewegung“ wir critlib so sein, ist der immer wieder vorgebrachte Anspruch, an kritische Theorien anzuschliessen und selber Theorie – also Erklärungen, wie die Gesellschaft und wie die Bibliotheken in der Gesellschaft funktionieren – zu produzieren, im Vergleich mit der theoretischen Beliebigkeit und Ungenauigkeit, die in den Texten offensichtlich wird. Oft scheint es sogar von Nachteil zu sein, die jeweils referenzierte Theorie tatsächlich zu kennen. Sinnvoller ist es wohl, die jeweils genamedroppten Theorien als ungefähren Ausgangspunkt für die jeweiligen Überlegungen anzusehen. Dann können diese Überlegungen zu interessanten Thesen führen – z.B. die oben zitierte von den activist libraries als Ausdruck dessen, was der Gesellschaft an Bibliotheken wichtig ist –, vor allem aber ermöglichen sie etwas, was Highby für ihren Fall schildert: Sie machen das Denken über Bibliotheken gerade auch an Punkten möglich, wo es scheint, als gäbe es nur eine Lösung, die verfolgt werden könnte, als gäbe es keine Auswirkungen dieser Lösungen, die zu beachten wäre und als gäbe es keine Alternativen. critlib erinnert daran, dass es immer andere Möglichkeiten gibt und das es eine Verantwortung ist, sich für eine (und damit gegen andere) zu entscheiden und diese Entscheidung mit ihren jeweiligen Auswirkungen zu tragen.

 

Fussnoten

1 Clara M. Chu: Preface. In Mehra & Rioux 2016:VIII-X, VIII.

2 Horkheimer, Max & Ardono, Theodor W. (2002 [1944]). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (Sonderausgabe). Frankfurt am Main: Suhrkamp. Ardono, Theodor W. ; Frenkel-Brunswik, Else ; Levinson, Daniel & Sanford, Nevitt (1950). The authoritarian personality (Studies in prejudice). New York: Harper & Row, 1950.

3 Bekanntlich wird die „Frankfurter Schule“ in den USA gerne auf Habermas reduziert, während in der deutsch-sprachigen Literatur eher die früheren „Generationen“ als Frankfurter Schule, und Habermass als jemand mit anderer Entwicklung angesehen werden. Das ist Interpretationssache. Aber gerade die „Introduction“ in diesem Buch scheint über diese unterschiedliche Interpretation hinaus inhaltlich falsch zu sein. Es wird z.B. behauptet, die Generation um Adorno und Horckheimer hätte sich vor allem mit der deutschen Gesellschaft in den 1920er beschäftigt und wäre vor allem im „german idealism“ (5) verankert gewesen. Die zweite Generation hätte „elements of American pragmatism“ (5) eingeführt, zudem würden Lukács und Gramsci zu dieser Generation gehören. Das ist eine sehr gewagte Darstellung. Die „erste Generation“ ist eher dafür bekannt, sich mit der Shoa und deren Auswirkungen sowie mit Pädagogik befasst zu haben, als Marxisten würden sie sich gewiss nicht als Teil des „german idealism“ sehen; Lukács und Gramsci gehören eher anderen marxistischen Strömungen an (mit gegenseitigen Einflüssen). Obwohl man dies lange diskutieren könnte, ist all das am Ende egal: obwohl sie in der Introduction angeführt werden, taucht eigentlich nur noch Habermas im restlichen Buch auf. Es ist verwirrend, insbesondere wenn man die angeführten Autoren (in anderen Büchern auch Autorinnen) selber gelesen hat.

4 Zum Beispiel: Estep, Erik & Enright, Nathaniel (edit.): Class and Librarianship. Essays at the Intersection of Information, Labor and Capital. Sacramento: Library Juice, 2016. Schroeder, Robert (edit.): Critical Journeys. How 14 Librarians Came to Embrace Critical Practice. Sacramento: Library Juice, 2014. Schroeder, Robert & Hollister, Christopher V.: Librarians’ Views on Critical Theories and Critical Practices. In: Behavioral & Social Sciences Librarian 33 (2014) 2:91-119.

5 Zachary Loeb: Beyond the Prototype. Libraries as Convivial Tools in Action. In: Mehra & Rioux 2016:15-39.

6 Gabriel Gomez: Will Big Data’s Instrumentalist View of Human Behavior Change Understandings of Information Behavior and Disrupt the Empowerment of Users Through Information Literacy?. In: Mehra & Rioux 2016:41-73.

7 Jonathan Cope: The Labor of Informational Democracy. A Library and Information Science Framework for Evaluating the Democratic Potential in Socially-Generated Information. In: Mehra & Rioux 2016:75-118.

8 Vergleiche auch für die Position, dass sich daraus eigentlich die Forderung ableiten müsste, diese Arbeit sichtbar zu machen und Lohn einzufordern: Fuchs, Christian (2014): Digital Labour and Karl Marx. New York ; Abington: Routledge, 2014.

9 Wendy Highby: Beyond the Recycling Bin. The Creation of an Environment of Educated Hope on a Fracked Campus in a Disposable Community. In: Mehra & Rioux 2016:123-180.

10 Ich gebe zu, ich verstehe das oft nicht, wie man auf die Idee kommen kann, eine Einrichtung als „sozialen Treffpunkt“, „demokratische Institution“, „Ort für alle“ verstehen und konzipieren zu wollen, ohne sich Gedanken darum zu machen, wie diese Gesellschaft funktioniert. Mir ist zum Beispiel nicht klar, wie man eine „Bildungseinrichtung“ sein will, man nicht zu verstehen versucht, wie „Bildung“ überhaupt funktionieren soll. Der Rückzug auf individualisierte Ansätze wie Psychologie oder – erschreckenderweise tatsächlich vertreten – Biologie kann ja nur einen kleines Stück weit helfen. Deshalb würde ich in der bibliothekarischen Diskussion immer mehr, wenn schon nicht Diskussion über „die Bibliotheken in der kommenden Gesellschaft“ und die „kommende Gesellschaft“, so doch zumindest Bezug zu soziologischen Themen und Theorie erwarten. Aber vielleicht sehe ich das falsch und es ist einfach nur ein persönlicher Wunsch.

11 Sicherlich ist die Frage, warum nicht Kolleginnen und Kollegen aus Grossbritannien, Australien, Neuseeland an critlib partizipieren, offen. Ganz zu schweig von denen aus englisch-sprachigen Staaten des globalen Südens. Das gilt aber auch bei anderen „Bewegungen“. Offenbar ist nicht nur die Sprache ein Grund.

Was ist das Ziel und die Praxis von Leseförderung in Bibliotheken?

Was genau ist eigentlich gemeint, wenn (Öffentliche) Bibliotheken von Leseförderung reden? Grundsätzlich werden Bibliotheken in der Öffentlichkeit (und im Bibliothekswesen selber) zumindest in Bezug auf Kinder und Jugendliche mit dem verbunden, was in Bibliotheken als „Leseförderung“ durchgeführt wird. Das scheint mir, zumindest aktuell, ausser Frage zu stehen, auch wenn andere Themen hiper sind. Nur frage ich mich seit einiger Zeit (wieder), was genau da eigentlich passiert.

Es ist ja so, dass sich in jeder Öffentlichen Bibliothek im deutschsprachigen Raum, wenn sie nur gross genug ist, Angebote zu diesem Bereich finden, mal implizit, mal sehr explizit mit eigenen Stellen, Veranstaltungen etc. Angesichts dieser weiten Verbreitung scheint mir erstaunlich wenig darüber gesprochen zu werden. Es gibt aus den letzten Jahren einige Buchpublikationen mit Vorschlägen dazu, wie Leseförderung gestaltet werden kann. (Z.B. Keller-Loibl 2012; Keller-Loibl & Brandt 2015) In diesen finden sich zahlreiche Vorschläge für Veranstaltungen, die zum Teil aus Bibliotheken, zum Teil aus der Forschung in Fachhochschulen stammen. (Mir ist, ehrlich gesagt, nicht immer klar, wieso es dann gerade diese Beispiele es „in die Bücher geschafft“ haben und andere nicht – aber das ist eine andere Frage.) Gleichzeitig scheint es einen unaufhörlichen Strom an Artikeln dazu zu geben, gerne illustriert mit Kindern, die glücklich in der Bibliothek Bücher lesen. Wie gesagt: Das es dazu gehört, scheint ausgemacht. Aber mir scheint, dass einiges fehlt. Zum einen Beschreibungen, die in die Tiefe gehen:

  • Wieso werden bestimmte Dinge gemacht und wieso bestimmte Dinge nicht?

  • Wie werden die Bücher und anderen Medien ausgesucht, die zur Leseförderung benutzt werden, welche Kriterien werden vom wem angelegt?

  • Wie entsteht das „lokale Wissen“, dass sich immer wieder findet, wenn man in den Bibliotheken nachfragt (also zum Beispiel: Wieso wissen – zumindest so gut, dass es funktioniert – die Kolleginnen und Kollegen, welche Medien „funktionieren“ und welche nicht?)?

  • Finden Veränderungen statt, welche und wieso?

  • Was sind die Effekte der Leseförderung?

  • Lesen die Kinder und Jugendlichen mehr?

  • Lesen sie etwas anderes?

  • Bestätigen sich Bibliotheken durch diese Leseförderung selber in ihrer Identität als Bibliothek?

Solche Fragen werden meist gar nicht oder aber nur im Vorbeigehen behandelt. Es scheint viel Praxis, aber kaum Austausch über diese Praxis (sowohl was die Praxis eigentlich genau ist als auch was das Ziel dieser Praxis ist oder sein sollte) – eine Theoretisierung, die die Praxis irgendwie erklärbar macht, scheint es gar nicht erst zu geben. Das ist irgendwie erstaunlich. (Aber vielleicht muss es so sein, damit die Autonomie der einzelnen Bibliotheken erhalten bleibt? Wer weiss?) Das irritiert mich auch, weil ich bei meiner kleinen Sammlung alter Bücher zum Bibliothekswesen zum Beispiel einen Schrift von 1923 habe, „Vorlesestunden“ von Erwin Ackerknecht (Ackerknecht 1923), die das genau anders macht. Da gibt es erst eine Einleitung, die sagt, wozu diese „Vorlesestunden“ – also Leseförderveranstaltungen, bei denen der Volksbibliothekar oder die Volksbibliothekarin den Kindern und Jugendlichen vorliest – da sein sollen, wie sie methodisch aufbereit sein sollen, es wird Position bezogen zu den Möglichkeiten dieser Vorlesestunden (Ackerknecht war Vertreter der „Stettiner Richtung“ im Richtungsstreit, er arbeitet auch direkt in Stettin), dann werden praktisch Fragen angesprochen (wie organisieren, welcher Raum, Gebühren oder nicht, etc.) und dann folgt eine lange Liste von Büchern, die sich für Vorlesestunden eignen würden, inklusive geschätzten Vorlesezeiten und Hinweisen dazu, wozu der jeweilige Texte gut wäre. Selbstverständlich folgt Ackerknecht anderen gesellschaftlichspolitischen Zielen, als es heute der Fall wäre. Die Schrift ist die einzige, die ich gerade greifbar habe. Sie ist aber Teil zahlreicher ähnlicher Schriften, die Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts erschienen sind und sich auch aufeinander bezogen. Mir scheint, dass es auch heute einfacher ist, die damalige Praxis in den Bibliotheken zu beschreiben oder zumindest zu erahnen sowie zu beschreiben, was die Diskussionspunkte waren, als es heute möglich wäre, die Praxis der Leseförderung in den Bibliotheken zu beschreiben.

Erste Irritation: Welches Lesen? Wozu?

Zwei Dinge haben mich in der letzten Zeit auf dieses Thema gebracht. Der erste Grund ist eine Studie, die wir in Chur gemacht haben und bei der wir die Volksschulbibliotheken im Kanton St. Gallen über deren Arbeit befragt haben. Das war alles sehr interessant und ich freue mich schon darauf, wenn wir den Bericht zu der Studie veröffentlichen können – gerade, weil die Ergebnisse sehr überraschend waren. Das wird aber noch etwas dauern. Was man schon sagen kann ist, dass die Volksschulbibliotheken in St. Gallen zumeist gar nicht von Bibliothekarinnen oder Bibliothekaren geführt werden, sondern von Lehrpersonen aus den Schulen selber. Insoweit sind sie nicht prototypisch für Öffentliche Bibliotheken. Aber bei den Interviews in den Schulen fiel mir etwas auf, was mir auch bei Gesprächen und Berichten aus Öffentlichen Bibliotheken oft auffällt: Einerseits wird die ganze Zeit davon geredet, dass es die Aufgabe der Bibliothek wäre, das Lesen der Kinder und Jugendlichen zu fördern, andererseits wird nicht darüber gesprochen, wie genau das geschehen soll. In St. Gallen ging es vor allem darum, den Zugang zu Büchern zu ermöglichen, in Öffentlichen Bibliotheken geht es auch um andere Medien. Aber wie genau geht das vonstatten? Das war kein richtiges Thema in den Interviews unserer Studie, das ist auch selten Thema in bibliothekarischen Texten. Etwas polemisch ausgedrückt erscheint es oft so, dass „viele Medien == Leseförderung“ gedacht wird. In der Praxis wird das nicht so einfach sein, da beispielsweise immer wieder Gespräche mit Kindern und Jugendlichen geführt und auch Veranstaltungen durchgeführt werden. Aber das wird nie so richtig kommuniziert. Irgendwie scheint es immer so, als ob einfach Medien mit Kindern und Jugendlichen zusammengebracht werden müssten – und dann ist es Leseföderung.

So einfach kann das einfach nicht sein und ich wundere mich in letzter Zeit immer wieder mal darüber, warum nicht diskutiert wird, welche Medien genau (die wie ausgesucht werden), wie angeboten, genutzt etc. werden. Vor allem, wenn man es ein wenig historisch ansieht, wird es noch verwirrender. Volksbibliotheken hatten eine grosse Zeit, als sie sich Ende der 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts „gegen Schund“ engagierten (neben den Lehrerinnen und Lehrern). (Maase 2012) Damals „wussten“ sie sehr klar, was die richtige Literatur war und es gab zumindest Darstellungen dazu, wozu Literatur (für Kinder und Jugendliche) wie vermittelt werden sollte. (Selbst, wenn es nicht direkt als „gegen Schund“ bezeichnet wurde, wie halt bei Ackerknecht 1923.) Es war am Ende doch nicht so einfach und klar, weil ständig darüber diskutiert werden musste, welche Literatur überhaupt „Schund“ sei (Masse 2012) und weil alle möglichen Anstrengungen regelmässig auch scheiterten. Aber es gab zumindest ein klares Ziel. Allerdings hat sich dieser „Schund-Kampf“ lange überholt. Die Diskussionen um Kinder- und Jugendliteratur haben sich verändert. Erst ging es in den 1950er und 1960er dahin, dass über „das gute Jugendbuch“ nachgedacht wurde, das Kinder und Jugendliche fördern sollte – und nicht andere Literatur bekämpfen. (Müller 2014) Auch damals scheint eher klar gewesen zu sein, was Bibliotheken tun sollten. Dann, in den 1970ern, ging es darum, die gesellschaftlichen Veränderungen in der Kinder- und Jugendliteratur widerzuspiegeln und Kritikfähigkeit zu fördern, in den 1980er zeigte sich dann, dass Kinder und Jugendliche (deren Leseinteressen mit der Zeit immer mehr ernst genommen wurden) auch mit der Literatur nicht unbedingt viel anfangen konnten, sondern beispielsweise die Phantastische Literatur ein Hoch erlebte (kjl&m 2015). Und dann? Es gibt weiterhin Kinder- und Jugendliteratur, aber aus der ergibt sich spätestens seit den 1980ern keine direkte „Aufgabe“ für die Bibliotheken (kein Schund ist zu bekämpfen, keine Kritik zu fördern etc.). Das ist per se nicht schlecht, immerhin scheinen die Interessen der Kinder und Jugendlichen heute im Fokus zu stehen. Aber nach alle den Jahrzehnten, wo in der bibliothekarischen Literatur dargelegt wurde, was Leseförderung erreichen soll, scheint mir das heutige nicht-darüber-Reden erstaunlich.

Mir ist schon klar, dass es Versatzstücke von Diskursen gibt, die im Bezug auf Lesen in den letzten Jahren immer wieder reproduziert werden. Beispielsweise der Verweis darauf, dass „seit PISA“ klar wäre, dass Lesen eine Kulturtechnik sei, die eine steigende Bedeutung hätte – und deshalb die Leseförderung wichtig sei. Aber solche Aussagen scheinen mir alles nur noch verwirrender zu machen. Erstens will ich bei solchen Aussagen oft den Personen, die das sagen / schreiben eine Ausgabe der PISA-Studien schicken, damit sie die mal selber lesen können. Es steht da nämlich die gleiche Behauptung, als Behauptung, drin: Lesen sei wichtig. Aber es gibt keinen Nachweis oder so, das Lesen wirklich wichtig wäre – dass können die Studien gar nicht, weil sie nicht so angelegt sind. Doch selbst, wenn man die Studien (und all die Programme, die sich daran anlehnen) ernst nimmt, scheint mir etwas Wichtiges nicht zu stimmen: Lesen wird in den PISA-Studien als Kompetenz verstanden, die funktionell sein soll. Lesen ist Sinn-entnehmendes Lesen. Die Schülerinnen und Schüler werden darauf getestet, ob sie in der Lage sind, aus einem Text Informationen zu entnehmen und diese auf die Lösung von Aufgaben (und, so die Hoffnung, dem Alltag) zu übertragen. Und das ist doch gar nicht das, worum es bei der Leseförderung in Bibliotheken geht. Oder? Wenn es in Bibliotheken darum geht, Zugang zu Medien zu schaffen und vielleicht noch die Kinder und Jugendlichen zum Lesen zu motivieren, dann fördert das doch nicht das Sinn-entnehmende Lesen. Oder sehe ich das falsch? Wie gesagt: Ich frage mich ja, was eigentlich in den Bibliotheken konkret passiert, insoweit weiss ich es nicht. Ich würde aber erwarten, dass man sich Pläne macht, welche Literatur und welche Form der Arbeit mit Texten zu einem besser „Informationen entnehmen“ führen würde, wenn es wirklich darum ginge, diese Form von Lesen zu fördern. Und wenn Bibliotheken das nicht tun, sollten sie dann nicht (a) aufhören, PISA und ähnliche Studien als Begründung anzuführen und (b) beginnen, darüber zu reden, was sie eigentlich bei der Literatur fördern wollen?

Ich hatte bei den Interviews in St. Gallen – wie gesagt, eher mit Lehrpersonen, aber solchen, die Bibliotheken führen – den Eindruck, dass diese pädagogische Frage keine Rolle spielt. Es ging offenbar darum, dass viel Gelesen wird. Bücher wurden danach ausgewählt, ob die Kinder und Jugendlichen sie gerne lesen wollen – nicht unbedingt, zumindest explizit gemacht, weil sie irgendein näher bestimmtes pädagogisches Ziel fördern würden. Und das waren Lehrpersonen, also Menschen, die es von ihrer Ausbildung her gewohnt sind, pädagogische Ziele zu setzen und didaktische Mittel zu wählen, um diese zu erreichen. Wie ist es dann in Bibliotheken?

Wie gesagt: Es gab Zeiten, da war das klarer. Ich will gar nicht, dass diese Zeiten wiederkommen. Wir sind als Gesellschaft weitergekommen und offener geworden, das wird leider schon immer wieder zurückgedreht und Bibliotheken müssen diesen Backlash nicht auch noch aktiv mitmachen. Aber es irritiert mich schon, dass auf einmal das Ziel der Leseförderung nicht mehr klar zu sein scheint. Wie kann man Fördern, wenn man nicht klar bestimmt hat, was man Fördern will? (Und ich habe auch nichts dagegen, wenn Kinder und Jugendliche viel lesen.)

Zweite Irritation: Forschung zum Lesen. Was kommt davon eigentlich in den Bibliotheken an?

Der zweite Grund, der mich zu solchen Überlegungen gebracht hat, ist sehr einfach, dass ich in der letzten Zeit einige Arbeiten zur Leseförderung und Studien zur Leseforschung gelesen habe. Das eher unsystematisch, also vor allem das, was interessant klang. (Wobei ich zugeben muss: Publikationen der Stiftung Lesen, die im deutschen Bibliothekswesen ja einen guten Ruf hat, finde ich selten interessant genug, um sie einfach so zu lesen. Das ist eher nervige Arbeit.) Bei zweien habe ich sehr gestockt, aber eigentlich wiederholten sich meine Irritationen.

Fragwürdiges Kinderbuch (Kruse & Sabisch 2013) ist eine Sammlung von Studien zur Rezeption und Nutzung von Kinderbüchern. Die Auswahl scheint sehr beliebig, aber gerade das hat auch etwas gezeigt: Die Forschung zu Kinderbüchern kommt aus unterschiedlichen Blickwinkeln immer wieder zu ähnlichen Ergebnissen. Grundsätzlich: Kinder bilden sich sehr wohl differenzierte Meinungen zu Kinderbüchern und verarbeiten die Geschichten in ihnen. Diese Rezeption wird durch verschiedene Faktoren unterstützt. Was auch mehrfach gezeigt wurde: Diese Rezeption ist anders, als sich das Lehrkräfte, die mit Kinderbüchern arbeiten, vorstellen. Beispielsweise gibt es unter Lehrkräften die Meinung, dass bestimmte Bilderbücher sich nicht für die Arbeit mit Kindern eignen würden, weil sie zu viel der Geschichte offen lassen. Die Lehrkräfte haben das Gefühl, bei den offenen Teilen der Geschichte zu viel erklären zu müssen, weil dies für Kinder (noch) zu schwierig sei. Hingegen zeigten Kinder bei diesen Büchern eine grosse Rezeptionsfähigkeit und konnten mit den offenen Teilen der Geschichten gut umgehen. Das hat ihren Spass nicht eingeschränkt. Ich habe das gelesen und dachte dabei an all die Öffentlichen Bibliotheken (und Schulbibliotheken), die Kinderbuchkinos und ähnliches durchführen. Ist das da anders? Wissen die mehr? Nutzen die Bilder- und Kinderbücher anders? Ein paar Mal habe ich in Bibliotheken gehört, dass man mit der Zeit schon wüsste, was bei Kindern ankommen würde und es vor allem darum ginge, gerne mit Kinder zu arbeiten, wenn man solche Veranstaltungen macht. Und sicher: Gerne mit Kindern arbeiten wollen ist unbedingt wichtig. Aber die in den Studien untersuchten Lehrkräften sind ja auch Menschen, die gerne mit Kindern arbeiten, die ständig Kinder beobachten – das ist ja Teil ihrer Profession und Ausbildung – und so weiter. Das unterscheidet die nicht von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Nur, wenn die die Rezeptionsfähigkeit und die Lernerfolge von Kindern offenbar falsch einschätzen, wieso sollte das in Bibliotheken nicht genauso sein? An good will mangelt es ja wohl weder in Kindergarten / Schulen noch in Bibliotheken?

Und wieder musste ich mir sagen, dass ich es einfach nicht weiss. Wie suchen die Kolleginnen und Kollegen in den Bibliotheken die Bilderbücher aus, die sie für Bilderbuch-Kinos und ähnliche Veranstaltungen nutzen? Für welchen Zweck? Mit welchem Erfolg? Was genau machen die damit und mit welchem Erfolg? Was halten eigentlich die Kinder davon? Ich konnte Anfang des letzten Jahres auf dem bibliothekspädagogischem Forum in Hamburg einen Workshop zu Kinderbüchern in der Bibliothek von Susanne Brandt besuchen. Am Ende des Workshops, der vor allem von Kolleginnen besucht wurde, die in Bibliotheken mit Kindern arbeiten, suchten sich die Anwesenden Bilderbücher aus (aus dem Bestand der Hamburger Bücherhallen, insoweit gab es schon eine Anzahl von Büchern zur Auswahl), die sie selber für die Verwendung in der Bibliothek nutzen oder vorschlagen würden. Nicht alle, aber viele der Bücher wurden vorgestellt und was auffiel war, dass die Begründungen, warum sie ausgewählt wurden, sehr oft die persönlicher Begeisterung der Kolleginnen war und in kleinerem Masse die Erfahrung, dass Kinder gut auf das jeweilige Buch ansprechen würde. Das sind bestimmt nicht die schlechtesten Begründungen, aber im Rückblick fällt mir jetzt auf, dass es zum Beispiel fast nie darum ging, ob die Kinder aus den Büchern etwas lernen könnten oder das sie mit einem Buch unterstützt würden, eine Kompetenz aufzubauen, etwas zu verarbeiten etc. Es gab nicht so richtig einen Grund für die Nutzung von Kinderbüchern, der besprochen wurde, sondern viel Begeisterung für Kinderbücher. Wie gesagt: Das ist schon okay und vielleicht besser, als Bücher nach rein inhaltlichen Gründen auszusuchen – aber irgendwie auch irritierend. Ist denn das alles, was interessiert? Will denn niemand darüber reden, wie die Kinder die Veranstaltungen in Bibliotheken mit Bilderbüchern wahrnehmen, was sie daraus machen und so weiter? Wenn man nur das eine erwähnte Buch von Kruse & Sabisch (2013) dagegen hält, ist doch zu vermuten, dass auch auf Seiten der Bibliothekarinnen (und Bibliothekaren, die es in diesem Workshop aber nicht gab) grosse Missverständnisse vorherrschen – so wie bei den Lehrpersonen. Und das die Fragen viel weiter greifen könnten und müssten als „welche Bilderbücher funktionieren für welche Veranstaltungsformen“. Oder?

Ähnliches ist mir passiert, als ich einige Untersuchungen aus der Pädagogik zu der Frage, welche Formen von Leseförderungen welche Effekte haben, gelesen habe. Beispielsweise steht im Standardwerk von Risebrock & Nix (2013) als Zusammenfassung des Forschungsstandes, dass Programme, die darauf abzielen, Kinder und Jugendliche dazu zu bringen, möglichst viel zu lesen, aus medienpädagogischer Sicht falsch sind. Sie brächten nichts, sondern hätten eher zufällig Erfolge (was aber auch gilt, wenn Kinder und Jugendliche selber ohne Förderung lesen) und würden sich vor allem in die Behauptung flüchten, dass die Tendenz zum „Freizeitlesen“ aus eigenem Interesse steigen würde, wenn die Kinder und Jugendlichen nur oft genug dazu gebracht würden, zu lesen. Das ist etwas polemisch, aber, bezogen auf andere Studien zur Leseförderung auch nicht falsch: Kontinuität der Leseförderung alleine scheint nur kurzfristige Effekte zu haben, die meisten Effekte von Leseförderung in verschiedenen Formen sind eher gering – und wenn sie doch funktionieren, haben sie zumeist darüber nachgedacht, was Kinder und Jugendliche eigentlich mir Literatur machen.

Schaut man aber in die bibliothekarischen Texte zur Leseförderung, scheint es, dass sie meistens gerade darauf abzielen, Kinder und Jugendliche zum Viel-Lesen zu bringen. Sehr oft wird eine Sprache verwendet, die eigentlich ein wenig creepy ist, wenn davon gesprochen wird, Kinder und Jugendliche „zu kriegen“ oder „zu überraschen“ oder ähnliches – fast immer klingt es so, als wüssten die Kinder und Jugendlichen nicht, was gut für sie ist, und mit einigen Tricks müssten sie ausgetrickst werden, um doch zu tun, was gut ist. Und was gut ist, ist Lesen. Was Gelesen wird, scheint dann einigermassen egal (und, wie gesagt, dass ist historisch gesehen auch ein Fortschritt: Immerhin ist es egal und wird nicht kontrolliert.). Mich irritiert das. Lesen wozu? Was Lesen? Was bringt es den Kindern und Jugendlichen eigentlich wirklich? Sollte nicht die Rezeption und Nutzung der Literatur durch die Kinder und Jugendlichen (zu unterschiedlichen Zwecken, und wenn es die Identitätsfindung ist) im Mittelpunkt der Planung von Leseförderung stehen? Oder ist das der Preis, den die Bibliotheken historisch zu tragen haben: Die Kinder und Jugendlichen werden jetzt – im Gegensatz zu vor hundert Jahren, als sie potentiell alle ein Gefahr darstellten, besonders, wenn sie in Gruppen auftraten und aus proletarischen Familien stammten (Maase 2012) – als eigenständig entscheidende Personen akzeptiert, denen man nicht reinreden darf – aber dafür wird auch die konkrete Leseförderung beliebig? Und was ist mit der pädagogischen Forschung zur Leseförderung? Gilt die nicht für Bibliotheken? Ist die falsch? Wissen es Bibliotheken besser? Oder stimmt es gar nicht, dass es „nur“ ums Lesen an sich geht?

Wie gesagt: Es sind eher weiterführende Fragen, die sich mir stellen. Mir ist schon bewusst, dass es eine Anzahl von Vorschlägen für Veranstaltungen der Leseförderung in Bibliotheken gibt (und es ist auch einfach, grundsätzlich einige Leitsätze dafür vorzuschlagen. Wie ich beim Schreiben an diesem Post gemerkt habe, habe ich das vor fünfeinhalb Jahren in einem Post selber schon einmal getan – und wieder vergessen.), aber es ist mir nicht bekannt, ob die wirklich in der Praxis so sinnvoll sind, ob sie überhaupt beachtet werden und wenn ja wie. Aber dieses Vorschläge unterbreiten ist ja nur eine Möglichkeit, Forschung zu betreiben. Ich fände es gerade viel interessanter, zu fragen, wie die Leseförderung in Bibliotheken „wirklich“ ist und vor allem, warum und wie sie von denen wahrgenommen und rezipiert wird, bei denen sie wirken soll, also vor allem den Kindern und Jugendlichen. In der weiter oben schon genannten Studie zu Volksschulbibliotheken in St. Gallen sind wir davon ausgegangen, dass die Einrichtungen so, wie wir sie „vorfinden“ einen Sinn haben müssen, dass also aus der Struktur, Ausstattung, Aufgabe und so weiterer der Schulbibliotheken auch etwas gelesen werden kann. Hätten sie in der vorliegenden Form keinen Sinn, wären sie von den Schulen schon verändert worden. Das ist eine andere Perspektive, als sie sonst in der bibliothekarischen Literatur eingenommen wird, die viel eher dazu tendiert, zu sagen, wie es sein muss und dann die vorhandenen Schulbibliotheken an diesem „wie es sein soll“ misst. Mir scheint unser Vorgehen viel aussagekräftiger und ich habe den Eindruck, dass es mit der Leseförderung in Öffentlichen Bibliotheken ähnlich ist: Vorschläge dazu, wie es sein soll, gibt es viele. Untersuchungen dazu, wie es ist, verbunden mit der Frage, welche Sinn im sozialen System Bibliothek der jetzige Zustand hat, wäre meiner Meinung nach interessanter.1

Was halt auch irritiert, ist, dass in den bibliothekarischen Texten kaum wirklich auf die Forschungen zur Leseförderung aus der Pädagogik zurückgegriffen wird. Eher wird auf ein paar Texte verwiesen, die angeblich grundlegend sind, und dann weiter fortgefahren, Vorschläge für Veranstaltungen zu machen. Oft ist mir nicht klar, was dann die angeführten Texte mit den Vorschlägen zu tun haben – wie oben bei den PISA-Studien geschrieben, habe ich oft den Eindruck, dass da ein grosses Missverständnis vorliegt und in den angeführten Texten nicht das steht, was vermutet wird. Das gleiche gilt aber auch andersherum: In den pädagogischen Forschungen findet sich erstaunlich wenig zu Bibliotheken selber. Manchmal sind „Bibliotheksbesuche“ eine unabhängige Variable, die in empirischen Untersuchungen mit erhoben wird. Dann zeigt sich oft, dass Kinder und Jugendliche, die gut lesen, auch oft Bibliotheken besuchen – aber darauf beschränkt sich das dann. Wie genau das funktioniert, wird quasi nie gefragt. Allerdings: Die Bibliothekswissenschaft könnte meiner Meinung auch gar nicht zu pädagogischen Forschung hingehen und es ihr besser zeigen, weil sie ja auch nicht weiss, was da in Bibliotheken, wieso, wann, warum passiert. Es gibt ein Schreiben über das gleiche Thema (Leseförderung), aber ohne aufeinander richtig zu reagieren oder das überhaupt zu können. Ich denke, auch für den richtigen Anschluss an die pädagogische Forschung wäre es sinnvoll, wenn die Bibliothekswissenschaft sich mehr mit der tatsächlichen Realität der Leseförderung in Bibliotheken beschäftigen würde. Wenn fast alles, was geschrieben ist, Vorschläge für Veranstaltungen sind, was soll man dann der pädagogischen Forschung als Anschluss bieten? Ohne getestetes Modell von Wirkungen der Leseförderung, das auf der Realität in den Bibliotheken basiert, wird das immer schwierig bleiben.2

Ein paar potentielle Fragestellungen

Wie gesagt: Ich habe mehr Fragen als irgendwelche klaren Antworten. Je mehr man die Bibliothek als ein System anschaut, dass irgendwie immer funktioniert, beginnt man offenbar zu fragen: Wieso funktioniert das? Was passiert da? Wie reagieren z.B. die Nutzerinnen und Nutzer wirklich und wieso? Das wäre viel interessanter, als noch ein weiteres „innovatives Ding“ rauszuhauen, partizipative Leseförderung im Co-Workingspace oder so. Das alles hat sich bei mir bislang weder zu einem Forschungsprojekt noch einer Forschungagenda verdichtet. Ich muss das ja auch nicht alleine tun. Aber ich würde gerne ein paar Fragestellung vorschlagen:

  • Was ist und was sollte das (pädagogische?) Ziel der Leseförderung in Bibliotheken sein? Mir scheint, dass das in den Jahrzehnten immer mehr in den Hintergrund geraten ist – was auch seine Vorteile hat. Die Welt ist freier geworden, die Literatur der Kinder und Jugendlichen sollte nicht mehr kontrolliert werden. Aber gleichzeitig leben wir in einer Zeit des gesellschaftlichen Backlashs: Bildung wird wieder mehr als „Erziehung zu etwas, dass man definieren kann“ verstanden (siehe Kompetenzraster) und immer weniger als „auf dem Bildungsweg zu einem offenen, selbstbestimmten Individuum begleiten“. Das muss man nicht gut finden; ich finde es nicht gut. Aber so zu tun, als würde man irgendwas fördern, gleichzeitig „Freiheit“ mit „das Lesen die Kinder und Jugendlichen gerne“ übersetzen… Mir scheint, die bibliothekarische Praxis, das Denken in der Praixs, warum etwas gemacht wird (und anderes nicht), die Ziele, die angeführt werden, die Ziele, die tatsächlich angestrebt und gelebt werden, all das ist in einem erstaunlichen Widerstreit. Und es wäre gut, diesen Widerstreit erst einmal klar darzustellen. Danach oder dabei kann (und sollte) der auch offen geführt werden. Vielleicht wollen Bibliotheken ja wirklich, dass die Kinder und Jugendlichen sich zu freien, selbstbestimmten Individuen entwickeln (was sie zum Teil von der Schule unterschieden würde, weil das eher etwas ist, was die Sozialpädagogik als Ziel hat). Aber dann sollte das auch geklärt sein, da das Konsequenzen hat. (Z.B. für die Zusammenarbeit mit Schulen.)

  • Was wird eigentlich konkret gemacht und warum (wie begründen Bibliotheken das?)? Wie gesagt, dass scheint mir der wirkliche ungeklärte Bereich zu sein: Viele Vorschläge, was gemacht werden soll, einige Zahlen zu den geleisteten Stunden in den Bibliotheksstatistiken, aber sonst viel Unklarheit. Mich würde auch eher interessieren, was passiert und gemacht wird; nicht, ob mir das sinnvoll, richtig, effektiv etc. erscheint. Dieses „daherkommen und es besser wissen“, dass ja zum Teil im Bibliothekswesen verbreitet ist, wenn jemand sich eines Themas annimmt, scheint mit oft den interessanteren Teil zu übergehen, nämlich, dass die Praxis ja immer einen Effekt hat und es immer Gründe dafür gibt, dass sie so ist, wie sie ist – und nicht anders. Eine Vermutung, die bei mir (bzw. unseren Diskussionen in Chur) immer wieder mal aufkommt, ist, dass bestimmte Dinge, die ineffektiv aussehen, für die Identität von Bibliotheken als „professionelle Bibliothek“ (oder für die Bibliothekarinnen und Bibliothekare als Bibliothekarinnen und Bibliothekare – und gerade nicht irgendwelches, austauschbares Personal) wichtig wäre. Beim Nachdenken über die Leseförderung scheint mir das immer wieder einmal der Fall zu sein. (Zumal, historische Note, die Volksbibliotheken ja gerade über ihr Engagement im „Schund-Kampf“ überhaupt zur eigenen Identität gefunden haben, was nachwirkte, auch über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus.)

  • Wie rezipieren Kinder und Jugendliche die unterschiedlichen Veranstaltungen? Das scheint mir eine der grossen unbearbeiteten Themen zu sein. Wie gesagt, Vorschläge für die Leseförderung gibt es immer wieder, auch immer gerne mit Bildern von begeisterten Kindern illustriert. Hier und da werden die Kinder und Jugendlichen auch gefragt werden, was sie von den Veranstaltungen hielten, ob sie Spass hatten etc. Aber das ist ja reine Evaluation, keine Erkenntnisgewinnung. Mich würde viel mehr interessieren, wie die Kinder und Jugendlichen die Veranstaltungen rezipieren, welche Lerneffekte sie haben, welche Effekte auf ihre Identitätsbildung sie haben etc. Ich kann mir z.B. gut vorstellen, das Kinder die Vorlesestunden in der Bibliothek mögen, weil sie dann andere Sachen nicht machen müssen, weil sie sich dann mit anderen Sachen nicht auseinandersetzen müssen, weil es so nett ist, aber ohne dass das irgendetwas an ihrem Bezug zu Büchern ändert. Was mir auch interessant erscheint ist, dass bibliothekarische Texte sich gerne damit beschäftigen, wie Kinder und Jugendliche an Bücher „herangeführt“ werden können; dann aber dazu schweigen, was passiert, wenn sie „herangeführt“ sind. Das ist doch keine einmalige Sache, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Auch die Kinder aus reichem Elternhaus, die dazu angehalten werden, Bücher zu mögen, machen irgendwas mit diesen Büchern, interpretieren die irgendwie etc. An sich sind die Rezipientinnen und Rezipienten von bibliothekarischen Veranstaltungen zu oft nur als Menschen konzipiert, die zufrieden oder unzufrieden sind (halt „Kundinnen und Kunden“) und zu wenig als Menschen, die sich beständig entwickeln.

  • Warum lesen so viele Kinder und Jugendliche eigentlich in Leseförderprogrammen – weil sie besser lesen wollen, weil sie sonst noch was schlimmeres machen müssten, weil sie sonst nichts zu tun haben, weil es gut für sie ist? Und immer: Warum? Schon um die eigenen Überzeugungen zu testen, ist es immer auch gut, einmal andersherum zu fragen: Eigentlich ist es doch erstaunlich, dass Kinder und Jugendliche so oft so viel in Leseförderprogrammen lesen. Ich denke da an die Berichte über Lesesommer etc. Wenn die stimmen, sind die ja immer wieder überlaufen. Wieso eigentlich? Haben Kinder und Jugendliche nicht auch anderes zu tun? Auch wenn ich nicht wirklich weiss (wie ich ja gesagt habe), wie die Praxis in der Leseförderung in den Bibliotheken wirklich ausssieht, scheint mir doch, dass das recht erfolgreiche Systeme sind – gemessen an dem, was alles gelesen wird, wie viele Kinder und Jugendliche kommen etc. Aber mich erinnert das bei Jugendlichen z.B. auch an Forschungen zu Teen-Fankulturen, wo gefragt wird, was und warum tun da eigentlich jugendliche Fans, wenn sie irgendwelche Teenstars anhimmeln – und die Antwort ist oft, mit der eigenen Identität experimentieren, weil sie z.B. versuchen können, sich über ihre eigene Sexualität klar zu werden, ohne dafür wirklich Sex haben zu müssen. Teen-Fankultur als Schonraum. Das ist sinnvoll, aber selbstverständlich nicht das, was man erwarten würde. Manchmal fragen ich mich, ob nicht auch gerade Jugendliche Bibliotheken und Leseförderung so „unerwartet“ nutzen.3

  • Schichtspezifische Effekte von Leseförderung. Sowohl im Bibliothekswesen als auch in der pädagogischen Forschung geht es meist ganz unbestimmt „um alle Kinder und Jugendlichen“, so als würde die sich alle gleich entwickeln. (Auch das ist ja ein historischer Fortschritt.) Manchmal gibt es Texte zu „bildungsfernen“ Kindern und Jugendlichen, aber schon das „bildungsfern“ ist ja ein Begriff, der gesellschaftliche Verhältnisse überdecken oder zumindest vereinfachen soll. Er passt in eine Zeit, wie unsere, wo (wieder) mehr und mehr so getan wird, als ob es Schuld der Menschen in Armut, wenn sie arm sind — weil sie halt sich von der Bildung fern halten und nicht anstrengen würden. Das ist meist Unsinn, soviele Menschen strengen sich nicht an und landen am Ende in besseren ökonomischen Situationen, als Menschen in Armut. Aber zum Punkt: Mir scheint, das, was im Bibliothekswesen (und auch in der Pädagogik) zur Leseförderung geschrieben wird, ist erstaunlich „gesellschaftsfern“. Nicht nur, dass die Kinder und Jugendlichen halt in unterschiedlichen Schichten aufwachsen und damit unterschiedliche Möglichkeiten, Probleme, Aufgaben etc. haben – was zu untersuchen wäre, nicht nur für die „unteren Schichten“, sondern für alle, da ja auch die Kinder und Jugendlichen aus höheren Sozialschichten das Lesen irgendwie in die eigene Entwicklung einbinden (müssen). Es kann auch nicht (nur) darum gehen, die unteren Schichten in die gleichen Bildungsbahnen und -vorstellungen zu drängen/zu bringen, wie die mittleren Schichten (mal abgesehen davon, dass sich Vorstellungen aus der Mittelschicht, z.B. über Kindererziehung längst auch in „unteren Schichten“ finden, allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz, Verduzco-Baker 2015), sondern es muss darum gehen, zu Verstehen, ob und wenn ja wie, die unterschiedlichen Leseförderungen im Zusammenhang mit den Möglichkeiten, Aufgaben, Identitäten von Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen sozialen Situationen haben. Vielleicht kann man davon ausgehend dann Dinge ändern, Menschen aus „unteren Schichten“ besser unterstützen – wer weiss. Aber mit scheint bislang schon lange nicht mehr darüber geredet worden zu sein, ob es eine Leseförderung für alle gibt oder ob es faktisch nicht unterschiedlich (angekommende) Leseförderungen sind. (Das kann man dann auch noch erweitern, z.B. auf den Wohnort. Bei der oben erwähnten Studie war ich auch in vielen kleinen st. gallischen Gemeinden, bei denen ich sehen konnte, wie sehr die Schulen und Bibliotheken die jeweilige Gemeinde mitprägen, einfach weil es kaum andere Einrichtungen mit ihrer Ausstrahlung gab, ausser den Kirchen. Das war schon irritierend für jemand wie mich, der in einer Stadt aufgewachsen ist, wo die Bibliotheken nur ein kleiner Teil sind und die Kirchen vollkommen irrelevant. Die Wirkung von Leseförderprogrammen wird in solchen Gemeinden auch anders sein, als in Berlin. In der bibliothekarischen Literatur allerdings scheint es solche Differenzen nicht zu geben. Da ist Leseförderung gleich Leseförderung, egal wo sie stattfindet. Ein anderes Thema sind die Rezeption von Leseförderung bei Menschen mit unterschiedlichen Migrationshintergründen. Bibliotheken setzen sich ja aktuell sehr aktiv für Geflüchtete ein – was auch ein weiterer historischer Fortschritt ist, für den ich sehr dankbar bin – aber die Beschreibungen dieser Aktivitäten sind auch sehr kurz. Was passiert da eigentlich, wie wird das von Menschen, die Geflüchtet sind, erfahren und vor allem bei ihrer Entwicklung eingebunden? Was ist eigentlich das genaue Ziel dieser Aktivitäten? Wie stellen sich die Bibliotheken – oder andere Helfende – eigentlich vor, was da passiert und was es bringen soll? Ich weiss es nicht, ich fände es aber interessant, es zu wissen. Bin ich der Einzige?)

Literatur

Ackerknecht, Erwin (1923). Vorlesestunden. Berlin: Weidmansche Buchhandlung, 1923

Keller-Loibl, Kerstin ; Brandt, Susanne (2015). Leseförderung in Öffentlichen Bibliotheken. (Praxiswissen Bibliothek.) Berlin: De Gruyter Saur

Keller-Loibl, Kerstin (2012). Bibliothekspädagogische Klassenführungen : Ideen und Konzepte für die Praxis. (2. Auflage). Bad Honnef: Bock + Herchen

kjl&m (2015). ästhetischer, poetischer: Kinder- und Jugendliteratur in den 1980er-Jahren. kjl&m 15 (2015) 4

Kruse, Iris ; Sabisch, Andrea (Hrsg.). Fragwürdiges Bilderbuch. Blickwechsel – Denkspiele – Bildungspotenziale. Müchen: kopaed

Maase, Kaspar (2012). Die Kinder der Massenkultur: Kontroversen um Schmutz und Schund seit dem Kaiserreich. Frankfurt am Main ; New York: Campus, 2012

Müller, Sonja (2014). Kindgemäß und literarisch wertvoll: Untersuchungen zur Theorie des guten Jugendbuchs ‒ Anna Krüger, Richard Bamberger, Karl Ernst Maier (Kinder- und Jugendkultur, -literatur und -medien: Theorie, Geschichte, Didaktik; 88). Frankfurt a.M.: Peter Lang, 2014

Risebrock, Cornelia ; Nix, Daniel (2013). Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen Leseförderung. (6. Auflage). Baltmanssweiler: Schneider Hohengehren

Verduzco-Baker, Lynn (2015). ‘I Don’t Want Them to Be a Statistic’: Mothering Practices of Low-Income Mothers. In: Journal of Family Issues 36 (2015): 1–29

Fussnoten

1 Es würde halt weniger Forschung sein, die die Leute beruhigt, die gerne irgendwelche „Vorschläge“ für ihre Bibliothek hören möchten. Ich denke ja, wie angedeutet, dass es solche Vorschläge schon in grosser Zahl gibt – und das es nicht die einzige Aufgabe von Forschung sein kann, solche Vorschläge zu sammeln oder sich neu auszudenken. Forschung muss eine kritische Funktion haben, ansonsten ist sie reine Affirmation – und Affirmation gibt es schon zur Genüge. Aber ich habe auch schon die Situation erlebt, dass eine Kollegin erzählte, sie würde gerne solche „interessanten Vorschläge“ hören, sei deshalb auf einer Weiterbildung und fände, es gäbe viel zu wenige dieser Vorschläge – während gleich neben ihr Frau Keller-Loibl, die ja mehrere Bücher mit solchen Vorschlägen geschrieben hat, stand. Die Bücher kannte die Kollegin gar nicht. Das scheint mir noch ein weiteres Phänomen zu sein, mit einer eigenen Fragestellung: Wie entwickelt sich eigentlich die Leseförderung in Bibliotheken? Offenbar nicht einfach so, indem darüber geschrieben wird.

2 Wobei dieses „Aneinander vorbei Schreiben“ auch bei Schulbibliotheken zu finden ist, wo die bibliothekarischen Texte sich fast nur auf andere bibliothekarische Texte beziehen und die pädagogischen/schulpraktischen Texte fast nur auf pädagogische/schulpraktische.

3 Autobiographische Notiz: Habe ich auch. Der Bestand zum Expressionismus der Amerika Gedenkbibliothek war sehr wichtig dafür, in meiner Jugend meine eigene Identität als kulturell interessierter Prä-Hipster zu entwickeln, der halt einfach die ganzen Zeitschriften des Expressionismus kannte und einige sogar gelesen hatte (was auch hiess, Nachmittage in der Bibliothek zu sitzen, zwischen Menschen, die dort Bücher schrieben, und zu lesen – und eben zu der Zeit nicht mit anderen „Aufgaben“, die man so als Jugendlicher hat, beschäftigen zu müssen) – und vor allem damit etwas hatte, was mich von den anderen in meiner Peergroup unterschied (die dafür halt Italienisch lernten und Petrarca im Original lasen – es war vielleicht nicht die durchschnittlichste Peergroup). Insoweit kann ich so eine „unvorhergesehene“ Nutzung gut verstehen, frage mich aber, ob sich im Bibliothekswesen darüber Gedanken gemacht wird, dass sowas passiert – und ob es gut ist.

Und warum eigentlich nicht Commons? (Oder: Mir scheint, wir brauchen eine Begriffsgeschichte des bibliothekarischen Diskurses.)

Eine Sache, die mich ehrlich gesagt immer wieder irritiert, ist, welche Begriffe und Konzepte im Bibliothekswesen eine Karriere hinlegen – und welche gerade nicht. Es scheint mir unbestreitbar, dass im Bibliothekswesen immer wieder neu Begriffe eingeführt werden, um entweder die (neuen?) Aufgaben der Bibliotheken zu beschreiben oder aber um zu beschreiben, wie sich Bibliotheken verändern sollten. Je länger je mehr scheint mir, dass es sinnvoll wäre, dieses ständige Übernehmen und Besetzen von Begriffen als eine Geschichte zu schreiben – vor allem um zu schauen, was eigentlich ihr Sinn ist. Ich habe meine Zeit gebraucht das zu verstehen; aber offenbar ist es im Bibliothekswesen normal, Begriffe aus anderen Zusammenhängen zu borgen und dann umzudeuten. Die heissen dann nicht mehr das, was sie im Originalzusammenhang heissen – Kompetenz heisst nicht Kompetenz, wie in der Erziehungswissenschaft, sondern irgendwas mit Fähigkeiten oder Qualifikation; Best Practice heisst nicht Best Practice sondern Beispiele, die irgendwer aus irgendwelche Gründen gut findet; Innovation heisst nicht neu und innovativ, sondern irgendwie „interessant“; der „Dritte Ort“ hat nichts mehr dem Originalkonzept zu tun sondern beschreibt offenere Bibliotheken und so weiter. Vor allem scheinen diese Begriffe, wenn sie dann einmal im Bibliothekwesen eingeführt sind, als Mantelbegriffe zu wirken, da sich auch Bibliotheken untereinander nicht einig sind, was sie genau bedeuten, sondern sich gerne daran versuchen, sie immer wieder umzudeuten und anzupassen.

Spätestens, wenn man sich in die originalen Zusammenhänge einarbeitet, wird oft schnell sichtbar, dass der bibliothekarische Diskurs und die Originaldiskurse etwas anders meinen. (Mein Gefühl ist auch, dass gerade die kritischen Funktionen, die in manchen dieser Begriffe im Originaldiskurs noch vorhanden sind, bei der „Übersetzung“ in den bibliothekarischen Rahmen fallengelassen werden – aber um das zu überprüfen, wäre halt eine Begriffsgeschichte notwendig.) Gleichzeitig scheint es manchmal, als wüssten das alle am Diskurs Beteiligten, fänden das aber auch okay, weil… Ich weiss nicht. Weil Mantelbegriffe notwendig sind? (Eine weitere Aufgabe für eine Begriffsgeschichte: Was ist die Aufgabe dieser Begriffe im Diskurs? Geht es um die Identität der Bibliotheken? Sind sie notwendig, um innerhalb der „Bibliotheksszene“ zu kommunizieren? Warum dann mit so offenen Begriffen und nicht mit genaueren? Warum gerade mit geborgten, die „um-übersetzt“ werden und nicht mit eigenen?) Denn, egal wie sehr mich (und offenbar auch ein paar andere) das immer wieder irritiert, manchmal auch ärgert, gilt auch im Bibliothekswesen das erstaunliche Wirken von sozialen Systemen: Irgendwie funktionieren sie, ohne zusammenzubrechen. (Luhmann und „seine“ Sozialen Systeme helfen sehr gut, dass zumindest verständlich zu machen – auch, warum ein Begriff, wenn er erstmal in den bibliothekarischen Diskurs inkorporiert ist, nicht mehr wirklich als Brücke in den Originaldiskurse funktioniert, sondern wieder „übersetzt“ werden muss, um zum Beispiel an pädagogische oder soziologische Diskurse und Forschungen anzuschliessen. Man muss halt das Bibliothekswesen einfach als soziales System verstehen.)

Aber genau weil es diese Tendenz im Bibliothekswesen zu geben scheint, Begriffe aus anderen Zusammenhängen zu „borgen“, um dann sich selber und die eigenen (zukünftigen?) Aufgaben zu beschreiben, bin ich oft auch überrascht, welche Möglichkeiten zur Übernahme von Begriffen einfach übergangen werden. Einer dieser Begriffe, die ich schon längst im Bibliothekswesen neben „Informationskompetenz“ und „sozialer Ort/Dritter Ort“ erwarten würde ist der der „Commons“.

Commons – so gemeinsam Handeln, irgendwie gegen Profit sein

„Commons“ sind ein Konzept, welches meinem Eindruck nach aktuell in zwei gesellschaftlichen Szenen hoch im Kurs steht, die sich irgendwie lose um die Grünen (in der Schweiz wohl eher den „linken Grünen“, nicht der glp) und in einem geringeren Masse irgendwie lose um die Piratenpartei gruppieren. Das sind ja zwei unterschiedliche Szenen, wenn auch mit Überschneidungen.

Commons meint das gemeinschaftliche Handeln, gruppiert um gemeinsam geteilte Infrastruktur, bei dem die Kommunikation der Beteiligten im Vordergrund steht. Als Beispiel für (funktionierende) Commons werden auf der einen Seite immer wieder Formen der Allmende (von Dörfern/Gemeinschaften gemeinsam genutzte und verwaltete Felder, Wälder oder andere landwirtschaftliche Infrastrukturen) genannt, die sich teilweise seit Jahrhunderten halten sollen und auf der anderen Seite immer wieder Open Source Software-Projekte und die Wikipedia.

Ein Hauptakteur der – nun ja – Diskussion um „Commons“ ist offenbar Bundesstiftung der (deutschen) Grünen, die Heinrich Böll Stiftung. Diese hat auch ein aktuelles Sammelwerk zu den Commons vorgelegt [Helfrich, Silke ; Bollier, David ; Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) (2015). Die Welt der Commons: Muster gemeinsamen Handelns. Bielefeld: transcript Verlag], das die „Höhe“ der intellektuellen Auseinandersetzung gut wiederzugeben scheint: Ein paar Theorieschnipsel, die kaum Verbindung zur eigentlichen Diskussion haben, viel Gefühltes „wir Handeln / Planen / Machen gemeinsam – also verändern wir uns und die damit die Welt“ (ich musste immer wieder „Hippie“ an den Rand schreiben, weil viele Beispiele, obwohl bestimmt nett gemeint, in quasi-spirituelle Erzählungen darüber abglitten, wie sich die Menschen, die an Commons beteiligt sind, dadurch verändern und zu offenen, kommunikativen und aktiv zuhörenden Menschen werden – anstatt tatsächlich etwas zu erklären), viele, viele Beispiele aus sehr, sehr, sehr unterschiedlichen Zeiten, Orten, Räumen, Szenen, die darstellen sollen, dass es unglaublich viele Commons gäbe, die funktionieren würden, aber die bei mir vor allem den Eindruck einer unglaublichen Beliebigkeit hinterlassen – irgendwie ist alles Commons, was irgendwie gefühlt „gemeinsames Handeln“ ist: Bäuerliche Betriebe, die sich zusammenschliessen, weil es besser für sie ist; sozial enge Gemeinden, die sich absprechen; Bio-Bauernhöfe, bei die Leute sich aktiv dazu entscheiden, dahin zu ziehen; historisch eingespielte Verwaltungssysteme an staatlichen Regelungen vorbei… eigentlich alles, was sich irgendwie gut anfühlt, wo irgendwas gemeinsam gemacht wird und irgendwie nicht alleine auf Profit ausgerichtet zu sein scheint.

Die HerausgeberInnen wollen Commons offenbar als Strukturen beschreiben, welche durch aktive Entscheidungen von Menschen, die innerhalb gegebener gesellschaftlicher Strukturen an einer „besseren Welt“ basteln wollen, hervorgebracht wird. Dabei übergehen sie auch viele kritische Positionen: Beispielsweise werden Biobauernhöfe alle in einen Topf geworfen; die, die es ernst meinen und die, die sich dem offensichtlichen anthroposophischen Unsinn von Demeter verschreiben genauso. Oder: wenn in einem Beitrag der Mindestlohn von Angestellte auf Bauernhöfen mehr oder minder abgelehnt wird, weil auf einem Bauernhof, der Commons ist, ja alle super miteinander auskommen würde und deshalb keine bürokratische Einmischen haben wollen, wird das einfach abgedruckt und akzeptiert und nicht gefragt, ob das nicht einfach ein Diskurs ist, um tatsächlichen Ausbeutungsverhältnisse in der Landwirtschaft zu ignorieren.

Aber am Ende passt das selbstverständlich alles zur Heinrich-Böll-Stiftung und dem grünen Umfeld: Irgendwie sozial, irgendwie gefühlt „auf der guten Seite“, mit einem hohen Anteil an Gefühl und einem eher kleineren an eigentlicher Theorie und/oder Erklärungskraft, irgendwie gegen das Profitmachen aber irgendwie auch nicht – und vor allem irgendwie offene Begriffe, die viel gefüllt werden könnten.1

Die Bibliothek ist doch ein Commons

Trotzdem mir der Begriff zum Teil sehr abenteuerlich begründet erscheint, wäre er meiner Meinung nach für die Selbstbeschreibung der Bibliotheken passend. Gerade Öffentliche Bibliotheken sind ja Infrastrukturen, die irgendwie von vielen geteilt und genutzt werden. (Nicht so, wie auf kleine Bauernhöfen, wo sich alle absprechen können; aber es gibt immer auch Beispiele für Commons, die über soziale Absprachen funktionieren, die hunderte oder tausende Menschen umfassen.) Gleichzeitig sind sie gefühlt immer wieder auf der „guten Seite“, nicht nur im Gefühl der Bibliotheken selber, sondern auch in der Öffentlichkeit, die vielleicht manchmal Bibliotheken langweilig, aber nie so richtig schlecht findet. (Zumindest heutzutage.) Trotz aller Versuche, betriebswirtschaftliche Steuerungsmodelle einzuführen, sind Öffentliche Bibliotheken in den Augen der Öffentlichkeit und grosser Teile des Bibliothekswesens nicht direkt auf Profit ausgerichtet. (In der Schweiz zählen sie sich gerne zum Teil des schön benannten Service public.) Und, auch wenn sich das in Laufe der Jahrzehnte vom Ziel her gewandelt hat, geht es Bibliotheken oft darum, Menschen dabei zu unterstützen, sich zu ändern, etwas zu lernen etc.

So offen, wie der Begriff „Commons“ ist, scheint mir, gerade Öffentliche Bibliotheken könnten sich diesen Begriff sehr einfach aneignen, um zu beschreiben, was sie sein wollen. (Im genannten Buch geht es tatsächlich um Bibliotheken, aber um die Digitalen Commons, nicht um die Öffentlichen Bibliotheken.) Aber das passiert nicht. Ganz selten ist etwas von „Learning Commons“ zu lesen, dann aber vor allem im Bezug auf Online-Learning und Lernlandschaften – manchmal im Zusammenhang mit Bibliotheken. Aber das war es auch schon.

Am Ende bin ich gar nicht dafür, dass der Begriff übernommen wird. Ich finde ihn, gerade nach der Lektüre des genannten Buches, ganz schrecklich unanalytisch und aussagelos.2 Aber das scheint bislang noch niemand davon abgehalten zu haben, Konzepte und Begriffe in den Bibliotheksbereich zu übernehmen – zumal ja klar wäre, dass der Begriff in kurzer Zeit im bibliothekarischen Diskurs umgedeutet würde, ohne das die Heinrich Böll Stiftung oder andere Gruppen, die den Begriff heute verwenden, etwas dagegen tun könnten.

Mir ist es nur nicht einleuchtend, warum es nicht passiert. (Ebenso wenig wie ich nicht verstehe, warum „Kundinnen und Kunden“ weite Verbreitung gefunden hat, aber nicht „Klientinnen und Klienten“. Und es gibt noch einige andere Begriffe, von denen ich erwarten würde, dass sie übernommen werden.) Vielleicht wäre es tatsächlich sehr sinnvoll, sich einmal hinzusetzen, und eine Begriffsgeschichte der Hypes und Schlagworte des (deutschsprachigen) Bibliothekswesens zu schreiben. Ich bin mir sehr sicher, dass die auch einiges zu Machtfragen (Wer schafft es, Begriffe zu prägen? Wer nicht?) im Bibliothekswesen zu sagen hat.

Fussnoten

1 Habe ich schon erwähnt: Im Leben bin ich nie auf die Idee gekommen, Grüne zu wählen. Nicht, weil ich etwas gegen Ökologie hätte – bei weitem nicht -, aber weil mich die Dehnbarkeit der Begriffe abstossen. (Neben dem Kriegeführen und Hartz-Gesetze-Einführen.) Das hat bestimmt meine Interpretation der „Commons“ geprägt; deshalb empfehle ich ja auch, das Buch selber zu lesen.

2 Wie halt „die Grünen“ auch; vielleicht geht da mein politisches Unbehagen mit dieser Szene und Partei etwas mit mir durch. Es gibt selbstverständlich auch immer schlimmere Menschen und Parteien.

Die moderne Schulbibliothek. Bestandsaufnahme und Modell (1970). Die erste grosse Untersuchung und der davon losgelöste, grosse Entwurf (Zur Geschichte der Schulbibliotheken XV)

Am Anfang der Entwicklung zeitgenössischer Schulbibliotheken und vor allem der Diskurse um diese im deutschsprachigen Raum steht eine Monographie, welche 1970 weder von bibliothekarischer noch von pädagogischer Seite publiziert wurde, sondern im Rahmen eines Projektes des Instituts für Jugendbuchforschung der Johann Wolfgang Goethe-Universität (Frankfurt am Main) entstand: Die moderne Schulbibliothek. Bestandsaufnahme und Modell. (Doderer et al., 1970) Zuvor waren – sowohl in der DDR und Österreich als auch historisch früher in der Weimarer Republik – schon andere Monographien zu Schulbibliotheken erschienen, aber diese Publikation und insbesondere das dazugehörige Projekt hatte einen längerfristigen Einfluss.

1975 wurde es von der Arbeitsstelle für das Bibliothekswesen übernommen, insoweit gab es Verbindungen des Projekteams mit bibliothekarischen Strukturen, dennoch war es nicht, wie viele folgende Projekte, ein von bibliothekarischer Seite durchgeführtes.1 Die Arbeitsstelle wurde später zum Deutschen Bibliotheksinstitut und nahm in einer gesonderten Abteilung bis 2000 Aufgaben der Beratung für Schulbibliotheken war. Die heutige Expertengruppe Schule und Bibliothek im dbv steht in einer gewissen Kontinuität zu dieser Abteilung. Wenn auch nicht ganz ohne Friktionen verlaufen, besteht eine Kontinuität von diesem Projekt aus dem Jahr 1970 – und damit dem hier zu besprechenden Buch – und der heutigen dbv-Gruppe. Zumindest zum Teil scheint dies auch für die Argumentationen und Blickwinkel, die im Bezug auf Schulbibliotheken eingenommen werden, zu gelten.

Zugleich wurde im Rahmen des Projektes eine Zeitschrift begründet, die zuerst als Materialien für den Schulbibliothekar und später als schulbibliothek aktuell kontinuierlich von 1974 bis 2000 erschien.2 Anders gesagt: Das Projekt, welches von 1970 bis 1975 lief, etablierte relativ langlebige Strukturen zur Unterstützung von Schulbibliotheken, zuerst in der BRD und nach 1989 in Gesamtdeutschland. Das dazugehörige Buch, Die moderne Schulbibliothek: Bestandsaufnahme und Modell, legte Diskurse fest, an denen lange argumentativ festgehalten wurde, auch wenn bestimmte Teile der Argumentationen der Studie fallen gelassen und später kaum noch reproduziert wurden. Es ist ein grundlegendes Buch. Nicht zuletzt bietet es, da es auf zahlreichen Besuchen in Schulen basiert, einen Einblick in die Situationen von Schulbibliotheken in der BRD im Jahr um 1970.

Kontext Bildungsreform

Um das Buch und das dahinter stehende Projekt nachzuvollziehen, ist es wichtig, sich zu erinnern, dass die später 1960er und frühen 1970er Jahre in der Bundesrepublik unter anderem eine Zeit massiver Bildungsreformen war. Dabei wurde unter anderem eine Demokratisierung des gesamten Bildungssystems angestrebt, inklusive des direkten Abbaus sozialer Ungleichheiten, dem Aufbau eines meriokratischen Schulsystems, dass gleichzeitig junge Menschen zu selbstständigen Bürgern und Bürgerinnen – und nicht zu Menschen, die untertänig schweigen – ausbilden sollte. Zudem sollte das Bildungssystem, dass zum Teil über das Schulsystem hinaus geplant wurde, modern werden, dass heisst auch moderne Techniken und moderne pädagogische Theorien nutzen. Die gesamte Planung war von einem heute erstaunlichen Pathos des Fortschritts und der Demokratisierung getragen; gleichzeitig wagte sich die Bildungspolitik und -planung an heute fast unfassbare Grossentwürfe. (Deutscher Bildungsrat, 1970) Beispielsweise wurde in Opposition zu den bestehenden Schulformen die Gesamtschule als neue Schulform, die auch gleich neue pädagogische Räume umfassen und neue Lehrerinnen und Lehrer benötigen würde, entworfen.

Es war offenbar eine spannende Zeit, in der nicht sicher war, wie sich die Bundesrepublik und das bundesdeutsche Bildungswesen wirklich entwickeln würden. Im Rückblick ist sichtbar, dass die Veränderungen weitgehend, aber lange nicht so radikal waren, wie vielleicht um 1970 zu vermuten gewesen wäre – oder zumindest viel länger dauerten, als damals vermutet worden wäre. (Friedburg, 1989) Aber 1970 war dies noch nicht sichtbar. Vielmehr beteiligten sich zahllose Gruppen, Initiativen und Institutionen mit unterschiedlichen Möglichkeiten an den utopischen Diskussionen zur Reform des Bildungswesens, wobei diese Diskussionen eingelassen waren in ebenfalls zum Teil massive gesellschaftlichen und politischen Veränderungen.

Das im folgenden zu besprechende Buch ist in seinem Entstehen nur aus dieser Zeit heraus zu verstehen, ebenso die Entwürfe, die ihm gemacht werden. So war es in Zeit der Bildungsreform, als es Usus war zu konstatieren, dass das bisherige Bildungssystem gescheitert sei – beispielsweise bislang statt zur Demokratie zum Untertanengeist erzogen hätte oder statt Chancengleichheit herzustellen die gesellschaftlichen Strukturen reproduziert hätte – normal, den bisherigen Zustand in den Schulen nicht nur negativ zu bewerten, sondern als gänzlich falsch zu verurteilen, auch weil es leicht möglich war, sich eine viel bessere Bildungslandschaft als anzustrebendes Ziel vorzustellen und von diesem als Idealbild ausgehend die Schulrealität zu bewerten. Eine solche Radikalität erschien zum Teil als notwendig. Gleichzeitig war sie aber nicht unbedingt immer fair gegenüber der Arbeit in den Schulen selber. Der Gestus dieses radikalen Verwerfens verlor mit der Zeit bis Mitte der 1970er seine Berechtigung.3

DieModerneShulbibliothek

Die moderne Schulbibliothek: Bestandsaufnahme und Modell

„In Sorge um die Verbesserung der schulischen Bildungsformen unserer heutigen Jugend ist die vorliegende Untersuchung über die Schulbibliotheken entstanden, und in der Hoffnung auf Beachtung und Realisierung sind die hier vorgelegten Vorschläge zur Entwicklung von zentralen Bildungsbibliotheken in den Schulen der Bundesrepublik ausgearbeitet worden. Es gilt, auf diesem Gebiet den Anschluß an den internationalen Stand hochentwickelter Erziehungssysteme zu gewinnen. Die bisher schon erstaunlich große und zustimmende Resonanz auf unsere Vorstellungen läßt uns zuversichtlich die Einsicht der betroffenen Stellen und der Öffentlichkeit erwarten.“ (Doderer et al., 1970, 9)

Der zitierte Absatz eröffnet das hier zu besprechende Buch. Er beschreibt die Zielsetzung der gesamten Studie: Es geht um nicht weniger, als darum, einen neuen Typ von Schulbibliothek für die Schulen in der Bundesrepublik zu entwerfen. Grund dafür sei die „Sorge um die Verbesserung der schulischen Bildungsformen unserer heutigen Jugend“ (Doderer et al., 1970, 9), eine Formulierung, die in den frühen 1970er Jahren so weit verbreitet war, dass sie nicht wirklich erklärt werden musste. Es galt als ausgemacht, dass das Bildungssystem veraltet sei und, für die Jugend, radikal verändert werden müsste. Diese Vorstellung war so verbreitet, wie vor einigen Jahren noch die Behauptung, die Bildungssysteme müssten die Lesekompetenz fördern oder Bibliotheken müssten innovativ sein: Aussagen, die für eine gewisse historische Zeit als allgemeine, fast unwidersprechbare Wahrheiten gelten (und die dann allerdings mit der Zeit an Überzeugungskraft verblassen und durch neue Aussagen dieser Art ersetzt werden).4 Man würde erwarten, dass dieser Punkt im weiteren ausgeführt wird, das beispielsweise erklärt würde, warum es eine Sorge um die Jugend gibt und welcher Art diese Sorge wäre – aber das passiert nicht. Es war 1970 auch nicht notwendig, dies zu erklären.

Wichtig ist zudem, dass nicht etwa bessere Schulbibliotheken entworfen, werden, sondern gleich die (neue) Form von „zentralen Bildungsbibliotheken in den Schulen der Bundesrepublik“ (Doderer et al., 1970, 9). Diese waren in der Vorstellung der Projektteams weit mehr, als die vorhandenen Schulbibliotheken. Aber auch dies war 1970 nicht ungewöhnlich. Der Deutsche Bildungsrat legte im selber Jahr einen Strukturplan für das Bildungswesen (Deutscher Bildungsrat, 1970) vor, der gleich das Schulwesen und den Unterricht in allen Schulen, zudem die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer verändern wollte. Insoweit war der Entwurf gänzlich neuer Schulbibliotheken zeitgenössisch. Interessant ist in diesem Zusammenhang eher, dass die Studie behauptet, diesen Entwurf auf der Basis einer Analyse von realen Schulbibliotheken in der Bundesrepublik sowie Schulbibliothek in „hochentwickelten Erziehungssysteme[n]“ (Doderer et al., 1970, 9) vorgenommen hätte. Dies ist, wie noch zu zeigen sein wird, zu hinterfragen.

Der letzte Satz des zitierten Absatzes ist vor allem im Vergleich zu späteren Versuchen, Schulbibliotheken auszubauen, interessant. In immer neuen Projekten wurde und wird versucht, Schulbibliotheken zu fördern und dabei davon ausgegangen, dass vor allem politisch Verantwortliche zu überzeugen wären. Bei Doderer et al. (1970) scheint es aber so, als wäre das Interesse in den Ministerien schon lange vorhanden, was eventuell auch mit der spezifischen Situation in den 1970er zu tun hatte. Gleichwohl führte dieses Interesse nicht dazu, dass das vorgeschlagene Modell einer modernen Schulbibliothek weithin aufgegriffen worden wäre, vielmehr fanden sich später fast nur in Neubauten, insbesondere in Gesamtschulen, aber auch bei diesen wäre zu untersuchen, was sie vom Modell selber übernahmen.

Der Aufbau der Studie ist auf den ersten Blick klar und einfach. Im Teil A werden die Grundfragen geklärt, im Teil B wird von Besuchen in einer Anzahl von Schulbibliotheken in der Bundesrepublik und West-Berlin (so die Diktion im Buch selber) berichtet, im Teil C dann das Modell einer modernen Schulbibliothek und Strategien zur Durchsetzung desselben dargestellt. Abgeschlossen wird die Studie mit einem umfangreichen Anhang von Dokumenten, die im Laufe der Studie gesammelt wurden. Gleichwohl gibt es einen erstaunlichen Bruch zwischen Teil B und Teil C. Relevant ist, dass sich dieser Aufbau auch in späteren Projekten findet. Erst wird eine Analyse des Status Quo der Schulbibliotheken unternommen, dann daraus ein Modell für moderne Schulbibliotheken entworfen – wobei nicht immer klar ist, wie die Auswahl der untersuchten Schulen vorgenommen oder die Kriterien, nach denen die jeweils modernen Schulbibliotheken entworfen wurden, gebildet wurden.5

Die Situation der Schulbibliotheken, 1970

Auch dieses Studie wählte, wie späterhin viele andere Studien zu bibliothekarischen Fragen, die sich an „internationalen Beispielen“ orientieren, als Vergleichsstaaten nicht irgendwelche, sondern die USA, England sowie einige skandinavische Länder (Dänemark, Schweden). Allerdings, und das unterscheidet die Studie wieder von späteren, bibliothekarischen, wurden auch Frankreich, die UdSSR und die DDR einbezogen. Es findet sich keine Begründung für diese Auswahl. Zeichnen sich diese Staaten durch ein besonders gutes Schulbibliothekssystem aus? Frankreich tat dies zumindest 1970 nicht. USA und UdSSR waren 1970 weltweit die bestimmenden Staaten, was zumindest vermuten lässt, dass sie deshalb einbezogen wurden (inklusive Besuchen in Washington und Moskau), aber warum wurden die anderen Staaten einbezogen? Und warum andere nicht? Wenn die DDR wegen der gleichen Sprache einbezogen wurde, warum dann nicht zum Beispiel auch Österreich und die Schweiz? Solche Unklarheiten durchziehen die gesamte Studie. Sie ist in einer Struktur geschrieben, die eine Vollständigkeit suggerieren, welche nicht gegeben ist. Offensichtlich wurden im Rahmen der Studie immer wieder Entscheidungen getroffen, die im Nachhinein nicht begründet werden. Dies bezieht sich nicht nur auf die Auswahl der ausländischen Beispiele, sondern auch darauf, was dargestellt wird und was nicht. Letztlich scheint dies sehr interessensgesteuert geschehen zu sein. Gleichwohl ist nicht klar, wozu diese internationalen Beispiele, zum Teil mit sehr umfangreichen Dokumenten im Anhang, dargestellt werden. Für den weiteren Text der Studie haben sie keinen weiteren Einfluss.

Dabei beginnt die Studie mit einem nachvollziehbaren Forschungsplan. In einem ersten Schritt wurde versucht, in den Kultusministerien der Länder mit den Verantwortlichen für Schulbibliotheken Interviews zu führen, die einen ersten Überblick zur Situation der Schulbibliotheken geben sollten. In diesen Interviews sollten zudem Schulbibliothek erfragt werden, die als vorbildlich gelten können, um sie anschliessend zu besuchen. (In der heutigen Diktion wären dies wohl eine „Best Practice Analyse“.) Allerdings war es schon schwierig, in den Ministerien Verantwortliche für Schulbibliotheken zu lokalisieren. Die Zuständigkeiten waren selten geklärt, kaum gab es jemand speziellen, der oder die ein Wissen über die Schulbibliotheken im jeweiligen Bundesland hatte. Deshalb konnte das Projektteam auch kaum vorbildliche Schulbibliotheken ausmachen, sondern bekam stattdessen vorbildliche Schulen genannt, bei denen vermutet wurde, dass sie auch gute Schulbibliotheken hätten. Anschliessend besuchte das Team diese insgesamt 55 Schulen und bewertete sie anhand eines Leitfadens; gleichzeitig informierte es sich über die Situation den oben genannten Ländern.

Der längste Teil der Studie beschreibt die Ergebnisse dieser Besuche. Die Ergebnisse seien ernüchternd, genauer: Die Schulbibliotheken seien, wenn sie vorhanden sind, nicht modern. Die wenigen offiziellen Texte zum Thema sowie die meisten Schulbibliotheken selber seien daraufhin ausgerichtet, der Jugend „gute Literatur“ zur Verfügung zu stellen, nicht aber, den modernen Unterricht oder die Selbstarbeit der Jugendlichen zu befördern. Die Schulen würden nicht verstehen, dass Schulbibliotheken für den Unterricht genutzt werden könnten, vielmehr „[wurde i]n den zahlreichen Gesprächen […] sichtbar, wie tief die Vorstellung von der Übereinstimmung von Schülerbüchereien und Unterhaltungs- und Freizeitbüchereien im Denken der Lehrerschaft verwurzelt scheint.“ (Doderer et al., 1970, 49)

Im Gegensatz zur Vorstellung des Projektteams, die Schulbibliotheken in der Schule integriert sehen wollen, würde von den Lehrerinnen und Lehrern oft den Kolleginnen und Kollegen, welche die Schulbibliothek betreuten, damit Respekt gezollt, dass ihnen nicht in die Arbeit hinein geredet wurde – oder anders, dass sie machen konnten, was sie wollten, ohne das dies Einfluss auf den restlichen Schulalltag haben musste.

Sowohl in den Schulen als auch in Öffentlichen Bibliotheken fanden sich Stimmen, die sich für eigenständige Schulbibliotheken und solche, die sich für die starke Zusammenarbeit von Schulbibliotheken und Öffentlichen Bibliotheken aussprachen. Dabei würde den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren teilweise das notwendige pädagogische Wissen abgesprochen, eine Schulbibliothek zu führen. Eine einheitliche Meinung zu dieser Frage fand sich aber nicht.

Moderne Schulbibliotheken, 1970

Wie erwähnt, bewertete das Projektteam die vorgefundenen Schulbibliotheken, vor allem von den eigenen Vorstellung einer modernen Schulbibliothek ausgehend, negativ. Allerdings ist auch diese moderne Schulbibliothek eher skizziert, als klar dargestellt. Im ersten Teil der Studie – also noch vor der Darstellung des Status Quo – werden dazu einige Behauptungen aufgestellt. Schulbibliotheken müssten zentrale Einrichtungen einer Schule sein. Ohne solche zentralen Schulbibliotheken sei es nicht möglich, im Unterricht eine sinnvolle Didaktik zu entwickeln, die auf wissenschaftliches Arbeiten abzielt und zum eigenständigen Umgang mit Büchern und anderen Informationsmitteln zu erziehen.6 Zentrale Schulbibliotheken wären Teil demokratischer Schulen, die Kinder und Jugendliche dazu erziehen würden, selbstständig zu denken und zu entscheiden.7

„Es geht im Umgang mit einer Bibliothek um die Erkenntnis und das tägliche Durchüben des »know how«, was zur Entwicklung der geistigen Selbständigkeit des Menschen unerläßlich ist. Es geht damit zugleich auch um eine Entromantisierung des literarischen Bewußtseins, das sich manchmal heute noch mit unreflektierten Affirmationen begnügt, statt kritische Reflektionen in Gang zu setzen.“ (Doderer et al., 1970, 14)

Diese zentralen Schulbibliotheken sollten sich dadurch auszeichnen, dass sie (a) grundsätzlich für alle Schultypen gleich sein müssten (da sie die gleichen Chancen bieten sollten), wobei sie in den (geplanten) Gesamtschulen ihre grösste Wirkung entfalten würden, (b) für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer zugleich konzipiert wären, und keine spezielle „Lehrerbücherei“ mehr zuliessen, (c) der Zugang zu ihnen demokratisch, also für alle gleich, geregelt und pädagogisch (und nicht auf „das gute Jugendbuch“ hin) orientiert wäre, und sie (d) grundsätzlich auf eigenständige Bildung der Jugendlichen ausgerichtet seien.

„[Die] Freigabe des Buches ist eine notwendige Forderung auch innerhalb des Demokratisierungsprozesses, den unsere Schule durchzumachen hat, um ihre Aufgabe erfüllen zu können, nämlich mündige Bürgen von morgen heranzubilden.“ (Doderer et al., 1970, 12)

Diese Schulbibliotheken wären sinnvoll in die Didaktik moderner Schulen, inklusive Gruppenarbeiten und selbstständigen Lernen, zu integrieren. Sie würden als Lernwerkstätten funktionieren. Autoritäre Lehrmethoden würden hingegen keine modernen Schulbibliotheken benötigen. (Mit dieser These können „alte“ Schulbibliotheken auch als Einrichtungen verstanden werden, die autoritäre Lehrmethoden fördern würden.)

„Eine Schule, die den Schülern also [mittels autoritärer Didaktik] auf das genormte Lehrbuch und auf den überhöhten Wissensvorsprung des Lehrers anlegt, bedarf in ihrer hierarchischen Ordnung prinzipiell auch keiner jedermann zugänglichen Bibliothek.“ (Doderer et al., 1970, 16)

Insoweit schliesst das Projektteam, dass moderne, zentrale Schulbibliotheken Teil der Bildungsreform sein müssten. Nur mit ihnen seien deren Ziele – nämlich demokratische Schulen – zu erreichen.

„Es wird höchste Zeit, daß die Schulreform sich dieses Gebietes annimmt. Wir brauchen überall moderne zentrale Schulbibliotheken!“ (Doderer et al., 1970, 17)

Exkurs: Erstaunlich ist mit dem Blick von heute, dass sich die Argumentationen für Schulbibliotheken immer noch gleichen: Der jeweils aktuelle Diskurs über Bildung wird aufgerufen und es wird postuliert, nur mit Schulbibliotheken sei dieser zu bedienen, dabei wird zumeist auf modernen Lehrmethoden verwiesen, die sich in der Schulbibliotheken sinnvoll durchführen liessen, wobei sich diese „modernen Lehrmethoden“ kaum unterscheiden, sondern über Jahrzehnte immer wieder Teamarbeit, Projektarbeit und selbstständiges Arbeiten der Schülerinnen und Schüler mit den jeweils aktuellen Medien und Informationsmitteln bedeuten. Dabei wird die existierende Situation fast vollständig als defizitär beschrieben und kritisiert. Hingegen werden hohe Forderungen an Schulbibliotheken – sowohl was ihre Aufgaben und angenommen Wirkungen als auch was ihre Infrastruktur angeht – gestellt, die selber nur zum Teil begründet sind und gleichzeitig von kaum einer Schulbibliothek in Deutschland erfüllt werden. Zudem wird in vielen Texten der Eindruck erzeugt, es wäre „jetzt“ notwendig, zu handeln. Dies unterscheidet die Studie (Doderer et al., 1970) nicht wirklich von aktuellen Äusserungen. (Deutscher Bibliotheksverband 2015; Lücke & Sühl, 2015; Kirmse, 2012)

Rabiate Thesen

Teil C der Studie beginnt dann, nach der Schilderung des Status Quo, ohne weitere Ankündigung, mit Thesen zur modernen Schulbibliothek, gefolgt von einigen kurzen Ausführungen zu diesen. Wie diese entstanden sind, ist nicht ersichtlich. Der Logik des Buches folgend, hätten sie aus dem Status Quo der Schulbibliotheken (Teil B) entwickelt werden müssen, aber dies ist offenbar nicht geschehen. Stattdessen erhebt das Projektteam mit diesen Thesen bestimmte Forderungen, die kaum begründet sind. Wie gesagt, findet sich in den darauf folgenden Jahrzehnten eine ähnliche Struktur in weiteren Texten und Projekten wieder. Diese Praxis, einer Schilderung der Situation von Schulbibliotheken direkt Forderungen anzuschliessen, um diese Schulbibliotheken grundlegend zu verändern, scheint in dieser Studie ihren Ausgangspunkt gehabt zu haben.

Die Thesen seien hier in Gänze zitiert:

„Neun Thesen zum Modell einer modernen Schulbibliothek

1. Die Schulbibliothek steht zentral im schulischen Leben. Das erfordert ihre entsprechende räumliche Gliederung.

2. Die Schulbibliothek dient Schülern wie Lehrern gleichmaßen als Informations-, Lese- und Arbeitsstätte, aus der sich Schüler wie Lehrer ständig neue Impulse für die Unterrichtsarbeit holen können.

3. Soll die Schulbibliothek die an sie gestellten Forderungen erfüllen, muß sie von sachkundig vorgebildeten Schulbibliothekaren geleitet werden.

4. Die Schulbibliothek steht Schülern wie Lehrern während der gesamten Unterrichtszeit (am besten ganztägig) zur Verfügung,. Sie muß die notwendigen Voraussetzungen bieten, um von Schülern oder Lehrern jederzeit für individuelle Studien oder Gruppenarbeit genutzt werden zu können.

5. Quantität und Qualität des Buchbestandes müssen der zentralen pädagogischen Bedeutung der Schulbibliothek gerecht werden. Zehn Titel pro Schüler sind zu fordern. Die Titelauswahl hat nach den Belangen der unterrichtlichen und gesamtpädagogischen Konzeption der betreffenden Schule zu erfolgen.

6. Die Katalogisierung und Aufstellung der Bücher soll in allen Bundesländern einheitlich sein. Die Schulbibliothek erfordert ein an ihren Funktionen orientiertes eigenes Katalogisierungssystem, das geeignet ist, die Schüler auf die spätere Nutzung von Öffentlichen, Wissenschaftlichen, Fach- und Spezialbibliotheken vorzubereiten, dessen Konstruktion aber auch das unterschiedliche Auffassungsvermögen von Schülern der verschiedenen Schulstufen berücksichtigt. Jede Schulbibliothek braucht einen Autoren-, Sach-, Titel- und Standortkatalog.

7. Um eine möglichst große Effektivität der Schulbibliothek zu gewährleisten, müssen Buch- und Bibliothekskunde in den Arbeits- und Stundenplan einbezogen werden.

8. Die Schulbibliothek kann ihre Funktionen nur erfüllen, wenn alle an der Schule beteiligten gesellschaftlichen Gruppen und Personen (Schulleiter, Lehrer, Schulbibliothekar, Schüler und Eltern) in aufgeschlossener Weise zusammenarbeiten.

Dem Aufbau der Bibliothek und ihrer Integration in den Unterricht ist besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

9. Die moderne Schulbibliothek soll die Demokratisierung der Bildung im heutigen Schulwesen ermöglichen helfen und den jungen Menschen frühzeitig durch Bereitstellen von Quellentexten zum selbständigen Erwerb von Informationen und intellektuellen Erfahrungen als Grundlage kritischen Urteilsvermögens befähigen.“ (Doderer et al., 1970, 88f.)

Diese Thesen zeichnen einen Bibliothek, die vom Grundgedanken der „Demokratisierung der Bildung“ ausgehend eine zentrale Einrichtung innerhalb der Schule darstellt; insbesondere soll sie die Rolle als Arbeitsplatz für selbstständige Arbeiten darstellen und zugleich als bibliothekarisch geführte Einrichtung den Bestand an Unterricht und dieser Selbstbildung orientieren. Zudem soll die Schulbibliothek mit der Schulgemeinschaft zusammenarbeiten. Diese Thesen klingen nicht unbedingt, als wären sie veraltet; vielmehr werden sie auch heute noch erhoben. (Deutscher Bibliotheksverband, 2015) Einzig die neunte These, diejenige, in der es um Demokratisierung geht, wird heute nicht mehr genannt.

Das Projektteam hat diese Thesen erstellt, um eine Einrichtung zu skizzieren, welche in einer demokratischen Schule ihrer Meinung nach bestmöglich funktionieren würde. Das Problem ist allerdings, dass sie in ihrer eigenen Studie keine Einrichtung dieser Art gefunden haben. Im Rahmen der Bildungsreform scheint das nicht erstaunlich: Wenn die Schulen, wie sie vorgefunden werden, normalerweise als unzureichend angesehen und nur utopisch entworfene Schulen der (nahen) Zukunft als richtig angesehen werden, ist es auch verständlich, die vorgefundenen Schulbibliotheken als unzureichend anzusehen und utopische Modelle von Schulbibliotheken – deren Sinn sich den zeitgenössischen Schulen noch nicht erschlossen haben kann, weil diese ja unzureichend seien – zu entwerfen. Die Aufgabe der Umsetzung dieser Thesen wird dann, wie in den frühen 1970er Jahren normal, dem Staat zugeteilt. (Hierbei kommt dann auch das Wort „Übergangslösungen“ (Doderer et al., 1970, 105) auf, dass dann in späteren Texten zu Schulbibliotheken eine Rolle spielen wird.) Das ist aus der historischen Situation, in der diese Studie entstand, heraus zu erklären.

Dennoch ist der Sprung erstaunlich. In der ganzen Studie gibt es zum Beispiel, ausser dem Verweis, dass es in einigen anderen Staaten, aber nicht allen, so gehandhabt würde, keine Herleitung, warum die Schulbibliothek, die von einer bibliothekarisch ausgebildeten Person geführt wird, besser für die Schule (oder die Demokratisierung der Bildung) wäre, als andere Formen von Schulbibliotheken. Dies wird einfach behauptet. Dies gilt auch für die anderen Thesen. Sie stellen eine Wunschvorstellung dar, die man selbstverständlich entwickeln kann, gerade in Zeiten, in denen utopische Entwürfe gefragt sind.8 Aber es ist nicht ersichtlich, warum sie einer umfangreichen Studie zum Status Quo bedurften. Erstaunlich ist auch, dass nicht wirklich gezeigt wird, wie diese „modernen Schulbibliotheken“ den Schulalltag verändern würden, sondern das einfach behauptet wird, dass sie es tun werden.

Fazit: Langfristige Wirkungen für das Denken über Schulbibliotheken

Wenn in diesem Text immer wieder auf die Zeit, in welche die besprochene Studie entstand, verwiesen wurde, hatte dies vor allem den Grund, zu zeigen, dass der Aufbau und das Vorgehen der Studie auch in dieser Zeit der Bildungsreform in der Bundesrepublik verankert war. Dies ist bedeutsam, da, wie ebenfalls mehrfach betont, die Studie am Anfang eines Projektes stand, dass langfristige Wirkungen hatte. Im Buch wird die These aufgestellt, dass es eine Zeit dauern wird, bis Politik und Verwaltung vom Nutzen zentraler Schulbibliotheken überzeugt wären und es gälte, die Zeit bis dahin zu gestalten. (Doderer et al., 1970, 105ff.) Hätte dies zugetroffen, dann wäre der Verdienst der Studie, diese Entwicklung angestossen zu haben. Aber dies ist nicht, was späterhin eintrat. Sicherlich wurden in den nächsten Jahren, zumeist zusammen mit Gesamtschulen, einige zentrale Schulbibliotheken gegründet, teilweise sind diese noch heute aktiv oder in eine andere Form überführt worden. Andere sind währenddessen wieder geschlossen worden. Aber der Grossteil der Schulen ist auch bis heute ohne diese ausgekommen, Verwaltung und Politik sind nicht überzeugt.

Die langfristige Wirkung der Studie scheint eher, dass sie ein Denken über Schulbibliotheken strukturell vorbereitet hat, dem insbesondere im bibliothekarischen Rahmen in den deutschsprachigen Ländern lange gefolgt wurde. Ausläufer sind bis heute zu finden, auch wenn es – beispielsweise durch die Landesarbeitsgemeinschaften für Schulbibliotheken – zum Teil relevante Gegendiskurse gibt. Die Vorstellung, dass Schulbibliotheken immer wieder neu als bibliothekarische Einrichtungen zu entwerfen seien, dass andere Formen von Schulbibliotheken als unzureichend abgelehnt werden müssten, das Schulbibliotheken vor allem das selbstständige Lernen unterstützen würden und auf der Seite des Fortschritts (wenn schon nicht des gesellschaftlichen, dann des pädagogischen oder technischen) stehen würden, findet sich das erste Mal so klar ausformuliert in dieser Studie und wird dann immer wieder reproduziert. Allerdings, und das ist das erstaunliche, wird sehr schnell die Begründung für diese „modernen Schulbibliotheken“ fallen gelassen. Vielmehr scheint es, als würden die Behauptungen über die Bedeutung von Schulbibliotheken immer wieder dem gerade aktuellen Diskurs angepasst. War der Entwurf 1970 noch erstellt worden, um einen demokratischen Zugang zu Medien und damit in den Schulen ein Lernen und Lehren „auf Augenhöhe“ zu ermöglichen, scheint dies im Laufe der Zeit fallen gelassen zu sein. Aktuell ist es – noch – die Lesekompetenz, aber auch schon die Medienbildung, die von Schulbibliotheken unterstützt werden soll, in den Jahren dazwischen die jeweils vorherrschenden Themen. (Deutscher Bibliotheksverband 2015; Lücke & Sühl, 2015; Kirmse, 2012) Das macht die Behauptungen zumindest fragwürdig: Die Schulbibliotheken, die als jeweils modern beschrieben werden, werden nicht mehr von den Aufgaben, die sie erfüllen sollen, ausgehend hergeleitet, sondern immer wieder dem aktuellen Diskurs angepasst. Gleichzeitig ändert sich die Vorstellung davon, was diese Bibliothek sein soll, nicht.

Insoweit ist die Argumentation für Schulbibliotheken mit der Zeit schwächer geworden. War sie 1970 aus dem vorherrschenden Diskurs heraus, mit der gleichen ungeduldigen Haltung entworfen worden, wie zahlreiche andere Programme im Bildungswesen der damligen Zeit, scheint sie heute an die Debatten „angehangen“ zu werden und ist, im Vergleich mit anderen Reformvorschlägen, ungewöhnlich rabiat und fordernd. Gleichzeitig ist sie immer noch so schwach an die Realität in den Schulen gebunden, wie 1970. Wie gesagt: 1970 war es normal, die vorgefundenen Schulen und damit auch die vorgefundenen Schulbibliotheken als unzureichend zu verwerfen. Aber nach einigen Jahrzehnten lässt sich feststellen, dass es einen Grund geben muss, wenn Schulbibliotheken sich nicht so entwickeln, wie immer wieder aus dem bibliothekarischen Kontext heraus gefordert. Wenn Schulen sich nicht immer, aber doch beständig für andere Formen von Schulbibliotheken entscheiden, muss es dafür Gründe geben. Eine These wäre, dass sie sich die Schulbibliotheken schaffen, die sie benötigen. Zumindest wäre es sinnvoll, die Realität in den Schulen selber stärker wahrzunehmen.

Die Studie von 1970 ist von historischer Bedeutung, da sie die heutige Diskussion über Schulbibliotheken strukturiert hat. Aber sie ist historisch und bedarf einer Neufassung. In einer vergleichbaren Studie, die heute durchgeführt würde, wäre es notwendig, Schulbibliotheksmodelle, die als „modern“ entworfen werden, aus dem Schulalltag und den Aufgaben der Schulen heraus zu entwerfen (was in der Studie von 1970 getan wurde, nur dass sich diese Aufgabe, nämlich die Demokratisierung von Bildung, extrem in den Hintergrund geschoben wurde), vor allem würden Entscheidungen (Wieso wurden bestimmte Länder, Schulen, Schulbibliotheken besucht? Wieso wurden bestimmte Bewertungen getroffen? Wieso wurden den „modernen Schulbibliotheken“ bestimmte Charakteristika zugeschrieben und andere nicht?) begründet. Nicht zuletzt würde die historische Erfahrung mit Forderungen für „moderne Schulbibliotheken“ und den Umsetzungsversuchen, die es währenddessen gegeben hat, mit einbezogen.

Literatur

Arbeitsgemeinschaft multimediale Schulbibliothek; Schöggl, Werner ; Hofer, Stephan ; Hujber, Wendelin ; Macho, Margit ; Rathmayer, Jürgen ; Sygmund, Bruno ; Funk, Sabine (2003). Die multimediale Schulbibliothek. Wien : Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, 2003, https://www.bmbf.gv.at/schulen/service/bibl/SB_Multimedia_11285.pdf?4f2jk2

Deutscher Bibliotheksverband (2007). Der Ausbau schulbibliothekarischer Arbeit als Herausforderung für das deutsche Bibliothekswesen. Ein Positionspapier des dbv. Deutscher Bibliotheksverband, 2007, http://www.bibliotheksverband.de/fileadmin/user_upload/Kommissionen/Kom_BibSchu/Publikationen/2007-07-30_Positionspapier_schulbiblioth_Arbeit.pdf

Deutscher Bibliotheksverband (2015). Lesen und Lernen 3.0: Medienbildung in der Schulbibliothek verankern!. Deutscher Bibliotheksverband, 2015, http://www.schulmediothek.de/fileadmin/pdf/DieFrankfurterErklaerung.pdf

Deutscher Bildungsrat (1970). Strukturplan für das Bildungswesen: Empfehlungen der Bildungskommission. Stuttgart : Klett Verlag, 1970

Doderer, Klaus ; Aley, Peter ; Merz, Velten ; Müller, Helmut; Nicklas, Hans W. ; Nottebohm, Brigitte ; Schulze-Gattermann, Jutta ; Siegling, Luise (1970). Die moderne Schulbibliothek : Bestandsaufnahme und Modell ; Untersuchung zur Situation der Schulbibliotheksverhältnisse in der Bundesrepublik und in West-Berlin. Vorschläge zu ihrer Verbesserung (Schriften zur Buchmarkt-Forschung ; 19). Hamburg : Verlag für Buchmarkt-Forschung, 1970

Friedeburg, Ludwig von (1989). Bildungsreform in Deutschland : Geschichte und gesellschaftlicher Widerspruch. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1989

Kirmse, Renate (2012). Mission impossible: Oder: Vom Aufbau einer Schulbibliothek in 154 Tagen. In: Bibliotheksdienst 46 (2012) 11, 894–902

Lücke, Birgit ; Sühl, Hanke (2015). Schulbibliotheken als Dreh- und Angelpunkt medienpädagogischer Arbeit: Die Frankfurter Erklärung: Lesen und Lernen 3.0. In: BuB. Forum Bibliothek und Information 67 (2015) 08-09, 540–541

Fussnoten

1 Vgl. den letzten Post zur Geschichte der Schulbibliotheken: Theorie, Organisation und Praxis der Schulbibliothek (1975) Alles muss einheitlich sein. (Zur Geschichte der Schulbibliotheken XIV), https://bildungundgutesleben.wordpress.com/2015/06/11/theorie-organisation-und-praxis-der-schulbibliothek-1975-alles-muss-einheitlich-sein-zur-geschichte-der-schulbibliotheken-xiv/

2 Heute existiert sie als unregelmässig bediente Rubrik in der kjl&m weiter.

3 Das ein ähnlicher Gestus dann in den 1990er Jahren wiederkehrte, der vor allem in allen möglichen Zusammenhängen vorgebliche Ineffizienz und Bürokratie bemängelte, Krisensituation ausmachte, zum Teil auch eher behauptet statt nachwies, um dann vor allem betriebswirtschaftliche Lösungen anzubieten, ist bemerkenswert. Aber es gibt wichtige Unterschiede: Ging es Ende der 1960er, Anfang der 1970er auch im Bildungswesen vor allem um eine bessere, demokratischere, sozialere Welt, die angestrebt wurde, ging es ab den 1990ern um eine effizientere Gesellschaft, zumeist aus Gründen der Effizienz selber.

4 Oder mit einem anderen Wort: Ideologeme.

5 Nicht nur in Deutschland, ein gutes Beispiel ist das Projekt „Multimediale Schulbibliothek“ aus Österreich (Arbeitsgemeinschaft multimediale Schulbibliothek, 2003), dass erst mittels Fragebogen den Status Quo erhob und dann daraus Schlüsse zog, wie diese zu verändern seien.

6 Bemerkenswert ist wohl, dass auch 1970 nicht von Büchern alleine gesprochen wurde, sondern andere Informationsmittel explizit erwähnt wurden. Zumindest die vom Projektteam entworfenen Schulbibliotheken beschränkten sich nicht nur auf „traditionelle“ Medien. Wenn dann noch in den 2010er Jahren teilweise argumentiert wurde, dass Bibliotheken „jetzt“ aufhören müssten, Buch-orientiert zu sein, scheint dies anachronistisch. Neu war die Forderung nicht, also muss es einen Grund gehabt haben, dass sie sich zumindest bei einigen Bibliotheken auch bis in die 2010er Jahren nicht durchgesetzt hatte – oder aber, die Feststellungen in den 2010er Jahren waren nicht situationsgerecht.

7 Aus der heutigen Diskussion erscheint es absurd, Jugendliche zum selbstständigen Denken „erziehen“ zu wollen; vielmehr würde heute davon ausgegangen, dass sie nicht „erzogen“, sondern auf ihrem Lernweg unterstützt werden müssten. Aber dieser Widerspruch war 1970 nicht unbedingt verbreitet.

8 Auf Seite 90 (Doderer et al., 1970, 90) findet sich zum Beispiel auch die Vorgabe, dass das Projektteam für eine moderne Schulbibliothek mit 10 Büchern pro Schülerin und Schüler (im Buch nur „Schüler“) rechnen würden. Diese Zahl ist nirgendwo begründet, aber von dieser Studie ausgehend wird sie anschliessend – zumeist ohne Quelle – in Texten zu Schulbibliotheken immer wieder reproduziert.