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Sind Bibliotheken einer der wenigen Orte ohne Konsumzwang – und was soll das eigentlich heissen?

Die Bibliothek ist in vielen Gemeinden der einzige Ort ohne Konsumzwang […]‟ (Bibliosuisse 2020: 7) teilen die schweizerischen Richtlinien für Öffentliche Bibliotheken mit. Damit sind sie nicht alleine, vielmehr hört man diese Aussage so regelmässig von Bibliotheken, auch an ganz unerwarteten Stellen, dass man sie als Standardargument ansehen kann. Ein bisschen, als wäre es Teil der bibliothekarischen Folklore.

Beim vBib20 wurde dies beispielsweise bei einem Vortrag zur Nachhaltigkeit von Bibliotheken erwähnt. Neben diesem Vortrag wurde in einem Pad (anonym) diskutiert und diese Aussage dort kritisiert – worauf jemand anders schrieb, vielleicht betriebsblind zu sein, aber nicht zu wissen, welche Einrichtung sich in diesem Punkt mit Öffentlichen Bibliotheken vergleichen liesse. Ich sah diesem Austausch (der noch weiter ging) zu, überrascht: Hätte man mich gefragt, ich hätte mir nicht vorstellen können, dass jemand diese Aussage über den „Ort ohne Konsumzwang‟ im 21. Jahrhundert mit Ernst vorbringen würde und nicht mit Ironie. Aber selbstverständlich: Sie würde nicht so oft gemacht werden, wenn Kolleg*innen sie nicht auch glauben würden. Ich hätte gesagt, es wird vielleicht in der Hoffnung benutzt, andere (die Politik?, die Öffentlichkeit?) davon zu überzeugen, das Bibliotheken etwas Gutes sind (und ich habe die Aussage auch tatsächlich schon von Politiker*innen gehört), ohne das selber zu glauben. Aber offensichtlich ist das nicht der Fall.

Ich hatte mit dieser Aussage immer Bachschmerzen, die mit den Jahren nur schlimmer geworden sind. In diesem Blogpost würde ich gerne kurz aufdröseln, warum. Vielleicht wird dadurch verständlich, warum die Aussage für mich bestenfalls ironisch klingt.

Ist die Bibliothek wirklich so einzigartig?

Der erste Punkt, der bei dieser Aussage auffällt, ist die Behauptung, dass die Bibliothek mit der angeblichen Konsumfreiheit eine Besonderheit in der Gesellschaft darstellt. Das ist, um es kurz zu sagen, nicht richtig. Nur ein wenig Nachdenken kann andere Einrichtungen anführen, die das auch sind: Parks und Wälder, Jugendclubs, Senior*innenclubs, Spielplätze, staatliche Galerien (und in einigen Ländern auch Museen), Gedenkstätten, freie Badezonen, Wanderwege, Lehrwege, Naturhäuser, viele kleinere Zoos, Märkte und Marktplätze (über die man ja gerade auch wandern kann, ohne etwas kaufen zu wollen), immer mehr Stadt-, Kunst-, Lichtfestivals, Friedhöfe (die ja nicht nur zum Gedenken da sind, sondern auch als interessantes Ausflugsziel – looking at you, Wien).1 Diese Liste wird schnell lang und länger. Und wenn man dann auch noch konkret fragt, was „Konsumzwang‟ genau heisst (also, , um es hier einfach zu machen, ob man wirklich etwas kaufen muss), wächst sie sogar noch mehr. Starbucks betont auch immer und immer wieder, dass man nichts kaufen muss. In Stammkneipen konnte man immer auch so rumhängen, wenn man „dazugehörte‟. Viele Bahnhöfe mögen jetzt zwar umgebaut worden sein, um dort mehr zu konsumieren – aber immer widersetzen sich dem Leute und hängen dort eher rum. Kurz: Nein, die Bibliothek ist nicht so einzigartig darin, dass man dort nichts kaufen muss. So einfach gefasst hat dieses Argument noch nie gestimmt.

Und wenn man es genau nimmt, stimmte es ja auch nie, dass in der Bibliothek kein Geld fliesst. Sicherlich: Ausser der Jahresgebühr (und die nicht überall) muss kein Geld fliessen, um eine Bibliothek zu nutzen. Aber es fliesst trotzdem ständig, beispielsweise für besondere Leistungen. Nicht umsonst haben Bibliotheken Gebührenordnungen. Und seit Bibliotheken Cafés einrichten und sich vorstellen (und es ermöglichen, zum Beispiel indem am Arbeitsplatz getrunken werden darf) das Menschen lange Stunden in ihnen verbringen und sich dann in diesen Cafés versorgen, fliesst noch mehr Geld. Sicherlich: Man darf auch in die Bibliothek ohne das jeweilige Café zu nutzen. Aber genau das darf man im Starbucks auch.

Insoweit ist das Argument faktisch nicht richtig. Aber das muss es noch nicht ganz falsch machen. Nehmen wir an, „ohne Konsumzwang‟ wäre etwas Positives: Dann wäre es ja auch gut, wenn es mehr als eine Einrichtung gibt, wo das gilt. Man sollte dann vielleicht nur nicht mehr davon reden, dass die Bibliothek das als Besonderheit hat.

Was soll das sein, „ohne Konsumzwang‟?

Ein weiteres Problem mit dem Statement ist allerdings, dass nicht so richtig klar ist, was genau damit eigentlich gesagt werden soll. Es wird im Allgemeinen gebracht, als wäre es selbsterklärend und wird also nicht weiter erklärt. Es scheint sehr klar, dass es etwas Positives sein soll. Aber wie genau, dass muss man raten. Vielleicht soll es ja heissen, dass die Bibliothek offen für alle ist, weil sie keinen Eintritt nimmt und weil man niemanden zwingt, etwas zu kaufen? Ich könnte mir vorstellen, dass das oft der Hintergrund dieser Aussage sein soll.

Was spricht im Kapitalismus für Bibliotheken gegen Konsum?

Aber das ist nicht per se logisch: Wir leben im Kapitalismus (egal, ob man jetzt denkt, dass es gut ist das wir das tun), also einer Gesellschaft, in der soziale Beziehungen über Geld vermittelt sind. Sicherlich kann man sagen, dass sollte nicht so sein; Menschen sollten direkte Beziehungen untereinander aufbauen und so weiter. Aber gleichzeitig ist das auch illusorisch, solange man nicht die ganze Gesellschaft verändern will. Die moderne Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Beziehungen oft gut funktionieren über den Tausch von Geld – das ist zum Beispiel einer der Punkte, an dem schon Weber und Marx einer Meinung waren (und beide zeigten auch, dass das erst die Ausweitung der Tauschbeziehungen in der kapitalistischen Gesellschaft, inklusive der Freiheiten, die dadurch trotz allem entstehen, ermöglicht). Bei einem Angebot praktisch zu sagen, dass es nichts kostet, heisst erstmal also noch nichts per se Positives.

Auffällig ist dieser Widerspruch aktuell noch mehr, wenn diese Aussage vom fehlenden Konsumzwang in den gleichen Texten auftaucht, in denen sich auf Ray Oldenburg und sein Konzept des 3. Ortes bezogen wird. Ich weiss, das Konzept wird auch zitiert, ohne Oldenburg gelesen zu haben. Aber er hat in seinem Buch (Oldenburg 1989), aus dem das Konzept stammt, explizit eine gegenteilige Position bezogen. Geld vermittelt bei ihm soziale Beziehungen, deshalb ist die Möglichkeit, für etwas zu bezahlen, inklusiv: Wer Geld gibt, stellt Beziehung zur restlichen Gesellschaft her und nimmt an ihr teil. Deshalb betont er, dass es wichtig sei für „3. Orte‟, dass sie so billig wären, dass alle sie sich leisten können – und gerade nicht umsonst sein sollen. Das englische Pub lobt er, weil man dort für Pennies (naja, irgendwann mal) ein Bier trinken kann, während andere Personen gleichzeitig in anderen Räumen für mehr Geld mit der Familien essen können: Alle haben Zugang, weil alle bezahlen können. Dinge, die man nicht bezahlt, würden diese Integration nicht leisten.

Sicherlich kann man Oldenburg hier widersprechen. Es ist vielleicht (bestimmt sogar) eine rein ökonomische Sichtweise, die ignoriert, dass Menschen auch auf andere Weise integriert werden können, beispielsweise durch die sichtbare Zugehörigkeit zu einem Staat, der – aus Steuern finanziert – Angebote für alle macht (aber das gilt dann wieder für das fünfhunderste Festival of Lights genauso wie für eine Bibliothek). Aber darauf kann man sich so einfach nicht zurückziehen, wenn man schon selber mit dem Begriff „Konsumzwang‟ argumentiert, also die ökonomische Sphäre hereinbringt.

Ist es vielleicht der Zwang, der stört?

„Ohne Konsumzwang‟ könnte auch heissen sollen, dass Bibliotheken nicht das Ziel hätten, Menschen zum Kauf oder zur Annahme von etwas zu verleiten, während andere Einrichtungen – sagen wir einmal Einkaufzentren – dies zum Ziel hätten.

Auch diese Vorstellung lässt sich eigentlich nicht halten. Zum einen haben Bibliotheken selbstverständlich Ziele, die sie aber anders ausdrücken: Literatur vermitteln, Menschen zum Lesen verführen, Informationskompetenz vermitteln. Hierzu werden ja immer wieder Strategien entworfen und Wege gesucht. (Was nicht heisst, dass sie immer erfolgreich sind, aber das gilt ja auch bei Einrichtungen des Konsums – die können ja auch nicht alles verkaufen, was sie sich erhoffen.) Das nicht direkt zu erzwingen, sondern beispielsweise eher anzuregen (so, dass die Menschen das selber wählen zum Beispiel) ist auch nichts spezifisch nicht-kommerzielles. Die gerade – ich gebe zu, für dieses Argument – eingeführten Einkaufszentren agieren auch so. Auch dort werden immer wieder indirekt Dinge ein- und aufgebaut, die nicht direkt zu mehr Konsum führen, aber offenbar indirekt doch mehr Konsum erreichen wollen: Sitzgelegenheiten, Ausstellungen, Foodcorner, die man auch frei nutzen kann (in Grenzen, solange man sich benimmt, aber das gilt für Bibliotheken auch), aktuell auch offenbar gerne Spendenboxen, um soziale Verantwortung zu zeigen (die man glauben kann oder auch nicht). Kein Zwang, sondern eher Nudging – auch das ist nichts spezifisch Besonderes oder Gutes, das nur für Bibliotheken gilt.

Des bibliothèques pour le socialisme / néo-anarchisme ?

Und nicht zuletzt fällt an dem Begriff ja auch auf, dass Bibliotheken ja gerade keine Einrichtungen sind, die irgendwie in Opposition zu der Gesellschaft stehen, in der Beziehungen über Geld vermittelt sind. Sie wollen keine sozialistische Gesellschaft aufbauen oder Verhaltensweisen einer solchen Gesellschaft einprobieren lassen. (Redecker 2018) Überhaupt: „ohne Konsumzwang‟. Was ist das eigentlich für ein Wort? Wer sagt so was im 21. Jahrhundert? Klingt es nicht auch etwas aus der Zeit gefallen?

Es gibt im Francophonen eine gewisse politische Strömung, die aktive Kapitalismuskritik vor allem darin versteht, weniger zu Produzieren, weniger zu Verbrauchen, lokaler zu Handeln. In der Westschweiz gibt die Zeitschrift „Moins!‟ („Weniger!‟, http://www.achetezmoins.ch), die das vertritt. Im Verlag Éditions La Découverte (https://editionsladecouverte.fr) erschienen einige Bücher, die man der Strömung zuordnen kann (aber viele auch nicht, der Verlag hat einen extrem hohen Output). Oder in Grossbritannien eine Anzahl der Autor*innen, die bei PlutoPress (https://www.plutobooks.com) publizieren. Eigentlich viele Personen, die sich irgendwie auf Ivan Illich beziehen. (Im DACH-Raum vielleicht die Zeitschrift graswurzelrevolution, https://www.graswurzel.net/gwr/.) In Ermangelung einer klaren Bezeichnung dieser Strömung nenne ich sie mal „Neo-Anarchismus‟.2 Wenn Personen aus diesem Umfeld „Konsumzwang‟ sagen, dann hat das eine Verbindung zu ihrer Gesellschaftkritik und ihrer politischen Praxis. In der „Moins!‟ werden zum Beispiel kontinuierlich irgendwelche selbstverwalteten Initiativen, Kommunen, Fahrrad-Werkstätten, Bauernhöfe vorgestellt, dies sich irgendwie mit dieser Strömung in Verbindung bringen lassen. Wenn die Leute dort sagen, dass sie „ohne Konsumzwang‟ leben wollen, dann passt das Wort dort. (Ob es funktioniert, das ist eine andere Frage.)

Aber bei Bibliotheken, die ja nicht diesen neo-anarchistischen Kreisen zugehören, klingt das Wort halt auch kontextlos. Die oben zitierten schweizerischen Richtlinien für Öffentliche Bibliotheken führen sonst eher Begriff aus anderen Zusammenhängen an, beispielsweise solche Sätze: „Die Optimierung der Betriebsabläufe und der Angebote steht im Dienst der Kundschaft. Effektives und effizientes Handeln sowie marktorientiertes Denken sind Konstanten der Betriebsführung. Bibliotheken setzen sich Ziele und kontrollieren permanent deren Umsetzung, sie überprüfen periodisch ihre Organisation sowie die Arbeitsabläufe. Mit gezielter Lobbyarbeit stärken sie ein positives Image.‟ (bibliosuisse 2020: 6)3 Das Argument mit dem fehlenden „Konsumzwang‟ ist auch deshalb wenig glaubwürdig, weil es nicht in den sonstigen Diskurs von Bibliotheken über sich selber passt. Es scheint entweder aus einem anderen Kontext oder aus einer anderen Zeit (oder beidem) zu stammen.

Was hiess „ohne Konsumzwang‟ früher?

Mir scheint eine andere Erklärung für dieses Argument viel passender, als die Vermutung, dass Bibliotheken sich in Wirklichkeit hinter der Suche nach Best Cases, Professionalisierung, Bestimmung von Kennzahlen und so weiter nur verstecken, um ihre eigentliche neo-anarchistische Zielsetzung zu verschleiern. Viel überzeugender ist für mich die Vermutung, dass es aus einer anderen Zeit stammt, aber im bibliothekarischen Diskurs kontinuierlich reproduziert wird. (Ich gebe zu, dieses Argument wiederholt sich bei mir mit einige Themen und die folgende Geschichte habe ich jetzt auch schon ein paar mal erzählt.)

Bibliothekarische Polemiken, Ende 19. / Anfang 20. Jahrhundert

Die Geschichte der Einrichtungen, die wir heute als Öffentliche Bibliotheken kennen, beginnt Ende des 19. Jahrhunderts, Pi mal Daumen mit der Industrialisierung beziehungsweise in deren Schlepptau: Als die Städte urbanisiert waren, die Arbeiter*innen als eigene Schicht (oder Klasse) auftraten (sich selbst organisierten, aber gleichzeitig den Rest der Gesellschaft so auch dazu brachten, darüber nachzudenken, wie man auf diese neue Schicht reagieren sollte), als die Alphabetisierung weit genug verbreitet war und die Druckindustrie technisch und organisatorisch in der Lage war, billig Massenauflagen zu produzieren, beginnt die eigentliche Geschichte der Öffentlichen Bibliothek.4

Was wichtig zu erinnern ist, ist Folgendes: Wie die Öffentliche Bibliothek aussehen, was ihre Aufgaben sind und von wem sie getragen werden sollte (finanziell, aber auch politisch) war damals keine ausgemachte Sache. Es gab verschiedene Formen von Bibliotheken, nicht eine Öffentliche Bibliothek. Es gab teils heftige Auseinandersetzungen und Polemiken zwischen Aktiven in diesen unterschiedlichen Bibliotheksformen. Genauso, wie die entstehende moderne Gesellschaft massive Friktionen durchlief, galt dies auch für das Bibliothekswesen. Als wichtige Bibliotheksformen der damaligen Zeit sind zu erwähnen:

  • die Lesehallen (die sich als unpolitische Einrichtungen verstanden, die einen liberale Zugangspolitik pflegten, der Volksbildung – wir kommen gleich dazu – dienen sollten und die forderten, von den Gemeinden finanziert zu werden)
  • die Arbeiterbibliotheken (die der sozialistischen Bewegung – und ihrer Spaltungen – verpflichtet waren, sich als Bildungseinrichtungen für das Proletariat verstanden, die das politischen Ziel einer sozialistischen Gesellschaft hatten und die finanziert wurden von der Bewegung selber, also durch Partei, Gewerkschaften, proletarischen Bildungsvereine (siehe auch: Schuldt 2019))
  • die katholischen Bibliotheken (die vom politisch organisierten Katholizismus getragen wurden, der insbesondere während des „Kulturkampfes‟ Ende des 19. Jahrhunderts entstand – mit der Zentrumspartei im Mittelpunkt, aber tausenden von weiteren Vereinigungen, die um die Kirche herum organisiert waren – um sich gegen den Zugriff des Staates zur Wehr zu setzen, die Mitgliedern der Gemeinden offen standen, die die Ziele des politisch organisierten Katholizismus unterstützten und die von den Kirchgemeinden getragen wurden)
  • Leihbibliotheken, in der Folgezeit (von den anderen Bibliotheken) auch „kommerzielle Leihbibliotheken‟ genannt (Unternehmen, oft mit genau einer Filiale, in denen Bücher und Broschüren verliehen wurden wie später Videos in Videotheken – auf ökonomischer Grundlage, dafür auch durch dieses Geschäft selber finanziert)

Das sind lange nicht alle Formen von Bibliotheken, die es Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts gab, aber die wichtigsten.5 Wichtig ist auch zu erinnern, dass das keine monolithischen Bewegungen waren: Teilweise waren die Grenzen fliessend, oft gab es Auseinandersetzungen innerhalb der einzelnen Bibliotheksformen.6 Für das eigentliche Thema dieses Blogposts, der Frage wo die Aussage, Bibliotheken wären Orte „ohne Konsumzwang‟, herkommt, werde ich mich hier auf die Lesehallen fokussieren. Aber wenn man die Zeit hat, kann man das selbstverständlich noch weiter auffächern.

„Konsumzwang‟ als polemisches Argument

Fast alle diese Bibliotheken grenzten sich voneinander ab, insbesondere die, die sich als Bewegung (oder Teil einer Bewegung) verstanden und dafür auf eigene Medien zurückgreifen konnten. Die Leihbibliotheken sahen sich nicht wirklich als gemeinsame Bewegung (mit Ausnahmen) und äusserten sich praktisch kaum zu den Angriffen auf sie. (Auch wenn es einige Publikationen gab wie „Der Leih-Bibliothekar‟, 1885-1891.) Dafür waren sie verbreitet und existierten entgegen aller Angriffe bis in die 1950er, 1960er Jahre hinein.

Lesehallen hingegen wussten sich zu äussern: In Zeitschriften (eigenen, wie den „Blätter für Volksbibliotheken und Lesehallen‟, 1900-1919 oder den „Eckart: ein deutsches Literaturblatt‟, 1906-1915 oder inhaltlich nahen wie den „Comenius-Blättern für Volkserziehung‟), in Broschüren, Büchern, Eingaben, Artikeln und anderen Formen. Wir wissen also recht viel darüber, was zumindest in den Leitungen der Lesehallen gedacht wurde.

Lesehallen verstanden sich, wie oben gesagt, als unpolitisch. Aber selbstverständlich waren sie das nicht. Unpolitisch im Deutschen und Österreich-Ungarischen Kaiserreich und dann vor allem anschliessend in der Weimarer Republik und der Ersten Österreichischen Republik hiess, eine bestimmte politische Position einzunehmen, die allerdings als über der Politik verstanden wurde: Geteilt wurden hier Vorstellungen von Volk, Gesellschaft, Autorität, Kaiser und später Demokratie, die heute eindeutig rechts einzuordnen wären. Die Vorstellung, dass es eine geistige Elite gäbe, die das Volk führen müsste; dass es Werte gäbe, die in jeder Regierungsform gelten, auch, dass diese Autorität nicht erklärt werden müsse, sondern – wenn man nur richtig schaut – für sich selbst verständlich würde, war Teil dieser Idee des „Unpolitischen‟. Jede Einführung in die Geschichte der Weimarer Republik, der Ersten Republik oder auch der Gesellschaft der beiden Kaiserreiche schildert diese bürgerliche Elite, die sich der Mitarbeit an der Demokratie mindestens verweigert, teilweise auch an ihrer Abschaffung mittat und das immer mit dem Verständnis, grössere Zeitzusammenhänge zu verstehen als „die Massen‟. Sie war einer Form von Romantik verpflichtet, die angeblich fühlend geistige Wahrheiten erkennen würde, die nicht rational zu erfassen wären.

Teil dieses „unpolitisch sein‟ war ein gewisses Verständnis davon, was „Volksbildung‟ heissen sollte – auf das sich die Lesehallen explizit bezogen. Diese wurde als ästhetische Bildung verstanden, in welcher das Volk – hier: die Massen, die nicht zu Elite gehörten, aber auch schon mit genügend Anklängen an das „völkische‟ – die ihm innewohnenden Eigenheiten erkennen und entwickeln sollte und sich damit gegen „Vermassung‟ und andere Charakteristika der Moderne wehren sollten. Das ging schnell vom Individuum über zu angeblich natürlichen Gemeinschaften, die mit „Volksbildung‟ ihr wahres Wesen erkennen lernen würden. Volksbildung hiess ein gefühlsmässig verstandene und vermittelte Ästhetik in Kultur, Literatur und anderen Bereichen zu vermitteln, die immer gegen „Vermassung‟ stehen sollte. Verband man das mit sozialem Anspruch landete man vielleicht bei Arts and Crafts-Bewegung, der Lebensreformbewegung oder den Wiener Werkstätten, aber wohl öfter bei solchen ästhetischen Programmen wie denen im George-Kreis oder solchen Vereinigungen wie den „Vereinigten Prüfungsausschüssen‟, die in ihrer Zeitschrift „Jugendschriften-Warte‟, 1893-1933, auf der Basis solcher ästhetischen Urteile, die vor allem aus sich selbst heraus erklärt wurden, Literatur bewerten und solche, die sie als „Schmutz und Schund‟ bezeichneten bekämpfen wollten.7

Das waren alles vor allem Abwehrbewegungen gegen die Moderne, wie Kaspar Maase (2012) vollkommen richtig gezeigt hat: Die Eliten hatten Angst vor den Massen, die sie eigentlich erst mit der Industrialisierung geschaffen hatten. Einige fühlten sich den Massen überlegen und wollten, dass dies so bliebe. Andere sahen eine neue Gesellschaft herankommen, in denen die Massen sich durchsetzen würden, und wollten die Massen auf dem Weg dorthin erziehen, damit sie eine bessere Gesellschaft einrichten würden. Immer ging es um irrationale Ängste.

Und aus dieser Zeit und diesem Denken stammen die Lesehallen: Der Literatur wurde ein Wert zugeschrieben, weil sie zur Bildung des Volkes da sein sollte. Wie genau das funktionieren sollte, was Volk genau hiess und wie gute und schlechte Literatur aussehen: Das war immer offen für Diskussionen und Interpretationen, gerade weil das alles immer politische Frage sind, auch wenn behauptet wurde, dass sie nicht politisch wären. Eine der Einrichtungen, die für die Lesehallenbewegung als Einrichtung dieser Vermassung galt, weil sie „Massenliteratur‟, „Schund und Schmutz‟ verbreiten würden, waren die „kommerziellen Leihbibliotheken‟.

Das „Problem‟ war immer da: Volksbildungsbewegung, Lesehallen, Verbände von Lehrpersonen und Bibliothekar*innen, auch oft die Politik und Polizei versuchten gegen die „schlechte‟ Massenliteratur vorzugehen – und trotzdem gab es sie immer weiter, wurde sie immer weiter gelesen. Irgendwer musste daran Schuld sein. Heute würden wir sagen, das war halt das, was die Leute lesen wollten. (Und wir würden auch darauf verweisen, dass die ganze Einteilung in Schund und Schmutz auf der einen und guter Literatur auf der anderen Seite immer Unsinn war; vor allem, dass die Literatur, die dabei als schlecht verworfen wurde, viel differenzierter war, als in der Polemiken gegen sie dargestellt.) Aber von den Grundthesen der Volksbildungsbewegung her kann das nicht sein, sondern jemand musste diese Literatur verbreiten, um die Massen zu, well, „Vermassen‟.

Leihbibliotheken wurde vorgeworfen, dass sie aus kommerziellen Interessen Literatur anschaffen und verbreiten würden. Literatur, die „niedere Instinkte ansprechen‟ würde, nicht kunstvoll gestaltet sei, sondern grob. Inhaltlich schlecht: Action, Romanze, Erotik, schnelle Geschichten, die vor allem Sinne reizen, aber nicht zur Ausbildung eines Individuums beitragen würden. Literatur, die schnell weggelesen und Appetit auf noch mehr davon machen würde. Eine Droge, die die Massen dumm halten würde – Schund halt. („Opium für das Volk‟ hätte man in der Lesehalle nicht gesagt, dass Zitat wäre damals zu geladen gewesen – aber ungefähr so war es gemeint.) Dies alles würde sich daraus ergeben, dass die Leihbibliothek eine kommerzielle sei – eine, die immer auf das Geschäft schauen müsste.

Und hier kommen wir dazu, woher die Aussage, Bibliotheken (eigentlich Lesehallen) seien Einrichtungen „ohne Konsumzwang‟, wohl stammt: Aus der Polemik der Lesehallen gegen die „kommerziellen Leihbibliotheken‟. Es war eine Abgrenzung: Leihbibliotheken müssten Geschäfte machen, Lesehallen würden sich der Volksbildung zuwenden. Leihbibliotheken würden Schmutz und Schund verbreiten (müssen), die Lesehalle gerade nicht. Leihbibliotheken würden die „Vermassung‟ vorantreiben, Lesehallen hingegen Volksbildung betreiben. „Ohne Konsumzwang‟ hiess in diesem Zusammenhang nicht, dass individuell in der Bibliothek nichts bezahlten werden müsse, sondern dass sie gegen die als Problem wahrgenommen Entwicklungen der modernen Gesellschaft stehen würde: Konsum als instinkthaftes Handeln der ungebildeten Masse (im Gegensatz zum kulturellen Konsum der Gebildeten).

In diesem Zusammenhang macht das Argument auch mehr Sinn, weil es einen Kontext hat (so, wie es heute im neo-anarchistischen Diskurs einen Kontext hat, wenn auch einen sehr anderen). Man kann diesen Kontext (mit guten Gründen) falsch finden, aber es ist immerhin in gewisser Weise folgerichtig. Es passt von der Sprache auch viel mehr in diese Zeit und diese Denkweise als in die Sprache, die heute von Bibliotheken genutzt wird. Die Aussage war keine grundsätzliche Kritik am Kapitalismus, sondern eine Abwehr von spezifischen Entwicklungen der Moderne – unter anderem dem, dass immer weitere Teile der Bevölkerung ein Surplus an Einkommen hatten, die sie zur Entwicklung einer eigenständigen Kultur einsetzen konnten und das ein Markt für literarische Erzeugnisse (und andere, die Entwicklung des Kinos und die Reaktionen von Bibliotheken darauf sind zum Beispiel nochmal eine eigene Geschichte) entstand, der auf diese Surplus-Einkommen ausgerichtet war, also eher billige Massenprodukte, von denen viele verkauft werden mussten, um einen Gewinn zu produzieren, publizierte als teure Sonderdrucke.

Hat die Geschichte Relevanz?

Eine der Grundfragen bei solchen historischen Herleitungen ist immer, ob diese Geschichte heute eine Relevanz hat: Die Gesellschaft hat sich offensichtlich verändert, die Bibliotheken auch (um nur die auffälligste Veränderung zu unterstreichen: Es gibt jetzt nur noch eine Form Öffentlicher Bibliotheken, nicht mehrere). Und trotzdem wird diese Aussage – aber andere nicht mehr – laufend immer wieder gebracht. Hat sich vielleicht den Inhalt verändert und meint jetzt einfach etwas ganz anderes? Lohnt sich die Suche in der Geschichte dann überhaupt?

Ja, auf jeden Fall. Begriffe, Argumente, Dinge, „die man so daher sagt‟ (gerade die, weil halt ohne grosse Reflexion) schleppen immer die Bedeutung mit, die sich in ihrer Geschichte gebildet hat. Sie haben Bedeutung, weil sie oft ein Denken verlängern, selbst wenn sich die Situation vollkommen geändert hat, aus der dieses Denken stammt, und die aufgerufen werden, auch wenn die, die sie aufrufen, sich nicht darüber im Klaren sind (oder, schlimmer, sich weigern, sich darüber klar zu werden). Das gilt auch für die auf den ersten Blick vielleicht unschuldige Aussage, Bibliotheken seien Orte „ohne Konsumzwang‟. Diese stammt aus einer Zeit, in der sich diejenigen, welche Lesehallen forderten, als Elite verstanden, welche das Recht hätten, „die Massen‟ davon abzuhalten, eine eigene Kultur inklusive einer eigenen Mediennutzung auszuprägen und stattdessen sie auf Ideal zu verpflichten, welches die Eliten für richtig und natürlich ansahen.8 Hat die Aussage diese Geschichte wirklich verloren? Sagt man mit ihm nicht auch weiterhin, die Kultur, die da zum Beispiele Jugendliche beim Cornern im Einkaufszentrum ausprägen oder die Kultur, die in der Stammkneipe entsteht, sei Konsum: Irgendwie falsch, zumindest nicht richtig gut. Nicht verboten, aber auch nicht richtig. Erhebt man die Bibliothek durch das Argument nicht auch weiterhin zu einer Einrichtung, die irgendwie ausserhalb der Gesellschaft steht?

Fazit: Aussagen bedenken

Also: Sollten man die Aussage weiter als Argument verwenden? Nein, sie ist faktisch einfach nicht richtig. Sie ist inhaltlich nicht genügend geklärt, um zu überzeugen. Und sie hat eine Geschichte, die man beenden, nicht verlängern sollte.

Aber das scheint mir gar nicht das Wichtigste zu sein. Interessanter finde ich festzustellen, dass offenbar eine ganze Anzahl von Kolleg*innen immer weiter Argumente und Behauptungen als richtig und sinnvoll ansieht, die ich – und andere – eigentlich immer nur als ironische Aussage verstehen können. Das habe ich beim Nachdenken über dieses Argument gelernt. Warum ist das so? Was finden Kolleg*innen an solchen Aussagen und Argumenten richtig? Ich muss zugeben, dass ich daran immer noch knabbere: Ich hoffe, dass an diesem Beispiel hier sichtbar geworden ist, dass es eigentlich nicht viel Arbeit bedeutet, zu zeigen, dass die Aussage nicht stimmen kann. Das ist mit anderen Argumenten, die oft für Bibliotheken gebracht werden, nicht anders. (Vor nicht zu langer Zeit habe ich das zu dem Argument, Bibliotheken würden „Armut beim Zugang zu Medien ausgleichen‟ auch schon mal diskutiert.) Was aber ist dann ihre Funktion? Verlängern sie veraltete Vorstellungen? Bieten sie Orientierung? Gibt es einfach keine besseren Argumente mehr? Darüber sollten wir alle mehr nachdenken.

Gleichzeitig ist das hier selbstverständlich ein Plädoyer dafür, Begriffe und Argumente nicht einfach zu übernehmen, sondern gerade dann, wenn man sie selber als für sich selbst-erklärend und richtig versteht, stehenzubleiben und erst einmal die Begriffe zu klären: Was sagen sie eigentlich? Sind sie faktisch richtig? Überzeugen sie auch andere? Wo kommen sie her und welche Geschichte schleppen sie mit? Ist man dann immer noch überzeugt, kann man sie wohl verwenden. Aber in vielen Fällen, so bin ich überzeugt, werden sie das dann nicht mehr sein. (Was nur die Argumente, die man dann doch macht, besser machen wird.)

 

 

Literatur

Bibliosuisse (2020). Richtlinien Öffentliche Bibliotheken 2020: Grundlagen und Empfehlungen zu Personal, Infrastruktur, Angeboten und Leistungen, Qualitätsmanagement. Aarau: Bibliosuisse, 2020, https://bibliosuisse.ch/Dokumente/Angebote/Downloads/Richtlinien-Öffentliche-Bibliotheken

Maase, Kaspar (2012). Die Kinder der Massenkultur : Kontroversen um Schmutz und Schund seit dem Kaiserreich. Frankfurt am Main: Campus, 2012

Oldenburg, Ray (1989). The Great Good Place: Cafes, Coffee Shops, Community Centers, Beauty Parlors, General Stores, Bars, Hangouts, and How They Get You Through the Day. New York: Paragon House, 1989

Redecker, Eva von (2018). Praxis und Revolution: Eine Sozialtheorie radikalen Wandels. Frankfurt, New York: Campus, 2018

Schuldt, Karsten (2019). Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In: LIBREAS 35 (2019), http://dx.doi.org/10.18452/20324

Vodosek, Peter (Hg.) (1978). Vorformen der öffentlichen Bibliothek (Beiträge zum Büchereiwesen. Reihe B, Quellen und Texte ; 6). Wiesbaden : Harrassowitz, 1978

 

Fussnoten

1 Der Zufall will es, dass ich das in einem solchen Café auf einem Friedhof schreibe, keine fünf Minuten von so einem Marktplatz und so einem Zoo ohne Eintritt – aber auch keine fünf Minuten von einer Bibliothek – und vielleicht zehn Minuten von der nächsten staatlichen Galerie ohne Eintritt entfernt schreibe. Sicherlich: Inmitten einer Grossstadt, aber so schwer ist es wirklich nicht, solche „Orte ohne Konsumzwang‟ zu finden.

2 Anarchismus als politische Strömung, die eine Gesellschaft die auf gemeinsamen Absprachen und Assoziationen freier Individuen errichten möchte, nicht Anarchismus als „Chaos‟. Ich hoffe, der Unterschied ist bekannt. Man tue mich auch bitte nicht in diese Strömung, nur weil ich sie kenne. Ich habe sie des Arguments wegen ausgesucht, weil sie halt die sind, in der ich einen Begriff wie „kein Konsumzwang‟ heutzutage besser aufgehoben sehe als in Bibliotheken.

3 Auch hier gebe ich gerne zu, dass ich die Richtlinien wegen dieser Argumentes ausgewählt habe. Aber das macht das Argument nicht falsch – in ihnen (auch weil sie so konzis geschrieben sind) zeigt sich der Widerspruch einfach sehr gut.

4 Selbstverständlich gab es Vorformen, siehe Vodosek (1978).

5 Selbstverständlich gab es zum Beispiel auch Bibliotheken, die von evangelischen Gemeinden getragen wurden, aber diese Kirche war nicht Angriffes des Staates ausgesetzt, wie die katholische und entwickelte deshalb auch keine eigene Bewegung (prägte aber Parteien). Und: Das gilt auch nicht für alle Denominationen. Beim Judentum traue ich mir keine übergeifende Aussage zu, aber selbstverständlich unterhielten die jüdisch-sozialistischen Parteien Bibliotheken, mehr oder minder – wie diese Parteien selber mehr oder minder in der Arbeitebwegung – eingebunden waren in die Arbeiterbibliotheken. Zionistische Vereinigungen unterhielten auch Bibliotheken, wie hätte man sonst für die Alija lernen sollen? Für andere Teil des Judentums weiss ich es bislang nicht. Daneben gründeten auch viele Vereinigungen von Angestellten, auch die, die sich nicht als Teil der Arbeiterbewegung verstanden, Bibliotheken für ihre Mitglieder. Es war eine sehr offene Situation für die gesellschaftliche Entwicklung und so auch für Bibliotheken.

6 Die innerhalb der Lesehallen in den 1910ern und 1920ern ist als „Richtungsstreit‟ bekannt; die innerhalb der Arbeiterbewegung folgten der Ausdifferenzierung der Arbeiterbewegung: Welche politische bewusste Anarchistin hätte sich 1912 schon in einer sozialdemokratischen Bibliothek blicken lassen? Welcher Kommunist in einer anarchosyndikalistischen? Eben.

7 Schund sei Literatur, die „inhaltlich wertlos‟ sei, Schmutz sei solche, die sich „mit niederen Themen‟ beschäftigen, was fast immer hiess mit Sex (Gewalt war nicht so negativ angesehen, vor allem nicht in der militarisierten Gesellschaften der beiden Kaiserreiche).

8 Wie ich in Schuldt (2019) auch dargestellt habe, unterschieden sich Arbeiterbibliotheken in diesem Punkt nicht so sehr von Lesehallen, aber mit einer gewichtigen Differenz: Anstatt das Volk von der „Vermassung‟ abhalten zu wollen, bewerteten sie Literatur aus ihrer Aufgabe heraus, eine bessere Gesellschaft einrichten zu helfen.

„Bibliotheken sind kein Luxus‟ (1973) – Die Bibliothek der Zukunft ist nicht so anders als auch schon

Artikel zu Öffentlichen Bibliotheken sind in Tages- oder Wochenzeitung keine Seltenheit. Zwar nicht täglich, aber doch regelmässig sind Entwicklungen in Bibliotheken Thema grösserer Texte. Und warum auch nicht? Es ist ein Thema, dass sich den Redaktionen offenbar immer wieder einmal aufdrängt, das keinen grossen Widerspruch erwarten lässt und bei dem es zum Beispiel auch nicht schwierig erscheint, Gesprächspartner*innen zu finden. Ich habe hier einmal einen älteren dieser Texte herausgegriffen – und gerade nicht den aktuellsten –, um an ihm etwas zu besprechen: Nämlich, zuerst welche Themen sich wiederholen und dann, was das für die Entwicklung von Bibliotheken heisst.1

Rolf D. Schürch: „Bibliotheken sind kein Luxus‟. In: Wir Brückenbauer, 05. Oktober 1973, Seite 3. Digitalisat der Schweizerischen Nationalbibliothek: https://www.e-newspaperarchives.ch/?a=d&d=MIM19731005-01.2.14.1&e=——-de-20–1–img-txIN——–0—–

„Bibliotheken sind kein Luxus‟ von Rolf D. Schürch erschien 1973 in der Wochenzeitung „Wir Brückenbauer‟ des Migros [sprich: Migro], einer Genossenschaft, die heute noch in der Schweiz (und Liechtenstein) neben der Genossenschaft Coop [sprich: Cohp] den Einzelhandel prägt. Lange war insbesondere Migros auch eine politische Institution, die als „sozial-kapitalistisch‟ beschrieben werden könnte (nach kapitalistischen Prinzipien handelnd, aber mit sozialen Auftrag im Sinne der Verbesserung der Lebensverhältnisse – weshalb es zum Beispiel in der Migros weiterhin keinen Alkohol oder Tabak zu kaufen gibt). Sie – zumindest ihr Gründer Gottlieb Duttweiler, aber auch die „Migros-Partei‟ Ring der Unabhängigen – verstand sich als übergreifend für die ganze Schweiz, insbesondere alle Klassen, tätig. Wichtig ist hier: Das in dieser Wochenzeitung ein Text darüber erschien, wie mit einer Einrichtung wie Bibliotheken einem grossen Teil der Bevölkerung Zugang zu Medien und Informationen geschaffen werden könnte, war an sich nicht überraschend. Das passt gut in das Gesamtprogramm von Zeitung und Genossenschaft. Das dabei gefordert wird, dass sowohl Föderalismus der Gemeinden als auch übergreifende Strukturen gefördert werden sollte, ebenso – so funktioniert auch die Migros. Der Ton, in welchem der Text geschrieben ist, passt gut in die Zeitung selber.

Interessanter ist, dass der Artikel in der ersten Hälfte der 1970er erschienen ist; einer Zeit, die von gesellschaftlicher Veränderung und auch tatsächlicher Veränderung im Öffentlichen Bibliothekswesen geprägt war. Zehn Jahre vorher wäre dieser Text nicht erschienen. 1963 wurde über Öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum anders gesprochen und geschrieben. Aber – und auf diesen Punkt möchte ich am Ende wieder kommen – zehn Jahre später oder auch heute könnte dieser Text in grossen Teilen weiter so erscheinen. Er wurde zu einem Zeitpunkt geschrieben, wo sich (im Bibliothekswesen, aber nicht nur da) viel veränderte, was sich seitdem aber wenig änderte.

Der Text ist nicht nur ein Beispiel dafür, dass sich das Bibliothekswesen nicht so viel geändert hat, wie es das vielleicht gerne hätte und das viele Vorstellungen zwar neu erscheinen, aber es eigentlich nicht sind. Er ist auch ein Beispiel dafür, dass Journalist*innen seit einigen Jahrzehnten immer wieder ähnliche und sich wenig verändernde Texte über das Bibliothekswesen schreiben.

Themen

Ich empfehle, den Artikel (plus die Bildunterschrift und die beiden „Kästchen‟ auf der Zeitungsseite) selber zu lesen. Hier werde ich, ein wenig voraussetzend, dass er bekannt ist, einige Themen aus dem Text besprechen.

Das Buch und die moderne Medienentwicklung

Warum wurde der Text überhaupt geschrieben? Sicherlich: Es ist ein Text in einer Wochenzeitung, die nicht nur der politischen Information, sondern auch der Unterhaltung und, ähm, der Information über Angebote bei Migros und zu Migros gehörender Einzelhandelsunternehmen bieten wollte (Cassettobox für 24 Kassetten bei exlibris für 8 CHF – das waren andere Zeiten (S. 15)). Insoweit muss nicht jeder Text einen klar erkennbaren Grund haben. Die gleiche Ausgabe enthält zum Beispiel einen Fortsetzungsroman (S. 14), eine als Gespräch getarnte Diskussion darüber, wer dafür haftet, wenn ein Hund ein Kind beisst (S. 6) und eine Kolumne dazu, wie viel oder wenig Kühlschränke auf Bakterien und Viren in Lebensmitteln einwirken (S. 2). Aber es finden sich auch zahlreiche Artikel, die einen explizit aktuellen Inhalt haben und zum Beispiel auf die Situation der Erwachsenenbildung nach der Ablehnung der Bildungsartikel in einer Volksabstimmung eingehen (S. 1), politische Ereignisse kommentieren (S. 1, S. 4, S. 8) oder Entwicklungen in der Migros selber schildern (S. 2).

Für den Text über Bibliotheken aber gibt es keinen erkennbaren Grund: Kein Neugründung, kein Jubiläum, keine Katastrophe. Es scheint, als wäre die Redaktion der Meinung gewesen, dass es einmal Zeit für dieses Thema wäre. Sie führt den Artikel wie folgt ein:

„Angesichts der Entwicklung neuer Informationsmedien wurde dem Buche bis vor kurzem der langsame Tod vorausgesagt. Der schwarze Pessimismus scheint nun aber zumindest verfrüht. Nach wie vor steigt weltweit die Zahl der produzierten Bücher ebenso wie die Beliebtheit der Bibliotheken, vorab in angelsächsischen und skandinavischen Ländern. Ein wachsendes Bedürfnis nach mehr Wissen und Information in unserer Zeit lässt die Bibliothek längst nicht mehr als Luxus für wenige erscheinen.‟

Wir sehen hier die Annahme, dass es offenbar die weit verbreitete Vermutung gibt, dass „neue Informationsmedien‟ das Buch verdrängen würden – aber diese Vermutung falsch wären. Es wird nicht gesagt, welches diese neuen Informationsmedien sind. Auch nicht, wer genau denn eigentlich erwartet, dass diese neuen Informationsmedien Bücher verdrängen würden. Stattdessen informiert die Redaktion hier, dass Bibliotheken weiterhin wichtig seien.

Diese argumentativen Sprünge finden sich nach den 1970ern in zahllosen vergleichbaren Texten:

  • Die Behauptung, es gäbe die Vermutung, dass bestimmte neue Medien oder Technologien sich durchsetzen und deshalb Bücher an Bedeutung verlieren würden. Welche diese Medien oder Technologien sind, wandelt sich: In den 1970er redet man zum Beispiel über Kassetten, in den 1980ern über Videokassetten, in 1990ern über Computer in Haushalten, in den 2000ern über das Internet, irgendwann auch über E-Books oder über Audiobooks. Aber immer gibt es die Idee, dass irgendwer erwarten würde, dass diese Medien gerade Bücher obsolet machen würden. Kaum einmal (auch nicht hier) wird gesagt, wer genau das vermutet oder warum eigentlich. Es wird einfach als bekanntes Bild aufgerufen.
  • In den Texten – manchmal, wie hier, direkt am Anfang, manchmal auch im Laufe des Textes – stellt sich dann heraus, dass das gar nicht stimmt. Anschliessend ist das dann für den Text selber kein Thema mehr, sondern oft nur ein Aufhänger für das eigentliche Thema. Aber immer wieder praktisch der gleiche Aufhänger.
  • Der Artikel springt von der Aussage, dass Bücher doch nicht verschwinden, sofort zu den Bibliotheken. Man könnte auch zum Buchhandel, zu Verlagen, zur Leseforschung oder Medienentwicklung springen – es ist also vom Beginn her eigentlich nicht ausgemacht, dass es um Bibliotheken geht. Aber auch dieser Sprung von Büchern direkt zu Bibliotheken, der nicht wirklich erläutert wird, findet sich in solchen Texten regelmässig. Für die Autor*innen scheint dieser Sprung nicht der Erläuterung würdig.

Die Bibliothek als etwas anderes, nur keine Bibliothek

Der eigentliche Text beginnt dann mit einem Café crème. Es gibt ihn hier noch nicht wirklich, sondern erst in einer „Bibliothek der Zukunft‟, aber offenbar einer, die sehr, sehr kurz bevorsteht. Worauf der Artikel auch gleich kommt, ist dass diese Bibliothek etwas anderes ist. Etwas, das man am Besten mit anderen Einrichtungen beschreibt:

„ Herr Bücherwurm befindet sich nämlich weder in einem Tea Room noch in einem Restaurant: Er sitzt in einer Bibliothek der Zukunft.‟2

Was der Text sagt, ist, dass es in Zukunft um Bibliotheken um etwas anderes geht, als um das, was offenbar als normal angesehen wird. Die Bibliothek wird dann etwas mehr sein, als sie bislang ist. Sie wird gemütlich sein, mehr (und andere) Menschen als bislang ansprechen, mehr Funktionen übernehmen:

„Diese Bibliothek ist im Stadtquartier Informationszentrum und Begegnungsstätte zugleich. Hier fühlen sich Heiri Hablützel (angelernter Fräser) und Vreni Fuhrimann (Nurhausfrau) ungeniert wohl. Bisher haben sie wie Lokomotivführer Bücherwurm und viele andere Leute aus lauter Angst und Misstrauen vor Büchern und Bildung einen weiten Bogen um Bibliotheken gemacht.‟

Dieser Absatz ist paradigmatisch dafür: Empirie wird nicht betrieben (Zum Beispiel: Wer besucht eigentlich bislang Bibliotheken? Das wird eher als bekannt vorausgesetzt.). Stattdessen werden Begriffe, die aktuell in der bibliothekarischen Literatur verbreitet sind, benutzt – hier „Informationszentrum‟ und „Begegnungsstätte‟, zwei Begriffe, die man in den frühen 1970ern zum Beispiel in der „Buch und Bibliothek‟ oft lesen konnte. Was diese Begriffe im Bezug auf Bibliotheken heissen, wird nicht richtig ausgeführt. Sind sie für sich alleine, als Begriffe, ausreichend? Wo kommen sie überhaupt her? Hat sich der Autor sie ausgedacht? Lagen sie „in der Luft‟? Es scheint eher, als hätte er sie aus den Interviews – die er ja im Artikel auch direkt zitiert – und der Recherche, die er für den Artikel durchgeführt hat, übernommen. Hier, in diesem Text, ist sogar ein Gespräch (mit Tista Murk) angegeben, in dem der Begriff „Informationszentrum‟ direkt fällt.

Es scheint, als wären sie als Begriffe überzeugend genug, um eine Veränderung anzuzeigen, ohne das geklärt wird, wie genau das vonstatten gehen soll. Es gibt Andeutungen: Diese neuen Bibliotheken würden bestimmte Bevölkerungsschichten ansprechen, hier als Arbeiter und Hausfrau gekennzeichnet, die sich bislang davon abhalten lassen würden, eine Bibliothek zu nutzen, weil diese einen falschen Ruf hätte und zudem bislang offenbar als fern von ihren eigenen Lebenswelten angesehen würde. Und zwar dadurch, dass die Bibliotheken gemütlich (durch Café crème oder auch die Einrichtung, die im gleich an diesen Absatz folgenden Zitat von Heinrich R. Rohrer erwähnt wird) und das Medienangebot breit würde.

Gleichzeitig soll die Bibliotheken neue Aufgaben übernehmen, was unter dem Begriff das „Informationszentrum‟ und später im Text mit „moderne[r] Informationsmanager‟ dargestellt wird. Was genau heisst das? Das wird nicht gesagt, aber – wieder weiter hinten im Text – es ist etwas anderes als „alte Schwarte[n]‟ oder das Spitzweg‛sche Gemälde vom lesenden „Bücherwurm‟.

Ebenso gleichbleibend scheint, dass Bibliotheken als schon auf dem Weg hin zu dieser „Bibliothek der Zukunft‟ gezeichnet werden: Noch nicht ganz da, aber doch auch schon nicht mehr „wie früher‟. Das scheint eines der Grundmotive dieses Artikels zu sein: Die Bibliotheken bewegen sich – die Politik oder die Gesellschaft müsse jetzt nur mitziehen.

Heute haben sich die Begriffe geändert, unter denen ähnliche Ideen im Bibliothekswesen besprochen werden. Wenn Journalist*innen für ihre Artikel mit Bibliothekar*innen über die Veränderungen in Bibliotheken reden, kommen diese neueren Begriffe auf und erscheinen dann wohl deshalb – ebenso wenig konkret geklärt wie das „Informationszentrum‟ – in ihren Artikeln, vielleicht weil sie ähnlich überzeugend klingen, aber inhaltlich offen bleiben. Es gibt heute tatsächlich auch in eigentlich allen schweizerischen Bibliotheken einen Café crème. Aber sonst scheint sich nicht so viel verändert zu haben.

Wachstum

Was ist eigentlich das Problem?

„1948 wurden hier [in der Berner Volksbücherei

] bei einem minimen Bücherbestand von nur 4000 etwas über 17 000 Bände ausgeliehen, 1961 waren es bei einem Bestand von 17 120 Büchern schon 57 045. Im Jahre 1971 aber offerierte die Volksbücherei bereits rund 117 000 Bücher – vom Kinderbuch bis zum Sachbuch – mit der Rekordzahl von 444 445 ausgeliehenen Werken.‟

Öffentliche Bibliotheken in der Schweiz sind, folgt man dem Artikel, 1973 massiv erfolgreich. Mehr Entlehungen, mehr Nutzende, mehr Projekte, die in die Zukunft gerichtet sind, sogar mehr Bibliotheken. Es ist, wie gesagt, gar kein Text darüber, dass es Bibliotheken schlecht gehen würden oder gar das sie vor dem Zusammenbruch stehen würden. Wie oben gesagt: Warum genau der Text geschrieben wurde, ist nicht ersichtlich.

Es scheint eher, als wäre alles auf einem guten Weg. Die Politik müsste es nur noch richtig unterstützen, damit es noch besser würde. Es gäbe schon Einrichtungen, die eine solche Ausweitung unterstützen könnten und Vorstellungen, wie diese Veränderungen zu bewerkstelligen wären. Es gibt in diesem Text auch niemand, welche*r dieser Entwicklung irgendwie widerspricht und zum Beispiel sagen würde, „nein, Bibliotheken braucht es nicht‟ oder „das Geld wäre aber besser bei der Feuerwehr / dem Stadtverschönerungsverein / dem Tourismus / mehr Tea Rooms angelegt‟. Vielleicht ist die lokale Politik etwas schwerfällig hinterher, aber sonst: Was ist eigentlich das Problem?

Auch das ist in solche Texten normal: Folgt man solchen Artikeln, ist eigentlich das meiste immer schon auf einem guten Weg.

Fortschritt

Der Artikel ist auch voll von Entwicklungen, die als positiv dargestellt werden. Neben der Zunahme an Bibliotheksnutzung („Benützerexplosion‟) vor allem Projekte und neue Strukturen: „Hilfe zur Selbsthilfe‟ beim Aufbau von Bibliotheken durch die Schweizerische Volksbibliothek, Wachstums des Schweizerischen Bibliotheksdienstes, Schweizerischer Gesamtkatalog, die bevorstehende Gründung von drei Bibliothekscentern in drei Sprachregionen (das Räto-Romanische geht mal wieder leer aus). Was auffällt ist, dass Fortschritt vor allem als Aufbau von neuen Strukturen und von Projekten beschrieben wird. Sicherlich: Das ist etwas, über das man in einem Artikel dieser Art gut berichten kann, insoweit hat es vielleicht auch etwas mit dem Medium Wochenzeitung zu tun. Aber es ist doch eine spezifische Vorstellung von Fortschritt, die hier geschildert wird – eine, bei der zum Beispiel nicht so richtig gefragt wird, was dieser Fortschritt genau verändert. Auch das findet sich heute noch in ähnlichen Texten wieder.

Spitzweg

Wenn überhaupt ein Problem angesprochen wird in diesem Text, dann, dass es bislang bei vielen Menschen ein falsches Bild von Bibliotheken gäbe. Deswegen auch wird Spitzweg‛s bekanntes Bild – dessen Bibliothekar aber eigentlich gar nicht in einer Volksbibliothek steht – erwähnt. Die Behauptung zieht sich durch den Text: Bibliotheken würden schon hübscher, ansprechender, mehr, gemütlicher, relevanter für den Alltag (wenn man „Informationszentrum‟ so verstehen will) werden, aber es gäbe einfach ein altes Bild von Bibliotheken, dass Personen davon abhalten würde, diese neuen Bibliotheken zu besuchen.

Stimmt das? Welche Bilder haben diese Personen und woher eigentlich? Was genau wird dagegen getan? Auch das: So richtig klar ist nicht. Spitzweg zitieren mag sich anbieten, aber dessen Bild – schon zeitgenössisch eine Karikatur – wurden gegen 1850 gemalt, ist also auch 1973 schon über hundert Jahre alt.

Der Artikel – und auch das findet sich bis heute in solchen Artikeln – geht darauf nicht ein. Vielmehr wird ein Missverhältnis zwischen vorgeblichen Bild von Bibliotheken und vorgeblicher Realität behauptet und gleichzeitig postuliert, dass das Bild zu überwinden die Lösung für dieses Missverhältnis wäre. Das wird mit der Zeit – also wenn es auch in späteren Jahrzehnten immer wieder in solchen Artikeln auftaucht – immer unglaubwürdiger: Müsste sich mit der Zeit nicht doch das Bild von Bibliotheken geändert haben? Wenn nicht, wo kommen „die falschen Bilder‟ her? Oder würde es dann nicht sinnvoll sein, zu fragen, warum sie reproduziert werden? (Sind sie zum Beispiel gar nicht das Problem, sondern vielleicht nur Ausdruck eines tieferen Problems, dass überhaupt nicht mit neuen Bildern weggehen würde? Oder sind diese „veralteten‟ Bilder gar nicht so falsch? Aber wie kann das sein, wenn doch Bibliotheken seit Jahrzehnten dabei sind, sich zu verändern?)

Skandinavien und Bibliotheksgesetze

Vielleicht ist das Problem ja auch, dass die Schweiz nicht „Skandinavien‟ ist? Zumindest taucht als Vorbild für Bibliothekswesen in diesem Text mehrfach Skandinavien auf. Es wird als „Mekka vieler schweizerischer Bibliothekare‟ beschrieben, ohne zu klären, wieso eigentlich (oder das erwähnt würde, dass die dortigen Gesellschaften anders strukturiert sind, als die Schweiz, beispielsweise viel zentraler). Auch dieses Wissen scheint irgendwie vorausgesetzt zu werden. Dafür gibt es hier die Behauptung, Bibliotheken würden dortzulande3 noch mehr geachtet als hierzulande:

„Eine schöne und moderne Bibliothek ist dort eine Prestigeangelegenheit.‟

Vielleicht soll der Artikel dazu auffordern (Aber wen? Die Politik? Die Gesellschaft?), Bibliotheken auch als Prestigeangelegenheit anzusehen? Das ist ungeklärt, aber – auch das ist in Texten dieser Art bis heute normal.

Einen konkreten Hinweis gibt aber zweimal, einmal im Artikel, einmal im „Kästchen‟ daneben: Der Wunsch nach einem Bibliotheksgesetz. Es wird als „Geheimnis‟ bezeichnet, warum es in Dänemark so viele gute Bibliotheken gäbe. Gleichzeitig wird die geplante Ausweitung der Schweizerischen Volksbibliothek über ein Gesetz gefordert, aber auch gleichzeitig der Eindruck erzeugt, dass dies kurz bevorstehen würde:

„Das Eidgenössische Departement des Innern möchte das Projekt reiflich und wohlwollend prüfen. Eine Gruppe von Parlamentariern will sich im National- und Ständerat dafür einsetzen.

Erwartet wird auf dem Wege über die Gesetzgebung des Bundes die Bestätigung der Aufgaben zur Förderung des Bibliothekwesens, wie dies bei der Landesbibliothek und der ETH-Bibliothek bereits der Fall ist.‟

Werbung für Bibliotheken

In diesem Artikel werden Bibliotheken sehr, sehr positiv dargestellt. Sie gelten als wichtig, ihre Entwicklung wird als richtig und wichtig erläutert. Gefordert wird von ihnen, wenn überhaupt etwas, dann so weiter zu machen: Mehr davon. Ein Bibliotheksgesetz (ein Dauerwunsch des Bibliothekswesens) wird nicht direkt gefordert, aber indirekt doch. Kritik gibt es keine. An Problemen wird benannt, dass es ein veraltetes Bild von Bibliotheken gäbe, bei einigen Menschen – aber das scheint sich gerade zu ändern. Und, dass es zu wenig Geld gäbe, weil es in Dänemark mehr hätte.

Grundsätzlich ist dieser Artikel Werbung für Bibliotheken – man weiss aber nicht so recht, wofür genau. Aber für das, was man einige Jahre später „Marke Bibliothek‟ nennen wird, schon.

Solche Texte, wie schon erwähnt, erscheinen seit den 1970ern regelmässig im DACH-Raum. Sicherlich, zwischendurch gibt es auch Pressemeldungen über gekürzten Bibliotheksetat oder kurze Meldungen über Umbaumassnahmen oder kleine Probleme. Wenn Bibliotheken geschlossen werden auch mal Artikel zu Protesten dagegen (was noch eine ganz eigene Artikelgattung darstellt, bei der Bibliotheken ebenso sehr positiv dargestellt werden). Aber die grossen, seitenlangen Beiträge klingen eigentlich immer wieder so, wie dieser Artikel. Das ist interessant, weil man aus der bibliothekarischen Literatur nicht unbedingt den Eindruck erhält, es gäbe in der Öffentlichkeit ein gutes Bild von Bibliotheken. Dort wird immer wieder einmal beklagt, dass das Bild von Bibliotheken in der Öffentlichkeit veraltet sei – was halt nicht stimmt, wenn man die Presse als Öffentlichkeit nimmt. Aber bei diesem Bild teilen offenbar Bibliotheken und Journalist*innen die gleiche Vorstellung.

Doch, ehrlich gesagt, könnte man sich bessere Werbung für Bibliotheken in diesem Medium nicht wünschen, selbst wenn man dafür bezahlen würde.

Schulbibliotheken

Ein Thema, dass nicht so oft in solchen Artikeln angesprochen wird, aber hier halt doch, sind Schulbibliotheken. Diese erhalten sonst oft eigene Artikel, nicht so oft, aber doch alle Jahre wieder einmal. Hier ist es ein eigener Abschnitt, in welchem behauptet wird, sie hätten bislang „vielerorts ein trauriges und stilles Schattendasein [gefristet]‟, jetzt aber hätte „man [wer?] die Bedeutung einer modernen Schulbibliothek erkannt‟. Sie würden zur Demokratisierung der Schule beitragen und hätten zudem „im modernen Arbeitsunterricht eine zentrale Bedeutung: Sie dient Schülern und Lehrern gleichermassen als Informations-, Lese- und Arbeitsstätte. Nicht zuletzt soll sie die Schüler unter anderem auch auf die Benützung von Spezialbibliotheken vorbereiten.‟

Auch hier finden sich vor allem Begriffe, die zeitgenössisch in der bibliothekarischen Literatur zu finden waren.4 Der Ton gleicht dem des restlichen Artikels: Die Veränderung steht kurz bevor, weil klar wäre, welche es sein müsste. Es ist nicht zu sehen, wer sich dem in den Weg stellen sollte.

Und heute noch klingen Artikel zu Schulbibliotheken so, als wäre bewusst, wie Schulbibliotheken bislang sind, als wäre klar, dass sie so, wie sie sind, schlecht sind. Dass aber auch bekannt sei, wie sie werden müssten. Und so, als ob es bald besser würde – auch wenn es schon in den 1970ern so klang.

Aber: Warum werden Schulbibliotheken hier überhaupt erwähnt? Sie sind keine Öffentlichen Bibliotheken. In den realen Schulbibliotheken ist die Verbindung zu Öffentlichen Bibliotheken auch selten Thema. Aber in der bibliothekarischen Literatur wird es so beschrieben, als wären Schulbibliotheken eigentlich Teil des Öffentlichen Bibliothekswesens, wenn einmal über Schulbibliotheken gesprochen wird. Auch hier scheint der Artikel sehr vom bibliothekarischen Diskurs selber gesteuert zu sein.

Was hat sich geändert?

1973 ist nun schon eine recht lange Zeit her – und doch habe ich bis jetzt vor allem betont, dass sich bei solchen Artikeln wenig geändert hat. Aber stimmt das? Was hat sich vielleicht doch geändert?

  • Einfach zu sehen ist: Die Namen der Institutionen sind heute andere. Die Schweizerische Volksbibliothek ist heute die Stiftung Bibliomedia Schweiz (tatsächlich mit drei Standorten in drei der vier Sprachregionen). Der Schweizerische Bibliotheksdienst heisst heute sdb (und ist jetzt Tochterunternehmen der ekz). Wenn im Artikel von zwei Bibliotheksverbänden gesprochen wird, bei dem sich der eine aus dem anderen herauslöst, sind beide heute wieder ein Verband, der bibliosuisse (vereinigt unter dem Eindruck, man müsse sie zusammenführen, um eine gemeinsame Stimme zu haben).
  • Ein Bundesgesetz über Bibliotheken gibt es in der Schweiz weiterhin nicht (wie auch in einem föderalistischen Staat), aber es gibt tatsächlich eine Anzahl von kantonalen Bibliotheksgesetzen. Wie wirksam sind sie? Das ist nicht einfach zu beantworten – vor allem ist es aber kein Thema der bibliothekarischen Literatur.5
  • Was sich geändert hat, ist, dass sich damals, 1973, als dieser Artikel erschien, im Bibliothekswesen in der Schweiz (und im restlichen DACH-Raum) tatsächlich viel veränderte. Viele Öffentliche Bibliotheken (und Ludotheken) feierten letztens erst 50 Jahre Bestehen oder werden es bald tun. Es gab damals Anfang der 1970er eine Gründungswelle von Bibliotheken über die grossen Städte hinaus. Dies bedeutete oft auch, dass die Gemeinden begannen, einen regelmässigen Etat (beziehungsweise schweizerisch: einen Kredit) zu sprechen, das Bibliotheksgebäude gebaut oder zumindest Räume für Bibliotheken eingerichtet wurden. Infrastrukturen wurden etabliert. Insoweit hatten die Diskurse von bevorstehender Veränderung, die auch diesen Artikel tragen, schon eine gewisse Nachvollziehbarkeit: Es änderte sich sichtbar etwas (nicht nur in den Bibliotheken), insoweit war es überzeugend, noch mehr Veränderung zu erwarten. Aber gilt das heute, 50 Jahre später, immer noch? Wie kann nach 50 Jahren praktisch von der gleichen Veränderung erwartet werden, dass sie demnächst kommen wird? Wie kann zum Beispiel die bessere Präsentation von Medien oder die gemütlicher eingerichtete Bibliothek 50 Jahre, nachdem man die Medien schon besser präsentieren und die Bibliothek gemütlicher einrichten wollte, eine Veränderung in der Nutzung von Bibliotheken hervorbringen? Nicht so sehr die eigentlichen Diskurse, aber die Überzeugungskraft der vorgebrachten Bilder scheint sich verändert zu haben – allerdings nicht so sehr, als das sie nicht doch immer wieder aufgerufen werden.
  • Die 1970er Jahren waren im DACH-Raum (mit Ausnahme der DDR, aber selbst dort gab es zum Beispiel mit den Jugendweltfestspielen 1973 die Hoffnung auf Liberalisierung) eine Zeit der gesellschaftlichen Liberalisierung. Die Grundidee der Demokratisierung prägte Überlegungen und Planungen. In diesem Artikel spiegelt sich das explizit in dem Abschnitt über Schulbibliotheken wieder: „Sie [die moderne Schulbibliothek] soll die Liberalisierung der Bildung im modernen Schulwesen ermöglichen helfen und den jungen Menschen frühzeitig durch Bereitstellen von Informationsmaterial zu selbständigen intellektuellen Erfahrungen führen. Ausserdem möchte sie sein kritisches Urteilsvermögen fördern.‟ Aber auch die Vorstellung, dass die Bibliothek für alle geöffnet werden sollte, speist sich aus dieser Vorstellung, dass eine moderne Gesellschaft eine liberale und demokratische Gesellschaft sein müsse, in der alle in der Lage sein müssen, sich zu informieren und zu bilden, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Das ist heute eigentlich kein Thema mehr (nicht nur im Zusammenhang mit Bibliotheken). Man kann sich streiten, wieso. Ist die Gesellschaft schon ausreichend (oder zumindest ausreichend mehr als in den 1970ern) liberal und demokratisch? Ist das kein Ziel mehr? Ist es durch andere Ziele (zum Beispiel alle Menschen als Träger*in von „Humankapital‟ zu verstehen und zu fördern) ersetzt worden? Auffällig ist aber, dass das in den heutigen Artikeln über Bibliotheken dieser Art und auch der bibliothekarischen Literatur fehlt. Dieser gesellschaftspolitische Anspruch – der ist verschwunden.
  • Der Artikel beginnt mit „Heiri Hablützel (angelernter Fräser) und Vreni Fuhrimann (Nurhausfrau)‟. Beide sind erfunden, doch sie stehen offenbar für die Personengruppe, die bislang Bibliotheken nicht besuchen würden, die aber mit den Bibliotheken der Zukunft angesprochen würden: Arbeiter, Hausfrauen. Weiter im Artikel findet sich das Zitat von Tista Murk: „Vor allem die junge und jüngere Generation und dann wieder die Aelteren lesen heute eher mehr als früher.‟ Das hat sich heute auch geändert: Die Personengruppen, von den man ausgeht, dass sich nicht lesen, sind andere geworden. Man kann diskutieren, welche. Aber interessant ist eher, dass sich die Bilder derer, die man ansprechen möchte, ändern, während sich die Ideen, wie man sie ansprechen möchte, weniger ändern. Eine Gruppe, der man unterstellt, dass sie bislang nicht Lesen / nicht in Bibliotheken gehen würde, die aber mit einem Umbau der Bibliothek dann lesen / in die Bibliothek kommen würden, gibt es immer. Was sich hingegen nicht geändert hat, dass solche Texte ohne empirische Untermauerung auskommen, also gar nicht erst zeigen, ob es diese jeweilige Gruppe gibt oder wie deren Leseinteressen / Bibliotheksaktivitäten eigentlich sind – das wird als bekannt vorausgesetzt. Ebenso wie, dass sie von Bibliotheken angesprochen werden, wenn die Bibliotheken nur gemütlicher werden, die Medien besser präsentieren und neue Funktionen übernehmen.
  • Ein Begriff, recht am Ende des Artikels, lässt aufhören: „Sie [die Bibliotheken in der Schweiz bis zur Neuzeit] war der Masse fremd, die sich bestenfalls zur «geistigen Suppenküche» verlief.‟ Geistige Suppenküche – auch hier offenbar kein Begriff, der extra eingeführt werden muss, sondern auf den einfach so zurückgegriffen wird. Aber einer, den man heute kaum noch hört und wohl eher erklären muss. Wo kommt er her? Er stammt aus einer Zeit vor den 1970er Jahren. Ende des 19. Jahrhunderts begannen im Bibliothekswesen die damals neuen Lesehallen, aber auch die Arbeiterbibliotheken und Öffentliche Bibliotheken, die von Kirchgemeinden betrieben wurden, nicht nur zu wachsen, sondern auch sich polemisch abzugrenzen. Ihre Forderung war, als „richtige‟ Bibliotheken anerkannt und finanziert zu werden, die „ohne kommerzielle Interessen‟ einfach nur Bildung verbreiten wollten. Dazu grenzten sie sich nicht nur gegeneinander ab, sondern auch von einer Institution, die weit verbreitet war. Der sogenannten „kommerziellen Leihbibliothek‟, also Einrichtungen, die den Verleih von Büchern (und Heften) auf kommerzieller Basis betrieben, oft in Verbindung mit anderen Geschäften (zum Beispiel Buchhandlungen, aber auch allgemeinen Kiosken). Diesen wurde – selbstverständlich auch, um sich abzugrenzen – vorgeworfen, nur bestehen zu können, indem auf literarische Qualität oder Bildungsinhalt von Literatur nicht geachtet wurde: Nur, wenn sie umstandslos die literarischen Interessen der Massen abdecken würden, möglichst billig, möglichst viel, könnten sie finanziell überleben. Zum polemischen Begriff dazu wurde „geistige Suppenküche‟ (auch „literarische Suppenküche‟). Hier ist egal, ob der überhaupt berechtigt war (natürlich nicht, er war eine Polemik6). Interessant ist, dass er in einem Artikel von 1973 noch einmal erscheint, obgleich die Einrichtung, gegen die Bibliotheken so abgegrenzt werden sollten, eigentlich gar nicht mehr existierten und obwohl die Abgrenzung keinen Sinn mehr machte, weil die modernen Bibliotheken ja jetzt auch darauf zielten, alle Menschen anzusprechen und nicht mehr literarisch zu erziehen. Er scheint hier in gewisser Weise „übergeblieben‟. Heute ist er fast nicht mehr verständlich, vielleicht weil wir uns historisch von den bibliothekarischen Auseinandersetzungen von Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts entfernt haben und weil sich ein Verständnis von Bibliothek etabliert hat, dass diese Abgrenzung auch nicht mehr sinnvoll macht.

Fazit

Was lässt sich also aus diesem Artikel von 1973 lernen, insbesondere wenn man – was ich hier nicht gezeigt habe, aber was man selber gut überprüfen kann – davon ausgeht, dass sich solche Texte seit den 1970er Jahren in Wochenzeitungen und im Feuilleton grosser Tageszeitungen im DACH-Raum in gewissen Regelmässigkeit finden?

Zuerst wohl, dass nicht alles, was in ihnen als Veränderung dargestellt wird, vor allem als kurz bevorstehende Veränderung, tatsächlich eine Veränderung darstellt. Dieses Bild basiert oft auf immer wieder reproduzierten Bildern, Vorstellungen und – well – Vorurteilen (zum Beispiel darüber, was Gruppen, die nicht in die Bibliothek kommen, eigentlich wollen würden). Gleichzeitig wohl auch auf Hoffnungen von Bibliotheken, die wenig hinterfragt werden (Warum gibt es diese Hoffnungen? Wer hat die? Was genau wird sich eigentlich erhofft?) Warum gibt es diese ständige Reproduktion und warum fällt die in der bibliothekarischen Literatur vielleicht gar nicht so auf? Mir scheint, sie ist Teil des modernen Bibliothekswesens. Eine moderne Bibliothek geht heute davon aus, dass sie sich verändern müsse, dass sie die Medienpräsentation verändern müsse, dass es Gruppen gäbe, die wegen falschen Vorstellungen davon, was Bibliotheken sind, nicht in die Bibliothek kommen. Dabei geht es vielleicht gar nicht darum, ob diese Vorstellungen stimmen, sondern darum, dass sie zur Identität einer modernen Bibliothek gehören.

Ist das hilfreich für die Entwicklung von Bibliotheken? Das ist eine andere Frage. Auch die Reproduktion einer Institution ist ja eine Aufgabe, die Arbeit erfordert. (Um hier Luhmann ganz, ganz abzukürzen.)

Es lässt sich aber auch vermerken, dass nicht alles an vorgeschlagener Entwicklung von Bibliotheken, was auf den ersten Blick logisch oder sinnvoll erscheint, das auch wirklich ist. Auch nicht, wenn es als neue Idee daherkommt (wie zum Beispiel Bibliotheksgesetze, die immer wieder einmal als neue Idee vorgeschlagen werden und bei denen man dann „entdeckt‟, dass es sie in anderen Ländern – in Skandinavien, aber eigentlich auch anderswo – schon lange gibt7). Wie man in diesem Artikel von 1973 lesen kann, ist die Vorstellung, Bibliotheken würden an einem veralteten Bild von Bibliotheken in der Gesellschaft leiden oder die Vorstellung, das Buch wäre irgendwie durch neue Medien oder Informationstechnologien bedroht oder das Schulbibliotheken Informationszentren werden sollen oder halt das Bibliotheksgesetze sinnvoll wären, schon älter. Das hat sich nicht verändert, nur leicht verschoben. (Was hat sich dann eigentlich tatsächlich verändert?) Es ist deshalb nicht sofort falsch, aber halt offenbar auch nicht einfach so richtig.

Aber man sollte den Blick nicht nur auf das Bibliothekswesen richten. Was man aus diesem Text auch lernen kann, ist, dass Journalist*innen immer wieder praktisch den gleichen Text über den Zustand von Bibliotheken schreiben: Einen, der davon ausgeht, dass Bibliotheken eigentlich irgendwie bedroht wären, dann aber – oft im Gespräch mit Vertreter*innen des Bibliothekswesens – merken, dass das gar nicht stimmt, sondern das Bibliotheken sich entwickeln würden und schon Vorstellungen davon hätten – ausgedrückt oft in gut zitierbaren Schlagworten, die dann auch zitiert werden – wohin sie sich entwickeln sollten. Das sind dann immer wieder auch Texte, in denen die Schreibenden offensichtlich „Pro Bibliothek‟ sind. Aber halt auch solche, die sich über die Jahrzehnte wenig ändern.

 

Fussnoten

1 Es spricht auch für ihn, dass er – da er aus der Schweiz stammt – voller Helvetismen steckt, was ich immer gut finde: Wir sollten alle möglichst viele Varietäten des Deutschen lesen, um zu sehen, wie bunt auch diese Sprache eigentlich sein könnte / ist. Schon als Gegengift gegen die Idee, Sprache sei immer gleich, eindeutig und unveränderlich. Aber das als Nebenthema.

2 Vom „Tea Room‟ sollte man sich nicht irritieren lassen, falls das irritiert. Das ist ein Helvetismus. Es sind Cafés mit Gebäckangebot und kleiner warmer Küche, die sich in der Schweiz praktisch in jeder Gemeinde finden. (Ich tippe vom Namen her auf ein Überbleibsel aus der Zeit der „grand tour‟. Guten Tee gibt es in ihnen im Allgemeinen leider nicht.) In einem Text aus Deutschland würde hier Café oder Konditorei stehen, in einem aus Österreich vielleicht Kaffeehaus.

3 Auch in diesem Artikel gibt es dieses Phänomen, dass nicht klar ist, welche Länder hier zu Skandinavien gezählt werden und welche nicht – was bei einem Artikel in einer Wochenzeitung vielleicht nicht so auffällig ist, weil das nicht das Thema des Textes ist. Aber es gilt halt auch für Texte dieser Zeit – oder heute – in bibliothekarischen Medien.

4 Es würde mich nicht wundern, wenn sie Wort für Wort in: Schweizer Bibliotheksdienst (1973). Planung von Schulbibliotheken. In: Informationsblatt der Genossenschaft Schweizer Bibliotheksdienst (Oktober 1973) 3. stehen, der damals aktuellsten schweizerischen Publikation zu Schulbibliotheken. (Habe ich aber leider gerade hier nicht vorliegen.)

5 In einer Bachelorarbeit (Buck, Ute. Die Schweizer Bibliotheksgesetze: ein Vergleich der Wirkung anhand festgelegter Kriterien. Bachelorarbeit FH Graubünden, 2019) war die Antwort: Etwas weniger als kantonale Richtlinien für Bibliotheken.

6 Nicht nur war die „kommerzielle Leihbibliothek‟ eine wichtige Einrichtung, um überhaupt die Massen-Alphabetisierung zu erreichen, auf die dann die Industrialisierung, aber auch das moderne Bibliothekswesen aufbauen konnte. Auch ist die Abgrenzung in der Schweiz nicht so klar: Bis vor wenigen Jahren gab es hier zum Beispiel noch Bibliotheken, die – wie die „kommerziellen Leihbibliotheken‟ – Gebühren nach einzelnen Ausleihen berechneten. (Als: Kosten pro ausgeliehenem Buch, nicht nur eine einmalige Jahresgebühr.)

7 Ich erinnere mich gut, wie in den frühen 2000er Jahren die Bertelsmann-Stiftung das als neues Ziel für Bibliotheken verkündete und ihr darin von vielen gefolgt wurde. Ich kann nicht der Einzige sein, der sich daran erinnert.

Neue Hygienedispositive – werden wohl auch die Bibliotheken verändern

Das Buch „Un siècle de banlieue japonaise‟ von Cécile Asanuma-Brice (2019) hat die Geschichte der ständigen Um- und Neubauten der Vorstädte Tokios seit der Meiji-Restauration (1868) zum Thema. Diese ist geprägt von rasanten Veränderungen nicht nur des Bauens, sondern auch der Vorstellungen über gutes Wohnen, über die Organisation von Stadt und Umland oder auch der Frage, wer für das Bauen guter Wohnungen zuständig ist (der Staat oder der Markt). Als ich es letztens gelesen habe, fiel mir aber noch etwas ständig Wiederkehrendes auf: Die Bedeutung je neuer Dispositive um Hygiene, die sich vor allem als Antwort auf Gesundheitskrisen (konkrete Epidemien und der sich wandelnde Blick auf Problemlagen, die je neu als Krisen, wahrgenommen wurden, die anzugehen wären1) etablierten und dazu führten, dass anders geplant, gebaut und dann auch gelebt wurde.

Das ist in der Geschichte der Stadtentwicklung ein ständiges Thema (Lévy 2012), aber mit der Beschleunigung von Entwicklungen und Veränderungen in der Moderne seit dem 19. Jahrhundert halt auch eines mit beschleunigter Dynamik. (Ich erinnere mich an meine alte Nachbarin in Neukölln, die Ende der „Nuller Jahre‟ rund 50 Jahre in der gleichen Wohnung lebte und sich jeder Renovierung widersetzte, deshalb aber mit Kohlen heizte und als einzige im Haus noch ein Etagenklo nutzte – was vollkommen aus der Zeit gefallen war, obwohl es kein Menschenleben vorher offenbar in diesem Haus vollkommen normal war, wie man im Treppenhaus sieht, wo die Aussparungen für die Etagenklos weiterhin sichtbar sind.) Es ist mir nur beim Lesen dieses Buches wieder aufgefallen. Beispielsweise auch in der ständigen Ausstellung des gerade wieder geöffneten Musée Historique hier in Lausanne über die Entwicklung dieser Stadt kommen Gesundheitskrisen, sich etablierenden Hygienedispositive und dann darauf teilweise langsam, teilweise schnell reagierende Umbauten prominent vor. Die Überbauung der beiden Flüsse Louve und Flon Ende des 19. Jahrhunderts, um weitere Typhus-Ausbrüche zu verhindern – die ja auch in vielen anderen Städten stattfand –, nimmt in dieser Ausstellung einen grossen Raum ein. Ebenso, wie der Umbau der Häuser in den proletarischen Quartieren, so dass alle Wohnungen fliessend Wasser und ausreichende Sanitäreinrichtungen erhielten. Oder die Schaffung von städtischen Strukturen für das sanitäre System Ende des 19. Jahrhunderts.

Andere Hygiene – andere Formen des Alltags

Oft ist auch schon darauf hingewiesen worden, dass solche Umbauten, die zuerst aus Gründen der Hygiene vorgenommen wurden, im Anschluss dazu führten, das sich neue, unerwartete Möglichkeiten zu wohnen oder die Stadt zu nutzen ergaben. (Zum Beispiel Hardy 2005, Lévy 2012) Menschen und die Gesellschaft haben sich da immer wieder angepasst (oder, wie meine alte Nachbarin, widersetzt, sind aber dann damit recht aus der Zeit gefallen). Die immer wieder erzählte Geschichte davon, wie Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Planung von Baron Haussmann die Strassen und Viertel in Paris auch umgebaut wurden, damit Militär bei Aufständen nicht in engen Gassen manövrieren muss, aber gleichzeitig die Hygiene so sehr verbesserten, dass sich an diesen Strasse zahllose Cafés mit offenen Flächen ansiedeln konnten, in denen sich dann besser und schneller revolutionäre Gedanken entwickeln und verbreiten liessen, als vorher, ist eindrücklich, aber auch nicht originär. (Sennett 2018) Ähnliche unvorhergesehene Veränderungen des Alltags kamen immer wieder vor. Schon, dass heute allgemein überall fliessend Wasser und Sanitäreinrichtungen erwartet werden – nicht nur in der Wohnung, sondern überall, selbst auf dem schmutzigsten Festival – und alle mit ihrem Vorhandensein planen, ist ein Hinweis darauf, wie sehr Einrichtungen, die der Hygiene wegen etabliert werden, sich in unser Leben integrieren.

Mir scheint sehr klar, dass auch die COVID-19-Pandemie dazu führen wird, dass sich neue Hygienedispositive etablieren. Die Frage scheint mir gar nicht, ob man die jetzt gut oder schlecht finden wird, sondern nur, wann und welche. Aktuell sehe ich zum Beispiel viele Bilder, wo Sitzplätze (in Schulen, in Cafés, aber auch in Bibliotheken) auseinander geschoben und in ihrer Zahl verringert werden. Gleichzeitig haben wir alle vielleicht jetzt neu gelernt, Hände zu waschen und überall Desinfektionsmittel vorzufinden. Das Tragen von Gesichtsmasken wird sich vielleicht auch als Normalität – nicht für alle, aber für die, die es wollen oder als notwendig ansehen – etablieren (zumindest haben andere Epidemien in anderen Gesellschaften bekanntlich dazu geführt). Vielleicht wird es sich auch etablieren, dass Menschen allgemein im Alltag mehr Distanz einfordern werden. Wer weiss.

Rasante Veränderungen. Nicht nächste Woche, aber vielleicht nächstes Jahr

Sicherlich, gerade stellen sich Leute wieder sehr, sehr nah, weil Leute den Eindruck zu haben scheinen, dass die Krise vorbei wäre. Oder, weil sie es nicht mehr aushalten, achtsam zu sein. Hier in der Schweiz durften zum Beispiel die Clubs dieses Wochenende wieder öffnen und bei dem direkt hier vor der Tür konnte man sehen, wie sich niemand in der Schlange an irgendeine Distanz gehalten hat. Für eine kurze Zeit scheinen viele Menschen vergessen zu haben, dass wir weiterhin eine Pandemie haben, die sich vor allem durch Nähe zwischen Menschen überträgt. Aber man sollte die mittelfristigen Veränderungen nicht unterschätzen. (Ebenso wie man die ersten Tage nicht überschätzen sollte. So voll, wie dieses Wochenende, ist der Club sonst nie. Da war „Nachholebedarf‟, wie woanders wohl auch – aber der ist irgendwann auch befriedigt.) Spätestens eine zweite Welle dieser Pandemie oder halt die nächste Pandemie (die mit hoher Wahrscheinlichkeit drohen wird, wir sind ja in den letzten Jahren nur knapp an anderen „vorbeigeschrammt‟) wird – wenn die Geschichte eine Struktur zeigt – dazu führen, dass sich Dispositive und damit auch das Verhalten ändern werden.

Bibliotheken

Aktuell scheint auch bei Bibliotheken die Vorstellung vorzuherrschen, dass man über kurz oder lang wieder zur gleichen Nutzungsweise von Bibliotheken und Bibliotheksräumen übergehen wird, wie vor der Pandemie. Das also alles eher eine Frage der Zeit sei. Und, zugegeben, ich bin nicht gut darin, treffende Vorhersagen zu machen. Aber: So, wie wir bislang gelebt haben, hat es ja zur Pandemie geführt. Mir ist nicht klar, wie es sicher und sinnvoll sein kann, wieder dahin zurückzukehren.

Ich kann auch nur vermuten, was passieren wird. Mir scheint aber, es wäre sinnvoll, wenn Bibliotheken das zumindest mal andenken würden. Ich kann mir gut vorstellen, dass in kurzer Zeit Menschen nicht mehr von der Idee angetan sein werden, in ein „Wohnzimmer der Stadt‟ zu gehen, wenn das Bilder von ungewollter Nähe vermittelt. Auch die Vorstellung, Communities herzustellen, indem man Menschen in Workshops, Veranstaltungen und so weiter zusammenbringt, dürfte jetzt zumindest mehr Raum benötigen. Ebenso scheinen mir Arbeitsplätze in Lesesälen nebeneinander, in langen Reihen, potentiell tendenziell weniger beliebt zu werden. Kann auch gut sein, dass mehr Menschen anfangen, sich mehr Gedanken darum zu machen, wie Viren „funktionieren‟ (so, wie man sich heute grundsätzlich auch mehr Gedanken darum macht, was man isst) und dann darauf zu achten – was immer dieses „darauf achten‟ heissen wird.

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass in den letzten 150 Jahren oder so sich immer wieder schnell, aufgrund von Gesundheitskrisen, neue Hygienedispositive etabliert haben und dann zum Beispiel dazu führten, dass die Vororte Tokios umgebaut oder überall in Lausanne Sanitäreinrichtungen installiert oder ganz grundsätzlich neue Verhaltensregeln etabliert wurden. Oder, dass Wohnungen so gebaut wurden, dass man sie lüften kann. Oder das Städte Parks und Grünflächen erhielten. Solche Veränderungen kamen nicht in zwei-drei Wochen, aber doch – wie zum Beispiel im oben erwähnten Buch von Asanuma-Brice (2019) dargestellt wird – zum Teil rasend schnell. Ich schaue immer wieder auf Bilder von Bibliotheken aus verschiedenen Jahrzehnten. Wenn man darauf achtet, zeigen sich in diesen die jeweiligen zeitgenössischen Hygienevorstellungen selbstverständlich auch. Bibliotheken sind von den Veränderungen in der Nutzung öffentlicher Einrichtungen nie ausgeschlossen.

Aktuell scheinen Bibliotheken, wenn sie über mögliche Veränderungen durch die Pandemie reden, vor allem über digitale Angebote, Homeoffice und so weiter nachzudenken. Schön und gut. Aber sie sollten sich darauf vorbereiten, dass sich mittelfristig auch die Dispositive dazu, was akzeptable Räume (nicht nur von Bibliotheken) sind und wie sie zu nutzen sind, ändern wird. Bislang können wir zu den bevorstehenden Veränderungen – aber das ist ja auch bei anderen Themen so – nur ein paar Vermutungen äussern. Aber ich würde mich wundern, wenn es nicht diesen Monat in einem Jahr ein intensiv diskutiertes Thema wäre. Einfach so, wie es „vorher‟ war, wird es nicht werden. Die Menschen werden sich (mit Ausnahmen) beginnen, anders zu verhalten.

 

Literatur

Asanuma-Brice, Cécile (2019). „Un siècle de banlieue japonaise: Au paroxysme de la société de consommation‟. Genève: Mētis Presses, 2019

Elsig, Alexandre (2015). „La ligue d’action du bâtiment – L’anarchisme à la conquête des chantiers genevois dans l’entre-deux-guerres‟. (Coédition Collège du travail) Lausanne: Editions d‛en bas, 2015

Hardy, Anne (2005). „Ärzte, Ingenieure und städtische Gesundheit : Medizinische Theorien in der Hygienebewegung des 19. Jahrhunderts‟. (Kultur der Medizin, 17) Frankfurt a.M.: Campus Verlag, 2005

Lévy, Albert (2012). „Ville, urbanisme & santé: les trois révolutions‟. (Société et santé) Paris: Pascal / Mutualité Française, 2012

Sennett, Richard (2018). „Building and dwelling : ethics for the city‟. London: Allen Lane, 2018

1Alexandre Elsig (2015) stellt in seiner Geschichte einer anarchosyndikalistischen Gewerkschaft im Genf der 1930er unter anderem da, wie die Wohnverhältnisse der Arbeiter*innen zu einem politischen Thema wurden und die Gewerkschaft irgendwann begann – als direkte Aktion – „Typhus-Häuser‟ abzureissen, weil ihrer Meinung nach die Regierung sich nicht schnell genug darum kümmerte, diese Häuser zu verbessern. Auch hier hatte sich in wenigen Jahren die Vorstellung etabliert, dass bestimmte Formen des Wohnens – die vorher noch akzeptabel schienen – ein Gesundheitsrisiko darstellten.

Thekenbibliotheken / Pandemie-gerechte Bibliotheken

Thekenbibliotheken – aktuell, wo sich jetzt viele Bibliotheken darauf vorbereiten wieder für das Publikum zu öffnen, unter strengen Hygiene-Regelungen und vor allem für die Ausgabe zuvor bestellter Medien und die Rücknahme derselben, wird immer wieder einmal der Witz gemacht, sie seien jetzt halt wieder Thekenbibliotheken. Solche Witz kann man machen und es ist selbstverständlich auch gut, in der jetzigen Situation einmal zu lachen. Unbenommen.

Aber Thekenbibliotheken sind das selbstverständlich nicht.

Sicherlich: Da ist – in den meisten Bibliotheken – eine Theke, vor die die Nutzer*innen treten werden, dahinter Bibliothekar*innen, die Medien zurücknehmen oder zuvor bestellte Medien aushändigen. So ähnlich war es in den Thekenbibliotheken bis in die 1950er / 1960er auf den ersten Blick auch. Aber die Unterschiede sind doch immens.

Wenn man den Witz einmal gemacht hat, kann man die Situation auch nutzen, um sie als Beispiel dafür zu nehmen, was sich seitdem alles geändert hat. Die Bibliothek ist, so kann man bei diesem Vergleich gut sehen, immer mehr als der Raum selber. Es geht immer auch darum, was sich die Bibliotheken – also das Personal konkret vor Ort, aber auch die Profession als Ganzes – unter einer Bibliothek, deren Aufgaben, Möglichkeiten, Zielen vorstellt und was sich die Öffentlichkeit – die Nutzer*innen vor Ort, aber auch die Allgemeinheit – darunter vorstellt. Sicherlich: Der Raum repräsentiert dieses Denken und prägt es auch wieder (insbesondere, wenn dieser nicht von den notwendigen Regeln zur Reduktion des Ansteckungsrisikos in einer Pandemie geprägt ist – obgleich wir weiter unten sehen können, dass gerade das eine Verbindung zu den „alten Thekenbibliotheken‟ darstellt). Aber das ist nur ein Teilaspekt.

Was waren Thekenbibliotheken?

Öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum begannen in den 1910er Jahren langsam darüber nachzudenken (und allererste Experimente dazu durchzuführen), ob den Leser*innen nicht der direkte Zugang zum Bestand gewährt werden könnte. Immer mit Einschränkungen, immer erstmal bezogen auf Teile des Bestandes und immer mit grossem Widerstand aus der Profession. Es dauerte lange, bis dieser Zugang zum Allgemeingut wurde. Jahrzehnte lang gab es diese Diskussionen, immer mit Verweis darauf, dass ein solcher Zugang – die Freihandbibliothek – in anderen Ländern normal sei (was übrigens so auch nicht stimmte).

Während des Nationalsozialismus gab es eine ganze Reihe von Bibliotheken, die als Freihand eingerichtet wurden, aber es scheint, als seine viele davon nach 1945 zerstört gewesen oder zurückgebaut worden. Zumindest wurde kaum über diese Phase geredet.

Erst während der 1960er scheint sich die Freihand-Bibliothek im DACH-Raum als normale Bibliotheksform etabliert zu haben. Zumindest finden sich ab Anfang der 1960er in der bibliothekarischen Literatur Raumskizzen für neugebaute Öffentliche Bibliotheken, die nicht mehr lange begründen, warum bestimmte Bereiche als Freihand gebaut oder geplant wurden, sondern offenbar stillschweigend voraussetzen, dass dies die richtige Form für eine Bibliothek sei. (Selbstverständlich gab es eine Übergangszeit mit Bibliotheken, die nicht oder nur so halb umgebaut wurden. Aber in den 1960ern verschwindet zumindest die Debatte über die Freihand-Bibliothek aus der bibliothekarischen Literatur.) Das gilt eigentlich für den gesamten DACH-Bereich.1

Zuvor, seit man von Formen Öffentlicher Bibliotheken reden kann (also je nach Land und Region den 1870er-1890er Jahre), waren diese im DACH-Raum alle als „Thekenbibliotheken‟ konzipiert. Es gab von der Grösse her unterschiedliche Formen. Beispielsweise bei sehr kleinen Beständen „Bibliotheksschränke‟, die in anderen Einrichtungen (Schulen, Gaststätten, Partei- und Gewerkschaftslokalen, Kirchen und so weiter) standen und die nur vom jeweiligen Bibliothekar (bis zu Bona Peiser, die 1895 als solche zu arbeiten begann, offenbar keine Bibliothekarin) verwaltet wurden, der dann auch die Bücher ausgab und wieder einstellte. Etwas grössere Bibliotheken hatten keine richtigen Theken, sondern Tische, die vor Buchregalen an der Wand standen. Nur die grösseren Einrichtungen hatten wirklich Theken, die baulich den Raum zwischen Leser*innen und Bibliothekspersonal trennten, mit Türen, verschiedenen – oft auch verschliessbaren – Ausgabe- und Rücknahmetresen und anderen gebauten Feinheiten. Dies hing immer von der Grösse des Bestandes und den verfügbaren Mitteln ab. Aber grundsätzlich waren das alles Thekenbibliotheken.

Die räumlich Gestaltung war aber, wie gesagt, nur ein Teil der Thekenbibliotheken. Was diese ausmacht, war ein spezifisches Denken über (a) das Lesen, (b) davon, was für eine Einrichtung Bibliotheken darstellten und (c) was für Aufgaben sich daraus ergaben.

  • Zuerst verstanden sich alle diese Bibliotheken explizit als Bildungseinrichtungen. Und zwar nicht im recht offenen, recht unbestimmten und immer auch mit anderen Aufgaben wie Unterhaltung oder Kultur in Konkurrenz stehenden Sinne, wie dieser Begriff heute manchmal für Öffentliche Bibliotheken verwendet wird – sondern ganz explizit: Die Aufgabe der Bibliotheken war es, die Leser*innen zu bilden und zwar zum richtigen Lesen. Die heutige Idee, dass einige (viele) Nutzende die Bibliothek selbstbestimmt für ihre eigene Bildung nutzen, andere aber für etwas anderes, wäre diesen Bibliotheken zumindest als Ziel fremd. Bibliotheken hatten den Anspruch, die, die sie nutzen zu erziehen. Selbst Unterhaltungsliteratur stand unter diesem Vorbehalt, wenn sie überhaupt vorhanden war. (Das impliziert auch, dass die Bibliotheken halt nicht „für alle‟ da waren, sondern für die, die diese Bildung nötig hätten.)
  • Alle diese Bibliotheken hätten deshalb ein Konzept für die „Leserlenkung‟. Wie erreicht man die Menschen, damit sie überhaupt anfangen, in die Bibliothek zu kommen? Wie lenkt man sie dahin, die richtige Literatur zu wählen, nicht nur keine „schlechte‟, sondern auch keine so komplexe, dass sie von den Leser*innen „noch nicht‟ verstanden werden kann? Was genau ist „richtiges Lesen‟ und wie schafft man es als Bibliothek, die einzelnen Leser*innen zu diesem Lesen zu führen? Wie viel ist zu viel oder zu wenig Lesen? Die Antworten auf diese Fragen waren unterschiedlich, änderten sich mit den Jahrzehnten, waren Thema von Diskussionen in der bibliothekarischen Literatur, in Debatten, in der Ausbildung. Aber die grundsätzliche Idee, dass die Leser*innen „gelenkt‟ werden müssten (und der Anspruch als Bibliotheken, das zu können und zu dürfen), war allen diesen Bibliotheken gemein.
  • Die Bewertungskriterien und die Strategien dazu waren unterschiedlich. Es gab nicht die eine Öffentliche Bibliothek – so wie wir das heute kennen –, sondern bis in die 1950er Jahre Bibliotheken, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Zielen dienten: Neben den Lesehallen, die nach eigenem Verständnis neutral und für alle da sein wollten (ein Anspruch, der von anderen bestritten wurde und deren Ideologie man auch eher als Teil des rechts-konservativen Mainstreams der beiden Kaiserreiche und des Bürgertums bis in die 1950er Jahre bezeichnen müsste), gab es zum Beispiel „Arbeiterbibliotheken‟, die sich vor allem als Teil der sozialistischen Bewegung verstanden (und die Arbeiter*innen dazu ermächtigen wollten, Produktionsmittel und Gesellschaft zu übernehmen) oder die katholischen Bibliotheken, die ein konservatives (aber eigentlich modernes, weil erst in der Auseinandersetzung mit der modernen Gesellschaft gewonnenes) Gesellschaftsbild etablieren wollten.2 Es gab auch teilweise massive Auseinandersetzung über diese Strategien innerhalb der unterschiedlichen Bibliotheksformen, insbesondere den sogenannten „Richtungsstreit‟ innerhalb der Lesehallen, indem es vor allem darum ging, was eigentlich die von diesen angestrebte „Volksbildung‟ sei und wie sehr zur Gewinnung von Leser*innen Unterhaltungsliteratur eingesetzt werden sollte. Aber wichtig hier: Alle Formen der Thekenbibliothek hatten Bewertungskriterien von Literatur und Strategien zur Lenkung von Leser*innen als gedanklichen Hintergrund und fanden diese so wichtig für die eigene Identität als Bibliothek, dass sie bereit waren, darüber zu streiten.
  • Die bibliothekarische Literatur der Jahrzehnte der Freihandbibliotheken ist voll von Texten (und Streitigkeiten) über „Bibliothekstechnik‟ (Technik auch im Sinne von Arbeitsweisen, -abläufen), die sich nur durch diese Form von Bibliothek erklären lassen: Einerseits die Frage, wie das Ausheben der benötigten Bücher aus dem Bestand am Effektivsten organisiert werden kann (das ist heute noch für Bibliotheken mit Magazinen Thema), anderseits aber auch, wie die Beratung der Leser*innen, die Ausgabe und Rücknahme der Medien zu organisieren sei. Pläne wurden gezeichnet, wie sich die Personen durch den Raum vor der Theke bewegen sollte. Gesonderte Kataloge für die Leser*innen wurden entworfen, die immer anders waren als die, welche das Bibliothekspersonal benutzte. Es gab Diskussionen um die „offene‟ und die „gebundene Theke‟ (bei der offenen kann an allen Plätzen alles gemacht werden, bei der gebundenen gibt es Plätze für die Rückgabe, für die Ausgabe und so weiter).
  • All diese Planungen und Diskussionen hiessen selbstverständlich nicht, dass alles immer funktionierte. Ebenso finden sich in der bibliothekarischen Literatur immer wieder Klagen, dass sich die Leser*innen den Zielen, der Beratung, den Arbeitsweisen der Bibliotheken entziehen. Dass sie eigene Interessen durchsetzen. Dass sie sich nicht darauf einliessen, sich „empor zu lesen‟. Zudem gab es – zumindest in den Städten – immer die Möglichkeit, dass Leser*innen auf andere Bibliotheken auswichen. Einerseits zum Beispiel nicht in die Lesehalle gingen, sondern in die Arbeiterbibliothek. Andererseits – das war eher der Horror – in die „kommerziellen Leihbibliotheken‟, welche Medien als Gewerbe vermieteten, oft direkten Zugang zu den Beständen boten und – so die Behauptung der ganzen unterschiedlichen Thekenbibliotheken, der die Leihbibliotheken selbstverständlich widersprachen – vor allem schlechte Literatur anbieten würden, weil es ihnen nur um Geld und nicht um Bildung ginge.
  • Ein Punkt, der in der bibliothekarischen Literatur der damaligen Jahre auch immer wieder einmal auftauchte war der der Hygiene. Es gab Diskussionen darüber, ob die Erreger verschiedenster Krankheiten – von denen vermutet wurde, dass sie bei Leser*innen aufgrund deren ökonomischer Verhältnisse, aber auch aufgrund ihres Lebenswandels verstärkt auftreten würden – sich über die Bücher von Bibliotheken verbreiten würden. Es gab auch dazu verschiedene Meinungen und Lösungsansätze, verschiedene Vorschläge zur Reinigung der Medien nach der Rückgabe oder auch Vorschläge, wie lange sie zu lagern wären, bevor sie wieder ohne Gefahr ausgegeben werden könnten. Eine eindeutige Lösung gab es nie, aber das Thema tauchte immer wieder auf. An sich war das in den letzten Jahrzehnten nicht mehr Thema der bibliothekarischen Literatur (was nicht heisst, dass es nicht von Zeit zu Zeit auf anderen Kanälen antönte), aber jetzt ist es das aus guten Gründen wieder. (Wobei es die Desinfektionsmittel, die heute zur Verfügung stehen, damals nicht gab.)

Zum Übergang zur Freihand

Wie gesagt, begangen die Bibliotheken im DACH-Raum in dem 1910er Jahren ganz vorsichtig über die Freihand zu diskutieren. Aber es dauerte wirklich lange, bevor sich dann – eher plötzlich – die Freihand wirklich durchsetzte. Die Vorstellung davon, was die Bibliothek sei und wie sie zu arbeiten hätte, veränderte sich nicht schnell. Interessant sind vor allem Beiträge am Ende dieser Entwicklung. In den 1950ern liest man öfters3 davon, dass an sich akzeptiert wird, dass die Freihand „die Bibliotheksform der Zukunft wäre‟, aber das sie dann auch massiv viel mehr Personal bedürfe, weil die Lenkung der Leser*innen dann direkt am Regal erfolgen müsse. An der Theke können man die Gespräche gut organisieren – wie gesagt, wie das stattfinden sollte, war auch Teil der Bibliothekstechnik –, aber am Regal müsse man neue Formen finden.

Auch wurden lange diskutiert, ob man nur bestimmte Teile der Bestände als Freihand aufstellen solle und welche. Und wem man dann Zugang gewähren könne und wem nicht. Dazwischen kamen viele Teilschritte, beispielsweise der immer wieder neue Entwurf von Katalogsystemen für die Leser*innen oder die Mechanisierung der Ausleihe. Das ist seine eigene Geschichte.

Aber sichtbar ist, dass sich der Übergang zur Freihand nicht einfach räumlich gestaltete – auch wenn das einen nicht zu unterschätzenden Aufwand bedeutete –, sondern inhaltlicher Art war. Die Bibliotheken mussten erst die Vorstellung ändern, was für Einrichtungen sie wären und was ihre Aufgabe wäre, um dann in der Freihand wieder eigene bibliothekarische Arbeitsformen zu finden. Das veränderte viel mehr, als nur die Aufstellung der Bestände. Beispielsweise wurde den Interessen der Leser*innen substantiell mehr Beachtung geschenkt – deshalb heissen sie heute ja auch nicht mehr Leser*innen, sondern je nach Weltanschauung Nutzer*innen oder Kund*innen (oder anders).

Thekenbibliothek versus „Pandemie-gerechte Bibliothek‟

Die eingeschränkte Ausleihe in Bibliotheken, wie sie jetzt eingeführt und wohl für den Zeitraum der Pandemie beibehalten wird (und, machen wir uns nichts vor, die Welt ist kaputt, es wird mit hoher Wahrscheinlichkeeit in unserer Lebenszeit weitere Pandemien geben, in denen das wieder ähnlich sein wird) ist also offensichtlich keine Thekenbibliothek. Im Hintergrund der jetzigen Bibliotheken steht eine andere Idee davon, was für eine Aufgabe (beziehungsweise Aufgaben) die Bibliotheken haben. Der Zugang zum Bestand ist jetzt physisch eingeschränkt, aber sonst offen. Nutzer*innen und Bibliothekar*innen nutzen die gleichen Kataloge, weil man alle zutraut, sich in diesen zurecht zu finden. Bibliotheken erziehen die Nutzer*innen nicht zum richtigen Lesen und erheben auch nicht den Anspruch, Literatur inhaltlich daraufhin zu bewerten, ob sie zum „hinauflesen‟ geeignet wäre. Es gibt weit mehr Medienformen als Bücher und das ist keiner Diskussion mehr wert.

Was dieser Ausflug in die Bibliotheksgeschichte zeigt, ist, dass es immer eine Sicht der Bibliotheken auf sich selber, auf ihre Aufgaben und so weiter gibt, die sich mit der Zeit ändert. Sie ist offensichtlich nicht festgeschrieben, sondern verhandelbar (dafür muss sie dann benannt, diskutiert, vielleicht auch kritisiert werden – aber das ist hier nicht das Thema). Diese Vorstellung strukturiert dann die Arbeit, die tatsächlich in den Bibliotheken geleistet wird, sie strukturiert den Raum Bibliotheken und auch das, was als wichtig genug angesehen wird, um es zu diskutieren (oder was als dafür nicht wichtig genug angesehen wird). Die jetzige Situation wird vorübergehen – vielleicht in Monaten, vielleicht in Jahren. Aber die Vorstellung von Bibliotheken, was ihre Aufgabe ist, wird sich auch nach dieser Pandemie immer weiterentwickeln.

 

Fussnoten

1 Für die DDR habe ich, glaube ich, schon einmal geschrieben, wie erstaunlich ich das fand, dass die Broschüre „Über die Arbeit in Freihandbibliotheken‟ (Günter de Bruyn, Berlin : Zentralinstitut für Bibliothekswesen ; 1957) auf Erfahrungen aus „den bürgerlichen Bibliotheken‟ (also BRD und vielleicht Österreich) und USA, Grossbritannien und Skandinavien sowie aus der DDR selber zurückgriff, aber gerade nicht auf – eigentlich damals schon existierende – Erfahrungen in der Sowjetunion mit Freihandbibliotheken.

2 Zu Arbeiterbibliotheken siehe meinen Artikel„Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts‟ (Schuldt, Karsten, in: Libreas 35 (2019), https://libreas.eu/ausgabe35/schuldt/), zu katholischen Bibliotheken (in Frankreich, aber das lässt sich prinzipiell übertragen) siehe „La mise au pas des écrivains. L’impossible mission de l’abbé Bethléem au XXe siècle.‟ (Mollier, Jean-Yves, Paris: Librairie Arthème Fayard, 2014).

3 [Ich weiss, hier wären Literaturnachweise angebracht. Aber die liegen leider nicht hier, wo ich gerade bin, sondern in einem Ort, den in wegen geschlossener Grenzen während der Pandemie nicht einfach erreichen kann.]

Eine untergegangene Tradition der bibliothekarischen Arbeit: Lesesoziologie

Ich möchte in diesem Blogpost (Essay?) gerne über einen Teil der Arbeit öffentlicher Bibliotheken (kleines ö, wird gleich thematisiert) reden, der lange Zeit ganz normal dazugehörte, aber seit einigen Jahrzehnten verschwunden ist. Das hat mit meinem Versuch zu tun, ein bibliothekshistorisches Buch zu schreiben, welches die Diskurse um öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum nachzeichnen soll. Im Rahmen der Recherchen dazu fallen solche abgebrochenen Traditionen selbstverständlich auf.

Diesen Teil der Arbeit, den ich besprechen möchte, nenne ich hier Lesesoziologie. So wurde er oft genannt. Aber es gab auch viele andere Bezeichnungen, zum Beispiel „Lesekunde‟, „Literatursoziologische Untersuchungen‟, „Leseforschung‟. Heute, wie gesagt, gibt es diese Tradition nicht mehr. Es gibt weiterhin eine Literatursoziologie in der Soziologie und Literaturwissenschaften miteinander verbunden sind, aber die – obgleich interessant – stellt andere Fragen. Mir geht es um die Lesesoziologie, die von Bibliotheken und bibliothekarischen Infrastrukturen betrieben wurde.

Ich spreche von öffentlichen Bibliotheken mit kleinem „ö‟, weil es um alle Bibliotheken mit dem Anspruch geht, eine gewisse Öffentlichkeit zu erreichen. Gerade für die Jahre vor 1933 (beziehungsweise den 1950ern in der Schweiz) gilt, dass es sehr verschiedene Bibliothekstypen gab, die das versuchten; nicht nur die, die am Ende die heutigen Öffentlichen Bibliotheken wurden. Auch bewegungsgebundene Bibliotheken („Arbeiterbibliotheken‟, Bibliotheken des politisch organisierten Katholizismus) oder „kommerzielle Leihbibliotheken‟ teilten sich diese Tradition. Ich spreche hier aber nicht von den Wissenschaftlichen oder Spezial-Bibliotheken.

Themen und Praktiken der Lesesoziologie

Es ist nicht ganz einfach zu sagen, wenn die Tradition der Lesesoziologie anfing und wann sie endete. Wie immer bei solchen Enden gibt es kein Dokument, dass sagt: „Jetzt ist Schluss.‟ So etwas passiert gradueller. Aber ich würde sagen, dass sie mit dem modernen Bibliothekswesen, also ungefähr in den 1880er Jahren aufkam und bis in die 1970er, vielleicht auch 1980er betrieben wurde. Mit merklichen Häufungen an Publikationen um die Jahrhundertwende und in den 1960er Jahren.

Wie und warum die Lesesoziologie betrieben wurde, veränderte sich – parallel zu den Bibliotheken selber – während dieser Zeit. Aber die Grundfragen war immer die gleichen: Was lesen die Lesenden? Die, die in die Bibliothek kommen und die, die nicht in die Bibliothek kommen? Oft wurde auch nach dem Warum lesen sie das? gefragt und lange Zeit auch: Welche Wirkung hat dieses Gelesene auf die Lesenden? (Letztes änderte sich mit der Zeit, siehe nächster Abschnitt.)

Es wurden verschiedene Methoden genutzt, um Antworten auf diese Fragen zu finden: Empirische (Umfragen, Auswertungen von Ausleihen, Befragungen) und theoretische (Auswertung der in Bibliotheken verliehenen Literatur, beispielsweise mit Modellen von „Schmutz und Schund‟ auf der einen, „Kunst und Technik‟ auf der anderen Seite). Es wurden Untersuchungen ganz verschiedener Grössenordnungen durchgeführt: Auf der Basis eine Bibliothek, einer Stadt oder eine Landes. Mal mit wenigen Themen, mal mit möglichst viel. Die bibliothekarische Literatur, die auf uns gekommen ist, ist voll von Ergebnissen solcher Studien: Artikel, Broschüren, Teile von Jahresberichten informieren über diese. Eine Anzahl von Abschlussarbeiten bibliothekarischer Ausbildungsgänge mit lesesoziologischen Studien existieren auch. Gerade die Vielzahl grauer Literatur lässt vermuten, dass es noch weit mehr Broschüren und Abschlussarbeiten gab, die vielleicht gar nicht überliefert wurden oder sich noch in dunklen Ecken von Magazinen und Archiven befinden.

Teil bibliothekarischer Arbeit

Eines ist wichtig zu betonen: Die Lesesoziologie war keine Aufgabe von Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Sie war vorrangig Teil der normalen bibliothekarischen Arbeit und wurde vor allem von Bibliotheken selber durchgeführt, in allen öffentlichen Bibliothekstypen1 und offenbar auch von Bibliotheken aller Grössen. In älteren bibliothekarischen Lehrbüchern werden sie auch (aber eher nebenher, als wichtige, aber nicht immer durchzuführende Arbeit) thematisiert. Es war nicht so, das die paar Forschungseinrichtungen, die von Zeit zu Zeit gab, Hauptproduzenten dieser Studien gewesen wären.

Vielleicht auch deshalb sind die theoretischen Hintergründe der Arbeiten nicht immer leicht ersichtlich, selten reflektiert und vor allem sind die Studien methodisch nicht immer perfekt. Aber das mussten sie auch nicht. Es ging in ihnen nicht darum, wissenschaftliche Qualifikation nachzuweisen, sondern Wissen zu generieren, das oft den jeweiligen Bibliotheken zu Gute kommen sollte. (Allerdings ist es schon auffällig, wie viele Bibliothekare, spätere auch Bibliothekarinnen, sich zutrauten, solche Studien durchzuführen. Vom heute gerne mal postulierten geringen Selbstbewusstsein der Bibliotheken ist in den Studien nichts zu spüren.) Dafür wurden in der bibliothekarischen Literatur Kolonen über Kolonen von Zahlen und Titeln ausgeborgter Werke produziert, dargestellt und diskutiert.

Die Überzeugung, die sich auch in vielen Quellen explizit so ausgedrückt findet, war, dass Bibliotheken ihre Arbeit nur effektiv und sinnvoll durchführen könnten, wenn sie wüssten, was ihre Leser*innen lesen, beziehungsweise was die Menschen, die sie zu erreichen hofften lesen und warum. Nur dann könnten Bibliotheken (a) ihren Bestand sinnvoll aufbauen und (b) die Lesenden beraten. Ohne dieses Wissen können man nur mit Annahmen und den eigenen, immer unvollständigen, Vorstellungen arbeiten. Aber, das wird in den Quellen auch deutlich, selbst in Zeiten, als die Bibliothekare (männlich) stark der Meinung waren, dass sie bestimmen könnten, was gute und schlechte Literatur sei, welche Literatur zu welcher „Lesestufe‟ passen würde und welche (noch) zu komplex für für welche Lesenden war, gab es immer die Vorstellung, dass die (potentiellen) Lesenden Personen mit eigenem Willen seien, denen man nicht einfach Literatur aufzwingen könne. Mag das in der Realität auch anders gehandhabt worden sein, in den Quellen werden die Literaturinteressen immer erst einmal akzeptiert, um dann an ihnen zu arbeiten. Selbst, wenn man mit den Bibliotheken Menschen erziehen wollte, wurde es als notwendig angesehen, erst einmal zu wissen, was sie lesen.

Entwicklungen

Die Lesesoziologie entwickelte sich. Auch das wird in den Quellen sichtbar. Je nachdem, was die einzelnen Bibliotheken als ihre Aufgabe ansahen, entwickelte sich auch, was und wie genau gefragt wurde.

Lange Zeit war es üblich, die Aufgabe der Bibliotheken darin zu sehen, die jeweiligen Lesenden zu einer besseren Nutzung von Literatur zu erziehen. Nicht unbedingt als Selbstzweck. Im Diskurs der Lesehallen war zum Beispiel verankert, dass sie helfen sollten, vor allem in den unteren Sozialschichten Menschen, die das Talent dazu hatten und sich selber engagierten, den Aufstieg durch Bildung zu ermöglichen. Das sollte diesen Menschen, aber auch der Gesellschaft im Allgemeinen helfen. Arbeiterbibliotheken sollten dazu beitragen, dass die organisierten Arbeiter*innen in die Lage versetzt würden, eine sozialistische (kommunistische, anarchistische und so weiter) Gesellschaft aufzubauen. Bibliotheken im Nationalsozialismus sollten dazu beitragen, dass sich Menschen ihre angeblich natürlichen Rolle in der „Volksgemeinschaft‟ und „Rasse‟ klar würden. Und so weiter. Lesesoziologie wurde eingesetzt, um den Erfolg solcher Aufgaben zu überprüfen. Borgten die Lesenden im Laufe der Zeit mehr „qualitätsvolle‟ und / oder politisch richtige Literatur aus? Verzichteten sie auf die falsche Literatur (lasen sie beispielsweise mehr sozialkritische Romane und weniger Liebesromane)? Wie wirkte sich die Arbeit der Bibliotheken jeweils darauf aus?

In den späten 1910er, frühen 1920er Jahren änderte sich die Vorstellung davon, wie Lesen funktioniert und was die Aufgabe von Bibliotheken ist. Nicht vollständig, nicht überall, aber doch merklich. Der demokratische Geist der Weimarer Republik und der Ersten Österreichischen Republik zeigte sich auch in den Bibliotheken, obgleich es dort viele konservative Tendenzen gab. Man ging weniger davon aus, dass das Lesen der Menschen gesteuert werden könne, sondern das es eine Lesebiographie gäbe, deren Entwicklung man unterstützen müsse. Das lässt sich auch in den Lesesoziologie nachvollziehen. Immer mehr wird nicht danach gefragt, ob die richtige Literatur gelesen wird, sondern eher danach, welche Wege die Lesenden nehmen. Das Ziel ist oft immer noch, dass sie am Ende die richtige Literatur (was immer das in der jeweiligen Bibliothek ist) gelesen wird. Aber die Lesenden sollen praktisch selber dahinkommen und auf dem Weg dorthin unterstützt werden. Gesteuert, aber selbstbestimmt. (Das erscheint uns heute vielleicht nicht logisch, aber ist wichtig, diese Entwicklung auch als Entwicklung anzusehen. Bibliothekare, und auch die ersten Bibliothekarinnen, machten sich sehr wohl Gedanken über ihre Arbeit und veränderten ihre Vorstellungen. Das war nie eine feste Meinung, die für immer feststand und von allen geteilt wurde.)

Und auch, als sich nach dem Nationalsozialismus (beziehungsweise der Geistigen Landesverteidigung in der Schweiz) und den restaurativen Jahren dann Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre die Auffassung durchsetzte, dass es die Aufgabe der Bibliotheken sei, die Interessen der potentiellen Lesenden zu unterstützen, ihnen Fortbildungsmöglichkeiten und „sinnvolle Freizeitbeschäftigung‟ zu bieten, aber sie auch nicht zu zwingen, wurde dem in der Lesesoziologie gefolgt. Weiterhin wird in diesen Jahren gefragt, was gelesen wird, von wem und warum. Es werden Thesen über die weitere Entwicklung der Literatur aufgestellt, da man davon ausgeht, dass sich gesellschaftliche und technologische Entwicklungen auch darauf niederschlagen werden, was und wie viel gelesen wird. (Stichwort: Mehr Freizeit.)

Auffällig ist auch, dass die jeweilige Lesesoziologie sich mit den Aufgaben der Bibliotheken verbindet. In der DDR gab es beispielsweise immer wieder „parteiliche‟ Auswertungen, in denen aus den gesammelten Daten vor allem die der „Werktätigen und Kollektivbauern‟ herausgehoben wurden. Bekanntlich sollten die gefördert werden, damit sie die sozialistische Gesellschaft aufbauen könnten. (Und dann wären alle in der sozialistischen Gesellschaft, auch die, die nicht gesondert gefördert würden.) Hier verband sich Politik und Bibliotheksarbeit ganz direkt.

Aber, und das ist mir hier wichtig: Die Grundfragen der Lesesoziologie blieben. Was lesen die Leute und warum? Die Studien und Inhalte entwickelten sich mit den Bibliotheken,. Aber die Grundüberzeugung, dass eine sinnvolle Bibliotheksarbeit nur möglich wäre, wenn es Antworten auf diese Frage gibt, wurde die ganze Zeit beibehalten. (Das ist wichtig für die Frage ganz unten, ob sich Lesesoziologie wieder etablieren lässt.)

Gesellschaft und Lesesoziologie

Eine Sache, die in der ganzen Lesesoziologie auffällt, ist, dass sie immer einen Blick auf die Gesellschaft hatte. Egal, wer die Studien betrieb, egal in welchem Jahrzehnt oder für welchen Bibliothekstyp: Es gab immer ein klares Verständnis davon, dass die soziale Schicht und die konkreten sozialen Umstände, aus denen die betreffenden Lesenden kamen, eine grosse Bedeutung für die jeweilige Lesebiographie hatten. Sowohl dafür, was gelesen wurde als auch dafür, was als sinnvolle Lektüre galt. Nicht nur Arbeiterbibliotheken – bei denen das zu erwarten war, immerhin waren sie Teil einer marxistischen Bewegung – gingen davon aus, dass verschiedene soziale Schichten einen unterschiedlichen Zugang zum Lesen hatten, sondern praktisch alle taten dies. Sicherlich betonten andere Bibliotheken mehr die individuellen Entscheidungen der Lesenden. Aber praktisch galt immer:

  1. Prinzipiell können alle Menschen lernen, alle Literatur lesen.
  2. Menschen in verschiedenen sozialen Schichten haben unterschiedliche Möglichkeiten dazu. Deshalb ist es wichtig, nach den sozialen Umständen zu fragen.

Oft wurde zum Beispiel betont, dass Arbeiter*innen gar nicht so viel Zeit hätten, um sich umfassende literarische Kenntnisse anzueignen. Oder das der Alltag von Bäuer*innen durch die „Zeitläufe der Natur‟ geprägt sei und somit auch die Anregungen zur Beschäftigung mit Literatur andere wären als die der städtischen Mittelschicht. Das galt auch für Bibliotheken, die zum Beispiel einen „sozialen Ausgleich‟ im Ständestaat unterstützen sollten. Nicht nur für solche, die in Kategorien des Klassenkampfes dachten.

So oder so: Es war ein soziologisches Verständnis von Gesellschaft, das hinter der Lesesoziologie stand. Soziologisch in dem Sinne, dass die Gesellschaft begriffen wurde als in verschiedene soziale Schichten eingeteilt und dass die Literaturinteressen als von den sozialen Umständen dieser Schichten bedingt gedacht wurde (nicht determiniert, immer galt es auch die individuellen Interessen zu beachten). Deshalb zum Beispiel wurde intensiv diskutiert (in den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen), ob der Zuwachs an Freizeit für Arbeiter*innen in Fabriken in den 1950er / 1960er Jahren zu anderen Leseinteressen dieser Schicht führen würden: Weil sich deren soziale Umstände veränderten.

Vom Verschwinden der Lesesoziologie

Heute gibt es, pauschal gesagt, keine Lesesoziologie mehr. Vor allem nicht mehr als Teil bibliothekarischer Arbeit. Sie kommt in der Ausbildung nicht vor. Sie kommt bei der Festlegung der Bestandsstrategien nicht vor und sie wird auch nicht bei den strategischen Prozessen von Bibliotheken benutzt. Wann ist das passiert und wieso?

Wie oben gesagt: Genau lässt sich das nicht sagen. Es scheint eher, als sei diese Tradition ausgelaufen. Wie so oft bei öffentlichen Bibliotheken scheint sich diese Veränderung in den 1970er zu vollziehen. Spätestens in den 1980er Jahren scheint die Tradition mehr oder minder „tot‟ gewesen zu sein. Sie taucht in den bibliothekarischen Publikationen nicht mehr auf.

Ist sie von etwas anderem ersetzt worden? Auffällig ist, dass, als diese Tradition verschwindet, das Konzept und der Begriff des „Kunden‟ (heute selbstverständlich auch „Kund*innen‟) auftaucht. Die Leute, die die Bibliothek nutzen, werden nicht mehr als Lesende, Benutzer*innen und so weiter verstanden, sondern als Kund*innen. Auch das nicht sofort, nicht vollständig. Aber wenn man ein Datum setzen will, dann wäre der Beginn des Engagements der Bertelsmann-Stiftung im deutschen Bibliothekswesen 1985 ein guter Termin. Das würde zeitlich passen. (Aber nicht erklären, warum es in Österreich, der Schweiz und auch der DDR mit dieser Tradition gerade dann vorbei zu sein scheint. Man kann das Engagement der Stiftung vielleicht als Katalysator einer Entwicklung, die auch so stattgefunden hätte, interpretieren.)

Was diesen Begriff unter anderem auszeichnet ist, dass die Menschen als einzelne Individuen begriffen werden, die eigne Interessen ausprägen. Soziale Unterschiede werden dabei eingeebnet: Warum die Individuen ihre Interessen ausprägen, warum sie das mögen und das nicht, wird als grundsätzlich egal angesehen. Sie werden Atomisiert. Es wird bei Kund*innen eher nach Trends gefragt, die sich entwickeln und auf die man reagieren müsste und nicht mehr nach sozialen Umständen, welche die Trends hervorbringen. Zumindest als These lässt sich aufstellen, dass die Lesesoziologie mit ihrem Fokus darauf, warum Menschen was lesen, nicht in ein solches Denken passt. Wenn die gesellschaftlichen Umstände die Literaturinteressen mitbestimmen, kann man sie nicht als Kund*innen verstehen. Die Fragen der Lesesoziologie passen nicht zum neoliberalen Denken.

Aber das kann nicht die ganze Erklärung sein: Das Wahrnehmen von Menschen als atomisierte Individuen, und nicht als geprägt von sozialen Schichten, muss überzeugt haben. Sonst wäre es nicht so angenommen worden. Und die Lesesoziologie – die, dass muss man erwähnen, oft zeigte, dass die Anstrengungen der Bibliotheken wenig Einfluss auf das Leseverhalten hatten – mussten weniger überzeugt haben.

Should we revive Lesesoziologie?

Bibliotheken heute wissen überhaupt nicht, welche Menschen aus welchen sozialen Schichten welche Literatur (oder welche anderen Medienformen) bevorzugen. Sie wissen nicht, ob sich das Interesse an bestimmten Medien, Genres und so weiter grob an sozialen Schichten orientiert oder nicht. Wenn überhaupt, dann wird gefragt, ob bestimmte Altersstufen und das Interesse an bestimmten Medien zusammenhängt. (Vor allem bei Kindern und Jugendlichen, nicht bei anderen Altersgruppen.2)

Die Lesesoziologie basierte auf der Annahme, dass man wissen müssen, was Menschen lesen und warum, um überhaupt den Bestand und die restlichen Aktivitäten der Bibliothek sinnvoll planen zu können. Das war keine falsche Überzeugung. Heute hingegen scheinen die meisten Entscheidungen von Bibliotheken über den Bestand und über die Angebote der Bibliothek auf kaum fundierten Vorstellen, Behauptungen und Hoffnungen (die sich halt auch oft zerschlagen) aufzubauen. Dadurch, dass die Tradition der Lesesoziologie aufgegeben wurde, haben sich Bibliotheken (gewiss ungewollt) eher in die Hände von meinungsstarken Einzelpersonen begeben. Sie sind dadurch strukturell dümmer geworden (im Sinne von: Sie wussten früher mehr).

Eventuell ist ein Grund dafür, dass sie ihre strategischen Entscheidungen mehr und mehr nicht an Medien, sondern an Angeboten, die weniger mit Medien zu tun haben, ausrichten, der, dass sie sich kaum noch Daten darüber erarbeiten, was Menschen eigentlich alles mit Medien machen. Die Abwertung der konkreten Mediennutzung (also dem lautstark thematisieren Interesse am Lesen und ähnlichen Aktivitäten) im bibliothekarischen Diskurs scheint auch mit dem Niedergang der Lesesoziologie einigermassen parallel zu laufen.

Deshalb drängt sich Frage auf (auch, weil die These vom Ende des Neoliberalismus in unseren Gesellschaften in der Luft hängt), ob es sinnvoll und möglich wäre, die Lesesoziologie wiederzubeleben. Sollte man Bibliotheken raten, sich wieder Studien darüber zuzuwenden, was und warum ihre potentiellen Nutzer*innen lesen?

Ja, aber der Zeit und unserem Wissen über die Medienrezeption angepasst. Es ist offensichtlich, dass in den letzten Jahrzehnten, in denen Bibliotheken versucht haben, Angebote neben der „reinen Mediennutzung‟ aufzubauen, die Nutzung der Medien – und vor allem immer noch das Lesen von ausgeborgten, gedruckten Büchern – weiterhin die Hauptaktivität in Bibliotheken geblieben ist. Das ist nie weggegangen. Deshalb sollte man auch wieder anfangen, Daten über diese Aktivitäten zu erheben und für die bibliothekarische Arbeit zu verwenden.

Wie oben diskutiert wurde die Lesesoziologie immer im Rahmen dessen durchgeführt, wie die Bibliotheken jeweils ihre Aufgaben definierten. Lesesoziologie ist also wandelbar. Was wäre heute anders?

  1. Sicherlich würde man heute die verschiedenen Medienformen, die in Bibliotheken vorhanden sind, integrieren. Das wäre keine Innovation. Als in Bibliotheken Angebote an Zeitschriften und Zeitungen aufgebaut wurden, wurden auch sie in die lesesoziologischen Befragungen integriert. (Sie würde dann vielleicht auch anders heissen. Aber Lesesoziologie ist ja, wie oben dargestellt, eh nur der Begriff, den ich gewählt habe. Insoweit wäre auch das kein Problem.)
  2. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert herrschte eine recht direkte Vorstellung davon, wie Literaturrezeption funktioniert vor. Man ging davon aus, dass man aus dem Text selber herauslesen konnte, wie dieser auf die Lesenden wirken würde. Literatur würde praktisch eins zu eins interpretiert, Romane praktisch als Abbildung der Realität gelesen (und damit zum Beispiel falsche Vorstellungen vermitteln oder aber gerade ungewohnte Einblicke ermöglichen). Das stimmt selbstverständlich nicht. Die Literaturwissenschaft (oder auch die Filmwissenschaft, die Musikwissenschaft und so weiter) haben komplexere Rezeptionsmodelle erarbeitet und auch empirisch untermauert. Wir wissen zum Beispiel heute, dass Lesende jeweils mitbestimmen, wie ein Medium wahrgenommen wird und das Bedeutung eines Textes (Films, Musikstücks und so weiter) von diesen bei der Rezeption co-produziert wird.3 Solche Rezeptionsmodelle müssten sinnvoll in die Lesesoziologie integriert werden.
  3. Es gibt heute mehr Forschungseinrichtungen um Bibliotheken drumherum als früher. All die Fachhochschulen, aber auch mietbaren freien Forschungsinstitute wären wohl in der Lage, lesesoziologische Untersuchungen durchzuführen. Aber: Die Stärke der Lesesoziologie war, dass sie direkt von Bibliotheken durchgeführt und dann wohl auch eher genutzt wurde. Nur Daten über die Mediennutzung zu erheben, verändert die Bibliotheksarbeit noch nicht. (Es gibt ja zum Beispiel regelmässige Studien zur Nutzung digitaler Medien. Wie werden die den genutzt.) Wenn Bibliotheken solche Studien durchführen, müssen sie sich selber klar werden, was sie eigentlich wieso und wie fragen, auswerten und so weiter. Das ist es, was wiederbelebt werden sollte.

Was sich allerdings ändern würde durch eine solche „neue Lesesoziologie‟ wäre wohl, dass einige in den letzten Jahrzehnten liebgewonnene Vorstellungen über Bibliotheken aufgegeben werden müssten: Es würde sich zeigen (weil sich das in anderen soziologischen Studien auch immer wieder zeigt), dass sich die Interessen an bestimmten Medien, Genres, Inhalten und so weiter stark an den sozialen Schichten anlehnen. Die Grundvorstellung, dass es in unseren Gesellschaften nur „Kund*innen‟ gäbe, müsste aufgegeben werden. Ausserdem würde sich wohl zeigen, dass es weiterhin die Mediennutzung ist, welche die meisten Besuche von Bibliotheken motiviert. Es ist seit den 1980ern normal geworden, zu behaupten, Bibliotheken müssten sich auf andere Angebote konzentrieren (heute Makerspaces, aber auch das ist nicht neu, sondern eine Tradition). Es würde sich wohl zeigen, dass diese Behauptungen argumentativ davon profitieren, dass sie kaum empirisch überprüft werden. Wie gesagt zeigte sich in den lesesoziologischen Untersuchungen oft, dass die Bemühungen der Bibliotheken mit spezifischen Angeboten, Beratungen, Lenkungsversuchen und so weiter die Lesenden zu beeinflussen, immer nur geringe Effekte hatten,. Immer kamen Menschen vor allem, um das zu lesen was sie interessierte. Wenn sich also in neuen lesesoziologischen Untersuchungen zeigen würde, dass das auch heute gilt, wäre das nur gut. Es würde die Bibliotheksarbeit erden.

 

Fussnoten

1 In meinem Artikel zu Arbeiterbibliotheken in der vorletzten LIBREAS habe ich auch Beispiele angeführt, wo solche Studien zu polemischen Zwecken genutzt wurden. Zum Beispiel Abbildung 4 und 5, wo die Arbeiterbibliotheken Wiens anführen, welche Autor*innen und welche Arten von Beständen bei Ihnen ausgeliehen wurden, um zu zeigen, dass sie die Kultur der Arbeiter fördern würden. (Schuldt, Karsten (2019). „Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts‟. In: LIBREAS. Library Ideas 35 (2019), https://libreas.eu/ausgabe35/schuldt/).

2 Es gab auch die kurze Zeit, wo einige Bibliotheken auf den antifeministischen Zug aufzuspringen versuchten und angebliche „Literatur für Jungen‟ anbieten wollten. Das ist zum Glück untergegangen, wohl auch weil die Vorstellungen davon, was „Jungenliteratur‟ sein soll, auf keinen Daten – sondern auf hinterwäldlerischen und antifeministischen Annahmen – beruhte.

3 Das wäre übrigens die „richtige‟ Verwendung von „co-produziert‟ (richtig im Sinne von: hierfür gibt es einen Definition). Ich weiss, dass Bibliotheken diesen Begriff aktuell auch benutzen, aber mir ist nicht klar, was sie damit meinen. Offenbar nicht das.

Begründungen für die Bibliotheksentwicklung: Wie stark sind sie mit der tatsächlichen Bibliotheksarbeit verbunden?

Eine Sache, die mich umtreibt, ist der Zusammenhang zwischen den Gründen, die dafür genannt werden, warum sich Bibliotheken ändern müssten (zum Beispiel in der bibliothekarischen Literatur, Konferenzbeiträgen oder Bibliotheksstrategien) auf der einen Seite und der Bibliotheksarbeit, die dann tatsächlich geleistet wird auf der anderen Seite. Mir scheint sehr einfach zu zeigen zu sein, dass es da ein Missverhältnis gibt: Das, was in den Bibliotheken tatsächlich gemacht, geändert, gearbeitet wird, scheint immer wieder nicht wirklich mit dem zusammenzubringen zu sein, wieso dafür argumentiert wurde, etwas zu ändern (oder, viel seltener, etwas zu lassen wie es ist).

Behauptungen über die PISA-Studien und die Digitalisierung

Aufgefallen ist mir das wieder einmal, als letztens (03.12.2019) die neue PISA-Studie erschien und im Bibliothekswesen darauf schnell reagiert wurde. Zum Beispiel wurde behauptet: „Schulbibliotheken spielen eine große Rolle in Sachen #Bildung und #Lesekompetenz, das zeigte die aktuelle #PISA-Studie.”1 Der Deutsche Bibliotheksverband postulierte in einer direkt einen Tag nach der Veröffentlichung der Ergebnisse publizierten Erklärung, die Studie hätte gezeigt, dass man Lesen früh fördern müsse und schliesst daraus, dass deshalb die Zusammenarbeit von Schulen und Bibliotheken gefördert werden müsse.2

Das steht alles in der Studie nicht drin. (Das lässt die Methodik gar nicht zu.) Es ist auch nur ein Reflex, der jedesmal nach dem Erscheinen der PISA-Studie, also alle drei Jahre, einmal angeregt wird. In früheren Runden war das alles viel massiver, die Behauptungen und Forderungen grösser, die Nachwirkung länger. Seit einigen Runde werden die PISA-Studien in der bibliothekarischen Diskussion (und nicht nur da) nach ein paar Wochen praktisch wieder vergessen.

Aber es erinnerte mich daran, wie es bei den ersten PISA-Studien war: Die Behauptungen waren die gleichen, aber Bibliotheken machten sich länger Gedanken dazu, was es den heisst, das Lesen langfristig zu fördern etc. Was dann aber in den Bibliotheken tatsächlich gemacht wurde, hatte wenig mit den Erkenntnissen aus den Studien selber zu tun. Mich hat damals schon irritiert, wie man eine Studie zitieren kann, die eindeutig zeigt, dass der Lernerfolg in der Schule (um den es in den PISA-Studien geht) sozialen Strukturen folgt, also mit der sozialen Herkunft der Kinder und Jugendlichen verbunden ist, und daraus dann zu schlussfolgern, dass man mehr Leseförderung für alle anbieten müsse. Und dann vor allem solche machte, die gerade nicht darauf abzielt, soziale Ungleichheiten zumindest auszugleichen, sondern stattdessen nicht mehr über diese Strukturen redet.3

Jetzt bin ich älter und habe mehr Erfahrungen mit dem Bibliothekswesen. Und während ich es immer noch falsch finde, sich auf die PISA-Studien zu berufen, ohne sie offenbar gelesen zu haben,4 erkenne ich eine Struktur: Das, was zur Begründung für Bibliotheken und Veränderungen von / in Bibliotheken angeführt wird und das, was dann passiert, ist nicht einfach aufeinander zu beziehen.

Ein anderes Beispiel ist das Phänomen, dass heute in vielen, vielen, vielen Bibliotheksstrategien steht, dass diese auf die Digitalisierung reagieren wollen. Und zwar mit dem, was Bibliotheken als „3. Ort” beschreiben: Veranstaltungen, „erhöhte Aufenthaltsqualität”, Bibliothekscafé usw. Manchmal Makerspaces. Das ist kein richtiger Zusammenhang. Was hat Digitalisierung mit Cafés und Aufenthaltsqualität zu tun? Gewiss, man kann Zusammenhänge konstruieren (Digitalisierung heisst das mehr Menschen mehr Einsam sind, deshalb müssen Bibliotheken Veranstaltungen machen, damit Menschen sich treffen können. So in etwa.), aber das wird in den Bibliotheksstrategien im Allgemeinen nicht gemacht.5

Bibliotheksgeschichte: Begründungen für Bibliotheksentwicklung in der DDR

Im Rahmen meines Quest, anhand zeitgenössischer Quellen in die moderne Geschichte der Bibliotheken im DACH-Raum einzutauchen, lese ich gerade die Reihe „Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit” (still ongoing) des Zentralinstitut für Bibliothekswesen, welches in der DDR für Forschung und „Anleitung” der allgemeinbildenden Bibliotheken (also der Öffentlichen Bibliotheken) zuständig war. Die Reihe erschien von Anfang der 1970er bis 1989.

In vielen Nummern dieser Reihe scheint mir eine ähnliche Struktur zu finden zu sein: Es wird erst ein Begründung für eine Veränderung angegeben, dann aber etwas gemacht, dass sich nicht ganz aus der Begründung selber ergibt. Zumindest nicht direkt. An diesen Beispielen kann man ganz gut sehen, wie diese Struktur aussieht. Das ist auch ungefährlicher, als über den 3. Ort oder die PISA-Studien zu diskutieren, weil die DDR und ihr Bibliothekswesen Geschichte ist und niemand (kaum jemand) mehr einen Einsatz in diesem Spiel hat.

Wer sich also die Struktur einmal ohne grosse Emotionen anschauen will, dem würde ich empfehlen, das in den im folgenden besprochenen Publikationen zu tun.

Strategie 1: Dialektik

1974 publizierte das Zentralinstitut den Vorschlag für die Gründung „Wissenschaftlicher Allgemeinbibliotheken in den Bezirken” [WAB(B)], die als – so die Behauptung – neuer, sozialistischer Bibliothekstyp das Bibliothekswesen verändern sollten. (WAB(B) 1974) Es ging also direkt um Veränderung des Bestehenden.

Die WAB(B) sollten an der Spitze des Öffentlichen Bibliothekswesens des jeweiligen Bezirkes (also der mittleren staatlichen Ebene) stehen, den sogenannten „Spitzenbedarf” an Bestand abdecken (beispielsweise die spezielle wissenschaftliche Literatur, die zur Verfügung stehen, aber nicht in den anderen Bibliotheken angeschafft werden sollte, weil sie so speziell sei) und fachliche Anleitung für die anderen Bibliotheken im Bezirk bieten. Ob das sinnvoll war, warum es angestrebt wurde, wie die Bibliotheken (die dann wirklich eingerichtet wurden) tatsächlich wirkten: Das ist hier erstmal egal. Was interessiert, ist, wie es begründet wurde.

Die WAB(B) würden „dialektisch die besten Traditionen […] der allgemeinen öffentlichen Bibliotheken und der wissenschaftlichen Allgemeinbibliotheken [aufnehmen]” (WAB(B) 1974:10). Das ist eigentlich auch die Argumentation, die man in einer marxistisch orientierten Gesellschaft erwarten würde6: Die Dialektik ermöglicht den Fortschritt. Das ist bekanntlich das Denkmodell, welches von Marx und Engels von Hegel übernommen und auf die Gesellschaft übertragen wurde. Es entstehen durch ökonomischen und anderen Fortschritt gesellschaftliche Widersprüche, die werden dialektisch mit einer neuen Lösung in einer nächsten Ebene überwunden. (Und da entstehen neue Widersprüche, die wieder dialektisch gelöst werden müssen.) So ungefähr.

Ganz nachvollziehbar ist diese Argumentation am Ende nicht. Was ist das Problem beziehungsweise der Widerspruch, welcher durch die WAB(B) dialektisch gelöst wird? Das wird nicht klar. Was ist die nächste Ebene, die WAB(B) anzeigen? Auch das wird nicht diskutiert. Es wird behauptet, dass sie ein neuer Bibliothekstyp seien – und weil dieser in einer sozialistischen Gesellschaft eingerichtet würde, seien sie auch ein sozialistischer Bibliothekstyp. Haben die WAB(B) diesen Anspruch später eingelöst? Das lässt sich auch nicht so richtig sagen, weil dieser Anspruch nicht so richtig zu bestimmen ist. Sie fungierten als neue Zentren im Netz der Bibliotheken, dass immerhin.

Aber: Wir sehen hier eine der akzeptierten Begründungen für gesellschaftliche Veränderung, welche in der DDR akzeptiert war. Dialektik ist Teil des „wissenschaftlichen Sozialismus”, insoweit kann man mit ihm Veränderung begründen.

Strategie 2: Hinweise

In der zuerst 1970 zum 100. Geburtstag Lenins erschienen Arbeit zu „Sowjetischen Massenbibliotheken” zeigt Hanna Spiegel (Spiegel 1974) eine andere Argumentationsstrategie: Sie behauptet, dass sich das Sowjetische Bibliothekswesen aus „Hinweisen” und Anweisungen Lenins ergeben hätte.

Ganz explizit bespricht sie, wann Lenin was über Bibliotheken gesagt hätte und wie das dann später interpretiert wurde, damit daraus das Öffentliche Bibliothekswesen der Sowjetunion entstand. Es kommen die bekannten (?) positiven Äusserungen Lenins zur New York Public Library, zum britischen und schweizerischen Bibliothekswesen ebenso vor, wie seine Anweisungen bezüglich Bibliotheken gleich nach der Oktoberrevolution. Laut Spiegel hätte sich aus diesen, eher kurzen, Bemerkungen das System der Bibliotheken ergeben, wie sie 1970 in der Sowjetunion bestanden. (Das ist selbstverständlich absurd, weil sie unterstellt, Lenin hätte ein System bei diesen Äusserungen gehabt, obwohl es oft viel eher Gelegenheitsarbeiten waren oder kurze Äusserungen.7)

Sie beschreibt das als Schritte: Lenin hätte quasi schon in seinen Äusserungen in den 1910er und 1920er Jahren beschrieben, dass die Bibliotheken verbreitet, für die Bevölkerung offen, im System organisiert und so weiter sein müssten, die r;alen Bibliotheken hätten sich dem dann immer mehr angenähert. Das Buch liest sich als Beschreibung der Schritte. Immer wieder gehen die Bibliotheken daran, besser zu werden. Immer wieder entdeckt man, dass sie noch nicht genügend als gemeinsames Netz arbeiten. Immer wieder wird deshalb neu, besser, systematischer zentralisiert. Aber immer auf der Basis, dass Lenin einst erwähnte, dass es sinnvoll wäre, wenn sie als Netz organisiert werden.

Man könnte vermuten, dass diese Argumentation mit dem 100. Geburtstag zusammenhängt, aber sie ist in dieser Arbeit nur expliziter als sonst ausgebreitet. Sie war etabliert. Sühnhold und Schurzig (1971) zum Beispiel begründen die Notwendigkeit ihrer Arbeit zur „Rationalisierung der Arbeitsorganisation in zentralen Einarbeitungsstellen” damit, dass es im Rahmen des VIII. SED-Parteitages „Hinweise” gegeben und die Aufgabe „hervorgehoben wurde” (Sühnhold & Schurzig 1971:5) die Rationalisierung der gesellschaftlicher Produktion voranzutreiben. Auch hier wird der Verweis auf ein Proxy benutzt, um nicht selber dialektisch zu argumentieren, sondern praktisch Äusserungen derer, deren Aufgabe es sei, dialektisch voranzudenken (Lenin, SED) diese Arbeit machen zu lassen und dann diese Äusserungen „auszuwerten”, zu interpretieren und als Arbeitsanweisung zu verstehen.

Dies war eine zweite akzeptierte Möglichkeit, Veränderungen zu begründen: Das Berufen auf die richtigen Quellen (Personen, Institutionen) und die Interpretation ihrer Aussagen. Selbstverständlich ist das auch keine einfache Strategie – man muss trotzdem wählen, was eine akzeptierte Quelle ist und interpretieren, was deren Aussagen meinen. [Ist das überhaupt ein dialektisches Vorgehen? Selbstverständlich nicht. Aber es hat ja auch niemand gesagt, dass die DDR und das Argumentieren in ihr widerspruchsfrei war. Das ist nicht das Thema. Das Thema ist, dass diese Form von Begründung akzeptiert war.]8

Hat Lenin wirklich 1918 das Bibliothekssystem, wie es 1970 in der Sowjetunion bestand, vorhergesehen und in seinen Schriften Hinweise darauf versteckt? Bestimmt nicht. Aber die Arbeit von Spiegel (1974) zeigt, dass es möglich war, mit dieser Begründung bestimmte Entwicklungen durchzuführen.

Strategie 3: Erst begründen, dann ignorieren.

Eine dritte Strategie wählte Hans Boden in der Studie dazu, wie sich Nutzer*innen („Benutzer”) in der Freihandbibliothek verhalten. (Boden 1976. „Seine” Studie wäre falsch gesagt. Er leitet Studierende zu Forschungen an und fasste die Ergebnisse dann zusammen.) Die Publikation hat ihre 200 Seiten. In den ersten („Einleitung” und „Theoretische Grundlagen der Benutzerforschung”) leitet Boden den Zusammenhang von Nutzung und Bibliothek als Institution marxistisch – wieder so, wie das in der DDR verstanden wurde – her: Dialektisch, Beachtung der Wechselwirkung von gesellschaftlicher Entwicklung und Benutzung, Verhältnis von Selbstständigkeit und Lenkung, all das.

Und dann, nach diesen Abschnitten, setzt er nochmal an und stellt die „Kommunikationstheorie” vor, die sich bei ihm sehr wie die theoretischen Arbeiten der „bürgerlichen” Informationswissenschaft lesen. Nur mit anderen Grundlagenwerken, auf die verwiesen wird, und der Behauptung, dass die Theorie Teil der theoretischen Entwicklung im Marxismus sei, weil sie helfen würde, die Benutzung der Bibliothek zu erfassen, zu beschreiben und dann im grösseren theoretischen Modell – welches er gerade beschrieben hätte – einzuordnen. Anschliessend, im längsten Teil der Publikation, folgen empirische Ergebnisse, die am Ende mit Hilfe der „Kommunikationstheorie” interpretiert werden.

Müsste dann nicht noch ein Schritt folgen, also die Verortung der interpretieren Ergebnisse in die marxistische Analyse der Bibliotheksbenutzung? Die findet sich nirgends. Die Studie ignoriert diesen ganzen ersten Abschnitt einfach. Nicht nur am Ende, sondern in der gesamten Publikation findet sich keine Rückgriff mehr auf diese lange Darstellung. Wozu war sie dann da? (Sie war da, damit die Studie erscheinen konnte. Man darf nie die Umstände verkennen, unter denen solche Texte publiziert wurden. Heute wäre das aber eine richtige Frage an einen Text: Warum so ein lange Begründung schreiben, wenn am Ende eine zweite Theorie eingeführt und benutzt wird?)

Wo ist der Zusammenhang?

In einer logisch organisierten Welt wäre es so, dass aus den Begründungen für bestimmte Entwicklungen von Institutionen sich auch etwas ergibt, was sich auf diese Begründungen bezieht. Die Begründung sollte nachvollziehbar, begründet und logisch sein – und so überzeugen; aus ihnen sollten sich dann logisch nachvollziehbare Veränderungen ergeben. Das ist nicht der Fall. Die drei Strategien aus der DDR, Veränderungen zu begründen, zeigen dies. Solange man bei ihnen am Text bleibt, gilt: Es ist nicht nachvollziehbar, warum gerade WAB(B) sich dialektisch als Lösung anbieten. Es ist nicht klar, warum sich aus Lenins „Hinweisen” gerade das Bibliothekssystem ergab, das es dann gab (oder aus den „Hinweisen” vom SED-Parteitag gerade die eine Untersuchung von Rationalisierung bei der Buchbearbeitung). Es ist nicht nachvollziehbar, warum eine theoretische Herleitung zur Benutzung von Bibliotheken geliefert wird, wenn sich später nicht mehr darauf zurück bezogen wird.

Zu vermuten ist, dass die Struktur ähnlich auch für heute genutzt Begründungen gilt. Sicherlich: Einiges an den Widersprüchen in den genannten Texten lässt sich aus den Zwängen in der DDR erklären – keine akzeptable Begründung hiess damals keine Publikation. Aber es ist Zufall, dass ich gerade diese drei Begründungsstrategien so schnell hintereinander gelesen habe. Das ist nur Ergebnis meines zumindest etwas strukturierten Vorgehens, Reihen nacheinander zu lesen. Es gibt ähnliche Phänomene die ganzen Jahre des modernen Bibliothekswesens hindurch.

Die Welt (des Bibliothekswesens) ist offenbar nicht logisch strukturiert. Die Begründungen und die dann tatsächlich durchgeführte Bibliotheksarbeit haben keinen direkten Zusammenhang, sondern entweder einen indirekten oder manchmal auch gar keinen. Was der Blick zurück in die Geschichte zu klären hilft, ist, darauf hinzuweisen, worauf man achten kann oder sollte, wenn man sich mit diesem Zusammenhang beschäftigt. (Was kein rein intellektuelles Spiel ist, sondern sich zum Beispiel immer wieder auch als Problem stellt, wenn Bibliotheken versuchen, aus den Begründungen, die in anderen bibliothekarischen Texten geliefert werden, konkrete Arbeitsschritte herzuleiten.)

  • Sollte man die Begründungen vor allem als Rhetorik begreifen? Wenn ja: Wozu werden sie dann eingesetzt? Wer will mit ihnen was erreichen? Und was wird erreicht? Nehmen auch alle anderen die nur als Rhetorik wahr? (Das würde zum Beispiel nicht erklären, warum sie sich zum Teil weitflächig durchsetzen.)

  • Oder sollte man an sie die Forderung stellen, dass Begründungen für Veränderungen nachvollziehbar, begründet und logisch sind – und wenn nicht, sie dann ablehnen? Sollten sie also „wahr” sein müssen? Sollte man zum Beispiel vom Bibliotheksverband fordern, Studien erst zu lesen, bevor sich zu ihnen inhaltlich geäussert wird? Oder von begeisterten Redner*innen auf Konferenzen und von Berater*innen fordern, dass sie zeigen, dass die behaupteten Entwicklungen überhaupt stattfinden? Wenn nicht, was sagt das dann über solche Begründungen?

  • Ist das eine Struktur, die man vielleicht hinnehmen – aber dann reflektiert – muss oder macht hier wer Fehler? Wer? Welche? Ist es zum Beispiel ein Fehler, dass die Begründungen nicht wahr sind – oder ist es ein Fehler, das zu fordern? Wissen die Personen, welche Begründungen für Bibliotheksentwicklung liefern, dass diese oft nicht mit der dann später geleisteten Arbeit, die sich diese Begründungen bezogen wird, übereinstimmen? Streben sie das an und scheitern daran?

  • Sollte man vielleicht aufgeben, diesen Begründungen zu glauben und sie als reines (vielleicht mal durch die Umstände erzwungen, mal zynisch eingesetztes) Spiel verstehen? Als wirkungslos? Was würde das dann heissen?

Für das Nachdenken über Bibliotheksentwicklung heisst das aber erstmal, dass man die Begründungen nicht direkt als Aussagen interpretieren kann, die direkt in der Bibliotheksarbeit umgesetzt werden. Man kann aus ihnen wohl eher ableiten, was Bibliotheken über sich selber und ihre Umwelt denken. (Eher als Diskurs, der eine Wirkung hat – wie jeder Diskurs – aber eben keine eins zu eins-Beziehung.)

Das macht es selbstverständlich schwieriger – nicht nur historisch, sondern auch in der „praxisorientierten Forschung”, die gerne gefordert wird – über Bibliotheksentwicklung nachzudenken. Es zeigt zum Beispiel, dass man nicht einfach Einfluss in der Bibliothek haben kann, nur weil man den Diskurs ändert / kritisiert. (Was dann zumindest Hoffnung macht, dass bestimmte, eher absonderliche Behauptungen, die als Begründung für Veränderungen genutzt werden, wenig oder keinen Einfluss auf die Bibliotheken hat, bevor er dann wieder durch neue Begründungen abgelöst wird.)

Literatur

Boden, Hans (1976). „Kommunikation in der Freihandausleihe. Eine theoretisch-empirische Studie zur Ausleihmethodik”. – [Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit; 21] – Berlin: Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1976

Deutscher Bibliotheksverband (2019). „PISA-Studie 2018. Leseförderung muss höchste Priorität bekommen: Pressemitteilung des dbv”. https://www.bibliotheksverband.de/dbv/presse/presse-details/archive/2019/december/article/pisa-studie-2018-lesefoerderung-muss-hoechste-prioritaet-bekommen.html?tx_ttnews[day]=04&cHash=2f5c1a17a638c25aaa1477384e17c343

Krupskaja, Nadežda (1956). „Was Lenin über die Bibliotheken schrieb und sagte”. Leipzig : VEB Verlag für Buch- und Bibliothekswesen, 1956

Spiegel, Hanna (1974). „Die Entwicklung der sowjetischen Massenbibliotheken unter besonderer Berücksichtigung der Neuordnung und Zentralisierung ihres Netzes”. – [Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit; 15] – Berlin: Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1974

Sühnhold, Karl Heinz; Schurzig, Edith (1971). „Rationalisierung der Arbeitsorganisation in zentralen Einarbeitungsstellen: Ergebnisse einer Untersuchung in Stadt- und Kreisbibliotheken”. – [Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit; 8] – Berlin: Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1971

[WAB(B) 1974] „Zur Entwicklung Wissenschaftlicher Allgemeinbibliotheken in den Bezirken – Empfehlungen”. – [Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit; 14] – Berlin: Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1974

 

Fussnoten

2 „Das Potential der Partnerschaft zwischen Bibliotheken und den formalen Bildungsinstitutionen muss erkannt und systematisch gefördert werden. Für den Ausbau und die Intensivierung dieser Partnerschaft bedarf es bildungspolitischer Unterstützung über die Verankerung der Kooperation in den jeweiligen Bildungsplänen der Bundesländer.” (dbv 2019)

3 Was kommt dann wohl raus, wenn man eine soziale Ungleichheit hat, ein Angebot macht, dass das verändern soll, aber gleichzeitig nicht mehr über diese soziale Ungleichheit nachdenkt? Man reproduziert die soziale Ungleichheit. Mindestens. Vielleicht verstärkt man sie auch noch.

4 Mir kann niemand erzählen, im dbv hätte jemand innert eines Tages die Studie gelesen und dann auch gleich eine fundierte Meinung dazu formuliert. Und wie in einer Studie, in deren Ergebnisband (https://doi.org/10.1787/1da50379-de) noch nicht mal das Wort „Bibliothek” vorkommt, gezeigt werden sein soll, dass Schulbibliotheken notwendig wären, muss auch erstmal erklärt werden.

5 Aber sagen Sie sowas nicht in einem Bewerbungsgespräch. Man würde vermuten, Bibliotheken fänden es gut, wenn sie auf so einen Widerspruch aufmerksam macht, weil man damit zeigt, das man tatsächlich über die Begründungen nachdenkt; aber eigentlich schauen dann alle nur betroffen. Für Sie ausprobiert.

6 Zumindest in einer, die Marxismus als „historisch-dialektisch” begreift, was man in der DDR tat. Andere marxistische Traditionen, welche die Geschichtsphilosophie überdachten oder gar gestrichen haben, würden die Dialektik nicht unbedingt so hoch ansetzen. Aber wir sind nicht hier, um über die verschiedenen marxistischen Strömungen zu diskutieren.

7 Es ist wirklich nicht so viel, „was Lenin über die Bibliotheken schrieb und sagte”. Nadežda Krupskaja – die es wissen musste – hat unter diesem Titel eine Sammlung publiziert und die ist wirklich nicht umfangreich. (Krupskaja 1956) Vor allem enthält wenige längere Arbeiten.

8 Nebenbemerkung: Während meines Studiums las ich für ein Seminar zu Literatur in der DDR eine Reihe von in der DDR geschriebenen Promotionen zu Sagen. Sagen standen offenbar unter dem Verdacht, rückständige Literatur zu sein. Aber Engels hatte einmal drei-vier Sätze dazu geschrieben, wie sehr Sagen in Südamerika das Denken der dortigen Bevölkerung spiegel würde und wie wichtig es wäre, dieses Denken zu kennen. Deshalb wurden am Anfang jeder dieser Arbeiten diese Sätze zitiert und dann aus diesen abgeleitet, dass es sich lohnen würde, sich mit Sagen auseinanderzusetzen. Die Argumentationsstrategie war nicht nur in der bibliothekarischen Literatur zu finden.