Bruno Latour und die Bibliothekswissenschaft? Bericht vom (halbwegs) gescheiterten Versuch einer Re-Lektüre

Eine ganze Anzahl meiner privaten Forschungsprojekte und dann auch der Texte, die daraus entstehen, entstehen ehrlich gesagt aus persönlichen Herausforderungen, die ich mir selber stelle. Das fällt oft in die gleiche Kategorie wie «ab jetzt drei Monate lang jeden Tag zwei Stunden Laufen» oder «mindestens ein Gedicht pro Tag lesen». Solche Dinge, wo man sagt, «how hard can it be?» (Plus, Laufen ist auch gesund. Das ist ein ist ein positiver Nebeneffekt. So wie das Klären von Forschungsfragen ein positiver Nebeneffekt ist, wenn ich solche private Forschungsprojekte unternehme.) Aber, wie das so ist mit Herausforderungen: Manchmal klappt es, manchmal nicht.

Der folgende Bericht ist das Ergebnis einer solchen Herausforderung, bei der ich gescheitert bin. Zumindest zum Teil. Ich habe aufgeben, bevor ich fertig war. Aber dennoch habe ich einige gelernt und, well, denke, es ist zumindest einen Bericht wert. Den liefere ich hier, aber es sollte bedacht werden: Mit mehr Energie, Zeit und so weiter, könnte und hätte er vollständiger und vor allem systematischer werden können. Es ist vielleicht eher ein Zwischenbericht, nur das es nie einen Abschlussbericht geben wird.

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Hintergrund 1: Schwerpunkt der nächsten LIBREAS ist die «Soziologie der Bibliothek». Es gibt keine Regel, dass ich für jede Ausgabe der LIBREAS einen Text liefere – aber das Thema habe ich vorgeschlagen und irgendwie drängt es mich diesmal dazu, etwas zu liefern.

Hintergrund 2: Im letzten Oktober verstarb Bruno Latour. Latour war Soziologe, zumindest wurde er oft als solcher bezeichnet – er selber hätte das bestimmt erstmal bestritten und sich erst einmal von anderen Soziolog*innen abgrenzt. (Er macht das sogar explizit im Mittelteil von Reassembling the Scoial: An Introduction to Actor-Network-Theory (Latour 2005), in einen fiktiven Dialog zwischen sich als Professor und einem Studenten.) Nichtsdestotrotz hat er vor allem daran gearbeitet, die Gesellschaft und ihr Funktionieren zu untersuchen und zu erklären. Das ist es, was Soziolog*innen tun.

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Diese beiden Fakten im Hintergrund, plus das ich gerade mit einem anderen privaten Projekt fertig war, ergab die Idee, einer Relektüre von Latour durchzuführen; mit dem Fokus darauf, was von seinen Arbeiten in der Bibliothekswissenschaft und den Bibliotheken genutzt werden könnte. How hard could it be?

Angestossen wurde das Projekt auch durch eine, vielleicht gar so sehr ernst gemeinte, Bemerkung des Redaktionskollegen Ben Kaden, der im internen Chat nach der Nachricht von Latours Tod fragte, «wer einen Nachruf schreibt». Das war gerade die Zeit, als in verschiedenen Medien solche Nachbetrachtungen publiziert wurden. In gewisser Weise dachte ich tatsächlich, dass ich da vielleicht etwas beitragen kann. Nicht so übersichtlich, wie einige der Nachrufe (Chaillan 2022, Truong 2022) und schon gar nicht so persönlich, wie andere (zum Beispiel Kofman 2022). Aber doch zumindest etwas. Ich habe Latour nicht selten gelesen und in seinen Arbeiten auch viele Anregungen gefunden. Warum also nicht?

Dabei – ich stelle das weiter unten nochmal da – war mir klar, dass es nicht «um den ganzen Latour» gehen kann. Latour ist einerseits dafür bekannt, die Actor-Network-Theory (ANT, wird weiter unten erklärt) und die Science Studies (also die Untersuchung, wie Forschenden tatsächlich arbeiten und wie Wissenschaft tatsächlich funktioniert) mit begründet zu haben, sich aber gleichzeitig auch sich dann anderen Themen zugewandt zu haben. Seine letzten Bücher drehen sich – jetzt in meinen Worten, er würde das komplexer beschreiben – darum, wie die Welt, die Natur und die Menschen im Anthropozän agieren und wie sie in Zukunft agieren werden. Hauptthese scheint dabei zu sein, dass die Welt «reagiert» (nicht wissentlich, aber praktisch) und dabei gänzlich andere Kategorien einführt, als die, in denen Menschen seit der Moderne gewohnt sind zu denken. Es geht, kurz, um die Klimakatastrophe, aber viel aus dem Fokus der Welt und der Natur, nicht dem der Menschen. Das klingt teilweise esoterisch, auch weil der Begriff Gaia eingeführt wird, um die Welt als «non human actor» (wird auch noch weiter unten erklärt) zu beschreiben – aber es ist nicht esoterisch, sondern am Ende sehr realistisch. Eher im Sinne von Philosophie und weniger im Sinne von empirischer Sozialwissenschaft, aber doch realistisch. Es geht nicht darum, irgendwelche «geheimen, kosmischen Kräfte» zu entdecken und sie irgendwie anzurufen, sondern darum, well, wie die Klimakatastrophe abläuft und weiterhin ablaufen wird.

Kurzum: Das alles zu integrieren scheint mir nicht sinnvoll. Deshalb habe ich mich darauf beschränken wollen, bei meiner Relektüre den möglichen Zusammenhang von Actor-Network-Theory und Bibliothekswissenschaft herauszuarbeiten. Kein Gaia, kein Anthropozän – einfach nur «den einfachen Teil». Mir erschien (und erscheint das auch weiter) sinnvoll, weil die ANT sich mit der Untersuchung und Beschreibung davon, wie Fakten und Wissen innerhalb der Gesellschaft «entstehen», beschäftigt. Das passt eher zum Schwerpunktthema «Soziologie der Bibliothek» und wäre damit für einen Artikel geeignet.

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Die Idee zu meiner «Herausforderung» einer solchen Relektüre entstand also, weil Latour gerade gestorben war. Aber das war eher ein – trauriger – Zufall. Es wäre auch so keine schlechte Idee gewesen. Es ist zum Beispiel nicht so, als hätte ich Latour nicht früher schon gelesen. Er ist keiner der Autor*innen, die bei mir «im Hauptregal» stehen (also dort, wo ich die Bücher habe, die ich immer wieder mal anfasse und die ich vielleicht als «meine intellektuelle Grundlage» beschreiben würde), aber doch liegen einige seiner Bücher in anderen meiner Buchregale (was auch heisst, dass sie mich mehr als nur «nebenher» interessieren, weil ich wenig Platz habe und in den Regalen eigentlich nur noch Bücher, die ich vielleicht nochmal lesen möchte, aufbewahre – die anderen sind in die Offenen Bücherschränke gewandert).

  1. Die ANT erschien mir schon lange ein relevanter und guter Ansatz, um zu verstehen, wie die «Produktion von Wissen» tatsächlich funktioniert. Insbesondere der Einbezug von «non human actors» erscheint mir sinnvoll – vielleicht anders, als es Latour selber versteht. Aber… dass kommt gleich. (Auch nach diesem Projekt hier denke ich das immer noch.)
  2. Zweitens «verfolgt» mich Latour in einer besonderen, fast würde ich sagen «französischen», Weise. 2020 gab es in der NGBK in Berlin-Kreuzberg mal eine Ausstellung von Photos aus dem «Innenleben» des Merve-Verlag. (https://archiv.ngbk.de/projekte/instant-theory/) Der Merve-Verlag ist bekannt für seine kleinen, immer irgendwie komischen, aber interessanten Bücher, die so aussehen, wie direkt aus den 1970ern importiert. Und in der Ausstellung gab es irgendwo ein Zitat eines der Gründers des Verlages, in dem dieser sinngemäss sagte, dass jedes Buch, das er verlegt, mindestens eine Stelle haben muss, die er nicht sofort versteht, aber wo er den Eindruck hat, dass sie etwas Relevantes sagt. Sie muss zum Denken anregen. (Das vor dem Hintergrund, dass sich Merve explizit als links versteht, nicht als esoterisch – da sind wir wieder.) Und… irgendwie beschreibt das meine Leseerfahrung von vielen von Latours Texten. (Der, selbstverständlich, auch bei Merve verlegt wurde.) Nicht alles ist einfach verständlich, aber man hat immer wieder den Eindruck, dass es relevante Aussagen sind. Wenn man zuerst von Gaia liest, legt man das Buch schnell weg, weil es halt wie Esoterik klingt. Aber dann kommt man doch wieder zurück – also zumindest ich. Und gleichzeitig ist Latour mit seinen Themen auch sehr «französisch» in dem Sinne, dass das, was er beschreibt und welche Aussagen er macht, mich immer an die Radikalität und Aufgeklärtheit erinnern, die mir viele französische Bücher zu kennzeichnen scheinen – was auch schwer zu beschreiben ist. Aber einfach der Unterschied zwischen den Büchern in «französische Buchhandlungen» (auch wenn die praktisch in Berlin oder Lausanne stehen) zu «deutschen» und «englischen». Mehr Intellektualität; mehr grundsätzliche Bereitschaft zu radikalen Fragestellungen und Antworten; mehr Überzeugung, dass die Gesellschaft verändert werden kann. Deshalb komme ich auch immer und immer wieder zu Latour zurück. (Aber gleichzeitig sagt er mir auch nie so viel wie Bourdieu oder Foucault – die beide «im Hauptregal» stehen. Und doch habe ich immer wieder den Eindruck, dass es vielleicht daran liegt, dass ich etwas bei Latour doch nicht ganz verstehe.)
  3. Die Fragestellung, ob und wie ANT für die Bibliothekswissenschaft und Bibliotheken genutzt werden kann, erscheint aber auch deshalb sinnvoll, weil sie in so vielen anderen Wissenschaften schon gestellt wurde. Nur im Rahmen der versuchten Relektüre habe ich Bücher zu «Akteur-Netzwerk-Theorie und Geschichtswissenschaft» (Füssel & Neu 2021), «Latour and the Humanities» (Felski & Muecke 2020), Politikwissenschaft und ANT (Schötzel 2019), Stadtsoziologie und ANT (Wilde 2021) sowie zu Architekturforschung und ANT (Hansmann 2021) gelesen. Und wenn ich das Lesen nicht abgebrochen hätte, wären es wohl noch mehr geworden. Viele unterschiedliche Forschende denken darüber nach, ob und wie man ANT in ihren jeweiligen Forschungsgebieten einsetzen kann. Oder aber – hier zum Beispiel Hansmann 2021 – sie nutzen ANT ganz konkret für ihre Forschung. Insoweit ist es nur sinnvoll, die Frage auch für die Bibliothekswissenschaft zu stellen – vielleicht sogar noch sinnvoller, weil Bibliotheken als Orte der Wissensproduktion sehr nah an den Laboren (als Orte der Wissensproduktion) sind, die Latour zuerst untersucht hat.

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Aber wie gesagt: Ich habe das Projekt abgebrochen und berichte hier vor allem, wie weit ich gekommen bin.1 Vielleicht war die Aufgabe einfach zu gross (Latour hat weit mehr geschrieben, als ich gedacht hatte und gleichzeitig gibt es so, so , so viel andere Literatur, die schon «Lektüren» zu Latour und ANT lieferten, die man für so ein Projekt auch noch sichten müsste). Aber ich bin auch ein wenig an Latour und seinen Texten verzweifelt. Mir scheint einfach (auch das schildere ich weiter unten eingehender), dass er viel, well, überflüssige Abgrenzung und Polemik betrieben hat, aber das in Texte, wo zwischen der ganzen Polemik immer auch interessante Aussagen gemacht werden – und irgendwann kann ich das nicht mehr lesen. Maybe thatʹs me. Aber zu oft schien mir beim Lesen, als wäre er auch ein französischer Intellektueller, der im Café sitzt und sich seit dem Morgen bei Kaffee und Rotwein in Rage geredet hat (was passt, weil alle Biographien zu Latour betonen, dass er aus einer Weinbaufamilie und aus einer Weinbauregion stammt, aber dann zum Pariser Intellektuellen wurde), während ich als Leser dann jemand bin, der erst zum Nachmittag dazukommt, nüchtern, und jetzt versucht, aus dem Redeschwall das Relevante zu extrahieren.

ANT, non-human-actors, Gaia – zu den Themen Latours

Okay. Es scheint, als würden alle Einführungen und Darstellung in die Arbeit von Latour damit anfangen, dass diese komplex und vielfältig sei. Man könne nur die wichtigsten Punkte darstellen. Das war auch ein Grund, warum ich mich auf einen Teil von Latours Arbeiten konzentrieren wollte. Mir scheint das aber, ehrlich gesagt, nicht so komplex, wenn man es auf die Grundideen und Begriffe reduziert. Es wird einfach komplex, weil Latour viel in seine Arbeiten hineinpackte, seine Gedanken und Ansichten auch ständig im Fluss waren (was an sich einen Forschenden auszeichnen sollte, also etwas Positives ist; aber es halt schwer macht, einen klaren Überblick zu schreiben – zumal, wie schon angedeutet, die Texte auch immer mal in ganz verschiedene Richtung abdriften, wie Gespräche im Café). Ich will es also hier auch nochmal versuchen, eine kurze Einführung in die ANT zu liefern (aber mir ist schon klar – das ist jetzt meine Darstellung und Auswahl).

Also, zu den Grundideen der ANT. Wichtig für das Verständnis ist, dass Latour diese zuerst anhand von Wissenschaften ausgearbeitet hat. Sie wurde dann recht schnell auf andere Bereiche ausgeweitet (angedeutet schon im ersten Buch (Latour & Woolgar 1979), aber später expliziter, sowohl von Latour selber (Latour 1996a, 1996b) als auch von zahllosen anderen Forschenden). Aber mir scheint, als Untersuchung von Wissenschaft ist sie am einfachsten verständlich (und wohl auch für die Bibliothekswissenschaft am einfachsten produktiv zu machen).

Was Latour interessierte, als er Ende der 1970er anfing mit seinen dann einflussreichen Forschungen, war, wie Wissenschaft tatsächlich funktioniert. Also nicht als grosses System, sondern, wie man vielleicht besser sagt, im Klein-Klein, im Labor, in der täglichen Arbeit von Forschenden. Aber auch, wie aus den Tätigkeiten, die da im Labor und anderen Orten der Wissenschaft stattfinden, Fakten werden. Und recht bald auch, wie aus diesen wissenschaftlichen Fakten gesellschaftliche Fakten werden.

Zwei seiner Bücher sind da wichtig: In Laboratory Life: The Social Construction of Scientific Facts (zusammen mit Steve Woolgar, 1979) beschreibt er die Arbeit in einem Labor, in dem biochemische Forschungen durchgeführt werden (es geht um die Funktion menschlicher Gehirne, aber das ist für das Buch eher zweitrangig). Dafür hatte er in einem eher ethnologischen Ansatz in einem solchen Labor geforscht (wir wissen heute (Schmidgen 2011) welches Labor dies war, aber im Buch selber ist es anonym gehalten). In The Pasterization of France (Latour 1988) untersucht er auf der Basis von wissenschaftlichen Artikeln und anderen Quellen eine zuvor schon mehrfach geschriebene Geschichte nochmal neu; nämlich die, wie sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich eine neue Gesellschaft entwickelte, in der Impfungen und Sterilisation von medizinischen und anderen Instrumenten zum Normalfall wurden. Diese Veränderungen werden normalerweise mit Louis Pasteur in Verbindung gebracht, der auch bei Latour im Mittelpunkt steht. Aber bei Latour ist es keine «Heldengeschichte», in der ein Forscher die wichtigen Fakten des Lebens erkennt und sich diese Wahrheit dann einfach in der Gesellschaft umsetzt, sondern eine Untersuchung von Netzwerken, Politik, Produktion von Wahrheit und von Objekten. Im Mittelpunkt steht auch hier die Wissenschaft, aber die Frage ist eher, wie aus den Ergebnissen, die im Labor erarbeitet wurden, dann schnell in der Gesellschaft verbreitete Handlungen wurden.

Von den Büchern, die direkt zur ANT geschrieben wurden (auch wenn sie dann in den Büchern gar nicht so genannt wird), scheinen mir diese beiden am zugänglichsten zu sein. (Vielleicht noch Der Berliner Schlüssel : Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften (Latour 1996b).)

Wichtig scheint mir noch: Es geht Latour nicht um die konkreten Forschenden geht, sondern am das, was man mit Barthes als «Autorenfunktion» beschreiben könnte. Man könnte bei der Untersuchung der Arbeit im Labor zum Beispiel fragen, wie sich soziale Kategorien (Geschlecht, soziale Herkunft, Migrationsgeschichte, Alter, Gesundheitszustand und so weiter) der Forschenden und anderen Mitarbeitenden auswirken – was heute auch gemacht wird. Aber das ist nicht der Fokus von Latour. Ihn interessiert eher, wie die Forschenden agieren, damit Ergebnisse entstehen und diese verbreitet werden – so wie bei Roland Barthes «Tod des Autors» nicht wirklich die Autor*innen sterben, sondern ihre «Funktion» als alleinige Quelle eines Textes aufgelöst wird in eine Verständnis von Netzwerken, in denen ein konkreter Text ein Objekt ist, das nur durch ständige Interpretationen «lebt». (Das scheint jetzt hier vielleicht ein weit hergeholtes Bild zu sein – so, als wäre ich langsam in das Gespräch im Café eingestiegen und beim vierten Kaffee – aber ist ein Vorgriff auf einen Punkt, den ich später nochmal machen möchte: Vieles, was man bei Latour finden kann, scheint sich auch bei anderen Forschenden, insbesondere männlichen aus Frankreich, ähnlich finden zu lassen.)

Was ist es nun, was Latour in diesen Büchern herausarbeitet – und was zumindest zum Zeitpunkt der Veröffentlichungen als relevant neu erschien?

  1. Zuerst erarbeitet Latour einen Ansatz, den er manchmal mit «follow the scientist» (Latour & Woolgar 1979, Latour 1999) und später «follow the actors» (Latour 2005) umschreibt. Er fordert, dass man grundlegende Vorannahmen, mit denen die Soziologie und vergleichbare Wissenschaften sonst agieren (Schicht, Gesellschaft, Macht – so was)m «vergisst» und sich darauf konzentriert, tatsächlich zu schauen, was die Untersuchten tun – also, wie sie sich und ihre Arbeit organisieren, wie sie argumentieren, was sie zum Beispiel bedenken, wenn sie an Artikeln arbeiten (er schildert lange Diskussionen im Labor) oder «Beweise» so konstruieren, dass sie überzeugend wirken (dazu geht er beispielsweise auf einen «Feldversuch» Pasteurs und seine Publikationsstrategien ein). Latour postuliert, dass mit einer solchen «Rücknahme» von Vorannahmen ein besseres, genaueres Bild gezeichnet werden kann; nicht nur davon, wie ein Labor und wie Wissenschaft funktioniert, sondern auch wie «Gesellschaft» funktioniert.
  2. Latour beschreibt Wissenschaft als Arbeit, die daraufhin organisiert ist, Fakten herzustellen, nicht darauf, Wahrheit zu finden. (Latour 1987) Diese Beschreibung ist relevant für die ANT, aber auch ein Punkt, der sehr schnell falsch verstanden werden kann. Latour – und er wird dann mit seinen «späten» Büchern, in dem er über die Auswirkungen der Klimakatastrophe nachdenkt, klar2 – geht es nicht darum zu behaupten, Forschung würde Fakten «erfinden», politischen Interessen folgen oder gar Lügen verbreiten. Aber er zeigt, (a) dass Forschung nicht einfach etwas findet, was in der Natur oder so vorhanden ist, sondern das es von Entwicklungen, Netzwerken, Objekten wie existierenden Instrumenten, Theorien, andere Forschungen, auf die Forschende dann wieder reagieren, abhängt, was überhaupt in Forschungsprojekten gefragt wird, wie es interpretiert und präsentiert wird. Und (b) dass es keinen direkten Weg von den Ergebnissen, die im Labor entstehen, hin zu ihren «Anwendung» in der weiteren Gesellschaft (oder schon in anderen Laboren) gibt, sondern das Ergebnisse, um erfolgreich zu sein, erst in einem Netzwerk von Interpretationen, Deutungen, Ressourcen, Objekten und anderen Diskursen integriert werden müssen. Das war – man merkt es an dem Vorwort der Leiters des Labors, dass untersucht wurde, Jonas Salk in Latour & Woolgar (1979: 11-14) und in dem er betont, dass er Forschung sehr wohl als Suche nach Wahrheit versteht – eine damals, in den 1970ern, 1980ern offenbar neue Einsicht (Schmidgen 2011). Heute ist das wohl weniger umstritten, was vielleicht auch ein Erfolg der «Wissenschaftssoziologie» oder «Science and Technology Studies» ist, als dessen einen Vorreiter Latour gilt. Aber Latour (und Woolgar) beschreiben sehr eindrücklich, wie sehr die Artikel, die im Labor geschrieben werden, auch davon abhängig sind, gegen welche Forschung anderer Labore (oder deren Behauptungen über Ergebnisse) sich das Labor positioniert, welche «Angriffe» in den Peer Reviews erwartet werden, auf die man beim Schreiben schon reagiert oder auch davon, was an Instrumenten vorhanden ist. Für den zweiten Punkt zeigt Latour, dass sich die Praxis der Sterilisation in der französischen Industrie und Gesellschaft nicht so durchgreifend durchgesetzt hätte, hätte es nicht schon vor Pasteurs Forschungen eine «Hygiene-Bewegung» gegeben, die auf eine Veränderung der Gesellschaft, beispielsweise der Kanalisation oder des Städtebaus gedrängt hätte.
  3. Eine Einsicht, die Latour also bei der Untersuchung von Wissenschaft als Tätigkeit hat, ist also, dass die Produktion von Wissen, aber auch die Verbreitung von Wissen, immer das Ergebnis von Netzwerken ist – von Netzwerken von Diskursen, Personen, Möglichkeiten, Ressourcen, Objekten und anderem mehr. Latour weigert sich, diese irgendwie zu systematisieren oder zu werten.3 Das wäre wohl – wenn ich es richtig verstehe – eine Rückkehr zu den Vorannahmen der Soziologie, die er fallen lassen will. Ob also Diskurse wichtiger sind als das Handeln einzelner Personen – ob also die Diskurse um Hygiene wichtiger oder weniger wichtig waren als Pasteur selber, um bei diesem Beispiel zu bleiben – lässt sich so nicht klären. Was diese Perspektive aber ermöglicht, ist, möglichst viele Punkte der Netzwerke zu erkennen. Der forschende Blick schweift so mit der ANT immer weiter umher und kommt dann zum Beispiel auch darauf zu fragen, ob die Anordnung von Objekten im Raum relevant ist. (Oder, um ein Beispiel von Latour (Latour 1999: 24-79) selber zu nehmen: Ob es für die Produktion von Fakten relevant ist, ob der Boden eines Waldes direkt vor Ort untersucht oder aber in klar systematisierte Bodenproben verpackt, in eine Labor gebracht und dann dort analysiert wird.)
  4. Eine zweite Einsicht, neben dem Netzwerk, ist die Bedeutung von «non human actors». Das ist der zweite Punkt, der falsch verstanden, die ganze ANT als esoterische Konstruktion erscheinen lassen kann. Aber: Non human actors sind, wenn wir im Bild von Netzwerken bleiben, die Punkte in diesen Netzwerken und ermöglichen erst, dass diese Netzwerke «halten». Sie werden als solche aber auch erst durch die Netzwerke «hergestellt». (Hier muss man wieder aufpassen: Hergestellt heisst nicht immer, dass sie vorher nicht materiell «da sind», sondern das sie erst als Teil des Netzwerks mit Bedeutung aufgeladen werden und dann innerhalb des Netzwerks existieren. Ein Beispiel sind die gerade genannten Bodenproben aus einer Feldforschung, die Latour untersuchte (Latour 1999: 24-79): Der Boden war selbstverständlich schon da, bevor die Forschenden für ihre konkrete Forschung kamen. Aber dadurch, dass nach einem bestimmten Schema, dass gewissen Theorien und Praxen dieser spezifischen Forschung folgt, in einen einem extra angefertigten Koffer Bodenproben abgelegt wurden, wurden sie zu einem Objekt – ein Objekt, dass dann ein Netzwerk von Fragen, Analysen und Antworten ermöglichte. Erst als Bodenproben erhielt der Boden in diesem Netzwerk Relevanz – und gleichzeitig «gruppierte» sich um ihn das Netzwerk, ganz praktisch verschiedene Forschende, die interdisziplinär zusammenarbeiteten.) Non human actors können alle möglichen Sachen sein. Sie «agieren», aber ohne Bewusstsein (also anders als Menschen). Vielmehr agieren sie in dem Sinne, dass sie notwendig sind, damit das Netzwerk an sich funktionieren kann – wobei funktionieren auch nicht immer heisst, dass am Ende Ergebnisse oder Antworten entstehen. In einem anderen Buch (Latour 1996a) zeigt das Latour anhand eines «neuartigen Transportsystems», welches in Frankreich zwischen den späten 1960ern und frühen 1980ern entwickelt, (inklusive Teststrecken und Prototypen), dann aber eingestellt wurde. Das System selber – Aramis – agierte als Punkt in dem Netzwerk in dem Sinne, dass «um Aramis» herum, Millionen von Franc, von Personal, von Vorstellungen und Hoffnungen in Bewegung gesetzt wurden. Eine andere Möglichkeit, sich so einen non human actor vorzustellen, ohne in esoterische Ideen zu verfallen, sind Forschungsinstrumente in Labore, die für eine Fragestellung entwickelt werden und dann, durch ihr Vorhandensein, auch andere Fragen (in anderen Laboren) ermöglichen.
  5. Latour scheint mir in gewisser Weise sehr «französisch», weil er Begriffe anders definiert, als sie normalerweise gemeint sind. (Das passiert bei Foucault, Barthes oder so auch oft.) Wichtig ist das beim Begriff «non human actor» und der Vorstellung, dass diese agieren: Agieren heisst hier nicht, dass sie absichtlich etwas tun, so als würden die Forschungsinstrumente selber denken. Es heisst vielmehr, dass andere Akteur*innen im Netzwerk auf diese non human actors einwirken – sie werden von anderen «in Bewegung gesetzt», aber dadurch werden sie dann zu Punkten im Netzwerk. Also: Die Bodenproben sind non human actors in der oben genannten Forschung, die Forschenden «setzen sie in Bewegung» (in dem Beispiel buchstäblich, weil sie in ein Labor in ein anderes Land transportiert wurden). Aber sie sind dann Punkte in dem Netzwerk, die zum Beispiel die (sich teilweise widersprechenden) Theorien der verschiedenen beteiligten Forschenden «in Bewegung setzen» und dann eine Theorie «produzieren». (Könnte man das anders ausdrücken? Bestimmt. Aber das ist der Weg, wie offenbar gerne in Frankreich Wissenschaft betrieben wird – irgendwie habe ich das akzeptiert, auch wenn ich manchmal wünschte, dass es anders wäre. Man muss einfach darauf achten, zumal es – weil es Wissenschaft ist – definiert wird, bei Latour oft mehrfach.)
  6. Netzwerk, Wissenschaft (und später Wissenschaft und Gesellschaft) als Produktion von Fakten (Latour 2001), non human actors, «follow the actors» als Grundprinzip sowie ein «Vergessen» von Vorannahmen sowie eine Weigerung, zu kategorisieren – dass sind eigentlich «schon» die Grundprinzipien der ANT. Mir scheint das in der Anwendung immer wieder interessante Ergebnisse zu produzieren, auch wenn ich mich beim Lesen selber dabei erwischt habe, oft auch andere Fragen untersucht sehen zu wollen, beispielsweise solche nach Macht und sozialer Herkunft. Latour würde dann vielleicht sagen, dass ich Vorannahmen mit in Analysen hineinbringen will – was nicht unbedingt falsch ist. Aber mir scheint die ANT ist interessant in der Anwendung, wenn auch begrenzt. Sie ersetzt nicht andere Ansätze, sondern ersetzt sie.

Eine Sache, die Latour im Laufe seines Forschungslebens gemacht hat, war, die ANT, also diese Grundprinzipien und Erkenntnisse, immer mehr auszuweiten. Heraus aus dem Labor (Latour & Woolgar 1979) und den Zusammenhängen von Labor und Gesellschaft (Latour 1987, 1988), hin zur Gesellschaft selber (Latour 1996b) und dann, well, die ganze Welt und Klimakatastrophe (Latour 2018). Gaia ist ein weiterer Begriff, der mit Latour in Verbindung gebracht wird – dass ist, in gewisser Weise, die Welt, die als non human actor auf den Menschen reagiert. Das Netzwerk, um das es dann ist, ist, well, praktisch «alles» und Gaia ist deshalb relevant, weil sie vom Handeln der Menschen «in Bewegung» gesetzt wird. Gaia ist schon ein Begriff, der auf Gottesvorstellungen verweist, aber das heisst nicht, dass angenommen wird, dass die Welt denken würde – sie reagiert und dadurch verändert sich wieder alles: Das Klimakatastrophe als Teil eines Netzwerks. Das hat, grundsätzlich, eine Folgerichtigkeit, aber es führt halt in sehr andere Fragen, als die, die ich in meiner Relektüre angehene wollte – nämlich in solche, die sich weniger mit der Wissenschaft und viel mehr mit, well, dem Leben und Überleben der Menschheit zu tun haben.

Mir war klar, dass ich das in meiner «Relektüre» nicht mit einbeziehen wollte. Aber, was mir beim Lesen immer schwerer fiel, war, die Grenze zu ziehen. ANT und Gaia – der Zusammenhang ist eigentlich direkt. Nur scheint mir, durch die grossen, grossen Fragen, gehen interessanten Beobachtungen über die Produktion von Wissen unter, die halt auch in den Werken Latours drin stecken.

Bücher als Kneipengespräch

Warum erscheinen die Arbeit von Latour dann so komplex, dass praktisch immer wieder geschrieben wird, dass es schwer sei, sie vollständig darzustellen? Nach meinen Lektüren scheint mir das weniger an der ANT selber zu liegen, als an zwei Punkten:

  1. Wie schon gesagt scheint mir Latour sehr «französisch» in dem Sinne, dass Begriffe ständig neu definiert, dann wieder umdefiniert, dann wieder neu angeeignet werden. Man muss immer wieder neu schauen, was «gerade» in einem Text, einem Buch mit «Soziologie» oder ANT oder auch actor gemeint ist. Das ist teilweise umständlich.
  2. Gleichzeitig sind viele Bücher Latours, vor allem aus den 1990ern und frühen 2000ern, davon geprägt, dass er sich abgrenzt. Er sagt viel, viel öfter und mit viel, viel mehr Worten, was die ANT nicht ist, als das er konkrete Aussagen darüber macht, was sie überhaupt darstellt. (Hier, symptomatisch scheint mir, Reassembling the Scoial: An Introduction to Actor-Network-Theory (Latour 2005), in Deutsch erschienen als «Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft». Bei dem Titel würde man erwarten, dass es ein Einführung ist und das klargestellt wird, was neu an der «neuen Soziologie» wäre – aber eigentlich geht es die ganze Zeit darum, was die ANT alles nicht kann und soll. Es war für mich ein schwer zu lesendes Buch.) Hinzu kommt, dass die Bücher von Latour – nicht unbedingt die Artikel, die er auch publiziert hat – sich dadurch auszeichnen, dass er auf der einen Seite auf Zitationen und andere Nachweise verzichtet und auf der anderen Seite fast alle irgendwie als «experimentell» bezeichnet werden können. Dabei verweist Latour ständig auf irgendwelche Diskurse, Arbeiten, Theorien, von denen er sich abgrenzt – aber es ist nicht immer einfach, nachzuvollziehen, welcher er meint. Man muss eigentlich mitten drin stecken in den soziologischen und philosophischen französischen Debatten, um mitzukommen. Ansonsten muss man lernen, über diese Stellen hinwegzulegen – was mit der Zeit schwer wird. Man hat immer Angst, noch andere Dinge zu überlesen. Experimentell heisst, dass man auch immer Zeit braucht, um in ein Buch «hineinzukommen». Latour schreibt mal Romane, mal Philosophie, mal Studien. Zum Beispiel ist Aramis: or the love of technology (Latour 1996a) nicht einfach eine Studie darüber, wieso das im Titel genannte Transportsystem über Jahrzehnte entwickelt, aber dann nie umgesetzt wurde. Sondern es ist eher ein Bericht eines – fiktiven – Studenten der Ingenieurswissenschaften, der ein einjähriges Praktikum bei einem «Professor der Soziologie» absolviert. Der Professor ist eindeutig das Stand-In von Latour selber, aber das Buch ist aus Sicht der Studenten geschrieben, der gezwungen wird, Soziologie «zu betreiben» (und auch versucht, sein Praktikum zu wechseln). Zudem besteht das Buch grösstenteils aus Versatzstücken von Interviews, Zitaten aus Dokumenten sowie erfundenen Dialogen (Aramis «spricht» selber) sowie Photos aus der «Geschichte» von Aramis. The Pasterization of France (Latour 1988) besteht zur Hälfte aus einer Studie, zur anderen Hälfte aus einem philosophischen Traktat, gegliedert in durchnummerierten Sätzen. Oder, Existenzweisen: Eine Anthropologie der Modernen (Latour 2018), ist eine mehrere hundert Seiten lange Abhandlung, die halt «alles» beschreiben soll – eine Art Welttheorie – aber ohne jede Zitation auskommt. Und das erst letztens erschienen Zur Entstehung einer ökologischen Klasse (Latour & Schultz 2022) erinnert in Aufbau, Gestus und Inhalt an leninistische Thesenpapieren (halt tatsächlich an Lenins Broschüren wie «Was tun?», «Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus»). Ist das hilfreich für das Verständnis? Nicht immer. Aber mir scheint, der – manchmal interessante, manchmal ablenkende – Gestus des experimentellen Textes ist auch ein Grund, warum die Arbeiten von Latour komplex erscheinen; vielleicht komplexer, als sie inhaltlich sind. Es ist aber auch ein Grund, ihn immer wieder zu lesen.

«Interessante Erkenntnisse»

Gut. Das alles ist in gewisser Weise eine Erklärung – hoffe ich –, warum ich es schwierig finde, zu sagen «aus Latour lässt sich das und das lernen». Wie gesagt haben das viele Forschende für viele andere Wissenschaftsfelder versucht, teilweise sogar in ihren Dissertationen (also nicht einfach als One-Off-Artikel, sondern als jahrelange Arbeit, auf der sie dann vielleicht ihre weitere Karriere aufbauen). Teilweise, meiner Meinung nach, erfolgreich, teilweise mit eher offenen Ergebnissen (bei denen ich mich vor allem am Ende oft fragte, ob man dafür unbedingt die ANT braucht, und nicht andere, etablierte, Theorien passender gewesen wären) und teilweise auch nicht überzeugend. (In Akteur-Netzwerk-Theorie und Geschichtswissenschaft (Füssel & Neu 2021) stehen Artikel aller dieser drei Kategorien nebeneinander.)

Aber, gleichzeitig – sowohl früher als auch jetzt, bei meiner versuchten «Relektüre» – tauchten immer wieder interessante Fakten, Ergebnisse, Überlegungen auf, die mir entweder für die Bibliothekswissenschaft relevant erscheinen oder die ich einfach so bedenkenswert finde – also, in dem Sinne wie die interessanten Stellen in Merve-Büchern. Mal nur an einer Stelle im Buch, mal verteilt in verschiedenen Publikationen. Und, ich bin mir sicher, hätte ich die Lektüre fortgesetzt, dann in anderen Büchern noch mehr. Hier, in diesem Abschnitt, eine unsystematische Liste dieser Erkenntnisse. Halt so weit, wie ich dabei gekommen bin.

Wissenschaft als Kampf

Wie gesagt begann Latour mit der Analyse von Wissenschaft, insbesondere dem «Entstehen» von Wissen. Gleich in dem 1979 veröffentlichtenLaboratory Life: The Social Construction of Scientific Facts ging es darum, was Forschende eigentlich machen, wenn sie Forschen. Er beschreibt das über die Jahre hin dann immer wieder anders, in Laboratory Life aber zuerst als Kampf – und zwar nicht als Kampf mit der Natur, der man Fakten abringt, sondern als Kampf zwischen Forschenden und Laboren. Ständig würde abgewogen, was andere Labore tun, planen, veröffentlichen. Ständig würde überlegt, wie man früher als andere Labore zu einem Ergebnis kommen kann, wie man besser Interpretationen bieten kann und so weiter. Auch, wie man die Ergebnisse anderer übertrumpfen kann. Dabei – für die Wissenschaft an sich oder die Gesellschaft ist das eigentlich irrelevant. Und trotzdem ist es etwas, was die Forschenden in den Laboren ständig tun.

Latour bleibt auch nicht dabei. Im gleichen Buch beschreibt er die Arbeit im Labor als ständige Schreibarbeit und als ständige Arbeit an Artikeln – obwohl es sich bei dem Labor, dass er untersucht, um ein naturwissenschaftliches Labor handelt, nicht um ein geisteswissenschaftliches. Und, wie gesagt, in anderen Büchern und Artikeln, vervielfältigen sich die Beschreibungen der Tätigkeiten von Forschenden nur noch mehr.

Was die unterschiedlichen Beschreibungen aber verbindet, ist, das Latour sich weigert, einfach den Worten und Beschreibungen der Forschenden selber zu vertrauen und, dass er sich auch weiter, Beschreibungen anderer (zum Beispiel in (Latour 1988) den sonstigen Darstellungen der Arbeiten Pasteurs) zu folgen. Nur weil Forschende immer wieder davon reden, dass sie die Wahrheit suchen, nach den Fakten der Natur und so weiter, heisst das für ihn nicht, dass man das einfach so übernehmen kann. Man muss, dass betont er auch immer wieder, «den actors folgen», also wirklich schauen, was sie tun. Das, was sie sagen, wenn sie es beschreiben, muss man aber als Teil des «Kampfes» ansehen – als Argumente und Interpretation der actors selber. Ebenso muss man die Fakten, die sich «durchsetzen» nicht nur daraufhin anschauen, ob sie mehr oder weniger wahr sind, als Fakten, die sich nicht durchsetzen, sondern auch auf die «Konstruktion» dieser Fakten achten – Konstruktion nicht als Vorwurf, das etwas falsch oder gar verlogen wäre, sondern als Analyse, was für Entscheidungen von wem und in welchem Machtzusammenhang getroffen werden, damit ein bestimmten Fakt Bedeutung erfährt und ein anderen vielleicht nicht.

Das ist auf der einen Seite erfrischend, weil es auf zwei Sachen verweist: Erstens, dass man den «grossen Erzählungen» über Forschung nicht vertrauen muss. Das heisst nicht der Erzählung, dass es immer darum, geht, der Natur Fakten «zu entlocken», sondern auch – um es in den Bereich der Bibliothekswissenschaft zu holen – solchen Erzählungen wie der, dass Forschende die ganze Zeit darauf schauen würden, wie sie ihre Reputation verbessern könnten. Das sind alles Erzählungen, die im Rahmen verschiedener Interessen gegeben und geglaubt werden, die aber offenbar auch nie alternativlos sind. Andere Erklärung können auch oft gut beschreiben, was bei der Forschungstätigkeit «passiert». Zweitens zeigen die verschiedenen Interpretationen, die Latour im Laufe der 1980er und 1990er immer wieder neu liefert, aber auch, dass immer verschiedene Darstellungen und Interpretationen möglich sind. Auch die Darstellung der Arbeit von Forschenden als «Kampf», die er zuerst liefert, muss nicht per se mehr oder weniger «wahr» sein als andere Erzählungen.

Allerdings scheint mir nicht, dass das eine besonders innovative Erkenntnis ist. Vielleicht leben wir alle in einer Welt «nach Latour», in der das sich als Erkenntnis durchgesetzt hat. Aber, auch wenn ich Darstellungen immer wieder interessant fand, wusste ich nie, ob das nicht auch zum Beispiel mit den Diskurs- und Machtanalysen von Foucault genauso gezeigt werden könnte. Wie schon mal oben angedeutet: Immer wieder schien mir beim Lesen, dass Latour nochmal, manchmal auf anderen Wegen, zu den gleichen Ergebnissen kommt, wie andere Forschende vor ihm (zumeist, wie auch gesagt, andere männliche, französische Forschende). Das ist nicht per se schlimm, sondern zeigt ja eher, dass solche Erkenntnisse offenbar eine gute Evidenzbasis haben – weil man auf verschiedenen Wegen zu dieser Erkenntnis kommt.

Fakten werden wirkmächtig als Black Box

Eine Erkenntnis, die sich auch gleich 1979 in Laboratory Life findet, ist die, dass sich Fakten, die im Labor «produziert» werden, nicht als solche durchsetzen. Damit sie eine Wirkung haben können, die über den eigentlichen Forschungszusammenhang hinausgeht, müssen sie zu einer «Black Box» werden.

Was heisst das? «Black Box» heisst, dass Fakten zu einem Ding, zu einem Objekt werden müssen, das in anderen Zusammenhängen benutzt werden kann. Dieses Objekt kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Aber in Laboratory Life geht es um zwei dieser «Black Boxen». Einerseits geht es um eine Chemikalie, die in diesem Labor «gefunden» wurde. Sie war schon vorher bekannt, aber während der Forschung wurde eine Methode entwickelt, diese Chemikalie, die ansonsten im menschlichen Gehirn produziert wird und deshalb nur in kleinen Mengen vorhanden ist, in grossen Mengen zu produzieren. (Zudem wird in der Forschung dann, weil eine grosse Menge vorliegt, auch möglich, besser zu erforschen, wie diese Chemikalie im menschlichen Gehirn funktioniert – sie ist dann also ein actor, der andere actors «in Bewegung setzt», also hier überhaupt erst Forschung ermöglicht und bestimmte Fragestellungen möglich macht.) Diese Methode, entwickelt um in einer spezifischen Forschung genutzt zu werden, wird dann von der Industrie übernommen, die dann damit in der Lage ist, anderen Laboren gewünschte Mengen dieser Chemikalie zur Verfügung zu stellen. Aus dem prekären Ding in einem Labor wird also ein Objekt, dass andere Labore «einplanen» können – sie haben die Möglichkeit, es ohne grosse Probleme zu erhalten. Was dann passiert sind zwei Sachen: Die Chemikalie wird für Fragestellungen verwendet, die überhaupt nichts mehr mit dem Labor und dem Forschungsprogramm, in dem sie entwickelt wurde, zu tun haben. Sie ist jetzt dann Objekt, das eingesetzt werden kann. Und, gleichzeitig, wird es egal, wer die Produktion dieser Chemikalie «erfunden» hat und wie genau dieser Prozess funktioniert. Andere Labore bestellen das Objekt einfach und können auf seine «Funktionsweise» vertrauen. Das ist deshalb relevant, weil selbstverständlich im Labor, das Latour untersuchte, die Entwicklung dieser «Produktionsstrecke» viel Zeit und Ressourcen in Anspruch nahm. Und weil es auch eine Auseinandersetzung mit einem anderen Labor gab, wer diese «Produktion» zuerst aufgebaut und die tatsächliche Bedeutung dieser Chemikalie forschend bestätigt hat. Das ist dann innerhalb weniger Jahre vollkommen egal – wenn andere Labore die Chemikalie einsetzen, dann schreiben sie in ihren Papern nichts davon, wer damals «in der Auseinandersetzung gewonnen hat» oder wie viel Arbeit es war, die Produktionsstrecke zu entwickeln. Es wird nur noch die Chemikalie selber erwähnt. Dieses Ignorieren der ganzen Komplexität (Geschichte der Erforschung und der Auseinandersetzung, «Herkunft» aus dem spezifischen Labor und Forschungsprojekt, Aufbau des Produktionsprozesses) ermöglicht es aber, dass die Chemikalie «erfolgreich» ist in dem Sinne, dass sie Verbreitung findet.

Das ist einigermassen erstaunlich, weil es eine gewisse Widersprüchlichkeit zeigt: Es war ein Erfolg der Forschung, diese Chemikalie künstlich produzieren zu können. Aber, damit der Erfolg eine Relevanz erhält, muss er ein Objekt, eine Black Box werden, was dazu führt, dass nicht mehr auf diesen «Erfolg» verwiesen wird. Oder mit anderen Worten, wieder mit Bezug zur Bibliothekswissenschaft: Das Ergebnis der Forschung wird für die Praxis relevant, aber so, dass es keine Zitationen mehr gibt. Zitiert wird die Forschung des Labors während der Arbeit selber und während der Auseinandersetzung mit dem anderen Labor um die «Originalität» der Forschung. Aber je erfolgreicher das Ergebnis, also die industriell hergestellte Chemikalie, umso weniger Verbindung hat sie noch – ohne, dass es jemand aktiv verheimlichen würde, weil die Artikel dazu alle vorhanden sind – mit diesem Forschungsprojekt.

Dazu trägt auch bei, dass das «Öffnen» der Black Box – also das Nachvollziehen, was dort in ihr alles passiert, welche Entscheidungen getroffen wurden oder auch, auf welchen anderen Black Boxen sie aufbaut (zum Beispiel Messinstrumenten) – immer mehr Ressourcen benötigt, je komplexer die Black Box ist. Wenn also, um im Beispiel zu bleiben, ein anderes Labor nachvollziehen will, wie die Produktionsstrecke entstand, muss es Ressourcen verwenden, die es nicht verwenden muss, wenn es die Chemikalie einfach nutzt.

Latour (und Woolgar) zeigen im gleichen Buch noch, dass dies nicht einfach auf wissenschaftliche Fakten und Ergebnisse beschränkt ist, sondern deuten schon an – was Latour dann in anderen Büchern weiter ausarbeitet –, dass dies auch für die gesamte Gesellschaft gilt. Sie beschreiben gleichzeitig, wie ein Computer entwickelt wurde, den das Labor dann als Instrument einsetzt. Auch da gab es Entscheidungen und Auseinandersetzungen, die aber für das Labor egal sind – weil sie den Computer als «Black Box» nutzen, um Daten zu verwerten.

(Black Box kann aber auch, meinem Verständnis nach, eine Theorie sein – hier scheint mir Latour mit seinem ständigen Abgrenzungen gegen «Vorannahmen» in der Soziologie eine Sache übersehen zu haben. Diese «Vorannahmen», von denen er sich abgrenzt, lassen sich meiner Meinung nach gut als Objekte beschreiben, deren Herkunft und Produktionsprozesse nicht vollständig in einen Forschungsprozess eingebracht werden muss, um selber als actor dazu beizutragen, Wissen zu produzieren – also man muss nicht «den ganzen Foucault», «den ganze Marx», «den ganzen Weber» referenzieren, um eine sinnvolle Forschung mit deren Theorien durchzuführen.)

Non human actors

Der Interessanteste, und für mich auch Eigenständigste, Punkt bei Latour, sind die hier schon mehrfach besprochenen non human actors. Für mich sofort einsichtig ist, dass die Instrumente, die in einem Labor vorhanden sind (oder bei der Industrie bestellt werden können) eine grundlegende Rolle dabei spielen, was an Fragen überhaupt gestellt werden kann und was also überhaupt als Wissen «produziert» werden kann.

Bei Latour weitet sich das dann später immer und immer weiter in die Gesellschaft aus und es gibt dann unzählige non human actors. Das scheint manchmal fragwürdig, aber wenn man es – so meine Erfahrung – zurückführt auf das Modell von Forschungsinstrument und Wissensproduktion, wird es doch immer wieder verständlich.

Für mich einfach vorstellbar ist auch, dass Modell aus dem Labor heraus auf (zumindest) Wissenschaftliche Bibliotheken zu erweitern (also im Sinne von der Bestand von Bibliotheken ermöglicht erst bestimmte Fragestellungen) und auf den Raum Bibliothek.

Wissen in der Gesellschaft

Ein Punkt, der auch mit anderen Theorien ebenso gut beschrieben werden kann, aber bei Latour immer wieder vorkommt, ist der, dass die «Umsetzung» von Wissen, dass an einem Ort (also zum Beispiel dem Labor) produziert wird, nicht alleine von diesem Ort und seinen Handlungen abhängt. Damit Wissen eine Bedeutung über dieser Ort hinaus spielen kann, müssen viel mehr Akteur*innen handeln – human und non human. Oder anders, eher auf die Wissenschaft bezogen: Latour zeigt immer wieder, dass nicht die einzelnen Forschenden wirklich viel dafür können, ob ein Fakt, den sie erarbeiten, in der Gesellschaft oder in anderer Forschung genutzt wird. Es ist immer das ganze potentielle Netzwerk, dass darüber entscheidet.

In Le métire de chercheur regard d´un anthropologue (Latour 2001) bezieht er dies sogar explizit auf die Hochschule, an der er tätig war. Diese hat den Auftrag, angewandte Forschung zu betreiben. Er diskutiert kurz (weil es ihm doch um mehr geht), wie die Frage, was «angewandt» heisst und wie es «angewandt» wird, gar nicht so sehr von den Forschenden an der Hochschule abhängt, sondern vielmehr von der Bergbauindustrie, für die die Hochschule zuständig ist, und der Politik. (Das ist ja, als Forschender an einer Fachhochschule, auch meine Situation. Vielleicht stimme ich diesem Punkt deshalb sehr zu.)

Gaia, Europa als Modell, ökologische Klasse

Während die anderen Punkte hier sich alle irgendwie auf die «frühen Bücher» von Latour beziehen – die, die sich auch irgendwie direkt mit der ANT und der Wissenschaftsforschung verbinden lassen – fanden sich auch in späteren Büchern immer wieder Versatzstücke, die mich immer wieder einmal ansprachen, aber für mich schwierig in einem Bezug zu Forschung oder Bibliotheken zu setzen ist.

  • Weiter oben schon erwähnt, ist mir nach und nach die Bezeichnung Gaia (Latour 2017) für den «non human actor» Welt, der auf die Menschen und das Anthropozän reagiert, verständlicher geworden. Sicher – andere Bezeichnungen wären möglich. Aber diese eigenständige Bezeichnung macht es möglich, die Situation irgendwie besser zu fassen (wenn auch nicht positiver oder so): Die Welt reagiert auf die Umgestaltungen durch den Menschen und die Klimakatastrophe nicht so, als hätte sie ein Bewusstsein; gleichzeitig reagiert sie aber in einer Weise, die relevant wird für die Menschen und das Überleben der Menschheit (ganz gross gefasst), aber – weil es ein non human actor ist – auch vollkommen ohne eigenes Interesse daran. Es gibt da keine Moral, keine Ethik, sondern nur ein Agieren. (Und doch, auch hier, fand ich es verständlicher diskutiert – das ist jetzt ein interessantes Wort für dieses Buch, das ansonsten oft auch als sperrig beschrieben wird – in Donna Haraways Staying with the trouble (Haraway 2016).) Die im Grunde hoffnungslose, realistische Darstellung als Gaia macht die Situation irgendwie lebbarer, denkbar. (Schwer zu erklären. Aber es gibt einen Grund, warum es auch seit Jahren eine Reihe von philosophischen Texten gibt, die sich, unter anderem mit Bezug auf Latour, mit dem «Ende der Welt» beschäftigen.)
  • Wie gesagt beschäftigte sich Latour ab irgendwann in den 2000er Jahren mit immer grösseren Fragen. Die Themen breiten sich aus, (fast) am Ende geht es dann um Existenzweise aller möglichen actors und den «Weltuntergang» (also, den der Menschen, die Welt selber geht ja nicht unter). Und dazwischen schreib er dann Essays zu eher konkreteren Fragen (nicht zu konkret), die sich recht schnell lesen lassen. In einem davon, Das terrestische Manifest (Latour 2022 [2018]), reagiert er auf die Wahl Donald Trumps. Es ist ein Text, der auch von vielen Behauptungen und Argumentationsversuchen lebt (aber es ist ja auch ein «Manifest», obwohl ich eher sagen würde, es ist ein Essay). Hier scheint sich Latour indirekt auch mit seiner Angst zu beschäftigen, dass gerade er Stichwortgeber für Leugner*innen der Klimakatastrophe geworden sein könnte. Zwei Sachen sind mir aus diesem Essay als Denkanstösse geblieben: Erstens beschreibt er die Wahl Trumps auch als Wahl eines grossen Teils der US-amerikanischen Bevölkerung, sich aktiv dafür zu entscheiden, sich zu weigern, sich weiter als Teil dieser Welt zu sehen. Sie hätten die Wahl getroffen, sich nicht nur als Teil eines besonderen Landes (das wäre der US-amerikanische «Exzeptionalismus») zu sehen, sondern zu postulieren, dass dieses Land gar nicht zur Welt gehört und man deshalb alles ignorieren kann. Eine Realitätsverweigerung, die aber aktiv eingegangen wird – nicht, weil die Fakten nicht bekannt seien oder so. Und zweitens formuliert er ein Gegenbeispiel: Wie sollte man sich stattdessen in der Welt verhalten, in der jetzigen Situation der Klimakatastrophe? Er führt Europa an und sagt von sich, das er überzeugter Europäer wäre – Europäer verstanden als Teil einer Gemeinschaft, die gelernt hat – nach langen, schrecklichen Prozessen – auf Exzeptionalismus, Sonderstellung und auch auf imperiale Ansprüche zu verzichten; sondern stattdessen akzeptiert, was ist. Realistische Handlungen, realistische Erwartungen. Sicherlich: Das ist eine Darstellung von «Europa», die man als sehr optimistisch verstehen kann. Es ist in gewisser Weise eine Utopie – ein Europa und auch ein Frankreich, dass sich als Teil der Welt versteht und nicht mehr als irgendwie abgehoben. Ein Europa, das die Ergebnisse der Geschichte akzeptiert und versucht, innerhalb dieses Rahmens zu handeln (also zum Beispiel keine Grenzen mehr verändern, Länder ausweiten oder aber Verbrechen der Vergangenheit schön reden will.) Aber – gerade mit dem Krieg in der Ukraine habe ich mich immer wieder einmal an diese Darstellung erinnert und mich gefragt, ob Latour damit nicht doch ein wenig Recht hat. Vor allem in dem Sinne, dass «Europa» es grösstenteils heute vollkommen einsichtig findet, dass es keine imperialen Veränderungen von Grenzen und Ländern geben sollte (etwas, dem Russland nicht zustimmen würde) und das auch in recht aktive Politik umsetzt – was Anbetrachts der Geschichte Europas eigentlich erstaunlich ist. Ich weiss nicht, was ich daraus machen soll – es ist nur einer dieser kleinen «interessanten Gedanken», die mir bei Latour immer wieder unterkommen.
  • Der letzte Essay, den ich von Latour (und Schultz) gelesen habe – vielleicht auch der letzte publizierte Text von Latour, auch wenn ich erwarte, dass da noch einige «aus dem Nachlass» kommen werden und das schon an mindestens einer Gesamtausgabe gearbeitet wird – ist Zur Entstehung einer ökologischen Klasse (Latour & Schultz 2022). Das ist wieder so ein Essay zu einer grossen Frage – nämlich, ob und wie eine «Klasse» entstehen kann, die politisch das Erbe linker Bewegungen (hier vor allem auf die «proletarische Bewegung» bezogen) antreten kann, aber mit dem Ziel der Umgestaltung der Gesellschaft hin zu einer, die nicht nur sozial ist, sondern auch noch ökologisch das Überleben der Menschheit sicherstellen kann – also wieder das grosse Ganze. (Das klingt jetzt gleich ein wenig, als würde ich einen Witz machen wollen, aber das steht alles so in diesem Buch und das Buch ist wirklich bei einem Verlag wie Suhrkamp verlegt worden.) Latour und Schultz benutzen den Begriff Klasse, wie er im Marxismus verstanden wurde, weil sie damit auch über die Fragen reden können, die im Marxismus relevant waren. Zum Beispiel, wie sich die Klassen in der jetzigen Gesellschaft zusammensetzen, wie sich ein «Klassenbewusstsein» bildet (also nicht nur die Klasse als Teil der Gesellschaft bestimmt werden kann, sondern «die Klasse selber» lernt, sich als solche zu sehen, gemeinsame Ziele zu definieren und dann auch politisch anzustreben). Zudem schliessen sie – mal mit direkten Verweisen, mal indirekt – an weitere linke der Debatten der letzten 200 Jahre an, insbesondere an Gramsci und seine Überlegungen zur Hegemonie. Und, wie oben erwähnt, in gewisser Weise ist der Essay so aufgebaut und argumentiert auch so, wie Lenin das in seinen kurzen Essays kurz vor der Oktoberevolution gemacht hat – es geht also nicht nur um eine Analyse, sondern auch um die Frage, «wie die Revolution zu machen ist». Wie gesagt: Latour ist immer irgendwie in anderen Debatten drin und dabei teilweise erstaunlich radikal und rabiat. (Wobei mir auch immer wieder auffällt – wenn ich das so in Deutsch schreibe, klingt das viel radikaler und erstaunlicher, als wenn ich das in Französisch lese.) Was mich an dem Buch aber vor allem irritiert hat, ist, dass es in gewisser Weise doch zurückkehrt zu Punkten, die Latour selber in den 1980ern und 1990ern vehement abgelehnt hat – während er mehrfach herausgestellt hat, wie wichtig es wäre, ohne Vorannahmen in die Analyse von Situationen zu gehen und stattdessen «zweidimensionale Karten» der Situation zu zeichnen, auf denen alle human und non human actors die gleiche Bedeutung und Wirkmacht haben, ist er in Zur Entstehung einer ökologischen Klasse auf einmal wieder ganz schnell bei, well, Klassen, sozialen Schichten und Macht. Ich weiss – darum geht es in dem Essay gar nicht, aber mir schien auch, dass es ebenso ein (indirektes) Eingeständnis zeigt: Nämlich das solche «Vorannahmen» sinnvolle Werkzeuge sein können. Mir schien, Latour führt in dem Essay indirekt auch vor, dass die ANT und davon abgeleitete Analysen immer nur eine Möglichkeit der Analyse darstellen und dass andere Ansätze auch immer möglich (und manchmal sinnvoller) sind. Auch hier – was macht man damit? Ich weiss es. Aber ich hatte, als ich das Buch las, schon beschlossen, dass ich die Relektüre abbreche. Ansonsten aber wäre das ein wichtiger Punkt für die weitere Diskussion gewesen: Welche «Reichweite», welchen Anspruch hat die ANT – besonders, wenn Latour selber von ihr abweicht, wenn es ihm notwendig erscheint.

ANT und die Bibliothekswissenschaft

Dieser Blogpost hier ist «einfach runtergeschrieben». Für eine richtige Relektüre hätte ich ihn selbstverständlich besser strukturiert, Argumente in eine Reihenfolge gebracht, darauf geachtet, Fakten und Meinung zu trennen… Wie gesagt, irgendwann wurde mir das Projekt zu gross. Deshalb gibt es hier auch kein richtiges Ende. Ich kann nicht wirklich sagen, ob und wenn ja, wie die ANT in der Bibliothekswissenschaft genutzt werden kann. Soweit bin ich nicht gekommen.

Aber noch hier kurz, anstelle eines schönen Fazit, ein paar Überlegungen dazu. Was denke ich, ohne das systematisiert zu haben, was die Bibliothekswissenschaft von Latour beziehungsweise aus seinen Arbeiten, lernen kann?

  • Man kann lernen, dass Wissenschaft (sowohl als direkte Aktivität, also das, was Forschende tun, als auch als System) nicht einfach mit einem Modell beschrieben werden kann. Relevant ist das, weil eigentlich für all die Projekte und Darstellungen zu Open Access, Bibliometrie und so weiter, im Bibliothekswesen und in der Bibliothekswissenschaft immer nur ein Modell («Forschende forschen und sind an Publikationen für die Reputation interessiert») rezipiert wird (was ein Modell ist, das gerade Wissenschaftsverlagen eine hohe Bedeutung zugesteht, und den Verlagen damit vielleicht mehr nützt, als der Wissenschaft oder den Bibliotheken selber). Sinnvoller wäre eine direkte Beobachtung der wissenschaftlichen Arbeit (also: Was tun Forschende wirklich beim Forschen und Arbeiten – nicht was sagen sie in Umfragen und Interviews, wenn man immer die gleichen, auf nur diesem einem Modell basierenden, Fragen stellt). Diese würde wohl zu einer genaueren, aber wohl auch komplexeren und teilweise widersprüchlichen, Beschreibung von Wissenschaft führen, die näher an der Realität sind. Und vielleicht auch zu Modellen, die mehr den Bibliotheken und den Forschenden nützt, als den Verlagen.
  • Der Punkt mit der Black Box (also, dass wissenschaftliche Fakten erst eine «Black Box» werden müssen, um in der Gesellschaft «erfolgreich» zu sein, erfolgreich im Sinne von: Die Gesellschaft und das Leben der Menschen verändern) und vor allem, dass mit dem erfolgreichen «Black Boxing» einhergeht, dass die Verbindung zwischen Forschenden und dem Objekt verloren geht, scheint mir relevant, weil er eigentlich die meisten Überzeugungen, die «hinter» der Bibliometrie stehen, obsolet macht. Zumindest, wenn die Bibliometrie (also die Arbeit mit Zitationen als Datenmaterial) genutzt wird, um den «Fluss» von Wissen und den Einfluss von Wissenschaft nachzuvollziehen. Denn praktisch zeigte Latour (in dem oben angeführten Buch sogar teilweise mit bibliometrischen Daten), dass ein Erfolg von Wissenschaft in diesem Sinne immer damit einhergeht, dass es für die «betroffenen» Forschenden keine Zitationen gibt. Sicherlich: Das ganze Bibliothekswesen betreibt Bibliometrie immer nur mit Bauchschmerzen, jeder «bibliometrische» Bericht enthält einen Abschnitt dazu, dass Zitationen immer nur einen begrenzten Aussagewert haben. Und es gibt auch schon zahlreiche weitere kritische Betrachtungen der Annahmen hinter der Bibliometrie (sowie genauer durchdachte «Annahmen»). Und trotzdem scheint mir der Begriff und die Beschreibung des «Black Boxing» eine weitere Ebene der Kritik hinzufügen.
  • Immer noch eher intuitiv scheint mir, die ANT liefert auch eine – aber wirklich nur eine neben anderen – Möglichkeiten, den Raum Bibliothek zu untersuchen, also zu schauen, wie die non human actors (vor allem Medien) in Netzwerke der Tätigkeiten integriert sind, die Menschen in Bibliotheken ausüben. Aber genauer beschreiben, wie ich mir das vorstelle, kann ich immer noch nicht. (Das wäre wohl Teil der Relektüre gewesen. Allerdings ein Verweis auf Monospace and Multiverse: Exploring Space with Actor-Network-Theory von Sabine Hansmann (2021), welche die ANT nutzt, um ein Gebäude zu verstehen, dass gleichzeitig Museum, Bibliothek, Lernort und sozialer Ort ist.)
  • Und, selbstverständlich, aber irgendwie auch so naheliegend, dass es sich komisch anfühlt, es extra zu erwähnen: Medien lassen sich mit der ANT als non human actors in Netzwerken der Wissensproduktion verstehen, auch und gerade die Medien, zu denen Bibliotheken Zugang liefern.

Literatur

Chaillan, Pierre (2022). Bruno Latour, penseur des sciences et de l’écologie salué et critiqué. In: lʹHumanité, 10.10.2022, https://www.humanite.fr/en-debat/anthropologie/bruno-latour-penseur-des-sciences-et-de-l-ecologie-salue-et-critique-766754

Felski, Rita ; Muecke, Stephan (edit.) (2020). Latour and the Humanities. Baltimore: Johns Hopkins University Press, 2020

Füssel, Mariam ; Neu, Tim (Hrsg.) (2021). Akteur-Netzwerk-Theorie und Geschichtswissenschaft. Leiden, Boston, Singapore, Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh, 2021

Haraway, Donna (2016). Staying with the trouble: making kin in the Chthulucene. Durham: Duke University Press, 2016

Jeffries, Stuart (2022). Bruno Latour obituary. In: The Guardian, 10.10.2022, https://www.theguardian.com/world/2022/oct/10/bruno-latour-obituary

Kofman, Ava (2022). On Bruno Latour (1947–2022): The world was his laboratory. In: N+1, 2022, https://www.nplusonemag.com/online-only/online-only/on-bruno-latour-1947-2022/

Latour, Bruno ; Woolgar, Steve (1979). Laboratory Life: The Social Construction of Scientific Facts. (Sage Library of Social Research ; 80). Beverly Hills, London: Sage Publications, 1979

Latour, Bruno (1987). Science in Action: How to follow scientists and engineers through society. Cambridge: Havard University Press, 1987

Latour, Bruno (1988). The Pasterization of France. Camb, London: Harvard University Press, 1988

Latour, Bruno (1993). We Have Never Been Modern. Cambridge: Harvard University Press, 1993

Latour, Bruno (1996a). Aramis: or the love of technology. Cambridge, London: Harvard University Press, 1996

Latour, Bruno (1996b). Der Berliner Schlüssel : Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften. Berlin: Akademie Verlag, 1996

Latour, Bruno (1999). Pandora´s Hope: Essays on the Reality of Science Studies. Cambridge: Harvard University Press, 1999

Latour, Bruno (2001). Le métire de chercheur regard d´un anthropologue: Une conférence-débat à lÍNRA Paris, le 22 septembre 1994. (2e éditon) Paris cedex: Institut National de la Recherche Agronomique, 2001

Latour, Bruno (2005). Reassembling the Scoial: An Introduction to Actor-Network-Theory. (Clavendo Lectures in Management Studies) Oxford: Oxford Universities Press, 2005

Latour, Bruno (2017). Facing Gaia : eight lectures on the new climatic regime. Cambridge: Politiy, 2017

Latour, Bruno (2018). Existenzweisen: Eine Anthropologie der Modernen. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2018

Latour, Bruno (2022 [2018]). Das terrestische Manifest. (5. Auflage) Berlin: Suhrkamp Verlag, 2022

Latour, Bruno ; Schultz, Nikolaj (2022). Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2022

Laux, Henning (Hrsg.) (2016). Bruno Latours Soziologie der «Existenzweisen»: Einführung und Diskussion. (Sozialtheorie) Bielefeld: transcript Verlag, 2016

Hansmann, Sabine (2021). Monospace and Multiverse: Exploring Space with Actor-Network-Theory. (Materialities) Bielefeld: transcript Verlag, 2021

Schmidgen, Henning (2011). Bruno Latour: Zur Einführung. (Zur Einführung) Hamburg: Junius Verlag, 2021

Schötzel, Hagen (Hrsg.) (2019). Der große Leviathan und die Akteur-Netzwerk-Welten: Staatlichkeit und politische Kollektivität im Denken Bruno Latours. (Staatsverständnisse ; 122) Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2019

Truong, Nicolas (2022). Bruno Latour, penseur du « nouveau régime climatique », est mort. In: Le Monde, 09.10.2022, https://www.lemonde.fr/disparitions/article/2022/10/09/bruno-latour-penseur-du-nouveau-regime-climatique-est-mort_6145057_3382.html

Wilde, Jessica (2021). Die Fabrikation der Stadt: Eine Neuausrichtung der Stadtsoziologie nach Bruno Latour. (Urban Studies) Bielefeld: transcript Verlag, 2021


Fussnoten

1 Einschränken muss ich auch, dass eine «richtige Relektüre» sich jeweils mindestens mit den ersten Ausgaben und – wenn es sie gibt – denen «letzter Hand» befasst hätte. Die meisten (nicht alle) Bücher von Latour erschienen zuerst in Französisch, ich hätte sie also auch in Französisch lesen müssen. Hingegen habe ich mich darauf beschränkt, die Ausgabe zu nehmen, die mir irgendwie zugänglich war – und das waren dann auch oft Übersetzungen ins Englische oder Deutsche. Das ist / wäre also nicht perfekt gewesen. Ein wenig zu meiner Verteidigung: (1) Es wäre, auch wenn es fertig geworden wäre, wieder mal ein Projekt in meiner Freizeit gewesen. Da muss ich zeitökonomisch sein und nehmen, was mir zugänglich ist. Also eher das Buch aus meinem eigenen Regal oder der Bibliothek, aus der ich es direkt per Fernleihe bestellen kann, als dem Buch das in Strasbourg oder Lyon liegt und nur vor Ort eingesehen werden kann. (2) Mir waren per Fernleihe auch viele Werke in Französisch in der ersten Auflage zugänglich, weil sie in Bibliotheken in Lausanne, Genève oder so liegen. Aber die waren erstaunlich oft in einem erbärmlichen Zustand, kurz vor dem Auseinanderfallen. Ich habe mich dann oft nicht getraut, in ihnen intensiv zu lesen, sondern lieber nochmal eine neuere Version bestellt, die dann oft in Übersetzung kam.

2 Kofman (2022) schreibt, dass er sich viele Gedanken darum gemacht hätte, ob die Leugner*innen des Klimawandels sich auf ihn beriefen.

3 In der Literatur (Laux 2016) findet sich die gut nachvollziehbare Kritik, dass Latour nicht an einer Soziologie interessiert ist, sondern an einer Ontologie (im Sinne der Philosophie, also als Beschreibung wie etwas ist und nicht im Sinne der Informationswissenschaft als Kategorisierung).

Vorüberlegungen zu einem notwendigen Neuen Lehrbuch für das Bibliothekswesen: Teil 3

Teil 1: Kapitel 1-4

Teil 2: Kapitel 5.1-5.9

Teil 3: Kapitel 5.9-6

5.10 Projektarbeit und Drittmittel

Der Themenbereich Projektarbeit und Drittmittel wäre für mich einer, der zu einem Lehrbuch hinzukommen müsste. Das wäre eine Entwicklung, die meiner Überzeugung nach auch in Zukunft das Bibliothekswesen prägen wird – hier wäre ich also der Meinung, dass es nicht ein Trend ist, der in zehn Jahren schon wieder einigermassen vorbei sein wird – und die gleichzeitig bislang wenig thematisiert wird. Sowohl in «Bibliothekarisches Grundwissen» als auch in «Le Métier de Bibliothécaire» ist sie bislang, soweit ich das sehe, nicht ausreichend behandelt worden.

Was ich mit dem Thema meine, ist nicht einfach die Arbeit an Projekten. Heute werden in Bibliotheken zahlreiche Arbeiten als «Projekte» durchgeführt (und hier müsste, wie ich gerade beim Schreiben merke, gewiss auch ein Kapitel zum Projektmanagement in das Lehrbuch integriert werden, schon, weil es in vielen Bibliotheken bislang nicht immer optimal organisiert ist) und Kolleg*innen müssen dies in ihren Arbeitsalltag integrieren. Das ist der eine Teil. Aber der andere, der mit wichtig scheint, ist, dass klar sein muss, dass immer Entwicklungen in Bibliotheken über Drittmittel finanziert werden. Das gilt für Wissenschaftliche Bibliotheken noch mehr, aber auch in Öffentlichen Bibliotheken ist dies der Fall.

Angehende Kolleg*innen sollten wissen, was es heisst, Drittmittel zu organisieren (im Idealfall auch mit der Nennung der wichtigsten Drittmittelgeber, wieder für den ganzen DACH-Raum und das gesamte Bibliothekswesen), inklusive der Arbeit an Anträgen. Thematisiert werden sollte aber auch, was es dann heisst, wenn Drittmittel eingeworben sind. Insbesondere sollte diskutiert werden, dass es immer die Gefahr gibt, dass die Arbeit in solchen Projekten «neben der eigentlichen Bibliothek» läuft, von Personen gemacht wird, die in den Bibliotheksalltag nicht integriert sind und dass dann nach dem Ende der Projektzeitlauf die Projekte selber in der Bibliothek nichts hinterlassen wird. Es muss also auch angesprochen werden, dass es Aufgabe der Bibliotheksleitungen ist, die Ergebnisse von Projekten in die Bibliotheksarbeit zu überführen.

Gleichzeitig wird es eine Aufgabe sein, die Kritik an dieser Struktur (also zum Beispiel, dass in solchen Strukturen Personen «verbraucht» werden und nach Jahren der Projektarbeit oft wieder anderswohin in das nächste Projekt müssen, was für die Personen, aber auch die Bibliotheken, die von ihrem Wissen profitieren könnten, negativ ist) zwar anzusprechen, aber auf der anderen Seite die reale Situation zu schildern. Ein Lehrbuch soll nicht politischer Aufruf sein, sondern Einführung in das Thema. (Und dann wird es auch noch wichtig, die Unterschiede in den Ländern des DACH-Raumes anzusprechen.¨Das Wissenschaftsteilzeitgesetz gibt es zum Beispiel nicht in allen dieser Länder.)

5.11 Kooperationen, Verbünde und Konsortien

Ein Thema, welches meiner Meinung nach in den beiden Lehrbüchern, die ich immer als Beispiel anführe, noch immer zu kurz kommt und welches ich in einem neuen Lehrbuch ausgeweitet sehen wollen würde, ist der gesamte Bereich von Kooperationen und Zusammenarbeit in Bibliotheken. Dabei würde es sowohl um bibliothekarische Infrastrukturen wie Verbünden und (institutionalisierte) Konsortien gehen als auch um weniger formalisierte Kooperationen. Angehenden potentiellen Kolleg*innen muss gleich am Anfang klar vermittelt werden, dass sie nicht in einer Bibliothek arbeiten werden, sondern in einem untereinander vernetzten Bibliothekswesen. Man muss das dann noch einmal für verschiedene Bibliothekstypen und -grössen differenzieren, aber grundsätzlich muss klar sein, dass (a) das Bibliothekswesen dazu tendiert, sich intern (also zwischen den Bibliotheken) weiter über die einzelnen Bibliotheken hinaus zu organisieren (beispielsweise in Arbeitsgruppen, Kommissionen, mehr oder minder losen Verbindungen), (b) das Bibliotheken Infrastrukturen wie Verbünde und Konsortien etablieren oder aber (das eher bei Öffentlichen Bibliotheken mit den Fachstellen) staatlicherseits etabliert bekommen, (c) dass Bibliotheken auch dazu tendieren, diese Verbindungen zum Beispiel innerhalb eines Bibliothekstyps immer wieder neu zu knüpfen, selbst wenn sie einmal zerbrechen (ich denke da an die juristischen Bibliotheken, aber es gibt so viele andere Beispiele). Es muss klar sein, dass Bibliothekar*in sein, heute praktisch immer heisst, nicht nur in einem «Haus» tätig zu sein, sondern weiter ständig mit anderen Kolleg*innen in anderen «Häusern» zu kommunizieren.

  • Es sollte zudem – vielleicht anhand von Beispielen, aber immer mit Vorsicht – klar werden, was diese Zusammenarbeit bedeuten kann. Ich denke da an lose Kontakte, «wo man sich halt kennt», als ein Extrem, über Strukturen, die regelmässige Treffen und Vorträge organisieren, bis hin zu offiziellen Kommissionen von Verbänden oder Bibliotheksstrukturen. Was klar werden muss, ist, dass es nicht nur erwartet wird, dass sich Bibliothekar*innen in solche Strukturen einbringen, sondern das es auch für alle Bibliothekar*innen möglich und sinnvoll ist, dies zu tun. (Und für die Kolleg*innen, die einmal in die Leitungsebene wechseln werden, muss auch klar sein, warum es sinnvoll und für die eigene Bibliothek vorteilhaft ist, wenn für solche Kooperationen Arbeitszeit aufgewendet wird.) Vielleicht muss es dann nochmal betont werden, aber ohne Frage ist die Aufgabe der Kooperationen immer, die Arbeit der Bibliotheken bezogen auf ihre jeweiligen Aufgaben effizient zu organisieren.
  • Was so ein Lehrbuch selbstverständlich auch enthalten muss, ist ein Überblick zu den vorhandenen Strukturen, insbesondere den Verbünden, Fachstellen und anderen bibliothekarischen Infrastruktureinrichtungen sowie Konsortien, aber auch den wichtigsten Kommissionen an den Nationalbibliotheken. Zudem sollte klar werden, dass es zum Beispiel immer weitere Verbindungen (ich denke nur an mehr oder minder offizielle Zusammenschlüsse von Öffentlichen Bibliotheken in Kantonen, Bundesländern oder Regionen sowie an Zusammenschlüsse von fachliche ähnlichen Bibliotheken wie den Medizinbibliotheken oder den Museumsbibliotheken) gibt – und das die immer in Entwicklung sind. Eine Sache, die mich an «Bibliothekarisches Grundwissen» immer störte, war, dass dies nur für Deutschland gemacht wird und nicht für den gesamten DACH-Raum, obwohl gerade das ja nicht so schwer wäre, auch die Verbundslandschaft in Österreich, Schweiz und Liechtenstein zu ergänzen.
  • Wichtig wäre auch, dass klar wird, was die Verbünde und so weiter tun, aber auch, dass die Arbeit in Verbundszentralen (oder wie sie heissen) eine mögliche Karriere im Bibliothekswesen darstellt, die mit grossen Einflussmöglichkeiten auf die Entwicklung der Bibliotheken verbunden ist.

5.12 Bau, Bauprojekte, Betrieb von Bibliotheksgebäuden und Magazinen

Das Interesse am Thema Bibliotheksbau scheint in letzter Zeit – erstaunlicherweise, wenn man bedenkt, wie wichtig es vor vielleicht zehn Jahren schien, aber genau deshalb darf man sich bei Lehrbüchern nicht auf kurzfristige Publikationstrends verlassen – stark abgenommen zu haben. Für eine Lehrbuch ist es dennoch relevant, allerdings aus Sicht des Bibliotheksmanagements, nicht aus Sicht des Designs oder Architektur. Grundsätzlich sollte vermittelt werden, welche Aufgaben sich stellen, wenn neue Bibliotheken gebaut oder Bibliotheken grundsätzlich umgebaut werden. Angehende Kolleg*innen sollten frühzeitig lernen, welche Standards es gibt (wobei man wieder für den DACH-Raum die unterschiedlichen Regeln zu Durchsetzung der Standards nennen muss), worauf geachtet werden muss, wenn man die Interessen von Bibliothek, Bibliothekar*innen und Nutzer*innen in die Bauplanung einbringt. Zudem sollten sie auch lernen, dass man grossen Worten und Behauptungen von Architekt*innen nicht vertrauen, sondern eigene Nachforschungen anstellen sollte. Und, dass man bei der Planung den normalen Bibliotheksbetrieb im Auge haben muss. Zudem sollte ein Überblick dazu gegeben werden, wie Planungen von Bauprojekten ablaufen, damit dies nicht erst im Laufe eines solchen Projektes herausgefunden wird. Grundsätzlich sollte ein solches Lehrbuch angehende Bibliothekar*innen darauf vorbereiten, sich beim Bau nicht von Behauptungen oder einfachen, schönen Bildern beeindrucken zu lassen, sich auf den schon vorhandenen Standards abzustützen und sich bei Bauprojekten einbringen zu können. Und es sollte gesagt werden, dass der Neu- und Umbau von Bibliotheken eigentlich kontinuierlich immer irgendwo stattfindet (also nicht nur eine theoretisch möglich ist), auch wenn es die «eigene» Bibliothek nur von Zeit zu Zeit trifft.

Das gleiche gilt für den Bau von Magazinen. Auch der sollte angesprochen und die relevanten Aufgaben beschrieben werden, weil es weiterhin eine wiederkehrende Aufgabe für Bibliotheken darstellt. Wichtig wäre mir, dass man dabei auch nicht darin verfällt, zu behaupten, dass es einen eindeutigen Trend zu kooperativ betriebenen Magazinen gibt, nur weil in den letzten Jahren einige gebaut wurden – aber gleichzeitig zu erwähnen, dass es diese gibt und welche Herausforderungen das stellt.

Was mir in den beiden anderen Lehrbüchern fehlt, ist eine Darstellung der Aufgaben, die sich Bibliotheken auch beim normalen Betrieb, im Bezug auf Gebäude (Bibliotheksgebäude, Magazine, aber wohl auch den «Mitbetrieb» von solchen Annexen wie Gemeindesälen) stellt. Das ist eine alltäglichere Aufgabe als der Neu- und Umbau, aber eine, die auch organisiert werden muss. Dabei würde es darum gehen, welche Routinen etabliert werden müssen (zum Beispiel die regelmässige Raumpflege, die Überprüfung von Temperatur, Feuchtigkeit, Fenstern, Bau und so weiter, die Katastrophenplanung – die noch mehr umfasst, selbstverständlich), aber auch, dass das oft bedeutet, diese Aufgaben «auszulagern». Für potentielle Kolleg*innen wäre es wichtig zu wissen, dass dies teilweise zum Aufgabenbereich einer Bibliothek gehören kann, auch wenn es teilweise zum Beispiel von der Gemeinde oder Hochschule im Rahmen ihrer Aufgaben übernommen wird.

5.13 Statistik und Evaluation

Ein bibliothekarisches Lehrbuch sollte eine Darstellung der vorhandenen statistischen Daten im Bibliotheksbereich enthalten, aber auch eine Darstellung davon, wie diese in der Praxis genutzt werden. Immerhin gibt es eine wachsende Zahl dieser Daten, deren Qualität zudem langsam zu steigen scheint. Bis auf Liechtenstein haben jetzt alle Länder im DACH-Raum jährlich erhobene Bibliotheksstatistiken, praktisch alle Bibliotheken nutzen heute Bibliothekssysteme, die auch Daten zur Nutzung bereitstellen (können) und die COUNTER-Daten haben sich im Bereich der Wissenschaftlichen Bibliotheken durchgesetzt. (Ein Lehrbuch kann gerade auch den COUNTER-Standard nehmen, um zu zeigen, wie ein solcher Standard weiterentwickelt wird und wie Bibliotheken daran teilhaben können.)

Mir ist klar (weil ich auch ständig alte bibliothekarische Zeitschriften anschaue), dass die Frage, ob und welche statistischen Daten Bibliotheken erheben sollten, das moderne Bibliothekswesen praktisch von Beginn an umtreibt. Es scheint also, als wäre es relevant. Was mir allerdings auch klar ist, ist, dass es wenig Wissen darüber gibt, wie die ganzen statistischen Daten in der Praxis tatsächlich genutzt werden. (Das habe ich mehrfach versucht zu klären oder klären zu lassen – und es gibt immer nur kurze Einblicke und Hinweise, aber nicht so richtig eine Darstellung und Diskussion dieser Praxis.) Für ein Lehrbuch fände ich es aber relevant (und hier könnte es dann über die Aufgaben der «Einführung» hinaus auch als Darstellung von Möglichkeiten für die Profession wirken), zu zeigen, wie sie tatsächlich genutzt werden. Nicht einfach «man kann sie benutzen» oder «man kann die eigene Bibliotheken mit ähnlichen Bibliotheken vergleichen», sondern konkreter – wie sie benutzt werden, um regelmässige Entscheidungen zu treffen. Das wäre ein Punkt, bei dem ich denken würde, das Planen eines neuen Lehrbuches könnte zu mehr Forschung über den Status Quo in Bibliotheken führen – weil sie wohl notwendig wäre, um ein solches Kapitel überhaupt schreiben zu können.

5.14 Bibliothekstechnologie, Bibliothekssoftware

Die Arbeit in Bibliotheken ist auch immer mit der Nutzung von Technologie und Software verbunden. Das muss, glaube ich, nicht diskutiert werden. Was zu diskutieren wäre, ist, welche Technologien und welche Software in einem Lehrbuch dargestellt werden sollte. Mir wäre wichtig, dass angehenden Kolleg*innen klar vermittelt wird, dass sie in ihrem Alltag (wohl) nicht darum kommen werden und das es deshalb auch wichtig ist, sich mit den Entwicklungen von Technik und Software auseinanderzusetzen sowie die Aufgaben von Bibliotheken die sich durch den Einsatz von Technik ergeben haben, sich zum Beispiel um das Updaten von Technologien und den Erhalt Sorgen zu machen. Dem ist als Grundprinzip ist wohl nichts entgegenzuhalten.

Es gäbe meiner Meinung nach aber noch einiges, was man diskutieren kann.

  • Sicherlich zuerst, welche Technologien und welche Software näher dargestellt werden sollten. Der Fokus sollte selbstverständlich auf solchen liegen, die im Bibliotheksalltag tatsächlich genutzt werden – aber welche das sind (und zwar langfristig), muss wohl erst diskutiert werden, genauso wie die Frage, ob und wie tief darauf eingegangen werden müsste, dass bestimmte Technologien für bestimmte Bibliothekstypen relevant sind und für andere nicht (beispielsweise die Fahrregalanlagen, die für Kantons-/Landes-/Nationalbibliotheken prägend, aber für Öffentliche Bibliotheken praktisch irrelevant sind).
  • Was ich relevant finde, wäre darzustellen, wie die tatsächliche Situation der Technik- und Softwareentwicklung in Bibliotheken ist: Auf der einen Seite die immer weniger werdenden, grossen Anbieter, inklusive ihrer jeweils eigenen Modelle (von der Zusammenarbeit mit Bibliotheken bis zu reinen software as service oder «schlüsselfertigen» Technologien). Auf der anderen Seite die Bibliotheken, die sowohl Strukturen aufbauen und Arbeit organisieren, um mit diesen Angeboten zu arbeiten und auf der anderen Seite in vielen Bereichen auf Open Source Lösungen und Entwicklungen setzen. Insbesondere scheint es mir in einen einführenden Lehrbuch wichtig zu zeigen, wie unterschiedlich diese Strukturen sind (also das zum Beispiel einige Bibliotheken selber direkt mit Anbietern interagieren und viele andere «vermittelt» über Verbundzentralen und ähnliche Einrichtungen) und was dies für die konkreten Bibliotheken bedeutet. Es sollte auch klar werden, dass nicht nur der Umgang mit Technik und Software normaler Teil der bibliothekarischen Arbeit ist, sondern auch das Updaten, Reparieren, Ersetzen und Ergänzen eigentlich eine regelmässige Aufgabe darstellen – die intern organisiert und dann auch von Personal umgesetzt werden muss. Zudem sollte – wie auch an anderen Stelle – klar werden, dass es spezifische Aufgaben und Stellen in Verbundzentralen gibt, die auch im Bereich Software und Technik einen grossen Einfluss auf zahlreiche Bibliotheken haben.
  • Wichtig wäre kurz zu schildern, wie Bibliotheken vor allem über Drittmittelprojekte an der Entwicklung von Software im Open Source Bereich mitwirken. Hier sollten einige «Erfolge» dieser Entwicklungen genannt werden (also insbesondere Repository-Software), um zu zeigen, dass sie möglich sind.
  • Eine Frage, die ich schwer zu beantworten finde, ist die danach, ob eine Marktübersicht sinnvoll wäre. Einerseits ist die Zahl der Anbieter von Technologie und Software, auf die Bibliotheken zurückgreifen, soweit zurückgegangen, dass eine solche Übersicht nicht allzu viel Platz einnehmen würde (man müsste halt darauf achten, wirklich alle zu erwähnen), was potentiellen neuen Kolleg*innen auch zeigen würde, dass es Auswahl gäbe, aber nicht so viel – aber gleichzeitig würde eine solche Übersicht selbstverständlich schnell veralten.
  • Was mir wichtig wäre – aber ich weiss, dass ist kein Konsens –, wäre zu vermitteln, dass Bibliotheken an sich recht erfolgreich darin sind, Technologien und Software für die bessere Organisation ihrer eigenen Arbeit zu integrieren. Nicht perfekt, aber auch nicht so langsam, wie es teilweise dargestellt wird. Die doch vorhandene Agilität (trend-besetztes Wort, ich weiss) von Bibliotheken sollte nicht unter den Teppich gekehrt werden.

5.15 Bibliotheksentwicklung und Bibliotheksmanagement

Als Querschnittsthema sollte ein Lehrbuch enthalten, dass sich Bibliotheken kontinuierlich entwickeln und dass das Management dieser Entwicklung eine Aufgabe ist. Mir scheint, die beiden «Vorbild»-Lehrbücher vermitteln etwas sehr den Eindruck, als wären Entwicklungen selten und wenig zu beeinflussen. Dass scheint mir einerseits faktisch nicht richtig, andererseits aber auch gefährlich. Potentielle neue Kolleg*innen sollten frühzeitig wissen, dass es neben beständigen Aufgaben immer Veränderungen geben wird – egal ob solche, die «von aussen» kommen, beispielsweise Veränderungen in der Mediennutzung, oder solche, die sich im Bibliothekswesen durchsetzen (wenn zum Beispiel der Begriff «Dritter Ort» von nächsten Begriff abgelöst werden wird) oder aber die, welche konkret in der «eigenen» Bibliothek angegangen werden (zum Beispiel neue Veranstaltungsreihen) – und dass es ihre Aufgabe sein wird, diese Veränderung mit umzusetzen oder gar zu planen. Für solche Planungen gibt es zahlreiche Werkzeuge, aber mir scheint, in einem Lehrbuch wäre es wichtiger zu zeigen, warum es überhaupt notwendig ist, solche Werkzeuge zu nutzen, als in sie einzuführen – dafür gibt es schon ausreichend viele andere Lehrbücher für das Projektmanagement oder so.

(Wie mir gerade auffällt benutze ich hier im ganzen Text auch ständig das Wort Management. Es wäre notwendig früh in einem Lehrbuch zu diskutieren, was im Bibliotheksbereich darunter gemeint ist – also, dass es weniger mit dem Management von Firmen mit Profitorientierung und mehr mit dem nachhaltigen Management von zum Beispiel Wäldern oder gemeinnützigen Stiftungen zu tun hat.)

5.16 Bibliotheksrecht

Zum Thema Bibliotheksrecht will ich nur sagen – da es wirklich nicht mein Kompetenzbereich ist –, dass es auf der einen Seite relevant ist, zu schildern, (a) welche Rechtsthemen mit Bezug zum Bibliothekswesen es gibt, (b) wie es von Bibliotheken beeinflusst wird / beeinflusst werden kann und (c) das selbstverständlich wieder für alle Länder des DACH-Raumes.

5.17 Personalgewinnung, Personalentwicklung, Modelle der Führung in Bibliotheken

Das Thema Personalentwicklung und Führung ist ebenso eines, dass mir grundsätzlich als wichtig für ein Lehrbuch erscheint, aber bei dem ich denke, es wäre erst einmal wichtig, zu diskutieren, was davon erwähnt werden muss. Grundsätzlich wieder sollte potentiellen Kolleg*innen klar werden, dass alle Bibliotheken die Personalentwicklung organisieren müssen, zumal schon weil sich Teile der bibliothekarischen Arbeit schneller ändern als die Ausbildungsgänge – sie müssen wissen, dass sie sich in Bibliotheken entwickeln können werden, als auch, dass es ihre Aufgabe werden kann, diese Weiterbildungen für andere zu organisieren. Sie sollten auch lernen, zumindest in einer Übersicht, wie dies konkret umgesetzt wird.

Ebenso sollte gezeigt werden, welche Führungsmodelle in Bibliotheken tatsächlich gelebt werden und mit welchen Ergebnissen (auch hier scheint es mir wenig hilfreich, das «Lieblingsmodell» eine*r Autor*in zu schildern – vielleicht sogar eines, dass gar nirgends gelebt wird – und dann praktisch für dieses zu argumentieren). Das ist selbstverständlich ein «politisches» Thema – es könnte ja zum Beispiel sein, dass bestimmte gelebte Modelle eher negative Ergebnisse zeigen. Aber dennoch, angesichts dessen, dass Personen mit einem Lehrbuch ein potentielle Karriere beginnen sollen, die sie auf allen Positionen im Bibliothekswesen und auch in allen möglichen Bibliotheken bringen kann, sollte das Thema aus der Sicht von Angestellten als auch von Leitungen geschildert werden.

Klar muss werden, dass das Personal in Bibliotheken die Arbeit trägt und deshalb die Gewinnung, Entwicklung und das Management von Personal einen der Hauptbereiche des Bibliotheksmanagements darstellt.

5.18 Ausbildungen und Weiterbildungen

Eng verbunden mit der Personalentwicklung ist die Aus- und Weiterbildung. Mir schiene es relevant, dass in einem Lehrbuch ein Überblick über die verschiedenen Ausbildungs- und Weiterbildungswege, die es im Bibliothekswesen gibt, gegeben wird. Und zwar wieder ein realistischer. Dass heisst zum Beispiel, dass alle direkten Ausbildungen und Studiengängen «in das Bibliothekswesen» im DACH-Raum erwähnt werden (eventuell auch Hinweise auf die im nahen Ausland, weil auch von dort eventuell Kolleg*innen kommen), aber auch die Ausbildungen von Personen, die auf verschiedenen Wegen in das Bibliothekswesen einsteigen. Es sollte darauf vorbereitet werden, welche unterschiedlichen Kompetenzen in Bibliotheken vorhanden sind – also nicht nur die Namen von Ausbildungen und Studiengängen genannt werden, sondern auch deren Inhalte umrissen. Schon, weil in Zukunft wohl mehr Personen aus anderen Bereichen für die Bibliotheksarbeit gewonnen werden müssen, weil es immer weniger gibt, die direkt einsteigen. (Man kann gerne erwähnen, dass Bibliotheksverbände immer versuchen, das irgendwie mittels Marketingkampagnen zu verändern; aber man muss auch die tatsächlich Entwicklung realistisch schildern.)

Das gleiche gilt für die «wuchernde» Landschaft von Weiterbildungen und Weiterbildungsanbietern, auf die Bibliotheken zurückgreifen, von den Weiterbildungseinrichtungen grosser Bibliotheken über Fachstellen und Bibliotheksverbände bis hin zu Angeboten von Vereinen und Berater*innen. Relevant scheint mir, dass die potentiellen Kolleg*innen wissen, (a) wie komplex diese Landschaft ist / sein kann, (b) dass sie selber auf diese Angebote zurückgreifen können (sowohl als Personal als auch als Personen mit Personalverantwortung, die Personalentwicklung betreiben sollen) und (c) dass sie immer die Möglichkeit haben, diese Landschaft mit zu gestalten. Vermittelt werden sollte auch, dass es eine Aufgabe von Bibliotheken ist, Weiterbildungsangebote kontinuierlich zu evaluieren.

5.19 Bibliotheksverbände & -politik

Sicherlich, ein bibliothekarisches Lehrbuch benötigt eine Übersicht der bibliothekarischen Verbandslandschaft – wieder für den gesamten DACH-Raum – inklusive der (selbstgestellten) Aufgabenbereiche der existierenden Verbände und zumindest einer Skizze ihrer Strukturen. Es muss klar werden, warum Bibliotheken sich in Verbänden organisieren und was sie damit erreichen (oder zumindest zu erreichen hoffen).

Aber auch hier: Das alleine wäre vielleicht ein Stoff für eine Klausur. Es sollte aber ein explizites Ziel verfolgen: Den potentiellen neue Kolleg*innen sollte dargestellt werden, ob und wie sie sich in diesen Verbänden selber engagieren können, warum dies sinnvoll wäre und wohl auch, welche Grenzen es haben kann. Das sollte nicht zur Werbung verkommen, sondern wieder realistisch bleiben (und wenn bestimmte Verbände praktisch nur aus Bibliotheksleiter*innen bestehen und «normales Personal» sich dort nicht wirklich engagieren kann, sollte das auch gesagt werden – es wäre eine Aufgabe, der Verbände das zu ändern, nicht des Lehrbuches).

Ebenso sollte dargestellt werden, welche Themen Verbände politisch besetzen (oder es zumindest versuchen) und dabei klar werden, dass es auch immer die Möglichkeit für potentielle Kolleg*innen gibt, dies mitzugestalten. Sicherlich kann das Lehrbuch nicht einführen in die unterschiedlichen politischen Systeme im DACH-Raum, aber es sollte zumindest klar werden, dass Bibliotheken mindestens in Formen von Verbänden auch selber politisch aktiv werden können. (Zu diskutieren wäre, welche anderen Formen von Bibliothekspolitik ausserhalb von Verbänden angesprochen werden sollte – grundsätzlich sollte gesagt werden, das zum Beispiel auch Ad hoc-Protestgruppen möglich sind. Aber wie viel an anderen Varianten besprochen werden sollte, ist für mich eine offene Frage.)

Und, es sollte auch klar werden, dass bei bestimmten politischen Themen Bibliotheken quasi gesamthaft eine Position vertreten, bei anderen Themen sich aber zum Beispiel auch Personal und Leitung gegenüberstehen kann (nicht umsonst gibt es ja auch immer in Gewerkschaften organisierte Bibliothekar*innen). Man muss auch in einem Lehrbuch kein falsches Bild von einem Bibliothekswesen ohne interne Friktionen zeichnen.

5.20 Wissenstransfer in die Praxis

Das ist eventuell mein persönliches Thema, aber mir scheint, im Bibliothekswesen gibt es oft nicht genügend Verständnis dafür, dass es eine Aufgabe der Bibliotheken selber ist, dass vorhandene Wissen, welches für Bibliotheken relevant ist (beispielsweise das in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft produzierte, aber auch in «an das Bibliothekswesen angrenzenden» Bereichen wie der Leseforschung, der Wissenschaftssoziologie oder den Medienwissenschaften), in den Bibliotheksalltag zu überführen. Das kann die Wissenschaft nicht tun, dass muss in der Praxis passieren.

Es sollte (a) klar werden, dass es diesen Widerspruch von vorhandenem Wissen und genutztem Wissen gibt, (b) dass es auf verschiedenen Ebenen in Bibliotheken Aufgabe ist, den Wissenstransfer zu organisieren und (c) zumindest ein Überblick über verschiedene Modelle dieses Wissenstransfers gegeben werden – wieder, für das Wissensmanagement gibt es ausreichend viele andere Lehrbücher, die müssen nicht ersetzt werden, aber es müsste in einem bibliothekarischen Lehrbuch klar werden, dass es eine Aufgabe für Bibliotheken darstellt. Man sollte zumindest erwähnen, dass (und wie) das zum Beispiel in Zusammenarbeit mit Forschenden (die man dafür finanzieren muss) oder Berater*innen (die man auch finanzieren muss), in Kooperation mit anderen Bibliotheken oder intern geschehen kann.

Aber, wichtige Einschränkung, vielleicht wünsche ich mir bei diesem Thema einfach, dass ein Lehrbuch auf das Bibliothekswesen einwirkt und weiche deshalb von meiner Warnung ab, sich sehr auf die Realität zu konzentrieren.

So oder so sollte dieser Abschnitt eine Übersicht zu den Feldern geben, in denen Wissen produziert wird, das für den Bibliotheksbetrieb und die Bibliotheksentwicklung relevant ist. Ich habe oft erstaunt festgestellt, dass dies manchmal bei Kolleg*innen gar nicht auf dem Schirm ist (wenn zum Beispiel mittels Umfragen geklärt werden soll, wie Forschende mit Forschungsdaten umgehen, wenn das schon – abgesehen von anderen Bibliotheken selber – länger Thema der Wissenschaftsforschung ist, die das gut genug darstellt, um daraus Aussagen für Bibliotheken abzuleiten).

5.21 Das Umfeld

Noch ein Thema, das ausführlich diskutiert werden müsste, ist, was an «Umfeld» von Bibliotheken in einem bibliothekarischen Lehrbuch dargestellt werden müsste. Mir scheint sofort einsichtig, dass die grundlegenden demographischen Entwicklungen (beispielsweise die Veränderungen der Altersstruktur im DACH-Raum) oder des Medienmarktes ein grundlegendes Wissen darstellen, wenn jemand in das Bibliothekswesen einsteigen soll. Auch zum Beispiel die Entwicklungen von Wissenschaft und Bildungseinrichtungen ist relevant. Aber… wie weit sollte ein Lehrbuch das Netz um die Bibliotheken spannen? Was kann vorausgesetzt werden, was nicht?

Als Grundsatz würde ich vermerken: Alle Themen, welche die Nutzung von Bibliotheken und den Betrieb von Bibliotheken direkt betreffen. Doch das ist ja auch wieder offen. Zumindest würde ich es tiefergehend diskutieren, bevor ein neues Lehrbuch geschrieben wird.

5.22 Bibliothekarisches Kommunikationswesen

Dieses Thema scheint mir selbsterklärend (auch wenn es nicht in den beiden «Vorbild»-Lehrbüchern enthalten ist): Potentielle neue Kolleg*innen sollten einen Überblick darüber haben, wie im Bibliothekswesen miteinander kommuniziert wird. Sie sollten die vorhandenen Kommunikationswege und deren Eigenheiten kennen, um die existierenden Diskussionen nachvollziehen und sich an ihnen beteiligen zu können.

Das hiesse für mich:

  • Eine Schilderung der verschiedenen Formen von bibliothekarischen Zeitschriften und eine Nennung der wichtigsten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Jahren noch erscheinen werden. (Aber mit einer Darstellung, dass auch immer wieder neue entstehen und also auch von neuen Kolleg*innen gegründet werden könnten, ohne jemand um Erlaubnis zu fragen. Wichtiger wäre mir aber zu zeigen, dass das bibliothekarische Zeitschriftenwesen im DACH-Raum sehr offen für Beiträge ist.)
  • Die wichtigsten Verlage (es sind ja nicht viele) sollten genannt werden.
  • Skizziert werden sollte das Gleiche für das bibliothekarische Publikationswesen mindestens im globalen Norden im Allgemeinen und etwas tiefer für die Bibliothekswesen im «nahen Ausland».
  • Die Bedeutung der wichtigsten Konferenzen im Bibliothekswesen (sowohl der Bibliothekskongresse als auch solcher «spezialisierten» Veranstaltungen wie den Open Access Tagen) sollte dargestellt werden. Auch hier würde es darum gehen, darzustellen, dass neue Kolleg*innen diese nutzen können, sowohl um die aktuellen Diskussionen mitzuverfolgen als auch, um sich selber einzubringen. Es sollte zumindest gesagt werden, wie man sich engagieren kann (eigene Beiträge, Mitorganisation oder auch Ausrichtung von Veranstaltungen wie Barcamps).
  • Für das Bibliothekswesen scheint mir, dass ein grosser Teil der Kommunikation auf Mailinglisten und / oder in kleineren Fachcommunities geschieht. Das sollte sowohl genannt als auch zumindest die wichtigsten Mailinglisten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft existieren werden, aufgelistet werden.

5.23 Bibliotheksgeschichte

Die Geschichte von Bibliotheken und des Bibliothekswesens an sich sind nach und nach aus den bibliothekarischen Lehrbüchern verschwunden. In «Bibliothekarisches Grundwissen» war es, soweit ich es überblicke, in keiner Ausgabe ein wichtiges Thema, in älteren Ausgaben von «Le Métire de Bibliothécaire» war dies anders. Aber in den älteren Lehr- und Handbüchern wurde sehr Wert darauf gelegt, die historische Entwicklung von Bibliotheken (und oft auch des Buchwesens) zu schildern.

Ich persönlich bin immer an der historischen Entwicklung interessiert und finde das gänzliche Streichen des Themas (das ja auch in vielen Ausbildungsgängen passiert ist) falsch. Ich würde dafür plädieren, es wieder in ein Lehrbuch aufzunehmen, aber immer unter dem Blickwinkel, dass es potentiellen neuen Bibliothekar*innen etwas vermittelt, dass für den Einstieg in das Bibliothekswesen notwendig ist.

  • Man kann schon erwähnen, dass Bibliotheken – verstanden als geordnete Sammlungen von Medien – in vielen verschiedenen Kulturen und Zeitaltern existierten, aber nur kurz. Moderne Bibliotheksgeschichte, aus der die heute existierenden Bibliotheken hervorgegangen sind, beginnt mit der modernen Gesellschaft, genauer Industrialisierung und «Massengesellschaft». In einem einführenden Lehrbuch sollte man nicht weiter zurückgehen, ausser es gibt einen guten Grund dafür. (Was könnten so ein Grund sein? Mir würde einfallen, dass man zeigen will, dass Mediensammlungen und ihre Nutzung in unterschiedlichen Gesellschaften auch sehr unterschiedliche Medien und Nutzungsweisen bedeutet haben und deshalb in Zukunft oder in anderen Gesellschaften auch anderes bedeuten können.)
  • Klar sollte bei der geschichtlichen Darstellung werden, dass Bibliotheken immer an die jeweilige Gesellschaft gebunden sind und keine irgendwie ausserhalb der Gesellschaft vorhandenen «Kern» haben. Man sollte zumindest zeigen, dass alle Gesellschaften, die seit dem Beginn der Moderne im DACH-Raum bestanden (von Drei-Klassen-Gesellschaften über Diktaturen bis hin zu den heutigen Demokratien) auch jeweils Bibliothekswesen ausprägten, welche die «Aufgaben», die sich in diesen Gesellschaften stellten, unterstützen sollten und das sich zum Beispiel auch immer Kolleg*innen fanden, die sich für diese Bibliotheken und diese Ziele engagierten (manchmal auch für verschiedene Gesellschaften nacheinander). Das muss nicht als Vorwurf vorgetragen werden, sondern sollte vor allem zeigen, wie sehr Bibliotheken mit der Gesellschaft verbunden sind, in der sie jeweils existieren.
  • Dargestellt werden sollte auch, dass moderne Bibliotheken sich kontinuierlich Gedanken dazu machen, wie sie auf Entwicklungen des Medienmarktes (oder wie man das für die DDR nennen möchte), die Mediennutzung, der Kultur- und Bildungseinrichtungen reagieren können oder müssen. Und das sie sich auch ständig darüber unterhalten, welche weiteren Aufgaben sie übernehmen sollen. Potentielle neue Kolleg*innen sollten lernen, dass zum Beispiel Behauptungen über «neue Aufgaben, die über die Medienausleihe» hinausgehen genauso eine Tradition haben wie die Auseinandersetzung mit jeweils neuen Medienformaten.
  • Was auch gezeigt werden sollte – und dazu muss man aufpassen, es nicht zu sehr als das Wirken einzelnen «grosser Männer und Frauen» darzustellen – ist, dass Veränderung im Bibliothekswesen möglich ist und sich damit ein Engagement für Veränderungen immer lohnt.

5.24 Ethische Fragen

Ein Thema, dass ich gerade nicht gross in einem Lehrbuch behandeln würde, wären bibliotheksethische Fragen. Ich weiss, da würde es gewiss Widerspruch geben – von einzelnen Personen. Aber genau deshalb habe ich das hier in die Liste mit aufgenommen. Bibliotheksethik ist ein Thema, dass von Zeit in der bibliothekarischen Presse besprochen wird, zu dem es auch Arbeitsgruppen in den Bibliotheksverbänden gibt und Chartas erlassen werden. Ich war auch selber auf genügend Veranstaltungen, auf denen argumentiert wurde, wie wichtig bibliotheksethische Fragestellungen wären.

Aber dann? Mir scheint nicht, dass die Chartas eine Relevanz in der Bibliothekspraxis haben – oder auch nur über die Arbeit der Arbeitsgruppen hinaus. Und mir fällt auch auf, wie schnell solche Arbeitsgruppen nach einer kurzen Zeit der Aktivität zu verstummen scheinen und wie schnell das Thema dann auch wieder nicht in den Zeitschriften erwähnt wird.

Ist es also ein Thema, dass man unter «kurzfristigen Trend» einordnen kann? Oder ist es langlebig, nur nicht so oft sichtbar? Oder ist es vielleicht trotzdem – aus politischen Gründen oder aus Gründen der Systematik – wichtig und sollte aufgenommen werden? Was müssen potentielle neue Kolleg*innen zu diesem Thema wissen, wenn sie ins Bibliothekswesen einsteigen? Müssen sie beispielsweise die «bibliotheksethischen» Chartas des DACH-Raumes kennen, die so in den letzten Jahren erlassen wurden? Ich habe das Thema hier ans Ende gestellt, um zu zeigen: Das kann nicht einfach so entschieden werden – schon gar nicht von einer Person alleine. Es sollte das Ergebnis einer Diskussion in der Profession sein, ob und wenn ja, was genau davon in ein Lehrbuch gehört. (Und es steht hier als ein Beispiel für eine ganze Reihe solcher Themen.)

6. Schlussbemerkungen

Ich beende den Beitrag hier, weil ich mir zu anderen Themen bislang wenig Gedanken gemacht habe. Aber mir ist klar, dass hier noch eine ganze Reihe fehlt und / oder das andere Personen auch andere Themen relevant finden werden. Es sind halt meine persönlichen Überlegungen, recht unsystematisch.

Grundsätzlich habe ich das alles vor allem in der Hoffnung aufgeschrieben, dass sich auch andere beginnen, sich Gedanken über ein neues Lehrbuch für den Bibliotheksbereich zu machen (oder sich schon längst machen, aber das dann laut äussern). Weil, auch wenn ich am Anfang gesagt habe, dass ich der Meinung bin, dass es aus strukturellen Gründen wohl in absehbarer Zukunft keines geben wird – eigentlich benötigen wir, das Bibliothekswesen, eines, einerseits für potentielle neue Kolleg*innen und anderseits für den Erhalt des Professionalitätslevels des Bibliothekswesens im Allgemeinen.

Vorüberlegungen zu einem notwendigen Neuen Lehrbuch für das Bibliothekswesen: Teil 2

Teil 1: Kapitel 1-4

Teil 2: Kapitel 5.1-5.9

Teil 3: Kapitel 5.9-6

5. Themen für ein neues Lehrbuch

Im folgenden jetzt will ich die Überlegungen, die ich mir zu verschiedenen Themen für ein solches neues Lehrbuch gemacht habe, darstellen. Die sind allerdings, als Vorwarnung, noch unvollständiger als alle hier schon dargestellten Punkte: Es sind die Punkte, von denen ich – als jemand der jetzt seit über mehr als zehn Jahre in der bibliothekarischen Ausbildung und Forschung über Bibliotheken engagiert bin – ausgehe, dass sie als Thema für ein solches Lehrbuch notwendig wären. Dabei geht es mir immer um diese Doppelfunktion eines Lehrbuches: Einerseits finde ich es wichtig, dass die Themen vermittelt werden, wenn Personen neu in das Bibliothekswesen einsteigen. Andererseits denke ich, dass sie als geteilter Wissensstand für das Bibliothekswesen im Allgemeinen sinnvoll wären.

Aber, wie gesagt, bin ich mir im Klaren, dass es weitere Themen geben wird, die Kolleg*innen aus dem Bibliothekswesen sinnvoll finden. Und auch, dass meine Abneigung gegen «innovative Trends» in einem solchen Lehrbuch nicht von allen geteilt werden wird. Man sollte die folgenden Teile also am Besten als meinen ersten Beitrag zu einer möglichen Diskussion verstehen, nicht als fertige Aussagen. Man sollte auch der Reihenfolge oder der Länge meiner Ausführungen hier keine allzu grosse Bedeutung beimessen. Es ist eine eher zufällige Abfolge, keine Hierarchie. Und zu einigen Themen habe ich einfach mehr zu sagen, als zu anderen. Das heisst nicht unbedingt, dass sie wichtiger wären als andere. Zudem sind in den folgenden Abschnitten die Themen nicht so zu verstehen, dass ich zu allen ein eigenes Kapitel / einen eigenen Text in einem Lehrbuch schreiben (lassen) würde – einige sind auch erwähnt, weil ich sie grundsätzlich relevant genug finde, aber vielleicht eher als «Querschnittthema».

5.1 Bibliothekstypologie

Obwohl, wie gesagt, die Themen hier (noch) nicht in eine Systematik gebracht wurden, würde ich dennoch sagen, dass die Bibliothekstypologie in einem Lehrbuch recht weit nach vorne, in die Grundlagen gehört. [Ich bin auch ein wenig überrascht von der Aussage. Vor einigen Jahren hätte ich sie bestimmt nicht gemacht.]

Bibliothekstypologie ist erstmal ein gutes Beispiel für ein Thema, dass thematisch so sehr ausufern kann, dass es dann nicht mehr Teil eines Lehrbuches ist. Man kann sich bekanntlich endlos darin vertiefen, nach welchen Kriterien Bibliotheken zusammengefasst, unterteilt und systematisiert werden können. Man kann Spezialfälle und Prototypen zu zeigen versuchen. Man kann sich Gedanken über Bibliotheken machen, die zu zwei oder noch mehr Typen zugeordnet werden können. Das alles kann sehr schnell zu einer intellektuellen Übung werden, bei der die meisten Menschen (auch ich) schnell aussteigen.

Aber, wenn man die Bibliothekstypologie an die Aufgabe zurückbindet, einen Überblick zu den Typen und damit auch Aufgaben der Bibliotheken, die existieren, zu geben, dann wird sie zu einer wichtigen Grundlage für den Einstieg in das Wissen der Profession.

Und unter diesem Aspekt sollte sie auch in einem Lehrbuch behandelt werden. Zuerst sollte mit der Bibliothekstypologie geklärt werden, das Bibliotheken Institutionen sind und das sie von anderen Institutionen (Buchhandel, Schulen, Kindertagesstätten, Archive, Museen und so weiter) unterschieden werden können. Zugleich sollte klar gemacht werden, dass sie sich als Institutionen von anderen Vorstellungen, die sich an Bibliotheken binden (die Bibliothek als Privatsammlung, die Bibliothek in der Literatur und so weiter) unterscheiden. Diese kann man erwähnen, in einem Lehrbuch zum Bibliothekswesen sollte sehr am Anfang klar werden, dass es in der Profession darum geht, konkrete Bibliotheken zu betreiben und in ihnen (als Personal, nicht als Nutzer*in) zu arbeiten.

Sodann müsste dargestellt werden, dass Bibliotheken an ihre Träger gebunden sind und sich die Aufgaben sowie die alltägliche Arbeit hauptsächlich daraus bestimmt, was diese Träger von den Bibliotheken erwarten. Es muss klar werden, dass Bibliotheken schon immer einen Spielraum bei der Ausgestaltung der eigenen Arbeit haben, aber auch keinen unendlichen, sondern das sie zurückgebunden sind an die Aufgaben, die sie als Institution erfüllen sollen. Und sichtbar sollte damit dann auch werden, dass Bibliotheken vor allem Serviceeinrichtungen sind, die Aufgaben erfüllen – nicht etwa losgelöst von der Gesellschaft schwebende Einrichtungen. Damit einher sollte auch gehen, dass klar wird, dass in Bibliotheken Menschen jeweils einer Arbeit nachgehen, die darauf bezogen ist, die Aufgaben der jeweiligen Bibliothek zu erfüllen – nicht etwa um die Welt zu retten, die Gesellschaft neu zu erfinden oder reine intellektuelle Spielerei zu betreiben.

Daraus dann würde sich der Sinn einer Typologie von Bibliotheken ergeben, die dann anschliessend dargestellt werden könnte. Diese Darstellung sollte dann die Breite der verschiedenen Bibliotheken zeigen, aber auch die unterschiedlichen möglichen Zugänge für eine solche Typologie: Nach Trägern, nach Aufgaben der Bibliotheken (sowohl denen, die sich aus der jeweiligen Trägerschaft ergeben als auch denen, welche sie im Bibliothekswesen übernehmen) und nach Grösse der Bibliotheken. Es würde so klar werden können, dass Bibliotheken gesammelt ein eigenes Feld darstellen, dass in diesem Feld aber bestimmte Bibliotheken ähnliche Aufgaben, Trägerschaften und Grössen haben und gemeinsame Typen (mit vergleichbaren Aufgaben, Arbeitsweisen und Herausforderungen) darstellen. Bei dieser Darstellung muss man wohl schon erwähnen, dass es keine endgültige Typologie gibt, sondern immer über bestimmte Zuordnungen diskutiert werden kann und dass jede Typologie auch immer in Bewegung ist. Aber relevant wäre zu zeigen, dass sich die praktisch existierenden Unterschiede im Bibliotheksfeld auch durch die unterschiedlichen Trägerschaften erklären lassen.

Eine solche Typologie würde dann am Anfang eines Lehrbuches einen Überblick zu den verschiedenen Bibliotheken geben, zu den Eigenheiten verschiedener Bibliothekstypen und kann den Personen, die sich mit diesem Wissen dann durch die verschiedenen Aufgaben und Diskussionen des Bibliothekswesens hindurch finden sollen (sowohl in ihrer potentiellen Karriere als auch durch das Lehrbuch) eine Basis mitgeben. Es wäre klar, über was im Bibliothekswesen überhaupt geredet und nachgedacht wird: Über die Arbeitsweisen und Aufgaben von Institutionen.

Die Typologie kann dann auch dafür genutzt werden, Angaben zur ungefähren Anzahl der unterschiedlichen Bibliotheken im DACH-Raum zu machen, damit klar wird, dass diese nicht wenige sind, aber auch nicht unendlich viele und damit zum Beispiel sichtbar wird, dass es viel mehr Öffentliche Bibliotheken gibt, dass aber gleichzeitig die Wissenschaftlichen Bibliotheken durch ihre Trägerschaften viel mehr Ressourcen haben beziehungsweise potentiell mobilisieren können, so dass klar wird, warum deren Themen einen so viel grösseren Platz in den bibliothekarischen Diskussionen einnehmen. Gleichzeitig kann die Typologie auch genutzt werden, um einen ersten Hinweis darauf zu geben, dass die Bibliothekswesen in den Ländern des DACH-Raumes zwar ähnlich sind, aber doch immer auch noch Unterschiede aufweisen (nur schon, wenn thematisiert wird, wie viel mehr Kantonsbibliotheken es in der Schweiz gibt im Vergleich zu den Landes- und Staatsbibliotheken in Österreich oder Deutschland).

5.2 Bestandsmanagement und Medienkunde

Die Hauptaufgaben der Bibliotheken ist und wird auch in Zukunft das Management des Medienbestandes sein. Auch wenn es manchmal beim Blick in die bibliothekarische Literatur so aussieht, als wären andere Themen wichtiger, wird sich in Zukunft die Arbeit der meisten Bibliothekar*innen weiterhin um den Bestand drehen. Deshalb sollte es in einem einführenden Lehrbuch auch eine grossen Platz einnehmen. Zu diskutieren wäre eigentlich nur, was genau thematisiert werden sollte.

Das es unterschiedlich gehandhabt werden kann, kann man wieder gut durch einen vergleichenden Blick in «Bibliothekarisches Grundwissen» und «Le Métire de Bibliothécaire» sehen. Ist es zum Beispiel notwendig, grundlegend das Verlagswesen und den Buchmarkt mit zu thematisieren? Im ersten Buch findet sich dazu fast nichts, im zweiten recht viel (aber in früheren Ausgaben noch viel mehr).

Meiner Meinung nach sollte ein Lehrbuch, dass grundsätzliches Wissen vermittelt, aber mindestens folgende Themen behandeln:

  • Eine Medienkunde, welche die zahlenmässig wichtigsten Medientypen, die in den Bibliotheken stehen, beinhaltet. Was diese Medienkunde vermitteln sollte, ist, (a) die grundsätzlichen Eigenheiten der jeweiligen Medien (zum Beispiele ihre Materialität, wenn sie eine haben, oder ihre Eigenschaften, die sie von anderen Medien unterscheiden), (b) die verschiedenen wichtigen Genres (oder vergleichbares), die in der bibliothekarischen Praxis vorkommen, (c) Wissen darum, wofür, von wem und wofür die jeweiligen Medientypen genutzt werden (also zum Beispiel, welche Leute warum bestimmte Genres lesen und was sie daraus ziehen), (d) die jeweiligen Akteure auf den Märkten für diese Medientypen (beispielsweise für gedruckte Bücher Verlage, Buchhandel, Autor*innen, Literaturagent*innen aber für Musik dann auch Label und so weiter), (e) die jeweiligen anderen Institutionen, die mit den Medientypen auch hauptsächlich umgehen (beispielsweise bei Romanen und Lyrik die Literaturhäuser). Sinn dieser Medienkunde – und das muss gleich am Anfang gesagt werden – ist es nicht, wieder möglichst viel zum auswendig lernen zusammenzutragen, sondern zu vermitteln, wie ähnlich oder unterschiedliche die jeweiligen Medienformen sind, dass sie nicht aus dem Nichts entstehen, sondern aus einem Netzwerk von Akteur*innen mit unterschiedlichen Interessen und das sie für verschiedene Aufgaben genutzt werden, die dann auch bestimmen, ob Medien sich wandeln oder nicht. Es muss klar werden, dass die Interessen der anderen Akteur*innen im Blick behalten werden müssen, wenn man verstehen will, wie sich die Medientypen entwickeln. Diese Medienkunde muss auch den Hinweis enthalten, dass es immer noch mehr Medientypen gibt und das Bibliotheken grundsätzlich recht gut darin sind, die Medientypen vorzuhalten, die für die Aufgaben, die sie erfüllen sollen, relevant sind. Dargestellt werden müssen die für Bibliotheken wichtigsten Medien, aber mit dem Verweis, dass sich immer schon geändert hat, welche dieser Medien die wichtigsten sind und sich auch weiterhin ändern wird. Ob dafür dann zum Beispiel eine Einführung in die Buchgeschichte oder die typographische Gestaltung von Büchern (wie sie in früheren Lehrbüchern enthalten waren) notwendig ist, ist eine andere Frage. Ich würde sagen nein oder wenn, dann nur als ein Beispiel mit dem Verweis, dass alle Medientypen eine solche Geschichte haben.
  • Die Medienkunde muss selbstverständlich auf die rechtlichen Unterschiede zwischen physischen Medien (Kauf) und elektronische Medien (Lizenzen) eingehen. Diese sind für die bibliothekarische Arbeit mit den Medien essentiell.
  • Was die Medienkunde auch leisten muss – hier wird es tricky –, ist, die Entwicklungen der Medienmärkte und Mediennutzung darzustellen, aber dabei nicht zu sehr historisch zu werden und auch nicht zu aktuell zu sein. Ein Lehrbuch ist für mehrere Jahre geschrieben, nicht für den aktuellen Moment. Es geht nicht darum, die Mediennutzung in den nächsten zwei Jahren zu zeigen, sondern vor allem die Tendenzen zu zeigen, welche die Bibliotheken, wie sie jetzt sind, geprägt haben und wohl in den nächsten Jahren prägen werden. Ist es dazu zum Beispiel notwendig zu wissen, wann die ersten Zeitungen oder Audiobooks publiziert wurden? Eher weniger. Wichtiger wäre zu zeigen, dass dies alles eine Geschichte hat, die vielleicht – bei den gedruckten Zeitungen – langsam an ein Ende gelangt, aber doch noch relevant ist oder aber auch eine bestimmte Flughöhe erreicht hat – bei den heute elektronischen Audiobooks – die noch eine Weile so bleiben wird, wohl ohne grosse Entwicklungen. Als Wissen scheint es mir relevanter zu sein, das sich im Laufe der Karriere der potentiellen neuen Kolleg*innen, welche dieses Lehrbuch als Einstieg nutzen, weiter merklich verändern wird (ohne das Bibliotheken das werden ändern können), aber auch nicht so radikal, dass es morgen schon ganz anders sein wird. Hilfreich wird dabei sein, zu zeigen, dass «am Anfang», wenn neue Medien eingeführt werden, oft viel mehr und andere Entwicklungen vorausgesagt werden, als sich dann in der Realität zeigen.
  • Einer Einführung in das Bestandsmanagement als Management, also als möglichst effektives Auswählen, Erwerben / Lizenzieren, Erschliessen, Anbieten oder auch wieder Entfernen von einer grossen Zahl an Medien, welche die jeweilige Aufgaben der jeweiligen Bibliotheken erfüllen. Es muss klar werden, dass es nicht (oder nur in sehr besonderen Fällen) um bestimmte einzelne Medien geht, sondern eigentlich immer um eine möglichst grosse Zahl, die auch nicht um ihrer selbst Willen gemanagt werden sollen. Daraus muss dann abgeleitet werden, was «möglichst effizient» heisst – also zum Beispiel auch den Einsatz von «automatisierten Erwerbungsinstrumenten» wie Approval Plans oder Patron Driven Acquisition. Es muss klar werden, dass es die Aufgabe der Bibliotheken ist, diese Arbeit möglichst gut zu planen, durchzuführen und zu steuern. Im Lehrbuch sollte auch gezeigt werden, was das auf den verschiedenen Hierarchiestufen in Bibliotheken heisst, also wie es konkret in der Arbeit umgesetzt wird.
  • Was unbedingt auch thematisiert werden muss, ist die Frage von Sammlungen und Magazinen. Es muss klar werden, dass der Aufbau einer Sammlung und damit Fragen des Bestandserhalts und Magazinbetriebs grundsätzlich immer weniger Bibliotheken betrifft. Gesagt werden sollte, dass Öffentliche Bibliotheken und immer mehr Wissenschaftliche Bibliotheken keine längerfristig angelegten Sammlungen haben und sich deshalb in deren Arbeit auch die konkreten Fragen, die sich bei solchen Sammlungen stellen, nicht auftauchen. Gleichzeitig muss angesprochen werden, welche Fragen dies sind, denn die vorhandenen Sammlungen in National-, Landes-/Kantons- und Forschungsbibliotheken sind fraglos relevant, auch der Magazinbetrieb wird in den Bibliotheken, welche ein solches betreiben, weiter relevant bleiben. Wieder: Das Lehrbuch soll das notwendige Grundwissen für alle Karrieren im Bibliothekswesen vermitteln. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass man lernt, wie wichtig die Arbeit von «Magaziner*innen» für das Funktionieren der jeweiligen Bibliothek ist.
  • Als Teil des Bestandsmanagements müssen auch die Aufstellungen und die Aufstellungssystematiken dargestellt werden. Wieder nicht bis ins Detail, aber es wäre notwendig zu lernen, (a) warum eine Aufstellungssystematik notwendig ist, (b) das es verschiedene Ansätze und Standards (und welche) gibt, (c) dass diese in ständiger Veränderung sind.

5.3 Geschäftsgang

Eine der sinnvollsten Darstellung in «Bibliothekarisches Grundwissen» (aber auch eine, die unbedingt überarbeitet und aktualisiert werden müsste, insbesondere für elektronische Medien / Lizenzierung), ist die des Geschäftsganges, also des Weges eines physischen Mediums von der Auswahl desselben bis zur Bereitstellung in der Bibliothek. (Ich würde bei einer Aktualisierung noch die Deacquisition beziehungsweise Magazinierung ergänzen, weil diese den Weg des Mediums durch die Bibliothek «abschliesst».) Grundsätzlich ist eine Darstellung des Geschäftsganges auch in jeder Ausgabe von «Bibliothekarisches Grundwissen» seit der ersten von 1972 enthalten.

Das sollte für ein neues Lehrbuch aktualisiert, aber beibehalten werden. Was sich anhand des Geschäftsganges gut zeigen lässt, sind folgende Dinge:

  • Die Organisation der Bibliothek auf die Aufgabe hin, Medien zur Verfügung zu stellen.
  • Die konkrete Organisation dieser Arbeit, die sich ja in vielen Bibliotheken – wenn sie nur gross genug sind – auch in der Verteilung in verschiedene Abteilungen oder (organisatorisch und oft auch räumlich getrennte) Büros niederschlägt.
  • Den Zusammenhang der teilweise im Arbeitsalltag vom Eindruck her sehr freistehenden Arbeitsschritte, die sich auf Medien beziehen.

Zugleich lässt sich am Geschäftsgang gut zeigen, wie ein so übergreifender Blick, der ein Medium in den Fokus stellt, in der Bibliothek genutzt werden kann, um die Aufgaben des Personals und auch konkret das Personal zu managen.

Was sich auch mit dem Geschäftsgang nochmal gut zeigen lässt, in meiner Erfahrung, ist der Unterschied zwischen physischen und elektronischen Medien. Man kann nebeneinander stellen, wie der Geschäftsgang für ein physisches Medium aussieht und wie er für elektronische Medien aussieht, und kann dann sehr gut sehen, dass zum Beispiel der ganze Aufgabenbereich der «technischen Bearbeitung» bei elektronischen Medien fortfällt oder auch das «Ende» eines Mediums einer anderen Entscheidung (Bei physischen Medien: Soll es ausgesondert / magaziniert werden?, bei elektronischen: Soll die Lizenz erneuert werden?) bedarf.

5.4 Katalogisierung, Metadaten, Kataloge und Discovery Systems

Es muss, glaube ich, nicht länger begründet werden, dass sowohl die Katalogisierung und Metadatenpflege als auch der Aufbau von Bibliothekskatalogen und Discovery Systemen in einem grundlegenden Lehrbuch zum Bibliothekswesen einen Platz einnehmen muss. Es muss grundsätzlich allen Kolleg*innen in allen Positionen bewusst sein, warum diese Arbeit gemacht wird, wie sie gemacht wird und warum es relevant ist, um zu wissen, wie die Kataloge und Recherchemittel der Bibliotheken funktionieren. (Es gibt aktuell die ernstzunehmende Kritik, dass zu wenig Bibliothekar*innen das tun und deshalb Bibliotheken zu sehr von kommerziellen Anbietern von OPAC- und Discovery Systemen abhängig sind. Was bedenkenswert ist, aber es sollte meiner Meinung nach schon aus Gründen der Professionalität des Feldes zum Grundwissen gehören.) Und: Es ist auch notwendig zu vermitteln, dass Katalogdaten zwar Metadaten sind, aber das in Bibliotheken – egal, dass das von einzelnen Kolleg*innen explizit anders gefordert wird – oft zwischen diesen beiden unterschieden wird. Das muss nicht ewig so sein, aber potentielle Kolleg*innen sollten das wissen, bevor sie es im Bibliotheksalltag selber herausfinden müssen.

Die relevante Frage ist nur, was genau und wie tief es in einem Lehrbuch notwendig ist. Die Antwort sollte auf der realen bibliothekarischen Praxis basieren und die ist, dass die konkrete Katalogisierung von Medien immer mehr ein spezielles Feld geworden ist, an der immer noch viele, aber doch auch immer mehr nur darauf fokussierte Kolleg*innen tätig sind – und das die Katalogisierung tendenziell, falls RDA und seine Möglichkeiten einmal «greifen» (also zum Beispiel auch in den Bibliothekssystemen vollständig umgesetzt sind), noch mehr zu einem wichtigen Spezialfeld werden wird, dass im Arbeitsalltag der meisten Bibliothekar*innen konkret kaum noch vorkommt. Aber gleichzeitig wird das Anlegen und Pflegen von anderen Metadaten sowie die Konsequenzen der Erstellung von Metadaten ausserhalb des Bibliothekswesens, welche in die Kataloge integriert werden (vor allem für elektronische Medien), weiterhin die bibliothekarische Arbeit prägen. Deshalb muss es auch einen relevanten Raum in einem einführenden Lehrbuch einnehmen.

Im Lehrbuch muss einerseits die Grundlage dafür gelegt werden, dass Kolleg*innen potentiell Karrieren beschreiten, die – zum Beispiel an Bibliotheken mit Archivauftrag – hauptsächlich in der Katalogisierung bestehen. Aber es kann nicht eine vollständige Einführung in die Katalogisierung selber sein. Das gleiche gilt für potentielle neue Kolleg*innen, die auf die eine oder andere Weise mit Metadaten arbeiten werden. Auch für diese muss im Lehrbuch eine Grundlage gelegt werden, ohne das Thema vollständig darzustellen. Und für alle anderen Kolleg*innen muss klar werden, wie umfangreich diese Arbeit ist, schon damit sie – beispielsweise aus dem Blick von Bibliotheksleitungen – angemessen gewürdigt werden kann.

In der aktuellen Ausgabe von «Bibliothekarisches Grundwissen» gibt es einen recht langen Abschnitt, in welchem der OPAC eingeführt und im Detail beschrieben wird. Ist das notwendig? Eine klare Antwort habe ich da nicht (wenn, dann sollte es auch für Discovery Systems passieren). Mir scheint aber, dass das als Grundlage nicht notwendig ist, solange die Funktionen von Katalogen dargestellt werden. Das Aussehen und die einzelnen konkreten Funktionen der Systeme werden sich eh recht bald wieder ändern – die Funktionen nicht so schnell. Als Wissen wichtig wäre eher auf diese kontinuierliche Weiterentwicklung hinzuweisen.

Insoweit sollte folgendes behandelt werden:

  • Eine Einführung darein, was der Katalog ist, wofür er notwendig ist und wieso Katalogisate erstellt werden. Zudem ein kurzer Überblick zu den aktuell genutzten Katalogregeln (wohl RDA, aber es wäre für das Erstellen eines Lehrbuches auch wichtig zu wissen, ob die überall genutzt werden oder ob weitere in Gebrauch geblieben sind). Dabei sollte es darum gehen, dass die Grundkonzepte verständlich werden und das klar wird, dass sie immer weiter entwickelt werden. (Dazu sollte kurz, wirklich nur als Überblick, erwähnt werden, welche Formen von Katalogen und Katalogregeln es bis heute gegeben hat. Es geht wieder nicht darum, etwas zum Auswendiglernen vorzulegen, sondern zu zeigen, dass die Aufgabe und Form der Kataloge und Katalogisierungsregeln mit den Jahrzehnten bestimmte Entwicklungsrichtungen hatten: Hin zur Integration von immer mehr Medienformen, zur Nutzung des jeweils vorhandenen Techniken, hin vom Nachweis zum Recherchewerkzeug und auch hin zu einer immer grösseren Standardisierung und Zusammenarbeit bei der Weiterentwicklung und Nutzung von Katalogen. Gleichzeitig sollte gesagt werden, dass es normal ist, dass aus den Regelwerken in der Praxis wieder «Hausregeln» werden – weil es die Praxis ist, auf die die potentiellen Kolleg*innen treffen werden.) Klar werden muss in dieser Einführung auch, dass das Ziel eigentlich eine kooperative Katalogisierungspraxis möglichst vieler Bibliotheken gemeinsam ist, auch wenn dies teilweise (noch nicht?) umgesetzt wird.
  • Eine Einführung in die Praxis, Katalogisate von anderen Einrichtungen als Bibliotheken zu übernehmen und mit ihnen im Katalog zu arbeiten. Das bezieht sich ja vor allem auf Verlage. Es sollte dargestellt werden, warum das so gemacht wird (also vor allem die Menge an Katalogisaten, die so integriert werden kann, aber auch die «Kurzlebigkeit» solcher Katalogisate im Fall von grossen Paketen elektronischer Medien, die nur für einen kurzen Zeitraum lizenziert werden und deshalb auch keinen grösseren Aufwand rechtfertigen würden) und was die Vor- und Nachteile sind. Es muss klar werden, dass es neben dem Erstellen von Katalogisaten heute eine Aufgabe von Bibliothekar*innen ist, die Qualität von solchen kurzfristig und massenhaft in Kataloge eingespielte Katalogisate zu überprüfen und zur Not zu verbessern beziehungsweise Verbesserungen einzufordern.
  • Sinnvoll wird wohl auch sein, darzustellen, dass es seit langem Versuche gibt, die Erstellung von Katalogisaten durch technische Möglichkeiten zu unterstützen, also oft möglichst zu automatisieren. Das dies bislang zu wenigen konkreten Lösungen gefunden hat, heisst nicht, dass es nicht im Laufe der Karriere der potentiellen Kolleg*innen verändern wird. Vielmehr wird es die Katalogisierungsarbeit weiter begleiten, selbst wenn es nie zu einem handfesten Ergebnis führt.
  • Das Thema Metadaten müssten ähnlich tief, aber mit Verweisen auf verschiedene Bereiche, eingeführt werden. Sicherlich müsste dargestellt werden, was Metadaten sind und wofür sie genutzt werden. Zu diskutieren wäre, ob man nicht die Katalogisate erst danach als gesonderte Form von Metadaten einführen sollte. Darüber hinaus sollte dargestellt werden, welche Metadaten in der bibliothekarischen Praxis relevant sind, also einmal die, die von anderer Seite – beispielsweise im Rahmen von Discovery Systems – in die Bibliothek kommen und dann die, an deren Erstellung oder Pflege Bibliotheken beteiligt sind – also zum Beispiel mit einem Verweis auf Forschungsunterstützung.
  • Relevant ist zudem, die Bedeutung von Metadatenstandards darzustellen und, wie diese weiterentwickelt werden. Klar sein muss, dass Bibliotheken nicht nur ihre eigenen Regelwerke fortschreiben, sondern dass Bibliothekar*innen auch an der Weiterentwicklung anderer Standards beteiligt sind. Die Strukturen, welche diese Standards fortschreiben, und ihre Arbeitsweise, sollte zumindest beispielhaft dargestellt werden, zum Beispiel generisch anhand des W3C oder solcher spezifischen Institutionen wie der Music Encoding Initiative / MusicXML.
  • Die grundlegenden Prinzipien von Katalogen und Discovery Systems sollte ebenso dargestellt werden. Dabei muss nicht erklärt werden, welche verschiedenen Katalogarten (alphabetischer versus systematischer Katalog und so weiter) es früher gab. Vielmehr sollte die verschiedenen Suchzugänge dargestellt werden, die an heutigen Systemen möglich sind.

5.5 Bibliotheksbenutzung

Neben der Arbeit mit Medien ist eindeutig die Nutzung der Bibliothek der Bereich, welcher für die praktische Arbeit relevant ist, aber in der Literatur und Diskussion eher gerne herunterfällt. (Mir fällt das auch im Gespräch mit Kolleg*innen aus verwandten Gebieten auf. In Archiven zum Beispiel scheint die Nutzung auch viel Ressourcen einzunehmen, aber nicht so prägend zu sein, wie für Bibliotheken.) Dabei geht es um zwei Bereiche: Die Nutzung des Bestandes und die Nutzung des Raumes Bibliothek.

Wie auch bei den anderen Themen hier bin ich der Überzeugung, dass es in einem Lehrbuch wichtig ist, die reale Nutzung und die damit zusammenhängenden Arbeiten, die durchgeführt werden (müssen) darzustellen. Es kann nicht darum gehen, irgendwelche Idealbilder und Träume zu schildern oder gerade aktuellen Obsessionen des Bibliothekswesens zu folgen, die nicht in der Empirie sichtbar sind. Es bringt nichts, wenn die potentiellen Kolleg*innen im Lehrbuch von flexiblen Räumen und Dritten Orten lesen, aber dann in der Praxis vor allem einen Arbeitsalltag haben werden, der von Aufsicht im Lesesaal und Betreuung von Schulklassen geprägt ist, während die Kaffeemaschine in der Ecke manchmal genutzt wird. Das Lehrbuch kann schon sagen, was die Bibliotheken gerne hätten, wie die Bibliotheken genutzt werden, aber es muss auch darauf vorbereiten, in den realen Bibliotheken zu arbeiten.

Welche Themen sollten also, meiner Meinung nach, zum Thema Bibliotheksnutzung dargestellt werden?

  • Im Bereich der Mediennutzung sollten Zahlen und Entwicklungen gezeigt werden. Es muss klar werden, welche Medientypen die Nutzung prägen (in Öffentlichen Bibliotheken weiterhin gedruckte Bücher, in Wissenschaftlichen elektronische Medien und gedruckte Bücher) und wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt haben. Wieder sollte es vor allem darum gehen, die potentiellen Kolleg*innen auf den Arbeitsalltag vorzubereiten: (a) Sie sollten sehen, welche Medientypen sie hauptsächlich beschäftigen werden, (b) sie sollten auch sehen, dass es kontinuierliche Veränderungen gibt, dabei aber auch starke «Beharrungskräfte» einiger Medientypen gibt – nicht als Polemik, sondern weil dies wohl auch in den nächsten Jahrzehnten weiter so sein wird, (c) sie sollten auch lernen, dass bestimmt Medientypen in gewisser Weise «kommen und gehen» und das dies ihre Karriere auch prägen wird. (Hier wären ein-zwei Beispiele, die explizit als solche bezeichnet werden sollten, interessant. Mir scheint die CD / CD-ROM immer ganz gut, weil man zeigen kann, mit was für hohen Ansprüchen sie einmal eingeführt wurde, wie sie eine Zeit lang auch relevant war und wie sie dann wieder aus den Beständen der meisten Bibliotheken «verschwand». VHS-Kassetten finde ich auch ein gutes Beispiel, weil man hier zeigen kann, wie der Medientyp selber einen Einfluss auf den Raum Bibliothek hatte, weil für diese teilweise eigene Möbel angeschafft / gebaut wurden.)
  • Es muss klar werden, welche Arbeit «hinter» der eigentlichen Bibliotheksnutzung steckt, also zum Beispiel die technische Bearbeitung, das kontinuierliche Einstellen, Verschieben, Neuordnen und Entfernen von physischen Medien oder die Pflege von Metadaten, Lizenzen, das Lösen technischer Probleme oder die Kommunikation mit Verlagen bei elektronischen Medien. Es sollte auch klar dargestellt werden, dass dies fast alles «invisible work» ist, also solches, dass von Nutzer*innen oder Trägerschaft regelmässig übersehen wird. Auch darauf sollte in einem Lehrbuch vorbereitet werden, dieses «Übersehenwerden» und die Aufgabe, damit umzugehen – persönlich, als Bibliothekar*innen, und institutionell als Bibliothek, welche die Notwendigkeit und Breite dieser Arbeiten immer nach aussen zeigen muss.
  • Das Lehrbuch sollte auch zusammenfassen, was wir über die tatsächliche Nutzung des Raumes Bibliothek wissen. (Mir scheint, beim Schreiben würde das eines der grössten Probleme darstellen, weil man hier zwischen tatsächlich vorhandenem Wissen und irgendwelche Artikeln, die auf Ausnahmesituationen wie Veranstaltungen, Feste oder so fokussieren, unterscheiden muss. Hier muss vielleicht sogar einiges erst empirisch erhoben werden.) Es wäre zum Beispiel relevant, zu vermitteln, dass weiterhin der Grossteil der Nutzer*innen relativ kurz in Öffentliche Bibliotheken kommt, um Medien auszuleihen und dann wieder zu gehen, dass ein relevanter Teil der Bibliotheksnutzung in Wissenschaftlichen Bibliotheken darin besteht, diese als Lern- und Arbeitsort (nicht einmal unbedingt mit den Medien aus der konkreten Bibliothek selber) zu nutzen und das es gleichzeitig immer Versuche von Bibliotheken gibt, andere Formen von Nutzungen zu ermöglichen und zu motivieren. Hierbei kann man auch Beispiele nennen, aber man sollte ehrlich darstellen, was die Hauptnutzung ist und was nicht.
  • Sicherlich sollte man auch darstellen, wer überhaupt die Bibliotheken nutzt und was dies für Möglichkeiten und Probleme mit sich bringt. Erstmal Probleme: Hier scheint mir, dass Bibliotheken teilweise zu sehr auf «problematische Nutzer*innen» fokussiert sind. Das scheint mir teilweise mehr Thema der Literatur und Diskussion zu sein als der Realität in den meisten Bibliotheken. Aber es sollte im Lehrbuch auch als möglicher Teil der Bibliotheksarbeit angesprochen werden, inklusive Verweise auf Lösungsansätze und darauf, dass der Umgang mit diesen Nutzer*innen nicht gelingen kann, wenn er von Vorurteilen geprägt ist. Die andere Seite, nämlich wer überhaupt Bibliotheken nutzt, wäre ein wichtiges Thema, aber auch eines, für das man eventuell erstmal Daten erheben müsste. Das scheint mir ein Problem des Bibliothekswesens an sich zu sein, dass es kaum ein Wissen zum Beispiel über die sozio-demographische Zusammensetzung der Nutzer*innenschaft gibt. Zu den Altersgruppen kann man noch recht gut etwas sagen, aber anderes ist schwieriger zu bestimmen. Wichtig wäre mir bei diesem Abschnitt dann auch, auf empirischen Erfahrungen aus Bibliotheken aufzubauen, also eher sagen zu können, wie viel Zeit Bibliothekar*innen mit Aufsicht, Beratung, Medienarbeit und so weiter verbringen und wie viel zum Beispiel mit der Organisation von Maker-Veranstaltungen oder der Arbeit mit Schulklassen.
  • Es gibt im Bibliothekswesen erstaunlich wenig Literatur und Diskussionen zur konkreten Arbeit für und mit Nutzer*innen, wenn man dies zum Beispiel mit der Literatur aus der Pädagogik oder der Sozialen Arbeit vergleicht. Hier bin ich hin und her gerissen: Einerseits fände ich es nur sinnvoll, wenn es zum Beispiel ein Nachdenken und Untersuchungen zu pädagogischen und didaktischen Fragen gäbe – aber gleichzeitig sollte das Lehrbuch ja darauf vorbereiten, was in Bibliotheken tatsächlich passiert. Sollte also zum Beispiel grundlegende didaktische Konzepte behandelt werden (weil es sinnvoll wäre)? Oder darauf verwiesen werden, dass sie sich in der Realität von Bibliothekar*innen selber angeeignet werden müssen (was die Realität ist)?
  • Ich denke, es wäre auch gut, in diesem Abschnitt Nutzungsordnungen (unter welchem Namen auch immer) zu behandeln. Zum einen kann man an konkreten Nutzungsordnungen sehen, wie Bibliotheken sich die Nutzung der Medien und des Raumes vorstellen, zum anderen kann man vermitteln, dass die Arbeit an und mit den Nutzungsordnungen einen wichtigen Teil der Bibliotheksarbeit darstellen sollte. An ihnen lässt sich zum Beispiel auch gut diskutieren, dass Bibliotheken immer eine Balance suchen zwischen Medienerhalt und Zugang zu Medien und das diese Balance immer geprägt ist vom Bibliothekstyp (mit den beiden Extremen Bibliotheken mit Archivierungsauftrag auf der einen Seite und Bibliotheken, die beim Bestandsmanagement den «Verbrauch» von Medien in einem überschaubaren Zeitraum schon einplanen, auf der anderen Seite).

5.6 Services und Veranstaltungen

Ein solches Lehrbuch muss ohne Frage einen Einblick geben in die zahlreichen Services und Veranstaltungen, die von Bibliotheken durchgeführt werden. Auch hier unter dem Blickwinkel, dass klar sein muss, was an tatsächlicher Arbeit in Bibliotheken passiert (hier zum Beispiel unter anderem, was es heisst, Veranstaltungen zu planen und durchzuführen, vom Personaleinsatz über Didaktik hin zu baulichen Fragen oder auch, welche Arbeit und Ressourcen konkret für bestimmte Services notwendig sind), aber gleichzeitig auch mit realistischen Darstellungen. Im Lehrbuch sollte weniger geschildert werden, was Bibliotheken sich manchmal wünschen, welche Aufgaben sie übernehmen oder welche Bedeutung sie haben könnten, sondern vielmehr, was tatsächlich «in der Fläche» passiert. Gleichzeitig sollte klar werden, dass die Entwicklung solcher Vorstellungen oder auch das Testen von neuen Services und Veranstaltungsformen Teil der Arbeit im Bibliothekswesen ist und sein wird. Die potentiellen neuen Kolleg*innen sollten darauf vorbereitet sein, ohne dann zu hoffnungsvoll oder zu kritisch an solche Entwicklungen herangehen zu können.

Das Ziel wäre, dass potentielle Kolleg*innen mit dem Lehrbuch darauf vorbereitet werden, dass zum Beispiel die Organisation von Lesungen oder Beratungen zum Forschungsdatenmanagement Teil ihrer Arbeit (oder gar ihre Hauptarbeit) in Bibliotheken sein kann. Und sie sollen in der Lage sein, wenn dies nicht der Fall sein wird, diese Arbeit und ihre Bedeutung dennoch Wert zu schätzen (als Kolleg*innen oder als Vorgesetzte).

  • Man kann in einem Lehrbuch auch nicht alle Services und Veranstaltungsformen darstellen. Aber es wäre wichtig, die hauptsächlichen Bereiche (aus der Realität) darzustellen und gleichzeitig zu zeigen, dass es immer Versuche gibt, in andere Bereiche weiterzugehen.
  • Zu vermitteln wäre aber auch, dass Bibliotheken der Erfahrung nach vor allem dann mit der Etablierung von Services erfolgreich sind, wenn sie eine Servicefunktion für Nutzer*innen oder Trägereinrichtungen übernehmen und weniger erfolgreich, wenn sie versuchen, darüber hinauszugehen und selber neue Aufgaben zu (er-)finden.
  • Es sollte auch klar gesagt werden, dass Öffentliche Bibliotheken bei allen Versuchen, neue Bereiche zu besetzen, seit Jahrzehnten vor allem im Bereich Literatur und der Arbeit mit Kinder sowie Schulklassen erfolgreich sind. Potentielle Kolleg*innen sollten darauf vorbereitet werden, dass sich in praktisch allen Öffentlichen Bibliotheken ein oder zwei «besondere» Veranstaltungsangebote finden, die für die jeweilige Bibliothek spezifisch sind, aber das der Grossteil der Nutzer*innen trotzdem zu Literatur- und Kinderveranstaltungen kommt und dass es Teil der Bibliotheksarbeit ist, diese zu organisieren.
  • Zu diskutieren wäre zu diesem Themenbereich, wie tief man in die Organisation von Veranstaltungen und Services hineingehen muss. Sicherlich lässt sich in einem einführenden Lehrbuch eh nicht die gesamte Veranstaltungsorganisation vermitteln, aber es wäre wohl notwendig, dass klar wird, dass auch dies alles Arbeit ist, die geplant, durchgeführt und mit Ressourcen ausgestattet werden muss und nicht einfach «nebenher» passieren kann. Und das sie teilweise, wenn die Bibliothek gross genug wird, auch als Hauptaufgabe von Personen oder Abteilungen stattfindet. Nicht so sehr bei Services, aber gerade bei Lesungen in Öffentlichen Bibliotheken kann man auch daran denken, hier zu thematisieren, wie das Auslagern dieser Arbeit an Dritte passieren kann, die dann im Auftrag von Bibliotheken Veranstaltungen in der Bibliothek durchführen – und was dies an Arbeit für Bibliotheken bedeutet (Ressourcen für die Auslagerung organisieren, Qualität überprüfen und so weiter).
  • Das Lehrbuch sollte auch auf die Unterschiede im DACH-Raum eingehen und wohl auch darauf, welche Tradition im DACH-Raum, im Gegensatz zu Traditionen in anderen Ländern bestehen. Die Bibliotheken im DACH-Raum sind ja, im Gegensatz zum Beispiel zu denen in Frankreich, Kanada und den USA, davon geprägt, dass sie vor allem Veranstaltungen in der Bibliothek (als im eigentlichen Gebäude) planen und durchführen, während anderswo Veranstaltungen an anderen Orten zur normalen Bibliotheksarbeit gehören. Es gibt auch im DACH-Raum dazu Ausnahmen, allerdings dann auch meist in bestimmten Einrichtungen, wie Schulen. Gleichzeitig gibt es daneben die Tradition, in der bibliothekarischen Literatur aus Bibliotheken anderer Länder Beispiele anzuführen und als Vorbilder beziehungsweise Bilder zukünftiger Bibliotheken darzustellen. Mir scheint, es wäre wichtig, gleich in einem Lehrbuch zu zeigen, dass dies beides – also die Veranstaltungen vor allem in der Bibliothek, mit Bezug auf Dienstleistung und Literatur, als auch das Anführen von Beispielen aus anderen Ländern, die nicht in diese Tradition passen – sich seit Jahrzehnten nicht gross verändert hat. Gleichzeitig wäre es wichtig zu sagen, dass in der Schweiz und in Liechtenstein die Leseanimation einen grösseren Platz in den Öffentlichen Bibliotheken einnimmt als in Deutschland, aber dass Spielzeug in Ludotheken verliehen wird (die kurz dargestellt werden müssten) und nicht, wie in den anderen Ländern des DACH-Raumes, in Öffentlichen Bibliotheken.
  • Mir scheint für diesen Abschnitt müssten auch Daten erhoben werden. In der Literatur werden eher besondere Entwicklungen dargestellt, weniger die Realität in Bibliotheken. Die Einführung neuer Services oder die Diskussion darüber, ob ein bestimmter Bereich – aktuell zum Beispiel das Forschungsdatenmanagement – von Bibliotheken mit Services besetzt werden soll oder nicht, produziert immer weit mehr Beiträge als Services, die dann in der Praxis so sehr «funktionieren», dass sie kaum noch thematisiert werden müssen. Aber die Arbeit potentieller Kolleg*innen wird eher von letzteren, also schon aufgebauten, Services geprägt sein, als von solchen «in der Debatte» – insbesondere, wenn sie eine längere Karriere im Bibliothekswesen absolvieren werden und nicht nur einen kurzen Ausflug in die Projektarbeit. Für das Lehrbuch müsste also erhoben werden, welche Services und Veranstaltungen tatsächlich im DACH-Raum etabliert sind (nicht nur diskutiert oder gerade in Projekten ausprobiert werden). Und zwar hier auch nochmal mit einem extra Fokus auf Spezialbibliotheken mit ihren spezifischen Aufgabenfelder. Insbesondere die Medizinbibliotheken haben da ja erfahrungsgemäss immer eine grosse Palette dieser spezifischen Angebote.

5.7 Lesen, Leseförderung und Leseforschung

Die Leseforschung spielt – ich habe das schon mehrfach anderswo angesprochen – im Bibliotheksalltag und in der bibliothekarischen Diskussion kaum eine Rolle. Dabei wird sie selbstverständlich immer weitergetrieben (und ihre Zeitschriften und Monographien stehen in Bibliotheken). Mir irritiert dass immer wieder, weil ich es anders erwarten würde – gerade Öffentliche Bibliotheken und Schulbibliotheken sind weiterhin hauptsächlich damit befasst, Medien für Leser*innen zur Verfügung zu stellen, Lesungen zu organisieren und hauptsächlich Veranstaltungen für Kinder und Schulklassen durchzuführen, also für Personen, die dann gerade in der Leselernphase sind. Und dennoch wird Wissen darüber, was gelesen wird, von wem, wofür, wie und so weiter kaum referenziert. Auch die Entwicklungen im Medienmarkt oder der Literatur selber sind fast nie Thema von bibliothekarischen Publikationen oder Diskussionen.

Ich weiss bei diesem Thema nicht, was alles in einem Lehrbuch notwendig wäre. (Offenbar funktionieren Bibliotheken ja auch ohne die Thematisierung dieses Wissens.) Aber mir scheint, falls jemand darangehen würde, ein Lehrbuch neu zu planen, wäre es ein gutes Zeitpunkt, darüber nachzudenken. (Ich würde Lesen hier auch erweitern auf das Lernen, zumindest das Lernen mit Medien.) Eventuell könnte dann ein Lehrbuch auch die Rolle spielen, die Bedeutung eines Themas für die Praxis zu verstärken und dann damit die Bibliothekspraxis näher an das Wissen aus der Leseforschung zu bringen.

Was bei diesem Thema aber auch wichtig wäre, ist, die konkrete Leseförderung, die in Bibliotheken tatsächlich stattfindet, darzustellen. Dabei sollte klar werden, dass diese oft auf Prämissen basiert, die halt nicht so richtig auf der Leseforschung basieren und das ihre Zielsetzungen manchmal recht unklar sind – also nicht immer klar, ob es wirklich um die Förderung von Lesen geht oder um Veranstaltungen, die an sich etwas Medien zu tun haben. Der Widerspruch kann auch benannt werden. Aber dennoch ist die Arbeit in einigen Bibliothekstypen davon geprägt, einmalige oder regelmässige Veranstaltung in diesem Bereich durchzuführen oder auch solche Kampagnen wie Buchstart (ein schönes Beispiel dafür, dass ein Lehrbuch den gesamten DACH-Raum beachten müsste und nicht zum Beispiel nur schreiben dürfte, wer in Deutschland «hinter» Buchstart steht, weil es in der Schweiz / Liechtenstein und in Österreich anders organisiert ist) mit zu tragen.

5.8 Beratungen und Schulungen

Der Themenbereich, den ich hier Beratungen und Schulungen nenne, ist ein gutes Beispiel dafür, warum es bei einem Lehrbuch wichtig wäre, einerseits nicht jedes aktuell in der bibliothekarischen Literatur diskutierte Thema zu integrieren, es andererseits aber auch regelmässig zu aktualisieren und mit der tatsächlichen Praxis in Bibliotheken abzugleichen.

Vor zehn-fünfzehn Jahren hätte man diese Abschnitt wohl eher «Informationskompetenz» genannt und, auf der Basis der damaligen bibliothekarischen Literatur, den Eindruck haben können, dass es ein Thema wäre, dass in Zukunft die Arbeit von (mindestens) Wissenschaftlichen Bibliotheken immer mehr prägen würde.

Heute ist das nicht so eindeutig. Was passiert ist, ist, dass eine ganze Reihe von Projekte in diesem Bereich, die einmal erfolgreich waren (oder zumindest schienen) ohne Anschluss eingestellt wurden und gleichzeitig aber in Bibliotheken feste Aufgaben und Personalstellen (aber wohl weit weniger als zur Hochzeit der Informationskompetenz-Projekte) in diesem Bereich geschaffen wurden. Die Kolleg*innen, welche diese Stellen ausfüllen, haben jetzt ein Wissen darüber gesammelt, was diese Arbeit heisst: Vor allem das Durchführen von Schulungen und Beratungen, wobei gerade die Schulungen zwar schon auf Themenbereich angepasst werden, aber doch oft einführend bleiben. Es gibt ein Wissen darum, wie diese Veranstaltungen und Beratungsgespräche geplant, durchgeführt, evaluiert und weiterentwickelt werden können und wie man sich auf die vorbereiten kann. Nicht zuletzt gibt es einzelne Strukturen (Arbeitsgemeinschaften für Informationskompetenz etc.), die jetzt teilweise seit über einem Jahrzehnt aktiv sind. Aber gleichzeitig sind viele Diskussionen, die es vor zehn-fünfzehn Jahren gab praktisch verstummt, beispielsweise zu didaktischen Fragen oder zu Modellen der Informationskompetenz. Es ist ein Thema geworden, dass zum Arbeitsbereich von Bibliotheken gehört, aber keines, welches die Arbeit von Bibliotheken grundlegende geändert hätte. Und, dieses Thema ist heute so sehr mit den «normalen» Auskunftsgesprächen verbunden – die es ja eigentlich ablösen oder auf einen neue Ebene heben sollte – dass mir scheint, dies kann und sollte gemeinsam behandelt werden.

In einem Lehrbuch würde ich mir zweierlei wünschen: Zum einen sollte die tatsächliche Arbeit in diesem Bereich dargestellt werden. (Hierfür müsste man sie wohl erforschen.) Zum anderen fände ich es aber auch ein gutes Beispiel um kurz darzustellen, wie die Diskussionen und Entwicklungen abgelaufen sind. Die potentiellen Kolleg*innen sollten lernen, dass es solche Hochphasen der Diskussionen und Projekte gibt, inklusive Vermutungen darüber, wie sie die Zukunft der Bibliotheken prägen werden. Sie sollten auch lernen, dass die Ergebnisse nach diesen Hochphasen diese Vermutungen meist nicht bestätigen, aber das die Projekte und Diskussionen gleichzeitig auch nicht gar keine Veränderung bringen. Potentielle neue Kolleg*innen sollten nicht unkritisch jede Vermutung tragen, aber auch nicht zynisch jede Idee über die Entwicklung des Bibliothekswesens gleich ablehnen. Und sie sollten lernen, dass es Kolleg*innen sind, die solche Entwicklungen vorantreiben – und damit auch, dass sie dies tun können, wenn sie im Bibliothekswesen arbeiten.

5.9 Etat und Etatmodelle

Ein bibliothekarisches Lehrbuch muss auch über Geld reden, sowohl wie viel Geld Bibliotheken zur Verfügung steht, woher es kommt, wie es in Bibliotheken verwaltet, verteilt und genutzt wird, als auch, was das für einen Effekt hat. Mir scheint, dass das oft untergeht, obwohl es wichtig wäre, in der Praxis einen Blick dafür zu haben. Insbesondere scheint mir wichtig, dass klar würde, dass Bibliotheken nicht in einem Raum ausserhalb von Wirtschaft und Gesellschaft schweben, sondern das sie durch ihre stetigen Etats Teil von Märkten sind. Es wäre zum Beispiel wichtig, auch als Verantwortliche*r in Bibliotheken verstehen zu können, wie die Firmen und Einrichtungen, die auf diesen Etat zielen, denken – und das weder als reine Kooperation noch als reines Profitinteresse zu interpretieren. Bibliotheken müssen mit Firmen interagieren, also muss klar sein, wie die funktionieren. Das gleiche gilt für Träger: Bibliotheken müssen auch wissen, wie ihre jeweiligen Träger über ihre Einnahmen und Ausgaben entscheiden.

Zudem muss schon in einer Einführung klar werden, dass es eine Aufgabe von Bibliotheken ist, den eigenen Etat möglichst sinnvoll zu verwenden, also die Aufteilung des Etats auf die Funktionen zu organisieren. Es muss klar sein, welche Auswirkungen bestimmte Entscheidungen haben, beispielsweise was die Übernahme von bestimmten Funktionen und damit einhergehende Kosten für Personal, Infrastruktur und Medien, für den Etat hat. Wichtig finde ich zudem, dass Kolleg*innen dann im Alltag wissen, dass die Aufteilung des Etats sich an den Aufgaben der Bibliothek orientieren sollte, nicht an gewachsenen Strukturen oder Interessen – egal, in welchen Positionen sie dann später in ihren potentiellen Karrieren arbeiten.

  • Eine Aufgabe eines solchen Kapitels wäre es, einen realistischen Überblick über die Etats zu geben: Wie viel Geld haben grosse und kleine Bibliotheken zu Verfügung? Wie ist dieses Etat heute normalerweise verteilt? (Beispielsweise sollte klar sein, dass in den meisten Bibliotheken die Personalkosten höher sind als die Kosten für Medien selber und die Kosten für den Erhalt von Bau und Infrastruktur.) Aber gleichzeitig sollte das wieder für den gesamten DACH-Raum mit seinen unterschiedlichen Währungen und Preisniveaus geschehen (im Kontext, also auch nicht so, dass der Eindruck entsteht, schweizerische und liechtensteinische Bibliotheken hätten unendlich viel mehr Etat, nur weil die Summen grösser sind).
  • Es müsste klar werden, welche Formen von Kosten überhaupt anfallen und wie oft (also mindestens laufende Kosten, solche die regelmässig neu verhandelt werden wie Lizenzen und solche, die einmal anfallen wie bei Bauten). Dabei muss auch klar werden, welche unterschiedlichen Töpfe es für diese Kosten gibt, also zum Beispiel, dass Bauten meist nicht aus dem laufenden Etat finanziert werden. Zu vermitteln wäre aber auch, wie viel Einfluss Bibliotheken auf diese Kosten nehmen können, also was verhandelt werden kann und mit wem. (Sichtbar sollte zudem werden, dass solche Verhandlungen zu den Aufgaben von Bibliotheken gehören.)
  • Die Auswirkungen von (a) Kooperationen (vor allem Konsortialverträgen) und (b) Drittmittelprojekten auf die Planung von Etats sollte klar werden, zumindest die zunehmende Komplexität.
  • Im DACH-Raum wird selten über die verschiedenen Modelle zur Planung und Verteilung von Etats gesprochen, obgleich diese in allen Bibliotheken (teilweise implizit) existieren. In einem Lehrbuch sollten die thematisiert werden, inklusive der wichtigsten Entwicklungen – hier wäre es wieder eine Aufgabe bei der Planung zu entscheiden, welche Entwicklungen aktuell «nur» angedacht werden und sich vielleicht nie durchsetzen. Ich würde zum Beispiel dafür plädieren, das man die Zusammenlegung von Etatsträngen für physischen und elektronische Medien, die in den letzten Jahren in vielen Wissenschaftlichen Bibliotheken vorgenommen wurden, darstellt (damit sichtbar wird, dass es Veränderungen gibt); aber beim Thema «Informationsbudget», dass aktuell hier und da diskutiert wird, würde ich zumindest noch diskutieren: Ist das etwas, was sich wirklich etablieren wird? Oder ist es eine aktuelle (relevante) Diskussion von möglichen Entwicklungen? Benötigen potentielle neue Kolleg*innen einen Einblick in diese Diskussion für ihre Einstieg in das Bibliothekswesen?
  • Was auch recht früh vermittelt werden sollte, ist, dass der Etat von Bibliotheken zwar im Allgemeinen recht stabil ist, aber das es eine Aufgabe des Managements ist, diesen Etat gegenüber den Trägern begründen zu können und auch, wenn nötig, für eine Erhöhung zu argumentieren. Dabei sollte man schon recht früh lernen, dass es auch hierbei darum geht, zu verstehen, wie die Träger denken und was sie von den Bibliotheken erwarten – und nicht darum, was Bibliotheken sich erhoffen.

Vorüberlegungen zu einem notwendigen Neuen Lehrbuch für das Bibliothekswesen: Teil 1

Teil 1: Kapitel 1-4

Teil 2: Kapitel 5.1-5.9

Teil 3: Kapitel 5.9-6

1. Warum die Vorüberlegungen?

Die letzte überarbeitete Auflage des Lehrbuches «Bibliothekarisches Grundwissen» erschien 2016.1 Es wäre Zeit für eine neue Auflage oder vielleicht auch ein ganz neues Lehrbuch für das Bibliothekswesen im DACH-Raum. Aber: Ich denke, es wird wohl nicht kommen. Mit dieser Einschätzung kann ich falsch liegen, aber mir scheint es – wie ich weiter unten (Kapitel 2) begründen werde – keine aus der Luft gegriffene Behauptung zu sein. Die Strukturen, die für das Produzieren aktueller Lehrbücher notwendig sind, scheinen mir immer weniger gegeben zu sein. (Kapitel 2.4) Aber gleichzeitig benötigt das Bibliothekswesen ein grundlegendes Lehrbuch, in dem das grundlegende Wissen für die Arbeit von und in Bibliotheken an die nächsten Generationen von neuen Kolleg*innen – egal, auch welchen Wegen sie in die Bibliotheken kommen – vermittelt werden. (Kapitel 3) Mich treibt dieser Widerspruch seit einiger Zeit um und ich bin der Meinung, es sollte das Bibliothekswesen an sich umtreiben. Eine Lösung wird nämlich nur möglich sein, wenn sich mindestens eine Anzahl von Institutionen zusammentut. (Kapitel 4) Es kann nicht (mehr) die Aufgabe einzelner Personen sein, so wie dies seit den 1970ern gemacht wurde (also indem Rupert Hacker und dann Klaus Gantert ein Lehrbuch erstellten, dass dann gerne kritisiert, aber auch weithin genutzt wurde). Die Zeiten dafür sind aus politischen Gründen vorbei. (Kapitel 2.4)

Ich will die Überlegungen, die mich zum Thema «Ein mögliches neues Lehrbuch für das Bibliothekswesen» umtreiben, in einer Reihe von Blogposts darlegen. Dieser Post hier wird die grundlegenden Überlegungen präsentieren: Warum denke ich, dass es kein neue Lehrbuch geben wird? (2), Warum denke ich, dass es trotzdem notwendig ist? (3), Wie könnte es eventuell in Zukunft erstellt und fortgeschrieben werden? (4). In den zwei darauf aufbauenden Posts werde ich Themenbereiche durchgehen, von denen ich denke, dass sie heute in einem solchen Lehrbuch enthalten sein müssten. (Kapitel 5.1-5.9 und Kapitel 5.10-6). Ich trenne sie einfach, weil es sonst zu umfangreich für einen Blogpost wird.

Meine Ziele mit diesen Posts sind folgende:

  1. Wie gesagt treibt mich das Thema schon eine ganze Zeit um. Ich möchte es einmal so teilen, dass es zumindest potentiell von anderen auch gesehen wird. Eventuell mache ich mir ja die falschen Überlegungen – dann war es das mit diesen Posts auch schon wieder. Aber vielleicht (hoffentlich) spricht es andere Kolleg*innen im Bibliothekswesen an.
  2. Grundsätzlich hoffe ich, dass «wir» (hier das gesamte Bibliothekswesen im gesamten DACH-Raum, auch wenn ich selber immer wieder darauf hinweise – auch im Folgenden –, dass dies mindestens drei, mit Liechtenstein vier, unterschiedliche sind und auch, wenn ich weiss, dass «Bibliothekswesen» ein grosser Begriff ist, weil er neben Bibliotheken auch die Bibliotheksverbände, die Hochschulinstitute, die Infrastruktureinrichtungen wie Verbundzentralen und Fachstellen, die Redaktionen bibliothekarischer Zeitschriften, aber auch noch mehr Einrichtungen, beispielsweise Fördervereine, umfasst) eine Lösung finden und irgendwie in Zukunft ein gemeinsames Lehrbuch auf den Weg bringen. Und zwar in einer Struktur, die auch das «Fortschreiben» garantiert, nicht «nur» die einmalige Publikation.
  3. Ich möchte auch einen ersten inhaltlichen Aufschlag machen (aber eher in den folgenden zwei Posts). In letzter Zeit habe ich auch darüber nachgedacht, was in einem solchen Lehrbuch enthalten sein sollte oder auch nicht enthalten sein sollte. Das sind meine Überlegungen, als jemand, der vom Beruf her in der bibliothekarischen Lehre und Forschung über Bibliotheken engagiert ist und sich aufgrund dieser Position auch immer Gedanken über die grundsätzlichen Entwicklungen im Bibliothekswesen machen soll. Und das jetzt auch schon seit mehr als zehn Jahren – also aus einer für das Thema privilegierten Position, aber trotzdem «nur» einer Position, verbunden mit subjektiven Interessen. Ich möchte die Überlegungen schildern, damit sie, wenn sich das anbietet, als Grundlage für eine umfassendere, systematische Planung eines solchen Lehrbuchs genutzt werden können. Sie sind weder «fertig» noch vollständig, sondern vor allem die Themen, die ich für notwendig ansehe.

Was ich mit diesen Post explizit nicht möchte, sind zwei Sachen. Zum einen möchte ich dies nicht als Kritik am «Bibliothekarischen Grundwissen» verstanden wissen. Meine Überlegungen kommen daher, dass mir einfach die Zeit für ein neues Lehrbuch reif scheint – es gab Entwicklungen, es wurden neue Erfahrungen gesammelt, die Welt und das Bibliothekswesen haben sich verändert. Alle Lehrbücher für alle Gebiete müssen von Zeit zu Zeit überarbeitet werden, das heisst nicht, dass sie zuvor falsch waren. (Ich denke allerdings, dass im Aufbau von «Bibliothekarisches Grundwissen» einiges aus historischen Gründen enthalten ist, dass grundsätzlich hinterfragt werden sollte. Ein Lehrbuch muss – wie ich weiter unten anhand des französischen Pendants zeigen möchte – nicht all das enthalten, was in «Bibliothekarisches Grundwissen» steht und es kann immer auch anderes enthalten. Es ist immer eine Frage, was in einem Bibliothekswesen als notwendiges Wissen angesehen wird.)

Zum anderen möchte ich mich mit der Postreihe explizit nicht als möglicher Autor eines solchen neuen Lehrbuchs positionieren. Ich habe grossen Respekt davor, dass Rupert Hacker und Klaus Gantert das Selbstbewusstsein aufgebracht haben, für sich in Anspruch zu nehmen, sagen zu können, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als grundlegendes Wissen zum Bibliothekswesen zählt und was nicht. Das traue ich mir nicht zu. Grundsätzlich werde ich hier in den Posts das eigentlich relevante Thema «Wer soll es machen?» auslassen. Ich zumindest plane es nicht.

2. Warum es (wohl) kein neues Lehrbuch für das Bibliothekswesen geben wird

Zuerst, in diesem Abschnitt, will ich kurz darstellen, warum es meiner Meinung nach unwahrscheinlich ist, dass es in Zukunft ein weiteres Lehrbuch für das Bibliothekswesen im DACH-Raum geben wird (wenn sich nicht explizit dafür engagiert wird). Wer sich dafür nicht interessiert, kann es auch gut überspringen.

Aber, grundsätzlich: Meine Überzeugung kommt von den beobachtbaren Veränderungen in der Hochschulfinanzierung, Verlagswelt und Ausbildung selber.

2.1 Wer schreibt Lehrbücher?

Zuerst: Wer schreibt eigentlich Lehrbücher? Und mit Schreiben meine ich nicht nur den eigentlichen Prozess, sondern auch das Planen (zum Beispiel, welche Themen hinein sollen oder nicht hinein sollen), eventuell die Organisation von Mitarbeiter*innen oder von Vordiskussionen, eventuell auch Review-/Vernehmlassungsprozesse und so weiter.

Gehen wir kurz in die (deutsche) Bibliotheksgeschichte vor die 1970er zurück:

  1. Zuerst, im 19. Jahrhundert, waren es oft einzelne Bibliotheksdirektoren (alle männlich), die sich damit hervortaten. Bekannt ist vielleicht der «Versuch eines vollständigen Lehrbuchs der Bibliothek-Wissenschaft: oder Anleitung zur vollkommenem Geschäftsführung eines Bibliothekars», den Martin Schrettinger zwischen 1808 und 1829 in am Ende zwei Bänden (der erste in drei Heften) publizierte.2 Das war der Anfang der Bibliothekswissenschaft, aber halt auch – wenn man hineinschaut – explizit ein Lehrbuch für Bibliothekar*innen, wobei Schrettinger sowohl an die Direktoren als auch die Bibliothekare (im, heute würden wir sagen, im höheren und gehobenen Dienst) dachte, aber nicht unbedingt an die Angestellten unterhalb der Bibliothekare (die damals beispielsweise Bibliotheksdiener hiessen). Das Lehrbuch ist auch symptomatisch für diese Frühzeit des modernen Bibliothekswesens: Eine Person übernahm die Planung des inhaltlichen Aufbaus, das Schreiben und dann wohl auch das Verbreiten des Lehrbuchs. Grundlage dafür waren vor allem Schrettingers Erfahrungen in München selber und seine theologisch-philosophische Ausbildung. Wie sehr das Lehrbuch in der Praxis in anderen Bibliotheken genutzt wurde, lässt sich schwer feststellen – aber ich kann mir gut vorstellen, dass dies so unterschiedlich war, wie die Bibliotheken damals in den unterschiedlichen deutschsprachigen Ländern auch unterschiedlich waren.
  2. Ende des 19. Jahrhunderts, als sich auch das moderne Bibliothekswesen sich langsam als solches konstituierte – also nicht mehr als für sich alleine stehende Bibliotheken, sondern als Bibliotheken, die im Kontakt miteinander standen, sich untereinander austauschten, eigene Zeitschriften, Kongresse und Verbände etablierten – veränderte sich auch dies. Lehrbücher und ähnliche Handbücher wurden als grosse Projekte angegangen. Immer noch vor allem von Bibliotheksdirektoren, aber gemeinsam. (Wobei «gemeinsam» wohl immer hiess, das einige mitmachen durften und andere nicht. Es gab immer Bibliotheken, denen zum Beispiel wegen ihrer Grösse oder Geschichte eine grössere Bedeutung zukam als anderen.) Als Beispiel kann hierfür das «Handbuch der Bibliothekswissenschaft», 1931-1942 herausgegeben von Fritz Milkau und Georg Leyh, gelten (das dann bis in die frühen 1960er Jahre immer wieder aktualisiert wurde).3 Dieses Handbuch war das Ergebnis von intensiver Arbeit – inklusive Streits – innerhalb des deutschen Bibliothekswesens (und das, wie an den Erscheinungsjahren sichtbar ist, auch in einer schwierigen Zeit – aber es soll hier nicht um den Inhalt des Handbuchs gehen). Es gab einen am Anfang erstellten Publikationsplan, der zum Beispiel die Dreiteilung der Bände in Buchkunde, Bibliothekskunde und Bibliotheksgeschichte festlegte. Einzelne Kapitel wurden dann von verschiedenen Direktoren geschrieben. Man kann feststellen, dass es von den Direktoren damals als ihre Aufgabe angesehen wurde, dieses Handbuch vorzulegen, dass dann auch als Lehrbuch genutzt werden konnte. In ihm wurde alles zusammengetragen, was für die höheren Dienst und die Leitung von (Wissenschaftlichen) Bibliotheken (in Deutschland) als notwendig angesehen wurde.
  3. Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahren kommt es dann zu einer funktionalen Differenzierung. Das hat gewiss mit den gesellschaftlichen Veränderungen und der Modernisierung der westeuropäischen Gesellschaften zu tun. Für das Thema Lehrbücher des Bibliothekswesens relevant ist hier der Ausbau von Hochschuleinrichtungen, inklusive der Gründung neuer Hochschulen, die dann im Bibliothekswesen auch Professionalisierungstendenzen antrieben. Es gab mehr Bibliotheken, in den Bibliotheken immer mehr Personal und immer mehr Aufgaben. Es gab auch immer mehr Auftrennungen von Aufgaben. Zum Beispiel «entfernte» sich die Frage der Ausbildung des Personals offenbar immer mehr von den Direktionen weg, hin zu eigenen Abteilungen in den Bibliotheken und hin zum Aufbau von Studiengängen in Hochschulen. Es kam auch zu einem gewissen Ausbau von bibliothekswissenschaftlichen Strukturen (in Grenzen). Im Rahmen dieser Entwicklungen ist dann das «Bibliothekarische Grundwissen» relevant, welches 1972 das erste Mal erschien.4 (Aber ein vergleichbares Projekt, eher in Tradition der «Handbüchern» wäre für die DDR das «Lexikon des Bibliothekswesens», dass auch nur durch den Ausbau des wissenschaftlichen Personals im bibliothekswissenschaftlichen Bereich in Berlin-Ost möglich wurde.5) Es wurden vom Staat Einrichtungen aufgebaut, die eine Ausbildung auf Hochschulniveau anbieten sollten – nicht nur für das Bibliothekswesen – und gleichzeitig die wissenschaftlichen Grundlagen für die Praxis liefern sollten. Wissenschaft hiess damals mehr als heute nicht unbedingt vor allem «Innovation», sondern geklärte Grundlagen und zusammengefasstes Wissen. Rupert Hacker war nicht an einer solchen Hochschule angestellt, aber erster Dozent der «Bayerischen Bibliotheksschule», die eine ähnliche Aufgabe wahrnahm. Grundsätzlich wichtig ist: Es gab ab dieser Zeit Personen, in deren Aufgabenbereich es von ihren Berufsauftrag her fiel – für den sie dann zum Beispiel auch ihren Lohn erhielten –, solche Lehrbücher zu erstellen. Sicherlich in der Idee immer im Kontakt mit der Bibliothekspraxis, aber doch aus einer Position, in der sie dies eher theoretisch erarbeiten konnten – also zum Beispiel auch nicht so sehr von lokalen Erfahrungen oder Befindlichkeiten in einer Bibliothek beeinflusst waren.

2.2 Ein Lehrbuch, kein «Lehrbuch»

Mir ist klar, dass es nicht schwer ist (nicht so schwer ist), ein Buch mit dem Titel «Lehrbuch» herauszugeben. Das ist noch nicht mal zynisch gemeint. Es gibt aktuell ja zum Beispiel den Trend, in «Book Sprint» Expert*innen zu einem Thema zusammenzubringen, um sie ein solches Buch (dann gerne auch multimedial und unter freier Lizenz veröffentlicht) zu verfassen. Aber das meine ich nicht. Genausowenig wie Sammelwerke zu einem Thema, die mit dem Titel «Handbuch XYZ» veröffentlicht werden. Das sind beides Entwicklungen, Namen für Genres umzuinterpretieren – etwas, was grundsätzlich immer passiert, aber in diesem Fall auch wichtige Funktionen von Lehrbüchern (oder Handbüchern) fallen lässt.

Insoweit ist es hier notwendig, zu skizzieren, welchen Kriterien ein Lehrbuch, von dem ich hier rede, erfüllen muss.

  1. Ein Lehrbuch für eine Profession muss das Wissen, dass notwendig ist, um in diese Profession einzusteigen, in ihr eine Karriere haben zu können, seine Funktionen und Entwicklungen zu verstehen und es auch aktiv mitgestalten zu können, möglichst vollständig darstellen. Als Lehrbuch muss es das auch mit einem klaren, systematischen Aufbau tun: Das notwendige Wissen muss nacheinander vermittelt werden und es muss aufeinander aufbauen. Es muss praktisch möglich sein, dass Buch von vorne nach hinten durchzuarbeiten und dabei von den Grundlagen zu immer komplexeren Wissen zu gelangen. (Dieser Aufbau unterscheidet dann ein Lehrbuch dieser Art von einem Handbuch, dass eine andere Struktur haben kann.) Dabei muss ein Lehrbuch nicht alle Themen vollständig darstellen, sondern kann auch immer darauf verweisen, was für eine spezifische Karriere im Bibliothekswesen (beispielsweise in einem Bibliothekstyp, nur in der Katalogisierung oder nur in Beratungsdienstleistungen) noch weiterhin notwendig zu lernen wäre. Aber es muss alle relevante Themen so weit einführen, dass sie grundsätzlich verstanden werden können (beispielsweise was Regelwerke sind, warum sie notwendig sind und wie ihre theoretischen Grundlagen aussehen, aber nicht unbedingt die genauen Regelungen bei Spezialfällen der Katalogisierung).
  2. Ein Lehrbuch dieser Art muss also systematisch aufgebaut sein: Vom Grundlegenden muss es zum Komplexen gehen, alle relevanten Themen müssen enthalten sein, die anderen die Profession betreffenden Themen müssen mit Verweisen auf weitere Lernmöglichkeiten erwähnt werden. Ausserdem muss klar werden, warum die jeweiligen Themen überhaupt behandelt werden. Das heisst auch umgekehrt was ein solches Lehrbuch nicht sein darf: Es darf nicht eine Sammlung von gerade temporär interessanten Themen sein. Es darf auch nicht die Themen nur deshalb behandeln, weil eine oder ein paar Personen aus der Profession sie spannend finden. Ebenso darf es nicht einfach Beispiele enthalten, bei denen nicht klar wird, was aus denen zu lernen ist – grundsätzlich sollten Beispiele nur dann angeführt werden, wenn sie direkt zu einem Thema Bezug haben und wenn im Lehrbuch klar gemacht wird, was dieser Bezug ist. Ansonsten sollte man auf sie verzichten. (Lehrbücher werden zumindest prototypisch von potentiellen neuen Kolleg*innen «durchgearbeitet». Durch ihre Position als Lehrmaterial wird potentiell allem, was in einem Lehrbuch steht, ein hoher Wert zugemessen. Beispiele, die in einem Lehrbuch erwähnt werden, erscheinen dann schnell als mehr als ein Beispiel, eher als ein Prototyp. Das sollte vermieden werden.) Das unterscheidet Lehrbücher (oder, hier wieder gemeinsam, auch «richtige» Handbücher) von anderen Texten in einer Profession, beispielsweise Zeitschriftenartikel oder aktuelle Fachliteratur.
  3. Zur Systematik eines solchen Lehrbuches gehört auch, dass Begriffe und Konzepte eindeutig definiert werden. Es muss klar werden, dass diese Definitionen kein Selbstzweck sind (oder nur behandelt werden, um in Klausuren abgefragt zu werden), sondern das sie den Kern einer Kommunikation innerhalb einer Profession darstellen und dass die Entwicklung von eigenständigen Definitionen – entgegen der mehr oder minder unkritischen Übernahme von Begriffen aus anderen Bereich oder gar von Firmen und Berater*innen – eine für jede Profession notwendige Arbeit darstellt.
  4. Inhaltlich geht es in einem Lehrbuch dieser Art also nicht darum, die Meinungen, Einschätzungen oder Hoffnungen der einzelnen Autor*innen darzustellen, sondern jeweils den Konsens in der Profession. Wenn es keinen Konsens zu einem Thema gibt, wäre es eine Aufgabe, die unterschiedlichen Positionen darzustellen und zu sagen, warum es diese gibt. (Dabei wäre es dann auch wichtig, diese nicht schon wieder zu werten. Beispielsweise wären im Fall des Bibliothekswesen Begriffe wie «traditionell» und «innovativ» zu vermeiden, besonders, wenn sie einfach nur Behauptungen darstellen und nicht auf einer Darstellung der jeweiligen Geschichte basieren.) Ein Lehrbuch, nochmal, soll potentiellen neuen Kolleg*innen vermitteln, was in Bibliotheken wichtig ist und vielleicht auch diskutiert wird. Sie sollen dann in der Lage sein, sich in diesen Diskussionen zurecht zu finden und an ihnen teilzuhaben. Es geht in einem Lehrbuch aber gerade nicht darum, sie (schon) von einer Position zu überzeugen oder von einer anderen abzuhalten. Sicherlich: Das ist ein schwer umzusetzender Anspruch, insbesondere, wenn Leute davon überzeugt sind, dass ihre jeweilige Meinung eigentlich der Konsens wäre oder sein sollte. (Und das ist dann wieder ein wichtiger Unterschied zu anderen Publikationsformen, die sehr wohl Position beziehen sollen.)
  5. Lehrbücher dieser Art (und Handbücher) werden nicht einmal erstellt, sondern kontinuierlich betreut. Es ist klar, dass sich das Wissen, dass in ihnen dargestellt wird, kontinuierlich wandelt, also müssen sie auch regelmässig überarbeitet werden: Themen werden wichtiger oder verschwinden. Der Konsens verändert sich. Technologie, Gesellschaft, das Bibliothekswesen und anderes verändert sich. Kontinuierlich hiesst im Idealfall regelmässig (so wie es einst Redaktionen von Lexika taten, die es so ja auch nicht mehr gibt), zumindest aber in verlässlichen Zeitabständen und mit verlässlicher Qualität. Dabei muss im Auge behalten werden, dass es potentiell immer wieder neue potentielle Kolleg*innen sind, die dann die jeweils aktuelle Version des jeweiligen Lehrbuches nutzen werden, um sich das Wissen für den Einstieg in die Profession zu erarbeiten. Es muss also immer wieder alles Grundlegende vermittelt werden. (Diese Kontinuität unterscheidet Handbücher von den meisten Werken, die heute im Bibliothekswesen mit «Handbuch XYZ» betitelt werden, aber bei denen oft keine Struktur im Hintergrund steht, welche diese kontinuierliche Überarbeitung garantiert.)

2.3 Le Métier de Bibliothécaire

Eine Sache, die mich dazu motiviert hat, über ein Lehrbuch nachzudenken, ist, dass ich das französische Pendant zum «Bibliothekarischen Grundwissen gelesen habe.6 «Le Métier de Bibliothécaire» wurde zuletzt 2019 publiziert. Hinter ihm steht eine Redaktion, die schon länger vom Bibliotheksverband, der Accosiation des bibliothécaires de France, organisiert wird. «Le Métier» erscheint auch schon etwas länger als das«Bibliothekarisches Grundwissen» (seit 1966), aber es hat eine ähnliche Funktion: Es ist das Lehrbuch, welches den Einstieg in das Bibliothekswesen ermöglichen soll. Dafür liefert es einen Überblick zum relevanten Wissen, zu Entwicklungen und liefert auch Definitionen und Begriffe.

Aber was vor allem auffällt, wenn man «Le Métier de Bibliothécaire» und «Bibliothekarisches Grundwissen» nebeneinander liest, sind die Unterschiede. Sicherlich: Das eine Buch bezieht sich auf das französische Bibliothekswesen und stellt auch dessen Strukturen dar; das andere Buch auf das deutsche. Aber die Unterschiede sind viel grösser. Beide Bücher haben einen mehr oder minder systematischen Aufbau, aber sie haben andere Inhalte. Zudem ist «Le Métier» ein Sammelwerk, dass heisst, es gab einen Publikationsplan und Redaktionsarbeit, aber die Texte selber haben einzelne Autor*innen. «Bibliothekarisches Grundwissen» hat einen Autor. Es gibt Inhalte, die sich in beiden Büchern finden und Inhalte, die sich nur in einem finden. Es ist auch nicht so, als wäre eines einfach umfangreicher und hätte einfach deshalb mehr Inhalt, sondern es sind teilweise wirklich unterschiedliche Inhalte. Einiges lässt sich durch die verschiedenen Bibliothekssysteme erklären (beispielsweise die höhere Bedeutung von Veranstaltungen ausserhalb der Bibliotheken in Frankreich), anderes aber nicht.

Einen tieferen Vergleich zwischen den beiden Lehrbüchern – und dann wohl auch noch mehr aus anderen Ländern – könnte man einmal anderswo durchführen. Aber für mich relevant war die Erkenntnis, dass ein Lehrbuch nicht unbedingt so aussehen muss oder erstellt werden muss, wie «Bibliothekarisches Grundwissen». Obwohl es beide Male um die gleiche Aufgabe und die gleiche Profession geht, ist es möglich, andere Entscheidungen über die inhaltliche Ausgestaltung zu treffen – ohne das eine Lösung per se falsch und richtig wäre. Immer können andere Entscheidungen über die Struktur hinter dem Lehrbuch getroffen werden, als das bislang bei den beiden der Fall war. Das heisst auch, ein potentielles neues Lehrbuch könnte tatsächlich anders aussehen, als «Bibliothekarisches Grundwissen» heute aussieht (oder als «Le Métier» heute aussieht).

2.4 Zeitgeist und Projekte

Es gab – wie weiter oben (Kapitel 2.1) dargestellt wurde – also eine Entwicklung von einzelnen Direktoren, die sich dazu berufen fanden, bibliothekarische Lehrbücher zu schreiben (Anfang-Mitte des 19. Jahrhunderts), hin zu Lehrbüchern, die gemeinsam von Direktoren entwickelt wurden (Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts), bis zu einer eigenen Profession an Hochschulen, die neben der Lehre auch die Aufgabe erhielten, Lehrbücher zu erstellen (Mitte des 20. Jahrhunderts).7

Das ist jetzt, Anfang des 21. Jahrhundert, vorbei. (Vielleicht wird es noch einmal ein Lehrbuch aus München geben, weil die jetzige Bibliotheksakademie Bayern immer noch eine besondere Institution ist. Aber mir scheint es nicht wahrscheinlich.) Warum? Das hat vor allem mit dem Umbau der Hochschulen zu tun. Fachhochschulen im DACH-Raum – und sie ist es, wo der Hauptteil der bibliothekarischen Ausbildung auf Hochschulniveau stattfindet, auch wenn es mit der Humboldt Universität eine Ausnahme gibt – sind nicht mehr die gleichen Einrichtungen wie in den 1970er Jahren. Ihr Aufgabenbereich ist eingeschränkt oder fokussiert worden, ihre Finanzierung findet anders statt. Grundsätzlich war es vor einige Jahrzehnten so organisiert, dass die Hochschulen und das Personal an den Hochschulen dafür finanziert wurde, bestimmte Funktionen zu übernehmen. Zu diesen zählte auch, den Wissensstand zu ihrem Fachgebiet aufzubereiten und darzustellen. Diese Funktion wurde ihnen im Laufe der funktionalen Differenzierung der Gesellschaften zugedacht. Andere Organisationen oder Personengruppen, die diese Funktion zuvor mit übernahmen, hatten diese dann nicht mehr – dafür aber viele andere. Das sieht man in der gerade dargestellten Entwicklung auch sehr gut: Anfang des 19. Jahrhunderts konnte Schrettinger noch mit einigem Recht für sich in Anspruch nehmen, eine Bibliothek zu leiten, direkt in deren Arbeit eingebunden zu sein und gleichzeitig eine Wissenschaft zu begründen sowie das grundlegende Lehrbuch für diese zu schreiben. Später konnten die versammelten Bibliotheksdirektoren – die dann schon sehr wenig in der konkreten bibliothekarischen Arbeit engagiert waren, sondern vor allem leiteten – mit Recht in Anspruch nehmen, grundlegende Lehrbücher und Handbücher zu schreiben. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts waren es dann die Hochschulen, die die Aufgabe hatten, Wissen zu versammeln und deshalb auch Lehrbücher zu erstellen, während die Bibliotheksleitungen immer mehr zur Managementebene ihrer Bibliotheken wurden.

Aber das ist aufgebrochen: Es gibt an den Hochschulen praktisch keine langfristige, grundständige Finanzierung von Stellen mehr, es ist auch nicht mehr ihre Aufgabe, Wissen grundsätzlich zu versammeln und darzustellen. Alle Hochschulen sind zu Lehr- und Forschungseinrichtungen geworden, wobei gerade die Fachhochschulen auf eine Forschung verpflichtet werden, die «praxisorientiert» und «innovativ» sein soll. So ist auch die Finanzierung aufgestellt: Es gibt eigentlich keine grundständige Finanzierung für kontinuierliche Aufgaben an Hochschulen mehr, sondern alle Finanzierung ist Projektbezogen: Alles muss irgendwie direkt finanziert werden – jede Forschung bedarf einer Projektfinanzierung, zumeist aus Drittmitteln, jeder Studiengang wird mit Bezug darauf, wie viele Studierende eingeschrieben sind, finanziert (und nicht etwa, wie gesellschaftlich relevant er angesehen wird).8 Das sind auch die Quellen, die alle anderen Finanzierungen (beispielsweise für «nicht-wissenschaftliches» Personal) mit bestimmen.

Das ist politisch gewollt und man kann lange darüber diskutieren, ob es der richtige Weg ist (ist er selbstverständlich nicht). Aber hier geht es mir um etwas anderes, nämlich darum, was dies für die einst den Hochschulen «zugewanderte» Aufgabe des Erstellens von Lehrbüchern bedeutet. Es gibt sie nicht mehr als Aufgabe, die praktisch in der Hochschulfinanzierung «eingepreist» ist. Lehrbücher können praktisch nicht mehr einfach als Teil der Arbeit an der Hochschule geschrieben werden. Weder ich noch die Kolleg*innen an den anderen Hochschulen können sagen: «Mein Projekt ist jetzt das Erstellen eines Lehrbuches.» Das ginge nur, wenn es als Projekt finanziert würde. Ansonsten ist das alles «Privatvergüngen» für die Freizeit.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, wer so ein Projekt finanzieren könnte. Die politische Idee hinter dieser Form der Hochschulfinanzierung ist, dass sich eine Finanzierung finden würde, wenn es zum Beispiel von der betreffenden Profession als relevant angesehen würde – dann würde die Profession das irgendwie organisieren (beispielsweise selber finanzieren oder auch Ministerien, Stiftungen oder so um die Finanzierung angehen). Aber selbst, wenn dies passieren würde (wenn beispielsweise die Bibliotheksverbände des DACH-Raumes sich zusammentun und von den jeweiligen Kultusministerien das notwendige Geld einwerben würden, um es dann als Projekt an Hochschulen zu geben), würde eine weitergehende Frage offenbleiben, nämlich, wie so ein Lehrbuch in Zukunft fortgeschrieben würde. Seit den 1970er Jahren war es in gewisser Weise die heutige Bibliotheksakademie in München, die sich um diese Arbeit kümmerte – das war in gewisser Weise eingepreist im Betrieb dieser Einrichtung. Das gesamte Bibliothekswesen im DACH-Raum hat davon profitiert. (Ausser, vielleicht, die DDR – es wäre interessant zu wissen, ob dort die jeweilige Ausgabe von «Bibliothekarisches Grundwissen» verwendet wurde und wenn ja, wie. Aber selbst wenn nicht, gab es dort die Finanzierung des Instituts an der Humboldt Universität.) Das ist aber wohl vorbei. Im Rückblick bin ich überrascht, dass es überhaupt die letzte Ausgabe gab – das war damals schon aus der Zeit gefallen, dass ein Professor an einer Einrichtung die Arbeit an diesem Lehrbuch als Teil seiner Arbeit finanziert bekommen hat.

Man kann das als «Zeitgeist» bedauern, aber man muss die Situation auch realistisch sehen: Die Hochschulen haben nicht mehr die «selbstverständliche» Aufgabe, so umfassende Werke vorzulegen. Es gibt aber auch keine Einrichtung in der Profession (mehr), an die diese Aufgabe quasi automatisch übergehen würde. Die Direktionen der Bibliotheken, auch der grossen Einrichtungen, sind heute mit anderen Aufgaben betraut. Die Bibliotheksverbände haben auch immer mehr die Aufgabe von Lobbyorganisationen. (Und der «Markt» der Bibliotheken ist auch zu klein, als das Verlage als Finanziers eines solchen Buches einspringen würden – zumal auch sie immer mehr in kurzfristigen Projekten denken.)

Kurzum: Die gleiche Projektorientierung, die dazu geführt hat, dass zum Beispiel der Grossteil des Arbeit an Bibliographien in Bibliotheken und Forschungseinrichtungen eingestellt wurde, weil diese eine kontinuierliche Finanzierung bedeuten, hat auch dazu geführt, dass Hochschulen keine Lehrbücher mehr produzieren. (Muss das so bleiben? Kann es nicht auch politische Entscheidungen in eine andere Richtung geben? Sure, vielleicht. Aber aktuell sieht es nicht danach aus.)

3. Warum ein Lehrbuch für das Bibliothekswesen notwendig ist

Was der kurze Blick zurück unter anderem zeigt, ist, dass es praktisch mit Beginn der Professionalisierung des Bibliothekswesens als eigenständiger Profession auch die Idee gibt, dass sowohl Lehrbücher als auch Handbücher notwendig wären. Die Trennung in zwei unterschiedliche, sagen wir einmal, Genres, kommt erst mit der Zeit und ist auch nie vollständig – da beide Formen auch ähnliche Funktionen für die Profession übernehmen (die werde ich gleich thematisieren). Gleichzeitig gibt es auch immer wieder neue Anfänge – die jeweils «alten» Lehrbücher und Handbücher werden als überholt, unvollständig, unaktuell angesehen, es müssen dann neue erstellt werden. Teilweise wegen politischer Entwicklungen (zum Beispiel ist klar, dass ein Lehrbuch aus dem Kaiserreich ganz andere politische Grundüberlegungen hat als ein Lexikon aus der DDR), aber das ist bei weitem nicht die einzige Erklärung. Es gibt einfach immer Entwicklungen in der Profession, in der Gesellschaft, bei den Medien (Medienarten, Mediennutzung, Medienmarkt und so weiter), die dazu führen, dass Teile des Wissens einer Profession veralten und aktualisiert werden müssen. Das trifft das Bibliothekswesen genauso wie jede andere Profession.

Warum gibt es dieses kontinuierliche Interesse an Lehrbüchern und Handbüchern? Weil sie für einen Profession wichtige Aufgaben übernehmen. Sie sind wichtig, damit eine Profession ein eigenständiges Wissen ausprägen kann, dass sowohl für die konkrete Praxis (also hier die Leitung von Bibliotheken, die Arbeit in Bibliotheken sowie die Entwicklung der Bibliotheken) wichtig ist als auch sie von anderen Professione abtrennt. Was passiert, wenn diese Orientierungsfunktion wegfällt, muss man wohl noch sehen: Entweder deprofessionalisiert sich die Profession (sie wird weniger einheitlich, weniger gut gegen andere Professionen abgegrenzt, weniger gut dabei, ihre Funktionen zu erfüllen) oder sie findet einen anderen Weg, professionell zu bleiben (also sich gemeinsam weiterzuentwickeln). Ich hoffe auf letzteres, aber… die Gefahr der Deprofessionalisierung ist immer da.

Die Funktionen, die Lehrbücher für Professionen übernehmen, sind weiterhin wichtig. Und deshalb argumentiere ich hier, dass es weiterhin ein mehr oder minder verbindendes Lehrbuch für das Bibliothekswesen braucht – auch, wenn es zumindest nicht mehr so erstellt werden wird, wie in den letzten Jahrzehnten.

Was sind diese Funktionen?

  • Ein Lehrbuch ist erstmal selbstverständlich ein Unterrichtsmittel für die Personen, die an Hochschulen, in Bibliotheken und im weiteren Bibliothekswesen (zum Beispiel an / durch Fachstellen) Personal für die Bibliotheken aus- und weiterbilden. Ich bin so jemand und weiss aus meiner Praxis und der anderer, dass wir alle unseren eigenen Lehrmittel erstellen. Einerseits, weil das Lehrbuch veraltet (und in meinem Fall – kommen wir noch dazu – für «mein Land» nicht immer anwendbar) ist, andererseits, weil Unterricht und Lehre halt nicht einfach das Vorlesen eines Lehrbuches darstellt. Aber was ein Lehrbuch macht, auch wenn es nicht direkt oder nur zum Teil direkt verwendet wird, ist, zu klären, welche Inhalte in der Lehre wichtig sind, welche nicht und was an Wissen vermittelt werden sollte. Es ist nicht egal, was in ihm steht, sondern es ist geprägt von dem, was in der Profession als wichtig gilt, aber es prägt auch, was in ihr als wichtig angesehen wird. Es strukturiert also einen Diskurs in der Profession, der dann weitergeführt werden kann. Die inhaltlichen Unterschiede zwischen «Bibliothekarisches Grundwissen» und «Le Métire de Bibliothécaire» sind relevant für die Unterschiede zwischen französischem Bibliothekssystem und denen im DACH-Raum.
  • Gleichzeitig fasst ein Lehrbuch zusammen, was als notwendiges Wissen zur Arbeit in einer Bibliothek angesehen wird. Dies nicht nur für Lehrende, sondern auch für Lernende / Studierende (und, im Fall des Bibliothekswesens, immer auch «Quer-einsteigenden»), aber auch für Personen, die schon im Bibliothekswesen arbeiten. Das die Lehr- und Handbücher Anfang des 20. Jahrhunderts grossen Wert auf die Buchkunde gelegt haben (also beispielsweise Buchgeschichte, Aufgabe von Büchern, konkreter Druck von Büchern, Literaturgeschichte und aktuelle Entwicklungen in der Literatur), das aber in «Bibliothekarisches Grundwissen» kaum noch Thema ist, dafür aber mehr Medienformen angesprochen werden, ist so ein sichtbarer Wandel. Auch, dass in «Le Métire de Bibliothécaire» Wert auf die Soziologie des Lesens und des Literatursystems gelegt wird, dies aber in «Bibliothekarisches Grundwissen» praktisch gar nicht vorkommt, zeigt, dass dieses «notwendige Wissen» nicht einfach fest ist, sondern sich einerseits aus dem jeweiligen Bibliothekssystem ergibt und dieses andererseits auch prägt.
  • Ein Lehrbuch stellt auch Wissen darüber zusammen, welche Aufgabe eine Profession hat, welche Strukturen existieren, warum sie existieren (also oft, wie ihre Geschichte ist) und welche Hauptdiskurse die jeweilige Profession prägen. Auch das ist relevant für die Profession: Was im Lehrbuch nicht (mehr) angesprochen wird, kann als Thema schnell verschwinden. Hier wäre wieder der unterschiedliche Stellenwert der Literaturkunde zu nennen: Im frühen 20. Jahrhundert im DACH-Raum ein wichtiger Teil der bibliothekarischer Ausbildung und Arbeit, wird es heute praktisch nicht mehr thematisiert. (Das zeigt sich in den verschiedenen deutschen Lehrbüchern.) Ebenso: Was als Thema in Lehrbücher aufgenommen wird, gewinnt an Bedeutung. Lehrende und Lernende werden sich mit dem Thema auseinandersetzen, aber auch die Profession selber wird zum Beispiel erwarten, dass zu diesen Thema Wissen vorhanden ist bei Personen, die in Bibliotheken arbeiten werden. Kurzum: Lehrbücher prägen die Aufgaben, Themen und Diskurse einer Profession mit.
  • Gleichzeitig sollen Lehrbücher Grundlagen für Personen legen, die dann im Idealfall bis zur Rente in der Profession verbleiben. In hier diskutierten Fall also im Bibliothekswesen selber. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts heisst das auch: Alle Personen auf allen Stufen und in allen Karrierewegen innerhalb des Bibliothekswesens, nicht – wie zuvor – nur in Direktionen und hohen Positionen. Das unterscheidet Lehrbücher von anderen Werken: Es soll die Grundlage sein, auf der dann in Zukunft aufgebaut wird. Das heisst, es gilt in Lehrbüchern auch zu entscheiden, was grundlegendes Wissen und was kurzlebige Trends sind. Es bringt nichts, wenn in ihnen Themen angesprochen werden, die aktuell als vielleicht relevant gelten, aber zehn Jahre später praktisch nicht mehr besprochen werden.9 Das unterscheidet sie auch von Lehrmitteln, die jedes Semester neu erstellt oder angepasst werden können. Sie haben also die Aufgabe, ein Grundwissen abzugrenzen von relativ schnellen Entwicklungen – und gleichzeitig dabei keine relevante Entwicklung zu übersehen.
  • Das gilt auch andersherum: Lehrbücher sollen keine Geschichtswerke sein, welche jede Wendung der jeweiligen Profession oder seiner Strukturen darstellen. Aber sie müssen ein Grundwissen darüber vermitteln, wieso die Profession so ist, wie sie ist – also, was sie «durchlebt» hat und wie sie so geworden ist, wie es heute ist. Das ist aus mehreren Gründen wichtig: Lehrbücher sollen ein Wissen vermitteln, dass gegen zu schnelle Behauptungen darüber, was der «immerwährende Kern» einer Profession ist (in unserem Fall zum Beispiel die Behauptung «Bibliotheken waren schon immer demokratische Einrichtungen») und wie sie sich entwickeln werden, helfen soll. Es soll ein Wissen sein, dass es Personen im Bibliothekswesen ermöglicht, zu handeln. Und gleichzeitig sollen Lehrbücher zeigen, dass eine Profession in ständiger Bewegung ist (vielleicht auch warum), dass also Veränderung auch möglich ist und des Engagements von Personen bedarf.
  • Lehrbücher sollen Personen auch nicht zu gehorchenden Angestellten erziehen, sondern zu Mitgliedern der Profession, die Verantwortung für die eigene Arbeit, für die Entwicklung ihrer eigenen Einrichtung (oder, im Laufe ihrer Karriere, Einrichtungen) sowie die Profession im Gesamten übernehmen. Dazu müssen sie auch vermitteln, dass das Wissen in den Lehrbüchern sich immer in Veränderung befindet.
  • Und – das kann man als wichtigste, aber oft übersehene Funktion von Lehrbüchern oder Handbüchern beschreiben: Sie vermitteln ein gemeinsam geteiltes Vokabular. Nicht nur bestimmen sie in gewisser Weise, welche Themen wichtig sind, sondern auch, wie bestimmte Dinge benannt, wie sie voneinander differenziert werden oder auch, was bestimmte Begriffe bedeuten.10 Im Unterricht kann das selbstverständlich dazu führen, dass Definitionen auswendig gelernt werden (müssen). Aber solche Definitionen haben auch Vorteile – Leute wissen innerhalb einer Profession, worüber sie gemeinsam reden und konstituieren damit überhaupt erst Diskursgemeinschaften, die auch über konkrete Themen reden können.

Ich hoffe, es ist klar geworden, warum ich zumindest denke, dass ein Lehrbuch (oder darüber hinaus – aber darüber wollte ich hier nicht auch noch reden – ein Handbuch) für das Bibliothekswesen weiterhin notwendig ist: Es ist meiner Meinung nach notwendig, um eine kohärente Profession Bibliothekswesen zu haben und auch Personen ausbilden (oder, bei Quereinstieg, sich selber bilden) zu können, die ihre Karriere aktiv in dieser Profession ausüben können. Es ist auch notwendig, um professionelle Debatten als eigene Profession zu führen (und sich nicht zum Beispiel von Verlagen oder anderen Akteur*innen vor sich hertreiben zu lassen).

4. Welche Infrastrukturen braucht ein Lehrbuch (heute)?

Im diesem Abschnitt möchte ich einige erste Ideen dazu präsentieren, wie das Erstellen und Fortschreiben eines solchen Lehrbuchs aussehen könnte. Es mag gut sein, dass es andere, einfachere Möglichkeiten gibt, die ich nicht sehe. Aber was hoffentlich klar ist: Die «alten» Strukturen sind dafür nicht mehr ausreichend. Gleichzeitig hat sich der Staat, der sich der Organisation dieser Aufgabe über die Finanzierung von Hochschulen im Laufe des 20. Jahrhunderts angenommen hatte, wieder zurückgezogen. Die Fachhochschulen und Ausbildungseinrichtungen werden es deshalb nicht machen (können), Bibliotheksdirektor*innen (egal ob im Verbund oder gar alleine) werden es nicht machen, auch werden weder Verlage noch ein Ministerium diese Aufgabe übernehmen.

Die Profession muss es (wieder) selber übernehmen.

Aber eventuell ist es möglich, andere Infrastrukturen zu nutzen oder aufzubauen. Was müssten diese ermöglichen?

  • Zuerst müsste ein Bedarf an einem solchen übergreifenden Lehrbuch erkannt werden. Wenn nur ich den sehe, mag das eine Privatmeinung sein. Nur wenn «das Bibliothekswesen» selber es als Bedarf sieht, hat es die Chance, überhaupt angegangen zu werden. Ich denke ja, dass es ganz überzeugend ist, warum es notwendig ist. Jede Profession, die wirklich als Profession funktioniert, hat solche gemeinsamen Werke, in denen Grundwissen vereinigt und die wichtigsten gemeinsamen Begriffe und Konzepte definiert sind. Aber, well, nur wenn das Fehlen eines solchen Lehrbuchs breithin als Problem angesehen wird, kann es tatsächlich geändert werden. Das ist kein Thema für nur eine Person oder eine kleine Anzahl interessierter Personen.
  • Eine Infrastruktur, welche das Erstellen eines solchen Lehrbuchs übernimmt, muss perspektivisch auch die regelmässige Überarbeitung organisieren. Wie oft das sinnvoll ist, weiss ich nicht. Aber irgendwo zwischen fünf und zehn Jahren wird bestimmt eine gute Zeitspanne sein – wenn sich genug geändert hat. Es geht aber nicht um ein einmaliges Projekt, sondern um eine regelmässig auftretende Aufgabe.
  • Die Infrastruktur sollte auch für den gesamten DACH-Raum agieren. Ein Problem, dass ich mit «Bibliothekarisches Grundwissen» habe, ist, dass es sich nur auf das deutsche Bibliothekswesen fokussiert. Selbstverständlich aus einem guten Grund: Es ist vor allem für die Ausbildung in München konzipiert worden. Aber das macht es für die Bibliothekswesen in der Schweiz, Österreich oder Liechtenstein nur bedingt nützlich, obwohl die Unterschiede so gross nicht sind und es auch nicht so eine grosse Aufgabe wäre, das zu ändern. Falls jemand daran geht, ein Lehrbuch neu «aufzugleisen», sollte das gleich für den ganzen Sprachraum geschehen, da es eh immer einen Austausch (und Wechsel von Personal) zwischen diesen Ländern gibt.

Wer könnte so eine Infrastruktur, realistisch betrachtet, jetzt stellen? Wie gesagt: Ich sehe da weder die Hochschulen, weil es nicht mehr zu den finanzierten Aufgaben gehört, am Zug, noch Verlage, weil sich die notwendige Arbeit mit dem Verkauf des Lehrbuchs nicht finanzieren lässt. Realistisch scheint es mir drei, auch kombinierbare, Möglichkeiten zu geben:

  • Die Bibliotheksverbände als Organisationen der Professionen könnten dies übernehmen, gemeinsam. Ich weiss, gerade in Deutschland wäre da noch zu klären, welche Verbände genau. Aber es wäre zumindest denkbar, dass zum Beispiel eine verbands- und landesübergreifende Arbeitsgemeinschaft gegründet wird, die dann langfristig an einem solchen Lehrbuch arbeitet. (Hier wäre Frankreich ein mögliches Vorbild.) Ob die Arbeitsgemeinschaft selber das Lehrbuch erstellt (wie das in kleinerem Rahmen ja zum Beispiel bei den Richtlinien des Bibliotheksverbandes in der Schweiz und anderen Dokumenten geschieht) oder dafür zuständig ist, die notwendigen Ressourcen einzuwerben und die Arbeit zu organisieren, aber sie von anderen ausführen zu lassen, müsste dann noch geklärt werden.
  • Nicht die Direktionen der grossen Bibliotheken – wie zum Anfang des 20. Jahrhunderts –, aber die grossen Bibliotheken selber könnten die Aufgabe übernehmen. Einige Bibliotheken haben auch heute in ihren jeweiligen Ländern Aufgaben bei der Ausbildung, aber auch zum Beispiel den Betrieb von Infrastruktur (zum Beispiel die ETH Zürich, die Staatsbibliotheken in Berlin und München oder die Nationalbibliothek Wien). Darauf könnte man aufbauen, wenn das von den Bibliotheken gewollt wäre. Auch die Zusammenarbeit der Nationalbibliotheken im DACH-Raum, beispielsweise bei der Fortschreibung von Katalogisierungsstandards, kann als Beispiel dafür herangezogen werden, dass eine solche länderübergreifende Zusammenarbeit funktionieren kann, wenn sie gewollt ist. Aufgabe wäre dann, andere Bibliothekstypen mit einzubeziehen.
  • Letztlich könnte ein eigenständiger Verein, eine eigenständige Stiftung oder ähnliche Institution diese Aufgabe übernehmen. Aber das wäre vor allem eine andere Lösung für die Frage, wie Zusammenarbeit organisiert werden könnte – am Ende müsste so eine Entität von der Profession, also wohl vor allem den Verbänden und Bibliotheken selber, beauftragt und wohl auch finanziert werden.

Was man durch eine solche Organisation – im Gegensatz zur Hoffnung darauf, dass schon irgendwie in München die nächste Version erarbeitet wird – gewinnen würde, wäre ein zumindest potentiell transparenter Prozess der Erarbeitung des notwendigen Wissens. Man könnte gemeinsam besser diskutieren, was überhaupt zum notwendigen geteilten Wissen für das Bibliothekswesen gehört, was definiert werden sollte und wie. Zudem könnte es auch zu mehr Forschung führen, die explizit den Status Quo untersucht, also weniger «innovative» Themen oder Zukunftsfragen und sondern viel mehr die Frage, wie bestimmte Dinge tatsächlich in Bibliotheken gemacht und verstanden werden, weil so ein Wissen für ein Lehrbuch wichtiger ist.

Fussnoten

1 Gantert, Klaus (2016). Bibliothekarisches Grundwissen. (9., vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auflage) Berlin ; Boston: De Gruyter, 2016.

2 Schrettinger, Martin (1829). Versuch eines vollständigen Lehrbuchs der Bibliothek-Wissenschaft oder Anleitung zur vollkommenen Geschäftsführung eines Bibliothekars. 2 Bände. München: Jos. Lindauer´sche Buchhandlung, 1829.

3 Milkau, Fritz ; Leyh, Georg (Hrsg.) (1931). Handbuch der Bibliothekswissenschaft. Band1: Schrift und Buch. Leipzig: Otto Harrassowitz, 1931. Milkau, Fritz ; Leyh, Georg (Hrsg.) (1933). Handbuch der Bibliothekswissenschaft. Band 2: Bibliotheksverwaltung. Leipzig: Otto Harrassowitz, 1933. Milkau, Fritz ; Leyh, Georg (Hrsg.) (1940). Handbuch der Bibliothekswissenschaft. Band 3: Geschichte der Bibliotheken. Leipzig: Otto Harrassowitz, 1940. Milkau, Fritz ; Leyh, Georg (Hrsg.) (1942). Handbuch der Bibliothekswissenschaft. Band 4:Register. Leipzig: Otto Harrassowitz, 1942.

4 Hacker, Rupert ; Popst, Hans (Mitarb.) ; Schöller, Rainer (Mitarb.) (1972). Bibliothekarisches Grundwissen. München-Pullach : Berlin: Verlag Dokumentation, 1972.

5 Kunze, Horst (Hrsg.) ; Rückl, Gotthard (Hrsg.) ; Riedel, Hans (Mitarb.) ; Wille, Margit (Mitarb.) (1969). Lexikon des Bibliothekswesens. Leipzig : Bibliographisches Institut, 1969

6 Henard, Charlotte (dir.) ; Gaillard, Romain (con.) ; Renaudin, Coline (con.) ; Villenet-Hamel, Mélanie (con.) (2019). Le Métier de Bibliothécaires. (13e Édition) Paris: Éditions du Cercle de la Libraire, 2019

7 Das ist nicht automatisch so gegeben. In Frankreich war es anders, deshalb steht jetzt auch der Bibliotheksverband hinter dem Lehrbuch.

8 Hinzu kommt, dass ist praktisch allen bibliothekarischen Studiengängen im DACH-Raum (aber nicht nur dort) die Zahl der Studierenden kontinuierlich zurückgeht. Man kann also auch nicht erwarten, dass ein Lehrbuch praktisch als «Nebenprodukt» der Lehre entsteht, weil es durch die Finanzierung des Lehrpersonals über die Anzahl der Studierenden in Zukunft auch immer weniger Lehrpersonal geben wird – und das heutige schon so aufgestellt ist, dass es wohl kein neues Lehrbuch schreiben wird.

9 Ich habe diesen Sommer in einer Studie die Artikel der bibliothekarischen Zeitschriften im DACH-Raum von 2001, 2011 und 2021 verglichen und dort kann man tatsächlich sehr gut sehen, wie einmal relativ intensiv besprochene Themen zehn Jahre später praktisch nicht mehr Thema sind. Zwei Beispiele wären Fördervereine (2001 wichtig, nachher nicht mehr) und die «Bibliothek 2.0» (2011 ein relevantes, aufstrebendes Thema, jetzt kaum noch als Name bekannt). Es ist also keine einfache Behauptung, dass Themen wieder verschwinden, sondern das kann man empirisch nachvollziehen.

10 Im Bibliothekswesen beobachte ich mit einiger Sorge, dass wir dieses gemeinsam geteilte Vokabular kaum haben. Wenn, dann nur in einigen Teilbereichen. Aber ich finde es immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich bestimmte Dinge genannt werden oder auch was unterschiedliches zusammengefasst wird. Wieder mal scheint mir das französische Bibliothekswesen es anders zu machen (aber vielleicht ist das nur meine Wahrnehmung von aussen, zumal es ja auch problematisch sein kann). Es ist aber tatsächlich der Punkt, auf den ich zuerst deuten würde, wenn jemand fragen würde, ob es gewisse Tendenzen zur Deprofessionalisierung im Bibliothekswesen im DACH-Raum gibt.

Über Bibliotheksstatistiken im DACH-Raum

In diesem Post möchte ich einmal über die Bibliotheksstatistiken aus dem DACH-Raum schreiben. Fast alle Bibliotheken in diesem Raum füllen Jahr für Jahr – mal mehr, mal weniger, auch mit Lücken, aber doch kontinuierlich – die jeweiligen Statistiken aus, aber damit scheint das Thema oft schon wieder vorbei zu sein. Sie kommen sonst kaum in der bibliothekarischen Literatur, Ausbildung oder Diskussion vor. Manchmal, aber auch nicht mehr regelmässig, gibt es auf den bibliothekarischen Konferenzen Sessions zur Bibliotheksstatistik und in vielen Verbänden gibt es auch Arbeitsgruppen zum Thema. Aber deren Arbeit scheint oft kaum wahrgenommen zu werden.

Und das ist schade. Die Statistiken, die wir haben, hätten eigentlich ein grosses Potential sowohl für die einzelnen Bibliotheken als auch die Bibliothekswesen der einzelnen Ländern und im gesamten DACH-Raum. Zumal sie, wie ich gleich darstellen werde, etwas Besonderes sind – die meisten Bibliotheken und Bibliothekswesen können offenbar nicht auf solche Statistiken zurückgreifen.

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Kurz warum ich auf das Thema gekommen bin: Ich habe mich letztens mit diesen Bibliotheksstatistiken befasst. Ausgangspunkt war ein Text über britische Public Libraries und deren Entwicklungen im Jahr 2020 (oder genauer im Fiscial Year 2020/21 im Vergleich zu 2018/19 und 2019/20 – aber das ist hier nicht so wichtig), also in der Covid-19 Pandemie. (McMenemy et al. 2022) In dem Text werden statistische Daten analysiert. Die wurden nicht aus der nationalen Bibliotheksstatistik genommen, sondern per Freedom of Information Requests von den einzelnen Kommunen angefragt – was ich beim ersten Lesen sehr komisch fand, aber ich dachte, vielleicht konnten die Autor*innen einfach nicht warten, um an die Daten zu gelangen. Wichtiger: Als ich den Text las, dachte ich: Wie ist das eigentlich im DACH-Raum? Kann man nicht einfach die Zahlen aus den Bibliotheksstatistiken mit denen aus diesem britischen Text vergleichen? How hard could that be? Wozu gibt es denn sonst die Bibliotheksstatistiken, wenn nicht dafür?

(Hinzu kommt, dass ich weiter üben wollte, mit der Statistiksprache R zu arbeiten und die Situation eigentlich sehr gut dafür schien: Schon klare Fragen im britischen Text – die waren am Ende nicht ganz so klar formuliert, aber es ging –, vorhandene Daten und am Ende als Ziel, die Ergebnisse dieser Auswertung zu berichten. Und dann, wenn man das schon mit R-Skripten macht, könnte man es einfach auf noch mehr Länder erweitern, also die Daten aus Bibliotheksstatistiken weiterer Länder hinzunehmen, um zu sehen, ob es allgemeine Entwicklungen in der Nutzung von Bibliotheken gibt oder zum Beispiel welche, die für den DACH-Raum spezifisch sind.)

Das war der Ausgangspunkt, um mich wieder einmal mit den Bibliotheksstatistiken zu beschäftigen. Die Auswertung für den DACH-Raum ist jetzt fertig, eine Publikation dazu eingereicht. Darum soll es hier also nicht gehen. Ich will lieber kurz darüber reden, was ich so währenddessen über die Statistiken selber gelernt habe.

Kontinuierliche Bibliotheksstatistiken: Eine Besonderheit des DACH-Raumes

Eine erste Sache, die ich vorher nicht wusste: Das wir im DACH-Raum im Allgemeinen umfassende, jährlich aktualisierte Bibliotheksstatistiken haben, ist eine Besonderheit. Viele Länder haben das offenbar nicht. Im DACH-Raum hingegen gibt es schon lange etabliert die deutsche Bibliotheksstatistik, in der die Öffentlichen und Wissenschaftlichen Bibliotheken (inklusive, seit 2008, denen aus Österreich) teilnehmen. (https://www.bibliotheksstatistik.de, https://www.bibliotheksstatistik.at) Die Büchereien / öffentlichen Bibliotheken in Österreich haben eine eigene Bibliotheksstatistik, welche vom Büchereiverband gepflegt wird. (https://www.bvoe.at/oeffentliche_bibliotheken/statistik_und_leistungsdaten) Zuletzt hat die Schweiz nachgezogen: Seit 2011 gibt es eine kontinuierlich mit Daten ausgestattet Bibliotheksstatistik, an der zuerst die Wissenschaftlichen Bibliotheken und die grossen Öffentlichen Bibliotheken (die in Gemeinden über 10.000 Einwohner*innen) teilnahmen. Dann wurde sie Schritt für Schritt ausgebaut und seit 2021 (also mit den Daten ab 2020) ist sie eine «Vollerhebung». Einzig für das Fürstentum Liechtenstein scheint es keine solche Statistik zu geben. (Das dortige «Amt für Statistik» hat leider noch nicht geantwortet, vielleicht wissen die mehr.) Es wäre als nicht falsch zu denken, dass das normal ist, das solche Statistiken gesammelt werden. Zumal es eine eigene ISO-Norm (International Organization for Standardization 2013) für Bibliotheksstatistiken gibt (auch wenn die in der Überarbeitung hinterherhinkt).

Aber – das stimmt offenbar nicht. Es ist nicht einfach, einen Überblick zu gewinnen. Bislang scheint es keine Sammlung der nationalen Bibliotheksstatistiken zu geben. Es gibt bei der IFLA eine «Statistics and Evaluation Section» (https://www.ifla.org/units/statistics-and-evaluation/), die Projekte hat und Verlautbarungen dazu erlässt, wie wichtig Open Library Data wäre – aber auch keine solche Sammlung betreibt.

  • Man hat meiner Erfahrung nach beim Recherchieren auch immer das Gefühl, dass man in den verschiedenen Ländern nur nicht an den richtigen Orten oder bei den falschen Organisationen schaut. Und / oder das man mal wieder zu wenig von der jeweiligen Sprache versteht, die im jeweiligen Land gesprochen wird. Aber ich habe, bevor ich es aufgegeben habe, erst in Liechtenstein gesucht und nichts gefunden (die Daten sind auch nicht, wie man vermuten könnte, in der schweizerisches Statistik enthalten).
  • Dann in Irland (weil die Daten gut mit denen aus Grossbritannien hätten verglichen werden können – als Land mit einer ähnlichen bibliothekarischen Tradition, der gleichen Hauptsprache, ähnlicher Gesellschaft und so weiter) – aber da scheint es nur von Zeit zu Zeit Erhebungen zu geben, nicht jährlich und nicht immer mit den gleichen Variablen. Die letzten Daten scheinen zu Jahr 2017 veröffentlicht, annual reports gab es von 2002 bis 2011 (https://www.askaboutireland.ie/libraries/public-libraries/publications/public-library-statistics/).
  • In Frankreich scheinen die Bibliotheksstatistiken zumindest nicht regelmässig berichtet, sondern von Zeit zu Zeit vom Minstère de la Culture in Zusammenfassung publiziert zu werden. (Ich weigere mich ein wenig zu glauben, dass gerade im zentralisierten Frankreich nicht regelmässig solche Zahlen erhoben werden, in einer möglichst komplizierten Weise – das würde meinem Bild von Frankreich vollkommen widersprechen.) Wenn, dann passieren solche Publikationen offenbar oft im Zusammenhang mit Themen wie Literatur, Lesen, Kampf gegen Analphabetismus im Allgemeinen. (Z.B. Ministère de la Culture 2021) Die Einrichtung, welche die Daten dann zu liefern scheint, ist auch das Observatoire de la Lecture Publique, das auch zum Beispiel Daten zu Buchhandlungen oder Verlagen publiziert.
  • In Luxemburg bin ich gar nicht fündig geworden (ich spreche kein Luxemburgisch, dachte aber, dass ich in Deutsch oder Französisch etwas finden würde).
  • Dann habe ich aufgeben, aber ich glaube nicht, dass ich zufällig die paar Länder ausgesucht habe, die keine Bibliotheksstatistik haben, sondern das das symptomatisch ist.
  • In Fundfamentals of Planning and Assessment for Libraries schreiben Rachel A. Fleming-May und Regina Mays dann auch zum Beispiel explizit – das ist mir gerade untergekommen –, dass es auch in den USA keine solche Statistik für alle Bibliotheken gibt, sondern nur solche, die von einigen Verbänden über die jeweils eigenen Mitgliedsbibliotheken erhoben werden.
  • Und es gibt eine «Library Map of the World», die einmal von der IFLA erstellt wurde – als es dafür Mittel der Gates Foundation gab, die Bibliotheken unterstützen wollte – und die offenbar weiter betrieben wird (https://librarymap.ifla.org/map). Wenn man aber die in, offen vorliegenden, Daten schaut, merkt man auch schnell, dass (a) für viele Länder des globalen Südens gar keine Daten vorliegen und (b) die Daten, die vorliegen, oft Jahre alt sind (Peru zum Beispiel von 2008 und Italien von 2010). Andere Daten sind erst dieses Jahr aktualisiert worden. Insoweit – es gibt offenbar auch anderswo kontinuierlich geführte Bibliotheksstatistiken (irgendwo müssen die Daten für diese Map ja herkommen), aber nicht viele.

Das erklärt wohl aber, warum im britischen Text nicht mit Daten aus der nationalen Bibliotheksstatistik gearbeitet wurde – weil sie nicht so einfach verfügbar ist, falls es sie überhaupt gibt.

Inhalt und Governance Bibliotheksstatistiken DACH-Raum

Ob es nationale Bibliotheksstatistiken gibt und wie ihre Daten berichtet werden, ist also offenbar das Ergebnis von politischen Entscheidungen, die dazu führen, ob und wenn ja welche Infrastrukturen für diese Statistiken aufgebaut werden. Wie gesagt: Beim Beispiel Frankreich kann ich mir gut vorstellen, dass es sehr wohl in Paris eine Stelle gibt, an die alle Bibliotheken nach einem vorgegeben Plan jährlich Daten abzuliefern haben (aber – Frankreich – bestimmt nicht direkt und unkompliziert, sondern in mehreren Runden, die durch verschiedene Bürokratien gehen und zwar nur zu vorgeschriebenen Tagen oder so; und nur nicht in der Mittagspause), aber das es die politische Entscheidung gibt, diese nicht jährlich oder gar offen zu publizieren. Das gleiche gilt auch für die Variablen, die überhaupt abgefragt werden, und die Definitionen derselben. Die sind bei Weitem nicht gleich, trotz der ISO-Norm. Und auch, ob Bibliotheken diese Daten liefern und wenn ja, wie genau und wie sehr an den Definitionen orientiert, scheint das Ergebnis von politischen Entscheidungen in den Bibliotheken zu sein. (Und vielleicht, zum Teil, auch der Kapazitäten – die aber ja auch Ergebnis von Entscheidungen sind, wofür Ressourcen genutzt werden.)

Schauen wir uns aber einmal an, was nach all diesen politischen Entscheidungen, die irgendwann einmal getroffen wurden, in den Bibliotheksstatistiken im DACH-Raum steht und wie die Governance hinter diesen ist.

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Zuerst zur Governance. Es fällt schnell auf, dass jede der drei Statistiken eine andere Struktur – also wer sammelt die Daten, wie werden sie aufbereitet, wie werden sie angeboten – hinter sich hat. Das sieht man in der folgenden Tabelle.


Deutsche BibliotheksstatistikBibliotheksstatistik ÖsterreichSchweizerische Bibliotheksstatistik
Betreibende EinrichtungDBS-Redaktion c/o Hochschulbibliothekszentrum des Landes Nordrhein-Westfalen (HBZ) (plus ÖBS-Redaktion für die österreichischen Wissenschaftlichen Bibliotheken)Büchereiverband ÖsterreichBundesamt für Statistik (in Zusammenarbeit mit der Kommission Statistik von bibliosuisse)
Erhebung der DatenEingabe durch Bibliotheken, https://service-wiki.hbz-nrw.de/display/DBS/Online-EingabeEingabe durch Bibliotheken, https://jahresmeldung.bvoe.atEingabe durch Bibliotheken, https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/kultur-medien-informationsgesellschaft-sport/erhebungen/chbs.html
Publikationshäufigkeitjährlichjährlichjährlich
Aufbereitung der DatenFrei zugängliche Datenbank, inklusive Variabler Auswahl.Keine Veröffentlichung aller Daten, sondern jährlich erscheinende Artikel (in der Zeitschrift Büchereiperspektiven) sowie Zusammenfassungen (auf der Homepage).Daten als Excel-Tabellen, frei zugänglich. Einzelne Auswertung der Daten als weitere Tabellen.
Zugang zu den DatenDaten stehen frei zur Verfügung. (Man kann aber, so meine Erfahrung, den Server überlasten, wenn man zu viele Daten auf einmal abfragt.)Daten werden auf Anfrage zur Verfügung gestellt. (Nach meiner Erfahrung problemlos.)Daten stehen frei zur Verfügung, die Daten vor 2020 müssen aber (aktuell) gesondert gesucht werden.
LizenzKeine AngabeKeine AngabeKeine Angabe (aber vom Staat erhobene Daten)
Homepagehttps://www.bibliotheksstatistik.de, http://www.bibliotheksstatistik.athttps://www.bvoe.at/oeffentliche_bibliotheken/statistik_und_leistungsdatenhttps://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/kultur-medien-informationsgesellschaft-sport/kultur/bibliotheken.html, https://bibliosuisse.ch/%C3%9Cber-uns/Kommissionen/Statistik

Man sieht schnell Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Zuerst sind es sehr unterschiedliche Einrichtungen, die die Daten sammeln. Das HBZ handelt im Auftrag der Kultusministerkonferenz – also der Bildungsministerien der deutschen Bundesländer –, aber als bibliothekarische Infrastruktur. Der Büchereiverband Österreich hat, so scheint es zumindest, den Auftrag vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport (zumindest ist dieses immer mit wieder auf den Publikationen mit genannt). Das Amt für Statistik in Bern handelt offenbar als Teil des eigenen Auftrags zur Pflege von nationalen Statistiken. Insoweit ist irgendwie immer der Staat als Akteur im Hintergrund dabei – aber immer auch in einer anderen, jeweils den nationalen Strukturen entsprechenden Weise (siehe zum Beispiel die nicht klar definierte, aber irgendwie funktionierende Einbeziehung einer Kommission des Bibliotheksverbandes in der Schweiz in die staatliche Aufgabe der Datensammlung).

Gemeinsam ist allen drei Statistiken, dass sie jährlich erhoben werden, indem Bibliotheken selber die jeweils eigenen Daten elektronisch erfassen und dass sie auch wieder jährlich publiziert werden. Wie sie publiziert werden, ist unterschiedlich (und wird auch immer wieder einmal verändert – aber bleiben wir beim heutigen Stand): Die Daten für die deutschen und schweizerischen Bibliotheken sowie die österreichischen Wissenschaftlichen Bibliotheken stehen frei zur Verfügung, die für die österreichischen Büchereien muss man anfragen (was aber funktioniert). Die schweizerischen Daten kriegt man in einer Excel-Datei mit Datenblättern pro Jahr, bei den deutschen kann man mehr wählen. (Die österreichischen kommen auch als Excel-Datei, aber vielleicht kann man auch andere Formate erbitten.) Dafür werden die Büchereien in Österreich regelmässig in der betreffenden Zeitschrift über die Daten informiert, was in Deutschland und der Schweiz so nicht passiert. Auffällig ist auch, dass alle diese Daten ohne Lizenzangabe veröffentlicht werden. Man kann mehr oder minder hoffen, dass man sie frei für weitere Auswertungen nutzen kann – in Österreich werden Bibliotheken sogar direkt auf der Homepage aufgefordert, dies für Leistungsvergleiche zu tun. Denn immerhin werden die Daten zur Verfügung gestellt und entweder direkt von einer staatlichen Stelle oder aber im Auftrag des Staates gesammelt – sollten also eigentlich «öffentliche Daten» sein. Aber in Zeiten, in denen Wissenschaftliche Bibliotheken auf Forschungsdatenmanagement als Thema setzen und dann immer wieder betonen, wie wichtig offene Lizenzen sind, ist es auffällig, dass gerade bei diesen Statistiken keine Lizenzen genannt werden.

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Was steht nun in den Daten? Wie vertrauenswürdig sind sie?

Für alle Statistiken existieren Definitionen, die alle spätestens bei der Eingabe angezeigt werden (aber es gibt immer auch Dokumente, in denen sie niedergelegt sind). Diese folgen nicht immer dem ISO-Standard – die für die deutschen und österreichischen Wissenschaftlichen Bibliotheken erheben diesen Anspruch schon, aber die anderen nicht. Die schweizerischen Definitionen wurden zum Beispiel für die Daten 2020 – als dann auch die erste «Vollerhebung» durchgeführt wurde – verändert. Und wenn man die Variablen, die für die drei Statistiken abgefragt werden, nebeneinander legt, merkt man auch, dass sie sich schon im Umfang unterscheiden – in Deutschland wird viel mehr abgefragt, als in den beiden anderen Ländern. In der Schweiz werden zum Beispiel Lizenzkosten gesondert abgefragt, in Österreich nicht. Zu 100% lassen sich die Daten also nicht vergleichen, zumindest nicht für alle Werte.

Folgen die Bibliotheken alle diesen Definitionen? Geben sie alle jährlich Daten ab?

Das ist nicht mit einem klaren Ja oder Nein zu beantworten. Schaut man in die Daten selber, fällt immer wieder auf, dass nicht alle Bibliotheken alle Werte ausfüllen und das eine Anzahl der Werte nicht immer überzeugend sind. Das hat bestimmt unterschiedliche Gründe, aber es gibt Tendenzen. Je kleiner eine Bibliothek ist, umso eher scheinen Daten zu fehlen – manchmal alle Daten, manchmal einige. Bei letzteren kann es immer gut sein, dass eine Bibliothek einfach gar keine Angaben machen kann. Wenn Sie zum Beispiel keine Lizenzen hat, sollte sie das Feld zu Lizenzkosten leer lassen – oder, je nach Definition, wenn sie anteilig von einer Lizenz profitiert, die zum Beispiel der Kanton oder eine andere Einrichtung übernimmt (hier kann man an die Onleihe) denken, dann sollte hier zumindest in der schweizerischen Statistik der Wert für diesen Anteil eingetragen sein. Wissen von dieser Regelung alle Bibliotheken? Es scheint nicht so. Es finden sich doch auch eine ganze Anzahl, die «0» eintragen (was heissen würde, dass die Lizenzen haben oder von solche profitieren, aber diese nichts kosten).

Es gibt aber auch das Phänomen, dass in grösseren Bibliotheken die Daten für einige Jahre fehlen oder weniger werden. Warum das so ist, müssten man tiefergehend untersuchen. Aber mir ist aufgefallen, dass man in einer ganzen Anzahl von Fällen einen Zusammenhang mit mehr oder minder bekannten internen Krisen herstellen kann – grössere Bibliotheken, die einige Jahre lang keine (vollständigen) Daten an die Bibliotheksstatistik lieferten, sind auch offenbar oft die Bibliotheken, die zu dieser Zeit Probleme damit hatten, Leitungspositionen zu besetzen.

Und dann fällt auf, dass eine ganzen Anzahl von Bibliotheken keine genauen Angaben macht, sondern eher Schätzwerte zu liefern scheint. Das wird wohl vor allem daran liegen, dass die genauen Daten gar nicht vorliegen. Aber man findet nicht selten Angaben mit «runden Zahlen» (also Mehrfache von 10 oder 100), die sich dann auch oft über Jahre nicht verändern: Bibliotheken, die immer wieder genau 500 Veranstaltungen pro Jahr haben oder 7000 Medieneinheiten. Sicherlich kann das auch das Ergebnis guter Planungen sein – oder wahrscheinlich ist eher, dass es ungefähre Angaben sind.

Gleichzeitig aber sind alle Statistiken jetzt darauf ausgerichtet, auch wirklich alle Bibliotheken in den jeweiligen Ländern zu umfassen. Wie gesagt – in der Schweiz war man da etwas langsamer. Erst hat man die Wissenschaftlichen Bibliotheken integriert (was auch nicht so einfach ist, weil die Bibliothekssysteme einiger, historisch gewachsener Universitäten… barock sind, im Gegensatz zu den recht neuen Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen), dann die Öffentlichen Bibliotheken der grossen Gemeinden. Und dann, nach und nach, die anderen Bibliotheken einzelner Kantone, bis es dann 2021 theoretisch alle Bibliotheken sind, die erfasst werden. Aber stimmt das? Sind es wirklich alle Bibliotheken? Gibt es nicht vielleicht in ganz kleinen Gemeinden ganz weit auf dem Land, Bibliotheken, die nicht dabei sind? Oder in grossen Schulen Bibliotheken, die auch für das Quartier / den Kiez da sind, aber nicht in der Statistik auftauchen? Oder neue Bibliotheken in staatlichen Einrichtungen, die eine Filiale in «abgelegenen Regionen» gerade ausbauten, die bislang nicht für die Statistik gemeldet wurden? Vielleicht – das kann immer sein. Eine hundertprozentige Abdeckung ist wohl nie zu erreichen (zumal Bibliotheken, die von privater Hand finanziert werden, weil sie beispielsweise in Firmen oder Klöstern angesiedelt sind, nicht in diesen Statistiken enthalten sind – mit Ausnahmen, immer und immer wieder mit neuen Ausnahmen). Aber grundsätzlich möglichst viele und vor allem die grossen Bibliotheken, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind – die finden sich schon in diesen Statistiken.

Weiter oben hatte ich gesagt, dass die Kontinuität, mit der im DACH-Raum Daten für Bibliotheksstatistiken erhoben werden, eine ihre Besonderheiten darstellen. Man muss dies aber eingrenzen: Für die gesamten Statistiken gilt das, für alle Bibliotheken gilt das nicht. Aber auch hier für die meisten die meiste Zeit.

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Insoweit muss man die Daten jeweils vorsichtig interpretieren: Sie sind Annäherungen an die Realität. Aber wenn man zum Beispiel aus einer der Statistiken die Zahl der aktiven Nutzer*innen aller Bibliotheken in einem Jahr errechnet und diese dann mit der Zahl der aktiven Nutzer*innen aller Bibliotheken eines anderen Jahres vergleicht, muss man bedenken, dass das immer eine leicht unterschiedliche Anzahl von Bibliotheken sind, die da Daten gemeldet haben. (Wie man das in die jeweilige Auswertung integriert hängt dann wohl davon ab, was man wissen will. In dem Vergleich von Daten 2018 bis 2020, den ich gemacht habe, habe ich jeweils nur Bibliotheken betrachtet, die auch vollständig für diese drei Jahre Daten geliefert haben – R hat dafür die Funktion complete.cases –, aber das wird keine Lösung sein, wenn man zum Beispiel Daten über zehn Jahre hinweg betrachten will. Dann wird man besser mit Durchschnittswerten pro Jahr rechnen.) Wie gesagt: Das ist alles eine viel bessere Datenlage als in anderen Ländern, aber doch niemals eine perfekte.

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Schauen wir nochmal die Variablen an, dann fällt, wie schon gesagt, auf, dass in Deutschland (und Österreich für die Wissenschaftlichen Bibliotheken) die meisten Variablen erhoben werden, in Österreich (für die Büchereien) weniger und in der Schweiz noch weniger. Einige dieser Variablen deuten auf ältere Diskussionen hin. Wenn in der deutschen Statistik explizit gefragt wird, ob eine Öffentliche Bibliothek «Soziale Bibliotheksarbeit» anbietet, dann ist das ein Thema, dass zuletzt Anfang der 1980er Jahre gross diskutiert wurde. Ebenso gibt es in der deutschen Statistik Variablen zu unterschiedlichen Formen von Krankenhausbibliotheken, was vielleicht Anfang der 1990er Jahre das letzte Mal breiter diskutiert wurde. Zudem finden sich zum Beispiel Fragen nach der Anzahl von Vinyl-Platten im Bestand.

Eine andere Anzahl von Variablen findet sich aber in allen drei oder zumindest zwei der Statistiken. Beispiele dafür sind die Zahl der aktiven Nutzer*innen (immer gleich definiert als solche, die mindestens einmal in den letzten zwölf Monaten ein Medium entliehen haben, inklusive elektronischen Medien), die Zahl der Medien, die Zahl der Ausleihen und Angaben zu Etat und Personal (aber beim Personal in unterschiedlichen Ausprägungen und beim Etat selbstverständlich mal in Euro und mal in Franken).

Will mal also Daten über die drei Ländern hinweg vergleichen, geht das für einige Variablen einfach nicht und für andere wieder muss man sie erst «normalisieren», also in ein einheitliches Format bringen. (Letzteres ist aber nicht so schwer, da die Daten jeweils pro Land strukturiert geliefert werden und man solche Transformationen der Daten gut automatisieren kann.)

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Beachtet man das aber, kann man relativ gut und relativ schnell einfache Vergleiche anstellen und Plots zeichnen, wie die drei hier. (Alle mit jeweils allen Daten aller Öffentlichen Bibliotheken, die im jeweiligen Jahr Daten gemeldet haben – die Daten lagen schon bearbeitet aus meinem oben erwähnten Artikel vor, aber die Plots zeichnen dauerte keine drei Stunden und das auch vor allem, weil ich Anfänger mit R bin und die Chance nutzen wollte, mal mit den erweiterten graphischen Möglichkeiten zu spielen. Einfache Plots hätten vielleicht eine viertel Stunde gedauert.) Und selbstverständlich – wer sich darin vertiefen will, kann dann noch mehr, noch genauer, noch theoriegeleiteter vorgehen und beispielsweise Hypothesen über die Entwicklung der Nutzung von Bibliotheken im DACH-Raum testen.

Zur Nutzung

Was mich an Bibliotheksstatistiken immer wieder erstaunt hat und weiter erstaunt, ist, wie wenig sie tatsächlich genutzt zu werden scheinen. Sie kommen in der Lehre, soweit ich das sehe, nicht vor. (Ich bin da selber mit verantwortlich, ich weiss – aber auch zum Beispiel nicht in meiner eigenen Ausbildung.) Auch werden sie fast nie an Orten, an denen man sie erwarten würde, angeführt: Fast nie in Studien, Abschlussarbeiten, Präsentationen oder auch Artikeln. Die einzige wirklich Ausnahme davon scheint der Büchereiverband Österreich zu sein, der – wie schon gesagt –, kontinuierlich Zusammenfassungen für «seine» Bibliotheken publiziert. Ansonsten scheint das immer nur ansatzweise zu passieren, vielleicht gebunden an die Interessen einzelner Personen.

Jetzt, nachdem ich gelernt habe, wie besonders und – im Vergleich mit anderen Ländern – gut die Bibliotheksstatistiken im DACH-Raum sind, erstaunt mich das nur noch mehr.

Man könnte vermuten, dass die Statistiken einfach an anderen Stellen benutzt werden, beispielsweise bei internen strategischen Planungen von Bibliotheken. Maybe. Wie gesagt fordert der Büchereiverband Österreich die öffentlichen Bibliotheken im Land immer wieder dazu auf, die Statistik für Kennzahlenvergleiche zu nutzen. Ähnliches hört man, aber nicht so oft, von Fachstellen und vergleichbaren Einrichtungen. Aber auch dann würde man erwarten, das darüber lauter und öfter berichtet wird. Es wäre doch sinnvoll, wenn Bibliotheken sich darüber austauschen würden, wie diese Daten im Alltag und bei der längerfristigen Planung genutzt werden.

Meine Erfahrung ist aber, dass man bei Nachfragen eher ausweichende Antworten erhält. Oft wird von Kolleg*innen erst behauptet, dass man selbstverständlich auch mit den Daten den Bibliotheksstatistik etwas macht, aber dann auf Nachfrage hin nicht gesagt, was genau.

Es ist ein erstaunliches Thema, immer wieder: Wir haben im DACH-Raum eigentlich so eine gute Datenlage. Nicht perfekt, aber soviel besser als in vielen anderen Regionen. Und wir – sowohl die Bibliothekswissenschaft als auch die Bibliotheken und zum Bibliothekswesen gehörigen Einrichtungen als auch die Ausbildung – wissen nicht so richtig, was damit anfangen.

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Nur ein schnelles Beispiel, wofür man die Daten benutzen kann, ist der nächste Plot, welcher die Kosten pro Ausleihe in den Öffentlichen Bibliotheken 2018-2020 in den drei Ländern vergleicht – also eine recht beliebte Kennzahl für die Effizienz des Bestandsmanagements. Sicherlich: Man könnte hier noch einen Wert für die Preisunterschiede einführen – aber auch so sieht man die Entwicklung: In der Schweiz waren die Bibliotheken 2020 offenbar effizienter als in den Vorjahren, in Österreich nicht ganz so, und in Deutschland noch etwas weniger. Man kann jetzt diskutieren, warum und was man daraus lernen kann und so weiter. Aber: Es ist recht einfach, diese Angaben aus den Daten zu ziehen. Ich habe das mit einem Rechner und etwas Arbeitszeit gemacht. Wir, als «die Bibliotheken, das Bibliothekswesen», sollten das öfter machen.

Wünsche

Wie gesagt habe ich gelernt, dass die Situation bei den Bibliotheksstatistiken im DACH-Raum sehr gut ist, wenn man sie mit anderen Ländern vergleicht. Während meiner Recherche hatte ich auch Kontakt mit Verantwortlichen für alle drei Statistiken und auch da gute Erfahrungen mit schnellen Rückmeldungen gemacht. Und dennoch haben sich ein paar Wünsche ergeben – Dinge, die das Ganze noch einen Ticken besser machen würden.

  • Erstens wäre es gut, wenn die Daten zu den Bibliotheksstatistiken nicht einfach nur verfügbar wären, sondern, wenn sie als Offene Daten mit einer Offenen Lizenz (wegen meiner gerne mit CC BY-NC) ausgestattet wären. Oder, wenn schon nicht offen, dann so, dass klar ist, was man mit denen machen darf und was nicht. Die jetzige «graue» Situation ist nicht mehr wirklich zeitgemäss.
  • Jetzt muss beziehungsweise kann man die Daten relativ einfach herunterladen oder auf Nachfrage erhalten – wie gesagt ist das schon weit besser als anderswo. Aber das Non-plus-Ultra wäre selbstverständlich, wenn es per API direkt aus einer Datenbank abgefragt werden könnte (und, für die Schweiz, wenn in der Datenbank dann auch die «alten» Daten von 2011 bis 2019 enthalten wären). Dann liessen sich Skripte bauen, mit denen man jeweils automatisiert jährlich die Daten abfragen und analysieren könnte. Das wäre eine kleine, aber sichtbare Verbesserung.
  • Für weitere Analysen hilfreich wäre, wenn in allen Bibliotheksstatistiken nicht nur die Namen der Gemeinden / Kommunen verzeichnet wären, in denen die jeweiligen Bibliotheken angesiedelt sind, sondern (a) auch, für welche Gemeinden / Kommunen sie zuständig sind (das ist in der Schweiz zum Beispiel nicht selten, dass eine Bibliothek mehrere Gemeinden versorgt) und (b) diese Gemeinden / Kommunen nicht nur mit Namen, sondern auch mit Postleitzahlen ausgezeichnet würden. Bislang mache ich mir noch einen Kopf, wie man beispielsweise Daten über sozio-ökonomische Zusammenhänge mit denen der Bibliotheksstatistiken verbinden könnte. Die meisten anderen Daten, die auf Gemeinde-/Kommunenebene vorliegen – beispielsweise Grösse der Gemeinden, Steueraufkommen, Ergebnisse von Wahlen und Abstimmung –, sind mit Postleitzahlen ausgezeichnet. Wären es die der Bibliotheksstatistik auch, könnte man sie einfacher verbinden. (Auch hier gibt es in R einen Standardbefehl.) Und wer will nicht wissen, ob die Bibliotheken in sozio-ökonomisch herausfordernderen Kommunen mehr Nutzer*innen erreichen als in anderen (nur als Beispiel was dann einfach möglich wäre)?
  • Grundsätzlich sollten – das habe ich jetzt auch schon angedeutet – die Daten, die wir schon haben, mehr und offener (also sichtbarer) genutzt werden. Es ist einfach erstaunlich, wie viel Arbeit Jahr für Jahr in die Daten hineingesteckt wird, im Vergleich dazu, wie wenig damit später offenbar gemacht wird.
  • Über die Bibliotheksstatistiken im DACH-Raum hinaus fände ich es interessant, mehr darüber zu erfahren, wie es in anderen Ländern gehandhabt wird – und jeweils wieso. Die Karte der IFLA vermittelt kein richtig befriedigendes Bild, auch die Section zu Bibliotheksstatistiken in der IFLA ist bestimmt so engagiert, wie es geht – aber auch nicht wirklich hilfreich, wenn es um solche Fragen geht. Aber mich würde schon interessieren, warum der DACH-Raum so gut aufgestellt ist und andere nicht.

Literatur

Fleming-May, Rachel A. ; Mays, Regina (2021). Fundamentals of Planning and Assessment for Libraries. (ALA Fundamentals Series) Chicago : Neal-Schuman, 2021

International Organization for Standardization (2013). ISO 2789:2013 Information and documentation — International library statistics. Vernier: ISO, 2013

McMenemy, David ; Robinson, Elaine ; Ruthven, Ian (2022). The Impact of COVID-19 Lockdowns on Public Libraries in the UK: Findings from a National Study. In: Public Library Quarterly (Latest Articles), https://doi.org/10.1080/01616846.2022.2058860

Ministère de la Culture (2021). Bibliothèques municipals et intercommunales: Données dʹactivités 2017. Paris cedex: Ministère de la Culture, 2021, https://www.culture.gouv.fr/Thematiques/Livre-et-lecture/Les-bibliotheques-publiques/Observatoire-de-la-lecture-publique/Syntheses-annuelles/Synthese-des-donnees-d-activite-des-bibliotheques-municipales-et-intercommunales/Synthese-nationale-des-donnees-d-activite-2017-des-bibliotheques-municipales-et-intercommunales-editee-en-2021-par-le-Ministere-de-la-Culture

Wissen diffundiert – Zur Idee vom «Elfenbeinturm Wissenschaft» und dem Bibliothekswesen

Das hier ist ein Blog, also kann ich auch einmal etwas persönlich werden. Es gibt nämlich eine Aussage, die ich immer wieder einmal höre, und die mich manchmal tierisch nervt, aber oft auch einfach nur traurig macht. Und zwar die Behauptung, Forschung zu Bibliotheken würde «im Elfenbeiturm» stattfinden und deshalb an den Interessen der Bibliothekspraxis vorbeigehen. Diese Aussage höre ich erstaunlich oft. Verschiedentlich, wenn das Thema Verhältnis Praxis und Forschung direkt besprochen wird, aber oftmals auch einfach fast aus dem Blauen heraus in irgendwelche Gesprächen.

Es gibt zwei Ebenen, warum mich gerade diese Aussage so auslagt: Eine persönliche und eine inhaltliche. Im weiteren möchte ich hier die inhaltliche Seite besprechen, weil sich – so denke ich – auch für Bibliotheken etwas Positives daraus lernen lässt, einmal über diese nachzudenken. Aber vorher kurz zur persönlichen Ebene (kann auch übersprungen werden).

Kurz: Persönlich Ebene

Als, well, Forscher in der Bibliothekswissenschaft muss ich sagen: Es ist eine beleidigende Aussage einfach schon, weil sie so falsch ist. Man muss sich nur anschauen, was an den Hochschulen an Texten oder Weiterbildungen oder so produziert wird, um zu merken, dass das nicht stimmt. So viele Arbeiten – sowohl von Forschenden als auch Studierenden, beispielsweise deren Abschlussarbeiten – enden explizit mit Abschnitten dazu, wie das jeweils in der Arbeit erstellte Wissen in der Praxis benutzt werden kann, so viele To-Do-Listen, Handreichungen, praxisorientierte Zusammenfassungen werden geschrieben, so oft werden die vor der Publikation nochmal mit Kolleg*innen aus der Praxis durchgegangen… Es ist einfach nicht fair, zu behaupten, in der Forschung würden sich keine Gedanken über die Praxis gemacht.

Gleichzeitig scheint die Aussage auf einem gänzlich falschem Bild davon zu basieren, wie Forschung gerade in Fachhochschulen passiert und finanziert wird. So oft ist mir schon die Vorstellung begegnet, dass Forschende einfach Zeit haben an dem zu forschen, was sie interessiert. Das ist aber überhaupt nicht so. Grundsätzlich muss jede Forschung an Fachhochschulen irgendwie mit Drittmitteln finanziert werden (auch die «Eigenmittel», von denen sich manchmal vorgestellt wird, dass Fachhochschulen sie hätten, die gibt es praktisch nicht – nur für das Einwerben von mehr Drittmitteln). Was nicht finanziert wird, wird nicht gemacht. Der Zugang zu Mitteln der grossen Forschungsförder ist den Fachhochschulen, an denen die meiste Forschung im Bibliotheksbereich stattfindet, strukturell praktisch verschlossen (also: Offiziell steht der Weg offen, aber praktisch sind die Evaluationskritierien und die Infrastruktur, die von der DFG oder dem SNF bei den Hochschulen vorausgesetzt werden, auf die Unis ausgerichtet, die immer einen übergrossen Vorteil haben, auch wenn manchmal hier und da eine FH mit viel Aufwand und Glück «durchschlüpft»). Das heisst, die Drittmittel für die Forschung im Bibliothekswesen im DACH-Raum kommen fast alle aus Stiftungen oder dem Bibliothekswesen selber. Und dazu müssen die Forschenden eigentlich immer die möglichen Mittelgebenden davon überzeugen, dass die jeweilige Forschung in der Praxis eine Relevanz hat. Sie sind also schon von der Struktur der Hochschulen her gezwungen, an der Praxis orientiert zu sein. (Das ist von den jeweiligen Gesetzgebern auch so gewollt.) Die Idee, dass da irgendwer «im Elfenbeinturm forschen» könnte, ist einfach vollkommen absurd.

Ich weiss schon, dass solche Aussagen oft gemacht werden, um anderes überdecken. In anderen Zusammenhängen kommen ähnliche Aussagen auch immer wieder. Beispielsweise ist es meiner Erfahrung nach offenbar fast schon «notwendig», wenn man Bibliotheken bei der Erstellung von Strategien berät, dass irgendwann jemand aus dem Personal den jeweiligen Berater*innen vorwirft, keine Ahnung zu haben und nur irgendwelchen komischen Vorstellungen umsetzen wollen – und das ist dann meist der Punkt, wo bei den Beteiligten wirklich klar wird, dass Bibliotheksstrategien dazu führen, dass sich etwas verändert, aber halt auch der Punkt, wo diese Veränderung dann tatsächlich angedacht wird.1 Vielleicht lässt sich das nicht ändern, vielleicht «muss es» zu so Aussagen wie dem vom «Elfenbeinturm» kommen, bevor man überhaupt über das Verhältnis von Praxis und Forschung nachdenken kann. Aber dennoch will ich hier versuchen, zu erklären, warum das nicht sinnvoll ist.

Inhaltliche Ebene

Wie eben schon gesagt, ist die Aussage inhaltlich überhaupt nicht haltbar: Es gibt für die Forschung im Bibliothekswesen (im DACH-Raum) keine Elfenbeinturm, in dem Forschende das beforschen können, was sie interessant finden (oder was sie zum Beispiel gesellschaftlich relevant finden), sondern praktisch nur die Infrastruktur Fachhochschule, wo Personen zusammengezogen werden, die wissenschaftlich arbeiten können und Infrastruktur wie zum Beispiel Fachbibliotheken vorgehalten werden; aber wo alle konkrete Forschung nur über Drittmittel zu finanzieren ist, die dann fast nur aus der Praxis oder praxisnahen Stiftungen selber kommen können.2

Aber wieso erscheint es dann doch immer wieder so vielen Kolleg*innen aus der Bibliothekspraxis richtig, von «Elfenbeinturm» und fehlender Relevanz von Forschung für die Praxis zu reden? Ich bin überzeugt, dass dies unter anderem strukturell bedingt ist: Die Praxis weiss nicht, woher das Wissen überhaupt kommt, dass sie verwendet. Das gilt nicht für Wissen aus der Forschung, aber bleiben wir hier einmal dabei. Mir scheint, der Eindruck, die Praxis würde vom Wissen aus der Forschung nicht profitieren, kommt auch daher, dass nicht so richtig bekannt ist, was da tatsächlich doch Einfluss hat. (Und – deswegen meine Rede von der Struktur – das ist nicht der Fehler einer einzelnen Bibliothek oder so, sondern es ist dadurch zu erklären, wie sich Wissen im Bibliothekswesen verbreitet.)

Neben der ständigen Wiederkehr des oben genannten Vorwurfs an die Forschung kann ich nämlich auch etwas anderes in der Bibliothekspraxis beobachten: Das Wissen, welches in der Forschung produziert wird, findet sich doch im Bibliothekswesen wieder, oft an ganz unerwarteten Stellen und oft auch nicht zu 100% nachzuweisen. Aber es ist überhaupt nicht selten, Kolleg*innen aus der Praxis zuzuhören – in direkten Gesprächen oder wenn sie auf Konferenzen wie letztens dem Bibliothekstag berichten – und zu denken, «das kenne ich doch». So viele Angebote von Bibliotheken, so viele Überlegungen oder auch Themensetzungen scheinen in andere Kontexte transportierte Gedanken, Projekte, Diskussionen aus Texten von Kolleg*innen aus der Forschung (oder direkt aus meiner Arbeit, die ich selbstverständlich noch besser kenne, als die der Kolleg*innen und wo es mir vielleicht deshalb noch mehr auffällt) zu sein. Nicht immer ganz nachzuweisen. Es gibt bestimmt auch immer Dinge, die «in der Luft» liegen oder Angebote, die zufällig ähnlich sind und die deshalb vielleicht am mehreren Stellen «entstehen». Aber solche Tagungen, wie halt der Bibliothekstag, sind für mich je länger je mehr auch Gelegenheiten, wo ich regelmässig dieses déjà vu-Gefühl habe: Formulierungen, die nicht ganz zu passen scheinen (und die dann oft an mehreren Stellen auftauchen), aber die so in bestimmten Artikeln stehen. Strukturen von Angeboten, die auch anders sein könnten, aber zufällig immer wieder ähnlich sind – so, wie sie in einem bestimmten Projekt, dass man aus einer Fachhochschule kennt (wenn man es kennt), formuliert wurden. Argumentationen, die auf einmal an verschiedenen Stellen auftauchen, aber die ich eher aus bestimmten Publikationen kenne (die oft ein paar Monate-Jahre alt sind).

Mein aktuelles Beispiel (nur eines von mehreren) ist, dass erstaunlich viele Fachstellen jetzt Mobile Makerspaces für Öffentliche Bibliotheken zur Verfügung stellen (als Boxen, als Koffer, bestimmt auch noch anders) und es sind fast immer vier Boxen mit den Themen Roboter, Technik, Basteln und Film – genauso, wie im Projekt, dass ich an meiner FH vor fünf Jahren durchgeführt habe. Sicherlich: Ich bin auch damals nicht aus Spass an der Freude auf diese Boxen und ihre Themen gekommen, aber… es ist doch erstaunlich ähnlich. (Ich war auch schon mehr als einmal erstaunt, bei bestimmten Bibliotheken von Themen zu hören, von denen ich sicher war, dass ich diese im Unterricht vermittle, aber immer mit der Ansage, dass die in der bibliothekarischen Literatur im DACH-Raum fast nicht vorkommen – und dann merkte, dass ehemalige Studierende meine Hochschule in der jeweiligen Bibliothek arbeiten. Das kann Zufall sein, schliesslich habe ich mir die Themen im Unterricht auch nicht einfach ausgedacht. Aber… auch das ist nicht nur einmal passiert.)

Woher haben Bibliotheken eigentlich ihr Wissen?

Aber denke ich das nur oder stimmt es, dass das Wissen aus der Forschung irgendwie doch in der Praxis ankommt? Die Frage kann man umdrehen: Woher haben den Bibliotheken das Wissen, dass sie benutzen, um Entscheidungen zu treffen, beispielsweise wenn sie sich für (oder gegen) bestimmte Angebote entscheiden oder wenn sie über bestimmte Problemstellungen im lokalen Raum nachdenken? Kurz gesagt: So genau weiss das niemand. Es ist nicht untersucht (es wäre spannend, aber wie oben gesagt, wenn es niemand finanziert wird es auch nicht erforscht, ausser jemand macht das in der Freizeit). Sicherlich gibt es, wenn man mal nachfragt, einige Hinweise: Vieles wird in Netzwerken von anderen Bibliotheken gelernt oder zum Beispiel, wenn es von Fachstellen und Regionalbibliotheken vermittelt wird. Oft wird auch davon berichtet, dass sich Kolleg*innen bei anderen Bibliotheken oder Beispielen aus der Literatur haben «inspirieren» lassen. Manchmal werden auch Weiterbildungen oder die Ausbildung respektive das Studium einzelner Bibliothekar*innen erwähnt. Aber, so genau kann es niemand sagen. Für einzelne Entscheidungen einer Bibliothek schon, aber selten für alle.

Denkt man das noch ein bisschen weiter, fällt auf, dass es im Bibliothekswesen auch gar keine Kultur gibt, darauf zu verweisen, woher Ideen, Themen, Problemstellungen und so weiter kommen. Es geht immer wieder darum, Entscheidungen für die Praxis zu treffen, was oft dazu führt, dass auch dann, wenn diese Lösungen anderen Bibliotheken präsentiert werden – beispielsweise auf dem Bibliothekstag – sie oft so erscheinen, als wären sie vor Ort von der jeweiligen Bibliothek erarbeitet worden. Das ist gewiss nicht absichtlich so. Ich würde nicht vermuten, dass in Bibliotheken versucht wird, die Quellen der eigenen Arbeit zu verheimlichen. Das ist eher strukturell: Es ist einfach eine Frage, die sich sehr selten stellt. Im Mittelpunkt steht oft die eigene Arbeit, die ein*e Bibliothekar*in beim Treffen einer Entscheidung, Erstellen eines Angebots und so weiter geleistet hat. Aber es ist nicht nur das. Es gibt auch gar keine richtigen kulturellen Skripts, wie solche Hinweise, auf welchen Quellen dabei aufgebaut und welches Wissen dafür verarbeitet wurde, im Bibliothekswesen dargestellt werden können.

Dies fällt auf, wenn man andere «Kulturen» als Vergleich heranzieht. In der Wissenschaft ist es klar: Alles, was als Quelle verwendet wird, muss zitiert werden. Punktum. Es gibt unterschiedliche Kulturen des Zitierens in unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen und Teil der wissenschaftlichen Ausbildung ist es, diese jeweils zu erlernen. Aber es gibt für Forschende keine Frage, wo sichtbar gemacht wird, auf welchen Quellen ihre Arbeit aufbaut – das steht in den Zitationen und im Literaturverzeichnis. Das setzt sich dann beispielsweise auch bei Vorträgen fort, wo die theoretische Rahmung immer auch ein Nachweis der Quellen ist, wenn auch abgekürzt. Auch in anderen Kulturen gibt es mehr oder minder etablierte Strukturen, um auf die genutzten Quellen zu verweisen.

(Den halben Witz habe ich schon mal gemacht, egal, es passt hier.) Wenn zum Beispiel Gang Starr (in «Credit is Due», 1991) rappt «Now give the credit. where it is due / Give the credit y’all. where it’s due», dann verweisen sie darauf, dass es im HipHop die Erwartung gibt, von Zeit zu Zeit denjenigen Respekt zu zollen, auf deren Vorbild man selber seine Musik und Texte aufbaut. Und wie, dafür gibt es eine Struktur: Man tut dies, indem man sie in Texten erwähnt oder / und in Interviews. Oder eine andere – wenn auch verwandte – Kultur: Graffiti. Blättern man einige Graffiti-Magazine durch, zumindest solche mit Text (beispielsweise Stylefile, Streetlove oder SAM), wird sichtbar, dass es hier die Erwartung gibt, dass sich Maler*innen zu Vorbildern äussern. Und das tun sie dann auch, vor allem in Interviews und eigenen Texten. Niemand sagt, dass er/sie sich das alles selber ausgedacht hat, was sie/er so malt, sondern immer wird sich in gewisse Traditionen verortet und andere Maler*innen erwähnt, die wichtig gefunden werden.

Personen, die sich in diesen und anderen Kulturen bewegen, wissen erstens das sie zeigen sollen / müssen, was ihre Quellen sind und zweitens wie sie dies tun. Das gilt für das Bibliothekswesen nicht. Sicherlich gibt es immer wieder Beiträge aus Wissenschaftlichen Bibliotheken, die sich am Wissenschaftssystem orientieren und mit Zitationen arbeiten. Und sicherlich gibt es bei Vorträgen Öffentlicher Bibliotheken immer wieder einmal Hinweise darauf. Aber nicht systematisch und als Normalität, sondern eher schon als etwas Besonderes.3

Mir geht es gar nicht darum, jetzt dazu aufzurufen, dass Bibliotheken ihre Kultur ändern und zum Beispiel anfangen müssten, ihre Arbeit – wie in der Wissenschaft – als fortlaufende Entwicklung von Wissen, dass immer auf schon vorhandenem Wissen aufbaut, zu verstehen. Oder das sie ein System entwickeln müssten, um diese Quellen nachzuweisen. Das ist im Wissenschaftssystem sinnvoll, weil es dort um die Produktion von nachvollziehbarem und weiterführendem Wissen geht. Darum geht es im Bibliothekswesen ja nicht, sondern eher darum, die Bibliothekspraxis weiterzuentwickeln.

Aber was mir zu sagen wichtig ist, ist, dass man Bibliothekswesen nicht weiss, wo das Wissen, dass man selber für Entscheidungen verwendet, herkommt. Manchmal kann man einige Schritte verfolgen, beispielsweise den Workshop benennen, auf dem man bestimmte Sachen das erste Mal gehört hat, aber man kann selten den ganzen Weg des Wissens zurückverfolgen. Doch deswegen kann man auch gar nicht einfach behaupten, dass «die Forschung im Elfenbeinturm sitzt», nur weil man selber vielleicht nicht weiss, was an Wissen in der Forschung produziert wurde. Das Wissen, dass man benutzt, kann oft von der Forschung über mehrere Schritte in die Praxis diffundiert sein. Die Vorstellung, dass Wissenschaft im Elfenbeinturm sitzen würde, hat zum Teil wohl auch damit zu tun, dass im Bibliothekswesen gar nicht sichtbar ist, welches Wissen aus der Forschung in Praxis eigentlich alles benutzt wird.

[Elke Oestreicher hat in ihrer Dissertation den Wissenstransfer von Forschung in die Praxis der Sozialen Arbeit untersucht und benutzt dort auch das Bild4 vom Transfer über mehrere Schnittstellen, die im Gegensatz zu direkten, selten Kontakten von Forschung und einer bestimmten Praxis – also einer Person, die vollständig im Praxisfeld steht – kontinuierlich ein gewissen Kontinuum bilden. Innerhalb dieses Kontinuums nutzen Personen mal bewusst, mal weniger bewusst; mal kontinuierlich, mal anlassbezogen Wissen, dass oft in der Forschung entsteht – auch nicht kontextlos, sondern in ständiger Verbindung mit der Praxis –, was aber am Punkt der Nutzung dann aber oft nicht mehr bekannt ist, weil das dann gar nicht die Frage ist: Die/der Jugendarbeiter*in vor Ort will dann zum Beispiel konkret wissen, wie sie eine Hilfsleistung aufsetzt und nicht, warum überhaupt bekannt ist, dass eine bestimmte Art von Hilfe effektiver ist als eine andere.]

Exkurs: Should you give credit, where credit is due?

Ein Problem über dieses Thema zu schreiben ist, dass es schnell so klingt, als ginge es mir eigentlich nur darum, dass meine Arbeit irgendwie wertgeschätzt werden sollte. Aber darum geht es nicht. Ich will verstehen, wie diese beiden Beobachtungen – der Vorwurf, im Elfenbeinturm Forschung zu betreiben bei gleichzeitig sichtbarem Diffundieren von Wissen in die Praxis – zusammenpassen. Und dennoch drängt sich die Frage auf, ob Bibliotheken mehr, well, credit geben sollten, where credit is due.

Persönlich, als Forschender, würde es mich selbstverständlich freuen, den genannten Vorwurf nicht mehr hören zu müssen. Wie oben auch gesagt habe ich schon verstanden, dass es offenbar dazu gehört, als Forschender (oder Berater) von Zeit zu Zeit als eine Art Blitzableiter zu fungieren. Gleichzeitig ist es auch nicht so, als wäre das die einzige Erfahrung. Es ist zum Beispiel auch nicht selten – aber seltener – dass aus heiterem Himmel ein*e Kolleg*in aus der Praxis oder – öfter – Studierende, die gerade ihre Abschlussarbeit geschrieben haben (nicht bei mir), mir eine Mail schreiben und sich für Arbeiten von mir bedanken, auf die zurückgreifen konnten. Angesichts dessen, dass man an Hochschulen oft arbeitet, ohne genau zu wissen, was den Ergebnissen der eigenen Arbeit über das konkrete Projekt hinausgeht, ist das schon jedes mal erfreulich. Bestimmt nicht nur für mich, sondern auch für andere Kolleg*innen in der Forschung. Solche Mails kann man schon machen, aus persönlichen Gründen.

Wobei es aber tatsächlich sehr helfen würde, Rückmeldungen zu erhalten, wenn Wissen aus der Forschung benutzt wird – und warum Bibliotheken es sich angewöhnen sollten, es zu tun – ist, dass wir an den Fachhochschulen ständig Anträge an Stiftungen und andere potentielle Förderer schreiben, um Forschungsgelder einzuwerben, die dann zu Forschung führen, die der Praxis weiterhelfen können. Für solche Anträge ist es immer hilfreich zeigen zu können, die dass vorhergehende Forschung einen positiven Einfluss in der Praxis hatte. Wenn Bibliotheken sich angewöhnen würden, zurückzumelden, wenn sie Wissen aus beispielsweise Artikeln oder Workshops von Forschenden benutzt haben, würden sie damit helfen, dass mehr und vielleicht auch sinnvollere Projekte in der Forschung für das Bibliothekswesen erfolgreich finanziert werden können.

Ein anderer positiver Effekt, wenn sich Bibliotheken angewöhnen würden, gegeneinander Rechenschaft darüber abzulegen, welches Wissen aus welchen Quellen sie genutzt haben, wäre auch, dass sie sich untereinander dafür mehr Respekt geben würden. Hier im Blogpost ging es um die Beziehung von Praxis und Forschung, aber ein Thema war ja, dass Wissen wohl über mehrere Schritte diffundiert. Oder anders gesagt: Das an vielen Stellen im Bibliothekswesen auch Wissen produziert, geteilt und so weiter wird. Es kann überhaupt nicht schaden, wenn Bibliothek X von Bibliothek Y hört, dass zum Beispiel ihre Darstellung eines neuen Angebots und der Probleme mit diesem dazu beigetragen haben, dass Bibliothek Y nicht von vorne anfangen musste, als sie ein ähnliches Angebot aufbaute.


Fussnoten

1 Mit etwas Küchenpsychologie könnte man darauf verweisen, wie schon bei Freud (in den «Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse») dargestellt wird, dass fast bei jeder Analyse der Punkt auftritt, bei dem die Person, die bei der Analyse ist, einen Hass (vorher eine Anhänglichkeit) auf ihre Psychiater*in äussern, dann darüber hinwegkommen und dann ein «Durchbruch» in der Analyse erreicht wird. Freud erklärt das mit Trieben, die sich erst lösen müssen. Relevant scheint mir aber diese Beschreibung, dass offenbar solche «negativen» Momente zu bestimmten Prozessen dazugehören und das Freud zeigt, dass es dabei nicht um die tatsächliche Person der/des Psychiater*in geht. Man sollte sich nicht angegriffen fühlen. Dennoch, nervig ist es. Und so ähnlich kommt mir das auch bei der Forschung (oder Beratung) im Bibliothekswesen vor.

2 Wäre es anders, ich würde schon lange an anderen Themen forschen, beispielsweise endlich mein Buch zur Geschichte der Vorstellung von modernen Bibliotheken schreiben oder zur Bibliotheraphie arbeiten. Aber das ist alles nur in der Freizeit möglich. Selbst mein Buch zu Armut und Bibliotheken, wo man sagen kann, dass es (hoffentlich) eine gesellschaftliche Relevanz hat, habe ich an Abenden, freien Tagen und Wochenenden geschrieben – weil es keine Drittmittel dafür gab, aber ich auch nicht einfach was beforschen kann, nur weil es sinnvoll wäre. Ein Grund mehr, warum mich diese Aussage manchmal nervt: Weil es so viel besser wäre, wenn man an der Hochschule einfach etwas sinnvolles forschen könnte.

3 Und ja, selbstverständlich gibt es immer Personen, die verschiedenen dieser «Kulturen» angehören, was sich manchmal auch zeigt. Fussnoten mit Literaturnachweis in Graffiti-Magazinen gab es genau so schon, wie versteckte Hinweise in bibliothekarischen Texten, dass die Autor*in weiss, wie man ein Wohlecar malt.

4 Oestreicher, Elke (2014). Wissenstransfer in Professionen. Grundlagen, Bedingungen und Optionen. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich UniPress, 2014: 148.

«Mit den Menschen reden gehen.» Einige Überlegungen zur Popularität von Design Thinking, Partizipation etc. im Bibliotheksbereich

Eine Frage, die mich schon eine ganze Weile umtreibt (auch schon vor der Pandemie), ist die, warum solche Methoden / Methodensätze wie «Design Thinking» eigentlich so populär im Bibliothekswesen sind. Nicht nur Design Thinking, auch vieles was unter dem Label «Partizipation» läuft, obwohl es «nur» um die Entwicklung / Weiterentwicklung von bibliothekarischen Angeboten unter Einbezug von einigen Nutzenden geht oder auch verschiedene «Technology Acceptance Models», die in einer Anzahl von Bibliotheken auch für diese Aufgaben herangezogen werden. Sicherlich: Alles, was präsentiert wird als hippe, neue Methode, die so mal nix Probleme lösen soll, die angeblich früher nicht gelöst worden wären, löst bei mir Vorsicht aus. Das klingt eher nach Marketingbehauptung als nach Tatsachen. So oft gibt es die angeblichen Probleme gar nicht wirklich, so oft löst die Methode auch gar nicht ein, was über sie behauptet wird. Aber mir scheint, es ist nicht nur das.

Was soll eine Methode in der Forschung? Was soll sie in der Praxis?

Grundsätzlich habe ich als Wissenschaftler vielleicht einen anderen Anspruch an Methoden als Bibliotheken. Für mich gilt: Eine Methode muss immer zur Frage passen. Genauer: Die Anwendung der Methode muss es ermöglichen, eine konkrete Frage zu beantworten, ein Problem zu lösen und so weiter. Sicherlich kann bei der Anwendung einer Methode noch einiges schief gehen: Umfragen können nicht beantwortet werden, Fragen können sich als unbeantwortbar herausstellen, Probleme können komplexer sein, als erwartet und so weiter. Aber man sollte bei einer Methode zumindest annehmen dürfen, dass sie zur Lösung der jeweiligen Frage oder des jeweiligen Problems beiträgt. Die Frage «Welche Schwerpunkte sollen wir beim Bestandsaufbau setzen» beantwortet man nicht mit einer Experiment, ein Problem mit der Beleuchtung im Lesesaal geht man nicht sinnvoll mit einer Fokusgruppe an. Und nicht zuletzt sammelt sich in der Forschung mit der Zeit Wissen darüber an, welche Methoden für welche Fragen gut oder weniger gut funktionieren.

Und wenn man diesen Anspruch anlegt, dann schneidet Design Thinking zum Beispiel sehr schlecht ab. Zwar wird gerne behauptet, dass man mit diesem Prozess / Methodenset kreative Lösungen für Probleme finden würde, bei denen mehrere Blickwinkel einbezogen werden. Aber eigentlich kommen immer nur Lösungen heraus, die erstaunlich eng gefasst sind, deren Kreativität man schon bezweifeln kann (sicher: Wie Kreativität bewerten? Aber auffällig ist, wie oft praktisch die gleichen Lösungen herauskommen) und bei denen am Ende notorisch schwierig zu bestimmen ist, ob sie wirklich Lösungen für die behaupteten Probleme sind. Vor allem fällt auch auf, wie oft Design Thinking im Bibliothekswesen genutzt wird, wenn es gar nicht um die Lösung von Problemen geht sondern zum Beispiel darum, eine Situation zu verstehen. Man könnte das noch weiter ausführen (beispielsweise diskutieren, warum gerade die Profession des Design ein positives Vorbild sein soll) und auch die anderen oben genannten Methodensets anschauen, aber das soll hier nicht der Punkt sein. (Zumal es schon genug kritische Literatur gerade zu Design Thinking gibt, auch wenn sie im Bibliothekswesen nicht so recht rezipiert wird.1) Nehmen wir hier einfach einmal als gegeben an, dass die Methoden wirklich kaum zu den Fragen passen und sich auch nicht «beweisen», also das nicht gezeigt werden kann, dass sie besser Antworten oder Ergebnisse liefern, als andere Ansätze. Mir geht dann um etwas anders: Die Frage, warum sie dennoch so beliebt zu sein scheinen oder zumindest, warum sie immer und immer wieder angewendet werden.

Eines fällt nämlich auf: Nicht nur die «üblichen Verdächtigen» – die Berater*innen, welche Design Thinking als Beratungsangebot verbreiten, die Kolleg*innen an Hochschulen und Bibliotheken, welche immer sehr schnell dabei sind, neue Entwicklungen auszuprobieren und anzupreisen – zeigen sich einigermassen begeistert. Sondern auch Kolleg*innen in Bibliotheken, die Projekte mit diesen Methoden durchgeführt haben, äussern sich nachher recht positiv, wenn man sie privat / halb-privat fragt. Gleichzeitig scheinen (das ist jetzt nicht empirisch untermauert – aber alle können das selber nachvollziehen, indem sie im eigenen Umfeld Bibliothekar*innen, die solche Projekte mitgemacht haben, befragen) die Kolleg*innen nicht so richtig sagen zu können, was genau an den Ergebnissen so besonders oder anders wurde durch die jeweils im Projekt genutzten Methoden. Aber grundsätzlich fanden sie es immer gut.

Mich erinnert das an die Ergebnisse einer Studie zu Berater*innen in kanadischen Bibliotheken: Dort wurden Bibliothekar*innen befragt, was die jeweiligen Berater*innen, die an ihren Bibliotheken tätig waren, eigentlich getan hatten und was sich durch sie verändert hätte – im Ergebnis konnten das die Bibliothekar*innen nicht genau sagen, hatten aber dennoch eine positive Meinung von den Berater*innen (nicht unbedingt vom eigenen Management, welche die Berater*innen engagiert hatte).2 Die beiden Autorinnen dieser Studie konnten sich aus diesem Ergebnis keine richtigen Reim machen und so ein wenig fühle ich mich manchmal auch, wenn ich die tatsächlichen Ergebnisse von «Design Thinking»-Projekten in Bibliotheken anschaue auch.

«Etwas verändern» als Ziel

Aber: Ich denke, das hat auch etwas mit der Perspektive zu tun. Wie gesagt ist für mich klar, dass eine Methode zur jeweiligen Fragestellung beziehungsweise zum jeweiligen Problem passen muss. Und das sie deshalb auch danach bewertet werden kann, wie sehr sie am Ende dazu beigetragen hat, die jeweilige Frage zu beantworten oder das jeweilige Problem zu lösen. (Oder, in der Studie aus Kanada: Berater*innen und ihre Arbeit sollten danach bewertet werden können, wie sie helfen, die jeweiligen Probleme zu lösen – aber das ist nicht, wonach sie dann bewertet wurden.)

Aber offenbar muss man den Blickwinkel wechseln und fragen, was Bibliothekar*innen (und Bibliotheken) eigentlich aus den Projekten ziehen. Denn: Das Methoden helfen sollen, Fragen zu beantworten, ist selbstverständlich der Blick aus dem Wissenschaftssystem, in dem es ja immer darum geht, neues Wissen zu produzieren, indem Fragen gestellt und möglichst systematisch beantwortet werden. Das ist in Bibliotheken aber nicht die Aufgabe, dort geht es vor allem darum, bibliothekarische Arbeit zu organisieren und Probleme, die in dieser Arbeit auftreten, so zu lösen, dass sie nicht mehr als Probleme erscheinen (was nicht heissen muss, dass sie wirklich gelöst sind, sondern das man irgendwie mit ihnen arbeiten / leben kann). Und oft geht es – zumindest aus der Sicht vieler Bibliotheksleitungen – darum, Veränderungen so zu organisieren, dass sie vom Personal mitgetragen werden (und nicht zum Beispiel als Angriff «von oben» auf das Bibliothekspersonal verstanden werden).

Das ändert aber alles: Um die Aufgaben zu erfüllen, die Bibliotheken an die Projekte stellen, müssen nicht unbedingt Fragen gut (und systematisch) beantwortet werden oder Probleme gelöst werden. Vielmehr müssen sie dabei helfen, die Arbeit von Bibliotheken so zu organisieren, dass sie anschliessend verändert und besser erscheint. Weder müssen das die bestmöglichen Lösungen sein, noch die effektivsten – das wird selten überprüft. Es müssen einfach am Ende Veränderungen stattgefunden haben, die im Idealfall besser funktionieren als die vorherigen Lösungen. (Sicherlich ist der Anspruch immer, eine möglichst gute Lösung zu finden, aber es fällt auf, dass das selten überprüft und schon gar nicht auf die in Projekten genutzten Methoden zurückgeführt wird.) Die Methoden werden also – beispielsweise von Berater*innen oder Bibliotheksleitungen – gar nicht dafür genutzt, um strukturiert neues Wissen zu erarbeiten, wie das in der Forschung der Fall wäre, sondern um Veränderungsprozesse zu strukturieren. (Und damit unterliegt das am Ende doch entstandene Wissen, dass in neue Angebote, Gebäude und so weiter fliesst, auch nicht den gleichen Bewertungen, wie es Wissen in und aus der Forschung unterliegt – was eigene Probleme mit sich bringt, die aber vielleicht Thema für einen anderen Post sein sollten.)

Fragen wir unter diesem Blickwinkel, was solche Methoden wie Design Thinking, «Partizipation» und so weiter für Bibliotheken mit sich bringen, fällt etwas auf: Wenn sie auch immer wieder mit anderem Gestus präsentiert werden, verbindet diese alle, dass sie – richtig durchgezogen, was auch nicht immer der Fall ist – immer wieder ein ähnliche hintergründige Struktur haben:

  1. Zuerst wird bestimmt, über was man bei den Projekten überhaupt reden und was man verändern möchte. Beim Design Thinking nennt es sich oft «das Problem definieren», anderswo heisst es «das Thema bestimmen» oder ähnlich. Aber grundsätzlich kommt es auf immer wieder das gleiche heraus: Es wird umrissen, um was es im Projekt genau geht und es wird allen Beteiligten – dass sich vor allem die Bibliothekar*innen – vermittelt, dass die jeweilige Veränderung grundsätzlich notwendig ist.3
  2. Anschliessend werden die Bibliothekar*innen mehr oder minder direkt gezwungen, «aus der Bibliothek hinauszugehen», also mit Nutzer*innen und anderen Personen direkt zu kommunizieren. Manchmal heisst das, wirklich explizit anderswohin zu gehen (zum Beispiel auf den Marktplatz, durch die Innenstadt, in den Kiez / das Quartier), manchmal heisst das mit Umfragen, Interviews und so weiter räumlich mehr in der Bibliothek zu bleiben, aber trotzdem mit Nicht-Bibliothekar*innen zu kommunizieren.
  3. Ergebnis dieses «Hinausgehens» ist dann oft, dass die Rückmeldungen gegenüber der Bibliothek grundsätzlich positiv sind. Es scheint, wenn man mit Bibliothekar*innen redet, die solche Projekte mitgemacht haben, dass sie gerade das überrascht. Irgendwie scheinen sie (oft) erwartet zu haben, dass die «Menschen da draussen» sie negativ sehen und das sie Probleme haben werden, wenn sie mit ihnen reden. Aber am Ende geht das immer wieder gut aus und der Grossteil der Menschen hat eine positive Sicht auf Bibliotheken. [Das könnte man auch so wissen – weil es immer wieder das Ergebnis von Umfragen et cetera ist. Aber… offenbar gibt es immer wieder diese Angst.]
  4. Am Ende der Projekte kommt es dann zu einer Art von Umsetzungen von neuen Angeboten, dem Um- oder Neubau von Bibliotheken und so weiter. Zumindest erscheint es am Ende immer so, dass das Projekt «nicht umsonst» war. (Auch hier könnte man empirisch schauen, ob die Lösungen überhaupt zu den «Problemen» aus Schritt eins passen – das scheint nicht immer der Fall zu sein. Aber wieder ist das vielleicht auch die falsche Frage aus der Forschung heraus, die einen solchen Zusammenhang vermuten würde. Aus der eigenen «Beratungspraxis» kenne ich das auch, dass während solcher Projekte die Themen auf einmal wechseln, aber trotzdem alle einigermassen zufrieden scheinen, wenn überhaupt am Ende irgendetwas herauskommt.)

Einerseits sieht man hier den einen… Trick, den man als Berater*in mit solchen Methoden vollführen kann. Die Methoden, gerade Design Thinking, führen immer dazu, dass es am Ende ein Ergebnis gibt und da Veränderung an sich das implizite Ziel solcher Projekte zu sein scheint, liefert man mit einem solchen Methodenset am Ende genau das: Eine Struktur, die eine Veränderung provoziert. You can’t go wrong.

Aber andererseits sticht für mich gerade der zweite Punkt heraus: Der Zwang – erzeugt durch die Struktur, welche die Methode vorgibt – «herauszugehen». Wie gesagt ist das ein Eindruck und keine empirisch untermauerte Erfahrung, aber mit scheint, dass ist es, was Bibliothekar*innen am Ende positiv erinnern: Das sie sich trauen mussten, mit Menschen ausserhalb ihres eigenen Kreises über ihr Bibliothek reden zu müssen und das dies letztlich eine positive Erfahrung war.

Das kann man auch so organisieren

Nur – dafür braucht es kein Design Thinking oder Partizipations-Projekt oder auch nur unbedingt ein Projekt, dass irgendwie in einer Veränderung enden soll. Was die Begeisterung für solche Projekte aktuell auszumachen scheint ist, dass es für Bibliothekar*innen offenbar nicht zur Normalität gehört, solche Gespräche ausserhalb der eigene Komfortzone zu führen. Die Methoden scheinen jeweils eine gewisse Dynamik, vielleicht auch einen Druck, zu produzieren, solche Gespräche doch zu führen. Im Idealfall strukturieren sie diese auch vor (mit Fragebögen, Ziele, warum man die Gespräche führt und so weiter) und geben damit eine gewisse Sicherheit beim Führen der Gespräche. (Nicht zuletzt scheinen sie dazu zu führen, dass solche Gespräche gemeinsam geführt werden. Kaum je werden Bibliothekar*innen alleine losgeschickt, um sie zu führen, sondern eher in Paaren oder kleinen Gruppen.)

All das lässt sich auch so gestalten und mir scheint, es wäre sinnvoll, es von den hippen Methoden und Veränderungsprojekten zu trennen. Es liesse sich in die normale bibliothekarische Arbeit integrieren. Regelmässig organisiert würde es auch dazu führen, dass es für die einzelne*n Bibliothekar*in zur Normalität wird, nicht zu etwas, dass man sich irgendwie trauen muss. Es wäre dann sogar möglich, Erfahrungen aus diesen Gesprächen zu sammeln, reflektieren und so Kompetenzen im Planen und Führen dieser Gespräche aufbauen. Man wäre auch nicht mehr von den grundsätzlich positiven Rückmeldungen erfreut oder erleichtert, sondern könnte konkreter auf die Zwischenstimmen hören.

Was wäre dafür zu tun?

  1. Man müsste regelmässige Anlässe für solche Gespräche schaffen und nicht Bibliothekar*innen einfach so «hinaus schicken». Aber alle ein, zwei Jahre finden sich immer Projekte, bei denen Angebote evaluiert, Wissen drüber, wie bestimmte Angebote in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, gesammelt oder – ja, das auch – Angebote verändert, eingestellt oder neu eingefügt werden sollen und bei denen es sich anbietet, irgendeine Form von Gesprächen «ausserhalb der Bibliothek» zu führen: Interviews, Umfragen, Meinungssammlungen zu bestimmten Vorschlägen der Bibliothek. Das zu organisieren, wäre eine Leitungsaufgabe. (Auch, dass alle Kolleg*innen immer wieder diese Aufgabe übernehmen dürfen / müssen – wie gesagt, scheint es immer wieder bei solchen Projekten auch einen gewissen Mut zu benötigen, der erst durch die Logik des jeweiligen Projektes – «das muss jetzt getan werden» – aufgebracht wird, zumindest bei einigen Kolleg*innen; aber dann nach dem Projekt als positiv erlebt wird. Wenn das so ist, wird das auch im «normalen» Bibliotheksbetrieb so sein.)
  2. Die grundsätzliche Struktur, die oben geschildert wurde, kann ruhig beibehalten werden. (1) Eine konkrete Fragestellungen formulieren, die auch zu einer gewissen Änderung im Bibliotheksalltag führen kann, (2) dann Personen «ausserhalb der Bibliothek» direkt ansprechen, (3) nachher auswerten und, wenn sinnvoll, tatsächlich eine Veränderung durchführen (oder gemeinsam entscheiden, aufgrund der Ergebnisse, sie nicht durchzuführen, aber so, dass die Ergebnisse der Gespräche auch einen sichtbaren Einfluss haben). Wenn man das regelmässig – und für alle transparent – durchführt und nicht nur bei expliziten Veränderungsprojekten, die irgendwie als Besonderheiten herausragen, wird sich eine gewisse Normalität einstellen, auch wenn dann schon neue Methoden und nicht mehr Design Thinking als hip gelten werden. Grundsätzlich sollte es zu einer professionell arbeitenden Bibliothek gehören, solche Gespräche zu führen und deren Ergebnisse in die Entscheidungen über die Bibliotheksarbeit einzubeziehen. Das Erstaunliche ist eher, dass es das offenbar in vielen Bibliotheken nicht ist.

Fussnoten

1 Vgl. Gram, Maggie (2019). On Design Thinking. In: N+1 (2019) 35, https://nplusonemag.com/issue-35/reviews/on-design-thinking/.

2 Vgl. Dymarz, Ania; Harrington, Marni (2019). Consultants in Canadian Academic Libraries: Adding new voices to the story. In: In the Library with the Lead Pipe, 30.10.2019, http://www.inthelibrarywiththeleadpipe.org/2019/consultants/.

3 Was sich oft zeigt, ist ja, dass das Ergebnis dieses Schritts nicht sein kann, «es gibt kein Problem». Ein wenig ist das dann auch ein Trick bei solchen Projekten – irgendwas muss sich immer ändern, weil sie so strukturiert sind, dass sie als Misserfolg gelten, wenn man feststellt, dass alles schon optimal ist.

Wie nehmen Kinder Museen wahr – aber vor allem: Kann daraus etwas für Bibliotheken abgeleitet werden?

«Working with Young Children in Museums» (Hackett, Holmes & MacRae 2020) ist, offensichtlich, kein Buch über Bibliotheken. Aber ich denke, dass auch diese etwas aus ihm lernen können, deswegen möchte ich dazu ein paar kurze Anmerkungen machen. So unterschiedlich sind Museen und Bibliotheken nicht, als das nicht auch gegenseitig gelernt werden könnte.

Grundsätzlich ist die Frage im Buch, was Kinder – hier zwischen 0 und 4, 5 Jahren – in Museen machen. Dabei stellen die meisten Beiträge einzelne Aktionen und Untersuchungen in Museen (hauptsächlich in Grossbritannien, aber auch Australien und anderen Ländern) vor. Gerahmt ist es von Beiträgen, die eine theoretische Perspektive liefern wollen. Aus diesen rahmenden Beiträgen lässt sich wohl mehr für Bibliotheken lernen, als aus den Beispielen selber.

Dabei ist die Theorie einigermassen offen, eher suchend. Es werden sehr verschiedene theoretische Ansätze herangezogen, die zur Erklärung von Beobachtungen in Museen herangezogen werden, aber es werden daraus kaum Konsequenzen gezogen. Teilweise liest sich das, als würden hier möglichst viele theoretische Versatzstücke ausprobiert, ohne sich festlegen zu wollen. (Beispielsweise ist am Ende nicht klar, welche Theorie möglichst viel erklärt und damit dann zur weiteren Arbeit genutzt werden sollte.) Oder positiver ausgedrückt: Die Autor*innen legen sich nicht auf eine Theorie fest, sondern bieten – ungeplant – einen Überblick möglicher theoretischer Ansätze. Was sich damit zeigt ist, dass sich Praxis mit Theorie tatsächlich besser verstehen lässt als ohne.

Dinge, Räume, Zeit

Der interessante Ansatz des Buches ist, sich explizit dagegen zu stellen, die Besuche von Kindern als Lernen verstehen zu wollen. Zu oft würden Museen ihre Aktivitäten unter dem Fokus untersuchen, was die Besucher*innen lernen würden und nach Evidenzen für eine direkten Einfluss der Museumsbesuche auf diese fragen. Dieser Blickwinkel würde andere Formen von Interaktion, Verstehen von Objekten und Sammlungen sowie anderen Gründen für den Besuch von Museen ausschliessen. Kinder (und deren Begleitpersonen) gehen nicht immer – oder nie – in Museen, um dabei etwas zu lernen. Ihr Leben besteht aus weit mehr.

Dabei kommt dieser Blick auf Aktivitäten in Museen als «Lernen» selbstverständlich nicht von ungefähr: Museen fragen sich ständig, was ihre Aufgabe/n wäre/n. Inhalte vermitteln – wenn auch nicht immer direkt wie im Schulunterricht, sondern oft indirekt und durch die Besucher*innen selbst gesteuert – ist dabei eine der Sachen, auf die dabei immer wieder verwiesen wird. Aber: Gerade wenn man verstehen will, was Kinder im so jungen Alter – also noch vor dem Schulbesuch – machen, sei dies unbefriedigend. Stattdessen schlagen die Herausgeberinnen vor, deren Musemsbesuche aus drei Blickwinkeln zu untersuchen: Dinge (also die Interaktion von Kindern mit Dingen wie Ausstellungsgegenständen oder für Kinder bereitgestellte Objekte zum Spielen und Erkunden), Räume (also die Räume von Museen als spezielle Orte, die erkundet, interpretiert, genutzt und deren «Spielregeln» kennengelernt, aber auch verändert werden können) und Zeit (also sowohl den Aufbau von Vertrautheit mit Museen als Orte und Institutionen über die Zeit als auch temporär wichtige Momente wie die ersten Besuche). Diese Dreiheit – Dingen, Räume, Zeit – würde besser verständlich machen, was Kinder in Museen machen, als die Versuche zu bestimmen, was diese dabei gelernt hätten oder welche Einfluss diese Besuche für sie über einen längeren Zeitraum haben.

Ergebnisse

Die Beispiele, welche sich im Buch in den «praktischen» Beiträgen finden zeigen unter anderem Folgendes:

  • Kinder, auch im jungen Alter, geben den Objekten, die sie vorfinden, immer wieder eigene Bedeutungen. Es findet nicht unbedingt – wie dies in der Museumspädagogik vorgesehen wäre – die «richtige» Einordnung in den jeweiligen Kontext statt. Aber es ist unvermeidbar, dass Kinder ihre eigenen Interpretationen vornehmen, die zum Teil gegen die Vorannahmen der Museen stehen. (Gleichzeitig ist es unterschiedlich, wie die Begleitpersonen der Kinder darauf reagieren. Viele in den Beiträgen erwähnten unterstützen diese Selbsterkundungsprozesse der Kinder, aber andere versuchen, den «vorgegebenen» Pfaden des Museums zu folgen und den Sinn der jeweils vorhandenen Objekte «richtig» zu vermitteln.)
  • Kinder erleben den Raum und die Objekte nicht nur intellektuell im Sinne von «Begreifen durch Sehen und Erklärt kriegen», sondern auch körperlich, indem sie anfassen, verändern, selber etwas herstellen, durch Räume gehen oder rennen. Das mag auf den ersten Blick nicht überraschend sein, weil es sich um sehr junge Kinder handelt. Aber es deutet darauf hin, dass auch Personen, wenn sie älter sind als die in diesem Buch untersuchten Kinder, sich Museen nicht einfach nur intellektuell erschliessen.
  • Auffällig ist bei den Beiträgen auch, dass Lernen als Aktivität praktisch bei niemand im Mittelpunkt stand, ausser bei einigen Museen selber. Dies kann teilweise mit der Auswahl der Beiträge – die alle mehr oder minder in die theoretischen Vorannahmen der Herausgeberinnen passten – erklärt werden. Mit einer anderen Auswahl hätte man vielleicht mehr Personen gefunden, die das Lernen betonen. Aber trotzdem ist auffällig, wie viele Personen das Thema irrelevant zu finden scheinen. Das ganze Buch ist getragen von einem Gestus, dass jeder Grund für einen Museumsbesuch okay wäre und nicht explizit danach gefragt werden müsse, warum Kinder und ihre Begleitpersonen sich für einen solchen entscheiden, insoweit scheint ein Offenheit für ganz unterschiedliche Gründe zu existieren – aber sichtbar ist bei den Beschreibungen dessen, was dann getan wurde, dass es ihnen oft mehr um Unterhaltung, Entdecken oder Zeit verbringen, als um anderes.
  • Repetition ermöglicht das Entstehen von Communities, nicht einzelne Veranstaltungen oder Räume. Regelmässige Veranstaltungen / Veranstaltungsreihen, die für Kinder und ihre Begleitpersonen immer wieder Gründe dafür schufen, ein Museum zu besuchen, führten dazu, dass sich Gruppen bildeten.
  • Als Nebenthema zu bemerken ist, dass ein Grossteil der Beiträge Berichte zu Studien darstellen, welche in Museen selber vom dortigen Personal durchgeführt wurden, oft mit ethnologischen Methoden (zum Beispiel wurden offenbar unzählig viele Feldnotizen erstellt und anschliessend ausgewertet). Dies wird auch nicht weiter begründet, sondern scheint zur professionellen Museumsarbeit dazuzugehören.

Für Bibliotheken

Diese kurzen Notizen sollen selbstverständlich nicht das Lesen des – an sich auch sehr kurzen – Buches ersetzen. Mir ging nur darum das kurz zu schildern, um jetzt darauf eingehen zu können, was Bibliotheken aus diesem Lernen können.

  • Zuerst vor allem, dass ein Blickwinkel auf Einrichtungen wie Museen und – übertragen – dann auch Bibliotheken nicht ausreichend ist. Die ständige Suche nach «Evidenzen für Wirkungen» zeichnet nicht nur Museen aus, sondern auch Bibliotheken. Ebenso kommen – bei allen Versuchen, die eigene Bedeutung auszuweiten und neue Themen oder Aufgaben zu finden – auch Bibliotheken immer wieder auf das Lernen oder die «Bildungsfunktion» zurück. «Lernen» ist aber wohl nicht der einzige Grund, warum Menschen Bibliotheken benutzen; andere Rahmungen sind möglich und versprechen, mehr zu erklären. (Und: Wenn sie mehr erklären, dann auch besser zur Planung von bibliothekarischer Arbeit benutzt werden zu können.) Es muss nicht unbedingt die Dreiheit Dinge – Räume – Zeit sein, wie in diesem Buch (wie gesagt erscheint die Theorie eher suchend und offen zu sein) und es muss nicht nur über ganz junge Kinder nachgedacht werden (obwohl dieses Nachdenken in diesem Buch produktiv war). Sinnvoll ist es offenbar, nicht (nur) nach Effekten zu suchen, sondern auch danach zu fragen, was Kinder (oder andere Menschen) in der Bibliothek überhaupt tun – nicht, was sie der Meinung der Bibliotheken nach dort tun sollten, sondern was sie tatsächlich machen und warum.
  • Wenn Kinder Objekten und Räumen von Museen immer eigene Bedeutungen zuschreiben (und auch der jeweiligen Einrichtung), dann wird dies auch für Bibliotheken und den Objekten in ihnen gelten, also vor allem den Medien. [Mir fällt dazu eine Bachelorarbeit ein, die ich an der HTW Chur betreute, in der sich zeigte, dass Kindern egal war, welche Bilderbücher in einer Bibliothek standen, solange es nur welche gab. Nicht der Inhalt der Bücher interessierte sie, sondern der gemeinsame Besuch mit ihren Betreuungspersonen, zu der die Bücher als Objekte gehörten.] Bibliotheken denken gerne über den Inhalt der Medien und aktuell über solche kaum fassbaren Dinge wie «Aufenthaltsqualität» nach, so wie Museen auch ständig über ihre Objekte und Räume nachdenken – aber das mag nicht das sein, wie Menschen Bibliotheken sehen und verstehen. Es lohnt sich, sich auf die Blickwinkel der Nutzer*innen einzulassen.
  • Was auffällt, wenn man darüber nachdenkt, ist, dass nicht so einfach zu bestimmen ist, was Bibliotheken eigentlich als «Effekte» von neuen Angeboten – nehmen wir einfach die «3. Orte» und Makerspaces – annehmen? Was denken sie, was Menschen damit / darin machen werden und warum? Vielleicht ist auch diese Offenheit ein Grund, warum nie ganz klar wird, was diese Bemühungen genau bringen sollen.
  • Gleichzeitig zeigen die Museen in diesem Buch, dass es zur normalen professionellen Arbeit gehören kann, in den Institutionen eigene Forschungsprojekte dazu durchzuführen, wie die Einrichtung genutzt wird. In Bibliotheken passiert dies nur in einigen sehr grossen, aber es könnte offenbar weiter verbreitet sein.

Literatur

Hackett, Abigail ; Holmes, Rachel ; MacRae Christina (edit.) (2020). Working with Young Children in Museums: Weaving Theory and Practice. (Global Perspectives on Children in Museums). London ; New York: Routledge, 2020

Die eigene Situation als Bibliothekar*in verstehen. Ein Beispiel von Autoethnographien

Arellano Douglas, Veronica ; Gadsby, Joanna (2020). Deconstructing Service in Libraries: Intersections of Identities and Expactations. (Series on Gender and Sexuality in Information Studies; 11) Sacramento: Litwin Books, 2020


Das Buch, welches diesen Blogpost motiviert, ist ein «hard read». Es geht eigentlich darum zu klären, was «Services» in (vor allem Wissenschaflichen) Bibliotheken sind, wie gering sie wertgeschätzt werden und warum. Die Grundidee, die sich durch fast alle Beiträge in diesem Band zieht, ist die, dass Services – von Beratungen über Unterricht durch Bibliothekar*innen bis hin zu Angeboten, die entwickelt werden, weil auf Nutzende gehört wird – auch «emotional labor» sind und dieser Teil der Arbeit nicht wahrgenommen, teilweise auch aktiv negiert wird. Stattdessen gäbe es eine Überbewertung von einfach zu erheben Zahlen, die als Ausweis von Arbeit interpretiert werden, und von technischen Lösungen. Grundsätzlich wäre das Ausdruck eines neoliberalen Denkens, dass alle Arbeit in reproduzierbare (und von den Effekten her einfach mess- und vergleichbare) Produkte fassen will. Ein Effekt sei, dass die Arbeit von Bibliothekar*innen den Interessen der Universitäten untergeordnet wird, nicht den der Nutzenden, mit denen man aber in der bibliothekarischen Arbeit zu tun hat, so dass ständig unterschiedliche Wertigkeiten das Handeln bestimmen würden. Eine andere Kritikebene ist, dass so «weiblich» konnotierte Tätigkeiten ab- und «männlich» konnotierte aufgewertet werden.

All das kann man diskutieren und ist auch in der Realität von bibliothekarischer Arbeit (zumindest in den USA) fundiert. Aber eigentlich ist dieses Buch für mich eines über die Möglichkeiten von Autoethnographie (und offenen Essays) dafür, diese Realität abzubilden und über den Einzelfall hinaus verständlich zu machen. Es zeigt, dass problematische Strukturen und Entwicklungen auch im Bibliothekswesen greifbar gemacht werden können. Viele der Texte vermitteln zudem den Eindruck, als wären die schreibenden Kolleg*innen – die zumeist aktiv Bibliothekar*innen und nicht vor allem Forschende sind – durch das Schreiben der Texte dazu gekommen, darzustellen, wie ihre persönliche Situation tatsächlich ist. Schreiben scheint hier das Werkzeug gewesen zu sein, um sich und anderen die eigene Situation überhaupt verständlich zu machen.

Es gab einen Call for Papers für dieses Buch. Aus diesem ist ersichtlich, dass es wenig formale Vorgaben für die Beiträge gab. Das zeigt sich dann auch. Es gibt ausgewertete Umfragen und Interviews, persönliche Reflexionen, die Beschreibung einer Lerngruppe. Aber hauptsächlich gingen die Autor*innen autoethnographisch vor: Die eigenen Erfahrungen wurden als Datenmaterial genommen, um nach Strukturen, Funktionsweisen von Institutionen und Settings, von wirkmächtigen Vorannahmen und so weiter zu fragen. Das macht das Buch zum erwähnten «hard read», weil es sehr oft sehr erschreckend ist, was die Autor*innen darstellen.

Es wird aus sehr unterschiedlichen Subjektpositionen geschrieben: gay asian-american, fat female librarians, disabled staff, Kolleg*innen mit Depressionen. Die Schreibenden bestimmen (meist) mittels der Frage «Wie funktionieren die sozialen Beziehungen in meiner Einrichtung?» und fragendem Vorgehen, bei dem eigene Erfahrungen und Wissen aus anderen Quellen verbunden werden, ihre eigene Situation in den Bibliotheken zu verstehen, aber auch, was diese Situation über die Institution Bibliothek aussagt. Und – wie gesagt – das führt nicht immer zu positiven Antworten.

Dabei geht es weniger um konkrete Diskriminierung und vielmehr um strukturelle Einschränkungen sowohl bezogen auf die persönliche Ebene als auch auf die institutionelle Ebene (hier vor allem der Bibliothek gegenüber der Universität, aber auch der Servicebereiche gegenüber anderen Bereichen in der Bibliothek selber). Beispielsweise geht es immer wieder darum, für was Kolleg*innen als kompetent oder nicht kompetent wahrgenommen werden oder was für sie faktisch schwieriger ist aufgrund dessen, was Personen ihrer jeweiligen Identität zugeschrieben wird und wie die Institution konstituiert ist. Es geht auch oft um die kontinuierliche Devaluation der Erfahrungen und Arbeit in Servicebereichen gegenüber shiny tech projects oder Wirkungen, die in «harten Zahlen» zu fassen sind.

Das alles ist – trotzdem im CfP zu Einreichungen aus anderen Ländern aufgerufen wurde – sehr US-lastig und lässt sich nicht direkt in den DACH-Raum übertragen. Alle Ungleichheitskategorien haben ihre eigenen Geschichten und Bedeutungen in unterschiedlichen Gesellschaften, also auch die in diesem Buch diskutierten. Autoethnographie als Methode produziert zudem immer erst einmal lokales Wissen. (Aber, wie das Buch zeigt: Viel lokales Wissen, dass immer wieder ähnliche Strukturen aufzeigt, deutet darauf hin, dass es nicht einfach um lokale Probleme geht.)

Was das Buch zeigt, ist, dass ein solches Vorgehen, bei dem Bibliothekar*innen autoethnograpisch über ihre Position schreiben, hilfreich ist. Hilfreich für Kolleg*innen selber, um zu klären, in welcher Position sie sich befinden, warum die Situation so ist, wie sie ist und welche Strukturen wie auf ihre Möglichkeiten einwirken. (Das gilt nicht nur für Personen, deren Identität «am Rand» der Mehrheitsgesellschaft verortet wird.) Aber hilfreich auch, um als Bibliothek oder Bibliothekswesen darüber nachzudenken, was geändert werden kann.

Dieses Vorgehen macht das Vorhandensein von Strukturen und deren Wirkung sichtbar – und wenn sie benannt sind, lassen sich auch ändern. Es zeigt, dass es oft nicht einfach um persönliche Probleme oder Lösungen geht. Was die Texte machen, ist, Wissen zum Beispiel aus der Literatur und Praxis zusammenzubringen, indem «theoretisches Wissen» anhand persönlicher Erfahrungen überprüft und in seiner Wirkung aufgezeigt wird. Es ist zum Beispiel das eine, wenn grundsätzlich über bestimmte Vorurteile gesprochen wird, aber das andere, wenn man liest, wie sie Kolleg*innen tatsächlich betreffen.

Bibliotheken im DACH-Raum (und nicht nur dort) machen sich in den letzten Jahren darum Gedanken, wie sie auf die wachsende gesellschaftliche Diversität reagieren können und sollen. (Manchmal geht das sehr dahin, vor allem darüber nachzudenken, wie das Personal diverser werden kann – was nur ein Teilbereich ist. Aber vielleicht ist das einfach das greifbarste Thema.) Dieses Buch gibt dazu praktisch ein Werkzeug in die Hand, dass mitgenutzt werden sollte. Insbesondere zeigt es, dass autoethnographisches Vorgehen hilft, die ganzen Theorien zu Ungleichheitskategorien (die ja auch nicht einfach am Schreibtisch erarbeitet wurden, sondern vorrangig anhand empirischen Materials) mit praktischen Erfahrungen in Bibliotheken zu verbinden. Es hilft einerseits Kolleg*innen, sich zu verorten, aber e hilft anderen auch, diese Verortung nachzuvollziehen. Oder genauer: Es würde Bibliotheken (und dem Bibliothekswesen) helfen zu verstehen, was zu bearbeiten ist, wenn man dem Anspruch, die gesellschaftliche Diversität mindestens in der Bibliothek auch abzubilden, gerecht werden möcchte.

Kurz: Ich empfehle das Buch, wenn auch nicht unbedingt für den eigentlichen Inhalt (der einen weiteren Text wert wäre). Aber man sollte sich auf eine längere Lesezeit einstellen. So einfach «weglesen» lässt es sich nicht.

Wie wird der Raum einer Hochschulbibliothek benutzt? (Plakate)

Letztes Jahr führte ich eine Studie dazu durch, was wir über die Nutzung des Raumes von Hochschulbibliotheken wissen. Dazu hatte ich die dazu publizierten Forschungen der (damals) letzte zehn Jahre systematisch ausgewertet. Die Ergebnisse hatte ich bei einem Vortrag auf dem #vBIB20 (https://doi.org/10.5446/47567) und einem Artikel in der IWP (https://doi.org/10.1515/iwp-2020-2112) vorgestellt. (Sie sind auch nicht so überraschend: Die Studierenden wollen vor allem in Ruhe arbeiten.)

Jetzt habe ich sie noch einmal anders dargestellt, als Plakate. Es ist so eine andere Form von Übersicht, die man gut nutzen kann, wenn man sich in einer Bibliothek in einer Arbeitsgruppe trifft um zu diskutieren, wie man den Raum umgestalten (oder gar neu bauen) soll. Die Ergebnisse sind die gleichen, wie im Vortrag und im Artikel. Aber schon weil der Ruf danach, dass die Forschung ihre Ergebnisse «doch auch mal anders darstellen» soll, nicht verstummt (und auch, weil ich ein wenig mit den Formaten spielen will) hier die beiden Poster. (Auch bei e-LIS http://hdl.handle.net/10760/40556)