Über Bibliotheksstatistiken im DACH-Raum

In diesem Post möchte ich einmal über die Bibliotheksstatistiken aus dem DACH-Raum schreiben. Fast alle Bibliotheken in diesem Raum füllen Jahr für Jahr – mal mehr, mal weniger, auch mit Lücken, aber doch kontinuierlich – die jeweiligen Statistiken aus, aber damit scheint das Thema oft schon wieder vorbei zu sein. Sie kommen sonst kaum in der bibliothekarischen Literatur, Ausbildung oder Diskussion vor. Manchmal, aber auch nicht mehr regelmässig, gibt es auf den bibliothekarischen Konferenzen Sessions zur Bibliotheksstatistik und in vielen Verbänden gibt es auch Arbeitsgruppen zum Thema. Aber deren Arbeit scheint oft kaum wahrgenommen zu werden.

Und das ist schade. Die Statistiken, die wir haben, hätten eigentlich ein grosses Potential sowohl für die einzelnen Bibliotheken als auch die Bibliothekswesen der einzelnen Ländern und im gesamten DACH-Raum. Zumal sie, wie ich gleich darstellen werde, etwas Besonderes sind – die meisten Bibliotheken und Bibliothekswesen können offenbar nicht auf solche Statistiken zurückgreifen.

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Kurz warum ich auf das Thema gekommen bin: Ich habe mich letztens mit diesen Bibliotheksstatistiken befasst. Ausgangspunkt war ein Text über britische Public Libraries und deren Entwicklungen im Jahr 2020 (oder genauer im Fiscial Year 2020/21 im Vergleich zu 2018/19 und 2019/20 – aber das ist hier nicht so wichtig), also in der Covid-19 Pandemie. (McMenemy et al. 2022) In dem Text werden statistische Daten analysiert. Die wurden nicht aus der nationalen Bibliotheksstatistik genommen, sondern per Freedom of Information Requests von den einzelnen Kommunen angefragt – was ich beim ersten Lesen sehr komisch fand, aber ich dachte, vielleicht konnten die Autor*innen einfach nicht warten, um an die Daten zu gelangen. Wichtiger: Als ich den Text las, dachte ich: Wie ist das eigentlich im DACH-Raum? Kann man nicht einfach die Zahlen aus den Bibliotheksstatistiken mit denen aus diesem britischen Text vergleichen? How hard could that be? Wozu gibt es denn sonst die Bibliotheksstatistiken, wenn nicht dafür?

(Hinzu kommt, dass ich weiter üben wollte, mit der Statistiksprache R zu arbeiten und die Situation eigentlich sehr gut dafür schien: Schon klare Fragen im britischen Text – die waren am Ende nicht ganz so klar formuliert, aber es ging –, vorhandene Daten und am Ende als Ziel, die Ergebnisse dieser Auswertung zu berichten. Und dann, wenn man das schon mit R-Skripten macht, könnte man es einfach auf noch mehr Länder erweitern, also die Daten aus Bibliotheksstatistiken weiterer Länder hinzunehmen, um zu sehen, ob es allgemeine Entwicklungen in der Nutzung von Bibliotheken gibt oder zum Beispiel welche, die für den DACH-Raum spezifisch sind.)

Das war der Ausgangspunkt, um mich wieder einmal mit den Bibliotheksstatistiken zu beschäftigen. Die Auswertung für den DACH-Raum ist jetzt fertig, eine Publikation dazu eingereicht. Darum soll es hier also nicht gehen. Ich will lieber kurz darüber reden, was ich so währenddessen über die Statistiken selber gelernt habe.

Kontinuierliche Bibliotheksstatistiken: Eine Besonderheit des DACH-Raumes

Eine erste Sache, die ich vorher nicht wusste: Das wir im DACH-Raum im Allgemeinen umfassende, jährlich aktualisierte Bibliotheksstatistiken haben, ist eine Besonderheit. Viele Länder haben das offenbar nicht. Im DACH-Raum hingegen gibt es schon lange etabliert die deutsche Bibliotheksstatistik, in der die Öffentlichen und Wissenschaftlichen Bibliotheken (inklusive, seit 2008, denen aus Österreich) teilnehmen. (https://www.bibliotheksstatistik.de, https://www.bibliotheksstatistik.at) Die Büchereien / öffentlichen Bibliotheken in Österreich haben eine eigene Bibliotheksstatistik, welche vom Büchereiverband gepflegt wird. (https://www.bvoe.at/oeffentliche_bibliotheken/statistik_und_leistungsdaten) Zuletzt hat die Schweiz nachgezogen: Seit 2011 gibt es eine kontinuierlich mit Daten ausgestattet Bibliotheksstatistik, an der zuerst die Wissenschaftlichen Bibliotheken und die grossen Öffentlichen Bibliotheken (die in Gemeinden über 10.000 Einwohner*innen) teilnahmen. Dann wurde sie Schritt für Schritt ausgebaut und seit 2021 (also mit den Daten ab 2020) ist sie eine «Vollerhebung». Einzig für das Fürstentum Liechtenstein scheint es keine solche Statistik zu geben. (Das dortige «Amt für Statistik» hat leider noch nicht geantwortet, vielleicht wissen die mehr.) Es wäre als nicht falsch zu denken, dass das normal ist, das solche Statistiken gesammelt werden. Zumal es eine eigene ISO-Norm (International Organization for Standardization 2013) für Bibliotheksstatistiken gibt (auch wenn die in der Überarbeitung hinterherhinkt).

Aber – das stimmt offenbar nicht. Es ist nicht einfach, einen Überblick zu gewinnen. Bislang scheint es keine Sammlung der nationalen Bibliotheksstatistiken zu geben. Es gibt bei der IFLA eine «Statistics and Evaluation Section» (https://www.ifla.org/units/statistics-and-evaluation/), die Projekte hat und Verlautbarungen dazu erlässt, wie wichtig Open Library Data wäre – aber auch keine solche Sammlung betreibt.

  • Man hat meiner Erfahrung nach beim Recherchieren auch immer das Gefühl, dass man in den verschiedenen Ländern nur nicht an den richtigen Orten oder bei den falschen Organisationen schaut. Und / oder das man mal wieder zu wenig von der jeweiligen Sprache versteht, die im jeweiligen Land gesprochen wird. Aber ich habe, bevor ich es aufgegeben habe, erst in Liechtenstein gesucht und nichts gefunden (die Daten sind auch nicht, wie man vermuten könnte, in der schweizerisches Statistik enthalten).
  • Dann in Irland (weil die Daten gut mit denen aus Grossbritannien hätten verglichen werden können – als Land mit einer ähnlichen bibliothekarischen Tradition, der gleichen Hauptsprache, ähnlicher Gesellschaft und so weiter) – aber da scheint es nur von Zeit zu Zeit Erhebungen zu geben, nicht jährlich und nicht immer mit den gleichen Variablen. Die letzten Daten scheinen zu Jahr 2017 veröffentlicht, annual reports gab es von 2002 bis 2011 (https://www.askaboutireland.ie/libraries/public-libraries/publications/public-library-statistics/).
  • In Frankreich scheinen die Bibliotheksstatistiken zumindest nicht regelmässig berichtet, sondern von Zeit zu Zeit vom Minstère de la Culture in Zusammenfassung publiziert zu werden. (Ich weigere mich ein wenig zu glauben, dass gerade im zentralisierten Frankreich nicht regelmässig solche Zahlen erhoben werden, in einer möglichst komplizierten Weise – das würde meinem Bild von Frankreich vollkommen widersprechen.) Wenn, dann passieren solche Publikationen offenbar oft im Zusammenhang mit Themen wie Literatur, Lesen, Kampf gegen Analphabetismus im Allgemeinen. (Z.B. Ministère de la Culture 2021) Die Einrichtung, welche die Daten dann zu liefern scheint, ist auch das Observatoire de la Lecture Publique, das auch zum Beispiel Daten zu Buchhandlungen oder Verlagen publiziert.
  • In Luxemburg bin ich gar nicht fündig geworden (ich spreche kein Luxemburgisch, dachte aber, dass ich in Deutsch oder Französisch etwas finden würde).
  • Dann habe ich aufgeben, aber ich glaube nicht, dass ich zufällig die paar Länder ausgesucht habe, die keine Bibliotheksstatistik haben, sondern das das symptomatisch ist.
  • In Fundfamentals of Planning and Assessment for Libraries schreiben Rachel A. Fleming-May und Regina Mays dann auch zum Beispiel explizit – das ist mir gerade untergekommen –, dass es auch in den USA keine solche Statistik für alle Bibliotheken gibt, sondern nur solche, die von einigen Verbänden über die jeweils eigenen Mitgliedsbibliotheken erhoben werden.
  • Und es gibt eine «Library Map of the World», die einmal von der IFLA erstellt wurde – als es dafür Mittel der Gates Foundation gab, die Bibliotheken unterstützen wollte – und die offenbar weiter betrieben wird (https://librarymap.ifla.org/map). Wenn man aber die in, offen vorliegenden, Daten schaut, merkt man auch schnell, dass (a) für viele Länder des globalen Südens gar keine Daten vorliegen und (b) die Daten, die vorliegen, oft Jahre alt sind (Peru zum Beispiel von 2008 und Italien von 2010). Andere Daten sind erst dieses Jahr aktualisiert worden. Insoweit – es gibt offenbar auch anderswo kontinuierlich geführte Bibliotheksstatistiken (irgendwo müssen die Daten für diese Map ja herkommen), aber nicht viele.

Das erklärt wohl aber, warum im britischen Text nicht mit Daten aus der nationalen Bibliotheksstatistik gearbeitet wurde – weil sie nicht so einfach verfügbar ist, falls es sie überhaupt gibt.

Inhalt und Governance Bibliotheksstatistiken DACH-Raum

Ob es nationale Bibliotheksstatistiken gibt und wie ihre Daten berichtet werden, ist also offenbar das Ergebnis von politischen Entscheidungen, die dazu führen, ob und wenn ja welche Infrastrukturen für diese Statistiken aufgebaut werden. Wie gesagt: Beim Beispiel Frankreich kann ich mir gut vorstellen, dass es sehr wohl in Paris eine Stelle gibt, an die alle Bibliotheken nach einem vorgegeben Plan jährlich Daten abzuliefern haben (aber – Frankreich – bestimmt nicht direkt und unkompliziert, sondern in mehreren Runden, die durch verschiedene Bürokratien gehen und zwar nur zu vorgeschriebenen Tagen oder so; und nur nicht in der Mittagspause), aber das es die politische Entscheidung gibt, diese nicht jährlich oder gar offen zu publizieren. Das gleiche gilt auch für die Variablen, die überhaupt abgefragt werden, und die Definitionen derselben. Die sind bei Weitem nicht gleich, trotz der ISO-Norm. Und auch, ob Bibliotheken diese Daten liefern und wenn ja, wie genau und wie sehr an den Definitionen orientiert, scheint das Ergebnis von politischen Entscheidungen in den Bibliotheken zu sein. (Und vielleicht, zum Teil, auch der Kapazitäten – die aber ja auch Ergebnis von Entscheidungen sind, wofür Ressourcen genutzt werden.)

Schauen wir uns aber einmal an, was nach all diesen politischen Entscheidungen, die irgendwann einmal getroffen wurden, in den Bibliotheksstatistiken im DACH-Raum steht und wie die Governance hinter diesen ist.

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Zuerst zur Governance. Es fällt schnell auf, dass jede der drei Statistiken eine andere Struktur – also wer sammelt die Daten, wie werden sie aufbereitet, wie werden sie angeboten – hinter sich hat. Das sieht man in der folgenden Tabelle.


Deutsche BibliotheksstatistikBibliotheksstatistik ÖsterreichSchweizerische Bibliotheksstatistik
Betreibende EinrichtungDBS-Redaktion c/o Hochschulbibliothekszentrum des Landes Nordrhein-Westfalen (HBZ) (plus ÖBS-Redaktion für die österreichischen Wissenschaftlichen Bibliotheken)Büchereiverband ÖsterreichBundesamt für Statistik (in Zusammenarbeit mit der Kommission Statistik von bibliosuisse)
Erhebung der DatenEingabe durch Bibliotheken, https://service-wiki.hbz-nrw.de/display/DBS/Online-EingabeEingabe durch Bibliotheken, https://jahresmeldung.bvoe.atEingabe durch Bibliotheken, https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/kultur-medien-informationsgesellschaft-sport/erhebungen/chbs.html
Publikationshäufigkeitjährlichjährlichjährlich
Aufbereitung der DatenFrei zugängliche Datenbank, inklusive Variabler Auswahl.Keine Veröffentlichung aller Daten, sondern jährlich erscheinende Artikel (in der Zeitschrift Büchereiperspektiven) sowie Zusammenfassungen (auf der Homepage).Daten als Excel-Tabellen, frei zugänglich. Einzelne Auswertung der Daten als weitere Tabellen.
Zugang zu den DatenDaten stehen frei zur Verfügung. (Man kann aber, so meine Erfahrung, den Server überlasten, wenn man zu viele Daten auf einmal abfragt.)Daten werden auf Anfrage zur Verfügung gestellt. (Nach meiner Erfahrung problemlos.)Daten stehen frei zur Verfügung, die Daten vor 2020 müssen aber (aktuell) gesondert gesucht werden.
LizenzKeine AngabeKeine AngabeKeine Angabe (aber vom Staat erhobene Daten)
Homepagehttps://www.bibliotheksstatistik.de, http://www.bibliotheksstatistik.athttps://www.bvoe.at/oeffentliche_bibliotheken/statistik_und_leistungsdatenhttps://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/kultur-medien-informationsgesellschaft-sport/kultur/bibliotheken.html, https://bibliosuisse.ch/%C3%9Cber-uns/Kommissionen/Statistik

Man sieht schnell Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Zuerst sind es sehr unterschiedliche Einrichtungen, die die Daten sammeln. Das HBZ handelt im Auftrag der Kultusministerkonferenz – also der Bildungsministerien der deutschen Bundesländer –, aber als bibliothekarische Infrastruktur. Der Büchereiverband Österreich hat, so scheint es zumindest, den Auftrag vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport (zumindest ist dieses immer mit wieder auf den Publikationen mit genannt). Das Amt für Statistik in Bern handelt offenbar als Teil des eigenen Auftrags zur Pflege von nationalen Statistiken. Insoweit ist irgendwie immer der Staat als Akteur im Hintergrund dabei – aber immer auch in einer anderen, jeweils den nationalen Strukturen entsprechenden Weise (siehe zum Beispiel die nicht klar definierte, aber irgendwie funktionierende Einbeziehung einer Kommission des Bibliotheksverbandes in der Schweiz in die staatliche Aufgabe der Datensammlung).

Gemeinsam ist allen drei Statistiken, dass sie jährlich erhoben werden, indem Bibliotheken selber die jeweils eigenen Daten elektronisch erfassen und dass sie auch wieder jährlich publiziert werden. Wie sie publiziert werden, ist unterschiedlich (und wird auch immer wieder einmal verändert – aber bleiben wir beim heutigen Stand): Die Daten für die deutschen und schweizerischen Bibliotheken sowie die österreichischen Wissenschaftlichen Bibliotheken stehen frei zur Verfügung, die für die österreichischen Büchereien muss man anfragen (was aber funktioniert). Die schweizerischen Daten kriegt man in einer Excel-Datei mit Datenblättern pro Jahr, bei den deutschen kann man mehr wählen. (Die österreichischen kommen auch als Excel-Datei, aber vielleicht kann man auch andere Formate erbitten.) Dafür werden die Büchereien in Österreich regelmässig in der betreffenden Zeitschrift über die Daten informiert, was in Deutschland und der Schweiz so nicht passiert. Auffällig ist auch, dass alle diese Daten ohne Lizenzangabe veröffentlicht werden. Man kann mehr oder minder hoffen, dass man sie frei für weitere Auswertungen nutzen kann – in Österreich werden Bibliotheken sogar direkt auf der Homepage aufgefordert, dies für Leistungsvergleiche zu tun. Denn immerhin werden die Daten zur Verfügung gestellt und entweder direkt von einer staatlichen Stelle oder aber im Auftrag des Staates gesammelt – sollten also eigentlich «öffentliche Daten» sein. Aber in Zeiten, in denen Wissenschaftliche Bibliotheken auf Forschungsdatenmanagement als Thema setzen und dann immer wieder betonen, wie wichtig offene Lizenzen sind, ist es auffällig, dass gerade bei diesen Statistiken keine Lizenzen genannt werden.

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Was steht nun in den Daten? Wie vertrauenswürdig sind sie?

Für alle Statistiken existieren Definitionen, die alle spätestens bei der Eingabe angezeigt werden (aber es gibt immer auch Dokumente, in denen sie niedergelegt sind). Diese folgen nicht immer dem ISO-Standard – die für die deutschen und österreichischen Wissenschaftlichen Bibliotheken erheben diesen Anspruch schon, aber die anderen nicht. Die schweizerischen Definitionen wurden zum Beispiel für die Daten 2020 – als dann auch die erste «Vollerhebung» durchgeführt wurde – verändert. Und wenn man die Variablen, die für die drei Statistiken abgefragt werden, nebeneinander legt, merkt man auch, dass sie sich schon im Umfang unterscheiden – in Deutschland wird viel mehr abgefragt, als in den beiden anderen Ländern. In der Schweiz werden zum Beispiel Lizenzkosten gesondert abgefragt, in Österreich nicht. Zu 100% lassen sich die Daten also nicht vergleichen, zumindest nicht für alle Werte.

Folgen die Bibliotheken alle diesen Definitionen? Geben sie alle jährlich Daten ab?

Das ist nicht mit einem klaren Ja oder Nein zu beantworten. Schaut man in die Daten selber, fällt immer wieder auf, dass nicht alle Bibliotheken alle Werte ausfüllen und das eine Anzahl der Werte nicht immer überzeugend sind. Das hat bestimmt unterschiedliche Gründe, aber es gibt Tendenzen. Je kleiner eine Bibliothek ist, umso eher scheinen Daten zu fehlen – manchmal alle Daten, manchmal einige. Bei letzteren kann es immer gut sein, dass eine Bibliothek einfach gar keine Angaben machen kann. Wenn Sie zum Beispiel keine Lizenzen hat, sollte sie das Feld zu Lizenzkosten leer lassen – oder, je nach Definition, wenn sie anteilig von einer Lizenz profitiert, die zum Beispiel der Kanton oder eine andere Einrichtung übernimmt (hier kann man an die Onleihe) denken, dann sollte hier zumindest in der schweizerischen Statistik der Wert für diesen Anteil eingetragen sein. Wissen von dieser Regelung alle Bibliotheken? Es scheint nicht so. Es finden sich doch auch eine ganze Anzahl, die «0» eintragen (was heissen würde, dass die Lizenzen haben oder von solche profitieren, aber diese nichts kosten).

Es gibt aber auch das Phänomen, dass in grösseren Bibliotheken die Daten für einige Jahre fehlen oder weniger werden. Warum das so ist, müssten man tiefergehend untersuchen. Aber mir ist aufgefallen, dass man in einer ganzen Anzahl von Fällen einen Zusammenhang mit mehr oder minder bekannten internen Krisen herstellen kann – grössere Bibliotheken, die einige Jahre lang keine (vollständigen) Daten an die Bibliotheksstatistik lieferten, sind auch offenbar oft die Bibliotheken, die zu dieser Zeit Probleme damit hatten, Leitungspositionen zu besetzen.

Und dann fällt auf, dass eine ganzen Anzahl von Bibliotheken keine genauen Angaben macht, sondern eher Schätzwerte zu liefern scheint. Das wird wohl vor allem daran liegen, dass die genauen Daten gar nicht vorliegen. Aber man findet nicht selten Angaben mit «runden Zahlen» (also Mehrfache von 10 oder 100), die sich dann auch oft über Jahre nicht verändern: Bibliotheken, die immer wieder genau 500 Veranstaltungen pro Jahr haben oder 7000 Medieneinheiten. Sicherlich kann das auch das Ergebnis guter Planungen sein – oder wahrscheinlich ist eher, dass es ungefähre Angaben sind.

Gleichzeitig aber sind alle Statistiken jetzt darauf ausgerichtet, auch wirklich alle Bibliotheken in den jeweiligen Ländern zu umfassen. Wie gesagt – in der Schweiz war man da etwas langsamer. Erst hat man die Wissenschaftlichen Bibliotheken integriert (was auch nicht so einfach ist, weil die Bibliothekssysteme einiger, historisch gewachsener Universitäten… barock sind, im Gegensatz zu den recht neuen Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen), dann die Öffentlichen Bibliotheken der grossen Gemeinden. Und dann, nach und nach, die anderen Bibliotheken einzelner Kantone, bis es dann 2021 theoretisch alle Bibliotheken sind, die erfasst werden. Aber stimmt das? Sind es wirklich alle Bibliotheken? Gibt es nicht vielleicht in ganz kleinen Gemeinden ganz weit auf dem Land, Bibliotheken, die nicht dabei sind? Oder in grossen Schulen Bibliotheken, die auch für das Quartier / den Kiez da sind, aber nicht in der Statistik auftauchen? Oder neue Bibliotheken in staatlichen Einrichtungen, die eine Filiale in «abgelegenen Regionen» gerade ausbauten, die bislang nicht für die Statistik gemeldet wurden? Vielleicht – das kann immer sein. Eine hundertprozentige Abdeckung ist wohl nie zu erreichen (zumal Bibliotheken, die von privater Hand finanziert werden, weil sie beispielsweise in Firmen oder Klöstern angesiedelt sind, nicht in diesen Statistiken enthalten sind – mit Ausnahmen, immer und immer wieder mit neuen Ausnahmen). Aber grundsätzlich möglichst viele und vor allem die grossen Bibliotheken, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind – die finden sich schon in diesen Statistiken.

Weiter oben hatte ich gesagt, dass die Kontinuität, mit der im DACH-Raum Daten für Bibliotheksstatistiken erhoben werden, eine ihre Besonderheiten darstellen. Man muss dies aber eingrenzen: Für die gesamten Statistiken gilt das, für alle Bibliotheken gilt das nicht. Aber auch hier für die meisten die meiste Zeit.

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Insoweit muss man die Daten jeweils vorsichtig interpretieren: Sie sind Annäherungen an die Realität. Aber wenn man zum Beispiel aus einer der Statistiken die Zahl der aktiven Nutzer*innen aller Bibliotheken in einem Jahr errechnet und diese dann mit der Zahl der aktiven Nutzer*innen aller Bibliotheken eines anderen Jahres vergleicht, muss man bedenken, dass das immer eine leicht unterschiedliche Anzahl von Bibliotheken sind, die da Daten gemeldet haben. (Wie man das in die jeweilige Auswertung integriert hängt dann wohl davon ab, was man wissen will. In dem Vergleich von Daten 2018 bis 2020, den ich gemacht habe, habe ich jeweils nur Bibliotheken betrachtet, die auch vollständig für diese drei Jahre Daten geliefert haben – R hat dafür die Funktion complete.cases –, aber das wird keine Lösung sein, wenn man zum Beispiel Daten über zehn Jahre hinweg betrachten will. Dann wird man besser mit Durchschnittswerten pro Jahr rechnen.) Wie gesagt: Das ist alles eine viel bessere Datenlage als in anderen Ländern, aber doch niemals eine perfekte.

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Schauen wir nochmal die Variablen an, dann fällt, wie schon gesagt, auf, dass in Deutschland (und Österreich für die Wissenschaftlichen Bibliotheken) die meisten Variablen erhoben werden, in Österreich (für die Büchereien) weniger und in der Schweiz noch weniger. Einige dieser Variablen deuten auf ältere Diskussionen hin. Wenn in der deutschen Statistik explizit gefragt wird, ob eine Öffentliche Bibliothek «Soziale Bibliotheksarbeit» anbietet, dann ist das ein Thema, dass zuletzt Anfang der 1980er Jahre gross diskutiert wurde. Ebenso gibt es in der deutschen Statistik Variablen zu unterschiedlichen Formen von Krankenhausbibliotheken, was vielleicht Anfang der 1990er Jahre das letzte Mal breiter diskutiert wurde. Zudem finden sich zum Beispiel Fragen nach der Anzahl von Vinyl-Platten im Bestand.

Eine andere Anzahl von Variablen findet sich aber in allen drei oder zumindest zwei der Statistiken. Beispiele dafür sind die Zahl der aktiven Nutzer*innen (immer gleich definiert als solche, die mindestens einmal in den letzten zwölf Monaten ein Medium entliehen haben, inklusive elektronischen Medien), die Zahl der Medien, die Zahl der Ausleihen und Angaben zu Etat und Personal (aber beim Personal in unterschiedlichen Ausprägungen und beim Etat selbstverständlich mal in Euro und mal in Franken).

Will mal also Daten über die drei Ländern hinweg vergleichen, geht das für einige Variablen einfach nicht und für andere wieder muss man sie erst «normalisieren», also in ein einheitliches Format bringen. (Letzteres ist aber nicht so schwer, da die Daten jeweils pro Land strukturiert geliefert werden und man solche Transformationen der Daten gut automatisieren kann.)

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Beachtet man das aber, kann man relativ gut und relativ schnell einfache Vergleiche anstellen und Plots zeichnen, wie die drei hier. (Alle mit jeweils allen Daten aller Öffentlichen Bibliotheken, die im jeweiligen Jahr Daten gemeldet haben – die Daten lagen schon bearbeitet aus meinem oben erwähnten Artikel vor, aber die Plots zeichnen dauerte keine drei Stunden und das auch vor allem, weil ich Anfänger mit R bin und die Chance nutzen wollte, mal mit den erweiterten graphischen Möglichkeiten zu spielen. Einfache Plots hätten vielleicht eine viertel Stunde gedauert.) Und selbstverständlich – wer sich darin vertiefen will, kann dann noch mehr, noch genauer, noch theoriegeleiteter vorgehen und beispielsweise Hypothesen über die Entwicklung der Nutzung von Bibliotheken im DACH-Raum testen.

Zur Nutzung

Was mich an Bibliotheksstatistiken immer wieder erstaunt hat und weiter erstaunt, ist, wie wenig sie tatsächlich genutzt zu werden scheinen. Sie kommen in der Lehre, soweit ich das sehe, nicht vor. (Ich bin da selber mit verantwortlich, ich weiss – aber auch zum Beispiel nicht in meiner eigenen Ausbildung.) Auch werden sie fast nie an Orten, an denen man sie erwarten würde, angeführt: Fast nie in Studien, Abschlussarbeiten, Präsentationen oder auch Artikeln. Die einzige wirklich Ausnahme davon scheint der Büchereiverband Österreich zu sein, der – wie schon gesagt –, kontinuierlich Zusammenfassungen für «seine» Bibliotheken publiziert. Ansonsten scheint das immer nur ansatzweise zu passieren, vielleicht gebunden an die Interessen einzelner Personen.

Jetzt, nachdem ich gelernt habe, wie besonders und – im Vergleich mit anderen Ländern – gut die Bibliotheksstatistiken im DACH-Raum sind, erstaunt mich das nur noch mehr.

Man könnte vermuten, dass die Statistiken einfach an anderen Stellen benutzt werden, beispielsweise bei internen strategischen Planungen von Bibliotheken. Maybe. Wie gesagt fordert der Büchereiverband Österreich die öffentlichen Bibliotheken im Land immer wieder dazu auf, die Statistik für Kennzahlenvergleiche zu nutzen. Ähnliches hört man, aber nicht so oft, von Fachstellen und vergleichbaren Einrichtungen. Aber auch dann würde man erwarten, das darüber lauter und öfter berichtet wird. Es wäre doch sinnvoll, wenn Bibliotheken sich darüber austauschen würden, wie diese Daten im Alltag und bei der längerfristigen Planung genutzt werden.

Meine Erfahrung ist aber, dass man bei Nachfragen eher ausweichende Antworten erhält. Oft wird von Kolleg*innen erst behauptet, dass man selbstverständlich auch mit den Daten den Bibliotheksstatistik etwas macht, aber dann auf Nachfrage hin nicht gesagt, was genau.

Es ist ein erstaunliches Thema, immer wieder: Wir haben im DACH-Raum eigentlich so eine gute Datenlage. Nicht perfekt, aber soviel besser als in vielen anderen Regionen. Und wir – sowohl die Bibliothekswissenschaft als auch die Bibliotheken und zum Bibliothekswesen gehörigen Einrichtungen als auch die Ausbildung – wissen nicht so richtig, was damit anfangen.

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Nur ein schnelles Beispiel, wofür man die Daten benutzen kann, ist der nächste Plot, welcher die Kosten pro Ausleihe in den Öffentlichen Bibliotheken 2018-2020 in den drei Ländern vergleicht – also eine recht beliebte Kennzahl für die Effizienz des Bestandsmanagements. Sicherlich: Man könnte hier noch einen Wert für die Preisunterschiede einführen – aber auch so sieht man die Entwicklung: In der Schweiz waren die Bibliotheken 2020 offenbar effizienter als in den Vorjahren, in Österreich nicht ganz so, und in Deutschland noch etwas weniger. Man kann jetzt diskutieren, warum und was man daraus lernen kann und so weiter. Aber: Es ist recht einfach, diese Angaben aus den Daten zu ziehen. Ich habe das mit einem Rechner und etwas Arbeitszeit gemacht. Wir, als «die Bibliotheken, das Bibliothekswesen», sollten das öfter machen.

Wünsche

Wie gesagt habe ich gelernt, dass die Situation bei den Bibliotheksstatistiken im DACH-Raum sehr gut ist, wenn man sie mit anderen Ländern vergleicht. Während meiner Recherche hatte ich auch Kontakt mit Verantwortlichen für alle drei Statistiken und auch da gute Erfahrungen mit schnellen Rückmeldungen gemacht. Und dennoch haben sich ein paar Wünsche ergeben – Dinge, die das Ganze noch einen Ticken besser machen würden.

  • Erstens wäre es gut, wenn die Daten zu den Bibliotheksstatistiken nicht einfach nur verfügbar wären, sondern, wenn sie als Offene Daten mit einer Offenen Lizenz (wegen meiner gerne mit CC BY-NC) ausgestattet wären. Oder, wenn schon nicht offen, dann so, dass klar ist, was man mit denen machen darf und was nicht. Die jetzige «graue» Situation ist nicht mehr wirklich zeitgemäss.
  • Jetzt muss beziehungsweise kann man die Daten relativ einfach herunterladen oder auf Nachfrage erhalten – wie gesagt ist das schon weit besser als anderswo. Aber das Non-plus-Ultra wäre selbstverständlich, wenn es per API direkt aus einer Datenbank abgefragt werden könnte (und, für die Schweiz, wenn in der Datenbank dann auch die «alten» Daten von 2011 bis 2019 enthalten wären). Dann liessen sich Skripte bauen, mit denen man jeweils automatisiert jährlich die Daten abfragen und analysieren könnte. Das wäre eine kleine, aber sichtbare Verbesserung.
  • Für weitere Analysen hilfreich wäre, wenn in allen Bibliotheksstatistiken nicht nur die Namen der Gemeinden / Kommunen verzeichnet wären, in denen die jeweiligen Bibliotheken angesiedelt sind, sondern (a) auch, für welche Gemeinden / Kommunen sie zuständig sind (das ist in der Schweiz zum Beispiel nicht selten, dass eine Bibliothek mehrere Gemeinden versorgt) und (b) diese Gemeinden / Kommunen nicht nur mit Namen, sondern auch mit Postleitzahlen ausgezeichnet würden. Bislang mache ich mir noch einen Kopf, wie man beispielsweise Daten über sozio-ökonomische Zusammenhänge mit denen der Bibliotheksstatistiken verbinden könnte. Die meisten anderen Daten, die auf Gemeinde-/Kommunenebene vorliegen – beispielsweise Grösse der Gemeinden, Steueraufkommen, Ergebnisse von Wahlen und Abstimmung –, sind mit Postleitzahlen ausgezeichnet. Wären es die der Bibliotheksstatistik auch, könnte man sie einfacher verbinden. (Auch hier gibt es in R einen Standardbefehl.) Und wer will nicht wissen, ob die Bibliotheken in sozio-ökonomisch herausfordernderen Kommunen mehr Nutzer*innen erreichen als in anderen (nur als Beispiel was dann einfach möglich wäre)?
  • Grundsätzlich sollten – das habe ich jetzt auch schon angedeutet – die Daten, die wir schon haben, mehr und offener (also sichtbarer) genutzt werden. Es ist einfach erstaunlich, wie viel Arbeit Jahr für Jahr in die Daten hineingesteckt wird, im Vergleich dazu, wie wenig damit später offenbar gemacht wird.
  • Über die Bibliotheksstatistiken im DACH-Raum hinaus fände ich es interessant, mehr darüber zu erfahren, wie es in anderen Ländern gehandhabt wird – und jeweils wieso. Die Karte der IFLA vermittelt kein richtig befriedigendes Bild, auch die Section zu Bibliotheksstatistiken in der IFLA ist bestimmt so engagiert, wie es geht – aber auch nicht wirklich hilfreich, wenn es um solche Fragen geht. Aber mich würde schon interessieren, warum der DACH-Raum so gut aufgestellt ist und andere nicht.

Literatur

Fleming-May, Rachel A. ; Mays, Regina (2021). Fundamentals of Planning and Assessment for Libraries. (ALA Fundamentals Series) Chicago : Neal-Schuman, 2021

International Organization for Standardization (2013). ISO 2789:2013 Information and documentation — International library statistics. Vernier: ISO, 2013

McMenemy, David ; Robinson, Elaine ; Ruthven, Ian (2022). The Impact of COVID-19 Lockdowns on Public Libraries in the UK: Findings from a National Study. In: Public Library Quarterly (Latest Articles), https://doi.org/10.1080/01616846.2022.2058860

Ministère de la Culture (2021). Bibliothèques municipals et intercommunales: Données dʹactivités 2017. Paris cedex: Ministère de la Culture, 2021, https://www.culture.gouv.fr/Thematiques/Livre-et-lecture/Les-bibliotheques-publiques/Observatoire-de-la-lecture-publique/Syntheses-annuelles/Synthese-des-donnees-d-activite-des-bibliotheques-municipales-et-intercommunales/Synthese-nationale-des-donnees-d-activite-2017-des-bibliotheques-municipales-et-intercommunales-editee-en-2021-par-le-Ministere-de-la-Culture

Wissen diffundiert – Zur Idee vom «Elfenbeinturm Wissenschaft» und dem Bibliothekswesen

Das hier ist ein Blog, also kann ich auch einmal etwas persönlich werden. Es gibt nämlich eine Aussage, die ich immer wieder einmal höre, und die mich manchmal tierisch nervt, aber oft auch einfach nur traurig macht. Und zwar die Behauptung, Forschung zu Bibliotheken würde «im Elfenbeiturm» stattfinden und deshalb an den Interessen der Bibliothekspraxis vorbeigehen. Diese Aussage höre ich erstaunlich oft. Verschiedentlich, wenn das Thema Verhältnis Praxis und Forschung direkt besprochen wird, aber oftmals auch einfach fast aus dem Blauen heraus in irgendwelche Gesprächen.

Es gibt zwei Ebenen, warum mich gerade diese Aussage so auslagt: Eine persönliche und eine inhaltliche. Im weiteren möchte ich hier die inhaltliche Seite besprechen, weil sich – so denke ich – auch für Bibliotheken etwas Positives daraus lernen lässt, einmal über diese nachzudenken. Aber vorher kurz zur persönlichen Ebene (kann auch übersprungen werden).

Kurz: Persönlich Ebene

Als, well, Forscher in der Bibliothekswissenschaft muss ich sagen: Es ist eine beleidigende Aussage einfach schon, weil sie so falsch ist. Man muss sich nur anschauen, was an den Hochschulen an Texten oder Weiterbildungen oder so produziert wird, um zu merken, dass das nicht stimmt. So viele Arbeiten – sowohl von Forschenden als auch Studierenden, beispielsweise deren Abschlussarbeiten – enden explizit mit Abschnitten dazu, wie das jeweils in der Arbeit erstellte Wissen in der Praxis benutzt werden kann, so viele To-Do-Listen, Handreichungen, praxisorientierte Zusammenfassungen werden geschrieben, so oft werden die vor der Publikation nochmal mit Kolleg*innen aus der Praxis durchgegangen… Es ist einfach nicht fair, zu behaupten, in der Forschung würden sich keine Gedanken über die Praxis gemacht.

Gleichzeitig scheint die Aussage auf einem gänzlich falschem Bild davon zu basieren, wie Forschung gerade in Fachhochschulen passiert und finanziert wird. So oft ist mir schon die Vorstellung begegnet, dass Forschende einfach Zeit haben an dem zu forschen, was sie interessiert. Das ist aber überhaupt nicht so. Grundsätzlich muss jede Forschung an Fachhochschulen irgendwie mit Drittmitteln finanziert werden (auch die «Eigenmittel», von denen sich manchmal vorgestellt wird, dass Fachhochschulen sie hätten, die gibt es praktisch nicht – nur für das Einwerben von mehr Drittmitteln). Was nicht finanziert wird, wird nicht gemacht. Der Zugang zu Mitteln der grossen Forschungsförder ist den Fachhochschulen, an denen die meiste Forschung im Bibliotheksbereich stattfindet, strukturell praktisch verschlossen (also: Offiziell steht der Weg offen, aber praktisch sind die Evaluationskritierien und die Infrastruktur, die von der DFG oder dem SNF bei den Hochschulen vorausgesetzt werden, auf die Unis ausgerichtet, die immer einen übergrossen Vorteil haben, auch wenn manchmal hier und da eine FH mit viel Aufwand und Glück «durchschlüpft»). Das heisst, die Drittmittel für die Forschung im Bibliothekswesen im DACH-Raum kommen fast alle aus Stiftungen oder dem Bibliothekswesen selber. Und dazu müssen die Forschenden eigentlich immer die möglichen Mittelgebenden davon überzeugen, dass die jeweilige Forschung in der Praxis eine Relevanz hat. Sie sind also schon von der Struktur der Hochschulen her gezwungen, an der Praxis orientiert zu sein. (Das ist von den jeweiligen Gesetzgebern auch so gewollt.) Die Idee, dass da irgendwer «im Elfenbeinturm forschen» könnte, ist einfach vollkommen absurd.

Ich weiss schon, dass solche Aussagen oft gemacht werden, um anderes überdecken. In anderen Zusammenhängen kommen ähnliche Aussagen auch immer wieder. Beispielsweise ist es meiner Erfahrung nach offenbar fast schon «notwendig», wenn man Bibliotheken bei der Erstellung von Strategien berät, dass irgendwann jemand aus dem Personal den jeweiligen Berater*innen vorwirft, keine Ahnung zu haben und nur irgendwelchen komischen Vorstellungen umsetzen wollen – und das ist dann meist der Punkt, wo bei den Beteiligten wirklich klar wird, dass Bibliotheksstrategien dazu führen, dass sich etwas verändert, aber halt auch der Punkt, wo diese Veränderung dann tatsächlich angedacht wird.1 Vielleicht lässt sich das nicht ändern, vielleicht «muss es» zu so Aussagen wie dem vom «Elfenbeinturm» kommen, bevor man überhaupt über das Verhältnis von Praxis und Forschung nachdenken kann. Aber dennoch will ich hier versuchen, zu erklären, warum das nicht sinnvoll ist.

Inhaltliche Ebene

Wie eben schon gesagt, ist die Aussage inhaltlich überhaupt nicht haltbar: Es gibt für die Forschung im Bibliothekswesen (im DACH-Raum) keine Elfenbeinturm, in dem Forschende das beforschen können, was sie interessant finden (oder was sie zum Beispiel gesellschaftlich relevant finden), sondern praktisch nur die Infrastruktur Fachhochschule, wo Personen zusammengezogen werden, die wissenschaftlich arbeiten können und Infrastruktur wie zum Beispiel Fachbibliotheken vorgehalten werden; aber wo alle konkrete Forschung nur über Drittmittel zu finanzieren ist, die dann fast nur aus der Praxis oder praxisnahen Stiftungen selber kommen können.2

Aber wieso erscheint es dann doch immer wieder so vielen Kolleg*innen aus der Bibliothekspraxis richtig, von «Elfenbeinturm» und fehlender Relevanz von Forschung für die Praxis zu reden? Ich bin überzeugt, dass dies unter anderem strukturell bedingt ist: Die Praxis weiss nicht, woher das Wissen überhaupt kommt, dass sie verwendet. Das gilt nicht für Wissen aus der Forschung, aber bleiben wir hier einmal dabei. Mir scheint, der Eindruck, die Praxis würde vom Wissen aus der Forschung nicht profitieren, kommt auch daher, dass nicht so richtig bekannt ist, was da tatsächlich doch Einfluss hat. (Und – deswegen meine Rede von der Struktur – das ist nicht der Fehler einer einzelnen Bibliothek oder so, sondern es ist dadurch zu erklären, wie sich Wissen im Bibliothekswesen verbreitet.)

Neben der ständigen Wiederkehr des oben genannten Vorwurfs an die Forschung kann ich nämlich auch etwas anderes in der Bibliothekspraxis beobachten: Das Wissen, welches in der Forschung produziert wird, findet sich doch im Bibliothekswesen wieder, oft an ganz unerwarteten Stellen und oft auch nicht zu 100% nachzuweisen. Aber es ist überhaupt nicht selten, Kolleg*innen aus der Praxis zuzuhören – in direkten Gesprächen oder wenn sie auf Konferenzen wie letztens dem Bibliothekstag berichten – und zu denken, «das kenne ich doch». So viele Angebote von Bibliotheken, so viele Überlegungen oder auch Themensetzungen scheinen in andere Kontexte transportierte Gedanken, Projekte, Diskussionen aus Texten von Kolleg*innen aus der Forschung (oder direkt aus meiner Arbeit, die ich selbstverständlich noch besser kenne, als die der Kolleg*innen und wo es mir vielleicht deshalb noch mehr auffällt) zu sein. Nicht immer ganz nachzuweisen. Es gibt bestimmt auch immer Dinge, die «in der Luft» liegen oder Angebote, die zufällig ähnlich sind und die deshalb vielleicht am mehreren Stellen «entstehen». Aber solche Tagungen, wie halt der Bibliothekstag, sind für mich je länger je mehr auch Gelegenheiten, wo ich regelmässig dieses déjà vu-Gefühl habe: Formulierungen, die nicht ganz zu passen scheinen (und die dann oft an mehreren Stellen auftauchen), aber die so in bestimmten Artikeln stehen. Strukturen von Angeboten, die auch anders sein könnten, aber zufällig immer wieder ähnlich sind – so, wie sie in einem bestimmten Projekt, dass man aus einer Fachhochschule kennt (wenn man es kennt), formuliert wurden. Argumentationen, die auf einmal an verschiedenen Stellen auftauchen, aber die ich eher aus bestimmten Publikationen kenne (die oft ein paar Monate-Jahre alt sind).

Mein aktuelles Beispiel (nur eines von mehreren) ist, dass erstaunlich viele Fachstellen jetzt Mobile Makerspaces für Öffentliche Bibliotheken zur Verfügung stellen (als Boxen, als Koffer, bestimmt auch noch anders) und es sind fast immer vier Boxen mit den Themen Roboter, Technik, Basteln und Film – genauso, wie im Projekt, dass ich an meiner FH vor fünf Jahren durchgeführt habe. Sicherlich: Ich bin auch damals nicht aus Spass an der Freude auf diese Boxen und ihre Themen gekommen, aber… es ist doch erstaunlich ähnlich. (Ich war auch schon mehr als einmal erstaunt, bei bestimmten Bibliotheken von Themen zu hören, von denen ich sicher war, dass ich diese im Unterricht vermittle, aber immer mit der Ansage, dass die in der bibliothekarischen Literatur im DACH-Raum fast nicht vorkommen – und dann merkte, dass ehemalige Studierende meine Hochschule in der jeweiligen Bibliothek arbeiten. Das kann Zufall sein, schliesslich habe ich mir die Themen im Unterricht auch nicht einfach ausgedacht. Aber… auch das ist nicht nur einmal passiert.)

Woher haben Bibliotheken eigentlich ihr Wissen?

Aber denke ich das nur oder stimmt es, dass das Wissen aus der Forschung irgendwie doch in der Praxis ankommt? Die Frage kann man umdrehen: Woher haben den Bibliotheken das Wissen, dass sie benutzen, um Entscheidungen zu treffen, beispielsweise wenn sie sich für (oder gegen) bestimmte Angebote entscheiden oder wenn sie über bestimmte Problemstellungen im lokalen Raum nachdenken? Kurz gesagt: So genau weiss das niemand. Es ist nicht untersucht (es wäre spannend, aber wie oben gesagt, wenn es niemand finanziert wird es auch nicht erforscht, ausser jemand macht das in der Freizeit). Sicherlich gibt es, wenn man mal nachfragt, einige Hinweise: Vieles wird in Netzwerken von anderen Bibliotheken gelernt oder zum Beispiel, wenn es von Fachstellen und Regionalbibliotheken vermittelt wird. Oft wird auch davon berichtet, dass sich Kolleg*innen bei anderen Bibliotheken oder Beispielen aus der Literatur haben «inspirieren» lassen. Manchmal werden auch Weiterbildungen oder die Ausbildung respektive das Studium einzelner Bibliothekar*innen erwähnt. Aber, so genau kann es niemand sagen. Für einzelne Entscheidungen einer Bibliothek schon, aber selten für alle.

Denkt man das noch ein bisschen weiter, fällt auf, dass es im Bibliothekswesen auch gar keine Kultur gibt, darauf zu verweisen, woher Ideen, Themen, Problemstellungen und so weiter kommen. Es geht immer wieder darum, Entscheidungen für die Praxis zu treffen, was oft dazu führt, dass auch dann, wenn diese Lösungen anderen Bibliotheken präsentiert werden – beispielsweise auf dem Bibliothekstag – sie oft so erscheinen, als wären sie vor Ort von der jeweiligen Bibliothek erarbeitet worden. Das ist gewiss nicht absichtlich so. Ich würde nicht vermuten, dass in Bibliotheken versucht wird, die Quellen der eigenen Arbeit zu verheimlichen. Das ist eher strukturell: Es ist einfach eine Frage, die sich sehr selten stellt. Im Mittelpunkt steht oft die eigene Arbeit, die ein*e Bibliothekar*in beim Treffen einer Entscheidung, Erstellen eines Angebots und so weiter geleistet hat. Aber es ist nicht nur das. Es gibt auch gar keine richtigen kulturellen Skripts, wie solche Hinweise, auf welchen Quellen dabei aufgebaut und welches Wissen dafür verarbeitet wurde, im Bibliothekswesen dargestellt werden können.

Dies fällt auf, wenn man andere «Kulturen» als Vergleich heranzieht. In der Wissenschaft ist es klar: Alles, was als Quelle verwendet wird, muss zitiert werden. Punktum. Es gibt unterschiedliche Kulturen des Zitierens in unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen und Teil der wissenschaftlichen Ausbildung ist es, diese jeweils zu erlernen. Aber es gibt für Forschende keine Frage, wo sichtbar gemacht wird, auf welchen Quellen ihre Arbeit aufbaut – das steht in den Zitationen und im Literaturverzeichnis. Das setzt sich dann beispielsweise auch bei Vorträgen fort, wo die theoretische Rahmung immer auch ein Nachweis der Quellen ist, wenn auch abgekürzt. Auch in anderen Kulturen gibt es mehr oder minder etablierte Strukturen, um auf die genutzten Quellen zu verweisen.

(Den halben Witz habe ich schon mal gemacht, egal, es passt hier.) Wenn zum Beispiel Gang Starr (in «Credit is Due», 1991) rappt «Now give the credit. where it is due / Give the credit y’all. where it’s due», dann verweisen sie darauf, dass es im HipHop die Erwartung gibt, von Zeit zu Zeit denjenigen Respekt zu zollen, auf deren Vorbild man selber seine Musik und Texte aufbaut. Und wie, dafür gibt es eine Struktur: Man tut dies, indem man sie in Texten erwähnt oder / und in Interviews. Oder eine andere – wenn auch verwandte – Kultur: Graffiti. Blättern man einige Graffiti-Magazine durch, zumindest solche mit Text (beispielsweise Stylefile, Streetlove oder SAM), wird sichtbar, dass es hier die Erwartung gibt, dass sich Maler*innen zu Vorbildern äussern. Und das tun sie dann auch, vor allem in Interviews und eigenen Texten. Niemand sagt, dass er/sie sich das alles selber ausgedacht hat, was sie/er so malt, sondern immer wird sich in gewisse Traditionen verortet und andere Maler*innen erwähnt, die wichtig gefunden werden.

Personen, die sich in diesen und anderen Kulturen bewegen, wissen erstens das sie zeigen sollen / müssen, was ihre Quellen sind und zweitens wie sie dies tun. Das gilt für das Bibliothekswesen nicht. Sicherlich gibt es immer wieder Beiträge aus Wissenschaftlichen Bibliotheken, die sich am Wissenschaftssystem orientieren und mit Zitationen arbeiten. Und sicherlich gibt es bei Vorträgen Öffentlicher Bibliotheken immer wieder einmal Hinweise darauf. Aber nicht systematisch und als Normalität, sondern eher schon als etwas Besonderes.3

Mir geht es gar nicht darum, jetzt dazu aufzurufen, dass Bibliotheken ihre Kultur ändern und zum Beispiel anfangen müssten, ihre Arbeit – wie in der Wissenschaft – als fortlaufende Entwicklung von Wissen, dass immer auf schon vorhandenem Wissen aufbaut, zu verstehen. Oder das sie ein System entwickeln müssten, um diese Quellen nachzuweisen. Das ist im Wissenschaftssystem sinnvoll, weil es dort um die Produktion von nachvollziehbarem und weiterführendem Wissen geht. Darum geht es im Bibliothekswesen ja nicht, sondern eher darum, die Bibliothekspraxis weiterzuentwickeln.

Aber was mir zu sagen wichtig ist, ist, dass man Bibliothekswesen nicht weiss, wo das Wissen, dass man selber für Entscheidungen verwendet, herkommt. Manchmal kann man einige Schritte verfolgen, beispielsweise den Workshop benennen, auf dem man bestimmte Sachen das erste Mal gehört hat, aber man kann selten den ganzen Weg des Wissens zurückverfolgen. Doch deswegen kann man auch gar nicht einfach behaupten, dass «die Forschung im Elfenbeinturm sitzt», nur weil man selber vielleicht nicht weiss, was an Wissen in der Forschung produziert wurde. Das Wissen, dass man benutzt, kann oft von der Forschung über mehrere Schritte in die Praxis diffundiert sein. Die Vorstellung, dass Wissenschaft im Elfenbeinturm sitzen würde, hat zum Teil wohl auch damit zu tun, dass im Bibliothekswesen gar nicht sichtbar ist, welches Wissen aus der Forschung in Praxis eigentlich alles benutzt wird.

[Elke Oestreicher hat in ihrer Dissertation den Wissenstransfer von Forschung in die Praxis der Sozialen Arbeit untersucht und benutzt dort auch das Bild4 vom Transfer über mehrere Schnittstellen, die im Gegensatz zu direkten, selten Kontakten von Forschung und einer bestimmten Praxis – also einer Person, die vollständig im Praxisfeld steht – kontinuierlich ein gewissen Kontinuum bilden. Innerhalb dieses Kontinuums nutzen Personen mal bewusst, mal weniger bewusst; mal kontinuierlich, mal anlassbezogen Wissen, dass oft in der Forschung entsteht – auch nicht kontextlos, sondern in ständiger Verbindung mit der Praxis –, was aber am Punkt der Nutzung dann aber oft nicht mehr bekannt ist, weil das dann gar nicht die Frage ist: Die/der Jugendarbeiter*in vor Ort will dann zum Beispiel konkret wissen, wie sie eine Hilfsleistung aufsetzt und nicht, warum überhaupt bekannt ist, dass eine bestimmte Art von Hilfe effektiver ist als eine andere.]

Exkurs: Should you give credit, where credit is due?

Ein Problem über dieses Thema zu schreiben ist, dass es schnell so klingt, als ginge es mir eigentlich nur darum, dass meine Arbeit irgendwie wertgeschätzt werden sollte. Aber darum geht es nicht. Ich will verstehen, wie diese beiden Beobachtungen – der Vorwurf, im Elfenbeinturm Forschung zu betreiben bei gleichzeitig sichtbarem Diffundieren von Wissen in die Praxis – zusammenpassen. Und dennoch drängt sich die Frage auf, ob Bibliotheken mehr, well, credit geben sollten, where credit is due.

Persönlich, als Forschender, würde es mich selbstverständlich freuen, den genannten Vorwurf nicht mehr hören zu müssen. Wie oben auch gesagt habe ich schon verstanden, dass es offenbar dazu gehört, als Forschender (oder Berater) von Zeit zu Zeit als eine Art Blitzableiter zu fungieren. Gleichzeitig ist es auch nicht so, als wäre das die einzige Erfahrung. Es ist zum Beispiel auch nicht selten – aber seltener – dass aus heiterem Himmel ein*e Kolleg*in aus der Praxis oder – öfter – Studierende, die gerade ihre Abschlussarbeit geschrieben haben (nicht bei mir), mir eine Mail schreiben und sich für Arbeiten von mir bedanken, auf die zurückgreifen konnten. Angesichts dessen, dass man an Hochschulen oft arbeitet, ohne genau zu wissen, was den Ergebnissen der eigenen Arbeit über das konkrete Projekt hinausgeht, ist das schon jedes mal erfreulich. Bestimmt nicht nur für mich, sondern auch für andere Kolleg*innen in der Forschung. Solche Mails kann man schon machen, aus persönlichen Gründen.

Wobei es aber tatsächlich sehr helfen würde, Rückmeldungen zu erhalten, wenn Wissen aus der Forschung benutzt wird – und warum Bibliotheken es sich angewöhnen sollten, es zu tun – ist, dass wir an den Fachhochschulen ständig Anträge an Stiftungen und andere potentielle Förderer schreiben, um Forschungsgelder einzuwerben, die dann zu Forschung führen, die der Praxis weiterhelfen können. Für solche Anträge ist es immer hilfreich zeigen zu können, die dass vorhergehende Forschung einen positiven Einfluss in der Praxis hatte. Wenn Bibliotheken sich angewöhnen würden, zurückzumelden, wenn sie Wissen aus beispielsweise Artikeln oder Workshops von Forschenden benutzt haben, würden sie damit helfen, dass mehr und vielleicht auch sinnvollere Projekte in der Forschung für das Bibliothekswesen erfolgreich finanziert werden können.

Ein anderer positiver Effekt, wenn sich Bibliotheken angewöhnen würden, gegeneinander Rechenschaft darüber abzulegen, welches Wissen aus welchen Quellen sie genutzt haben, wäre auch, dass sie sich untereinander dafür mehr Respekt geben würden. Hier im Blogpost ging es um die Beziehung von Praxis und Forschung, aber ein Thema war ja, dass Wissen wohl über mehrere Schritte diffundiert. Oder anders gesagt: Das an vielen Stellen im Bibliothekswesen auch Wissen produziert, geteilt und so weiter wird. Es kann überhaupt nicht schaden, wenn Bibliothek X von Bibliothek Y hört, dass zum Beispiel ihre Darstellung eines neuen Angebots und der Probleme mit diesem dazu beigetragen haben, dass Bibliothek Y nicht von vorne anfangen musste, als sie ein ähnliches Angebot aufbaute.


Fussnoten

1 Mit etwas Küchenpsychologie könnte man darauf verweisen, wie schon bei Freud (in den «Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse») dargestellt wird, dass fast bei jeder Analyse der Punkt auftritt, bei dem die Person, die bei der Analyse ist, einen Hass (vorher eine Anhänglichkeit) auf ihre Psychiater*in äussern, dann darüber hinwegkommen und dann ein «Durchbruch» in der Analyse erreicht wird. Freud erklärt das mit Trieben, die sich erst lösen müssen. Relevant scheint mir aber diese Beschreibung, dass offenbar solche «negativen» Momente zu bestimmten Prozessen dazugehören und das Freud zeigt, dass es dabei nicht um die tatsächliche Person der/des Psychiater*in geht. Man sollte sich nicht angegriffen fühlen. Dennoch, nervig ist es. Und so ähnlich kommt mir das auch bei der Forschung (oder Beratung) im Bibliothekswesen vor.

2 Wäre es anders, ich würde schon lange an anderen Themen forschen, beispielsweise endlich mein Buch zur Geschichte der Vorstellung von modernen Bibliotheken schreiben oder zur Bibliotheraphie arbeiten. Aber das ist alles nur in der Freizeit möglich. Selbst mein Buch zu Armut und Bibliotheken, wo man sagen kann, dass es (hoffentlich) eine gesellschaftliche Relevanz hat, habe ich an Abenden, freien Tagen und Wochenenden geschrieben – weil es keine Drittmittel dafür gab, aber ich auch nicht einfach was beforschen kann, nur weil es sinnvoll wäre. Ein Grund mehr, warum mich diese Aussage manchmal nervt: Weil es so viel besser wäre, wenn man an der Hochschule einfach etwas sinnvolles forschen könnte.

3 Und ja, selbstverständlich gibt es immer Personen, die verschiedenen dieser «Kulturen» angehören, was sich manchmal auch zeigt. Fussnoten mit Literaturnachweis in Graffiti-Magazinen gab es genau so schon, wie versteckte Hinweise in bibliothekarischen Texten, dass die Autor*in weiss, wie man ein Wohlecar malt.

4 Oestreicher, Elke (2014). Wissenstransfer in Professionen. Grundlagen, Bedingungen und Optionen. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich UniPress, 2014: 148.

«Mit den Menschen reden gehen.» Einige Überlegungen zur Popularität von Design Thinking, Partizipation etc. im Bibliotheksbereich

Eine Frage, die mich schon eine ganze Weile umtreibt (auch schon vor der Pandemie), ist die, warum solche Methoden / Methodensätze wie «Design Thinking» eigentlich so populär im Bibliothekswesen sind. Nicht nur Design Thinking, auch vieles was unter dem Label «Partizipation» läuft, obwohl es «nur» um die Entwicklung / Weiterentwicklung von bibliothekarischen Angeboten unter Einbezug von einigen Nutzenden geht oder auch verschiedene «Technology Acceptance Models», die in einer Anzahl von Bibliotheken auch für diese Aufgaben herangezogen werden. Sicherlich: Alles, was präsentiert wird als hippe, neue Methode, die so mal nix Probleme lösen soll, die angeblich früher nicht gelöst worden wären, löst bei mir Vorsicht aus. Das klingt eher nach Marketingbehauptung als nach Tatsachen. So oft gibt es die angeblichen Probleme gar nicht wirklich, so oft löst die Methode auch gar nicht ein, was über sie behauptet wird. Aber mir scheint, es ist nicht nur das.

Was soll eine Methode in der Forschung? Was soll sie in der Praxis?

Grundsätzlich habe ich als Wissenschaftler vielleicht einen anderen Anspruch an Methoden als Bibliotheken. Für mich gilt: Eine Methode muss immer zur Frage passen. Genauer: Die Anwendung der Methode muss es ermöglichen, eine konkrete Frage zu beantworten, ein Problem zu lösen und so weiter. Sicherlich kann bei der Anwendung einer Methode noch einiges schief gehen: Umfragen können nicht beantwortet werden, Fragen können sich als unbeantwortbar herausstellen, Probleme können komplexer sein, als erwartet und so weiter. Aber man sollte bei einer Methode zumindest annehmen dürfen, dass sie zur Lösung der jeweiligen Frage oder des jeweiligen Problems beiträgt. Die Frage «Welche Schwerpunkte sollen wir beim Bestandsaufbau setzen» beantwortet man nicht mit einer Experiment, ein Problem mit der Beleuchtung im Lesesaal geht man nicht sinnvoll mit einer Fokusgruppe an. Und nicht zuletzt sammelt sich in der Forschung mit der Zeit Wissen darüber an, welche Methoden für welche Fragen gut oder weniger gut funktionieren.

Und wenn man diesen Anspruch anlegt, dann schneidet Design Thinking zum Beispiel sehr schlecht ab. Zwar wird gerne behauptet, dass man mit diesem Prozess / Methodenset kreative Lösungen für Probleme finden würde, bei denen mehrere Blickwinkel einbezogen werden. Aber eigentlich kommen immer nur Lösungen heraus, die erstaunlich eng gefasst sind, deren Kreativität man schon bezweifeln kann (sicher: Wie Kreativität bewerten? Aber auffällig ist, wie oft praktisch die gleichen Lösungen herauskommen) und bei denen am Ende notorisch schwierig zu bestimmen ist, ob sie wirklich Lösungen für die behaupteten Probleme sind. Vor allem fällt auch auf, wie oft Design Thinking im Bibliothekswesen genutzt wird, wenn es gar nicht um die Lösung von Problemen geht sondern zum Beispiel darum, eine Situation zu verstehen. Man könnte das noch weiter ausführen (beispielsweise diskutieren, warum gerade die Profession des Design ein positives Vorbild sein soll) und auch die anderen oben genannten Methodensets anschauen, aber das soll hier nicht der Punkt sein. (Zumal es schon genug kritische Literatur gerade zu Design Thinking gibt, auch wenn sie im Bibliothekswesen nicht so recht rezipiert wird.1) Nehmen wir hier einfach einmal als gegeben an, dass die Methoden wirklich kaum zu den Fragen passen und sich auch nicht «beweisen», also das nicht gezeigt werden kann, dass sie besser Antworten oder Ergebnisse liefern, als andere Ansätze. Mir geht dann um etwas anders: Die Frage, warum sie dennoch so beliebt zu sein scheinen oder zumindest, warum sie immer und immer wieder angewendet werden.

Eines fällt nämlich auf: Nicht nur die «üblichen Verdächtigen» – die Berater*innen, welche Design Thinking als Beratungsangebot verbreiten, die Kolleg*innen an Hochschulen und Bibliotheken, welche immer sehr schnell dabei sind, neue Entwicklungen auszuprobieren und anzupreisen – zeigen sich einigermassen begeistert. Sondern auch Kolleg*innen in Bibliotheken, die Projekte mit diesen Methoden durchgeführt haben, äussern sich nachher recht positiv, wenn man sie privat / halb-privat fragt. Gleichzeitig scheinen (das ist jetzt nicht empirisch untermauert – aber alle können das selber nachvollziehen, indem sie im eigenen Umfeld Bibliothekar*innen, die solche Projekte mitgemacht haben, befragen) die Kolleg*innen nicht so richtig sagen zu können, was genau an den Ergebnissen so besonders oder anders wurde durch die jeweils im Projekt genutzten Methoden. Aber grundsätzlich fanden sie es immer gut.

Mich erinnert das an die Ergebnisse einer Studie zu Berater*innen in kanadischen Bibliotheken: Dort wurden Bibliothekar*innen befragt, was die jeweiligen Berater*innen, die an ihren Bibliotheken tätig waren, eigentlich getan hatten und was sich durch sie verändert hätte – im Ergebnis konnten das die Bibliothekar*innen nicht genau sagen, hatten aber dennoch eine positive Meinung von den Berater*innen (nicht unbedingt vom eigenen Management, welche die Berater*innen engagiert hatte).2 Die beiden Autorinnen dieser Studie konnten sich aus diesem Ergebnis keine richtigen Reim machen und so ein wenig fühle ich mich manchmal auch, wenn ich die tatsächlichen Ergebnisse von «Design Thinking»-Projekten in Bibliotheken anschaue auch.

«Etwas verändern» als Ziel

Aber: Ich denke, das hat auch etwas mit der Perspektive zu tun. Wie gesagt ist für mich klar, dass eine Methode zur jeweiligen Fragestellung beziehungsweise zum jeweiligen Problem passen muss. Und das sie deshalb auch danach bewertet werden kann, wie sehr sie am Ende dazu beigetragen hat, die jeweilige Frage zu beantworten oder das jeweilige Problem zu lösen. (Oder, in der Studie aus Kanada: Berater*innen und ihre Arbeit sollten danach bewertet werden können, wie sie helfen, die jeweiligen Probleme zu lösen – aber das ist nicht, wonach sie dann bewertet wurden.)

Aber offenbar muss man den Blickwinkel wechseln und fragen, was Bibliothekar*innen (und Bibliotheken) eigentlich aus den Projekten ziehen. Denn: Das Methoden helfen sollen, Fragen zu beantworten, ist selbstverständlich der Blick aus dem Wissenschaftssystem, in dem es ja immer darum geht, neues Wissen zu produzieren, indem Fragen gestellt und möglichst systematisch beantwortet werden. Das ist in Bibliotheken aber nicht die Aufgabe, dort geht es vor allem darum, bibliothekarische Arbeit zu organisieren und Probleme, die in dieser Arbeit auftreten, so zu lösen, dass sie nicht mehr als Probleme erscheinen (was nicht heissen muss, dass sie wirklich gelöst sind, sondern das man irgendwie mit ihnen arbeiten / leben kann). Und oft geht es – zumindest aus der Sicht vieler Bibliotheksleitungen – darum, Veränderungen so zu organisieren, dass sie vom Personal mitgetragen werden (und nicht zum Beispiel als Angriff «von oben» auf das Bibliothekspersonal verstanden werden).

Das ändert aber alles: Um die Aufgaben zu erfüllen, die Bibliotheken an die Projekte stellen, müssen nicht unbedingt Fragen gut (und systematisch) beantwortet werden oder Probleme gelöst werden. Vielmehr müssen sie dabei helfen, die Arbeit von Bibliotheken so zu organisieren, dass sie anschliessend verändert und besser erscheint. Weder müssen das die bestmöglichen Lösungen sein, noch die effektivsten – das wird selten überprüft. Es müssen einfach am Ende Veränderungen stattgefunden haben, die im Idealfall besser funktionieren als die vorherigen Lösungen. (Sicherlich ist der Anspruch immer, eine möglichst gute Lösung zu finden, aber es fällt auf, dass das selten überprüft und schon gar nicht auf die in Projekten genutzten Methoden zurückgeführt wird.) Die Methoden werden also – beispielsweise von Berater*innen oder Bibliotheksleitungen – gar nicht dafür genutzt, um strukturiert neues Wissen zu erarbeiten, wie das in der Forschung der Fall wäre, sondern um Veränderungsprozesse zu strukturieren. (Und damit unterliegt das am Ende doch entstandene Wissen, dass in neue Angebote, Gebäude und so weiter fliesst, auch nicht den gleichen Bewertungen, wie es Wissen in und aus der Forschung unterliegt – was eigene Probleme mit sich bringt, die aber vielleicht Thema für einen anderen Post sein sollten.)

Fragen wir unter diesem Blickwinkel, was solche Methoden wie Design Thinking, «Partizipation» und so weiter für Bibliotheken mit sich bringen, fällt etwas auf: Wenn sie auch immer wieder mit anderem Gestus präsentiert werden, verbindet diese alle, dass sie – richtig durchgezogen, was auch nicht immer der Fall ist – immer wieder ein ähnliche hintergründige Struktur haben:

  1. Zuerst wird bestimmt, über was man bei den Projekten überhaupt reden und was man verändern möchte. Beim Design Thinking nennt es sich oft «das Problem definieren», anderswo heisst es «das Thema bestimmen» oder ähnlich. Aber grundsätzlich kommt es auf immer wieder das gleiche heraus: Es wird umrissen, um was es im Projekt genau geht und es wird allen Beteiligten – dass sich vor allem die Bibliothekar*innen – vermittelt, dass die jeweilige Veränderung grundsätzlich notwendig ist.3
  2. Anschliessend werden die Bibliothekar*innen mehr oder minder direkt gezwungen, «aus der Bibliothek hinauszugehen», also mit Nutzer*innen und anderen Personen direkt zu kommunizieren. Manchmal heisst das, wirklich explizit anderswohin zu gehen (zum Beispiel auf den Marktplatz, durch die Innenstadt, in den Kiez / das Quartier), manchmal heisst das mit Umfragen, Interviews und so weiter räumlich mehr in der Bibliothek zu bleiben, aber trotzdem mit Nicht-Bibliothekar*innen zu kommunizieren.
  3. Ergebnis dieses «Hinausgehens» ist dann oft, dass die Rückmeldungen gegenüber der Bibliothek grundsätzlich positiv sind. Es scheint, wenn man mit Bibliothekar*innen redet, die solche Projekte mitgemacht haben, dass sie gerade das überrascht. Irgendwie scheinen sie (oft) erwartet zu haben, dass die «Menschen da draussen» sie negativ sehen und das sie Probleme haben werden, wenn sie mit ihnen reden. Aber am Ende geht das immer wieder gut aus und der Grossteil der Menschen hat eine positive Sicht auf Bibliotheken. [Das könnte man auch so wissen – weil es immer wieder das Ergebnis von Umfragen et cetera ist. Aber… offenbar gibt es immer wieder diese Angst.]
  4. Am Ende der Projekte kommt es dann zu einer Art von Umsetzungen von neuen Angeboten, dem Um- oder Neubau von Bibliotheken und so weiter. Zumindest erscheint es am Ende immer so, dass das Projekt «nicht umsonst» war. (Auch hier könnte man empirisch schauen, ob die Lösungen überhaupt zu den «Problemen» aus Schritt eins passen – das scheint nicht immer der Fall zu sein. Aber wieder ist das vielleicht auch die falsche Frage aus der Forschung heraus, die einen solchen Zusammenhang vermuten würde. Aus der eigenen «Beratungspraxis» kenne ich das auch, dass während solcher Projekte die Themen auf einmal wechseln, aber trotzdem alle einigermassen zufrieden scheinen, wenn überhaupt am Ende irgendetwas herauskommt.)

Einerseits sieht man hier den einen… Trick, den man als Berater*in mit solchen Methoden vollführen kann. Die Methoden, gerade Design Thinking, führen immer dazu, dass es am Ende ein Ergebnis gibt und da Veränderung an sich das implizite Ziel solcher Projekte zu sein scheint, liefert man mit einem solchen Methodenset am Ende genau das: Eine Struktur, die eine Veränderung provoziert. You can’t go wrong.

Aber andererseits sticht für mich gerade der zweite Punkt heraus: Der Zwang – erzeugt durch die Struktur, welche die Methode vorgibt – «herauszugehen». Wie gesagt ist das ein Eindruck und keine empirisch untermauerte Erfahrung, aber mit scheint, dass ist es, was Bibliothekar*innen am Ende positiv erinnern: Das sie sich trauen mussten, mit Menschen ausserhalb ihres eigenen Kreises über ihr Bibliothek reden zu müssen und das dies letztlich eine positive Erfahrung war.

Das kann man auch so organisieren

Nur – dafür braucht es kein Design Thinking oder Partizipations-Projekt oder auch nur unbedingt ein Projekt, dass irgendwie in einer Veränderung enden soll. Was die Begeisterung für solche Projekte aktuell auszumachen scheint ist, dass es für Bibliothekar*innen offenbar nicht zur Normalität gehört, solche Gespräche ausserhalb der eigene Komfortzone zu führen. Die Methoden scheinen jeweils eine gewisse Dynamik, vielleicht auch einen Druck, zu produzieren, solche Gespräche doch zu führen. Im Idealfall strukturieren sie diese auch vor (mit Fragebögen, Ziele, warum man die Gespräche führt und so weiter) und geben damit eine gewisse Sicherheit beim Führen der Gespräche. (Nicht zuletzt scheinen sie dazu zu führen, dass solche Gespräche gemeinsam geführt werden. Kaum je werden Bibliothekar*innen alleine losgeschickt, um sie zu führen, sondern eher in Paaren oder kleinen Gruppen.)

All das lässt sich auch so gestalten und mir scheint, es wäre sinnvoll, es von den hippen Methoden und Veränderungsprojekten zu trennen. Es liesse sich in die normale bibliothekarische Arbeit integrieren. Regelmässig organisiert würde es auch dazu führen, dass es für die einzelne*n Bibliothekar*in zur Normalität wird, nicht zu etwas, dass man sich irgendwie trauen muss. Es wäre dann sogar möglich, Erfahrungen aus diesen Gesprächen zu sammeln, reflektieren und so Kompetenzen im Planen und Führen dieser Gespräche aufbauen. Man wäre auch nicht mehr von den grundsätzlich positiven Rückmeldungen erfreut oder erleichtert, sondern könnte konkreter auf die Zwischenstimmen hören.

Was wäre dafür zu tun?

  1. Man müsste regelmässige Anlässe für solche Gespräche schaffen und nicht Bibliothekar*innen einfach so «hinaus schicken». Aber alle ein, zwei Jahre finden sich immer Projekte, bei denen Angebote evaluiert, Wissen drüber, wie bestimmte Angebote in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, gesammelt oder – ja, das auch – Angebote verändert, eingestellt oder neu eingefügt werden sollen und bei denen es sich anbietet, irgendeine Form von Gesprächen «ausserhalb der Bibliothek» zu führen: Interviews, Umfragen, Meinungssammlungen zu bestimmten Vorschlägen der Bibliothek. Das zu organisieren, wäre eine Leitungsaufgabe. (Auch, dass alle Kolleg*innen immer wieder diese Aufgabe übernehmen dürfen / müssen – wie gesagt, scheint es immer wieder bei solchen Projekten auch einen gewissen Mut zu benötigen, der erst durch die Logik des jeweiligen Projektes – «das muss jetzt getan werden» – aufgebracht wird, zumindest bei einigen Kolleg*innen; aber dann nach dem Projekt als positiv erlebt wird. Wenn das so ist, wird das auch im «normalen» Bibliotheksbetrieb so sein.)
  2. Die grundsätzliche Struktur, die oben geschildert wurde, kann ruhig beibehalten werden. (1) Eine konkrete Fragestellungen formulieren, die auch zu einer gewissen Änderung im Bibliotheksalltag führen kann, (2) dann Personen «ausserhalb der Bibliothek» direkt ansprechen, (3) nachher auswerten und, wenn sinnvoll, tatsächlich eine Veränderung durchführen (oder gemeinsam entscheiden, aufgrund der Ergebnisse, sie nicht durchzuführen, aber so, dass die Ergebnisse der Gespräche auch einen sichtbaren Einfluss haben). Wenn man das regelmässig – und für alle transparent – durchführt und nicht nur bei expliziten Veränderungsprojekten, die irgendwie als Besonderheiten herausragen, wird sich eine gewisse Normalität einstellen, auch wenn dann schon neue Methoden und nicht mehr Design Thinking als hip gelten werden. Grundsätzlich sollte es zu einer professionell arbeitenden Bibliothek gehören, solche Gespräche zu führen und deren Ergebnisse in die Entscheidungen über die Bibliotheksarbeit einzubeziehen. Das Erstaunliche ist eher, dass es das offenbar in vielen Bibliotheken nicht ist.

Fussnoten

1 Vgl. Gram, Maggie (2019). On Design Thinking. In: N+1 (2019) 35, https://nplusonemag.com/issue-35/reviews/on-design-thinking/.

2 Vgl. Dymarz, Ania; Harrington, Marni (2019). Consultants in Canadian Academic Libraries: Adding new voices to the story. In: In the Library with the Lead Pipe, 30.10.2019, http://www.inthelibrarywiththeleadpipe.org/2019/consultants/.

3 Was sich oft zeigt, ist ja, dass das Ergebnis dieses Schritts nicht sein kann, «es gibt kein Problem». Ein wenig ist das dann auch ein Trick bei solchen Projekten – irgendwas muss sich immer ändern, weil sie so strukturiert sind, dass sie als Misserfolg gelten, wenn man feststellt, dass alles schon optimal ist.

Wie nehmen Kinder Museen wahr – aber vor allem: Kann daraus etwas für Bibliotheken abgeleitet werden?

«Working with Young Children in Museums» (Hackett, Holmes & MacRae 2020) ist, offensichtlich, kein Buch über Bibliotheken. Aber ich denke, dass auch diese etwas aus ihm lernen können, deswegen möchte ich dazu ein paar kurze Anmerkungen machen. So unterschiedlich sind Museen und Bibliotheken nicht, als das nicht auch gegenseitig gelernt werden könnte.

Grundsätzlich ist die Frage im Buch, was Kinder – hier zwischen 0 und 4, 5 Jahren – in Museen machen. Dabei stellen die meisten Beiträge einzelne Aktionen und Untersuchungen in Museen (hauptsächlich in Grossbritannien, aber auch Australien und anderen Ländern) vor. Gerahmt ist es von Beiträgen, die eine theoretische Perspektive liefern wollen. Aus diesen rahmenden Beiträgen lässt sich wohl mehr für Bibliotheken lernen, als aus den Beispielen selber.

Dabei ist die Theorie einigermassen offen, eher suchend. Es werden sehr verschiedene theoretische Ansätze herangezogen, die zur Erklärung von Beobachtungen in Museen herangezogen werden, aber es werden daraus kaum Konsequenzen gezogen. Teilweise liest sich das, als würden hier möglichst viele theoretische Versatzstücke ausprobiert, ohne sich festlegen zu wollen. (Beispielsweise ist am Ende nicht klar, welche Theorie möglichst viel erklärt und damit dann zur weiteren Arbeit genutzt werden sollte.) Oder positiver ausgedrückt: Die Autor*innen legen sich nicht auf eine Theorie fest, sondern bieten – ungeplant – einen Überblick möglicher theoretischer Ansätze. Was sich damit zeigt ist, dass sich Praxis mit Theorie tatsächlich besser verstehen lässt als ohne.

Dinge, Räume, Zeit

Der interessante Ansatz des Buches ist, sich explizit dagegen zu stellen, die Besuche von Kindern als Lernen verstehen zu wollen. Zu oft würden Museen ihre Aktivitäten unter dem Fokus untersuchen, was die Besucher*innen lernen würden und nach Evidenzen für eine direkten Einfluss der Museumsbesuche auf diese fragen. Dieser Blickwinkel würde andere Formen von Interaktion, Verstehen von Objekten und Sammlungen sowie anderen Gründen für den Besuch von Museen ausschliessen. Kinder (und deren Begleitpersonen) gehen nicht immer – oder nie – in Museen, um dabei etwas zu lernen. Ihr Leben besteht aus weit mehr.

Dabei kommt dieser Blick auf Aktivitäten in Museen als «Lernen» selbstverständlich nicht von ungefähr: Museen fragen sich ständig, was ihre Aufgabe/n wäre/n. Inhalte vermitteln – wenn auch nicht immer direkt wie im Schulunterricht, sondern oft indirekt und durch die Besucher*innen selbst gesteuert – ist dabei eine der Sachen, auf die dabei immer wieder verwiesen wird. Aber: Gerade wenn man verstehen will, was Kinder im so jungen Alter – also noch vor dem Schulbesuch – machen, sei dies unbefriedigend. Stattdessen schlagen die Herausgeberinnen vor, deren Musemsbesuche aus drei Blickwinkeln zu untersuchen: Dinge (also die Interaktion von Kindern mit Dingen wie Ausstellungsgegenständen oder für Kinder bereitgestellte Objekte zum Spielen und Erkunden), Räume (also die Räume von Museen als spezielle Orte, die erkundet, interpretiert, genutzt und deren «Spielregeln» kennengelernt, aber auch verändert werden können) und Zeit (also sowohl den Aufbau von Vertrautheit mit Museen als Orte und Institutionen über die Zeit als auch temporär wichtige Momente wie die ersten Besuche). Diese Dreiheit – Dingen, Räume, Zeit – würde besser verständlich machen, was Kinder in Museen machen, als die Versuche zu bestimmen, was diese dabei gelernt hätten oder welche Einfluss diese Besuche für sie über einen längeren Zeitraum haben.

Ergebnisse

Die Beispiele, welche sich im Buch in den «praktischen» Beiträgen finden zeigen unter anderem Folgendes:

  • Kinder, auch im jungen Alter, geben den Objekten, die sie vorfinden, immer wieder eigene Bedeutungen. Es findet nicht unbedingt – wie dies in der Museumspädagogik vorgesehen wäre – die «richtige» Einordnung in den jeweiligen Kontext statt. Aber es ist unvermeidbar, dass Kinder ihre eigenen Interpretationen vornehmen, die zum Teil gegen die Vorannahmen der Museen stehen. (Gleichzeitig ist es unterschiedlich, wie die Begleitpersonen der Kinder darauf reagieren. Viele in den Beiträgen erwähnten unterstützen diese Selbsterkundungsprozesse der Kinder, aber andere versuchen, den «vorgegebenen» Pfaden des Museums zu folgen und den Sinn der jeweils vorhandenen Objekte «richtig» zu vermitteln.)
  • Kinder erleben den Raum und die Objekte nicht nur intellektuell im Sinne von «Begreifen durch Sehen und Erklärt kriegen», sondern auch körperlich, indem sie anfassen, verändern, selber etwas herstellen, durch Räume gehen oder rennen. Das mag auf den ersten Blick nicht überraschend sein, weil es sich um sehr junge Kinder handelt. Aber es deutet darauf hin, dass auch Personen, wenn sie älter sind als die in diesem Buch untersuchten Kinder, sich Museen nicht einfach nur intellektuell erschliessen.
  • Auffällig ist bei den Beiträgen auch, dass Lernen als Aktivität praktisch bei niemand im Mittelpunkt stand, ausser bei einigen Museen selber. Dies kann teilweise mit der Auswahl der Beiträge – die alle mehr oder minder in die theoretischen Vorannahmen der Herausgeberinnen passten – erklärt werden. Mit einer anderen Auswahl hätte man vielleicht mehr Personen gefunden, die das Lernen betonen. Aber trotzdem ist auffällig, wie viele Personen das Thema irrelevant zu finden scheinen. Das ganze Buch ist getragen von einem Gestus, dass jeder Grund für einen Museumsbesuch okay wäre und nicht explizit danach gefragt werden müsse, warum Kinder und ihre Begleitpersonen sich für einen solchen entscheiden, insoweit scheint ein Offenheit für ganz unterschiedliche Gründe zu existieren – aber sichtbar ist bei den Beschreibungen dessen, was dann getan wurde, dass es ihnen oft mehr um Unterhaltung, Entdecken oder Zeit verbringen, als um anderes.
  • Repetition ermöglicht das Entstehen von Communities, nicht einzelne Veranstaltungen oder Räume. Regelmässige Veranstaltungen / Veranstaltungsreihen, die für Kinder und ihre Begleitpersonen immer wieder Gründe dafür schufen, ein Museum zu besuchen, führten dazu, dass sich Gruppen bildeten.
  • Als Nebenthema zu bemerken ist, dass ein Grossteil der Beiträge Berichte zu Studien darstellen, welche in Museen selber vom dortigen Personal durchgeführt wurden, oft mit ethnologischen Methoden (zum Beispiel wurden offenbar unzählig viele Feldnotizen erstellt und anschliessend ausgewertet). Dies wird auch nicht weiter begründet, sondern scheint zur professionellen Museumsarbeit dazuzugehören.

Für Bibliotheken

Diese kurzen Notizen sollen selbstverständlich nicht das Lesen des – an sich auch sehr kurzen – Buches ersetzen. Mir ging nur darum das kurz zu schildern, um jetzt darauf eingehen zu können, was Bibliotheken aus diesem Lernen können.

  • Zuerst vor allem, dass ein Blickwinkel auf Einrichtungen wie Museen und – übertragen – dann auch Bibliotheken nicht ausreichend ist. Die ständige Suche nach «Evidenzen für Wirkungen» zeichnet nicht nur Museen aus, sondern auch Bibliotheken. Ebenso kommen – bei allen Versuchen, die eigene Bedeutung auszuweiten und neue Themen oder Aufgaben zu finden – auch Bibliotheken immer wieder auf das Lernen oder die «Bildungsfunktion» zurück. «Lernen» ist aber wohl nicht der einzige Grund, warum Menschen Bibliotheken benutzen; andere Rahmungen sind möglich und versprechen, mehr zu erklären. (Und: Wenn sie mehr erklären, dann auch besser zur Planung von bibliothekarischer Arbeit benutzt werden zu können.) Es muss nicht unbedingt die Dreiheit Dinge – Räume – Zeit sein, wie in diesem Buch (wie gesagt erscheint die Theorie eher suchend und offen zu sein) und es muss nicht nur über ganz junge Kinder nachgedacht werden (obwohl dieses Nachdenken in diesem Buch produktiv war). Sinnvoll ist es offenbar, nicht (nur) nach Effekten zu suchen, sondern auch danach zu fragen, was Kinder (oder andere Menschen) in der Bibliothek überhaupt tun – nicht, was sie der Meinung der Bibliotheken nach dort tun sollten, sondern was sie tatsächlich machen und warum.
  • Wenn Kinder Objekten und Räumen von Museen immer eigene Bedeutungen zuschreiben (und auch der jeweiligen Einrichtung), dann wird dies auch für Bibliotheken und den Objekten in ihnen gelten, also vor allem den Medien. [Mir fällt dazu eine Bachelorarbeit ein, die ich an der HTW Chur betreute, in der sich zeigte, dass Kindern egal war, welche Bilderbücher in einer Bibliothek standen, solange es nur welche gab. Nicht der Inhalt der Bücher interessierte sie, sondern der gemeinsame Besuch mit ihren Betreuungspersonen, zu der die Bücher als Objekte gehörten.] Bibliotheken denken gerne über den Inhalt der Medien und aktuell über solche kaum fassbaren Dinge wie «Aufenthaltsqualität» nach, so wie Museen auch ständig über ihre Objekte und Räume nachdenken – aber das mag nicht das sein, wie Menschen Bibliotheken sehen und verstehen. Es lohnt sich, sich auf die Blickwinkel der Nutzer*innen einzulassen.
  • Was auffällt, wenn man darüber nachdenkt, ist, dass nicht so einfach zu bestimmen ist, was Bibliotheken eigentlich als «Effekte» von neuen Angeboten – nehmen wir einfach die «3. Orte» und Makerspaces – annehmen? Was denken sie, was Menschen damit / darin machen werden und warum? Vielleicht ist auch diese Offenheit ein Grund, warum nie ganz klar wird, was diese Bemühungen genau bringen sollen.
  • Gleichzeitig zeigen die Museen in diesem Buch, dass es zur normalen professionellen Arbeit gehören kann, in den Institutionen eigene Forschungsprojekte dazu durchzuführen, wie die Einrichtung genutzt wird. In Bibliotheken passiert dies nur in einigen sehr grossen, aber es könnte offenbar weiter verbreitet sein.

Literatur

Hackett, Abigail ; Holmes, Rachel ; MacRae Christina (edit.) (2020). Working with Young Children in Museums: Weaving Theory and Practice. (Global Perspectives on Children in Museums). London ; New York: Routledge, 2020

Die eigene Situation als Bibliothekar*in verstehen. Ein Beispiel von Autoethnographien

Arellano Douglas, Veronica ; Gadsby, Joanna (2020). Deconstructing Service in Libraries: Intersections of Identities and Expactations. (Series on Gender and Sexuality in Information Studies; 11) Sacramento: Litwin Books, 2020


Das Buch, welches diesen Blogpost motiviert, ist ein «hard read». Es geht eigentlich darum zu klären, was «Services» in (vor allem Wissenschaflichen) Bibliotheken sind, wie gering sie wertgeschätzt werden und warum. Die Grundidee, die sich durch fast alle Beiträge in diesem Band zieht, ist die, dass Services – von Beratungen über Unterricht durch Bibliothekar*innen bis hin zu Angeboten, die entwickelt werden, weil auf Nutzende gehört wird – auch «emotional labor» sind und dieser Teil der Arbeit nicht wahrgenommen, teilweise auch aktiv negiert wird. Stattdessen gäbe es eine Überbewertung von einfach zu erheben Zahlen, die als Ausweis von Arbeit interpretiert werden, und von technischen Lösungen. Grundsätzlich wäre das Ausdruck eines neoliberalen Denkens, dass alle Arbeit in reproduzierbare (und von den Effekten her einfach mess- und vergleichbare) Produkte fassen will. Ein Effekt sei, dass die Arbeit von Bibliothekar*innen den Interessen der Universitäten untergeordnet wird, nicht den der Nutzenden, mit denen man aber in der bibliothekarischen Arbeit zu tun hat, so dass ständig unterschiedliche Wertigkeiten das Handeln bestimmen würden. Eine andere Kritikebene ist, dass so «weiblich» konnotierte Tätigkeiten ab- und «männlich» konnotierte aufgewertet werden.

All das kann man diskutieren und ist auch in der Realität von bibliothekarischer Arbeit (zumindest in den USA) fundiert. Aber eigentlich ist dieses Buch für mich eines über die Möglichkeiten von Autoethnographie (und offenen Essays) dafür, diese Realität abzubilden und über den Einzelfall hinaus verständlich zu machen. Es zeigt, dass problematische Strukturen und Entwicklungen auch im Bibliothekswesen greifbar gemacht werden können. Viele der Texte vermitteln zudem den Eindruck, als wären die schreibenden Kolleg*innen – die zumeist aktiv Bibliothekar*innen und nicht vor allem Forschende sind – durch das Schreiben der Texte dazu gekommen, darzustellen, wie ihre persönliche Situation tatsächlich ist. Schreiben scheint hier das Werkzeug gewesen zu sein, um sich und anderen die eigene Situation überhaupt verständlich zu machen.

Es gab einen Call for Papers für dieses Buch. Aus diesem ist ersichtlich, dass es wenig formale Vorgaben für die Beiträge gab. Das zeigt sich dann auch. Es gibt ausgewertete Umfragen und Interviews, persönliche Reflexionen, die Beschreibung einer Lerngruppe. Aber hauptsächlich gingen die Autor*innen autoethnographisch vor: Die eigenen Erfahrungen wurden als Datenmaterial genommen, um nach Strukturen, Funktionsweisen von Institutionen und Settings, von wirkmächtigen Vorannahmen und so weiter zu fragen. Das macht das Buch zum erwähnten «hard read», weil es sehr oft sehr erschreckend ist, was die Autor*innen darstellen.

Es wird aus sehr unterschiedlichen Subjektpositionen geschrieben: gay asian-american, fat female librarians, disabled staff, Kolleg*innen mit Depressionen. Die Schreibenden bestimmen (meist) mittels der Frage «Wie funktionieren die sozialen Beziehungen in meiner Einrichtung?» und fragendem Vorgehen, bei dem eigene Erfahrungen und Wissen aus anderen Quellen verbunden werden, ihre eigene Situation in den Bibliotheken zu verstehen, aber auch, was diese Situation über die Institution Bibliothek aussagt. Und – wie gesagt – das führt nicht immer zu positiven Antworten.

Dabei geht es weniger um konkrete Diskriminierung und vielmehr um strukturelle Einschränkungen sowohl bezogen auf die persönliche Ebene als auch auf die institutionelle Ebene (hier vor allem der Bibliothek gegenüber der Universität, aber auch der Servicebereiche gegenüber anderen Bereichen in der Bibliothek selber). Beispielsweise geht es immer wieder darum, für was Kolleg*innen als kompetent oder nicht kompetent wahrgenommen werden oder was für sie faktisch schwieriger ist aufgrund dessen, was Personen ihrer jeweiligen Identität zugeschrieben wird und wie die Institution konstituiert ist. Es geht auch oft um die kontinuierliche Devaluation der Erfahrungen und Arbeit in Servicebereichen gegenüber shiny tech projects oder Wirkungen, die in «harten Zahlen» zu fassen sind.

Das alles ist – trotzdem im CfP zu Einreichungen aus anderen Ländern aufgerufen wurde – sehr US-lastig und lässt sich nicht direkt in den DACH-Raum übertragen. Alle Ungleichheitskategorien haben ihre eigenen Geschichten und Bedeutungen in unterschiedlichen Gesellschaften, also auch die in diesem Buch diskutierten. Autoethnographie als Methode produziert zudem immer erst einmal lokales Wissen. (Aber, wie das Buch zeigt: Viel lokales Wissen, dass immer wieder ähnliche Strukturen aufzeigt, deutet darauf hin, dass es nicht einfach um lokale Probleme geht.)

Was das Buch zeigt, ist, dass ein solches Vorgehen, bei dem Bibliothekar*innen autoethnograpisch über ihre Position schreiben, hilfreich ist. Hilfreich für Kolleg*innen selber, um zu klären, in welcher Position sie sich befinden, warum die Situation so ist, wie sie ist und welche Strukturen wie auf ihre Möglichkeiten einwirken. (Das gilt nicht nur für Personen, deren Identität «am Rand» der Mehrheitsgesellschaft verortet wird.) Aber hilfreich auch, um als Bibliothek oder Bibliothekswesen darüber nachzudenken, was geändert werden kann.

Dieses Vorgehen macht das Vorhandensein von Strukturen und deren Wirkung sichtbar – und wenn sie benannt sind, lassen sich auch ändern. Es zeigt, dass es oft nicht einfach um persönliche Probleme oder Lösungen geht. Was die Texte machen, ist, Wissen zum Beispiel aus der Literatur und Praxis zusammenzubringen, indem «theoretisches Wissen» anhand persönlicher Erfahrungen überprüft und in seiner Wirkung aufgezeigt wird. Es ist zum Beispiel das eine, wenn grundsätzlich über bestimmte Vorurteile gesprochen wird, aber das andere, wenn man liest, wie sie Kolleg*innen tatsächlich betreffen.

Bibliotheken im DACH-Raum (und nicht nur dort) machen sich in den letzten Jahren darum Gedanken, wie sie auf die wachsende gesellschaftliche Diversität reagieren können und sollen. (Manchmal geht das sehr dahin, vor allem darüber nachzudenken, wie das Personal diverser werden kann – was nur ein Teilbereich ist. Aber vielleicht ist das einfach das greifbarste Thema.) Dieses Buch gibt dazu praktisch ein Werkzeug in die Hand, dass mitgenutzt werden sollte. Insbesondere zeigt es, dass autoethnographisches Vorgehen hilft, die ganzen Theorien zu Ungleichheitskategorien (die ja auch nicht einfach am Schreibtisch erarbeitet wurden, sondern vorrangig anhand empirischen Materials) mit praktischen Erfahrungen in Bibliotheken zu verbinden. Es hilft einerseits Kolleg*innen, sich zu verorten, aber e hilft anderen auch, diese Verortung nachzuvollziehen. Oder genauer: Es würde Bibliotheken (und dem Bibliothekswesen) helfen zu verstehen, was zu bearbeiten ist, wenn man dem Anspruch, die gesellschaftliche Diversität mindestens in der Bibliothek auch abzubilden, gerecht werden möcchte.

Kurz: Ich empfehle das Buch, wenn auch nicht unbedingt für den eigentlichen Inhalt (der einen weiteren Text wert wäre). Aber man sollte sich auf eine längere Lesezeit einstellen. So einfach «weglesen» lässt es sich nicht.

Wie wird der Raum einer Hochschulbibliothek benutzt? (Plakate)

Letztes Jahr führte ich eine Studie dazu durch, was wir über die Nutzung des Raumes von Hochschulbibliotheken wissen. Dazu hatte ich die dazu publizierten Forschungen der (damals) letzte zehn Jahre systematisch ausgewertet. Die Ergebnisse hatte ich bei einem Vortrag auf dem #vBIB20 (https://doi.org/10.5446/47567) und einem Artikel in der IWP (https://doi.org/10.1515/iwp-2020-2112) vorgestellt. (Sie sind auch nicht so überraschend: Die Studierenden wollen vor allem in Ruhe arbeiten.)

Jetzt habe ich sie noch einmal anders dargestellt, als Plakate. Es ist so eine andere Form von Übersicht, die man gut nutzen kann, wenn man sich in einer Bibliothek in einer Arbeitsgruppe trifft um zu diskutieren, wie man den Raum umgestalten (oder gar neu bauen) soll. Die Ergebnisse sind die gleichen, wie im Vortrag und im Artikel. Aber schon weil der Ruf danach, dass die Forschung ihre Ergebnisse «doch auch mal anders darstellen» soll, nicht verstummt (und auch, weil ich ein wenig mit den Formaten spielen will) hier die beiden Poster. (Auch bei e-LIS http://hdl.handle.net/10760/40556)

Eine Umfrage zur Zukunft der ÖB von 2015 zeigt… keinen Dritten Ort

Im Rahmen einer anderen Recherche ist mir ein Dokument von 2015 untergekommen, welches ich damals wohl übersehen oder nur überflogen habe. Jetzt aber bin ich von ihm fasziniert: Im Auftrag der ekz führte das Institut für Demoskopie Allensbach damals eine «Repräsentativbefragung» zur «Zukunft der Bibliotheken in Deutschland» durch. (Institut für Demoskopie Allensbach 2015) Insgesamt wurden 1448 Interviews geführt. Das kann nicht billig gewesen sein. Andreas Mittrowan (2015), damals Bibliothekarischer Leiter der ekz, stellte in einem zeitnahen Text dar, dass die ekz zumindest damals regelmässig Umfragen durchführte, um zu wissen, welche Angebote sie entwickeln sollte. Ich vermute mal, dass diese Befragung in diesen Rahmen gehört.

Was mich fasziniert, ist nicht so sehr, dass diese Befragung durchgeführt wurde. Ich bin eher von den Ergebnissen irritiert. Sicherlich: Man darf Resultate solcher Befragungen nicht als letzte Wahrheit darüber, was Menschen denken und tun, nehmen. Aber diese wurde ja offenbar durchgeführt, um sie dann auch zu benutzen. (Und sie wurde auch benutzt für die Konferenz «Chancen 2016: Bibliotheken meistern den Wandel» (https://chancen2016.wordpress.com, Anonym 2016, ekz.bibliotheksservice 2016.)) Insoweit würde man erwarten, dass die Ergebnisse auch etwas bedeuten.

Aber mir scheint das gerade nicht der Fall zu sein. Zuerst liefert die Befragung einige erwartbare demographische Ergebnisse (S. 5) zur Nutzung oder Nicht-Nutzung von Bibliotheken. Anschliessend liefert die Frage danach, ob es in Zukunft wichtig wäre, dass Bibliotheken existieren, dass dies von den meisten Befragten bejaht wird. (S. 7, S. 8) Die Graphik ist so gehalten, als ob es 50/50 wäre, aber die Daten zeigen, dass die Antworten zu «wichtig / sehr wichtig» (ohne offenbar, dass man «ist mir egal» antworten konnte) überwiegen. Per se ist das nicht erstaunlich, da sich das eigentlich immer wieder zeigt, wenn Menschen direkt zu solchen Themen befragt werden: Die Bibliotheken haben einfach ein überwiegend grossen goodwil in der Bevölkerung, auf den sie bauen könnten, wenn sie wöllten. Erstaunlich ist eher, dass das in den Diskussion zwischen Bibliotheken so oft untergeht.

Die Daten, die mich mehr faszinieren, finden sich in den Graphiken, welche die Antworten auf die Frage: «Wie sollte eine öffentliche Bibliothek sein, die Sie gerne nutzen?» (mit Auswahl von Möglichkeiten aus einer Karte) zusammenfassen. (S. 11, S. 13, S. 16) Hier wurden nämlich (fast) all die Vorstellungen versammelt, die sich Öffentliche Bibliotheken damals von ihrer Zukunft gemacht haben (d.h. «Partizipation» und Demokratie standen noch nicht auf der Liste, dafür in Unterpunkte gepackt der «3. Ort»). Das Ergebnis ist, dass praktisch alle diese Vorstellungen von den Befragten zurückgewiesen wurden: Wichtig ist ihnen ein umfangreiches Medienangebot, eine angenehme Atmosphäre, gute Beratung und Angebote für Kinder. Sicherlich könnte man «angenehme Atmosphäre» als etwas bezeichnen was zum «3. Ort» passt, aber der Punkt ist so subjektiv, dass er zu allen möglichen Räumen passt, in denen man sich aufhält. Die Frage ist halt immer, was «angenehm» heissen soll. Aber «bequeme Sitzmöglichkeiten» (auch etwas, dass nicht nur zum «3. Ort» passt und sehr subjektiv ist) kommt erst in der Mitte der Liste. Der Wunsch nach einem Café in der Bibliothek steht weit unten in der nach Häufigkeit geordneten Liste (aber noch, notabene, vor dem Wunsch, dass die Bibliothek Sonntags geöffnet werden sollte, was kaum gewünscht wird). Die letzten drei Punkte sind der Wunsch, «mit anderen ins Gespräch kommen», Makerspaces und Computerspiele. Oder anders: Was in diese Befragung eigentlich zurückgemeldet wurde, war, dass die Befragten eher «traditionelle» Öffentliche Bibliotheken wollen, die ihren Fokus auf Medien haben.

Die Faszination kommt nun selbstverständlich davon, dass sich die bibliothekarische Diskussion und auch die Planungen von Bibliotheken genau in die andere Richtung entwickelten. Schon einige Zeit vor 2015, aber auch danach.

Sicherlich: Man muss Ergebnisse solche Befragungen nicht als Handlungsanweisung lesen. (Aber warum macht man sie dann überhaupt?) Mehrfach habe ich von Bibliothekar*innen zu dieser Frage immer wieder ein Zitat gehört (so oft, dass es danach klang, als hätten sie es alle von der gleichen Person, die als Berater*in tätig war, gehört), dass ich hier nicht wiederholen will (weil die zitierte Person auch bekannter Antisemit und Ausbeuter war). Aber was das Zitat sagt, ist, dass man nicht weiterkommt, wenn man darauf wartet, dass die Menschen ihre Meinung ändern und man stattdessen anfangen muss, etwas zu verändern, damit die Menschen nachher merken, das die Veränderung besser war. Oder anders gesagt: Die Leute wissen nicht, was sie wollen, bis sie es selber erleben.

Well. So eine Haltung passt selbstverständlich schwer mit dem aktuell in der bibliothekarischen Literatur oft vorgetragen Anspruch der Partizipation zusammen, bei dem ja den Menschen mehr vertraut werden soll, gute Entscheidungen zu treffen. Aber ignorieren wir das mal kurz. Dann müssten Bibliotheken nicht nur neue Angebote einrichten, sondern auch irgendwann zeigen, dass sie Recht damit hatten, diese Veränderungen durchzusetzen. Die Menschen müssten dann z.B. das Café tatsächlich so nutzen, wie sich das in der bibliothekarischen Planung vorgestellt wird. Aber: Solche Nachweise sind in der Literatur praktisch auch nicht vorhanden.

Was mich fasziniert ist, dass man mit dieser Befragung eigentlich etwas in der Hand hat, um selber zu sehen, dass die meisten Veränderungen in Bibliotheken in den letzten Jahren nicht etwa dadurch ausgelöst wurden, weil Menschen solche Veränderungen eingefordert hätten oder weil sie irgendwie von aussen als notwendig erschienen – sondern, weil Bibliotheken sie selber wollten.

Was mir dabei nicht klar ist, ist warum solche Befragungen überhaupt durchgeführt wurden. (So oft kommen sie auch nicht vor. Vielleicht ist das auch etwas, was nicht mehr gemacht wird.) Ich habe da keine Antwort, nur die Frage: Für wen werden die gemacht, wenn die Entscheidungen und Diskussionen im Bibliothekswesen gar nicht auf diesen Ergebnissen basieren?

Literatur

Anonym. (2016). Chancen 2016: Bibliotheken meistern den Wandel—Internationale Bibliothekskonferenz zeigte Herausforderungen und Lösungsansätze | Lesen in Deutschland. Lesen in Deutschland. https://www.lesen-in-deutschland.de/html/content.php?object=journal&lid=1360

ekz.bibliotheksservice. (2016, Juli 8). Chancen 2016—Ekz.bibliotheksservice GmbH. https://web.archive.org/web/20160708103739/http://www.ekz.de/seminare-veranstaltungen/veranstaltungen/chancen-2016/

Institut für Demoskopie Allensbach. (2015). Die Zukunft der Bibliotheken in Deutschland: Eine Repräsentativbefragung der Bevölkerung ab 16 Jahre (S. 43). Institut für Demoskopie Allensbach. http://www.ekz.at/fileadmin/ekz-media/unternehmen/Zukunftsstudie/2016_Studie_Zukunft_Bibliotheken_in_Deutschland.pdf

Mittrowan, A. (2015). ekz-Kundenbefragung 2014: Bibliotheken wählen ihre Zukunftsrollen. Bibliotheksdienst, 49(3–4), 393–400. https://doi.org/10.1515/bd-2015-0047

Eine Sammlung, was man im Feld der Bibliotheken nach der Pandemie untersuchen / besprechen könnte

Wir befinden uns jetzt also unbestreitbar in der (in Europa) zweiten Welle der COVID-19-Pandemie. Sicherlich: Alle haben dadurch wieder zu tun. Und dennoch scheint es mir, es wäre auch eine gute Zeit, um einmal festzuhalten, was sich Bibliothek oder die Bibliothekswissenschaft im Anschluss an diese Pandemie fragen könnten und sollten.

  • Die Extremsituation hat – wie alle Extremsituationen – Strukturen und Vorstellungen getestet. Haben die Infrastrukturen gehalten? Wenn nicht, wie kann man sie verbessern? Aber auch: Haben die Vorstellungen der Bibliotheken davon, was Bibliotheken sind, wofür sie genutzt und geschätzt werden, gehalten? Antworten auf solche Fragen würden nach der Pandemie helfen, Bibliotheken weiterzuentwickeln.
  • Gleichzeitig hatten wir jetzt schon einmal eine Phase, in der Bibliotheken geschlossen wurden und eine, in der Bibliotheken «wiedereröffnet» wurden. Auch wenn die Situation jetzt teilweise anders ist als während der ersten Welle, wird es (mindestens) wieder eine Phase der Wiedereröffnung geben, wohl irgendwann im Frühling / Sommer 2021. Für diese wäre es selbstverständlich gut, aus der ersten Phase zu lernen, um dann diesen Prozess zielgerichteter organisieren zu können.
  • Nicht so sehr aktuell, aber in den ersten Monaten der Pandemie wurde immer wieder die Erwartung geäussert, dass sich durch diese viel ändern wird: Beispielsweise würden mehr elektronische Medien genutzt werden, weil die Menschen im März, April, Mai so viele nutzten. Oder die Arbeit im «Home-Office» würde sich (noch mehr) etablieren. Es wäre Zeit, auch aus den Erfahrungen im Sommer 2020, als an vielen Orten eine gewisse Normalität eingekehrte, zu lernen, ob diese Voraussagen immer noch haltbar sind – und wenn ja, was das für die Zukunft nach der Pandemie heisst. Wenn nein, warum nicht.

Hier eine erste Zusammenstellung von mir über die Fragen, die man in diesem Zusammenhang bearbeiten / diskutieren könnte. Es gibt Liste für diese keine richtige Basis ausser meine eigenen Beobachtungen und Überlegungen. Insoweit bin ich mir sicher, dass es noch viele andere Themen gäbe und das einige Themen von anderen als nicht wichtig erachtet werden. Ich unterbreite sie hier einfach als ersten Vorschlag und freue mich, wenn sie jemand aufgreift / ergänzt / überarbeitet (und wenn es dann erst nach der Pandemie ist, die hoffentlich irgendwann vorbei sein wird). Es soll vor allem eine Erinnerung daran sein, dass man aus dieser Krise etwas lernen kann und nicht einfach so schnell als möglich zur Normalität übergehen sollte.

Direkt die Bibliothek betreffend (Ebene 1)

Eine erste Liste von Fragen betrifft die Bibliothek als Einrichtung selber (ich nenne das hier Ebene 1, im Gegensatz zum Blick auf die Bibliothek von anderen Einrichtungen, die ich weiter unten Ebene 2 nenne).

  • Was und wann wurde während der ersten Welle in der Bibliothek gemacht? Nicht nur wann wurden die Räume geschlossen, sondern auch wann wurden Dienste eingestellt, wieder eingeführt oder ganz neu aufgesetzt? Hier zum Beispiel wäre es schon hilfreich, wenn möglichst viele Bibliotheken eine Chronologie der Ereignisse liefern würden, welche man dann miteinander vergleichen könnte. Einige haben das schon in ersten Artikeln gemacht, aber man könnte das beispielsweise in einer Abschlussarbeit auch systematisieren. Dann könnte man schauen, ob es Gemeinsamkeiten oder Unterschiede gab und warum. Das würde vielleicht etwas darüber sagen, wie sehr Bibliotheken vernetzt oder nicht vernetzt sind, wie sehr oder wenig sie von Entscheidungen anderer abhängig sind und so weiter.
  • Warum wurde es so gemacht? Hier wäre es interessant, Gründe zu erfahren: Warum haben einige Bibliotheken ganz geschlossen, andere Lieferdienste eingerichtet, andere trotz Homeoffice-Empfehlung viel im Backoffice arbeiten lassen? Wer hat diese Entscheidung getroffen? Auf der Basis welcher Überlegungen?
  • Mit welchem Ergebnis? Wie waren zum Beispiel die Ausleihzahlen? Hier wäre es wirklich interessant, Zahlen zu erhalten. Beispielsweise haben sehr viele Bibliothek im April angefangen, entweder Medien per Post zu verschicken oder die Abholung von Medien zu ermöglichen. Interessant wäre, wie das genutzt wurde – die Zahlen, die man hier und da hört, sind eher gering, aber das muss ja nicht überall so gewesen sein – und wie es wahrgenommen wurde. Interessant wäre zum Beispiel auch, ob diese Dienste über die Bibliothekskreise und die der engen Stammnutzer*innen hinaus bekannt wurden. Wurde das zum Beispiel in der Presse oder der lokale relevanten Social Media-Kanälen aufgegriffen?
  • Was ist jetzt mit den elektronischen Medien? Eine besondere Frage wäre, wie sich die Nutzung der elektronischen Medien tatsächlich entwickelt hat. Zu Beginn der Pandemie, im März, April, wurde viel davon geschrieben, dass Bibliotheken den Zugang zu elektronischen Medien vereinfacht und zum Beispiel die Anmeldung für die Bibliotheksnutzung online ermöglicht hätten. Zudem wurde davon berichtet, dass die Nutzungszahlen explodieren würden und daraus unter anderem abgeleitet, dass dies der Beginn es längerfristigen Trends wäre. Aber jetzt, einige Monate später, stellt die Frage, wie sich die Zahlen entwickelt haben: War das ein kurzfristiges Hoch oder tatsächlich ein Trend? Wie waren / sind die Zahlen? Auch hier hört man hier und da, dass sie während des Sommers wieder massiv zurückgegangen wären, aber eine systematische Sammlung wäre selbstverständlich aussagekräftiger.
  • Gab es Rückmeldungen zu den Schliessungen, Angeboten und so weiter der Bibliotheken? Wenn ja, von wem und welche? Hier wäre es interessant zu erfahren, ob und wenn ja wer wahrgenommen hat, was Bibliotheken während der ersten Welle getan haben. Bibliotheken haben immer wieder die Angst, dass sie übersehen werden und teilen gleichzeitig über interne Kanäle immer wieder, wenn sich jemand über sie äussert: Aber wie war es den während der Pandemie? Und vor allem: Kann man aus diesen Rückmeldungen, egal ob direkt an Bibliotheken gemacht, beispielsweise in Kommentaren, oder über Bibliotheken, beispielsweise in Berichten, etwas lernen?
  • Gab es Kooperationen oder andere Formen von Zusammenarbeit während der Pandemie (zwischen Bibliotheken, zwischen Bibliothek und anderen Einrichtungen)? Extremsituationen zu meistern ist oft einfacher, wenn man dies in Zusammenarbeit mit anderen tut. Zudem streben eigentlich alle Bibliotheken, nimmt man die ganzen Strategiepapiere der letzten Jahre ernst, Kooperationen mit anderen Einrichtungen an. Interessant wäre, welche Kooperationen Bibliotheken während der Pandemie eingegangen sind und wofür. Wurden zum Beispiel soziale Stiftungen angesprochen, um über sie Medien an Nutzer*innen zu liefern? Zudem relevant in diesem Zusammenhang wäre es zu wissen, ob dabei auf bestehende Kooperationen zurückgegriffen oder neue aufgebaut wurden. Lohnte sich die Arbeit in die Kontakte, die in den Jahren zuvor geleistet wurden? Und auch, wenn Bibliotheken gerade keine Kooperationen eingegangen sind, sondern eher alleine agiert haben: Was würde das heissen?
  • Wie wurde über «Wiedereröffnung» entschieden? Was genau hiess «Wiedereröffnung»? Was waren die Erfahrungen? Wie wurden die Angebote genutzt? Gab es Trends / Veränderungen über den Sommer? Wie haben sich die Nutzungszahlen entwickelt? Gab es Rückmeldungen von Nutzer*innen? Die Frage ist schon deshalb relevant, weil es zwar vielleicht (hoffentlich) keine neue Welle geben wird, aber wieder eine Phase der «richtigen» Wiedereröffnung.

Interne Ebene

Nicht unbedingt im Bibliothekswesen, aber anderswo schon wurden sich schon während der ersten Welle viele Gedanken dazu gemacht, welche Auswirkungen diese auf die zukünftige Arbeit haben würden: Wird sich das Homeoffice durchsetzen? Wenn ja, was wird das für Arbeit, Zufriedenheit, Infrastruktur bedeuten? Von anderer Seite wurde aber auch gefragt, wie mit dem Personal während der Krise umgegangen wird und wie sich das für die Zeit nach der Krise auswirken wird. Beispielsweise gab es Hinweise darauf, dass Personal, dass gegen den eigenen Willen entweder zum Arbeiten vor Ort oder zum Arbeiten daheim genötigt wurde, vielleicht nach der Pandemie daran gehen wird, sich andere Arbeitsstellen zu suchen. Zudem wurden Vermutungen angestellt, wer überhaupt zum Beispiel darüber entscheiden kann, wo sie*er arbeitet oder wer nicht.

Die Personalebene in Bibliotheken wird selten besprochen, ebenso die Frage, wie die Arbeit in Bibliotheken überhaupt genau organisiert ist. Dennoch gäbe es auch hier einige relevante Fragen.

  • Erfahrungen des Remote Work: Welches, wie, mit welchen Ergebnissen und Erkenntnissen? Wie hat sich das Personal dabei gefühlt? Insbesondere für viele Öffentliche Bibliotheken und Spezialbibliotheken scheint, wenn man dem was man hier und da hört Glauben schenken kann, die Umstellung auf die Arbeit im «Homeoffice» ein neuer, teilweise schwieriger Schritt gewesen zu sein. Aber auch nicht für alle. In Wissenschaftlichen Bibliotheken war dies eher schon verbreitet, aber auch nicht für alles Personal oder in allen Bibliotheken. Und einige Bibliotheken sind offenbar so schnell wieder zur Arbeit vor Ort zurückgekehrt, dass es eigentlich keine Arbeit im Homeoffice für sie gab. Und dennoch: Es wäre interessant zu erfahren, wie genau Bibliotheken mit dem Homeoffice umgegangen sind. Nicht nur, ob sie es getan haben, sondern auch, wie sie die Arbeit umgestellt haben, wie das Personal damit umgegangen ist, wie die allgemeinen Erfahrungen sind und so weiter. Dies ist ja schon für die Frage wichtig, ob es jetzt wirklich eine Hinwendung zum Homeoffice geben wird oder nicht – und ob Bibliotheken sich darauf einstellen müssen.
  • Gab es Lernprozesse? Wie wurden die organisiert? Die erste Krisenzeit und dann die ersten Entspannungen im Sommer wären eine gute Zeit dafür gewesen, intern Lernprozesse zu gestalten, also vielleicht gemeinsam zu reflektieren, welche Erfahrungen gesammelt wurde und wie sie in Zukunft benutzt werden. Sicherlich: Solche Prozesse zu organisieren und zu managen sollte in jeder Organisation zu jeder Zeit geschehen und das passiert ja auch in vielen Bibliotheken. Aber es wäre interessant systematischer zu sehen, was Bibliotheken wann gelernt haben, auch zum Beispiel, ob sie irgendwann zu Einschätzungen gelangten, die sie dann in den nächsten Monaten / Wochen wieder verwarfen.
  • Wurde etwas am Bestandsmanagement geändert? Weiterhin ist der Bestand (inklusive der Zugänge, die über Bibliotheken organisiert werden) der Hauptteil bibliothekarischer Arbeit. Zudem war in der ersten Welle die Arbeit mit und am Bestand der Teil bibliothekarischer Arbeit, welcher noch durchgeführt werden konnte, während zum Beispiel Veranstaltungsarbeit vor Ort oder das Angebot von Lern- und Leseplätzen nicht möglich war. Aber hat sich bei der Arbeit am und mit dem Bestand mittel- und kurzfristig etwas verändert? Wird jetzt zum Beispiel anders ausgewählt, eingekauft, lizenziert, katalogisiert, Zugang geschaffen? Wurden Bestandsstrategien überarbeitet? Wie? Hat sich die Nutzung elektronischer Medien in den ersten Monaten der Pandemie in der Bestandsarbeit niedergeschlagen?
  • Wie wurde mit dem Personal umgegangen? Das ist vielleicht eine gewerkschaftliche Frage: Aber während der ersten Welle waren immer wieder Stimmen zu vernehmen, bei denen sich Personal darüber beschwerte, was von ihm erwartet würde; dass nicht auch auf die Gesundheit des Personals geachtet wurde; dass erwartet wurde, dass es einfach wie immer «funktioniert»; dass ihm Aufgaben übertragen wurden, die es nicht übernehmen wollte / kann (und wenn es nach der Wiedereröffnung «nur» die Durchsetzung der Hygieneregel sind). Die Stimmen waren recht viele, gefühlt mehr als sonst. Aber das heisst nicht, dass es überall so gewesen sein muss. Es gab auch Personal, dass sich positiv geäussert hat. Insoweit wäre die Frage schon, wie das Personal die Situation erlebt hat – und ob sich daraus etwas für die Bibliotheken ergibt. Wird es jetzt zum Beispiel nach der Pandemie schwieriger werden, Personal zu halten oder zu gewinnen, wenn negative Erfahrungen überwogen haben? Oder andersherum einfacher? Was sagt es über Bibliotheken, wenn sich (einiges?) Personal so negativ äussert? Was unterscheidet vielleicht diese Bibliotheken von anderen Bibliotheken? [Diese Fragenkomplex wäre wohl wirklich was für die Gewerkschaften. Ich habe gelernt: Sie einfach so zu stellen ist gefährlich. Manche Menschen wollen sie nicht hören.]
  • Gab es eine Krisenplanung? Hat die geholfen? Wobei? Gibt es jetzt eine Krisenplanung? Krisen lassen sich besser durchstehen, wenn man auf sie vorbereitet ist und zum Beispiel weiss, wohin man sich um Unterstützung wenden kann. Gab es solche Planung in Bibliotheken? Wie sahen die aus und welchen Effekt hatten sie? Und: Wird jetzt vielleicht an neuen Krisenplanungen gearbeitet? (Zu vermuten, dass diese Pandemie die einzige Krise ist, die uns in den nächsten Jahren / Jahrzehnten treffen wird, ist ja illusorisch. Nicht nur ist die Chance auf die nächste Pandemie immer da, solange sich die Strukturen, welche die Verbreitung des Virus ermöglicht haben, nicht verändern. Aber die Klimakatastrophe und deren Auswirkungen ist auch immer noch da.)

Indirekt die Bibliothek betreffend (Ebene 2)

Bibliotheken beobachten nicht nur sich selbst, sondern sie werden auch von anderen Institutionen beobachtet, nicht zuletzt von ihren Trägern. Zudem gab die Krise auch einen guten Einblick darin, was Bibliotheken selber darüber denken, was an ihnen wichtig ist, warum sie (gerne) genutzt werden, was die Nutzer*innen von ihnen wollen und wie wichtig sie im Vergleich mit anderen Einrichtungen sind – den Bibliotheken schrieben mehr darüber, als sonst, wenn sie zum Beispiel Lobbyarbeit dafür betrieben, öffnen zu dürfen oder sich bei der jeweiligen «Wiedereröffnung» präsentierten. Und gleichzeitig gab die Krise auch eine Gelegenheit zu schauen, wie andere Institutionen – beispielsweise die Kantone und Bundesländer – oder die Nutzer*innen darauf reagierten.

Auf diese Ebene wäre eine systematische Sammlung und Auswertung solcher Äusserungen von Bibliotheken und der Reaktion darauf erhellend und würden eine Basis dafür liefern, dass Bibliotheken darüber nachdenken können, welche Bedeutung sie sich selber zuschreiben, warum sie das tun und wie die Nutzer*innen und die Öffentlichkeit darauf reagiert.

  • Was vermuteten / behaupteten Bibliotheken über sich selbst? (Verlautbarungen et cetera)
  • Wurden diese Vermutungen bestätigt / widerlegt / widersprochen? Was heisst das?
  • Welchen Aufgaben schrieben sich Bibliotheken zu? Welche wurden ihnen zugeschrieben (zum Beispiel durch die konkrete Nutzung, durch andere Stellen)?

Le Denier Cri pour les Bibliothèques?

Oder: Warum so viel „Bewegung‟ in den einen Bibliothekswesen und eher gemächliche Entwicklung in anderen?

Vor einer ganzen Zeit (irgendwann 2018?) machte ich auf Twitter einen mässigen Witz: Auf der Basis eines Artikels1 aus den USA behauptete ich, dass andere Trends in der Bibliothek jetzt „durch‟ seien und Yoga der neue Trend wäre. Von mehreren Seiten wurde ich dann darauf hingewiesen, dass auch im DACH-Raum eine Anzahl von Bibliotheken Yoga anbietet – fair enough. Seitdem habe ich den gleichen Witz trotzdem noch ein paar mal bei anderen Artikeln gemacht, in denen es zum Beispiel um Urban Gardening,2 Sammlungen von Pflanzensamen3 oder von Bibliotheken organisierten Wandergruppen4 ging. (Ich gebe: Der Witz ist verbraucht, ich muss ihn begraben.)

Letztens hielt ich wieder einen solchen Artikel aus den USA in der Hand.5 Es geht in ihm darum, dass Öffentliche Bibliotheken dazu beitragen sollen, das Erleben der Natur zu ermöglichen, beispielsweise durch organisierte Spaziergänge durch Parks und Wälder, unterstützt durch Erzählungen. Mir fiel beim Lesen des Textes einiges auf, dass die Unterschiede zwischen dem US-amerikanischen Öffentlichen Bibliothekswesen und denen im DACH-Raum etwas erklären könnte. Das mir das auffiel hat damit zu tun, dass ständig solche Texte in US-amerikanischen bibliothekarischen Publikationen erscheinen, wie der, den ich in den Händen hielt, während die über neue Angebote oder Themen, welche im DACH-Raum erscheinen, sehr anders sind. Diesen Unterschied will das hier erläutern.

Ungleichzeitigkeiten

Bibliotheken im DACH-Raum sind selbstverständlich auch immer auf der Suche nach neuen Themen, die sie irgendwie besetzen oder zu denen hin sie sich entwickeln können sowie nach neuen Angeboten, die sie machen können. Das unterscheidet sie nicht von denen in den USA. Die Suche danach bestimmt ganze Ausgaben bibliothekarischer Zeitschriften. Aber gleichzeitig erscheinen sie, vergleicht man sie mit dem, was in US-amerikanischen bibliothekarischen Zeitschriften erscheint, langsam und thematisch recht eingeschränkt. Im DACH-Raum geht es jetzt seit Jahren eigentlich immer wieder um den „3. Ort‟ (in bibliothekarischer Interpretation), um die „Stadtgesellschaft‟ (was auch immer das meint) und Makerspaces. In den USA hingegen, wie gesagt, um solche Themen wie Yoga, Wandern, Urban Gardening, Soziale Arbeit, Social Justice, Naturerleben und vielen mehr.

Es wäre leicht – darauf ging der Witz ja aus – diese Texte einfach als Suche nach dem «denier cri» zu lesen, die immer fehlgehen muss, da die Umsetzung jeder dieser Ideen in die tatsächliche bibliothekarische Praxis so lange dauern würde, dass sie dann schon längst wieder vom nächsten denier cri überholt wäre. Aber das hiesse, an der Oberfläche zu bleiben. Interessanter scheint mir, tiefer zu schauen, nämlich was die beiden «Geschwindigkeiten» bei neuen Themen in den Bibliothekssystemen im DACH-Raum und in den USA über die Strukturen dieser Bibliothekssysteme sagen. Und dabei vor allen darüber, was als bibliothekarische Arbeit verstanden wird.

Outreach oder die neueste Mode?

Schaut man sich die Artikel aus den USA, die solche jeweils neuesten Angebote, Trends und so weiter vorstellen, an, fallen einige Gemeinsamkeiten (die immer viele, aber nicht alle haben) auf:

  • Im Allgemeinen beginnen die Texte, indem ein Begründung gegeben wird, warum das jeweilige Thema wichtig sei. Nicht unbedingt, warum es für Bibliotheken wichtig wäre, sondern an sich wichtig – für die Menschen, die Gesellschaft und so weiter. Es werden dafür Studien, Statistiken und so weiter herangezogen. (Schaut man mehrere Texte an, ist der Eindruck schnell, dass man einfach alles begründen kann, wenn man nur will. Aber vielleicht ist das nur ein Eindruck, den man erstmal testen müsste. Wichtiger ist, dass zumindest dann, wenn die Texte geschrieben werden, sie nicht einfach als Trend oder Mode beschrieben werden, sondern ihnen jeweils eine gewisse Empirie unterlegt werden kann.)
  • Dann aber werden fast immer Kolleg*innen in Bibliotheken benannt, die pro-aktiv hinter dem Thema stehen. Man würde erwarten, dass sich immer auch Begründungen finden, warum das Thema für Bibliotheken wichtig wäre, aber eigentlich ist die Argumentation immer, dass es an sich wichtig sei und das Bibliotheken es deshalb auch anbieten sollten.
  • Eine Anzahl dieser Texte schildert Beispiele aus einzelnen Bibliotheken. Aber ein ganzer Teil dieser Text – insbesondere, wenn Angehörige von Hochschulen beteiligt sind, was öfter passiert, als man vielleicht erwarten würde – beinhaltet weitere Daten. Oft werden dann Umfragen gemacht und gezeigt, dass das jeweilige Thema sich schon weit verbreitet hat, also das jeweils in vielen Bibliotheken schon Angebote zum jeweiligen Thema gemacht werden. Die Autor*innen der Texte sind dann gar nicht Vorreiter*innen bei einem Thema, sondern decken eher jeweils einen Trend auf, der sich dann schon länger ankündigte. (Man sollte das nicht unterschätzen. Im Text zu Yoga in Bibliotheken gaben über 50% der antwortenden Bibliotheken – und das waren nicht wenige – an, dies schon anzubieten. Das ist nicht Nichts.)
  • Am Ende solcher Texte steht dann oft die Aussage, dass Bibliotheken sich dem Thema noch mehr annehmen sollten, als sie es schon tun, um die Bedeutung der Bibliotheken in der Gesellschaft zu stärken. Das liest sich dann oft als Floskel, weil ja oft gezeigt wurde, dass Bibliotheken das eh schon machen.

Wie werden solche Texte im DACH-Raum wahrgenommen? Oft gar nicht. Aber wenn, dann – so zumindest mein Eindruck – werden sie eher als Ideen verstanden, was man als Bibliothek auch machen könnte, als Ergänzung der eigentlichen Arbeit. Bei Strategieprozessen stehen die dann oft auf der Wunschliste, aber fallen dann zumeist wieder runter für Dinge, die einfacher umsetzbar sind oder die sich in Bibliotheken im DACH-Raum schon etabliert haben. Die Haltung scheint sehr zu sein, dass die Entwicklung der eigenen Bibliothek weniger experimentell sein sollte und vor allem aus der Fokus der Bibliothek als relevant wahrgenommen wird. Man will nicht unbedingt jeder neuen Mode hinterrennen.

Im US-amerikanischen Bibliothekswesen scheint etwas anderes vorzuliegen (im kanadischen auch, aber das kommt nur manchmal «mit vor» in solchen Texten, meistens wird nicht weiter beachtet). Dort scheint die unterliegende Haltung zu sein, dass Bibliothekar*innen mit solchen Angeboten nicht neue Ideen oder Moden generieren, sondern es scheint die Haltung zu geben, dass sie sich selber und die eigenen Interessen und / oder die Interessen anderer in die bibliothekarische Arbeit einbringen. Outreach – also das «Herausgehen» aus der Bibliothek mit Angeboten, die eher versuchen, möglichst breite Kreise anzusprechen, beispielsweise, indem man «zu ihnen geht» oder indem sie, wie Yoga, andere Themen ansprechen, die sich nicht wirklich auf Medien zurückbeziehen lassen – ist Teil normaler bibliothekarischer Arbeit, der eingeplant, in der Ausbildung unterrichtet und dann auch von den Bibliothekar*innen erwartet wird.

Das ist ein gewichtiger Unterschied: Während im DACH-Raum immer wieder einmal neu «entdeckt» wird, dass Bibliotheken nicht unbedingt im eigenen Haus bleiben müssen und dass sie auch Angebote machen können, die sich nicht auf den Bestand beziehen lassen (und das dann wieder vergessen und anschliessend neu entdeckt wird), ist es so sehr Teil bibliothekarischer Arbeit in den USA, dass es gar nicht mehr diskutiert werden muss. Nicht, dass Bibliotheken solchen Outreach machen, ist besonders. Die Frage ist immer nur, was genau sie machen. Deshalb ist es für sie nicht unbedingt notwendig, bei neuen Angeboten zu begründen, «was das mit der Bibliothek zu tun hat», sondern eher danach zu schauen, was es einer möglichst grossen Zahl von Menschen bringt.

Was macht die Bibliothek?

Bedenkt man das nicht, sieht es wohl schnell danach aus, als würden in den USA schneller als im DACH-Raum in Bibliotheken nach dem dernier cri gesucht. Aber es scheint eher ein strukturell anderes Verständnis davon zu sein, was als bibliothekarische Arbeit gilt und was nicht. Wenn im DACH-Raum ein Bibliothekar zum Beispiel einen Häkelkurs anbietet, selbst wenn er im Raum der Bibliothek stattfindet, wird er es schwer haben, dies als bibliothekarische Arbeit anerkennen zu lassen. Es gilt dann eher als Privatvergnügen. (Das ist auch sichtbar bei vielen Veranstaltungen, die tatsächlich in Bibliotheken im DACH-Raum heute angeboten werden: Eher werden die als Aufgabe von extra angestellten Medienpädagog*innen oder speziellen Abteilungen wie der «Bibliothekspädagogik» angesehen, denn als Arbeit von Bibliothekar*innen.) In den USA hingegen wird von Bibliothekar*innen eher erwartet, dass sie solche Aktivitäten anbieten und zwar als Teil ihrer bibliothekarischen Arbeit.

Wie ändert sich die Bibliothek?

Wenn das so ist, dann hat das aber auch Konsequenzen dafür, wie sich Bibliotheken verändern können. Dann kann es nicht darum gehen, das jeweils aktuelle Thema, zu dem man Angebote machen könnte, zu erkennen. Das hätte im DACH-Raum kaum eine Auswirkung, weil es nicht die Strukturen der Bibliotheken passt – und in den USA wäre es halt nur das nächste Thema, das man auch machen könnte. Wollte man tatsächlich – was nicht unbedingt anzustreben ist –, dass die Bibliotheken im DACH-Raum auch so flexibel und – sagen wir mal – innovativ werden, wie man das von US-amerikanischen wahrzunehmen meint, dann müsste man die unterliegende Struktur ändern: Outreach dieser Art müsste zum Teil bibliothekarischer Arbeit werden (also: als solche anerkannt, gefordert, mit Ressourcen ausgestattet und in der Ausbildung unterrichtet). Dann würden sich auch so schnell wie in den USA immer wieder neue Themen finden, die sich schnell durchsetzen (und nicht vereinzelt in einigen Bibliotheken bleiben, wie das heute im DACH-Bereich der Fall ist).

Ist das zu erwarten? Eher nicht. Es wird ja kaum über die unterliegende Struktur – also die Frage, was als bibliothekarische Arbeit anerkannt wird und was nicht – diskutiert. Eine Anzahl von Medienpädagog*innen, die an Bibliotheken angestellt sind, scheinen aktuell zumindest die Diskussion vorantreiben zu wollen, was genau ihre Aufgabe ist – was dann auch heissen würde, zu klären, was die Aufgabe der Bibliothekar*innen wäre. Aber sonst ist das weniger der Fall.

Eher gibt es immer wieder einmal Behauptungen, Bibliotheken im DACH-Raum hätten sich geändert und wären heute (zumindest vor der Pandemie) offener als früher, hätten mehr Veranstaltungen und so weiter. Aber so richtig gross scheint die Veränderung nicht zu sein. (Insbesonders, wenn man das historisch sieht: Das die Bibliotheken immer offener würde, wird jetzt auch schon einige Jahrzehnte über behauptet.) Es sind eher langsame Schritte und Veränderungen.

Ich denke oft, an die «Zone der nächsten Entwicklung», die bei Lew Wygotski wichtig ist – und die selbstverständlich eigentlich gerade nicht auf die Organisationsentwicklung bezogen ist. Bei Wygotski geht es darum, wie sich Kinder und Menschen entwickeln. Die Zone der nächsten Entwicklung ist dann die Zone der Fähigkeiten, die ein Mensch noch nicht ausgeprägt hat, aber die quasi als nächstes bevorsteht oder zumindest bevorstehen kann: Wo also die Potentiale vorhanden sind, sich in diese Richtung weiterzuentwickeln. Es geht dann darum, wenn man Lern- und Entwicklungsprozesse unterstützen will, nicht zu schnell vorzugehen oder Zonen zu überspringen, aber auch nicht davon auszugehen, dass es keine Entwicklung gibt. Und obwohl es nicht ganz stimmig ist, denke ich öfter, dass die Veränderung von Bibliotheken mit diesem Begriff der «Zone der nächsten Entwicklung» gut zu beschreiben ist. Bibliotheken im DACH-Raum entwickeln sich auf der Basis ihrer eigenen Voraussetzungen: Bestand als Mittelpunkt, über den man weniger spricht. Veranstaltungen, die sich auf den Bestand beziehen (zum Beispiel Lesungen). Zugänglicher Raum. Das ist die Basis, die Entwicklung baut immer darauf auf.

US-amerikanische Bibliotheken bauen auf ihren Voraussetzungen auf: Bestand, mittelmässig gute Räume, aber ein gewisses Verständnis von Outreach, bei dem es normal ist, die Bibliothek aus dem Raum hinauszutragen und darauf zu achten, möglichst viele Menschen anzusprechen.

Halt keine gegenseitigen Vorbilder

Um genau zu sein: Mir geht es nicht darum zu sagen, dass es so, wie es in den USA wäre, gut wäre oder das es so, wie es im DACH-Raum ist, schlecht wäre. Es gäbe genügend daran schlecht zu finden, wie es in den USA im Bibliothekswesen ist. Nicht umsonst wurde der Begriff des «vocational awe» im US-amerikanischen Bibliothekswesen geprägt: Kolleg*innen dort fühlen sich auch überfordert, mit zu vielen Aufgaben betraut, emotional und anders ausgebeutet.

Mit ging es hier darum, zu fragen, warum es diese auffälligen Unterschiede gibt: In den USA ständig neue Angebote, die dann auch noch offenbar weite Verbreitung in den Bibliotheken finden und nicht weiter erläutert werden müssen. Und im DACH-Raum eher eine gemächliche Entwicklung.$

Fussnoten

1 Lenstra, Noah (2017). Yoga at the Public Library: An Exploratory Survey of Canadian and American Librarians. In: Journal of Library Administration 57 (2017) 7: 758-775, https://doi.org/10.1080/01930826.2017.1360121

2 Overbey, Tracey A. (2020). Food Deserts, Libraries, and Urban Communities: What Is the Connection?. In: Public Library Quarterly 39 (2020) 1: 37-49, https://doi.org/10.1080/01616846.2019.1591156

3 Peekhaus, Wilhelm (2018). Seed Libraries: Sowing the Seeds for Community and Public Library Resilience. In: Library Quarterly 88 (2018) 3: 271-285, https://doi.org/10.1086/697706

4 Anonym (2019). Bartow County Public Library System Hiking Club. In: Georgia Library Quarterly 56 (2019) 3: 4-5

5 Lenstra, Noah ; Campana, Kathleen (2020). Spending Time in Nature: How Do Public Libraries Increase Access?. In: Public Library Quarterly [Latest Articles] https://doi.org/10.1080/01616846.2020.1805996

Wie kommt Neues in die Bibliothek? – Buchvorstellung

Ich habe ein neues Buch veröffentlicht. Es ist hier als OA bei E-LIS zu finden: http://eprints.rclis.org/40270/ und hier gedruckt zu bestellen: https://www.epubli.de/shop/buch/Wie-kommt-Neues-in-die-Bibliothek-Karsten-Schuldt-9783752983425/102025

Hier möchte ich es gerne kurz vorstellen.

Das Buch ist auf der einen Seite theoretisch, aber auf der anderen Seite gerade doch für die Bibliothekspraxis gedacht. Durch die Theoriebildung wird hier meiner Meinung nach nämlich etwas geklärt, was im Alltag von Bibliotheken sonst wohl oft untergeht.

Es geht darum, wie eigentlich Öffentliche Bibliotheken dazu kommen, etwas als Neu zu akzeptieren – sowohl als neues Thema für Bibliotheken als auch als mögliches neues Angebot oder auch als neues Ziel von Bibliotheken. Das ist nicht so einfach zu erklären, wie man sich das vielleicht denken würde. Ich habe schon mehrfach hier im Blog diskutiert, dass nicht immer von aussen nachzuvollziehen ist, wieso Bibliotheken bestimmte Themen, Behauptungen, Vorbild-Bibliotheken, Angebote besetzen und diskutieren, aber andere nicht. Sicherlich gibt es im Bibliothekswesen einige Behauptungen dazu (zum Beispiel Innovation, Nutzer*innenorientierung, Best Practice), aber die halten einer genaueren Prüfung oft nicht stand: Was als innovativ gilt ist oft nicht wirklich innovativ, zum Beispiel. Andere Themen als die, die allgemein in der bibliothekarischen Literatur diskutiert werden, wären auch immer möglich und sinnvoll.

Es muss, so die Vermutung hinter diesem Buch, andere Gründe dafür geben, wie Bibliotheken entscheiden, was sie als Neu gelten lassen oder gerade nicht gelten lassen. (Selbstverständlich hat das auch mit meiner Arbeit als Bibliothekswissenschaftler zu tun, der ja Bibliotheken helfen soll, sich zu entwickeln. Aber mir geht es im Buch nicht darum, Recht zu haben und den Bibliothek zu erzählen, was sie zu tun haben. Sondern vielmehr darum, zu verstehen, was hier passiert. Wissenschaft als Erkenntnisprozess.) In dem Buch trete ich ein wenig zurück und versuche, diese Struktur zu verstehen.

Hilft das der Praxis: Ich denke ja. Wenn klar wird – was ich hoffe, dass es das im Buch wird – wer Einfluss auf diese Entscheidungen hat, können diese Entscheidungen auch besser strukturiert und klarer gesteuert werden. Es kann wohl auch genutzt werden, um Themen erfolgreicher im Bibliothekswesen zu etablieren, wenn das gewünscht ist.

Grundsätzlich ist das Ergebnis im Buch, dass es die Bibliotheken – nicht das Bibliothekswesen als Ganzes, nicht die Wissenschaft, die Bibliotheksverbände oder andere Expert*innen, sondern eher die einzelnen Bibliotheken – selber sind, welche diese Entscheidungen treffen und ein Thema als neu und relevant bestimmen (oder gerade nicht). Aber auf dem Weg zu diesem Ergebnis hoffe ich, mehr dazu zu zeigen, wie das passiert und damit dann auch, wie man dies besser steuern, planen, durchführen kann. Zudem zeige ich am Ende des Buches, was dieses Ergebnis für die Bibliothekspraxis bedeuten könnte.

Was ich auch hoffe, dass das Buch zeigt, ist, was für Fragen man bearbeiten kann, wenn man etwas aus dem Bibliotheksalltag heraustritt und die Aktivitäten dort zum Gegenstand von Beobachtungen und Überlegungen macht.