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Wenn Zahlen geliefert werden müssen, kann man dann nicht neue Metriken erfinden?

In den letzten Wochen, und zuletzt beim 2. Bibliothekspädagogischen Forum in Hamburg Ende Januar, sind mir wieder einmal relativ viele Fälle untergekommen, in denen Kolleginnen und Kollegen aus Bibliotheken ungefähr wie folgt argumentierten: Es wäre sinnvoll, XYZ zu machen / mehr von XYZ zu machen, aber wir müssen Zahlen liefern; die sind mit XYZ nicht zu bringen. Das ist keine irrelevante Argumentation. Vielmehr ist es ein Hinweis darauf, dass alle Metriken, an denen sich Bibliotheken, mehr oder minder gezwungen, orientieren, einen vereinheitlichen Effekt haben. Sie sind keine einfachen Zahlen, sondern sie bestimmen, was Bibliotheken machen können oder nicht machen können. Das ist keine neue Erkenntnis, aber gerade auf dem Forum schien es wieder einmal, als würde sich die Unzufriedenheit mit der Situation steigern. Das Thema klang in unterschiedlichen Zusammenhängen und Workshops durch; Wünsche, etwas zu ändern – beispielsweise Lernberatung zu machen – oder für Dinge, die schon getan werden, anerkannt zu werden – also auch in den Zahlen widergespiegelt zu sehen –, waren häufig.

Die Metriken repräsentieren was?

Dabei sind diese Metriken selbstverständlich nicht einfach aus dem Nichts geschaffen worden. Alle Metriken, denen Bibliotheken – und andere Einrichtungen, beispielsweise Museen – ausgesetzt sind, haben einen Grundgedanken: Über das Erfassen bestimmter Zahlen und Werte sollen die Bibliotheken Leistungen anzeigen, gesteuert werden oder sich selber besser steuern können. Die Zahlen sollen also immer etwas anderes ausdrücken, oft sollen sie eine gewisse Leistung oder Qualität repräsentieren. Eigentlich werden sie also nicht als Selbstzweck erhoben, sondern es steht zum Beispiel die Vorstellung dahinter, dass eine hohe Ausleihzahl eine qualitätsvoll arbeitende Bibliothek repräsentieren würde. Damit sie erhoben werden können, müssen sie so oder so im Vorfeld definiert und normiert werden (Was zählt als Ausleihe? Wie sind Verlängerungen zu zählen? und so weiter). Dieser Akt der Definition ist ein Ort, wo sich das Denken über Bibliotheken niederschlägt. An sich ist das auch bekannt: So geht man in Bibliotheken davon aus, dass die Bedeutung des Raumes, der kommunikativen Funktion, der Veranstaltungen und Lernunterstützung zunehmen wird und die Bedeutung der Medien selber abnehmen wird; die Zahlen, die durch die Vorgaben von Verwaltungen erhoben werden müssen gehen aber bislang weiter davon aus, dass die Hauptaufgabe von Bibliotheken in der Medienausleihe liegt und beispielsweise in Öffentlichen Bibliotheken oft nur durch Veranstaltungen zur Leseförderung oder Bibliothekseinführungen flankiert werden dürfen. Nicht mehr. Das ist so einer der Fälle, wo klar wird, dass die Metriken, nach denen sich viele Bibliotheken richten müssen, mit der Realität und vor allem der Weiterentwicklung von Bibliotheksarbeit nicht übereinstimmen.

Wie gesagt: Das trifft nicht nur Bibliotheken, dass trifft auch andere Einrichtungen. Jugendarbeit, Museen, Schulen, Kindergärten, Seniorinnen- und Seniorentreffs, soziale Arbeit, Krankenpflege und viele mehr klagen immer wieder über die normierenden und realitätsfremden Vorgaben durch Metriken, also den „Zahlen, die zu bringen sind“. In der Jugendarbeit oder der sozialen Arbeit, wo es ja immer auf die Arbeit mit sehr speziellen Menschen, an speziellen Aufgaben und individuellen Problemstellungen geht, die fast immer auch individuelle Lösungen oder Angebote benötigen, wo aber trotzdem in möglichst einfachen Metriken abgerechnet werden soll, ist das noch auffälliger. Bei Bibliotheken kann man sich immerhin leichter vorstellen, dass eine Lösung wirklich für viele gleich gut ist.

Versprechen der Metriken

Dabei sind diese Metriken und ihre heutige Verwendung auch als Fortschritt verstanden worden. Sie sollten nicht nur die Steuerung von Einrichtungen vereinfachen, sondern auch die Einrichtungen selber autonomer machen. Statt klaren, unveränderlichen Vorgaben, die den Kolleginnen und Kollegen in den unterschiedlichen Einrichtungen von oben – von Amts wegen – möglichst alles vorgaben (egal, ob aus der Überzeugung, dass nur die autoritäre Führung berechtigt wäre, Entscheidungen zu treffen oder ob aus der Überzeugung, mit einem aufgeklärten, planerischem Blick von oben bessere Entscheidungen treffen zu können und so zum Beispiel Einheitlichkeit von Angeboten herzustellen), sollten die Einrichtungen allesamt eine grössere Autonomie erhalten. Sie sollten bestimmte Werte erreichen, diese Werte sollten Qualität ausdrücken, aber wie sie zu den jeweiligen Werten kamen, also welche Wege sie wählten, um diese Qualität zu erreichen, blieb ihnen mehr und mehr überlassen. Namen für diese Form der Steuerung über Zahlen gibt es einige. In der Bildungforschung spricht man von „neuer Steuerung“, in der Soziologie haben das Luc Boltanski und Ève Chiapello als „Neuer Geist des Kapitalismus“ beschrieben. Sicherlich hat die BWL dafür auch noch einen Begriff.

Grundsätzlich geht das Denken aber dahin, dass (a) Qualität der Arbeit einer Institution gemessen werden kann, (b) dass diese Messung quantitativ – also über Zahlen – zu erfassen ist, wobei (c) diese Zahlen immer mehr ausdrücken sollen, als sich selber – Ausleihzahlen sollen so auf die Qualität der bibliothekarischen Arbeit verweisen und sich nicht nur Ausleihen darstellen – und (d) oft auch, dass über diese Zahlen Einrichtungen zu steuern wären, beispielsweise Vorgaben dazu gemacht werden könnten, dass die Qualität in bestimmten Bereichen erhöht werden muss.

Kritik

Gleichzeitig gibt es immer Kritik an diesen Zahlen. Wie lange schon und wie stark, kann ich nicht sagen. Ich habe das Gefühl, dass die Kritik im Bibliotheksbereich mal wieder wächst, aber das kann ein subjektiver Eindruck sein.

Die Kritik besagt zum Beispiel:

  • Das die zu erhebenden Zahlen falsch sind, also das gerade solche Werte nachgewiesen werden müssen, die nicht wirklich Qualität darstellen. Damit erscheinen die Metriken als nicht passend, was immerhin leicht geändert werden könnte.

  • Das bestimmte Dinge nicht über Zahlen zu erheben sind oder aber, dass die zu erhebenden Zahlen – beispielsweise um die Nutzung des Raumes Bibliothek zu bestimmen – nicht erhoben werden können, weil dies zu schwierig ist. Gerne wird dann gefordert, qualitative Elemente einzufügen, zum Beispiel die Aussagen von Nutzerinnen und Nutzer über ihre Nutzung der Bibliothek oder anekdotesches Wissen der Bibliotheksmitarbeiterinnen und -mitarbeiter in die Qualitätsmessung mit hineinzunehmen; aber dieser Vorschlag – wie gut er auch jeweils begründet ist – unterläuft auch immer die Grundidee der Metriken. Die sollen ja gerade in wenigen Zahlen Qualität darstellen.

  • Das die zu erhebenden Zahlen veraltet sind, also beispielsweise bestimmte Tätigkeiten oder Funktionen überhaupt nicht beachten, weil die früher nicht wichtig waren. Zum Beispiel wenn ersichtlich wird, dass das neue Bibliothekscafe eine immer wichtigere Rolle für die Nutzerinnen und Nutzer einnimmt einer Bibliothek einnimt, aber in den Zahlen noch nicht mal nach der Auslastung des Cafes oder nur nach der Kostendeckung gefragt wird.

  • Das die zu erhebenden Zahlen viel zu eng gefasst sind. Eigentlich sollen solche Zahlen ja ermöglichen, dass die einzelnen Einrichtungen eigene Wege gehen können, sich den lokalen Gegebenheiten und Möglichkeiten anzupassen, nur halt am Ende die gleichen Werte liefern müssen. Das zu erreichende Ergebnis wird vorgegeben, nicht der Weg dahin. Wenn aber die Zahlen zu zahlreich sind, die vorhandenen Mittel zu sehr eingeschränkt, die Zahlen zu direkt auf bestimmte Angebote et cetera zugeschnitten, dann gibt es auch die Autonomie der einzelnen Einrichtungen nicht. Wenn zum Beispiel klar definiert ist, dass Führungen von Schulklassen je als eine Stunde Arbeitszeit abzurechnen ist, ist es schwer möglich, andere Formen der Arbeit mit Schulen als einstündige Klassenführungen anzubieten, auch wenn sie lokal sinnvoll sein (oder auch einfach mal Abwechslung bringen) könnten.

  • Das die zu erhebenden Zahlen auf einem falschen, eingeschränkten, veralteten Bild der Bibliotheksarbeit (oder der anderen Einrichtungen wie Museen, Jugendarbeit und so weiter) beruhen oder aber Ziele anvisieren, die nicht von den Bibliotheken geteilt werden. Wenn die Bibliothek, wie eine auf dem Bibliothekspädagogischen Forum diskutierte Definition lautete (ungefähr, nicht als Zitat), eine Bibliothekspädagogik für die Förderung der demokratischen Gesellschaft anstrebt, aber die Zahlen, „die zu bringen sind“, davon ausgehen, dass die Bibliothek vor allem das Lesen lernen unterstützt und deshalb nach Anzahl und Erfolg von Vorlesestunden und Schulklassenführungen fragt, dann verhindern die Metriken eine bestimmte bibliothekarische Arbeit oder erzwingen eine Arbeit, die vielleicht von immer weniger Personen als wichtig angesehen wird. (Beziehungsweise als nicht so wichtig, wie sie durch die Zahlen gemacht wird. Es hat ja niemand per se etwas gegen Leseförderung.)

Es gibt noch mehr Kritiken, die sich teilweise auf spezifische Probleme – insbesondere die Frage, wie bestimmte Dinge abgerechnet werden – bezieht, teilweise strukturell ist und die Grundidee – das alles irgendwie messbar ist und das es gut ist, wenn Einrichtungen über die Definition und das „Erbringen“ von Zahlen gesteuert werden – hinterfragen. Aber gehen wir der Einfach halt halber einmal davon aus, dass wir, und wenn es strategisch ist, die Realität von Metriken akzeptieren. Es gibt sie, es wird sie noch eine Weile oder auch immer geben.

Doch wenn die Kritik an den Metriken wächst (vielleicht), wenn das Gefühl vorhanden ist, dass die vorhandenen Metriken eine sinnvolle bibliothekarische Arbeit – und wenn es nur in bestimmten Bereichen ist – verhindert, was soll man dann tun? Aufgeben und einfach das tun, was durch die Metriken mehr oder minder vorgegeben ist? Einfach weiter in Veranstaltungen wie dem Bibliothekspädagogischen Forum gemeinsam diskutieren, was möglich wäre und sich beschweren, dass es in der Realität doch nicht möglich ist? Wohl kaum.

Eine einfache, aber schwere Lösung

Eigentlich ist es ganz einfach aber auch schwer: Wenn die Metriken nicht stimmen, müssen die Metriken geändert werden. Und zwar so, dass sie besser werden, am besten auf alle Kritiken eingehen. Wie gesagt, das klingt wie eine einfache Lösung; aber selbstverständlich ist sie nicht so einfach:

  • Wer kann überhaupt die Metriken ändern? Sicherlich die, die sie vorgeben, also vor allem die Kommunen und Verwaltungen. Aber können die Bibliotheken alleine etwas tun? Ja. Ich denke ich schon. Sicherlich können die Bibliotheken den Kommunen nicht vorschreiben, was sie zu tun haben, aber sie können einen Gegendiskurs erzeugen. Das ist das, was politische Gruppen ständig tun und ja, es ist Politik. Man muss Positionen beziehen. Aber Bibliotheken können, wie andere Einrichtungen auch, daran arbeiten, die Metriken im Kleinen und im Grossen zu verändern. Klein wäre zum Beispiel, die eigene Verwaltung davon zu überzeugen, dass ein bestimmtes neues Angebot auch in die Metrik mit aufgenommen werden muss. (Zum Beispiel das oben erwähnte Bibliothekscafé und seine Nutzung durch bestimmte Gruppen.) Wenn das an einer Stelle durchgesetzt ist, kann man von anderen Bibliotheken darauf verweisen und versuchen, andere Verwaltungen auch davon zu überzeugen. Je näher ein Angebot an der traditionellen Bibliothek ist, umso einfacher wird das bestimmt sein: E-Books wurden ja zum Beispiel recht schnell in die aktuellen Metriken aufgenommen, allerdings auch sehr angelehnt an die Metriken für andere Medien (was vielleicht auch ein Grund dafür ist, dass E-Books in Öffentlichen Bibliotheken als Einzelstücke „verliehen“ werden und viele Bibliotheken, trotz anderslautender Kritik, damit einverstanden sind). Viele Bibliotheken haben durchgesetzt, dass unterschiedlichen Veranstaltungsformen, die nicht zur Leseförderung und Literaturvermittlung dienen, in bestimmter Menge in die Metriken aufgenommen werden. Das Problem scheint eher, dass sich Bibliotheken über solche Erfolge wenig gegenseitig informieren und sich auch kaum gegenseitig beistehen. Aber grössere Änderungen in den Metriken, die radikalere Schnitte bedeuten, sind dann möglich, wenn Bibliotheken darin übereinkommen, was genau sie eigentlich in den Metriken haben wollen, wie die aussehen sollen und das dann gemeinsam – zum Beispiel als Verbände oder in anderen Gruppen – und längerfristig einfordern. Gut wäre wohl, solche Metriken auch schon zur Hand zu haben, wenn man sie fordert. Man darf nicht erwarten, dass solche Gegendiskurse, die von Bibliotheken erzeugt werden, sofort Erfolge zeitigen. Oft laufen unterschiedliche Metriken nebenher. Aber mit der Zeit, insbesondere wenn man sich regelmässig auf „die eigenen Metriken“ bezieht, wird es einfacher die Öffentlichkeit und dann auch die Verwaltungen et cetera zu überzeugen, dass bestimmte Zahlen, Werte und so weiter wichtig sind. Teilweise scheint einfach die Übereinkunft zu fehlen, dass die Metriken, also die Zahlen, „die zu bringen sind“, nicht einfach nur die bibliothekarische Arbeit behindern, sondern auch geändert werden müssen – und das es eher Aufgabe der Bibliotheken ist, die gewünschten Änderungen zu konkretisieren und einzufordern, als darauf zu hoffen, dass es wer anders tut.

  • Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie man verhindern will, dass die Metriken mit der Zeit wieder die gleichen Probleme aufwerfen, wie die jetzt existierenden. Wenn die Kritik stimmt, dass die Metriken auf veralteten Vorstellungen von Bibliotheksarbeit beruhen und man also neue Metriken, auf der Basis neuer Vorstellungen von Bibliotheksarbeit verfasst und durchsetzt, ist dann nicht vorherzusehen, dass diese Metriken in ein paar Jahren selber veraltet sind? Kann man Metriken ständig ändern (und wenn ja, wie)? Läuft das nicht dem Sinn dieser Systeme zuwider? Oder wenn die Kritik stimmt, dass die vorhandenen Metriken bestimmte Arbeiten erzwingen, weil sie abgerechnet werden können, und andere Arbeiten unmöglich machen, weil sie nicht abgerechnet werden können, wie verhindert man, dass neue Metriken letztlich genau das Gleiche tun, nur für andere Arbeiten; dass sie also nicht bestimmte Dinge erzwingen und andere verunmöglichen? (Einfacher ist es, wenn man per se kein Problem damit hat, durch Metriken bestimmte Dinge zu ermöglichen und andere zu verunmöglichen und sich nur die Frage stellt, welche das jeweils sein sollen. Aber selbst das wäre eine explizite Entscheidung, die man erst einmal treffen muss, am Besten mit Begründungen und Mitbestimmungsmöglichkeiten.)

  • Es stellt sich auch die Frage, wie man die beiden Kritiken, dass Metriken immer Dinge übersehen, die sich halt nicht mit Zahlen messen lassen würden und dass Metriken immer nur dann Autonomie ermöglichen, wenn es auch genügend Mittel und Freiräume für unterschiedliche Wege zum Erreichen der geforderten Zahlen gibt, reagieren können. Kann man in Metriken überhaupt Spielräume für Dinge einbauen, die nicht zu messen sein sollen? Welche sind das? Wie geht man mit denen um? Und wie verhindert man, dass Metriken irgendwann dazu genutzt werden, die möglichst geringsten Kosten zu errechnen, die notwendig sind, um diese Zahlen zu erreichen und dann nur noch die dafür notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt werden?

Man muss halt anfangen, dass Problem als bibliothekspolitisches Problem zu behandeln

Ich habe wenig Antworten auf diese Fragen. (Genauer, ich tendiere eher zu einer systematischen Kritik solcher Metriken, auch weil es schon so viele gescheiterte Beispiele von Planungsphantasien und Steuerungsversuchen durch Metriken gegeben hat. Vielleicht ist einfach grundsätzlich etwas falsch. Aber solche Kritik habe ich ja vorhin um des Argumentes willen einmal beiseite gelassen.) Ich bin vor allem verwundert, warum dieses Thema so wenig im Bibliothekswesen besprochen wird. Offensichtlich ist ja, dass es eine Unzufriedenheit mit den vorhandenen Systemen des Abrechnens von bibliothekarischer Arbeit gibt. Eventuell muss es auch einfach mal als ein Thema gefasst werden, an dem gearbeitet werden kann oder muss. Mir fallen dazu genügend Forschungsfragen ein. (Mich würde zum Beispiel interessieren, auf welchen Wegen die Kolleginnen und Kollegen die jeweiligen Metriken „umgehen“. Das ist eine Erkenntnis aus der Bildungsforschung: Wirklich vollständig hält sich niemand an solche Vorgaben, vielmehr entwickeln gerade die erfolgreichen Einrichtungen Strategien, die Metriken mehr oder minder in ihrem Sinne „umzubiegen“.) Aber für die Bibliothekswesen selber scheint mir eher wichtig, darauf zu verweisen,

  • dass das Problem ein systematisches ist und keines, dass nur in einer Bibliothek zu finden wäre.

  • dass das Problem gemeinsam angegangen werden kann, wenn man sich darauf einigt, was genau man will und von wem, also im grossen und ganzen: mit Bibliothekspolitik.

  • Das es dafür notwendig ist, die Auswirkungen, Kritiken et cetera an den vorhandenen Metriken zusammenzutragen und darauf mit neuen Metriken und neuen Diskursen – beispielsweise dem, dass moderne Bibliothekspädagogik wichtig ist, wie das als Grundthese im Bibliothekspädagogischen Forum vertreten und dort offenbar von vielen geteilt wurde – zu reagieren.

Ist es möglich, damit Erfolg zu haben? Ich würde schon sagen, wenn auch immer in dem Rahmen, dass man das Vorhandensein von Metriken mehr oder minder akzeptiert. (Ein Grund für solche Metriken ist ja zum Beispiel, dass die Bürokratie, auch oder gerade im New Public Management, nur über solche Metriken funktioniert. Eine Verwaltung und Steuerung ohne solche Metriken würde auch eine ganz andere Verwaltung erfordern.)

Einerseits denke ich, dass die Museen in den letzten Jahren relativ erfolgreich dabei waren, neue Diskurse zu etablieren, die auch zu neuen Metriken zur Messung und Steuerung ihrer Arbeit geführt haben. Sicherlich: Einige Teile der Museen werden immer schrecklicher (insbesondere die Museumsshops, aber das ist ein anderes Thema), aber anderseits scheinen sie etabliert zu haben, dass sie langfristig wirkende Bildungseinrichtungen und Standortfaktoren darstellen. Keine Ahnung, wie die das gemacht haben und ob es ein Ergebnis einer gemeinsamen Anstrengung war. Aber es ist sichtbar, dass sich Diskurse um die Aufgabe von Museen und „Zahlen, die zu bringen sind“ geändert haben. Wenn es bei Museen geht, warum nicht auch bei Bibliotheken?

Anderseits haben Bibliotheken in den letzten Jahren schon einmal den Versuch gestartet, eine neue Metrik zu etablieren. Die Idee kam nicht von ihnen, auch hiess es nicht Metrik, aber letztlich ist der BIX nichts anderes, als eine solche Metrik. Der BIX versuchte auch, auf bestimmte Kritiken zu reagieren: Er sollte moderne Bibliotheken repräsentieren, er sollte aktuelle Formen der Bibliotheksarbeit darstellen und so weiter. Die Idee kam von der Bertelsmann Stiftung und das merkt man dem BIX auch an: er ist geprägt vom Denken des „New Public Management“ und marktliberalen Vorstellungen und Zielsetzungen. Auf andere Kritiken, beispielsweise dass bestimmte Dinge nicht zu messen seien, wurde in ihm gar nicht erst eingegangen. Es war auch eine eher kleine Gruppe, die den BIX ausgearbeitet hat, nicht das Bibliothekswesen in einer gemeinsamen Diskussion. Und die Probleme mit dem BIX häufen sich. (Um das zu bemerken reicht ein Besuch des Bibliothekstages. Da tauchen immer wieder Diskussionen darüber auf, was man im BIX nicht eintragen kann oder Kritiken daran, dass Einrichtungen sich mit ihren Ergebnissen falsch dargestellt fühlen; aber kaum mal ein gutes Wort.) Nicht zuletzt scheint die Verbreitung des BIX zu stagnieren, in der Schweiz ist er zum Beispiel fast gar nicht angekommen, obwohl es eigentlich keinen richtigen Grund dafür geben sollte, dass nicht auch zumindest die Bibliotheken in der deutschsprachigen Schweiz teilnehmen könnten. Aber darum geht es hier nicht. Es geht darum, dass der BIX einigermassen erfolgreich darin war, einen bestimmten Gegendiskurs zu anderen Metriken aufzubauen. Es gibt Bibliotheken – die, die „gewinnen“ – welche teilweise mit Erfolg versuchen, die Angaben aus dem BIX anzuführen, wenn sie mit den eigenen Verwaltungen verhandeln. Es gibt einige Ideen, die sich mit dem BIX und dem damaligen Engagement der Bertelsmann-Stiftung in der Diskussion um Bibliotheken bemerkbar gemacht haben, beispielsweise die nach strukturierten Kooperationen mit Schulen. Es geht also. Und bestimmt nicht nur für Metriken, die sich am New Public Management orientieren, sondern auch für andere. Ob die erfolgreicher werden als der BIX hängt bestimmt auch davon ab, wie sehr die auf die Interessen der Bibliotheken reagieren, überzeugend sind und vor allem von den Bibliotheken selber als „ihre Metriken“ getragen werden. (Ich bin mir nicht sicher, dass der BIX als eine solche wahrgenommen wird.)

So oder so: Wenn es ein Problem ist, das „Zahlen gebracht werden müssen“ und wenn dieses Problem die Weiterentwicklung von Bibliotheken behindert beziehungsweise sie zu sehr auf „traditionelle“ Arbeiten festlegt, sollte es angegangen werden. Mir scheint immer wieder, dass die Klagen nicht unberechtigt sind, aber die Konsequenz nicht gezogen wird.

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Nein, sorry. Die neue, grosse Zentralbibliothek ist wohl doch kein Third Place. Vielleicht etwas anderes.

In the absence of an informal public life, Americans are denied those means of relieving stress that serve other cultures so effectively. We seem not to realize that the means of relieving stress can just as easily be built into an urban environment as those features which produce stress. To our considerable misfortune, the pleasures of the city have been largely reduces to consumerism. We don’t much enjoy our cities because they’re not very enjoyable. […] Our urban environment is like an engine that runs hot because is was designed without a cooling system. (Oldenburg, 1989, p. 10)

Eine Aussage, die man aktuell recht oft hört, wenn es um den Neu- und Umbau von Bibliotheken sowie der Neuausrichtung von Bibliotheken geht, ist die, dass Bibliotheken heute Dritte Orte werden müssen, um zu überleben. Dritte Orte ‒ oder, lassen wir es englisch, Third Places ‒ sind dabei definiert als Orte, die weder privat sind (Wohnung) noch zur Arbeit (oder, bei Lernenden, zur Ausbildung) gehören. Das sind beides der Erste und der Zweite Ort. Dritte Orte dagegen sind offen, flexibel, sozial zu nutzen. Wenn Bibliotheken es schaffen, so ein Ort zu werden, werden sie erfolgreich sein. Das wird recht oft geglaubt; Bibliotheken werden deshalb umgebaut, es wird mehr Wert auf Veranstaltungen gelegt, als auf den Bestand an sich, die Möbel werden flexibel, es wird versucht, unterschiedliche Nutzungsweisen zu ermöglichen. Nutzerinnen und Nutzer würden, so offenbar die Vermutung dahinter, gerne zwischen unterschiedlichen Rollen wechseln, mal alleine lernen, dann sich unterhalten, dann spielen, dann gemeinsam lernen et cetera. Die meisten dieser Umbauten und strategischen Ausrichtungen sind oft auch wirklich nicht zum Schlechtesten der betreffenden Bibliotheken.

Aber ein paar Zweifel scheinen mir doch angebracht zu sein: Wieso eigentlich gibt es in dieser Erzählung nur drei Orte? Ist die Welt nicht komplexer? Als ob die Welt nicht auch in drei dutzende Orte eingeteilt werden könnte. Wieso müssen Bibliotheken solche Orte werden? Wie genau erreichen sie es? Das bleibt in der Erzählung oft aussen vor. Es wird behauptet, Nutzerinnen und Nutzer würden heute so leben und wenn die Bibliotheken nicht nachziehen würden, würden die Nutzerinnen und Nutzer nicht mehr kommen. Wie gesagt: Gegen das, was die Bibliotheken aufgrund der Idee vom “Dritten Ort” machen, kann man oft gar nicht viel sagen. Was soll daran schon schlecht sein, wenn sie offener werden, wenn sie einen grösseren Medienmix haben, wenn sie mehr Cafés anbieten? Aber: Woher kommt eigentlich die Überzeugung, dass Nutzerinnen und Nutzer gerade das so wollen? Gibt es eine nachvollziehbare Begründung oder ist es nur ein allgemeines Bauchgefühl?

In Chur werden wir ‒ Rudolf Mumenthaler und ich ‒ nächstes Semester ein Seminar geben, in welchem wir schauen werden, ob (schweizerische) Bibliotheken wirklich die Dritten Orte sind, die sie sein wollen. In Vorbereitung darauf bin ich auf der Suche nach der Herkunft dieser Idee. Schaut man sich die Texte zu Bibliotheken und Dritter Raum an, findet sich entweder kein Hinweis darauf, woher die Idee kommt (es wird recht oft einfach behauptet, dass es so ist, weil viele es sagen ‒ was nicht gerade überzeugend ist) oder aber der Verweis, dass der US-amerikanischer Soziologe Ray Oldenburg den Begriff Third Place geprägt hätte. Dies tat er schon 1989 in einem Buch. Dieses Buch sollte doch ein guter Ausgangspunkt für die Suche nach dem Ursprung der Idee sein. Schauen wir doch mal.

Oldenburg’s Lob der europäischen Cafés

Es gibt dieses Buch, The Great Good Place: Cafés, Coffee Shops, Bookstores, Bars, Hair Salons, and other Hangouts at the Heart of a Community. Es muss sich auch gut verkauft haben, denn obwohl es immer wieder als Begründung für das Konzept “Third Place” angeführt wird, steht es kaum (noch) in Bibliotheken. (Der Swissbib weisst für die Schweiz zwei Exemplare nach, der KVK zeigt neun Nachweise für Deutschland.) Insoweit müssen es viele bei sich daheim haben. Oder aber — es wird und wurde gar nicht so oft gelesen, wie es zitiert wird. Das wäre zwar wissenschaftlich unsauber, aber nachdem ich es selber gelesen habe, drängt sich mir der Eindruck auf, dass viele, die vom “Dritten Ort” reden, mindestens von etwas ganz anderem reden, als Oldenburg selber, der ja immerhin als Quelle angegeben wird.

Der Third Place ist bei Oldenburg nicht eine strategische Ausrichtung, die Bibliotheken im 21. Jahrhundert wählen müssen um modern zu sein, schon gar nicht die grossen Einrichtungen und vor allem nicht in Europa. Third Place ist auch nichts, was sich der Meinung von Oldenburg nach von den Menschen als Ort gewünscht oder von ihnen gefordert würde; schon gar nicht (darauf werde ich später nochmal eingehen) von Menschen, die als Kundinnen und Kunden begriffen werden.

Es geht ihm um etwas ganz anderes: Oldenburg identifiziert für die US-amerikanische Gesellschaft der späten 1980er Jahre (wie gesagt, dass Buch erschien 1989) einen eklatanten Verlust an gesellschaftlicher Kohäsion. Die Menschen wären immer mehr vereinzelt, auf Konsum ausgerichtet und immer weniger in der Lage, kommunikativ als gesellschaftliche Wesen zu funktionieren. Das würde die Qualität des Lebens der Menschen ebenso bedrohen wie den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Er will eine bessere Gesellschaft, eine, in der Menschen offener, sozialer und kommunikativer sind, in denen sie ein besseres Leben führen würden, als er es in den späten 1980ern in den USA wahrnimmt. Das ist seine grosse Sorge.

Das Gegenbild findet er in Europa; genauer vor allem in einigen europäischen Städten: Paris, Wien, Rom, London, ein wenig Barcelona, ein wenig andere französische und englische Städte. Die Lebensqualität dort wäre viel besser als in den USA und zwar, weil sie funktionierende Third Places hätten. Sehr wichtig: Nicht, weil sie sie erst herstellen müssen, sondern weil sie schon da sind. Zudem findet er funktionierende Third Places in der US-amerikanischen Vergangenheit, gerade in Deutsch-Amerikanischen Biergärten und in der Mainstreet früherer kleiner Gemeinden. Insoweit sind Third Places immer auch vom Verschwinden bedroht.

Aber es ist wichtig, die Perspektive nochmal klar zu machen: Immer geht es Oldenburg darum, die damalige zeitgenössische US-amerikanische Gesellschaft zu kritisieren. Europa ‒ zumindest bestimmte Teile, aber zum Beispiel nicht die Schweiz ‒ sind ihm dabei immer Vorbild. Der Begriff Third Places wird von ihm in diesem Kontext geprägt. Thrid Places sind für Oldenburg die Lösung für ein Grundproblem der US-amerikanischen Gesellschaft der 1980er Jahre. Bis zu der Aussage, Bibliotheken (in Europa, das für ihn ja Vorbild ist) müssten versuchen, Third Places zu werden, ist es da ein langer Weg.

Zudem sind die prototypischen Third Places für Oldenburg nicht Bibliotheken, sondern französische Cafés, englische Pubs und wienerische Kaffeehäuser; Orte, die offen und sozial sind. Das sind nicht alle Cafés, sondern nur solche, bei denen der Zugang für alle gegeben ist, dass heisst, die recht billig sind; die eine Community entwickeln, also “regulars”, Stammgästinnen und -gäste haben; die langfristig und regelmässig die ähnlichen Leute anziehen und die einen Austausch zwischen Menschen motivieren. Und es sind immer urbane Orte. Ausserdem haben die Third Places, die Oldenburg in seinem Buch und dem Nachfolger (Oldenburg, 2001) hervorhebt, alle mit Getränken zu tun, entweder solchen mit Alkohol ‒ aber eher geringem Alkoholgehalt ‒ oder Koffein.

Aufgabe dieser Third Places ist es, Gesellschaft herzustellen. Dadurch, dass sie weit mehr sind als rein Konsumorte, bilden sie nicht nur den Nukleus von Communities, sondern auch den Ort, an dem Menschen lernen, sich gesellschaftlich zu verhalten, Freundschaften zu finden, Beziehungen zu knüpfen und aufrecht erhalten. Vor allem bieten sie auch Ausstiege aus den beiden anderen Orten (privater Raum und Arbeit/Ausbildung) an. Solche Orte bieten für Oldenburg Einrichtungen, an dem Menschen auch lernen, sich über ihre Interessen zu verständigen, über den eigenen Kreis von Familie und Bekannten sowie der eigenen Schicht hinauszugehen. Oder anders: Sie sind für ihn Grundlage funktionierender Demokratien. Diktaturen würden solche Orte zu unterbinden versuchen. Eine der gefährlichen Entwicklungen in den USA sieht er darin, dass Third Spaces kaum noch existieren würden; dass sich die USA selber dieser Orte zerstören würde und so zu einer Vereinzelung gelangen würde, die sonst eben in Diktaturen herrschen würde. Auch hier sieht man, dass das Buch von Oldenburg ‒ auf das sich, um das nochmal zu betonen, heute berufen wird, um die strategische Umgestaltung von Bibliotheken zu begründen ‒ sich mit damit beschäftigt, seine wirklich destrastöse Sicht auf die US-amerikanische Gesellschaft zu untermauern und das auch mit recht polemischen Aussagen.

Ich als jemand, der in seinem kurzen Leben schon in mehr als einem halben Dutzend Cafés in Berlin und Zürich über eine längere oder kürzere Zeit zu den “regulars” gehört habe, konnte mich in dem Buch immer wieder einmal wieder finden. Aber ich fand auch die eher kahlen Kaffeehäuser in Wien, wo man von Kellnern angeschnautzt wird oder die Bierhallen in Köln mit ihren lauten Atmosphären super erholsam und anregend. Mir leuchtet ein, dass der tägliche Besuch solcher Einrichtungen, als ich nur in Berlin wohnte oder jetzt, wenn ich da bin, wichtig für meine individuelle Sozialität, gesellschaftliche Kompetenz und Produktivität war und ist. Aber ich bin mir auch bewusst, dass das gute Bild, dass ich von meinen “verlängerten Wohnzimmern” habe, nicht von allen geteilt wird. Oldenburg hat solche Ablehnung aber offenbar schon härter erfahren und nutzt auch einen guten Teil seines Buches dazu, die positiven Aspekte hervorzuheben und falschen Vorstellungen zu widersprechen.

Eine der Fragen, die er sich dabei vorlegt, ist, warum so viele Menschen sich mit schlechten Substituten für Third Spaces oder gar einem Leben nur “in zwei Orten” zufrieden geben. Seine Antwort ist, dass sie es oft nicht besser kennen. Sehr viel Disrespekt hat er für Orte, die auf den ersten Blick wie Third Places funktionieren wollen, aber nicht verstehen, das ein solcher Ort davon lebt, Gesellschaft im Kleinen zu ermöglichen und immer wieder neu herzustellen. Insbesondere die Versuche, US-amerikanische Dinners, Bars und so weiter so zu führen, dass die Gästinnen und Gäste als Kundinnen und Kunden verstanden werden ‒ als Personen, die ständig mit neuen Dingen umworben werden müssen, deren Verhalten vorgeplant und auf Gewinn pro Quadratmeter berechnet werden ‒ sind ihm dabei ein negatives Beispiel. Solche Orte würden dazu führen, dass entweder Menschen nebeneinander her trinken würden (und zwar ohne Kultur möglichst viel und harte Getränke), in kurzfristig existierenden, aufs schnelle Trinken orientierte Gruppen sinnlos feiern würden (er sagt nicht “kulturlos”, aber ich würde es so nennen; halt Club-Crawl statt Genuss) oder im Besten Falle als “Bring Your Own Friends”-Bars funktionieren würden, in denen die Gruppen, die gemeinsam kommen auch immer unter sich bleiben. Third Places würden hingehen so funktionieren, dass Menschen alleine kommen und dann von den gerade Anwesenden aufgenommen und eingebunden würden ‒ halt ordentliche Stammkneipen, Bistros oder Kaffeehäuser; aber zum Beispiel nicht Starbucks, in denen alle in den Gruppen bleiben, in denen sie kamen oder halt so alleine bleiben, wie sie beim Eintritt waren. Wie gesagt: Es geht darum, dass Menschen in den Third Places lernen, eine Gesellschaft zu bilden; nicht unbedingt darum, schon bestehende Freundeskreise zu pflegen. Da aber viele Menschen überhaupt keine funktionierenden Third Places kennen, würden sie auch nicht (mehr) wissen, was sie verpassen und sich mit viel zu wenig zufrieden geben. (Wobei Oldenburg da sehr hart mit seiner Gesellschaft ins Gericht geht: Menschen, die sich mit schlechten Kneipen zufrieden geben, die an Pub Crawls teilnehmen, die zu viel Fernsehen schauen… alle kritisiert er.)

Kriterien von Third Places

Was Oldenburg in seinem Buch auch liefert, sind Kriterien für Third Places. Das ist relevant, weil Texte zu Bibliotheken und Third Places da eher zurückhaltend sind. Was ein Third Place ist, wird in solchen Texten sehr grob umschrieben — halt nicht erster und nicht zweiter Ort. Auch die Kriterien bei Oldenburg stellen keinen harten ISO-Standard dar, aber sie sind viel konkreter. Irgendwo zwischen diesem Buch und der heutigen Verwendung scheinen diese Kritierien verlohren gegangen zu sein. Dabei sind sie wichtig, weil sie bei Oldenburg zeigen, warum die Third Places als soziale Orte funktionieren.

  • Third Places sind Orte für unabgesprochene, nicht oder wenig zu planende Treffen. Praktisch: man entscheidet sich hinzugehen und geht direkt hin. Oder: Man trifft zufällig jemand auf der Strasse und kann einfach hin. Oder: Man geht hin und trifft irgendjemand. (Und nicht, wie das zum Beispiel in der Schweiz zumindest an Freitag und Samstag normal ist: man verabredet sich, dann reserviert man für später in einem Restaurant und geht dann zusammen essen und / oder trinken, in der Konstellation, für die reserviert wurde.)
  • Third Places sind explizit nicht die anderen beiden Orte. Das explizit ist wichtig: Sie sind keine Verbindung von zweitem Ort und drittem Ort. Sie sind dritte Orte. (Selbstverständlich muss irgendwer die Arbeit im Third Place tun, zum Beispiel hinterm Tresen stehen, was sie für ihn oder ihr zum ersten Ort machen. Darauf geht Oldenburg nicht ein.)
  • Third Places sind neutral; niemand muss Gastgeberin oder Gastgeber sein.
  • Third Places sind eher nicht schön, sondern “plain”. Schönheit hat selbstverständlich immer seine subjektive Komponente. Es geht Oldenburg aber darum, dass funktionierende Third Places eher einfach, teilweise vernutzt sind. Dieses Benutzsein ‒ das man in ordentlichen Wiener Kaffeehäusern, Pariser Cafés oder Berliner Kneipen ja auch findet ‒ ist offenbar für die Third Place-Funktion ein Pluspunkt. Oft, aber nicht immer, lassen sich so zum Beispiel aufgepimpte Tourifallen ‒ die sich in Wien eben auch Kaffeehäuser, in Paris Café und in Berlin Kneipe zu nennen pflegen ‒ von Third Places unterscheiden. Third Places muss praktisch sein, nicht schön.
  • Third Places sind “Leveler”, Gleichmacher. Ihr Zugang ist wirklich offen, dass heisst, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. (Wieder ein Unterschied zum Starbucks. Der ist zu teuer, um wirklich offen zu sein. Die Berliner Kneipen, die mir einfallen, sind zum Beispiel viel billiger; aber sie ermutigen auch, vorbeizukommen, ohne etwas zu erwerben. Oder aber ohne schlechtes Gewissen wirklich wenig zu erwerben, ein Getränk für drei Stunden. In mehr als einer ist es zum Beispiel explizite Politik, die Gästinnen und Gäste zu ermutigen, ihr eigenes Essen mitzubringen; trotz Angeboten in der Kneipe selber. Das sollte mal wer im Starbucks versuchen.) Sie haben die Tendenz, dass sich in ihnen die Menschen vermischen und die Persönlichkeit mehr zählt, als Status, Einkommen und so weiter. (Hier denke ich auch immer wieder an die niedrigen Preise in Berliner Kneipen, die dazu führen, dass es recht egal ist, dass ich da jetzt mit schweizerischem Gehalt drin sitze: Viel mehr als früher kann ich mir davon dort auch nicht kaufen. Wenn ich dort mit meinem Freundinnen und Freunden sitze, die knapp über den Existenzminimum verdienen, geben wir immer noch ähnlich viel aus, wie früher, als wir alle knapp über dem Existenzminimum verdienten.) Je weniger Statussymbole zählen, um so mehr ist der Third Place ein Gleichmacher. Wenn in Berliner Kneipen Symbole wie Kreditkarten (werden nicht genommen), Uhren (werden ignoriert) oder Anzüge (haben wir Vintage, nichts besonderes) nichts zählen oder wenn sie in Wien ins Lächerlicher überspitzt werden (so die Darstellung von Oldenburg), dann macht das die Menschen freier, untereinander zu interagieren. Solange sie sich sozial benehmen sind alle willkommen. (Was nicht alle schaffen, auch weil sie zum Teil keine Übung darin haben, ist, sich abzuschauen, was in einem bestimmten Ort als sozial gilt. Da hätte ich einige Geschichten, gerade mit Jugendgruppen aus Zürich und St. Gallen in Berlin zu erzählen.)
  • Kommunikation ist die Hauptaktivität in Third Places. Das ist nur folgerichtig, wenn sie sozial sein sollen. Aber Kommunikation heisst auch immer, dass diese Orte zumindest von Zeit zu Zeit laut werden. Was laut heisst, ist unterschiedlich. (Oder, um nochmal auf meine Erfahrungen zurückzugreifen: Verändert sich über den Tag.) Auch ist Kommunikation etwas, dass erlernt wird; beispielsweise die Fähigkeit, nahe bei anderen Leuten zu sitzen, aber deren Gespräche nicht mitzuhören. Es ist eine Kulturtechnik.
  • Third Places müssen dann offen und zugänglich sein, wenn die Menschen mit ihren Aufgaben in den ersten und zweiten Orten fertig sind. Wann genau das ist, ist bekanntlich auch unterschiedlich. Manchmal ist es sehr einheitlich, wie in vielen Teilen der Schweiz; manchmal eher flexibel, wie in Berlin. Aber oft heisst das, spät Abends offen zu haben.
  • Third Places werden unregelmässig, aber oft aufgesucht. Das unterscheidet sie zum Beispiel von Tennisclubs, die zu festgelegten Zeit aufgesucht werden. Aber Third Places müssen nicht jeden Mittwoch oder so besucht werden, trotzdem kann man darauf vertrauen, dort jemand oder etwas zu tun zu finden.
  • Third Places sind nearby, was oft heisst, sie sind fussläufig zu erreichen. Halt eher die Kneipe auf der anderen Seite des Platzes als die mit einer halben Stunde Fahrtzeit.
  • Third Places haben die “richtigen” Besucherinnen und Besucher, wobei richtig immer heisst, individuell zu Einer oder Einem passend. Es bilden sich immer Gruppen von Regulars, die oft einen bestimmten Ort benutzen. Regular wird man, indem man oft vorbeikommt und damit sowie mit richtigem Verhalten Vertrauen bei den anderen Regulars und z.B. dem Kneipenpersonal aufbaut. Regulars kommen zum Teil täglich vorbei, aber auch teilweise lange Zeit nicht. Sie wechseln “ihre” Third Places oder sind zugleich an mehreren Orten Regulars. Zugleich zeichnet Third Places aus, dass sie “Neue” willkommen heissen und ihnen ermöglichen, leicht zu Regulars zu werden. Jeder Third Places lebt davon, wer sein Regulars sind.
  • Third Places sind nicht nur plain, sie sind auch zumeist nicht als Third Places geplant, sondern entwickeln sich zu solchen dadurch, dass ein Gruppe von Regulars beginnt, sie als solche zu nutzen. Oldenburg deuten an, dass dieser Prozess unterstützt werden kann. (Er hat dazu ein zweites Buch geschrieben, in dem er eine Anzahl von Beispielen für funktionierende Third Places in den USA beschreibt: Celebrating the Third Place. Unter diesen gibt es zahlreiche Caés und Restaurants, einen Photo Shop, eine Buchladen, aber keine Bibliothek.) Grundsätzlich kann man Menschen zu Regulars machen, indem man sie als Menschen behandelt ‒ und weniger als Konsumentinnen und Konsumenten ‒, beispielsweise indem das Thekenpersonal Interesse an ihnen zeigt. Oldenburg geht davon aus, dass Third Places immer das Ergebniss menschlicher Interaktionen darstellt, nicht den Erfolg von Planungen.
  • Third places are playful, im Sinne von recht offen und recht umnutzbar. Es ist wenig vorgegebenen und es ist okay, Dinge zu ändern, zu spielen.
  • Third places are “home away from home”. Man kennt sich untereinander, oft gibt es für Stammgäste Privilegien, und zwar solche, die auf Vertrauen und Freundschaft basieren, nicht auf Quasi-Verträgen wie Sammelkarten, die eingelöst werden können. Sie bieten emotionalen Support und man darf in ihnen man-selbst-sein.
  • Third Places geben den einzelnen Menschen Anregungen und Unterhaltung, eben weil sie auf Kommunikation basieren. Sie bieten auch einen Ort, an dem man lernt, über sich selber zu lachen; die Kommunikation in ihnen ist oft humorvoll und ruppig. Third Places sind “gemütlich” (bei Oldenburg explizit deutsch geschrieben), im Sinne von heimeligen Orten mit einer gewissen Wärme und Sicherheit. In ihnen blüt der “Amateurism”, also das Singen, Diskutieren, die laute Selbstdarstellung ohne grossen Ernst. Dies ist insbesondere dann wichtig, wenn dies ausserhalb des Dritten Ortes verpöhnt ist, was in einigen Gesellschaften und Städten mehr und in anderen weniger der Fall ist. Third Places fördern viele, dafür aber eher oberflächliche Freundschaften und Bekanntschaften. Durch die Masse an Bekannten sind Menschen in der Lage, engere Freundinnen und Freunde aus einer grösseren Anzahl und aus mehr Lebenssituationen zu wählen, als es ihnen ohne Third Places möglich wäre.
  • Third Places übernehmen deshalb auch, wie schon erwähnt, eine wichtige Funktion in demokratischen Gesellschaften. Trotz ihrem schlechten Leumund, beispielweise bei Stadtplanerinnen und -planern, die sie gerne verbieten wollen, sind sie für Oldenburg die Basis für eine menschliche Gesellschaft.

Das ist doch keine Bibliothek

Es sollte klar geworden sein: Die gut durchmischte Kneipe in Berlin, das Kaffeehaus in Wien, dass in fast keinem Touriführer steht, das namenlose Bistro in Paris oder Lyon sind für Oldenburg dritte Orte. Ich bin mir nicht sicher, ob das überzeugt. Ich kann mich in dem Buch  gut wiederfinden; aber ich habe auch den Eindruck, dass das daher kommt, dass mein Leben von solchen Orten geprägt ist. Ein guter Teil meines Studiums und meiner Arbeiten fand in und durch solche Orte statt. Auch heute noch. Insoweit können sie so schlimm nicht sein. Aber: Vielleicht bin ich da auch die Ausnahme. Oldenburg lässt die Third Places hochleben, um seine eigene Gesellschaft (am Ende der 1980er, im zweiten Buch am Ende der 1990er) zu kritisieren. Vielleicht hat der Begriff auch einfach ausgediehnt. Vielleicht hat der nicht-wirklich-dritte-Ort Starbucks gewonnen und die Kommunikation, die sonst am Dritten Ort stattfand, wird heute im Internet geübt? Oder vielleicht gibt es auch andere Orte, an denen kommunikative Kulturtechniken eingeübt werden? So gerne ich auch eine Begründung für meine eigenen Vorlieben hätte: mir ist klar, dass die von einer guten Anzahl an Menschen geteilt werden (mit denen ich diese Orte teile), von vielen aber auch nicht. Das Buch von Oldenburg ist nicht so überzeugend, wie man sich erhoffen könnte. Er mag Sozialwissenschaftler sein, aber das Buch selber kommt mit wenig Zahlen, dafür aber vielen Geschichten, die Oldenburg selber erlebt hat, aus.

Doch selbst wenn das Konzept von Oldenburg nicht zu 100% überzeugt, ist doch eines klar: Das, was Oldenburg unter Third Place versteht (und für eine demokratische Gesellschaft als wichtig beschreibt), ist nicht das, was heute in Bibliotheken gebaut wird. Oldenburg selber schreibt zu Bibliotheken, dass sie zu komplex sind, um ein Third Place zu sein (Oldenburg, 1989, p. 203), aber das eher im Vorübergehen.

Schaut man sich seine Kriterien an, kann man sich schon vorstellen, das bestimmte Bibliotheken von einer Gruppe von Regulars als Third Place genutzt werden. Aber: von einer eher kleineren Gruppe und vor allen viel eher kleine Bibliotheken und Filialen und gerade nicht grosse, neugebaute Bibliotheken. Es scheint mir ein wenig der Unterschied (den ich hoffentlich lange genug im Text aufgebaut habe) zwischen ordentlicher Kneipe und Starbucks zu sein: die lokale Branch-Library, die als Third Place wirken kann (weil sie fussläufig zu erreichen ist, weil sich eine Gruppe von Regulars bilden kann, die einfach “hereinschneien” können, auch ohne etwas “bibliothekarisches” zu tun und so weiter) die ein wenig wie eine Kiez-Kneipe funktioniert auf der einen Seite und auf der anderen Seite die grosse Zentralbibliothek, ob jetzt in Amsterdam oder Stuttgart, die eher wie ein Starbucks wirkt (ohne richtige Regulars, die “reinschneien”, weil zu gross, die nicht fussläufig zu erreichen ist, die eher zu bestimmten Aufgaben und in Gruppen besucht wird et cetera). Worauf Oldenburg Wert legt, ist, dass an der Tür zum Third Place “der Status und die Welt abgeben” wird. Ist das etwas, was in Bibliotheken möglich ist? Mir scheint eher, dass Bibliotheken etwas anderes sind, als das, was Oldenburg als Third Place beschreibt.

Selbstverständlich lassen sich auch die einzelnen Kriterien von Oldenburg diskutieren. Etwas, dass sich aber nicht wegdiskutieren lässt, ist, dass er funktionierende Third Places als Grundlage einer demokratischen Gesellschaft beschreibt. Wer Third Places nutzt, lernt nicht nur leichter zu leben, sondern auch mit anderen zu kommunizieren, hat ein grösseres Feld von Erfahrungen, auf die er oder sie zurückgreifen kann, hat eher gelernt, andere “zu verstehen” und so weiter. Im Umkehrschluss heisst dies auch, dass, wer aktiv demokratische Prozesse fördern will, Third Places im Sinne von Oldenburg fördern kann / muss. Machen und wollen das die Bibliotheken, die heute unter dem Label “Dritter Ort” agieren? Mir scheint eine relevante Verschiebung vorgekommen zu sein: Was bei Oldenburg als Grundlage einer demokratischen Gesellschaft gilt, erscheint heute, als wäre es einfach eine Anforderung von Nutzerinnen und Nutzern, dessen gesellschaftliche Auswirkungen zumindest im Bibliotheksbereich gar nicht diskutiert werden. Die Begründung für die Umbauten wurde auf “die Nutzerinnen und Nutzer wollen es” abgeschoben.

Was ist dann die “Bibliothek als Dritter Ort”?

Ich hoffe, es ist klar geworden, dass gerade den gerne angeführten Bibliotheken, die als “Dritter Ort” wirken sollen ‒ zum Beispiel die Zentralbibliothek der Openbare Biblioteek Amsterdam, die Bibliothek 21 Stuttgart oder neue Central Library Birmingham ‒, wichtige Eigenschaften eines Third Places fehlen: sie sind nicht “nearby”, sie sind nicht etwas explizit anderes als der zweite Ort, sie fördern nicht die Kommunikation zwischen Regulars und / oder Fremden (sondern eher das Starbucks-Verhalten des “Bring your own friends”), sie sind nicht besonders playful. Wenn überhaupt, dann können kleine, lokal verankerte Bibliotheksfilialen einen Dritten Ort darstellen. Aber auch nur, wenn sie lange offen haben, als sozialer Treffpunkt ‒ auch für Besuche, die nichts mit Bibliotheksmedien zu tun haben ‒ wirken und so weiter. Das kann es geben, aber vielleicht nicht so oft, wie man glaubt.

Doch: Was sind dann eigentlich all die anderen Einrichtungen; gerade die schönen, grossen, multifunktionalen, auf neue Medien, Veranstaltungen, Makerspaces und Kooperationen bauenden Bibliotheken? Nur weil sie nicht den Kriterien von Oldenburg entsprechen, heisst das ja nicht, dass sie nicht funktionieren. Meiner Meinung nach werden diese Bibliotheken mit bestimmten Hoffnungen und aus guten Gründen so neu ausgerichtet oder gar gebaut. Die Frage ist aber, mit welchen Hoffnungen und aus welchen Gründen? Die, ein Third Place zu werden, wie ihn Oldenburg beschreibt, bestimmt nicht. Oder wollen Bibliotheken wirklich die Aufgabe übernehmen, Communities zu bilden, mit all der “grundlosen” Kommunikation, all dem Trinken, all der Lautstärke die dazu gehört? So sehen die grossen, neuen Gebäude nicht gerade aus.

Offenbar reden Bibliotheken von etwas anderem, wenn sie “Dritter Ort” sagen. Sie nehmen wahr ‒ oder glauben wahrzunehmen ‒, dass Nutzerinnen und Nutzer die Bibliotheken flexibel nutzen wollen, das sie “soziale Flächen” haben wollen, dass ihnen mehr zugetraut werden soll, als einfach nur wie Kundinnen und Kunden Angebote zu nutzen. Wie gesagt: Das, was dann rauskommt an neuen Bibliotheken ist nicht schlecht. Doch es gibt vielleicht gar nicht die Basis, welche die Bibliotheken immer wieder dafür anführen. Eventuell wäre es ganz klug, wenn die Bibliotheken sich einmal klar werden, was sie eigentlich genau unter “Third Place” verstehen und dann nachschauen, ob die Anforderungen seitens der Nutzerinnen und Nutzer (oder aber der Gesamtgesellschaft) überhaupt wirklich existieren. Das würde viel zur Klärung der Frage beitragen, was “Bibliotheken als Dritter Ort” wirklich heisst.

Was aber nicht geht, ist zu behaupten, Oldenburg hätte den Begriff “Third Place” geprägt und deshalb müssten grosse, helle, flexible Bibliotheken gebaut werden. Das passt nicht zusammen. Man kann das auf Berlin beziehen: Als die Zentrale Landesbibliothek auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof ein solches Gebäude hinstellen wollte und behauptet, damit würde die Bibliothek zum Third Place, hatte sie damit Umrecht. (Ob es falsch wäre, in Berlin für die Zentralbibliothek ein neues, grosses Gebäude zu bauen, ist eine andere Frage.) Als in den letzten Jahrzehnten in Berlin von den Stadtbezirken immer mehr kleine und kleinste Bibliotheksfilialen geschlossen wurden, da wurden eher Bibliotheken, die wie Third Places wirkten, geschlossen ‒ gerne mit der Begrüdung, dass sie nicht mehr nötig wären.

So oder so: Offen bleibt noch, wie und wann eigentlich die Transformation von Oldenburgs “Third Place” als Lösung für von ihm wahrgenommene Probleme in der US-amerikanischen Gesellschaft in “Bibliotheken müssen Dritte Orte” werden, und damit auch die gänzliche Umwertung des Begriffs “Third Place”, stattfand. Da bin ich noch hinterher.

Literatur

Oldenburg, Ray. The Great Good Place: Cafés, Coffee Shops, Bookstores, Bars, Hair Salons, and other Hangouts at the Heart of a Community. New York: Marlowe & Company, 1989

Oldenburg, Ray. Celebrating the Third Place. Inspiring Stories about the “Great Good Places” at the Heart of Our Community. New York: Marlowe & Company, 2001

Bewegen sich Bibliotheken vielleicht einfach mit der Gesellschaft mit?

Silvester 2014/2015 und die Tage drumherum verbrachte ich in Amsterdam. Für Bibliothekarinnen und Bibliothekare ist diese Stadt bestimmt auch wegen der Openbare Bibliotheek Amsterdam bekannt, beziehungsweise dem 2007 bezogenen neuen Gebäude der Zentralbibliothek dieser Stadtbibliotheken auf dem Oosterdok gleich um die Ecke von der Centraal Station. Dieser Neubau erhielt nach der Eröffnung reichlich Beachtung, beispielsweise ‒ allein auf deutsch ‒ mit Beiträgen von Gernot U. Gabel in der B.I.T. online, von Sarah Dudek in der BuB oder Hermann Romer in der SAB-Info/Info-CLP (S. 6). In fast jeder Publikation zu Bibliotheksbauten in Europa, die in den letzten Jahren erschienen ist, kommt die Bibliothek ebenso vor. Der Ruf ist gut: Jung ist die Bibliothek, attraktiv, innovativ, mit einem grossen Angebot von Veranstaltungen.

Da meine Begleitung zum Glück ebenso bibliotheksaffin ist wie ich, war es überhaupt kein Problem, dass Gebäude gleich am ersten Abend zu besuchen. Und ja: es ist eine schöne, passende und attraktive Bibliothek; die in der offenen und liberalen Grossstadt Amsterdam offenbar gut funktioniert. Gross, hell, mit vielen flexibel zu nutzenden Arbeitsplätzen, mit vielen Veranstaltungen.

Ausgeschilderter Weg zu Bibliothek.

Ausgeschilderter Weg zu Bibliothek.

Ordentliche Öffnungszeiten.

Ordentliche Öffnungszeiten.

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Obwohl wir am 30.12. vorbeigingen, war die Bibliothek in voller Nutzung. Und es gibt in ihr wirklich vieles, was heute in Öffentlichen Bibliotheken zur Innovation gezählt wird: flexibel zu nutzende Flächen, Ausstellungen (sowohl im Untergeschoss, als auch zwischen den Beständen, teilweise passend zu den jeweiligen Teilbereichen), ein Veranstaltungsprogramm, das mit Workshops, Konzerten und vielem mehr über die einfache Lesung hinausgeht, freundliches Personal, dass auf der gleichen Höhe wie die Nutzerinnen und Nutzer sitzt, Plätze mit viel Licht und Ruhe zum Arbeiten und Plätze mit gemütlichen Sitzgelegenheiten und Blick über die Stadt; Medienstationen für Musik, ein kleines Kino mitten im Bestand, Kunst in der Kunstabteilung, eine lockere und liberale Atmosphäre. Es gibt nichts auszusetzen.

Und dennoch: als wir am Ende unseres Rundgangs im Restaurant im Stockwerk über der Bibliothek (mit gesundem, nachhaltigen und im Vergleich zu den Preisen in der Altstadt durchschnittlichen Preisen; obwohl es von einer Kette betrieben wird) sassen, hatte ich das Gefühl, dass alles schon zu kennen. Dieses übermässige Weiss überall; diese Einbindung unterschiedlicher Medien; diese lockere Atmosphäre. Irgendetwas stimmte nicht. Ich denke es ist Folgendes: Nichts an dem, was zu sehen ist, war besonders grossartig, innovativ oder neu. Alles war okay, aber bei allem Respekt hatte ich überhaupt kein Neuigkeitsgefühl in dieser Bibliothek.

Wie gesagt: Ich finde sie gut. Soweit ich das mit einem Besuch (an einem etwas untypischen Tag) bewerten kann, ist es eine gut integrierte und gut funktionierende Bibliothek, die sich aktuell hält.

Musikabspielstation.

Musikabspielstation.

Kleines Kino für Bibliotheks-DVDs

Kleines Kino für Bibliotheks-DVDs

Radio direkt in der Bibliothek gemacht.

Radio direkt in der Bibliothek gemacht.

Das Restaurant auf dem Dach, mit direktem Zugang aus der Bibliothek.

Das Restaurant auf dem Dach, mit direktem Zugang aus der Bibliothek.

Weiterentwicklung

Genau das war, glaube ich, mein Problem mit dieser Bibliothek, beziehungsweise mit dem Bild von der Bibliothek im Vergleich mit ihrer Realität: Die Zentralbibliothek der Openbaren Biblioteek Amsterdam ist eine moderne Bibliothek, die sich an die aktuellen Möglichkeiten anpasst. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Ein ähnliches Gefühl hatte ich, als ich letztens in Köln den Makerspace in der dortigen Stadtbibliothek besuchte. Ich kannte ihn vorher aus Texten (s. 295-297) und Vorträgen, in denen er als etwas erstaunlich Innovatives und Neues dargestellt (und mit der Q-thek im unteren Stock der Bibliothek verbunden) wurde. In der Realität ist der Raum erstaunlich klein, der 3D-Drucker ist vor allem am Samstag in Betrieb, die Workshops sind zahlreich, bewegen sich aber meist auf der Ebene “Einstieg in…” beziehungsweise “Einführung in…”. Gleichwohl funktioniert der Raum, die vorhandenen Geräte sind sinnvoll und beschriftet. Das Angebot passt in die Bibliothek. Vielleicht ist es das, was genau in diese Stadt passt.

Sowohl in Amsterdam als auch in Köln hatte ich den Eindruck (allerdings jeweils nur von kurzen Besuchen während Kurzurlauben), dass es sich um sinnvolle Weiterentwicklungen handelte. Wenn zum Beispiel Musik vor allem elektronisch vorhanden ist, ist es für einen Bibliothek nur sinnvoll, wenn es Abspielstationen wie in Amsterdam (oder der Q-thek in Köln) gibt. Das ist in den Medienformen angelegt. Wenn die Aufgaben der Bibliotheken breiter werden, ist es nur sinnvoll, dass es auch mehr und andere Workshops gibt, wie das in Amsterdam und Köln der Fall ist. Man kann sich wohl bei all diesen Angeboten streiten, welche Entwicklung genau sinnvoll ist, ob zum Beispiel (so würde ich das behaupten) bestimmte Angebote in bestimmten Städten oder Gemeinden funktionieren und in anderen nicht. Aber so oder so sind all diese Weiterentwicklungen genau das: Weiterentwicklungen von schon vorhandenen Angeboten. Manche Dinge kommen uns in Deutschland und der Schweiz vielleicht unerhört neu vor, zum Beispiel Radio in der Bibliothek, wie das in Amsterdam gemacht wird. Aber auch da scheint mir oft, dass unser Blick einfach zu sehr auf spezifisch deutsche oder schweizerische Traditionen eingeengt ist. Ich hatte kurz vorher “L’action culturelle en bibliothèque” von Bernard Huchet und Emmanuèle Payen (edit.) gelesen, das ein Standardwerk für kulturelle Veranstaltungen in französischen Bibliotheken ist und fand, dass das Radiostudio in Amsterdam gut als weiteres Beispiel in dieses Buch gepasst hätte.

Nicht Innovation

Warum das alles hier erzählen? Weil es (wieder einmal) zu dem Punkt führt, dass ich ein grosses Unbehagen mit dem Begriff “Innovation” und seiner Verwendung im Bibliothekswesen habe. Die Bibliothek in Amsterdam und der Makerspace in Köln wurden in der deutschsprachigen bibliothekarischen Literatur beide als neu und innovativ vorgestellt. In der Realität scheinen sie aber vor allem sinnvoll auf neue Anforderungen und Möglichkeiten zu reagieren, immer im Rahmen ihrer lokalen Gegebenheiten. Mir ist nicht klar, warum man das nicht auch einfach so darstellen und begreifen kann. Ist es etwa etwas Schlechtes, sich “einfach” weiterzuentwickeln?

Der Begriff Innovation impliziert eine bis dato nicht bekannte Veränderung, hin in Richtung Zukunftsfähigkeit und ‒ in der Wirtschaft ‒ auch einem grösseren Gewinn. Er impliziert, dass Einrichtungen in einer Konkurrenz stehen und das eine Einrichtung mit Innovationen einen Vorteil gegenüber den anderen Einrichtungen erlangen kann. Aber: Darum geht es im Bibliothekswesen doch überhaupt nicht. Die Openbare Biblioteek Amsterdam hat mit ihrem neuen Gebäude keinen Vorteil gegenüber der Biblioteek Rotterdam. Sie hat auch keinen Vorteil gegenüber den Buchläden oder Restaurants in Amsterdam. Ebenso hat die Stadtbibliothek Köln mit dem Makerspace keinen Vorteil gegenüber den Stadtbüchereien Düsseldorf oder der Stadtbibliothek Bonn. Niemand nimmt sich etwas weg oder gewinnt etwas an Vorsprung gegenüber den anderen Bibliotheken.

Versteht man die Weiterentwicklung als Normalität, dann würden solche Beispiele wie Amsterdam oder Köln auch die Möglichkeit bieten, gemeinsam als Bibliothekssystem über die normalen Weiterentwicklungen zu diskutieren. Solche Weiterentwicklungen sind notwendig, aber selten so aufregend neu und unvorhergesehen, wie gerne behauptet wird. Beispielsweise die hellen, weissen Bibliotheksräume, die in fast allen neugebauten Bibliotheken der letzten Jahre zu sehen sind: die sind weder überraschend neu, noch anders als zum Beispiel Buchhandlungen und Einkaufzentren, noch sind sie falsch. Sie sind auch nicht aufregend. Aber sie sind passend für den Habitus einen modernen, offenen Bibliothek. Passend, sinnvoll ‒ nicht weniger, nicht mehr.

Wenn man davon ausgeht, dass Bibliotheken immer dann, wenn sie die Möglichkeit dazu haben, neu zu bauen oder grundsätzlich etwas zu verändern beziehungsweise zu erneuern, auch versuchen, jeweils zeitgenössisch gute und sinnvolle Lösungen zu finden, dann wird der Diskurs auch anders. Ohne die Konkurrenzsituation, die über den Begriff “Innovation” hergestellt wird, lässt sich viel besser gemeinsam diskutieren, was notwendige Weiterentwicklungen sind. Ein Beispiel: Jetzt hat die Stadtbibliothek Köln einen Makerspace und ist damit innovativ. Wenn jetzt eine andere Bibliothek einen Makerspace baut, ist das dann altbacken, falsch, unmodern? Selbstverständlich nicht. Ein Makerspace kann auch in anderen Städten angebracht sein, aber es lässt sich nicht so einfach verbreiten. Innovation kann per Definition nur einmal vorkommen. Sicherlich kann man tricksen, denn Innovation ist immer innovativ im Bezug auf ein System. Demnächst wird einen schweizerische Bibliothek einen Makerspace eröffnen, damit ist sie dann die erste in der Schweiz und für das schweizerische Bibliothekssystem innovativ. Aber danach? Darf das dann niemand mehr in der Schweiz? Oder schlimmer: Wenn einen weitere Bibliothek einen Makerspace einrichtet, verlieren dann Köln und “die erste schweizerische Bibliothek mit Makerspace” irgendetwas? Sicherlich nicht.

Das ist der Punkt, der mir in Amsterdam, am Ende, auf dem Dach der Bibliothek, wieder einmal aufstiess: Wenn in den deutschsprachigen Bibliotheken nicht der Diskurs von Innovation (und Krise, die durch Innovation zu lösen sei) vorherschen würde, könnten sich (a) die Diskussionen um die Entwicklungen von Bibliotheken beruhigen und weniger aufgeregt, dafür mehr gemeinsam geführt werden, (b) würde es weniger grosser Versprechen benötigen, um Neuerungen und Weiterentwicklungen vorzustellen und durchzusetzen (weniger Bling-Bling und mehr Realness, um die Metapher aus dem Hip-Hop aufzugreifen). Gleichzeitig würden sich (c) Debatten um Veränderungen in den einzelnen Bibliotheken wohl einfacher führen lassen. Genügend oft führen Veränderungsprozesse in Bibliotheken zu internen Konflikten, die auch damit zu tun haben, dass die Veränderungen als alles verändernde und umwerfende Innovation verkauft werden, teilweise um der Innovation willen. Das ist nicht notwendig, wenn man gemeinsam über normale Weiterentwicklungen diskutieren und andere Bibliotheken als Beispiele, die man nicht unbedingt übertreffen muss, sondern von denen man lernen darf, nutzen kann. Zudem: (d) Wenn man akzeptiert, dass Bibliotheken sich per se entwickeln, wird auch der Dikursort für tatsächlich radikale Änderungen, also Innovationen, wieder frei, weil die dann sinnvoll von anderen Veränderungen abgegrenzt werden können.

Gleichzeitig hatte ich da auf dem Dach in Amsterdam, aber auch beim Rundgang durch die Bibliothek, nicht das Gefühl, dass die Nutzerinnen und Nutzer irgendein Interesse daran hatte, ob ihre Bibliothek jetzt innovativ war oder nicht. Sie schienen einen Bibliothek zu wollen, die für sie funktioniert, in ihrem Alltag und in ihrer Stadt. Wie die sein soll, wissen die wohl auch nicht. (Sichtbar war aber, dass Bereiche, die als “überraschend” konzipiert waren, zum Beispiel mit von der Decke hängenden Sitzgelegenheiten, kaum genutzt wurden, während die “klassischen” Arbeitsplätze gut belegt waren.) Jetzt, nicht in Zukunft. Nicht mehr, nicht weniger.

Bibliotheksreise Kamerun, 2014 (Teil 4 von 4)

Eliane Blumer, Karsten Schuldt

20.10.2014 ‒ Buea University Library

Buea University Library

Die Universität in Buea, in der englisch-sprachigen Region Kameruns, wurde 1991 gegründet und hat 1993 die ersten Studierenden aufgenommen. Heute wächst die Universität, wie auch die anderen Universitäten Kameruns, stetig. Sie ist, im Gegensatz zur Universität Yaoundé 1, die in der Mitte Yaoundés steht, eine Campus-Universität, die für uns sehr englisch aussah. Die Leiterin der Bibliothek ist extrem pro-aktiv, setzt auf beständige Professionalisierung und ist, wie bereits erwähnt, aktiv in der IFLA (Zur Zeit ist sie Secretary der Africa Section der IFLA). In Ihrer Universität legt sie Wert darauf, an den Budgetsitzungen teilzunehmen und auch 10% des Universitätsbudgets für die Bibliothek einzufordern. Zudem ist die Bibliothek an weiteren Universitätsgremien beteiligt.

In der Bibliothek arbeiten zur Zeit 52 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, alle in Vollzeit, die regelmässig weitergebildet werden. Zu Höchstzeiten waren es 70, von denen aber ein grosser Teil nach Europa oder Amerika ausgewandert ist. Dies ist ein Beispiel für das paradoxe Problems des Braindrains, mit dem sich Bibliothek in Entwicklungsländern auseinander setzten müssen: wenn das Personal nicht gut ausbildet wird, können sich auch die Bibliotheken nicht weiterentwickeln. Wenn das Personal aber gut ausgebildet ist, besteht die Gefahr, dass es in reichere Länder auswandert.

Der Bestand der Bibliothek ist höchstens zehn Jahre alt, ist in Open Stacks zugänglich und wird kontinuierlich gepflegt. Es soll eine Collection Development Policy existieren. Der Bestand ist nach Fakultäten gestaffelt, es gibt eine Mitarbeiterin, die regelmässig Literaturlisten von Universitätslehrkräften einfordert. Zudem existiert, neben zahlreichen Arbeitsplätzen zwischen dem Bestand, eine ganze Anzahl von frei zugänglichen Rechnern.

Zwei Zweigbibliotheken ‒ Medizin und Kunst ‒ existieren bereits, weitere sind dem Ausbau der Universität folgend, geplant. Die Zweigbibliotheken sind der Hauptbibliothek untergeordnet, für den Datenaustausch besteht ein gemeinsamer Katalog.

Alle Abschlussarbeiten stehen den Nutzerinnen und Nutzern frei zugänglich zur Verfügung. Für den Abschluss des Studiums muss die Bibliothek unterzeichnen, dass die Arbeit eingegangen ist. Die Arbeiten werden von der hauseigenen Buchbindewerkstatt einem Farbcode entsprechend gebunden (blau: Masterarbeit, schwarz: Doktorarbeit, rot: Medizin, grün: Reparatur). Nicht nur zum Abschluss sondern auch zu Beginn des Studiums müssen alle Studierenden in die Bibliothek, um sich einen Ausweis ausstellen zu lassen, der sowohl als Bibliothekskarte wie auch als Studierendenausweis gilt.

Die Ausleihe funktioniert sowohl für Studierende als auch für das Universitätspersonal, wobei uns berichtet wurde, dass dies für Kamerun ungewöhnlich ist. Die meisten Menschen haben keine eindeutige Adresse, deswegen verleihen Bibliotheken selten Medien. Nach Aussage der Leiterin sind dabei in Buea aber nicht die Studierenden das Problem, sondern das Personal der Universität. Deshalb wird sogar jemand regelmässig in die Büros geschickt, um Medien zurückzuholen. Zusätzlich zur funktionierenden Ausleihe existiert ein Reference Service.

Aufgrund von Platzproblemen verfolgt die Bibliothek eine elektronische Strategie. Möglichst viele Medien sollen online zugänglich gemacht werden. Dabei muss man erwähnen, dass Internetzugang in Kamerun immer ein Problem darstellt. So wurde uns auf der Konferenz berichtet, dass die meisten Universitätsbibliotheken überhaupt keinen Internetzugang haben. Auf dem Campus in Buea soll es ein funktionierendes Intranet geben. Der Leiterin zufolge existiert auch ein Repository der Abschlussarbeiten, welches über das Intranet verfügbar ist. Die Strategie der Bibliothek ist praktisch, sich auf den Tag vorzubereiten, an dem der Zugang zum Internet garantiert werden kann und dann sofort alle Dienste anbieten zu können.

Relevant ist zudem, dass die Bibliothek angefangen hat, an der Universität Information Science zu unterrichten, vorerst als Minor (Bachelornebenfach), mit den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren als Lehrkräften. Angestrebt wird allerdings ein eigenständiger Master.

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Zum Abschluss

Selbstverständlich kann man ein Land nicht in einer Woche kennenlernen. Dennoch haben wir bei unserer Reise einige Beobachtungen gemacht, die es Wert sind, zum Abschluss noch einmal hervorgehoben zu werden.

  • Bibliotheken in Kamerun gehen gänzlich anders mit Fragen des Urheberrechts um, als in Deutschland oder der Schweiz. Die lässt sich durch die finanzielle Situation und die mangelnde Infrastruktur des lokalen Buchhandels erklären. Relativ oft wurde uns berichtet, dass häufig benötigte Materialien ‒ beispielsweise Lehrmaterialien ‒ nicht ausgeliehen, sondern kopiert und dann den Nutzerinnen und Nutzern die Kopie mitgegeben wird. Dies ist keine Eigenheit von Bibliotheken, sondern offenbar in der Gesellschaft verankert, die Urheberrecht immer auf Musik, aber nicht auf andere Medien bezieht (wobei es keine Kinos und damit auch keine Filmindustrie mehr gibt, die das Urheberrecht einfordert).
  • Fast alle Bibliotheken, die wir besucht haben, nutzen mit PMB das gleiche Open Source Bibliothekssystem. Ebenso nutzen sie fast alle die Dewey Decimal Classification. Insoweit gibt es, obwohl immer wieder über fehlende Zusammenarbeit geklagt wurde, eine gewisse Einheitlichkeit. Dies müsste eigentlich die Weiterbildung untereinander erleichtern.
  • Obgleich wir nur kurz im Land waren und immer wieder Klagen darüber gehört haben, was alles nicht funktionieren soll, hatten wir das Gefühl, dass es im Bibliotheksbereich recht eigenständig vorwärtsgeht.

 

Und jetzt: Landschaft

Was uns in Kamerun erstaunt hat, ist, dass eigentlich niemand vom Wetter redet. Es ist heiss, aber niemand beklagt sich. Wenn es regnet ‒ wie bei den Workshops auf der Konferenz im Goethe-Institut ‒, rücken die Menschen zur Not einfach näher zusammen, aber verlieren darüber kein Wort. Dafür ist der Verkehr, bevorstehende Strassensperrungen oder Staus, ein ständiges Thema des Smalltalks.

Das Buch, welches uns bei unserem Bibliotheksbesuchen immer wieder unterkam, und welches den Aussagen der Kolleginnen und Kollegen nach von den Kindern ständig gelesen wird, ist erstaunlicherweise die Geschichte des “Regenbogenfisches” (Arc-en-ciel).

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(Photos: Eliane Blumer / Karsten Schuldt)

Lausanne, Oktober 2014


Alle Teile des Berichts:

Bibliotheksreise Kamerun, 2014 (Teil 3 von 4)

Eliane Blumer, Karsten Schuldt

17./18.10.2014 ‒ Konferenz

Die Konferenz, auf der wir beide als Referentin und Referent geladen waren, wurde vom Goethe-Institut und dem Bibliotheks-, Archiv-, Dokumentalisten- und Museographenverband Kameruns (ABADCAM) statt. Der ABADCAM wurde, zumindest den Berichten nach, erst vor Kurzem wiederbelebt. Dafür erschien uns das Direktorium des ABADCAM allerdings recht aktiv und zielorientiert. Im Vorfeld wurde schon am Erfolg der Konferenz gezweifelt, am Ende funktionierte sie aber gut. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer partizipierten aktiv, die Stimmung war sehr offen und kritisch. Zumindest wir sind mit einem guten Gefühl fortgegangen.

Teilgenommen haben rund 70 Kolleginnen und Kollegen aus mehreren, aber nicht allen Regionen Kameruns. Was unsere Rolle an der Konferenz sein sollte, wurde uns allerdings bis zum Ende nicht klar. Wir hatten nicht das Gefühl, dass wir oder unser Wissen benötigt wurden. Teilweise hatten wir schon das Gefühl, das unsere Namen als Werbemittel eingesetzt wurden; aber letztlich hat sich das für uns zumindest nicht negativ ausgewirkt. Wir haben viel gelernt und konnten mitdiskutieren. Ob die Kolleginnen und Kollegen von uns etwas gelernt haben, bleibt offen.

Unsere Vorträge (Bibliotheken und Armut, pädagogische Möglichkeiten von Bibliotheken, Dépôt légal sowie Identifikatoren) eröffneten, nach dem offiziellen Teil ‒ mit Gruppenphoto ‒, die Konferenz, die weiteren Vorträge am ersten Tag behandelten die Themen cultural heritage, Bibliotheksnutzungsstatistiken, mobile Anwendungen und Bibliotheken sowie academic excellence and libraries. Selbstverständlich bezogen sich die Vorträge immer wieder auf Kamerun oder Afrika, aber ansonsten unterschieden sie sich wenig von Themen auf deutschen oder schweizerischen Bibliothekskonferenzen. Insbesondere der letzte Vortrag war allerdings erkennbar vom Diskurs in der IFLA geprägt. Die Kollegin, welche den Vortrag hielt, ist auch aktiv in der IFLA, insoweit war dies nicht erstaunlich. Aber wir haben uns zum Teil gefragt, ob die Richtlinien der IFLA tatsächlich mit der Realität in Kamerun übereingebracht werden können und ob das überhaupt sinnvoll wäre. (Seitennote: Allerdings hat die Kollegin viele ihrer Ansprüche in der eigenen Bibliothek, die wir als letztes besuchten, umgesetzt. In der Konferenz erschien es aber so, als ob die Universitätsbibliotheken in Kamerun weit von den Vorstellungen, die hinter den IFLA-Richtlinien stehen, entfernt sind.)

Interessanter war der zweite Tag der Konferenz, auf dem in Rotationsworkshops (fünf Gruppen zu 10-15 Personen, die je eine halbe Stunde zu einem Thema diskutierten) für verschiedene Bereiche (Bibliothek und Gesellschaft, Wissenschaftliche Bibliotheken, Konservierung und Bewahrung, Schulbibliotheken, professionelle Weiterbildung) die näheren Aufgaben des Verbandes und die politischen Forderungen erarbeitet wurden. Die Abschlussdokumente dieser Arbeitsgruppen, welche beizeiten auf der Homepage des Verbandes veröffentlicht werden sollen, waren recht eindeutig und weitreichend. Beispielsweise wurde gefordert, diejenigen, die Geld veruntreuen, welches für bibliothekarische Aufgaben vorgesehen ist, auch rechtlich belangt werden sollen. In einem Land, in dem uns ständig erzählt wurde, wo und wie Korruption funktioniert ‒ und wir das auch einmal live bei einer Polizeikontrolle erleben durften ‒, war das schon eine erstaunlich direkte Forderung.

Bei den Diskussionen auf der Konferenz wurde offenbar, dass bei den Kolleginnen und Kollegen ein reichhaltiges bibliothekarisches Wissen vorhanden ist. Aufgefallen ist uns, wie offen Probleme von Bibliotheken benannt wurden. Diese Offenheit scheint es so in der deutschen oder schweizerischen Bibliotheksszene selten zu geben.

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Bibliothek des Institut Français

Sehr kurz und spontan besuchten wir die Bibliothek des Institut Français, die sich am Marché Central befindet. Der Marché (Markt) ist das Zentrum der Stadt, aber gleichzeitig ‒ angeblich ‒ eine gefährlichsten Gegenden und gleichzeitig immer vom Mfoundi-Fluss überschwemmt (weswegen das Goethe Institut von dort fortgezogen ist). Die Bibliothek ist die grösste funktionierende Öffentliche Bibliothek in Yaoundé. Allerdings: Genauso, wie die Bibliothek des Goethe-Instituts eine deutsche Bibliothek in Kamerun ist, ist die dies eine französische Bibliothek in Kamerun, wenn auch angereichert mit Kunstobjekten aus Kamerun.

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Alle Teile des Berichts:

Bibliotheksreise Kamerun, 2014 (Teil 2 von 4)

Eliane Blumer, Karsten Schuldt

15.10.2014 ‒ Schulbibliotheken

An diesem Tag nahmen wir an einem Workshop mit über 30 Schulbibliothekarinnen und Schulbibliothekaren teil. In gewisser Weise waren wir der Grund für dieses Treffen, wobei die Idee hinter dem Treffen war, die Anwesenden zu einem Austausch zu animieren. Gleichzeitig haben wir uns in dieser Position etwas unwohl gefühlt. Am Ende haben wir gelächelt, unser Bestes gegeben und vor allem betont, dass die Kolleginnen und Kollegen, die vor Ort handeln, wichtiger sind, als wir Eingeflogenen. Nichtsdestotrotz war das Treffen für uns lehrreich.

 

Schulbibliothek des College Vogt (katholisches Gymnasium)

Das College stellt eine der Eliteschulen in Yaoundé dar und wird von Trappisten ‒ einem katholischen Orden ‒ geleitet. Die Schulbibliothek hat bei uns einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Der Raum ist gross und gilt als so schön, dass er für offizielle Treffen der Schule genutzt wird. Der Bibliothekar erscheint sehr engagiert und weiss auch, wo er mit der Bibliothek in Zukunft hin will. Sowohl bei den Lernenden als auch beim Schulpersonal, bishin zum Principal (Schulvorsteher, der uns in Ordenstracht empfing), ist die Bibliothek bekannt und wird stark benutzt. Gleichzeitig vermittelte die Bibliothek uns einen etwas sehr verbrauchten Eindruck, der auch auf den Bildern zu sehen ist.

Es gibt rund 5000 Medien in dieser Bibliothek, aber viele sind recht alt. Das Mobiliar war funktionell ‒ ausreichend Regale, eine grosse Theke, einige Rechner sowie ein Raum mit Lehrmaterialien ‒, aber gleichzeitig verbraucht. Besonders aufgefallen sind uns Matratzen an den Wänden, die so angebracht sind, dass sie leicht abgenommen und von Kindern für das Spielen benutzt werden können.

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Schulbibliothek des College Efoulan-Nsam

Aus protokollarischen Gründen, die uns nicht so richtig klar wurden, fuhren wir anschliessend in ein benachbartes öffentliches College, da das Treffen der Kolleginnen und Kollegen dort begann, um nach im College Vogt wieder weitergeführt werden zu können. Es war ein offizieller Empfang. Wir beide, plus die Kollegen aus dem Goethe Institut und der Bibliothek des College Vogt sowie der Direktor des College Efoulan-Nsam sassen vorne an einem geschmückten Tisch, die Kolleginnen und Kollegen davor. (Seitennote: Offenbar muss die wichtigste Person an einem solchen Treffen immer zuletzt kommen, weshalb viele selber später kommen. Am Ende kam der Direktor erst, als wir unsere Grussworte sprachen.) Dieser Empfang fand in der Schulbibliothek statt, während draussen die Schülerinnen und Schüler für einen anderen Empfang übten und / oder Wahlkampf (mit Musik) für ihre Klassensprecherinnen und Klassensprecher führten. So genau wurde es uns auch bei Nachfragen nicht klar.

Um auf die Bibliothek zu sprechen zu kommen: Diese ist improvisiert in einem Klassenraum untergebracht. Der Status der Bibliothek in der Schule ist eher schlecht. Wenn der Raum zum Beispiel für den Unterricht oder andere Sitzungen benötigt wird, werden die Bibliothekarinnen und Bibliothekare hinausgeschickt.

Dennoch gibt es eine Bibliotheksorganisation. Der Bestand ist nach der Dewey Decimal Classification aufgestellt, es wird ein Ausleihregister, organisiert nach Schulklassen und Geschlecht, auf Papier geführt und auch die Kollegin scheint auch einen Plan davon zu haben, wie ihre Bibliothek funktionieren sollte.

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Treffen mit Schulbibliothekarinnen und Schulbibliothekaren

Zu unserer Überraschung fuhren wir nach der Begrüssung und einer kurzen Bibliotheksvorstellung wieder ins College Vogt zurück, wo der Rest des Workshop in einer Mehrzweckhalle ‒ nicht der Schulbibliothek, die vom Principal für einen anderes Treffen belegt war ‒ stattfand. Trotz dem für uns viel zu formell anmutenden Anfangs hinterliess dieser Teil des Workshops bei uns einen sehr guten Eindruck. Die Kolleginnen und Kollegen können sehr klar ihre Probleme aufzeigen und sind an Lösungen interessiert.

Insgesamt nahmen 13 Männer und 19 Frauen aus unterschiedlichen Einrichtungen in Yaoundé teil, was das bisher grösste Treffen dieser Art darstellte. Zwei ähnliche Treffen hatten zuvor jeweils weniger Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu verzeichnen gehabt. Diese Verteilung scheint uns interessant, weil sowohl in der Schweiz als auch Deutschland Schulbibliotheken fast durchgängig von Frauen geführt werden. Eine offizielle Bibliotheks- oder Dokumentationsausbildung hatten drei Teilnehmende. Der Grossteil der Anwesenden waren Lehrerinnen und Lehrer, die ‒ so die Darstellung einer Teilnehmerin ‒ auf dem Bibliotheksposten “abgeschoben” wurden. Wir sind uns nicht sicher, wie genau das zu verstehen ist. Die meisten Anwesenden schienen uns sehr engagiert. Ein wichtiger Unterschied zu Deutschland und der Schweiz scheint zu sein, dass die Anwesenden die jeweilige Bibliothek als Volljob leiten und nicht Lehrkörper sind, die daneben noch die Bibliothek betreiben.

Nach einer weiteren kurzen Ansprache unsererseits begann die essentielle Vorstellungsrunde, in der jede und jeder Anwesende nicht nur sich selbst und seine Institution vorstellte, sondern auch explizit die Probleme der eigenen Einrichtung schilderte.

Zur Verdeutlichung hier die genannte Probleme (in Klammern, wie oft sie genannt wurden):

  • Zu alter und überholter Bestand, teilweise ist er mehrere Jahrzehnte alt. (8)
  • Diebstahl von Büchern. Dabei gibt es mehrere Arten von Diebstahl: Von Studierenden und von Lehrerinnen und Lehrern. Gestohlen wird vor allem die Belletristik, nicht die Unterrichtsbücher. Eine Frage die aufkam war, ob Diebstahl auch vorkommt, weil einfach die Ausleihmodalitäten der Bibliothek nicht bekannt sind. (7)
  • Platzprobleme, weil der Raum zu klein ist oder weil der Raum auch für andere Dinge benutzt wird. (7)
  • Die Bibliothek ist sehr jung, gerade erst eröffnet. (4-5) (Seitennote: Dies ist auch eine interessante Aussage, weil es ja heisst, dass neue Bibliotheken gegründet werden.)
  • Es ist den Kolleginnen und Kollegen nicht klar, wie sie Management und Organisation der Bibliothek (Möbel, Personal, Ausleihsystem, Aufgaben) handhaben sollen. (4)
  • Es ist nicht genug Personal für die Aufgaben vorhanden. (3)
  • Die Bibliothek wird in der Schule nicht wahrgenommen, die Bibliothekarinnen und Bibliothekare haben Angst, zum Beispiel vor Jobverlust, das zu verändern. (3)
  • Die Bibliothek lebt von Geschenken, kann als nicht die Medien besorgen, die sie eigentlich braucht. (3)
  • Ein Verständnis dafür, was die Bibliothek macht, ist bei der Schulgemeinschaft nicht gegeben. (3)
  • Die Aufgaben, für die eine Schulbibliothek nötig ist, müssen erst beworben werden. (2)
  • Es ist nicht klar, wie Medien katalogisiert werden sollen. (2)
  • Es gibt ein Sprachproblem zwischen den französischsprachigen und den englischsprachigen Regionen Kameruns, das sich auch auf die vorhanden Medien und den fachlichen Austausch auswirkt. (1) [Seitennote: Uns erinnerte das stark an die Schweiz, in der theoretisch auch alle mindestens die drei grossen Landessprachen verstehen, was aber praktisch nicht funktioniert.]
  • Die Schulbibliothek ist eine One Person Library, die sich alles selber beibringen muss. (1)

Weiterhin gab es Hinweise auf die immer wieder in Gesprächen während unseres Besuchs auftauchende Korruption, beispielsweise, dass Geschenke, die bei Schulen für die Bibliothek hinterlegt werden, in den Schulen umgewidmet werden. Uns irritierte auch die Aussage, die in einer hitzigen Diskussion aufkam, dass die Bibliothek am College Vogt recht gut funktionieren würde, weil es an der Schule “ehrliche Menschen” (“des personnes honnêtes”, gemeint waren die weissen Ordensbrüder) gäbe. Es schien, als ob das niemand anders gestört hätte.

Gleichzeitig sprachen die Kolleginnen und Kollegen, je länger das Treffen dauerte, je mehr auch von positiven Beispielen:

  • An einem College kam eine grosse Buchspende an. Die Association des Parents (Elternorganisation) hat aus diesem Grund eine Schulbibliothek gegründet, die Position der Bibliothek an der Schule war wegen der Gründung durch die Association gut.
  • Eine Bibliothek war überlaufen. Die Bibliothekarin hat einen Zeitplan erstellt, in der jede Klasse eine Stunde für die Bibliotheksnutzung zugewiesen bekam, was auch funktionierte.
  • Es gab Bibliotheken, die erfolgreich Software einsetzen, genauer das schon erwähnte PMB, und damit ihre Arbeit organisieren.

Vom Bibliothekar des College Vogt und dem Kollegen des Goethe-Instituts wurde das Treffen zum Teil als Weiterbildung benutzt. Es wurden Texte zur Bibliotheconomie (Bibliotheksmanagement) verteilt sowie Hinweise dazu gegeben, wie Nutzungsstatistiken erstellt und für das Lobbying in der Schule genutzt werden können.

Am Ende des Treffens wurden Vorschläge zur Verbesserung der Situation gemacht. Zum Beispiel gab es die Vermutung, dass die Schulbibliotheken in den Schulen einfach als Teil der Infrastruktur verstanden werden, über die von der Schulleitung einfach verfügt werden kann. Es gab deshalb die Forderung, sie aus den Schulen herauszulösen und als eigenständige Einrichtungen zu führen. Es wurde klar, dass die Bibliotheken in einer komplexen, zu grossen Teilen von ungeschriebenen Regeln beherrschten Umgebung strategisch kommunizieren müssen, um etwas erreichen zu können. Seit drei Jahren versucht der Kollege vom Goethe-Institut ein Treffen / Workshop, ähnlich diesem, mit Schulleiterinnen und Schulleitern zu organisieren, um über Schulbibliotheken zu sprechen. Dieses Treffen ist bis jetzt aber nicht zustande gekommen. Die auf dem Treffen entwickelte Idee ist es jetzt, ein Communique mit den gängigen Problemen aufzusetzen, von möglichst vielen Kolleginnen und Kollegen unterzeichnen zu lassen, um dies dann politisch (in der jeweiligen Schule und darüber hinaus) nutzen zu können.

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16.10.2014 ‒ Ministerium für Kultur, CLAC und Maison des Saviors

Ministerium für Kultur, Direction du livre

Eigentlich wollten wir in die Nationalbibliothek, die in Yaoundé ‒ der Hauptstadt Kameruns ‒ steht. Das ist nicht so einfach. Offenbar darf man diese nicht einfach besuchen, sondern muss sich vorher beim Directeur du livre (Direktor des Buches) im Kulturministerium anmelden. Der Kollege im Goethe-Institut hat dies für uns mit einem offiziellen Brief versucht. Allerdings wird, so wurde uns nach einiger Zeit beschieden, die Nationalbibliothek zur Zeit renoviert, deshalb hat die Ministerin den Besuch untersagt. Uns kamen aber auch Gerüchte zu Ohren, dass die Nationalbibliothek zur Zeit nur auf dem Papier bestehen würden. Wir konnten weder das eine noch das andere überprüfen. Kurzum: Wir haben die Nationalbibliothek nicht gesehen, dafür erhielten wir einen Termin beim Directeur du livre, der offiziell für die gesamte Bibliothekslandschaft Kameruns zuständig ist. (Seitennote: Offiziell ist Kamerun eine Demokratie, allerdings gibt es seit Mitte der 1980er Jahre immer den gleichen Präsidenten. Nicht direkt gesagt, aber offen genug angedeutet ist, dass deshalb die Aufgabe des Directeur auch die Zensur der Bücher ist.)

Der aktuelle Directeur ist seit rund einem Monat im Amt und vermittelte einen recht offenen Eindruck. Wir unterhielten uns vorwiegend über das Pflichtexemplar. Dieses ist in Kamerun eigentlich per Gesetz geregelt, die Pflichtabgabe bei Büchern umfasst sechs Exemplare (es gibt auch Regelungen für audiovisuelle Medien), die in der Nationalbibliothek und in Regionalbibliotheken aufbewahrt werden sollen. In der Realität funktioniert dies aber nicht. Wie angedeutet wissen wir nicht einmal, ob es eine funktionierende Nationalbibliothek gibt.

 

CLAC

Das Centre de Lecture et d’Animation Culturelle de Yaoundé (CLAC, Zentrum des Lesens und der kulturellen Animation in Yaoundé) ist eine erstaunliche Einrichtung. Gelegen in einem ärmeren Viertel der Stadt vermittelt es einen sehr aufgeräumten, gepflegten und vor allem modernen Eindruck. Wie wir erfahren haben, ist das “Aufgeräumtsein” Teil der Identität.

Das Zentrum umfasst eine Bibliothek mit rund 10.000 Medien (für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, inklusive eines Bestandes “Bibliotheconomie”), aber darüberhinaus auch einen Multifunktionsraum, inklusive Bühne und X-Box, Internetplätze, eine kleine Druckerei und Buchreparatur sowie einen Schulungsraum mit über 30 Rechnern. Geführt wird das CLAC von einem sehr motivierten und selbstbewussten jungen Mann, der sich mit dem CLAC selbstständig gemacht hat. Er hat das Zentrum fast vollständig selber aufgebaut und weiterreichende Pläne.

Seine Ausbildung hat er zum Teil in Frankreich (enssib in Lyon) absolviert, was nicht so ungewöhnlich war. Wir haben eine Anzahl von Menschen getroffen, die jetzt in Kamerun leben, aber ihre Ausbildung im Ausland genossen haben.

Eine der Erfolgskriterien des CLAC ist der enge Kontakt zu Fördereinrichtungen und das erfolgreiche Abschliessen von Förderprojekten. Vom kamerunischen Staat erhält das CLAC kein Geld. Insbesondere das Institut Français (das französische Pendant zum Goethe Institut) und die Bibliotheques sans frontières (Bibliotheken ohne Grenzen, Genf / Dakar), aber auch die US-Embassy unterstützen das CLAC. Ein Musterbeispiel dafür ist der Schulungsraum. Die Rechner in diesem Raum sind von Institut Français bezahlt, die Open Learning Ressources, die dort für Kurse benutzt werden, stammen von der Non-Profit Organisation Khan Academy. Als interner Server für diesen Raum dient ein RasberryPi.

Für die Kurse werden die Schülerinnen und Schüler aus aktuell sieben Schulen per Bus zum CLAC transportiert. Laut Statistik kommen rund 70% der Nutzerinnen und Nutzer nicht aus dem Quartier, sondern mit dem Taxi (Seitennote: Wobei Taxis in Kamerun das normale Transportmittel darstellen.) Dennoch gibt es auch Aktionen für das Quartier.

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Maison des savoirs

Auch das Maison des Savoir (Haus der Wissen) befindet sich in einer ärmeren Gegend. Die seit zehn Jahren bestehende Institution, welche sich als Stadtkulturinitiative versteht und sowohl eine Bibliothek mit rund 7.000, zum Teil veralteten, Medien beinhaltet als auch Alphabetisierungskurse und Gesundheitsarbeit in der Umgebung durchführt, wird von drei jungen Angestellten geführt, welche ebenso einen sehr engagierten Eindruck machen. Eine Angstellte ist ausgebildete Bibliotheksassistentin, die zuvor an der Nationalbibliothek (die es vielleicht oder vielleicht auch nicht mehr gibt) gearbeitet hat. Die Finanzierung erfolgt offenbar auch über Fördergelder der Gründerin, die in Frankreich ansässig ist.

Die Bibliothek besitzt eine Sektion für Erwachsene und Jugendliche sowie einen Zeitschriftenraum, ein Regal mit Neuigkeiten, einen Informatikraum mit zwei Rechnern, welche zur Zeit ausser Betrieb sind und einen Schulungsraum für Kinder. In diesem wird gebastelt, es finden Lesungen und Alphabetisierungskurse statt. Für kulturelle Events wie Konzerte, Kunst oder Lesungen steht ein zusätzlicher Raum im danebenliegenden Gebäude zur Verfügung. Das Maison des Savoirs betreibt aktiven Outreach zur Gewinnung von neuen Nutzerinnen und Nutzern, zum Beispiel mittels Flyern.

Eigentlich ist die Ausleihe per Rechner mit PMB geregelt. Da dieser jedoch ständig abstürzt, wird die Ausleihe auf Papier organisiert.

Das Maison des savoirs hat, im Gegensatz zu anderen Einrichtungen, die wir besucht haben, eine Wunschbox mit der sich Nutzerinnen und Nutzer einbringen können. Auf diese Weise wünschten sich Schülerinnen und Schüler Bücher, welche sie in der Schule benötigen. Diese wurden angeschafft, aber sehr schnell geklaut, was darauf hinweist, dass sie tatsächlich benötigt werden. Jetzt ist die Ausleihe für diese Bücher anders geregelt worden.

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Alle Teile des Berichts:

Bibliotheksreise Kamerun, 2014 (Teil 1 von 4)

Eliane Blumer, Karsten Schuldt

Einleitung

Dankenswerterweise hat das Goethe Institut Kamerun uns, Karsten Schuldt und Eliane Blumer, zu einer Bibliotheksrundreise durch Kamerun sowie einer Konferenz des kamerunischen Bibliotheks-, Archivs-, Dokumentalisten- sowie Museographenverbandes (ABADCAM) eingeladen. Auf der Konferenz haben wir beide jeweils zwei Vorträge gehalten und an den Workshops teilgenommen.

Der folgende Text gibt eine Übersicht unserer Eindrücke während des Aufenthalts. Im Vorfeld wurde uns eher ein negativer Eindruck von der Bibliotheksszene in Kamerun vermittelt. Zahlreiche Bibliotheken sollen nur auf dem Papier existieren und, wenn vorhanden, kaum benutzt sein. Teilweise sei dies Ergebnis verfehlter Entwicklungshilfepolitik, durch die Bibliotheken gegründet wurden, welche dann im Nachhinein keine Weiterentwicklung erfuhren. Wir können das nicht bestätigen. Die Bibliotheken, die wir besucht haben, vermittelten uns den Eindruck einer zukunftsgerichteten Bibliotheksszene, die selbstbestimmt Projekte umsetzt. Sicherlich muss diese Szene, wie das gesamte Land, mit mangelnder Infrastruktur, Armut und Korruption umgehen. Allerdings haben wir nur bestimmte Bibliotheken ‒ diejenigen, die sich bereiterklärten, uns zu empfangen ‒ gesehen und waren nur eine gute Woche im Land. Insoweit können wir kein umfassendes Urteil abgeben.

 

14.10.2014 ‒ CDDR und Goethe Institut Kamerun

Centre de Documentation pour le Developpement Rural (CDDR) ‒ Yaoundé

Das Centre de Documentation pour le Développement Rural (Dokumentationszentrum für landwirtschaftliche Entwicklung) ist ein 1988 gegründetes Informationszentrum für den Bereich Landwirtschaft. Das CDDR definiert seine Hauptaufgaben wie folgt:

  • Popularisieren von landwirtschaftlicher Information und Demokratisieren des Zugangs zu dieser.
  • Organisation der landwirtschaftlich relevanten Information, damit sie einfach zugänglich ist.
  • Anlaufstelle zur Überwindung von Schwierigkeiten bei der Informationversorgung für Akteure und Akteurinnen des landwirtschaftlichen Bereichs (Bauern, Bäuerinnen, Agronomen, Agronominnen etc.). [Quelle: Informationsflyer des CDDR]

Das CDDR umfasst eine Dokumentationsstelle und eine Bibliothek, bietet aber vor allem Beratungsangebote. Dafür unterhält es einen eigenen Telefondienst “âllo ingénieur”. In der Regel läuft die Beratung folgendermassen ab: Eine Person kontaktiert (persönlich während der Öffnungszeiten 8.00-15.00 Uhr, per Mail oder Telefon) das CDDR und stellt eine Frage, die sich auf die Landwirtschaft bezieht. Dies kann eine ganz einfache Frage, zum Beispiel zum Anbau von Mais oder dem Verkauf von Maniok sein. Aber auch komplexe agronomische Fragestellungen, wie zum Umbau von landwirtschaftlichen Nutzgeräten, werden behandelt. Im Anschluss an dieses Gespräch erstellt das CDDR ein “dossier documentaire”, welches Informationen zur Beantwortung der Frage und Kontaktadressen von Expertinnen und Experten des jeweiligen Themas organisiert und aufbereitet beinhaltet. Pro Jahr werden etwa 1200 Fragen von überall in Kamerun und teilweise aus dem Ausland beantwortet und circa 400 Dossiers erstellt, täglich besuchen circa 10-15 Personen das Zentrum. Wenn möglich sollen die Dossiers zukünftig auch elektronisch angeboten werden.

Ein langfristiges Ziel des CDDR ist es, den agronomischen Beruf zu professionalisieren. Bäuerinnen und Bauern sollen agronomisches Wissen erwerben und einsetzen. Um dies zu unterstützen, wird der Service für Agronominnen und Agronomen gratis angeboten.

Um noch weiter wahrgenommen zu werden, unternimmt das CDDR einiges:

  • Informationstag über Projekte
  • Bücherschränke in Schulen auf dem Land
  • Infoblatt für jede Nutzerin und jeden Nutzer
  • je drei Seiten pro Ausgabe der Zeitung “La voix du paysan” (Die Stimme des Bauern), in der das CDDR agronomische Informationen vermittelt

Obwohl beim CDDR die Information und nicht Bücher im Mittelpunkt stehen, betreibt das Zentrum auch eine funktionierende Bibliothek. Für die Bestandsentwicklung hingegen gibt es keine Ressourcen, das CDDR lebt von Geschenkgaben. Als integriertes Bibliothekssystem benutzt das Zentrum PMB, ein französisches Open Source Library System, welches uns im Verlauf der Reise immer wieder begegnete.

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Goethe Institut Kamerun ‒ Yaoundé

Eigentlich ist die Bibliothek des Goethe Instituts in Yaoundé eine deutsche Bibliothek in Kamerun und keine kamerunische Bibliothek. Dies ist erst einmal nicht erstaunlich, da alle Goethe-Institute als Hauptaufgaben die Förderung der deutschen Sprache, die Vermittlung eines “aktuellen Deutschlandbildes” und den interkulturellen Dialog bearbeiten. Absurd wird es aber, wenn das Corporate Design des Instituts dazu führt, dass jede Bibliothek eines Goethe-Instituts mit Möbeln der ekz ausgestattet ist. Ganz recht, für jedes Institut werden die Möbel in Reutlingen bestellt und an den jeweiligen Ort transportiert, was in den meisten Fällen, zum Beispiel Kamerun, umständliche Logistik und teilweise Praktiken im legalen Graubereich mit sich bringen. Und das, ohne dass es dafür einen Grund gibt. Uns leuchtet diese Corporate Design Idee nicht ein, da sie zum Beispiel dem interkulturellen Dialog entgegensteht. Wie wir selbst gesehen haben, gibt es zum Beispiel in Yaoundé selber eine sichtbare Möbelproduktion.

Wir finden das absurd, es heisst aber nicht, dass die Bibliothek schlecht ist, im Gegenteil. Mit 260 Besucherinnen und Besuchern pro Tag, rund 55.000 Besuchen im vergangenen Jahr, für welche 80 Quadratmeter und zusätzliche Leseplätze an der freien Luft zur Verfügung stehen, ist die Bibliothek die meistbesuchte Bibliothek eines Goethe-Instituts weltweit. Dies bezieht sich nicht nur auf die Bibliothek, sondern auf das gesamte Institut, welches mit 500 Lernenden pro Tag in zwei Häusern boomt. Die Bibliothek in Yaoundé wird vor allem von Jugendlichen, die Deutsch lernen, genutzt. Es gibt einen grossen Drang kamerunischer Jugendlicher zur Auswanderung nach Deutschland, der teilweise mit der politischen Situation erklärt wird. Im Gegensatz zu Frankreich existiert ein positives Deutschlandbild, obwohl Kamerun sowohl deutsche, französische als auch englische Kolonie war. Gleichzeitig wurde uns erklärt, dass Jugendliche zu Hause nicht lernen können, da sie als Abhängige der Familie behandelt werden und zum Beispiel ständig zu Botengängen oder anderen Aufträgen herangezogen werden.

Insoweit ist der Bestand vor allem aus Lehrbüchern für die Deutschkurse des Instituts zusammengesetzt. Andere Bereiche des Bestands, zum Beispiel deutsche Literatur, werden wenig benutzt. Die Bibliothek ist, wie alle Bibliotheken der Goethe Institute, im SWB-Verbund integriert und arbeiten für den Verbund mit Pica. Lokal arbeitet die Bibliothek mit Allegro und ist damit eine Ausnahme in Kamerun. Die Beschaffung neuer Medien stellt eine logistische Aufgabe dar. In Kamerun kann niemand die Lieferung deutschsprachiger Medien anbieten, deswegen werden sie über einen Vertragspartner in Deutschland gekauft und dann per Logistikunternehmen eingeflogen.

Eine weitere Aufgabe des Goethe Instituts ist die “bibliothekarische Verbindungsarbeit” zwischen lokalen und deutschen Bibliotheken. Unser Besuch war Teil dieser Verbindungsarbeit (obwohl wir beide zum grössten Teil in der Schweiz und nicht in Deutschland arbeiten).

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Alle Teile des Berichts: