Bibliotheksreise Kamerun, 2014 (Teil 3 von 4)

Eliane Blumer, Karsten Schuldt

17./18.10.2014 ‒ Konferenz

Die Konferenz, auf der wir beide als Referentin und Referent geladen waren, wurde vom Goethe-Institut und dem Bibliotheks-, Archiv-, Dokumentalisten- und Museographenverband Kameruns (ABADCAM) statt. Der ABADCAM wurde, zumindest den Berichten nach, erst vor Kurzem wiederbelebt. Dafür erschien uns das Direktorium des ABADCAM allerdings recht aktiv und zielorientiert. Im Vorfeld wurde schon am Erfolg der Konferenz gezweifelt, am Ende funktionierte sie aber gut. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer partizipierten aktiv, die Stimmung war sehr offen und kritisch. Zumindest wir sind mit einem guten Gefühl fortgegangen.

Teilgenommen haben rund 70 Kolleginnen und Kollegen aus mehreren, aber nicht allen Regionen Kameruns. Was unsere Rolle an der Konferenz sein sollte, wurde uns allerdings bis zum Ende nicht klar. Wir hatten nicht das Gefühl, dass wir oder unser Wissen benötigt wurden. Teilweise hatten wir schon das Gefühl, das unsere Namen als Werbemittel eingesetzt wurden; aber letztlich hat sich das für uns zumindest nicht negativ ausgewirkt. Wir haben viel gelernt und konnten mitdiskutieren. Ob die Kolleginnen und Kollegen von uns etwas gelernt haben, bleibt offen.

Unsere Vorträge (Bibliotheken und Armut, pädagogische Möglichkeiten von Bibliotheken, Dépôt légal sowie Identifikatoren) eröffneten, nach dem offiziellen Teil ‒ mit Gruppenphoto ‒, die Konferenz, die weiteren Vorträge am ersten Tag behandelten die Themen cultural heritage, Bibliotheksnutzungsstatistiken, mobile Anwendungen und Bibliotheken sowie academic excellence and libraries. Selbstverständlich bezogen sich die Vorträge immer wieder auf Kamerun oder Afrika, aber ansonsten unterschieden sie sich wenig von Themen auf deutschen oder schweizerischen Bibliothekskonferenzen. Insbesondere der letzte Vortrag war allerdings erkennbar vom Diskurs in der IFLA geprägt. Die Kollegin, welche den Vortrag hielt, ist auch aktiv in der IFLA, insoweit war dies nicht erstaunlich. Aber wir haben uns zum Teil gefragt, ob die Richtlinien der IFLA tatsächlich mit der Realität in Kamerun übereingebracht werden können und ob das überhaupt sinnvoll wäre. (Seitennote: Allerdings hat die Kollegin viele ihrer Ansprüche in der eigenen Bibliothek, die wir als letztes besuchten, umgesetzt. In der Konferenz erschien es aber so, als ob die Universitätsbibliotheken in Kamerun weit von den Vorstellungen, die hinter den IFLA-Richtlinien stehen, entfernt sind.)

Interessanter war der zweite Tag der Konferenz, auf dem in Rotationsworkshops (fünf Gruppen zu 10-15 Personen, die je eine halbe Stunde zu einem Thema diskutierten) für verschiedene Bereiche (Bibliothek und Gesellschaft, Wissenschaftliche Bibliotheken, Konservierung und Bewahrung, Schulbibliotheken, professionelle Weiterbildung) die näheren Aufgaben des Verbandes und die politischen Forderungen erarbeitet wurden. Die Abschlussdokumente dieser Arbeitsgruppen, welche beizeiten auf der Homepage des Verbandes veröffentlicht werden sollen, waren recht eindeutig und weitreichend. Beispielsweise wurde gefordert, diejenigen, die Geld veruntreuen, welches für bibliothekarische Aufgaben vorgesehen ist, auch rechtlich belangt werden sollen. In einem Land, in dem uns ständig erzählt wurde, wo und wie Korruption funktioniert ‒ und wir das auch einmal live bei einer Polizeikontrolle erleben durften ‒, war das schon eine erstaunlich direkte Forderung.

Bei den Diskussionen auf der Konferenz wurde offenbar, dass bei den Kolleginnen und Kollegen ein reichhaltiges bibliothekarisches Wissen vorhanden ist. Aufgefallen ist uns, wie offen Probleme von Bibliotheken benannt wurden. Diese Offenheit scheint es so in der deutschen oder schweizerischen Bibliotheksszene selten zu geben.

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Bibliothek des Institut Français

Sehr kurz und spontan besuchten wir die Bibliothek des Institut Français, die sich am Marché Central befindet. Der Marché (Markt) ist das Zentrum der Stadt, aber gleichzeitig ‒ angeblich ‒ eine gefährlichsten Gegenden und gleichzeitig immer vom Mfoundi-Fluss überschwemmt (weswegen das Goethe Institut von dort fortgezogen ist). Die Bibliothek ist die grösste funktionierende Öffentliche Bibliothek in Yaoundé. Allerdings: Genauso, wie die Bibliothek des Goethe-Instituts eine deutsche Bibliothek in Kamerun ist, ist die dies eine französische Bibliothek in Kamerun, wenn auch angereichert mit Kunstobjekten aus Kamerun.

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Alle Teile des Berichts:

Bibliotheksreise Kamerun, 2014 (Teil 2 von 4)

Eliane Blumer, Karsten Schuldt

15.10.2014 ‒ Schulbibliotheken

An diesem Tag nahmen wir an einem Workshop mit über 30 Schulbibliothekarinnen und Schulbibliothekaren teil. In gewisser Weise waren wir der Grund für dieses Treffen, wobei die Idee hinter dem Treffen war, die Anwesenden zu einem Austausch zu animieren. Gleichzeitig haben wir uns in dieser Position etwas unwohl gefühlt. Am Ende haben wir gelächelt, unser Bestes gegeben und vor allem betont, dass die Kolleginnen und Kollegen, die vor Ort handeln, wichtiger sind, als wir Eingeflogenen. Nichtsdestotrotz war das Treffen für uns lehrreich.

 

Schulbibliothek des College Vogt (katholisches Gymnasium)

Das College stellt eine der Eliteschulen in Yaoundé dar und wird von Trappisten ‒ einem katholischen Orden ‒ geleitet. Die Schulbibliothek hat bei uns einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Der Raum ist gross und gilt als so schön, dass er für offizielle Treffen der Schule genutzt wird. Der Bibliothekar erscheint sehr engagiert und weiss auch, wo er mit der Bibliothek in Zukunft hin will. Sowohl bei den Lernenden als auch beim Schulpersonal, bishin zum Principal (Schulvorsteher, der uns in Ordenstracht empfing), ist die Bibliothek bekannt und wird stark benutzt. Gleichzeitig vermittelte die Bibliothek uns einen etwas sehr verbrauchten Eindruck, der auch auf den Bildern zu sehen ist.

Es gibt rund 5000 Medien in dieser Bibliothek, aber viele sind recht alt. Das Mobiliar war funktionell ‒ ausreichend Regale, eine grosse Theke, einige Rechner sowie ein Raum mit Lehrmaterialien ‒, aber gleichzeitig verbraucht. Besonders aufgefallen sind uns Matratzen an den Wänden, die so angebracht sind, dass sie leicht abgenommen und von Kindern für das Spielen benutzt werden können.

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Schulbibliothek des College Efoulan-Nsam

Aus protokollarischen Gründen, die uns nicht so richtig klar wurden, fuhren wir anschliessend in ein benachbartes öffentliches College, da das Treffen der Kolleginnen und Kollegen dort begann, um nach im College Vogt wieder weitergeführt werden zu können. Es war ein offizieller Empfang. Wir beide, plus die Kollegen aus dem Goethe Institut und der Bibliothek des College Vogt sowie der Direktor des College Efoulan-Nsam sassen vorne an einem geschmückten Tisch, die Kolleginnen und Kollegen davor. (Seitennote: Offenbar muss die wichtigste Person an einem solchen Treffen immer zuletzt kommen, weshalb viele selber später kommen. Am Ende kam der Direktor erst, als wir unsere Grussworte sprachen.) Dieser Empfang fand in der Schulbibliothek statt, während draussen die Schülerinnen und Schüler für einen anderen Empfang übten und / oder Wahlkampf (mit Musik) für ihre Klassensprecherinnen und Klassensprecher führten. So genau wurde es uns auch bei Nachfragen nicht klar.

Um auf die Bibliothek zu sprechen zu kommen: Diese ist improvisiert in einem Klassenraum untergebracht. Der Status der Bibliothek in der Schule ist eher schlecht. Wenn der Raum zum Beispiel für den Unterricht oder andere Sitzungen benötigt wird, werden die Bibliothekarinnen und Bibliothekare hinausgeschickt.

Dennoch gibt es eine Bibliotheksorganisation. Der Bestand ist nach der Dewey Decimal Classification aufgestellt, es wird ein Ausleihregister, organisiert nach Schulklassen und Geschlecht, auf Papier geführt und auch die Kollegin scheint auch einen Plan davon zu haben, wie ihre Bibliothek funktionieren sollte.

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Treffen mit Schulbibliothekarinnen und Schulbibliothekaren

Zu unserer Überraschung fuhren wir nach der Begrüssung und einer kurzen Bibliotheksvorstellung wieder ins College Vogt zurück, wo der Rest des Workshop in einer Mehrzweckhalle ‒ nicht der Schulbibliothek, die vom Principal für einen anderes Treffen belegt war ‒ stattfand. Trotz dem für uns viel zu formell anmutenden Anfangs hinterliess dieser Teil des Workshops bei uns einen sehr guten Eindruck. Die Kolleginnen und Kollegen können sehr klar ihre Probleme aufzeigen und sind an Lösungen interessiert.

Insgesamt nahmen 13 Männer und 19 Frauen aus unterschiedlichen Einrichtungen in Yaoundé teil, was das bisher grösste Treffen dieser Art darstellte. Zwei ähnliche Treffen hatten zuvor jeweils weniger Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu verzeichnen gehabt. Diese Verteilung scheint uns interessant, weil sowohl in der Schweiz als auch Deutschland Schulbibliotheken fast durchgängig von Frauen geführt werden. Eine offizielle Bibliotheks- oder Dokumentationsausbildung hatten drei Teilnehmende. Der Grossteil der Anwesenden waren Lehrerinnen und Lehrer, die ‒ so die Darstellung einer Teilnehmerin ‒ auf dem Bibliotheksposten “abgeschoben” wurden. Wir sind uns nicht sicher, wie genau das zu verstehen ist. Die meisten Anwesenden schienen uns sehr engagiert. Ein wichtiger Unterschied zu Deutschland und der Schweiz scheint zu sein, dass die Anwesenden die jeweilige Bibliothek als Volljob leiten und nicht Lehrkörper sind, die daneben noch die Bibliothek betreiben.

Nach einer weiteren kurzen Ansprache unsererseits begann die essentielle Vorstellungsrunde, in der jede und jeder Anwesende nicht nur sich selbst und seine Institution vorstellte, sondern auch explizit die Probleme der eigenen Einrichtung schilderte.

Zur Verdeutlichung hier die genannte Probleme (in Klammern, wie oft sie genannt wurden):

  • Zu alter und überholter Bestand, teilweise ist er mehrere Jahrzehnte alt. (8)
  • Diebstahl von Büchern. Dabei gibt es mehrere Arten von Diebstahl: Von Studierenden und von Lehrerinnen und Lehrern. Gestohlen wird vor allem die Belletristik, nicht die Unterrichtsbücher. Eine Frage die aufkam war, ob Diebstahl auch vorkommt, weil einfach die Ausleihmodalitäten der Bibliothek nicht bekannt sind. (7)
  • Platzprobleme, weil der Raum zu klein ist oder weil der Raum auch für andere Dinge benutzt wird. (7)
  • Die Bibliothek ist sehr jung, gerade erst eröffnet. (4-5) (Seitennote: Dies ist auch eine interessante Aussage, weil es ja heisst, dass neue Bibliotheken gegründet werden.)
  • Es ist den Kolleginnen und Kollegen nicht klar, wie sie Management und Organisation der Bibliothek (Möbel, Personal, Ausleihsystem, Aufgaben) handhaben sollen. (4)
  • Es ist nicht genug Personal für die Aufgaben vorhanden. (3)
  • Die Bibliothek wird in der Schule nicht wahrgenommen, die Bibliothekarinnen und Bibliothekare haben Angst, zum Beispiel vor Jobverlust, das zu verändern. (3)
  • Die Bibliothek lebt von Geschenken, kann als nicht die Medien besorgen, die sie eigentlich braucht. (3)
  • Ein Verständnis dafür, was die Bibliothek macht, ist bei der Schulgemeinschaft nicht gegeben. (3)
  • Die Aufgaben, für die eine Schulbibliothek nötig ist, müssen erst beworben werden. (2)
  • Es ist nicht klar, wie Medien katalogisiert werden sollen. (2)
  • Es gibt ein Sprachproblem zwischen den französischsprachigen und den englischsprachigen Regionen Kameruns, das sich auch auf die vorhanden Medien und den fachlichen Austausch auswirkt. (1) [Seitennote: Uns erinnerte das stark an die Schweiz, in der theoretisch auch alle mindestens die drei grossen Landessprachen verstehen, was aber praktisch nicht funktioniert.]
  • Die Schulbibliothek ist eine One Person Library, die sich alles selber beibringen muss. (1)

Weiterhin gab es Hinweise auf die immer wieder in Gesprächen während unseres Besuchs auftauchende Korruption, beispielsweise, dass Geschenke, die bei Schulen für die Bibliothek hinterlegt werden, in den Schulen umgewidmet werden. Uns irritierte auch die Aussage, die in einer hitzigen Diskussion aufkam, dass die Bibliothek am College Vogt recht gut funktionieren würde, weil es an der Schule “ehrliche Menschen” (“des personnes honnêtes”, gemeint waren die weissen Ordensbrüder) gäbe. Es schien, als ob das niemand anders gestört hätte.

Gleichzeitig sprachen die Kolleginnen und Kollegen, je länger das Treffen dauerte, je mehr auch von positiven Beispielen:

  • An einem College kam eine grosse Buchspende an. Die Association des Parents (Elternorganisation) hat aus diesem Grund eine Schulbibliothek gegründet, die Position der Bibliothek an der Schule war wegen der Gründung durch die Association gut.
  • Eine Bibliothek war überlaufen. Die Bibliothekarin hat einen Zeitplan erstellt, in der jede Klasse eine Stunde für die Bibliotheksnutzung zugewiesen bekam, was auch funktionierte.
  • Es gab Bibliotheken, die erfolgreich Software einsetzen, genauer das schon erwähnte PMB, und damit ihre Arbeit organisieren.

Vom Bibliothekar des College Vogt und dem Kollegen des Goethe-Instituts wurde das Treffen zum Teil als Weiterbildung benutzt. Es wurden Texte zur Bibliotheconomie (Bibliotheksmanagement) verteilt sowie Hinweise dazu gegeben, wie Nutzungsstatistiken erstellt und für das Lobbying in der Schule genutzt werden können.

Am Ende des Treffens wurden Vorschläge zur Verbesserung der Situation gemacht. Zum Beispiel gab es die Vermutung, dass die Schulbibliotheken in den Schulen einfach als Teil der Infrastruktur verstanden werden, über die von der Schulleitung einfach verfügt werden kann. Es gab deshalb die Forderung, sie aus den Schulen herauszulösen und als eigenständige Einrichtungen zu führen. Es wurde klar, dass die Bibliotheken in einer komplexen, zu grossen Teilen von ungeschriebenen Regeln beherrschten Umgebung strategisch kommunizieren müssen, um etwas erreichen zu können. Seit drei Jahren versucht der Kollege vom Goethe-Institut ein Treffen / Workshop, ähnlich diesem, mit Schulleiterinnen und Schulleitern zu organisieren, um über Schulbibliotheken zu sprechen. Dieses Treffen ist bis jetzt aber nicht zustande gekommen. Die auf dem Treffen entwickelte Idee ist es jetzt, ein Communique mit den gängigen Problemen aufzusetzen, von möglichst vielen Kolleginnen und Kollegen unterzeichnen zu lassen, um dies dann politisch (in der jeweiligen Schule und darüber hinaus) nutzen zu können.

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16.10.2014 ‒ Ministerium für Kultur, CLAC und Maison des Saviors

Ministerium für Kultur, Direction du livre

Eigentlich wollten wir in die Nationalbibliothek, die in Yaoundé ‒ der Hauptstadt Kameruns ‒ steht. Das ist nicht so einfach. Offenbar darf man diese nicht einfach besuchen, sondern muss sich vorher beim Directeur du livre (Direktor des Buches) im Kulturministerium anmelden. Der Kollege im Goethe-Institut hat dies für uns mit einem offiziellen Brief versucht. Allerdings wird, so wurde uns nach einiger Zeit beschieden, die Nationalbibliothek zur Zeit renoviert, deshalb hat die Ministerin den Besuch untersagt. Uns kamen aber auch Gerüchte zu Ohren, dass die Nationalbibliothek zur Zeit nur auf dem Papier bestehen würden. Wir konnten weder das eine noch das andere überprüfen. Kurzum: Wir haben die Nationalbibliothek nicht gesehen, dafür erhielten wir einen Termin beim Directeur du livre, der offiziell für die gesamte Bibliothekslandschaft Kameruns zuständig ist. (Seitennote: Offiziell ist Kamerun eine Demokratie, allerdings gibt es seit Mitte der 1980er Jahre immer den gleichen Präsidenten. Nicht direkt gesagt, aber offen genug angedeutet ist, dass deshalb die Aufgabe des Directeur auch die Zensur der Bücher ist.)

Der aktuelle Directeur ist seit rund einem Monat im Amt und vermittelte einen recht offenen Eindruck. Wir unterhielten uns vorwiegend über das Pflichtexemplar. Dieses ist in Kamerun eigentlich per Gesetz geregelt, die Pflichtabgabe bei Büchern umfasst sechs Exemplare (es gibt auch Regelungen für audiovisuelle Medien), die in der Nationalbibliothek und in Regionalbibliotheken aufbewahrt werden sollen. In der Realität funktioniert dies aber nicht. Wie angedeutet wissen wir nicht einmal, ob es eine funktionierende Nationalbibliothek gibt.

 

CLAC

Das Centre de Lecture et d’Animation Culturelle de Yaoundé (CLAC, Zentrum des Lesens und der kulturellen Animation in Yaoundé) ist eine erstaunliche Einrichtung. Gelegen in einem ärmeren Viertel der Stadt vermittelt es einen sehr aufgeräumten, gepflegten und vor allem modernen Eindruck. Wie wir erfahren haben, ist das “Aufgeräumtsein” Teil der Identität.

Das Zentrum umfasst eine Bibliothek mit rund 10.000 Medien (für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, inklusive eines Bestandes “Bibliotheconomie”), aber darüberhinaus auch einen Multifunktionsraum, inklusive Bühne und X-Box, Internetplätze, eine kleine Druckerei und Buchreparatur sowie einen Schulungsraum mit über 30 Rechnern. Geführt wird das CLAC von einem sehr motivierten und selbstbewussten jungen Mann, der sich mit dem CLAC selbstständig gemacht hat. Er hat das Zentrum fast vollständig selber aufgebaut und weiterreichende Pläne.

Seine Ausbildung hat er zum Teil in Frankreich (enssib in Lyon) absolviert, was nicht so ungewöhnlich war. Wir haben eine Anzahl von Menschen getroffen, die jetzt in Kamerun leben, aber ihre Ausbildung im Ausland genossen haben.

Eine der Erfolgskriterien des CLAC ist der enge Kontakt zu Fördereinrichtungen und das erfolgreiche Abschliessen von Förderprojekten. Vom kamerunischen Staat erhält das CLAC kein Geld. Insbesondere das Institut Français (das französische Pendant zum Goethe Institut) und die Bibliotheques sans frontières (Bibliotheken ohne Grenzen, Genf / Dakar), aber auch die US-Embassy unterstützen das CLAC. Ein Musterbeispiel dafür ist der Schulungsraum. Die Rechner in diesem Raum sind von Institut Français bezahlt, die Open Learning Ressources, die dort für Kurse benutzt werden, stammen von der Non-Profit Organisation Khan Academy. Als interner Server für diesen Raum dient ein RasberryPi.

Für die Kurse werden die Schülerinnen und Schüler aus aktuell sieben Schulen per Bus zum CLAC transportiert. Laut Statistik kommen rund 70% der Nutzerinnen und Nutzer nicht aus dem Quartier, sondern mit dem Taxi (Seitennote: Wobei Taxis in Kamerun das normale Transportmittel darstellen.) Dennoch gibt es auch Aktionen für das Quartier.

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Maison des savoirs

Auch das Maison des Savoir (Haus der Wissen) befindet sich in einer ärmeren Gegend. Die seit zehn Jahren bestehende Institution, welche sich als Stadtkulturinitiative versteht und sowohl eine Bibliothek mit rund 7.000, zum Teil veralteten, Medien beinhaltet als auch Alphabetisierungskurse und Gesundheitsarbeit in der Umgebung durchführt, wird von drei jungen Angestellten geführt, welche ebenso einen sehr engagierten Eindruck machen. Eine Angstellte ist ausgebildete Bibliotheksassistentin, die zuvor an der Nationalbibliothek (die es vielleicht oder vielleicht auch nicht mehr gibt) gearbeitet hat. Die Finanzierung erfolgt offenbar auch über Fördergelder der Gründerin, die in Frankreich ansässig ist.

Die Bibliothek besitzt eine Sektion für Erwachsene und Jugendliche sowie einen Zeitschriftenraum, ein Regal mit Neuigkeiten, einen Informatikraum mit zwei Rechnern, welche zur Zeit ausser Betrieb sind und einen Schulungsraum für Kinder. In diesem wird gebastelt, es finden Lesungen und Alphabetisierungskurse statt. Für kulturelle Events wie Konzerte, Kunst oder Lesungen steht ein zusätzlicher Raum im danebenliegenden Gebäude zur Verfügung. Das Maison des Savoirs betreibt aktiven Outreach zur Gewinnung von neuen Nutzerinnen und Nutzern, zum Beispiel mittels Flyern.

Eigentlich ist die Ausleihe per Rechner mit PMB geregelt. Da dieser jedoch ständig abstürzt, wird die Ausleihe auf Papier organisiert.

Das Maison des savoirs hat, im Gegensatz zu anderen Einrichtungen, die wir besucht haben, eine Wunschbox mit der sich Nutzerinnen und Nutzer einbringen können. Auf diese Weise wünschten sich Schülerinnen und Schüler Bücher, welche sie in der Schule benötigen. Diese wurden angeschafft, aber sehr schnell geklaut, was darauf hinweist, dass sie tatsächlich benötigt werden. Jetzt ist die Ausleihe für diese Bücher anders geregelt worden.

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Alle Teile des Berichts:

Bibliotheksreise Kamerun, 2014 (Teil 1 von 4)

Eliane Blumer, Karsten Schuldt

Einleitung

Dankenswerterweise hat das Goethe Institut Kamerun uns, Karsten Schuldt und Eliane Blumer, zu einer Bibliotheksrundreise durch Kamerun sowie einer Konferenz des kamerunischen Bibliotheks-, Archivs-, Dokumentalisten- sowie Museographenverbandes (ABADCAM) eingeladen. Auf der Konferenz haben wir beide jeweils zwei Vorträge gehalten und an den Workshops teilgenommen.

Der folgende Text gibt eine Übersicht unserer Eindrücke während des Aufenthalts. Im Vorfeld wurde uns eher ein negativer Eindruck von der Bibliotheksszene in Kamerun vermittelt. Zahlreiche Bibliotheken sollen nur auf dem Papier existieren und, wenn vorhanden, kaum benutzt sein. Teilweise sei dies Ergebnis verfehlter Entwicklungshilfepolitik, durch die Bibliotheken gegründet wurden, welche dann im Nachhinein keine Weiterentwicklung erfuhren. Wir können das nicht bestätigen. Die Bibliotheken, die wir besucht haben, vermittelten uns den Eindruck einer zukunftsgerichteten Bibliotheksszene, die selbstbestimmt Projekte umsetzt. Sicherlich muss diese Szene, wie das gesamte Land, mit mangelnder Infrastruktur, Armut und Korruption umgehen. Allerdings haben wir nur bestimmte Bibliotheken ‒ diejenigen, die sich bereiterklärten, uns zu empfangen ‒ gesehen und waren nur eine gute Woche im Land. Insoweit können wir kein umfassendes Urteil abgeben.

 

14.10.2014 ‒ CDDR und Goethe Institut Kamerun

Centre de Documentation pour le Developpement Rural (CDDR) ‒ Yaoundé

Das Centre de Documentation pour le Développement Rural (Dokumentationszentrum für landwirtschaftliche Entwicklung) ist ein 1988 gegründetes Informationszentrum für den Bereich Landwirtschaft. Das CDDR definiert seine Hauptaufgaben wie folgt:

  • Popularisieren von landwirtschaftlicher Information und Demokratisieren des Zugangs zu dieser.
  • Organisation der landwirtschaftlich relevanten Information, damit sie einfach zugänglich ist.
  • Anlaufstelle zur Überwindung von Schwierigkeiten bei der Informationversorgung für Akteure und Akteurinnen des landwirtschaftlichen Bereichs (Bauern, Bäuerinnen, Agronomen, Agronominnen etc.). [Quelle: Informationsflyer des CDDR]

Das CDDR umfasst eine Dokumentationsstelle und eine Bibliothek, bietet aber vor allem Beratungsangebote. Dafür unterhält es einen eigenen Telefondienst “âllo ingénieur”. In der Regel läuft die Beratung folgendermassen ab: Eine Person kontaktiert (persönlich während der Öffnungszeiten 8.00-15.00 Uhr, per Mail oder Telefon) das CDDR und stellt eine Frage, die sich auf die Landwirtschaft bezieht. Dies kann eine ganz einfache Frage, zum Beispiel zum Anbau von Mais oder dem Verkauf von Maniok sein. Aber auch komplexe agronomische Fragestellungen, wie zum Umbau von landwirtschaftlichen Nutzgeräten, werden behandelt. Im Anschluss an dieses Gespräch erstellt das CDDR ein “dossier documentaire”, welches Informationen zur Beantwortung der Frage und Kontaktadressen von Expertinnen und Experten des jeweiligen Themas organisiert und aufbereitet beinhaltet. Pro Jahr werden etwa 1200 Fragen von überall in Kamerun und teilweise aus dem Ausland beantwortet und circa 400 Dossiers erstellt, täglich besuchen circa 10-15 Personen das Zentrum. Wenn möglich sollen die Dossiers zukünftig auch elektronisch angeboten werden.

Ein langfristiges Ziel des CDDR ist es, den agronomischen Beruf zu professionalisieren. Bäuerinnen und Bauern sollen agronomisches Wissen erwerben und einsetzen. Um dies zu unterstützen, wird der Service für Agronominnen und Agronomen gratis angeboten.

Um noch weiter wahrgenommen zu werden, unternimmt das CDDR einiges:

  • Informationstag über Projekte
  • Bücherschränke in Schulen auf dem Land
  • Infoblatt für jede Nutzerin und jeden Nutzer
  • je drei Seiten pro Ausgabe der Zeitung “La voix du paysan” (Die Stimme des Bauern), in der das CDDR agronomische Informationen vermittelt

Obwohl beim CDDR die Information und nicht Bücher im Mittelpunkt stehen, betreibt das Zentrum auch eine funktionierende Bibliothek. Für die Bestandsentwicklung hingegen gibt es keine Ressourcen, das CDDR lebt von Geschenkgaben. Als integriertes Bibliothekssystem benutzt das Zentrum PMB, ein französisches Open Source Library System, welches uns im Verlauf der Reise immer wieder begegnete.

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Goethe Institut Kamerun ‒ Yaoundé

Eigentlich ist die Bibliothek des Goethe Instituts in Yaoundé eine deutsche Bibliothek in Kamerun und keine kamerunische Bibliothek. Dies ist erst einmal nicht erstaunlich, da alle Goethe-Institute als Hauptaufgaben die Förderung der deutschen Sprache, die Vermittlung eines “aktuellen Deutschlandbildes” und den interkulturellen Dialog bearbeiten. Absurd wird es aber, wenn das Corporate Design des Instituts dazu führt, dass jede Bibliothek eines Goethe-Instituts mit Möbeln der ekz ausgestattet ist. Ganz recht, für jedes Institut werden die Möbel in Reutlingen bestellt und an den jeweiligen Ort transportiert, was in den meisten Fällen, zum Beispiel Kamerun, umständliche Logistik und teilweise Praktiken im legalen Graubereich mit sich bringen. Und das, ohne dass es dafür einen Grund gibt. Uns leuchtet diese Corporate Design Idee nicht ein, da sie zum Beispiel dem interkulturellen Dialog entgegensteht. Wie wir selbst gesehen haben, gibt es zum Beispiel in Yaoundé selber eine sichtbare Möbelproduktion.

Wir finden das absurd, es heisst aber nicht, dass die Bibliothek schlecht ist, im Gegenteil. Mit 260 Besucherinnen und Besuchern pro Tag, rund 55.000 Besuchen im vergangenen Jahr, für welche 80 Quadratmeter und zusätzliche Leseplätze an der freien Luft zur Verfügung stehen, ist die Bibliothek die meistbesuchte Bibliothek eines Goethe-Instituts weltweit. Dies bezieht sich nicht nur auf die Bibliothek, sondern auf das gesamte Institut, welches mit 500 Lernenden pro Tag in zwei Häusern boomt. Die Bibliothek in Yaoundé wird vor allem von Jugendlichen, die Deutsch lernen, genutzt. Es gibt einen grossen Drang kamerunischer Jugendlicher zur Auswanderung nach Deutschland, der teilweise mit der politischen Situation erklärt wird. Im Gegensatz zu Frankreich existiert ein positives Deutschlandbild, obwohl Kamerun sowohl deutsche, französische als auch englische Kolonie war. Gleichzeitig wurde uns erklärt, dass Jugendliche zu Hause nicht lernen können, da sie als Abhängige der Familie behandelt werden und zum Beispiel ständig zu Botengängen oder anderen Aufträgen herangezogen werden.

Insoweit ist der Bestand vor allem aus Lehrbüchern für die Deutschkurse des Instituts zusammengesetzt. Andere Bereiche des Bestands, zum Beispiel deutsche Literatur, werden wenig benutzt. Die Bibliothek ist, wie alle Bibliotheken der Goethe Institute, im SWB-Verbund integriert und arbeiten für den Verbund mit Pica. Lokal arbeitet die Bibliothek mit Allegro und ist damit eine Ausnahme in Kamerun. Die Beschaffung neuer Medien stellt eine logistische Aufgabe dar. In Kamerun kann niemand die Lieferung deutschsprachiger Medien anbieten, deswegen werden sie über einen Vertragspartner in Deutschland gekauft und dann per Logistikunternehmen eingeflogen.

Eine weitere Aufgabe des Goethe Instituts ist die “bibliothekarische Verbindungsarbeit” zwischen lokalen und deutschen Bibliotheken. Unser Besuch war Teil dieser Verbindungsarbeit (obwohl wir beide zum grössten Teil in der Schweiz und nicht in Deutschland arbeiten).

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Alle Teile des Berichts:

Eigenständiges Lernen im Makerspace einer Bibliothek. Ein australisches Beispiel

Bibliotheken müssen im Bezug auf eigenständige Bildungsaktivitäten (also solchen, die nicht im Zusammenhang mit Schule / Ausbildung / Hochschule stattfinden) mit einem Paradox umgehen: Sie würden gerne einer der Orte sein, die solche Bildungsaktivitäten unterstützen – wofür sie in gewisser Weise auch sinnvoll sind –, aber gleichzeitig ist es schwierig, aufgrund der Freiwilligkeit, mit der diese Aktivitäten durch die potentiellen Lernenden durchgeführt wird, mehr zu tun, als Angebote an Räumen und Medien zu machen. (Wobei das nicht unterschätzt werden sollte.) Man kann niemand dazu nötigen, eine solche Bildungsaktivität durchzuführen; gleichzeitig ist bekannt, dass die Motivation bei solchen Bildungsaktivitäten viel höher ist, als bei angeleiteten, also zum Beispiel Schulprojekten. Mark Bilandzic, der offenbar die bestimmt gute Entscheidung getroffen hat, aus Deutschland nach Australien auszuwandern, um dort an einem PhD zu arbeiten, berichtet in einem Artikel über eine Aktivität der State Library of Queensland (Brisane), welche dieses Paradox relativ erfolgreich angeht. Gleichzeitig scheint mir dieser Text eine der intensivsten publizierten Auseinandersetzungen mit diesem Paradox darzustellen. [Bilandzic, Mark (2013) / Connected learning in the library as a product of hacking, making, social diversity and messiness. In: Interactive Learning Environments (In Press), http://eprints.qut.edu.au/61355/]

Bilandzic betont im theoretischen teil seiner Arbeit, dass Bibliotheken und ähnliche Einrichtungen zwar Räume für soziales Lernen zur Verfügung stellen können und ohne solche Räume soziales Lernen auch nicht stattfinden kann, aber das solche Räume nicht automatisch zu sozialem Lernen führen. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie Bibliotheken quasi den Sprung vom reinen Angebot des Raumes zum Anstossen direkter Lernprozesse gehen können.

In der State Library of Queensland findet sich – wie in zunehmend mehr Bibliotheken im englischsprachigen Raum – eine „The Edge“ genannte Einrichtung, welche als Learning Commons funktioniert. Learning Commons sind Räume, die Lern- und Arbeitsgeräte zur freien Verfügung stellen und zudem einen Raum schaffen, in denen unterschiedliche Lernprozesse möglich sind. The Edge ermöglicht es zum Beispiel, Computer und Arbeitsräume zu mieten, bietet täglich, ausser Montags, Workshops sowie drei thematische Labs (screen and sound, mobile and physical, record and mix) zur Benutzung an. Allerdings, so Bilandzic, motiviert dieser Raum nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre, gemeinsames Lernen.

„[…] outside of such workshops, i.e. when The Edge simply functions as a free space with infrastructure for people to work, study and engage in self-driven activities around digital culture, most people work next to each other in isolation, rather than with each other. When collaborative activities were observed, then mostly among people who have known each other prior to coming to The Edge. The conceived vision of The Edge’s designers as a space for serendipitous encounters and collaborative, incidental learning did not translate into user activities during their everyday visits.” (Bilandzic 2013, p. 5)

Der Autor versuchte erfolgreich, dieses Nebeneinander-her-arbeitens mit einer Gruppe namens „Hack The Edge“ zu überwinden. Diese, immer noch wöchentlich angebotene Gruppe („Weekly on Thursday, forever“), hat das Ziel, unterschiedliche Personen zusammen dazu zu bringen, voneinander zu lernen. In der kostenlosen Gruppe treffen sich Menschen, die mit unterschiedlichen Hintergründen (technisch, kreativ etc.) an offenbar eher technischen Projekten arbeiten wollen – Basteln mit Hard- und Software wäre vielleicht der richtige Ausdruck dafür. In der ersten Sitzung dieser Gruppe versuchte Bilandzic mit einer halbstündigen Einführung in einen Open Source Hard- und Software-Satz das „Hacking“ zu motivieren. Allerdings wollten die Anwesenden offenbar lieber selber an Projekten arbeiten. Die Mitglieder der losen Gruppe formten schnell eine eigene Agenda mit gemeinsamen Projekten aus, treffen sich in The Edge auch vor den offiziellen Treffzeiten und nutzen den Raum in wechselnden Projekten. Die Gruppe hat einige ständige und viele wechselnde Mitglieder.

Bilandzic, welcher die Gruppe praktisch organisiert, führte nach der ersten Sitzung und zu einem späteren Zeitpunkt als Follow-Up Fokusgruppen-Interviews durch. Zudem ergänzte er sie mit weiterführenden Interviews mit Beteiligten an der Gruppe. Als Ergebnis dieser Untersuchungen berichtet er folgendes:

  • Die Beteiligten an der Gruppe kommen mit sehr unterschiedlichen Kompetenzen. Es gibt zum Beispiel einige Mitglieder des lokalen Hackerspaces, welche die Diversität der Gruppe im Gegensatz zum Hackerspace herausstellen. Ihrer Meinung nach sind die Personen bei Hack The Edge weit kreativer, die im Hackerspace technisch kompetenter.
  • Ebenso kommen die Personen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen. Bilandzic führt zum Beispiel an, dass Teile der Gruppe nach der Schliessung der Bibliothek (um 20:00) in eine Snackbar weiterzieht. Ein Teil der Gruppe kann diese Treffen aus finanziellen Gründen nie folgen. Insoweit finden sich Menschen in Armut und Menschen in sichereren finanziellen Lagen in der Gruppe wieder. Zudem betont er, dass in The Edge auch Frauen und Kinder kämen, die in sonstigen, ähnlichen Settings eher nicht anzutreffen wären.
  • Die Beteiligten an der Gruppe engagieren sich nach jeweils eigenen Agenden, die unter ihnen ausgehandelt (und immer wieder verändert) werden. Zudem lernen sie direkt in einem sozialen Zusammenhang. Der Autor stellt dies eher vorgegebenen Agenden gegenüber, bei denen eher weniger selbstbestimmtes Lernen stattfindet. Seiner Auswertung nach erfolgt das Lernen in der Gruppe aus intrinsischer Motivation, selbstgesteuert und sozial. Hierfür führt er auch die genannten Nachtreffen in der Snackbar an, bei denen die Gespräche zwischen den sehr unterschiedlichen Teilnehmenden schnell zwischen Lerninhalten und sozialen Themen wechseln. (Kneipengespräche auf einer höheren Ebene, quasi.)
  • Brilandzic stellt heraus, dass der Habitus der Bibliothek zu diesem Lernen in der Gruppe beiträgt. Für ihn zeichnet sich der Raum The Edge dadurch aus, „a universal, open and socially inclusive space“ (Brilandzic 2013, 9) zu sein. (Wobei daran erinnert werden muss, dass der Zugang zu australischen Bibliotheken per se relaxter gehandhabt wird als in der Schweiz oder Deutschland. Zum Beispiel scheint niemand Taschen oder Sachen abzugeben, bevor er oder sie eine australische Bibliothek betritt. Man sollte nicht sofort schliessen, dass gerade die sozial inklusive Rolle in der Schweiz oder Deutschland genauso gut von den Bibliotheken übernommen wird.) Dieser Habitus zieht im Vergleich zu einer ähnlichen Veranstaltungsform – nämlich eine offene Gruppe zum Hacken von Hard- und Software – weit andere Personen an, als der Hackerspace, welcher solche Runden selbstverständlich – wie quasi jeder andere Hackerspace – auch im Programm hat.
  • Das Lernen bei Hack The Edge ist eher ungerichtet. Die Personen begreifen die Gruppe zum Teil als Ort für Projekte, teilweise als loses soziales Netzwerk. Bei Aktivitäten innerhalb der Gruppe lernen sie etwas, aber dies steht nicht im Vordergrund.

Was Bilandzic mit seinem Beispiel zeigt, ist, dass Lernen in Bibliotheken nicht stattfindet, indem der Raum Bibliothek zum Lernort umgestaltet wird. Der Raum Bibliothek mit seinem Habitus, seinem Angeboten und so weiter ist eine gute Grundlage für selbstgesteuertes Lernen, aber kein Garant für solches Lernen. (Wobei auch der Zustand, dass Menschen in die Bibliothek kommen, um alleine oder mit Menschen, die sie schon kennen, zu lernen, nicht per se schlecht ist. Es stimmt aber nicht mit dem Selbstbild vieler Bibliotheken – in Australien oft noch mehr als im deutschsprachigen Raum – als Ort, welcher Lernen motiviert, überein.) Lernmöglichkeiten müssen und können geschaffen und beständig neu initiiert werden; gleichzeitig funktionieren sie offenbar über die Freiwilligkeit der Teilnahme.

Eine gewichtige Einschränkung ist selbstverständlich, dass sich die Bibliothek in Brisbane in einer Millionenstadt, zudem einer australischen – was heisst, einer mit global gesehen wenigen sozialen Friktionen – befindet. Eventuell funktionieren solche Modelle nur in bestimmten Regionen oder Städten (die sich allerdings im deutschsprachigen Raum mit hoher Wahrscheinlichkeit auch finden), eventuell benötigen sie eine bestimmte Anzahl von Personen, um sich ständig zu erneuern. Wichtig scheint mir an dem Beispiel und dem Text aber vor allem, dass der Autor die Grenzen selbst der bestausgestatteten Lernorte (oder auch Makerspaces) benennt und erfolgreich versucht zu klären, wie mit diesen umgegangen werden kann.

„Bibliotheksunterricht“. Ein Text von 1934, der die Vorstellung über den Zusammenhang von Bibliothek und Bildung irritiert.

Einer der Texte, die ich gerne anführe, um die Komplexität des Nachdenkens über den Zusammenhanges von Bibliothek und Bildung noch ein wenig zu erhöhen, ist „Bibliotheksunterricht“ von Nadeshda Kruspkaja. [Enthalten in Kruspkaja, Nadeshda Konstantinowna (1971 [1934]) / Sozialistische Pädagogik : Eine Auswahl von Schriften, Reden und Briefen in Vier Bänden ; Besorgt von Karl-Heinz Günther, Leo Hartung und Gerhard Kittler ; Band III. Berlin : Volk und Wissen, 1971, S. 230-232] Dieser Text irritiert meiner Meinung nach mehrfach.

  1. Wenn auch in einer anderen Terminologie, entwirft er doch in groben Linien Ideen, die heute zum Beispiel in Kooperationsvereinbarungen zwischen Öffentlichen Bibliotheken und Schulen oder Spiralcurricula von Bibliotheken zu finden sind. Allerdings schon vor rund 80 Jahren. Insoweit stellt sich sehr schnell die Frage, was denn am Zusammenhang von Bibliothek und Schule tatsächlich neu und heute wirklich anders ist. Gerne werden in Deutschland, zum Teil auch der Schweiz (in der Schweiz ist alles nochmal komplizierter), die ersten PISA-Studien als Beginn der Neuausrichtung dieser Arbeit dargestellt. Die Geschichtsschreibung, nach der bis Anfang der 2000er Jahre praktisch nicht über Bildung und Bibliothek nachgedacht worden sei und jetzt alles neu gedacht und innovativ sein müsste; stimmt offenbar so nicht.1 Sie stimmt vielleicht nicht ganz nicht, aber ganz so einfach ist es offenbar auch nicht.
  2. Nadeshda Kruspkaja war dafür verantwortlich, den gesamten Bildungsbereich ausserhalb von Schule, Hochschule und Ausbildung in der frühen Sowjetunion (historisch korrekter, zuerst: Sowjetrussland) aufzubauen; dazu gehörte auch das Öffentliche und Schulbibliothekswesen. Übersetzt man ihre Stellung, war sie gleich nach der Revolution bis zu ihrem Tod 1939 Voksbildungsministerin. Als solche hat sie die Grundzüge des Öffentlichen Bibliothekswesens in der Sowjetunion entworfen (und sich dabei erkennbar auch an schweizerischen Vorbildern orientiert). Dabei hat gewiss ein wenig geholfen, dass sie mit Lenin verheiratet war (und auch zusammenlebte).2 Der Text zeigt dies, er ist eher eine Thesensammlung, die dann in den Bibliotheken ausgearbeitet („interpretiert“) werden musste. Aber trotzdem irritiert dies: Wie kann in einer so anderen Gesellschaft, wie der frühen Sowjetunion, ähnliche Dinge konzeptionalisiert werden, wie in der heutigen deutschen beziehungsweise schweizerischen? Sollte es nicht anders sein? Dies kann den Optimismus, der heute beim Nachdenken über den Zusammen Bibliothek und Bildung zu spüren ist – wo alles mögliche getan wird, um den Kindern und Jugendlichen mehr Chancen innerhalb der heutigen Gesellschaft zu geben, wo aber auch alles mögliche als erfolgsversprechend, neu und die gesellschaftliche Partizipation erhöhend gilt – irritieren. Nicht aufhalten, aber kurz stoppen und zum Nachdenken anregen.
  3. Was an diesem Text auch irritiert: Kruspkaja macht zwar strukturierte „Vorschläge“ (die man getrost als Anweisung verstehen kann), betont dabei aber durchgängig die Aufgabe, diese im Rahmen der lokalen Gegebenheiten zu interpretieren (Für welche Schülerinnen und Schüler wird der Unterricht unterworfen? Welche Bibliothek macht den Unterricht, welche anderen gibt es noch?) und fordert eine Erfahrungsaustausch von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ein. Irritierend daran ist, dass dies innerhalb eines politischen Systems geschieht, welches besessen davon ist, alles Mögliche in Pläne zu packen, mit Kennzahlen zu versehen, fortzuschreiben, zentral zu steuern. (Nicht unbedingt nur aus den schlechtesten Überlegungen heraus.3) Dies ist deshalb irritierend, weil Kruspkaja weit mehr auf die lokalen Bedingungen einzugehen scheint – also sie zumindest andenkt – als viele heutigen Texte zum Zusammenhang von Bibliotheken und Bildung. Sicherlich haben wir auch heute wieder – unter ganz anderen Vorzeichen – eine gewisse Obsession mit Kennziffern, Steuerung etc. Aber doch noch lange nicht so sehr, wie gerade in der frühen Sowjetunion. Warum also gibt dieser Text – der inhaltlich nicht aus dem Rahmen der Argumentation von Kruspkaja fällt – dem lokalen Rahmen mehr Bedeutung?
  4. Gleichzeitig irritiert der Text, weil er selbstverständlich nicht ganz so klingt, wie heute. Durch seine Zeilen schimmert ein anderes Denken durch, aber die Frage ist, wie stark. Eine andere Frage ist, ob die Grundlinien dieses Denkens nicht doch auch für die heutige Zeit Fragen aufwerfen. So spricht Krupskaja gleich für die erste Stunde davon, dass den Kindern und Jugendlichen klargemacht werden muss, warum die Sowjetmacht überhaupt Bibliotheken unterhält. Warum müssen die das wissen? Um die Arbeit der Bibliothek und den Fakt, dass sie unterhalten werden – in damals steigender Zahl –, wertschätzen zu lernen. Grundsätzlich galt in der Sowjetunion, dass alle Entscheidung im Sinne Aller getroffen würden, also in diesem Fall: Alle Menschen der Sowjetunion unterhalten die Bibliotheken, unter anderem, individueller Schüler, individuelle Schülerin, deine für dich. Dafür muss auch Dankbarkeit gezeigt werden. (Das dem nicht so war, da ja niemand so Recht sagen konnte, „ähm nein, nicht in meinem Namen“, sondern diktatorisch entschieden wurde, dass es richtig wäre, die Bibliotheken – und andere Einrichtungen – zu unterhalten, steht auf einem anderen Blatt.) In der „achte[n], neunte[n] und zehnte[n] Stunde“ (S. 232) möchte Krupskaja explizit zwischen „Verschlingen“ und Lesen von Büchern unterschieden wissen. Sie schliesst damit an einen Diskurs an, der heute in den Bibliotheken vergessen zu sein scheint; nämlich der Vorstellung, dass die Bibliotheken die Aufgabe hätten, zum richtigen Lesen zu Erziehen, da es falsche Arten des Lesens gäbe (Das „Verschlingen“ war Bezeichnung für ein schnelles Lesen von zahlreichen Romanen und Erzählungen, was als Nicht-Verstehendes Lesen kritisiert wurde.) und die Bibliothek die Aufgabe hätte, diese falschen Arten des Lesens – die einher gingen mit dem Lesen falscher Literatur, nämlich reiner Unterhaltung – zu verhindern. Heute wird dies nur noch selten, und wenn, dann nicht direkt, gefordert. Aber es ist ein Diskurs, der jahrzehntelang die Bibliotheken in unterschiedlichen Staaten prägte. Es irritiert in diesem Text, weil er das Vorhandensein von Diskussionen und Vorstellungen beweist, die in der heutigen bibliothekarischen Ausbildung und Diskussion gar nicht mehr erinnert zu werden scheinen. Ist das gut, dass wir nicht mehr darüber reden, dass es solche Vorstellungen – und zwar weit verbreitet im Bibliothekswesen, nicht als Minderheitenmeinung – gab? Ist nicht die Darstellung, die wir uns vom Werden der Öffentlichen Bibliotheken machen, unvollständig?

Der Text: Bibliotheksunterricht

„Bibliotheksunterricht

Der Bibliotheksunterricht ist außerordentlich wichtig; es muß in der Presse erörtert werden, die vorhandenen Erfahrungen sind zu berücksichtigen.

Zuerst muß untersucht werden, worauf das Augenmerk zu richten ist – für welches Alter der Unterricht ist. Bibliotheksunterricht für Schüler der ersten Stufe ist eine Sache, Bibliotheksunterricht für Schüler der höheren Klassen eine andere.

Fernen muß die Zielsetzung des Bibliotheksunterrichts genau festgelegt werden. Sehr oft beschränkt sich dieser Unterricht auf die Geschichte des Buchdrucks und wiederholt alles, was den Kindern im Russisch- und Literaturunterricht vermittelt werden muß. Oft wird über alles gesprochen, am wenigsten aber über die Bibliothek und die Fähigkeit, sie zu benutzen.

Außerordentlich wichtig ist auch die Frage nach dem konkreten Inhalt des Bibliotheksunterrichts, nach der praktischen Anleitung.

Schließlich ist es äußerst wichtig, die bei den Kindern vorhandenen Kenntnisse über die Bibliothek zu berücksichtigen: Dort, wo nur eine Schulbibliothek vorhanden ist, muß der Bibliotheksunterricht für die Kinder anders gestaltet werden als dort, wo es keine gibt; wo in der Nähe eine Bezirkskinderbibliothek vorhanden ist, anders als dort, wo es keine gibt; wo eine Bibliothek für Erwachsene vorhanden ist, anders als dort, wo es keine gibt.

Nehmen wir die ersten Bibliotheksstunden für Schüler der ersten Stufe.

Dieser Lehrgang kann ungefähr folgendermaßen aufgebaut werden.

Erste Stunde: Hier muß darüber gesprochen werden, warum die Sowjetmacht für Bibliotheken sorgt, daß es in der Bibliothek viele Bücher gibt und wie viele Werktätige lesen. Die Kinder müssen sich ihre eigene Bibliothek ansehen, und sie müssen sich die Bezirkskinderbibliothek oder die einer anderen Schule und eine Erwachsenenbibliothek ansehen. Man muß einen Bibliotheksbesuch veranstalten und danach Aufnahmen von großen Bibliotheken zeigen. Dann zeigt man Aufnahmen von Lesezimmern und Lesesälen, die von Lesern überfüllt sind. Daraus ergeben sich die Schlußfolgerungen, wie man sich in einer Bibliothek zu verhalten hat, um einander nicht zu stören, und wie man ein Buch, das gesellschaftliches Eigentum ist, schonen kann.

Zweite Stunde: „Das Wohnhaus der Bücher.“ Ein großes Haus; darin gibt es viele Bewohner, jeder hat seine eigene Wohnung, seinen Wohnplatz. Die Bücherregale sind das Wohnhaus der Bücher. Wie kann man feststellen, wo ein Genosse wohnt? Man muß die Hausnummer und die Wohungsnummer kennen. Die Bücherabteilungen sind die Häuser; in einem Bücherhaus wohnen die Lehrbücher, in einem anderen Bücher über Tiere, in einem dritten Bücher über Maschinen usw. Die Nummer der Abteilung ist die Nummer des Bücherhauses; die Nummer des Buches ist die Nummer der Buchwohnung. Das Bibliotheksbuch muß immer an seinem Platz stehen. Der Bibliothekar weiß, wie die Bücher angeordnet sind, er weiß, in welchem Regal ein Buch steht, wo er es findet und wohin er es zurückstellen muß. Der Bibliothekar hat sehr viel zu tun.

Dritte Stunde: „Bekanntmachung mit dem Buch.“ Titel, Verfasser, Inhaltsverzeichnis, Bekanntmachung mit dem Katalog. Die Kinder lernen, wie man Bücher aus dem Katalog herausschreibt. Praktische Anleitung, wie man eine Buch aus dem Kinderkatalogen herausschreibt.

Vierte Stunde: „Der Lesesaal. Die Lesesaalordnung.“ Die Lesekarte berechtigt, ein Buch mit nach Haus zu nehmen. Regeln zur Benutzung der Bücher.

Fünfte Stunde: „Auswahl der Bücher.“ Schwere und leichte Bücher. Was man lesen möchte und was man lesen muß. Die Kameraden, der Lehrer und der Bibliothekar erteilen Ratschläge. Verzeichnissse empfehlenswerter Bücher.

Sechste Stunde: „Das Buch über Bücher.“ Gutachten über Bücher. Wahl der Bücher nach Katalogen. Was für Bücher es in der Bibliothek gibt. Aus dem Zettelkatalog kann man erfahren, welche Bücher zur Zeit in der Bibliothek vorhanden sind.

Siebente Stunde: „Nachschlagewerke.“ Wie man mit einem erklärenden Wörterbuch arbeitet. Kinderenzyklopädien. Zeitungen. Zeitschriften.

Die achte, neunte und zehnte Stunde müssen sich mit der Frage befassen, wie man liest. Lesen und „Verschlingen“ von Büchern. Wie man sich in dem Lesestoff zurechtfindet. Wen man fragen kann, und was man fragt. Wie man selbst Antworten auf Fragen finden kann. Wie man Gutachten über Bücher verfaßt. „Die Bibliotheksfreunde.“

Für die Schüler zweiten Stufe muß dieser Unterricht natürlich einen anderen, vertiefteren Charakter haben. Einen besonders großen Raum werden in dieser Stufe Fragen des Selbststudiums einnehmen. Einen großen Platz muß auch die kritische Einstellung zum Lesestoff einnehmen. Auch über Auszüge, Gutachten und Lesekonferenzen muß ausführlich gesprochen werden.

Sehr wünschenswert wäre, Erfahrungen auf dem Gebiet des Bibliotheksunterrichts auszutauschen und die Meinungen der in der praktischen Arbeit stehenden Bibliothekare zu hören.“

Kruspkaja, Nadeshda Konstantinowna (1971 [1934]) / Sozialistische Pädagogik : Eine Auswahl von Schriften, Reden und Briefen in Vier Bänden ; Besorgt von Karl-Heinz Günther, Leo Hartung und Gerhard Kittler ; Band III. Berlin : Volk und Wissen, 1971, S. 230-232

Abschluss

Dieser Text zeigt nicht, dass alles schon mal gesagt wurde, was heute gesagt wird. Selbstverständlich gibt es neben den auffälligen Parallelen Unterschiede. Einerseits die Unterschiede, die einfach durch die Weiterentwicklung von Medienformen und Bibliotheken entstehen (Stichwort: Zettelkatalog als Zentrum der Bibliothek). Andererseits die Unterschiede, die durch eine andere Gesellschaft herrühren.

Aber: Der Text zeigt auch, dass nicht alles in eine klare historische Linie gebracht werden kann. Die Bibliothekswesen haben die Bildung nicht erst in den letzten Jahren als Handlungsfeld entdeckt oder wären gar die ersten, die diesen Zusammenhang postuieren. Auch sind sie nicht die ersten, die bestimmte Vorstellungen entwickeln. Wie gross ist denn beispielsweise wirklich der Unterschied zwischen den in diesem Text skizzierten Vorstellungen und den heutigen bibliothekarischen Spiralcurricula?

Eine historische Verortung könnte dazu beitragen, auf die Erfahrungen der Vergangenheit zurückzugreifen. Nur drei kurze Erkenntnisse aus dem Lesen dieses Textes: 1.) Die PISA-Studien standen nicht am Anfang des Nachdenkens von Bibliothek und Bildung (Schule). 2.) Auch die von hoch oben in der politischen Hierarchie geförderte Verbindung von Bibliothek und Schule hat dazu geführt, dass diese Zusammenarbeit im Nachhinein perfekt ablief. 3.) Stellt man nicht die einzelne Bibliothek in den Mittelpunkt, kann auch der Besuch mehrerer Bibliotheken durch die Schülerinnen und Schüler als sinnvoll erscheinen.

Insoweit: Für mehr Lesen historischer Texte zum Bibliothekswesen! Für mehr kritische Interpretation dieser Texte! Für genaueres Einordnen der heutigen Vorstellungen in die Bibliotheksgeschichte (gegen „erstmals“, „zum ersten Mal“, „neu“ als Marketingbegriffe in Texten des Bibliothekswesens)! Für mehr Wissen über vergangene Diskussionen im Bibliothekswesen! Für eine bessere Untermauerung von Vorstellungen zum Bibliothekswesen (Hier zum Beispiel die Vorstellung, ein ausgebautes Öffentliches Bibliothekswesen und Demokratie gehörten per Definition zusammen. Das kann ja so nicht stimmen, wenn es ein ausgebautes Öffentliches Bibliothekswesen mit solchen Vorgaben in der Sowjetunion gab.)! Für mehr Spass mit der Bibliotheksgeschichte!

 

Fussnoten

1 Es gibt auch andere Texte und Beispiele, welche diesen Punkt irritieren. Zum Beispiel fiel mir letztens das Buch Apostles of Culture [Garrison, Dee (1979) / Apostles of culture : the public librarian and American Society, 1876-1920. New York : The Free Press, 1979] in die Hände, welches die Geschichte des frühen US-amerikanischen Öffentlichen Bibliothekswesens ohne den ganzen Helligenschein um Carnegie und Dewey darstellt (und wo es mich mal wieder geärgert hat, dass ich nicht zuvor von diesem Werk wusste), welches ebenso auf frühere Diskurse um Bildung und Bibliotheken eingeht. Es zeigt sehr nachvollziehbar, wie sehr zeitgenössische Diskurse die Bibliotheksarbeit in den USA determinierten.

2 Ich hatte Ihr Leben schon einmal in einem Blogpost dargestellt: https://bildungundgutesleben.wordpress.com/2011/02/03/nadeshda-krupskaja-die-bibliothek-im-dienst-der-revolution-2/. Dort bin ich auch schon einmal kurz auf den Text „Bibliotheksunterricht“ eingegangen. Aber da ich mir endlich eine Ausgabe der „Sozialistischen Pädagogik“ geleistet habe und die gerade auf dem Schreibtisch liegen, motiviert mich das, noch einmal darüber zu schreiben.

3 Vgl. z.B. für eine praktische Anwendung dieser Obsession Flier, Thomas (Hrsg.) (2012) / Standardstädte – Ernst May in der Sowjetunion 1930-1933. Texte und Dokumente. Berlin : Suhrkamp, 2012.

Genf: Buchhändler des Vertrauens

Wenn man aus Berlin stammt, macht in der Schweiz alles, wirklich alles zu früh zu. Oder gar nicht auf. (Restaurationen haben zum Beispiel Sonntags oft gar nicht auf oder servieren erst ab halb acht Essen. [What?] Und nicht zu vergessen: Geschäfte machen Mittagspause, [How is that even possible?] Clubs in Zürich oder Lausanne machen am Wochenende um vier zu [Why?]… so was.)

Aber gleichzeitig ist es die Schweiz, nicht Berlin. Offenbar gibt es ein weites Vertrauen (letztes Jahr hab ich kurz über die Lesebänke in Chur und Arosa geschrieben, die auch auf diesem Grundvertrauen in die Ehrlichkeit und Selbstkontrolle der Menschen basiert). In Genf, wenn man unbedingt etwas zu lesen braucht, aber die Buchläden und Bibliotheken zu haben, kann man in den Durchgang neben einer Buchhandlung gehen und findet dies hier: Ein Regal mit mittelmässigen Second-Hand-Büchern mit (genferischen, also schweizerischen plus noch mal 30% oder so) Preisen auf der Innenseite und der Bitte, dass Geld in den Schlitz der Tür zu werfen. Sicher: Das findet sich auch anderswo, ein Bild aus West Virgina geht immer wieder einmal durchs Internet. Aber hier in der Schweiz irritiert das nicht einmal. Ist halt so.

Links der Eingang zu normalen Öffnungszeiten
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Rechts das Buchregal im Durchgang.
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Please pay as you leave.
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Ein Beispiel der NutzerInnenforschung aus der DDR (1975)

Es gibt die Vorstellung, dass die Hinwendung zu den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer in Bibliotheken ‒ die sich beispielsweise durch die zahllosen unterschiedlichen Umfragen unter ihnen oder auch des Heranziehens ihres (tatsächlichen oder vorgeblichen) Willens bei der Planung von bibliothekarischen Dienstleistungen zeigt ‒ etwas relativ Neues wäre. Bislang hätten die Bibliotheken eher aus sich heraus gelebt, in den letzten Jahren hätten sie sich den Nutzerinnen und Nutzern zugewandt. Zuvor hätte man kaum gewusst, was diese Nutzerinnen und Nutzer eigentlich tun. Deshalb auch gelten Umfragen als modernes Managementinstrument und das Einbeziehen von Jugendlichen bei dem Umgestaltung von Bibliotheken als Innovativ. Nur: Das stimmt so nicht.

Vielleicht kann man heute ‒ aber auch das sollte zuvorderst untersucht werden ‒ von einer neuen Qualität dieser Hinwendung zu den Nutzerinnen und Nutzern gesprochen werden; eventuell ist auch der Diskurs um Transparenz und Partizipation in Bibliotheken relevanter geworden, als er es zuvor war. Aber die Idee, man müsse, um eine Bibliothek sinnvoll zu steuern, wissen, wer die Nutzerinnen und Nutzer sind beziehungsweise was diese wollen, ist schon einige Jahrzehnte immer wieder gedacht und geäussert, zum Teil auch in konkreten Projekten umgesetzt worden.

Die Untersuchung 1970

Ein erstaunliches, weil doch schon älteres und quasi vergessenes Beispiel dafür liefert die Publikation Benutzungsanforderungen an Staatliche Allgemeinbibliotheken.1 Erstaunlich ist diese Untersuchung, weil sie in einem anderen gesellschaftlichen System durchgeführt wurde und dabei selbstverständlich eine andere Terminologie nutzte, auch Rekurs auf einige heute nicht mehr vertretende Ideologeme nimmt, aber so anders als heutige Untersuchungen dann doch nicht ist. Vielmehr: Die Untersuchung wäre, würde sie heute durchführt, immer noch eine erstaunlich umfassende.
Das die Untersuchung durchführende Zentralinstitut für Bibliothekswesen hatte die Aufgabe, in der DDR die Planung des Bibliothekswesens zu ermöglichen, Forschungen im Bereich Bibliotheken durchzuführen und in gewisser Weise das, was heute wohl als Marketing- und Beratungsdienstleistung beschrieben wird, durchzuführen.2 Die in der hier besprochenen Publikation dargestellte Untersuchung war eine dieser Forschungsleistungen.
Aufgabe war, die Anforderungen an die Staatlichen Allgemeinbibliotheken ‒ welche die Aufgaben von Öffentlichen Bibliotheken im Rahmen des staatlich geplanten Bibliothekswesens übernahmen3 ‒ durch die Nutzerinnen und Nutzer zu erfassen und daraus Schritte zur Gestaltung der Bibliotheksarbeit abzuleiten. Diese Schritte waren, ebenso wie die Bibliotheken, immer eingelassen in die Aufgaben, welche den Bibliotheken zugeschrieben wurde. Gleichzeitig ‒ aber dies ist nicht DDR-spezifisch ‒ wurden die Bibliotheken eine grössere Fähigkeit und Aufgabe bei der Lenkung der Leseinteressen von Nutzerinnen und Nutzern als heute zugeschrieben.4 Nicht zuletzt agierten Bibliotheken in der DDR innerhalb einer Zensur- und Verknappungspraxis im Bezug auf Literatur.5 Von einem freien Zugang zu allen Medien konnte gar nicht erst ausgegangen werden.

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Titel

Trotzdem: Grundsätzlich wurde davon ausgegangen, dass die Anforderungen der Nutzenden und die der Gesellschaft sich überschneiden:

“Die gesellschaftlichen Anforderungen drücken sich als Benutzungsanforderungen, als Bedarf an Bibliotheksbenutzung aus, der von konkreten Personen an die Bibliotheken herangetragen wird.

Die Benutzungsanforderungen an StAB [Staatliche Allgemeinbibliotheken, KS] stellen also eine Konkretisierung und in der Mehrzahl der Fälle auch eine Individualisierung der objektiven gesellschaftlichen Anforderungen dar.” (Waligora & Proll 1975, 7)

Die Definition der “Benutzungsanforderungen” ist relativ umfassend.

”In diesen Ausführungen wird von ‘Benutzungsanforderungen’ gesprochen. Wir verstehen darunter von Benutzern geäußerte Anforderungen, die sich auf die Literatur und ihre Inhalte (Bestand und dessen Zugriffsmöglichkeiten) richten, desgleichen auf Breite und Vielfalt des Angebotes an Dienstleistungen (einschl. der Beschaffung von Literatur aus anderen Bibliothekseinrichtungen); auf gute Erreichbarkeit (ausgebautes Netz und ausreichende Öffnungszeiten); auf Aufenthaltsmöglichkeiten (gut ausgestattete Räume einschl. der Möglichkeiten von Gruppenarbeit und Teilnahme an Veranstaltungen).

Benutzung muß daher in doppeltem Sinne verstanden werden:

– als Aktivität der Bibliotheken, die Benutzung ermöglichen und anbieten;

– als Aktivität der Benutzer, die die Bibliotheken und deren Leistungen benötigen. Die Benutzung von Bibliotheken setzt auf der Grundlage der dargelegten objektiven Anforderungen jeweils die freie Entscheidung der Persönlichkeit voraus.” (Waligora & Proll 1975, 7)

Eine Grundidee der Arbeit war, dass es “objektive” Gründe für die Nutzung von Literatur beziehungsweise das Interesse an ihr gebe. Diese objektiven Gründe ergaben sich aus der gesellschaftlichen Stellung der jeweiligen Personen. Sicherlich ist der Begriff “objektiv” heute schwierig, wurde damals aber in Übereinstimmung mit dem historischen Materialismus gebildet, der ja von einer direkten Verbindung von gesellschaftlicher Stellung und (notwendiger) Ideologie ausging.

“Ausdrücklich muß betont werden, daß die Untersuchung n i c h t einen Leistungsnachweis anstrebte. Das Angebot der Bibliotheken und die Anforderungen seitens der Bevölkerung werden sich in Wechselwirkung miteinander verändern, und somit werden sich auch einige Proportionen in den Benutzungsergebnissen verändern. Mit wachsendem Angebot werden die Leistungen steigen.

Es geht in dieser Untersuchung um die Beziehungen zwischen Literatur/Benutzung und Literatur/Benutzer sowie Bibliothek/Benutzer. Es handelt sich um eine komplizierte Frage, die nicht durch eine einzige empirische Untersuchung beantwortet werden kann. Er kommt darauf an, jedes Literaturwerk im Lichte seiner spezifischen Benutzung zu sehen und darauf auch effektivere Vermittlungs- und Erschließungsmethoden zu gründen. Mit dieser Forschungsrichtung befinden wir uns in Übereinstimmung mit sowjetischen Fachkollegen, die an einer sozial-psychologisch bestimmten Klassifizierung der Leser arbeiten.” (Waligora & Proll 1975, 7)

Im Rahmen der Untersuchung wurden nun angestrebt, alle ‒ wirklich alle ‒ Benutzungsfälle in einer Anzahl von Staatlichen Allgemeinbibliotheken zu erfassen. Dies war kein kleines Forschungsprogramm, dass letztlich 1970 ‒ nach einem Testdurchgang in Rathenow 1969 ‒ innerhalb einer April-Woche in Altenburg, Bautzen, Güstrow, Köthen, Malchin, Mühlhausen, Staßfurt, Zittau und Zossen durchgeführt wurde:

“Um Art und gesellschaftliche Herkunft der Anforderungen an Literatur zu ermitteln, wurde bei jedem Entleihungsfall nach dem ‘Benutzungszweck’ gefragt. […]

Der Ordnung der entliehenen Literatur wurde die in den StAB verbindliche Gliederung der Literatur, die Gruppenbildung der ‘Systematik für allgemeinbildende Bibliotheken’ (SAB) zugrundegelegt. Auch für die Erfassung a l l e r Tätigkeiten, die die Benutzer bei ihrem Besuch in der Bibliothek ausübten, wurden entspechende Vorgaben erarbeitet. […]

Um die Verhaltensweise der Benutzergruppen besser kennenzulernen, fragten wir nach einigen Benutzungsgewohnheiten und -bedingungen. (Entfernung von der Bibliothek, Häufigkeit des Bibliotheksbesuches; Benutzung weiterer Bibliotheken; Benutzung des Fernleihverkehrs).” (Waligora & Proll 1975, 11)

Titelseite.
Titelseite.

Ergebnisse der Untersuchung

Die empirische Darstellung der Ergebnisse der einen Untersuchungswoche erfolgt ohne Vergleich (die Bibliotheken wurden zusammengezählt, eine Differenzierung fand nicht statt; ebenso wurde nicht mit der Gesmtbevölkerung der DDR verglichen). Insoweit ist gerade heute deren Aussagekraft gering.6 Tendenziell nutzten auch in der DDR Schülerinnen und Schüler die Bibliotheken mehr als andere Gruppen. So gibt eine Übersicht an, dass von den Nutzerinnen und Nutzern 32,1% “Beruftätige” waren (“Arbeiter und Angestellte” 25,6%, “Genossenschaftsbauern” 0,4%, “Angehörige der Intelligenz” 4,3%, “Handwerker oder Gewerbetreibende” 0,5%, “Sonstige” 1,3%), “In Ausbildung Stehende: 49,3%” (“Studenten” 9,5%, “Lehrlinge” 7,9%, “Schüler 31,9%) und “Nicht Berufstätige: 18,6% (“Hausfrauen” 2,6%, “Rentner, 16,0% (Waligora & Proll 1975, 20f.) Ebenso ist ein “Leseknick” (also ein rabiater Einbruch der Nutzungszahlen in einem bestimmten Alter) festzustellen, allerdings erst nach 25 Jahren (15-18 Jahre: 25,3%, 18-25 Jahre: 20,5%, 25-35 Jahre: 12,0%)
Grundsätzlich spricht die Untersuchung den Bibliotheken eine hohe Leistungsfähigkeit zu:

“- Die StAB erfüllen ihre Aufgabe, sich an alle Bevölkerungsschichten zu wenden. Wenn die jugendlichen Jahrgänge (s. Altersstruktur) zahlenmäßig einen so großen Raum einnehmen, so wird damit eine wichtige Aufgabe unterstrichen. Es handelt sich um die Arbeiterklasse von morgen. Gegenwärtig wird die Arbeit der Bibliotheken durch diese Benutzer sehr geprägt. Neueste repräsentative Zählungen bestätigen die in dieser Untersuchung in Erscheinung getretenen Ergebnisse.

– Die Altersstruktur der Benutzerschaft zeigt bei dem 25. Lebensjahr noch immer die bekannte Zäsur, hier tritt das Absinken auf. Erst bei zunehmendem Alter beginnen die Anteile wieder zu steigen. […]

– Die Zahlenergebnisse nach den Gesichtspunkten der Schulbildung, Fachausbildung und der nebenberuflichen Qualifizierung zeigen, daß die StAB es mit steigenden Ansprüchen zu tun haben, die an alle Mitarbeiter im Bibliothekswesen höhere Ansprüche stellt.” (Waligora & Proll 1975, 26)

Auch die weiteren Zahlen bestätigen grundlegend bekanntes Wissen, beispielsweise, dass mit der Entfernung zur Bibliothek die Nutzung der gleichen sinkt (Höchststand bei 5-15 Minuten Entfernung) oder das die Mehrzahl der Nutzerinnen und Nutzer die Bibliothek normalerweise einmal im Monat nutzt. Interessant ist vielleicht noch, dass nach der Sachgruppe “Philosophie, Religion” (mit 1,9% der Ausleihen) die Sachgruppe “Marxismus-Leninsmus” mit 2,0% der Ausleihe die am zweitseltesten ausgeliehene Nutzungsgruppe bei der Sachliteratur bildete (gefolgt von “Mathematik, Kybernetik” und “Hauswirtschaft” mit jeweils 2,1%). Dies wird berichtet, aber – obgleich dies vielleicht zu erwarten gewesen wäre – nicht weiter kommentiert. “Gewonnen” hatten “Naturwissenschaften” mit 10,4%, “Erd-, Länder- und Völkerkunde, Reisebeschreibungen” mit 12,4% und “Technik” mit 20,5%. Auch in der DDR wurde hauptsächlich Belletristik entliehen (mit 61,8%).
Hervor sticht in der Untersuchung, dass zur Auswertung der Daten eine Methode eingesetzt wurde, die denen der heute gerne empfohlenen “Personas” ähnelt (auch wenn den Personen keine Namen gegebenen wurden). Es wurden insgesamt dreizehn Nutzungsprofile erstellt, denen unterschiedliche Literaturinteressen zugeschrieben und deren Profile dann in der Gesamtnutzerinnenschaft der Bibliotheken verortet wurden (Waligora & Proll 1975, 48-58):

  • “Einfach lesen” (32,1%)

  • “Interesse am Thema” (18,9%)

  • “Interesse am Autor” (11,6%)

  • “Sachinteresse” (9,0%)

  • “Hobby” (7,4%)

  • “Schule” (5,1%)

  • “Interesse an der Literatur des Landes” (3,7%)

  • “Fachschule” (2,7%)

  • “Hochschule” (2,7%)

  • “Berufsausbildung” (2,6%)

  • “Berufsausübung” (1,4%)

  • “laufende berufliche Information” (1,4%)

  • “Gesellschaftliche Tätigkeit” (1,4%)

Des Weiteren wurde zusammengetragen, was die Nutzerinnen und Nutzer eigentlich in der Bibliothek tun. Dabei stellte die Auswahl aus der Freihandausstellung mit 86,7% (der Nutzerinnen und Nutzer bei einem beobachteten Besuch) die Hauptaktivität dar, gefolgt von der Beratung durch Bibliothekarin und Bibliothekar (27,1%) sowie Auskunftserteilung (11,8%). Die Katalogbenutzung lag bei 9,9%. Die Zeitschriftennutzung lag bei insgesamt 12,8% und damit wenig hoch.
Die Zusammenfassung dieser Auswertung liest sich – lässt man die Terminologie fort – wieder recht modern:

“Die Untersuchung hat ergeben, daß die Benutzung in den Räumen der Bibliothek eine zunehmende und bedeutende Rolle spielt. Die Ergebnisse zeigen Tendenzen, aus denen zu ersehen ist, daß die ideologische und wissenschaftliche Wirksamkeit noch zu erhöhen ist. Die Verhaltensweise der einzelnen Benutzergruppen geben dafür aufschlußreiche Anhaltspunkte.

Zurückkommend auf das eingangs zur Rolle und Bedeutung der Bibliotheksbenutzung und der Rolle der Dienstleistungen Gesagte läßt sich unter Stützung auf die Untersuchungsergebnisse feststellen, daß die Wirksamkeit der Dienstleistungen einerseits durch die Aktivitäten der Benutzer bestimmt wird, diese jedoch andererseits durch Vorhandensein und Angebot der Bibliotheken hervorgerufen werden. Das Angebot der Bibliotheken ist die Voraussetzung die Vorgabe. Somit besteht eine Wechselwirkung zwischen beiden Aktivitäten. Die Benutzer bedienen sich dabei in unterschiedlicher Weise der Einrichtung Bibliothek.

Die Inanspruchnahme der Dienstleistungen der Bibliotheken ist an die funktionstüchtige stationäre Bibliothek gebunden. Literaturbeschaffung und Literaturbenutzung kann auch auf anderen Wegen zustandekommen als dem durch die StAB. Je besser aber die StAB mit über die Literaturbeschaffung hinausgehenden Dienstleistungen ausgestattet sind, umso wirkungsvoller wird Bibliotheksbenutzung über die bloße Beschaffung hianus. Die Ergebnisse haben bestätigt, daß sich die Benutzer vielfältig in der Bibliothek betätigen.

Die Benutzergruppe verhalten sich dabei unterschiedlich, sie orientieren sich schwerpunktmäßig auf verschiedene Aktivitäten, vom umfangreichen Entleihen, der Benutzung vieler Dienstleistungen bis zur gezielten Literatur- und Informationssuche. Keine Aktivität ist gegen die andere abzuwerten.” (Waligora & Proll 1975, 119)

“Die Bibliotheken entwickeln sich immer mehr vom bloßen Ausleihzentrum zum geistig kulturellen Zentrum. Das zunehmende Bedürfnis, sich in den Räumen der Bibliothek länger aufzuhalten, muß als ein wichtiger Hinweis betrachtet werden. Ausreichende und ansprechende Bibliotheksräume sind dazu notwendig. Der Raumbedarf der Bibliotheken darf nicht nur bemessen werden nach der Stellfläche für Bücher, sondern nach den Arbeits- und Aufenthaltsmöglichkeiten für Benutzer.” (Waligora & Proll 1975, 127)

Heute

Die Untersuchung des Zentralinstituts hat heute in den Zahlen gewiss nur noch historischen Wert. Sie wurde für Bibliotheken in einem anderen gesellschaftlichen System, in einem nicht mehr existierenden Staat und zudem vor Jahrzehnten durchgeführt. Erstaunlich ist vielleicht, wie wenig das, was man heute über die DDR weiss (vor allem die Zensur und politische Abgrenzung zu anderen gesellschaftlichen Systemen) in der Studie selber vorkommt.
Interessant scheint mir, wie viel von dem, was man heute als moderne Nutzerinnen- und Nutzerforschung beschreiben könnte, selbst das, was heute den Bibliotheken immer wieder als neues Paradigmen vorgeschlagen wird, in der Studie ‒ wenn auch teilweise in anderer Terminologie ‒ vorkommt. Grundsätzlich liesse sich die Studie, wieder mit anderer Terminologie und leicht verschobenen Fragestellungen ‒ beispielsweise anderen Gruppen, die Unterteilung in Intelligenz oder Genossenschaftsbauern interessiert zum Beispiel aktuell weniger ‒ heute ähnlich wiederholen. (Dabei muss man bedenken, dass die Studie gewiss keine Einzelerscheinung war, sondern aus einer weiteren Forschungspraxis entstanden sein wird.)
Ist das erstaunlich? Nicht wirklich, die Fragen haben sich so gross nicht geändert. Zu erwähnen ist selbstverständlich, dass es offenbar immer wieder eine Abgrenzung zu einem “Früher” gibt. Nur: Wann und wo war dieses Früher eigentlich genau? Wenn in den 70er Jahren gesagt wird, die Bibliotheken würden heute zum Arbeitsraum und wären nicht mehr nur Ausleihzentrum und in den 2010er Jahren ebenso, ist irgendetwas komisch. Hier scheint es weniger um eine wirkliche Bibliotheksgeschichte zu gehen, sondern mehr um ein Selbstbild der Bibliothek.
Mir ist die Publikation eher zufällig in die Hand gefallen und ich wollte hier nur mein Erstaunen mitteilen.

 

Fussnoten

1 Waligora, Johanna ; Proll, Rotraud (1975) / Benutzungsanforderungen an Staatliche Allgemeinbibliotheken : Untersuchungsergebnisse aus ausgewählten Bibliotheken der Deutschen Demokratischen Republik (Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit ; 19). Berlin : Zentralinstitut für Bibliothekswesen,1975.

2 Eine weit kritischere, gleichwohl polemische Darstellung des Zentralinstituts findet sich im letzten Kapitel bei Rothbart, Otto-Rudolf (2002) / Deutsche Büchereizentralen als bibliothekarische Dienstleistungsinstanz : Gestaltung und Entwicklung von Zentraleinrichtungen im gesamtstaatlichen Gefüge (Buchwissenschaftliche Beiträge aus dem Deutschen Bucharchiv München ; 69). Wiesbaden : Harrassowitz, 2002.

3 Oder im Jargon der DDR: “Bedeutende Veränderungen vollzogen sich am Ende der 60er Jahre in der Arbeit der allgemeinen öffentlichen Bibliotheken. Um die Versorgung der am Ort tätigen wissenschaftlichen Kader mitzuübernehmen, mußten sie in breitem Maße wissenschaftliche und Spezialliteratur in ihre Bestände aufnehmen. Zur Unterstützung der sozialistischen Bewußtseinsbildung, der sozialistischen Allgemeinbildung und der Aus- und Weiterbildung war es erforderlich, Informationsbestände aufzubauen und eine große Palette von Fachzeitschriften bereitzuhalten. Neue Medien (auditive, visuelle und audiovisuelle Mittel) fanden als Bestandseinheiten Eingang in die Bibliotheken. War mit den vorhanden Literaturfonds einerseits die niveauvoll Unterhaltung und schöpferische Freizeitgestaltung der Bevölkerung zu fördern, so mußte andererseits die auf das Territorium bezogene regionalkundliche Literatur ‒ unter Einschluß von Veröffentlichungen der örtlichen Organe und Einrichtungen ‒ gesammelt, erschlossen und archiviert werden. (…)

[Somit, KS] stellen die staatlichen Allgemeinbibliotheken den territorial wirksam werdenden Teilbereich des Bibliothekssystems der DDR dar. […] Der mit der 5. DB [Durchführungsbestimmung, KS] der BVO [Bibliotheksverordnung, KS] konstituierte Typ der staatlichen Allgemeinbibliothek erwuchs aus den allgemeinen öffentlichen Bibliotheken der 60er Jahre und knüpfte an die progressiven Traditionen dieser Einrichtungen an. Denn die wesenseigenen Merkmal dieses Bibliothekstyps, die umfassende Verbreitung belletristischer und künstlerischer Literatur, die Propagierung gesellschaftswissenschaftlicher und Fachliteratur sowie die Literaturbetreuung von Kindern und Jugendlichen, blieben erhalten.” Marks, Erwin (1987) / Die Entwicklung des Bibliothekswesens der DDR (Zentralblatt für Bibliothekswesen ; Beiheft 94). Leipzig : VEB Bibliographisches Institut, 1987, S.177f.

4 Nicht umsonst veröffentlichte das Zentralinstitut zahlreiche Materialien zur Einführung unterschiedlicher Nutzerinnen- und Nutzergruppen in die Bibliothek. Es wurde einfach davon ausgegangen, dass eine gute Bibliothek die Nutzerinnen und Nutzer lenkt. Vgl. als einer der letzten dieser Publikationen Rossoll, Erika (1989) / Zum Verhalten der Benutzer bei der Literaturauswahl : Untersuchungsergebnisse aus staatlichen Allgemeinbibliotheken (Beiträge zu Theorie und Praxis der Bibliotheksarbeit ; 47). Berlin : Zentralinstitut für Bibliothekswesen, 1989

5 Emmerich, Wolfgang (2007). Kleine Literaturgeschichte der DDR. Neuauflage. Berlin : Aufbau Verlag, 2007.

6 Das Statistische Jahrbuch der DDR ist zwar bei DigiZeitschriften vollständig digitalisiert, gibt aber nur zu einigen der erhobenen Kriterien Auskunft.

Noch ein bibliothekshistorisches Schmankerl: Übergelassene Elemente eines alten Bestandsmanagementsystems. (In vielen Medien aus den Magazinen der ETH Zürich zu finden.)
Noch ein bibliothekshistorisches Schmankerl: Übergelassene Elemente eines alten Bestandsmanagementsystems. (In vielen Medien aus den Magazinen der ETH Zürich zu finden.)

Eine Bibliothek als Zentrum der Community (Mount Gambier)

Die Text- und Beispielsammlung Museums, Libraries and Urban Vitality [Kemp, Roger L. ; Trotta, Marcia (edit.) / Museums, Libraries and Urban Vitality : A Handbook. Jefferson ; London : McFarland Publishers, 2008] basiert auf einer einfachen, oft wiederholten These: Eine Bibliothek kann, wenn sie dazu gemacht wird, zum kulturellen Zentrum einer Community werden. Allerdings kann auch ein Museum diese Funktion einnehmen. Und: Diese These bezieht sich vor allem auf US-amerikanische (teilweise auch kanadische und australische) Kleinstädte und Settlements, nicht auf europäische Gemeinden oder auf Grossstädte. In all den Beispielen, die in diesem Buch angesprochen werden, geht es darum, dass in vielen kleinen Communities – egal ob Vorstadt, Stadtteil oder eigenständiger Gemeinde – keine wirklichen öffentlichen Plätze mehr bestehen würden. Ohne öffentliche Plätze keine Möglichkeit einer Gemeinschaft, so die Vorstellung. In solchen Gemeinden aber würden Bibliotheken und Museen die Rolle eines Community-Centres bilden können. Sie würden der Öffentlichkeit als Treffpunkt dienen, an dem sich überhaupt Gemeinschaft bilden könnte. (Und sie würden den kleinen Firmen wirtschaftliche Beratung und Daten geben können. Das ist eine weitere These, die in dem Buch mehrfach ausgebreitet wird.)

Aber stimmt das überhaupt? Erstaunlicherweise ja. Zumindest erinnerte mich das Buch an eine Bibliothek, die ich während meines Urlaubs besuchen konnte. Was mich traurig gemacht hat, den der Urlaub ist es schon eine so lange Weile her und jetzt ist wieder die Arbeit angesagt… Anyway.

Ich war damals von der Bibliothek begeistert, aber zu faul etwas über sie zu schreiben, also hole ich das mal nach.

Mount Gambier

Mount Gambier ist keine wirklich grosse Stadt, aber wirklich grosse Städte gibt es in Australien eh nur wenige (Wie auch, wenn von 22,5 Millionen Menschen allein in Sydney 3,6, 3,4 in Melbourne, 1.2 in Adelaide und 1.6 in Perth wohnen?). 23.400 Menschen, gelegen in South Australia, praktisch direkt an der Grenze zu Victoria und auch direkt am Ozean. Das Stadtzentrum eher weitläufig. Und interessanterweise ist dieses Stadtzentrum jetzt auch nicht wirklich unwirtlich, zumindest nicht so, wie in anderen Städten an der Küste. Im Zentrum der Stadt findet sich sogar ein kleiner, aber sehr schöner viktorianischer Park, Cave Garden, welcher sich um eine kleine Grotte gruppiert, in der täglich eine Show zur Stadtgeschichte und eine Aboriginal Dream Time stattfinden. (Berühmt ist eigentlich auch ein Vulkansee in der Stadt, aber ehrlich… der Park ist imposanter.)

Cave Garden (Mount Gambier)
Cave im Cave Garden (Mount Gambier)

Ansonsten ist die Stadt flach, eingeschossige Gebäude prägen – wie fast überall in Australien ausserhalb der Grossstädte – das Stadtbild, was nach einer Weile langweilig werden kann. Aber: Mittendrin steht, auf den ersten Blick unauffällig, die Bibliothek, ebenfalls auf einem Geschoss untergebracht. Auffällig an der Einrichtung ist zuerst das Café welches direkt in der Bibliothek betrieben wird.

Blick ins Café. So sieht das aus in der Bibliothek…

Beim zweiten Blick fällt auf, wie neu die gesamte Bibliothek eigentlich ist. Insbesondere, da wir auf unserem Trip die ganzen Tage vorher zwar auch immer Bibliotheken in Melbourne und den kleinen Städten an der Great Ocean Road gesehen haben, die aber eher so aussahen, als wären sie das letzte Mal in den 1980er Jahren renoviert worden.

Warum ist das so? Eine Kollegin in der Bibliothek war so nett, es mir zu erkläutern. Noch vor einigen Jahren hatte auch Mount Gambier eine solche eher veraltete Bibliothek, dann aber wurde beschlossen, sie zu erneuern. Diese Erneuerung ging einher mit mehreren Befragungen und Informationsveranstaltungen bei und für die lokale Bevölkerung. Gefragt wurde, welche Einrichtung die Bevölkerung als sinnvoll ansehen würde. Heraus kam eine Bibliothek, die wohl den internationalen Debatten um die (Öffentliche) Bibliothek als Raum entspricht, aber auch in dieser Form von der Bevölkerung gewünscht wurde.

Zuerstallererst versteht sich die Bibliothek als community space:

Our place reinvents ‚library‘ as a state-of-the-art multipurpose community space totally relevant to its location. It’s a place where practicality takes on fantasy to draw people of all ages to an information-rich gathering place at the heart of our community, adding immeasurably to creative and intellectual life. [Mount Gambier Library / Learn – Connect – Explore (ohne Jahr), p. 2]

Dies zeigt sich darin, dass die Bibliothek vor allem für eine flexible Nutzung ausgelegt ist. Gruppenräume, Rückzugsecken, Jugendbereich (beziehungsweise: „A youth lounge area, complete with PlayStation 3 consoles, magazines, televisions and three specially commissioned ‚youth chairs’“ [Mount Gambier Library, a.a.O., p. 12], eine Kinderzone, die gleichzeitig Platz für Familien zum Spielen hat, das schon beschriebene Cafe direkt in der Bibliothek, ein ständiges Veranstaltungsprogramm, Infopanels, die Veranstaltungen und Kurse anpreisen, helle Farben, eine Bibliothekarin, die durch die Gänge streunt und gezielt Hilfe anbietet. Ausserdem der in Australien verbreitete Brauch, dass niemand Jacken oder Taschen abzugeben braucht, um eine Bibliothek zu benutzen, der relaxte und offene Umgang, die Freundlichkeit des Personals (Obgleich die sehr australisch zu sein scheint. Wer schon glaubt, in der Schweiz wären die Leute so viel freundlicher als in Deutschland wird sich in Australien wundern, wie offen und nett Menschen sein können. [Solange man sich selber nicht als Arsch benimmt, was über Backpacker leider oft berichtet wird – oder halt die falsch Hauptfarbe hat. Alles ist auch nicht gut dort unten, man sagt das Wort racism nicht, aber…])

Gleichzeitig, so erklärt die schon zitierte Broschüre der Bibliothek, aber auch die Kollegin vor Ort, versteht sich die Bibliothek als offener Treffpunkt, was auch in der Architektur, die mittels einer enormen Terasse weit über die Bibliothek selber hinausgreift, vermittelt wird. Hier findet sich auch der einzige Ort in der Stadt, wo es schnelles und kostenlosen Internet gibt (für uns TouristInnen glücklicherweise ohne jede Anmeldung). Das mag in Europa niemand erstaunen, aber das Internet in Australien ist so erstaunlich 1990er, dass es relevant ist. In Australien zahlt man immer noch extra für schnelleres Internet, an vielen Orten wird die Nutzung noch immer nach Downloadmenge berechnet. (In Hotels heisst „freies Internet“ zumeist 50 MB pro Tag, 200 MB pro Tag. Alles andere kostet extra.) Selbst in Melbourne ist schnelles unnd freies Internet eine Ausnahme. Eigentlich ist es nur in Universitäten, Bibliotheken und am Federation Square zu finden. [Zum Projekt, welches dieses Problem endlich angehen will, siehe Dias, Marcos Pereira / Australia’s project for universal broadband access: From policy to social potential. In: First Monday 17 (2012) 9, http://firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/article/view/4114/3299]

Der Bibliothek in Mount Gambier, um darauf zurückzukommen, gelingt es so tatsächlich einen Mittelpunkt der Community zu bilden, direkt bei den Einkaufmöglichkeiten. (Oder genauer: direkt an der Grenze zwischen den Multistores wie Target und den kleinen Geschäften in der Innenstadt.)

Eingang zur Mount Gambier Library
Beim Target auf dem Parkplatz stehen, die Library sehen.

Wir besuchten die Bibliothek an einem späten Vormittag unter der Woche, dass heisst über die Nutzung die gesamte Woche entlang (oder auch nur der Kulturveranstaltungen der Bibliothek) kann ich nichts sagen. Aber selbst zu diesem Zeitpunkt sassen im Café mehrere Gruppen von Seniorinnen und Senioren, die das offensichtlich des Öfteren dort tun, in die ruhigen Orte der Bibliothek hatten sich Personen zum Lesen und Lernen zurückgezogen, einige Familien spielten in der Familienzone.

Falls eine Bibliothek tatsächlich, wie es in Museums, Libraries and Urban Vitality postuliert wird, dazu beitragen kann, die Communities in kleinen Städten zu beleben, dann solche Einrichtungen, wie die in Mount Gambier.

Zielführend ist dabei offenbar gar nicht so sehr, sich an anderen Bibliotheken zu orientieren, sondern sich auf die lokale Gemeinschaft einzulassen. Das dabei immer wieder ähnliche Lösungen herauskommen (viele der in Museums, Libraries and Urban Vitality beschriebene Bibliotheken ähneln der in Mount Gambier), hat seinen Grund wohl darin, dass die Interessen der Communities ähnlich sind.

Trend zur Gemeinschafts-Orientierung

Dabei ist Mount Gambier nicht alleine mit dieser Entwicklung. Wie gesagt: Eine ganze Anzahl der Bibliotheken in Australien sieht – wie allerdings eh vieles in diesem Land – aus, als wären sie direkt aus den 1980er Jahren herübergebeamt worden. Aber das scheint sich auch zu ändern. Die State Library of South Australia in Adelaide hat zum Beispiel an ihre Eingangstür folgendes geschrieben:

Our vision: To provide unique, flexible, accessible, community focused facilities that inspire and stimulate community life“

Man beachte: Nicht Standards, nicht bibliothekarische Werte, nicht irgendwelche Rankingplätze, sondern „to inspire and stimlate community life“ steht im Mittelpunkt. Nicht die Bestandswünsche von Nutzerinnen und Nutzern, nicht die Informationskompetenz, sondern ein vitales „community life“ gilt als Leitziel. Und das, obwohl diese Bibliothek an vielen Stellen selber historisch aussieht.

Eingang der (noch) geschlossenen State Library of South Australia (Adelaide).

Auch in Bendigo, einer Kleinstadt „in der Nähe“ von Melbourne (was halt so Nähe heisst in Australien, zwei Stunden zügige Fahrt, zweieinhalb, wenn man die Mautstrassen umfährt) wird aktuell die Bibliothek komplett umgebaut und zwar genau zu dem Community Center, dass in Mount Gambier quasi schon steht. Insoweit scheint es sich um eine gewisse Tendenz zu handeln, auf die Community zu hören.

Ankündigung: Die Library in Bendigo wird ganz anders.
Ankündigung: Für die Bauzeit wird umgezogen.
Hier (direkt an die Hauptstrasse gegenüber dem grossen Park in der Mitte der Stadt) zieht sie solange hin.

Wie gesagt: Nicht alles ist perfekt down under, aber einige Bibliotheken sind grossartig. Zu fragen wären, ob daraus auch etwas für kleine Gemeinden in Europa zu lernen ist. Das ist keine einfache Frage. In Museums, Libraries and Urban Vitality wird immer wieder die These aufgestellt, dass europäische Städte, auch kleine, eine urbane Lebendigkeit hätten, die in den USA, Kanada oder Australien teilweise erst (wieder) über Bibliotheken oder Museen hergestellt werden müsste. Nimmt man das ernst, bräuchte es in Europa keine Bibliotheken als Community Center. Mir scheint aber, dass die Vorstellung von der urbanen Lebendigkeit in kleinen Gemeinden in Europa vom US-amerikanischen Fokus der meisten Autorinnen und Autoren her in dem Buch vollkommen überschätzt wird. Zudem ist die lokale Gemeinschaft auch nicht alles. Aber: Das ist eine andere Diskussion. Ich kann hie rnur kurz andeuten, dass sie geführt werden sollte.

Jetzt erstmal: Wer zufällig mal in Mount Gambier (oder demnächst auch Bendigo) vorbeikommt, sollte in die dortigen Bibliotheken schauen. Sie sind sehr erfrischend offen und lebendig.

Der arabische Frühling in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft?

In der Library Review 2/2012 erschien gerade ein Text von Essam Mansour von der South Vally University in Qena (Ägypten) über den Einfluss Sozialer Netzwerke in der ägyptischen Revolution. [Mansour, Essam (2012) / The role of social networking sites (SNSs) in the January 25th Revolution in Egypt. In: Library Review 61 (2012) 2, pp. 128-159.] Mansour berichtet über eine Reihe von Fokusgruppen-Interviews, die er mit Beteiligten an dieser Revolution gemacht hat.

Ein Spezifika der Revolutionen, die unter dem Label „Arabischer Frühling“ zusammengefasst werden, war und ist bekanntlich, dass es keine richtigen Anführer gibt. Kein George Washington, kein Fidel Castro, die man interviewen könnte. Selbst dort, wo mit der Zeit Leitungen auftauchten (Libyen, eventuell auch in der Freien Syrischen Armee), leiteten sie die Proteste und Kämpfe nicht wirklich an. Um also überhaupt an Personen zu kommen, die befragt werden konnten, ging Mansour selber während der Proteste auf den Tharir Platz in Kairo und fragte dort Menschen, ob sie an der Studie teilnehmen würden (und mehr Menschen kennen, die teilnehmen würden).1 Dies scheint mir eine der risikoreichsten Studien in der Geschichte der Bibliotheks- und Informationswissenschaft gewesen zu sein.

Sicherlich: Auf diese Weise kam kein repräsentativer Querschnitt der ägyptischen Bevölkerung oder auch nur der Protestierenden auf dem Tharir-Platz zustande; vielmehr werden sich Personen an der Studie beteiligt haben, die {a} für die Revolution waren und {b} aktiv soziale Netzwerke nutzen. Das mag nicht der normale Ägypter oder die normale Ägypterin sein, aber es ist eine sinnvolle Auswahl. Es führte aber zu einer wohl untypischen Gruppe: 37% über 30 Jahre alt, 33% Frauen, 37% an einer Universität arbeitend, 21% engineers, nur 5% arbeitslos.

Weiter berichtet Mansour über die Verbreitung von Kommunikationstechnologien in der arabischen Welt, insbesondere Ägypten. Hier steht Ägyptern im Mittelfeld (93% der Bevölkerung nutzen Fernseher, 66.69% haben statistische gesehen ein Mobiltelefon, 24.26% nutzen das Internet, 7.66% Facebook und 0.15% Twitter.), vorne liegen Staaten wie Bahrain, Qatar, Kuweit, Vereinigte Arabische Emirate und Saudi-Arabien. (Wo interessanterweise noch keine erfolgreichen Aufstände stattfanden, sondern, wenn überhaupt, wie in Bahrain, unterdrückt wurden.)

Mansour geht nun in seiner Studie von der Beobachtung aus, dass trotz der nicht flächendeckenden Verbreitung dem Internet eine fundamentale Kraft zugeschrieben wurde. Unvergessen wohl der 28.01.2011, als in Ägypten begonnen wurde, das gesamte Internet zu blockieren – offenbar weil das Regime dem Netz eine Bedeutung zuschrieb. Mansour fragt nun, wie die an den Protesten Beteiligten die Sozialen Netzwerke (denen bekanntlich noch mehr partizipative Funktionen zugeschrieben werden, als dem Internet allein) wahrnahmen. Relevant ist, dass die meisten Befragten angeben, Facebook et cetera schon vor den Protesten genutzt zu haben und zwar genau aus dem Grund, wozu es eigentlich da ist: Um soziale Kontakte zu pflegen, Bilder, Geschichten, Erfahrungen auszutauschen, Informationen zu finden. Obgleich sie auch andere Soziale Netzwerke nutzen, waren zumindest die Befragten auf Facebook konzentriert.

Von dieser Basis aus wurden die sozialen Netzwerke während der Revolution relevant. Die Beteiligten nutzen ihre sozialen Gepflogenheiten und Fähigkeiten, um sich zu beteiligen. Dies funktionierte, weil die Fähigkeiten vorhanden waren und Soziale Netzwerke eine Verbeitung gefunden hatten. Interessant ist, dass – im Gegensatz zu Studien, die darauf verweisen, dass ein Grossteil der Kontakte, die Online gepflegt werden, auch Offline existieren – Ägypterinnen und Ägypter während der Proteste ihre sozialen Zirkel per Sozialen Netzwerken erweiterten (was auch das Kennenlernen anderer Sichtweisen auf die Welt einschliessen kann).

Die Befragten geben an, dass ihnen die Netzwerke die Möglichkeit gaben, {a} Kontakte zwischen Protestierenden herzustellen und zu halten, {b} notwendige Informationen auszutauschen, {c} die ägyptische Bevölkerung zu mobilisieren, {d} das Regime zu schwächen und letztlich zu Fall zu bringen und {e} Sympathien für ihren Kampf in anderen Staaten herzustellen. „SNS helped greatly in the Egyptian Revolution, facilitating the people’s access to the events and news of the revolution around the clock.“ (Mansour 2012, p. 145)

Der Text von Mansour ist unbedingt zu empfehlen.

Und sonst?

Aber: Wie steht es eigentlich sonst mit dem Thema in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft? Irgendwie scheint Mansours Text alleine zu stehen. Auch bei näherem Hinschauen. Es gibt einige wenige Texte in fachnahen Zeitschriften, beispielsweise eine kurze Diskussion von John Charlton [Charlton, John (2011) / Tweeting a Revolution. In: Information Today 28 (2011) 6, p.p.12-13] in welcher er die These vertritt, dass Soziale Netzwerke für die Revolutionen in Tunesien, Ägypten und (damals noch „laufend“) Libyen relevant wären, aber andere Faktoren (insbesondere eine Infrastruktur aus Protestgruppen) wichtiger seien.

Ashraf Darwish und Kamaljit I. Lakhtaria stimmen dem letztlich in einem kurzen Abschnitt eines Textes, welcher sich sonst eher mit Web 2.0-Kommunikation im allgemeinen beschäftigt, [Darwish, Ashraf ; Lakhtaria, Kamaljit I. (2011) / The Impact of the New Web 2.0 Technologies in Communication, Development, and Revolutions of Societies. In: Journal of Advances in Information Technology, 2 (2011) 4, 204-216] zu: „The role of the internet in Egypt’s revolution has definitely been overstated.“ (Darwish, Lakhtaria 2011, p. 214). Allerdings basieren sie diese Aussagen nur auf Daten über die Verbreitung von Kommunikationsgeräten in Ägypten, während Mansour Menschen, die sich an den Protesten beteiligten, befragte.

Aber daneben sieht es mau aus. Es scheint, als würde sich die Bibliotheks- und Informationswissenschaft nicht mit den Revolutionen auseinandersetzen, obgleich die Forschungsfragen quasi auf den Tahrir-Plätzen herumlagen. Es gab massive gesellschaftliche Veränderungen; das Internet, mobile Kommunikationen, Informationsverteilung spielten dabei eine wichtige Rolle: Es läge nahe, wenn dies zu Forschungen führen würde. Aber nicht einmal solche Zeitschriften wie die FirstMonday, die sonst sehr nahe am Puls der Internetgemeinde sind, haben zum arabischen Frühling Artikel publiziert.

Der globale Norden

Sicherlich: Solche Aussagen mache ich auf einer leidlich unsicheren Basis. Ich beziehe mich auf Texte in deutscher, englischer und französischer Sprache. Das sind lange nicht alle die Sprachen, die auf den Strassen Ägyptens, Tunesiens, Libyens oder Syriens gesprochen werden, nicht einmal die wichtigsten. Vielleicht gibt es in der Region eine lebhafte Forschung, die auf arabisch geführt wird. Wer weiss? (Also: Wenn es jemand weiss, würde ich es gerne wissen.) Ich meine: Es gibt ein Department of Library & Information Science an der South Valley University, Qena (wo Essam Mansour herkommt) – nicht einmal davon wusste ich, bevor ich den Text in der Library Review las. Was wissen wir schon über die Bibliotheks- und Informationswissenschaft Westeuropas, Kanadas und der USA?

Und sicherlich hätte das einen unguten Beigeschmack, wenn wieder nur der globale Norden über den globalen Süden forschen würde. Aber selbst dies müsste nicht sein. Nicht nur, dass das Thema ein guter Grund wäre, die Sprachgrenzen zu überwinden und mit Kolleginnen und Kollegen des globalen Südens zusammenzuarbeiten. Es gäbe auch hier, im globalen Norden, genug zu forschen. So war 2011 bei vielen auch das Jahr, wo aus Al Jazeera „der Sender, von dem man in anderen Sender mal gehört hat“ ein Al Jazeera „der krasse Sender, der manchmal ganz schon antisemitisch ist, aber auf der anderen Seite sich auch voll für die eigenen Sendungen in Zeug legt, moderne Kommunikationswege integriert, und unglaubliche Dinge veranstaltet, um über Proteste zu berichten“ wurde. Das alleine wäre schon mehrere Studien Wert: Wie wird und wurde Al Jazeera wäre der Revolutionen wahrgenommen, insbesondere da er als Internetsender funktionierte und Web 2.0-Angebote fliessen integrierte? Hat der Sender das Bild der Proteste im globalen Norden geprägt (beziehungsweise: klar hat er das, aber wie hat er sie geprägt). Was ging im Netz? Haben die Reaktionen der Internetnutzerinnen und nutzer im globalen Norden etwas beigetragen zu den Revolutionen? Was? Wie? Welche Rolle spielten dabei Informationen? Mir scheint, eine der wichtigen Lehren, die aus dem Text von Mansour gezogen werden können, ist, dass hier ein erstaunliches Forschungsdesiderat vorliegt. Oder interessiert einfach niemand die soziale und politische Seite der Nutzung von Informationen?

 

Fussnote 

1„This researcher participated in most of the demonstrations that took place in El-Tharir (Libration) square in the heart of Cairo, informing demonstrators of this study in person, in addition to announcing it on his Facebook page.” (Mansour 2012, p. 134).

Au revoir Allemagne. Bonjour Suisse. (Oder: So gut ist das deutsche Wissenschaftssystem echt nicht.)

Mit dem neuen Jahr werde ich dem Weg folgen, den in den letzten Jahren immer mehr Menschen aus Deutschland, insbesondere aus den Wissenschaften und angrenzenden Berufszweigen, wählen und in die Schweiz auswandern, genauer ans Schweizerische Institut für Informationswissenschaft der HTW Chur. Seit Jahren ist die Schweiz eines der wenigen Ländern mit einem negativen Wanderungssaldo für Deutschland (Oder anders ausgedrückt: Es wandern mehr Menschen aus Deutschland in die Schweiz, als aus der Schweiz nach Deutschland wandern. Das gab es beispielsweise 2010 sonst nur für die USA und die Türkei). In der Schweiz stellen die Deutschen die größte Migrationsgruppe. Und auch, wenn der aktuelle Migrationsbericht zu dem Ergebnis kommt, dass die meisten Deutschen, die Auswandern, später wieder zurückkehren, gilt das nicht unbedingt für die Schweiz. Zudem: Es ist auf den ersten Blick erstaunlich, wie viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in diese Richtung migrieren. Bislang hat mir jede und jeder von irgendjemand berichten können, der oder die schon in der Schweiz lebt oder lebte, vorzugsweise an den Universitäten und Fachhochschulen, zum Teil auch den Bibliotheken.

(Davon lebt ein großer Teil diesen Menschen dann so, dass sie in Berlin, Hamburg oder Freiburg i. Br. eine Wohnung oder zumindest ein WG-Zimmer haben und gleichzeitig eine Wohnung in der Schweiz. Auch interessant. Ich kenne hier in Neukölln WGs, wo eigentlich fünf Menschen wohnen, aber oft niemand da ist, weil beispielsweise zwei Menschen in Zürich, einer in Basel, einer in Solothurn und die letzte Person in Brüssel arbeitet. Das scheint einigermaßen normal zu sein.)

Warum aber ist das eigentlich so, dass die Schweiz so anziehend für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland ist? Die Sprache alleine kann es nicht sein, schließlich erfordert das Leben in der Schweiz, dass man sich – wenn man die Anforderungen, die in Deutschland an Migrierende gestellt werden, ernst nimmt – Grundkenntnisse des Französischen und Italienischen aneignet (und, wenn man es ganz ernst meint, auch des Räto-Romanischen, insbesondere in Graubünden.). Es gibt bestimmt unterschiedliche Gründe für diese Wanderungsbewegung. Dass man immer schon irgendjemand kennt, der oder die dort wohnt, mag wichtig sein. Aber es gibt einen anderen Grund, der zumindest für meine Entscheidung wichtiger war: Das deutsche Wissenschaftssystem ist als System wirklich nicht gut. Es gibt unglaubliche viele Menschen, die ihren Arbeitsplätzen an deutschen Universitäten und Hochschulen entfliehen wollen. Da kann dann oft sogar die Aussicht, in Berlin oder Hamburg leben zu können, nicht überzeugen. (Dafür, wie gesagt, hat man dann offenbar einfach zwei Wohnungen.)

Certains problèmes de la système scientifique d’Allemagne

Ich bin weder der erste, der das sagt, noch der kreativste. Aber da sich die Möglichkeit gerade bietet, würde ich dennoch gerne einmal niederlegen, was das deutsche Wissenschaftssystem, welches ich in den letzten zwei Jahren live in Aktion erleben durfte, meines Erachtens unattraktiv macht. Zwei Sachen vorneweg: Erstens heißt das nicht, dass es anderswo besser ist, aber das ist ein anderes Problem. Zweitens geht es um systemische Probleme, nicht um Verfehlungen einzelner Personen. Es soll gar nicht in Frage gestellt werden, dass die meisten Forschenden im Wissenschaftssystem das Bestmögliche versuchen. Nur was nutzt das Bestmögliche, wenn das System nicht gut ist?

  1. Es gibt keine Karrieremöglichkeit unter- und außerhalb der Professur. Das gesamte deutsche Wissenschaftssystem ist auf die Professur hin ausgerichtet. Oder anders: Es wird davon ausgegangen, dass alle Forschenden Professorin und Professor werden wollen und zwar Professorin oder Professor im herkömmlichen Sinne. Es gibt in Deutschland zwar eine Trennung zwischen Hochschulprofessur und Stellen in reinen Forschungseinrichtungen, letztere aber leiden zumeist unter dem gleichen Problem wie die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Die, zumeist sehr kurze, Befristung. Das Wissenschaftssystem ist darauf angelegt, dass alle Forschenden ihre Forschungen praktisch als Referenzen und Professionsarbeiten für die Professur verstehen (sollen).(Was auch heißt, dass viele Menschen auf dem Weg zur Professur aussteigen müssen, schließlich gibt es nur eine geringe Zahl dieser Stellen.) Zudem sind Stellen für Forschende in Deutschland fast durchgängig befristet und zumeist direkt an Projekte (die zumeist andere entworfen haben) gebunden. Schon auf der rein individuellen Ebene bedeutet das, dass man nicht in der Lage ist, über einige Monate, im Höchstfall vielleicht mal zwei Jahre, hinaus zu planen. Wo man leben wird, wie, zu welchen Konditionen… man weiß es einfach nicht. Sicherlich: Es gibt Menschen, die mögen solch ein Leben. Selbstständige, viele Künstlerinnen und Künstler leben so, zum Teil selbst gewählt. Nur: Nicht alle Forschende wollen das, schon gar nicht für immer. Nicht nur, dass es schwierig (wenn auch nicht unmöglich) ist, bei einem solchen Leben langfristige Beziehungen zu führen und Kinder zu erziehen, es kann die Betroffenen auch einfach auslaugen. Wenn sie so hätten leben wollen, wie Selbstständige, wären sie Selbstständige geworden.

  2. Ein Ergebnisse dieses Lebens ist es auch, dass man sich als Forschende oder Forschender oft immer weniger mit den Projekten, die man zu bearbeiten hat oder den Einrichtungen, an denen man angestellt ist, identifiziert. Man ist nicht mehr Teil der Uni XYZ, sondern es ist ein Job an Hochschule ABC. Auch, dass man vor allem Projekte abarbeitet, die irgendwer anders (die Professorinnnen und Professoren oder auch die Vorgängerinnen und Vorgänger auf der eigenen Stelle) entworfen hat, ist mit der Zeit negativ. (Das mag in den Naturwissenschaften anders sein, ich rede mal von den Geisteswissenschaften, vielleicht auch nur von der Bibliothekswissenschaft und der Bildungsforschung. Aber das ist nun mal mein Fokus.) Es fehlt oft die innere Motivation. Man versteht zwar oft, warum ein Projekt durchgeführt, eine Frage beantwortet werden soll, aber so richtig interessiert es einen oft auch nicht. Es geht dann darum, die Methodik richtig anzuwenden, doch gerade die intrinsische Motivation, die Abschlussarbeiten und Promotionen interessant macht, lässt sich immer schwieriger finden, wenn einem die Antwort auf die Forschungsfrage relativ egal ist. Das ist ein systemisches Problem. Sicherlich versuchen Professorinnen und Professoren oft, gerade die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder / weiter anzustellen, die schon an der Erarbeitung von Projekten beteiligt waren, aber auch das ist keine Lösung. Zum einen erhöht es den Arbeitsaufwand, der in das Forschungsmanagement (und eben nicht die Forschung) gesteckt werden muss; zum anderen ist die ständige Unsicherheit bei der Projekterstellung ein Grund dafür, dass Menschen nicht begeistert und eigenständig motiviert neue Forschungen entwerfen. Auch das Entwerfen von Projekten ist zum Job geworden. Es ist oft gerade nicht mehr so, dass Menschen sich zusammenfinden, die gerne eine Frage beantworten wollen und dann aus dieser Motivation heraus Projekte erstellen; sondern es werden Projekte entworfen und eingereicht, weil Projekte entworfen und eingereicht werden müssen.

  3. Überhaupt führt der ständige Zwang, Projekte entwerfen und Drittmittel einwerben zu müssen dazu, dass Forschung immer gleicher (und damit langweiliger und wenig aussagekräftiger) und kurzfristig angelegter wird. Eigentlich sollen Drittmittelprojekte dazu führen, dass mehr innovativ und praxisnah geforscht wird. Aber: Ist das bisher eingetreten? Selbstverständlich nicht. Gerade, weil die Orientierung auf Drittmittelprojekte mit einer effektiven Kürzung der Grundfinanzierung einher ging, sind Projekte heute immer weniger innovativ oder – was viel wichtiger wäre – risikoreich (im Sinne von ergebnissoffen und neu). Drittmittel müssen eingeworben werden, weil sonst die Grundfinanzierung gefährdet ist; deswegen wird vor allem eingereicht, was garantiert Ergebnisse verspricht; werden Themen bearbeitet, die gerade hip klingen; werden Methoden verwendet, die garantiert irgendwelche Daten und Ergebnisse hervorbringen (anstatt Methoden, die sich für die Beantwortung einer Frage eignen, aber eventuell auch Scheitern können); werden Projektanträge mit Projektlyrik gefüllt und alles mögliche versprochen, was gerade opportun erscheint (anstatt, dass es tatsächlich geplant wird). All das immer in geringen Dosen, im Widerstand zu anderen Bestrebungen, aber wenn man sich die aktuell durchgeführten Forschungsprojekte durchschaut, doch immer öfter.

Das Ergebnis dieser Strukturen ist schon einmal: Immer weniger an den eigentlichen Themen interessierte und innerlich an die Forschungsprojekte oder Einrichtungen gebundenen Forschenden machen immer mehr Forschungen, die sie immer weniger interessiert (teilweise geht das so weit, dass man Dinge untersucht, die man vollkommen falsch und sinnlos findet, gerade bei Forschungen für Ministerien; was dann unter der Hand, in den Mensen und auf den Fluren besprochen wird, aber niemand so richtig offen sagt). Zudem konkurrieren Forschenden um Drittmittel mit Personen und Einrichtungen, die das aus ganz anderen, als wissenschaftlichen Gründen tun. Spätestens dann, wenn Unternehmensberatungen eingeschaltet werden, um Drittmittelprojekte bei Projektträgern „durchzubringen“, wird ersichtlich, dass das nicht mehr Forschung um des Erkenntnisfortschritts willen ist. (Man muss sich zudem verdeutlichen, dass die Forschenden, die in dieses Spiel hineingetrieben werden, ja zumeist Forschende geworden sind, weil sie gerade so ein Leben nicht leben wollten. Das Idealbild der Selbstständigen und Unternehmerinnen/Unternehmer wird einfach allen aufgedrängt.)

Aber es gibt noch einige andere Gründe, die jetzt allerdings fast direkt von Richard Münch abgeschrieben sind [insbesondere Münch, Richard / Die akademische Elite : zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz. – (Edition Suhrkamp ; 2510). – Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2007 und Münch, Richard / Akademischer Kapitalismus : zur politischen Ökonomie der Hochschulreform. – (Edition Suhrkamp ; 2633). – Berlin : Suhrkamp, 2011)] [1].

  1. Es gibt immer weniger Theorieproduktion. Punkt. Wenn man es ernst nimmt, gibt es gar keinen Platz im deutschen Wissenschaftssystem mehr, wo Theorie produziert werden könnte, zumindest ist es sehr schwierig. Nachdem sich auch die meisten Stiftungen immer mehr als handelnde Akteure verstehen, die Wissenschaft für eine bestimmte Praxis fördern, gibt es eigentlich nur noch die DFG und einige Promotionsförderungen, die überhaupt die Arbeit an der Theorie finanziert (nicht einmal die Grundfinanzierung ist dafür noch wirklich vorgesehen). Abgesehen davon, dass die Theorieproduktion von vielen Forschenden als anspruchsvoller und interessanter angesehen wird, als die praxisorientierte Forschung, führt das letztlich zu einem verminderten Erklärungsgehalt der gesamten Forschung. Wenn wir beispielsweise empirisch herauskriegen können, dass Kooperationsverträge zwischen Schulen und Bibliotheken nicht zu einer Erhöhung der Kooperation zwischen Schulen und Bibliotheken führen, aber nicht mehr untersuchen können, warum eigentlich nicht, wird die ganze Forschung zu dieser Frage nichts mehr bringen. Man ist dann gezwungen, Zusammenhänge möglichst simpel (und damit zumeist falsch oder zumindest unterkomplex) zu erklären; man kann dann kaum noch sinnvoll Weiterentwicklungen voraussagen oder mehr, als empirische Fakten zur Praxisberatung benutzen. Das ist dann irgendwann keine Wissenschaft mehr, sondern nur noch Statistikgeschiebe auf unterem Niveau. Sicherlich nehmen sich Forschende immer noch heraus, Theorie zu produzieren, aber die Orte dafür werden immer weniger (und die Zeiten liegen immer öfter in der Freizeit). Die Evaluation von pädagogischen Innovationen ist beispielsweise kein solcher Ort. Der vielleicht einmal kritisch gemeinte Hinweis, dass Wissenschaft nicht nur theoretisch sein dürfte, sondern auch praktische Implikationen haben müsste, ist heute umzudrehen: Wissenschaft darf nicht nur Praxisorientiert sein, sonst ist sie keine wirklich Wissensproduktion mehr (und zudem langweilig). Das so gerne geforderte Gleichgewicht von Theorie und Praxis scheint in einer Richtung aufgelöst worden zu sein.

  2. Die angebliche Internationalisierung ist keine. Wissenschaft soll international sein, aber – darauf weist Münch immer wieder hin – eigentlich heißt Internationalisierung in der Wissenschaft, sich am US-amerikanischen und britischen Diskurs zu orientieren. Das sollte man nicht missverstehen: Es geht nicht gegen die USA und Großbritannien, auch das ganze Gerede vom „Kulturimperialismus“ [2] ist hier nicht gemeint. Es geht darum, dass Internationalisierung systematisch damit gleichgesetzt wird, in „international anerkannten“ Zeitschriften und Verlagen zu publizieren, die fast durchgängig englischsprachig sind und in den USA und GB (viel seltener in Kanada, Australien, Neuseeland und so weiter) angesiedelt sind. Das ist, so bekannt das klingen wird, ein Problem der Bemessungsinstrumente, also der verwendeten Datenbanken. Die Effekte kann man bei Münch nachlesen (auch wenn man darüber hinwegsehen muss, was er als Bibliometrie versteht). Kurz gefasst aber: Nicht, die Zusammenarbeit im internationalen Rahmen, sondern nur mit Einrichtungen in den genannten zwei Staaten „zählt“. Nichts ist gegen die zwei Staaten oder die dortigen Einrichtungen zu sagen. Aber fassen wir uns mal selber als Bibliothekarinnen und Bibliothekaren an die Nase: Obwohl wir in der EU leben (also ich bald nicht mehr, aber… egal), die eine Kooperation zwischen den Mitgliedsstaaten fördert und mit der Europeana ein großes bibliothekarisches Gemeinschaftsprojekt haben, was wissen wir (a) vom Bibliothekssystem in Polen, (b) in Spanien und (c) in den USA? Wenn wir Anregungen aus anderen Staaten aufnehmen (weil wir von ihnen gelesen haben, zumeist), wie oft ist das (a) aus Südamerika, (b) aus Australien oder (c) Großbritannien? Man kann das mal in einer Skizze fassen und wird direkt sehen, dass sich fast alles auf die USA und GB konzentriert. Nur, ohne den Kolleginnen und Kollegen in den beiden Staaten zu nahe treten zu wollen: Das ist nicht nur ein wenig langweilig, das ist auch eine Einschränkung der theoretischen und paradigmatischen Perspektive. (Und zudem absurd. Warum wissen wir über die Struktur der US-amerikanischen Bibliotheken Bescheid, aber nicht über die Bibliothekssysteme unserer Nachbarstaaten?) Münch weist beispielsweise daraufhin, dass in den USA solche prägenden Werke wie das von Bourdieu und Luhmann quasi nicht bekannt sind, obgleich diese die (sozialwissenschaftlichen) Diskussionen in Deutschland prägen. Es gibt da keine Rückwirkung, vielmehr sind die Forschenden in den USA und GB immer im Vorteil, weil sie sich auf ihre Traditionen und Paradigmen stützen (Ohne, dass das mit Absicht geschehen muss.), während sie alle anderen ignorieren können, während Forschende aus anderen Staaten sich mit den Traditionen in den USA und GB (und beispielsweise nicht denen in ihren Nachbarländern) auseinandersetzen müssen, um mitzureden. Wirklich negativ wird das, wenn die Forschungssteuerung und Wissenschaftsförderung auf diese angebliche Internationalisierung umstellt und Forschende mehr und mehr dazu sanft gezwungen werden, sich dem anzupassen. [3]

  3. Forschung wird immer kurzfristiger. Projekte sind immer auf einige Jahre beschränkt. Das ist für einen ganze Anzahl von Fragestellungen sinnvoll, aber eben nicht für alle. Eine Datenreihe über zehn Jahre für eine bestimmte Unterfrage aufzunehmen, ist praktisch nicht mehr möglich. [4] Immer weniger Einrichtungen können es sich leisten, zu sagen: „Wie machen jetzt mal aus der Grundfinanzierung heraus eine solche Datenreihe.“ Das gleiche gilt für Langzeituntersuchungen, die mal eine wichtige Rolle in der deutschen Erziehungswissenschaft spielten. Es gibt eigentlich nur noch zwei realistische Möglichkeiten, längerfristige Forschung zu betreiben. (1) Die Privatforschung einzelner Forschender (die ja kaum noch längerfristig an einer Einrichtung angestellt sind, sondern ihre Forschungen einfach mitnehmen). Das eignet sich allerdings nur für sehr kleinteilige Fragestellungen. [5] (2) Die Finanzierung durch Ministerien (beispielsweise das Nationale Bildungspanel oder die PISA-Studien), die sich für einige Fragen, aber auch lange nicht alle eignen. Neben dem Problem, dass man sich vom Ministerium in gewisser Weise abhängig macht (und auch Ergebnisse liefern muss, die für das Ministerium verständlich und nutzbar sind, was heißt, das bestimmte Formate eingehalten werden müssen), eignet sich dieses Vorgehen eigentlich nur für richtig große empirische Forschungen (halt eine Panelstudie zu ganz Deutschland und Bildung in allen Lebensaltern, wie das Nationale Bildungspanel – größer geht es kaum noch). Diese Wege kann man immer nur für bestimmte Fragen begehen (zumal auch Ministerien nicht unendlich viel Geld haben). So reduzieren sich finanzierbaren Forschungsfragen und damit auch die Ergebnisse. Das ist nicht nur zum Teil frustrierend, sondern schränkt letztlich auch die Aussagekraft von Forschung und in letzter Konsequenz auch die Gestaltungsmöglichkeiten der Gesamtgesellschaft ein. (Abgesehen davon ist es individuell für Forschende irgendwann langweilig.)

  4. Forschung ist immer weniger Forschung und immer mehr Personal-, Evaluations- und Mittelmanagement. Die Konzentration der Forschungsaktivitäten auf Professorinnen und Professoren, die selber immer weniger zum Forschen kommen und immer mehr damit zu tun haben, Personal zu managen, zu motivieren, zu kontrollieren und neu zu suchen; die Kurzfristigkeit von Forschung, die mit immer mehr Runden von Evaluationen einhergehen, welche auch von jemand durchgeführt werden müssen und deshalb unglaublich viel Arbeitzeit und Aufwand bedeuten (nicht nur bei der Evaluation selber, sondern auch bei der Vor- und Nachbereitung), während die Ergebnisse der Evaluationen immer weniger Bedeutung haben (schon, weil man als einzelne Forschende oder einzelner Forschender eh oft die Stellen und Projekte wechselt) und die Evaluationen selber durch ihrer schiere Anzahl immer mehr zu Ritualen und Übungen zum richtigen Verwenden von Antragslyrik werden – all das ist eine fast schon ritualhafte Klage. Aber sie ist richtig. Insbesondere die beständige Evaluation hat einfach immer mehr unintendierte Effekte hervorgebracht, die daran zweifeln lassen, ob das alles noch irgendeinen Sinn hat. Es gibt heute in fast jeder Forschungs- und Bildungseinrichtung Anweisungen, wie man am Besten „durch Evaluationen kommt“, es gibt unter der Hand geführte Listen, welche Evaluationen wichtig sind und welche man ignorieren kann, es gibt eine zynische Haltung zu Evaluationen und zudem kaum sichtbare Effekte von Evaluationen, außer das Projekte nicht finanziert werden (was man mit dem Einreichen von noch mehr Projekten, in die aber noch weniger Zeit beim Entwurf gesteckt werden kann, kompensiert)… Zumindest die Hoffnung, dass Forschung durch beständige Evaluation besser werden würde, hat sich nicht erfüllt. Ob sie stressiger geworden ist, weiß ich nicht. Solange war ich nicht dabei. Aber ich kann es mir vorstellen.

J’ai essayer autre chose

All das hier Aufgezählte soll nicht heißen, dass es etwa früher besser war. Aber es ist zumindest nicht gut, wirklich. Hinzu kommt, dass ich bislang an der Humboldt-Universität in einer sehr großen Einrichtung gearbeitet habe. Wenn ich nun an die HTW Chur wechsle, wechsle ich auch an eine kleinere Einrichtung, bei der ich dann zumindest die Hoffnung haben kann, mehr Einfluss auf die konkrete Arbeit zu haben. Dabei muss ich noch mal sagen, dass ich in der Humboldt-Uni niemand getroffen oder gar unter jemand gearbeitet hätte, der oder die schlechte Arbeit geleistet oder Mitarbeiterinnen / Mitarbeiter / Mitforschende ausgebeutet hätte. (Zynismus und eine innere Distanzierung zum Wissenschaftssystem allerdings scheint mir heute zum Habitus von Forschenden zu gehören.) Im Rahmen der Möglichkeiten wurde zumindest in der Bildungsforschung immer gefördert, Freiräume geschaffen und so weiter. Dennoch ist das Wissenschaftssystem so komisch, die deprimierenden Effekte so zahlreich, dass ich – und ich denke, auch viele andere Forschende – einfach etwas anderes ausprobieren müssen. Ob das besser sein wird, wird sich zeigen. Aber solange das deutsche Wissenschaftssystem weiter so funktioniert, wie zur Zeit, wird es weiterhin mehr Forschende zum Ausstieg (egal ob in andere Tätigkeiten oder in andere Länder) bringen, als es anzieht.

C’est ne pas mon problème, mais nous devrions parler éventuellement.

Ich persönlich habe den Weg der Migration gewählt. (Zum komischen Wissenschaftssystem in Deutschland kommt, dass ich so direkt in die Bibliotheks- und Informationswissenschaft wechseln kann. Das ist eine sehr persönliche Sache, die aber für mich relevant war.) Insoweit ist es vielleicht nicht mehr mein Problem, wie sich das deutsche Wissenschaftssystem entwickelt. Aber ich würde dennoch sagen, man sollte als Gesamtgesellschaft darüber reden, ob es so weitergehen soll. Seit vielleicht 15 Jahren wird von der Politik die These vertreten, dass Wissenschaft (1) nach möglichst einfachen Kriterien bewerten und verglichen werden muss, (2) die in den Naturwissenschaften (zumindest den meisten Bereichen) angelegten Kriterien für alle Wissenschaften gelten würden, (3) Wissenschaft sich beständig beweisen müsse und evaluiert gehört, (4) Wissenschaft vor allen von Forschenden betrieben werden sollte, die beständig Stellen wechseln. Zudem hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass sich Qualität in den Wissenschaften (5) durch die Publikation in (5a)„anerkannten“, (5b) peer-revieweden (ist das ein Wort?) Zeitschriften auszeichnen würde und (6) am Besten einen Praxisbezug aufweisen sowie (7) interdisziplinär (im Sinne von „Beteiligte aus unterschiedlichen Bereichen“) ausgerichtet sein sollte. Damit einher ging die Tendenz, (7) Mittel mehr in Projekte und Evaluationen zu stecken und damit weniger in die Grundfinanzierung. Zudem (8) gibt es im deutschen Wissenschaftssystem weiter die Professur als einziges anstrebares Ziel.

Es gibt negative Effekte dieser Thesen, die relative massive Auswanderung von Forschenden ist da nur ein sichtbarer Effekt. [6] Es gibt auch andere Effekte, insbesondere solche, die man bewerten muss, bevor man sagt, ob sie positiv oder negativ sind. Was es allerdings nicht wirklich gibt, ist eine gesellschaftliche Debatte darüber. Dabei ist Wissenschaft (auch) für die Gesellschaft, die sie finanziert, da. Sicherlich braucht Forschung Freiräume, somit wäre eine vollständige Unterwerfung (selbst, wenn sie nicht aus reinem Praxisbezug bestehen würde) abzulehnen. Aber es ist erstaunlich, dass das Wissenschaftssystem in den letzten Jahren massiv umgebaut wurde, ohne dass wir als Gesellschaft dazu eine Meinung haben.

Notes

[1] Interessant übrigens, dass zumindest in der Bildungsforschung offenbar jede und jeder in die Bücher von Münch hinein geschaut und eine Meinung dazu hat. In Dutzenden Regalen und auf unzähligen Schreibtischen hab ich sie gesehen, seine Argumente kamen den zahlreichen Veranstaltungen und Diskussionen immer wieder auf – nur offen reden oder gar aus der Kritik von Münch etwas lernen scheint niemand so richtig zu wollen. Es scheint ein wenig so, als wüssten alle, dass etwas Falsch ist mit dem Wissenschaftssystem, der Exzellenzinitiative, der Drittmittelorientierung, den Rakings, aber trotzdem machen alle mehr oder minder gezwungen mit. Nur oft mit einem sehr zynischen und funktionalistischen Gestus.

[2] Ein deutsches Wort übrigens, weil es als Prinzip vom wilhemischen Deutschland entwickelt wurde.

[3] Konkret kann das heißen, gerade keinen Text über die systemtheoretische Analyse von Schulbibliotheken zu schreiben, weil der in keiner „international anerkannten“ Zeitschrift untergebracht werden kann, da man dort erst den ganzen Luhmann einführen müsste. Viel einfacher ist es, irgendwas mit Dewey oder zumindest eine pragmatistische Analyse zu machen – das geht immer. Nicht, das man mit Dewey oder dem Pragmatismus nichts anfangen könnte, aber warum dann überhaupt Luhmann lesen und anwenden? Und warum sollte Dewey mehr (oder weniger) sinnvoll sein, als Luhman (bzw. warum der Pragmatismus mehr als die Systemtheorie)? (Bei Schulbibliotheken kann man meines Erachtens mit Luhmann sogar mehr lernen als mit Dewey.)

[4] Oder muss halt als Privatforschung durchgeführt werden. Auch meine Statistik über Berliner Schulbibliotheken ist so eine Privatforschung, die ich nicht angefangen hätte, hätte ich nicht gesehen, dass andere Forschende ähnliches tun.

[5] Zudem ist es noch schwieriger, an die Daten dieser Forschungen zu gelangen. Im Anschluss an den von Büttner / Hobohm / Müller [Büttner, Stephan ; Hobohm, Hans-Christoph & Müller, Lars / Research Data Management. – In: dies. (Hrsg.): Handbuch Forschungsdatenmanagement. – Bad Honnef: Bock und Herchen, 2011, 7-12, http://opus.kobv.de/fhpotsdam/volltexte/2011/225/ sowie Büttner, Stephan ; Rümpel, Stefanie, Hobohm, Hans-Christoph / Informationswissenschaftler im Forschungsdatenmanagement. – In: üttner, Stephan ; Hobohm, Hans-Christoph & Müller, Lars (Hrsg.) Handbuch Forschungsdatenmanagement. – Bad Honnef: Bock und Herchen, 2011, 203-218, http://opus.kobv.de/fhpotsdam/volltexte/2011/240/] vorgeschlagenen Bereich des Forschungsdatenmanagements und damit zusammenhängend dem Beruf des Data Curator oder Data Librarian stellt sich die Frage, wie eigentlich diese zunehmende Privatforschung, die vielleicht klein, aber gerade intrinsisch motiviert und kreativ ist, kuragiert werden kann.

[6] Wobei es selbstverständlich auch für Forschende andere Gründe für die Migration gibt. Auch ich kenne Forschende, die der Liebe wegen in andere Länder zogen, was ja immer ein guter Grund ist.