Bruno Latour und die Bibliothekswissenschaft? Bericht vom (halbwegs) gescheiterten Versuch einer Re-Lektüre

Eine ganze Anzahl meiner privaten Forschungsprojekte und dann auch der Texte, die daraus entstehen, entstehen ehrlich gesagt aus persönlichen Herausforderungen, die ich mir selber stelle. Das fällt oft in die gleiche Kategorie wie «ab jetzt drei Monate lang jeden Tag zwei Stunden Laufen» oder «mindestens ein Gedicht pro Tag lesen». Solche Dinge, wo man sagt, «how hard can it be?» (Plus, Laufen ist auch gesund. Das ist ein ist ein positiver Nebeneffekt. So wie das Klären von Forschungsfragen ein positiver Nebeneffekt ist, wenn ich solche private Forschungsprojekte unternehme.) Aber, wie das so ist mit Herausforderungen: Manchmal klappt es, manchmal nicht.

Der folgende Bericht ist das Ergebnis einer solchen Herausforderung, bei der ich gescheitert bin. Zumindest zum Teil. Ich habe aufgeben, bevor ich fertig war. Aber dennoch habe ich einige gelernt und, well, denke, es ist zumindest einen Bericht wert. Den liefere ich hier, aber es sollte bedacht werden: Mit mehr Energie, Zeit und so weiter, könnte und hätte er vollständiger und vor allem systematischer werden können. Es ist vielleicht eher ein Zwischenbericht, nur das es nie einen Abschlussbericht geben wird.

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Hintergrund 1: Schwerpunkt der nächsten LIBREAS ist die «Soziologie der Bibliothek». Es gibt keine Regel, dass ich für jede Ausgabe der LIBREAS einen Text liefere – aber das Thema habe ich vorgeschlagen und irgendwie drängt es mich diesmal dazu, etwas zu liefern.

Hintergrund 2: Im letzten Oktober verstarb Bruno Latour. Latour war Soziologe, zumindest wurde er oft als solcher bezeichnet – er selber hätte das bestimmt erstmal bestritten und sich erst einmal von anderen Soziolog*innen abgrenzt. (Er macht das sogar explizit im Mittelteil von Reassembling the Scoial: An Introduction to Actor-Network-Theory (Latour 2005), in einen fiktiven Dialog zwischen sich als Professor und einem Studenten.) Nichtsdestotrotz hat er vor allem daran gearbeitet, die Gesellschaft und ihr Funktionieren zu untersuchen und zu erklären. Das ist es, was Soziolog*innen tun.

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Diese beiden Fakten im Hintergrund, plus das ich gerade mit einem anderen privaten Projekt fertig war, ergab die Idee, einer Relektüre von Latour durchzuführen; mit dem Fokus darauf, was von seinen Arbeiten in der Bibliothekswissenschaft und den Bibliotheken genutzt werden könnte. How hard could it be?

Angestossen wurde das Projekt auch durch eine, vielleicht gar so sehr ernst gemeinte, Bemerkung des Redaktionskollegen Ben Kaden, der im internen Chat nach der Nachricht von Latours Tod fragte, «wer einen Nachruf schreibt». Das war gerade die Zeit, als in verschiedenen Medien solche Nachbetrachtungen publiziert wurden. In gewisser Weise dachte ich tatsächlich, dass ich da vielleicht etwas beitragen kann. Nicht so übersichtlich, wie einige der Nachrufe (Chaillan 2022, Truong 2022) und schon gar nicht so persönlich, wie andere (zum Beispiel Kofman 2022). Aber doch zumindest etwas. Ich habe Latour nicht selten gelesen und in seinen Arbeiten auch viele Anregungen gefunden. Warum also nicht?

Dabei – ich stelle das weiter unten nochmal da – war mir klar, dass es nicht «um den ganzen Latour» gehen kann. Latour ist einerseits dafür bekannt, die Actor-Network-Theory (ANT, wird weiter unten erklärt) und die Science Studies (also die Untersuchung, wie Forschenden tatsächlich arbeiten und wie Wissenschaft tatsächlich funktioniert) mit begründet zu haben, sich aber gleichzeitig auch sich dann anderen Themen zugewandt zu haben. Seine letzten Bücher drehen sich – jetzt in meinen Worten, er würde das komplexer beschreiben – darum, wie die Welt, die Natur und die Menschen im Anthropozän agieren und wie sie in Zukunft agieren werden. Hauptthese scheint dabei zu sein, dass die Welt «reagiert» (nicht wissentlich, aber praktisch) und dabei gänzlich andere Kategorien einführt, als die, in denen Menschen seit der Moderne gewohnt sind zu denken. Es geht, kurz, um die Klimakatastrophe, aber viel aus dem Fokus der Welt und der Natur, nicht dem der Menschen. Das klingt teilweise esoterisch, auch weil der Begriff Gaia eingeführt wird, um die Welt als «non human actor» (wird auch noch weiter unten erklärt) zu beschreiben – aber es ist nicht esoterisch, sondern am Ende sehr realistisch. Eher im Sinne von Philosophie und weniger im Sinne von empirischer Sozialwissenschaft, aber doch realistisch. Es geht nicht darum, irgendwelche «geheimen, kosmischen Kräfte» zu entdecken und sie irgendwie anzurufen, sondern darum, well, wie die Klimakatastrophe abläuft und weiterhin ablaufen wird.

Kurzum: Das alles zu integrieren scheint mir nicht sinnvoll. Deshalb habe ich mich darauf beschränken wollen, bei meiner Relektüre den möglichen Zusammenhang von Actor-Network-Theory und Bibliothekswissenschaft herauszuarbeiten. Kein Gaia, kein Anthropozän – einfach nur «den einfachen Teil». Mir erschien (und erscheint das auch weiter) sinnvoll, weil die ANT sich mit der Untersuchung und Beschreibung davon, wie Fakten und Wissen innerhalb der Gesellschaft «entstehen», beschäftigt. Das passt eher zum Schwerpunktthema «Soziologie der Bibliothek» und wäre damit für einen Artikel geeignet.

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Die Idee zu meiner «Herausforderung» einer solchen Relektüre entstand also, weil Latour gerade gestorben war. Aber das war eher ein – trauriger – Zufall. Es wäre auch so keine schlechte Idee gewesen. Es ist zum Beispiel nicht so, als hätte ich Latour nicht früher schon gelesen. Er ist keiner der Autor*innen, die bei mir «im Hauptregal» stehen (also dort, wo ich die Bücher habe, die ich immer wieder mal anfasse und die ich vielleicht als «meine intellektuelle Grundlage» beschreiben würde), aber doch liegen einige seiner Bücher in anderen meiner Buchregale (was auch heisst, dass sie mich mehr als nur «nebenher» interessieren, weil ich wenig Platz habe und in den Regalen eigentlich nur noch Bücher, die ich vielleicht nochmal lesen möchte, aufbewahre – die anderen sind in die Offenen Bücherschränke gewandert).

  1. Die ANT erschien mir schon lange ein relevanter und guter Ansatz, um zu verstehen, wie die «Produktion von Wissen» tatsächlich funktioniert. Insbesondere der Einbezug von «non human actors» erscheint mir sinnvoll – vielleicht anders, als es Latour selber versteht. Aber… dass kommt gleich. (Auch nach diesem Projekt hier denke ich das immer noch.)
  2. Zweitens «verfolgt» mich Latour in einer besonderen, fast würde ich sagen «französischen», Weise. 2020 gab es in der NGBK in Berlin-Kreuzberg mal eine Ausstellung von Photos aus dem «Innenleben» des Merve-Verlag. (https://archiv.ngbk.de/projekte/instant-theory/) Der Merve-Verlag ist bekannt für seine kleinen, immer irgendwie komischen, aber interessanten Bücher, die so aussehen, wie direkt aus den 1970ern importiert. Und in der Ausstellung gab es irgendwo ein Zitat eines der Gründers des Verlages, in dem dieser sinngemäss sagte, dass jedes Buch, das er verlegt, mindestens eine Stelle haben muss, die er nicht sofort versteht, aber wo er den Eindruck hat, dass sie etwas Relevantes sagt. Sie muss zum Denken anregen. (Das vor dem Hintergrund, dass sich Merve explizit als links versteht, nicht als esoterisch – da sind wir wieder.) Und… irgendwie beschreibt das meine Leseerfahrung von vielen von Latours Texten. (Der, selbstverständlich, auch bei Merve verlegt wurde.) Nicht alles ist einfach verständlich, aber man hat immer wieder den Eindruck, dass es relevante Aussagen sind. Wenn man zuerst von Gaia liest, legt man das Buch schnell weg, weil es halt wie Esoterik klingt. Aber dann kommt man doch wieder zurück – also zumindest ich. Und gleichzeitig ist Latour mit seinen Themen auch sehr «französisch» in dem Sinne, dass das, was er beschreibt und welche Aussagen er macht, mich immer an die Radikalität und Aufgeklärtheit erinnern, die mir viele französische Bücher zu kennzeichnen scheinen – was auch schwer zu beschreiben ist. Aber einfach der Unterschied zwischen den Büchern in «französische Buchhandlungen» (auch wenn die praktisch in Berlin oder Lausanne stehen) zu «deutschen» und «englischen». Mehr Intellektualität; mehr grundsätzliche Bereitschaft zu radikalen Fragestellungen und Antworten; mehr Überzeugung, dass die Gesellschaft verändert werden kann. Deshalb komme ich auch immer und immer wieder zu Latour zurück. (Aber gleichzeitig sagt er mir auch nie so viel wie Bourdieu oder Foucault – die beide «im Hauptregal» stehen. Und doch habe ich immer wieder den Eindruck, dass es vielleicht daran liegt, dass ich etwas bei Latour doch nicht ganz verstehe.)
  3. Die Fragestellung, ob und wie ANT für die Bibliothekswissenschaft und Bibliotheken genutzt werden kann, erscheint aber auch deshalb sinnvoll, weil sie in so vielen anderen Wissenschaften schon gestellt wurde. Nur im Rahmen der versuchten Relektüre habe ich Bücher zu «Akteur-Netzwerk-Theorie und Geschichtswissenschaft» (Füssel & Neu 2021), «Latour and the Humanities» (Felski & Muecke 2020), Politikwissenschaft und ANT (Schötzel 2019), Stadtsoziologie und ANT (Wilde 2021) sowie zu Architekturforschung und ANT (Hansmann 2021) gelesen. Und wenn ich das Lesen nicht abgebrochen hätte, wären es wohl noch mehr geworden. Viele unterschiedliche Forschende denken darüber nach, ob und wie man ANT in ihren jeweiligen Forschungsgebieten einsetzen kann. Oder aber – hier zum Beispiel Hansmann 2021 – sie nutzen ANT ganz konkret für ihre Forschung. Insoweit ist es nur sinnvoll, die Frage auch für die Bibliothekswissenschaft zu stellen – vielleicht sogar noch sinnvoller, weil Bibliotheken als Orte der Wissensproduktion sehr nah an den Laboren (als Orte der Wissensproduktion) sind, die Latour zuerst untersucht hat.

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Aber wie gesagt: Ich habe das Projekt abgebrochen und berichte hier vor allem, wie weit ich gekommen bin.1 Vielleicht war die Aufgabe einfach zu gross (Latour hat weit mehr geschrieben, als ich gedacht hatte und gleichzeitig gibt es so, so , so viel andere Literatur, die schon «Lektüren» zu Latour und ANT lieferten, die man für so ein Projekt auch noch sichten müsste). Aber ich bin auch ein wenig an Latour und seinen Texten verzweifelt. Mir scheint einfach (auch das schildere ich weiter unten eingehender), dass er viel, well, überflüssige Abgrenzung und Polemik betrieben hat, aber das in Texte, wo zwischen der ganzen Polemik immer auch interessante Aussagen gemacht werden – und irgendwann kann ich das nicht mehr lesen. Maybe thatʹs me. Aber zu oft schien mir beim Lesen, als wäre er auch ein französischer Intellektueller, der im Café sitzt und sich seit dem Morgen bei Kaffee und Rotwein in Rage geredet hat (was passt, weil alle Biographien zu Latour betonen, dass er aus einer Weinbaufamilie und aus einer Weinbauregion stammt, aber dann zum Pariser Intellektuellen wurde), während ich als Leser dann jemand bin, der erst zum Nachmittag dazukommt, nüchtern, und jetzt versucht, aus dem Redeschwall das Relevante zu extrahieren.

ANT, non-human-actors, Gaia – zu den Themen Latours

Okay. Es scheint, als würden alle Einführungen und Darstellung in die Arbeit von Latour damit anfangen, dass diese komplex und vielfältig sei. Man könne nur die wichtigsten Punkte darstellen. Das war auch ein Grund, warum ich mich auf einen Teil von Latours Arbeiten konzentrieren wollte. Mir scheint das aber, ehrlich gesagt, nicht so komplex, wenn man es auf die Grundideen und Begriffe reduziert. Es wird einfach komplex, weil Latour viel in seine Arbeiten hineinpackte, seine Gedanken und Ansichten auch ständig im Fluss waren (was an sich einen Forschenden auszeichnen sollte, also etwas Positives ist; aber es halt schwer macht, einen klaren Überblick zu schreiben – zumal, wie schon angedeutet, die Texte auch immer mal in ganz verschiedene Richtung abdriften, wie Gespräche im Café). Ich will es also hier auch nochmal versuchen, eine kurze Einführung in die ANT zu liefern (aber mir ist schon klar – das ist jetzt meine Darstellung und Auswahl).

Also, zu den Grundideen der ANT. Wichtig für das Verständnis ist, dass Latour diese zuerst anhand von Wissenschaften ausgearbeitet hat. Sie wurde dann recht schnell auf andere Bereiche ausgeweitet (angedeutet schon im ersten Buch (Latour & Woolgar 1979), aber später expliziter, sowohl von Latour selber (Latour 1996a, 1996b) als auch von zahllosen anderen Forschenden). Aber mir scheint, als Untersuchung von Wissenschaft ist sie am einfachsten verständlich (und wohl auch für die Bibliothekswissenschaft am einfachsten produktiv zu machen).

Was Latour interessierte, als er Ende der 1970er anfing mit seinen dann einflussreichen Forschungen, war, wie Wissenschaft tatsächlich funktioniert. Also nicht als grosses System, sondern, wie man vielleicht besser sagt, im Klein-Klein, im Labor, in der täglichen Arbeit von Forschenden. Aber auch, wie aus den Tätigkeiten, die da im Labor und anderen Orten der Wissenschaft stattfinden, Fakten werden. Und recht bald auch, wie aus diesen wissenschaftlichen Fakten gesellschaftliche Fakten werden.

Zwei seiner Bücher sind da wichtig: In Laboratory Life: The Social Construction of Scientific Facts (zusammen mit Steve Woolgar, 1979) beschreibt er die Arbeit in einem Labor, in dem biochemische Forschungen durchgeführt werden (es geht um die Funktion menschlicher Gehirne, aber das ist für das Buch eher zweitrangig). Dafür hatte er in einem eher ethnologischen Ansatz in einem solchen Labor geforscht (wir wissen heute (Schmidgen 2011) welches Labor dies war, aber im Buch selber ist es anonym gehalten). In The Pasterization of France (Latour 1988) untersucht er auf der Basis von wissenschaftlichen Artikeln und anderen Quellen eine zuvor schon mehrfach geschriebene Geschichte nochmal neu; nämlich die, wie sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich eine neue Gesellschaft entwickelte, in der Impfungen und Sterilisation von medizinischen und anderen Instrumenten zum Normalfall wurden. Diese Veränderungen werden normalerweise mit Louis Pasteur in Verbindung gebracht, der auch bei Latour im Mittelpunkt steht. Aber bei Latour ist es keine «Heldengeschichte», in der ein Forscher die wichtigen Fakten des Lebens erkennt und sich diese Wahrheit dann einfach in der Gesellschaft umsetzt, sondern eine Untersuchung von Netzwerken, Politik, Produktion von Wahrheit und von Objekten. Im Mittelpunkt steht auch hier die Wissenschaft, aber die Frage ist eher, wie aus den Ergebnissen, die im Labor erarbeitet wurden, dann schnell in der Gesellschaft verbreitete Handlungen wurden.

Von den Büchern, die direkt zur ANT geschrieben wurden (auch wenn sie dann in den Büchern gar nicht so genannt wird), scheinen mir diese beiden am zugänglichsten zu sein. (Vielleicht noch Der Berliner Schlüssel : Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften (Latour 1996b).)

Wichtig scheint mir noch: Es geht Latour nicht um die konkreten Forschenden geht, sondern am das, was man mit Barthes als «Autorenfunktion» beschreiben könnte. Man könnte bei der Untersuchung der Arbeit im Labor zum Beispiel fragen, wie sich soziale Kategorien (Geschlecht, soziale Herkunft, Migrationsgeschichte, Alter, Gesundheitszustand und so weiter) der Forschenden und anderen Mitarbeitenden auswirken – was heute auch gemacht wird. Aber das ist nicht der Fokus von Latour. Ihn interessiert eher, wie die Forschenden agieren, damit Ergebnisse entstehen und diese verbreitet werden – so wie bei Roland Barthes «Tod des Autors» nicht wirklich die Autor*innen sterben, sondern ihre «Funktion» als alleinige Quelle eines Textes aufgelöst wird in eine Verständnis von Netzwerken, in denen ein konkreter Text ein Objekt ist, das nur durch ständige Interpretationen «lebt». (Das scheint jetzt hier vielleicht ein weit hergeholtes Bild zu sein – so, als wäre ich langsam in das Gespräch im Café eingestiegen und beim vierten Kaffee – aber ist ein Vorgriff auf einen Punkt, den ich später nochmal machen möchte: Vieles, was man bei Latour finden kann, scheint sich auch bei anderen Forschenden, insbesondere männlichen aus Frankreich, ähnlich finden zu lassen.)

Was ist es nun, was Latour in diesen Büchern herausarbeitet – und was zumindest zum Zeitpunkt der Veröffentlichungen als relevant neu erschien?

  1. Zuerst erarbeitet Latour einen Ansatz, den er manchmal mit «follow the scientist» (Latour & Woolgar 1979, Latour 1999) und später «follow the actors» (Latour 2005) umschreibt. Er fordert, dass man grundlegende Vorannahmen, mit denen die Soziologie und vergleichbare Wissenschaften sonst agieren (Schicht, Gesellschaft, Macht – so was)m «vergisst» und sich darauf konzentriert, tatsächlich zu schauen, was die Untersuchten tun – also, wie sie sich und ihre Arbeit organisieren, wie sie argumentieren, was sie zum Beispiel bedenken, wenn sie an Artikeln arbeiten (er schildert lange Diskussionen im Labor) oder «Beweise» so konstruieren, dass sie überzeugend wirken (dazu geht er beispielsweise auf einen «Feldversuch» Pasteurs und seine Publikationsstrategien ein). Latour postuliert, dass mit einer solchen «Rücknahme» von Vorannahmen ein besseres, genaueres Bild gezeichnet werden kann; nicht nur davon, wie ein Labor und wie Wissenschaft funktioniert, sondern auch wie «Gesellschaft» funktioniert.
  2. Latour beschreibt Wissenschaft als Arbeit, die daraufhin organisiert ist, Fakten herzustellen, nicht darauf, Wahrheit zu finden. (Latour 1987) Diese Beschreibung ist relevant für die ANT, aber auch ein Punkt, der sehr schnell falsch verstanden werden kann. Latour – und er wird dann mit seinen «späten» Büchern, in dem er über die Auswirkungen der Klimakatastrophe nachdenkt, klar2 – geht es nicht darum zu behaupten, Forschung würde Fakten «erfinden», politischen Interessen folgen oder gar Lügen verbreiten. Aber er zeigt, (a) dass Forschung nicht einfach etwas findet, was in der Natur oder so vorhanden ist, sondern das es von Entwicklungen, Netzwerken, Objekten wie existierenden Instrumenten, Theorien, andere Forschungen, auf die Forschende dann wieder reagieren, abhängt, was überhaupt in Forschungsprojekten gefragt wird, wie es interpretiert und präsentiert wird. Und (b) dass es keinen direkten Weg von den Ergebnissen, die im Labor entstehen, hin zu ihren «Anwendung» in der weiteren Gesellschaft (oder schon in anderen Laboren) gibt, sondern das Ergebnisse, um erfolgreich zu sein, erst in einem Netzwerk von Interpretationen, Deutungen, Ressourcen, Objekten und anderen Diskursen integriert werden müssen. Das war – man merkt es an dem Vorwort der Leiters des Labors, dass untersucht wurde, Jonas Salk in Latour & Woolgar (1979: 11-14) und in dem er betont, dass er Forschung sehr wohl als Suche nach Wahrheit versteht – eine damals, in den 1970ern, 1980ern offenbar neue Einsicht (Schmidgen 2011). Heute ist das wohl weniger umstritten, was vielleicht auch ein Erfolg der «Wissenschaftssoziologie» oder «Science and Technology Studies» ist, als dessen einen Vorreiter Latour gilt. Aber Latour (und Woolgar) beschreiben sehr eindrücklich, wie sehr die Artikel, die im Labor geschrieben werden, auch davon abhängig sind, gegen welche Forschung anderer Labore (oder deren Behauptungen über Ergebnisse) sich das Labor positioniert, welche «Angriffe» in den Peer Reviews erwartet werden, auf die man beim Schreiben schon reagiert oder auch davon, was an Instrumenten vorhanden ist. Für den zweiten Punkt zeigt Latour, dass sich die Praxis der Sterilisation in der französischen Industrie und Gesellschaft nicht so durchgreifend durchgesetzt hätte, hätte es nicht schon vor Pasteurs Forschungen eine «Hygiene-Bewegung» gegeben, die auf eine Veränderung der Gesellschaft, beispielsweise der Kanalisation oder des Städtebaus gedrängt hätte.
  3. Eine Einsicht, die Latour also bei der Untersuchung von Wissenschaft als Tätigkeit hat, ist also, dass die Produktion von Wissen, aber auch die Verbreitung von Wissen, immer das Ergebnis von Netzwerken ist – von Netzwerken von Diskursen, Personen, Möglichkeiten, Ressourcen, Objekten und anderem mehr. Latour weigert sich, diese irgendwie zu systematisieren oder zu werten.3 Das wäre wohl – wenn ich es richtig verstehe – eine Rückkehr zu den Vorannahmen der Soziologie, die er fallen lassen will. Ob also Diskurse wichtiger sind als das Handeln einzelner Personen – ob also die Diskurse um Hygiene wichtiger oder weniger wichtig waren als Pasteur selber, um bei diesem Beispiel zu bleiben – lässt sich so nicht klären. Was diese Perspektive aber ermöglicht, ist, möglichst viele Punkte der Netzwerke zu erkennen. Der forschende Blick schweift so mit der ANT immer weiter umher und kommt dann zum Beispiel auch darauf zu fragen, ob die Anordnung von Objekten im Raum relevant ist. (Oder, um ein Beispiel von Latour (Latour 1999: 24-79) selber zu nehmen: Ob es für die Produktion von Fakten relevant ist, ob der Boden eines Waldes direkt vor Ort untersucht oder aber in klar systematisierte Bodenproben verpackt, in eine Labor gebracht und dann dort analysiert wird.)
  4. Eine zweite Einsicht, neben dem Netzwerk, ist die Bedeutung von «non human actors». Das ist der zweite Punkt, der falsch verstanden, die ganze ANT als esoterische Konstruktion erscheinen lassen kann. Aber: Non human actors sind, wenn wir im Bild von Netzwerken bleiben, die Punkte in diesen Netzwerken und ermöglichen erst, dass diese Netzwerke «halten». Sie werden als solche aber auch erst durch die Netzwerke «hergestellt». (Hier muss man wieder aufpassen: Hergestellt heisst nicht immer, dass sie vorher nicht materiell «da sind», sondern das sie erst als Teil des Netzwerks mit Bedeutung aufgeladen werden und dann innerhalb des Netzwerks existieren. Ein Beispiel sind die gerade genannten Bodenproben aus einer Feldforschung, die Latour untersuchte (Latour 1999: 24-79): Der Boden war selbstverständlich schon da, bevor die Forschenden für ihre konkrete Forschung kamen. Aber dadurch, dass nach einem bestimmten Schema, dass gewissen Theorien und Praxen dieser spezifischen Forschung folgt, in einen einem extra angefertigten Koffer Bodenproben abgelegt wurden, wurden sie zu einem Objekt – ein Objekt, dass dann ein Netzwerk von Fragen, Analysen und Antworten ermöglichte. Erst als Bodenproben erhielt der Boden in diesem Netzwerk Relevanz – und gleichzeitig «gruppierte» sich um ihn das Netzwerk, ganz praktisch verschiedene Forschende, die interdisziplinär zusammenarbeiteten.) Non human actors können alle möglichen Sachen sein. Sie «agieren», aber ohne Bewusstsein (also anders als Menschen). Vielmehr agieren sie in dem Sinne, dass sie notwendig sind, damit das Netzwerk an sich funktionieren kann – wobei funktionieren auch nicht immer heisst, dass am Ende Ergebnisse oder Antworten entstehen. In einem anderen Buch (Latour 1996a) zeigt das Latour anhand eines «neuartigen Transportsystems», welches in Frankreich zwischen den späten 1960ern und frühen 1980ern entwickelt, (inklusive Teststrecken und Prototypen), dann aber eingestellt wurde. Das System selber – Aramis – agierte als Punkt in dem Netzwerk in dem Sinne, dass «um Aramis» herum, Millionen von Franc, von Personal, von Vorstellungen und Hoffnungen in Bewegung gesetzt wurden. Eine andere Möglichkeit, sich so einen non human actor vorzustellen, ohne in esoterische Ideen zu verfallen, sind Forschungsinstrumente in Labore, die für eine Fragestellung entwickelt werden und dann, durch ihr Vorhandensein, auch andere Fragen (in anderen Laboren) ermöglichen.
  5. Latour scheint mir in gewisser Weise sehr «französisch», weil er Begriffe anders definiert, als sie normalerweise gemeint sind. (Das passiert bei Foucault, Barthes oder so auch oft.) Wichtig ist das beim Begriff «non human actor» und der Vorstellung, dass diese agieren: Agieren heisst hier nicht, dass sie absichtlich etwas tun, so als würden die Forschungsinstrumente selber denken. Es heisst vielmehr, dass andere Akteur*innen im Netzwerk auf diese non human actors einwirken – sie werden von anderen «in Bewegung gesetzt», aber dadurch werden sie dann zu Punkten im Netzwerk. Also: Die Bodenproben sind non human actors in der oben genannten Forschung, die Forschenden «setzen sie in Bewegung» (in dem Beispiel buchstäblich, weil sie in ein Labor in ein anderes Land transportiert wurden). Aber sie sind dann Punkte in dem Netzwerk, die zum Beispiel die (sich teilweise widersprechenden) Theorien der verschiedenen beteiligten Forschenden «in Bewegung setzen» und dann eine Theorie «produzieren». (Könnte man das anders ausdrücken? Bestimmt. Aber das ist der Weg, wie offenbar gerne in Frankreich Wissenschaft betrieben wird – irgendwie habe ich das akzeptiert, auch wenn ich manchmal wünschte, dass es anders wäre. Man muss einfach darauf achten, zumal es – weil es Wissenschaft ist – definiert wird, bei Latour oft mehrfach.)
  6. Netzwerk, Wissenschaft (und später Wissenschaft und Gesellschaft) als Produktion von Fakten (Latour 2001), non human actors, «follow the actors» als Grundprinzip sowie ein «Vergessen» von Vorannahmen sowie eine Weigerung, zu kategorisieren – dass sind eigentlich «schon» die Grundprinzipien der ANT. Mir scheint das in der Anwendung immer wieder interessante Ergebnisse zu produzieren, auch wenn ich mich beim Lesen selber dabei erwischt habe, oft auch andere Fragen untersucht sehen zu wollen, beispielsweise solche nach Macht und sozialer Herkunft. Latour würde dann vielleicht sagen, dass ich Vorannahmen mit in Analysen hineinbringen will – was nicht unbedingt falsch ist. Aber mir scheint die ANT ist interessant in der Anwendung, wenn auch begrenzt. Sie ersetzt nicht andere Ansätze, sondern ersetzt sie.

Eine Sache, die Latour im Laufe seines Forschungslebens gemacht hat, war, die ANT, also diese Grundprinzipien und Erkenntnisse, immer mehr auszuweiten. Heraus aus dem Labor (Latour & Woolgar 1979) und den Zusammenhängen von Labor und Gesellschaft (Latour 1987, 1988), hin zur Gesellschaft selber (Latour 1996b) und dann, well, die ganze Welt und Klimakatastrophe (Latour 2018). Gaia ist ein weiterer Begriff, der mit Latour in Verbindung gebracht wird – dass ist, in gewisser Weise, die Welt, die als non human actor auf den Menschen reagiert. Das Netzwerk, um das es dann ist, ist, well, praktisch «alles» und Gaia ist deshalb relevant, weil sie vom Handeln der Menschen «in Bewegung» gesetzt wird. Gaia ist schon ein Begriff, der auf Gottesvorstellungen verweist, aber das heisst nicht, dass angenommen wird, dass die Welt denken würde – sie reagiert und dadurch verändert sich wieder alles: Das Klimakatastrophe als Teil eines Netzwerks. Das hat, grundsätzlich, eine Folgerichtigkeit, aber es führt halt in sehr andere Fragen, als die, die ich in meiner Relektüre angehene wollte – nämlich in solche, die sich weniger mit der Wissenschaft und viel mehr mit, well, dem Leben und Überleben der Menschheit zu tun haben.

Mir war klar, dass ich das in meiner «Relektüre» nicht mit einbeziehen wollte. Aber, was mir beim Lesen immer schwerer fiel, war, die Grenze zu ziehen. ANT und Gaia – der Zusammenhang ist eigentlich direkt. Nur scheint mir, durch die grossen, grossen Fragen, gehen interessanten Beobachtungen über die Produktion von Wissen unter, die halt auch in den Werken Latours drin stecken.

Bücher als Kneipengespräch

Warum erscheinen die Arbeit von Latour dann so komplex, dass praktisch immer wieder geschrieben wird, dass es schwer sei, sie vollständig darzustellen? Nach meinen Lektüren scheint mir das weniger an der ANT selber zu liegen, als an zwei Punkten:

  1. Wie schon gesagt scheint mir Latour sehr «französisch» in dem Sinne, dass Begriffe ständig neu definiert, dann wieder umdefiniert, dann wieder neu angeeignet werden. Man muss immer wieder neu schauen, was «gerade» in einem Text, einem Buch mit «Soziologie» oder ANT oder auch actor gemeint ist. Das ist teilweise umständlich.
  2. Gleichzeitig sind viele Bücher Latours, vor allem aus den 1990ern und frühen 2000ern, davon geprägt, dass er sich abgrenzt. Er sagt viel, viel öfter und mit viel, viel mehr Worten, was die ANT nicht ist, als das er konkrete Aussagen darüber macht, was sie überhaupt darstellt. (Hier, symptomatisch scheint mir, Reassembling the Scoial: An Introduction to Actor-Network-Theory (Latour 2005), in Deutsch erschienen als «Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft». Bei dem Titel würde man erwarten, dass es ein Einführung ist und das klargestellt wird, was neu an der «neuen Soziologie» wäre – aber eigentlich geht es die ganze Zeit darum, was die ANT alles nicht kann und soll. Es war für mich ein schwer zu lesendes Buch.) Hinzu kommt, dass die Bücher von Latour – nicht unbedingt die Artikel, die er auch publiziert hat – sich dadurch auszeichnen, dass er auf der einen Seite auf Zitationen und andere Nachweise verzichtet und auf der anderen Seite fast alle irgendwie als «experimentell» bezeichnet werden können. Dabei verweist Latour ständig auf irgendwelche Diskurse, Arbeiten, Theorien, von denen er sich abgrenzt – aber es ist nicht immer einfach, nachzuvollziehen, welcher er meint. Man muss eigentlich mitten drin stecken in den soziologischen und philosophischen französischen Debatten, um mitzukommen. Ansonsten muss man lernen, über diese Stellen hinwegzulegen – was mit der Zeit schwer wird. Man hat immer Angst, noch andere Dinge zu überlesen. Experimentell heisst, dass man auch immer Zeit braucht, um in ein Buch «hineinzukommen». Latour schreibt mal Romane, mal Philosophie, mal Studien. Zum Beispiel ist Aramis: or the love of technology (Latour 1996a) nicht einfach eine Studie darüber, wieso das im Titel genannte Transportsystem über Jahrzehnte entwickelt, aber dann nie umgesetzt wurde. Sondern es ist eher ein Bericht eines – fiktiven – Studenten der Ingenieurswissenschaften, der ein einjähriges Praktikum bei einem «Professor der Soziologie» absolviert. Der Professor ist eindeutig das Stand-In von Latour selber, aber das Buch ist aus Sicht der Studenten geschrieben, der gezwungen wird, Soziologie «zu betreiben» (und auch versucht, sein Praktikum zu wechseln). Zudem besteht das Buch grösstenteils aus Versatzstücken von Interviews, Zitaten aus Dokumenten sowie erfundenen Dialogen (Aramis «spricht» selber) sowie Photos aus der «Geschichte» von Aramis. The Pasterization of France (Latour 1988) besteht zur Hälfte aus einer Studie, zur anderen Hälfte aus einem philosophischen Traktat, gegliedert in durchnummerierten Sätzen. Oder, Existenzweisen: Eine Anthropologie der Modernen (Latour 2018), ist eine mehrere hundert Seiten lange Abhandlung, die halt «alles» beschreiben soll – eine Art Welttheorie – aber ohne jede Zitation auskommt. Und das erst letztens erschienen Zur Entstehung einer ökologischen Klasse (Latour & Schultz 2022) erinnert in Aufbau, Gestus und Inhalt an leninistische Thesenpapieren (halt tatsächlich an Lenins Broschüren wie «Was tun?», «Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus»). Ist das hilfreich für das Verständnis? Nicht immer. Aber mir scheint, der – manchmal interessante, manchmal ablenkende – Gestus des experimentellen Textes ist auch ein Grund, warum die Arbeiten von Latour komplex erscheinen; vielleicht komplexer, als sie inhaltlich sind. Es ist aber auch ein Grund, ihn immer wieder zu lesen.

«Interessante Erkenntnisse»

Gut. Das alles ist in gewisser Weise eine Erklärung – hoffe ich –, warum ich es schwierig finde, zu sagen «aus Latour lässt sich das und das lernen». Wie gesagt haben das viele Forschende für viele andere Wissenschaftsfelder versucht, teilweise sogar in ihren Dissertationen (also nicht einfach als One-Off-Artikel, sondern als jahrelange Arbeit, auf der sie dann vielleicht ihre weitere Karriere aufbauen). Teilweise, meiner Meinung nach, erfolgreich, teilweise mit eher offenen Ergebnissen (bei denen ich mich vor allem am Ende oft fragte, ob man dafür unbedingt die ANT braucht, und nicht andere, etablierte, Theorien passender gewesen wären) und teilweise auch nicht überzeugend. (In Akteur-Netzwerk-Theorie und Geschichtswissenschaft (Füssel & Neu 2021) stehen Artikel aller dieser drei Kategorien nebeneinander.)

Aber, gleichzeitig – sowohl früher als auch jetzt, bei meiner versuchten «Relektüre» – tauchten immer wieder interessante Fakten, Ergebnisse, Überlegungen auf, die mir entweder für die Bibliothekswissenschaft relevant erscheinen oder die ich einfach so bedenkenswert finde – also, in dem Sinne wie die interessanten Stellen in Merve-Büchern. Mal nur an einer Stelle im Buch, mal verteilt in verschiedenen Publikationen. Und, ich bin mir sicher, hätte ich die Lektüre fortgesetzt, dann in anderen Büchern noch mehr. Hier, in diesem Abschnitt, eine unsystematische Liste dieser Erkenntnisse. Halt so weit, wie ich dabei gekommen bin.

Wissenschaft als Kampf

Wie gesagt begann Latour mit der Analyse von Wissenschaft, insbesondere dem «Entstehen» von Wissen. Gleich in dem 1979 veröffentlichtenLaboratory Life: The Social Construction of Scientific Facts ging es darum, was Forschende eigentlich machen, wenn sie Forschen. Er beschreibt das über die Jahre hin dann immer wieder anders, in Laboratory Life aber zuerst als Kampf – und zwar nicht als Kampf mit der Natur, der man Fakten abringt, sondern als Kampf zwischen Forschenden und Laboren. Ständig würde abgewogen, was andere Labore tun, planen, veröffentlichen. Ständig würde überlegt, wie man früher als andere Labore zu einem Ergebnis kommen kann, wie man besser Interpretationen bieten kann und so weiter. Auch, wie man die Ergebnisse anderer übertrumpfen kann. Dabei – für die Wissenschaft an sich oder die Gesellschaft ist das eigentlich irrelevant. Und trotzdem ist es etwas, was die Forschenden in den Laboren ständig tun.

Latour bleibt auch nicht dabei. Im gleichen Buch beschreibt er die Arbeit im Labor als ständige Schreibarbeit und als ständige Arbeit an Artikeln – obwohl es sich bei dem Labor, dass er untersucht, um ein naturwissenschaftliches Labor handelt, nicht um ein geisteswissenschaftliches. Und, wie gesagt, in anderen Büchern und Artikeln, vervielfältigen sich die Beschreibungen der Tätigkeiten von Forschenden nur noch mehr.

Was die unterschiedlichen Beschreibungen aber verbindet, ist, das Latour sich weigert, einfach den Worten und Beschreibungen der Forschenden selber zu vertrauen und, dass er sich auch weiter, Beschreibungen anderer (zum Beispiel in (Latour 1988) den sonstigen Darstellungen der Arbeiten Pasteurs) zu folgen. Nur weil Forschende immer wieder davon reden, dass sie die Wahrheit suchen, nach den Fakten der Natur und so weiter, heisst das für ihn nicht, dass man das einfach so übernehmen kann. Man muss, dass betont er auch immer wieder, «den actors folgen», also wirklich schauen, was sie tun. Das, was sie sagen, wenn sie es beschreiben, muss man aber als Teil des «Kampfes» ansehen – als Argumente und Interpretation der actors selber. Ebenso muss man die Fakten, die sich «durchsetzen» nicht nur daraufhin anschauen, ob sie mehr oder weniger wahr sind, als Fakten, die sich nicht durchsetzen, sondern auch auf die «Konstruktion» dieser Fakten achten – Konstruktion nicht als Vorwurf, das etwas falsch oder gar verlogen wäre, sondern als Analyse, was für Entscheidungen von wem und in welchem Machtzusammenhang getroffen werden, damit ein bestimmten Fakt Bedeutung erfährt und ein anderen vielleicht nicht.

Das ist auf der einen Seite erfrischend, weil es auf zwei Sachen verweist: Erstens, dass man den «grossen Erzählungen» über Forschung nicht vertrauen muss. Das heisst nicht der Erzählung, dass es immer darum, geht, der Natur Fakten «zu entlocken», sondern auch – um es in den Bereich der Bibliothekswissenschaft zu holen – solchen Erzählungen wie der, dass Forschende die ganze Zeit darauf schauen würden, wie sie ihre Reputation verbessern könnten. Das sind alles Erzählungen, die im Rahmen verschiedener Interessen gegeben und geglaubt werden, die aber offenbar auch nie alternativlos sind. Andere Erklärung können auch oft gut beschreiben, was bei der Forschungstätigkeit «passiert». Zweitens zeigen die verschiedenen Interpretationen, die Latour im Laufe der 1980er und 1990er immer wieder neu liefert, aber auch, dass immer verschiedene Darstellungen und Interpretationen möglich sind. Auch die Darstellung der Arbeit von Forschenden als «Kampf», die er zuerst liefert, muss nicht per se mehr oder weniger «wahr» sein als andere Erzählungen.

Allerdings scheint mir nicht, dass das eine besonders innovative Erkenntnis ist. Vielleicht leben wir alle in einer Welt «nach Latour», in der das sich als Erkenntnis durchgesetzt hat. Aber, auch wenn ich Darstellungen immer wieder interessant fand, wusste ich nie, ob das nicht auch zum Beispiel mit den Diskurs- und Machtanalysen von Foucault genauso gezeigt werden könnte. Wie schon mal oben angedeutet: Immer wieder schien mir beim Lesen, dass Latour nochmal, manchmal auf anderen Wegen, zu den gleichen Ergebnissen kommt, wie andere Forschende vor ihm (zumeist, wie auch gesagt, andere männliche, französische Forschende). Das ist nicht per se schlimm, sondern zeigt ja eher, dass solche Erkenntnisse offenbar eine gute Evidenzbasis haben – weil man auf verschiedenen Wegen zu dieser Erkenntnis kommt.

Fakten werden wirkmächtig als Black Box

Eine Erkenntnis, die sich auch gleich 1979 in Laboratory Life findet, ist die, dass sich Fakten, die im Labor «produziert» werden, nicht als solche durchsetzen. Damit sie eine Wirkung haben können, die über den eigentlichen Forschungszusammenhang hinausgeht, müssen sie zu einer «Black Box» werden.

Was heisst das? «Black Box» heisst, dass Fakten zu einem Ding, zu einem Objekt werden müssen, das in anderen Zusammenhängen benutzt werden kann. Dieses Objekt kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Aber in Laboratory Life geht es um zwei dieser «Black Boxen». Einerseits geht es um eine Chemikalie, die in diesem Labor «gefunden» wurde. Sie war schon vorher bekannt, aber während der Forschung wurde eine Methode entwickelt, diese Chemikalie, die ansonsten im menschlichen Gehirn produziert wird und deshalb nur in kleinen Mengen vorhanden ist, in grossen Mengen zu produzieren. (Zudem wird in der Forschung dann, weil eine grosse Menge vorliegt, auch möglich, besser zu erforschen, wie diese Chemikalie im menschlichen Gehirn funktioniert – sie ist dann also ein actor, der andere actors «in Bewegung setzt», also hier überhaupt erst Forschung ermöglicht und bestimmte Fragestellungen möglich macht.) Diese Methode, entwickelt um in einer spezifischen Forschung genutzt zu werden, wird dann von der Industrie übernommen, die dann damit in der Lage ist, anderen Laboren gewünschte Mengen dieser Chemikalie zur Verfügung zu stellen. Aus dem prekären Ding in einem Labor wird also ein Objekt, dass andere Labore «einplanen» können – sie haben die Möglichkeit, es ohne grosse Probleme zu erhalten. Was dann passiert sind zwei Sachen: Die Chemikalie wird für Fragestellungen verwendet, die überhaupt nichts mehr mit dem Labor und dem Forschungsprogramm, in dem sie entwickelt wurde, zu tun haben. Sie ist jetzt dann Objekt, das eingesetzt werden kann. Und, gleichzeitig, wird es egal, wer die Produktion dieser Chemikalie «erfunden» hat und wie genau dieser Prozess funktioniert. Andere Labore bestellen das Objekt einfach und können auf seine «Funktionsweise» vertrauen. Das ist deshalb relevant, weil selbstverständlich im Labor, das Latour untersuchte, die Entwicklung dieser «Produktionsstrecke» viel Zeit und Ressourcen in Anspruch nahm. Und weil es auch eine Auseinandersetzung mit einem anderen Labor gab, wer diese «Produktion» zuerst aufgebaut und die tatsächliche Bedeutung dieser Chemikalie forschend bestätigt hat. Das ist dann innerhalb weniger Jahre vollkommen egal – wenn andere Labore die Chemikalie einsetzen, dann schreiben sie in ihren Papern nichts davon, wer damals «in der Auseinandersetzung gewonnen hat» oder wie viel Arbeit es war, die Produktionsstrecke zu entwickeln. Es wird nur noch die Chemikalie selber erwähnt. Dieses Ignorieren der ganzen Komplexität (Geschichte der Erforschung und der Auseinandersetzung, «Herkunft» aus dem spezifischen Labor und Forschungsprojekt, Aufbau des Produktionsprozesses) ermöglicht es aber, dass die Chemikalie «erfolgreich» ist in dem Sinne, dass sie Verbreitung findet.

Das ist einigermassen erstaunlich, weil es eine gewisse Widersprüchlichkeit zeigt: Es war ein Erfolg der Forschung, diese Chemikalie künstlich produzieren zu können. Aber, damit der Erfolg eine Relevanz erhält, muss er ein Objekt, eine Black Box werden, was dazu führt, dass nicht mehr auf diesen «Erfolg» verwiesen wird. Oder mit anderen Worten, wieder mit Bezug zur Bibliothekswissenschaft: Das Ergebnis der Forschung wird für die Praxis relevant, aber so, dass es keine Zitationen mehr gibt. Zitiert wird die Forschung des Labors während der Arbeit selber und während der Auseinandersetzung mit dem anderen Labor um die «Originalität» der Forschung. Aber je erfolgreicher das Ergebnis, also die industriell hergestellte Chemikalie, umso weniger Verbindung hat sie noch – ohne, dass es jemand aktiv verheimlichen würde, weil die Artikel dazu alle vorhanden sind – mit diesem Forschungsprojekt.

Dazu trägt auch bei, dass das «Öffnen» der Black Box – also das Nachvollziehen, was dort in ihr alles passiert, welche Entscheidungen getroffen wurden oder auch, auf welchen anderen Black Boxen sie aufbaut (zum Beispiel Messinstrumenten) – immer mehr Ressourcen benötigt, je komplexer die Black Box ist. Wenn also, um im Beispiel zu bleiben, ein anderes Labor nachvollziehen will, wie die Produktionsstrecke entstand, muss es Ressourcen verwenden, die es nicht verwenden muss, wenn es die Chemikalie einfach nutzt.

Latour (und Woolgar) zeigen im gleichen Buch noch, dass dies nicht einfach auf wissenschaftliche Fakten und Ergebnisse beschränkt ist, sondern deuten schon an – was Latour dann in anderen Büchern weiter ausarbeitet –, dass dies auch für die gesamte Gesellschaft gilt. Sie beschreiben gleichzeitig, wie ein Computer entwickelt wurde, den das Labor dann als Instrument einsetzt. Auch da gab es Entscheidungen und Auseinandersetzungen, die aber für das Labor egal sind – weil sie den Computer als «Black Box» nutzen, um Daten zu verwerten.

(Black Box kann aber auch, meinem Verständnis nach, eine Theorie sein – hier scheint mir Latour mit seinem ständigen Abgrenzungen gegen «Vorannahmen» in der Soziologie eine Sache übersehen zu haben. Diese «Vorannahmen», von denen er sich abgrenzt, lassen sich meiner Meinung nach gut als Objekte beschreiben, deren Herkunft und Produktionsprozesse nicht vollständig in einen Forschungsprozess eingebracht werden muss, um selber als actor dazu beizutragen, Wissen zu produzieren – also man muss nicht «den ganzen Foucault», «den ganze Marx», «den ganzen Weber» referenzieren, um eine sinnvolle Forschung mit deren Theorien durchzuführen.)

Non human actors

Der Interessanteste, und für mich auch Eigenständigste, Punkt bei Latour, sind die hier schon mehrfach besprochenen non human actors. Für mich sofort einsichtig ist, dass die Instrumente, die in einem Labor vorhanden sind (oder bei der Industrie bestellt werden können) eine grundlegende Rolle dabei spielen, was an Fragen überhaupt gestellt werden kann und was also überhaupt als Wissen «produziert» werden kann.

Bei Latour weitet sich das dann später immer und immer weiter in die Gesellschaft aus und es gibt dann unzählige non human actors. Das scheint manchmal fragwürdig, aber wenn man es – so meine Erfahrung – zurückführt auf das Modell von Forschungsinstrument und Wissensproduktion, wird es doch immer wieder verständlich.

Für mich einfach vorstellbar ist auch, dass Modell aus dem Labor heraus auf (zumindest) Wissenschaftliche Bibliotheken zu erweitern (also im Sinne von der Bestand von Bibliotheken ermöglicht erst bestimmte Fragestellungen) und auf den Raum Bibliothek.

Wissen in der Gesellschaft

Ein Punkt, der auch mit anderen Theorien ebenso gut beschrieben werden kann, aber bei Latour immer wieder vorkommt, ist der, dass die «Umsetzung» von Wissen, dass an einem Ort (also zum Beispiel dem Labor) produziert wird, nicht alleine von diesem Ort und seinen Handlungen abhängt. Damit Wissen eine Bedeutung über dieser Ort hinaus spielen kann, müssen viel mehr Akteur*innen handeln – human und non human. Oder anders, eher auf die Wissenschaft bezogen: Latour zeigt immer wieder, dass nicht die einzelnen Forschenden wirklich viel dafür können, ob ein Fakt, den sie erarbeiten, in der Gesellschaft oder in anderer Forschung genutzt wird. Es ist immer das ganze potentielle Netzwerk, dass darüber entscheidet.

In Le métire de chercheur regard d´un anthropologue (Latour 2001) bezieht er dies sogar explizit auf die Hochschule, an der er tätig war. Diese hat den Auftrag, angewandte Forschung zu betreiben. Er diskutiert kurz (weil es ihm doch um mehr geht), wie die Frage, was «angewandt» heisst und wie es «angewandt» wird, gar nicht so sehr von den Forschenden an der Hochschule abhängt, sondern vielmehr von der Bergbauindustrie, für die die Hochschule zuständig ist, und der Politik. (Das ist ja, als Forschender an einer Fachhochschule, auch meine Situation. Vielleicht stimme ich diesem Punkt deshalb sehr zu.)

Gaia, Europa als Modell, ökologische Klasse

Während die anderen Punkte hier sich alle irgendwie auf die «frühen Bücher» von Latour beziehen – die, die sich auch irgendwie direkt mit der ANT und der Wissenschaftsforschung verbinden lassen – fanden sich auch in späteren Büchern immer wieder Versatzstücke, die mich immer wieder einmal ansprachen, aber für mich schwierig in einem Bezug zu Forschung oder Bibliotheken zu setzen ist.

  • Weiter oben schon erwähnt, ist mir nach und nach die Bezeichnung Gaia (Latour 2017) für den «non human actor» Welt, der auf die Menschen und das Anthropozän reagiert, verständlicher geworden. Sicher – andere Bezeichnungen wären möglich. Aber diese eigenständige Bezeichnung macht es möglich, die Situation irgendwie besser zu fassen (wenn auch nicht positiver oder so): Die Welt reagiert auf die Umgestaltungen durch den Menschen und die Klimakatastrophe nicht so, als hätte sie ein Bewusstsein; gleichzeitig reagiert sie aber in einer Weise, die relevant wird für die Menschen und das Überleben der Menschheit (ganz gross gefasst), aber – weil es ein non human actor ist – auch vollkommen ohne eigenes Interesse daran. Es gibt da keine Moral, keine Ethik, sondern nur ein Agieren. (Und doch, auch hier, fand ich es verständlicher diskutiert – das ist jetzt ein interessantes Wort für dieses Buch, das ansonsten oft auch als sperrig beschrieben wird – in Donna Haraways Staying with the trouble (Haraway 2016).) Die im Grunde hoffnungslose, realistische Darstellung als Gaia macht die Situation irgendwie lebbarer, denkbar. (Schwer zu erklären. Aber es gibt einen Grund, warum es auch seit Jahren eine Reihe von philosophischen Texten gibt, die sich, unter anderem mit Bezug auf Latour, mit dem «Ende der Welt» beschäftigen.)
  • Wie gesagt beschäftigte sich Latour ab irgendwann in den 2000er Jahren mit immer grösseren Fragen. Die Themen breiten sich aus, (fast) am Ende geht es dann um Existenzweise aller möglichen actors und den «Weltuntergang» (also, den der Menschen, die Welt selber geht ja nicht unter). Und dazwischen schreib er dann Essays zu eher konkreteren Fragen (nicht zu konkret), die sich recht schnell lesen lassen. In einem davon, Das terrestische Manifest (Latour 2022 [2018]), reagiert er auf die Wahl Donald Trumps. Es ist ein Text, der auch von vielen Behauptungen und Argumentationsversuchen lebt (aber es ist ja auch ein «Manifest», obwohl ich eher sagen würde, es ist ein Essay). Hier scheint sich Latour indirekt auch mit seiner Angst zu beschäftigen, dass gerade er Stichwortgeber für Leugner*innen der Klimakatastrophe geworden sein könnte. Zwei Sachen sind mir aus diesem Essay als Denkanstösse geblieben: Erstens beschreibt er die Wahl Trumps auch als Wahl eines grossen Teils der US-amerikanischen Bevölkerung, sich aktiv dafür zu entscheiden, sich zu weigern, sich weiter als Teil dieser Welt zu sehen. Sie hätten die Wahl getroffen, sich nicht nur als Teil eines besonderen Landes (das wäre der US-amerikanische «Exzeptionalismus») zu sehen, sondern zu postulieren, dass dieses Land gar nicht zur Welt gehört und man deshalb alles ignorieren kann. Eine Realitätsverweigerung, die aber aktiv eingegangen wird – nicht, weil die Fakten nicht bekannt seien oder so. Und zweitens formuliert er ein Gegenbeispiel: Wie sollte man sich stattdessen in der Welt verhalten, in der jetzigen Situation der Klimakatastrophe? Er führt Europa an und sagt von sich, das er überzeugter Europäer wäre – Europäer verstanden als Teil einer Gemeinschaft, die gelernt hat – nach langen, schrecklichen Prozessen – auf Exzeptionalismus, Sonderstellung und auch auf imperiale Ansprüche zu verzichten; sondern stattdessen akzeptiert, was ist. Realistische Handlungen, realistische Erwartungen. Sicherlich: Das ist eine Darstellung von «Europa», die man als sehr optimistisch verstehen kann. Es ist in gewisser Weise eine Utopie – ein Europa und auch ein Frankreich, dass sich als Teil der Welt versteht und nicht mehr als irgendwie abgehoben. Ein Europa, das die Ergebnisse der Geschichte akzeptiert und versucht, innerhalb dieses Rahmens zu handeln (also zum Beispiel keine Grenzen mehr verändern, Länder ausweiten oder aber Verbrechen der Vergangenheit schön reden will.) Aber – gerade mit dem Krieg in der Ukraine habe ich mich immer wieder einmal an diese Darstellung erinnert und mich gefragt, ob Latour damit nicht doch ein wenig Recht hat. Vor allem in dem Sinne, dass «Europa» es grösstenteils heute vollkommen einsichtig findet, dass es keine imperialen Veränderungen von Grenzen und Ländern geben sollte (etwas, dem Russland nicht zustimmen würde) und das auch in recht aktive Politik umsetzt – was Anbetrachts der Geschichte Europas eigentlich erstaunlich ist. Ich weiss nicht, was ich daraus machen soll – es ist nur einer dieser kleinen «interessanten Gedanken», die mir bei Latour immer wieder unterkommen.
  • Der letzte Essay, den ich von Latour (und Schultz) gelesen habe – vielleicht auch der letzte publizierte Text von Latour, auch wenn ich erwarte, dass da noch einige «aus dem Nachlass» kommen werden und das schon an mindestens einer Gesamtausgabe gearbeitet wird – ist Zur Entstehung einer ökologischen Klasse (Latour & Schultz 2022). Das ist wieder so ein Essay zu einer grossen Frage – nämlich, ob und wie eine «Klasse» entstehen kann, die politisch das Erbe linker Bewegungen (hier vor allem auf die «proletarische Bewegung» bezogen) antreten kann, aber mit dem Ziel der Umgestaltung der Gesellschaft hin zu einer, die nicht nur sozial ist, sondern auch noch ökologisch das Überleben der Menschheit sicherstellen kann – also wieder das grosse Ganze. (Das klingt jetzt gleich ein wenig, als würde ich einen Witz machen wollen, aber das steht alles so in diesem Buch und das Buch ist wirklich bei einem Verlag wie Suhrkamp verlegt worden.) Latour und Schultz benutzen den Begriff Klasse, wie er im Marxismus verstanden wurde, weil sie damit auch über die Fragen reden können, die im Marxismus relevant waren. Zum Beispiel, wie sich die Klassen in der jetzigen Gesellschaft zusammensetzen, wie sich ein «Klassenbewusstsein» bildet (also nicht nur die Klasse als Teil der Gesellschaft bestimmt werden kann, sondern «die Klasse selber» lernt, sich als solche zu sehen, gemeinsame Ziele zu definieren und dann auch politisch anzustreben). Zudem schliessen sie – mal mit direkten Verweisen, mal indirekt – an weitere linke der Debatten der letzten 200 Jahre an, insbesondere an Gramsci und seine Überlegungen zur Hegemonie. Und, wie oben erwähnt, in gewisser Weise ist der Essay so aufgebaut und argumentiert auch so, wie Lenin das in seinen kurzen Essays kurz vor der Oktoberevolution gemacht hat – es geht also nicht nur um eine Analyse, sondern auch um die Frage, «wie die Revolution zu machen ist». Wie gesagt: Latour ist immer irgendwie in anderen Debatten drin und dabei teilweise erstaunlich radikal und rabiat. (Wobei mir auch immer wieder auffällt – wenn ich das so in Deutsch schreibe, klingt das viel radikaler und erstaunlicher, als wenn ich das in Französisch lese.) Was mich an dem Buch aber vor allem irritiert hat, ist, dass es in gewisser Weise doch zurückkehrt zu Punkten, die Latour selber in den 1980ern und 1990ern vehement abgelehnt hat – während er mehrfach herausgestellt hat, wie wichtig es wäre, ohne Vorannahmen in die Analyse von Situationen zu gehen und stattdessen «zweidimensionale Karten» der Situation zu zeichnen, auf denen alle human und non human actors die gleiche Bedeutung und Wirkmacht haben, ist er in Zur Entstehung einer ökologischen Klasse auf einmal wieder ganz schnell bei, well, Klassen, sozialen Schichten und Macht. Ich weiss – darum geht es in dem Essay gar nicht, aber mir schien auch, dass es ebenso ein (indirektes) Eingeständnis zeigt: Nämlich das solche «Vorannahmen» sinnvolle Werkzeuge sein können. Mir schien, Latour führt in dem Essay indirekt auch vor, dass die ANT und davon abgeleitete Analysen immer nur eine Möglichkeit der Analyse darstellen und dass andere Ansätze auch immer möglich (und manchmal sinnvoller) sind. Auch hier – was macht man damit? Ich weiss es. Aber ich hatte, als ich das Buch las, schon beschlossen, dass ich die Relektüre abbreche. Ansonsten aber wäre das ein wichtiger Punkt für die weitere Diskussion gewesen: Welche «Reichweite», welchen Anspruch hat die ANT – besonders, wenn Latour selber von ihr abweicht, wenn es ihm notwendig erscheint.

ANT und die Bibliothekswissenschaft

Dieser Blogpost hier ist «einfach runtergeschrieben». Für eine richtige Relektüre hätte ich ihn selbstverständlich besser strukturiert, Argumente in eine Reihenfolge gebracht, darauf geachtet, Fakten und Meinung zu trennen… Wie gesagt, irgendwann wurde mir das Projekt zu gross. Deshalb gibt es hier auch kein richtiges Ende. Ich kann nicht wirklich sagen, ob und wenn ja, wie die ANT in der Bibliothekswissenschaft genutzt werden kann. Soweit bin ich nicht gekommen.

Aber noch hier kurz, anstelle eines schönen Fazit, ein paar Überlegungen dazu. Was denke ich, ohne das systematisiert zu haben, was die Bibliothekswissenschaft von Latour beziehungsweise aus seinen Arbeiten, lernen kann?

  • Man kann lernen, dass Wissenschaft (sowohl als direkte Aktivität, also das, was Forschende tun, als auch als System) nicht einfach mit einem Modell beschrieben werden kann. Relevant ist das, weil eigentlich für all die Projekte und Darstellungen zu Open Access, Bibliometrie und so weiter, im Bibliothekswesen und in der Bibliothekswissenschaft immer nur ein Modell («Forschende forschen und sind an Publikationen für die Reputation interessiert») rezipiert wird (was ein Modell ist, das gerade Wissenschaftsverlagen eine hohe Bedeutung zugesteht, und den Verlagen damit vielleicht mehr nützt, als der Wissenschaft oder den Bibliotheken selber). Sinnvoller wäre eine direkte Beobachtung der wissenschaftlichen Arbeit (also: Was tun Forschende wirklich beim Forschen und Arbeiten – nicht was sagen sie in Umfragen und Interviews, wenn man immer die gleichen, auf nur diesem einem Modell basierenden, Fragen stellt). Diese würde wohl zu einer genaueren, aber wohl auch komplexeren und teilweise widersprüchlichen, Beschreibung von Wissenschaft führen, die näher an der Realität sind. Und vielleicht auch zu Modellen, die mehr den Bibliotheken und den Forschenden nützt, als den Verlagen.
  • Der Punkt mit der Black Box (also, dass wissenschaftliche Fakten erst eine «Black Box» werden müssen, um in der Gesellschaft «erfolgreich» zu sein, erfolgreich im Sinne von: Die Gesellschaft und das Leben der Menschen verändern) und vor allem, dass mit dem erfolgreichen «Black Boxing» einhergeht, dass die Verbindung zwischen Forschenden und dem Objekt verloren geht, scheint mir relevant, weil er eigentlich die meisten Überzeugungen, die «hinter» der Bibliometrie stehen, obsolet macht. Zumindest, wenn die Bibliometrie (also die Arbeit mit Zitationen als Datenmaterial) genutzt wird, um den «Fluss» von Wissen und den Einfluss von Wissenschaft nachzuvollziehen. Denn praktisch zeigte Latour (in dem oben angeführten Buch sogar teilweise mit bibliometrischen Daten), dass ein Erfolg von Wissenschaft in diesem Sinne immer damit einhergeht, dass es für die «betroffenen» Forschenden keine Zitationen gibt. Sicherlich: Das ganze Bibliothekswesen betreibt Bibliometrie immer nur mit Bauchschmerzen, jeder «bibliometrische» Bericht enthält einen Abschnitt dazu, dass Zitationen immer nur einen begrenzten Aussagewert haben. Und es gibt auch schon zahlreiche weitere kritische Betrachtungen der Annahmen hinter der Bibliometrie (sowie genauer durchdachte «Annahmen»). Und trotzdem scheint mir der Begriff und die Beschreibung des «Black Boxing» eine weitere Ebene der Kritik hinzufügen.
  • Immer noch eher intuitiv scheint mir, die ANT liefert auch eine – aber wirklich nur eine neben anderen – Möglichkeiten, den Raum Bibliothek zu untersuchen, also zu schauen, wie die non human actors (vor allem Medien) in Netzwerke der Tätigkeiten integriert sind, die Menschen in Bibliotheken ausüben. Aber genauer beschreiben, wie ich mir das vorstelle, kann ich immer noch nicht. (Das wäre wohl Teil der Relektüre gewesen. Allerdings ein Verweis auf Monospace and Multiverse: Exploring Space with Actor-Network-Theory von Sabine Hansmann (2021), welche die ANT nutzt, um ein Gebäude zu verstehen, dass gleichzeitig Museum, Bibliothek, Lernort und sozialer Ort ist.)
  • Und, selbstverständlich, aber irgendwie auch so naheliegend, dass es sich komisch anfühlt, es extra zu erwähnen: Medien lassen sich mit der ANT als non human actors in Netzwerken der Wissensproduktion verstehen, auch und gerade die Medien, zu denen Bibliotheken Zugang liefern.

Literatur

Chaillan, Pierre (2022). Bruno Latour, penseur des sciences et de l’écologie salué et critiqué. In: lʹHumanité, 10.10.2022, https://www.humanite.fr/en-debat/anthropologie/bruno-latour-penseur-des-sciences-et-de-l-ecologie-salue-et-critique-766754

Felski, Rita ; Muecke, Stephan (edit.) (2020). Latour and the Humanities. Baltimore: Johns Hopkins University Press, 2020

Füssel, Mariam ; Neu, Tim (Hrsg.) (2021). Akteur-Netzwerk-Theorie und Geschichtswissenschaft. Leiden, Boston, Singapore, Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh, 2021

Haraway, Donna (2016). Staying with the trouble: making kin in the Chthulucene. Durham: Duke University Press, 2016

Jeffries, Stuart (2022). Bruno Latour obituary. In: The Guardian, 10.10.2022, https://www.theguardian.com/world/2022/oct/10/bruno-latour-obituary

Kofman, Ava (2022). On Bruno Latour (1947–2022): The world was his laboratory. In: N+1, 2022, https://www.nplusonemag.com/online-only/online-only/on-bruno-latour-1947-2022/

Latour, Bruno ; Woolgar, Steve (1979). Laboratory Life: The Social Construction of Scientific Facts. (Sage Library of Social Research ; 80). Beverly Hills, London: Sage Publications, 1979

Latour, Bruno (1987). Science in Action: How to follow scientists and engineers through society. Cambridge: Havard University Press, 1987

Latour, Bruno (1988). The Pasterization of France. Camb, London: Harvard University Press, 1988

Latour, Bruno (1993). We Have Never Been Modern. Cambridge: Harvard University Press, 1993

Latour, Bruno (1996a). Aramis: or the love of technology. Cambridge, London: Harvard University Press, 1996

Latour, Bruno (1996b). Der Berliner Schlüssel : Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften. Berlin: Akademie Verlag, 1996

Latour, Bruno (1999). Pandora´s Hope: Essays on the Reality of Science Studies. Cambridge: Harvard University Press, 1999

Latour, Bruno (2001). Le métire de chercheur regard d´un anthropologue: Une conférence-débat à lÍNRA Paris, le 22 septembre 1994. (2e éditon) Paris cedex: Institut National de la Recherche Agronomique, 2001

Latour, Bruno (2005). Reassembling the Scoial: An Introduction to Actor-Network-Theory. (Clavendo Lectures in Management Studies) Oxford: Oxford Universities Press, 2005

Latour, Bruno (2017). Facing Gaia : eight lectures on the new climatic regime. Cambridge: Politiy, 2017

Latour, Bruno (2018). Existenzweisen: Eine Anthropologie der Modernen. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2018

Latour, Bruno (2022 [2018]). Das terrestische Manifest. (5. Auflage) Berlin: Suhrkamp Verlag, 2022

Latour, Bruno ; Schultz, Nikolaj (2022). Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2022

Laux, Henning (Hrsg.) (2016). Bruno Latours Soziologie der «Existenzweisen»: Einführung und Diskussion. (Sozialtheorie) Bielefeld: transcript Verlag, 2016

Hansmann, Sabine (2021). Monospace and Multiverse: Exploring Space with Actor-Network-Theory. (Materialities) Bielefeld: transcript Verlag, 2021

Schmidgen, Henning (2011). Bruno Latour: Zur Einführung. (Zur Einführung) Hamburg: Junius Verlag, 2021

Schötzel, Hagen (Hrsg.) (2019). Der große Leviathan und die Akteur-Netzwerk-Welten: Staatlichkeit und politische Kollektivität im Denken Bruno Latours. (Staatsverständnisse ; 122) Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2019

Truong, Nicolas (2022). Bruno Latour, penseur du « nouveau régime climatique », est mort. In: Le Monde, 09.10.2022, https://www.lemonde.fr/disparitions/article/2022/10/09/bruno-latour-penseur-du-nouveau-regime-climatique-est-mort_6145057_3382.html

Wilde, Jessica (2021). Die Fabrikation der Stadt: Eine Neuausrichtung der Stadtsoziologie nach Bruno Latour. (Urban Studies) Bielefeld: transcript Verlag, 2021


Fussnoten

1 Einschränken muss ich auch, dass eine «richtige Relektüre» sich jeweils mindestens mit den ersten Ausgaben und – wenn es sie gibt – denen «letzter Hand» befasst hätte. Die meisten (nicht alle) Bücher von Latour erschienen zuerst in Französisch, ich hätte sie also auch in Französisch lesen müssen. Hingegen habe ich mich darauf beschränkt, die Ausgabe zu nehmen, die mir irgendwie zugänglich war – und das waren dann auch oft Übersetzungen ins Englische oder Deutsche. Das ist / wäre also nicht perfekt gewesen. Ein wenig zu meiner Verteidigung: (1) Es wäre, auch wenn es fertig geworden wäre, wieder mal ein Projekt in meiner Freizeit gewesen. Da muss ich zeitökonomisch sein und nehmen, was mir zugänglich ist. Also eher das Buch aus meinem eigenen Regal oder der Bibliothek, aus der ich es direkt per Fernleihe bestellen kann, als dem Buch das in Strasbourg oder Lyon liegt und nur vor Ort eingesehen werden kann. (2) Mir waren per Fernleihe auch viele Werke in Französisch in der ersten Auflage zugänglich, weil sie in Bibliotheken in Lausanne, Genève oder so liegen. Aber die waren erstaunlich oft in einem erbärmlichen Zustand, kurz vor dem Auseinanderfallen. Ich habe mich dann oft nicht getraut, in ihnen intensiv zu lesen, sondern lieber nochmal eine neuere Version bestellt, die dann oft in Übersetzung kam.

2 Kofman (2022) schreibt, dass er sich viele Gedanken darum gemacht hätte, ob die Leugner*innen des Klimawandels sich auf ihn beriefen.

3 In der Literatur (Laux 2016) findet sich die gut nachvollziehbare Kritik, dass Latour nicht an einer Soziologie interessiert ist, sondern an einer Ontologie (im Sinne der Philosophie, also als Beschreibung wie etwas ist und nicht im Sinne der Informationswissenschaft als Kategorisierung).

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