Vorüberlegungen zu einem notwendigen Neuen Lehrbuch für das Bibliothekswesen: Teil 3

Teil 1: Kapitel 1-4

Teil 2: Kapitel 5.1-5.9

Teil 3: Kapitel 5.9-6

5.10 Projektarbeit und Drittmittel

Der Themenbereich Projektarbeit und Drittmittel wäre für mich einer, der zu einem Lehrbuch hinzukommen müsste. Das wäre eine Entwicklung, die meiner Überzeugung nach auch in Zukunft das Bibliothekswesen prägen wird – hier wäre ich also der Meinung, dass es nicht ein Trend ist, der in zehn Jahren schon wieder einigermassen vorbei sein wird – und die gleichzeitig bislang wenig thematisiert wird. Sowohl in «Bibliothekarisches Grundwissen» als auch in «Le Métier de Bibliothécaire» ist sie bislang, soweit ich das sehe, nicht ausreichend behandelt worden.

Was ich mit dem Thema meine, ist nicht einfach die Arbeit an Projekten. Heute werden in Bibliotheken zahlreiche Arbeiten als «Projekte» durchgeführt (und hier müsste, wie ich gerade beim Schreiben merke, gewiss auch ein Kapitel zum Projektmanagement in das Lehrbuch integriert werden, schon, weil es in vielen Bibliotheken bislang nicht immer optimal organisiert ist) und Kolleg*innen müssen dies in ihren Arbeitsalltag integrieren. Das ist der eine Teil. Aber der andere, der mit wichtig scheint, ist, dass klar sein muss, dass immer Entwicklungen in Bibliotheken über Drittmittel finanziert werden. Das gilt für Wissenschaftliche Bibliotheken noch mehr, aber auch in Öffentlichen Bibliotheken ist dies der Fall.

Angehende Kolleg*innen sollten wissen, was es heisst, Drittmittel zu organisieren (im Idealfall auch mit der Nennung der wichtigsten Drittmittelgeber, wieder für den ganzen DACH-Raum und das gesamte Bibliothekswesen), inklusive der Arbeit an Anträgen. Thematisiert werden sollte aber auch, was es dann heisst, wenn Drittmittel eingeworben sind. Insbesondere sollte diskutiert werden, dass es immer die Gefahr gibt, dass die Arbeit in solchen Projekten «neben der eigentlichen Bibliothek» läuft, von Personen gemacht wird, die in den Bibliotheksalltag nicht integriert sind und dass dann nach dem Ende der Projektzeitlauf die Projekte selber in der Bibliothek nichts hinterlassen wird. Es muss also auch angesprochen werden, dass es Aufgabe der Bibliotheksleitungen ist, die Ergebnisse von Projekten in die Bibliotheksarbeit zu überführen.

Gleichzeitig wird es eine Aufgabe sein, die Kritik an dieser Struktur (also zum Beispiel, dass in solchen Strukturen Personen «verbraucht» werden und nach Jahren der Projektarbeit oft wieder anderswohin in das nächste Projekt müssen, was für die Personen, aber auch die Bibliotheken, die von ihrem Wissen profitieren könnten, negativ ist) zwar anzusprechen, aber auf der anderen Seite die reale Situation zu schildern. Ein Lehrbuch soll nicht politischer Aufruf sein, sondern Einführung in das Thema. (Und dann wird es auch noch wichtig, die Unterschiede in den Ländern des DACH-Raumes anzusprechen.¨Das Wissenschaftsteilzeitgesetz gibt es zum Beispiel nicht in allen dieser Länder.)

5.11 Kooperationen, Verbünde und Konsortien

Ein Thema, welches meiner Meinung nach in den beiden Lehrbüchern, die ich immer als Beispiel anführe, noch immer zu kurz kommt und welches ich in einem neuen Lehrbuch ausgeweitet sehen wollen würde, ist der gesamte Bereich von Kooperationen und Zusammenarbeit in Bibliotheken. Dabei würde es sowohl um bibliothekarische Infrastrukturen wie Verbünden und (institutionalisierte) Konsortien gehen als auch um weniger formalisierte Kooperationen. Angehenden potentiellen Kolleg*innen muss gleich am Anfang klar vermittelt werden, dass sie nicht in einer Bibliothek arbeiten werden, sondern in einem untereinander vernetzten Bibliothekswesen. Man muss das dann noch einmal für verschiedene Bibliothekstypen und -grössen differenzieren, aber grundsätzlich muss klar sein, dass (a) das Bibliothekswesen dazu tendiert, sich intern (also zwischen den Bibliotheken) weiter über die einzelnen Bibliotheken hinaus zu organisieren (beispielsweise in Arbeitsgruppen, Kommissionen, mehr oder minder losen Verbindungen), (b) das Bibliotheken Infrastrukturen wie Verbünde und Konsortien etablieren oder aber (das eher bei Öffentlichen Bibliotheken mit den Fachstellen) staatlicherseits etabliert bekommen, (c) dass Bibliotheken auch dazu tendieren, diese Verbindungen zum Beispiel innerhalb eines Bibliothekstyps immer wieder neu zu knüpfen, selbst wenn sie einmal zerbrechen (ich denke da an die juristischen Bibliotheken, aber es gibt so viele andere Beispiele). Es muss klar sein, dass Bibliothekar*in sein, heute praktisch immer heisst, nicht nur in einem «Haus» tätig zu sein, sondern weiter ständig mit anderen Kolleg*innen in anderen «Häusern» zu kommunizieren.

  • Es sollte zudem – vielleicht anhand von Beispielen, aber immer mit Vorsicht – klar werden, was diese Zusammenarbeit bedeuten kann. Ich denke da an lose Kontakte, «wo man sich halt kennt», als ein Extrem, über Strukturen, die regelmässige Treffen und Vorträge organisieren, bis hin zu offiziellen Kommissionen von Verbänden oder Bibliotheksstrukturen. Was klar werden muss, ist, dass es nicht nur erwartet wird, dass sich Bibliothekar*innen in solche Strukturen einbringen, sondern das es auch für alle Bibliothekar*innen möglich und sinnvoll ist, dies zu tun. (Und für die Kolleg*innen, die einmal in die Leitungsebene wechseln werden, muss auch klar sein, warum es sinnvoll und für die eigene Bibliothek vorteilhaft ist, wenn für solche Kooperationen Arbeitszeit aufgewendet wird.) Vielleicht muss es dann nochmal betont werden, aber ohne Frage ist die Aufgabe der Kooperationen immer, die Arbeit der Bibliotheken bezogen auf ihre jeweiligen Aufgaben effizient zu organisieren.
  • Was so ein Lehrbuch selbstverständlich auch enthalten muss, ist ein Überblick zu den vorhandenen Strukturen, insbesondere den Verbünden, Fachstellen und anderen bibliothekarischen Infrastruktureinrichtungen sowie Konsortien, aber auch den wichtigsten Kommissionen an den Nationalbibliotheken. Zudem sollte klar werden, dass es zum Beispiel immer weitere Verbindungen (ich denke nur an mehr oder minder offizielle Zusammenschlüsse von Öffentlichen Bibliotheken in Kantonen, Bundesländern oder Regionen sowie an Zusammenschlüsse von fachliche ähnlichen Bibliotheken wie den Medizinbibliotheken oder den Museumsbibliotheken) gibt – und das die immer in Entwicklung sind. Eine Sache, die mich an «Bibliothekarisches Grundwissen» immer störte, war, dass dies nur für Deutschland gemacht wird und nicht für den gesamten DACH-Raum, obwohl gerade das ja nicht so schwer wäre, auch die Verbundslandschaft in Österreich, Schweiz und Liechtenstein zu ergänzen.
  • Wichtig wäre auch, dass klar wird, was die Verbünde und so weiter tun, aber auch, dass die Arbeit in Verbundszentralen (oder wie sie heissen) eine mögliche Karriere im Bibliothekswesen darstellt, die mit grossen Einflussmöglichkeiten auf die Entwicklung der Bibliotheken verbunden ist.

5.12 Bau, Bauprojekte, Betrieb von Bibliotheksgebäuden und Magazinen

Das Interesse am Thema Bibliotheksbau scheint in letzter Zeit – erstaunlicherweise, wenn man bedenkt, wie wichtig es vor vielleicht zehn Jahren schien, aber genau deshalb darf man sich bei Lehrbüchern nicht auf kurzfristige Publikationstrends verlassen – stark abgenommen zu haben. Für eine Lehrbuch ist es dennoch relevant, allerdings aus Sicht des Bibliotheksmanagements, nicht aus Sicht des Designs oder Architektur. Grundsätzlich sollte vermittelt werden, welche Aufgaben sich stellen, wenn neue Bibliotheken gebaut oder Bibliotheken grundsätzlich umgebaut werden. Angehende Kolleg*innen sollten frühzeitig lernen, welche Standards es gibt (wobei man wieder für den DACH-Raum die unterschiedlichen Regeln zu Durchsetzung der Standards nennen muss), worauf geachtet werden muss, wenn man die Interessen von Bibliothek, Bibliothekar*innen und Nutzer*innen in die Bauplanung einbringt. Zudem sollten sie auch lernen, dass man grossen Worten und Behauptungen von Architekt*innen nicht vertrauen, sondern eigene Nachforschungen anstellen sollte. Und, dass man bei der Planung den normalen Bibliotheksbetrieb im Auge haben muss. Zudem sollte ein Überblick dazu gegeben werden, wie Planungen von Bauprojekten ablaufen, damit dies nicht erst im Laufe eines solchen Projektes herausgefunden wird. Grundsätzlich sollte ein solches Lehrbuch angehende Bibliothekar*innen darauf vorbereiten, sich beim Bau nicht von Behauptungen oder einfachen, schönen Bildern beeindrucken zu lassen, sich auf den schon vorhandenen Standards abzustützen und sich bei Bauprojekten einbringen zu können. Und es sollte gesagt werden, dass der Neu- und Umbau von Bibliotheken eigentlich kontinuierlich immer irgendwo stattfindet (also nicht nur eine theoretisch möglich ist), auch wenn es die «eigene» Bibliothek nur von Zeit zu Zeit trifft.

Das gleiche gilt für den Bau von Magazinen. Auch der sollte angesprochen und die relevanten Aufgaben beschrieben werden, weil es weiterhin eine wiederkehrende Aufgabe für Bibliotheken darstellt. Wichtig wäre mir, dass man dabei auch nicht darin verfällt, zu behaupten, dass es einen eindeutigen Trend zu kooperativ betriebenen Magazinen gibt, nur weil in den letzten Jahren einige gebaut wurden – aber gleichzeitig zu erwähnen, dass es diese gibt und welche Herausforderungen das stellt.

Was mir in den beiden anderen Lehrbüchern fehlt, ist eine Darstellung der Aufgaben, die sich Bibliotheken auch beim normalen Betrieb, im Bezug auf Gebäude (Bibliotheksgebäude, Magazine, aber wohl auch den «Mitbetrieb» von solchen Annexen wie Gemeindesälen) stellt. Das ist eine alltäglichere Aufgabe als der Neu- und Umbau, aber eine, die auch organisiert werden muss. Dabei würde es darum gehen, welche Routinen etabliert werden müssen (zum Beispiel die regelmässige Raumpflege, die Überprüfung von Temperatur, Feuchtigkeit, Fenstern, Bau und so weiter, die Katastrophenplanung – die noch mehr umfasst, selbstverständlich), aber auch, dass das oft bedeutet, diese Aufgaben «auszulagern». Für potentielle Kolleg*innen wäre es wichtig zu wissen, dass dies teilweise zum Aufgabenbereich einer Bibliothek gehören kann, auch wenn es teilweise zum Beispiel von der Gemeinde oder Hochschule im Rahmen ihrer Aufgaben übernommen wird.

5.13 Statistik und Evaluation

Ein bibliothekarisches Lehrbuch sollte eine Darstellung der vorhandenen statistischen Daten im Bibliotheksbereich enthalten, aber auch eine Darstellung davon, wie diese in der Praxis genutzt werden. Immerhin gibt es eine wachsende Zahl dieser Daten, deren Qualität zudem langsam zu steigen scheint. Bis auf Liechtenstein haben jetzt alle Länder im DACH-Raum jährlich erhobene Bibliotheksstatistiken, praktisch alle Bibliotheken nutzen heute Bibliothekssysteme, die auch Daten zur Nutzung bereitstellen (können) und die COUNTER-Daten haben sich im Bereich der Wissenschaftlichen Bibliotheken durchgesetzt. (Ein Lehrbuch kann gerade auch den COUNTER-Standard nehmen, um zu zeigen, wie ein solcher Standard weiterentwickelt wird und wie Bibliotheken daran teilhaben können.)

Mir ist klar (weil ich auch ständig alte bibliothekarische Zeitschriften anschaue), dass die Frage, ob und welche statistischen Daten Bibliotheken erheben sollten, das moderne Bibliothekswesen praktisch von Beginn an umtreibt. Es scheint also, als wäre es relevant. Was mir allerdings auch klar ist, ist, dass es wenig Wissen darüber gibt, wie die ganzen statistischen Daten in der Praxis tatsächlich genutzt werden. (Das habe ich mehrfach versucht zu klären oder klären zu lassen – und es gibt immer nur kurze Einblicke und Hinweise, aber nicht so richtig eine Darstellung und Diskussion dieser Praxis.) Für ein Lehrbuch fände ich es aber relevant (und hier könnte es dann über die Aufgaben der «Einführung» hinaus auch als Darstellung von Möglichkeiten für die Profession wirken), zu zeigen, wie sie tatsächlich genutzt werden. Nicht einfach «man kann sie benutzen» oder «man kann die eigene Bibliotheken mit ähnlichen Bibliotheken vergleichen», sondern konkreter – wie sie benutzt werden, um regelmässige Entscheidungen zu treffen. Das wäre ein Punkt, bei dem ich denken würde, das Planen eines neuen Lehrbuches könnte zu mehr Forschung über den Status Quo in Bibliotheken führen – weil sie wohl notwendig wäre, um ein solches Kapitel überhaupt schreiben zu können.

5.14 Bibliothekstechnologie, Bibliothekssoftware

Die Arbeit in Bibliotheken ist auch immer mit der Nutzung von Technologie und Software verbunden. Das muss, glaube ich, nicht diskutiert werden. Was zu diskutieren wäre, ist, welche Technologien und welche Software in einem Lehrbuch dargestellt werden sollte. Mir wäre wichtig, dass angehenden Kolleg*innen klar vermittelt wird, dass sie in ihrem Alltag (wohl) nicht darum kommen werden und das es deshalb auch wichtig ist, sich mit den Entwicklungen von Technik und Software auseinanderzusetzen sowie die Aufgaben von Bibliotheken die sich durch den Einsatz von Technik ergeben haben, sich zum Beispiel um das Updaten von Technologien und den Erhalt Sorgen zu machen. Dem ist als Grundprinzip ist wohl nichts entgegenzuhalten.

Es gäbe meiner Meinung nach aber noch einiges, was man diskutieren kann.

  • Sicherlich zuerst, welche Technologien und welche Software näher dargestellt werden sollten. Der Fokus sollte selbstverständlich auf solchen liegen, die im Bibliotheksalltag tatsächlich genutzt werden – aber welche das sind (und zwar langfristig), muss wohl erst diskutiert werden, genauso wie die Frage, ob und wie tief darauf eingegangen werden müsste, dass bestimmte Technologien für bestimmte Bibliothekstypen relevant sind und für andere nicht (beispielsweise die Fahrregalanlagen, die für Kantons-/Landes-/Nationalbibliotheken prägend, aber für Öffentliche Bibliotheken praktisch irrelevant sind).
  • Was ich relevant finde, wäre darzustellen, wie die tatsächliche Situation der Technik- und Softwareentwicklung in Bibliotheken ist: Auf der einen Seite die immer weniger werdenden, grossen Anbieter, inklusive ihrer jeweils eigenen Modelle (von der Zusammenarbeit mit Bibliotheken bis zu reinen software as service oder «schlüsselfertigen» Technologien). Auf der anderen Seite die Bibliotheken, die sowohl Strukturen aufbauen und Arbeit organisieren, um mit diesen Angeboten zu arbeiten und auf der anderen Seite in vielen Bereichen auf Open Source Lösungen und Entwicklungen setzen. Insbesondere scheint es mir in einen einführenden Lehrbuch wichtig zu zeigen, wie unterschiedlich diese Strukturen sind (also das zum Beispiel einige Bibliotheken selber direkt mit Anbietern interagieren und viele andere «vermittelt» über Verbundzentralen und ähnliche Einrichtungen) und was dies für die konkreten Bibliotheken bedeutet. Es sollte auch klar werden, dass nicht nur der Umgang mit Technik und Software normaler Teil der bibliothekarischen Arbeit ist, sondern auch das Updaten, Reparieren, Ersetzen und Ergänzen eigentlich eine regelmässige Aufgabe darstellen – die intern organisiert und dann auch von Personal umgesetzt werden muss. Zudem sollte – wie auch an anderen Stelle – klar werden, dass es spezifische Aufgaben und Stellen in Verbundzentralen gibt, die auch im Bereich Software und Technik einen grossen Einfluss auf zahlreiche Bibliotheken haben.
  • Wichtig wäre kurz zu schildern, wie Bibliotheken vor allem über Drittmittelprojekte an der Entwicklung von Software im Open Source Bereich mitwirken. Hier sollten einige «Erfolge» dieser Entwicklungen genannt werden (also insbesondere Repository-Software), um zu zeigen, dass sie möglich sind.
  • Eine Frage, die ich schwer zu beantworten finde, ist die danach, ob eine Marktübersicht sinnvoll wäre. Einerseits ist die Zahl der Anbieter von Technologie und Software, auf die Bibliotheken zurückgreifen, soweit zurückgegangen, dass eine solche Übersicht nicht allzu viel Platz einnehmen würde (man müsste halt darauf achten, wirklich alle zu erwähnen), was potentiellen neuen Kolleg*innen auch zeigen würde, dass es Auswahl gäbe, aber nicht so viel – aber gleichzeitig würde eine solche Übersicht selbstverständlich schnell veralten.
  • Was mir wichtig wäre – aber ich weiss, dass ist kein Konsens –, wäre zu vermitteln, dass Bibliotheken an sich recht erfolgreich darin sind, Technologien und Software für die bessere Organisation ihrer eigenen Arbeit zu integrieren. Nicht perfekt, aber auch nicht so langsam, wie es teilweise dargestellt wird. Die doch vorhandene Agilität (trend-besetztes Wort, ich weiss) von Bibliotheken sollte nicht unter den Teppich gekehrt werden.

5.15 Bibliotheksentwicklung und Bibliotheksmanagement

Als Querschnittsthema sollte ein Lehrbuch enthalten, dass sich Bibliotheken kontinuierlich entwickeln und dass das Management dieser Entwicklung eine Aufgabe ist. Mir scheint, die beiden «Vorbild»-Lehrbücher vermitteln etwas sehr den Eindruck, als wären Entwicklungen selten und wenig zu beeinflussen. Dass scheint mir einerseits faktisch nicht richtig, andererseits aber auch gefährlich. Potentielle neue Kolleg*innen sollten frühzeitig wissen, dass es neben beständigen Aufgaben immer Veränderungen geben wird – egal ob solche, die «von aussen» kommen, beispielsweise Veränderungen in der Mediennutzung, oder solche, die sich im Bibliothekswesen durchsetzen (wenn zum Beispiel der Begriff «Dritter Ort» von nächsten Begriff abgelöst werden wird) oder aber die, welche konkret in der «eigenen» Bibliothek angegangen werden (zum Beispiel neue Veranstaltungsreihen) – und dass es ihre Aufgabe sein wird, diese Veränderung mit umzusetzen oder gar zu planen. Für solche Planungen gibt es zahlreiche Werkzeuge, aber mir scheint, in einem Lehrbuch wäre es wichtiger zu zeigen, warum es überhaupt notwendig ist, solche Werkzeuge zu nutzen, als in sie einzuführen – dafür gibt es schon ausreichend viele andere Lehrbücher für das Projektmanagement oder so.

(Wie mir gerade auffällt benutze ich hier im ganzen Text auch ständig das Wort Management. Es wäre notwendig früh in einem Lehrbuch zu diskutieren, was im Bibliotheksbereich darunter gemeint ist – also, dass es weniger mit dem Management von Firmen mit Profitorientierung und mehr mit dem nachhaltigen Management von zum Beispiel Wäldern oder gemeinnützigen Stiftungen zu tun hat.)

5.16 Bibliotheksrecht

Zum Thema Bibliotheksrecht will ich nur sagen – da es wirklich nicht mein Kompetenzbereich ist –, dass es auf der einen Seite relevant ist, zu schildern, (a) welche Rechtsthemen mit Bezug zum Bibliothekswesen es gibt, (b) wie es von Bibliotheken beeinflusst wird / beeinflusst werden kann und (c) das selbstverständlich wieder für alle Länder des DACH-Raumes.

5.17 Personalgewinnung, Personalentwicklung, Modelle der Führung in Bibliotheken

Das Thema Personalentwicklung und Führung ist ebenso eines, dass mir grundsätzlich als wichtig für ein Lehrbuch erscheint, aber bei dem ich denke, es wäre erst einmal wichtig, zu diskutieren, was davon erwähnt werden muss. Grundsätzlich wieder sollte potentiellen Kolleg*innen klar werden, dass alle Bibliotheken die Personalentwicklung organisieren müssen, zumal schon weil sich Teile der bibliothekarischen Arbeit schneller ändern als die Ausbildungsgänge – sie müssen wissen, dass sie sich in Bibliotheken entwickeln können werden, als auch, dass es ihre Aufgabe werden kann, diese Weiterbildungen für andere zu organisieren. Sie sollten auch lernen, zumindest in einer Übersicht, wie dies konkret umgesetzt wird.

Ebenso sollte gezeigt werden, welche Führungsmodelle in Bibliotheken tatsächlich gelebt werden und mit welchen Ergebnissen (auch hier scheint es mir wenig hilfreich, das «Lieblingsmodell» eine*r Autor*in zu schildern – vielleicht sogar eines, dass gar nirgends gelebt wird – und dann praktisch für dieses zu argumentieren). Das ist selbstverständlich ein «politisches» Thema – es könnte ja zum Beispiel sein, dass bestimmte gelebte Modelle eher negative Ergebnisse zeigen. Aber dennoch, angesichts dessen, dass Personen mit einem Lehrbuch ein potentielle Karriere beginnen sollen, die sie auf allen Positionen im Bibliothekswesen und auch in allen möglichen Bibliotheken bringen kann, sollte das Thema aus der Sicht von Angestellten als auch von Leitungen geschildert werden.

Klar muss werden, dass das Personal in Bibliotheken die Arbeit trägt und deshalb die Gewinnung, Entwicklung und das Management von Personal einen der Hauptbereiche des Bibliotheksmanagements darstellt.

5.18 Ausbildungen und Weiterbildungen

Eng verbunden mit der Personalentwicklung ist die Aus- und Weiterbildung. Mir schiene es relevant, dass in einem Lehrbuch ein Überblick über die verschiedenen Ausbildungs- und Weiterbildungswege, die es im Bibliothekswesen gibt, gegeben wird. Und zwar wieder ein realistischer. Dass heisst zum Beispiel, dass alle direkten Ausbildungen und Studiengängen «in das Bibliothekswesen» im DACH-Raum erwähnt werden (eventuell auch Hinweise auf die im nahen Ausland, weil auch von dort eventuell Kolleg*innen kommen), aber auch die Ausbildungen von Personen, die auf verschiedenen Wegen in das Bibliothekswesen einsteigen. Es sollte darauf vorbereitet werden, welche unterschiedlichen Kompetenzen in Bibliotheken vorhanden sind – also nicht nur die Namen von Ausbildungen und Studiengängen genannt werden, sondern auch deren Inhalte umrissen. Schon, weil in Zukunft wohl mehr Personen aus anderen Bereichen für die Bibliotheksarbeit gewonnen werden müssen, weil es immer weniger gibt, die direkt einsteigen. (Man kann gerne erwähnen, dass Bibliotheksverbände immer versuchen, das irgendwie mittels Marketingkampagnen zu verändern; aber man muss auch die tatsächlich Entwicklung realistisch schildern.)

Das gleiche gilt für die «wuchernde» Landschaft von Weiterbildungen und Weiterbildungsanbietern, auf die Bibliotheken zurückgreifen, von den Weiterbildungseinrichtungen grosser Bibliotheken über Fachstellen und Bibliotheksverbände bis hin zu Angeboten von Vereinen und Berater*innen. Relevant scheint mir, dass die potentiellen Kolleg*innen wissen, (a) wie komplex diese Landschaft ist / sein kann, (b) dass sie selber auf diese Angebote zurückgreifen können (sowohl als Personal als auch als Personen mit Personalverantwortung, die Personalentwicklung betreiben sollen) und (c) dass sie immer die Möglichkeit haben, diese Landschaft mit zu gestalten. Vermittelt werden sollte auch, dass es eine Aufgabe von Bibliotheken ist, Weiterbildungsangebote kontinuierlich zu evaluieren.

5.19 Bibliotheksverbände & -politik

Sicherlich, ein bibliothekarisches Lehrbuch benötigt eine Übersicht der bibliothekarischen Verbandslandschaft – wieder für den gesamten DACH-Raum – inklusive der (selbstgestellten) Aufgabenbereiche der existierenden Verbände und zumindest einer Skizze ihrer Strukturen. Es muss klar werden, warum Bibliotheken sich in Verbänden organisieren und was sie damit erreichen (oder zumindest zu erreichen hoffen).

Aber auch hier: Das alleine wäre vielleicht ein Stoff für eine Klausur. Es sollte aber ein explizites Ziel verfolgen: Den potentiellen neue Kolleg*innen sollte dargestellt werden, ob und wie sie sich in diesen Verbänden selber engagieren können, warum dies sinnvoll wäre und wohl auch, welche Grenzen es haben kann. Das sollte nicht zur Werbung verkommen, sondern wieder realistisch bleiben (und wenn bestimmte Verbände praktisch nur aus Bibliotheksleiter*innen bestehen und «normales Personal» sich dort nicht wirklich engagieren kann, sollte das auch gesagt werden – es wäre eine Aufgabe, der Verbände das zu ändern, nicht des Lehrbuches).

Ebenso sollte dargestellt werden, welche Themen Verbände politisch besetzen (oder es zumindest versuchen) und dabei klar werden, dass es auch immer die Möglichkeit für potentielle Kolleg*innen gibt, dies mitzugestalten. Sicherlich kann das Lehrbuch nicht einführen in die unterschiedlichen politischen Systeme im DACH-Raum, aber es sollte zumindest klar werden, dass Bibliotheken mindestens in Formen von Verbänden auch selber politisch aktiv werden können. (Zu diskutieren wäre, welche anderen Formen von Bibliothekspolitik ausserhalb von Verbänden angesprochen werden sollte – grundsätzlich sollte gesagt werden, das zum Beispiel auch Ad hoc-Protestgruppen möglich sind. Aber wie viel an anderen Varianten besprochen werden sollte, ist für mich eine offene Frage.)

Und, es sollte auch klar werden, dass bei bestimmten politischen Themen Bibliotheken quasi gesamthaft eine Position vertreten, bei anderen Themen sich aber zum Beispiel auch Personal und Leitung gegenüberstehen kann (nicht umsonst gibt es ja auch immer in Gewerkschaften organisierte Bibliothekar*innen). Man muss auch in einem Lehrbuch kein falsches Bild von einem Bibliothekswesen ohne interne Friktionen zeichnen.

5.20 Wissenstransfer in die Praxis

Das ist eventuell mein persönliches Thema, aber mir scheint, im Bibliothekswesen gibt es oft nicht genügend Verständnis dafür, dass es eine Aufgabe der Bibliotheken selber ist, dass vorhandene Wissen, welches für Bibliotheken relevant ist (beispielsweise das in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft produzierte, aber auch in «an das Bibliothekswesen angrenzenden» Bereichen wie der Leseforschung, der Wissenschaftssoziologie oder den Medienwissenschaften), in den Bibliotheksalltag zu überführen. Das kann die Wissenschaft nicht tun, dass muss in der Praxis passieren.

Es sollte (a) klar werden, dass es diesen Widerspruch von vorhandenem Wissen und genutztem Wissen gibt, (b) dass es auf verschiedenen Ebenen in Bibliotheken Aufgabe ist, den Wissenstransfer zu organisieren und (c) zumindest ein Überblick über verschiedene Modelle dieses Wissenstransfers gegeben werden – wieder, für das Wissensmanagement gibt es ausreichend viele andere Lehrbücher, die müssen nicht ersetzt werden, aber es müsste in einem bibliothekarischen Lehrbuch klar werden, dass es eine Aufgabe für Bibliotheken darstellt. Man sollte zumindest erwähnen, dass (und wie) das zum Beispiel in Zusammenarbeit mit Forschenden (die man dafür finanzieren muss) oder Berater*innen (die man auch finanzieren muss), in Kooperation mit anderen Bibliotheken oder intern geschehen kann.

Aber, wichtige Einschränkung, vielleicht wünsche ich mir bei diesem Thema einfach, dass ein Lehrbuch auf das Bibliothekswesen einwirkt und weiche deshalb von meiner Warnung ab, sich sehr auf die Realität zu konzentrieren.

So oder so sollte dieser Abschnitt eine Übersicht zu den Feldern geben, in denen Wissen produziert wird, das für den Bibliotheksbetrieb und die Bibliotheksentwicklung relevant ist. Ich habe oft erstaunt festgestellt, dass dies manchmal bei Kolleg*innen gar nicht auf dem Schirm ist (wenn zum Beispiel mittels Umfragen geklärt werden soll, wie Forschende mit Forschungsdaten umgehen, wenn das schon – abgesehen von anderen Bibliotheken selber – länger Thema der Wissenschaftsforschung ist, die das gut genug darstellt, um daraus Aussagen für Bibliotheken abzuleiten).

5.21 Das Umfeld

Noch ein Thema, das ausführlich diskutiert werden müsste, ist, was an «Umfeld» von Bibliotheken in einem bibliothekarischen Lehrbuch dargestellt werden müsste. Mir scheint sofort einsichtig, dass die grundlegenden demographischen Entwicklungen (beispielsweise die Veränderungen der Altersstruktur im DACH-Raum) oder des Medienmarktes ein grundlegendes Wissen darstellen, wenn jemand in das Bibliothekswesen einsteigen soll. Auch zum Beispiel die Entwicklungen von Wissenschaft und Bildungseinrichtungen ist relevant. Aber… wie weit sollte ein Lehrbuch das Netz um die Bibliotheken spannen? Was kann vorausgesetzt werden, was nicht?

Als Grundsatz würde ich vermerken: Alle Themen, welche die Nutzung von Bibliotheken und den Betrieb von Bibliotheken direkt betreffen. Doch das ist ja auch wieder offen. Zumindest würde ich es tiefergehend diskutieren, bevor ein neues Lehrbuch geschrieben wird.

5.22 Bibliothekarisches Kommunikationswesen

Dieses Thema scheint mir selbsterklärend (auch wenn es nicht in den beiden «Vorbild»-Lehrbüchern enthalten ist): Potentielle neue Kolleg*innen sollten einen Überblick darüber haben, wie im Bibliothekswesen miteinander kommuniziert wird. Sie sollten die vorhandenen Kommunikationswege und deren Eigenheiten kennen, um die existierenden Diskussionen nachvollziehen und sich an ihnen beteiligen zu können.

Das hiesse für mich:

  • Eine Schilderung der verschiedenen Formen von bibliothekarischen Zeitschriften und eine Nennung der wichtigsten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Jahren noch erscheinen werden. (Aber mit einer Darstellung, dass auch immer wieder neue entstehen und also auch von neuen Kolleg*innen gegründet werden könnten, ohne jemand um Erlaubnis zu fragen. Wichtiger wäre mir aber zu zeigen, dass das bibliothekarische Zeitschriftenwesen im DACH-Raum sehr offen für Beiträge ist.)
  • Die wichtigsten Verlage (es sind ja nicht viele) sollten genannt werden.
  • Skizziert werden sollte das Gleiche für das bibliothekarische Publikationswesen mindestens im globalen Norden im Allgemeinen und etwas tiefer für die Bibliothekswesen im «nahen Ausland».
  • Die Bedeutung der wichtigsten Konferenzen im Bibliothekswesen (sowohl der Bibliothekskongresse als auch solcher «spezialisierten» Veranstaltungen wie den Open Access Tagen) sollte dargestellt werden. Auch hier würde es darum gehen, darzustellen, dass neue Kolleg*innen diese nutzen können, sowohl um die aktuellen Diskussionen mitzuverfolgen als auch, um sich selber einzubringen. Es sollte zumindest gesagt werden, wie man sich engagieren kann (eigene Beiträge, Mitorganisation oder auch Ausrichtung von Veranstaltungen wie Barcamps).
  • Für das Bibliothekswesen scheint mir, dass ein grosser Teil der Kommunikation auf Mailinglisten und / oder in kleineren Fachcommunities geschieht. Das sollte sowohl genannt als auch zumindest die wichtigsten Mailinglisten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft existieren werden, aufgelistet werden.

5.23 Bibliotheksgeschichte

Die Geschichte von Bibliotheken und des Bibliothekswesens an sich sind nach und nach aus den bibliothekarischen Lehrbüchern verschwunden. In «Bibliothekarisches Grundwissen» war es, soweit ich es überblicke, in keiner Ausgabe ein wichtiges Thema, in älteren Ausgaben von «Le Métire de Bibliothécaire» war dies anders. Aber in den älteren Lehr- und Handbüchern wurde sehr Wert darauf gelegt, die historische Entwicklung von Bibliotheken (und oft auch des Buchwesens) zu schildern.

Ich persönlich bin immer an der historischen Entwicklung interessiert und finde das gänzliche Streichen des Themas (das ja auch in vielen Ausbildungsgängen passiert ist) falsch. Ich würde dafür plädieren, es wieder in ein Lehrbuch aufzunehmen, aber immer unter dem Blickwinkel, dass es potentiellen neuen Bibliothekar*innen etwas vermittelt, dass für den Einstieg in das Bibliothekswesen notwendig ist.

  • Man kann schon erwähnen, dass Bibliotheken – verstanden als geordnete Sammlungen von Medien – in vielen verschiedenen Kulturen und Zeitaltern existierten, aber nur kurz. Moderne Bibliotheksgeschichte, aus der die heute existierenden Bibliotheken hervorgegangen sind, beginnt mit der modernen Gesellschaft, genauer Industrialisierung und «Massengesellschaft». In einem einführenden Lehrbuch sollte man nicht weiter zurückgehen, ausser es gibt einen guten Grund dafür. (Was könnten so ein Grund sein? Mir würde einfallen, dass man zeigen will, dass Mediensammlungen und ihre Nutzung in unterschiedlichen Gesellschaften auch sehr unterschiedliche Medien und Nutzungsweisen bedeutet haben und deshalb in Zukunft oder in anderen Gesellschaften auch anderes bedeuten können.)
  • Klar sollte bei der geschichtlichen Darstellung werden, dass Bibliotheken immer an die jeweilige Gesellschaft gebunden sind und keine irgendwie ausserhalb der Gesellschaft vorhandenen «Kern» haben. Man sollte zumindest zeigen, dass alle Gesellschaften, die seit dem Beginn der Moderne im DACH-Raum bestanden (von Drei-Klassen-Gesellschaften über Diktaturen bis hin zu den heutigen Demokratien) auch jeweils Bibliothekswesen ausprägten, welche die «Aufgaben», die sich in diesen Gesellschaften stellten, unterstützen sollten und das sich zum Beispiel auch immer Kolleg*innen fanden, die sich für diese Bibliotheken und diese Ziele engagierten (manchmal auch für verschiedene Gesellschaften nacheinander). Das muss nicht als Vorwurf vorgetragen werden, sondern sollte vor allem zeigen, wie sehr Bibliotheken mit der Gesellschaft verbunden sind, in der sie jeweils existieren.
  • Dargestellt werden sollte auch, dass moderne Bibliotheken sich kontinuierlich Gedanken dazu machen, wie sie auf Entwicklungen des Medienmarktes (oder wie man das für die DDR nennen möchte), die Mediennutzung, der Kultur- und Bildungseinrichtungen reagieren können oder müssen. Und das sie sich auch ständig darüber unterhalten, welche weiteren Aufgaben sie übernehmen sollen. Potentielle neue Kolleg*innen sollten lernen, dass zum Beispiel Behauptungen über «neue Aufgaben, die über die Medienausleihe» hinausgehen genauso eine Tradition haben wie die Auseinandersetzung mit jeweils neuen Medienformaten.
  • Was auch gezeigt werden sollte – und dazu muss man aufpassen, es nicht zu sehr als das Wirken einzelnen «grosser Männer und Frauen» darzustellen – ist, dass Veränderung im Bibliothekswesen möglich ist und sich damit ein Engagement für Veränderungen immer lohnt.

5.24 Ethische Fragen

Ein Thema, dass ich gerade nicht gross in einem Lehrbuch behandeln würde, wären bibliotheksethische Fragen. Ich weiss, da würde es gewiss Widerspruch geben – von einzelnen Personen. Aber genau deshalb habe ich das hier in die Liste mit aufgenommen. Bibliotheksethik ist ein Thema, dass von Zeit in der bibliothekarischen Presse besprochen wird, zu dem es auch Arbeitsgruppen in den Bibliotheksverbänden gibt und Chartas erlassen werden. Ich war auch selber auf genügend Veranstaltungen, auf denen argumentiert wurde, wie wichtig bibliotheksethische Fragestellungen wären.

Aber dann? Mir scheint nicht, dass die Chartas eine Relevanz in der Bibliothekspraxis haben – oder auch nur über die Arbeit der Arbeitsgruppen hinaus. Und mir fällt auch auf, wie schnell solche Arbeitsgruppen nach einer kurzen Zeit der Aktivität zu verstummen scheinen und wie schnell das Thema dann auch wieder nicht in den Zeitschriften erwähnt wird.

Ist es also ein Thema, dass man unter «kurzfristigen Trend» einordnen kann? Oder ist es langlebig, nur nicht so oft sichtbar? Oder ist es vielleicht trotzdem – aus politischen Gründen oder aus Gründen der Systematik – wichtig und sollte aufgenommen werden? Was müssen potentielle neue Kolleg*innen zu diesem Thema wissen, wenn sie ins Bibliothekswesen einsteigen? Müssen sie beispielsweise die «bibliotheksethischen» Chartas des DACH-Raumes kennen, die so in den letzten Jahren erlassen wurden? Ich habe das Thema hier ans Ende gestellt, um zu zeigen: Das kann nicht einfach so entschieden werden – schon gar nicht von einer Person alleine. Es sollte das Ergebnis einer Diskussion in der Profession sein, ob und wenn ja, was genau davon in ein Lehrbuch gehört. (Und es steht hier als ein Beispiel für eine ganze Reihe solcher Themen.)

6. Schlussbemerkungen

Ich beende den Beitrag hier, weil ich mir zu anderen Themen bislang wenig Gedanken gemacht habe. Aber mir ist klar, dass hier noch eine ganze Reihe fehlt und / oder das andere Personen auch andere Themen relevant finden werden. Es sind halt meine persönlichen Überlegungen, recht unsystematisch.

Grundsätzlich habe ich das alles vor allem in der Hoffnung aufgeschrieben, dass sich auch andere beginnen, sich Gedanken über ein neues Lehrbuch für den Bibliotheksbereich zu machen (oder sich schon längst machen, aber das dann laut äussern). Weil, auch wenn ich am Anfang gesagt habe, dass ich der Meinung bin, dass es aus strukturellen Gründen wohl in absehbarer Zukunft keines geben wird – eigentlich benötigen wir, das Bibliothekswesen, eines, einerseits für potentielle neue Kolleg*innen und anderseits für den Erhalt des Professionalitätslevels des Bibliothekswesens im Allgemeinen.

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