Vorüberlegungen zu einem notwendigen Neuen Lehrbuch für das Bibliothekswesen: Teil 2

Teil 1: Kapitel 1-4

Teil 2: Kapitel 5.1-5.9

Teil 3: Kapitel 5.9-6

5. Themen für ein neues Lehrbuch

Im folgenden jetzt will ich die Überlegungen, die ich mir zu verschiedenen Themen für ein solches neues Lehrbuch gemacht habe, darstellen. Die sind allerdings, als Vorwarnung, noch unvollständiger als alle hier schon dargestellten Punkte: Es sind die Punkte, von denen ich – als jemand der jetzt seit über mehr als zehn Jahre in der bibliothekarischen Ausbildung und Forschung über Bibliotheken engagiert bin – ausgehe, dass sie als Thema für ein solches Lehrbuch notwendig wären. Dabei geht es mir immer um diese Doppelfunktion eines Lehrbuches: Einerseits finde ich es wichtig, dass die Themen vermittelt werden, wenn Personen neu in das Bibliothekswesen einsteigen. Andererseits denke ich, dass sie als geteilter Wissensstand für das Bibliothekswesen im Allgemeinen sinnvoll wären.

Aber, wie gesagt, bin ich mir im Klaren, dass es weitere Themen geben wird, die Kolleg*innen aus dem Bibliothekswesen sinnvoll finden. Und auch, dass meine Abneigung gegen «innovative Trends» in einem solchen Lehrbuch nicht von allen geteilt werden wird. Man sollte die folgenden Teile also am Besten als meinen ersten Beitrag zu einer möglichen Diskussion verstehen, nicht als fertige Aussagen. Man sollte auch der Reihenfolge oder der Länge meiner Ausführungen hier keine allzu grosse Bedeutung beimessen. Es ist eine eher zufällige Abfolge, keine Hierarchie. Und zu einigen Themen habe ich einfach mehr zu sagen, als zu anderen. Das heisst nicht unbedingt, dass sie wichtiger wären als andere. Zudem sind in den folgenden Abschnitten die Themen nicht so zu verstehen, dass ich zu allen ein eigenes Kapitel / einen eigenen Text in einem Lehrbuch schreiben (lassen) würde – einige sind auch erwähnt, weil ich sie grundsätzlich relevant genug finde, aber vielleicht eher als «Querschnittthema».

5.1 Bibliothekstypologie

Obwohl, wie gesagt, die Themen hier (noch) nicht in eine Systematik gebracht wurden, würde ich dennoch sagen, dass die Bibliothekstypologie in einem Lehrbuch recht weit nach vorne, in die Grundlagen gehört. [Ich bin auch ein wenig überrascht von der Aussage. Vor einigen Jahren hätte ich sie bestimmt nicht gemacht.]

Bibliothekstypologie ist erstmal ein gutes Beispiel für ein Thema, dass thematisch so sehr ausufern kann, dass es dann nicht mehr Teil eines Lehrbuches ist. Man kann sich bekanntlich endlos darin vertiefen, nach welchen Kriterien Bibliotheken zusammengefasst, unterteilt und systematisiert werden können. Man kann Spezialfälle und Prototypen zu zeigen versuchen. Man kann sich Gedanken über Bibliotheken machen, die zu zwei oder noch mehr Typen zugeordnet werden können. Das alles kann sehr schnell zu einer intellektuellen Übung werden, bei der die meisten Menschen (auch ich) schnell aussteigen.

Aber, wenn man die Bibliothekstypologie an die Aufgabe zurückbindet, einen Überblick zu den Typen und damit auch Aufgaben der Bibliotheken, die existieren, zu geben, dann wird sie zu einer wichtigen Grundlage für den Einstieg in das Wissen der Profession.

Und unter diesem Aspekt sollte sie auch in einem Lehrbuch behandelt werden. Zuerst sollte mit der Bibliothekstypologie geklärt werden, das Bibliotheken Institutionen sind und das sie von anderen Institutionen (Buchhandel, Schulen, Kindertagesstätten, Archive, Museen und so weiter) unterschieden werden können. Zugleich sollte klar gemacht werden, dass sie sich als Institutionen von anderen Vorstellungen, die sich an Bibliotheken binden (die Bibliothek als Privatsammlung, die Bibliothek in der Literatur und so weiter) unterscheiden. Diese kann man erwähnen, in einem Lehrbuch zum Bibliothekswesen sollte sehr am Anfang klar werden, dass es in der Profession darum geht, konkrete Bibliotheken zu betreiben und in ihnen (als Personal, nicht als Nutzer*in) zu arbeiten.

Sodann müsste dargestellt werden, dass Bibliotheken an ihre Träger gebunden sind und sich die Aufgaben sowie die alltägliche Arbeit hauptsächlich daraus bestimmt, was diese Träger von den Bibliotheken erwarten. Es muss klar werden, dass Bibliotheken schon immer einen Spielraum bei der Ausgestaltung der eigenen Arbeit haben, aber auch keinen unendlichen, sondern das sie zurückgebunden sind an die Aufgaben, die sie als Institution erfüllen sollen. Und sichtbar sollte damit dann auch werden, dass Bibliotheken vor allem Serviceeinrichtungen sind, die Aufgaben erfüllen – nicht etwa losgelöst von der Gesellschaft schwebende Einrichtungen. Damit einher sollte auch gehen, dass klar wird, dass in Bibliotheken Menschen jeweils einer Arbeit nachgehen, die darauf bezogen ist, die Aufgaben der jeweiligen Bibliothek zu erfüllen – nicht etwa um die Welt zu retten, die Gesellschaft neu zu erfinden oder reine intellektuelle Spielerei zu betreiben.

Daraus dann würde sich der Sinn einer Typologie von Bibliotheken ergeben, die dann anschliessend dargestellt werden könnte. Diese Darstellung sollte dann die Breite der verschiedenen Bibliotheken zeigen, aber auch die unterschiedlichen möglichen Zugänge für eine solche Typologie: Nach Trägern, nach Aufgaben der Bibliotheken (sowohl denen, die sich aus der jeweiligen Trägerschaft ergeben als auch denen, welche sie im Bibliothekswesen übernehmen) und nach Grösse der Bibliotheken. Es würde so klar werden können, dass Bibliotheken gesammelt ein eigenes Feld darstellen, dass in diesem Feld aber bestimmte Bibliotheken ähnliche Aufgaben, Trägerschaften und Grössen haben und gemeinsame Typen (mit vergleichbaren Aufgaben, Arbeitsweisen und Herausforderungen) darstellen. Bei dieser Darstellung muss man wohl schon erwähnen, dass es keine endgültige Typologie gibt, sondern immer über bestimmte Zuordnungen diskutiert werden kann und dass jede Typologie auch immer in Bewegung ist. Aber relevant wäre zu zeigen, dass sich die praktisch existierenden Unterschiede im Bibliotheksfeld auch durch die unterschiedlichen Trägerschaften erklären lassen.

Eine solche Typologie würde dann am Anfang eines Lehrbuches einen Überblick zu den verschiedenen Bibliotheken geben, zu den Eigenheiten verschiedener Bibliothekstypen und kann den Personen, die sich mit diesem Wissen dann durch die verschiedenen Aufgaben und Diskussionen des Bibliothekswesens hindurch finden sollen (sowohl in ihrer potentiellen Karriere als auch durch das Lehrbuch) eine Basis mitgeben. Es wäre klar, über was im Bibliothekswesen überhaupt geredet und nachgedacht wird: Über die Arbeitsweisen und Aufgaben von Institutionen.

Die Typologie kann dann auch dafür genutzt werden, Angaben zur ungefähren Anzahl der unterschiedlichen Bibliotheken im DACH-Raum zu machen, damit klar wird, dass diese nicht wenige sind, aber auch nicht unendlich viele und damit zum Beispiel sichtbar wird, dass es viel mehr Öffentliche Bibliotheken gibt, dass aber gleichzeitig die Wissenschaftlichen Bibliotheken durch ihre Trägerschaften viel mehr Ressourcen haben beziehungsweise potentiell mobilisieren können, so dass klar wird, warum deren Themen einen so viel grösseren Platz in den bibliothekarischen Diskussionen einnehmen. Gleichzeitig kann die Typologie auch genutzt werden, um einen ersten Hinweis darauf zu geben, dass die Bibliothekswesen in den Ländern des DACH-Raumes zwar ähnlich sind, aber doch immer auch noch Unterschiede aufweisen (nur schon, wenn thematisiert wird, wie viel mehr Kantonsbibliotheken es in der Schweiz gibt im Vergleich zu den Landes- und Staatsbibliotheken in Österreich oder Deutschland).

5.2 Bestandsmanagement und Medienkunde

Die Hauptaufgaben der Bibliotheken ist und wird auch in Zukunft das Management des Medienbestandes sein. Auch wenn es manchmal beim Blick in die bibliothekarische Literatur so aussieht, als wären andere Themen wichtiger, wird sich in Zukunft die Arbeit der meisten Bibliothekar*innen weiterhin um den Bestand drehen. Deshalb sollte es in einem einführenden Lehrbuch auch eine grossen Platz einnehmen. Zu diskutieren wäre eigentlich nur, was genau thematisiert werden sollte.

Das es unterschiedlich gehandhabt werden kann, kann man wieder gut durch einen vergleichenden Blick in «Bibliothekarisches Grundwissen» und «Le Métire de Bibliothécaire» sehen. Ist es zum Beispiel notwendig, grundlegend das Verlagswesen und den Buchmarkt mit zu thematisieren? Im ersten Buch findet sich dazu fast nichts, im zweiten recht viel (aber in früheren Ausgaben noch viel mehr).

Meiner Meinung nach sollte ein Lehrbuch, dass grundsätzliches Wissen vermittelt, aber mindestens folgende Themen behandeln:

  • Eine Medienkunde, welche die zahlenmässig wichtigsten Medientypen, die in den Bibliotheken stehen, beinhaltet. Was diese Medienkunde vermitteln sollte, ist, (a) die grundsätzlichen Eigenheiten der jeweiligen Medien (zum Beispiele ihre Materialität, wenn sie eine haben, oder ihre Eigenschaften, die sie von anderen Medien unterscheiden), (b) die verschiedenen wichtigen Genres (oder vergleichbares), die in der bibliothekarischen Praxis vorkommen, (c) Wissen darum, wofür, von wem und wofür die jeweiligen Medientypen genutzt werden (also zum Beispiel, welche Leute warum bestimmte Genres lesen und was sie daraus ziehen), (d) die jeweiligen Akteure auf den Märkten für diese Medientypen (beispielsweise für gedruckte Bücher Verlage, Buchhandel, Autor*innen, Literaturagent*innen aber für Musik dann auch Label und so weiter), (e) die jeweiligen anderen Institutionen, die mit den Medientypen auch hauptsächlich umgehen (beispielsweise bei Romanen und Lyrik die Literaturhäuser). Sinn dieser Medienkunde – und das muss gleich am Anfang gesagt werden – ist es nicht, wieder möglichst viel zum auswendig lernen zusammenzutragen, sondern zu vermitteln, wie ähnlich oder unterschiedliche die jeweiligen Medienformen sind, dass sie nicht aus dem Nichts entstehen, sondern aus einem Netzwerk von Akteur*innen mit unterschiedlichen Interessen und das sie für verschiedene Aufgaben genutzt werden, die dann auch bestimmen, ob Medien sich wandeln oder nicht. Es muss klar werden, dass die Interessen der anderen Akteur*innen im Blick behalten werden müssen, wenn man verstehen will, wie sich die Medientypen entwickeln. Diese Medienkunde muss auch den Hinweis enthalten, dass es immer noch mehr Medientypen gibt und das Bibliotheken grundsätzlich recht gut darin sind, die Medientypen vorzuhalten, die für die Aufgaben, die sie erfüllen sollen, relevant sind. Dargestellt werden müssen die für Bibliotheken wichtigsten Medien, aber mit dem Verweis, dass sich immer schon geändert hat, welche dieser Medien die wichtigsten sind und sich auch weiterhin ändern wird. Ob dafür dann zum Beispiel eine Einführung in die Buchgeschichte oder die typographische Gestaltung von Büchern (wie sie in früheren Lehrbüchern enthalten waren) notwendig ist, ist eine andere Frage. Ich würde sagen nein oder wenn, dann nur als ein Beispiel mit dem Verweis, dass alle Medientypen eine solche Geschichte haben.
  • Die Medienkunde muss selbstverständlich auf die rechtlichen Unterschiede zwischen physischen Medien (Kauf) und elektronische Medien (Lizenzen) eingehen. Diese sind für die bibliothekarische Arbeit mit den Medien essentiell.
  • Was die Medienkunde auch leisten muss – hier wird es tricky –, ist, die Entwicklungen der Medienmärkte und Mediennutzung darzustellen, aber dabei nicht zu sehr historisch zu werden und auch nicht zu aktuell zu sein. Ein Lehrbuch ist für mehrere Jahre geschrieben, nicht für den aktuellen Moment. Es geht nicht darum, die Mediennutzung in den nächsten zwei Jahren zu zeigen, sondern vor allem die Tendenzen zu zeigen, welche die Bibliotheken, wie sie jetzt sind, geprägt haben und wohl in den nächsten Jahren prägen werden. Ist es dazu zum Beispiel notwendig zu wissen, wann die ersten Zeitungen oder Audiobooks publiziert wurden? Eher weniger. Wichtiger wäre zu zeigen, dass dies alles eine Geschichte hat, die vielleicht – bei den gedruckten Zeitungen – langsam an ein Ende gelangt, aber doch noch relevant ist oder aber auch eine bestimmte Flughöhe erreicht hat – bei den heute elektronischen Audiobooks – die noch eine Weile so bleiben wird, wohl ohne grosse Entwicklungen. Als Wissen scheint es mir relevanter zu sein, das sich im Laufe der Karriere der potentiellen neuen Kolleg*innen, welche dieses Lehrbuch als Einstieg nutzen, weiter merklich verändern wird (ohne das Bibliotheken das werden ändern können), aber auch nicht so radikal, dass es morgen schon ganz anders sein wird. Hilfreich wird dabei sein, zu zeigen, dass «am Anfang», wenn neue Medien eingeführt werden, oft viel mehr und andere Entwicklungen vorausgesagt werden, als sich dann in der Realität zeigen.
  • Einer Einführung in das Bestandsmanagement als Management, also als möglichst effektives Auswählen, Erwerben / Lizenzieren, Erschliessen, Anbieten oder auch wieder Entfernen von einer grossen Zahl an Medien, welche die jeweilige Aufgaben der jeweiligen Bibliotheken erfüllen. Es muss klar werden, dass es nicht (oder nur in sehr besonderen Fällen) um bestimmte einzelne Medien geht, sondern eigentlich immer um eine möglichst grosse Zahl, die auch nicht um ihrer selbst Willen gemanagt werden sollen. Daraus muss dann abgeleitet werden, was «möglichst effizient» heisst – also zum Beispiel auch den Einsatz von «automatisierten Erwerbungsinstrumenten» wie Approval Plans oder Patron Driven Acquisition. Es muss klar werden, dass es die Aufgabe der Bibliotheken ist, diese Arbeit möglichst gut zu planen, durchzuführen und zu steuern. Im Lehrbuch sollte auch gezeigt werden, was das auf den verschiedenen Hierarchiestufen in Bibliotheken heisst, also wie es konkret in der Arbeit umgesetzt wird.
  • Was unbedingt auch thematisiert werden muss, ist die Frage von Sammlungen und Magazinen. Es muss klar werden, dass der Aufbau einer Sammlung und damit Fragen des Bestandserhalts und Magazinbetriebs grundsätzlich immer weniger Bibliotheken betrifft. Gesagt werden sollte, dass Öffentliche Bibliotheken und immer mehr Wissenschaftliche Bibliotheken keine längerfristig angelegten Sammlungen haben und sich deshalb in deren Arbeit auch die konkreten Fragen, die sich bei solchen Sammlungen stellen, nicht auftauchen. Gleichzeitig muss angesprochen werden, welche Fragen dies sind, denn die vorhandenen Sammlungen in National-, Landes-/Kantons- und Forschungsbibliotheken sind fraglos relevant, auch der Magazinbetrieb wird in den Bibliotheken, welche ein solches betreiben, weiter relevant bleiben. Wieder: Das Lehrbuch soll das notwendige Grundwissen für alle Karrieren im Bibliothekswesen vermitteln. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass man lernt, wie wichtig die Arbeit von «Magaziner*innen» für das Funktionieren der jeweiligen Bibliothek ist.
  • Als Teil des Bestandsmanagements müssen auch die Aufstellungen und die Aufstellungssystematiken dargestellt werden. Wieder nicht bis ins Detail, aber es wäre notwendig zu lernen, (a) warum eine Aufstellungssystematik notwendig ist, (b) das es verschiedene Ansätze und Standards (und welche) gibt, (c) dass diese in ständiger Veränderung sind.

5.3 Geschäftsgang

Eine der sinnvollsten Darstellung in «Bibliothekarisches Grundwissen» (aber auch eine, die unbedingt überarbeitet und aktualisiert werden müsste, insbesondere für elektronische Medien / Lizenzierung), ist die des Geschäftsganges, also des Weges eines physischen Mediums von der Auswahl desselben bis zur Bereitstellung in der Bibliothek. (Ich würde bei einer Aktualisierung noch die Deacquisition beziehungsweise Magazinierung ergänzen, weil diese den Weg des Mediums durch die Bibliothek «abschliesst».) Grundsätzlich ist eine Darstellung des Geschäftsganges auch in jeder Ausgabe von «Bibliothekarisches Grundwissen» seit der ersten von 1972 enthalten.

Das sollte für ein neues Lehrbuch aktualisiert, aber beibehalten werden. Was sich anhand des Geschäftsganges gut zeigen lässt, sind folgende Dinge:

  • Die Organisation der Bibliothek auf die Aufgabe hin, Medien zur Verfügung zu stellen.
  • Die konkrete Organisation dieser Arbeit, die sich ja in vielen Bibliotheken – wenn sie nur gross genug sind – auch in der Verteilung in verschiedene Abteilungen oder (organisatorisch und oft auch räumlich getrennte) Büros niederschlägt.
  • Den Zusammenhang der teilweise im Arbeitsalltag vom Eindruck her sehr freistehenden Arbeitsschritte, die sich auf Medien beziehen.

Zugleich lässt sich am Geschäftsgang gut zeigen, wie ein so übergreifender Blick, der ein Medium in den Fokus stellt, in der Bibliothek genutzt werden kann, um die Aufgaben des Personals und auch konkret das Personal zu managen.

Was sich auch mit dem Geschäftsgang nochmal gut zeigen lässt, in meiner Erfahrung, ist der Unterschied zwischen physischen und elektronischen Medien. Man kann nebeneinander stellen, wie der Geschäftsgang für ein physisches Medium aussieht und wie er für elektronische Medien aussieht, und kann dann sehr gut sehen, dass zum Beispiel der ganze Aufgabenbereich der «technischen Bearbeitung» bei elektronischen Medien fortfällt oder auch das «Ende» eines Mediums einer anderen Entscheidung (Bei physischen Medien: Soll es ausgesondert / magaziniert werden?, bei elektronischen: Soll die Lizenz erneuert werden?) bedarf.

5.4 Katalogisierung, Metadaten, Kataloge und Discovery Systems

Es muss, glaube ich, nicht länger begründet werden, dass sowohl die Katalogisierung und Metadatenpflege als auch der Aufbau von Bibliothekskatalogen und Discovery Systemen in einem grundlegenden Lehrbuch zum Bibliothekswesen einen Platz einnehmen muss. Es muss grundsätzlich allen Kolleg*innen in allen Positionen bewusst sein, warum diese Arbeit gemacht wird, wie sie gemacht wird und warum es relevant ist, um zu wissen, wie die Kataloge und Recherchemittel der Bibliotheken funktionieren. (Es gibt aktuell die ernstzunehmende Kritik, dass zu wenig Bibliothekar*innen das tun und deshalb Bibliotheken zu sehr von kommerziellen Anbietern von OPAC- und Discovery Systemen abhängig sind. Was bedenkenswert ist, aber es sollte meiner Meinung nach schon aus Gründen der Professionalität des Feldes zum Grundwissen gehören.) Und: Es ist auch notwendig zu vermitteln, dass Katalogdaten zwar Metadaten sind, aber das in Bibliotheken – egal, dass das von einzelnen Kolleg*innen explizit anders gefordert wird – oft zwischen diesen beiden unterschieden wird. Das muss nicht ewig so sein, aber potentielle Kolleg*innen sollten das wissen, bevor sie es im Bibliotheksalltag selber herausfinden müssen.

Die relevante Frage ist nur, was genau und wie tief es in einem Lehrbuch notwendig ist. Die Antwort sollte auf der realen bibliothekarischen Praxis basieren und die ist, dass die konkrete Katalogisierung von Medien immer mehr ein spezielles Feld geworden ist, an der immer noch viele, aber doch auch immer mehr nur darauf fokussierte Kolleg*innen tätig sind – und das die Katalogisierung tendenziell, falls RDA und seine Möglichkeiten einmal «greifen» (also zum Beispiel auch in den Bibliothekssystemen vollständig umgesetzt sind), noch mehr zu einem wichtigen Spezialfeld werden wird, dass im Arbeitsalltag der meisten Bibliothekar*innen konkret kaum noch vorkommt. Aber gleichzeitig wird das Anlegen und Pflegen von anderen Metadaten sowie die Konsequenzen der Erstellung von Metadaten ausserhalb des Bibliothekswesens, welche in die Kataloge integriert werden (vor allem für elektronische Medien), weiterhin die bibliothekarische Arbeit prägen. Deshalb muss es auch einen relevanten Raum in einem einführenden Lehrbuch einnehmen.

Im Lehrbuch muss einerseits die Grundlage dafür gelegt werden, dass Kolleg*innen potentiell Karrieren beschreiten, die – zum Beispiel an Bibliotheken mit Archivauftrag – hauptsächlich in der Katalogisierung bestehen. Aber es kann nicht eine vollständige Einführung in die Katalogisierung selber sein. Das gleiche gilt für potentielle neue Kolleg*innen, die auf die eine oder andere Weise mit Metadaten arbeiten werden. Auch für diese muss im Lehrbuch eine Grundlage gelegt werden, ohne das Thema vollständig darzustellen. Und für alle anderen Kolleg*innen muss klar werden, wie umfangreich diese Arbeit ist, schon damit sie – beispielsweise aus dem Blick von Bibliotheksleitungen – angemessen gewürdigt werden kann.

In der aktuellen Ausgabe von «Bibliothekarisches Grundwissen» gibt es einen recht langen Abschnitt, in welchem der OPAC eingeführt und im Detail beschrieben wird. Ist das notwendig? Eine klare Antwort habe ich da nicht (wenn, dann sollte es auch für Discovery Systems passieren). Mir scheint aber, dass das als Grundlage nicht notwendig ist, solange die Funktionen von Katalogen dargestellt werden. Das Aussehen und die einzelnen konkreten Funktionen der Systeme werden sich eh recht bald wieder ändern – die Funktionen nicht so schnell. Als Wissen wichtig wäre eher auf diese kontinuierliche Weiterentwicklung hinzuweisen.

Insoweit sollte folgendes behandelt werden:

  • Eine Einführung darein, was der Katalog ist, wofür er notwendig ist und wieso Katalogisate erstellt werden. Zudem ein kurzer Überblick zu den aktuell genutzten Katalogregeln (wohl RDA, aber es wäre für das Erstellen eines Lehrbuches auch wichtig zu wissen, ob die überall genutzt werden oder ob weitere in Gebrauch geblieben sind). Dabei sollte es darum gehen, dass die Grundkonzepte verständlich werden und das klar wird, dass sie immer weiter entwickelt werden. (Dazu sollte kurz, wirklich nur als Überblick, erwähnt werden, welche Formen von Katalogen und Katalogregeln es bis heute gegeben hat. Es geht wieder nicht darum, etwas zum Auswendiglernen vorzulegen, sondern zu zeigen, dass die Aufgabe und Form der Kataloge und Katalogisierungsregeln mit den Jahrzehnten bestimmte Entwicklungsrichtungen hatten: Hin zur Integration von immer mehr Medienformen, zur Nutzung des jeweils vorhandenen Techniken, hin vom Nachweis zum Recherchewerkzeug und auch hin zu einer immer grösseren Standardisierung und Zusammenarbeit bei der Weiterentwicklung und Nutzung von Katalogen. Gleichzeitig sollte gesagt werden, dass es normal ist, dass aus den Regelwerken in der Praxis wieder «Hausregeln» werden – weil es die Praxis ist, auf die die potentiellen Kolleg*innen treffen werden.) Klar werden muss in dieser Einführung auch, dass das Ziel eigentlich eine kooperative Katalogisierungspraxis möglichst vieler Bibliotheken gemeinsam ist, auch wenn dies teilweise (noch nicht?) umgesetzt wird.
  • Eine Einführung in die Praxis, Katalogisate von anderen Einrichtungen als Bibliotheken zu übernehmen und mit ihnen im Katalog zu arbeiten. Das bezieht sich ja vor allem auf Verlage. Es sollte dargestellt werden, warum das so gemacht wird (also vor allem die Menge an Katalogisaten, die so integriert werden kann, aber auch die «Kurzlebigkeit» solcher Katalogisate im Fall von grossen Paketen elektronischer Medien, die nur für einen kurzen Zeitraum lizenziert werden und deshalb auch keinen grösseren Aufwand rechtfertigen würden) und was die Vor- und Nachteile sind. Es muss klar werden, dass es neben dem Erstellen von Katalogisaten heute eine Aufgabe von Bibliothekar*innen ist, die Qualität von solchen kurzfristig und massenhaft in Kataloge eingespielte Katalogisate zu überprüfen und zur Not zu verbessern beziehungsweise Verbesserungen einzufordern.
  • Sinnvoll wird wohl auch sein, darzustellen, dass es seit langem Versuche gibt, die Erstellung von Katalogisaten durch technische Möglichkeiten zu unterstützen, also oft möglichst zu automatisieren. Das dies bislang zu wenigen konkreten Lösungen gefunden hat, heisst nicht, dass es nicht im Laufe der Karriere der potentiellen Kolleg*innen verändern wird. Vielmehr wird es die Katalogisierungsarbeit weiter begleiten, selbst wenn es nie zu einem handfesten Ergebnis führt.
  • Das Thema Metadaten müssten ähnlich tief, aber mit Verweisen auf verschiedene Bereiche, eingeführt werden. Sicherlich müsste dargestellt werden, was Metadaten sind und wofür sie genutzt werden. Zu diskutieren wäre, ob man nicht die Katalogisate erst danach als gesonderte Form von Metadaten einführen sollte. Darüber hinaus sollte dargestellt werden, welche Metadaten in der bibliothekarischen Praxis relevant sind, also einmal die, die von anderer Seite – beispielsweise im Rahmen von Discovery Systems – in die Bibliothek kommen und dann die, an deren Erstellung oder Pflege Bibliotheken beteiligt sind – also zum Beispiel mit einem Verweis auf Forschungsunterstützung.
  • Relevant ist zudem, die Bedeutung von Metadatenstandards darzustellen und, wie diese weiterentwickelt werden. Klar sein muss, dass Bibliotheken nicht nur ihre eigenen Regelwerke fortschreiben, sondern dass Bibliothekar*innen auch an der Weiterentwicklung anderer Standards beteiligt sind. Die Strukturen, welche diese Standards fortschreiben, und ihre Arbeitsweise, sollte zumindest beispielhaft dargestellt werden, zum Beispiel generisch anhand des W3C oder solcher spezifischen Institutionen wie der Music Encoding Initiative / MusicXML.
  • Die grundlegenden Prinzipien von Katalogen und Discovery Systems sollte ebenso dargestellt werden. Dabei muss nicht erklärt werden, welche verschiedenen Katalogarten (alphabetischer versus systematischer Katalog und so weiter) es früher gab. Vielmehr sollte die verschiedenen Suchzugänge dargestellt werden, die an heutigen Systemen möglich sind.

5.5 Bibliotheksbenutzung

Neben der Arbeit mit Medien ist eindeutig die Nutzung der Bibliothek der Bereich, welcher für die praktische Arbeit relevant ist, aber in der Literatur und Diskussion eher gerne herunterfällt. (Mir fällt das auch im Gespräch mit Kolleg*innen aus verwandten Gebieten auf. In Archiven zum Beispiel scheint die Nutzung auch viel Ressourcen einzunehmen, aber nicht so prägend zu sein, wie für Bibliotheken.) Dabei geht es um zwei Bereiche: Die Nutzung des Bestandes und die Nutzung des Raumes Bibliothek.

Wie auch bei den anderen Themen hier bin ich der Überzeugung, dass es in einem Lehrbuch wichtig ist, die reale Nutzung und die damit zusammenhängenden Arbeiten, die durchgeführt werden (müssen) darzustellen. Es kann nicht darum gehen, irgendwelche Idealbilder und Träume zu schildern oder gerade aktuellen Obsessionen des Bibliothekswesens zu folgen, die nicht in der Empirie sichtbar sind. Es bringt nichts, wenn die potentiellen Kolleg*innen im Lehrbuch von flexiblen Räumen und Dritten Orten lesen, aber dann in der Praxis vor allem einen Arbeitsalltag haben werden, der von Aufsicht im Lesesaal und Betreuung von Schulklassen geprägt ist, während die Kaffeemaschine in der Ecke manchmal genutzt wird. Das Lehrbuch kann schon sagen, was die Bibliotheken gerne hätten, wie die Bibliotheken genutzt werden, aber es muss auch darauf vorbereiten, in den realen Bibliotheken zu arbeiten.

Welche Themen sollten also, meiner Meinung nach, zum Thema Bibliotheksnutzung dargestellt werden?

  • Im Bereich der Mediennutzung sollten Zahlen und Entwicklungen gezeigt werden. Es muss klar werden, welche Medientypen die Nutzung prägen (in Öffentlichen Bibliotheken weiterhin gedruckte Bücher, in Wissenschaftlichen elektronische Medien und gedruckte Bücher) und wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt haben. Wieder sollte es vor allem darum gehen, die potentiellen Kolleg*innen auf den Arbeitsalltag vorzubereiten: (a) Sie sollten sehen, welche Medientypen sie hauptsächlich beschäftigen werden, (b) sie sollten auch sehen, dass es kontinuierliche Veränderungen gibt, dabei aber auch starke «Beharrungskräfte» einiger Medientypen gibt – nicht als Polemik, sondern weil dies wohl auch in den nächsten Jahrzehnten weiter so sein wird, (c) sie sollten auch lernen, dass bestimmt Medientypen in gewisser Weise «kommen und gehen» und das dies ihre Karriere auch prägen wird. (Hier wären ein-zwei Beispiele, die explizit als solche bezeichnet werden sollten, interessant. Mir scheint die CD / CD-ROM immer ganz gut, weil man zeigen kann, mit was für hohen Ansprüchen sie einmal eingeführt wurde, wie sie eine Zeit lang auch relevant war und wie sie dann wieder aus den Beständen der meisten Bibliotheken «verschwand». VHS-Kassetten finde ich auch ein gutes Beispiel, weil man hier zeigen kann, wie der Medientyp selber einen Einfluss auf den Raum Bibliothek hatte, weil für diese teilweise eigene Möbel angeschafft / gebaut wurden.)
  • Es muss klar werden, welche Arbeit «hinter» der eigentlichen Bibliotheksnutzung steckt, also zum Beispiel die technische Bearbeitung, das kontinuierliche Einstellen, Verschieben, Neuordnen und Entfernen von physischen Medien oder die Pflege von Metadaten, Lizenzen, das Lösen technischer Probleme oder die Kommunikation mit Verlagen bei elektronischen Medien. Es sollte auch klar dargestellt werden, dass dies fast alles «invisible work» ist, also solches, dass von Nutzer*innen oder Trägerschaft regelmässig übersehen wird. Auch darauf sollte in einem Lehrbuch vorbereitet werden, dieses «Übersehenwerden» und die Aufgabe, damit umzugehen – persönlich, als Bibliothekar*innen, und institutionell als Bibliothek, welche die Notwendigkeit und Breite dieser Arbeiten immer nach aussen zeigen muss.
  • Das Lehrbuch sollte auch zusammenfassen, was wir über die tatsächliche Nutzung des Raumes Bibliothek wissen. (Mir scheint, beim Schreiben würde das eines der grössten Probleme darstellen, weil man hier zwischen tatsächlich vorhandenem Wissen und irgendwelche Artikeln, die auf Ausnahmesituationen wie Veranstaltungen, Feste oder so fokussieren, unterscheiden muss. Hier muss vielleicht sogar einiges erst empirisch erhoben werden.) Es wäre zum Beispiel relevant, zu vermitteln, dass weiterhin der Grossteil der Nutzer*innen relativ kurz in Öffentliche Bibliotheken kommt, um Medien auszuleihen und dann wieder zu gehen, dass ein relevanter Teil der Bibliotheksnutzung in Wissenschaftlichen Bibliotheken darin besteht, diese als Lern- und Arbeitsort (nicht einmal unbedingt mit den Medien aus der konkreten Bibliothek selber) zu nutzen und das es gleichzeitig immer Versuche von Bibliotheken gibt, andere Formen von Nutzungen zu ermöglichen und zu motivieren. Hierbei kann man auch Beispiele nennen, aber man sollte ehrlich darstellen, was die Hauptnutzung ist und was nicht.
  • Sicherlich sollte man auch darstellen, wer überhaupt die Bibliotheken nutzt und was dies für Möglichkeiten und Probleme mit sich bringt. Erstmal Probleme: Hier scheint mir, dass Bibliotheken teilweise zu sehr auf «problematische Nutzer*innen» fokussiert sind. Das scheint mir teilweise mehr Thema der Literatur und Diskussion zu sein als der Realität in den meisten Bibliotheken. Aber es sollte im Lehrbuch auch als möglicher Teil der Bibliotheksarbeit angesprochen werden, inklusive Verweise auf Lösungsansätze und darauf, dass der Umgang mit diesen Nutzer*innen nicht gelingen kann, wenn er von Vorurteilen geprägt ist. Die andere Seite, nämlich wer überhaupt Bibliotheken nutzt, wäre ein wichtiges Thema, aber auch eines, für das man eventuell erstmal Daten erheben müsste. Das scheint mir ein Problem des Bibliothekswesens an sich zu sein, dass es kaum ein Wissen zum Beispiel über die sozio-demographische Zusammensetzung der Nutzer*innenschaft gibt. Zu den Altersgruppen kann man noch recht gut etwas sagen, aber anderes ist schwieriger zu bestimmen. Wichtig wäre mir bei diesem Abschnitt dann auch, auf empirischen Erfahrungen aus Bibliotheken aufzubauen, also eher sagen zu können, wie viel Zeit Bibliothekar*innen mit Aufsicht, Beratung, Medienarbeit und so weiter verbringen und wie viel zum Beispiel mit der Organisation von Maker-Veranstaltungen oder der Arbeit mit Schulklassen.
  • Es gibt im Bibliothekswesen erstaunlich wenig Literatur und Diskussionen zur konkreten Arbeit für und mit Nutzer*innen, wenn man dies zum Beispiel mit der Literatur aus der Pädagogik oder der Sozialen Arbeit vergleicht. Hier bin ich hin und her gerissen: Einerseits fände ich es nur sinnvoll, wenn es zum Beispiel ein Nachdenken und Untersuchungen zu pädagogischen und didaktischen Fragen gäbe – aber gleichzeitig sollte das Lehrbuch ja darauf vorbereiten, was in Bibliotheken tatsächlich passiert. Sollte also zum Beispiel grundlegende didaktische Konzepte behandelt werden (weil es sinnvoll wäre)? Oder darauf verwiesen werden, dass sie sich in der Realität von Bibliothekar*innen selber angeeignet werden müssen (was die Realität ist)?
  • Ich denke, es wäre auch gut, in diesem Abschnitt Nutzungsordnungen (unter welchem Namen auch immer) zu behandeln. Zum einen kann man an konkreten Nutzungsordnungen sehen, wie Bibliotheken sich die Nutzung der Medien und des Raumes vorstellen, zum anderen kann man vermitteln, dass die Arbeit an und mit den Nutzungsordnungen einen wichtigen Teil der Bibliotheksarbeit darstellen sollte. An ihnen lässt sich zum Beispiel auch gut diskutieren, dass Bibliotheken immer eine Balance suchen zwischen Medienerhalt und Zugang zu Medien und das diese Balance immer geprägt ist vom Bibliothekstyp (mit den beiden Extremen Bibliotheken mit Archivierungsauftrag auf der einen Seite und Bibliotheken, die beim Bestandsmanagement den «Verbrauch» von Medien in einem überschaubaren Zeitraum schon einplanen, auf der anderen Seite).

5.6 Services und Veranstaltungen

Ein solches Lehrbuch muss ohne Frage einen Einblick geben in die zahlreichen Services und Veranstaltungen, die von Bibliotheken durchgeführt werden. Auch hier unter dem Blickwinkel, dass klar sein muss, was an tatsächlicher Arbeit in Bibliotheken passiert (hier zum Beispiel unter anderem, was es heisst, Veranstaltungen zu planen und durchzuführen, vom Personaleinsatz über Didaktik hin zu baulichen Fragen oder auch, welche Arbeit und Ressourcen konkret für bestimmte Services notwendig sind), aber gleichzeitig auch mit realistischen Darstellungen. Im Lehrbuch sollte weniger geschildert werden, was Bibliotheken sich manchmal wünschen, welche Aufgaben sie übernehmen oder welche Bedeutung sie haben könnten, sondern vielmehr, was tatsächlich «in der Fläche» passiert. Gleichzeitig sollte klar werden, dass die Entwicklung solcher Vorstellungen oder auch das Testen von neuen Services und Veranstaltungsformen Teil der Arbeit im Bibliothekswesen ist und sein wird. Die potentiellen neuen Kolleg*innen sollten darauf vorbereitet sein, ohne dann zu hoffnungsvoll oder zu kritisch an solche Entwicklungen herangehen zu können.

Das Ziel wäre, dass potentielle Kolleg*innen mit dem Lehrbuch darauf vorbereitet werden, dass zum Beispiel die Organisation von Lesungen oder Beratungen zum Forschungsdatenmanagement Teil ihrer Arbeit (oder gar ihre Hauptarbeit) in Bibliotheken sein kann. Und sie sollen in der Lage sein, wenn dies nicht der Fall sein wird, diese Arbeit und ihre Bedeutung dennoch Wert zu schätzen (als Kolleg*innen oder als Vorgesetzte).

  • Man kann in einem Lehrbuch auch nicht alle Services und Veranstaltungsformen darstellen. Aber es wäre wichtig, die hauptsächlichen Bereiche (aus der Realität) darzustellen und gleichzeitig zu zeigen, dass es immer Versuche gibt, in andere Bereiche weiterzugehen.
  • Zu vermitteln wäre aber auch, dass Bibliotheken der Erfahrung nach vor allem dann mit der Etablierung von Services erfolgreich sind, wenn sie eine Servicefunktion für Nutzer*innen oder Trägereinrichtungen übernehmen und weniger erfolgreich, wenn sie versuchen, darüber hinauszugehen und selber neue Aufgaben zu (er-)finden.
  • Es sollte auch klar gesagt werden, dass Öffentliche Bibliotheken bei allen Versuchen, neue Bereiche zu besetzen, seit Jahrzehnten vor allem im Bereich Literatur und der Arbeit mit Kinder sowie Schulklassen erfolgreich sind. Potentielle Kolleg*innen sollten darauf vorbereitet werden, dass sich in praktisch allen Öffentlichen Bibliotheken ein oder zwei «besondere» Veranstaltungsangebote finden, die für die jeweilige Bibliothek spezifisch sind, aber das der Grossteil der Nutzer*innen trotzdem zu Literatur- und Kinderveranstaltungen kommt und dass es Teil der Bibliotheksarbeit ist, diese zu organisieren.
  • Zu diskutieren wäre zu diesem Themenbereich, wie tief man in die Organisation von Veranstaltungen und Services hineingehen muss. Sicherlich lässt sich in einem einführenden Lehrbuch eh nicht die gesamte Veranstaltungsorganisation vermitteln, aber es wäre wohl notwendig, dass klar wird, dass auch dies alles Arbeit ist, die geplant, durchgeführt und mit Ressourcen ausgestattet werden muss und nicht einfach «nebenher» passieren kann. Und das sie teilweise, wenn die Bibliothek gross genug wird, auch als Hauptaufgabe von Personen oder Abteilungen stattfindet. Nicht so sehr bei Services, aber gerade bei Lesungen in Öffentlichen Bibliotheken kann man auch daran denken, hier zu thematisieren, wie das Auslagern dieser Arbeit an Dritte passieren kann, die dann im Auftrag von Bibliotheken Veranstaltungen in der Bibliothek durchführen – und was dies an Arbeit für Bibliotheken bedeutet (Ressourcen für die Auslagerung organisieren, Qualität überprüfen und so weiter).
  • Das Lehrbuch sollte auch auf die Unterschiede im DACH-Raum eingehen und wohl auch darauf, welche Tradition im DACH-Raum, im Gegensatz zu Traditionen in anderen Ländern bestehen. Die Bibliotheken im DACH-Raum sind ja, im Gegensatz zum Beispiel zu denen in Frankreich, Kanada und den USA, davon geprägt, dass sie vor allem Veranstaltungen in der Bibliothek (als im eigentlichen Gebäude) planen und durchführen, während anderswo Veranstaltungen an anderen Orten zur normalen Bibliotheksarbeit gehören. Es gibt auch im DACH-Raum dazu Ausnahmen, allerdings dann auch meist in bestimmten Einrichtungen, wie Schulen. Gleichzeitig gibt es daneben die Tradition, in der bibliothekarischen Literatur aus Bibliotheken anderer Länder Beispiele anzuführen und als Vorbilder beziehungsweise Bilder zukünftiger Bibliotheken darzustellen. Mir scheint, es wäre wichtig, gleich in einem Lehrbuch zu zeigen, dass dies beides – also die Veranstaltungen vor allem in der Bibliothek, mit Bezug auf Dienstleistung und Literatur, als auch das Anführen von Beispielen aus anderen Ländern, die nicht in diese Tradition passen – sich seit Jahrzehnten nicht gross verändert hat. Gleichzeitig wäre es wichtig zu sagen, dass in der Schweiz und in Liechtenstein die Leseanimation einen grösseren Platz in den Öffentlichen Bibliotheken einnimmt als in Deutschland, aber dass Spielzeug in Ludotheken verliehen wird (die kurz dargestellt werden müssten) und nicht, wie in den anderen Ländern des DACH-Raumes, in Öffentlichen Bibliotheken.
  • Mir scheint für diesen Abschnitt müssten auch Daten erhoben werden. In der Literatur werden eher besondere Entwicklungen dargestellt, weniger die Realität in Bibliotheken. Die Einführung neuer Services oder die Diskussion darüber, ob ein bestimmter Bereich – aktuell zum Beispiel das Forschungsdatenmanagement – von Bibliotheken mit Services besetzt werden soll oder nicht, produziert immer weit mehr Beiträge als Services, die dann in der Praxis so sehr «funktionieren», dass sie kaum noch thematisiert werden müssen. Aber die Arbeit potentieller Kolleg*innen wird eher von letzteren, also schon aufgebauten, Services geprägt sein, als von solchen «in der Debatte» – insbesondere, wenn sie eine längere Karriere im Bibliothekswesen absolvieren werden und nicht nur einen kurzen Ausflug in die Projektarbeit. Für das Lehrbuch müsste also erhoben werden, welche Services und Veranstaltungen tatsächlich im DACH-Raum etabliert sind (nicht nur diskutiert oder gerade in Projekten ausprobiert werden). Und zwar hier auch nochmal mit einem extra Fokus auf Spezialbibliotheken mit ihren spezifischen Aufgabenfelder. Insbesondere die Medizinbibliotheken haben da ja erfahrungsgemäss immer eine grosse Palette dieser spezifischen Angebote.

5.7 Lesen, Leseförderung und Leseforschung

Die Leseforschung spielt – ich habe das schon mehrfach anderswo angesprochen – im Bibliotheksalltag und in der bibliothekarischen Diskussion kaum eine Rolle. Dabei wird sie selbstverständlich immer weitergetrieben (und ihre Zeitschriften und Monographien stehen in Bibliotheken). Mir irritiert dass immer wieder, weil ich es anders erwarten würde – gerade Öffentliche Bibliotheken und Schulbibliotheken sind weiterhin hauptsächlich damit befasst, Medien für Leser*innen zur Verfügung zu stellen, Lesungen zu organisieren und hauptsächlich Veranstaltungen für Kinder und Schulklassen durchzuführen, also für Personen, die dann gerade in der Leselernphase sind. Und dennoch wird Wissen darüber, was gelesen wird, von wem, wofür, wie und so weiter kaum referenziert. Auch die Entwicklungen im Medienmarkt oder der Literatur selber sind fast nie Thema von bibliothekarischen Publikationen oder Diskussionen.

Ich weiss bei diesem Thema nicht, was alles in einem Lehrbuch notwendig wäre. (Offenbar funktionieren Bibliotheken ja auch ohne die Thematisierung dieses Wissens.) Aber mir scheint, falls jemand darangehen würde, ein Lehrbuch neu zu planen, wäre es ein gutes Zeitpunkt, darüber nachzudenken. (Ich würde Lesen hier auch erweitern auf das Lernen, zumindest das Lernen mit Medien.) Eventuell könnte dann ein Lehrbuch auch die Rolle spielen, die Bedeutung eines Themas für die Praxis zu verstärken und dann damit die Bibliothekspraxis näher an das Wissen aus der Leseforschung zu bringen.

Was bei diesem Thema aber auch wichtig wäre, ist, die konkrete Leseförderung, die in Bibliotheken tatsächlich stattfindet, darzustellen. Dabei sollte klar werden, dass diese oft auf Prämissen basiert, die halt nicht so richtig auf der Leseforschung basieren und das ihre Zielsetzungen manchmal recht unklar sind – also nicht immer klar, ob es wirklich um die Förderung von Lesen geht oder um Veranstaltungen, die an sich etwas Medien zu tun haben. Der Widerspruch kann auch benannt werden. Aber dennoch ist die Arbeit in einigen Bibliothekstypen davon geprägt, einmalige oder regelmässige Veranstaltung in diesem Bereich durchzuführen oder auch solche Kampagnen wie Buchstart (ein schönes Beispiel dafür, dass ein Lehrbuch den gesamten DACH-Raum beachten müsste und nicht zum Beispiel nur schreiben dürfte, wer in Deutschland «hinter» Buchstart steht, weil es in der Schweiz / Liechtenstein und in Österreich anders organisiert ist) mit zu tragen.

5.8 Beratungen und Schulungen

Der Themenbereich, den ich hier Beratungen und Schulungen nenne, ist ein gutes Beispiel dafür, warum es bei einem Lehrbuch wichtig wäre, einerseits nicht jedes aktuell in der bibliothekarischen Literatur diskutierte Thema zu integrieren, es andererseits aber auch regelmässig zu aktualisieren und mit der tatsächlichen Praxis in Bibliotheken abzugleichen.

Vor zehn-fünfzehn Jahren hätte man diese Abschnitt wohl eher «Informationskompetenz» genannt und, auf der Basis der damaligen bibliothekarischen Literatur, den Eindruck haben können, dass es ein Thema wäre, dass in Zukunft die Arbeit von (mindestens) Wissenschaftlichen Bibliotheken immer mehr prägen würde.

Heute ist das nicht so eindeutig. Was passiert ist, ist, dass eine ganze Reihe von Projekte in diesem Bereich, die einmal erfolgreich waren (oder zumindest schienen) ohne Anschluss eingestellt wurden und gleichzeitig aber in Bibliotheken feste Aufgaben und Personalstellen (aber wohl weit weniger als zur Hochzeit der Informationskompetenz-Projekte) in diesem Bereich geschaffen wurden. Die Kolleg*innen, welche diese Stellen ausfüllen, haben jetzt ein Wissen darüber gesammelt, was diese Arbeit heisst: Vor allem das Durchführen von Schulungen und Beratungen, wobei gerade die Schulungen zwar schon auf Themenbereich angepasst werden, aber doch oft einführend bleiben. Es gibt ein Wissen darum, wie diese Veranstaltungen und Beratungsgespräche geplant, durchgeführt, evaluiert und weiterentwickelt werden können und wie man sich auf die vorbereiten kann. Nicht zuletzt gibt es einzelne Strukturen (Arbeitsgemeinschaften für Informationskompetenz etc.), die jetzt teilweise seit über einem Jahrzehnt aktiv sind. Aber gleichzeitig sind viele Diskussionen, die es vor zehn-fünfzehn Jahren gab praktisch verstummt, beispielsweise zu didaktischen Fragen oder zu Modellen der Informationskompetenz. Es ist ein Thema geworden, dass zum Arbeitsbereich von Bibliotheken gehört, aber keines, welches die Arbeit von Bibliotheken grundlegende geändert hätte. Und, dieses Thema ist heute so sehr mit den «normalen» Auskunftsgesprächen verbunden – die es ja eigentlich ablösen oder auf einen neue Ebene heben sollte – dass mir scheint, dies kann und sollte gemeinsam behandelt werden.

In einem Lehrbuch würde ich mir zweierlei wünschen: Zum einen sollte die tatsächliche Arbeit in diesem Bereich dargestellt werden. (Hierfür müsste man sie wohl erforschen.) Zum anderen fände ich es aber auch ein gutes Beispiel um kurz darzustellen, wie die Diskussionen und Entwicklungen abgelaufen sind. Die potentiellen Kolleg*innen sollten lernen, dass es solche Hochphasen der Diskussionen und Projekte gibt, inklusive Vermutungen darüber, wie sie die Zukunft der Bibliotheken prägen werden. Sie sollten auch lernen, dass die Ergebnisse nach diesen Hochphasen diese Vermutungen meist nicht bestätigen, aber das die Projekte und Diskussionen gleichzeitig auch nicht gar keine Veränderung bringen. Potentielle neue Kolleg*innen sollten nicht unkritisch jede Vermutung tragen, aber auch nicht zynisch jede Idee über die Entwicklung des Bibliothekswesens gleich ablehnen. Und sie sollten lernen, dass es Kolleg*innen sind, die solche Entwicklungen vorantreiben – und damit auch, dass sie dies tun können, wenn sie im Bibliothekswesen arbeiten.

5.9 Etat und Etatmodelle

Ein bibliothekarisches Lehrbuch muss auch über Geld reden, sowohl wie viel Geld Bibliotheken zur Verfügung steht, woher es kommt, wie es in Bibliotheken verwaltet, verteilt und genutzt wird, als auch, was das für einen Effekt hat. Mir scheint, dass das oft untergeht, obwohl es wichtig wäre, in der Praxis einen Blick dafür zu haben. Insbesondere scheint mir wichtig, dass klar würde, dass Bibliotheken nicht in einem Raum ausserhalb von Wirtschaft und Gesellschaft schweben, sondern das sie durch ihre stetigen Etats Teil von Märkten sind. Es wäre zum Beispiel wichtig, auch als Verantwortliche*r in Bibliotheken verstehen zu können, wie die Firmen und Einrichtungen, die auf diesen Etat zielen, denken – und das weder als reine Kooperation noch als reines Profitinteresse zu interpretieren. Bibliotheken müssen mit Firmen interagieren, also muss klar sein, wie die funktionieren. Das gleiche gilt für Träger: Bibliotheken müssen auch wissen, wie ihre jeweiligen Träger über ihre Einnahmen und Ausgaben entscheiden.

Zudem muss schon in einer Einführung klar werden, dass es eine Aufgabe von Bibliotheken ist, den eigenen Etat möglichst sinnvoll zu verwenden, also die Aufteilung des Etats auf die Funktionen zu organisieren. Es muss klar sein, welche Auswirkungen bestimmte Entscheidungen haben, beispielsweise was die Übernahme von bestimmten Funktionen und damit einhergehende Kosten für Personal, Infrastruktur und Medien, für den Etat hat. Wichtig finde ich zudem, dass Kolleg*innen dann im Alltag wissen, dass die Aufteilung des Etats sich an den Aufgaben der Bibliothek orientieren sollte, nicht an gewachsenen Strukturen oder Interessen – egal, in welchen Positionen sie dann später in ihren potentiellen Karrieren arbeiten.

  • Eine Aufgabe eines solchen Kapitels wäre es, einen realistischen Überblick über die Etats zu geben: Wie viel Geld haben grosse und kleine Bibliotheken zu Verfügung? Wie ist dieses Etat heute normalerweise verteilt? (Beispielsweise sollte klar sein, dass in den meisten Bibliotheken die Personalkosten höher sind als die Kosten für Medien selber und die Kosten für den Erhalt von Bau und Infrastruktur.) Aber gleichzeitig sollte das wieder für den gesamten DACH-Raum mit seinen unterschiedlichen Währungen und Preisniveaus geschehen (im Kontext, also auch nicht so, dass der Eindruck entsteht, schweizerische und liechtensteinische Bibliotheken hätten unendlich viel mehr Etat, nur weil die Summen grösser sind).
  • Es müsste klar werden, welche Formen von Kosten überhaupt anfallen und wie oft (also mindestens laufende Kosten, solche die regelmässig neu verhandelt werden wie Lizenzen und solche, die einmal anfallen wie bei Bauten). Dabei muss auch klar werden, welche unterschiedlichen Töpfe es für diese Kosten gibt, also zum Beispiel, dass Bauten meist nicht aus dem laufenden Etat finanziert werden. Zu vermitteln wäre aber auch, wie viel Einfluss Bibliotheken auf diese Kosten nehmen können, also was verhandelt werden kann und mit wem. (Sichtbar sollte zudem werden, dass solche Verhandlungen zu den Aufgaben von Bibliotheken gehören.)
  • Die Auswirkungen von (a) Kooperationen (vor allem Konsortialverträgen) und (b) Drittmittelprojekten auf die Planung von Etats sollte klar werden, zumindest die zunehmende Komplexität.
  • Im DACH-Raum wird selten über die verschiedenen Modelle zur Planung und Verteilung von Etats gesprochen, obgleich diese in allen Bibliotheken (teilweise implizit) existieren. In einem Lehrbuch sollten die thematisiert werden, inklusive der wichtigsten Entwicklungen – hier wäre es wieder eine Aufgabe bei der Planung zu entscheiden, welche Entwicklungen aktuell «nur» angedacht werden und sich vielleicht nie durchsetzen. Ich würde zum Beispiel dafür plädieren, das man die Zusammenlegung von Etatsträngen für physischen und elektronische Medien, die in den letzten Jahren in vielen Wissenschaftlichen Bibliotheken vorgenommen wurden, darstellt (damit sichtbar wird, dass es Veränderungen gibt); aber beim Thema «Informationsbudget», dass aktuell hier und da diskutiert wird, würde ich zumindest noch diskutieren: Ist das etwas, was sich wirklich etablieren wird? Oder ist es eine aktuelle (relevante) Diskussion von möglichen Entwicklungen? Benötigen potentielle neue Kolleg*innen einen Einblick in diese Diskussion für ihre Einstieg in das Bibliothekswesen?
  • Was auch recht früh vermittelt werden sollte, ist, dass der Etat von Bibliotheken zwar im Allgemeinen recht stabil ist, aber das es eine Aufgabe des Managements ist, diesen Etat gegenüber den Trägern begründen zu können und auch, wenn nötig, für eine Erhöhung zu argumentieren. Dabei sollte man schon recht früh lernen, dass es auch hierbei darum geht, zu verstehen, wie die Träger denken und was sie von den Bibliotheken erwarten – und nicht darum, was Bibliotheken sich erhoffen.

Vorüberlegungen zu einem notwendigen Neuen Lehrbuch für das Bibliothekswesen: Teil 1

Teil 1: Kapitel 1-4

Teil 2: Kapitel 5.1-5.9

Teil 3: Kapitel 5.9-6

1. Warum die Vorüberlegungen?

Die letzte überarbeitete Auflage des Lehrbuches «Bibliothekarisches Grundwissen» erschien 2016.1 Es wäre Zeit für eine neue Auflage oder vielleicht auch ein ganz neues Lehrbuch für das Bibliothekswesen im DACH-Raum. Aber: Ich denke, es wird wohl nicht kommen. Mit dieser Einschätzung kann ich falsch liegen, aber mir scheint es – wie ich weiter unten (Kapitel 2) begründen werde – keine aus der Luft gegriffene Behauptung zu sein. Die Strukturen, die für das Produzieren aktueller Lehrbücher notwendig sind, scheinen mir immer weniger gegeben zu sein. (Kapitel 2.4) Aber gleichzeitig benötigt das Bibliothekswesen ein grundlegendes Lehrbuch, in dem das grundlegende Wissen für die Arbeit von und in Bibliotheken an die nächsten Generationen von neuen Kolleg*innen – egal, auch welchen Wegen sie in die Bibliotheken kommen – vermittelt werden. (Kapitel 3) Mich treibt dieser Widerspruch seit einiger Zeit um und ich bin der Meinung, es sollte das Bibliothekswesen an sich umtreiben. Eine Lösung wird nämlich nur möglich sein, wenn sich mindestens eine Anzahl von Institutionen zusammentut. (Kapitel 4) Es kann nicht (mehr) die Aufgabe einzelner Personen sein, so wie dies seit den 1970ern gemacht wurde (also indem Rupert Hacker und dann Klaus Gantert ein Lehrbuch erstellten, dass dann gerne kritisiert, aber auch weithin genutzt wurde). Die Zeiten dafür sind aus politischen Gründen vorbei. (Kapitel 2.4)

Ich will die Überlegungen, die mich zum Thema «Ein mögliches neues Lehrbuch für das Bibliothekswesen» umtreiben, in einer Reihe von Blogposts darlegen. Dieser Post hier wird die grundlegenden Überlegungen präsentieren: Warum denke ich, dass es kein neue Lehrbuch geben wird? (2), Warum denke ich, dass es trotzdem notwendig ist? (3), Wie könnte es eventuell in Zukunft erstellt und fortgeschrieben werden? (4). In den zwei darauf aufbauenden Posts werde ich Themenbereiche durchgehen, von denen ich denke, dass sie heute in einem solchen Lehrbuch enthalten sein müssten. (Kapitel 5.1-5.9 und Kapitel 5.10-6). Ich trenne sie einfach, weil es sonst zu umfangreich für einen Blogpost wird.

Meine Ziele mit diesen Posts sind folgende:

  1. Wie gesagt treibt mich das Thema schon eine ganze Zeit um. Ich möchte es einmal so teilen, dass es zumindest potentiell von anderen auch gesehen wird. Eventuell mache ich mir ja die falschen Überlegungen – dann war es das mit diesen Posts auch schon wieder. Aber vielleicht (hoffentlich) spricht es andere Kolleg*innen im Bibliothekswesen an.
  2. Grundsätzlich hoffe ich, dass «wir» (hier das gesamte Bibliothekswesen im gesamten DACH-Raum, auch wenn ich selber immer wieder darauf hinweise – auch im Folgenden –, dass dies mindestens drei, mit Liechtenstein vier, unterschiedliche sind und auch, wenn ich weiss, dass «Bibliothekswesen» ein grosser Begriff ist, weil er neben Bibliotheken auch die Bibliotheksverbände, die Hochschulinstitute, die Infrastruktureinrichtungen wie Verbundzentralen und Fachstellen, die Redaktionen bibliothekarischer Zeitschriften, aber auch noch mehr Einrichtungen, beispielsweise Fördervereine, umfasst) eine Lösung finden und irgendwie in Zukunft ein gemeinsames Lehrbuch auf den Weg bringen. Und zwar in einer Struktur, die auch das «Fortschreiben» garantiert, nicht «nur» die einmalige Publikation.
  3. Ich möchte auch einen ersten inhaltlichen Aufschlag machen (aber eher in den folgenden zwei Posts). In letzter Zeit habe ich auch darüber nachgedacht, was in einem solchen Lehrbuch enthalten sein sollte oder auch nicht enthalten sein sollte. Das sind meine Überlegungen, als jemand, der vom Beruf her in der bibliothekarischen Lehre und Forschung über Bibliotheken engagiert ist und sich aufgrund dieser Position auch immer Gedanken über die grundsätzlichen Entwicklungen im Bibliothekswesen machen soll. Und das jetzt auch schon seit mehr als zehn Jahren – also aus einer für das Thema privilegierten Position, aber trotzdem «nur» einer Position, verbunden mit subjektiven Interessen. Ich möchte die Überlegungen schildern, damit sie, wenn sich das anbietet, als Grundlage für eine umfassendere, systematische Planung eines solchen Lehrbuchs genutzt werden können. Sie sind weder «fertig» noch vollständig, sondern vor allem die Themen, die ich für notwendig ansehe.

Was ich mit diesen Post explizit nicht möchte, sind zwei Sachen. Zum einen möchte ich dies nicht als Kritik am «Bibliothekarischen Grundwissen» verstanden wissen. Meine Überlegungen kommen daher, dass mir einfach die Zeit für ein neues Lehrbuch reif scheint – es gab Entwicklungen, es wurden neue Erfahrungen gesammelt, die Welt und das Bibliothekswesen haben sich verändert. Alle Lehrbücher für alle Gebiete müssen von Zeit zu Zeit überarbeitet werden, das heisst nicht, dass sie zuvor falsch waren. (Ich denke allerdings, dass im Aufbau von «Bibliothekarisches Grundwissen» einiges aus historischen Gründen enthalten ist, dass grundsätzlich hinterfragt werden sollte. Ein Lehrbuch muss – wie ich weiter unten anhand des französischen Pendants zeigen möchte – nicht all das enthalten, was in «Bibliothekarisches Grundwissen» steht und es kann immer auch anderes enthalten. Es ist immer eine Frage, was in einem Bibliothekswesen als notwendiges Wissen angesehen wird.)

Zum anderen möchte ich mich mit der Postreihe explizit nicht als möglicher Autor eines solchen neuen Lehrbuchs positionieren. Ich habe grossen Respekt davor, dass Rupert Hacker und Klaus Gantert das Selbstbewusstsein aufgebracht haben, für sich in Anspruch zu nehmen, sagen zu können, was zu einem bestimmten Zeitpunkt als grundlegendes Wissen zum Bibliothekswesen zählt und was nicht. Das traue ich mir nicht zu. Grundsätzlich werde ich hier in den Posts das eigentlich relevante Thema «Wer soll es machen?» auslassen. Ich zumindest plane es nicht.

2. Warum es (wohl) kein neues Lehrbuch für das Bibliothekswesen geben wird

Zuerst, in diesem Abschnitt, will ich kurz darstellen, warum es meiner Meinung nach unwahrscheinlich ist, dass es in Zukunft ein weiteres Lehrbuch für das Bibliothekswesen im DACH-Raum geben wird (wenn sich nicht explizit dafür engagiert wird). Wer sich dafür nicht interessiert, kann es auch gut überspringen.

Aber, grundsätzlich: Meine Überzeugung kommt von den beobachtbaren Veränderungen in der Hochschulfinanzierung, Verlagswelt und Ausbildung selber.

2.1 Wer schreibt Lehrbücher?

Zuerst: Wer schreibt eigentlich Lehrbücher? Und mit Schreiben meine ich nicht nur den eigentlichen Prozess, sondern auch das Planen (zum Beispiel, welche Themen hinein sollen oder nicht hinein sollen), eventuell die Organisation von Mitarbeiter*innen oder von Vordiskussionen, eventuell auch Review-/Vernehmlassungsprozesse und so weiter.

Gehen wir kurz in die (deutsche) Bibliotheksgeschichte vor die 1970er zurück:

  1. Zuerst, im 19. Jahrhundert, waren es oft einzelne Bibliotheksdirektoren (alle männlich), die sich damit hervortaten. Bekannt ist vielleicht der «Versuch eines vollständigen Lehrbuchs der Bibliothek-Wissenschaft: oder Anleitung zur vollkommenem Geschäftsführung eines Bibliothekars», den Martin Schrettinger zwischen 1808 und 1829 in am Ende zwei Bänden (der erste in drei Heften) publizierte.2 Das war der Anfang der Bibliothekswissenschaft, aber halt auch – wenn man hineinschaut – explizit ein Lehrbuch für Bibliothekar*innen, wobei Schrettinger sowohl an die Direktoren als auch die Bibliothekare (im, heute würden wir sagen, im höheren und gehobenen Dienst) dachte, aber nicht unbedingt an die Angestellten unterhalb der Bibliothekare (die damals beispielsweise Bibliotheksdiener hiessen). Das Lehrbuch ist auch symptomatisch für diese Frühzeit des modernen Bibliothekswesens: Eine Person übernahm die Planung des inhaltlichen Aufbaus, das Schreiben und dann wohl auch das Verbreiten des Lehrbuchs. Grundlage dafür waren vor allem Schrettingers Erfahrungen in München selber und seine theologisch-philosophische Ausbildung. Wie sehr das Lehrbuch in der Praxis in anderen Bibliotheken genutzt wurde, lässt sich schwer feststellen – aber ich kann mir gut vorstellen, dass dies so unterschiedlich war, wie die Bibliotheken damals in den unterschiedlichen deutschsprachigen Ländern auch unterschiedlich waren.
  2. Ende des 19. Jahrhunderts, als sich auch das moderne Bibliothekswesen sich langsam als solches konstituierte – also nicht mehr als für sich alleine stehende Bibliotheken, sondern als Bibliotheken, die im Kontakt miteinander standen, sich untereinander austauschten, eigene Zeitschriften, Kongresse und Verbände etablierten – veränderte sich auch dies. Lehrbücher und ähnliche Handbücher wurden als grosse Projekte angegangen. Immer noch vor allem von Bibliotheksdirektoren, aber gemeinsam. (Wobei «gemeinsam» wohl immer hiess, das einige mitmachen durften und andere nicht. Es gab immer Bibliotheken, denen zum Beispiel wegen ihrer Grösse oder Geschichte eine grössere Bedeutung zukam als anderen.) Als Beispiel kann hierfür das «Handbuch der Bibliothekswissenschaft», 1931-1942 herausgegeben von Fritz Milkau und Georg Leyh, gelten (das dann bis in die frühen 1960er Jahre immer wieder aktualisiert wurde).3 Dieses Handbuch war das Ergebnis von intensiver Arbeit – inklusive Streits – innerhalb des deutschen Bibliothekswesens (und das, wie an den Erscheinungsjahren sichtbar ist, auch in einer schwierigen Zeit – aber es soll hier nicht um den Inhalt des Handbuchs gehen). Es gab einen am Anfang erstellten Publikationsplan, der zum Beispiel die Dreiteilung der Bände in Buchkunde, Bibliothekskunde und Bibliotheksgeschichte festlegte. Einzelne Kapitel wurden dann von verschiedenen Direktoren geschrieben. Man kann feststellen, dass es von den Direktoren damals als ihre Aufgabe angesehen wurde, dieses Handbuch vorzulegen, dass dann auch als Lehrbuch genutzt werden konnte. In ihm wurde alles zusammengetragen, was für die höheren Dienst und die Leitung von (Wissenschaftlichen) Bibliotheken (in Deutschland) als notwendig angesehen wurde.
  3. Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahren kommt es dann zu einer funktionalen Differenzierung. Das hat gewiss mit den gesellschaftlichen Veränderungen und der Modernisierung der westeuropäischen Gesellschaften zu tun. Für das Thema Lehrbücher des Bibliothekswesens relevant ist hier der Ausbau von Hochschuleinrichtungen, inklusive der Gründung neuer Hochschulen, die dann im Bibliothekswesen auch Professionalisierungstendenzen antrieben. Es gab mehr Bibliotheken, in den Bibliotheken immer mehr Personal und immer mehr Aufgaben. Es gab auch immer mehr Auftrennungen von Aufgaben. Zum Beispiel «entfernte» sich die Frage der Ausbildung des Personals offenbar immer mehr von den Direktionen weg, hin zu eigenen Abteilungen in den Bibliotheken und hin zum Aufbau von Studiengängen in Hochschulen. Es kam auch zu einem gewissen Ausbau von bibliothekswissenschaftlichen Strukturen (in Grenzen). Im Rahmen dieser Entwicklungen ist dann das «Bibliothekarische Grundwissen» relevant, welches 1972 das erste Mal erschien.4 (Aber ein vergleichbares Projekt, eher in Tradition der «Handbüchern» wäre für die DDR das «Lexikon des Bibliothekswesens», dass auch nur durch den Ausbau des wissenschaftlichen Personals im bibliothekswissenschaftlichen Bereich in Berlin-Ost möglich wurde.5) Es wurden vom Staat Einrichtungen aufgebaut, die eine Ausbildung auf Hochschulniveau anbieten sollten – nicht nur für das Bibliothekswesen – und gleichzeitig die wissenschaftlichen Grundlagen für die Praxis liefern sollten. Wissenschaft hiess damals mehr als heute nicht unbedingt vor allem «Innovation», sondern geklärte Grundlagen und zusammengefasstes Wissen. Rupert Hacker war nicht an einer solchen Hochschule angestellt, aber erster Dozent der «Bayerischen Bibliotheksschule», die eine ähnliche Aufgabe wahrnahm. Grundsätzlich wichtig ist: Es gab ab dieser Zeit Personen, in deren Aufgabenbereich es von ihren Berufsauftrag her fiel – für den sie dann zum Beispiel auch ihren Lohn erhielten –, solche Lehrbücher zu erstellen. Sicherlich in der Idee immer im Kontakt mit der Bibliothekspraxis, aber doch aus einer Position, in der sie dies eher theoretisch erarbeiten konnten – also zum Beispiel auch nicht so sehr von lokalen Erfahrungen oder Befindlichkeiten in einer Bibliothek beeinflusst waren.

2.2 Ein Lehrbuch, kein «Lehrbuch»

Mir ist klar, dass es nicht schwer ist (nicht so schwer ist), ein Buch mit dem Titel «Lehrbuch» herauszugeben. Das ist noch nicht mal zynisch gemeint. Es gibt aktuell ja zum Beispiel den Trend, in «Book Sprint» Expert*innen zu einem Thema zusammenzubringen, um sie ein solches Buch (dann gerne auch multimedial und unter freier Lizenz veröffentlicht) zu verfassen. Aber das meine ich nicht. Genausowenig wie Sammelwerke zu einem Thema, die mit dem Titel «Handbuch XYZ» veröffentlicht werden. Das sind beides Entwicklungen, Namen für Genres umzuinterpretieren – etwas, was grundsätzlich immer passiert, aber in diesem Fall auch wichtige Funktionen von Lehrbüchern (oder Handbüchern) fallen lässt.

Insoweit ist es hier notwendig, zu skizzieren, welchen Kriterien ein Lehrbuch, von dem ich hier rede, erfüllen muss.

  1. Ein Lehrbuch für eine Profession muss das Wissen, dass notwendig ist, um in diese Profession einzusteigen, in ihr eine Karriere haben zu können, seine Funktionen und Entwicklungen zu verstehen und es auch aktiv mitgestalten zu können, möglichst vollständig darstellen. Als Lehrbuch muss es das auch mit einem klaren, systematischen Aufbau tun: Das notwendige Wissen muss nacheinander vermittelt werden und es muss aufeinander aufbauen. Es muss praktisch möglich sein, dass Buch von vorne nach hinten durchzuarbeiten und dabei von den Grundlagen zu immer komplexeren Wissen zu gelangen. (Dieser Aufbau unterscheidet dann ein Lehrbuch dieser Art von einem Handbuch, dass eine andere Struktur haben kann.) Dabei muss ein Lehrbuch nicht alle Themen vollständig darstellen, sondern kann auch immer darauf verweisen, was für eine spezifische Karriere im Bibliothekswesen (beispielsweise in einem Bibliothekstyp, nur in der Katalogisierung oder nur in Beratungsdienstleistungen) noch weiterhin notwendig zu lernen wäre. Aber es muss alle relevante Themen so weit einführen, dass sie grundsätzlich verstanden werden können (beispielsweise was Regelwerke sind, warum sie notwendig sind und wie ihre theoretischen Grundlagen aussehen, aber nicht unbedingt die genauen Regelungen bei Spezialfällen der Katalogisierung).
  2. Ein Lehrbuch dieser Art muss also systematisch aufgebaut sein: Vom Grundlegenden muss es zum Komplexen gehen, alle relevanten Themen müssen enthalten sein, die anderen die Profession betreffenden Themen müssen mit Verweisen auf weitere Lernmöglichkeiten erwähnt werden. Ausserdem muss klar werden, warum die jeweiligen Themen überhaupt behandelt werden. Das heisst auch umgekehrt was ein solches Lehrbuch nicht sein darf: Es darf nicht eine Sammlung von gerade temporär interessanten Themen sein. Es darf auch nicht die Themen nur deshalb behandeln, weil eine oder ein paar Personen aus der Profession sie spannend finden. Ebenso darf es nicht einfach Beispiele enthalten, bei denen nicht klar wird, was aus denen zu lernen ist – grundsätzlich sollten Beispiele nur dann angeführt werden, wenn sie direkt zu einem Thema Bezug haben und wenn im Lehrbuch klar gemacht wird, was dieser Bezug ist. Ansonsten sollte man auf sie verzichten. (Lehrbücher werden zumindest prototypisch von potentiellen neuen Kolleg*innen «durchgearbeitet». Durch ihre Position als Lehrmaterial wird potentiell allem, was in einem Lehrbuch steht, ein hoher Wert zugemessen. Beispiele, die in einem Lehrbuch erwähnt werden, erscheinen dann schnell als mehr als ein Beispiel, eher als ein Prototyp. Das sollte vermieden werden.) Das unterscheidet Lehrbücher (oder, hier wieder gemeinsam, auch «richtige» Handbücher) von anderen Texten in einer Profession, beispielsweise Zeitschriftenartikel oder aktuelle Fachliteratur.
  3. Zur Systematik eines solchen Lehrbuches gehört auch, dass Begriffe und Konzepte eindeutig definiert werden. Es muss klar werden, dass diese Definitionen kein Selbstzweck sind (oder nur behandelt werden, um in Klausuren abgefragt zu werden), sondern das sie den Kern einer Kommunikation innerhalb einer Profession darstellen und dass die Entwicklung von eigenständigen Definitionen – entgegen der mehr oder minder unkritischen Übernahme von Begriffen aus anderen Bereich oder gar von Firmen und Berater*innen – eine für jede Profession notwendige Arbeit darstellt.
  4. Inhaltlich geht es in einem Lehrbuch dieser Art also nicht darum, die Meinungen, Einschätzungen oder Hoffnungen der einzelnen Autor*innen darzustellen, sondern jeweils den Konsens in der Profession. Wenn es keinen Konsens zu einem Thema gibt, wäre es eine Aufgabe, die unterschiedlichen Positionen darzustellen und zu sagen, warum es diese gibt. (Dabei wäre es dann auch wichtig, diese nicht schon wieder zu werten. Beispielsweise wären im Fall des Bibliothekswesen Begriffe wie «traditionell» und «innovativ» zu vermeiden, besonders, wenn sie einfach nur Behauptungen darstellen und nicht auf einer Darstellung der jeweiligen Geschichte basieren.) Ein Lehrbuch, nochmal, soll potentiellen neuen Kolleg*innen vermitteln, was in Bibliotheken wichtig ist und vielleicht auch diskutiert wird. Sie sollen dann in der Lage sein, sich in diesen Diskussionen zurecht zu finden und an ihnen teilzuhaben. Es geht in einem Lehrbuch aber gerade nicht darum, sie (schon) von einer Position zu überzeugen oder von einer anderen abzuhalten. Sicherlich: Das ist ein schwer umzusetzender Anspruch, insbesondere, wenn Leute davon überzeugt sind, dass ihre jeweilige Meinung eigentlich der Konsens wäre oder sein sollte. (Und das ist dann wieder ein wichtiger Unterschied zu anderen Publikationsformen, die sehr wohl Position beziehen sollen.)
  5. Lehrbücher dieser Art (und Handbücher) werden nicht einmal erstellt, sondern kontinuierlich betreut. Es ist klar, dass sich das Wissen, dass in ihnen dargestellt wird, kontinuierlich wandelt, also müssen sie auch regelmässig überarbeitet werden: Themen werden wichtiger oder verschwinden. Der Konsens verändert sich. Technologie, Gesellschaft, das Bibliothekswesen und anderes verändert sich. Kontinuierlich hiesst im Idealfall regelmässig (so wie es einst Redaktionen von Lexika taten, die es so ja auch nicht mehr gibt), zumindest aber in verlässlichen Zeitabständen und mit verlässlicher Qualität. Dabei muss im Auge behalten werden, dass es potentiell immer wieder neue potentielle Kolleg*innen sind, die dann die jeweils aktuelle Version des jeweiligen Lehrbuches nutzen werden, um sich das Wissen für den Einstieg in die Profession zu erarbeiten. Es muss also immer wieder alles Grundlegende vermittelt werden. (Diese Kontinuität unterscheidet Handbücher von den meisten Werken, die heute im Bibliothekswesen mit «Handbuch XYZ» betitelt werden, aber bei denen oft keine Struktur im Hintergrund steht, welche diese kontinuierliche Überarbeitung garantiert.)

2.3 Le Métier de Bibliothécaire

Eine Sache, die mich dazu motiviert hat, über ein Lehrbuch nachzudenken, ist, dass ich das französische Pendant zum «Bibliothekarischen Grundwissen gelesen habe.6 «Le Métier de Bibliothécaire» wurde zuletzt 2019 publiziert. Hinter ihm steht eine Redaktion, die schon länger vom Bibliotheksverband, der Accosiation des bibliothécaires de France, organisiert wird. «Le Métier» erscheint auch schon etwas länger als das«Bibliothekarisches Grundwissen» (seit 1966), aber es hat eine ähnliche Funktion: Es ist das Lehrbuch, welches den Einstieg in das Bibliothekswesen ermöglichen soll. Dafür liefert es einen Überblick zum relevanten Wissen, zu Entwicklungen und liefert auch Definitionen und Begriffe.

Aber was vor allem auffällt, wenn man «Le Métier de Bibliothécaire» und «Bibliothekarisches Grundwissen» nebeneinander liest, sind die Unterschiede. Sicherlich: Das eine Buch bezieht sich auf das französische Bibliothekswesen und stellt auch dessen Strukturen dar; das andere Buch auf das deutsche. Aber die Unterschiede sind viel grösser. Beide Bücher haben einen mehr oder minder systematischen Aufbau, aber sie haben andere Inhalte. Zudem ist «Le Métier» ein Sammelwerk, dass heisst, es gab einen Publikationsplan und Redaktionsarbeit, aber die Texte selber haben einzelne Autor*innen. «Bibliothekarisches Grundwissen» hat einen Autor. Es gibt Inhalte, die sich in beiden Büchern finden und Inhalte, die sich nur in einem finden. Es ist auch nicht so, als wäre eines einfach umfangreicher und hätte einfach deshalb mehr Inhalt, sondern es sind teilweise wirklich unterschiedliche Inhalte. Einiges lässt sich durch die verschiedenen Bibliothekssysteme erklären (beispielsweise die höhere Bedeutung von Veranstaltungen ausserhalb der Bibliotheken in Frankreich), anderes aber nicht.

Einen tieferen Vergleich zwischen den beiden Lehrbüchern – und dann wohl auch noch mehr aus anderen Ländern – könnte man einmal anderswo durchführen. Aber für mich relevant war die Erkenntnis, dass ein Lehrbuch nicht unbedingt so aussehen muss oder erstellt werden muss, wie «Bibliothekarisches Grundwissen». Obwohl es beide Male um die gleiche Aufgabe und die gleiche Profession geht, ist es möglich, andere Entscheidungen über die inhaltliche Ausgestaltung zu treffen – ohne das eine Lösung per se falsch und richtig wäre. Immer können andere Entscheidungen über die Struktur hinter dem Lehrbuch getroffen werden, als das bislang bei den beiden der Fall war. Das heisst auch, ein potentielles neues Lehrbuch könnte tatsächlich anders aussehen, als «Bibliothekarisches Grundwissen» heute aussieht (oder als «Le Métier» heute aussieht).

2.4 Zeitgeist und Projekte

Es gab – wie weiter oben (Kapitel 2.1) dargestellt wurde – also eine Entwicklung von einzelnen Direktoren, die sich dazu berufen fanden, bibliothekarische Lehrbücher zu schreiben (Anfang-Mitte des 19. Jahrhunderts), hin zu Lehrbüchern, die gemeinsam von Direktoren entwickelt wurden (Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts), bis zu einer eigenen Profession an Hochschulen, die neben der Lehre auch die Aufgabe erhielten, Lehrbücher zu erstellen (Mitte des 20. Jahrhunderts).7

Das ist jetzt, Anfang des 21. Jahrhundert, vorbei. (Vielleicht wird es noch einmal ein Lehrbuch aus München geben, weil die jetzige Bibliotheksakademie Bayern immer noch eine besondere Institution ist. Aber mir scheint es nicht wahrscheinlich.) Warum? Das hat vor allem mit dem Umbau der Hochschulen zu tun. Fachhochschulen im DACH-Raum – und sie ist es, wo der Hauptteil der bibliothekarischen Ausbildung auf Hochschulniveau stattfindet, auch wenn es mit der Humboldt Universität eine Ausnahme gibt – sind nicht mehr die gleichen Einrichtungen wie in den 1970er Jahren. Ihr Aufgabenbereich ist eingeschränkt oder fokussiert worden, ihre Finanzierung findet anders statt. Grundsätzlich war es vor einige Jahrzehnten so organisiert, dass die Hochschulen und das Personal an den Hochschulen dafür finanziert wurde, bestimmte Funktionen zu übernehmen. Zu diesen zählte auch, den Wissensstand zu ihrem Fachgebiet aufzubereiten und darzustellen. Diese Funktion wurde ihnen im Laufe der funktionalen Differenzierung der Gesellschaften zugedacht. Andere Organisationen oder Personengruppen, die diese Funktion zuvor mit übernahmen, hatten diese dann nicht mehr – dafür aber viele andere. Das sieht man in der gerade dargestellten Entwicklung auch sehr gut: Anfang des 19. Jahrhunderts konnte Schrettinger noch mit einigem Recht für sich in Anspruch nehmen, eine Bibliothek zu leiten, direkt in deren Arbeit eingebunden zu sein und gleichzeitig eine Wissenschaft zu begründen sowie das grundlegende Lehrbuch für diese zu schreiben. Später konnten die versammelten Bibliotheksdirektoren – die dann schon sehr wenig in der konkreten bibliothekarischen Arbeit engagiert waren, sondern vor allem leiteten – mit Recht in Anspruch nehmen, grundlegende Lehrbücher und Handbücher zu schreiben. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts waren es dann die Hochschulen, die die Aufgabe hatten, Wissen zu versammeln und deshalb auch Lehrbücher zu erstellen, während die Bibliotheksleitungen immer mehr zur Managementebene ihrer Bibliotheken wurden.

Aber das ist aufgebrochen: Es gibt an den Hochschulen praktisch keine langfristige, grundständige Finanzierung von Stellen mehr, es ist auch nicht mehr ihre Aufgabe, Wissen grundsätzlich zu versammeln und darzustellen. Alle Hochschulen sind zu Lehr- und Forschungseinrichtungen geworden, wobei gerade die Fachhochschulen auf eine Forschung verpflichtet werden, die «praxisorientiert» und «innovativ» sein soll. So ist auch die Finanzierung aufgestellt: Es gibt eigentlich keine grundständige Finanzierung für kontinuierliche Aufgaben an Hochschulen mehr, sondern alle Finanzierung ist Projektbezogen: Alles muss irgendwie direkt finanziert werden – jede Forschung bedarf einer Projektfinanzierung, zumeist aus Drittmitteln, jeder Studiengang wird mit Bezug darauf, wie viele Studierende eingeschrieben sind, finanziert (und nicht etwa, wie gesellschaftlich relevant er angesehen wird).8 Das sind auch die Quellen, die alle anderen Finanzierungen (beispielsweise für «nicht-wissenschaftliches» Personal) mit bestimmen.

Das ist politisch gewollt und man kann lange darüber diskutieren, ob es der richtige Weg ist (ist er selbstverständlich nicht). Aber hier geht es mir um etwas anderes, nämlich darum, was dies für die einst den Hochschulen «zugewanderte» Aufgabe des Erstellens von Lehrbüchern bedeutet. Es gibt sie nicht mehr als Aufgabe, die praktisch in der Hochschulfinanzierung «eingepreist» ist. Lehrbücher können praktisch nicht mehr einfach als Teil der Arbeit an der Hochschule geschrieben werden. Weder ich noch die Kolleg*innen an den anderen Hochschulen können sagen: «Mein Projekt ist jetzt das Erstellen eines Lehrbuches.» Das ginge nur, wenn es als Projekt finanziert würde. Ansonsten ist das alles «Privatvergüngen» für die Freizeit.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, wer so ein Projekt finanzieren könnte. Die politische Idee hinter dieser Form der Hochschulfinanzierung ist, dass sich eine Finanzierung finden würde, wenn es zum Beispiel von der betreffenden Profession als relevant angesehen würde – dann würde die Profession das irgendwie organisieren (beispielsweise selber finanzieren oder auch Ministerien, Stiftungen oder so um die Finanzierung angehen). Aber selbst, wenn dies passieren würde (wenn beispielsweise die Bibliotheksverbände des DACH-Raumes sich zusammentun und von den jeweiligen Kultusministerien das notwendige Geld einwerben würden, um es dann als Projekt an Hochschulen zu geben), würde eine weitergehende Frage offenbleiben, nämlich, wie so ein Lehrbuch in Zukunft fortgeschrieben würde. Seit den 1970er Jahren war es in gewisser Weise die heutige Bibliotheksakademie in München, die sich um diese Arbeit kümmerte – das war in gewisser Weise eingepreist im Betrieb dieser Einrichtung. Das gesamte Bibliothekswesen im DACH-Raum hat davon profitiert. (Ausser, vielleicht, die DDR – es wäre interessant zu wissen, ob dort die jeweilige Ausgabe von «Bibliothekarisches Grundwissen» verwendet wurde und wenn ja, wie. Aber selbst wenn nicht, gab es dort die Finanzierung des Instituts an der Humboldt Universität.) Das ist aber wohl vorbei. Im Rückblick bin ich überrascht, dass es überhaupt die letzte Ausgabe gab – das war damals schon aus der Zeit gefallen, dass ein Professor an einer Einrichtung die Arbeit an diesem Lehrbuch als Teil seiner Arbeit finanziert bekommen hat.

Man kann das als «Zeitgeist» bedauern, aber man muss die Situation auch realistisch sehen: Die Hochschulen haben nicht mehr die «selbstverständliche» Aufgabe, so umfassende Werke vorzulegen. Es gibt aber auch keine Einrichtung in der Profession (mehr), an die diese Aufgabe quasi automatisch übergehen würde. Die Direktionen der Bibliotheken, auch der grossen Einrichtungen, sind heute mit anderen Aufgaben betraut. Die Bibliotheksverbände haben auch immer mehr die Aufgabe von Lobbyorganisationen. (Und der «Markt» der Bibliotheken ist auch zu klein, als das Verlage als Finanziers eines solchen Buches einspringen würden – zumal auch sie immer mehr in kurzfristigen Projekten denken.)

Kurzum: Die gleiche Projektorientierung, die dazu geführt hat, dass zum Beispiel der Grossteil des Arbeit an Bibliographien in Bibliotheken und Forschungseinrichtungen eingestellt wurde, weil diese eine kontinuierliche Finanzierung bedeuten, hat auch dazu geführt, dass Hochschulen keine Lehrbücher mehr produzieren. (Muss das so bleiben? Kann es nicht auch politische Entscheidungen in eine andere Richtung geben? Sure, vielleicht. Aber aktuell sieht es nicht danach aus.)

3. Warum ein Lehrbuch für das Bibliothekswesen notwendig ist

Was der kurze Blick zurück unter anderem zeigt, ist, dass es praktisch mit Beginn der Professionalisierung des Bibliothekswesens als eigenständiger Profession auch die Idee gibt, dass sowohl Lehrbücher als auch Handbücher notwendig wären. Die Trennung in zwei unterschiedliche, sagen wir einmal, Genres, kommt erst mit der Zeit und ist auch nie vollständig – da beide Formen auch ähnliche Funktionen für die Profession übernehmen (die werde ich gleich thematisieren). Gleichzeitig gibt es auch immer wieder neue Anfänge – die jeweils «alten» Lehrbücher und Handbücher werden als überholt, unvollständig, unaktuell angesehen, es müssen dann neue erstellt werden. Teilweise wegen politischer Entwicklungen (zum Beispiel ist klar, dass ein Lehrbuch aus dem Kaiserreich ganz andere politische Grundüberlegungen hat als ein Lexikon aus der DDR), aber das ist bei weitem nicht die einzige Erklärung. Es gibt einfach immer Entwicklungen in der Profession, in der Gesellschaft, bei den Medien (Medienarten, Mediennutzung, Medienmarkt und so weiter), die dazu führen, dass Teile des Wissens einer Profession veralten und aktualisiert werden müssen. Das trifft das Bibliothekswesen genauso wie jede andere Profession.

Warum gibt es dieses kontinuierliche Interesse an Lehrbüchern und Handbüchern? Weil sie für einen Profession wichtige Aufgaben übernehmen. Sie sind wichtig, damit eine Profession ein eigenständiges Wissen ausprägen kann, dass sowohl für die konkrete Praxis (also hier die Leitung von Bibliotheken, die Arbeit in Bibliotheken sowie die Entwicklung der Bibliotheken) wichtig ist als auch sie von anderen Professione abtrennt. Was passiert, wenn diese Orientierungsfunktion wegfällt, muss man wohl noch sehen: Entweder deprofessionalisiert sich die Profession (sie wird weniger einheitlich, weniger gut gegen andere Professionen abgegrenzt, weniger gut dabei, ihre Funktionen zu erfüllen) oder sie findet einen anderen Weg, professionell zu bleiben (also sich gemeinsam weiterzuentwickeln). Ich hoffe auf letzteres, aber… die Gefahr der Deprofessionalisierung ist immer da.

Die Funktionen, die Lehrbücher für Professionen übernehmen, sind weiterhin wichtig. Und deshalb argumentiere ich hier, dass es weiterhin ein mehr oder minder verbindendes Lehrbuch für das Bibliothekswesen braucht – auch, wenn es zumindest nicht mehr so erstellt werden wird, wie in den letzten Jahrzehnten.

Was sind diese Funktionen?

  • Ein Lehrbuch ist erstmal selbstverständlich ein Unterrichtsmittel für die Personen, die an Hochschulen, in Bibliotheken und im weiteren Bibliothekswesen (zum Beispiel an / durch Fachstellen) Personal für die Bibliotheken aus- und weiterbilden. Ich bin so jemand und weiss aus meiner Praxis und der anderer, dass wir alle unseren eigenen Lehrmittel erstellen. Einerseits, weil das Lehrbuch veraltet (und in meinem Fall – kommen wir noch dazu – für «mein Land» nicht immer anwendbar) ist, andererseits, weil Unterricht und Lehre halt nicht einfach das Vorlesen eines Lehrbuches darstellt. Aber was ein Lehrbuch macht, auch wenn es nicht direkt oder nur zum Teil direkt verwendet wird, ist, zu klären, welche Inhalte in der Lehre wichtig sind, welche nicht und was an Wissen vermittelt werden sollte. Es ist nicht egal, was in ihm steht, sondern es ist geprägt von dem, was in der Profession als wichtig gilt, aber es prägt auch, was in ihr als wichtig angesehen wird. Es strukturiert also einen Diskurs in der Profession, der dann weitergeführt werden kann. Die inhaltlichen Unterschiede zwischen «Bibliothekarisches Grundwissen» und «Le Métire de Bibliothécaire» sind relevant für die Unterschiede zwischen französischem Bibliothekssystem und denen im DACH-Raum.
  • Gleichzeitig fasst ein Lehrbuch zusammen, was als notwendiges Wissen zur Arbeit in einer Bibliothek angesehen wird. Dies nicht nur für Lehrende, sondern auch für Lernende / Studierende (und, im Fall des Bibliothekswesens, immer auch «Quer-einsteigenden»), aber auch für Personen, die schon im Bibliothekswesen arbeiten. Das die Lehr- und Handbücher Anfang des 20. Jahrhunderts grossen Wert auf die Buchkunde gelegt haben (also beispielsweise Buchgeschichte, Aufgabe von Büchern, konkreter Druck von Büchern, Literaturgeschichte und aktuelle Entwicklungen in der Literatur), das aber in «Bibliothekarisches Grundwissen» kaum noch Thema ist, dafür aber mehr Medienformen angesprochen werden, ist so ein sichtbarer Wandel. Auch, dass in «Le Métire de Bibliothécaire» Wert auf die Soziologie des Lesens und des Literatursystems gelegt wird, dies aber in «Bibliothekarisches Grundwissen» praktisch gar nicht vorkommt, zeigt, dass dieses «notwendige Wissen» nicht einfach fest ist, sondern sich einerseits aus dem jeweiligen Bibliothekssystem ergibt und dieses andererseits auch prägt.
  • Ein Lehrbuch stellt auch Wissen darüber zusammen, welche Aufgabe eine Profession hat, welche Strukturen existieren, warum sie existieren (also oft, wie ihre Geschichte ist) und welche Hauptdiskurse die jeweilige Profession prägen. Auch das ist relevant für die Profession: Was im Lehrbuch nicht (mehr) angesprochen wird, kann als Thema schnell verschwinden. Hier wäre wieder der unterschiedliche Stellenwert der Literaturkunde zu nennen: Im frühen 20. Jahrhundert im DACH-Raum ein wichtiger Teil der bibliothekarischer Ausbildung und Arbeit, wird es heute praktisch nicht mehr thematisiert. (Das zeigt sich in den verschiedenen deutschen Lehrbüchern.) Ebenso: Was als Thema in Lehrbücher aufgenommen wird, gewinnt an Bedeutung. Lehrende und Lernende werden sich mit dem Thema auseinandersetzen, aber auch die Profession selber wird zum Beispiel erwarten, dass zu diesen Thema Wissen vorhanden ist bei Personen, die in Bibliotheken arbeiten werden. Kurzum: Lehrbücher prägen die Aufgaben, Themen und Diskurse einer Profession mit.
  • Gleichzeitig sollen Lehrbücher Grundlagen für Personen legen, die dann im Idealfall bis zur Rente in der Profession verbleiben. In hier diskutierten Fall also im Bibliothekswesen selber. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts heisst das auch: Alle Personen auf allen Stufen und in allen Karrierewegen innerhalb des Bibliothekswesens, nicht – wie zuvor – nur in Direktionen und hohen Positionen. Das unterscheidet Lehrbücher von anderen Werken: Es soll die Grundlage sein, auf der dann in Zukunft aufgebaut wird. Das heisst, es gilt in Lehrbüchern auch zu entscheiden, was grundlegendes Wissen und was kurzlebige Trends sind. Es bringt nichts, wenn in ihnen Themen angesprochen werden, die aktuell als vielleicht relevant gelten, aber zehn Jahre später praktisch nicht mehr besprochen werden.9 Das unterscheidet sie auch von Lehrmitteln, die jedes Semester neu erstellt oder angepasst werden können. Sie haben also die Aufgabe, ein Grundwissen abzugrenzen von relativ schnellen Entwicklungen – und gleichzeitig dabei keine relevante Entwicklung zu übersehen.
  • Das gilt auch andersherum: Lehrbücher sollen keine Geschichtswerke sein, welche jede Wendung der jeweiligen Profession oder seiner Strukturen darstellen. Aber sie müssen ein Grundwissen darüber vermitteln, wieso die Profession so ist, wie sie ist – also, was sie «durchlebt» hat und wie sie so geworden ist, wie es heute ist. Das ist aus mehreren Gründen wichtig: Lehrbücher sollen ein Wissen vermitteln, dass gegen zu schnelle Behauptungen darüber, was der «immerwährende Kern» einer Profession ist (in unserem Fall zum Beispiel die Behauptung «Bibliotheken waren schon immer demokratische Einrichtungen») und wie sie sich entwickeln werden, helfen soll. Es soll ein Wissen sein, dass es Personen im Bibliothekswesen ermöglicht, zu handeln. Und gleichzeitig sollen Lehrbücher zeigen, dass eine Profession in ständiger Bewegung ist (vielleicht auch warum), dass also Veränderung auch möglich ist und des Engagements von Personen bedarf.
  • Lehrbücher sollen Personen auch nicht zu gehorchenden Angestellten erziehen, sondern zu Mitgliedern der Profession, die Verantwortung für die eigene Arbeit, für die Entwicklung ihrer eigenen Einrichtung (oder, im Laufe ihrer Karriere, Einrichtungen) sowie die Profession im Gesamten übernehmen. Dazu müssen sie auch vermitteln, dass das Wissen in den Lehrbüchern sich immer in Veränderung befindet.
  • Und – das kann man als wichtigste, aber oft übersehene Funktion von Lehrbüchern oder Handbüchern beschreiben: Sie vermitteln ein gemeinsam geteiltes Vokabular. Nicht nur bestimmen sie in gewisser Weise, welche Themen wichtig sind, sondern auch, wie bestimmte Dinge benannt, wie sie voneinander differenziert werden oder auch, was bestimmte Begriffe bedeuten.10 Im Unterricht kann das selbstverständlich dazu führen, dass Definitionen auswendig gelernt werden (müssen). Aber solche Definitionen haben auch Vorteile – Leute wissen innerhalb einer Profession, worüber sie gemeinsam reden und konstituieren damit überhaupt erst Diskursgemeinschaften, die auch über konkrete Themen reden können.

Ich hoffe, es ist klar geworden, warum ich zumindest denke, dass ein Lehrbuch (oder darüber hinaus – aber darüber wollte ich hier nicht auch noch reden – ein Handbuch) für das Bibliothekswesen weiterhin notwendig ist: Es ist meiner Meinung nach notwendig, um eine kohärente Profession Bibliothekswesen zu haben und auch Personen ausbilden (oder, bei Quereinstieg, sich selber bilden) zu können, die ihre Karriere aktiv in dieser Profession ausüben können. Es ist auch notwendig, um professionelle Debatten als eigene Profession zu führen (und sich nicht zum Beispiel von Verlagen oder anderen Akteur*innen vor sich hertreiben zu lassen).

4. Welche Infrastrukturen braucht ein Lehrbuch (heute)?

Im diesem Abschnitt möchte ich einige erste Ideen dazu präsentieren, wie das Erstellen und Fortschreiben eines solchen Lehrbuchs aussehen könnte. Es mag gut sein, dass es andere, einfachere Möglichkeiten gibt, die ich nicht sehe. Aber was hoffentlich klar ist: Die «alten» Strukturen sind dafür nicht mehr ausreichend. Gleichzeitig hat sich der Staat, der sich der Organisation dieser Aufgabe über die Finanzierung von Hochschulen im Laufe des 20. Jahrhunderts angenommen hatte, wieder zurückgezogen. Die Fachhochschulen und Ausbildungseinrichtungen werden es deshalb nicht machen (können), Bibliotheksdirektor*innen (egal ob im Verbund oder gar alleine) werden es nicht machen, auch werden weder Verlage noch ein Ministerium diese Aufgabe übernehmen.

Die Profession muss es (wieder) selber übernehmen.

Aber eventuell ist es möglich, andere Infrastrukturen zu nutzen oder aufzubauen. Was müssten diese ermöglichen?

  • Zuerst müsste ein Bedarf an einem solchen übergreifenden Lehrbuch erkannt werden. Wenn nur ich den sehe, mag das eine Privatmeinung sein. Nur wenn «das Bibliothekswesen» selber es als Bedarf sieht, hat es die Chance, überhaupt angegangen zu werden. Ich denke ja, dass es ganz überzeugend ist, warum es notwendig ist. Jede Profession, die wirklich als Profession funktioniert, hat solche gemeinsamen Werke, in denen Grundwissen vereinigt und die wichtigsten gemeinsamen Begriffe und Konzepte definiert sind. Aber, well, nur wenn das Fehlen eines solchen Lehrbuchs breithin als Problem angesehen wird, kann es tatsächlich geändert werden. Das ist kein Thema für nur eine Person oder eine kleine Anzahl interessierter Personen.
  • Eine Infrastruktur, welche das Erstellen eines solchen Lehrbuchs übernimmt, muss perspektivisch auch die regelmässige Überarbeitung organisieren. Wie oft das sinnvoll ist, weiss ich nicht. Aber irgendwo zwischen fünf und zehn Jahren wird bestimmt eine gute Zeitspanne sein – wenn sich genug geändert hat. Es geht aber nicht um ein einmaliges Projekt, sondern um eine regelmässig auftretende Aufgabe.
  • Die Infrastruktur sollte auch für den gesamten DACH-Raum agieren. Ein Problem, dass ich mit «Bibliothekarisches Grundwissen» habe, ist, dass es sich nur auf das deutsche Bibliothekswesen fokussiert. Selbstverständlich aus einem guten Grund: Es ist vor allem für die Ausbildung in München konzipiert worden. Aber das macht es für die Bibliothekswesen in der Schweiz, Österreich oder Liechtenstein nur bedingt nützlich, obwohl die Unterschiede so gross nicht sind und es auch nicht so eine grosse Aufgabe wäre, das zu ändern. Falls jemand daran geht, ein Lehrbuch neu «aufzugleisen», sollte das gleich für den ganzen Sprachraum geschehen, da es eh immer einen Austausch (und Wechsel von Personal) zwischen diesen Ländern gibt.

Wer könnte so eine Infrastruktur, realistisch betrachtet, jetzt stellen? Wie gesagt: Ich sehe da weder die Hochschulen, weil es nicht mehr zu den finanzierten Aufgaben gehört, am Zug, noch Verlage, weil sich die notwendige Arbeit mit dem Verkauf des Lehrbuchs nicht finanzieren lässt. Realistisch scheint es mir drei, auch kombinierbare, Möglichkeiten zu geben:

  • Die Bibliotheksverbände als Organisationen der Professionen könnten dies übernehmen, gemeinsam. Ich weiss, gerade in Deutschland wäre da noch zu klären, welche Verbände genau. Aber es wäre zumindest denkbar, dass zum Beispiel eine verbands- und landesübergreifende Arbeitsgemeinschaft gegründet wird, die dann langfristig an einem solchen Lehrbuch arbeitet. (Hier wäre Frankreich ein mögliches Vorbild.) Ob die Arbeitsgemeinschaft selber das Lehrbuch erstellt (wie das in kleinerem Rahmen ja zum Beispiel bei den Richtlinien des Bibliotheksverbandes in der Schweiz und anderen Dokumenten geschieht) oder dafür zuständig ist, die notwendigen Ressourcen einzuwerben und die Arbeit zu organisieren, aber sie von anderen ausführen zu lassen, müsste dann noch geklärt werden.
  • Nicht die Direktionen der grossen Bibliotheken – wie zum Anfang des 20. Jahrhunderts –, aber die grossen Bibliotheken selber könnten die Aufgabe übernehmen. Einige Bibliotheken haben auch heute in ihren jeweiligen Ländern Aufgaben bei der Ausbildung, aber auch zum Beispiel den Betrieb von Infrastruktur (zum Beispiel die ETH Zürich, die Staatsbibliotheken in Berlin und München oder die Nationalbibliothek Wien). Darauf könnte man aufbauen, wenn das von den Bibliotheken gewollt wäre. Auch die Zusammenarbeit der Nationalbibliotheken im DACH-Raum, beispielsweise bei der Fortschreibung von Katalogisierungsstandards, kann als Beispiel dafür herangezogen werden, dass eine solche länderübergreifende Zusammenarbeit funktionieren kann, wenn sie gewollt ist. Aufgabe wäre dann, andere Bibliothekstypen mit einzubeziehen.
  • Letztlich könnte ein eigenständiger Verein, eine eigenständige Stiftung oder ähnliche Institution diese Aufgabe übernehmen. Aber das wäre vor allem eine andere Lösung für die Frage, wie Zusammenarbeit organisiert werden könnte – am Ende müsste so eine Entität von der Profession, also wohl vor allem den Verbänden und Bibliotheken selber, beauftragt und wohl auch finanziert werden.

Was man durch eine solche Organisation – im Gegensatz zur Hoffnung darauf, dass schon irgendwie in München die nächste Version erarbeitet wird – gewinnen würde, wäre ein zumindest potentiell transparenter Prozess der Erarbeitung des notwendigen Wissens. Man könnte gemeinsam besser diskutieren, was überhaupt zum notwendigen geteilten Wissen für das Bibliothekswesen gehört, was definiert werden sollte und wie. Zudem könnte es auch zu mehr Forschung führen, die explizit den Status Quo untersucht, also weniger «innovative» Themen oder Zukunftsfragen und sondern viel mehr die Frage, wie bestimmte Dinge tatsächlich in Bibliotheken gemacht und verstanden werden, weil so ein Wissen für ein Lehrbuch wichtiger ist.

Fussnoten

1 Gantert, Klaus (2016). Bibliothekarisches Grundwissen. (9., vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auflage) Berlin ; Boston: De Gruyter, 2016.

2 Schrettinger, Martin (1829). Versuch eines vollständigen Lehrbuchs der Bibliothek-Wissenschaft oder Anleitung zur vollkommenen Geschäftsführung eines Bibliothekars. 2 Bände. München: Jos. Lindauer´sche Buchhandlung, 1829.

3 Milkau, Fritz ; Leyh, Georg (Hrsg.) (1931). Handbuch der Bibliothekswissenschaft. Band1: Schrift und Buch. Leipzig: Otto Harrassowitz, 1931. Milkau, Fritz ; Leyh, Georg (Hrsg.) (1933). Handbuch der Bibliothekswissenschaft. Band 2: Bibliotheksverwaltung. Leipzig: Otto Harrassowitz, 1933. Milkau, Fritz ; Leyh, Georg (Hrsg.) (1940). Handbuch der Bibliothekswissenschaft. Band 3: Geschichte der Bibliotheken. Leipzig: Otto Harrassowitz, 1940. Milkau, Fritz ; Leyh, Georg (Hrsg.) (1942). Handbuch der Bibliothekswissenschaft. Band 4:Register. Leipzig: Otto Harrassowitz, 1942.

4 Hacker, Rupert ; Popst, Hans (Mitarb.) ; Schöller, Rainer (Mitarb.) (1972). Bibliothekarisches Grundwissen. München-Pullach : Berlin: Verlag Dokumentation, 1972.

5 Kunze, Horst (Hrsg.) ; Rückl, Gotthard (Hrsg.) ; Riedel, Hans (Mitarb.) ; Wille, Margit (Mitarb.) (1969). Lexikon des Bibliothekswesens. Leipzig : Bibliographisches Institut, 1969

6 Henard, Charlotte (dir.) ; Gaillard, Romain (con.) ; Renaudin, Coline (con.) ; Villenet-Hamel, Mélanie (con.) (2019). Le Métier de Bibliothécaires. (13e Édition) Paris: Éditions du Cercle de la Libraire, 2019

7 Das ist nicht automatisch so gegeben. In Frankreich war es anders, deshalb steht jetzt auch der Bibliotheksverband hinter dem Lehrbuch.

8 Hinzu kommt, dass ist praktisch allen bibliothekarischen Studiengängen im DACH-Raum (aber nicht nur dort) die Zahl der Studierenden kontinuierlich zurückgeht. Man kann also auch nicht erwarten, dass ein Lehrbuch praktisch als «Nebenprodukt» der Lehre entsteht, weil es durch die Finanzierung des Lehrpersonals über die Anzahl der Studierenden in Zukunft auch immer weniger Lehrpersonal geben wird – und das heutige schon so aufgestellt ist, dass es wohl kein neues Lehrbuch schreiben wird.

9 Ich habe diesen Sommer in einer Studie die Artikel der bibliothekarischen Zeitschriften im DACH-Raum von 2001, 2011 und 2021 verglichen und dort kann man tatsächlich sehr gut sehen, wie einmal relativ intensiv besprochene Themen zehn Jahre später praktisch nicht mehr Thema sind. Zwei Beispiele wären Fördervereine (2001 wichtig, nachher nicht mehr) und die «Bibliothek 2.0» (2011 ein relevantes, aufstrebendes Thema, jetzt kaum noch als Name bekannt). Es ist also keine einfache Behauptung, dass Themen wieder verschwinden, sondern das kann man empirisch nachvollziehen.

10 Im Bibliothekswesen beobachte ich mit einiger Sorge, dass wir dieses gemeinsam geteilte Vokabular kaum haben. Wenn, dann nur in einigen Teilbereichen. Aber ich finde es immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich bestimmte Dinge genannt werden oder auch was unterschiedliches zusammengefasst wird. Wieder mal scheint mir das französische Bibliothekswesen es anders zu machen (aber vielleicht ist das nur meine Wahrnehmung von aussen, zumal es ja auch problematisch sein kann). Es ist aber tatsächlich der Punkt, auf den ich zuerst deuten würde, wenn jemand fragen würde, ob es gewisse Tendenzen zur Deprofessionalisierung im Bibliothekswesen im DACH-Raum gibt.