Ein Repository für Projekte in Bibliotheken? Gut wäre es ja.

Es ist noch gar nicht Weihnachten, aber ich dachte, ich schreibe hier dennoch mal einen Wunsch auf. Oder vielleicht auch einen Traum. Oder zumindest: Etwas, was ich wünschte, dass es dies im Bibliothekswesen im DACH-Raum gäbe, als gelebte Praxis. Etwas, was ich mir im Alltag an der Hochschule so wünsche, aber von dem ich auch denke, dass Bibliotheken selber profitieren würden.

Also: Es wäre gut, wenn es ein Repository gäbe für all die Projektberichte, Daten aus Projekten und vielleicht auch gescheiterten Projektanträge (intern und extern) von Bibliotheken. Eines, dass auch aktiv genutzt wird und nicht nur als fast tote Datenbank «irgendwo» existiert.

Aktuell ist es Praxis in Bibliotheken, gerade Wissenschaftlichen (aber auch immer mehr grossen Öffentlichen), immer und immer wieder neue Projekte aufzusetzen. Wohl auch viel mehr intern finanzierte als extern finanzierte. (Was relevant ist, weil extern finanzierte viel eher in Projektberichten enden, die dann auch viel eher noch irgendwie publiziert werden, teilweise publiziert werden müssen, als intern finanzierte.) In diesen Projekten werden kontinuierlich Recherchen gemacht, Paper geschrieben, sich intern und in Netzwerktreffen gegenseitig Vorträge gehalten, Interviews und Umfragen gemacht, Software verglichen, Anforderungsprofile erstellt und so weiter. Kurzum: Es wird Wissen erstellt. Selbstverständlich immer auf die Praxis bezogen.

Dass das passiert, weiss man. Aber wo und was genau, dass ist immer undurchsichtig, ausser man steckt gerade in den aktuellen Strukturen, Netzwerken, Projekten und so weiter mit drin. Das kann man aber nicht immer tun und deshalb gibt es auch bei den best-vernetzten Kolleg*innen wohl immer das Gefühl, woanders etwas zu verpassen. (Dazu trägt auch bei, dass in Bibliotheken, je grösser sie sind, Aufgaben in immer mehr Arbeitsgruppen und Untergruppen verteilt wird, die sich dann wieder in Netzwerken zwischen verschiedenen Bibliotheken kommunizieren, aber gleichzeitig sich zum Teil von der Bibliothek, in der sie angesiedelt sind, lösen.) Es ist ja nicht so, dass nichts passiert. Eher passiert zuviel gleichzeitig.

Und parallel dazu ist es leicht, dass Gefühl zu kriegen, dass alles schon mal gemacht wurde. Nimmt man an einer Umfrage teil und gibt ein Interview hat man oft das Gefühl, dass alles doch schon mal gesagt zu haben. Oder hört man von einer Umfrage, ist es nicht selten so, dass man von irgendwoher weiss, dass das in einem anderen Projekt, einer anderen Bibliothek schon mal eine ähnliche Umfrage gab. Es stellt sich schnell der Effekt ein (in der Schweiz vielleicht noch schneller als in Deutschland), dass sich irgendwie alle untereinander immer wieder neu zu den ähnlichen Themen befragen.

Oder, noch anders formuliert: Das Gefühl ist schnell da, dass irgendwie die gleich Arbeit immer wieder neu gemacht wird.

Stimmt das? Who knows. Niemand kann das wirklich sagen, weil es keinen Überblick über all diese geleistete Arbeit gibt.

Und hier kommt meine, sagen wir mal, Idee eines Repositories für all diese Projekte ins Spiel. Es wäre recht egal, wie genau das aufgebaut wäre.

  • Wichtig wäre halt, dass es ein Ort sein müsste, wo Bibliotheken (oder auch Arbeitsgruppen in Bibliotheken, Netzwerken von Arbeitsgruppen, egal wie sie sich nennen, und so weiter) anlegen könnten, dass es solche Projekte gibt oder auch nur geben soll.
  • Dann zu den Projekten alle erstellten Berichte, Datensammlungen, Präsentationen und so weiter hochgeladen werden könnten. (Soweit die denn öffentlich geteilt werden können, wobei man wohl zwei Hürden zu überwinden hat, erstens die – sagen wir mal – forschungsethischen Fragen wie die Anonymisierung von Daten und zweitens die Angewohnheit vieler Bibliotheken, solche Berichte und Präsentationen intern halten zu wollen, auch wenn es dafür manchmal gar keinen richtigen Grund gibt.)
  • Selbstverständlich muss das alles mit ordentlichen Metadaten ausgezeichnet werden – was Arbeit ist, ohne Frage, aber auch für Bibliotheken gerade kein Neuland.
  • Langzeitverfügbar sollte es auch sein. Auch hier: Irgendwie selbstverständlich, aber in der Umsetzung schwieriger.

Das ist jetzt keine neue Idee, sondern… well, Forschungsdatenmanagement. Nur halt für Bibliotheken, die sich nicht gerne als Forschungseinrichtung verstehen, sondern im Fall Wissenschaftlicher Bibliotheken als Forschungsinfrastruktur. Und ja, es gibt einen Unterschied zwischen all den Projekten in Bibliotheken und Forschung an sich. Aber hier, auf der Ebene von Projekte planen und durchführen, Dokumente erstellen, Berichte schreiben und Präsentationen halten, ist der Unterschied nicht so gross.

Die Idee, auch schon Projekte anzulegen, die geplant werden, ist selbstverständlich aus der medizinischen Forschung übernommen, wo das normal ist. So kann man heute besser nachvollziehen, wenn Projekte in der Medizin ohne (publiziertes) Ergebnis beendet oder gar abgebrochen wurden. (Was oft heisst, das die Ergebnisse nicht überwältigend waren, was aber für Metastudien auch ein relevantes Ergebnis sein kann.)

So richtig funktionieren würde ein solches Repository, wenn es auch tatsächlich genutzt werden würde. Bibliotheken (und Arbeitsgruppen in Bibliotheken und so weiter) müssten sich angewöhnen, ihre Projekte in ihm zu dokumentieren. (Sinnvoll ist das wohl vor allem, wenn es daran ein Interesse aus der Führungsebene gibt. Bibliotheken vermuten ja auch oft, dass Forschende dazu gebracht werden können, Daten zu publizieren und so weiter, wenn sie dadurch mehr Reputation erhalten. Eventuell könnte das auch im Bibliothekswesen gelten.)

Vorteil wäre für alle Bibliotheken, dass bei Projekten immer geschaut werden kann, ob es schon ähnliche Projekte gab oder in anderen Projekten schon Fragen beantwortet wurden, die man klären will. Wie gesagt: Wenn es stimmt (und nicht einfach ein Gefühl ist), dass bestimmte Umfragen, Interviews und Fokusgruppen immer wieder gemacht werden, würde sich das in so einem Repository zeigen. Dazu aber müsste sich auch die Praxis entwickeln, ihn ihm zu recherchieren. Aber dann, dann würde es möglich sein, ständige Mehrfacharbeit zu reduzieren und stattdessen Arbeitszeit und andere Ressourcen zu nutzen, um weiterzugehen, nicht um immer wieder neu anzufangen, nicht immer vom Neuen das Gleiche zu lernen. Und es würde auch weniger von mehr oder minder zufälligen Kontakten abhängig sein, was man aus anderen Bibliotheken, Netzwerken und so weiter lernt. Nicht zu vergessen, dass so auch Wissen (also zumindest die Repräsentation von Wissen) zugänglich gehalten wird, wenn Kolleg*innen das Bibliothekswesen in Richtung andere Felder oder in Richtung Rente verlassen.

Und selbstverständlich – das spricht vielleicht zu sehr der Forscher in mir – würden sich so auch Daten für weitergehende Fragen ansammeln. Man könnte so besser längerfristige Trends erkennen und zum Beispiel nach Strukturen fragen. Welche Ergebnisse finden sich zum Beispiel immer wieder? Welche Hoffnungen von welchen Stakeholdern? Welche Projekte bringen nicht die Ergebnisse, die sich erhofft werden? Gibt es da zum Beispiel bestimmte Ansatzpunkte, aus denen man dann für spätere Projekte etwas lernen kann?

Wie gesagt: Keine neue Idee. Aber das muss es ja auch nicht sein. (Wenn etwas daran neu ist, dann vielleicht, hier Bibliotheken in gewisser Weise parallel zu Forschungseinrichtungen zu sehen.) Es ist aber schon so, dass ich mir oft wünschte, ein solches Repository würde existieren. Zu oft tauchen Fragen auf, von denen man den Eindruck hat, dass sie schon längst an anderer Stelle im Bibliothekswesen bearbeitet wurden. Zu oft auch der Wunsch, eine gewisse Übersicht von Projekten und Projektergebnissen erstellen zu können. Und immer wieder der Wunsch, ein paar Jahre zurückliegende Projekte nachträglich untersuchen zu können, um nach Strukturen zu suchen, die heutige Projekte erfolgreicher werden lassen können. (Einer meiner Unterträume hier wäre einmal herauszufinden, was sich bei all den virtuellen Fachbibliotheken gedacht, was für diese erfragt, ausprobiert, geplant wurde. Mir scheint, da wurde viel Arbeit investiert, die jetzt in vielen Fällen verloren gegangen ist.)

Mir ist auch klar, dass so ein Repository nicht von alleine entsteht. Irgendwer muss die Infrastruktur stellen, irgendwer die Daten pflegen, irgendwie muss das alles nachhaltig finanziert sein. (Hier lesen wohl vor allem Bibliothekar*innen: Insoweit, wem sage ich das?)

Sollten das nicht zum Beispiel Fachhochschulen tun, höre ich da die Frage aus dem Off. Immerhin würde die Wissenschaft davon auch profitieren (so viele Metastudien, die ich mir vorstellen kann…) und ist das nicht genau etwas an der Schnittstelle von Forschung und Praxis, an dem Fachhochschulen tätig sein sollen? Maybe. Aber Fachhochschulen sind politisch gewollt gerade so aufgestellt, dass sie das nicht tun können. Sie können immer nur Projekte durchführen, immer nur mit begrenzter Laufzeit und immer nur mit Finanzierung durch Dritte. (Sie könnten ein solches Repository also aufbauen, aber nicht betreiben.) Interne Mittel, gar für Infrastrukturen, wie es ein solches Repository darstellen würde, gibt es nicht. Also: Nein. Politisch ist das gerade nicht gewollt.

Wer sonst könnte es machen? Ich würde es eher Netzwerken von Bibliotheken, Bibliotheksverbänden oder auch, vielleicht, Verbünden als Aufgabe zuschreiben. Für die Schweiz gibt es Beispiele von gemeinsamer Finanzierung von Strukturen, die man als Bibliotheken wichtig findet, die mir sofort als Vorbild einfallen, wie die Speicherbibliothek oder SLSP. Das ist alles nicht ungehört.

Aber gut: Eventuell ist auch nur mein Traum. Nur, dass ich mir gut vorstellen kann, dass es für die Arbeit in Bibliotheken auch von Vorteil wäre, wenn es so eine Infrastruktur und die dazugehörige Praxis gäbe.

2 Kommentare zu „Ein Repository für Projekte in Bibliotheken? Gut wäre es ja.

  1. Bibliotheken haben sich des Themas FDM angenommen und erklären sich selbst zu Experten. Nur was sie nicht machen: Eat your own dog food.

    Überhaupt, mir fällt kein einziges Thema ein, bei dem Bibliotheken durch ihre gelebte Praxis ein Vorbild sind.

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