Wissen diffundiert – Zur Idee vom «Elfenbeinturm Wissenschaft» und dem Bibliothekswesen

Das hier ist ein Blog, also kann ich auch einmal etwas persönlich werden. Es gibt nämlich eine Aussage, die ich immer wieder einmal höre, und die mich manchmal tierisch nervt, aber oft auch einfach nur traurig macht. Und zwar die Behauptung, Forschung zu Bibliotheken würde «im Elfenbeiturm» stattfinden und deshalb an den Interessen der Bibliothekspraxis vorbeigehen. Diese Aussage höre ich erstaunlich oft. Verschiedentlich, wenn das Thema Verhältnis Praxis und Forschung direkt besprochen wird, aber oftmals auch einfach fast aus dem Blauen heraus in irgendwelche Gesprächen.

Es gibt zwei Ebenen, warum mich gerade diese Aussage so auslagt: Eine persönliche und eine inhaltliche. Im weiteren möchte ich hier die inhaltliche Seite besprechen, weil sich – so denke ich – auch für Bibliotheken etwas Positives daraus lernen lässt, einmal über diese nachzudenken. Aber vorher kurz zur persönlichen Ebene (kann auch übersprungen werden).

Kurz: Persönlich Ebene

Als, well, Forscher in der Bibliothekswissenschaft muss ich sagen: Es ist eine beleidigende Aussage einfach schon, weil sie so falsch ist. Man muss sich nur anschauen, was an den Hochschulen an Texten oder Weiterbildungen oder so produziert wird, um zu merken, dass das nicht stimmt. So viele Arbeiten – sowohl von Forschenden als auch Studierenden, beispielsweise deren Abschlussarbeiten – enden explizit mit Abschnitten dazu, wie das jeweils in der Arbeit erstellte Wissen in der Praxis benutzt werden kann, so viele To-Do-Listen, Handreichungen, praxisorientierte Zusammenfassungen werden geschrieben, so oft werden die vor der Publikation nochmal mit Kolleg*innen aus der Praxis durchgegangen… Es ist einfach nicht fair, zu behaupten, in der Forschung würden sich keine Gedanken über die Praxis gemacht.

Gleichzeitig scheint die Aussage auf einem gänzlich falschem Bild davon zu basieren, wie Forschung gerade in Fachhochschulen passiert und finanziert wird. So oft ist mir schon die Vorstellung begegnet, dass Forschende einfach Zeit haben an dem zu forschen, was sie interessiert. Das ist aber überhaupt nicht so. Grundsätzlich muss jede Forschung an Fachhochschulen irgendwie mit Drittmitteln finanziert werden (auch die «Eigenmittel», von denen sich manchmal vorgestellt wird, dass Fachhochschulen sie hätten, die gibt es praktisch nicht – nur für das Einwerben von mehr Drittmitteln). Was nicht finanziert wird, wird nicht gemacht. Der Zugang zu Mitteln der grossen Forschungsförder ist den Fachhochschulen, an denen die meiste Forschung im Bibliotheksbereich stattfindet, strukturell praktisch verschlossen (also: Offiziell steht der Weg offen, aber praktisch sind die Evaluationskritierien und die Infrastruktur, die von der DFG oder dem SNF bei den Hochschulen vorausgesetzt werden, auf die Unis ausgerichtet, die immer einen übergrossen Vorteil haben, auch wenn manchmal hier und da eine FH mit viel Aufwand und Glück «durchschlüpft»). Das heisst, die Drittmittel für die Forschung im Bibliothekswesen im DACH-Raum kommen fast alle aus Stiftungen oder dem Bibliothekswesen selber. Und dazu müssen die Forschenden eigentlich immer die möglichen Mittelgebenden davon überzeugen, dass die jeweilige Forschung in der Praxis eine Relevanz hat. Sie sind also schon von der Struktur der Hochschulen her gezwungen, an der Praxis orientiert zu sein. (Das ist von den jeweiligen Gesetzgebern auch so gewollt.) Die Idee, dass da irgendwer «im Elfenbeinturm forschen» könnte, ist einfach vollkommen absurd.

Ich weiss schon, dass solche Aussagen oft gemacht werden, um anderes überdecken. In anderen Zusammenhängen kommen ähnliche Aussagen auch immer wieder. Beispielsweise ist es meiner Erfahrung nach offenbar fast schon «notwendig», wenn man Bibliotheken bei der Erstellung von Strategien berät, dass irgendwann jemand aus dem Personal den jeweiligen Berater*innen vorwirft, keine Ahnung zu haben und nur irgendwelchen komischen Vorstellungen umsetzen wollen – und das ist dann meist der Punkt, wo bei den Beteiligten wirklich klar wird, dass Bibliotheksstrategien dazu führen, dass sich etwas verändert, aber halt auch der Punkt, wo diese Veränderung dann tatsächlich angedacht wird.1 Vielleicht lässt sich das nicht ändern, vielleicht «muss es» zu so Aussagen wie dem vom «Elfenbeinturm» kommen, bevor man überhaupt über das Verhältnis von Praxis und Forschung nachdenken kann. Aber dennoch will ich hier versuchen, zu erklären, warum das nicht sinnvoll ist.

Inhaltliche Ebene

Wie eben schon gesagt, ist die Aussage inhaltlich überhaupt nicht haltbar: Es gibt für die Forschung im Bibliothekswesen (im DACH-Raum) keine Elfenbeinturm, in dem Forschende das beforschen können, was sie interessant finden (oder was sie zum Beispiel gesellschaftlich relevant finden), sondern praktisch nur die Infrastruktur Fachhochschule, wo Personen zusammengezogen werden, die wissenschaftlich arbeiten können und Infrastruktur wie zum Beispiel Fachbibliotheken vorgehalten werden; aber wo alle konkrete Forschung nur über Drittmittel zu finanzieren ist, die dann fast nur aus der Praxis oder praxisnahen Stiftungen selber kommen können.2

Aber wieso erscheint es dann doch immer wieder so vielen Kolleg*innen aus der Bibliothekspraxis richtig, von «Elfenbeinturm» und fehlender Relevanz von Forschung für die Praxis zu reden? Ich bin überzeugt, dass dies unter anderem strukturell bedingt ist: Die Praxis weiss nicht, woher das Wissen überhaupt kommt, dass sie verwendet. Das gilt nicht für Wissen aus der Forschung, aber bleiben wir hier einmal dabei. Mir scheint, der Eindruck, die Praxis würde vom Wissen aus der Forschung nicht profitieren, kommt auch daher, dass nicht so richtig bekannt ist, was da tatsächlich doch Einfluss hat. (Und – deswegen meine Rede von der Struktur – das ist nicht der Fehler einer einzelnen Bibliothek oder so, sondern es ist dadurch zu erklären, wie sich Wissen im Bibliothekswesen verbreitet.)

Neben der ständigen Wiederkehr des oben genannten Vorwurfs an die Forschung kann ich nämlich auch etwas anderes in der Bibliothekspraxis beobachten: Das Wissen, welches in der Forschung produziert wird, findet sich doch im Bibliothekswesen wieder, oft an ganz unerwarteten Stellen und oft auch nicht zu 100% nachzuweisen. Aber es ist überhaupt nicht selten, Kolleg*innen aus der Praxis zuzuhören – in direkten Gesprächen oder wenn sie auf Konferenzen wie letztens dem Bibliothekstag berichten – und zu denken, «das kenne ich doch». So viele Angebote von Bibliotheken, so viele Überlegungen oder auch Themensetzungen scheinen in andere Kontexte transportierte Gedanken, Projekte, Diskussionen aus Texten von Kolleg*innen aus der Forschung (oder direkt aus meiner Arbeit, die ich selbstverständlich noch besser kenne, als die der Kolleg*innen und wo es mir vielleicht deshalb noch mehr auffällt) zu sein. Nicht immer ganz nachzuweisen. Es gibt bestimmt auch immer Dinge, die «in der Luft» liegen oder Angebote, die zufällig ähnlich sind und die deshalb vielleicht am mehreren Stellen «entstehen». Aber solche Tagungen, wie halt der Bibliothekstag, sind für mich je länger je mehr auch Gelegenheiten, wo ich regelmässig dieses déjà vu-Gefühl habe: Formulierungen, die nicht ganz zu passen scheinen (und die dann oft an mehreren Stellen auftauchen), aber die so in bestimmten Artikeln stehen. Strukturen von Angeboten, die auch anders sein könnten, aber zufällig immer wieder ähnlich sind – so, wie sie in einem bestimmten Projekt, dass man aus einer Fachhochschule kennt (wenn man es kennt), formuliert wurden. Argumentationen, die auf einmal an verschiedenen Stellen auftauchen, aber die ich eher aus bestimmten Publikationen kenne (die oft ein paar Monate-Jahre alt sind).

Mein aktuelles Beispiel (nur eines von mehreren) ist, dass erstaunlich viele Fachstellen jetzt Mobile Makerspaces für Öffentliche Bibliotheken zur Verfügung stellen (als Boxen, als Koffer, bestimmt auch noch anders) und es sind fast immer vier Boxen mit den Themen Roboter, Technik, Basteln und Film – genauso, wie im Projekt, dass ich an meiner FH vor fünf Jahren durchgeführt habe. Sicherlich: Ich bin auch damals nicht aus Spass an der Freude auf diese Boxen und ihre Themen gekommen, aber… es ist doch erstaunlich ähnlich. (Ich war auch schon mehr als einmal erstaunt, bei bestimmten Bibliotheken von Themen zu hören, von denen ich sicher war, dass ich diese im Unterricht vermittle, aber immer mit der Ansage, dass die in der bibliothekarischen Literatur im DACH-Raum fast nicht vorkommen – und dann merkte, dass ehemalige Studierende meine Hochschule in der jeweiligen Bibliothek arbeiten. Das kann Zufall sein, schliesslich habe ich mir die Themen im Unterricht auch nicht einfach ausgedacht. Aber… auch das ist nicht nur einmal passiert.)

Woher haben Bibliotheken eigentlich ihr Wissen?

Aber denke ich das nur oder stimmt es, dass das Wissen aus der Forschung irgendwie doch in der Praxis ankommt? Die Frage kann man umdrehen: Woher haben den Bibliotheken das Wissen, dass sie benutzen, um Entscheidungen zu treffen, beispielsweise wenn sie sich für (oder gegen) bestimmte Angebote entscheiden oder wenn sie über bestimmte Problemstellungen im lokalen Raum nachdenken? Kurz gesagt: So genau weiss das niemand. Es ist nicht untersucht (es wäre spannend, aber wie oben gesagt, wenn es niemand finanziert wird es auch nicht erforscht, ausser jemand macht das in der Freizeit). Sicherlich gibt es, wenn man mal nachfragt, einige Hinweise: Vieles wird in Netzwerken von anderen Bibliotheken gelernt oder zum Beispiel, wenn es von Fachstellen und Regionalbibliotheken vermittelt wird. Oft wird auch davon berichtet, dass sich Kolleg*innen bei anderen Bibliotheken oder Beispielen aus der Literatur haben «inspirieren» lassen. Manchmal werden auch Weiterbildungen oder die Ausbildung respektive das Studium einzelner Bibliothekar*innen erwähnt. Aber, so genau kann es niemand sagen. Für einzelne Entscheidungen einer Bibliothek schon, aber selten für alle.

Denkt man das noch ein bisschen weiter, fällt auf, dass es im Bibliothekswesen auch gar keine Kultur gibt, darauf zu verweisen, woher Ideen, Themen, Problemstellungen und so weiter kommen. Es geht immer wieder darum, Entscheidungen für die Praxis zu treffen, was oft dazu führt, dass auch dann, wenn diese Lösungen anderen Bibliotheken präsentiert werden – beispielsweise auf dem Bibliothekstag – sie oft so erscheinen, als wären sie vor Ort von der jeweiligen Bibliothek erarbeitet worden. Das ist gewiss nicht absichtlich so. Ich würde nicht vermuten, dass in Bibliotheken versucht wird, die Quellen der eigenen Arbeit zu verheimlichen. Das ist eher strukturell: Es ist einfach eine Frage, die sich sehr selten stellt. Im Mittelpunkt steht oft die eigene Arbeit, die ein*e Bibliothekar*in beim Treffen einer Entscheidung, Erstellen eines Angebots und so weiter geleistet hat. Aber es ist nicht nur das. Es gibt auch gar keine richtigen kulturellen Skripts, wie solche Hinweise, auf welchen Quellen dabei aufgebaut und welches Wissen dafür verarbeitet wurde, im Bibliothekswesen dargestellt werden können.

Dies fällt auf, wenn man andere «Kulturen» als Vergleich heranzieht. In der Wissenschaft ist es klar: Alles, was als Quelle verwendet wird, muss zitiert werden. Punktum. Es gibt unterschiedliche Kulturen des Zitierens in unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen und Teil der wissenschaftlichen Ausbildung ist es, diese jeweils zu erlernen. Aber es gibt für Forschende keine Frage, wo sichtbar gemacht wird, auf welchen Quellen ihre Arbeit aufbaut – das steht in den Zitationen und im Literaturverzeichnis. Das setzt sich dann beispielsweise auch bei Vorträgen fort, wo die theoretische Rahmung immer auch ein Nachweis der Quellen ist, wenn auch abgekürzt. Auch in anderen Kulturen gibt es mehr oder minder etablierte Strukturen, um auf die genutzten Quellen zu verweisen.

(Den halben Witz habe ich schon mal gemacht, egal, es passt hier.) Wenn zum Beispiel Gang Starr (in «Credit is Due», 1991) rappt «Now give the credit. where it is due / Give the credit y’all. where it’s due», dann verweisen sie darauf, dass es im HipHop die Erwartung gibt, von Zeit zu Zeit denjenigen Respekt zu zollen, auf deren Vorbild man selber seine Musik und Texte aufbaut. Und wie, dafür gibt es eine Struktur: Man tut dies, indem man sie in Texten erwähnt oder / und in Interviews. Oder eine andere – wenn auch verwandte – Kultur: Graffiti. Blättern man einige Graffiti-Magazine durch, zumindest solche mit Text (beispielsweise Stylefile, Streetlove oder SAM), wird sichtbar, dass es hier die Erwartung gibt, dass sich Maler*innen zu Vorbildern äussern. Und das tun sie dann auch, vor allem in Interviews und eigenen Texten. Niemand sagt, dass er/sie sich das alles selber ausgedacht hat, was sie/er so malt, sondern immer wird sich in gewisse Traditionen verortet und andere Maler*innen erwähnt, die wichtig gefunden werden.

Personen, die sich in diesen und anderen Kulturen bewegen, wissen erstens das sie zeigen sollen / müssen, was ihre Quellen sind und zweitens wie sie dies tun. Das gilt für das Bibliothekswesen nicht. Sicherlich gibt es immer wieder Beiträge aus Wissenschaftlichen Bibliotheken, die sich am Wissenschaftssystem orientieren und mit Zitationen arbeiten. Und sicherlich gibt es bei Vorträgen Öffentlicher Bibliotheken immer wieder einmal Hinweise darauf. Aber nicht systematisch und als Normalität, sondern eher schon als etwas Besonderes.3

Mir geht es gar nicht darum, jetzt dazu aufzurufen, dass Bibliotheken ihre Kultur ändern und zum Beispiel anfangen müssten, ihre Arbeit – wie in der Wissenschaft – als fortlaufende Entwicklung von Wissen, dass immer auf schon vorhandenem Wissen aufbaut, zu verstehen. Oder das sie ein System entwickeln müssten, um diese Quellen nachzuweisen. Das ist im Wissenschaftssystem sinnvoll, weil es dort um die Produktion von nachvollziehbarem und weiterführendem Wissen geht. Darum geht es im Bibliothekswesen ja nicht, sondern eher darum, die Bibliothekspraxis weiterzuentwickeln.

Aber was mir zu sagen wichtig ist, ist, dass man Bibliothekswesen nicht weiss, wo das Wissen, dass man selber für Entscheidungen verwendet, herkommt. Manchmal kann man einige Schritte verfolgen, beispielsweise den Workshop benennen, auf dem man bestimmte Sachen das erste Mal gehört hat, aber man kann selten den ganzen Weg des Wissens zurückverfolgen. Doch deswegen kann man auch gar nicht einfach behaupten, dass «die Forschung im Elfenbeinturm sitzt», nur weil man selber vielleicht nicht weiss, was an Wissen in der Forschung produziert wurde. Das Wissen, dass man benutzt, kann oft von der Forschung über mehrere Schritte in die Praxis diffundiert sein. Die Vorstellung, dass Wissenschaft im Elfenbeinturm sitzen würde, hat zum Teil wohl auch damit zu tun, dass im Bibliothekswesen gar nicht sichtbar ist, welches Wissen aus der Forschung in Praxis eigentlich alles benutzt wird.

[Elke Oestreicher hat in ihrer Dissertation den Wissenstransfer von Forschung in die Praxis der Sozialen Arbeit untersucht und benutzt dort auch das Bild4 vom Transfer über mehrere Schnittstellen, die im Gegensatz zu direkten, selten Kontakten von Forschung und einer bestimmten Praxis – also einer Person, die vollständig im Praxisfeld steht – kontinuierlich ein gewissen Kontinuum bilden. Innerhalb dieses Kontinuums nutzen Personen mal bewusst, mal weniger bewusst; mal kontinuierlich, mal anlassbezogen Wissen, dass oft in der Forschung entsteht – auch nicht kontextlos, sondern in ständiger Verbindung mit der Praxis –, was aber am Punkt der Nutzung dann aber oft nicht mehr bekannt ist, weil das dann gar nicht die Frage ist: Die/der Jugendarbeiter*in vor Ort will dann zum Beispiel konkret wissen, wie sie eine Hilfsleistung aufsetzt und nicht, warum überhaupt bekannt ist, dass eine bestimmte Art von Hilfe effektiver ist als eine andere.]

Exkurs: Should you give credit, where credit is due?

Ein Problem über dieses Thema zu schreiben ist, dass es schnell so klingt, als ginge es mir eigentlich nur darum, dass meine Arbeit irgendwie wertgeschätzt werden sollte. Aber darum geht es nicht. Ich will verstehen, wie diese beiden Beobachtungen – der Vorwurf, im Elfenbeinturm Forschung zu betreiben bei gleichzeitig sichtbarem Diffundieren von Wissen in die Praxis – zusammenpassen. Und dennoch drängt sich die Frage auf, ob Bibliotheken mehr, well, credit geben sollten, where credit is due.

Persönlich, als Forschender, würde es mich selbstverständlich freuen, den genannten Vorwurf nicht mehr hören zu müssen. Wie oben auch gesagt habe ich schon verstanden, dass es offenbar dazu gehört, als Forschender (oder Berater) von Zeit zu Zeit als eine Art Blitzableiter zu fungieren. Gleichzeitig ist es auch nicht so, als wäre das die einzige Erfahrung. Es ist zum Beispiel auch nicht selten – aber seltener – dass aus heiterem Himmel ein*e Kolleg*in aus der Praxis oder – öfter – Studierende, die gerade ihre Abschlussarbeit geschrieben haben (nicht bei mir), mir eine Mail schreiben und sich für Arbeiten von mir bedanken, auf die zurückgreifen konnten. Angesichts dessen, dass man an Hochschulen oft arbeitet, ohne genau zu wissen, was den Ergebnissen der eigenen Arbeit über das konkrete Projekt hinausgeht, ist das schon jedes mal erfreulich. Bestimmt nicht nur für mich, sondern auch für andere Kolleg*innen in der Forschung. Solche Mails kann man schon machen, aus persönlichen Gründen.

Wobei es aber tatsächlich sehr helfen würde, Rückmeldungen zu erhalten, wenn Wissen aus der Forschung benutzt wird – und warum Bibliotheken es sich angewöhnen sollten, es zu tun – ist, dass wir an den Fachhochschulen ständig Anträge an Stiftungen und andere potentielle Förderer schreiben, um Forschungsgelder einzuwerben, die dann zu Forschung führen, die der Praxis weiterhelfen können. Für solche Anträge ist es immer hilfreich zeigen zu können, die dass vorhergehende Forschung einen positiven Einfluss in der Praxis hatte. Wenn Bibliotheken sich angewöhnen würden, zurückzumelden, wenn sie Wissen aus beispielsweise Artikeln oder Workshops von Forschenden benutzt haben, würden sie damit helfen, dass mehr und vielleicht auch sinnvollere Projekte in der Forschung für das Bibliothekswesen erfolgreich finanziert werden können.

Ein anderer positiver Effekt, wenn sich Bibliotheken angewöhnen würden, gegeneinander Rechenschaft darüber abzulegen, welches Wissen aus welchen Quellen sie genutzt haben, wäre auch, dass sie sich untereinander dafür mehr Respekt geben würden. Hier im Blogpost ging es um die Beziehung von Praxis und Forschung, aber ein Thema war ja, dass Wissen wohl über mehrere Schritte diffundiert. Oder anders gesagt: Das an vielen Stellen im Bibliothekswesen auch Wissen produziert, geteilt und so weiter wird. Es kann überhaupt nicht schaden, wenn Bibliothek X von Bibliothek Y hört, dass zum Beispiel ihre Darstellung eines neuen Angebots und der Probleme mit diesem dazu beigetragen haben, dass Bibliothek Y nicht von vorne anfangen musste, als sie ein ähnliches Angebot aufbaute.


Fussnoten

1 Mit etwas Küchenpsychologie könnte man darauf verweisen, wie schon bei Freud (in den «Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse») dargestellt wird, dass fast bei jeder Analyse der Punkt auftritt, bei dem die Person, die bei der Analyse ist, einen Hass (vorher eine Anhänglichkeit) auf ihre Psychiater*in äussern, dann darüber hinwegkommen und dann ein «Durchbruch» in der Analyse erreicht wird. Freud erklärt das mit Trieben, die sich erst lösen müssen. Relevant scheint mir aber diese Beschreibung, dass offenbar solche «negativen» Momente zu bestimmten Prozessen dazugehören und das Freud zeigt, dass es dabei nicht um die tatsächliche Person der/des Psychiater*in geht. Man sollte sich nicht angegriffen fühlen. Dennoch, nervig ist es. Und so ähnlich kommt mir das auch bei der Forschung (oder Beratung) im Bibliothekswesen vor.

2 Wäre es anders, ich würde schon lange an anderen Themen forschen, beispielsweise endlich mein Buch zur Geschichte der Vorstellung von modernen Bibliotheken schreiben oder zur Bibliotheraphie arbeiten. Aber das ist alles nur in der Freizeit möglich. Selbst mein Buch zu Armut und Bibliotheken, wo man sagen kann, dass es (hoffentlich) eine gesellschaftliche Relevanz hat, habe ich an Abenden, freien Tagen und Wochenenden geschrieben – weil es keine Drittmittel dafür gab, aber ich auch nicht einfach was beforschen kann, nur weil es sinnvoll wäre. Ein Grund mehr, warum mich diese Aussage manchmal nervt: Weil es so viel besser wäre, wenn man an der Hochschule einfach etwas sinnvolles forschen könnte.

3 Und ja, selbstverständlich gibt es immer Personen, die verschiedenen dieser «Kulturen» angehören, was sich manchmal auch zeigt. Fussnoten mit Literaturnachweis in Graffiti-Magazinen gab es genau so schon, wie versteckte Hinweise in bibliothekarischen Texten, dass die Autor*in weiss, wie man ein Wohlecar malt.

4 Oestreicher, Elke (2014). Wissenstransfer in Professionen. Grundlagen, Bedingungen und Optionen. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich UniPress, 2014: 148.

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