Wie nehmen Kinder Museen wahr – aber vor allem: Kann daraus etwas für Bibliotheken abgeleitet werden?

«Working with Young Children in Museums» (Hackett, Holmes & MacRae 2020) ist, offensichtlich, kein Buch über Bibliotheken. Aber ich denke, dass auch diese etwas aus ihm lernen können, deswegen möchte ich dazu ein paar kurze Anmerkungen machen. So unterschiedlich sind Museen und Bibliotheken nicht, als das nicht auch gegenseitig gelernt werden könnte.

Grundsätzlich ist die Frage im Buch, was Kinder – hier zwischen 0 und 4, 5 Jahren – in Museen machen. Dabei stellen die meisten Beiträge einzelne Aktionen und Untersuchungen in Museen (hauptsächlich in Grossbritannien, aber auch Australien und anderen Ländern) vor. Gerahmt ist es von Beiträgen, die eine theoretische Perspektive liefern wollen. Aus diesen rahmenden Beiträgen lässt sich wohl mehr für Bibliotheken lernen, als aus den Beispielen selber.

Dabei ist die Theorie einigermassen offen, eher suchend. Es werden sehr verschiedene theoretische Ansätze herangezogen, die zur Erklärung von Beobachtungen in Museen herangezogen werden, aber es werden daraus kaum Konsequenzen gezogen. Teilweise liest sich das, als würden hier möglichst viele theoretische Versatzstücke ausprobiert, ohne sich festlegen zu wollen. (Beispielsweise ist am Ende nicht klar, welche Theorie möglichst viel erklärt und damit dann zur weiteren Arbeit genutzt werden sollte.) Oder positiver ausgedrückt: Die Autor*innen legen sich nicht auf eine Theorie fest, sondern bieten – ungeplant – einen Überblick möglicher theoretischer Ansätze. Was sich damit zeigt ist, dass sich Praxis mit Theorie tatsächlich besser verstehen lässt als ohne.

Dinge, Räume, Zeit

Der interessante Ansatz des Buches ist, sich explizit dagegen zu stellen, die Besuche von Kindern als Lernen verstehen zu wollen. Zu oft würden Museen ihre Aktivitäten unter dem Fokus untersuchen, was die Besucher*innen lernen würden und nach Evidenzen für eine direkten Einfluss der Museumsbesuche auf diese fragen. Dieser Blickwinkel würde andere Formen von Interaktion, Verstehen von Objekten und Sammlungen sowie anderen Gründen für den Besuch von Museen ausschliessen. Kinder (und deren Begleitpersonen) gehen nicht immer – oder nie – in Museen, um dabei etwas zu lernen. Ihr Leben besteht aus weit mehr.

Dabei kommt dieser Blick auf Aktivitäten in Museen als «Lernen» selbstverständlich nicht von ungefähr: Museen fragen sich ständig, was ihre Aufgabe/n wäre/n. Inhalte vermitteln – wenn auch nicht immer direkt wie im Schulunterricht, sondern oft indirekt und durch die Besucher*innen selbst gesteuert – ist dabei eine der Sachen, auf die dabei immer wieder verwiesen wird. Aber: Gerade wenn man verstehen will, was Kinder im so jungen Alter – also noch vor dem Schulbesuch – machen, sei dies unbefriedigend. Stattdessen schlagen die Herausgeberinnen vor, deren Musemsbesuche aus drei Blickwinkeln zu untersuchen: Dinge (also die Interaktion von Kindern mit Dingen wie Ausstellungsgegenständen oder für Kinder bereitgestellte Objekte zum Spielen und Erkunden), Räume (also die Räume von Museen als spezielle Orte, die erkundet, interpretiert, genutzt und deren «Spielregeln» kennengelernt, aber auch verändert werden können) und Zeit (also sowohl den Aufbau von Vertrautheit mit Museen als Orte und Institutionen über die Zeit als auch temporär wichtige Momente wie die ersten Besuche). Diese Dreiheit – Dingen, Räume, Zeit – würde besser verständlich machen, was Kinder in Museen machen, als die Versuche zu bestimmen, was diese dabei gelernt hätten oder welche Einfluss diese Besuche für sie über einen längeren Zeitraum haben.

Ergebnisse

Die Beispiele, welche sich im Buch in den «praktischen» Beiträgen finden zeigen unter anderem Folgendes:

  • Kinder, auch im jungen Alter, geben den Objekten, die sie vorfinden, immer wieder eigene Bedeutungen. Es findet nicht unbedingt – wie dies in der Museumspädagogik vorgesehen wäre – die «richtige» Einordnung in den jeweiligen Kontext statt. Aber es ist unvermeidbar, dass Kinder ihre eigenen Interpretationen vornehmen, die zum Teil gegen die Vorannahmen der Museen stehen. (Gleichzeitig ist es unterschiedlich, wie die Begleitpersonen der Kinder darauf reagieren. Viele in den Beiträgen erwähnten unterstützen diese Selbsterkundungsprozesse der Kinder, aber andere versuchen, den «vorgegebenen» Pfaden des Museums zu folgen und den Sinn der jeweils vorhandenen Objekte «richtig» zu vermitteln.)
  • Kinder erleben den Raum und die Objekte nicht nur intellektuell im Sinne von «Begreifen durch Sehen und Erklärt kriegen», sondern auch körperlich, indem sie anfassen, verändern, selber etwas herstellen, durch Räume gehen oder rennen. Das mag auf den ersten Blick nicht überraschend sein, weil es sich um sehr junge Kinder handelt. Aber es deutet darauf hin, dass auch Personen, wenn sie älter sind als die in diesem Buch untersuchten Kinder, sich Museen nicht einfach nur intellektuell erschliessen.
  • Auffällig ist bei den Beiträgen auch, dass Lernen als Aktivität praktisch bei niemand im Mittelpunkt stand, ausser bei einigen Museen selber. Dies kann teilweise mit der Auswahl der Beiträge – die alle mehr oder minder in die theoretischen Vorannahmen der Herausgeberinnen passten – erklärt werden. Mit einer anderen Auswahl hätte man vielleicht mehr Personen gefunden, die das Lernen betonen. Aber trotzdem ist auffällig, wie viele Personen das Thema irrelevant zu finden scheinen. Das ganze Buch ist getragen von einem Gestus, dass jeder Grund für einen Museumsbesuch okay wäre und nicht explizit danach gefragt werden müsse, warum Kinder und ihre Begleitpersonen sich für einen solchen entscheiden, insoweit scheint ein Offenheit für ganz unterschiedliche Gründe zu existieren – aber sichtbar ist bei den Beschreibungen dessen, was dann getan wurde, dass es ihnen oft mehr um Unterhaltung, Entdecken oder Zeit verbringen, als um anderes.
  • Repetition ermöglicht das Entstehen von Communities, nicht einzelne Veranstaltungen oder Räume. Regelmässige Veranstaltungen / Veranstaltungsreihen, die für Kinder und ihre Begleitpersonen immer wieder Gründe dafür schufen, ein Museum zu besuchen, führten dazu, dass sich Gruppen bildeten.
  • Als Nebenthema zu bemerken ist, dass ein Grossteil der Beiträge Berichte zu Studien darstellen, welche in Museen selber vom dortigen Personal durchgeführt wurden, oft mit ethnologischen Methoden (zum Beispiel wurden offenbar unzählig viele Feldnotizen erstellt und anschliessend ausgewertet). Dies wird auch nicht weiter begründet, sondern scheint zur professionellen Museumsarbeit dazuzugehören.

Für Bibliotheken

Diese kurzen Notizen sollen selbstverständlich nicht das Lesen des – an sich auch sehr kurzen – Buches ersetzen. Mir ging nur darum das kurz zu schildern, um jetzt darauf eingehen zu können, was Bibliotheken aus diesem Lernen können.

  • Zuerst vor allem, dass ein Blickwinkel auf Einrichtungen wie Museen und – übertragen – dann auch Bibliotheken nicht ausreichend ist. Die ständige Suche nach «Evidenzen für Wirkungen» zeichnet nicht nur Museen aus, sondern auch Bibliotheken. Ebenso kommen – bei allen Versuchen, die eigene Bedeutung auszuweiten und neue Themen oder Aufgaben zu finden – auch Bibliotheken immer wieder auf das Lernen oder die «Bildungsfunktion» zurück. «Lernen» ist aber wohl nicht der einzige Grund, warum Menschen Bibliotheken benutzen; andere Rahmungen sind möglich und versprechen, mehr zu erklären. (Und: Wenn sie mehr erklären, dann auch besser zur Planung von bibliothekarischer Arbeit benutzt werden zu können.) Es muss nicht unbedingt die Dreiheit Dinge – Räume – Zeit sein, wie in diesem Buch (wie gesagt erscheint die Theorie eher suchend und offen zu sein) und es muss nicht nur über ganz junge Kinder nachgedacht werden (obwohl dieses Nachdenken in diesem Buch produktiv war). Sinnvoll ist es offenbar, nicht (nur) nach Effekten zu suchen, sondern auch danach zu fragen, was Kinder (oder andere Menschen) in der Bibliothek überhaupt tun – nicht, was sie der Meinung der Bibliotheken nach dort tun sollten, sondern was sie tatsächlich machen und warum.
  • Wenn Kinder Objekten und Räumen von Museen immer eigene Bedeutungen zuschreiben (und auch der jeweiligen Einrichtung), dann wird dies auch für Bibliotheken und den Objekten in ihnen gelten, also vor allem den Medien. [Mir fällt dazu eine Bachelorarbeit ein, die ich an der HTW Chur betreute, in der sich zeigte, dass Kindern egal war, welche Bilderbücher in einer Bibliothek standen, solange es nur welche gab. Nicht der Inhalt der Bücher interessierte sie, sondern der gemeinsame Besuch mit ihren Betreuungspersonen, zu der die Bücher als Objekte gehörten.] Bibliotheken denken gerne über den Inhalt der Medien und aktuell über solche kaum fassbaren Dinge wie «Aufenthaltsqualität» nach, so wie Museen auch ständig über ihre Objekte und Räume nachdenken – aber das mag nicht das sein, wie Menschen Bibliotheken sehen und verstehen. Es lohnt sich, sich auf die Blickwinkel der Nutzer*innen einzulassen.
  • Was auffällt, wenn man darüber nachdenkt, ist, dass nicht so einfach zu bestimmen ist, was Bibliotheken eigentlich als «Effekte» von neuen Angeboten – nehmen wir einfach die «3. Orte» und Makerspaces – annehmen? Was denken sie, was Menschen damit / darin machen werden und warum? Vielleicht ist auch diese Offenheit ein Grund, warum nie ganz klar wird, was diese Bemühungen genau bringen sollen.
  • Gleichzeitig zeigen die Museen in diesem Buch, dass es zur normalen professionellen Arbeit gehören kann, in den Institutionen eigene Forschungsprojekte dazu durchzuführen, wie die Einrichtung genutzt wird. In Bibliotheken passiert dies nur in einigen sehr grossen, aber es könnte offenbar weiter verbreitet sein.

Literatur

Hackett, Abigail ; Holmes, Rachel ; MacRae Christina (edit.) (2020). Working with Young Children in Museums: Weaving Theory and Practice. (Global Perspectives on Children in Museums). London ; New York: Routledge, 2020

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