Advocacy für Bibliotheken: Erinnert sich wer?

Aufgabe von Verbänden ist es immer, die Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten, was (auch) heisst, Lobbyarbeit zu betreiben. Für Bibliotheksverbände heisst dies dann, Lobbyarbeit für Bibliotheken zu machen. (Auch wenn einige Verbände dabei zweigespalten sein müssen, weil sie sowohl die Institutionen als auch das Personal vertreten – also in vielen Fällen zwei Seiten zu einer Frage gleichzeitig. Aber das ist ein anderes Thema.) Diese Arbeit bezieht sich oft auf «die Öffentlichkeit» im Allgemeinen und «die Politik» auf nationaler und Landes-/Kantonsebene. Auf lokaler Ebene – also vor allem auf Ebene der Gemeinden – betreiben sowohl Bibliotheken selber als auch manchmal andere Vereinigungen (zum Beispiel Freundeskreise oder im Krisenfall Ad-hoc Bündnisse) solche Arbeit.

Wenn das wie eine selbstverständliche Aussage klingt, dann, weil es so allgemein akzeptiert ist. Es gibt solche Aktivitäten immer wieder und sie werden auch immer wieder neu aufgegleist. Oder anders: Es gibt schon viele Erfahrungen mit unterschiedlicher Lobbyarbeit für Bibliotheken (oder auch vergleichbaren Einrichtungen, Museen sind zum Beispiel auch recht aktiv). Das Erstaunliche ist aber, dass diese Erfahrungen kaum genutzt werden. Schaut man sich an, was Verbände, Bibliotheken und andere Vereinigungen an Lobbyarbeit für Bibliotheken machen, fällt schnell auf, dass immer wieder ähnliche Ideen verfolgt, ähnliche Projekte aufgesetzt und auch, wenn überhaupt, am Ende ähnliche Berichte zu diesen Aktivitäten publiziert werden. Was auch auffällt ist, dass kaum über tatsächliche Erfolge (oder Misserfolge) solcher Aktivitäten berichtet und diskutiert wird. Grundsätzlich ist das vielleicht auch nicht nötig: Das Verbände Lobbyarbeit machen scheint so normal, dass es nicht hinterfragt wird. Aber fraglos wäre es besser, über die Erfolge und Misserfolge dieser Aktivitäten nachzudenken. Das würde potentiell die weitere Arbeit auf diesem Gebiet besser machen (und damit, idealerweise, wohl positive Effekte für Bibliotheken haben). Darum soll es im Folgenden gehen.

Die Krise britischer Bibliotheken – und die Lobbyarbeit für sie

Ausgangspunkt soll dabei das Buch Bibliothèques publiques britanniques contemporaines: autopsie des années de crise sein.1 In diesem geht es grundsätzlich um die Krise, in welcher sich das britische Öffentliche Bibliothekswesen seit mehr als zehn Jahren befindet. Die Autor*innen schildern hier, wie tiefgehend dieser Krise ist, wie sie sich in Zahlen ausdrückt, aber auch, wie sehr sie Ergebnis politischer Entscheidungen war / ist.2 Ihr Fokus liegt auf den Regierungsjahren von David Cameron (2010-2016), aber die Krise ist weitergegangen.

Der zweite und letzte Teil des Buches widmet sich dem, was im Buch als «advocacy» beschrieben wird: Unterschiedliche Formen von Lobbyarbeit für Bibliotheken. Hier werden viele Beispiele von verschiedenen Formen von Protesten, von direkter Lobbyarbeit, vom Eintreten für lokale Bibliotheken oder für Bibliotheken im Allgemeinen – beispielsweise durch Autor*innen – dargestellt. Gerade weil dabei viele Beiträge direkt von Aktiven (ins Französische übersetzt) übernommen wurden, finden sich hier auch viele Argumente, die bei deiser Advocacy für Bibliotheken gesammelt wurden. Auf der einen Seite zeigt dieser Teil des Buches eine beeindruckende Breite an Aktivitäten. Auf der anderen Seite zeigt er auch ein Scheitern an: Die meisten dieser Proteste, dieser Lobbyarbeit und so weiter haben nicht dazu geführt, dass Bibliotheken «gerettet» wurden oder das die Krise des britischen Öffentlichen Bibliothekswesens beendet worden wäre. Die Erfolge all dieser Aktivitäten waren gering. Irritierend ist ein wenig, dass das in diesem Buch nicht einmal thematisiert wird, sondern das es nach der Darstellung endet.

Dabei wird im ersten Teil des Buches dargestellt, dass diese Krise Ergebnis politischer Entscheidungen auf einer anderen Ebene waren, als die der Bibliotheken. Es geht dabei um das spezifische Verständnis von Gesellschaft und den Aufgaben von Staat und Gesellschaft, die von den Regierungen unter David Cameron vertreten wurden. Diese ideologischen Weichenstellungen mögen in der Radikalität, mit der es damals umgesetzt wurden, eine britische Besonderheit sein. Aber was mich hier interessiert, sind zwei Sachen:

  1. Die auffällige Differenz zwischen den politischen Entwicklungen (also vor allem dem Umbau des britischen Sozialstaates und die Etablierung neoliberaler politischer Vorstellungen), welche als Hauptgrund der Krise dargestellt werden und den Aktionen für Bibliotheken, die dann geschildert werden. Die politischen Entwicklungen gingen (so das Buch) dahin, dass sich der Staat aus der Finanzierung der gesellschaftlichen Infrastruktur zurückzieht und der Gesellschaft (in Form von Vereinen und ähnlichen Institutionen) überträgt. Die Argumentationen für Bibliotheken gingen dahin, den gesellschaftlichen Wert der Bibliotheken zu betonen, teilweise zu quantifizieren, und für den Erhalt der vorhandenen Bibliotheken einzutreten. Das sind zwei sehr unterschiedliche, sogar zum Teil widersprüchliche Sachen.
  2. Auf Seiten der Advocacy für Bibliotheken waren die eigentlichen, langfristigen Ziele kaum klar. Es ging oft um den Erhalt des Status Quo, also beispielsweise einer Bibliothek oder des gesamten Netzes von Bibliotheken. Aber dann? Was war das langfristige Ziel? Auch, wenn zum Beispiel mit Versuchen, den Wert von Bibliotheksleistungen für die Gesellschaft zu berechnen, über den lokalen Rahmen hinausgegangen wurde, war nicht klar, was genau das Ziel war. Wenn zum Beispiel Labor wieder (einmal) in Grossbritannien regieren würde, was genau sollte die Regierung dann tun? Über das «rettet die Bibliothek / die Bibliotheken, wie sie gerade ist / sind» ging die ganze Lobbyarbeit kaum hinaus.

Beispiele aus dem DACH-Raum

Das Buch ist aus Frankreich und es handelt von Grossbritannien. Aber es illustriert gut eine Struktur der Lobbyarbeit für Bibliotheken, die sich auch im DACH-Raum findet. Einige Beispiele:

Ökonomischer Wert der Bibliotheken

Vor zehn, fünfzehn Jahren wurden recht viele Arbeiten dazu geschrieben, wie man den «Wert von Bibliotheken» berechnen könnte. Es gab einige Projekte dazu und immer noch findet sich auf dem Bibliotheksportal des Deutschen Bibliotheksverbandes der «Bibliothekswertrechner»,3 bei dem Bibliotheken eingeben können, wie viele Medien sie verliehen haben und so weiter, um dann einen Wert in Euro geliefert zu bekommen, den die Bibliothek «wert» sei. Es gab und gibt andere Formeln, um solche Wert zu errechnen. Zum Beispiel werden in den sozialen Medien immer wieder einmal Bilder von Bibliotheken aus dem Ausland geteilt, auf deren Ausleihquittungen Werte angegeben werden, wie viel Geld die jeweiligen Nutzer*innen mit dieser Ausleihe oder den Ausleihen des letzten Jahren schon gespart hätten. Ebenso gab es ähnliche Ansätze wie «willingness to pay»-Studien, wo versucht wurde, den Wert von Bibliotheken zu messen, indem man fragt, was Leute sonst bereit wären, für bestimmte Angebote zu zahlen.

Die Idee kommt auch immer wieder einmal auf, dass man solche Werte bräuchte, um Werbung für Bibliotheken machen zu können. (Was… manchmal erstaunlich ist.) Auch im oben besprochenen Buch finden sie sich.

Hinter diesem Ansatz stand wohl immer die – manchmal angedeutete, manchmal nicht ausgesprochene – Vorstellung, dass Bibliotheken dann gut abschneiden würden, wenn sie zeigen könnten, dass die Bevölkerung durch sie viel einspart oder mehr Wert «erhält», als sie über die Steuern und / oder Nutzungsgebühren bezahlt hätte. So was in der Art. Aber: Abgesehen davon, dass das selbstverständlich auch andere Einrichtungen behaupten können – und es gab und gibt immer auch willingness zu pay-Studien zu Museen, Parks und so weiter, in denen dann auch gezeigt wird, dass diese Einrichtungen mehr Wert «bringen» als sie kosten – ist zumindest mir nie ein Text untergekommen oder eine Geschichte erzählt worden, wo dies einen positiven Effekt hatte.

Es ist auch nicht klar, wie genau das funktionieren soll: Sagen wir wieder einmal, eine Politikerin kriegt diese Zahlen auf den Tisch – was dann? Was soll sie tun? Selbst wenn diese zum Beispiel mit der Forderung verbunden wären, zum Beispiel in einem Flugblatt, deshalb eine Bibliothek nicht zu schliessen, kann die Politikerin wenig mehr tun, als dann gegen die Schliessung zu stimmen, wenn es zur Abstimmung kommt. Aber wird sie dass wegen solcher Zahlen tun?

Auffällig war eigentlich immer, dass mit solchen Angaben vom «Wert» von Bibliotheken die Überzeugung verbunden war, dass solche Nachweise des eigenen Werts eine Bedeutung in der Politik haben. Aber so funktioniert Politik ja nicht. Es geht um Macht und Verteilung von Macht, um das Identifizieren von Problemen, den Entwurf von Lösungsmöglichkeiten, die Etablierung von Alternativen, die Durchsetzung ideologischer Programme. Das ist Politik. Argumente aller Art, auch solche, die in Geldwerten ausgedrückt werden, sind nur ein kleiner Bestandteil, der nicht von sich aus überzeugt.

Was nötig wäre, wenn man die Idee vertritt, mit solchen Nachweisen Lobbyarbeit zu betreiben, wäre zu sagen, welchen Effekt diese Zahlen haben sollen: Wer soll die glauben? Wer soll durch die von was überzeugt werden? Was genau soll danach geschehen? (Was, wenn andere Einrichtungen ähnliche Zahlen vorlegen können?) Ist die Politik angesprochen? Die Öffentlichkeit? Die Medien? Was soll das bringen? Aber das ist bislang nicht gesagt worden. Stattdessen sind diese Versuche seltener geworden.

«Bibliothek 2007»

In der gleichen Zeit, als diese Versuche der Wertberechnung populär waren – und wohl inhaltlich damit verbunden – gab es von der Bundesvereinigung deutscher Bibliotheksverbände und der damals im Bibliotheksbereich aktiven Bertelsmann Stiftung das Projekt «Bibliothek 2007». Heute ist nicht mehr fiel davon zu finden. Die damals aktiven Homepages sind abgeschaltet.4 Ganz klar war auch da nicht, was eigentlich genau das Ziel war. Es wurden beispielsweise «Best Practice» recherchiert,5 was hiess, eine Anzahl von Öffentlichen Bibliothekswesen vorzustellen (wobei, so überraschend waren die nicht: Skandinavien, Grossbritannien – obwohl es damals schon immer mehr in die Krise schlitterte – und Singapur wurden oft genannt). Es wurden Dokumente erstellt, in denen ein «Reformbedarf» des Deutschen Bibliothekswesens postuliert wurde. Ausserdem wurde das Bild eines Öffentlichen Bibliothekswesen, welches sich auf Bildung und neue Medien fokussieren und als gemeinsames Netz organisiert würde, gezeichnet. Dieses sollte bis 2007 etabliert sein.

Im Rahmen dieses Projektes wurde auch auf Politikberatung gesetzt. Beispielsweise wurde ein Treffen mit Mitgliedern des Bundestages angestrebt.

Was hat dieses Projekt gebracht? Schon der Fakt, dass man heute nach ihm intensiv recherchieren muss und eigentlich nur Konzeptpapiere, aber keine Texte, die über die tatsächlichen Effekte berichten oder nur nachdenken, findet, ist ein Hinweis. (Ich kann zum Beispiel nicht sagen, ob das Treffen im Bundestag nur angestrebt oder auch durchgeführt wurde. Und wenn ja, mit wem? Mit welchem Ergebnis?) Auch hier muss man vermuten, was eigentlich die Erwartungen waren. Sichtbar ist – aber das ist zu erwarten, wenn die Bertelsmann-Stiftung dabei war – die Übernahme von neoliberalen Vorstellungen und Terminologien. Die Bibliotheken wurden als effizient, aber entwicklungsfähig verkauft. Es wurde von Investition in die Zukunft gesprochen. Und so weiter.

Wieder: Wenn eine Politikerin das damals, 2004, auf den Tisch bekommen hat – was genau hätte sie tun sollen? War zum Beispiel die «BibliotheksEntwicklungsAgentur», von der im «Zukunftsbild» gesprochen wurde, ernstgemeint und sollte die Politikerin sie einrichten? (Eine bundesweit agierende Agentur, wenn Kultur und Bildung Landessache sind? Wie soll das gehen?) Oder war sie ein Symbol? Was genau sollte getan werden? Was in den Dokumenten auffällt, ist nicht nur, wie quer zur politischen Struktur Deutschlands die dort beschriebene Zukunft des Bibliothekswesens stand, sondern auch, dass gleichzeitig nicht klar wurde, was genau gefordert wurde.

Und, im Nachhinein, wie schnell von der Kampagne nicht mehr geredet wurde. (Zum Beispiel verschwand sie als Thema ganz schnell aus BuB und Bibliotheksdienst, obwohl dort einige Jahre regelmässig Artikel zu ihr erschienen.)

«Bibliofreak»

2015 bis 2017 gab es in der Schweiz die Kampagne «BiblioFreak». Die Homepage lässt sich noch aufrufen,6 aber der Schlussbericht nicht mehr.7 Sie zielte darauf ab, das Bild von Öffentlichen Bibliotheken zu verbessern – I guess. Ich habe die Kampagne quasi live miterlebt und dennoch nie so richtig verstanden, was das Ziel war. Weiterhin steht auf der Kampagnenseite dazu folgendes:

«BiblioFreak ist eine nationale Imagekampagne für Bibliotheken. Sie will die Bibliotheken stärken, deren öffentliche Wahrnehmung verbessern und ihre Bekanntheit steigern.

BiblioFreak will dazu beitragen, den Kreis der Nutzerinnen und Nutzer der Bibliotheken zu erweitern.

BiblioFreak macht die vielfältigen Leistungen der Bibliotheken sichtbar, bringt Bibliotheken ins Gespräch und hilft so, das nachhaltige Engagement der Träger zu sichern.

BiblioFreak hilft auf unkonventionelle Art, dass über die Bibliotheken gesprochen wird.»8

Was nicht heisst, dass die Kampagne damals nicht beliebt gewesen wäre – bei Bibliotheken. Viele Bibliotheken verlinkten damals auf die Homepage, besorgten sich Kampagnenmaterialien und machten solche Aktionen wie gemeinsames Wandern (mit Shirts der Kampagne), produzierten Flyer und Werbematerialien. Oft war der Eindruck, als ob vor allem Bibliotheken selber sich mit der Kampagne identifizieren konnten und mit ihr eine gewisse «feel good»-Atmosphäre vermittelt wurde. (Was nicht zu unterschätzen ist.)

Das Ergebnis der Kampagne ist nicht klar. Herbert Staub (damals Präsident des damaligen Verbandes Bibliothek Information Schweiz, der praktisch das Gesicht der Kampagne war) hat, als er sie 2017 auf dem Deutschen Bibliothekstag vorstellte – und auch anderswo – selber gesagt, dass die Ergebnis schwierig zu bestimmen sind. Und jetzt wird praktisch nicht mehr über diese Kampagne geredet. Der Verband und Vorstand ist ein anderer und offenbar ist das alles kein Thema mehr.

Fazit

Das sind alles ein paar Beispiele. Selbstverständlich gab es mehr. Aber wir können aus diesen Beispielen schon einiges lernen, denke ich:

  1. Die Ziele solcher Aktivitäten sind oft erstaunlich unklar. Sicherlich gab auch einige anderen Lobbyaktivitäten, die konkreter waren. Ich denke nur an die Versuche, Bibliotheksgesetze zu etablieren, die in einigen deutschen Bundesländern und einem schweizerischen Kanton erfolgreich waren (in anderen nicht). Aber ansonsten gibt es oft erstaunlich ungenaue Angaben dazu, was hier eigentlich von wem erreicht werden soll. Immer wieder geht es darum, Politik und Bevölkerung irgendwie anzusprechen – aber wofür? Immer wieder, wenn ich mir eine Politikerin vorstelle, die von den Kampagnen angesprochen wird, kann ich mir nicht vorstellen, was genau von der erwartet wird. Aber wenn man kein konkretes Ziel hat: Warum macht man es dann überhaupt?
  2. Erstaunlich ist auch, wie selten überhaupt am Ende solcher Aktivitäten über deren Ergebnisse berichtet oder nachgedacht wird. Das es mal einen Abschlussbericht für BiblioFreak gab und auch einige Vorträge dazu, war schon eine Ausnahme. Das hinterlässt – besonders, wenn es immer wieder passiert – schnell den Eindruck, dass es niemand so richtig mit diesen Aktivitäten ernstgemeint hat (was ich nicht glauben kann). Eventuell ist es, wie angedeutet, einfach so, dass jeder Verband Lobbyarbeit macht und von jeweils neuen Vorständen erwartet wird, es auch zu tun (ausser sie haben andere Projekte, die auch als wichtig erscheinen).
  3. Bemerkenswert ist auch, wie schnell diese Kampagnen wieder aus dem «Gedächtnis» der Profession verschwinden, also wie schnell nicht mehr von ihnen gesprochen wird, wenn sie einmal vorbei sind. Hören die «jungen Leute», wenn sie jetzt mit der bibliothekarischen Ausbildung oder dem Studium anfangen, überhaupt noch von «Bibliothek 2007» oder «Bibliofreak»?9 So ist es dann aber auch nicht möglich, aus den schon gesammelten Erfahrungen aus vorhergehenden Kampagnen zu lernen – und wäre es auch nur, dass bestimmte Dinge schon ohne erkennbares Ergebnis probiert wurden.
  4. Was manchmal erstaunt, ist, wie sehr die eigentlichen Kampagnen und die politische Realität nebeneinander stehen. Im oben besprochen Buch war dies auffälliger als bei anderen Beispielen, weil es einfach auch im Buch selber zwei getrennte Teile waren. Die Analyse der politischen Veränderung hatte mit den Aktivitäten, die dann beschrieben wurden, nicht viel zu tun. Wenn die Tories die Idee vertraten, dass die Gesellschaft und nicht der Staat die gesellschaftlichen Einrichtungen tragen soll, die sich wichtig findet (was eine komische Vorstellung davon ist, was eigentlich der Staat ist – aber gut, anderes Thema), war es zum Beispiel nicht sinnvoll, wenn Bibliotheken zeigen, dass sie der Bevölkerung so und so viel Wert seien oder so und so viel einsparen. Aber das war, was gemacht wurde. Wie Politik tatsächlich funktioniert, scheint bei all der Advocacy kaum bedacht zu werden. (Ein anderes Buch aus Frankreich – Des bibliothèques pour Marseille: en finir avec l’indolence – ist da direkter.10 Hier nimmt der Autor direkt die Position ein, dass die Ausgestaltung des Öffentlichen Bibliothekswesen in Marseille das Ergebnis politischer Entscheidungen sei und deshalb auch nur durch Entscheidungen der Politik verändert werden kann. Im Vorwort zu dem von ihnen herausgegebenen Buch Public Library Governance11beschreiben Edward Abbott-Halpin und Carolynn Rankin das Verhältnis von Bibliothek und Politik deshalb auch als «wicked problem», weil weit mehr Stakeholder als nur Bibliotheken und Politiker*innen an solchen politischen Entscheidungen beteiligt sind und weil die Entscheidungen auch komplex sind. Aber in der Lobbyarbeit für Bibliotheken erscheint es oft nicht so.)

Ich bin niemand, der sich in so grossen Vereinigungen wie Bibliotheksverbänden engagieren kann. Aber wäre ich es, ich würde mir vornehmen, diese Situation zu verändern. Lobbyarbeit ist wohl Teil der Arbeit von Verbänden, aber wenn der Überblick hier etwas gezeigt hat, dann folgendes:

  • Sie sollte klare Ziele haben.
  • Sie sollte sich bemühen zu verstehen, wie Entscheidungen getroffen werden, die dazu führen, dass diese Ziele erreicht werden – und nicht einfach nur um goodwill oder so werben. (Das ist bei Bibliotheken nicht notwendig. Wie viel mehr goodwill wollen sie noch haben?) Es geht um Politik, also sollte man auch verstehen, wie Politik funktioniert und wo angesetzt werden muss, um etwas zu verändern.
  • Alle Lobbyaktivitäten sollten daraufhin überprüft werden, was eigentlich ihre Ergebnisse waren. Das Wissen, welches über Jahre und Jahrzehnte mit solchen Kampagnen gesammelt wurde, sollte nicht einfach wieder verschenkt, sondern aktiv gesammelt werden.

Fussnoten

1 Touitou, Cécile (dir.) (2020). Bibliothèques publiques britanniques contemporaines: autopsie des années de crise. [La Numérique] Villeurbanne: Presses de l’enssib, 2020, https://doi.org/10.4000/books.pressesenssib.11527

2 Ich habe letztens gehört, dass es Berater*innen gibt, die aktuell die Öffentlichen Bibliotheken in Grossbritannien als positives Vorbild für bestimmte Entwicklungen im DACH-Raum darstellen. Aber ich kann nicht glauben, dass das jemand ernst meint oder ernst nimmt. Alle Zahlen in Grossbritannien zeigen kontinuierlich nach unten: Etat, Personal, Anzahl Filialen, Ausleihen, Medien, Veranstaltungsbesuche.

3 https://bibliotheksportal.de/bibliothekswertrechner/.

4 Aber ganz verschwindet so was selbstverständlich nicht. Es gibt die gedruckten Medien noch in Bibliotheken und teilweise digitalisiert: https://core.ac.uk/download/pdf/195393741.pdf.

5 https://media02.culturebase.org/data/docs-bideutschland/Best_Practice_Recherche.pdf.

6 http://bibliofreak.ch.

7 http://bibliofreak.ch/uploads/downloads/Bericht/BiblioFreak_Schlussbericht.pdf.

8 http://bibliofreak.ch/page/hilfe.

9 Und während ich das schreibe fällt mir auf, dass sie es von mir hören könnten – aber haben sie nie. Nie erschien mir das wichtig, ihnen Wissen über diese vergangenen Kampagnen mitzugeben. Ein Fakt, über den ich nochmal nachdenken muss.

10 Rose, José (2020). Des bibliothèques pour Marseille: en finir avec l’indolence. Marseille: Éditions Gaussen, 2020

11 Abbott-Halpin, Edward ; Rankin, Carolynn (edit.) (2020). Public Library Governance: International Perspectives (IFLA Publications, 176). Berlin; Boston: De Gruyter Saur, 2020.

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