Bibliotheks- und Informationswissenschaft · Bibliothekspolitik · Bibliothekswesen

Eine Sammlung, was man im Feld der Bibliotheken nach der Pandemie untersuchen / besprechen könnte

Wir befinden uns jetzt also unbestreitbar in der (in Europa) zweiten Welle der COVID-19-Pandemie. Sicherlich: Alle haben dadurch wieder zu tun. Und dennoch scheint es mir, es wäre auch eine gute Zeit, um einmal festzuhalten, was sich Bibliothek oder die Bibliothekswissenschaft im Anschluss an diese Pandemie fragen könnten und sollten.

  • Die Extremsituation hat – wie alle Extremsituationen – Strukturen und Vorstellungen getestet. Haben die Infrastrukturen gehalten? Wenn nicht, wie kann man sie verbessern? Aber auch: Haben die Vorstellungen der Bibliotheken davon, was Bibliotheken sind, wofür sie genutzt und geschätzt werden, gehalten? Antworten auf solche Fragen würden nach der Pandemie helfen, Bibliotheken weiterzuentwickeln.
  • Gleichzeitig hatten wir jetzt schon einmal eine Phase, in der Bibliotheken geschlossen wurden und eine, in der Bibliotheken «wiedereröffnet» wurden. Auch wenn die Situation jetzt teilweise anders ist als während der ersten Welle, wird es (mindestens) wieder eine Phase der Wiedereröffnung geben, wohl irgendwann im Frühling / Sommer 2021. Für diese wäre es selbstverständlich gut, aus der ersten Phase zu lernen, um dann diesen Prozess zielgerichteter organisieren zu können.
  • Nicht so sehr aktuell, aber in den ersten Monaten der Pandemie wurde immer wieder die Erwartung geäussert, dass sich durch diese viel ändern wird: Beispielsweise würden mehr elektronische Medien genutzt werden, weil die Menschen im März, April, Mai so viele nutzten. Oder die Arbeit im «Home-Office» würde sich (noch mehr) etablieren. Es wäre Zeit, auch aus den Erfahrungen im Sommer 2020, als an vielen Orten eine gewisse Normalität eingekehrte, zu lernen, ob diese Voraussagen immer noch haltbar sind – und wenn ja, was das für die Zukunft nach der Pandemie heisst. Wenn nein, warum nicht.

Hier eine erste Zusammenstellung von mir über die Fragen, die man in diesem Zusammenhang bearbeiten / diskutieren könnte. Es gibt Liste für diese keine richtige Basis ausser meine eigenen Beobachtungen und Überlegungen. Insoweit bin ich mir sicher, dass es noch viele andere Themen gäbe und das einige Themen von anderen als nicht wichtig erachtet werden. Ich unterbreite sie hier einfach als ersten Vorschlag und freue mich, wenn sie jemand aufgreift / ergänzt / überarbeitet (und wenn es dann erst nach der Pandemie ist, die hoffentlich irgendwann vorbei sein wird). Es soll vor allem eine Erinnerung daran sein, dass man aus dieser Krise etwas lernen kann und nicht einfach so schnell als möglich zur Normalität übergehen sollte.

Direkt die Bibliothek betreffend (Ebene 1)

Eine erste Liste von Fragen betrifft die Bibliothek als Einrichtung selber (ich nenne das hier Ebene 1, im Gegensatz zum Blick auf die Bibliothek von anderen Einrichtungen, die ich weiter unten Ebene 2 nenne).

  • Was und wann wurde während der ersten Welle in der Bibliothek gemacht? Nicht nur wann wurden die Räume geschlossen, sondern auch wann wurden Dienste eingestellt, wieder eingeführt oder ganz neu aufgesetzt? Hier zum Beispiel wäre es schon hilfreich, wenn möglichst viele Bibliotheken eine Chronologie der Ereignisse liefern würden, welche man dann miteinander vergleichen könnte. Einige haben das schon in ersten Artikeln gemacht, aber man könnte das beispielsweise in einer Abschlussarbeit auch systematisieren. Dann könnte man schauen, ob es Gemeinsamkeiten oder Unterschiede gab und warum. Das würde vielleicht etwas darüber sagen, wie sehr Bibliotheken vernetzt oder nicht vernetzt sind, wie sehr oder wenig sie von Entscheidungen anderer abhängig sind und so weiter.
  • Warum wurde es so gemacht? Hier wäre es interessant, Gründe zu erfahren: Warum haben einige Bibliotheken ganz geschlossen, andere Lieferdienste eingerichtet, andere trotz Homeoffice-Empfehlung viel im Backoffice arbeiten lassen? Wer hat diese Entscheidung getroffen? Auf der Basis welcher Überlegungen?
  • Mit welchem Ergebnis? Wie waren zum Beispiel die Ausleihzahlen? Hier wäre es wirklich interessant, Zahlen zu erhalten. Beispielsweise haben sehr viele Bibliothek im April angefangen, entweder Medien per Post zu verschicken oder die Abholung von Medien zu ermöglichen. Interessant wäre, wie das genutzt wurde – die Zahlen, die man hier und da hört, sind eher gering, aber das muss ja nicht überall so gewesen sein – und wie es wahrgenommen wurde. Interessant wäre zum Beispiel auch, ob diese Dienste über die Bibliothekskreise und die der engen Stammnutzer*innen hinaus bekannt wurden. Wurde das zum Beispiel in der Presse oder der lokale relevanten Social Media-Kanälen aufgegriffen?
  • Was ist jetzt mit den elektronischen Medien? Eine besondere Frage wäre, wie sich die Nutzung der elektronischen Medien tatsächlich entwickelt hat. Zu Beginn der Pandemie, im März, April, wurde viel davon geschrieben, dass Bibliotheken den Zugang zu elektronischen Medien vereinfacht und zum Beispiel die Anmeldung für die Bibliotheksnutzung online ermöglicht hätten. Zudem wurde davon berichtet, dass die Nutzungszahlen explodieren würden und daraus unter anderem abgeleitet, dass dies der Beginn es längerfristigen Trends wäre. Aber jetzt, einige Monate später, stellt die Frage, wie sich die Zahlen entwickelt haben: War das ein kurzfristiges Hoch oder tatsächlich ein Trend? Wie waren / sind die Zahlen? Auch hier hört man hier und da, dass sie während des Sommers wieder massiv zurückgegangen wären, aber eine systematische Sammlung wäre selbstverständlich aussagekräftiger.
  • Gab es Rückmeldungen zu den Schliessungen, Angeboten und so weiter der Bibliotheken? Wenn ja, von wem und welche? Hier wäre es interessant zu erfahren, ob und wenn ja wer wahrgenommen hat, was Bibliotheken während der ersten Welle getan haben. Bibliotheken haben immer wieder die Angst, dass sie übersehen werden und teilen gleichzeitig über interne Kanäle immer wieder, wenn sich jemand über sie äussert: Aber wie war es den während der Pandemie? Und vor allem: Kann man aus diesen Rückmeldungen, egal ob direkt an Bibliotheken gemacht, beispielsweise in Kommentaren, oder über Bibliotheken, beispielsweise in Berichten, etwas lernen?
  • Gab es Kooperationen oder andere Formen von Zusammenarbeit während der Pandemie (zwischen Bibliotheken, zwischen Bibliothek und anderen Einrichtungen)? Extremsituationen zu meistern ist oft einfacher, wenn man dies in Zusammenarbeit mit anderen tut. Zudem streben eigentlich alle Bibliotheken, nimmt man die ganzen Strategiepapiere der letzten Jahre ernst, Kooperationen mit anderen Einrichtungen an. Interessant wäre, welche Kooperationen Bibliotheken während der Pandemie eingegangen sind und wofür. Wurden zum Beispiel soziale Stiftungen angesprochen, um über sie Medien an Nutzer*innen zu liefern? Zudem relevant in diesem Zusammenhang wäre es zu wissen, ob dabei auf bestehende Kooperationen zurückgegriffen oder neue aufgebaut wurden. Lohnte sich die Arbeit in die Kontakte, die in den Jahren zuvor geleistet wurden? Und auch, wenn Bibliotheken gerade keine Kooperationen eingegangen sind, sondern eher alleine agiert haben: Was würde das heissen?
  • Wie wurde über «Wiedereröffnung» entschieden? Was genau hiess «Wiedereröffnung»? Was waren die Erfahrungen? Wie wurden die Angebote genutzt? Gab es Trends / Veränderungen über den Sommer? Wie haben sich die Nutzungszahlen entwickelt? Gab es Rückmeldungen von Nutzer*innen? Die Frage ist schon deshalb relevant, weil es zwar vielleicht (hoffentlich) keine neue Welle geben wird, aber wieder eine Phase der «richtigen» Wiedereröffnung.

Interne Ebene

Nicht unbedingt im Bibliothekswesen, aber anderswo schon wurden sich schon während der ersten Welle viele Gedanken dazu gemacht, welche Auswirkungen diese auf die zukünftige Arbeit haben würden: Wird sich das Homeoffice durchsetzen? Wenn ja, was wird das für Arbeit, Zufriedenheit, Infrastruktur bedeuten? Von anderer Seite wurde aber auch gefragt, wie mit dem Personal während der Krise umgegangen wird und wie sich das für die Zeit nach der Krise auswirken wird. Beispielsweise gab es Hinweise darauf, dass Personal, dass gegen den eigenen Willen entweder zum Arbeiten vor Ort oder zum Arbeiten daheim genötigt wurde, vielleicht nach der Pandemie daran gehen wird, sich andere Arbeitsstellen zu suchen. Zudem wurden Vermutungen angestellt, wer überhaupt zum Beispiel darüber entscheiden kann, wo sie*er arbeitet oder wer nicht.

Die Personalebene in Bibliotheken wird selten besprochen, ebenso die Frage, wie die Arbeit in Bibliotheken überhaupt genau organisiert ist. Dennoch gäbe es auch hier einige relevante Fragen.

  • Erfahrungen des Remote Work: Welches, wie, mit welchen Ergebnissen und Erkenntnissen? Wie hat sich das Personal dabei gefühlt? Insbesondere für viele Öffentliche Bibliotheken und Spezialbibliotheken scheint, wenn man dem was man hier und da hört Glauben schenken kann, die Umstellung auf die Arbeit im «Homeoffice» ein neuer, teilweise schwieriger Schritt gewesen zu sein. Aber auch nicht für alle. In Wissenschaftlichen Bibliotheken war dies eher schon verbreitet, aber auch nicht für alles Personal oder in allen Bibliotheken. Und einige Bibliotheken sind offenbar so schnell wieder zur Arbeit vor Ort zurückgekehrt, dass es eigentlich keine Arbeit im Homeoffice für sie gab. Und dennoch: Es wäre interessant zu erfahren, wie genau Bibliotheken mit dem Homeoffice umgegangen sind. Nicht nur, ob sie es getan haben, sondern auch, wie sie die Arbeit umgestellt haben, wie das Personal damit umgegangen ist, wie die allgemeinen Erfahrungen sind und so weiter. Dies ist ja schon für die Frage wichtig, ob es jetzt wirklich eine Hinwendung zum Homeoffice geben wird oder nicht – und ob Bibliotheken sich darauf einstellen müssen.
  • Gab es Lernprozesse? Wie wurden die organisiert? Die erste Krisenzeit und dann die ersten Entspannungen im Sommer wären eine gute Zeit dafür gewesen, intern Lernprozesse zu gestalten, also vielleicht gemeinsam zu reflektieren, welche Erfahrungen gesammelt wurde und wie sie in Zukunft benutzt werden. Sicherlich: Solche Prozesse zu organisieren und zu managen sollte in jeder Organisation zu jeder Zeit geschehen und das passiert ja auch in vielen Bibliotheken. Aber es wäre interessant systematischer zu sehen, was Bibliotheken wann gelernt haben, auch zum Beispiel, ob sie irgendwann zu Einschätzungen gelangten, die sie dann in den nächsten Monaten / Wochen wieder verwarfen.
  • Wurde etwas am Bestandsmanagement geändert? Weiterhin ist der Bestand (inklusive der Zugänge, die über Bibliotheken organisiert werden) der Hauptteil bibliothekarischer Arbeit. Zudem war in der ersten Welle die Arbeit mit und am Bestand der Teil bibliothekarischer Arbeit, welcher noch durchgeführt werden konnte, während zum Beispiel Veranstaltungsarbeit vor Ort oder das Angebot von Lern- und Leseplätzen nicht möglich war. Aber hat sich bei der Arbeit am und mit dem Bestand mittel- und kurzfristig etwas verändert? Wird jetzt zum Beispiel anders ausgewählt, eingekauft, lizenziert, katalogisiert, Zugang geschaffen? Wurden Bestandsstrategien überarbeitet? Wie? Hat sich die Nutzung elektronischer Medien in den ersten Monaten der Pandemie in der Bestandsarbeit niedergeschlagen?
  • Wie wurde mit dem Personal umgegangen? Das ist vielleicht eine gewerkschaftliche Frage: Aber während der ersten Welle waren immer wieder Stimmen zu vernehmen, bei denen sich Personal darüber beschwerte, was von ihm erwartet würde; dass nicht auch auf die Gesundheit des Personals geachtet wurde; dass erwartet wurde, dass es einfach wie immer «funktioniert»; dass ihm Aufgaben übertragen wurden, die es nicht übernehmen wollte / kann (und wenn es nach der Wiedereröffnung «nur» die Durchsetzung der Hygieneregel sind). Die Stimmen waren recht viele, gefühlt mehr als sonst. Aber das heisst nicht, dass es überall so gewesen sein muss. Es gab auch Personal, dass sich positiv geäussert hat. Insoweit wäre die Frage schon, wie das Personal die Situation erlebt hat – und ob sich daraus etwas für die Bibliotheken ergibt. Wird es jetzt zum Beispiel nach der Pandemie schwieriger werden, Personal zu halten oder zu gewinnen, wenn negative Erfahrungen überwogen haben? Oder andersherum einfacher? Was sagt es über Bibliotheken, wenn sich (einiges?) Personal so negativ äussert? Was unterscheidet vielleicht diese Bibliotheken von anderen Bibliotheken? [Diese Fragenkomplex wäre wohl wirklich was für die Gewerkschaften. Ich habe gelernt: Sie einfach so zu stellen ist gefährlich. Manche Menschen wollen sie nicht hören.]
  • Gab es eine Krisenplanung? Hat die geholfen? Wobei? Gibt es jetzt eine Krisenplanung? Krisen lassen sich besser durchstehen, wenn man auf sie vorbereitet ist und zum Beispiel weiss, wohin man sich um Unterstützung wenden kann. Gab es solche Planung in Bibliotheken? Wie sahen die aus und welchen Effekt hatten sie? Und: Wird jetzt vielleicht an neuen Krisenplanungen gearbeitet? (Zu vermuten, dass diese Pandemie die einzige Krise ist, die uns in den nächsten Jahren / Jahrzehnten treffen wird, ist ja illusorisch. Nicht nur ist die Chance auf die nächste Pandemie immer da, solange sich die Strukturen, welche die Verbreitung des Virus ermöglicht haben, nicht verändern. Aber die Klimakatastrophe und deren Auswirkungen ist auch immer noch da.)

Indirekt die Bibliothek betreffend (Ebene 2)

Bibliotheken beobachten nicht nur sich selbst, sondern sie werden auch von anderen Institutionen beobachtet, nicht zuletzt von ihren Trägern. Zudem gab die Krise auch einen guten Einblick darin, was Bibliotheken selber darüber denken, was an ihnen wichtig ist, warum sie (gerne) genutzt werden, was die Nutzer*innen von ihnen wollen und wie wichtig sie im Vergleich mit anderen Einrichtungen sind – den Bibliotheken schrieben mehr darüber, als sonst, wenn sie zum Beispiel Lobbyarbeit dafür betrieben, öffnen zu dürfen oder sich bei der jeweiligen «Wiedereröffnung» präsentierten. Und gleichzeitig gab die Krise auch eine Gelegenheit zu schauen, wie andere Institutionen – beispielsweise die Kantone und Bundesländer – oder die Nutzer*innen darauf reagierten.

Auf diese Ebene wäre eine systematische Sammlung und Auswertung solcher Äusserungen von Bibliotheken und der Reaktion darauf erhellend und würden eine Basis dafür liefern, dass Bibliotheken darüber nachdenken können, welche Bedeutung sie sich selber zuschreiben, warum sie das tun und wie die Nutzer*innen und die Öffentlichkeit darauf reagiert.

  • Was vermuteten / behaupteten Bibliotheken über sich selbst? (Verlautbarungen et cetera)
  • Wurden diese Vermutungen bestätigt / widerlegt / widersprochen? Was heisst das?
  • Welchen Aufgaben schrieben sich Bibliotheken zu? Welche wurden ihnen zugeschrieben (zum Beispiel durch die konkrete Nutzung, durch andere Stellen)?

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