Anderswo · Geschichte · Glücksversprechen und Wünsche

Was, wenn das Ende des Buches doch nicht kommt?

Zu: Piault, Fabrice (1995). Le livre : la fin d’un règne. (Au vif) Paris: Édition Stock, 1995

Das Ende des Buches. Oder zumindest des Ende des Buches, wie wir es kennen. Seit ich etwas mit dem Bibliothekswesen zu tun habe, seit Anfang der 2000er, habe ich Beiträge dazu wahrgenommen, die das diskutieren wollen: Erstens immer wieder, dass das Zeitalter des Buches vorbei sei und zweitens, was das für die Gesellschaft oder die Verlage oder das Lesen oder die Bibliothek und so weiter bedeutet.1

In einem Antiquariat stiess ich letztens auf so einen Beitrag, nämlich «Le livre: la fin d’un règne» (Das Buch: Ende seiner Herrschaft) von Fabrice Piault, publiziert 1995. Der Autor, damals Technikchef und heute Chefredakteur des französischen Buchhandelsmagazins Livre Hebdo, hatte (und hat weiter) aufgrund seiner Position guten Einblick in die (französische) Verlagswelt und Welt des Lesens sowie die technischen Entwicklungen im Medienbereich. Selbstverständlich war es Zufall, dass ich gerade dieses Buch von ihm in diesem Antiquariat fand und nicht ein anderes aus dem gleichen Genre. Ich habe es aber gelesen, nicht nur weil es mich auf er ersten Blick an die gewisse Naivität und Erwartung an von technischen Entwicklungen vorangetriebenen Veränderung erinnerte, welche die 90er Jahre auch ausmacht, sondern auch weil es mich interessierte, wie sehr die Vorhersagen in einem solchen Buch mit zeitlichem Abstand standhalten. Es gäbe aber viele, viele solcher Bücher (und Artikel, Vorträge etc.), die im Laufe der letzten 30-40 Jahre darüber publiziert wurden, ob das Buch und Buchzeitalter ein Ende gefunden hat – und was das heisst.

Bild des BUches Le livre: la find d'un règne

Dabei geht mir nicht darum mich darüber lustig zu machen, ob (oder worüber genau) Piault mit seinen Einschätzungen Unrecht hatte. Was wäre damit schon gewonnen? (Zumal er nicht als einer dieser Gurus herüberkommt, welche von Ende des Buches nur reden, um dann die eigene Vision der Welt / der Verlage / der Bibliotheken et cetera zu verkaufen oder aber zu sagen, wie das Ende aufzuhalten wäre. Bei denen wäre etwas gewonnen, wenn man zeigen könnte, dass sie schon mit ihrer Grundthese Unrecht haben.) Mich interessiert mehr, warum dieses Thema immer wieder Autor*innen umtreibt und ob es Strukturen ihrer Argumentationen gibt, die sich kaum oder gar nicht verändern.2

Die Argumente des Buches

Das Buch ist selbstverständlich eines seiner Zeit und auch des Landes, über das hier geschrieben wird. Der Autor konnte die folgende technische Entwicklung nicht voraussehen, sondern nur von dem ausgehen, was 1995 angedacht oder angekündigt war. Deshalb spricht er viel von unterschiedlichen Formen der CD, von Datenbanken, aber nur wenig vom Internet. Ein E-Book-Reader, von dem er an einer Stelle erwähnt, dass er vor Kurzem vorgestellt wurde, ist einer, welcher Mini-CDs als Medium benutzte. Digitaldruck hat er ebenso wenig auf dem Schirm wie Smartphones, die heutige Ubiquität des Internets oder das (Wieder-)Verschwinden der CDs (und die Wiederkehr von Vinyl). Alles, was er über die wahrscheinliche technische Entwicklung sagt, hat heute einen nostalgischen Klang – aber es auch nicht das Hauptthema des Buches.

Gleichzeitig ist es ganz klar ein Buch, dass sich nur mit Frankreich beschäftigt: Der Minitel hat seinen Auftritt, die Struktur des Verlagswesens in Frankreich (beispielsweise die Konzentrationsprozesse im Verlagswesen) auch. Die Entwicklung der supermarché und Multimedia-Märkte (FNAC, Virgin) in Frankreich, die Verbands- und Förderstruktur für Verlage sowie die Gesetzeslage sind das Thema seiner Analyse. Ausser bei technischen Entwicklungen, die er anführt, geht es nie um Entwicklungen im Ausland, auch nicht zu Vergleichszwecken.

Das zur Einschränkung. Aber die Grundthesen des Buches liessen sich wohl doch in andere Zusammenhänge übertragen.

Banalisierung des Buches; der Herbst des Verlagswesens

Die Argumentation von Piault ist mehrstufig. Zuerst postuliert er, dass das Buch zu einem «banalen» Gegenstand geworden ist. Das Verlagswesen hätte über mehrere Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg (den «Trente Glorieuses»), ein massives Wachstum erlebt. Bücher wurden in immer grösseren Massen und für immer mehr Aufgaben produziert sowie massiv verbreitet. Das Lesen sei an allen Orten zur Normalität geworden. Dieser Erfolg hätte dazu geführt, dass das Buch praktisch seine besondere Aura, die es einmal hatte, verloren hätte und zu einem Alltagsgegenstand geworden sei. Gleichzeitig hätte nach Mitte der 1970er ein langsamer Niedergang des Verlagswesens und des Buches eingesetzt. Es würden immer mehr Bücher produziert, aber die Vorherrschaft des Buches als wichtigstes Medium, sei immer mehr angekratzt worden.

Gleichzeitig gäbe es weiterhin eine gedachte Verbindung von Lesen und Kultur, die beispielsweise von Staat oder den Verlegerverbänden bedient würde, beispielsweise bei Programmen zur Leseförderung oder bei Lobbymassnahmen. Aber diese gedachte Verbindung sei einigermassen überholt, weil einfach immer und für alles gelesen werden könnte – und auch würde –, nicht nur für kulturelle Zwecke. Gleichwohl sei das Festhalten an dieser gedachten Verbindung ein Zeichen dafür, dass – so geht die Argumentation weiter – das bisherige Verlagswesen ein «reife Frucht» sei, die bald abfallen würde. Mit diesem Verlagswesen meint er eine – durch Konzentrationsprozesse immer weniger werdende – Anzahl an Grossverlagen, die sich in den 1980ern und 1990er Jahren gebildet hätten, die Organisation der Buch-Auslieferung, der Buchhandlungen und der damit zusammenhängenden Infrastrukturen. (Es geht auch lange um ein spezifisches Gesetz von 1981, das Loi Lang, welches kleine Buchhandlungen schützen sollte, aber der Meinung von Piault folgend auch unintendierte Folgen hatte.)

Die Einschätzung, dass das alte Verlagswesen davor stehen würde, sich radikal zu verändern, unterstreicht er damit, dass die Verlage dazu übergegangen seien, das Buch als reines Marktprodukt anzusehen. Kennzeichnend dafür seinen zum Beispiel lauter Manager, welche aus anderen Bereich kämen, aber jetzt (1995) Verlage führen würden. Die Verlage seine dazu übergegangen, Veröffentlichungen marktgerecht zu planen: In Reihen, nicht in Einzelwerken, oder auch mit Blick auf die Mehrfachverwertung von Publikationen, beispielsweise in Budgetreihen («10 Franc pro Buch»). Die Bedeutung der editorischen Arbeit würde zurückgehen – auch wenn das in den Redaktionen, Lektoraten und so weiter nicht unbedingt so gesehen würde – während die des Managements steigen würde.

Multimedialisierung

Die Frucht sei reif, gepflückt zu werden. Dies würde, so die weitere Argumentation, bevorstehen. Während sich in den Jahrzehnten zuvor andere Medien neben dem Buch etabliert hätten – allen voran das Fernsehen – würde jetzt eine Multimedialisierung beginnen: Medien würden «zusammenwachsen», sich ergänzen, gemeinsam ein neues Ganzes bilden.

Medien würden zusammengeführt: CDs in Büchern, Texte auf CDs, Literatur im Fernsehen, Literatur im Minitel-Netz und im Internet. Gleichzeitig würden Medien zusammengedacht werden: Immer mehr Romane würden verfilmt, zu Filmen würden Bücher geschrieben. Ganze Reihen von unterschiedlichen Medien mit einem Thema würden gemeinsam geplant, produziert und vermarktet: Filme, Bücher, Spielzeug, Comics und so weiter, je zu einer Figur. Da das Buch banal geworden sei könne es jetzt einfach in eine Reihe mit anderen Medien gestellt werden. Das würde nicht heissen, dass das Buch als Medium zu Ende sei. Aber das Zeitalter, in welchem das Buch das wichtigste Medium mit der grössten Aura gewesen sei, das sei vorbei.

Dazu beitragen würde auch, dass Bücher immer mehr ausserhalb des Systems des eigentlichen Buchhandels verkauft würden. Die grossen Supermarktketten würden dazu übergehen, eigene Buchabteilungen einzurichten.3 Es würden Ladenketten, die megastores, entstehen (genannt sind FNAC und Virgin, aber es wird nicht ausgeschlossen, das mehr folgen würden), in denen Bücher neben Unterhaltungstechnik und zum Beispiel Musik gleichberechtigt nebeneinander angeboten werden. So würden Bücher ein Produkt unter anderen.

Ist das eingetreten?

Piault sieht dies als eine Bewegung, die sich nur noch verstärken wird. 2020 kann man auf diese Erwartungen von vor 25 Jahren zurückschauen und sich fragen, was davon gestimmt hat.

Zuerst: Das Lesen und Bücher sind immer noch erstaunlich stark in der französischen Gesellschaft präsent. Zwar zeigt zum Beispiel Claude Poissenot in seiner Einführung «Sociologie de la lecture» (Malakoff: Armand Colin, 2019), dass pro Generation weniger gelesen wird. Aber gleichzeitig sind die Zahlen (beispielsweise die bei Statista4 oder dem französischen Kulturministerium5) zum Lesen und Verlagswesen erstaunlich hoch. Auch subjektiv sind Buchhandlungen in Frankreich einfach viel umfangreicher, angefüllter als es im DACH-Raum normal – der Wert des Buches scheint viel grösser zu sein.6 (Während gleichzeitig Bücher so viel billiger sind als in Deutschland. Österreich oder gar Schweiz / Liechtenstein.) So wirklich «gepflückt» wurde die Frucht Verlagswesen nicht. (Eher geht es den megastores schlecht.)

Gleichzeitig haben sich tatsächlich andere Medien neben den Büchern etabliert, wenn auch andere, als die, welche Piault erwähnt hat. Die CD, bekanntlich, ist am Untergehen. Viele der Formen, die in Piaults Buch erwähnt werden (CD-I, mini-disc), sind schon praktisch verschwunden. Bücher gibt es hingegen immer noch.

Was eingetreten ist, ist, das sich geändert hat, wofür Bücher gelesen werden. Nicht vollständig. Aber der Niedergang der Nachschlagewerke (Lexika, Wörterbücher) ist zum Beispiel eine bekannte Transformation, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat.

Grundsätzlich scheint Piault mit seiner Beschreibung der Veränderungen in den Jahrzehnten bis 1995 («Banalisierung des Buches») mehr richtig gesehen zu haben, als mit seinen Einschätzungen der Zukunft.

Was lässt sich aus dem Buch lernen? Strukturen der Argumentation

Wie angedeutet habe ich das Buch nicht gelesen, um nachher Piault vorzuwerfen, was er alles nicht vorhergesehen hat, sondern um zu schauen, was sich in ihm an Argumentationsstrukturen finden lässt. Mir scheint, dass sich diese auch in ähnlichen Texten finden lassen, obgleich nicht immer so ausführlich durchgespielt, wie in diesem Buch. (Zu testen wäre die folgende Aufstellung dann an anderen solcher Texte: Findet sich die Struktur dort auch, am Besten in Texten aus verschiedenen Jahrzehnten und Ländern, könnte man schon von einer gewissen Beständigkeit der Argumentationsstruktur ausgehen.)

  • Immer wieder findet sich die Vermutung, dass wir gerade jetzt, wenn der Text verfasst wird, an einer neuen Schwelle der Mediennutzung zu stehen. Bislang hätte sich die Kultur um das Buch gruppiert, jetzt stehe bevor, dass sich das ändern wird. Die ersten Anzeichen seien unübersehbar.
  • Es gibt immer wieder die Vermutung, dass neue Medien und neue Geschäftsmodelle die alten verändern werden. Der Verweis darauf, dass innovative Veränderungen bevorstehen, finden sich auch immer wieder. Manchmal sind sie mehr ausbuchstabiert – wie bei Piault, der spezifische Techniken aufzählt, die seiner Meinung nach in Zukunft treibend sein werden –, mal weniger.
  • Daran an schliesst dann die Vermutung an, dass diese neuen Medien und Geschäftsmodelle auch zu neuen Formen der Nutzung von Büchern, Texten, Medien führen werden. Auch hier machen einige Texte eher Andeutungen, andere klarere Aussagen. Manchmal wird das als radikale Veränderung beschrieben, auf die man schnell reagieren muss, manchmal – wie bei Piault – als normaler Lauf der Dinge. Aber immer sollen sich die Einrichtungen, die etwas mit Medien zu tun haben (Verlage, Buchhandlungen, Bibliotheken und so weiter) auf solche grossen Veränderungen in der Nutzung vorbereiten. (Um für solche Vorbereitungen auf grosse Veränderungen zu werben, werden ja viele diese Texte erst geschrieben.)
  • Es gibt immer wieder Vorhersagen, was wohl untergehen wird. Selbst in einem eher vorsichtig argumentierenden Buch wie dem von Piault, in dem es eher um eine «Multimedialisierung» geht, gibt es solche Vorhersagen (hier vor allem das Verlagssystem, die Bedeutung des Redaktionellen, die besondere Aura des Buches). Aber ohne Untergang geht es wohl nicht.
  • Zudem gibt es immer eine Aufzählung von neuen Medien, die in Zukunft eine Relevanz haben werden. Bei Piault geht das, wie gesagt, recht schief: Die Medienformen, die er kommen sieht, sind heute fast wieder verschwunden. Aber die Vermutung ist immer wieder, dass es neue Medien / Medienformen / Techniken geben wird und es nötig wäre, nach ihnen Ausschau zuhalten.
  • Kaum je geht es in diesen Vorhersagen darum, dass das gesamte Mediensystem untergehen würde. Zwar gibt es immer wieder einmal Überschriften, die zum Beispiel vom Ende des Buches reden. Aber in den Texten selber wird auch in solchen Fällen versucht, abzuwägen. Es geht eher um eine Verschiebung im Feld der Medien: Bücher (oder manchmal auch gedruckte Medien) würden an Bedeutung verlieren. Die Frage ist immer, wie und wie viel.
  • Was sich in solchen Texten kaum findet, ist eine Reflexion darüber, dass sich diese Vorhersagen auch wiederholen. Wie gesagt: Bei jedem Antiquariatsbesuch kann ein Buch auftauchen, das vor 25 Jahren ähnliche Aussagen gemacht hat. Oder vor zehn Jahren. (Die interessante Frage wäre eher, wie weit sich das dehnen lässt. Wann wurde damit angefangen, solche Bücher zu schreiben? Zu vermuten ist das Ende der 1970er Jahre. Aber das müsste auch überprüft werden.)

Fazit

Was kann man also aus solchen «alten» Büchern über das Ende des Buchzeitalters lernen? Einmal, dass sie weniger die tatsächliche Entwicklung der Zukunft vorhersagen. Sicherlich können sie auf Entwicklungen aufmerksam machen, aber gerade dann, wenn sie einzuschätzen versuchen, wie diese Entwicklungen weitergehen werden, sind sie oft nicht in der Lage tragfähige Vorhersagen zu machen. (Davon leben dann Beratungsfirmen, die versuchen, methodischer bei der Bewertung vorzugehen.)

Die Hinweise von Piault auf die Konzentrationsprozesse im französischen Verlagswesen oder die Tendenzen zu Mehrfachverwertungen der gleichen Publikationen sind wohl weit relevanter, als sein Vorhersagen. Die waren, wie gesagt, nicht sehr erfolgreich: Der Minitel hat die Verbreitung des Internets in Frankreich nicht gestoppt. Die CD hat sich nicht durchgesetzt. E-Book-Reader benötigen keine Speichermedien, egal ob Mini-CD oder andere. Die Buchhandlungen wurden nicht von den Megastores abgelöst. Das Buch ist offenbar auch nicht ganz so «banal» geworden, wie Piault es vorhergesehen hat.

Insoweit mahnen solche Bücher dazu, die Aussagekraft aktueller Publikationen dieses Genre kritisch einzuschätzen. Diese beschreiben oft, was an bestimmten Entwicklungen im Verlagswesen, der Mediennutzung und so weiter beobachtungswert und vielleicht auch reformbedürftig ist. Aber man sollte gerade ihre Aussagen über die zukünftige Entwicklung nicht zur Basis von, zum Beispiel, Bestandsstrategien im Bibliothekswesen machen.


Exkurs: Bibliotheken

Öffentliche Bibliotheken kommen bei Piault an zwei Stellen vor (S. 56f., S. 182f.). An der ersten Stelle werden sie erwähnt, weil sie in Literaturkampagnen staatlicherseits eingebunden sind. Die zweite Stelle ist interessanter: Hier erwähnt Piault kurz, dass sich Bibliotheken aktuell (nochmal: 1995) transformieren würden: Sie würden immer mehr neue Medien anschaffen und sich mehr als Orte zu etablieren suchen. Anstreben würden sie, Mediatheken zu werden. Er erwähnt das als Hinweis darauf, wie sich die «Multimedialisierung» in der Gesellschaft und den Institutionen verbreitet und sieht es offenbar als selbstverständliche Entwicklung an.

Veränderung, oder zumindest der Versuch sich zu ändern, ist auch für Öffentliche Bibliotheken (in Frankreich) nichts neues, sondern vor 25 Jahren genauso normal, wie heute. Auch wenn manchmal der Eindruck erzeugt wird, erst gerade wären Bibliotheken dabei, sich neu zu finden.


Fussnoten

1 Ehrlich gesagt, auch schon vorher. Ich erinnere mich an Diskussionen aus den 1990er Jahren in verschiedenen politischen Szenen und Gruppe darüber, ob und wie man «neue Medien» für die eigene Kommunikation und Diskussion nutzen könnte. Irgendwann in der zweiten Hälfte der 90er Jahre habe ich selber an einem Konzept für die Nutzung des Internets für die kinder- und jugendpolitische Gruppe, in der ich damals – lange, lange her – aktiv war, geschrieben. Das Thema ist wirklich schon länger virulent.

2 Sicherlich: Um das umfassend zu beantworten, müsste man weit mehr als ein Buch heranziehen. Dafür wäre eine Übersicht und systematische Auswertung solcher Literatur notwendig. Das werde ich hier nicht leisten. Mir geht es darum, von diesem zufälligen Fund im Antiquariat ausgehend, ein wenig weiter zu denken.

3 Die französischen supermarchés sind meiner Erfahrung nach im Allgemeinen viel grösser als im DACH-Raum, insoweit sind solche Abteilungen nicht undenkbar.

4 https://fr.statista.com/marches/1158/themes/1237/livres-et-edition/

5 https://www.culture.gouv.fr/Sites-thematiques/Livre-et-lecture

6 Hier, in der Schweiz, gilt das tendenziell sogar für Buchhandlungen in den unterschiedlichen Sprachregionen. Während Buchhandlungen in Zürich, Chur, Basel nicht leer, aber gut sortiert und aufgeräumt wirken (so, als wäre die Idee, eine kleine, aber dafür gute Auswahl zu treffen), sind die in Lausanne, Neuchâtel oder Yverdon angefüllt, überquellend, fast erschlagend und vermitteln ein ganz anderes Gefühl: Eines der Ansammlung möglichst vieler Bücher. In Berlin kann man auch zwei «französische» Buchhandlungen (Zadic und librarie française) besuchen – die fühlen sich auch viel voller an, als andere Buchhandlungen in der Stadt. Es ist nicht leicht zu fassen, aber – nach der Pandemie – gut auszuprobieren.

Bibliotheks- und Informationswissenschaft · Bibliothekspolitik · Bibliothekswesen

Eine Sammlung, was man im Feld der Bibliotheken nach der Pandemie untersuchen / besprechen könnte

Wir befinden uns jetzt also unbestreitbar in der (in Europa) zweiten Welle der COVID-19-Pandemie. Sicherlich: Alle haben dadurch wieder zu tun. Und dennoch scheint es mir, es wäre auch eine gute Zeit, um einmal festzuhalten, was sich Bibliothek oder die Bibliothekswissenschaft im Anschluss an diese Pandemie fragen könnten und sollten.

  • Die Extremsituation hat – wie alle Extremsituationen – Strukturen und Vorstellungen getestet. Haben die Infrastrukturen gehalten? Wenn nicht, wie kann man sie verbessern? Aber auch: Haben die Vorstellungen der Bibliotheken davon, was Bibliotheken sind, wofür sie genutzt und geschätzt werden, gehalten? Antworten auf solche Fragen würden nach der Pandemie helfen, Bibliotheken weiterzuentwickeln.
  • Gleichzeitig hatten wir jetzt schon einmal eine Phase, in der Bibliotheken geschlossen wurden und eine, in der Bibliotheken «wiedereröffnet» wurden. Auch wenn die Situation jetzt teilweise anders ist als während der ersten Welle, wird es (mindestens) wieder eine Phase der Wiedereröffnung geben, wohl irgendwann im Frühling / Sommer 2021. Für diese wäre es selbstverständlich gut, aus der ersten Phase zu lernen, um dann diesen Prozess zielgerichteter organisieren zu können.
  • Nicht so sehr aktuell, aber in den ersten Monaten der Pandemie wurde immer wieder die Erwartung geäussert, dass sich durch diese viel ändern wird: Beispielsweise würden mehr elektronische Medien genutzt werden, weil die Menschen im März, April, Mai so viele nutzten. Oder die Arbeit im «Home-Office» würde sich (noch mehr) etablieren. Es wäre Zeit, auch aus den Erfahrungen im Sommer 2020, als an vielen Orten eine gewisse Normalität eingekehrte, zu lernen, ob diese Voraussagen immer noch haltbar sind – und wenn ja, was das für die Zukunft nach der Pandemie heisst. Wenn nein, warum nicht.

Hier eine erste Zusammenstellung von mir über die Fragen, die man in diesem Zusammenhang bearbeiten / diskutieren könnte. Es gibt Liste für diese keine richtige Basis ausser meine eigenen Beobachtungen und Überlegungen. Insoweit bin ich mir sicher, dass es noch viele andere Themen gäbe und das einige Themen von anderen als nicht wichtig erachtet werden. Ich unterbreite sie hier einfach als ersten Vorschlag und freue mich, wenn sie jemand aufgreift / ergänzt / überarbeitet (und wenn es dann erst nach der Pandemie ist, die hoffentlich irgendwann vorbei sein wird). Es soll vor allem eine Erinnerung daran sein, dass man aus dieser Krise etwas lernen kann und nicht einfach so schnell als möglich zur Normalität übergehen sollte.

Direkt die Bibliothek betreffend (Ebene 1)

Eine erste Liste von Fragen betrifft die Bibliothek als Einrichtung selber (ich nenne das hier Ebene 1, im Gegensatz zum Blick auf die Bibliothek von anderen Einrichtungen, die ich weiter unten Ebene 2 nenne).

  • Was und wann wurde während der ersten Welle in der Bibliothek gemacht? Nicht nur wann wurden die Räume geschlossen, sondern auch wann wurden Dienste eingestellt, wieder eingeführt oder ganz neu aufgesetzt? Hier zum Beispiel wäre es schon hilfreich, wenn möglichst viele Bibliotheken eine Chronologie der Ereignisse liefern würden, welche man dann miteinander vergleichen könnte. Einige haben das schon in ersten Artikeln gemacht, aber man könnte das beispielsweise in einer Abschlussarbeit auch systematisieren. Dann könnte man schauen, ob es Gemeinsamkeiten oder Unterschiede gab und warum. Das würde vielleicht etwas darüber sagen, wie sehr Bibliotheken vernetzt oder nicht vernetzt sind, wie sehr oder wenig sie von Entscheidungen anderer abhängig sind und so weiter.
  • Warum wurde es so gemacht? Hier wäre es interessant, Gründe zu erfahren: Warum haben einige Bibliotheken ganz geschlossen, andere Lieferdienste eingerichtet, andere trotz Homeoffice-Empfehlung viel im Backoffice arbeiten lassen? Wer hat diese Entscheidung getroffen? Auf der Basis welcher Überlegungen?
  • Mit welchem Ergebnis? Wie waren zum Beispiel die Ausleihzahlen? Hier wäre es wirklich interessant, Zahlen zu erhalten. Beispielsweise haben sehr viele Bibliothek im April angefangen, entweder Medien per Post zu verschicken oder die Abholung von Medien zu ermöglichen. Interessant wäre, wie das genutzt wurde – die Zahlen, die man hier und da hört, sind eher gering, aber das muss ja nicht überall so gewesen sein – und wie es wahrgenommen wurde. Interessant wäre zum Beispiel auch, ob diese Dienste über die Bibliothekskreise und die der engen Stammnutzer*innen hinaus bekannt wurden. Wurde das zum Beispiel in der Presse oder der lokale relevanten Social Media-Kanälen aufgegriffen?
  • Was ist jetzt mit den elektronischen Medien? Eine besondere Frage wäre, wie sich die Nutzung der elektronischen Medien tatsächlich entwickelt hat. Zu Beginn der Pandemie, im März, April, wurde viel davon geschrieben, dass Bibliotheken den Zugang zu elektronischen Medien vereinfacht und zum Beispiel die Anmeldung für die Bibliotheksnutzung online ermöglicht hätten. Zudem wurde davon berichtet, dass die Nutzungszahlen explodieren würden und daraus unter anderem abgeleitet, dass dies der Beginn es längerfristigen Trends wäre. Aber jetzt, einige Monate später, stellt die Frage, wie sich die Zahlen entwickelt haben: War das ein kurzfristiges Hoch oder tatsächlich ein Trend? Wie waren / sind die Zahlen? Auch hier hört man hier und da, dass sie während des Sommers wieder massiv zurückgegangen wären, aber eine systematische Sammlung wäre selbstverständlich aussagekräftiger.
  • Gab es Rückmeldungen zu den Schliessungen, Angeboten und so weiter der Bibliotheken? Wenn ja, von wem und welche? Hier wäre es interessant zu erfahren, ob und wenn ja wer wahrgenommen hat, was Bibliotheken während der ersten Welle getan haben. Bibliotheken haben immer wieder die Angst, dass sie übersehen werden und teilen gleichzeitig über interne Kanäle immer wieder, wenn sich jemand über sie äussert: Aber wie war es den während der Pandemie? Und vor allem: Kann man aus diesen Rückmeldungen, egal ob direkt an Bibliotheken gemacht, beispielsweise in Kommentaren, oder über Bibliotheken, beispielsweise in Berichten, etwas lernen?
  • Gab es Kooperationen oder andere Formen von Zusammenarbeit während der Pandemie (zwischen Bibliotheken, zwischen Bibliothek und anderen Einrichtungen)? Extremsituationen zu meistern ist oft einfacher, wenn man dies in Zusammenarbeit mit anderen tut. Zudem streben eigentlich alle Bibliotheken, nimmt man die ganzen Strategiepapiere der letzten Jahre ernst, Kooperationen mit anderen Einrichtungen an. Interessant wäre, welche Kooperationen Bibliotheken während der Pandemie eingegangen sind und wofür. Wurden zum Beispiel soziale Stiftungen angesprochen, um über sie Medien an Nutzer*innen zu liefern? Zudem relevant in diesem Zusammenhang wäre es zu wissen, ob dabei auf bestehende Kooperationen zurückgegriffen oder neue aufgebaut wurden. Lohnte sich die Arbeit in die Kontakte, die in den Jahren zuvor geleistet wurden? Und auch, wenn Bibliotheken gerade keine Kooperationen eingegangen sind, sondern eher alleine agiert haben: Was würde das heissen?
  • Wie wurde über «Wiedereröffnung» entschieden? Was genau hiess «Wiedereröffnung»? Was waren die Erfahrungen? Wie wurden die Angebote genutzt? Gab es Trends / Veränderungen über den Sommer? Wie haben sich die Nutzungszahlen entwickelt? Gab es Rückmeldungen von Nutzer*innen? Die Frage ist schon deshalb relevant, weil es zwar vielleicht (hoffentlich) keine neue Welle geben wird, aber wieder eine Phase der «richtigen» Wiedereröffnung.

Interne Ebene

Nicht unbedingt im Bibliothekswesen, aber anderswo schon wurden sich schon während der ersten Welle viele Gedanken dazu gemacht, welche Auswirkungen diese auf die zukünftige Arbeit haben würden: Wird sich das Homeoffice durchsetzen? Wenn ja, was wird das für Arbeit, Zufriedenheit, Infrastruktur bedeuten? Von anderer Seite wurde aber auch gefragt, wie mit dem Personal während der Krise umgegangen wird und wie sich das für die Zeit nach der Krise auswirken wird. Beispielsweise gab es Hinweise darauf, dass Personal, dass gegen den eigenen Willen entweder zum Arbeiten vor Ort oder zum Arbeiten daheim genötigt wurde, vielleicht nach der Pandemie daran gehen wird, sich andere Arbeitsstellen zu suchen. Zudem wurden Vermutungen angestellt, wer überhaupt zum Beispiel darüber entscheiden kann, wo sie*er arbeitet oder wer nicht.

Die Personalebene in Bibliotheken wird selten besprochen, ebenso die Frage, wie die Arbeit in Bibliotheken überhaupt genau organisiert ist. Dennoch gäbe es auch hier einige relevante Fragen.

  • Erfahrungen des Remote Work: Welches, wie, mit welchen Ergebnissen und Erkenntnissen? Wie hat sich das Personal dabei gefühlt? Insbesondere für viele Öffentliche Bibliotheken und Spezialbibliotheken scheint, wenn man dem was man hier und da hört Glauben schenken kann, die Umstellung auf die Arbeit im «Homeoffice» ein neuer, teilweise schwieriger Schritt gewesen zu sein. Aber auch nicht für alle. In Wissenschaftlichen Bibliotheken war dies eher schon verbreitet, aber auch nicht für alles Personal oder in allen Bibliotheken. Und einige Bibliotheken sind offenbar so schnell wieder zur Arbeit vor Ort zurückgekehrt, dass es eigentlich keine Arbeit im Homeoffice für sie gab. Und dennoch: Es wäre interessant zu erfahren, wie genau Bibliotheken mit dem Homeoffice umgegangen sind. Nicht nur, ob sie es getan haben, sondern auch, wie sie die Arbeit umgestellt haben, wie das Personal damit umgegangen ist, wie die allgemeinen Erfahrungen sind und so weiter. Dies ist ja schon für die Frage wichtig, ob es jetzt wirklich eine Hinwendung zum Homeoffice geben wird oder nicht – und ob Bibliotheken sich darauf einstellen müssen.
  • Gab es Lernprozesse? Wie wurden die organisiert? Die erste Krisenzeit und dann die ersten Entspannungen im Sommer wären eine gute Zeit dafür gewesen, intern Lernprozesse zu gestalten, also vielleicht gemeinsam zu reflektieren, welche Erfahrungen gesammelt wurde und wie sie in Zukunft benutzt werden. Sicherlich: Solche Prozesse zu organisieren und zu managen sollte in jeder Organisation zu jeder Zeit geschehen und das passiert ja auch in vielen Bibliotheken. Aber es wäre interessant systematischer zu sehen, was Bibliotheken wann gelernt haben, auch zum Beispiel, ob sie irgendwann zu Einschätzungen gelangten, die sie dann in den nächsten Monaten / Wochen wieder verwarfen.
  • Wurde etwas am Bestandsmanagement geändert? Weiterhin ist der Bestand (inklusive der Zugänge, die über Bibliotheken organisiert werden) der Hauptteil bibliothekarischer Arbeit. Zudem war in der ersten Welle die Arbeit mit und am Bestand der Teil bibliothekarischer Arbeit, welcher noch durchgeführt werden konnte, während zum Beispiel Veranstaltungsarbeit vor Ort oder das Angebot von Lern- und Leseplätzen nicht möglich war. Aber hat sich bei der Arbeit am und mit dem Bestand mittel- und kurzfristig etwas verändert? Wird jetzt zum Beispiel anders ausgewählt, eingekauft, lizenziert, katalogisiert, Zugang geschaffen? Wurden Bestandsstrategien überarbeitet? Wie? Hat sich die Nutzung elektronischer Medien in den ersten Monaten der Pandemie in der Bestandsarbeit niedergeschlagen?
  • Wie wurde mit dem Personal umgegangen? Das ist vielleicht eine gewerkschaftliche Frage: Aber während der ersten Welle waren immer wieder Stimmen zu vernehmen, bei denen sich Personal darüber beschwerte, was von ihm erwartet würde; dass nicht auch auf die Gesundheit des Personals geachtet wurde; dass erwartet wurde, dass es einfach wie immer «funktioniert»; dass ihm Aufgaben übertragen wurden, die es nicht übernehmen wollte / kann (und wenn es nach der Wiedereröffnung «nur» die Durchsetzung der Hygieneregel sind). Die Stimmen waren recht viele, gefühlt mehr als sonst. Aber das heisst nicht, dass es überall so gewesen sein muss. Es gab auch Personal, dass sich positiv geäussert hat. Insoweit wäre die Frage schon, wie das Personal die Situation erlebt hat – und ob sich daraus etwas für die Bibliotheken ergibt. Wird es jetzt zum Beispiel nach der Pandemie schwieriger werden, Personal zu halten oder zu gewinnen, wenn negative Erfahrungen überwogen haben? Oder andersherum einfacher? Was sagt es über Bibliotheken, wenn sich (einiges?) Personal so negativ äussert? Was unterscheidet vielleicht diese Bibliotheken von anderen Bibliotheken? [Diese Fragenkomplex wäre wohl wirklich was für die Gewerkschaften. Ich habe gelernt: Sie einfach so zu stellen ist gefährlich. Manche Menschen wollen sie nicht hören.]
  • Gab es eine Krisenplanung? Hat die geholfen? Wobei? Gibt es jetzt eine Krisenplanung? Krisen lassen sich besser durchstehen, wenn man auf sie vorbereitet ist und zum Beispiel weiss, wohin man sich um Unterstützung wenden kann. Gab es solche Planung in Bibliotheken? Wie sahen die aus und welchen Effekt hatten sie? Und: Wird jetzt vielleicht an neuen Krisenplanungen gearbeitet? (Zu vermuten, dass diese Pandemie die einzige Krise ist, die uns in den nächsten Jahren / Jahrzehnten treffen wird, ist ja illusorisch. Nicht nur ist die Chance auf die nächste Pandemie immer da, solange sich die Strukturen, welche die Verbreitung des Virus ermöglicht haben, nicht verändern. Aber die Klimakatastrophe und deren Auswirkungen ist auch immer noch da.)

Indirekt die Bibliothek betreffend (Ebene 2)

Bibliotheken beobachten nicht nur sich selbst, sondern sie werden auch von anderen Institutionen beobachtet, nicht zuletzt von ihren Trägern. Zudem gab die Krise auch einen guten Einblick darin, was Bibliotheken selber darüber denken, was an ihnen wichtig ist, warum sie (gerne) genutzt werden, was die Nutzer*innen von ihnen wollen und wie wichtig sie im Vergleich mit anderen Einrichtungen sind – den Bibliotheken schrieben mehr darüber, als sonst, wenn sie zum Beispiel Lobbyarbeit dafür betrieben, öffnen zu dürfen oder sich bei der jeweiligen «Wiedereröffnung» präsentierten. Und gleichzeitig gab die Krise auch eine Gelegenheit zu schauen, wie andere Institutionen – beispielsweise die Kantone und Bundesländer – oder die Nutzer*innen darauf reagierten.

Auf diese Ebene wäre eine systematische Sammlung und Auswertung solcher Äusserungen von Bibliotheken und der Reaktion darauf erhellend und würden eine Basis dafür liefern, dass Bibliotheken darüber nachdenken können, welche Bedeutung sie sich selber zuschreiben, warum sie das tun und wie die Nutzer*innen und die Öffentlichkeit darauf reagiert.

  • Was vermuteten / behaupteten Bibliotheken über sich selbst? (Verlautbarungen et cetera)
  • Wurden diese Vermutungen bestätigt / widerlegt / widersprochen? Was heisst das?
  • Welchen Aufgaben schrieben sich Bibliotheken zu? Welche wurden ihnen zugeschrieben (zum Beispiel durch die konkrete Nutzung, durch andere Stellen)?