Archiv | Juli 2020

Sind Bibliotheken einer der wenigen Orte ohne Konsumzwang – und was soll das eigentlich heissen?

Die Bibliothek ist in vielen Gemeinden der einzige Ort ohne Konsumzwang […]‟ (Bibliosuisse 2020: 7) teilen die schweizerischen Richtlinien für Öffentliche Bibliotheken mit. Damit sind sie nicht alleine, vielmehr hört man diese Aussage so regelmässig von Bibliotheken, auch an ganz unerwarteten Stellen, dass man sie als Standardargument ansehen kann. Ein bisschen, als wäre es Teil der bibliothekarischen Folklore.

Beim vBib20 wurde dies beispielsweise bei einem Vortrag zur Nachhaltigkeit von Bibliotheken erwähnt. Neben diesem Vortrag wurde in einem Pad (anonym) diskutiert und diese Aussage dort kritisiert – worauf jemand anders schrieb, vielleicht betriebsblind zu sein, aber nicht zu wissen, welche Einrichtung sich in diesem Punkt mit Öffentlichen Bibliotheken vergleichen liesse. Ich sah diesem Austausch (der noch weiter ging) zu, überrascht: Hätte man mich gefragt, ich hätte mir nicht vorstellen können, dass jemand diese Aussage über den „Ort ohne Konsumzwang‟ im 21. Jahrhundert mit Ernst vorbringen würde und nicht mit Ironie. Aber selbstverständlich: Sie würde nicht so oft gemacht werden, wenn Kolleg*innen sie nicht auch glauben würden. Ich hätte gesagt, es wird vielleicht in der Hoffnung benutzt, andere (die Politik?, die Öffentlichkeit?) davon zu überzeugen, das Bibliotheken etwas Gutes sind (und ich habe die Aussage auch tatsächlich schon von Politiker*innen gehört), ohne das selber zu glauben. Aber offensichtlich ist das nicht der Fall.

Ich hatte mit dieser Aussage immer Bachschmerzen, die mit den Jahren nur schlimmer geworden sind. In diesem Blogpost würde ich gerne kurz aufdröseln, warum. Vielleicht wird dadurch verständlich, warum die Aussage für mich bestenfalls ironisch klingt.

Ist die Bibliothek wirklich so einzigartig?

Der erste Punkt, der bei dieser Aussage auffällt, ist die Behauptung, dass die Bibliothek mit der angeblichen Konsumfreiheit eine Besonderheit in der Gesellschaft darstellt. Das ist, um es kurz zu sagen, nicht richtig. Nur ein wenig Nachdenken kann andere Einrichtungen anführen, die das auch sind: Parks und Wälder, Jugendclubs, Senior*innenclubs, Spielplätze, staatliche Galerien (und in einigen Ländern auch Museen), Gedenkstätten, freie Badezonen, Wanderwege, Lehrwege, Naturhäuser, viele kleinere Zoos, Märkte und Marktplätze (über die man ja gerade auch wandern kann, ohne etwas kaufen zu wollen), immer mehr Stadt-, Kunst-, Lichtfestivals, Friedhöfe (die ja nicht nur zum Gedenken da sind, sondern auch als interessantes Ausflugsziel – looking at you, Wien).1 Diese Liste wird schnell lang und länger. Und wenn man dann auch noch konkret fragt, was „Konsumzwang‟ genau heisst (also, , um es hier einfach zu machen, ob man wirklich etwas kaufen muss), wächst sie sogar noch mehr. Starbucks betont auch immer und immer wieder, dass man nichts kaufen muss. In Stammkneipen konnte man immer auch so rumhängen, wenn man „dazugehörte‟. Viele Bahnhöfe mögen jetzt zwar umgebaut worden sein, um dort mehr zu konsumieren – aber immer widersetzen sich dem Leute und hängen dort eher rum. Kurz: Nein, die Bibliothek ist nicht so einzigartig darin, dass man dort nichts kaufen muss. So einfach gefasst hat dieses Argument noch nie gestimmt.

Und wenn man es genau nimmt, stimmte es ja auch nie, dass in der Bibliothek kein Geld fliesst. Sicherlich: Ausser der Jahresgebühr (und die nicht überall) muss kein Geld fliessen, um eine Bibliothek zu nutzen. Aber es fliesst trotzdem ständig, beispielsweise für besondere Leistungen. Nicht umsonst haben Bibliotheken Gebührenordnungen. Und seit Bibliotheken Cafés einrichten und sich vorstellen (und es ermöglichen, zum Beispiel indem am Arbeitsplatz getrunken werden darf) das Menschen lange Stunden in ihnen verbringen und sich dann in diesen Cafés versorgen, fliesst noch mehr Geld. Sicherlich: Man darf auch in die Bibliothek ohne das jeweilige Café zu nutzen. Aber genau das darf man im Starbucks auch.

Insoweit ist das Argument faktisch nicht richtig. Aber das muss es noch nicht ganz falsch machen. Nehmen wir an, „ohne Konsumzwang‟ wäre etwas Positives: Dann wäre es ja auch gut, wenn es mehr als eine Einrichtung gibt, wo das gilt. Man sollte dann vielleicht nur nicht mehr davon reden, dass die Bibliothek das als Besonderheit hat.

Was soll das sein, „ohne Konsumzwang‟?

Ein weiteres Problem mit dem Statement ist allerdings, dass nicht so richtig klar ist, was genau damit eigentlich gesagt werden soll. Es wird im Allgemeinen gebracht, als wäre es selbsterklärend und wird also nicht weiter erklärt. Es scheint sehr klar, dass es etwas Positives sein soll. Aber wie genau, dass muss man raten. Vielleicht soll es ja heissen, dass die Bibliothek offen für alle ist, weil sie keinen Eintritt nimmt und weil man niemanden zwingt, etwas zu kaufen? Ich könnte mir vorstellen, dass das oft der Hintergrund dieser Aussage sein soll.

Was spricht im Kapitalismus für Bibliotheken gegen Konsum?

Aber das ist nicht per se logisch: Wir leben im Kapitalismus (egal, ob man jetzt denkt, dass es gut ist das wir das tun), also einer Gesellschaft, in der soziale Beziehungen über Geld vermittelt sind. Sicherlich kann man sagen, dass sollte nicht so sein; Menschen sollten direkte Beziehungen untereinander aufbauen und so weiter. Aber gleichzeitig ist das auch illusorisch, solange man nicht die ganze Gesellschaft verändern will. Die moderne Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass Beziehungen oft gut funktionieren über den Tausch von Geld – das ist zum Beispiel einer der Punkte, an dem schon Weber und Marx einer Meinung waren (und beide zeigten auch, dass das erst die Ausweitung der Tauschbeziehungen in der kapitalistischen Gesellschaft, inklusive der Freiheiten, die dadurch trotz allem entstehen, ermöglicht). Bei einem Angebot praktisch zu sagen, dass es nichts kostet, heisst erstmal also noch nichts per se Positives.

Auffällig ist dieser Widerspruch aktuell noch mehr, wenn diese Aussage vom fehlenden Konsumzwang in den gleichen Texten auftaucht, in denen sich auf Ray Oldenburg und sein Konzept des 3. Ortes bezogen wird. Ich weiss, das Konzept wird auch zitiert, ohne Oldenburg gelesen zu haben. Aber er hat in seinem Buch (Oldenburg 1989), aus dem das Konzept stammt, explizit eine gegenteilige Position bezogen. Geld vermittelt bei ihm soziale Beziehungen, deshalb ist die Möglichkeit, für etwas zu bezahlen, inklusiv: Wer Geld gibt, stellt Beziehung zur restlichen Gesellschaft her und nimmt an ihr teil. Deshalb betont er, dass es wichtig sei für „3. Orte‟, dass sie so billig wären, dass alle sie sich leisten können – und gerade nicht umsonst sein sollen. Das englische Pub lobt er, weil man dort für Pennies (naja, irgendwann mal) ein Bier trinken kann, während andere Personen gleichzeitig in anderen Räumen für mehr Geld mit der Familien essen können: Alle haben Zugang, weil alle bezahlen können. Dinge, die man nicht bezahlt, würden diese Integration nicht leisten.

Sicherlich kann man Oldenburg hier widersprechen. Es ist vielleicht (bestimmt sogar) eine rein ökonomische Sichtweise, die ignoriert, dass Menschen auch auf andere Weise integriert werden können, beispielsweise durch die sichtbare Zugehörigkeit zu einem Staat, der – aus Steuern finanziert – Angebote für alle macht (aber das gilt dann wieder für das fünfhunderste Festival of Lights genauso wie für eine Bibliothek). Aber darauf kann man sich so einfach nicht zurückziehen, wenn man schon selber mit dem Begriff „Konsumzwang‟ argumentiert, also die ökonomische Sphäre hereinbringt.

Ist es vielleicht der Zwang, der stört?

„Ohne Konsumzwang‟ könnte auch heissen sollen, dass Bibliotheken nicht das Ziel hätten, Menschen zum Kauf oder zur Annahme von etwas zu verleiten, während andere Einrichtungen – sagen wir einmal Einkaufzentren – dies zum Ziel hätten.

Auch diese Vorstellung lässt sich eigentlich nicht halten. Zum einen haben Bibliotheken selbstverständlich Ziele, die sie aber anders ausdrücken: Literatur vermitteln, Menschen zum Lesen verführen, Informationskompetenz vermitteln. Hierzu werden ja immer wieder Strategien entworfen und Wege gesucht. (Was nicht heisst, dass sie immer erfolgreich sind, aber das gilt ja auch bei Einrichtungen des Konsums – die können ja auch nicht alles verkaufen, was sie sich erhoffen.) Das nicht direkt zu erzwingen, sondern beispielsweise eher anzuregen (so, dass die Menschen das selber wählen zum Beispiel) ist auch nichts spezifisch nicht-kommerzielles. Die gerade – ich gebe zu, für dieses Argument – eingeführten Einkaufszentren agieren auch so. Auch dort werden immer wieder indirekt Dinge ein- und aufgebaut, die nicht direkt zu mehr Konsum führen, aber offenbar indirekt doch mehr Konsum erreichen wollen: Sitzgelegenheiten, Ausstellungen, Foodcorner, die man auch frei nutzen kann (in Grenzen, solange man sich benimmt, aber das gilt für Bibliotheken auch), aktuell auch offenbar gerne Spendenboxen, um soziale Verantwortung zu zeigen (die man glauben kann oder auch nicht). Kein Zwang, sondern eher Nudging – auch das ist nichts spezifisch Besonderes oder Gutes, das nur für Bibliotheken gilt.

Des bibliothèques pour le socialisme / néo-anarchisme ?

Und nicht zuletzt fällt an dem Begriff ja auch auf, dass Bibliotheken ja gerade keine Einrichtungen sind, die irgendwie in Opposition zu der Gesellschaft stehen, in der Beziehungen über Geld vermittelt sind. Sie wollen keine sozialistische Gesellschaft aufbauen oder Verhaltensweisen einer solchen Gesellschaft einprobieren lassen. (Redecker 2018) Überhaupt: „ohne Konsumzwang‟. Was ist das eigentlich für ein Wort? Wer sagt so was im 21. Jahrhundert? Klingt es nicht auch etwas aus der Zeit gefallen?

Es gibt im Francophonen eine gewisse politische Strömung, die aktive Kapitalismuskritik vor allem darin versteht, weniger zu Produzieren, weniger zu Verbrauchen, lokaler zu Handeln. In der Westschweiz gibt die Zeitschrift „Moins!‟ („Weniger!‟, http://www.achetezmoins.ch), die das vertritt. Im Verlag Éditions La Découverte (https://editionsladecouverte.fr) erschienen einige Bücher, die man der Strömung zuordnen kann (aber viele auch nicht, der Verlag hat einen extrem hohen Output). Oder in Grossbritannien eine Anzahl der Autor*innen, die bei PlutoPress (https://www.plutobooks.com) publizieren. Eigentlich viele Personen, die sich irgendwie auf Ivan Illich beziehen. (Im DACH-Raum vielleicht die Zeitschrift graswurzelrevolution, https://www.graswurzel.net/gwr/.) In Ermangelung einer klaren Bezeichnung dieser Strömung nenne ich sie mal „Neo-Anarchismus‟.2 Wenn Personen aus diesem Umfeld „Konsumzwang‟ sagen, dann hat das eine Verbindung zu ihrer Gesellschaftkritik und ihrer politischen Praxis. In der „Moins!‟ werden zum Beispiel kontinuierlich irgendwelche selbstverwalteten Initiativen, Kommunen, Fahrrad-Werkstätten, Bauernhöfe vorgestellt, dies sich irgendwie mit dieser Strömung in Verbindung bringen lassen. Wenn die Leute dort sagen, dass sie „ohne Konsumzwang‟ leben wollen, dann passt das Wort dort. (Ob es funktioniert, das ist eine andere Frage.)

Aber bei Bibliotheken, die ja nicht diesen neo-anarchistischen Kreisen zugehören, klingt das Wort halt auch kontextlos. Die oben zitierten schweizerischen Richtlinien für Öffentliche Bibliotheken führen sonst eher Begriff aus anderen Zusammenhängen an, beispielsweise solche Sätze: „Die Optimierung der Betriebsabläufe und der Angebote steht im Dienst der Kundschaft. Effektives und effizientes Handeln sowie marktorientiertes Denken sind Konstanten der Betriebsführung. Bibliotheken setzen sich Ziele und kontrollieren permanent deren Umsetzung, sie überprüfen periodisch ihre Organisation sowie die Arbeitsabläufe. Mit gezielter Lobbyarbeit stärken sie ein positives Image.‟ (bibliosuisse 2020: 6)3 Das Argument mit dem fehlenden „Konsumzwang‟ ist auch deshalb wenig glaubwürdig, weil es nicht in den sonstigen Diskurs von Bibliotheken über sich selber passt. Es scheint entweder aus einem anderen Kontext oder aus einer anderen Zeit (oder beidem) zu stammen.

Was hiess „ohne Konsumzwang‟ früher?

Mir scheint eine andere Erklärung für dieses Argument viel passender, als die Vermutung, dass Bibliotheken sich in Wirklichkeit hinter der Suche nach Best Cases, Professionalisierung, Bestimmung von Kennzahlen und so weiter nur verstecken, um ihre eigentliche neo-anarchistische Zielsetzung zu verschleiern. Viel überzeugender ist für mich die Vermutung, dass es aus einer anderen Zeit stammt, aber im bibliothekarischen Diskurs kontinuierlich reproduziert wird. (Ich gebe zu, dieses Argument wiederholt sich bei mir mit einige Themen und die folgende Geschichte habe ich jetzt auch schon ein paar mal erzählt.)

Bibliothekarische Polemiken, Ende 19. / Anfang 20. Jahrhundert

Die Geschichte der Einrichtungen, die wir heute als Öffentliche Bibliotheken kennen, beginnt Ende des 19. Jahrhunderts, Pi mal Daumen mit der Industrialisierung beziehungsweise in deren Schlepptau: Als die Städte urbanisiert waren, die Arbeiter*innen als eigene Schicht (oder Klasse) auftraten (sich selbst organisierten, aber gleichzeitig den Rest der Gesellschaft so auch dazu brachten, darüber nachzudenken, wie man auf diese neue Schicht reagieren sollte), als die Alphabetisierung weit genug verbreitet war und die Druckindustrie technisch und organisatorisch in der Lage war, billig Massenauflagen zu produzieren, beginnt die eigentliche Geschichte der Öffentlichen Bibliothek.4

Was wichtig zu erinnern ist, ist Folgendes: Wie die Öffentliche Bibliothek aussehen, was ihre Aufgaben sind und von wem sie getragen werden sollte (finanziell, aber auch politisch) war damals keine ausgemachte Sache. Es gab verschiedene Formen von Bibliotheken, nicht eine Öffentliche Bibliothek. Es gab teils heftige Auseinandersetzungen und Polemiken zwischen Aktiven in diesen unterschiedlichen Bibliotheksformen. Genauso, wie die entstehende moderne Gesellschaft massive Friktionen durchlief, galt dies auch für das Bibliothekswesen. Als wichtige Bibliotheksformen der damaligen Zeit sind zu erwähnen:

  • die Lesehallen (die sich als unpolitische Einrichtungen verstanden, die einen liberale Zugangspolitik pflegten, der Volksbildung – wir kommen gleich dazu – dienen sollten und die forderten, von den Gemeinden finanziert zu werden)
  • die Arbeiterbibliotheken (die der sozialistischen Bewegung – und ihrer Spaltungen – verpflichtet waren, sich als Bildungseinrichtungen für das Proletariat verstanden, die das politischen Ziel einer sozialistischen Gesellschaft hatten und die finanziert wurden von der Bewegung selber, also durch Partei, Gewerkschaften, proletarischen Bildungsvereine (siehe auch: Schuldt 2019))
  • die katholischen Bibliotheken (die vom politisch organisierten Katholizismus getragen wurden, der insbesondere während des „Kulturkampfes‟ Ende des 19. Jahrhunderts entstand – mit der Zentrumspartei im Mittelpunkt, aber tausenden von weiteren Vereinigungen, die um die Kirche herum organisiert waren – um sich gegen den Zugriff des Staates zur Wehr zu setzen, die Mitgliedern der Gemeinden offen standen, die die Ziele des politisch organisierten Katholizismus unterstützten und die von den Kirchgemeinden getragen wurden)
  • Leihbibliotheken, in der Folgezeit (von den anderen Bibliotheken) auch „kommerzielle Leihbibliotheken‟ genannt (Unternehmen, oft mit genau einer Filiale, in denen Bücher und Broschüren verliehen wurden wie später Videos in Videotheken – auf ökonomischer Grundlage, dafür auch durch dieses Geschäft selber finanziert)

Das sind lange nicht alle Formen von Bibliotheken, die es Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts gab, aber die wichtigsten.5 Wichtig ist auch zu erinnern, dass das keine monolithischen Bewegungen waren: Teilweise waren die Grenzen fliessend, oft gab es Auseinandersetzungen innerhalb der einzelnen Bibliotheksformen.6 Für das eigentliche Thema dieses Blogposts, der Frage wo die Aussage, Bibliotheken wären Orte „ohne Konsumzwang‟, herkommt, werde ich mich hier auf die Lesehallen fokussieren. Aber wenn man die Zeit hat, kann man das selbstverständlich noch weiter auffächern.

„Konsumzwang‟ als polemisches Argument

Fast alle diese Bibliotheken grenzten sich voneinander ab, insbesondere die, die sich als Bewegung (oder Teil einer Bewegung) verstanden und dafür auf eigene Medien zurückgreifen konnten. Die Leihbibliotheken sahen sich nicht wirklich als gemeinsame Bewegung (mit Ausnahmen) und äusserten sich praktisch kaum zu den Angriffen auf sie. (Auch wenn es einige Publikationen gab wie „Der Leih-Bibliothekar‟, 1885-1891.) Dafür waren sie verbreitet und existierten entgegen aller Angriffe bis in die 1950er, 1960er Jahre hinein.

Lesehallen hingegen wussten sich zu äussern: In Zeitschriften (eigenen, wie den „Blätter für Volksbibliotheken und Lesehallen‟, 1900-1919 oder den „Eckart: ein deutsches Literaturblatt‟, 1906-1915 oder inhaltlich nahen wie den „Comenius-Blättern für Volkserziehung‟), in Broschüren, Büchern, Eingaben, Artikeln und anderen Formen. Wir wissen also recht viel darüber, was zumindest in den Leitungen der Lesehallen gedacht wurde.

Lesehallen verstanden sich, wie oben gesagt, als unpolitisch. Aber selbstverständlich waren sie das nicht. Unpolitisch im Deutschen und Österreich-Ungarischen Kaiserreich und dann vor allem anschliessend in der Weimarer Republik und der Ersten Österreichischen Republik hiess, eine bestimmte politische Position einzunehmen, die allerdings als über der Politik verstanden wurde: Geteilt wurden hier Vorstellungen von Volk, Gesellschaft, Autorität, Kaiser und später Demokratie, die heute eindeutig rechts einzuordnen wären. Die Vorstellung, dass es eine geistige Elite gäbe, die das Volk führen müsste; dass es Werte gäbe, die in jeder Regierungsform gelten, auch, dass diese Autorität nicht erklärt werden müsse, sondern – wenn man nur richtig schaut – für sich selbst verständlich würde, war Teil dieser Idee des „Unpolitischen‟. Jede Einführung in die Geschichte der Weimarer Republik, der Ersten Republik oder auch der Gesellschaft der beiden Kaiserreiche schildert diese bürgerliche Elite, die sich der Mitarbeit an der Demokratie mindestens verweigert, teilweise auch an ihrer Abschaffung mittat und das immer mit dem Verständnis, grössere Zeitzusammenhänge zu verstehen als „die Massen‟. Sie war einer Form von Romantik verpflichtet, die angeblich fühlend geistige Wahrheiten erkennen würde, die nicht rational zu erfassen wären.

Teil dieses „unpolitisch sein‟ war ein gewisses Verständnis davon, was „Volksbildung‟ heissen sollte – auf das sich die Lesehallen explizit bezogen. Diese wurde als ästhetische Bildung verstanden, in welcher das Volk – hier: die Massen, die nicht zu Elite gehörten, aber auch schon mit genügend Anklängen an das „völkische‟ – die ihm innewohnenden Eigenheiten erkennen und entwickeln sollte und sich damit gegen „Vermassung‟ und andere Charakteristika der Moderne wehren sollten. Das ging schnell vom Individuum über zu angeblich natürlichen Gemeinschaften, die mit „Volksbildung‟ ihr wahres Wesen erkennen lernen würden. Volksbildung hiess ein gefühlsmässig verstandene und vermittelte Ästhetik in Kultur, Literatur und anderen Bereichen zu vermitteln, die immer gegen „Vermassung‟ stehen sollte. Verband man das mit sozialem Anspruch landete man vielleicht bei Arts and Crafts-Bewegung, der Lebensreformbewegung oder den Wiener Werkstätten, aber wohl öfter bei solchen ästhetischen Programmen wie denen im George-Kreis oder solchen Vereinigungen wie den „Vereinigten Prüfungsausschüssen‟, die in ihrer Zeitschrift „Jugendschriften-Warte‟, 1893-1933, auf der Basis solcher ästhetischen Urteile, die vor allem aus sich selbst heraus erklärt wurden, Literatur bewerten und solche, die sie als „Schmutz und Schund‟ bezeichneten bekämpfen wollten.7

Das waren alles vor allem Abwehrbewegungen gegen die Moderne, wie Kaspar Maase (2012) vollkommen richtig gezeigt hat: Die Eliten hatten Angst vor den Massen, die sie eigentlich erst mit der Industrialisierung geschaffen hatten. Einige fühlten sich den Massen überlegen und wollten, dass dies so bliebe. Andere sahen eine neue Gesellschaft herankommen, in denen die Massen sich durchsetzen würden, und wollten die Massen auf dem Weg dorthin erziehen, damit sie eine bessere Gesellschaft einrichten würden. Immer ging es um irrationale Ängste.

Und aus dieser Zeit und diesem Denken stammen die Lesehallen: Der Literatur wurde ein Wert zugeschrieben, weil sie zur Bildung des Volkes da sein sollte. Wie genau das funktionieren sollte, was Volk genau hiess und wie gute und schlechte Literatur aussehen: Das war immer offen für Diskussionen und Interpretationen, gerade weil das alles immer politische Frage sind, auch wenn behauptet wurde, dass sie nicht politisch wären. Eine der Einrichtungen, die für die Lesehallenbewegung als Einrichtung dieser Vermassung galt, weil sie „Massenliteratur‟, „Schund und Schmutz‟ verbreiten würden, waren die „kommerziellen Leihbibliotheken‟.

Das „Problem‟ war immer da: Volksbildungsbewegung, Lesehallen, Verbände von Lehrpersonen und Bibliothekar*innen, auch oft die Politik und Polizei versuchten gegen die „schlechte‟ Massenliteratur vorzugehen – und trotzdem gab es sie immer weiter, wurde sie immer weiter gelesen. Irgendwer musste daran Schuld sein. Heute würden wir sagen, das war halt das, was die Leute lesen wollten. (Und wir würden auch darauf verweisen, dass die ganze Einteilung in Schund und Schmutz auf der einen und guter Literatur auf der anderen Seite immer Unsinn war; vor allem, dass die Literatur, die dabei als schlecht verworfen wurde, viel differenzierter war, als in der Polemiken gegen sie dargestellt.) Aber von den Grundthesen der Volksbildungsbewegung her kann das nicht sein, sondern jemand musste diese Literatur verbreiten, um die Massen zu, well, „Vermassen‟.

Leihbibliotheken wurde vorgeworfen, dass sie aus kommerziellen Interessen Literatur anschaffen und verbreiten würden. Literatur, die „niedere Instinkte ansprechen‟ würde, nicht kunstvoll gestaltet sei, sondern grob. Inhaltlich schlecht: Action, Romanze, Erotik, schnelle Geschichten, die vor allem Sinne reizen, aber nicht zur Ausbildung eines Individuums beitragen würden. Literatur, die schnell weggelesen und Appetit auf noch mehr davon machen würde. Eine Droge, die die Massen dumm halten würde – Schund halt. („Opium für das Volk‟ hätte man in der Lesehalle nicht gesagt, dass Zitat wäre damals zu geladen gewesen – aber ungefähr so war es gemeint.) Dies alles würde sich daraus ergeben, dass die Leihbibliothek eine kommerzielle sei – eine, die immer auf das Geschäft schauen müsste.

Und hier kommen wir dazu, woher die Aussage, Bibliotheken (eigentlich Lesehallen) seien Einrichtungen „ohne Konsumzwang‟, wohl stammt: Aus der Polemik der Lesehallen gegen die „kommerziellen Leihbibliotheken‟. Es war eine Abgrenzung: Leihbibliotheken müssten Geschäfte machen, Lesehallen würden sich der Volksbildung zuwenden. Leihbibliotheken würden Schmutz und Schund verbreiten (müssen), die Lesehalle gerade nicht. Leihbibliotheken würden die „Vermassung‟ vorantreiben, Lesehallen hingegen Volksbildung betreiben. „Ohne Konsumzwang‟ hiess in diesem Zusammenhang nicht, dass individuell in der Bibliothek nichts bezahlten werden müsse, sondern dass sie gegen die als Problem wahrgenommen Entwicklungen der modernen Gesellschaft stehen würde: Konsum als instinkthaftes Handeln der ungebildeten Masse (im Gegensatz zum kulturellen Konsum der Gebildeten).

In diesem Zusammenhang macht das Argument auch mehr Sinn, weil es einen Kontext hat (so, wie es heute im neo-anarchistischen Diskurs einen Kontext hat, wenn auch einen sehr anderen). Man kann diesen Kontext (mit guten Gründen) falsch finden, aber es ist immerhin in gewisser Weise folgerichtig. Es passt von der Sprache auch viel mehr in diese Zeit und diese Denkweise als in die Sprache, die heute von Bibliotheken genutzt wird. Die Aussage war keine grundsätzliche Kritik am Kapitalismus, sondern eine Abwehr von spezifischen Entwicklungen der Moderne – unter anderem dem, dass immer weitere Teile der Bevölkerung ein Surplus an Einkommen hatten, die sie zur Entwicklung einer eigenständigen Kultur einsetzen konnten und das ein Markt für literarische Erzeugnisse (und andere, die Entwicklung des Kinos und die Reaktionen von Bibliotheken darauf sind zum Beispiel nochmal eine eigene Geschichte) entstand, der auf diese Surplus-Einkommen ausgerichtet war, also eher billige Massenprodukte, von denen viele verkauft werden mussten, um einen Gewinn zu produzieren, publizierte als teure Sonderdrucke.

Hat die Geschichte Relevanz?

Eine der Grundfragen bei solchen historischen Herleitungen ist immer, ob diese Geschichte heute eine Relevanz hat: Die Gesellschaft hat sich offensichtlich verändert, die Bibliotheken auch (um nur die auffälligste Veränderung zu unterstreichen: Es gibt jetzt nur noch eine Form Öffentlicher Bibliotheken, nicht mehrere). Und trotzdem wird diese Aussage – aber andere nicht mehr – laufend immer wieder gebracht. Hat sich vielleicht den Inhalt verändert und meint jetzt einfach etwas ganz anderes? Lohnt sich die Suche in der Geschichte dann überhaupt?

Ja, auf jeden Fall. Begriffe, Argumente, Dinge, „die man so daher sagt‟ (gerade die, weil halt ohne grosse Reflexion) schleppen immer die Bedeutung mit, die sich in ihrer Geschichte gebildet hat. Sie haben Bedeutung, weil sie oft ein Denken verlängern, selbst wenn sich die Situation vollkommen geändert hat, aus der dieses Denken stammt, und die aufgerufen werden, auch wenn die, die sie aufrufen, sich nicht darüber im Klaren sind (oder, schlimmer, sich weigern, sich darüber klar zu werden). Das gilt auch für die auf den ersten Blick vielleicht unschuldige Aussage, Bibliotheken seien Orte „ohne Konsumzwang‟. Diese stammt aus einer Zeit, in der sich diejenigen, welche Lesehallen forderten, als Elite verstanden, welche das Recht hätten, „die Massen‟ davon abzuhalten, eine eigene Kultur inklusive einer eigenen Mediennutzung auszuprägen und stattdessen sie auf Ideal zu verpflichten, welches die Eliten für richtig und natürlich ansahen.8 Hat die Aussage diese Geschichte wirklich verloren? Sagt man mit ihm nicht auch weiterhin, die Kultur, die da zum Beispiele Jugendliche beim Cornern im Einkaufszentrum ausprägen oder die Kultur, die in der Stammkneipe entsteht, sei Konsum: Irgendwie falsch, zumindest nicht richtig gut. Nicht verboten, aber auch nicht richtig. Erhebt man die Bibliothek durch das Argument nicht auch weiterhin zu einer Einrichtung, die irgendwie ausserhalb der Gesellschaft steht?

Fazit: Aussagen bedenken

Also: Sollten man die Aussage weiter als Argument verwenden? Nein, sie ist faktisch einfach nicht richtig. Sie ist inhaltlich nicht genügend geklärt, um zu überzeugen. Und sie hat eine Geschichte, die man beenden, nicht verlängern sollte.

Aber das scheint mir gar nicht das Wichtigste zu sein. Interessanter finde ich festzustellen, dass offenbar eine ganze Anzahl von Kolleg*innen immer weiter Argumente und Behauptungen als richtig und sinnvoll ansieht, die ich – und andere – eigentlich immer nur als ironische Aussage verstehen können. Das habe ich beim Nachdenken über dieses Argument gelernt. Warum ist das so? Was finden Kolleg*innen an solchen Aussagen und Argumenten richtig? Ich muss zugeben, dass ich daran immer noch knabbere: Ich hoffe, dass an diesem Beispiel hier sichtbar geworden ist, dass es eigentlich nicht viel Arbeit bedeutet, zu zeigen, dass die Aussage nicht stimmen kann. Das ist mit anderen Argumenten, die oft für Bibliotheken gebracht werden, nicht anders. (Vor nicht zu langer Zeit habe ich das zu dem Argument, Bibliotheken würden „Armut beim Zugang zu Medien ausgleichen‟ auch schon mal diskutiert.) Was aber ist dann ihre Funktion? Verlängern sie veraltete Vorstellungen? Bieten sie Orientierung? Gibt es einfach keine besseren Argumente mehr? Darüber sollten wir alle mehr nachdenken.

Gleichzeitig ist das hier selbstverständlich ein Plädoyer dafür, Begriffe und Argumente nicht einfach zu übernehmen, sondern gerade dann, wenn man sie selber als für sich selbst-erklärend und richtig versteht, stehenzubleiben und erst einmal die Begriffe zu klären: Was sagen sie eigentlich? Sind sie faktisch richtig? Überzeugen sie auch andere? Wo kommen sie her und welche Geschichte schleppen sie mit? Ist man dann immer noch überzeugt, kann man sie wohl verwenden. Aber in vielen Fällen, so bin ich überzeugt, werden sie das dann nicht mehr sein. (Was nur die Argumente, die man dann doch macht, besser machen wird.)

 

 

Literatur

Bibliosuisse (2020). Richtlinien Öffentliche Bibliotheken 2020: Grundlagen und Empfehlungen zu Personal, Infrastruktur, Angeboten und Leistungen, Qualitätsmanagement. Aarau: Bibliosuisse, 2020, https://bibliosuisse.ch/Dokumente/Angebote/Downloads/Richtlinien-Öffentliche-Bibliotheken

Maase, Kaspar (2012). Die Kinder der Massenkultur : Kontroversen um Schmutz und Schund seit dem Kaiserreich. Frankfurt am Main: Campus, 2012

Oldenburg, Ray (1989). The Great Good Place: Cafes, Coffee Shops, Community Centers, Beauty Parlors, General Stores, Bars, Hangouts, and How They Get You Through the Day. New York: Paragon House, 1989

Redecker, Eva von (2018). Praxis und Revolution: Eine Sozialtheorie radikalen Wandels. Frankfurt, New York: Campus, 2018

Schuldt, Karsten (2019). Neutralität als bürgerliche Bibliotheksideologie. Die Kritik der Arbeiterbibliotheken zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In: LIBREAS 35 (2019), http://dx.doi.org/10.18452/20324

Vodosek, Peter (Hg.) (1978). Vorformen der öffentlichen Bibliothek (Beiträge zum Büchereiwesen. Reihe B, Quellen und Texte ; 6). Wiesbaden : Harrassowitz, 1978

 

Fussnoten

1 Der Zufall will es, dass ich das in einem solchen Café auf einem Friedhof schreibe, keine fünf Minuten von so einem Marktplatz und so einem Zoo ohne Eintritt – aber auch keine fünf Minuten von einer Bibliothek – und vielleicht zehn Minuten von der nächsten staatlichen Galerie ohne Eintritt entfernt schreibe. Sicherlich: Inmitten einer Grossstadt, aber so schwer ist es wirklich nicht, solche „Orte ohne Konsumzwang‟ zu finden.

2 Anarchismus als politische Strömung, die eine Gesellschaft die auf gemeinsamen Absprachen und Assoziationen freier Individuen errichten möchte, nicht Anarchismus als „Chaos‟. Ich hoffe, der Unterschied ist bekannt. Man tue mich auch bitte nicht in diese Strömung, nur weil ich sie kenne. Ich habe sie des Arguments wegen ausgesucht, weil sie halt die sind, in der ich einen Begriff wie „kein Konsumzwang‟ heutzutage besser aufgehoben sehe als in Bibliotheken.

3 Auch hier gebe ich gerne zu, dass ich die Richtlinien wegen dieser Argumentes ausgewählt habe. Aber das macht das Argument nicht falsch – in ihnen (auch weil sie so konzis geschrieben sind) zeigt sich der Widerspruch einfach sehr gut.

4 Selbstverständlich gab es Vorformen, siehe Vodosek (1978).

5 Selbstverständlich gab es zum Beispiel auch Bibliotheken, die von evangelischen Gemeinden getragen wurden, aber diese Kirche war nicht Angriffes des Staates ausgesetzt, wie die katholische und entwickelte deshalb auch keine eigene Bewegung (prägte aber Parteien). Und: Das gilt auch nicht für alle Denominationen. Beim Judentum traue ich mir keine übergeifende Aussage zu, aber selbstverständlich unterhielten die jüdisch-sozialistischen Parteien Bibliotheken, mehr oder minder – wie diese Parteien selber mehr oder minder in der Arbeitebwegung – eingebunden waren in die Arbeiterbibliotheken. Zionistische Vereinigungen unterhielten auch Bibliotheken, wie hätte man sonst für die Alija lernen sollen? Für andere Teil des Judentums weiss ich es bislang nicht. Daneben gründeten auch viele Vereinigungen von Angestellten, auch die, die sich nicht als Teil der Arbeiterbewegung verstanden, Bibliotheken für ihre Mitglieder. Es war eine sehr offene Situation für die gesellschaftliche Entwicklung und so auch für Bibliotheken.

6 Die innerhalb der Lesehallen in den 1910ern und 1920ern ist als „Richtungsstreit‟ bekannt; die innerhalb der Arbeiterbewegung folgten der Ausdifferenzierung der Arbeiterbewegung: Welche politische bewusste Anarchistin hätte sich 1912 schon in einer sozialdemokratischen Bibliothek blicken lassen? Welcher Kommunist in einer anarchosyndikalistischen? Eben.

7 Schund sei Literatur, die „inhaltlich wertlos‟ sei, Schmutz sei solche, die sich „mit niederen Themen‟ beschäftigen, was fast immer hiess mit Sex (Gewalt war nicht so negativ angesehen, vor allem nicht in der militarisierten Gesellschaften der beiden Kaiserreiche).

8 Wie ich in Schuldt (2019) auch dargestellt habe, unterschieden sich Arbeiterbibliotheken in diesem Punkt nicht so sehr von Lesehallen, aber mit einer gewichtigen Differenz: Anstatt das Volk von der „Vermassung‟ abhalten zu wollen, bewerteten sie Literatur aus ihrer Aufgabe heraus, eine bessere Gesellschaft einrichten zu helfen.

„Bibliotheken sind kein Luxus‟ (1973) – Die Bibliothek der Zukunft ist nicht so anders als auch schon

Artikel zu Öffentlichen Bibliotheken sind in Tages- oder Wochenzeitung keine Seltenheit. Zwar nicht täglich, aber doch regelmässig sind Entwicklungen in Bibliotheken Thema grösserer Texte. Und warum auch nicht? Es ist ein Thema, dass sich den Redaktionen offenbar immer wieder einmal aufdrängt, das keinen grossen Widerspruch erwarten lässt und bei dem es zum Beispiel auch nicht schwierig erscheint, Gesprächspartner*innen zu finden. Ich habe hier einmal einen älteren dieser Texte herausgegriffen – und gerade nicht den aktuellsten –, um an ihm etwas zu besprechen: Nämlich, zuerst welche Themen sich wiederholen und dann, was das für die Entwicklung von Bibliotheken heisst.1

Rolf D. Schürch: „Bibliotheken sind kein Luxus‟. In: Wir Brückenbauer, 05. Oktober 1973, Seite 3. Digitalisat der Schweizerischen Nationalbibliothek: https://www.e-newspaperarchives.ch/?a=d&d=MIM19731005-01.2.14.1&e=——-de-20–1–img-txIN——–0—–

„Bibliotheken sind kein Luxus‟ von Rolf D. Schürch erschien 1973 in der Wochenzeitung „Wir Brückenbauer‟ des Migros [sprich: Migro], einer Genossenschaft, die heute noch in der Schweiz (und Liechtenstein) neben der Genossenschaft Coop [sprich: Cohp] den Einzelhandel prägt. Lange war insbesondere Migros auch eine politische Institution, die als „sozial-kapitalistisch‟ beschrieben werden könnte (nach kapitalistischen Prinzipien handelnd, aber mit sozialen Auftrag im Sinne der Verbesserung der Lebensverhältnisse – weshalb es zum Beispiel in der Migros weiterhin keinen Alkohol oder Tabak zu kaufen gibt). Sie – zumindest ihr Gründer Gottlieb Duttweiler, aber auch die „Migros-Partei‟ Ring der Unabhängigen – verstand sich als übergreifend für die ganze Schweiz, insbesondere alle Klassen, tätig. Wichtig ist hier: Das in dieser Wochenzeitung ein Text darüber erschien, wie mit einer Einrichtung wie Bibliotheken einem grossen Teil der Bevölkerung Zugang zu Medien und Informationen geschaffen werden könnte, war an sich nicht überraschend. Das passt gut in das Gesamtprogramm von Zeitung und Genossenschaft. Das dabei gefordert wird, dass sowohl Föderalismus der Gemeinden als auch übergreifende Strukturen gefördert werden sollte, ebenso – so funktioniert auch die Migros. Der Ton, in welchem der Text geschrieben ist, passt gut in die Zeitung selber.

Interessanter ist, dass der Artikel in der ersten Hälfte der 1970er erschienen ist; einer Zeit, die von gesellschaftlicher Veränderung und auch tatsächlicher Veränderung im Öffentlichen Bibliothekswesen geprägt war. Zehn Jahre vorher wäre dieser Text nicht erschienen. 1963 wurde über Öffentliche Bibliotheken im DACH-Raum anders gesprochen und geschrieben. Aber – und auf diesen Punkt möchte ich am Ende wieder kommen – zehn Jahre später oder auch heute könnte dieser Text in grossen Teilen weiter so erscheinen. Er wurde zu einem Zeitpunkt geschrieben, wo sich (im Bibliothekswesen, aber nicht nur da) viel veränderte, was sich seitdem aber wenig änderte.

Der Text ist nicht nur ein Beispiel dafür, dass sich das Bibliothekswesen nicht so viel geändert hat, wie es das vielleicht gerne hätte und das viele Vorstellungen zwar neu erscheinen, aber es eigentlich nicht sind. Er ist auch ein Beispiel dafür, dass Journalist*innen seit einigen Jahrzehnten immer wieder ähnliche und sich wenig verändernde Texte über das Bibliothekswesen schreiben.

Themen

Ich empfehle, den Artikel (plus die Bildunterschrift und die beiden „Kästchen‟ auf der Zeitungsseite) selber zu lesen. Hier werde ich, ein wenig voraussetzend, dass er bekannt ist, einige Themen aus dem Text besprechen.

Das Buch und die moderne Medienentwicklung

Warum wurde der Text überhaupt geschrieben? Sicherlich: Es ist ein Text in einer Wochenzeitung, die nicht nur der politischen Information, sondern auch der Unterhaltung und, ähm, der Information über Angebote bei Migros und zu Migros gehörender Einzelhandelsunternehmen bieten wollte (Cassettobox für 24 Kassetten bei exlibris für 8 CHF – das waren andere Zeiten (S. 15)). Insoweit muss nicht jeder Text einen klar erkennbaren Grund haben. Die gleiche Ausgabe enthält zum Beispiel einen Fortsetzungsroman (S. 14), eine als Gespräch getarnte Diskussion darüber, wer dafür haftet, wenn ein Hund ein Kind beisst (S. 6) und eine Kolumne dazu, wie viel oder wenig Kühlschränke auf Bakterien und Viren in Lebensmitteln einwirken (S. 2). Aber es finden sich auch zahlreiche Artikel, die einen explizit aktuellen Inhalt haben und zum Beispiel auf die Situation der Erwachsenenbildung nach der Ablehnung der Bildungsartikel in einer Volksabstimmung eingehen (S. 1), politische Ereignisse kommentieren (S. 1, S. 4, S. 8) oder Entwicklungen in der Migros selber schildern (S. 2).

Für den Text über Bibliotheken aber gibt es keinen erkennbaren Grund: Kein Neugründung, kein Jubiläum, keine Katastrophe. Es scheint, als wäre die Redaktion der Meinung gewesen, dass es einmal Zeit für dieses Thema wäre. Sie führt den Artikel wie folgt ein:

„Angesichts der Entwicklung neuer Informationsmedien wurde dem Buche bis vor kurzem der langsame Tod vorausgesagt. Der schwarze Pessimismus scheint nun aber zumindest verfrüht. Nach wie vor steigt weltweit die Zahl der produzierten Bücher ebenso wie die Beliebtheit der Bibliotheken, vorab in angelsächsischen und skandinavischen Ländern. Ein wachsendes Bedürfnis nach mehr Wissen und Information in unserer Zeit lässt die Bibliothek längst nicht mehr als Luxus für wenige erscheinen.‟

Wir sehen hier die Annahme, dass es offenbar die weit verbreitete Vermutung gibt, dass „neue Informationsmedien‟ das Buch verdrängen würden – aber diese Vermutung falsch wären. Es wird nicht gesagt, welches diese neuen Informationsmedien sind. Auch nicht, wer genau denn eigentlich erwartet, dass diese neuen Informationsmedien Bücher verdrängen würden. Stattdessen informiert die Redaktion hier, dass Bibliotheken weiterhin wichtig seien.

Diese argumentativen Sprünge finden sich nach den 1970ern in zahllosen vergleichbaren Texten:

  • Die Behauptung, es gäbe die Vermutung, dass bestimmte neue Medien oder Technologien sich durchsetzen und deshalb Bücher an Bedeutung verlieren würden. Welche diese Medien oder Technologien sind, wandelt sich: In den 1970er redet man zum Beispiel über Kassetten, in den 1980ern über Videokassetten, in 1990ern über Computer in Haushalten, in den 2000ern über das Internet, irgendwann auch über E-Books oder über Audiobooks. Aber immer gibt es die Idee, dass irgendwer erwarten würde, dass diese Medien gerade Bücher obsolet machen würden. Kaum einmal (auch nicht hier) wird gesagt, wer genau das vermutet oder warum eigentlich. Es wird einfach als bekanntes Bild aufgerufen.
  • In den Texten – manchmal, wie hier, direkt am Anfang, manchmal auch im Laufe des Textes – stellt sich dann heraus, dass das gar nicht stimmt. Anschliessend ist das dann für den Text selber kein Thema mehr, sondern oft nur ein Aufhänger für das eigentliche Thema. Aber immer wieder praktisch der gleiche Aufhänger.
  • Der Artikel springt von der Aussage, dass Bücher doch nicht verschwinden, sofort zu den Bibliotheken. Man könnte auch zum Buchhandel, zu Verlagen, zur Leseforschung oder Medienentwicklung springen – es ist also vom Beginn her eigentlich nicht ausgemacht, dass es um Bibliotheken geht. Aber auch dieser Sprung von Büchern direkt zu Bibliotheken, der nicht wirklich erläutert wird, findet sich in solchen Texten regelmässig. Für die Autor*innen scheint dieser Sprung nicht der Erläuterung würdig.

Die Bibliothek als etwas anderes, nur keine Bibliothek

Der eigentliche Text beginnt dann mit einem Café crème. Es gibt ihn hier noch nicht wirklich, sondern erst in einer „Bibliothek der Zukunft‟, aber offenbar einer, die sehr, sehr kurz bevorsteht. Worauf der Artikel auch gleich kommt, ist dass diese Bibliothek etwas anderes ist. Etwas, das man am Besten mit anderen Einrichtungen beschreibt:

„ Herr Bücherwurm befindet sich nämlich weder in einem Tea Room noch in einem Restaurant: Er sitzt in einer Bibliothek der Zukunft.‟2

Was der Text sagt, ist, dass es in Zukunft um Bibliotheken um etwas anderes geht, als um das, was offenbar als normal angesehen wird. Die Bibliothek wird dann etwas mehr sein, als sie bislang ist. Sie wird gemütlich sein, mehr (und andere) Menschen als bislang ansprechen, mehr Funktionen übernehmen:

„Diese Bibliothek ist im Stadtquartier Informationszentrum und Begegnungsstätte zugleich. Hier fühlen sich Heiri Hablützel (angelernter Fräser) und Vreni Fuhrimann (Nurhausfrau) ungeniert wohl. Bisher haben sie wie Lokomotivführer Bücherwurm und viele andere Leute aus lauter Angst und Misstrauen vor Büchern und Bildung einen weiten Bogen um Bibliotheken gemacht.‟

Dieser Absatz ist paradigmatisch dafür: Empirie wird nicht betrieben (Zum Beispiel: Wer besucht eigentlich bislang Bibliotheken? Das wird eher als bekannt vorausgesetzt.). Stattdessen werden Begriffe, die aktuell in der bibliothekarischen Literatur verbreitet sind, benutzt – hier „Informationszentrum‟ und „Begegnungsstätte‟, zwei Begriffe, die man in den frühen 1970ern zum Beispiel in der „Buch und Bibliothek‟ oft lesen konnte. Was diese Begriffe im Bezug auf Bibliotheken heissen, wird nicht richtig ausgeführt. Sind sie für sich alleine, als Begriffe, ausreichend? Wo kommen sie überhaupt her? Hat sich der Autor sie ausgedacht? Lagen sie „in der Luft‟? Es scheint eher, als hätte er sie aus den Interviews – die er ja im Artikel auch direkt zitiert – und der Recherche, die er für den Artikel durchgeführt hat, übernommen. Hier, in diesem Text, ist sogar ein Gespräch (mit Tista Murk) angegeben, in dem der Begriff „Informationszentrum‟ direkt fällt.

Es scheint, als wären sie als Begriffe überzeugend genug, um eine Veränderung anzuzeigen, ohne das geklärt wird, wie genau das vonstatten gehen soll. Es gibt Andeutungen: Diese neuen Bibliotheken würden bestimmte Bevölkerungsschichten ansprechen, hier als Arbeiter und Hausfrau gekennzeichnet, die sich bislang davon abhalten lassen würden, eine Bibliothek zu nutzen, weil diese einen falschen Ruf hätte und zudem bislang offenbar als fern von ihren eigenen Lebenswelten angesehen würde. Und zwar dadurch, dass die Bibliotheken gemütlich (durch Café crème oder auch die Einrichtung, die im gleich an diesen Absatz folgenden Zitat von Heinrich R. Rohrer erwähnt wird) und das Medienangebot breit würde.

Gleichzeitig soll die Bibliotheken neue Aufgaben übernehmen, was unter dem Begriff das „Informationszentrum‟ und später im Text mit „moderne[r] Informationsmanager‟ dargestellt wird. Was genau heisst das? Das wird nicht gesagt, aber – wieder weiter hinten im Text – es ist etwas anderes als „alte Schwarte[n]‟ oder das Spitzweg‛sche Gemälde vom lesenden „Bücherwurm‟.

Ebenso gleichbleibend scheint, dass Bibliotheken als schon auf dem Weg hin zu dieser „Bibliothek der Zukunft‟ gezeichnet werden: Noch nicht ganz da, aber doch auch schon nicht mehr „wie früher‟. Das scheint eines der Grundmotive dieses Artikels zu sein: Die Bibliotheken bewegen sich – die Politik oder die Gesellschaft müsse jetzt nur mitziehen.

Heute haben sich die Begriffe geändert, unter denen ähnliche Ideen im Bibliothekswesen besprochen werden. Wenn Journalist*innen für ihre Artikel mit Bibliothekar*innen über die Veränderungen in Bibliotheken reden, kommen diese neueren Begriffe auf und erscheinen dann wohl deshalb – ebenso wenig konkret geklärt wie das „Informationszentrum‟ – in ihren Artikeln, vielleicht weil sie ähnlich überzeugend klingen, aber inhaltlich offen bleiben. Es gibt heute tatsächlich auch in eigentlich allen schweizerischen Bibliotheken einen Café crème. Aber sonst scheint sich nicht so viel verändert zu haben.

Wachstum

Was ist eigentlich das Problem?

„1948 wurden hier [in der Berner Volksbücherei

] bei einem minimen Bücherbestand von nur 4000 etwas über 17 000 Bände ausgeliehen, 1961 waren es bei einem Bestand von 17 120 Büchern schon 57 045. Im Jahre 1971 aber offerierte die Volksbücherei bereits rund 117 000 Bücher – vom Kinderbuch bis zum Sachbuch – mit der Rekordzahl von 444 445 ausgeliehenen Werken.‟

Öffentliche Bibliotheken in der Schweiz sind, folgt man dem Artikel, 1973 massiv erfolgreich. Mehr Entlehungen, mehr Nutzende, mehr Projekte, die in die Zukunft gerichtet sind, sogar mehr Bibliotheken. Es ist, wie gesagt, gar kein Text darüber, dass es Bibliotheken schlecht gehen würden oder gar das sie vor dem Zusammenbruch stehen würden. Wie oben gesagt: Warum genau der Text geschrieben wurde, ist nicht ersichtlich.

Es scheint eher, als wäre alles auf einem guten Weg. Die Politik müsste es nur noch richtig unterstützen, damit es noch besser würde. Es gäbe schon Einrichtungen, die eine solche Ausweitung unterstützen könnten und Vorstellungen, wie diese Veränderungen zu bewerkstelligen wären. Es gibt in diesem Text auch niemand, welche*r dieser Entwicklung irgendwie widerspricht und zum Beispiel sagen würde, „nein, Bibliotheken braucht es nicht‟ oder „das Geld wäre aber besser bei der Feuerwehr / dem Stadtverschönerungsverein / dem Tourismus / mehr Tea Rooms angelegt‟. Vielleicht ist die lokale Politik etwas schwerfällig hinterher, aber sonst: Was ist eigentlich das Problem?

Auch das ist in solche Texten normal: Folgt man solchen Artikeln, ist eigentlich das meiste immer schon auf einem guten Weg.

Fortschritt

Der Artikel ist auch voll von Entwicklungen, die als positiv dargestellt werden. Neben der Zunahme an Bibliotheksnutzung („Benützerexplosion‟) vor allem Projekte und neue Strukturen: „Hilfe zur Selbsthilfe‟ beim Aufbau von Bibliotheken durch die Schweizerische Volksbibliothek, Wachstums des Schweizerischen Bibliotheksdienstes, Schweizerischer Gesamtkatalog, die bevorstehende Gründung von drei Bibliothekscentern in drei Sprachregionen (das Räto-Romanische geht mal wieder leer aus). Was auffällt ist, dass Fortschritt vor allem als Aufbau von neuen Strukturen und von Projekten beschrieben wird. Sicherlich: Das ist etwas, über das man in einem Artikel dieser Art gut berichten kann, insoweit hat es vielleicht auch etwas mit dem Medium Wochenzeitung zu tun. Aber es ist doch eine spezifische Vorstellung von Fortschritt, die hier geschildert wird – eine, bei der zum Beispiel nicht so richtig gefragt wird, was dieser Fortschritt genau verändert. Auch das findet sich heute noch in ähnlichen Texten wieder.

Spitzweg

Wenn überhaupt ein Problem angesprochen wird in diesem Text, dann, dass es bislang bei vielen Menschen ein falsches Bild von Bibliotheken gäbe. Deswegen auch wird Spitzweg‛s bekanntes Bild – dessen Bibliothekar aber eigentlich gar nicht in einer Volksbibliothek steht – erwähnt. Die Behauptung zieht sich durch den Text: Bibliotheken würden schon hübscher, ansprechender, mehr, gemütlicher, relevanter für den Alltag (wenn man „Informationszentrum‟ so verstehen will) werden, aber es gäbe einfach ein altes Bild von Bibliotheken, dass Personen davon abhalten würde, diese neuen Bibliotheken zu besuchen.

Stimmt das? Welche Bilder haben diese Personen und woher eigentlich? Was genau wird dagegen getan? Auch das: So richtig klar ist nicht. Spitzweg zitieren mag sich anbieten, aber dessen Bild – schon zeitgenössisch eine Karikatur – wurden gegen 1850 gemalt, ist also auch 1973 schon über hundert Jahre alt.

Der Artikel – und auch das findet sich bis heute in solchen Artikeln – geht darauf nicht ein. Vielmehr wird ein Missverhältnis zwischen vorgeblichen Bild von Bibliotheken und vorgeblicher Realität behauptet und gleichzeitig postuliert, dass das Bild zu überwinden die Lösung für dieses Missverhältnis wäre. Das wird mit der Zeit – also wenn es auch in späteren Jahrzehnten immer wieder in solchen Artikeln auftaucht – immer unglaubwürdiger: Müsste sich mit der Zeit nicht doch das Bild von Bibliotheken geändert haben? Wenn nicht, wo kommen „die falschen Bilder‟ her? Oder würde es dann nicht sinnvoll sein, zu fragen, warum sie reproduziert werden? (Sind sie zum Beispiel gar nicht das Problem, sondern vielleicht nur Ausdruck eines tieferen Problems, dass überhaupt nicht mit neuen Bildern weggehen würde? Oder sind diese „veralteten‟ Bilder gar nicht so falsch? Aber wie kann das sein, wenn doch Bibliotheken seit Jahrzehnten dabei sind, sich zu verändern?)

Skandinavien und Bibliotheksgesetze

Vielleicht ist das Problem ja auch, dass die Schweiz nicht „Skandinavien‟ ist? Zumindest taucht als Vorbild für Bibliothekswesen in diesem Text mehrfach Skandinavien auf. Es wird als „Mekka vieler schweizerischer Bibliothekare‟ beschrieben, ohne zu klären, wieso eigentlich (oder das erwähnt würde, dass die dortigen Gesellschaften anders strukturiert sind, als die Schweiz, beispielsweise viel zentraler). Auch dieses Wissen scheint irgendwie vorausgesetzt zu werden. Dafür gibt es hier die Behauptung, Bibliotheken würden dortzulande3 noch mehr geachtet als hierzulande:

„Eine schöne und moderne Bibliothek ist dort eine Prestigeangelegenheit.‟

Vielleicht soll der Artikel dazu auffordern (Aber wen? Die Politik? Die Gesellschaft?), Bibliotheken auch als Prestigeangelegenheit anzusehen? Das ist ungeklärt, aber – auch das ist in Texten dieser Art bis heute normal.

Einen konkreten Hinweis gibt aber zweimal, einmal im Artikel, einmal im „Kästchen‟ daneben: Der Wunsch nach einem Bibliotheksgesetz. Es wird als „Geheimnis‟ bezeichnet, warum es in Dänemark so viele gute Bibliotheken gäbe. Gleichzeitig wird die geplante Ausweitung der Schweizerischen Volksbibliothek über ein Gesetz gefordert, aber auch gleichzeitig der Eindruck erzeugt, dass dies kurz bevorstehen würde:

„Das Eidgenössische Departement des Innern möchte das Projekt reiflich und wohlwollend prüfen. Eine Gruppe von Parlamentariern will sich im National- und Ständerat dafür einsetzen.

Erwartet wird auf dem Wege über die Gesetzgebung des Bundes die Bestätigung der Aufgaben zur Förderung des Bibliothekwesens, wie dies bei der Landesbibliothek und der ETH-Bibliothek bereits der Fall ist.‟

Werbung für Bibliotheken

In diesem Artikel werden Bibliotheken sehr, sehr positiv dargestellt. Sie gelten als wichtig, ihre Entwicklung wird als richtig und wichtig erläutert. Gefordert wird von ihnen, wenn überhaupt etwas, dann so weiter zu machen: Mehr davon. Ein Bibliotheksgesetz (ein Dauerwunsch des Bibliothekswesens) wird nicht direkt gefordert, aber indirekt doch. Kritik gibt es keine. An Problemen wird benannt, dass es ein veraltetes Bild von Bibliotheken gäbe, bei einigen Menschen – aber das scheint sich gerade zu ändern. Und, dass es zu wenig Geld gäbe, weil es in Dänemark mehr hätte.

Grundsätzlich ist dieser Artikel Werbung für Bibliotheken – man weiss aber nicht so recht, wofür genau. Aber für das, was man einige Jahre später „Marke Bibliothek‟ nennen wird, schon.

Solche Texte, wie schon erwähnt, erscheinen seit den 1970ern regelmässig im DACH-Raum. Sicherlich, zwischendurch gibt es auch Pressemeldungen über gekürzten Bibliotheksetat oder kurze Meldungen über Umbaumassnahmen oder kleine Probleme. Wenn Bibliotheken geschlossen werden auch mal Artikel zu Protesten dagegen (was noch eine ganz eigene Artikelgattung darstellt, bei der Bibliotheken ebenso sehr positiv dargestellt werden). Aber die grossen, seitenlangen Beiträge klingen eigentlich immer wieder so, wie dieser Artikel. Das ist interessant, weil man aus der bibliothekarischen Literatur nicht unbedingt den Eindruck erhält, es gäbe in der Öffentlichkeit ein gutes Bild von Bibliotheken. Dort wird immer wieder einmal beklagt, dass das Bild von Bibliotheken in der Öffentlichkeit veraltet sei – was halt nicht stimmt, wenn man die Presse als Öffentlichkeit nimmt. Aber bei diesem Bild teilen offenbar Bibliotheken und Journalist*innen die gleiche Vorstellung.

Doch, ehrlich gesagt, könnte man sich bessere Werbung für Bibliotheken in diesem Medium nicht wünschen, selbst wenn man dafür bezahlen würde.

Schulbibliotheken

Ein Thema, dass nicht so oft in solchen Artikeln angesprochen wird, aber hier halt doch, sind Schulbibliotheken. Diese erhalten sonst oft eigene Artikel, nicht so oft, aber doch alle Jahre wieder einmal. Hier ist es ein eigener Abschnitt, in welchem behauptet wird, sie hätten bislang „vielerorts ein trauriges und stilles Schattendasein [gefristet]‟, jetzt aber hätte „man [wer?] die Bedeutung einer modernen Schulbibliothek erkannt‟. Sie würden zur Demokratisierung der Schule beitragen und hätten zudem „im modernen Arbeitsunterricht eine zentrale Bedeutung: Sie dient Schülern und Lehrern gleichermassen als Informations-, Lese- und Arbeitsstätte. Nicht zuletzt soll sie die Schüler unter anderem auch auf die Benützung von Spezialbibliotheken vorbereiten.‟

Auch hier finden sich vor allem Begriffe, die zeitgenössisch in der bibliothekarischen Literatur zu finden waren.4 Der Ton gleicht dem des restlichen Artikels: Die Veränderung steht kurz bevor, weil klar wäre, welche es sein müsste. Es ist nicht zu sehen, wer sich dem in den Weg stellen sollte.

Und heute noch klingen Artikel zu Schulbibliotheken so, als wäre bewusst, wie Schulbibliotheken bislang sind, als wäre klar, dass sie so, wie sie sind, schlecht sind. Dass aber auch bekannt sei, wie sie werden müssten. Und so, als ob es bald besser würde – auch wenn es schon in den 1970ern so klang.

Aber: Warum werden Schulbibliotheken hier überhaupt erwähnt? Sie sind keine Öffentlichen Bibliotheken. In den realen Schulbibliotheken ist die Verbindung zu Öffentlichen Bibliotheken auch selten Thema. Aber in der bibliothekarischen Literatur wird es so beschrieben, als wären Schulbibliotheken eigentlich Teil des Öffentlichen Bibliothekswesens, wenn einmal über Schulbibliotheken gesprochen wird. Auch hier scheint der Artikel sehr vom bibliothekarischen Diskurs selber gesteuert zu sein.

Was hat sich geändert?

1973 ist nun schon eine recht lange Zeit her – und doch habe ich bis jetzt vor allem betont, dass sich bei solchen Artikeln wenig geändert hat. Aber stimmt das? Was hat sich vielleicht doch geändert?

  • Einfach zu sehen ist: Die Namen der Institutionen sind heute andere. Die Schweizerische Volksbibliothek ist heute die Stiftung Bibliomedia Schweiz (tatsächlich mit drei Standorten in drei der vier Sprachregionen). Der Schweizerische Bibliotheksdienst heisst heute sdb (und ist jetzt Tochterunternehmen der ekz). Wenn im Artikel von zwei Bibliotheksverbänden gesprochen wird, bei dem sich der eine aus dem anderen herauslöst, sind beide heute wieder ein Verband, der bibliosuisse (vereinigt unter dem Eindruck, man müsse sie zusammenführen, um eine gemeinsame Stimme zu haben).
  • Ein Bundesgesetz über Bibliotheken gibt es in der Schweiz weiterhin nicht (wie auch in einem föderalistischen Staat), aber es gibt tatsächlich eine Anzahl von kantonalen Bibliotheksgesetzen. Wie wirksam sind sie? Das ist nicht einfach zu beantworten – vor allem ist es aber kein Thema der bibliothekarischen Literatur.5
  • Was sich geändert hat, ist, dass sich damals, 1973, als dieser Artikel erschien, im Bibliothekswesen in der Schweiz (und im restlichen DACH-Raum) tatsächlich viel veränderte. Viele Öffentliche Bibliotheken (und Ludotheken) feierten letztens erst 50 Jahre Bestehen oder werden es bald tun. Es gab damals Anfang der 1970er eine Gründungswelle von Bibliotheken über die grossen Städte hinaus. Dies bedeutete oft auch, dass die Gemeinden begannen, einen regelmässigen Etat (beziehungsweise schweizerisch: einen Kredit) zu sprechen, das Bibliotheksgebäude gebaut oder zumindest Räume für Bibliotheken eingerichtet wurden. Infrastrukturen wurden etabliert. Insoweit hatten die Diskurse von bevorstehender Veränderung, die auch diesen Artikel tragen, schon eine gewisse Nachvollziehbarkeit: Es änderte sich sichtbar etwas (nicht nur in den Bibliotheken), insoweit war es überzeugend, noch mehr Veränderung zu erwarten. Aber gilt das heute, 50 Jahre später, immer noch? Wie kann nach 50 Jahren praktisch von der gleichen Veränderung erwartet werden, dass sie demnächst kommen wird? Wie kann zum Beispiel die bessere Präsentation von Medien oder die gemütlicher eingerichtete Bibliothek 50 Jahre, nachdem man die Medien schon besser präsentieren und die Bibliothek gemütlicher einrichten wollte, eine Veränderung in der Nutzung von Bibliotheken hervorbringen? Nicht so sehr die eigentlichen Diskurse, aber die Überzeugungskraft der vorgebrachten Bilder scheint sich verändert zu haben – allerdings nicht so sehr, als das sie nicht doch immer wieder aufgerufen werden.
  • Die 1970er Jahren waren im DACH-Raum (mit Ausnahme der DDR, aber selbst dort gab es zum Beispiel mit den Jugendweltfestspielen 1973 die Hoffnung auf Liberalisierung) eine Zeit der gesellschaftlichen Liberalisierung. Die Grundidee der Demokratisierung prägte Überlegungen und Planungen. In diesem Artikel spiegelt sich das explizit in dem Abschnitt über Schulbibliotheken wieder: „Sie [die moderne Schulbibliothek] soll die Liberalisierung der Bildung im modernen Schulwesen ermöglichen helfen und den jungen Menschen frühzeitig durch Bereitstellen von Informationsmaterial zu selbständigen intellektuellen Erfahrungen führen. Ausserdem möchte sie sein kritisches Urteilsvermögen fördern.‟ Aber auch die Vorstellung, dass die Bibliothek für alle geöffnet werden sollte, speist sich aus dieser Vorstellung, dass eine moderne Gesellschaft eine liberale und demokratische Gesellschaft sein müsse, in der alle in der Lage sein müssen, sich zu informieren und zu bilden, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Das ist heute eigentlich kein Thema mehr (nicht nur im Zusammenhang mit Bibliotheken). Man kann sich streiten, wieso. Ist die Gesellschaft schon ausreichend (oder zumindest ausreichend mehr als in den 1970ern) liberal und demokratisch? Ist das kein Ziel mehr? Ist es durch andere Ziele (zum Beispiel alle Menschen als Träger*in von „Humankapital‟ zu verstehen und zu fördern) ersetzt worden? Auffällig ist aber, dass das in den heutigen Artikeln über Bibliotheken dieser Art und auch der bibliothekarischen Literatur fehlt. Dieser gesellschaftspolitische Anspruch – der ist verschwunden.
  • Der Artikel beginnt mit „Heiri Hablützel (angelernter Fräser) und Vreni Fuhrimann (Nurhausfrau)‟. Beide sind erfunden, doch sie stehen offenbar für die Personengruppe, die bislang Bibliotheken nicht besuchen würden, die aber mit den Bibliotheken der Zukunft angesprochen würden: Arbeiter, Hausfrauen. Weiter im Artikel findet sich das Zitat von Tista Murk: „Vor allem die junge und jüngere Generation und dann wieder die Aelteren lesen heute eher mehr als früher.‟ Das hat sich heute auch geändert: Die Personengruppen, von den man ausgeht, dass sich nicht lesen, sind andere geworden. Man kann diskutieren, welche. Aber interessant ist eher, dass sich die Bilder derer, die man ansprechen möchte, ändern, während sich die Ideen, wie man sie ansprechen möchte, weniger ändern. Eine Gruppe, der man unterstellt, dass sie bislang nicht Lesen / nicht in Bibliotheken gehen würde, die aber mit einem Umbau der Bibliothek dann lesen / in die Bibliothek kommen würden, gibt es immer. Was sich hingegen nicht geändert hat, dass solche Texte ohne empirische Untermauerung auskommen, also gar nicht erst zeigen, ob es diese jeweilige Gruppe gibt oder wie deren Leseinteressen / Bibliotheksaktivitäten eigentlich sind – das wird als bekannt vorausgesetzt. Ebenso wie, dass sie von Bibliotheken angesprochen werden, wenn die Bibliotheken nur gemütlicher werden, die Medien besser präsentieren und neue Funktionen übernehmen.
  • Ein Begriff, recht am Ende des Artikels, lässt aufhören: „Sie [die Bibliotheken in der Schweiz bis zur Neuzeit] war der Masse fremd, die sich bestenfalls zur «geistigen Suppenküche» verlief.‟ Geistige Suppenküche – auch hier offenbar kein Begriff, der extra eingeführt werden muss, sondern auf den einfach so zurückgegriffen wird. Aber einer, den man heute kaum noch hört und wohl eher erklären muss. Wo kommt er her? Er stammt aus einer Zeit vor den 1970er Jahren. Ende des 19. Jahrhunderts begannen im Bibliothekswesen die damals neuen Lesehallen, aber auch die Arbeiterbibliotheken und Öffentliche Bibliotheken, die von Kirchgemeinden betrieben wurden, nicht nur zu wachsen, sondern auch sich polemisch abzugrenzen. Ihre Forderung war, als „richtige‟ Bibliotheken anerkannt und finanziert zu werden, die „ohne kommerzielle Interessen‟ einfach nur Bildung verbreiten wollten. Dazu grenzten sie sich nicht nur gegeneinander ab, sondern auch von einer Institution, die weit verbreitet war. Der sogenannten „kommerziellen Leihbibliothek‟, also Einrichtungen, die den Verleih von Büchern (und Heften) auf kommerzieller Basis betrieben, oft in Verbindung mit anderen Geschäften (zum Beispiel Buchhandlungen, aber auch allgemeinen Kiosken). Diesen wurde – selbstverständlich auch, um sich abzugrenzen – vorgeworfen, nur bestehen zu können, indem auf literarische Qualität oder Bildungsinhalt von Literatur nicht geachtet wurde: Nur, wenn sie umstandslos die literarischen Interessen der Massen abdecken würden, möglichst billig, möglichst viel, könnten sie finanziell überleben. Zum polemischen Begriff dazu wurde „geistige Suppenküche‟ (auch „literarische Suppenküche‟). Hier ist egal, ob der überhaupt berechtigt war (natürlich nicht, er war eine Polemik6). Interessant ist, dass er in einem Artikel von 1973 noch einmal erscheint, obgleich die Einrichtung, gegen die Bibliotheken so abgegrenzt werden sollten, eigentlich gar nicht mehr existierten und obwohl die Abgrenzung keinen Sinn mehr machte, weil die modernen Bibliotheken ja jetzt auch darauf zielten, alle Menschen anzusprechen und nicht mehr literarisch zu erziehen. Er scheint hier in gewisser Weise „übergeblieben‟. Heute ist er fast nicht mehr verständlich, vielleicht weil wir uns historisch von den bibliothekarischen Auseinandersetzungen von Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts entfernt haben und weil sich ein Verständnis von Bibliothek etabliert hat, dass diese Abgrenzung auch nicht mehr sinnvoll macht.

Fazit

Was lässt sich also aus diesem Artikel von 1973 lernen, insbesondere wenn man – was ich hier nicht gezeigt habe, aber was man selber gut überprüfen kann – davon ausgeht, dass sich solche Texte seit den 1970er Jahren in Wochenzeitungen und im Feuilleton grosser Tageszeitungen im DACH-Raum in gewissen Regelmässigkeit finden?

Zuerst wohl, dass nicht alles, was in ihnen als Veränderung dargestellt wird, vor allem als kurz bevorstehende Veränderung, tatsächlich eine Veränderung darstellt. Dieses Bild basiert oft auf immer wieder reproduzierten Bildern, Vorstellungen und – well – Vorurteilen (zum Beispiel darüber, was Gruppen, die nicht in die Bibliothek kommen, eigentlich wollen würden). Gleichzeitig wohl auch auf Hoffnungen von Bibliotheken, die wenig hinterfragt werden (Warum gibt es diese Hoffnungen? Wer hat die? Was genau wird sich eigentlich erhofft?) Warum gibt es diese ständige Reproduktion und warum fällt die in der bibliothekarischen Literatur vielleicht gar nicht so auf? Mir scheint, sie ist Teil des modernen Bibliothekswesens. Eine moderne Bibliothek geht heute davon aus, dass sie sich verändern müsse, dass sie die Medienpräsentation verändern müsse, dass es Gruppen gäbe, die wegen falschen Vorstellungen davon, was Bibliotheken sind, nicht in die Bibliothek kommen. Dabei geht es vielleicht gar nicht darum, ob diese Vorstellungen stimmen, sondern darum, dass sie zur Identität einer modernen Bibliothek gehören.

Ist das hilfreich für die Entwicklung von Bibliotheken? Das ist eine andere Frage. Auch die Reproduktion einer Institution ist ja eine Aufgabe, die Arbeit erfordert. (Um hier Luhmann ganz, ganz abzukürzen.)

Es lässt sich aber auch vermerken, dass nicht alles an vorgeschlagener Entwicklung von Bibliotheken, was auf den ersten Blick logisch oder sinnvoll erscheint, das auch wirklich ist. Auch nicht, wenn es als neue Idee daherkommt (wie zum Beispiel Bibliotheksgesetze, die immer wieder einmal als neue Idee vorgeschlagen werden und bei denen man dann „entdeckt‟, dass es sie in anderen Ländern – in Skandinavien, aber eigentlich auch anderswo – schon lange gibt7). Wie man in diesem Artikel von 1973 lesen kann, ist die Vorstellung, Bibliotheken würden an einem veralteten Bild von Bibliotheken in der Gesellschaft leiden oder die Vorstellung, das Buch wäre irgendwie durch neue Medien oder Informationstechnologien bedroht oder das Schulbibliotheken Informationszentren werden sollen oder halt das Bibliotheksgesetze sinnvoll wären, schon älter. Das hat sich nicht verändert, nur leicht verschoben. (Was hat sich dann eigentlich tatsächlich verändert?) Es ist deshalb nicht sofort falsch, aber halt offenbar auch nicht einfach so richtig.

Aber man sollte den Blick nicht nur auf das Bibliothekswesen richten. Was man aus diesem Text auch lernen kann, ist, dass Journalist*innen immer wieder praktisch den gleichen Text über den Zustand von Bibliotheken schreiben: Einen, der davon ausgeht, dass Bibliotheken eigentlich irgendwie bedroht wären, dann aber – oft im Gespräch mit Vertreter*innen des Bibliothekswesens – merken, dass das gar nicht stimmt, sondern das Bibliotheken sich entwickeln würden und schon Vorstellungen davon hätten – ausgedrückt oft in gut zitierbaren Schlagworten, die dann auch zitiert werden – wohin sie sich entwickeln sollten. Das sind dann immer wieder auch Texte, in denen die Schreibenden offensichtlich „Pro Bibliothek‟ sind. Aber halt auch solche, die sich über die Jahrzehnte wenig ändern.

 

Fussnoten

1 Es spricht auch für ihn, dass er – da er aus der Schweiz stammt – voller Helvetismen steckt, was ich immer gut finde: Wir sollten alle möglichst viele Varietäten des Deutschen lesen, um zu sehen, wie bunt auch diese Sprache eigentlich sein könnte / ist. Schon als Gegengift gegen die Idee, Sprache sei immer gleich, eindeutig und unveränderlich. Aber das als Nebenthema.

2 Vom „Tea Room‟ sollte man sich nicht irritieren lassen, falls das irritiert. Das ist ein Helvetismus. Es sind Cafés mit Gebäckangebot und kleiner warmer Küche, die sich in der Schweiz praktisch in jeder Gemeinde finden. (Ich tippe vom Namen her auf ein Überbleibsel aus der Zeit der „grand tour‟. Guten Tee gibt es in ihnen im Allgemeinen leider nicht.) In einem Text aus Deutschland würde hier Café oder Konditorei stehen, in einem aus Österreich vielleicht Kaffeehaus.

3 Auch in diesem Artikel gibt es dieses Phänomen, dass nicht klar ist, welche Länder hier zu Skandinavien gezählt werden und welche nicht – was bei einem Artikel in einer Wochenzeitung vielleicht nicht so auffällig ist, weil das nicht das Thema des Textes ist. Aber es gilt halt auch für Texte dieser Zeit – oder heute – in bibliothekarischen Medien.

4 Es würde mich nicht wundern, wenn sie Wort für Wort in: Schweizer Bibliotheksdienst (1973). Planung von Schulbibliotheken. In: Informationsblatt der Genossenschaft Schweizer Bibliotheksdienst (Oktober 1973) 3. stehen, der damals aktuellsten schweizerischen Publikation zu Schulbibliotheken. (Habe ich aber leider gerade hier nicht vorliegen.)

5 In einer Bachelorarbeit (Buck, Ute. Die Schweizer Bibliotheksgesetze: ein Vergleich der Wirkung anhand festgelegter Kriterien. Bachelorarbeit FH Graubünden, 2019) war die Antwort: Etwas weniger als kantonale Richtlinien für Bibliotheken.

6 Nicht nur war die „kommerzielle Leihbibliothek‟ eine wichtige Einrichtung, um überhaupt die Massen-Alphabetisierung zu erreichen, auf die dann die Industrialisierung, aber auch das moderne Bibliothekswesen aufbauen konnte. Auch ist die Abgrenzung in der Schweiz nicht so klar: Bis vor wenigen Jahren gab es hier zum Beispiel noch Bibliotheken, die – wie die „kommerziellen Leihbibliotheken‟ – Gebühren nach einzelnen Ausleihen berechneten. (Als: Kosten pro ausgeliehenem Buch, nicht nur eine einmalige Jahresgebühr.)

7 Ich erinnere mich gut, wie in den frühen 2000er Jahren die Bertelsmann-Stiftung das als neues Ziel für Bibliotheken verkündete und ihr darin von vielen gefolgt wurde. Ich kann nicht der Einzige sein, der sich daran erinnert.

Was heisst es, dass es keine Bibliothekspädagogik gibt?

In der Juni-Ausgabe der BuB – Schwerpunkt „Bibliothekspädagogik‟ – findet sich ein Text von Richard Stang (Stang 2020), indem darlegt wird, dass es bislang eigentlich keine solche Pädagogik gibt und auch, was geklärt werden müsste, um eine solche zu schaffen. Dazu würde ich gerne etwas sagen. Einerseits hat Stang meiner Meinung nach vollkommen Recht, aber andererseits scheint mir die Lösung – wenn man das so nennen will – eine ganz andere zu sein, als die, die Stang einfordert. Weil das Problem ein anderes ist.

Zuerst werde ich dafür darstellen, wo ich Stang zustimme (I.), um dann zu diskutieren, wo ich denke, dass er zu kurz ansetzt (II.). Es geht wieder einmal darum, dass hier eine Struktur des Bibliothekswesens vorliegt, die mehr betrifft, als „nur‟ das Thema Bibliothekspädagogik. Dabei, so wird nochmal kurz diskutiert (III.), ist es natürlich nicht so, dass in diesem Bereich niemand versucht, etwas zu verändern. Aber eine Struktur verändert sich wohl nicht, nur weil einige Engagiert das wollen, solange andere durch die Struktur (unbewusst) etwas gewinnen. Am Ende (IV.) möchte ich kurz andeuten, was sich den sonst ändern sollte, weil das, was Stang einfordert, wohl nicht kommen wird. (Sichtbar sollte im Text auch werden, dass dies keine Kritik an Richard Stang oder seinem Text ist, sondern dass der Text vor allem einen Aufhänger darstellt, um etwas Weitergehendes zu besprechen.)

I.

In seinem Text stellt Stang zu Recht dar, dass zwar – wie zum Beispiel auch der restliche Schwerpunkt der BuB nach seinem Artikel zeigt – in der Bibliothek immer wieder von Lernen, Bildung und so weiter gesprochen wird, aber gleichzeitig in Bibliotheken keine pädagogische Planung oder Reflexion stattfindet. Er betont, dass pädagogisches Handeln immer auf der Basis von Lerntheorien – also Theorien, die darstellen, wie Lernen stattfindet – fusst, von denen aus jeweils geplant wird, was und wie in welchen Veranstaltungen, Settings oder mit welcher Infrastruktur gelernt wird. Planungen auf der Basis von Lerntheorien ermöglichen dann die Durchführung von Veranstaltungen, den Aufbau von Infrastruktur und letztlich auch die Überprüfung, ob die Lerneffekte, die man geplant hat, tatsächlich eingetreten sind.

Das findet in der bibliothekarischen Arbeit nicht statt: Fast kein Nachdenken über Lerntheorien, kein pädagogisches Planen, keine pädagogisch basierte Überprüfung dessen, was an Lernen angeboten wird. Eine pädagogische Fundierung all dessen, was im Bibliothekswesen – vor allem einmal im Öffentlichen – unter Schlagworten wie Lernen, Bildung, Pädagogik stattfindet, fehlt.

„Die Bibliothekslandschaft steht vor der Herausforderung, den Diskurs über die Orientierung von Bibliothekspädagogik zu intensivieren, wenn sich Bibliotheken auch als pädagogische Einrichtungen beziehungsweise Bildungseinrichtungen verstehen wollen. In diesem Fall führt kein Weg an einer erziehungswissenschaftlichen Fundierung der Bibliothekspädagogik vorbei.‟ (Stang 2020: 318)

[Man könnte vielleicht für die medienpädagogische Arbeit, die in Öffentlichen Bibliotheken durchgeführt wird, eine Ausnahme machen. Aber diese ist, wie in einem Text im gleichen Schwerpunkt diskutiert wird (Müller 2020), auch nicht wirklich in der bibliothekarischen Arbeit verankert – vielleicht gerade deshalb.]

Stang spitzt schon zu Anfang seines Textes zu und fragt die Bibliotheken:

„Wie wird pädagogisches Handeln definiert, oder dient der Begriff der Pädagogik nur einer marketingbezogenen Aufladung von Veranstaltungen?‟ (Stang 2020: 316)

Am Ende seines Textes fordert er das Bibliothekswesen dann auf, die Situation zu verändern und kurz gesagt die Arbeit an einer Bibliothekspädagogik zu beginnen, die wirklich nicht nur ein Sammelname für eine Anzahl von Angeboten sein soll, sondern eine Pädagogik wie – so sein Beispiel im Artikel – die Erlebnispädagogik.

„Die Problemlagen lassen sich nur auflösen, wenn eine klare Positionierung erfolgt.‟ (Stang 2020: 318)

Über weite Strecken ist Stang bis hierhin zu folgen. Das er in seinem Artikel nochmal die drei wichtigsten Lerntheorien erklären muss und sie nicht einfach voraussetzen kann, ist nur ein Zeichen dafür, wie wenig basiert die bibliothekarische Arbeit im Bereich Pädagogik ist: Das müsste man in anderen Zusammenhängen gerade nicht. Ich werde zu dem Eindruck, dass vielleicht Angebote in Bibliotheken nur pädagogisch genannt werden, weil dies einen Marketingeffekt hat, weiter unten noch etwas sagen. Aber grundsätzlich kann ich ihn verstehen. Auch der Lösung, die Stang einfordert, kann ich einiges abgewinnen: Wenn das Bibliothekswesen sich dazu durchringen könnte, eine Position dazu zu beziehen, was genau bei ihm „pädagogisch‟ heisst, und daraus Konsequenzen ziehen würde, könnte es diese Situation endlich verändern. (In meiner Promotion, die sich um die Bildungseffekte Öffentlicher Bibliotheken kümmerte, bin ich grundsätzlich zu einem ähnlicher Ergebnis gekommen. (Schuldt 2009))

Aber – und hier setze ich im nächsten Teil an – das wird so nicht geschehen. Und zwar nicht, weil es nicht hilfreich wäre. Sondern, weil es nicht in den Rahmen der bibliothekarischen Arbeit, so wie sie aktuell organisiert ist, hineinpassen würde.

II.

Stang fokussiert in seinem Artikel aus gutem Grund auf die Pädagogik. Aber wenn wir den Blick einmal auf andere mögliche Veränderungen in Bibliotheken weiten – also vor allem die, die in der bibliothekarischen Literatur aktuell immer wieder vorkommen, also offenbar als Thema Relevanz haben –, wie zum Beispiel wenn Bibliotheken davon reden, Teil einer „neuen Stadtkultur‟ werden zu wollen oder Communities stärken zu wollen, zeigt sich eher eine Struktur: In der bibliothekarischen Literatur, nicht nur in der BuB sondern zum Beispiel auch in Jahresberichten oder Bibliotheksstrategien, werden immer wieder Themenbereiche angesprochen, auf die sich Bibliotheken beziehen, und bei denen man erwarten würde, dass es dann tiefer gehen würde, aber die doch sehr oberflächlich bleiben (wenn man als Grundsatz anlegt, dass mindestens die Hauptpunkte, die ansonsten bei diesen Themen erwähnt werden, diskutiert werden sollten).

Wenn Stang Wert darauf legt, das pädagogisches Planen und Handeln auf einer Lerntheorie basieren muss, dann liesse sich ähnlich beim Thema „Stadtkultur‟ erwarten, dass geklärt wird, was eigentlich Stadtkultur heisst – ob zum Beispiel über Verdrängungsprozesse und die Domestizierung von Gegenkultur nachgedacht wird oder über Entwicklung von Wohnverhältnissen oder über Planung und Entwicklung von Immobilien – oder bei Communities, wie eigentlich verstanden wird, wie diese sich bilden und reproduzieren – praktisch, in Analogie zu Lerntheorien, Communitytheorien. Aber das passiert nicht.

Man kann festhalten, dass es offenbar zu bibliothekarischen Arbeit gehört, nach Ansätzen von ausserhalb zu schauen und sich von dort Begriffe anzueignen, aber diese dann nur eingeschränkt zu verarbeiten und praktisch nicht auf den Hintergrund dieser Begriffe einzugehen. Einige dieser Begriffe werden in die bibliothekarische Arbeit oder zumindest in die bibliothekarische Literatur übernommen, aber die tatsächliche bibliothekarische Arbeit scheinen sie kaum zu berühren.

Warum ist das so? Ich hätte eine These, die auch damit zu tun hat, über was in der bibliothekarischen Literatur so gut wie nicht gesprochen wird: nämlich von der „normalen‟ Arbeit von Bibliotheken, dem Bestandsmanagement, der Beratung der Nutzer*innen, der Ausleihe. Das wenig über diese reale bibliothekarische Arbeit gesprochen wird, und viel über andere Themen, scheint mir strukturell angelegt. Das Reden und Nachdenken über andere Themen deckt in gewisser Weise die reale bibliothekarische Arbeit.

Mir fällt das zum Beispiel oft auf, wenn ich in Bibliotheken Strategieprozesse begleiten soll (oder Ähnliches). Nicht selten sitze ich dann mit Kolleg*innen in der Bibliothek und mache in Workshops Bestandsaufnahmen, diskutiere Ziele und Wege, um diese Ziele zu erreichen – das wiederholt sich ja. Und wir reden über vieles: Darüber, wie die Bibliotheken sich und die eigene Arbeit wahrnehmen. Darüber, was sie sich wünschen. Darüber, welche Angebote anderer Bibliotheken sie kennen und gut oder weniger gut finden. Aber praktisch nie reden wir über die Prozesse, wie eigentlich die Medien – zwischen denen wir zumeist sitzen – in die jeweilige Bibliothek kommen und auch fast nie darüber, wie die normale Ausleihe stattfindet oder andere „normale‟ Tätigkeiten organisiert sind. Es geht immer wieder um Themen, bei denen Begriffe aufgerufen werden, die von ausserhalb des Bibliothekswesens stammen und die dann oft trotzdem nicht so genau gefüllt sind. Dabei könnte man immer auch über die Bestandsarbeit reden.

Das heisst aber nicht, dass das nur aus Marketingzwecken gemacht wird. Der Eindruck, den ja, wie weiter oben gesagt, Stang auch erwähnt, drängt sich manchmal auf, wenn man mit etwas Wissen zu einem Thema auf das schaut, was Bibliotheken unter diesem Thema tun. Zugegeben.

Aber vielmehr scheint mir dieses Verhalten als Struktur erklärbar: Bibliotheken verstehen sich heute als Einrichtungen, die sich immer irgendwie in Bewegung sehen. Irgendwas muss verändert werden, irgendwie muss über immer über Entwicklungen nachgedacht werden. Gleichzeitig scheinen Bibliotheken oft den Eindruck zu haben, irgendwie hinter den notwendigen Entwicklungen zu sein. Dabei ist erst mal egal, ob das ein realistisches Bild ist. Auffällig ist für mich eher, dass diese Grundeinstellung, dass man etwas verändern müsse, vorherrschend ist.

Sicherlich würden sich gute Gründe für die Notwendigkeit von Veränderungen finden lassen. Aber auffällig ist, dass diese in der bibliothekarischen Literatur gar nicht diskutiert werden, sondern oft nur mit einigen, oft stereotypen Floskeln abgehandelt werden, um dann schnell dazu überzugehen, die jeweilige Veränderung zu diskutieren. In diesem Zusammenhang ist das Übernehmen von Begriffen aus anderen Bereichen als dem Bibliothekswesen selber Teil dieser Struktur: Bibliotheken haben den Drang, sich zu verändern. Aber eigentlich läuft die normale bibliothekarische Arbeit recht gut (selbstverständlich könnte man auch die immer besser machen; dafür müsste man sie thematisieren – aber sie läuft). Insoweit wendet man sich anderen Bereichen zu. Veränderungen, die aus diesen anderen Bereichen kommen, stellt man sich aber fast immer als Ergänzung der schon getätigten bibliothekarischen Arbeit vor – auch wenn man das nicht richtig thematisiert. Es geht aber eigentlich immer um einen gewissen „Anbau‟: Veranstaltungen neben der eigentlichen Arbeit. Räume, die zusätzliche Funktionen haben. Personal (gerne aktuell Medienpädagogik*innen, wie oben schon gesagt), die zusätzliche Funktionen übernehmen.

Strukturell geht es offenbar immer wieder darum, den Kern wenig oder gar nicht zu verändern, sondern zu ergänzen. Auch das erlebe ich bei Strategieberatungen: Über die bibliothekarische Arbeit am Bestand und mit dem Bestand wird sich, wenn überhaupt, eher abwehrend geäussert. Manchmal wird das als der Bereich beschrieben, den die weniger veränderungsbereiten Kolleg*innen machen. Aber dann schaut man sich um in der Bibliothek und — es ist weiterhin der wichtigste Teil der eigentlichen Arbeit. Egal, wie sich über diesen in den Strategieworkshops geäussert wird. (Was manchmal passiert, ist, dass in den Pausen solcher Workshops die Kolleg*innen anfangen, über Bestandsarbeit zu reden, beispielsweise über Verlage, mit denen sie gerade Kontakt hatten oder darüber, wie Bestand umgeräumt werden soll. Aber nach der Pause geht es wieder um anderes.)

Das scheint mir aufeinander bezogen zu sein: Das kaum-Reden über die eigentliche Arbeit in der Bibliothek und das recht oberflächliche Übernehmen von Begriffen aus anderen Bereichen, ohne den eigentlichen Hintergrund aus diesen Bereiche mit zu Übernehmen. Würden Bibliotheken aber zum Beispiel anfangen, so wie das Stang fordert, Position zu pädagogischen Grundlagen zu beziehen, würde es um den eigentlichen Kern der bibliothekarischen Arbeit gehen, der verändert werden müsste. Aber solange die Übernahme von Begriffen sich vor allem auf „Anbau‟ bezieht, lässt sich die eigene Forderung von Bibliotheken an sich selber (Veränderung) mit dem Aufrechterhalten der eigentlichen Struktur (also dem Kern der Arbeit) verbinden.

Wie so oft ist das Reden über Veränderung im Bibliothekswesen (nicht nur dort) eigentlich ein Nicht-Reden über die vorhandene Realität, das Reden über (die Bibliothek) Zukunft ein Nicht-Reden über (die Bibliothek) Heute. Aber nicht als bewusstes Verdecken irgendeines Zustandes, sondern als Ergebnis der Struktur, das Bibliotheken nominell Veränderung anstreben, aber gleichzeitig die eigentliche Arbeit oft recht profan, recht alltäglich, aber auch erfolgreich ist. Nicht schlecht, nicht falsch, aber nicht im Diskurs von Veränderungen etc. gut darzustellen.

III.

Das Beispiel Bibliothekspädagogik ist dabei noch ein besonderes: Hier ist es einfach, mehrere Engagierte zu finden, die seit Jahren versuchen, etwas zu verändern. Einige tun dies aus eine Position an Fachhochschulen heraus. Stang ist nur einer davon. In der gleichen BuB-Ausgabe findet sich auch ein Text, in welchem Kerstin Keller-Loibl (2020) ein „Plädoyer für die Etablierung einer Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin‟ vorlegt – was man machen kann, aber was Keller-Loibl schon seit Jahren versucht. Die beiden bei Stang erwähnten Holger Schultka und Wilfried Sühl-Strohmenger arbeiten daran auch sehr sichtbar seit Langem aus Bibliotheken und bibliothekarischen Vereinigungen heraus. Im „Handbuch Informationskompetenz‟ von Sühl-Strohmenger und Martina Straub (Sühl-Strohmenger & Straub 2016) gibt es beispielsweise auch schon eine Darstellung von Lerntheorien, wie sie kurz bei Stang gegeben werden, weil dort ebenso davon ausgegangen wird, dass diese eine Grundlage für pädagogisches Handeln darstellen müssen.

Ich selber hatte über lange Jahre einen Lehrauftrag an der FH Potsdam um in „Bildungsdienstleistungen‟ (nicht mein Wort) für Bibliotheken einzuführen – weil die FH es einst als notwendig für eine moderne Bibliothek ansah, das dieses Thema vorkommt. (Was jetzt nicht mehr der Fall ist. Dieses Thema wurde mit anderen Themen ersetzt.)

Und vor allem finden sich an vielen, vielen Stellen im Bibliothekswesen Kolleg*innen, deren Aufgabe es ist, Angebote unter der Bezeichnung „Bibliothekspädagogik‟ zu machen und die selbstverständlich das auch nicht tun, ohne zu versuchen, dass Thema zu verstehen und zu gestalten – auch wenn es, wie Stang andeutet, oft gerade nicht so geschieht, wie man es aus einem pädagogischen Blickwinkel her angehen würde. Aber auch diese Kolleg*innen machen sich selbstverständlich Gedanken. Einige ziehen sich darauf zurück, dass sie ihre Arbeit „aus dem Bauch heraus machen‟ (was Stang kritisiert), aber andere versuchen immer auch mehr zu tun. Nur wird das wenig sichtbar.1 Es gibt auch keinen richtigen Ort dafür (also keine regelmässigen Veranstaltungen oder Diskussionen oder so weiter), dass sichtbar zu machen.

Es gibt also zahlreiche ernsthafte und auch schon lange laufende Versuche, die Situation bei der Bibliothekspädagogik zu verändern und in Bibliotheken pädagogisches Handeln zu etablieren. Nur: Das es die schon so lange gibt und trotzdem immer wieder neu begonnen wird (also zum Beispiel Stang nochmal die Lerntheorien referiert oder Keller-Loibl nochmal die Etablierung der Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin einfordert) ist ein Hinweis, das es wohl nicht darum geht, ob es einzelne Engagierte gibt. Die gibt es.

Hingegen fällt am Text von Stang eines auf: Er hat gar keinen Ort, keine Institution, keine Struktur die er ansprechen könnte, um die Veränderung (beziehungsweise Positionierung), die er einfordert, einzufordern. Er kann die Forderung nur an das gesamte Bibliothekswesen stellen. Trotz all der Beiträge in der bibliothekarischen Literatur dazu, wie Bibliotheken sich ändern oder ändern sollen, gibt es keine Struktur, die so eine Änderung in der Profession anleiten oder begleiten könnte. Das gilt nicht nur für die Bibliothekspädagogik, sondern auch für alle anderen Themen, die mal mehr mal weniger im Bibliothekswesen besprochen werden. (Das ist kein Fehler von Stang. Niemand wüsste, an wen man so eine Forderung richten könnte, um Bibliotheken zur Veränderung aufzufordern. Bei allen Verbänden und AGs und internen Strukturen und so weiter, die im Bibliothekswesen existieren, hat sich so eine Struktur nicht etabliert. Für mich ein Zeichen, dass sie nicht notwendig ist, weil es strukturell gar nicht so sehr um Veränderung geht. Würden Bibliotheken eine solche Struktur benötigen, würden sie schon eine etablieren.)

Hinzu kommt: Ich wollte diesen Blogpost schon mehrfach schreiben. Vor drei Jahren erschien zum Beispiel ein Beitrag von Haike Meinhardt (2017) – auch eine Kollegin aus einer Fachhochschule – in dem den Bibliotheken vorgeschlagen wurde, die vorhandene Leseforschung zu nutzen, um diese bei der Planung der Leseförderung in Bibliotheken zu benutzen. Konkret geht Meinhardt dabei auf die Bildung von phonetischen Kompetenzen und der Ausbildung von Lesefähigkeit ein – ein Thema das ganz nahe bei der bibliothekarischen Arbeit ist. Eigentlich. Und schon damals wollte ich schreiben, das Meinhardt selbstverständlich Recht damit hat, zu postulieren, dass Leseförderung besser zu planen ist, wenn man das Wissen darüber, wie sich Lesefähigkeit ausprägt, dafür benutzt. Aber das es gleichzeitig nicht stattfinden wird, weil es strukturell für Bibliotheken nicht sinnvoll ist. Es würde wieder den „Kern‟ der Bibliotheksarbeit betreffen, über den praktisch nicht geredet wird. (Und es heisst nicht, dass nicht einzelne Kolleg*innen sich trotzdem mit dieser Leseforschung beschäftigen. Aber halt nicht so öffentlich, dass es sichtbar würde.)

Es waren eher persönliche Gründe, warum ich damals den Beitrag nicht geschrieben habe – aber heute kann ich sagen, dass es tatsächlich auch so gekommen ist. Trotz der Vorarbeit von Meinhardt ist die konkrete Leseforschung weiter kein Thema in der bibliothekarischen Literatur. Das liegt nicht an der Arbeit von Meinhardt, sondern an der Struktur des Bibliothekswesens.

Ich will gar nicht bewerten, ob das richtig oder falsch ist. (Es geht mir gerade auch nicht darum, bestimmte Personen zu kritisieren – was verständlich sein sollte, aber manchmal fühlen sich Einzelpersonen im Bibliothekswesen von so einer Kritik persönlich angegriffen. Also sage ich es lieber einmal.) Wichtig ist mir, diese Struktur zu benennen.

Nur indem man solche Strukturen benennt, lassen sie sich erkennen, verständlich machen und dann auch verändern. (Aber die konkrete Veränderung kann nur aus dem Bibliothekswesen heraus geschehen.)

IV.

Aber wenn es eine Struktur ist, ist dann nicht die Arbeit von Stang, Meinhardt und anderen, die (a) zeigen, dass im Bibliothekswesen bei Themen, die in der bibliothekarischen Literatur besprochen werden, oft die eigentliche Basis (Begriffsdefinitionen, Theorie, Empirie) fehlt, obwohl sie (oft) in angrenzenden Wissenschaftsbereichen vorliegt, die dann (b) zeigen, wie die bibliothekarische Arbeit besser werden könnte, wenn man dieses Wissen einbezieht und (c) vorschlagen (Meinhardt) oder fordern (Stang), dass Bibliotheken dieses Wissen auch wirklich einbeziehen, vergebens, wenn es eher um eine Struktur geht, die den Alltag verdeckt, indem sie über Veränderungen spricht, die kaum mehr sein wird, als ein „Anbau‟ an die alltägliche bibliothekarische Arbeit? Ist das nicht in vain? Ist es nicht so, dass es innerhalb des jetzigen Bibliothekswesen wohl keine Veränderung in die Richtungen, die Stang, Meinhardt und so weiter vorschlagen, geben wird?

Auf den ersten Blick vielleicht. Aber mir – vielleicht bin ich da theoretisch zu sehr von meinen marxistischen Freund*innen geprägt – scheint sich das Bild des Fortschritts durch Dialektik aufzudrängen. Bei Hegel und den „Junghegelianern‟, die Hegel auf gesellschaftliche Fragen übertrugen, gibt es diesen berühmten Dreisatz: Das Denken, die Gesellschaft, die Produktionsverhältnisse und so weiter ändern sich – dadurch entstehen Widersprüche – diese lassen sich in der vorhandenen Struktur nicht auflösen, sondern nur durch eine grundlegende Veränderung „auf die nächste Stufe heben‟ – dadurch wird die Situation wieder der Entwicklung angepasst (bis dann das Denken, die Gesellschaft, die Produktionsverhältnisse sich wieder grundlegend verändern).

(Man verstehe mich nicht falsch: Hegel und Junghegelianer erwarten einen kontinuierlichen „Aufstieg‟ hin zu einem Endzustand, an dem alle Widersprüche zumindest auf einem Feld – der Philosophie, der Religionskritik, der Gesellschaft – aufgelöst sind. Dieser Teleologie soll hier nicht gefrönt werden. Was hier aber passt, ist die Auflösung der Widersprüche in einem anderen, veränderten Zustand.)

Was passiert, wenn zum Beispiel Meinhardt zeigt, dass wir viel mehr (und zum Teil Widersprüchliches zur aktuellen Praxis in Bibliotheken) dazu wissen, wie Lesenlernen geschieht? Oder wenn Stang zeigt, dass pädagogisches Handels geplant, auf Lerntheorien basiert und auf geklärte Ziele hin organisiert sein muss? Oder wenn ich – wie ich hoffe – zeige, dass bestimmte Entwicklungen im Bibliothekswesen sich immer wieder und wieder wiederholen, ohne offenbar so grosse Veränderungen anzustossen, dass sie nicht nach zehn Jahren oder so nochmal angegangen werden können / müssen?

Nimmt man die Dialektik als Modell, dann wird auf diese Weise ein Widerspruch aufgezeigt. Einer, der irgendwann einmal in der Geschichte des Bibliothekswesens (und der Gesellschaft um das Bibliothekswesen) entstanden sein muss. Hier wohl, dass der Diskurs um Veränderung, bei dem nicht mehr von der alltäglichen Bibliotheksarbeit geredet wird und die Veränderung, die (meist gar nicht so schwer) eigentlich möglich wäre, sich immer weiter auseinander entwickelt haben. (Was nicht nur in einer Richtung geschehen sein muss. Gut möglich, dass die Veränderungen schon lange Zeit möglich waren, aber der Widerspruch gewachsen ist, seit Bibliotheken davon ausgehen, dass sie sich verändern müssen und nicht einfach selbstbewusst Bestandsarbeit in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellten.)

Den offensichtlichen Widerspruch zu benennen, ermöglicht immer zu zeigen, dass es anders sein könnte. Die Situation wird ja nicht einfach benannt, sondern auch das Bild erzeugt, dass sich der Widerspruch auflösen liesse. Nur halt nicht, indem die Struktur, die diesen Widerspruch erzeugt, immer weiter reproduziert wird. Das man auch nach den Texten von Stang oder Meinhardt nicht weiss, wer genau jetzt darauf reagieren soll, zeigt ja, dass es keine richtige Möglichkeit gibt, auf deren Vorschläge / Forderungen in der aktuellen Situation einzugehen. Sondern – so würden Hegel, Marx, Feuerbach und so weiter sagen – die Lösung der offensichtliche Widersprüche müsste man suchen, indem man sie in einer höheren Ebene auflöst. (Ersetzen wir das „höheren‟ durch „anderen / neuen‟.)

Ein anderes Bibliothekswesen, dass – nur skizziert, weil („Utopieverbot‟) man nie wissen kann, wie dieses mögliche zukünftige Bibliothekswesen aussehen sollte – es zum Teil professioneller bibliothekarischer Arbeit gemacht hat, Wissen aus angrenzenden Wissensgebieten zur Planung der eigenen Arbeit zu nutzen (was auch heisst dieses Wissen erstmal wahrnehmen, dann aber auch Strukturen zu haben, um es aktiv nutzen zu können, beispielsweise sich auf dem Laufen bei der Leseforschung zu halten, um dann davon ausgehend Leseförderung, Bestandsarbeit und so weiter zu planen). Und damit wohl auch eines, dass selbstbewusst sagt, welche Aufgaben die Bibliotheken haben sollen und deshalb nicht (mehr) vor allem über Veränderung in einer Art spricht, die eigentlich nichts am verdeckten „Kern‟ ändert.

Aber: Diese Veränderung kann nicht erzwungen werden. Schon gar nicht von ausserhalb des Bibliothekswesens – wo wir in den Fachhochschulen (Stang, Meinhardt, Keller-Loibl, ich und andere) uns alle befinden, auch wenn wir doch sehr nahe am Bibliothekswesen sind – und auch nicht von einzelnen Engagierten (Sühl-Strohmenger, Schultka und andere). Die Position, aus der Stang, Meinhardt und andere auf das Bibliothekswesen schauen können, ermöglicht, Widersprüche zu zeigen. Sie ermöglicht auch zu zeigen, dass anderes als die jetzige Situation möglich wäre. Das ist wohl alles wichtig, wenn es tatsächlich zu einer Veränderung kommt, weil diese dann nicht ziellos verlaufen muss. Aber durchführen müssten die Bibliotheken diese Veränderung selber.

Wann wird das geschehen? Es gab bei der Dialektik immer die Vermutung, dass Widersprüche dann aufgelöst werden, wenn sie zu gross geworden sind – wenn also das Leiden an ihnen so gross geworden ist, dass das Auflösen den Beteiligten (zumindest den meisten) mehr bringt, als das Beibehalten des Zustands. Aber das ist aus der Teleologie abgeleitet, dass Entwicklung immer irgendwie gesetzmässig in eine Richtung gehen müsse, der ich hier je gerade nicht folgen will.

Vielleicht gibt es keine Antwort darauf, wann eine solche Veränderung stattfinden wird. Eventuell wäre es besser zu fragen, was Bereitstehen sollte, wenn diese, sagen einmal, Wende hin zu einer „wissenschaftsbasierten Professionalisierung des Bibliothekswesens‟ beginnt. Wovon könnte das Bibliothekswesen dann profitieren? Sicherlich von den Hinweisen darauf, was an Leseforschung, Pädagogik et cetera existiert. Aber, um nur eine Möglichkeit herauszugreifen, vielleicht wären dann auch Utopien eines Bibliothekswesens, wie es dann sein könnte (doch) hilfreich. Also Beschreibungen einer Zukunft, in der (a) der Kern (Bestandsarbeit und Ausleihe von Medien) nicht übergangen wird und (b) Wissen aus anderen Bereichen als dem Bibliothekswesen selber professionell im Bibliothekswesen genutzt wird.

Aber immer wieder neu Widersprüche zwischen Möglichkeiten und Realität im Bibliothekswesen aufzeigen – vielleicht auch bei noch mehr Themen als bislang schon – mag zwar intellektuell richtig sein (so wie Stang und Meinhardt ja Recht haben), doch nicht unbedingt befriedigend. Und gerade dann, wenn eine andere Reaktion auf diese Widersprüche erfolgt, also tatsächlich Veränderung eintritt, die man als „Auflösung des Widerspruchs in einer anderen Ebene‟ beschreiben könnte, mag das auch nicht mehr ausreichend sein. Es gibt bislang keine gute Antwort auf die Frage, was die Aufgabe von Bibliothekswissenschaft (oder der Fachhochschulinstitute, die sich mit Bibliotheken beschäftigen) eigentlich ist. Die Antwort könnte also gut sein: Das Wissen vorbereiten, dass benötigt wird, wenn das Bibliothekswesen sich grundlegend ändert und gleichzeitig zu zeigen, dass eine solche Veränderung möglich wäre.

Ich weiss es nicht und bin mir selbstverständlich auch bewusst, dass diese kurze (wirklich kurze) Ausflug in die etwas abstrakte Spekulation ein für viele nicht vollständig überzeugend sein wird. Aber: Mir scheint er eine Ausweg zu bieten aus dem Dilemma, immer wieder richtig zu zeigen, was das Bibliothekswesen nicht macht – und dann irgendwie doch nur berechtigt damit zu rechnen, dass auch dieser Nachweis zu keiner Veränderung führen wird.

Literatur

Keller-Loibl, Kerstin (2020). Bibliothekspädagogik in der Hochschullehre: Eine Bestandsaufnahme und eine Plädoyer für die Etablierung einer Bibliothekspädagogik als Wissenschaftsdisziplin.In: BuB 06 (72) 2020: 319-321

Meinhardt, Haike (2017). Leseforschung und ihr Potential für die bibliothekarische Leseförderung. In: Bibliothek Forschung und Praxis 03 (41) 2017: 319-329, https://doi.org/10.1515/bfp-2017-0044

Müller, Raphaela (2020). Wer macht jetzt eigentlich was?: Ein Überblick über das Feld der Medienpädagogik in Bibliotheken. In: BuB 06 (72) 2020: 322-325

Schuldt, Karsten (2009). Bibliotheken als Bildungseinrichtungen (Dissertation). Berlin: Humboldt Universität zu Berlin, 2009, https://doi.org/10.18452/16071

Stang, Richard (2020). Viel Bibliothek, wenig Pädagogik. In: BuB 06 (72) 2020: 316-318

Sühl-Strohmenger, Wilfried ; Straub, Martina (2016). Handbuch Informationskompetenz (De Gruyter Reference). (2. Auflage) Berlin: De Gruyter Saur, 2016

Fussnote

1 Selbstverständlich auffällig, dass sich auch bei diesem Thema vor allem Männer so äussern (können?), dass es sichtbar wird, während wohl die meisten Kolleg*innen, die sich mit dem Thema in der konkreten bibliothekarischen Arbeit befassen, nicht Männer sind.