Armut und Bibliotheken: Ein kurzes Buch als Anmerkung zu einer notwendigen Diskussion

Das Leben ist kein Ponyhof

Hier eine kurze Geschichte aus meinem Leben: Vor Jahren (so 2009, 2010), als ich noch jung und unerfahren unternehmungslustig war und gerade meine Promotion fertig hatte, dachte ich, es wäre Zeit, nach dem einem grossen Thema (Bildung und Bibliotheken) ein weiteres grosses, wichtiges Thema anzugehen, bei dem Bibliotheken etwas zur Verbesserung der Welt beitragen könnten: Armut und Bibliotheken.

Damals war der Plan noch, dass als nächste grosse Arbeit, als Habilitation, anzugehen. How hard could it be? Alles ist irgendwie als Studie anzugehen, wenn man sich nur hineinversenkt. Strukturell schien es ein ähnliches Thema zu sein, wie bei meiner Promotion zu Bildungseffekten Öffentlicher Bibliotheken: Ein Thema, bei dem viele Vermutungen vorliegen, ein Thema, das, wenn es „stimmt“ , einen positiven Einfluss auf die Welt haben könnte. (Denn darum hatte ich ja dereinst überhaupt angefangen, Bibliothekswissenschaft zu studieren und nicht etwa BWL oder Jura, um dann irgendwann in einer Bibliothek arbeiten und ein wenig zu einer besseren Welt beitragen zu können – wie jung und naiv waren wir doch, denke ich jetzt, wo ich in den Bergen sitze und mich frage, wie ich je in einer Bibliothek „ankommen“ soll… aber das ist ein anderes Thema) Und ein Thema, das es wert wäre, strukturiert darzustellen: Wie funktionieren Bibliotheken in Bezug auf Armut? Was tun sie: Verstärken sie Armut, reproduzieren sie die gesellschaftlichen Unterschiede mit oder unterstützen sie Menschen in Armut? So oft, wie in der bibliothekarischen Literatur angegeben wird, dass Bibliotheken Zugang zu Medien für alle ermöglichen und dann angedeutet wird, dass das vor allem Menschen in Armut hilft, sollte es nicht schwer zu sein, zumindest zu überprüfen, ob sie es wirklich tun. Alles in kleinen Schritten, in Verbindung mit Sozialtheorien und Erfahrungen aus der Sozialen Arbeit etc.

Aber das Leben kommt anders: Ich schreibe keine Habilitation mehr; das Thema Armut und Bibliotheken ist viel schwieriger, als angenommen. Zudem: das Leben, all die Enttäuschungen, Veränderungen, unvermuteten Möglichkeiten die auftauchen… Zumindest war mir die Idee, das Thema eigenständig zu beforschen (Weil: Drittmittel für das Thema? Ha. Wo?) irgendwann abhanden gekommen. Das passiert. Aber das Thema selber geht nicht weg: Armut besteht in unseren reichen Gesellschaften, obwohl es das nicht müsste und das bleibt ein Skandal. Die Behauptung, Bibliotheken würden Menschen in Armut im Speziellen helfen, findet sich immer wieder und triggerte bei mir den Wunsch, dass doch mal genauer zu untersuchen. Aber letztlich hatte mich das Leben doch überfahren.

Ein Kneipengespräch

Turn to 2015, Open Access Tage in Zürich. Auf dem Heimweg hatte ich ein kurzes Gespräch mit zwei Kollegen, auch zum Thema Armut und Bibliotheken, dass mich daran erinnerte, dass es wirklich weiterhin viele positiv gemeinte Vermutungen zu diesem Themenbereich gibt. Zudem traf ich auch immer wieder Personen im Bibliothekswesen – insbesondere Bruno Wüthrich und Ruth Schaffer Wüthrich, die mich mal in Lugano zu einem Kaffee zum Thema einluden und seitdem auch versuchen, am Thema dran zu bleiben (etwas, was uns Forschende im Bibliothekswesen übrigens gut motiviert, ihnen mal zurückmelden, wenn man was wirklich wichtig und interessant findet; nur falls jemand mal einen Kaffee trinken möchte) – die sich weiter für das Thema Armut und Bibliotheken und vor allem dafür, was man tun könnte, interessierten. Kurzum: Irgendwann zog ich mich doch hoch, liess mich nicht mehr vom Leben so überfahren und schrieb als Antwort auf dieses Gespräch ein kleines Buch zum Thema.

Das Buch, schon mal als Vorwarnung, enthält keine Antwort auf die Frage, was zu tun wäre. Es ist eher ein Durchgang all der Irritationen, die ich immer wieder bei diesem Thema hatte, ein Überblick zu der Literatur, die sich bei mir in den letzten Jahren zum Thema aufgestapelt hat und ein Vorschlag, wie damit (als das gesamte Bibliothekswesen) umgegangen werden könnte. Erstaunlicherweise wurde dieses Buch tatsächlich fertig. Es ist aber weniger ein wissenschaftlicher Text, sondern eher ein Gespräch in der Kneipe – oder halt, weil es in Zürich begann, am Ufer der Limmat – zum Thema. (Ein relativ langes Gespräch von rund 170 A5-Seiten.)

Ganz kurz ein paar Thesen

Ohne weitere Überleitung würde ich das Buch gerne hier einstellen. Wer es lesen will, kann es runterladen. Wer es gedruckt haben möchte, kann es bei epubli kaufen. Wie gesagt ist es eher ein Beitrag zu einem Gespräch, so sollte es auch verstanden werden. Wer mitreden will, kann das gerne tun.

Am Ende ist mir immer noch klar: (1) Die Existenz von Armut in unseren reichen Gesellschaften (ich denke immer an Deutschland und die Schweiz, aber Österreich und Liechtenstein nehmen sich da nicht viel) ist ein Skandal, (2) Bibliotheken können vielleicht dazu beitragen, dass Leben von Menschen in Armut zu verbessern oder zumindest lebbarer zu gestalten, wenn sie (3) sich klar werden, was das genau heissen soll und wie sie es erreichen können. Das kann aber (4) nicht geschehen, indem das Gleiche wie immer tut und nur besser vermarktet und (5) wenn Menschen in Armut gar nicht in der Bibliotheksforschung und den Diskussionen im Bibliothekswesen vorkommen. Ansonsten (6) ist das Thema zu komplex für einfache Aussagen. Es bedarf längerer, gemeinsamer Diskussionen.

Versionen des Buches

Karsten Schuldt (2017). Armut und Bibliotheken: Anmerkungen zu einer notwendigen Diskussion

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