Was ist eigentlich die Aufgabe der Bibliothekswissenschaft für Bibliotheken? Doch Kritik und Überprüfung von Annahmen, oder?

Problem: Woher soll ich das eigentlich wissen? Bloss, weil ich als Wissenschaftler bezahlt werde?

Letztens sass ich bei der Jahrestagung der bibliothekarischen Fachstellenkonferenzen (der Deutschen, ich hoffe, dass ist jetzt der richtige Name), in Saarbrücken auf dem Podium. Thema war die Leseförderung. Mein Beitrag, der bei solchen Diskussionsrunden ja immer kurz sein muss, bezog sich darauf, dass “wir” im Bibliothekswesen eigentlich gar nicht (mehr) wissen, warum Leseförderung gemacht wird, also wozu die Menschen (Jugendlichen, es geht ja meist um die) was lesen sollen, was Ihnen das bringt / bringen soll etc. Das liesse sich immer nur ganz allgemein beantworten (Lesefreude und soziales Fortkommen), aber dann bleibt es allgemein und es ergibt sich nicht, was genau das mit Bibliotheken zu tun hat. Oder man versucht es ganz weit runterzubrechen, auf bestimmte Personengruppen in bestimmten Situationen, dann wird es schnell klar, dass “wir” gar nicht so ein klares Verständnis davon haben, wozu die was Lesen sollen ‒ und dann stellt sich die Frage, was die bibliothekarische Leseförderung eigentlich genau will.

Wo ich mich zurückgehalten habe, was ich im Nachhinein aber doch lieber klar gesagt hätte ‒ aber man will sich ja auf einem Podium auch nicht zu streiten sehr ‒ ist, dass die Diskussionen, Angebote, Studien um die Leseförderung eigentlich nicht mehr von der Gesellschaft reden; “sozial abstinent” habe ich später als Begriff gelesen, der das gut ausdrückt. Es wird in der Forschung ‒ und wurde auch auf dieser spezifischen Konferenz – nicht mehr von Menschen in unterschiedlichen sozialen Lagen ausgegangen, sondern davon, dass alle die gleiche Form des Lesens und der Lesestoffs benötigen würden, egal aus welcher Schicht, mit welchem Hintergrund etc. Alle das gleiche. Das wirft schnell die Vermutung auf, dass man z.B. von Armut nicht reden will und lieber eine mittelständisches Verständnis von “gutes Leben”, “vorankommen”, “Karriere” und “Lesen” reproduziert. Gefragt wird dann vor allem, wie “die anderen” dazu gebracht werden können, diesem mittelständischen Verständnis zu folgen; wie man sie dazu “verführen” könnte, dass in der Bibliothek zu tun. (Ausnahme, auch auf dieser Konferenz, und wie ich schon anderswo betont habe bestimmt eine der Sternstunden des deutschen Bibliothekswesens, ist das massive Engagement der Bibliotheken für Geflüchtete. Das soll man nicht verschweigen, aber auch das scheint oft davon auszugehen, dass es eine deutsche Gesellschaft gäbe, die quasi im Bezug auf das Lesen immer gleich funktioniert, mit den gleichen Ziele, ohne Unterschiede in den sozialen Schichte etc. ‒ und die man für die Geflüchteten öffnen will.)

Ich dachte, ich hätte zumindest Ersteres (wir wissen nicht genau, was eigentlich das Ziel von Leseförderung in Bibliotheken sein soll und deshalb können wir auch gar nicht so richtig sagen, wie in welche Richtung vorgegangen werden kann) klar gesagt. Vielleicht war das nur mein Eindruck. Eine Kollegin aus einer der Fachstellen fragte in der offenen Runde dann nämlich direkt mich (nicht die anderen auf dem Podium), was sie jetzt “ihren Bibliotheken” sagen sollte, die sie immer fragten, was sie tun sollen. Ich muss ehrlich sagen, dass mich dies überrascht hat. Wieso soll ich das wissen?1

Jetzt, nach einigen Wochen drüber nachdenken, habe ich den Eindruck, dass es bei dieser Frage und meinem Erstaunen darüber auch um das Verständnis davon geht, was Bibliothekswissenschaft für Bibliotheken leisten können sollte. Obwohl ich mich selber nicht als Experte für viele andere Dinge ansehen würde, als für das Generieren und Aggregieren von Texten, werde ich teilweise wirklich als Wissenschaftler wahrgenommen (Dafür werde ich ja auch bezahlt, als “Wissenschaftlicher Mitarbeiter”, aber damit bin ich wirklich nicht allein.), wenn auch anders, als ich das tun würde. Das ist mir nicht das erste Mal begegnet.

Was die Bibliothekswissenschaft tun soll, 1

Ein Beispiel ist die Erwartung, gerade die Bibliothekswissenschaft müsse innovativ und immer vorneweg bei allen Zukunftsvisionen sein. Das wird direkt und indirekt immer wieder geäussert. Teilweise nimmt das absurde Blüten an, wenn Menschen aus der Praxis sich stark in einem Thema oder Projekt engagieren und das dann als innovativ verstehen. Sie selber sehen sich als innovativ, also sind ihre Projekte auch innovativ. Und sie erwarten, dass die Forschung, als hier die Bibliothekswissenschaft, sich auch in die Richtung, die sie richtig finden, engagiert. Absurd wird dies, wenn man als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler ‒ Fokus: Texte, also auch Erfahrungen, Berichte aggregieren ‒ eher Zweifel an bestimmten Behauptungen entwickelt hat, z.B. bemerkt, dass die Behauptungen, die von den Engagierten darüber gemacht werden, was demnächst kommen wird, jetzt gleich und man müsse sich darauf vorbereiteten ‒ wenn diese Behauptungen schon eine lange Zeit gemacht werden, ohne das sie bislang eintraten. Aber manchmal scheinen die Engagierten so überzeugt von ihrem Engagement, dass sie auch gegen vorgebrachte Gründe die Sache so interpretieren, dass die Wissenschaft sie unterstützen müsste ‒ oder nicht innovativ sei und damit keine richtige Wissenschaft.2

Aber das sind nur einige Fälle. Eher scheint es das allgemeine Gefühl zu geben, die Wissenschaft müsse Innovation hervorbringen. Nicht: Die Wissenschaft macht etwas und am Ende kommt daraus auch etwas Innovatives, sondern: das Ziel der Wissenschaft müsse die Innovation sein. Mir scheint, dass dann Wissenschaft als “Erfindungen machen” verstanden wird. So: im Labor stehen, an Dinge rumschrauben, Heureka schreien. Frank Seeliger ‒ der sich da nicht missrepräsentiert sehen wird, aber der mich darauf brachte, dass es da einen Unterschied zwischen meinem Verständnis von Wissenschaft und seinem Verständnis gibt ‒ vertritt ein solches Verständnis, wie ich persönlich erfahren durfte (obwohl er selber und sein Team in Wildau eher so Innovations-getrieben agieren und dafür nicht wirklich die Bibliothekswissenschaft brauchen würden). Mich irritiert dieses Verständnis, weil mir nicht klar ist, wie viel dieses Ausprobieren, Rumschrauben etc. wirklich Wissenschaft im Sinne von “neues Wissen schaffen” ist. Klar, wenn es funktioniert, kommen neue Dinge raus, die man anwenden kann. Schön und gut. Aber machen das nicht auch Bibliotheken (Stichwort: Wildau) selber ‒ und viel besser? Und Firmen? Sollten nicht gerade Firmen das machen? Ich dachte, dass wäre ein Argument, warum wir so viele Sachen an Firmen abgeben, dass die immer so risikobereit und auf Marktvorteil durch Innovation aus sind. Habe ich das missverstanden? Ich habe gar nichts gegen das Rumschrauben per se, wir machen das zum Teil in Chur auch, aber eben immer in Projekten, wo wir Thesen testen und neues Wissen produzieren wollen.

Daneben gibt es noch das Verständnis, dass die Kollegin in Saarbrücken zu äussern schien: das die Bibliothekswissenschaft so etwas wie eine Beratungsstelle sein solle, die zu konkreten Alltagsproblemen der Bibliotheken Lösungen anbietet. Das ist mir auch nicht das erste Mal begegnet.3 Angesichts dessen, dass Kolleginnen und Kollegen aus Hochschulen immer wieder in Weiterbildungen zu allen möglichen Themen eingebunden werden, ist das vielleicht sogar eine naheliegende Vermutung. Aber ich finde sie doch komisch: Die Bibliothekswissenschaft ist doch keine Beratungseinrichtung. Wie sollte sie das sein? Auf welcher Wissensbasis sollte sie das auch tun?

Was die Bibliothekswissenschaft, jede Wissenschaft an Fachhochschulen heutzutage, eigentlich macht

Mir scheint, dass diese Vorstellungen auch daher stammen könnten, dass man (a) aus der eigenen Praxis heraus interpretiert, wie die Wissenschaft arbeiten würde und (b) nicht genau weiss, wie heute die Hochschulen strukturiert sind. (Wobei sich a und b ergänzen.)

Das Bild von den Forschenden, die angestellt sind, um frei rumzuforschen, sich in Laboren zu verkriechen, um dann mit einer Welterfindung und wirren Haaren wieder hervorzutreten oder die in Elfenbeintürmen hocken und nur denken, im Stillen Bücher schreiben und dann mit wirren Haaren aus diesen Türmen heraustreten würden ‒ falls diese Bilder je gestimmt haben, heute stimmen sie nicht mehr. Vielmehr sind alle an den Hochschulen eingebunden in bürokratische Prozesse, die vielleicht anderswo nicht weniger sind, aber doch nervig und ständig wachsend, in die Lehre ‒ die sie nur noch zu einem ganz geringen Teil selber entscheiden, d.h. gar nicht wirklich an die eigene Forschung zurückbinden können ‒ und immer auf der Suche danach, mit Mitteln von ausserhalb irgendwelche Projekte zu machen. Bei einigen Hochschulen ist das noch besser, als bei anderen. Aber zum Beispiel bei uns in Chur (und eigentlich in der ganzen Schweiz) findet die Wissensproduktion in Fachhochschulen nur in diesen Projekten statt, die fast immer von aussen finanziert werden. Und diese Projekte verbieten eigentlich auch ‒ strukturell, weil sie Projekte sind ‒ das weitergehende Denken: Sie müssen ein klares Ziel haben (ein “Produkt” wie es oft heisst), sie müssen sehr oft möglichst eine Lösung für irgendwas anbieten (zumindest behaupten, dass es können, im Vorfeld, was ganz absurd ist, weil… vorher soll man die Lösung im Vorfeld kennen?), oft auch mit möglichst vielen hippen Schlagworten ausgestattet sein. Am Ende müssen den Interessen der geldgebenden Einrichtungen (und das können auch gutmeinende Stiftungen, Sozialunternehmen oder staatliche Strukturen sein, man muss da nicht gleich an die Pharmaindustrie denken ‒ aber auch gutmeinde Stiftungen haben immer einen eigenen Fokus) entsprechen; nicht den Interessen der Forschenden oder der Gesellschaft oder der Bibliotheken.4 Das das nicht lange gut gehen wird und die Gesellschaft so nur immer dümmer wird, wenn Forschende nur noch Projekten hinterlaufen, ist richtig. Mal schauen, wann sich das wieder ändert, irgendwann muss es das. Bis dahin aber wird Wissen eigentlich nur noch “heimlich”, “irregulär” produziert: Wenn es sich irgendwie im Rahmen der Projekte am Rand realisieren lässt, wenn es sich irgendwie anderswo abknapsen lässt (ich sag nur: Lehre) oder am Abend/Wochenende/Urlaub/Freien Tagen (also unbezahlt). Es ist nicht so, dass man Projekte machen würde und dann Zeit hätte, nach den Projekten Wissen zu produzieren. Nach den Projekten sind einfach nur noch mehr Projekte.

All das zeigt, dass die Vorstellungen davon, was die Bibliothekswissenschaft (oder irgendeine andere an Fachhochschulen angegliederte Wissenschaft) tun soll ‒ Projekte von Engagierten unterstützen, Innovativ im Sinne von “Rumbasteln im Labor”, Beratung für alle möglichen praktischen Fragen ‒, nicht funktionieren kann. Wenn, müsste man von aussen Projekte finanzieren, die das irgendwie zum Ziel haben. (D.h. wenn die Fachstellen wirklich Beratung von der Bibliothekswissenschaft haben wollen, müssten sie das bezahlen. Was nicht an der Bibliothekswissenschaft oder den Forschenden liegt, sondern daran, dass wir als Gesellschaften es zugelassen haben, dass die Fachhochschulen so widersinnig konstruiert sind, dass sie strukturell von Steuergeldern finanziert werden, aber nicht der Gesellschaft, sondern den Institutionen mit eh schon viel Geld zugute kommen. Das kommt halt davon, wenn man der Bildungs- und Forschungspolitik als Gesellschaft nicht auf die Finger schaut.)

Was die Bibliothekswissenschaft tun soll, 2

Aber das ist noch nicht alles, was mich irritiert. Bislang kann man vielleicht von Missverständnissen sprechen, Missverständnisse darüber, was im Rahmen der heutigen Fachhochschulstrukturen überhaupt zu leisten ist. Was mich mehr irritiert ist, dass diese Vorstellungen wenig mit meinem Verständnis davon, was Bibliothekswissenschaft tun kann und sollte (und wie sie rezipiert werden könnte) zu tun hat. Ich kann von den drei genannten Perspektiven die mit dem “Rumbasteln im Labor” noch einigermassen nachvollziehen. Die ist sympathisch,5 aber ‒ wie schon gesagt ‒ finde ich oft, dass das die Bibliotheken (also jetzt nicht alle, aber doch im Ganzen gesehen) das viel besser machen als z.B. ich es könnte.6

Für mich ist Wissenschaft, und hier rede ich jetzt vor allem von Geisteswissenschaft ‒ aber als solche verstehe ich die Bibliothekswissenschaft ‒, vor allem eines: kritisch. Bei Wissenschaft geht es kurz gesagt darum, mehr, besseres, genaueres Wissen zu schaffen. Besseres, nicht per se “praktischeres” oder politisch für die eigene Meinung zu verwendendes. Wie oben gesagt: Texte ‒ und damit Überlegungen, Berichte, Analysen ‒ aggregieren und neue Texte produzieren. Das ist nicht Selbstzweck, sondern soll dazu dienen, die Welt, in der wir alle leben (und die wir mit geschaffen haben bzw. immer weiter schaffen) immer besser zu verstehen. Die Hoffnung dahinter bleibt, dass eine besser verstandene Welt eine ist, die wir (also wir alle) besser so gestalten können, das sie am Ende für alle Menschen besser wird. Aufklärung, Humanität, all das. (Und immer eingedenk allem, was mit dieser Hoffnung schon schief gegangen ist. Dialektik der Aufklärung und so weiter. Kurz gesagt: Die Hoffnung, dass sich eine reflektierte Aufklärung immer noch dazu nutzen lässt, die Welt besser zu machen. Besser, nicht unbedingt effektiver.)

Dafür stehen der Wissenschaft verschiedene Methoden zur Verfügung: Thesenbildung, Hypothesenbildung, Theoriebildung, Modellbildung, Prototypen und die Überprüfung, Widerlegung, Testung derselben etc. pp.. Aber grundsätzlich zusammengefasst geht es mir darum, bezogen auf die Bibliothekswissenschaft und ihren Untersuchungsgegenstand Bibliotheken, die tatsächliche Praxis zu überprüfen und vor allem die hinter dieser Praxis stehende Annahmen und Vorstellungen erst sichtbar zu machen und dann auch zu testen. Gehen wir zurück auf die am Anfang dieses Beitrags stehende Leseförderung in Bibliotheken, heisst das zum Beispiel klar zu machen, dass ein Verständnis und damit eine Diskussion darüber fehlt, was das Ziele der Leseförderung sind.7 Das aufzuzeigen ist selbstverständlich kritisch, weil es zeigt, dass die Praxis vielleicht deshalb sich fragt, was sie tun soll, weil sie nicht ausspricht oder durchdenkt, was sie eigentlich will. Das ist eigentlich kein grosser Wurf, keine neue Sozialtheorie oder so. Aber es ist das, was Wissenschaft eigentlich gut kann: Zeigen, wann die Praxis ins Leere läuft oder wann Überzeugungen ‒ hier: eine “eigentlich wissen doch alle, wofür Leseförderung da ist”-Haltung ‒ sich nicht halten lassen (aber es gibt noch mehr Thesen, gerade im Bereich Open Access und Digital Humanities, auf der die strategische Planung von Bibliotheken basiert, die einer genauen Überprüfungen meiner Meinung nach nicht standhalten).

Ist das zu wenig? Nur weil es nicht ein total neues Programm für die Leseförderung vorschlägt (Woher sollte das kommen? Aus den Büchern über gut funktionierende Leseförderung, die auch die Bibliothekarinnen und Bibliothekare selber lesen könnten?), dass dann alle jungen Menschen zum Lesen in die Bibliothek bringt?

Sicherlich: In der Wissenschaft kann man so weit gehen, Wissen zu produzieren und Dinge aufzuzeigen, die diskutiert, geklärt, vielleicht auch verändert werden müssten. Wobei in der Bibliothekswissenschaft vor allem, da es sich bei der Bibliothek am Ende vor allem um eine soziale, also über Kommunikation funktionierende Einrichtung handelt, aufzeigen der Notwendigkeiten zu Diskussionen und Entscheidungen, die gemeinsam im Rahmen des Bibliothekswesens getroffen werden müssten. Selber diese Diskussionen führen kann sie nicht. Das muss die Praxis, die dann selbstverständlich auf die Einwürfe der Wissenschaft reagieren müsste.

Dabei ist das selbstverständlich eine fragile Hoffnung. Es gibt kaum Hinweise darauf, dass irgendeine Praxis, die “eine eigene Wissenschaft” hat, auf diese, “ihre” Wissenschaft reagieren würde – insbesondere wenn sie kritisch wird. Da hilft auch alles Gerede von “evidence based” nix. Die Beziehung von Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik ist besser untersucht,8 aber grundsätzlich gilt das wohl auch für die Bibliothekswissenschaft. Die kritischen Einwürfe der Wissenschaft, die sie macht, wenn sie Texte, Gedanken, Erfahrungen aggregiert und eventuell auch auf eine abstraktere Ebene packt, müsste die Praxis wahrnehmen und darauf reagieren. Aber das passiert eher ausgesucht, uminterpretiert, d.h. die Praxis nimmt das, was sie als sinnvoll findet. Prototypen werden als Innovation verstanden, als Produkte, ohne die getesteten Thesen wahrzunehmen; die Anmerkungen werden vor allem wahrgenommen, wenn sie “passen” und als Bestätigung für die eigene Position Engagierter eingebaut, aber die Anmerkungen, das bestimmte Überzeugungen vielleicht nicht stimmen und besser nochmal überprüft werden sollten, werden ignoriert. Die Forschenden werden als Beraterinnen und Berater “missverstanden”, die nicht “liefern”, weil sie entweder nicht konkrete Vorschläge machen, sondern zum Überdenken anregen, oder aber (was mich ehrlich gesagt viel mehr irritiert), weil ihre publizierten Toolkits etc., die so gestalten sind, dass sie in der Praxis direkt eingesetzt werden können, dann doch nicht wahrgenommen werden.

Sicherlich hat das auch damit zu tun, dass Wissenschaft vor allem über Texte kommuniziert wird, aber in der Praxis zum Teil diese Texte nicht wahrgenommen werden. So einen Gegensatz kenne ich als die Aussage, dass es nicht möglich wäre, im Alltag 50 Seiten zu lesen (warum nicht?) oder einen Text in Englisch wahrzunehmen (warum nicht?). Sicherlich ist diese Aussage nicht ganz aus der Luft gegriffen, aber sie irritiert mich: Wie kann man erwarten, dass die Wissenschaft der Praxis etwas liefert, wenn man sie nicht wahrnimmt? Ist es so schwer? Ich fahre ja auch “in die Praxis” und schaue die mir an?

Aber das lässt sich wohl nicht so einfach klären und spricht eigentlich gegen meine Hoffnung, dass Wissenschaft irgendetwas in Bibliotheken weiterbringen würde. Gleichzeitig gibt es auch genügend Gegenbeispiele, wo Anmerkungen von Seiten der Bibliothekswissenschaft dazu führten, dass Bibliotheken sich Gedanken machten (nicht immer die, die ich erwartet hätte, aber das ist okay; Wissenschaft, die “ihrem” Untersuchungsgegenstand vorgeben will, wie dieser zu sein hätte, ist schon so oft falsch gelaufen).

Grundsätzlich: Wissenschaft ist Denken und soll Denken anregen. Eine kluge Gesellschaft (oder ein kluges Bibliothekswesen), die sich nicht hinter “das muss so” oder “im Alltag gibt es andere Probleme” versteckt, sondern wahrnimmt, dass es immer eine Differenz zwischen Denken und Handeln geben wird, dass aber ein Handeln alleine oder ein Denken in immer den gleichen “Problemen” und mit den immer gleich ungetesteten Überzeugungen im Besten Falle die Reproduktion des Immer-Gleichen, im Schlimmsten die Verstärkung der negativen Seiten dieses Handelns und Denkens ist ‒ und das deshalb das Testen der eigenen Überzeugungen und das Ernstnehmen von Hinweisen auf Leerstellen sinnvoll ist ‒ würde eine bessere Gesellschaft für alle sein. Ich bin da am Ende positiv gesinnt, dass das funktionieren kann. (Das ist die Bedeutung von Kritik, im guten Sinne: Das falsche Schlechte im Bestehenden aufzeigen. Eine Gesellschaft, die sich selbst regelmässig fair kritisiert und damit ihrer Grundlagen klarer ist, wird deshalb besser, eine Gesellschaft, die das nicht tut, wird tendenziell schlechter. Und für “die Gesellschaft” lassen sich immer gesellschaftliche Teilsysteme, wie das Bibliothekswesen, in diesen Satz einsetzen.) Die Rolle als kritische Instanz ist es, in der ich die Bibliothekswissenschaft sehe. Alles andere machen die Bibliotheken schon selber.

 

Fussnoten

1 Grundsätzlich, wenn ich schon etwas dazu sagen soll: Wenn ich schon einen Tipp geben soll, sollten sich die Bibliotheken klar werden, was sie eigentlich wollen, dass die Menschen mit dem “Lesen” tun, was die daraus ziehen sollen und nicht einfach nur Leseförderung mit dem Ziel “alle sollen viel lesen” machen. Sie müssen das wohl für sich selbst bestimmen, weil das Bibliothekswesen als Ganzes es nicht tun. Und von dieser Bestimmung aus sollten sie ihre Leseförderung konzipieren. Gleichzeitig sollten sie sich klar werden, dass sie wohl “Lesen” aus einer sehr spezifischen Schicht heraus bewerten und verstehen, das aber die Gesellschaft nicht aus dieser Schicht alleine besteht und nicht einfach dieses Verständnis für alle Menschen aus allen Schichten vorausgesetzt werden kann. Eher sollte man zuhören, wie Menschen aus unterschiedlichen Schichten Lesen verstehen und angehen ‒ und dann darauf aufbauen, sie dabei zu unterstützen, Lesen wie sie es jeweils als sinnvoll oder gehaltvoll ansehen umzusetzen. Aber nicht andersrum ihnen das vorschreiben.

2 Zu prüfen wäre auch, welche Formen von Zukunftsvision die Wissenschaft eigentlich formulieren darf, ohne das ihr die Ernsthaftigkeit abgesprochen würde. Ich würde z.B. gerne darüber nachdenken, wie ein Bibliothekswesen in einer sozial gerechten Gesellschaft aussehen würde. Aber dürfte ich das, besonders wenn ich davon ausginge, dass einen sozial gerechte Gesellschaft halt eine sein würde, in der die BWL als Scharlatanerie (mit egomanischen Strukturen) verstanden und die Wirtschaft ganz anders organisiert und dem gesellschaftlichen Willen unterworfen wäre? Oder wäre das zu weit? Könnte ich zumindest über ein Bibliothekssystem in einer Gesellschaft nachdenken, die nachhaltig wirtschaftet? Oder wäre auch das zu weit? Mir scheint immer wieder, dass “Innovation” heutzutage nur Innovation in bestimmten Richtungen sein darf.

3 Allerdings auch schon in absurderen Zusammenhängen, wenn an Kolleginnen, Kollegen oder mich Fragen gestellt wurden, die schon längst “gelöst” waren, also zum Beispiel Probleme angesprochen wurden, für die schon mehrere Handbücher, Toolkits und so weiter existieren, teilweise geschrieben von diesen Kolleginnen und Kollegen, die gefragt wurden, oft in Zusammenarbeit oder mit Rückmeldungen aus “Bibliotheken aus der Praxis”. Als wäre es ‒ für Bibliothekarinnen und Bibliothekare nota bene ‒ schwer vorstellbar, einfach mal nach denen zu recherchieren. Aber es ist auch so oft passiert, dass es mir strukturell vorkommt; so als wären es Bibliotheken zum Teil einfach gewohnt, dass es immer Beraterinnen und Berater gibt, die rumkommen und sagen, wie es richtig geht. Das aber nur eine Vermutung.

4 Theoretisch gibt es den Schweizerischen Nationalfonds (oder ähnliche Einrichtungen in anderen Staaten) als Einrichtung, die Forschung von den Interessen der Forschenden geleitet finanziert. Aber wer sich nur die Statistiken zur Mittelvergabe anschaut wird merken, dass die jetzige Funktion des Nationlfonds eigentlich ist, Geld an die Unis und den ETH-Bereich zu verteilen und von den Fachhochschulen fernzuhalten. Zumal die Fachhochschulen mit ihren an der Wirtschaft orientierten Jahresrhytmus für Projekte gar nicht auf die SNF-Struktur mit dem mehrmaligen Zurückweisen und Wiedereinreichen von Anträgen nach Überarbeitung vereinbar ist. Aber das ist ein anderes Thema. Praktisch ist er als finanzielle Quelle für Fachhochschulen verschlossen, ohne dass das wirklich thematisiert wird.

5 “Verrückte” Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dieser Art haben auch immer was vom utopischen Potential eines “anderen Lebens”, dass möglich ist, so wie Popstars. Dieses “verrückt-sein” ist ja auch immer ein Ver-rücktsein, ein gewisses Ent-rücktsein aus den gesellschaftlichen Strukturen und Anforderungen, die uns sonst alle betreffen.

6 Es ist halt oft nur nicht so bekannt, was schon gemacht wird. Aber ich würde immer raten, mal in Wildau nachzufragen. Die haben offenbar oft schon das gebaut, was man sich so als “könnte mal wer machen” ausdenken kann.

7 Was noch sichtbarer wird, wenn man darauf verweist, dass zumindest grosse Teile der Bibliotheken das vor hundert Jahren wussten, wenn wir auch die damaligen Ziele ‒ gegen “Schund” und dagegen, dass die Jugend durch die falschen Bücher sozialdemokratisch, gar kommunistisch wird oder, bei den Bibliotheken der Arbeiterbewegung, gegen “Schund” und für Klassenbewusstsein, nicht mehr teilen.

8 Z.B. Rürup, Matthias (Hrsg.): Innovationen im Bildungswesen : analytische Zugänge und empirische Befunde (Educational Governance). Wiesbaden: Springer, 2013; Bosche, Anne: Schulreformen steuern: Die Einführung neuer Lehrmittel und Schulfächer an der Volksschule (Kanton Zürich, 1960er- bis 1980er-Jahre). Bern: Hep, 2013; Bosche, Anne: The back office of school reform: educational planning units in German-speaking Switzerland (1960s and 1970s). In: Paedagogica Historica 52 (2016) 4: 380-394.

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One response to “Was ist eigentlich die Aufgabe der Bibliothekswissenschaft für Bibliotheken? Doch Kritik und Überprüfung von Annahmen, oder?”

  1. Eric Steinhauer says :

    Hier gibt es eine weiterführende Lektüre zu dem Thema:
    (aus „bibliotheksrecht.de“, mittlerweile leider offline):

    An abgelegener Stelle, nämlich in der Festschrift für den Kommunalrechtler Heiko Faber, hat der Hannoveraner Politikwissenschaftler Otwin Massing einen lesenswerten Aufsatz über den Auftrag der öffentlichen Biblotheken geschrieben. Der Reiz des Beitrages liegt darin, dass ein Fachfremder ihn geschrieben hat.
    Massing bestimmt zunächst die öffentliche Bibliothek als verstofflichtes Gedächtnis der Menschheit. Ob diese Bestimmung gerade bei den öffentlichen Bibliotheken so richtig ist, kann man bezweifeln. Allerdings stimmt es, dass diese Bibliotheken die allgemein relevanten Werke aller Epochen vermitteln.
    Massing unternimmt nun in mehreren Anläufen eine Kritik moderner Bibliotheken, die nur auf einen reibungslosen Betrieb ausgerichtet sind. Er hinterfragt die Anschaffunspolitik und kritisiert, dass breite Teile der Bevölkerung mit ihren Leseinteressen (Stichwort: Heftchenromane und dergleichen) ausgeschlossen werden. Diese Kreise gelte es zu integrieren. Ansonsten verfehle die Bibliothek ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag. Massing plädiert gewissermaßen für eine Symbiose von Kiosk als dem Leseort der breiten Masse und der Bibliothek.
    Massing spricht sich für die Pflichtaufgabe Bibliothek aus, S. 393, Fn. 34. An anderer Stelle sieht er seine Forderung nach einem ersten ländergreifenden Büchereigesetz in dem Deutschen Nationalbibliotheksgesetz erfüllt, S. 407. Das freilich ist nicht richtig, denn dieses Gesetz ist nur eine Organisationsnorm für die Nationalbibliothek und regelt mitnichten das deutsche Bibliothekswesen insgesamt.
    Abschließend bestimmt Massing „Büchereipolitik“ als eigenständiges Format einer „sozialstaatlich innervierten Gesellschaftspolitik“.
    Der Aufsatz ist gerade wegen der Außenperspektive interessant. Eine straffere Textfassung freilich hätte ihm gutgetan.
    Bemerkenswert sind auch ausgefallene Formulierungen, wie etwa diese:
    „Es liegt auf der Hand, daß der Analcharakter eines bücherhortenden, seine Rara dem öffentlichen Verkehr vorenthaltenen bzw. entziehenden Geizkragens mit bibliophilen Neigungen und dem daraus erwachsenden neurotischen Zwangsverhalten zum Dienstleistungsauftrag einer öffentlichen Bibliothek in diametralem Widerspruch steht.“ S. 376 f.
    Quelle: Otwin Massing, Zwischen Skylla und Charybdis : Anmerkungen zum Funktionswandel Öffentlicher Bibliotheken, in: Die Gemeinde : Verfassung, Planung, Wirtschaft und das kommunale Selbstverwaltungsrecht ; Festschrift zum 70. Geburtstag von Heiko Faber / hrsg. von Götz Frank und Heinrich-Wilhelm Langrehr. – Tübingen : Mohr Siebeck, 2007, S. 371-412.

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