Mein Problem mit der Onleihe: Die Monopolstellung

Die Onleihe hat letztens einen Verkaufsbutton eingeführt, zumindest als Versuch (so zumindest die Darstellung). Dörte Böhner, UltraBiblioteca und andere haben ihre Unmut dazu geäussert; in den sozialen Medien, die Bibliothekarinnen und Bibliothekare benutzen, hat sich dazu eine – für das Bibliothekswesen erstaunlich lebendige – Diskussion ergeben, mit teilweise allerdings auch recht erstaunlichen Argumentationen. Das muss ich hier nicht rekapitulieren.

Ich würde vielmehr gerne ein anderes Problem mit der Onleihe in die Diskussion werfen, auch weil es gerade ein gut nachzuvollziehendes Beispiel gibt. Kurz gesagt: Die Onleihe, inklusive ihrer Anpassungen in der Schweiz und Österreich, hat eine Monopolstellung. Das ist nicht gut. Wenn eine deutschsprachige Öffentliche Bibliothek oder Bibliothek mit öffentlichen Auftrag E-Books anbieten will, greift sie heute auf das Angebot der Onleihe zurück. Oft ist dies organisiert über einen Verbund, beispielsweise die Digitale Bibliothek Ostschweiz, insoweit nicht immer direkt mit der divibib als Verhandlungspartner. Aber anders geht es praktisch nicht.

Es gibt Gründe dafür. Nur einige:

  • Niemand anders macht es, gleichzeitig vertrauen Öffentliche Bibliotheken in Deutschland stark auf die ekz, die heute hinter der divibib steht, die Bibliotheken in der Schweiz auf den Schweizer Bibliotheksdienst, der den Vertrieb der Onleihe in diesem Land übernommen hat. Wie soll sich da jemand anders mit einem anderen Angebot etablieren?
  • Öffentliche Bibliotheken haben aber offenbar auch gar keine Strukturen, um ein eigenes Modell zu entwickeln; gleichzeitig sind zum Beispiel die Fachhochschulen, die sich zumindest Gedanken machen könnten, nicht so konstruiert, dass sie es einfach machen könnten. Meine Hochschule dürfte dies zum Beispiel erst, wenn es jemand finanziert – aber wer sollte es finanzieren? Zumal, wie im nächsten Anstrich klar wird, dies keine rein technische Angelegenheit ist.
  • Die Arbeit, die Onleihe aufrecht zu erhalten, ist nicht trivial. Bibliotheken klagen oft und zu Recht über die bibliothekarische Seite, insbesondere, dass die Onleihe nicht ordentlich und einfach in die OPACs eingebunden werden kann. Es gibt aber ebenso die Seite in Richtung Verlage. Die ist auch schwierig. Ein grosser Teil der Arbeit an dem Modell Onleihe besteht daran, diese Verlage, die gerne überzogene Profiterwartungen haben, und die Verlage, die kaum etwas über E-Books wissen, glücklich zu stellen. Die Onleihe wird zum Beispiel oft dafür kritisiert, dass sie das Exemplarmodell auf E-Books übertragen hat (wenn ein Medium „ausgeborgt ist“, kann es nicht ein zweites Mal zur gleichen Zeit verliehen werden), welches technisch keine Sinn macht. Zum Teil ist die Onleihe beziehungsweise die divibib daran Schuld, immerhin ist sie auf diese Idee gekommen. Aber teilweise war es auch notwendig, um einige Verlage dazu zu bringen, mitzumachen. (Gleichzeitig sollte man das auch nicht überschätzen. Auch Verlage sind nicht immer mit der Onleihe zufrieden. Ich bin ja gar nicht gross mit vielen Menschen aus der Verlagsszene bekannt, aber selbst ich habe einige Klagen gehört: Einspeissung der E-Books zu teuer und schwierig, Abrechnung nicht immer klar, Gewinn wie weniger als erwartet.)

Es ist nicht einfach nur Schuld der divibib.

Und trotzdem: Diese Situation ist nicht gut. Vor allem aus zwei Gründen. Zum einen verhindert eine Monopolstellung mögliche Entwicklungen. Zum anderen macht jedes Monopol andere abhängig.

Problem 1: Abhängigkeit

Das zweite Problem kann man gerade sehen, oder zumindest vermuten, wenn man den Gerüchten und nicht-öffentlich geführten Debatten in Wissenschaftlichen Bibliotheken zuhört. Swets ist pleite (oder, genauer, hat Insolvenz angemeldet). Zwar betont die Firma, dass die Tochterfirmen wie die in Deutschland bislang nicht betroffen sind, aber das scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Swets war zwar nicht der einzige, aber doch am weitesten verbreitete Anbieter, über den Wissenschaftliche Bibliotheken in Deutschland und der Schweiz ihre Verträge für elektronische Zeitschriften mit quasi allen grossen Verlagen abschlossen und den Zugang zu diesen Zeitschriften organisierten. Jetzt fällt das weg, einfach so, und die Wissenschaftlichen Bibliotheken müssen sich möglichst schnell etwas organisieren oder aufbauen, um weiter diese elektronischen Zeitschriften anbieten zu können. Ansonsten gibt es diese Zugänge einfach nicht mehr. (Das mag vielleicht für Open Access Zeitschriften ganz positive Auswirkungen haben, aber das war ja nicht die Idee.) Es ist eine akute Krise.

Ich habe keine Ahnung, was genau zur Insolvenz von Swets geführt hat, aber das ist hier nicht wichtig: Alle Firmen können untergehen, auch die divibib, auch die ekz. Das ist das Schöne und gleichzeitig das Erschreckende am Kapitalismus (okay, es gibt noch mehr Schönes und Schreckliches): ständig tendieren Firmen dazu, Monopole zu bilden; ständig scheitern Firmen. Wenn man marxistisch geprägt ist, mag man darüber die Schultern zucken, weil man dies als dem Wirtschaftssystem inhärent versteht. Ist man wirtschaftsliberal geprägt, kann man das auch ganz gut finden, immerhin ermöglichen solche Pleiten das Fortschreiten von Innovation und Entwicklung. Konservativ geprägt kann man das auch schlecht, aber typisch für die Moderne finden. Egal, wie man es versteht; nicht von der Hand zu weisen ist, dass die Tendenz zum Untergang von einst erfolgreichen und grossen Firmen, egal mit welchem Anspruch sie angetreten waren, welche Waren und Dienstleistungen sie anboten und wie nett ihre Vertreterinnen und Vertreter sind oder waren, besteht. Für die betroffenen Menschen ist das immer eine Katastrophe, für die Einrichtungen, die von den scheiternden Firmen betroffen waren, ebenso.

Darauf lässt sich reagieren: Politisch kann man zum Beispiel den Wettbewerb zwischen Firmen fördern und Monopole verbieten. Es gibt Ansätze dazu in der europäischen Politik, auch in bestimmten historischen Perioden der US-amerikanischen. Aber möglich ist das nur, wenn diese Bestimmungen wirklich durchgesetzt werden und verstanden wird, wozu. Wettbewerb lässt sich zudem erzeugen, indem man mehrere Firmen fördert – beispielsweise indem Öffentliche Bibliotheken sich darauf einigen würden, mehrere Anbieter von E-Books zu nutzen, damit keine von diesen Firmen zu gross werden und von sich abhängig machen kann. Das klappt natürlich nur, wenn es überhaupt mehrere Firmen gibt. (Die divibib würde darauf verweisen, wie gross die Anstrengung ist, Verlage für diese Angebote einzuwerben und konstatieren, dass dies für weitere Anbieter nicht möglich wäre – was vielleicht stimmt oder auch nicht oder nicht mehr, aber, wenn man Angebote schon auslagert, dass Problem der jeweiligen Anbieter wäre, nicht der Bibliotheken.) Ein anderer Ansatz wäre, selber Strukturen aufzubauen, die man immerhin selbst kontrolliert. Dann wüsste man zumindest, wenn sich eine Krise ankündigt und kann versuchen, zu reagieren. Aber auch das klappt nur, wenn diese Strukturen nicht irgendwann, wie es bei der ekz der Fall war, zu eigenständigen GmbHs umstrukturiert werden oder aber, wie beim Schweizer Bibliotheksdienst, selber Aufgaben an selbstständige Firmen wie die divibib auslagern.

Solange das aber nicht passiert, sind Bibliothek abhängig von den Entscheidungen und Geschicken der divibib. Wenn die aus irgendwelchen Gründen scheitert, können Öffentliche Bibliotheken schnell vor dem Problem stehen, dass es keine E-Books mehr gibt und auch niemand, zu dem man als Alternative gehen könnte. (Und, wie Swets zeigt, kann das recht abrupt geschehen. Wenn man will, könnte man den Verkaufsbutton bei der Onleihe auch als Anzeichen einer bevorstehenden Krise der divibib ansehen. Immerhin scheint der bisherige Profit nicht auszureichen. Vielleicht sind die laufenden Kosten einfach zu hoch?)

Problem 2: Fehlender Wettbewerb

Das andere Problem ist immer, dass Monopole dazu führen, dass die Monopolisten Angebot und Preis zugleich bestimmen können. Gibt es mehrere Anbieter, sollte es – zumindest der wirtschaftsliberalen Theorie nach – auch einen Wettbewerb geben, der sich auf die Preise und das Angebot auswirkt. Hätte die divibib eine ernstzunehmende Konkurrenz wäre es zum Beispiel gut möglich, dass das Problem mit der einfachen Einbindung in die OPACs schon gelöst. Immerhin könnte es sonst ein anderer Anbieter lösen und damit einen Wettbewerbsvorteil erringen. So aber ist die technische Abteilung der divibib über Jahre immer kleiner geworden und Öffentliche Bibliotheken können wenig mehr tun, als zu bitten, zu hoffen und zu erzählen, die ekz wäre ein wichtiger Partner der Bibliotheken – was zum Teil bestimmt stimmt, aber nicht sagt, ob sie nicht ein viel besser Partner wäre, wenn es eine ernstzunehmende Konkurrenz gäbe. Bislang können die Bibliotheken ja zum Beispiel nicht einfach damit drohen, einen anderen Anbieter zu wählen, wenn die divibib nicht ausreichend auf deren Wünsche eingeht, insbesondere, wenn die Bibliotheken selber ihren Nutzerinnen und Nutzern das Angebot Onleihe mit grösseren Kampagnen nahe gebracht haben.

Was tun?

Insoweit: Ist die Monopolstellung der divibib ein wirkliches Problem? Ja. Ich bin der Überzeugung, dass sie es ist; wie jede Monopolstellung. Das ist nicht gegen die divibib beziehungsweise gegen die ekz direkt gerichtet. Das diese ein Monopol anstreben, ist verständlich. (Obwohl es selbstverständlich widersprüchlich ist, weil es gesamtgesellschaftlich schlecht ist. Aber auf die Gesamtgesellschaft schaut eine Firma notwendigerweise nicht – was Marxistin und Wirtschaftsliberalen gleichwohl nicht überrascht; aber Menschen, die zum Beispiel die Wirtschaft irgendwie moralischer machen wollen, bestimmt ärgert.) Die Situation ist viel gefährlicher für Öffentliche Bibliotheken im deutschsprachigen Raum und vor allem auch schlecht im Sinne der Fortentwicklung von Angeboten im Bereich elektronische Medien, als für die ekz. Wenn man nun schon mal über die Onleihe diskutiert, sollte man auch darüber nachdenken, wie man aus dieser Situation wieder herauskommen kann. (Und wenn die Kolleginnen und Kollegen der divibib udn ekz ordentliche Wirtschaftsliberale sind, was ich nach ihrem Handeln und ihren Verlautbarungen schon vermute, sollten sie das auch unterstützen, weil nichts Innovation und Weiterentwicklung so vorantreibt, wie der Wettbewerb – so zumindest die Theorie. Und was gibt es Interessanteres für eine Firma, als ein Angebot weiterzuentwickeln, an das man glaubt?)

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One response to “Mein Problem mit der Onleihe: Die Monopolstellung”

  1. Taleb's Fat Tony says :

    Danke. Das war der erste für mich akzeptable Beitrag zum Thema. Mich hat der Kaufbutton nicht empört, sondern mißtrauisch gemacht: Auf einem Bein kann man nicht stehen und das Gegenbild zur Abhängigkeit der Bibliotheken vom Monopol ist die Abhängigkeit der ekz von öffentlichen Mitteln. Das ermöglicht einen Zangenangriff auf die divibib, wenn die Verlage die Konditionen verschlechtern sollten und die Bibliotheksetats einbrechen. Es stehen ja nicht nur Firmen auf der Kippe.

    Allerdings erinnert mich die Monopolfrage auch an Peter Hacks Geschichte vom Bär auf dem Försterball: Da die trunkenen Förster den Bären nicht erkennen, eröffnen sie die Jagd auf den schwächsten Förster und erklären, dieser sei der Bär. Was wir bei der ekz erleben, hat begonnen, bevor es die Onleihe auch nur als Phantasiemodell gab. Das Idol aller ist Amazon mit seinem Konzept der horizontalen und vertikalen Integration. Die strategischen Waffen sind Consumer-Lock-in, Predatory Pricing und Margen-Minimalismus. Wettbewerb findet also durchaus (noch!) statt, allerdings nicht zwischen Bibliotheksanbietern. Wie auch! Da Flatrate-Modelle auch privatwirtschaftlich erfolgreich angeboten werden können, sind Bibliotheken für die Rechteanbieter zunehmend ein monokultureller Krümelmarkt, für den sich ein isoliertes Modell nicht lohnt. Dann ist der Kaufbutton die logische Konsequenz.

    Von Ciando – durchaus ein theoretischer Wettbewerber der Onleihe – ist wenig bekannt, dass diese Firma als Aggregator am E-Book-Markt so manchem Elefanten das Futter reicht – wie es scheint auch Amazon.

    Also ich kann nicht erkennen, wie Bibliotheken aus dem Filialisierungsstrudel herauskommen könnten, indem sie die Onleihe mobben. Deswegen finde ich die „Onleihe-Diskussion“ zunehmend gaga. Alle Parameter sind auf Integration und Monopol gestellt. Wettbewerb gibt es nur noch bei den Subventionsempfängern: Krankenhauskannibalismus, Schulkannibalismus, Bibliothekskannibalismus….

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