Ein kurzer Nachtrag zu Bibliotheken im ländlichen Raum

Im letztens publizierten Buchprojekt, dass Petra Hauke mit Studierenden der Humboldt Universität zu Fragen der Demographie im Bezug auf Bibliotheken herausgab, hatte ich die Chance, einen kurzen Beitrag zu Bibliotheken im ländlichen Raum unterzubringen: Menschen verlassen das Tal. Vorausplanende Bibliotheksarbeit in potenzialarmen Räumen – Das Beispiel Graubünden. (Schuldt, 2014) Ich habe diesen Text am Beispiel Graubündens aufgezogen, da ich dort wohne und zumindest zu Teil den langsamen Rückzug des Menschen aus einigen Gebieten direkt sehen kann, den ich im Titel meines Textes anspreche. Aber selbstverständlich ist Graubünden nicht das einzige Gebiet, in dem – gänzlich ohne Vertreibungen, Krieg oder Krisen – immer weniger Menschen wohnen und damit auch immer weniger Infrastruktur unterhalten wird, die Chancen zur Veränderung weniger werden und so weiter. In einer frühen Version war mein Text zum Beispiel als Vergleich zwischen Graubünden und Brandenburg / Mecklenburg-Vorpommern angelegt, was ganz interessant gewesen wäre, da ich beide Regionen zumindest zum Teil kenne, in beiden ähnliche Prozesse stattfinden – inklusive der Rückkehr der Wölfe in den letzten Jahren – und gleichzeitig die Unterschiede zwischen beiden doch so gross sind, dass sich Fragen zur Allgemeingültigkeit von bestimmten Entwicklungen hätten stellen lassen. Aber leider unterliegen Texte in (auch) gedruckten Bücher immer einer Zeichenbegrenzung, deshalb flog Brandenburg / Mecklenburg-Vorpommern bis auf einige Hinweise am Anfang raus.

Wir sollten wohl mal alle kurz rausfahren

Ich finde den ländlichen Raum ja immer wieder spannend. Ich will da nicht wohnen, schon Chur nervt mich mit seiner Winzigkeit, die ich persönlich ohne ständige Besuche in Berlin, Zürich, Lausanne oder anderen Städten nicht aushalten würde. Aber gleichzeitig sehe ich, wie Menschen sich für ein Leben im ländlichen Raum begeistern, wie sie dort wohnen bleiben, hinziehen oder zurückkehren wollen; wie das ihre eigene Entscheidung ist und wie sie der Meinung sind, dort glücklicher sein zu können, in den Bergen und Tälern, in den flachen und weiten Landschaften Brandenburgs, als anderswo. Mich fasziniert, bei allem Unverständnis, das immer wieder. Ich erinnere mich noch oft, wie ich vor einigen Jahren in einer Gemeinde von vielleicht 600 Menschen an der australischen Küste übernachtete und unsere Gastgeberin auf die Anmerkung, dass die Gemeinde herrlich gelegen und mit atemberaubender Natur gesegnet (Papageien die zum Frühstück vor dem Fenster rumhüpfen und auf der anderen Seite der Strasse gleich der Ozean) sei, aber doch auch recht übersichtlich ist, mit verklärten Blick nur meinte: „Yes. And we like it that way.“ Womit sie recht hat. Kurzum: Wenn sie wollen, sollen sie da wohnen können. Das ist ihr Recht und die Gesellschaft sollte sich gefälligst sich darum kümmern, dass Menschen in diesen Räumen auch die gleichen Chancen im Bezug auf die wichtigen Bereiche wie Bildung, Gesundheit, Versorgung haben, wie wir in den grossen Städten! Jawohl! (Anmerkung: Geschrieben Morgens in Berlin-Neukölln, mit etwas Pathos und leicht übernächtigt.) Die bibliothekarische Infrastruktur ist da ein Teil der notwendigen Infrastruktur. Deshalb habe ich mich auch dafür entschieden, den oben genannten Text zu schreiben.

Gleichzeitig ist das Geld in den ländlichen Regionen zumeist noch knapper als in den Städten und die Entscheidungsräume nicht immer weit. Letztens verbrachte ich ein paar Tage in den brandenburgischen Weiten, dort, wo die Gemeinden zusammengefasst und von einem Amt bewirtschaftet werden, wo die Busse sechs Mal am Tag kommen und die Tankstellen oft die Zentren der Orte darstellen. Es war hübsch ruhig an den Seen und in den Wäldern, aber es war auch sehr bezeichnend. Weite, leere Flächen zwischen den Häusern am Rand, mit „zu Verkaufen“-Schildern, verwilderte leere Häuser, Bauprojekte, die nicht fertig wurden, aufgegebene Geschäfte und zwischendurch Investitionszeichen: Bahnhöfe, die genau bis zur nächsten Strasse neu gebaut waren, renovierte Dorfzentren, die bis zu einer sichtbaren Grenze gingen und dahinter ist alles unrenoviert.

Kann man da überhaupt etwas tun? Ich finde mich in solchen Orten immer wieder zwischen Faszination, Ironie, Verzweiflung, dem Wunsch zu helfen, der Vorstellung, dass die Leute vor Ort es so wollen und ähnlichem hin- und hergerissen. Und wenn ich darüber nachdenke, wundere ich mich immer wieder einmal, warum das Thema im Bibliothekswesen praktisch nicht besprochen wird. Dabei gibt es auch „dort draussen“ bibliothekarische Arbeit. Bei meinem letzten Besuch waren zum Beispiel in dem Ort, in den ich einquartiert war, die Mitteilungen über die Haltezeiten und andere Angelegenheiten des Bücherbusses (unter anderem die Ausleihzahlen in den einzelnen Orten) die Hälfte der amtlichen Mitteilungen im Zentrum.

bibliothekenimländlichenraum

Kurz und gut: Das Thema bibliothekarische Arbeit im ländlichen Raum finde ich oft (persönlich) spannender als vieles, was in den bibliothekarischen Zeitschriften besprochen und auf den bibliothekarischen Konferenzen vorgestellt wird. Ich kann nur aufrufen, sich damit mehr zu beschäftigen (Auch wenn ich weiss: Für Linked Open Libary Research Data Management Life Circle Metadata Standardization Systems gibt es gerade weit mehr Geld als für die Frage, wie die Menschen im ländlichen Raum eigentlich sinnvoll bibliothekarisch betreut werden wollen und könnten. Die Krise der Forschungsfinanzierung…)

Rural Library Project, Georgia

Ich greife das Thema nicht wegen diesem Aufruf auf, sondern um auf einen Artikel zu verweisen, der sich mit einem Projekt beschäftigt, welches genau diese Frage angeht; wenn auch im US-amerikanischen Raum. Dan White hat – zumindest seiner Darstellung nach – eher zufällig in Georgia das Rural Library Project begründet, eine gemeinnützige Firma, welche in der Gegend von Atlanta Gemeinden im ländlichen Raum dabei hilft, eigene Bibliotheken zu gründen beziehungsweise wieder zu eröffnen und zu betreiben. (White, 2014)

Bezeichend dabei: White ist kein Bibliothekar, sondern ein Bauunternehmer, der in einer der kleinen Gemeinden (500 Einwohnerinnen und Einwohner) in Georgia aufgewachsen ist. Er hatte einfach sehr gute Erinnerungen an diesen Ort und als sein Vater dort verstarb, suchte er einen Weg, um diesen zu ehren und verfiel schnell auf den Gedanken, dort eine Bibliothek zu etablieren. Das ist relevant: Trotz all der Klagen darüber, wie schwer es Bibliotheken haben und wie falsch das Bild ist, das Menschen von Bibliotheken hätten, die sich in der bibliothekarischen Fachpresse finden, werden Bibliotheken von der Öffentlichkeit äusserst positiv bewertet. White versteht Bibliotheken zum Beispiel als Ort, der in kleinen Orten die Community zusammenbringt.

Mit der ersten Bibliothek war er erfolgreich, wurde dann während der Arbeiten an dieser – die getragen wurden aus lokalen Engagement, Stiftungsgeldern und viel Enthusiasmus – gleich von einer weiteren kleinen Gemeinde angesprochen, die ihn bat, sie auch bei der Eröffnung einer Bibliothek zu unterstützen. Das ging weiter: Nach der dritten Bibliothek entschied er sich, die Strukturen zu formalisieren und das Project zu gründen.

Der Text von White reflektiert die bisher geleistete Arbeit. Er ist unbedingt lesbar. Insbesondere diskutiert er, immerhin auf einiger Erfahrung, den positiven sozialen Effekt, den einen Bibliothek in ländlichen Gemeinden haben kann. Das ist deshalb interessant, weil die Frage nach solchen Effekten, wenn sie überhaupt gestellt wird, fast immer im Rahmen städtischer Bibliotheken gestellt wird. (Siehe allerdings für den ländlichen Raum, u.a. mit weit kritischeren Darstellungen als bei White, Griffis & Johnson, 2014 ; Johnson & Griffis, 2014 ; May & Black, 2010 ; Svendsen, 2013) White betont, dass die Bibliotheken nur als soziales Zentrum funktionieren, wenn die Community diese auch wollen, mittragen und gleichzeitig von der lokalen Verwaltung unterstützt werden. Dann allerdings kann mit relativ wenig Mitteln und Infrastruktur – halt solche, die Stadtmenschen wie mich immer wieder erstaunt und teilweise niedlich, aber teilweise auch höchst effizient vorkommt und die im Text in mehreren Bildern dokumentiert wird – eine zentral Rolle im Leben der Gemeinschaft einnehmen. Dabei zählt White auch zahlreiche Funktionen auf, die über den Medienbestand hinausgehen. Das, was in der Literatur zu Öffentlichen Bibliotheken oft als Zusatz zur bibliothekarischen Tätigkeit beschrieben wird (wenn es auch zum Alltag vieler Öffentlicher Bibliotheken gehört), gilt bei White und den von seinem Project mit aufgebauten Bibliotheken als Daseinsgrund: Technische Infrastruktur, die alle nutzen können, Treffpunkt der Einwohnerinnen und Einwohner, Veranstaltungsort, Zentrum der Community.

Was man vor allem aus diesem Text lernen kann, ist, dass es möglich ist, eine solche Bibliothek zu etablieren. Sicherlich: Sie wird nur so lange existieren, wie das Interesse der Gemeinde vorhanden ist und in der Gemeinde Potenziale existieren (an Menschen und an Fähigkeiten), um eine solche Einrichtung zu betrieben. Vor allem, wenn letzteres nicht mehr vorhanden ist, müssen andere Wege gefunden werden. (Schuldt, 2014) Aber bis es soweit ist, kann es Jahre dauern und es ist auch bei keiner kleinen Gemeinde vorgezeichnet, dass sie immer kleiner werden muss. Zudem weichen diese Bibliotheken stark von dem ab, was in der Fachliteratur als „bibliothekarischer Standard“ bezeichnet wird (in der Schweiz ist dieser Standard zumindest als Idee sogar in Richtlinien der Arbeitsgemeinschaft für allgemeine öffentliche Bibliotheken niedergelegt). Aber wie der Ansatz von White zeigt, sind diese Standards vielleicht nicht überall und immer sinnvoll. Lokal bestehen manchmal andere Anforderungen an Bibliotheken, teilweise viel geringe, teilweise andere, als in den Standards niedergelegt. (Siehe zur Kritik der bibliothekarischen Standards auch Pateman & Williment, 2012) Und trotzdem funktionieren diese kleinen Bibliotheken in kleinen Gemeinden.

Literatur

Griffis, Matthew R. & Johnson, Catherine A. (2014) / Social Capital and Inclusion in Rural Public Libraries: A Qualitative Approach. In: Journal of Librarianship and Information Science 46 (2014) 2, 96-109

Johnson, Catherine A. & Griffis, Matthew R. (2014) / The Effect of Public Library Use on the Social Capital of Rural Communities. In: Journal of Librarianship and Information Science 46 (2014) 3

May, Francine & Black, Fiona (2010) / The Life of the Space: Evidence from Nova Scotia Public Libraries. In: Evidence Based Library and Information Practice 5 (2010) 2

Pateman, John & Williment, Ken (2012) / Developing Community-Led Public Libraries: Evidence from the UK and Canada. Farnham ; Burlington: Ashgate, 2012.

Schuldt, Karsten (2014) / Menschen verlassen das Tal. Vorausplanende Bibliotheksarbeit in potenzialarmen Räumen – Das Beispiel Graubünden. In: Hauke, Petra (Hrsg.) / »Challenge accepted!«. Bibliotheken stellen sich der Herausforderung des Demografischen Wandels. Positionen – Strategien – Modelle & Projekte. – [Bibliothek und Gesellschaft]. – Bad Honnef : Bock + Herchen, 2014, S. 177-190

Svendsen, Gunnar Lind Haase (2013) / Public Libraries as Breeding Grounds for Bonding, Bridging and Institutional Social Capital: The Case of Branch Libraries in Rural Denmark. In: Sociologia Ruralis 53 (2013) 1, 52-73

White, Dan (2014) / The Rural Library Project: Building Libraries, Building Community. In: Public Library Quarterly 33 (2014), 108-120

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One response to “Ein kurzer Nachtrag zu Bibliotheken im ländlichen Raum”

  1. spacesofknowledge says :

    Lieber Herr Schuldt

    Herzlichen Dank für das Teilen dieser aus meiner Sicht sehr bedeutsamen Gedanken. Ich möchte ein paar Ideen/Überlegungen ergänzen:

    Grundsätzlich sollten wir uns, egal ob Stadtbibliothek mit Anspruch in Anlehnung an wissenschaftliche Bibliotheken, Stadtteilbibliothek irgendwo im Grossstadt-Dschungel oder Stadtbibliothek auf dem Land unsere Zielgruppe(n) vor Augen führen. Und anhand dieser Zielgruppen sollten wir uns bewusst machen, welche Schwellen wir zu und in unseren Bibliotheken auf- und abbauen bzw. vermeiden sollten.

    Dabei meine ich sowohl materielle (architektonische) als auch soziale Schwellen. Zu den materiellen Schwellen zählt nicht nur die vielbesprochene Barrierefreiheit (und hier denken wir bitte nicht nur an Rollstühle, sondern auch an Rotgrün-Blindheit (bsp: Beschilderung in „The Brain“ in Berlin), Beinbrüche, Kinderwägen, einen schweren Rucksack voller Bücher etc.), sondern auch eine abweisende, sich nach aussen abschottende Architektur, die gerade bildungsferne Zielgruppen abschreckt. Zu den sozialen Schwellen zählen Nutzungsgebühren, die Art und Weise, in welcher der Service präsentiert wird, aber auch ein ansprechender Eingangsbereich, der Informationen unaufdringlich aber leicht zugänglich zur Verfügung stellt.

    Im Rahmen meiner Dissertation habe ich Universitätsbibliotheken untersucht und war reichlich überrascht, in welchem Masse hier Schwellen wirken und Exklusionsprozesse mit sich bringen, so dass sich von den Studierenden im ersten Semester bis zu Habilitationskandidat/innen viele Personen unerwünscht/unpassend/unfähig fühlen, die eigentlich genau am richtigen Ort sind. Teilweise führt das soweit, dass die Bibliothek frustriert und unverrichteter Dinge verlassen oder gar der Bibliotheksbesuch gemieden wird.

    Gerade diese Prozesse in Bezug auf Schwellen und Zugängen sollten im Rahmen von städtischen Bibliotheken untersucht werden und ein Fallvergleich auf die oben genannten unterschiedlichen Fälle bietet sich natürlich an. Ich hätte grosse Lust auf solch ein Projekt und falls Sie Interesse haben, würde ich mich über eine Kontaktaufnahme freuen!

    Herzlich, Eva-Christina Edinger

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