Miteinander reden, über die Situation informieren. Etwas anderes als Marketing.

In meinem Weiterbildungskurs an der FH Potsdam wurde ich des letztens gefragt – weil ich der Bibliothekswissenschaftler im Raum war, wurde mir gesagt, aber… okay –, was Bibliotheken tun könnten, um ihren Ruf zu verbessern. Die Frage wurde mir schon ein paar Mal gestellt und ich habe keine Ahnung, warum gerade ich die beantworten können sollte. (Bestimmt wird sie einfach vielen Leuten gestellt.) Mich irritieren solche Fragen. Nicht nur, weil ich nicht sehe, was ich zu ihrer Antwort beitragen kann, sondern auch aus einem anderen Grund: Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was das Problem der Bibliotheken mit ihrem Ruf ist. Er ist doch erstaunlich gut. Vor einigen Jahren habe ich in Berlin Proteste für den Erhalt von Bibliotheksfilialen beobachtet und beschrieben, in der Schweiz oft genug von der Bibliotheksinitiative St. Gallen oder Protesten für Bibliotheken in Luzern gehört. Und immer wieder scheint mir, dass da erstaunlich viele Menschen mit einer erstaunlich positiven Meinung von Bibliotheken auftauchten und der Meinung waren, die müssten existieren.

Ich frage mich oft, ob die Frage vielleicht etwas falsch gestellt wird. Geht es wirklich darum, das Bild der Bibliotheken zu verändern? Ich habe oft das Gefühl, dass die Bibliotheken sich untereinander gerne gegenseitig das Zeugnis ausstellen, dass der Rest der Welt sie eher als alt, unnötig und so weiter ansehen würde, während der Rest der Welt gar nicht dieser Meinung ist, sondern vor allem Bibliotheken, die dem Versprechen, modern zu sein, auch folgen können, tatsächlich als modern wahrnehmen. Es scheint eher darum zu gehen, dass Bibliotheken gerne etwas in der Hand hätten, um nicht bei ständig bei den Etatverteilung übergangen zu werden und ständig zusammen gestrichen zu werden. Aber das ist etwas anders: Einen wirklich guten Ruf haben und den Etat zusammengestrichen zu bekommen kann man beides auf einmal haben.

Insoweit: richtig etwas zu der Frage beizutragen habe ich nicht, auch wenn sie offenbar eine ganze Anzahl Kolleginnen und Kollegen interessiert.

Aber: Ich würde gerne auf einen kurzen Text (der trotzdem seine Längen hat) in der aktuellen Nummer der School Library Research hinweisen. Ich dachte mir beim Lesen, dass der vielleicht etwas zum Thema beitragen kann: Everhart, Nancy ; Mardis, Marcia M. / What Do Stakeholders Know about School Library Programs? Results of a Focus Group Evaluation. In: School Library Research 17 (2014), http://www.ala.org/aasl/sites/ala.org.aasl/files/
content/aaslpubsandjournals/slr/vol17/SLR_StakeholdersKnow_V17.pdf
.

Der Text geht von einem Programm in Pennsylvania aus, dass unter anderem versuchte, mehr Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger für positive Entscheidungen über Schulbibliotheken zu gewinnen. Die Situation wird ziemlich offen beschrieben:

„The profession of school librarianship has bolstered itself on a foundation of impact studies that have linked strong school library programs and the existence of a certified school librarian to student achievement […]. However, that research has never been well disseminated beyond the profession, and when it has been, administrators, policy makers, parents, and the general public have often ignored or dismissed the results […]“ (Everhart & Mardis 2014, 1f.)

Angespielt wird hier auf die zahlreichen Studien, die der sogenannten Ohio-Studie nachempfunden wurden und in denen die Ausstattung von Schulbibliotheken mit den Ergebnissen von Schülerinnen und Schülern in den standardisierten Tests, die in den USA verbreitet sind, in einen Zusammenhang zu setzen versuchten. Es ist nett, dass jemand klar sagt, dass diese Studien nicht so überzeugend sind, wie das in Bibliothekskreisen oft gedacht wird. [1]

Aber das ist nicht das Interessante am Text. Interessanter scheint mir vielmehr der Versuch, es anders zu machen. Eigentlich ist dieser Versuch recht einfach: Es wurden Fokusgruppen einberufen, vor allem mit Leuten, die schon an Schulbibliotheken interessiert waren, die irgendwas mit der Community einer Schule oder einer Schule zu tun hatten, und dann mit ihnen in den Fokusgruppen an der Frage gearbeitet, welche Teile eines School Library Programs (muss man auch erstmal haben, Schulbibliotheken mit eigenen, niedergeschriebenen Programmen) die für die anwesenden Personen Wichtigsten waren. Klingt nicht unbedingt spannend. Aber es hat seinen Einfluss.

Die Fokusgruppen waren immer nach dem gleichen Prinzip aufgebaut: (Everhart & Mardis 2014, 3) (1) Ankommen / Begrüssung, (2) Informationen über den Status Quo der Schulbibliotheken in Pennsylvania, (3) geleitete Diskussion über die wichtigen Teile von Schulbibliotheksprogrammen, (4) Konsensbildung dahingehend, wie die wichtigen Teile der Programme zu gewichten sind, (5) Diskussionen der Schritte, welche die jeweiligen Schulbibliotheken unternehmen sollten, um die gewählten Punkte zu stärken. Sichtbar ist hier, dass die Fokusgruppen nicht – wie sonst oft – unbedingt dazu da waren, Meinungen einzusammeln. Es war keine Marketingstudie. Die Ergebnisse waren auch je nach Schule unterschiedlich. (Everhart & Mardis 2014, 5f.)

Interessant waren die Ergebnisse einer „Nachevaluation“. [2] Die Befragten dieser Nachevaluation, welche selbstverständlich eine Auswahl darstellten, gaben an, (1) davon überrascht gewesen zu sein, wie die Situation der Schulbibliotheken tatsächlich ist und mit welchen Argumenten diese zusammengestrichen werden [3], (2) daran ein Interesse entwickelt zu haben, zu erfahren, was in den Schulbibliotheken eigentlich genau getan wird, was also die heutige alltägliche Arbeit darstellt und (3) ein Interesse an Updates über die jetzige Situation von Schulbibliotheken in Bundesstaat zu haben.

Oder anders gesagt: Das Arbeiten in kleinen Gruppen (und nur für ein paar Stunden) am Thema Schulbibliotheken führte zu einem recht anhaltenden Interesse, dass allerdings wachgehalten werden muss. Dabei wurden die Personen, die an den Fokusgruppen teilnahmen, als Stakeholder ausgewählt und eingeladen.

Lässt sich daraus etwas für Bibliotheken in Deutschland oder der Schweiz lernen? Maybe. Mir scheint das Vorgehen, einfach Leuten direkt zu sagen, was Sache ist, also wie in Bibliotheken gearbeitet wird und wie ihr Etat, ihre Infrastruktur und so weiter zusammengestrichen wird, erfolgsversprechender, als schöne Bilder aus Bibliotheken. Vor allem scheint mir die ernstgemeinte Einladung, an den Strategien von Bibliotheken aktiv mitzuarbeiten, sinnvoll: Nicht fragen, was die Stakeholder wollen und dann versuchen, zu erraten, was sie damit genau meinen; sondern direkt einladen, mit den Schulbibliothekensprogrammen zu arbeiten und weitere Schritte vorzuschlagen. Sicherlich wäre bestimmt ein Argument, dass einfach alle davon überzeugt, dass Bibliotheken dufte sind und dafür sorgt, dass sie ausfinanziert werden, auch schön. Das gibt es nicht. Der Weg, der in diesem Text angelegt ist, scheint eher langwierig, arbeitsreich und bedeutet auch, die Steuerung der Bibliothek zum Teil abzugeben. Aber vielleicht ist das ja ein Weg. Immerhin erwähnen die Autorinnen im Abstract des Textes (Everhart & Marica 2014, 1), dass es bei diesem Vorgehen darum ging, Kontakte nicht erst aufzubauen, wenn es eine Krise gibt, sondern schon im „normalen Betrieb“. Solche Kontakte versprechen, belastbarer zu sein und in the long run mehr zu nützen. [4]

Fussnoten

[1] Was nicht heisst, dass es nicht genau die andere Position nicht auch gäbe, welche argumentiert, die Studien müssten als Argumentationsgrundlage nur richtig angewandt werden. Das geht so weit, dass aufgeschrieben wird, mit welcher Seite bei welchen Personen zu argumentieren wäre. (Kachel, Debra E. / Research that Resonates: Influencing Stakeholders. In: School Library Monthly 29 (2013) 8, http://www.schoollibrarymonthly.com/articles/Kachel2013-v29n8p5.html) Und immerhin: Die Ohio-Studie und ähnliche werden weiterhin auch in gefühlt jedem dritten deutschsprachigen Text über Schulbibliotheken angeführt.

[2] Was man heute halt so alles Evaluation nennen kann: Es waren teil-struktierte Interviews mit Teilnehmenden der Fokusgruppen, allerdings einige Monate nach den Treffen.

[3] „Almost all of the interviewees mentioned that they were surprised at the extent of the cuts to library programs and the inequality of programs throughout the state.“ (Everhart & Mardis 2014, 8)

[4] Und es erinnert sehr an die Beispiele, die Robert Putnam und Lewis Feldstein in Better Together als Vorbilder für den Aufbau von Sozialkapital ausgewählt hatten – face-to-face Kontakte, kleine Gruppen, langfristige Kontakte. (Putnam, Robert ; Feldstein, Lewis / Better Together : Restoring the American Community. New York: Simon & Schuster, 2003) Vielleicht ist es also auch sehr US-amerikanisch und funktioniert in Europa nicht auf die gleiche Weise. Das würde ich aber bezweifeln.

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