Archive | März 2014

Miteinander reden, über die Situation informieren. Etwas anderes als Marketing.

In meinem Weiterbildungskurs an der FH Potsdam wurde ich des letztens gefragt – weil ich der Bibliothekswissenschaftler im Raum war, wurde mir gesagt, aber… okay –, was Bibliotheken tun könnten, um ihren Ruf zu verbessern. Die Frage wurde mir schon ein paar Mal gestellt und ich habe keine Ahnung, warum gerade ich die beantworten können sollte. (Bestimmt wird sie einfach vielen Leuten gestellt.) Mich irritieren solche Fragen. Nicht nur, weil ich nicht sehe, was ich zu ihrer Antwort beitragen kann, sondern auch aus einem anderen Grund: Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was das Problem der Bibliotheken mit ihrem Ruf ist. Er ist doch erstaunlich gut. Vor einigen Jahren habe ich in Berlin Proteste für den Erhalt von Bibliotheksfilialen beobachtet und beschrieben, in der Schweiz oft genug von der Bibliotheksinitiative St. Gallen oder Protesten für Bibliotheken in Luzern gehört. Und immer wieder scheint mir, dass da erstaunlich viele Menschen mit einer erstaunlich positiven Meinung von Bibliotheken auftauchten und der Meinung waren, die müssten existieren.

Ich frage mich oft, ob die Frage vielleicht etwas falsch gestellt wird. Geht es wirklich darum, das Bild der Bibliotheken zu verändern? Ich habe oft das Gefühl, dass die Bibliotheken sich untereinander gerne gegenseitig das Zeugnis ausstellen, dass der Rest der Welt sie eher als alt, unnötig und so weiter ansehen würde, während der Rest der Welt gar nicht dieser Meinung ist, sondern vor allem Bibliotheken, die dem Versprechen, modern zu sein, auch folgen können, tatsächlich als modern wahrnehmen. Es scheint eher darum zu gehen, dass Bibliotheken gerne etwas in der Hand hätten, um nicht bei ständig bei den Etatverteilung übergangen zu werden und ständig zusammen gestrichen zu werden. Aber das ist etwas anders: Einen wirklich guten Ruf haben und den Etat zusammengestrichen zu bekommen kann man beides auf einmal haben.

Insoweit: richtig etwas zu der Frage beizutragen habe ich nicht, auch wenn sie offenbar eine ganze Anzahl Kolleginnen und Kollegen interessiert.

Aber: Ich würde gerne auf einen kurzen Text (der trotzdem seine Längen hat) in der aktuellen Nummer der School Library Research hinweisen. Ich dachte mir beim Lesen, dass der vielleicht etwas zum Thema beitragen kann: Everhart, Nancy ; Mardis, Marcia M. / What Do Stakeholders Know about School Library Programs? Results of a Focus Group Evaluation. In: School Library Research 17 (2014), http://www.ala.org/aasl/sites/ala.org.aasl/files/
content/aaslpubsandjournals/slr/vol17/SLR_StakeholdersKnow_V17.pdf
.

Der Text geht von einem Programm in Pennsylvania aus, dass unter anderem versuchte, mehr Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger für positive Entscheidungen über Schulbibliotheken zu gewinnen. Die Situation wird ziemlich offen beschrieben:

„The profession of school librarianship has bolstered itself on a foundation of impact studies that have linked strong school library programs and the existence of a certified school librarian to student achievement […]. However, that research has never been well disseminated beyond the profession, and when it has been, administrators, policy makers, parents, and the general public have often ignored or dismissed the results […]“ (Everhart & Mardis 2014, 1f.)

Angespielt wird hier auf die zahlreichen Studien, die der sogenannten Ohio-Studie nachempfunden wurden und in denen die Ausstattung von Schulbibliotheken mit den Ergebnissen von Schülerinnen und Schülern in den standardisierten Tests, die in den USA verbreitet sind, in einen Zusammenhang zu setzen versuchten. Es ist nett, dass jemand klar sagt, dass diese Studien nicht so überzeugend sind, wie das in Bibliothekskreisen oft gedacht wird. [1]

Aber das ist nicht das Interessante am Text. Interessanter scheint mir vielmehr der Versuch, es anders zu machen. Eigentlich ist dieser Versuch recht einfach: Es wurden Fokusgruppen einberufen, vor allem mit Leuten, die schon an Schulbibliotheken interessiert waren, die irgendwas mit der Community einer Schule oder einer Schule zu tun hatten, und dann mit ihnen in den Fokusgruppen an der Frage gearbeitet, welche Teile eines School Library Programs (muss man auch erstmal haben, Schulbibliotheken mit eigenen, niedergeschriebenen Programmen) die für die anwesenden Personen Wichtigsten waren. Klingt nicht unbedingt spannend. Aber es hat seinen Einfluss.

Die Fokusgruppen waren immer nach dem gleichen Prinzip aufgebaut: (Everhart & Mardis 2014, 3) (1) Ankommen / Begrüssung, (2) Informationen über den Status Quo der Schulbibliotheken in Pennsylvania, (3) geleitete Diskussion über die wichtigen Teile von Schulbibliotheksprogrammen, (4) Konsensbildung dahingehend, wie die wichtigen Teile der Programme zu gewichten sind, (5) Diskussionen der Schritte, welche die jeweiligen Schulbibliotheken unternehmen sollten, um die gewählten Punkte zu stärken. Sichtbar ist hier, dass die Fokusgruppen nicht – wie sonst oft – unbedingt dazu da waren, Meinungen einzusammeln. Es war keine Marketingstudie. Die Ergebnisse waren auch je nach Schule unterschiedlich. (Everhart & Mardis 2014, 5f.)

Interessant waren die Ergebnisse einer „Nachevaluation“. [2] Die Befragten dieser Nachevaluation, welche selbstverständlich eine Auswahl darstellten, gaben an, (1) davon überrascht gewesen zu sein, wie die Situation der Schulbibliotheken tatsächlich ist und mit welchen Argumenten diese zusammengestrichen werden [3], (2) daran ein Interesse entwickelt zu haben, zu erfahren, was in den Schulbibliotheken eigentlich genau getan wird, was also die heutige alltägliche Arbeit darstellt und (3) ein Interesse an Updates über die jetzige Situation von Schulbibliotheken in Bundesstaat zu haben.

Oder anders gesagt: Das Arbeiten in kleinen Gruppen (und nur für ein paar Stunden) am Thema Schulbibliotheken führte zu einem recht anhaltenden Interesse, dass allerdings wachgehalten werden muss. Dabei wurden die Personen, die an den Fokusgruppen teilnahmen, als Stakeholder ausgewählt und eingeladen.

Lässt sich daraus etwas für Bibliotheken in Deutschland oder der Schweiz lernen? Maybe. Mir scheint das Vorgehen, einfach Leuten direkt zu sagen, was Sache ist, also wie in Bibliotheken gearbeitet wird und wie ihr Etat, ihre Infrastruktur und so weiter zusammengestrichen wird, erfolgsversprechender, als schöne Bilder aus Bibliotheken. Vor allem scheint mir die ernstgemeinte Einladung, an den Strategien von Bibliotheken aktiv mitzuarbeiten, sinnvoll: Nicht fragen, was die Stakeholder wollen und dann versuchen, zu erraten, was sie damit genau meinen; sondern direkt einladen, mit den Schulbibliothekensprogrammen zu arbeiten und weitere Schritte vorzuschlagen. Sicherlich wäre bestimmt ein Argument, dass einfach alle davon überzeugt, dass Bibliotheken dufte sind und dafür sorgt, dass sie ausfinanziert werden, auch schön. Das gibt es nicht. Der Weg, der in diesem Text angelegt ist, scheint eher langwierig, arbeitsreich und bedeutet auch, die Steuerung der Bibliothek zum Teil abzugeben. Aber vielleicht ist das ja ein Weg. Immerhin erwähnen die Autorinnen im Abstract des Textes (Everhart & Marica 2014, 1), dass es bei diesem Vorgehen darum ging, Kontakte nicht erst aufzubauen, wenn es eine Krise gibt, sondern schon im „normalen Betrieb“. Solche Kontakte versprechen, belastbarer zu sein und in the long run mehr zu nützen. [4]

Fussnoten

[1] Was nicht heisst, dass es nicht genau die andere Position nicht auch gäbe, welche argumentiert, die Studien müssten als Argumentationsgrundlage nur richtig angewandt werden. Das geht so weit, dass aufgeschrieben wird, mit welcher Seite bei welchen Personen zu argumentieren wäre. (Kachel, Debra E. / Research that Resonates: Influencing Stakeholders. In: School Library Monthly 29 (2013) 8, http://www.schoollibrarymonthly.com/articles/Kachel2013-v29n8p5.html) Und immerhin: Die Ohio-Studie und ähnliche werden weiterhin auch in gefühlt jedem dritten deutschsprachigen Text über Schulbibliotheken angeführt.

[2] Was man heute halt so alles Evaluation nennen kann: Es waren teil-struktierte Interviews mit Teilnehmenden der Fokusgruppen, allerdings einige Monate nach den Treffen.

[3] „Almost all of the interviewees mentioned that they were surprised at the extent of the cuts to library programs and the inequality of programs throughout the state.“ (Everhart & Mardis 2014, 8)

[4] Und es erinnert sehr an die Beispiele, die Robert Putnam und Lewis Feldstein in Better Together als Vorbilder für den Aufbau von Sozialkapital ausgewählt hatten – face-to-face Kontakte, kleine Gruppen, langfristige Kontakte. (Putnam, Robert ; Feldstein, Lewis / Better Together : Restoring the American Community. New York: Simon & Schuster, 2003) Vielleicht ist es also auch sehr US-amerikanisch und funktioniert in Europa nicht auf die gleiche Weise. Das würde ich aber bezweifeln.

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Es gibt Vorbehalte gegen RDA?

In den letzten Tagen haben wir als Redaktion an der aktuellen Ausgabe der LIBREAS gearbeitet. Der Schwerpunkt lautet Zukünfte; wenn alles funktioniert, sollte die Ausgabe auch in den nächsten ein, zwei Wochen draussen sein (aber das soll kein Versprechen sein, wir machen das ja alle „nebenher“). Ein Thema, dass in dieser Ausgabe nicht wirklich behandelt werden wird, ist die Katalogisierung, also die Zukunft der Katalogisierung. Das ist irgendwie absurd: die Einführung von RDA steht vor der Tür, FRBR ist ein tatsächlich mal ein spannendes Dokument Katalogtheorie und die Diskussion drumherum anregend. Bibframe – auch, irgendwie. [Wer mit RDA, FRBR, Bibframe nichts anfangen kann, wird hier vielleicht aussteigen. Fair enough, aber nur der Hinweis: das sollte man sich mal zu Gemüte führen. Es ist erstaunlich.] Das lässt sich wohl auch nicht mehr aufhalten, Ende des nächsten Jahres sollte in den Nationalbibliotheken im D-A-CH-Raum und auch in zahlreichen der Bibliotheksverbünde mit RDA gearbeitet werden.

Ich persönlich versuche zu jeder sich bietenden Möglichkeit, RDA und FRBR zu präsentieren. „Meine“ Studierenden müssen das wohl alle mehrfach über sich ergehen lassen. Und auch wenn ich nicht unbedingt allem in RDA und FRBR folge, denke ich, dass die Thesen in FRBR und die Debatten, die sich darum entsponnen haben, eine Sternstunde die theoretischen Debatten im Bibliothekswesen darstellen: Es wird hier nicht nur um Regeln und deren Anwendung gestritten, sondern um die Frage, wie die Kataloge aussehen werden, was sie tun können sollten und was sie wirklich tun werden, wie Menschen denken und wie das bibliothekarische Metadatenuniversum aussehen wird. Die Cataloging & Classification Quarterly ist wegen diesen Debatten in den letzten Jahren zu meiner ständigen Lektüre geworden, alles was solche Kolleginnen und Kollegen wie Maja Žumer veröffentlichen, wird von mir sofort weggelesen.

Nicht verhandelt wird bislang die Frage, was genau dies alles für die Katalogpraxis bedeutet. [Die Kollegin Blumer und ich haben das, wenn das bisschen Eigenwerbung erlaubt ist, letztens immerhin als Frage dargelegt, in: Blumer, Eliane ; Schuldt, Karsten (2013) / Alle Bibliotheken können die Zukunft der Katalogisierung gestalten. In: arbido 28 (2013) 4, S. 17-18] Aber mir scheint das auch nur eine Frage der Zeit zu sein, bis dieses Thema wichtig wird.

Lieber nichts sagen?

Und dennoch: Obgleich ich und genügend andere von der Relevanz und Interessantheit des Themas überzeugt bin, obwohl die Einführung von RDA vor der Tür steht, wird sich in der nächsten LIBREAS kein Text dazu finden. Warum?

Es ist nicht so, dass wir es nicht versucht hätten. Aber bei allen Anfragen zum Thema haben wir Absagen erhalten. Und die mit einer interessanten Begründung. Es war nicht so, dass nur die „normalen“, und immer auch berechtigten Gründe, wie „gerade zu wenig Zeit“ oder „nicht so wirklich was zum Thema sagen zu können“, angeführt wurden. Vielmehr habe ich mehrfach, von unterschiedlichen Personen in unterschiedlichen Positionen gehört, dass es schon genügend Probleme bei dieser Einführung gäbe und das der Widerstand dagegen schon zu gross wäre – und deshalb lieber nicht zum Thema publiziert würde. Oder zumindest nicht in der LIBREAS. [Was natürlich zu der Frage führt, wie hier die LIBREAS wahrgenommen wird. Das sie Studierendenzeitschrift genannt wird – was Unsinn ist, niemand von uns studiert mehr, aber es ist bestimmt schön einfach, sich mit dieser Behauptung von uns abzugrenzen, wozu und warum auch immer –, bin ich einigermassen gewohnt. Aber offenbar sind wir auch ein Publikationsort, der die Artikel, die bei uns erscheinen, gleich etwas mehr angriffiger macht. Interessant.] Ich habe zudem jetzt auch schon ein paar Mal gehört, dass auf Veranstaltungen zum Thema negative Reaktionen aufkamen.

Offenbar gibt es eine negative Wahrnehmung von RDA und FRBR. So negativ, dass sogar eine Diskussion über das Thema schwierig erscheint.

Ich muss zugeben, dass mich das immer wieder vollkommen überrascht. Warum ist das so? Tatsächlich muss ich zugeben, dass mich diese Vorstellung immer wieder irritiert. Mir scheint, dass es bei diesem Thema einen absonderlichen Gap zwischen den Möglichkeiten des grossen Projektes Neue Katalogisierungsregeln und den Ängsten oder Wahrnehmungen des Projektes in den Bibliotheken gibt. Nochmal: In meiner Wahrnehmung stellt FRBR und RDA eine seltene Leistung des Bibliothekswesens dar. Bibliotheken haben sich hier darauf eingelassen, zu sagen, dass sie die gesamte, eher implizite, Katalogtheorie aufarbeiten und neu fassen wollen. Und, dass sie sich dabei auf die Realität und die realen Anforderungen an Kataloge stützen wollen. Erstaunlich offen und radikal. Ich finde zum Beispiel die relativ grosse Offenheit des Regelwerks (offenbar einer der Kritikpunkte an ihm) äusserst sinnvoll. Es ist ja nicht so, dass das heute wirklich anders gehandhabt würde (Stichwort Hausregeln), nur halt ohne das es „erlaubt“ ist. Da denke ich, hat das Regelwerk aus der Katalogisierungspraxis gelernt.

Es ist sinnvoll, nur von oben?

Mir kommt das bekannt vor. Es gibt Projekte, Konzepte und so weiter, die erscheinen einem Teil des Bibliothekswesens als vollkommen sinnvoll und notwendig. Aber in der Umsetzungspraxis stellt sich heraus, dass ein grosser Teil der von den Projekten betroffenen Kolleginnen und Kollegen damit gar nicht einverstanden ist. Ein Gap. Wer das nicht als Problem akzeptiert, kann sehr schnell darauf verfallen, alle anderen als verständnislos („they just don’t get it, man“), faul und ängstlich („die wollen halt immer nur dit machen, wat se schon kennen“) oder an sich gegen jede Veränderung eingestellt ansehen. Oder aber das als eine Art Intrige interpretieren. („Die sind alle jejen mir, weil ick jung bin / Deutscher bin / Ossi bin / studiert hab“) Das ist dann ein Position, in der man sich selber gut im Recht fühlen kann, ohne das sich was verändert. Nur handelt man sich damit nicht nur oft eine interne Lähmung von Bibliotheken ein (Ich schaue mal keine direkt an, aber ich weiss genauso gut wie offenbar alle im Bibliothekswesen von Einrichtungen zu berichten, in denen ein beständiger Kleinkrieg innerhalb des Personal oder zwischen Personal und Chefetage herrscht.), sondern auch, dass man gar nicht mehr richtig wahrnehmen kann, was eigentlich das Problem ist.

Das Problem ist halt selten so, wie es erscheint. Meist geht es ja zum Beispiel gar nicht darum, dass niemand die eigene Arbeit umstellen würde, wenn es Sinn macht, sondern darum, dass man im Laufe des Arbeitslebens gelernt hat, dass die meisten Projekte, Umstellungen, Veränderungen, die „von oben“ kommen eher, mehr Arbeit ohne jeden Ausgleich oder Gewinn bedeuten. Oder aber, dass es eh egal ist, weil die Chefetage die eigenen Projekte, Veränderungen und so weiter nach einer gewissen Weile selbst vergisst. (Kommt halt zum Teil auf die jeweilige Einrichtung an.) Oft ist es auch so, dass die Chefetage, die Leute an den Hochschulen, in den Verbänden einen anderen Überblick zum jeweiligen Projekt haben. Bei RDA zum Beispiel: Die Kataloge werden anders und besser und flexibler, die Katalogisierungspraxis wird intellektueller – meine Sicht. Die Arbeit wird mehr und anders, ohne das klar ist, wieso – vielleicht die Sicht der Katalogisierenden. Nicht immer müssen diese unterschiedlichen Wahrnehmungen an Informationsunterschieden liegen. Manchmal stimmen sie auch alle oder beide stimmen gar nicht.

Wie das diskutieren, ohne sich aufzugeben?

Für mich ist dieser Fakt, dass es einen gewissen Widerstand gegen FRBR, RDA etc. zu geben scheint, nur einer der zahlreichen Hinweise darauf, dass es in den deutschsprachigen Bibliothekswesen nicht so richtig eine Kultur der aktiven Auseinandersetzung zwischen den unterschiedlichen Ebenen und Institutionen gibt. Immer wieder scheint mir sehr viel in den Verbänden, Nationalbibliotheken, Verbundzentralen und Chefetagen, weniger in den Hochschulen, entschlossen und geplant zu werden und dann eher erwartet zu werden, dass das gesamte Personal das auch wichtig findet und mit umsetzt. Bei FRBR, RDA etc. fällt mir dies nur besonders auf, weil ich einmal auf einer Seite stehe. Bei Informationskompetenz ist mir das zum Beispiel recht egal. Da kann ich mir die Argumente, Projekte, Umsetzung objektiver anschauen; aber mir ist recht egal, was damit passiert. Ich konnte die Begeisterung für Informationskompetenz nie nachvollziehen; aber bei RDA entwickle ich selber Begeisterung. (Was selbstverständlich auch ein Hinweis dazu ist, was ich sinnvoll finde.) Das ist schon interessant, weil ich ehrlich gesagt immer noch nicht sehe, warum. RDA wird doch die ganze Katalogisierungsarbeit spannender machen, mehr intellektuell herausfordernder. Aber offenbar überzeugt das nicht.

Was mich allerdings erstaunt, ist, dass die Diskussion um FRBR, RDA, Bibframe für mich eigentlich ein gutes Beispiel dafür darstellt, wie man es gut und demokratisch machen kann; wie man möglichst viele der Beteiligten einbeziehen und diskutieren lassen kann, also die Theoriearbeit und die Praxis schon frühzeitig aufeinanderprallen lassen kann. In Englisch. Wir hatten zu dieser Frage eine interessante Bachelorarbeit an der HTW Chur: Die Diskussion um RDA in Englisch und in Deutsch im Vergleich. [Niklowitz Doebeli, Christiane (2013): Die Diskussion um FRBR von 2002 bis 2012: Eine Gegenüberstellung der deutsch- und englischsprachigen Bibliothekswesen (Bachelorarbeit). Chur] Das Ergebnis war ungefähr so, wie ich es auch wahrgenommen hatte: Im Englischen wurde auf den Mailinglisten recht intensiv zu FRBR und RDA diskutiert, mit Beteiligungen aus den Verbänden, Nationalbibliotheken, Hochschulen und der Katalogisierungspraxis. Ebenso waren die Beiträge in den bibliothekarischen Zeitschriften Dikussionsbeiträge, in denen Positionen bezogen wurden, von Experimenten mit RDA berichtet wurde. Das gesamte Konzept stand lange Zeit unter Vorbehalt, es war praktisch im Betamodus. Hingegen wurden in den deutschsprachigen Publikationen und Mailinglisten praktisch nicht diskutiert, es wurde berichtet. Die Ergebnisse von Arbeitsgruppen wurden berichtet, Beschlüsse zu den RDA-Projekten der Nationalbibliotheken und Verbünden wurden berichtet. Es wurde beschlossen und darüber berichtet, nicht zur Diskussion aufgerufen, eigentlich auch wenig das Warum erklärt. Ich gebe zu, es hat eine Weile gedauert, bis ich diesen Unterschied bemerkte, weil ich einfach englische und deutsche Texte nebeneinander als Teil einer Debatte gelesen habe. Aber: Wer nur die deutschen Texte liesst, merkt irgendwann, dass es da eigentlich nicht um Debatten geht. Die werden anderswo geführt (wobei bekanntlich die drei Nationalbibliotheken des D-A-CH-Raumes bei diesen Debatten in Arbeitsgruppen aktiv beteiligt sind, aber dann später auf den Kongressen und in den Publikationen halt davon „nur noch“ berichten). Kurzum: Wenn man es in die falsche Analogie packen will, waren die Debatten um FRBR und RDA im englischen Sprachraum eher WEB 2.0, während sie im deutschen Sprachraum eher WEB 1.0 waren (immerhin: Es gab schnell PDFs mit den deutschen Übersetzungen der wichtigen Texte. Da gibt es nichts zu kritisieren.) Insoweit erschien im englischen RDA auch als das Ergebnis einer längeren Beta-Phase, während es im deutschen Sprachraum quasi von oben entschieden wurde.

Aber zurück zu der Frage: Was kann man aus all dem lernen? Kann man die Vorbehalte gegen RDA ausräumen? Keine Ahnung. Ich fände es erstmal ganz gut, wenn es einen Ort gäbe, wo sich diese Bedenken ohne Probleme äussern könnten. Im englischen scheint mir die Kultur dafür gegeben gewesen zu sein, wenn man sich die Publikationen und Archive der Mailinglisten anschaut. Da wurden Kritiken und Bedenken geäussert, die besprochen – und nicht einfach weggewischt – wurden. In den deutschen Bibliothekswesen hört man das, wenn überhaupt, eher „hintenrum“, wenn es auf Veranstaltungen ausbricht zum Beispiel. Aber es gibt auch, soweit ich das sehe, gar keinen Ort, wo solche Bedenken legitim geäussert werden können, ohne gleich substantiell untermauert, ausformuliert und mit direkt umsetzbaren Änderungsvorschlägen ausgestattet zu sein. (Dann erhält man schnell Zugang zu den bibliothekarischen Fachpublikationen. Aber erst dann.) Es scheint mir nicht so richtig die Kultur zu geben, solche Debatten zu befördern, beispielsweise Entscheidungen dieser Art mit der Aufforderung vorzulegen, über sie zu diskutieren; ergebnisoffen. (Dabei gäbe es zum Beispiel die Möglichkeit, ein eigenes Regelwerk zu formulieren. FRBR als auch Bibframe sind so angelegt, dass sie regelwerksneutral sind. Vielleicht würde so ein Projekt eine solche Debattenkultur ermöglichen.)

Ich habe keine richtige Meinung zu dieser Frage. Ich finde FRBR und RDA wirklich spannend. Es gibt Personen, die mit grossem Engagement daran arbeiten, RDA in den grossen Bibliotheken des D-A-CH-Raumes einzuführen. Mit diesen Regelwerken werden meiner Meinung nach die Bibliothekskataloge und die Bibliotheken besser. Aber gleichzeitig kann ich auch sehen, dass es Gegenmeinungen gibt. Ich kann nicht so richtig sagen, welche Gegenmeinungen, weil sie, wenn überhaupt, nur unvollständig sich äussern oder nur indirekt über die ganz am Anfang des Textes erwähnte Zurückhaltung der Personen, die sich für RDA einsetzen, zu spüren sind. Ich finde aber, die Bibliothekswesen sollten dahin kommen, gemeinsam – und halt nicht nur auf der Ebene von Verbänden oder Chefetage – zu diskutieren. Auch dann wird nicht alles perfekt, die strukturellen Unterschiede zwischen den Positionen in den Bibliotheken werden zum Beispiel weiter reproduziert werden. Aber, der Überzeugung bin ich, es wird wohl etwas besser werden.