Lesen als Alltag im Nationalsozialismus

Zu: Adam, Christian (2013) / Lesen unter Hitler: Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2013 [Original: Berlin : Galiani Verlag, 2010]

Seit ich dieses Buch gelesen habe, habe ich immer wieder folgende Vorstellung:

Ort: Im Unterricht / Workshop

Begeisterte Studierende: ..und dann machen wir innovative Projekte und das, was die Jugendlichen wollen, damit sie in die Bibliothek kommen. Dann kommen sie mit Büchern in Kontakt und lesen wieder.

Ich: Aha. Die Jugendlichen sollen also lesen?

Studierende: Ja, darum geht es doch: Die Jugendlichen sollen viel mehr lesen.

Ich: Did you know who also liked to read when he was young?

Studierende: …?

Ich (mit John Steward-mäßigem Grinsen: …!

Studierende: …?

Ich: Hitler!

Tatsächlich ist „Lesen unter Hitler“, trotz des Themas, erstaunlich amüsant und schnell zu lesen. Sollte es das? Sicherlich: Die Nazis und die Verfolgungen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die Säuberungen von Verlagsprogrammen, Bibliotheken et cetera sind Tragödien und es ist richtig, sich an sie zu erinnern. Der Autor betont dies vollkommen richtig am Anfang des Buches, aber sein Thema ist eine anderes: Ihm geht es um die Frage, was in Nazideutschland eigentlich wirklich gelesen wurde, also was auf dem Buchmarkt erfolgreich war. Auch hier: Sicherlich kennen wir die wichtigsten Propagandaschriften der Nazis: Mein Kampf (A. Hitler), Der Mythus des 20. Jahrhunderts (A. Rosenberg), Volk ohne Raum (H. Grimm), Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei (J. Goebbels). Wir wissen auch (ungefähr) von Propagandaministerium, Reichsschriftumskammer, Verbotslisten, der Verfolgung von missliebigen Autorinnen und Autoren, Bücherverbrennungen (obgleich heute diese Bücherverbrennungen fälschlich der NSDAP angelastet werden, wenn historisch die Studentenschaften – vor allem die studentischen Korporationen, auch wenn sie das gar nicht gerne hören – diese „erfunden“ und grösstenteils durchgeführt haben). Aber: Was hat das alles eigentlich gebracht? Also: Las diese Bücher irgendwer oder sind sie heute mehr bekannt als damals? Hat diese Politik eine nationalsozialistische Literatur hervorgebracht? Diesen Frage geht Christian Adam nach.

Das Ergebnis ist ziemlich eindeutig: Es hat wenig gebracht. Wären die Nazis nicht Nazis, wäre das Scheitern ihrer Kulturpolitik ein Grund zum Lachen über Nazis. (Beziehungsweise sollte man trotzdem über sie lachen.) Nur zur Erinnerung: Es ging den Nazis nie nur um Verbote. Es ging ihnen darum, durch spezifische Förderung eine nationalsozialistische Gesellschaft zu schaffen, die höher stehen sollte als alle anderen Gesellschaft; die anders und besser sein und unter anderem eine bessere Literatur hervorbringen sollte. Das war auch ein Grund für die Verfolgungen, Morde, das barbarische Handeln sowie das Erfinden einer neuen Sprache: Die Gesellschaft – beziehungsweise Gemeinschaft – wurde als biologisches System verstanden, dass zu reinigen sei von allen, die nicht dazugehörten sondern angeblich das natürliche Wachstum der Gemeinschaft stören würden. Dann würde diese auch richtig wachsen. Das würde im Bereich der Literatur, so die Idee, auch zu Menschen führen, die nur „völkische Literatur“ nachfragen und lesen würden und Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die nur solche Literatur schafften. Wenn es eines weiteren Beweises bedurft hätte, dass diese Ideen falsch waren, Adam liefert sie.

Nationalsozialistisches Kompetenzwirrwarr

Dabei ist das Werk ein populärwissenschaftliches. Nach einer Einführung geht es vor allem die populären Genres der Literatur unter Hitler durch und stellt die wichtigsten Werke vor. Das ist nicht ganz einfach. Es gab zum Beispiel keine Bestseller-Listen, zumindest keine richtigen. Auch kann man den Verkaufszahlen der Verlagen nur bedingt glauben. Genauer: Zumindest zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft war Bestseller ein Schimpfwort. Der nationalsozialistische Literaturbetrieb müsse sich gerade nicht alleine nach Verkaufszahlen, sondern nach anderen Kriterien richten, so die Devise. Welchen? Allgemein völkischen, aber was das hiess war sehr umstritten. Der Kompetenzwirrwarr zwischen den unterschiedlichen Ämtern, die widerstreitenden Interessen, welche die nationalsozialistische Herrschaft auch zeichneten, finden sich in der Literaturpolitik wieder. Nur als Beispiel: Wer war eigentlich für die nationalsozialistische Literaturpolitik zuständig? Dem Selbstbild des System als organischer Herrschaft nach müsste es eine Stelle geben, es gab ihrer aber viele: Das Propagandaministerium, das Amt Rosenberg („Amt für Schriftumspflege beim Beauftragten des Führers für die gesamte weltanschauliche Schulung der NSDAP/Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“), die Deutsche Arbeitsfront, HJ und BDM, die anderen gleichgeschalteten Massenorganisationen, Reichsschriftumskammer, eine „Parteiamtliche Prüfungskomission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums“ (Philipp Bouhler), einzelne Polizeistellen und Innenministerien – sie alle erhoben Anspruch, in diesem Bereich mitzutun. Das führte zum Beispiel zu zahlreichen, nicht identischen Verbotslisten. Oder dazu, dass das Propagandaministerium sich eher für populäre Literatur einsetzte, das Amt Rosenberg eher für die „Reinheit der Literatur“. So verwirrend wie das hier klingt; es war noch viel verwirrender für Verlage, Buchhandel, Bibliotheken und Leihbüchereien; die alle – teilweise arisiert – weiterhin existierten. Einige konnten sich gut in dieses System einfügen. (Zum Beispiel ist bekanntlich Bertelsmann in dieser Zeit gross geworden.) Andere nicht. Die ständigen Verbote führten zum Beispiel dazu, dass Bücher mal früh im Entstehungsprozess, manchmal aber erst, wenn sie schon über Monate verkauft wurden, verboten und dann direkt aus den Buchhandlungen abgeholt wurden. Auch galten sehr unterschiedliche Ziele. Zum Beispiel wurde zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft gegen Literatur polemisiert, die als Tendenzliteratur gerade völkisch war, der aber unterstellt wurde, praktisch aus wirtschaftlichen Interessen „nur auf den Zug aufzuspringen“. Gleichzeitig sollte völkische Literatur gefördert werden.

All das, wie gesagt, ist verwirrend und mit dem heutigen Abstand auch amüsant zu lesen. Am Ende, so muss man sagen, hat all das wenig bewirkt.

Was wurde gelesen?

Was wurde nun gelesen? Wie gesagt, es ist schwierig zu sagen. Nicht nur gab es keine Verkaufs- oder Verleihlisten, aus denen dies heute einfach abgelesen werden könnte. Es gibt genau gegenteilig zahlreiche Anzeigen und Propagandaschriften, die mit Verkaufszahlen argumentieren, da sie ab einem bestimmten Zeitpunkt als Propaganda gerade herausstellen sollten, wie viel in Deutschland gelesen würde. Und selbstverständlich funktionierten Verlage weiterhin als Unternehmen, die sich vom Verkauf finanzierten. Hinzu kommt, dass bestimmte Werke – gerade die heute bekannten, weiter oben genannten – zwar in grosser Auflage gedruckt und verteilt wurden, aber nicht ganz klar ist, wie viele davon eigentlich gelesen wurden. Während des Zweiten Weltkrieges wurden ausserdem von der Wehrmacht zahlreiche Lieferungen von Büchern bestellt, die dann unter den Soldaten verteilt wurden. Dies waren regelmässig Auflagen von mehreren Zehntausend. Aber was sagt das darüber aus, wie diese Bücher gelesen wurden? Weniger.

Adam hat trotzdem versucht, die greifbaren Verkaufs- und Auflagezahlen zusammenzutragen und daraus eine Liste erstellt, an der sich immerhin orientiert werden kann. Sicherlich, Mein Kampf steht oben. Aber wie gesagt: Es wurde auch ständig beworben und verschenkt. Dazwischen zeigt die Liste aber auch, dass die Unterhaltungsliteratur, und dort nicht unbedingt die völkische, eine grosse Rolle spielte. Eine viel grössere, als die NS-Politik wollte.

Wenn es zwei Genres gab, die spezifisch nationalsozialistische Literatur hervorbrachten, waren es die „Sachromane“ – also Werke, die Sachthemen, beispielsweise aus der Chemiegeschichte, in Romanform behandelten – und Kriegsliteratur. Aber ansonsten war der Markt geprägt von leichter Unterhaltung, teilweise solche, die von politisch ausgegrenzten Personen – wie Ehm Welk – geschrieben wurde und mit der völkischen Ideologie wenig zu tun hatten, mit Werken, gegen die gleichzeitig in der nationalsozialistischen Presse polemisiert wurde – beispielsweise „jugendgefährdende“ Schmökerhefte –, von Neuauflagen aus früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten sowie erstaunlich vielen Werken aus dem Ausland. Oder anders: Vieler Literatur, die laut den Nazis die Deutschen überhaupt nicht interessieren sollte.

Nur eine kleine Anzahl von explizit nationalsozialistischen Autorinnen und Autoren hatte relevante Verkaufserfolge, insbesondere wenn man die schreibenden Politiker abzieht, für die beständig Werbung gemacht wurde.

Dabei betrieb die Politik beständig Werbung für „das gute Buch“. Die HJ erfand extra Auszeichungen für Bücher, es wurden Lesestunden eingeführt, sowohl Bibliotheken als als Leihbüchereien (ihre kommerziellen Pendants, die heute gerne vergessen werden, aber eine lange Geschichte haben und für die Befriedigung von Leseinteressen im Nationalsozialismus hoch bedeutsam waren) wurden in diese Arbeit eingespannt. So fanden sich in den spezifischen Zeitschriften der Jahre (Die Bücherei: Zeitschrift der Reichststelle für das Volksbüchereiwesen und Großdeutsches Leihbüchereiblatt) – wie allerdings auch vorher und nachher – beständig mehrere dutzend Besprechungen von Büchern, welche die einzelnen Einrichtungen in den Bestand aufzunehmen hätten. Und dennoch:

„Die Nationalsozialisten sind mit ihrem Plan, eine eigene Literatur zu schaffen, grandios gescheitert. Im Verbieten und Ausmerzen wurde einige Perfektion erlangt, aber die repressiven und steuernden Instrumente waren nicht dazu angetan, einer kreativen Branche und ihren Akteuren – Verlegern, Autoren, Buchhändlern – nachhaltige Impulse zu geben und Schöpferisches anzuregen. Das vielfach der Dilettantismus gefördert werden konnte, hatte der Propagandaminister schon frühzeitig erkannt. Allein, verhindern konnte er es nicht.“ (Adam, 2013, S. 318)

Fazit

Das Buch ist, wie erwähnt, erstaunlich locker geschrieben. Sicherlich ist es immer vor dem Hintergrund der barbarischen Auswirkungen des Systems zu verstehen, aber es ist dennoch aufbauend, immer wieder davon zu lesen, wie die Nazis am Ende versagt haben. Adam zeigt allerdings – wenn auch wenig überraschend –, wie eine Anzahl derjenigen, die im Nationalsozialismus direkt völkische Literatur schrieben oder an der Kulturpolitik mittaten, ihre Karrieren im Anschluss fortsetzen, wenn auch lange nicht so erfolgreich wie zuvor.

Zur Geschichte mit Hitler noch: In einem gesonderten Abschnitt des Buches erzählt Adam von der Selbst- und Fremddarstellung einiger Nazigrössen im Bezug auf das Lesen. Wenig erstaunlich ist wohl, dass sich einige von ihnen, z.B. Goebbels, als Intellektuelle sahen und deshalb mit Bücher präsentieren. Das Göring ebenso betonte, wie gerne es lesen würde, ist zumindest auf den ersten Blick erstaunlicher. Hitler hingegen war offenbar in seiner Jugend ständiger Nutzer von Leihbüchereien und der Hofbibliothek in Wien, las sich durch die Literatur und hat offenbar von diesen jugendlichen Leseerlebnissen immer wieder profitiert im Sinne von: Zitatenmaterial für Monologe bereit gehabt. (Zudem hat er Karl May zu neuen Auflagen verholfen, nachdem in einem Artikel erwähnt wurde, dass dieser Autor in Hitler’s Schlafzimmer vorhanden war.) Solche Sachen erfährt man, genauso wie den Fakt, dass die Deutschen im Faschismus nicht unbedingt die ganze Zeit politisch waren, sondern einen Alltag lebten, der von Politischen nicht unbedingt abgetrennt werden konnte, aber doch einigen Abstand nahm.

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