Archive | Juni 2013

„Bibliotheksunterricht“. Ein Text von 1934, der die Vorstellung über den Zusammenhang von Bibliothek und Bildung irritiert.

Einer der Texte, die ich gerne anführe, um die Komplexität des Nachdenkens über den Zusammenhanges von Bibliothek und Bildung noch ein wenig zu erhöhen, ist „Bibliotheksunterricht“ von Nadeshda Kruspkaja. [Enthalten in Kruspkaja, Nadeshda Konstantinowna (1971 [1934]) / Sozialistische Pädagogik : Eine Auswahl von Schriften, Reden und Briefen in Vier Bänden ; Besorgt von Karl-Heinz Günther, Leo Hartung und Gerhard Kittler ; Band III. Berlin : Volk und Wissen, 1971, S. 230-232] Dieser Text irritiert meiner Meinung nach mehrfach.

  1. Wenn auch in einer anderen Terminologie, entwirft er doch in groben Linien Ideen, die heute zum Beispiel in Kooperationsvereinbarungen zwischen Öffentlichen Bibliotheken und Schulen oder Spiralcurricula von Bibliotheken zu finden sind. Allerdings schon vor rund 80 Jahren. Insoweit stellt sich sehr schnell die Frage, was denn am Zusammenhang von Bibliothek und Schule tatsächlich neu und heute wirklich anders ist. Gerne werden in Deutschland, zum Teil auch der Schweiz (in der Schweiz ist alles nochmal komplizierter), die ersten PISA-Studien als Beginn der Neuausrichtung dieser Arbeit dargestellt. Die Geschichtsschreibung, nach der bis Anfang der 2000er Jahre praktisch nicht über Bildung und Bibliothek nachgedacht worden sei und jetzt alles neu gedacht und innovativ sein müsste; stimmt offenbar so nicht.1 Sie stimmt vielleicht nicht ganz nicht, aber ganz so einfach ist es offenbar auch nicht.
  2. Nadeshda Kruspkaja war dafür verantwortlich, den gesamten Bildungsbereich ausserhalb von Schule, Hochschule und Ausbildung in der frühen Sowjetunion (historisch korrekter, zuerst: Sowjetrussland) aufzubauen; dazu gehörte auch das Öffentliche und Schulbibliothekswesen. Übersetzt man ihre Stellung, war sie gleich nach der Revolution bis zu ihrem Tod 1939 Voksbildungsministerin. Als solche hat sie die Grundzüge des Öffentlichen Bibliothekswesens in der Sowjetunion entworfen (und sich dabei erkennbar auch an schweizerischen Vorbildern orientiert). Dabei hat gewiss ein wenig geholfen, dass sie mit Lenin verheiratet war (und auch zusammenlebte).2 Der Text zeigt dies, er ist eher eine Thesensammlung, die dann in den Bibliotheken ausgearbeitet („interpretiert“) werden musste. Aber trotzdem irritiert dies: Wie kann in einer so anderen Gesellschaft, wie der frühen Sowjetunion, ähnliche Dinge konzeptionalisiert werden, wie in der heutigen deutschen beziehungsweise schweizerischen? Sollte es nicht anders sein? Dies kann den Optimismus, der heute beim Nachdenken über den Zusammen Bibliothek und Bildung zu spüren ist – wo alles mögliche getan wird, um den Kindern und Jugendlichen mehr Chancen innerhalb der heutigen Gesellschaft zu geben, wo aber auch alles mögliche als erfolgsversprechend, neu und die gesellschaftliche Partizipation erhöhend gilt – irritieren. Nicht aufhalten, aber kurz stoppen und zum Nachdenken anregen.
  3. Was an diesem Text auch irritiert: Kruspkaja macht zwar strukturierte „Vorschläge“ (die man getrost als Anweisung verstehen kann), betont dabei aber durchgängig die Aufgabe, diese im Rahmen der lokalen Gegebenheiten zu interpretieren (Für welche Schülerinnen und Schüler wird der Unterricht unterworfen? Welche Bibliothek macht den Unterricht, welche anderen gibt es noch?) und fordert eine Erfahrungsaustausch von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ein. Irritierend daran ist, dass dies innerhalb eines politischen Systems geschieht, welches besessen davon ist, alles Mögliche in Pläne zu packen, mit Kennzahlen zu versehen, fortzuschreiben, zentral zu steuern. (Nicht unbedingt nur aus den schlechtesten Überlegungen heraus.3) Dies ist deshalb irritierend, weil Kruspkaja weit mehr auf die lokalen Bedingungen einzugehen scheint – also sie zumindest andenkt – als viele heutigen Texte zum Zusammenhang von Bibliotheken und Bildung. Sicherlich haben wir auch heute wieder – unter ganz anderen Vorzeichen – eine gewisse Obsession mit Kennziffern, Steuerung etc. Aber doch noch lange nicht so sehr, wie gerade in der frühen Sowjetunion. Warum also gibt dieser Text – der inhaltlich nicht aus dem Rahmen der Argumentation von Kruspkaja fällt – dem lokalen Rahmen mehr Bedeutung?
  4. Gleichzeitig irritiert der Text, weil er selbstverständlich nicht ganz so klingt, wie heute. Durch seine Zeilen schimmert ein anderes Denken durch, aber die Frage ist, wie stark. Eine andere Frage ist, ob die Grundlinien dieses Denkens nicht doch auch für die heutige Zeit Fragen aufwerfen. So spricht Krupskaja gleich für die erste Stunde davon, dass den Kindern und Jugendlichen klargemacht werden muss, warum die Sowjetmacht überhaupt Bibliotheken unterhält. Warum müssen die das wissen? Um die Arbeit der Bibliothek und den Fakt, dass sie unterhalten werden – in damals steigender Zahl –, wertschätzen zu lernen. Grundsätzlich galt in der Sowjetunion, dass alle Entscheidung im Sinne Aller getroffen würden, also in diesem Fall: Alle Menschen der Sowjetunion unterhalten die Bibliotheken, unter anderem, individueller Schüler, individuelle Schülerin, deine für dich. Dafür muss auch Dankbarkeit gezeigt werden. (Das dem nicht so war, da ja niemand so Recht sagen konnte, „ähm nein, nicht in meinem Namen“, sondern diktatorisch entschieden wurde, dass es richtig wäre, die Bibliotheken – und andere Einrichtungen – zu unterhalten, steht auf einem anderen Blatt.) In der „achte[n], neunte[n] und zehnte[n] Stunde“ (S. 232) möchte Krupskaja explizit zwischen „Verschlingen“ und Lesen von Büchern unterschieden wissen. Sie schliesst damit an einen Diskurs an, der heute in den Bibliotheken vergessen zu sein scheint; nämlich der Vorstellung, dass die Bibliotheken die Aufgabe hätten, zum richtigen Lesen zu Erziehen, da es falsche Arten des Lesens gäbe (Das „Verschlingen“ war Bezeichnung für ein schnelles Lesen von zahlreichen Romanen und Erzählungen, was als Nicht-Verstehendes Lesen kritisiert wurde.) und die Bibliothek die Aufgabe hätte, diese falschen Arten des Lesens – die einher gingen mit dem Lesen falscher Literatur, nämlich reiner Unterhaltung – zu verhindern. Heute wird dies nur noch selten, und wenn, dann nicht direkt, gefordert. Aber es ist ein Diskurs, der jahrzehntelang die Bibliotheken in unterschiedlichen Staaten prägte. Es irritiert in diesem Text, weil er das Vorhandensein von Diskussionen und Vorstellungen beweist, die in der heutigen bibliothekarischen Ausbildung und Diskussion gar nicht mehr erinnert zu werden scheinen. Ist das gut, dass wir nicht mehr darüber reden, dass es solche Vorstellungen – und zwar weit verbreitet im Bibliothekswesen, nicht als Minderheitenmeinung – gab? Ist nicht die Darstellung, die wir uns vom Werden der Öffentlichen Bibliotheken machen, unvollständig?

Der Text: Bibliotheksunterricht

„Bibliotheksunterricht

Der Bibliotheksunterricht ist außerordentlich wichtig; es muß in der Presse erörtert werden, die vorhandenen Erfahrungen sind zu berücksichtigen.

Zuerst muß untersucht werden, worauf das Augenmerk zu richten ist – für welches Alter der Unterricht ist. Bibliotheksunterricht für Schüler der ersten Stufe ist eine Sache, Bibliotheksunterricht für Schüler der höheren Klassen eine andere.

Fernen muß die Zielsetzung des Bibliotheksunterrichts genau festgelegt werden. Sehr oft beschränkt sich dieser Unterricht auf die Geschichte des Buchdrucks und wiederholt alles, was den Kindern im Russisch- und Literaturunterricht vermittelt werden muß. Oft wird über alles gesprochen, am wenigsten aber über die Bibliothek und die Fähigkeit, sie zu benutzen.

Außerordentlich wichtig ist auch die Frage nach dem konkreten Inhalt des Bibliotheksunterrichts, nach der praktischen Anleitung.

Schließlich ist es äußerst wichtig, die bei den Kindern vorhandenen Kenntnisse über die Bibliothek zu berücksichtigen: Dort, wo nur eine Schulbibliothek vorhanden ist, muß der Bibliotheksunterricht für die Kinder anders gestaltet werden als dort, wo es keine gibt; wo in der Nähe eine Bezirkskinderbibliothek vorhanden ist, anders als dort, wo es keine gibt; wo eine Bibliothek für Erwachsene vorhanden ist, anders als dort, wo es keine gibt.

Nehmen wir die ersten Bibliotheksstunden für Schüler der ersten Stufe.

Dieser Lehrgang kann ungefähr folgendermaßen aufgebaut werden.

Erste Stunde: Hier muß darüber gesprochen werden, warum die Sowjetmacht für Bibliotheken sorgt, daß es in der Bibliothek viele Bücher gibt und wie viele Werktätige lesen. Die Kinder müssen sich ihre eigene Bibliothek ansehen, und sie müssen sich die Bezirkskinderbibliothek oder die einer anderen Schule und eine Erwachsenenbibliothek ansehen. Man muß einen Bibliotheksbesuch veranstalten und danach Aufnahmen von großen Bibliotheken zeigen. Dann zeigt man Aufnahmen von Lesezimmern und Lesesälen, die von Lesern überfüllt sind. Daraus ergeben sich die Schlußfolgerungen, wie man sich in einer Bibliothek zu verhalten hat, um einander nicht zu stören, und wie man ein Buch, das gesellschaftliches Eigentum ist, schonen kann.

Zweite Stunde: „Das Wohnhaus der Bücher.“ Ein großes Haus; darin gibt es viele Bewohner, jeder hat seine eigene Wohnung, seinen Wohnplatz. Die Bücherregale sind das Wohnhaus der Bücher. Wie kann man feststellen, wo ein Genosse wohnt? Man muß die Hausnummer und die Wohungsnummer kennen. Die Bücherabteilungen sind die Häuser; in einem Bücherhaus wohnen die Lehrbücher, in einem anderen Bücher über Tiere, in einem dritten Bücher über Maschinen usw. Die Nummer der Abteilung ist die Nummer des Bücherhauses; die Nummer des Buches ist die Nummer der Buchwohnung. Das Bibliotheksbuch muß immer an seinem Platz stehen. Der Bibliothekar weiß, wie die Bücher angeordnet sind, er weiß, in welchem Regal ein Buch steht, wo er es findet und wohin er es zurückstellen muß. Der Bibliothekar hat sehr viel zu tun.

Dritte Stunde: „Bekanntmachung mit dem Buch.“ Titel, Verfasser, Inhaltsverzeichnis, Bekanntmachung mit dem Katalog. Die Kinder lernen, wie man Bücher aus dem Katalog herausschreibt. Praktische Anleitung, wie man eine Buch aus dem Kinderkatalogen herausschreibt.

Vierte Stunde: „Der Lesesaal. Die Lesesaalordnung.“ Die Lesekarte berechtigt, ein Buch mit nach Haus zu nehmen. Regeln zur Benutzung der Bücher.

Fünfte Stunde: „Auswahl der Bücher.“ Schwere und leichte Bücher. Was man lesen möchte und was man lesen muß. Die Kameraden, der Lehrer und der Bibliothekar erteilen Ratschläge. Verzeichnissse empfehlenswerter Bücher.

Sechste Stunde: „Das Buch über Bücher.“ Gutachten über Bücher. Wahl der Bücher nach Katalogen. Was für Bücher es in der Bibliothek gibt. Aus dem Zettelkatalog kann man erfahren, welche Bücher zur Zeit in der Bibliothek vorhanden sind.

Siebente Stunde: „Nachschlagewerke.“ Wie man mit einem erklärenden Wörterbuch arbeitet. Kinderenzyklopädien. Zeitungen. Zeitschriften.

Die achte, neunte und zehnte Stunde müssen sich mit der Frage befassen, wie man liest. Lesen und „Verschlingen“ von Büchern. Wie man sich in dem Lesestoff zurechtfindet. Wen man fragen kann, und was man fragt. Wie man selbst Antworten auf Fragen finden kann. Wie man Gutachten über Bücher verfaßt. „Die Bibliotheksfreunde.“

Für die Schüler zweiten Stufe muß dieser Unterricht natürlich einen anderen, vertiefteren Charakter haben. Einen besonders großen Raum werden in dieser Stufe Fragen des Selbststudiums einnehmen. Einen großen Platz muß auch die kritische Einstellung zum Lesestoff einnehmen. Auch über Auszüge, Gutachten und Lesekonferenzen muß ausführlich gesprochen werden.

Sehr wünschenswert wäre, Erfahrungen auf dem Gebiet des Bibliotheksunterrichts auszutauschen und die Meinungen der in der praktischen Arbeit stehenden Bibliothekare zu hören.“

Kruspkaja, Nadeshda Konstantinowna (1971 [1934]) / Sozialistische Pädagogik : Eine Auswahl von Schriften, Reden und Briefen in Vier Bänden ; Besorgt von Karl-Heinz Günther, Leo Hartung und Gerhard Kittler ; Band III. Berlin : Volk und Wissen, 1971, S. 230-232

Abschluss

Dieser Text zeigt nicht, dass alles schon mal gesagt wurde, was heute gesagt wird. Selbstverständlich gibt es neben den auffälligen Parallelen Unterschiede. Einerseits die Unterschiede, die einfach durch die Weiterentwicklung von Medienformen und Bibliotheken entstehen (Stichwort: Zettelkatalog als Zentrum der Bibliothek). Andererseits die Unterschiede, die durch eine andere Gesellschaft herrühren.

Aber: Der Text zeigt auch, dass nicht alles in eine klare historische Linie gebracht werden kann. Die Bibliothekswesen haben die Bildung nicht erst in den letzten Jahren als Handlungsfeld entdeckt oder wären gar die ersten, die diesen Zusammenhang postuieren. Auch sind sie nicht die ersten, die bestimmte Vorstellungen entwickeln. Wie gross ist denn beispielsweise wirklich der Unterschied zwischen den in diesem Text skizzierten Vorstellungen und den heutigen bibliothekarischen Spiralcurricula?

Eine historische Verortung könnte dazu beitragen, auf die Erfahrungen der Vergangenheit zurückzugreifen. Nur drei kurze Erkenntnisse aus dem Lesen dieses Textes: 1.) Die PISA-Studien standen nicht am Anfang des Nachdenkens von Bibliothek und Bildung (Schule). 2.) Auch die von hoch oben in der politischen Hierarchie geförderte Verbindung von Bibliothek und Schule hat dazu geführt, dass diese Zusammenarbeit im Nachhinein perfekt ablief. 3.) Stellt man nicht die einzelne Bibliothek in den Mittelpunkt, kann auch der Besuch mehrerer Bibliotheken durch die Schülerinnen und Schüler als sinnvoll erscheinen.

Insoweit: Für mehr Lesen historischer Texte zum Bibliothekswesen! Für mehr kritische Interpretation dieser Texte! Für genaueres Einordnen der heutigen Vorstellungen in die Bibliotheksgeschichte (gegen „erstmals“, „zum ersten Mal“, „neu“ als Marketingbegriffe in Texten des Bibliothekswesens)! Für mehr Wissen über vergangene Diskussionen im Bibliothekswesen! Für eine bessere Untermauerung von Vorstellungen zum Bibliothekswesen (Hier zum Beispiel die Vorstellung, ein ausgebautes Öffentliches Bibliothekswesen und Demokratie gehörten per Definition zusammen. Das kann ja so nicht stimmen, wenn es ein ausgebautes Öffentliches Bibliothekswesen mit solchen Vorgaben in der Sowjetunion gab.)! Für mehr Spass mit der Bibliotheksgeschichte!

 

Fussnoten

1 Es gibt auch andere Texte und Beispiele, welche diesen Punkt irritieren. Zum Beispiel fiel mir letztens das Buch Apostles of Culture [Garrison, Dee (1979) / Apostles of culture : the public librarian and American Society, 1876-1920. New York : The Free Press, 1979] in die Hände, welches die Geschichte des frühen US-amerikanischen Öffentlichen Bibliothekswesens ohne den ganzen Helligenschein um Carnegie und Dewey darstellt (und wo es mich mal wieder geärgert hat, dass ich nicht zuvor von diesem Werk wusste), welches ebenso auf frühere Diskurse um Bildung und Bibliotheken eingeht. Es zeigt sehr nachvollziehbar, wie sehr zeitgenössische Diskurse die Bibliotheksarbeit in den USA determinierten.

2 Ich hatte Ihr Leben schon einmal in einem Blogpost dargestellt: https://bildungundgutesleben.wordpress.com/2011/02/03/nadeshda-krupskaja-die-bibliothek-im-dienst-der-revolution-2/. Dort bin ich auch schon einmal kurz auf den Text „Bibliotheksunterricht“ eingegangen. Aber da ich mir endlich eine Ausgabe der „Sozialistischen Pädagogik“ geleistet habe und die gerade auf dem Schreibtisch liegen, motiviert mich das, noch einmal darüber zu schreiben.

3 Vgl. z.B. für eine praktische Anwendung dieser Obsession Flier, Thomas (Hrsg.) (2012) / Standardstädte – Ernst May in der Sowjetunion 1930-1933. Texte und Dokumente. Berlin : Suhrkamp, 2012.

Der „gläserne Aufzug“; ein feministisches Analyseinstrument, herausgearbeitet (unter anderen) am Beispiel Bibliotheken

„[…], theoretische Begriffe, die im reinen Philosophieren verbleiben und dabei die materiellen Grundlagen unseres Denkens ignorieren, verlieren ihre analytische Brisanz und ihr kritisches Potential für gesellschaftliche Transformation. Daher ist es notwendig, zwischen rhetorischer Kosmetik und gesellschaftskritischen Interventionen zu unterscheiden. Kritik, so Theodor W. Adorno, beginnt dort, wo Zweifel an der authentischen Repräsentation von Realität aufkommt. Dort, wo das Gegebene seine ideologischen Züge aufscheinen lässt, beziehungsweise dort, wo Repräsentation auf ihren ideologischen Wert hin befragt wird. Gesellschaftskritik ist daher nicht an einer identitären Wiedergabe von Gesellschaft interessiert. Vielmehr zeigt es die Grenzen einer identitären Widerspiegelung von Gesellschaft auf.“ (Rodríguez, Encarnación Gutiérrez / Intersektionalität oder: Wie nicht über Rassismus sprechen. In: Hess, Sabine ; Langreiter, Nikola ; Timm, Elisabeth (Hrsg.) / Intersektionalität revisited : Empirische, theoretische und methodische Erkundungen. Bielefeld : Transcript Verlag, 2011, 77-100, hier: S. 99f.)

Die Gläserne Decke, kurz

Die „Gläserne Decke“ (glass ceiling) ist als Begriff einigermassen bekannt. Das Konzept beschreibt das Phänomen, dass Frauen (oder andere Personengruppen, aber meist geht es um Frauen) in Institutionen und Firmen beruflich nur bis zu einem bestimmten Level aufsteigen und dieses Level dann nicht oder nur viel seltener als Männer (oder die jeweils anderen Gruppen) überwinden können. Das Ergebniss ist bekannt: Chefetagen aus lauter Männern, Verwaltungsgremien aus lauter Männern, Gruppen, die politische und andere Entscheidungen treffen, bestehend aus lauter Männern. Die Frauen in diesen Gruppen sind so sehr Ausnahmen, dass sie mächtig auffallen, gerne in der Öffentlichkeit nach vorne gestellt werden (und dennoch in den Gremien oft gerade mit „weichen“ Themen betraut werden, also eher PR und Personalentwicklung verantworten und nicht Etat und Firmenstrategie.) Nicht ganz so sichtbar ist als Ergebnis die Flucht der qualifizierten Frauen in andere Tätigkeiten, das Verkümmern von individuellen Möglichkeiten, auch die Reproduktion von defizitären Selbstbildern.

Die „Gläserne Decke“ dürfte eigentlich nicht existieren, die Gesellschaft ist heute darauf ausgerichtet, sich als meriokratisch – also an den Leistungen, Fähigkeiten und Zielsetzungen der Individuen orientiert – zu verstehen. Nicht das Geschlecht (oder bei anderen Gruppen zum Beispiel die soziale Herkunft, der Geburtsort und so weiter) soll bestimmen, welche soziale Position eine Person einnimmt, sondern nur die Wünsche der Personen, der Leistungen und deren Drang, bestimmte Positionen zu erreichen. Dies ist sowohl unter sozialen und demokratietheoretischen Gesichtspunkten gefährlich als auch – interessanterweise – unter ökonomischen Gesichtspunktne (egal ob auf eine einzelne Firma oder auf die gesamte Gesellschaft bezogen) unproduktiv. Es ist halt ungerecht (sozial), gleichzeitig eine Verschwendung von ökonomischen Potentialen; wenn Frauen nur deshalb nicht über bestimmte Level aufsteigen und sich einbringen können, weil sie Frauen sind.

Sicherlich gibt es immer wieder Menschen, die behaupten, es gäbe die „Gläserne Decke“ gar nicht. Vielleicht ist das ein Verkennen der Realität, vielleicht wird der gesellschaftlich verbreitete Anspruch auf gleiche Chancen zu sehr als tatsächlich vorhandene Situation missverstanden, vielleicht gehört es auch ins eigene Selbstbild. Akzeptiert man nämlich dieses Konzept der „Gläsernen Decke“, so kann man jedem männlichen Chef vorwerfen, auf diesem Posten nur zu sein, weil Frauen es unendlich schwerer haben, auf Chefposten zu kommen, und zwar weil sie Frauen sind, nicht weil sie weniger kompetent sind. (Genauer: Wenn sie Chefin werden, sind sie meist viel besser, weil sie weit mehr Barrieren überwinden mussten.) Deshalb hätte der Chef es leichter gehabt und sei gar nicht besser gewesen, als bestimmte Frauen. Das Fiese: Egal wie gut der Chef in Realität vielleicht ist (es gibt ja auch Chefs, die wirklich gut sind), so recht wird er diese Vermutung nie abweisen können. (Zumal, wie gesagt, die gläserne Decke auch für andere Gruppen existiert. Ist der Chef vielleicht auch deshalb Chef, weil er Weiss ist? Oder Deutscher / Schweizer? Oder aus der Grosststadt kommt, nicht vom Dorf? Wie soll er das Gegenteil beweisen?) Einfacher ist es, die Gesellschaft als meriokratisch organisiert zu verstehen und zu behaupten, alle Menschen wären durch ihre Kompetenzen in der beruflichen und gesellschaftlichen Position (oder würden in bestimmter Zeit dort ankommen), die sie innehaben. (Allerdings erklärt man dann auch im Umkehrschluss, dass zum Beispiel diejenigen Menschen, die über Jahrzehnte in einem Dead-End-Job arbeiten, dass auch wollten beziehungsweise keine Kompetenzen hätten, etwas anderes zu tun.)

Gleichzeitig ist die „Gläserne Decke“ so oft empirisch nachgewiesen worden – inklusive ihrer Veränderung durch politische Massnahmen, die auch möglich sind, wenn man nur einmal ihre Existenz anerkennt – das sie bis weit in konservative Kreise als existent begriffen wird. Es gibt die „Gläserne Decke“, sie muss weg. Die Frage ist „nur“, wie genau sie zustande kommt, wie genau sie aussieht und für wen sie gilt.

Der Gläserne Lift

Ein Konzept, dass eng mit der „Gläsernen Decke“ zusammenhängt, aber weit weniger bekannt ist, ist der „Gläserne Fahrstuhl“ (glass escalator). Dabei wurde er unter anderem anhand des Bibliothekswesens geprägt.

Er stammt aus einer 1995 erschienen und immer noch lesenswerten Studie von Christine L. Williams [Williams, Christine L. / Still a Man’s World: Men Who Do “Women’s Work” (Men and Masculinity). Berkeley ; Los Angeles ; London : University of California Press, 1995]. Williams untersuchte in dieser anhand von vier „typischen Frauenberufen“, wie sich Männer in feminisierten Berufsfeldern verhalten. Diese vier Berufsfelder sind Pflege (also Krankenschwestern und Pfleger), Schulunterricht, Bibliothekswesen und Soziale Arbeit.

In einem frühen Teil der Studie stellt Williams dar, wie diese Berufszweige zu „weiblichen Berufen“ wurden – was sie alle vier zu Beginn nicht von Beginn an waren, vielmehr sind sie alle, zumindest im US-amerischen Kontext, von „männlichen“ zu „weiblichen“ Berufen geworden – und weist gleichzeitig auf ein Missverständnis hin, welches in allen vier Berufszweigen zu finden. Der soziologische Nachweis, dass die Berufe als „weibliche“ Berufe als weniger professionell angesehen und auch bezahlt werden, wurde von den Beurfsverbänden dahingehend verstanden, dass sie professioneller würden, wenn mehr Männer in ihnen arbeiten würden. Deshalb gab es immer wieder den Versuch, Männer für die Berufe zu gewinnen, obgleich der Zusammenhang, wenn überhaupt, andersherum gilt: Männer arbeiten eher in als professioneller angesehenen Berufen; Berufe sind nicht professioneller, weil dort mehr Männer arbeiten würden. (Das würde ja auch im Umkehrschluss bedeuten, dass Männer irgendwie professioneller Handeln würden als Frauen, was garantiert so nicht stimmt.)

Weiterhin führt Williams den vor ihr schon mehrfach nachgewiesenen Fakt an, dass ein Grossteil der Männer, die einen der vier untersuchten Berufszweige wählen, davon ausgehen können, innert kurzer Zeit eine Führungsposition oder aber eine spezifische, als professioneller angesehene – und deshalb oft auch besser entlohnte und mit anderen Vorteilen verbundene – Spezialposition (zum Beispiel die technische Abteilung in einer Bibliothek) innerhalb ihrer Institutionen zu besetzen.

“[M]any men entering these [feminized, KS] professions today anticipate working in these masculine enclaves [high specialized positions, KS]. But others find themselves pressured into these specialties despite their inclinations otherwise. That is, some men who prefer to work in the more ‘feminine’ specialties ‒ such as pediatric nursing or children’s librarianship ‒ encounter inexorable pressure to ‘move up,’ a phenomenon I refer to as the ‘glass escalator effect.’ Like being on an invisible ‘up’ escalator, men must struggle to remain in the lower (i.e., ‘feminine’) levels of their professions.” (Williams 1995, p. 12)

Williams interessiert sich, wie im Zitat sichtbar, aber weniger für die Männer, die mit Erwartungen auf höher bezahlte Positionen in diese Berufe eintreten,1 sondern für die, welche tatsächlich die Arbeit machen wollen, für welche die Berufsfelder bekannt sind. Also zum Beispiel Menschen pflegen, Unterrichten (und zwar alle Schulklassen), als Bibliothekar an der Ausleihe und in der Katalogisierung arbeiten. Sie interviewt eine ganze Anzahl dieser Männer und kommt zu dem Ergebnis, dass es für sie einen Aufwärtsdrang gibt, dass sie sich also dazu gedrängt fühlen, sich zu spezialisieren, wichtige Positionen innerhalb der Institution einzunehmen, im Allgemeinen: Aufzusteigen. Und dies in einem erstaunlichen Masse, nämlich so sehr, dass sie sich teilweise dazu gedrängt fühlen, ihren Nicht-Aufstieg zu erkämpfen, also sich zum Beispiel dafür einsetzen zu müssen, in der Primarschule zu unterrichten und nicht zum Lehrer in einer High-School oder zum Direktor der Primarschule aufzusteigen.

Hingegen gibt es nur eine sehr, sehr kleine Zahl von Bereichen, in denen sich die Befragten wirklich benachteiligt fühlen. Diese sind mit „Angst vor der männlichen Sexualität“ zu überschreiben; vor allem Männer, die als Lehrer oder als Kinderbibliothekar viel mit Kindern arbeiten, fühlen sich immer wieder einmal einer devianten Sexualität verdächtigt. Ansonsten aber profitieren die Befragten von der geschlechtlichen Strukturierung der Beurfszweige, auch dann, wenn sie dies gar nicht anstreben.

Williams beschreibt diesen Effekt – der ja auch gegen die meriokratische Überzeugung spricht, dass die Personen selber dafür verantwortlich sind, welche soziale Position sie einnehmen – als „Gläsernen Fahrstuhl“. Dieses Konzept erklärt zum Teil die Überrepräsentation von Männern in spezialisierten Bereichen „weiblicher Berufe“ und in den verantwortlichen Posten innerhalb der Institutionen (aber zum Beispiel auch in Berufsverbänden et cetera). Dabei muss beachtet werden, dass dieses Konzept – genauso wie die gläserne Decke – eine gesellschaftliche Struktur erklärt, die nicht durch moralisch falsches Verhalten – beispielsweise einer explizit sexistischen Beförderungspraxis, die man ja einfach abstellen könnte – zustande kommt; sondern vielmehr durch das mehr oder minder unreflektierte Nachvollziehen gesellschaftlicher Strukturen.

Ein bekanntes Beispiel ist, wenn eine Auswahlkomission für einen Chefposten bedauert, dass sich kaum qualifizierte Frauen für den Posten gefunden hätten und am Ende einen Mann als Chef empfehlen. Ist das dann ein falscher Blick auf Qualifikationen und Befähigungen von Menschen? Ist das ein Effekt von negativen Selbstbildern bei Frauen, die zu oft an die gläserne Decke gestossen sind? Ist es ein Effekt von Zuschreibungen an Frauen und Männer? Ist es ein Effekt, der in dieser Situation realistisch ist, aber nicht bedenkt, dass dieses „Fehlen“ von qualifizierten und / oder für den Posten gewillten Frauen Ergebnis gesellschaftlicher Bilder ist? Oder das „Vorhandensein“ von qualifizierten und / oder für den Posten gewillten Männern Ergebnis der gleichen gesellschaftlichen Bilder?

Während das Konzept der „Gläsernen Decke“ einen Teil dieses Phänomens zu erklären hilft, hilft das Konzept des „Gläsernen Fahrstuhls“ einen damit zusammenhängenden Teil des Phänomens aufklären. Dass es gerade am Bibliothekswesen und ähnlichen Berufszweigen erarbeitet wurde, ist deshalb beachtlich, weil es selbstverständlich Frauen in den Führungspositionen und in den Spezialabteilungen der Bibliotheken gibt; aber weit überdurchschnittlich – im Vergleich zum Männeranteil im Berufsfeld – Männer. Dabei fühlen sich die Angestellten, welche Willams befragt, zumeist fair behandelt; ebenso finden sich – wie schon erwähnt – in der Profession auch immer wieder Stimmen, die postulieren, dass es bei der Frage, wer in den Bibliotheken wo arbeite, einzig um die Befähigungen der Personen, nicht um das Geschlecht ginge.2

„Both men and women who work in nontraditional occupations encounter discrimination, but the forms and the consequences of this discrimination are very different for the two groups. Unlike ‘nontraditional’ women workers, most of the discrimination and prejudice facing men in the ‘female’ professions comes from clients. For the most part, the men and women I interviewed believed that men are given fair ‒ if not preferential ‒ treatment in hiring and promotion decisions, are accepted by their supervisors and colleagues, and are well-intergrated into the workplace subculture. Indeed, there seem to be subtle mechanisms in place that enhance men’s positions in these professions ‒ a phenomenon I refer to as a ‘glass escalator effect’.“ (Williams 1995, p. 107f.)

Komplexere Verhältnisse

In einem bislang nur als „OnlineFirst“ erschienen – und hinter einer Paywall versteckten – Artikel, äussert sich Williams selber nach nicht ganz zwanzig Jahren zu ihrem Konzept. [Williams, Christine L. / The Glass Escalator, Revisited : Gender Inequality in Neoliberal Times. In: Gender & Society, Online First (June 11, 2013), doi: 10.1177/0891243213490232] Grundsätzlich kann sie darauf verweisen, dass sich das Konzept empirisch bestätigt hat, auch wenn es ergänzt wurde. So ist es, um den Effekt des „Gläsernen Aufzugs“ zu bestimmen, immer wieder notwendig, in den Berufen zu bestimmen, was überhaupt als höherwertige Spezialisierung gilt.3

Gleichzeitig übt Sie selber Kritik an Ihrem Konzept. Zuerst sei es unter der Voraussetzung relativ stabiler Jobchancen in den untersuchten vier Berufen gebildet worden, was heute nicht mehr gegeben sei, da auch diese Spardiktaten und Flexibilisierungen unterworfen seien. Das macht es schwieriger, zu bestimmen, was die Vorteile bestimmter Berufspositionen sind.

„[…] I will argue, that the concept is limited because it is based on traditional assumptions about work organizations, such as the expectation of stable employment, bureaucratic hierarchies, and widespread support for public institutions.“ (Williams 2013, p. 2)

Zudem, und dies ist die wichtigere Kritik Williams, war Ihre Analyse zu sehr auf die Kategorien Mann / Frau gerichtet und beachtete andere Ungleichheitsverhältnisse praktisch nicht.

„When I originally formulated the concept of the glass escalator, I realized that it did not apply to all men. Gay men and racial/ethnic minority men, in particular, seemed to be excluded from the benefits of the glass escalator. But I didn’t theorize that exclusion – I merely mentioned that the experiences of gay men and nonwhite men were ‚different‘ and left is at that.“ (Williams 2013, P. 5)

Williams greift dabei auf die Debatte um Intersektionalität zurück, die zur Zeit in den feministischen Wissenschaften starke Relevanz erhalten hat. Intersektionalität verweist darauf, dass die Gesellschaft nicht anhand eines Ungleichheitsverhältnisses zu bestimmen ist, sondern dass sich die gesellschaftlichen Strukturen aus unterschiedlichen Ungleichheitsverhältnissen kumulieren. Wer nur über die Kategorie Frau/Mann nachdenkt, kann zum Beispiel den Effekt, welchen die Kategorie Weiss/Nicht-Weiss zeitigt, nicht beachten. Gleichzeitig sind die Ungleichheitsverhältnisse nicht additiv strukturiert, also nicht einfach in dem zu beschreiben als: die Kategorie Frau wirkt ABC, die Kategorie Nicht-Weiss wirkt XYZ, also ist eine Person, die Frau und Nicht-Weiss ist, sowohl ABC als auch XYZ unterworfen. Vielmehr ist sie in einer bestimmten Form als Nicht-Weisse Frau wirksam.

„Unter dem Begriff ‚Intersektionalität‘ hat sich in der internationalen Geschlechterforschung […] eine Perspektive formiert, die insbesondere die Einsicht der Interdependenz der Kategorie Geschlecht zum Programm macht und kritisch erörtert: Ein Gegenstand ist stets auf die Schnittpunkte, auf das je spezifische Verhältnis beziehungsweise die Wechselwirkungen von – insbesondere – Geschlecht, Klasse und Ethnizität hin zu untersuchen.“ (Langreiter, Nikola ; Timm, Elisabeth / Editorial: Tagung Macht Thema. In: Hess, Sabine ; Langreiter, Nikola ; Timm, Elisabeth (Hrsg.) / Intersektionalität revisited : Empirische, theoretische und methodische Erkundungen. Bielefeld : Transcript Verlag, 2011, 9-13, hier: S. 9)

Williams greift diese Perspektive auf und zeigt an Beispielen, die andere Forschende in Auseinandersetzung mit dem Konzept der „Gläsernen Aufzugs“ geleistet haben, wie viel komplexer die Realität ist.

So findet sich der 1995 bei Pflegern beschriebene Effekt nicht bei black nurses. Vielmehr: Während die von Williams einst interviewten Pfleger schilderten, dass sie immer wieder einmal als Ärzte wahrgenommen und angesprochen wurden – weil sie Männer im Krankenhaus waren –, schildern black nurses in anderen Studien, dass ihnen von Zeit zu Zeit jede Kompetenz abgesprochen wird. (Williams 2013, p. 7f.)

Gleichzeitig gilt der „Gläserne Aufzug“ nicht im gleichen Masse für Schwule. Hier wird es noch komplexer. Schaffen es Schwule, ein „passing“ zu performen, also gerade als wenig oder nicht-schwul „durchzugehen“, können sie vom „Aufzug“ profitieren. Allerdings: Gibt es gesonderte gesetzliche Regelungen, die auch durchgesetzt werden – Williams führte eine Studie von Catherine Connell an, die dies in Californien, also einem explizit progressiven Bundesstaat der USA, untersuchte –, kann es sein, dass Schwule und Lesben nur akzeptiert werden und von dieser gesetzlich bestimmten Förderung profitieren können, wenn sie gerade den Stereotypen von Homosexuellen entsprechen. (Williams 2013, 8f.)

Weiterhin ist die Klasse (oder soziale Schicht) eine wichtige Voraussetzung für das „Nutzenkönnen“ des „Gläsernen Aufzugs“. Nur in Berufsfeldern, die überhaupt einen Aufstieg oder eine Spezialisierung erlauben, ist er nutzbar. Je mehr aber ein Berufsfeld als „proletarisch“ gilt und von Personen aus proletarischen Familien als gewünschtes Berufsfeld angestrebt wird – was ja auch ein bekannter Effekt der gesellschaftlichen Strukturierung ist –, um so weniger gibt es solche Aufstiegschancen überhaupt. Dead end jobs wie Verkäufer oder Coiffeur führen eher dazu, dass Menschen egal welchen Geschlechts, zeitlebens wenig berufliche und damit auf finanzielle Änderungen erfahren. (Williams 2013, p. 9f.)

Hinzu kommt die Veränderung des Arbeitsmarktes, die dazu führen, dass Menschen in bestimmten Berufszweigen immer mehr und immer schneller die Arbeitsplätze wechseln. Dies führt zum Teil zu einem noch schwieriger festzustellenden Verteilen von Berufschancen, da sich diese nicht mehr nur dadurch auszeichnen, wer wann in welche Position aufsteigt, sondern zum Beispiel auch darin, wer wann bestimmte Jobs in Richtung welcher anderen Jobs oder Tätigkeiten verlässt. Williams führt den Fall von women geoscientists an, die an sich zu ungefähr gleichen Zahlen wie Männer ihr Studium abschliessen und ebenso in ungefähr gleicher Zahl von den grossen Firmen in der Öl- und Gasindustrie angeworben werden, aber zehn Jahre später fast vollständig aus diesen – gut bezahlten und herausfordernden – Jobs „verschwunden“ sind. (Williams 2013, p. 14)

Williams schliesst daraus, dass zur Beschreibung dieser Effekte neue Begrifflichkeiten notwendig werden und „Gläserner Aufzug“ (ebenso wie „Gläserne Decke“) nur ungenügend genau beschreibt, was in den Berufsfeldern passiert.

„Gender inequality characterizes both the traditional and the neoliberal models of work organizations. […] But I believe we need new metaphors to capture the workings of gender inequality in the neoliberal context. The glass ceiling and the glass escalator seem far too static to capture what is going on in our current era of flexible, project-based, horizontal, and contingent employment.“ (Williams 2013, p. 13)

„I now believe that any discussion of the gass escalator must be attuned to how racism, homophobia, and class inequality advantage some groups of men, and exclude and discriminate against others.“ (Williams 2013, 16)

Des Weiteren fordert Williams, dass eine Kritik der Geschlechterverhältnisse, die – im Sinne der Intersektionalität – mit einer Analyse weiterer Ungleichheitsverhältnisse verbunden sein muss, grundiert sein sollte in einer Kritik des Kapitalismus. (Williams 2013, p.16-18) Für Williams scheint es offensichtlich, dass ein Ignorieren der Realität der Arbeitsverhältnisse bei einer Analyse der Geschlechterverhältnisse diese Situationen nur verschlimmert. Die Realität der Arbeitsverhältnisse sei in den letzten rund 20 Jahren zu schlecht geworden, um nicht zur Kenntniss genommen zu werden.

„Do women janitors deserve to be treated the same as men janitors? Yes, of course they do. But they also deserve more than $8.35 an hour, which will not happen unless their employers are forced to pay them more. That is why a critique of capitalism must accompany our critique of gender inequality.“ (Williams 2013, p. 17)

Der „Gläserne Aufzug“, so schliesst Williams, würde nur die Situation von weissen, heterosexuellen Männern in traditionell strukturierten Arbeitsfeldern beschreiben.

Bibliothek

Auch wenn man Williams Selbstkritik vollständig teilt,4 bleibt die Frage offen, ob die Bibliothek als Berufsfeld immer noch die Effekte von „Gläserner Decke“ und „Gläsernen Aufzug“ zeitigen. (Weitergehend könnte man fragen, ob dies nur in den USA – wo Williams forscht – gilt. Aber ich sehe keinen Grund, warum dem so sein sollte. In dem Punkt sind die deutdschsprachigen Bibliothekswesen gewiss nicht anders als das US-amerikanische.) Dabei würde es gar nicht nur darum gehen, dies nachzuweisen oder zu widerlegen; es würde sich vor allem die Frage stellen, was es für die Praxis in Bibliotheken bedeutet. (Gerne wird ja vergessen, dass die Wissenschaft auch die Aufgabe hat, die Realität so darzustellen, dass sie veränderbar wird, zumindest aber ein Reflexionvorgang angeregt werden kann.) Würde es zu verändern sein? Sollte es verändert werden? Eine Forschungsfrage wäre, was den Bibliotheken tatsächlich durch einen „Gläsernen Aufzug“ entgeht. Sicherlich: Er ist unfair, demokratietheoretisch untragbar und vor allem führt er wohl auch dazu, dass Fehlurteile getroffen werden, die Individuen betreffen. Aber wie gross sind die negativen Effekte eigentlich? Wie könnte die Bibliothek heute aussehen, wenn sie zumindest diese Ungerechtigkeit ausmerzen würde. Hätte sie bessere Chefinnen und Chefs (halt die wirklich besten)? Motivierte Mitarbeitende (weil nicht in Ihrer Karriere auf Positionen geschoben, die sie nicht wollen oder davon abgehalten, die Positionen zu erreichen, die sie erreichen könnten)? Hätte die Bibliothek ein anderes Selbstbild? Weniger Personal, dass in andere Berufszweige wechselt oder sich in anderen Lebensbereichen mehr engagiert?

Williams Konzept, dass wie gesagt unter anderem am Berufsfeld Bibliothek gebildet wurde, als auch ihre Selbstkritik, ist – wie gute Wissenschaft – eine ständige Provokation. Die Personalzusammensetzung von Bibliotheken, bibliothekarischen Verbänden, Redaktionen bibliothekarischer Zeitschriften, der Bibliothekswissenschaft, der Beratungsdienstleistungsfirmen für Bibliotheken sowie der Aus- und Weiterbildung im bibliothekarischen Feld sind nicht zufällig so besetzt, wie sie es sind. Sie sind offen für theoretischen und politische Interventionen.

Literatur

Accart, Jean-Philippe (2013) / L’information documentaire: une affaire de „genre“ ou de compétences et d’aptitudes particulères?. In: arbido (2013) 2, 41-42

Langreiter, Nikola ; Timm, Elisabeth (2011) / Editorial: Tagung Macht Thema. In: Hess, Sabine ; Langreiter, Nikola ; Timm, Elisabeth (Hrsg.) / Intersektionalität revisited : Empirische, theoretische und methodische Erkundungen. Bielefeld : Transcript Verlag, 2011, 9-13

Rodríguez, Encarnación Gutiérrez (2011) / Intersektionalität oder: Wie nicht über Rassismus sprechen. In: Hess, Sabine ; Langreiter, Nikola ; Timm, Elisabeth (Hrsg.) / Intersektionalität revisited : Empirische, theoretische und methodische Erkundungen. Bielefeld : Transcript Verlag, 2011, 77-100

Snyder, Karrie Ann ; Green, Adam Isaiah (2008) / Revisiting the Glass Escalator: The Case of Gender Segregation in a Female Dominated Occupation. In: Social Problems 55 (2008) 2, 271-299, doi: 10.1525/sp.2008.55.2.271

Williams, Christine L. (2013) / The Glass Escalator, Revisited : Gender Inequality in Neoliberal Times. In: Gender & Society, Online First (June 11, 2013), doi: 10.1177/0891243213490232

Williams, Christine L. (1995) / Still a Man’s World: Men Who Do “Women’s Work” (Men and Masculinity). Berkeley ; Los Angeles ; London : University of California Press, 1995

Fussnoten

1 Wobei dies berechtigte Interessen sind, um einen Beruf zu wählen. Die Frage ist nur, warum diese Erwartungen der Männer statistisch so berechtigt sind.

2 Zuletzt wohl: Accart, Jean-Philippe / L’information documentaire: une affaire de „genre“ ou de compétences et d’aptitudes particulères?. In: arbido (2013) 2, 41-42.

3 Vgl. u.a. Snyder, Karrie Ann ; Green, Adam Isaiah / Revisiting the Glass Escalator: The Case of Gender Segregation in a Female Dominated Occupation. In: Social Problems 55 (2008) 2, 271-299, doi: 10.1525/sp.2008.55.2.271.

4 Darauf soll explizit verwiesen werden: Willimas zeigt in ihrem Text beispielhaft, wie eine offene Forschung aussehen sollte. Sie akzeptiert die Grenzen Ihres eigenen Konzeptes, hat kein Problem damit, Fehleinschätzungen einzugestehen und akzeptiert (und nutzt) die Arbeiten anderer Forschender vor allem als Beitrag zu einem gemeinsamen Forschungsprojekt und nicht als Angriff auf ihre Position oder gar sie selber als Person. Zudem verteilt sie expliztit Dank an diejenigen Forschenden, die ihr Denken vorangebracht haben.