Archive | Oktober 2012

Bücher-Box und Lesebank in Graubünden. Zwei Beispiele

In der Schweiz – zumindest in den kleineren Gemeinden, nicht unbedingt in der Sündenpfulhen Basel, Bern, Genf, Lausanne oder gar Zürich – scheint man teilweise mehr Vertrauen in die Ehrlichkeit der Nutzerinnen und Nutzer zu haben, als, sagen wir mal, in Berlin.

Exkurs: Caféstühle

Nicht ganz zu unrecht. Nur mal meine prägende Erfahrung: Am dem Platz, an dem ich in Chur wohne, ist am Wochenende abends immer Durchgangsverkehr von jungen Menschen auf dem Weg von dem einen Hotspot Churs (Goldgasse / Untere Gasse) zum anderen Hotspot (Welschdörfli). Das sind ungefähr fünf Minuten Laufzeit. Auf diesem Platz nun findet sich ein Café, dass zu dieser Zeit dann schon längst geschlossen hat. Dieses Café hat Stühle und Tische draussen stehen. Unabgeschlossen. Die stehen einfach da. Und jeden Freitag, Samstag und Sonntag Morgen stehen die immer noch da. Sowas würde in Berlin nie passieren. Die Tische und Stühle wären binnen kurzem in den WGs um das Cafe drumherum verteilt, auch ohne bösen Willen. (Einer meiner Mitbewohner in einer Vorstadt Berlins hat es mal fertig gebracht, in unserer Küche fünfzehn Stühle zu stappeln, die er alle nach und nach, wenn er angetrunken an einem bestimmten Café vorbeikam, mitgenommen hatte. Einfach, weil ihm das als das natürlichste Verhalten der Welt erschien, nicht etwa weil das Café schlecht gewesen wäre. Später haben wir Platz für neue Stühle gemacht, indem wir die fünfzehn Stück in der Nacht zurückbrachten.) So anders ist die Schweiz dann doch. (Vielleicht gibt es Teile Deutschlands, wo das auch klappen würde mit den Stühlen unangeschlossen lassen. Maybe. In der Schweiz erscheint das natürlicher.)

Bücher-Boxen

Deshalb gibt es aber neben mehreren Bücherschränken in kleinen schweizerischen Gemeinden Bücher-Boxen oder Lesebänke, die von Öffentlichen Bibliotheken betrieben werden. In diesen Boxen befinden sich je eine kleine Anzahl von Bibliotheksmedien sowie ein kurzer Hinweis, dass man die Bücher bitte nach dem Lesen wieder zurücklegen sollte. Ausserdem ein Heft, in welchem die Leserinnen und Leser Nachrichten hinterlassen können. Die Boxen selber stehen oft an touristisch bedeutsamen Orten, an denen aber auch Einheimische verweilen, weil es so schön ist.

Interessant ist, dass viele Bibliotheken, die solche Boxen betreiben, dies nirgends erwähnen. Nicht auf ihren Homepages, nicht in der Bibliothek (soweit ich das bisher überprüfen konnte), nicht einmal unbedingt in den Jahresberichten. Auch in der Fachpublikation für Öffentliche Bibliotheken in der Schweiz, SAB-Info/Info-CLP, habe ich sie jemals erwähnt gesehen.

Zugeben muss ich, dass ich auch noch nie gesehen habe, wie jemand die Bücher-Boxen benutzte. (Daneben sitzen und knutschen, ja, dass kann man des Öfteren sehen. Aber Lesen – nein.) In den Heften allerdings stehen oft Hinweise, dass irgendwer doch Bücher aus den Boxen gelesen hat und sich jetzt dafür bedankt. Insoweit mag ich auch immer nur zur falschen Zeit geschaut haben.

Ich würde hier gerne zwei Beispiele (eines aus Arosa, eines aus Chur) zeigen, auch um darauf hinzuweisen, wie einfach dieses Angebot umgesetzt werden kann. Zumindest dann, wenn man den potentiellen Nutzerinnen und Nutzern dabei vertraut / vertrauen kann, dass die Medien nicht verschwinden oder zerstört werden, ist es eine nette Möglichkeit, die Bibliothek in der Gemeinde sichtbar zu machen. Ein wenig Risiko ist dabei, aber dafür ist das Bild, dass man von der Bibliothek vermittelt, ein sehr Gutes.

Hübsch is es, oder? Bücher-Box am Obersee in Arosa.

Die gleiche Box geöffnet. Wirklich wenig Aufwand für eine nettes Angebot.

Bitte legen Sie die Bücher wieder zurück, wenn Sie sie gelesen haben. Keine Drohung mit einer Betreibung, kein Verweis auf ein Amtsverbot. Einfach nur eine Bitte. Und ein Hinweis auf die Bibliothek auf der anderen Seite des Sees, die Strasse (und den Berg) rauf.

Eine weitere Bücher-Box in Arosa.

Lesebank auf dem Arcas (Chur). Die Ausstattung ist schon etwas aufwändiger als in Arosa. (Eine weitere Lesebank dieser Art steht im Fontanapark, wo aktuell noch eine Ausstellung, „Säen, Ernten, Glücklich sein“ zu sehen ist. Die Medien in der dortigen Lesebank bestehen aus Monographien und Bildbände der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler.)

Die geöffnete Lesebank. Rechts in der Box das Notizheft und eine „Anleitung“.

Die „Anleitung“. Ebenfalls etwas aufwendiger als in Arosa. Aber auch nicht wirklich schwer selber zu machen. Wozu auch? Alles was zu sagen ist, steht drauf.

Eine Bibliothek als Zentrum der Community (Mount Gambier)

Die Text- und Beispielsammlung Museums, Libraries and Urban Vitality [Kemp, Roger L. ; Trotta, Marcia (edit.) / Museums, Libraries and Urban Vitality : A Handbook. Jefferson ; London : McFarland Publishers, 2008] basiert auf einer einfachen, oft wiederholten These: Eine Bibliothek kann, wenn sie dazu gemacht wird, zum kulturellen Zentrum einer Community werden. Allerdings kann auch ein Museum diese Funktion einnehmen. Und: Diese These bezieht sich vor allem auf US-amerikanische (teilweise auch kanadische und australische) Kleinstädte und Settlements, nicht auf europäische Gemeinden oder auf Grossstädte. In all den Beispielen, die in diesem Buch angesprochen werden, geht es darum, dass in vielen kleinen Communities – egal ob Vorstadt, Stadtteil oder eigenständiger Gemeinde – keine wirklichen öffentlichen Plätze mehr bestehen würden. Ohne öffentliche Plätze keine Möglichkeit einer Gemeinschaft, so die Vorstellung. In solchen Gemeinden aber würden Bibliotheken und Museen die Rolle eines Community-Centres bilden können. Sie würden der Öffentlichkeit als Treffpunkt dienen, an dem sich überhaupt Gemeinschaft bilden könnte. (Und sie würden den kleinen Firmen wirtschaftliche Beratung und Daten geben können. Das ist eine weitere These, die in dem Buch mehrfach ausgebreitet wird.)

Aber stimmt das überhaupt? Erstaunlicherweise ja. Zumindest erinnerte mich das Buch an eine Bibliothek, die ich während meines Urlaubs besuchen konnte. Was mich traurig gemacht hat, den der Urlaub ist es schon eine so lange Weile her und jetzt ist wieder die Arbeit angesagt… Anyway.

Ich war damals von der Bibliothek begeistert, aber zu faul etwas über sie zu schreiben, also hole ich das mal nach.

Mount Gambier

Mount Gambier ist keine wirklich grosse Stadt, aber wirklich grosse Städte gibt es in Australien eh nur wenige (Wie auch, wenn von 22,5 Millionen Menschen allein in Sydney 3,6, 3,4 in Melbourne, 1.2 in Adelaide und 1.6 in Perth wohnen?). 23.400 Menschen, gelegen in South Australia, praktisch direkt an der Grenze zu Victoria und auch direkt am Ozean. Das Stadtzentrum eher weitläufig. Und interessanterweise ist dieses Stadtzentrum jetzt auch nicht wirklich unwirtlich, zumindest nicht so, wie in anderen Städten an der Küste. Im Zentrum der Stadt findet sich sogar ein kleiner, aber sehr schöner viktorianischer Park, Cave Garden, welcher sich um eine kleine Grotte gruppiert, in der täglich eine Show zur Stadtgeschichte und eine Aboriginal Dream Time stattfinden. (Berühmt ist eigentlich auch ein Vulkansee in der Stadt, aber ehrlich… der Park ist imposanter.)

Cave Garden (Mount Gambier)

Cave im Cave Garden (Mount Gambier)

Ansonsten ist die Stadt flach, eingeschossige Gebäude prägen – wie fast überall in Australien ausserhalb der Grossstädte – das Stadtbild, was nach einer Weile langweilig werden kann. Aber: Mittendrin steht, auf den ersten Blick unauffällig, die Bibliothek, ebenfalls auf einem Geschoss untergebracht. Auffällig an der Einrichtung ist zuerst das Café welches direkt in der Bibliothek betrieben wird.

Blick ins Café. So sieht das aus in der Bibliothek…

Beim zweiten Blick fällt auf, wie neu die gesamte Bibliothek eigentlich ist. Insbesondere, da wir auf unserem Trip die ganzen Tage vorher zwar auch immer Bibliotheken in Melbourne und den kleinen Städten an der Great Ocean Road gesehen haben, die aber eher so aussahen, als wären sie das letzte Mal in den 1980er Jahren renoviert worden.

Warum ist das so? Eine Kollegin in der Bibliothek war so nett, es mir zu erkläutern. Noch vor einigen Jahren hatte auch Mount Gambier eine solche eher veraltete Bibliothek, dann aber wurde beschlossen, sie zu erneuern. Diese Erneuerung ging einher mit mehreren Befragungen und Informationsveranstaltungen bei und für die lokale Bevölkerung. Gefragt wurde, welche Einrichtung die Bevölkerung als sinnvoll ansehen würde. Heraus kam eine Bibliothek, die wohl den internationalen Debatten um die (Öffentliche) Bibliothek als Raum entspricht, aber auch in dieser Form von der Bevölkerung gewünscht wurde.

Zuerstallererst versteht sich die Bibliothek als community space:

Our place reinvents ‚library‘ as a state-of-the-art multipurpose community space totally relevant to its location. It’s a place where practicality takes on fantasy to draw people of all ages to an information-rich gathering place at the heart of our community, adding immeasurably to creative and intellectual life. [Mount Gambier Library / Learn – Connect – Explore (ohne Jahr), p. 2]

Dies zeigt sich darin, dass die Bibliothek vor allem für eine flexible Nutzung ausgelegt ist. Gruppenräume, Rückzugsecken, Jugendbereich (beziehungsweise: „A youth lounge area, complete with PlayStation 3 consoles, magazines, televisions and three specially commissioned ‚youth chairs’“ [Mount Gambier Library, a.a.O., p. 12], eine Kinderzone, die gleichzeitig Platz für Familien zum Spielen hat, das schon beschriebene Cafe direkt in der Bibliothek, ein ständiges Veranstaltungsprogramm, Infopanels, die Veranstaltungen und Kurse anpreisen, helle Farben, eine Bibliothekarin, die durch die Gänge streunt und gezielt Hilfe anbietet. Ausserdem der in Australien verbreitete Brauch, dass niemand Jacken oder Taschen abzugeben braucht, um eine Bibliothek zu benutzen, der relaxte und offene Umgang, die Freundlichkeit des Personals (Obgleich die sehr australisch zu sein scheint. Wer schon glaubt, in der Schweiz wären die Leute so viel freundlicher als in Deutschland wird sich in Australien wundern, wie offen und nett Menschen sein können. [Solange man sich selber nicht als Arsch benimmt, was über Backpacker leider oft berichtet wird – oder halt die falsch Hauptfarbe hat. Alles ist auch nicht gut dort unten, man sagt das Wort racism nicht, aber…])

Gleichzeitig, so erklärt die schon zitierte Broschüre der Bibliothek, aber auch die Kollegin vor Ort, versteht sich die Bibliothek als offener Treffpunkt, was auch in der Architektur, die mittels einer enormen Terasse weit über die Bibliothek selber hinausgreift, vermittelt wird. Hier findet sich auch der einzige Ort in der Stadt, wo es schnelles und kostenlosen Internet gibt (für uns TouristInnen glücklicherweise ohne jede Anmeldung). Das mag in Europa niemand erstaunen, aber das Internet in Australien ist so erstaunlich 1990er, dass es relevant ist. In Australien zahlt man immer noch extra für schnelleres Internet, an vielen Orten wird die Nutzung noch immer nach Downloadmenge berechnet. (In Hotels heisst „freies Internet“ zumeist 50 MB pro Tag, 200 MB pro Tag. Alles andere kostet extra.) Selbst in Melbourne ist schnelles unnd freies Internet eine Ausnahme. Eigentlich ist es nur in Universitäten, Bibliotheken und am Federation Square zu finden. [Zum Projekt, welches dieses Problem endlich angehen will, siehe Dias, Marcos Pereira / Australia’s project for universal broadband access: From policy to social potential. In: First Monday 17 (2012) 9, http://firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/article/view/4114/3299]

Der Bibliothek in Mount Gambier, um darauf zurückzukommen, gelingt es so tatsächlich einen Mittelpunkt der Community zu bilden, direkt bei den Einkaufmöglichkeiten. (Oder genauer: direkt an der Grenze zwischen den Multistores wie Target und den kleinen Geschäften in der Innenstadt.)

Eingang zur Mount Gambier Library

Beim Target auf dem Parkplatz stehen, die Library sehen.

Wir besuchten die Bibliothek an einem späten Vormittag unter der Woche, dass heisst über die Nutzung die gesamte Woche entlang (oder auch nur der Kulturveranstaltungen der Bibliothek) kann ich nichts sagen. Aber selbst zu diesem Zeitpunkt sassen im Café mehrere Gruppen von Seniorinnen und Senioren, die das offensichtlich des Öfteren dort tun, in die ruhigen Orte der Bibliothek hatten sich Personen zum Lesen und Lernen zurückgezogen, einige Familien spielten in der Familienzone.

Falls eine Bibliothek tatsächlich, wie es in Museums, Libraries and Urban Vitality postuliert wird, dazu beitragen kann, die Communities in kleinen Städten zu beleben, dann solche Einrichtungen, wie die in Mount Gambier.

Zielführend ist dabei offenbar gar nicht so sehr, sich an anderen Bibliotheken zu orientieren, sondern sich auf die lokale Gemeinschaft einzulassen. Das dabei immer wieder ähnliche Lösungen herauskommen (viele der in Museums, Libraries and Urban Vitality beschriebene Bibliotheken ähneln der in Mount Gambier), hat seinen Grund wohl darin, dass die Interessen der Communities ähnlich sind.

Trend zur Gemeinschafts-Orientierung

Dabei ist Mount Gambier nicht alleine mit dieser Entwicklung. Wie gesagt: Eine ganze Anzahl der Bibliotheken in Australien sieht – wie allerdings eh vieles in diesem Land – aus, als wären sie direkt aus den 1980er Jahren herübergebeamt worden. Aber das scheint sich auch zu ändern. Die State Library of South Australia in Adelaide hat zum Beispiel an ihre Eingangstür folgendes geschrieben:

Our vision: To provide unique, flexible, accessible, community focused facilities that inspire and stimulate community life“

Man beachte: Nicht Standards, nicht bibliothekarische Werte, nicht irgendwelche Rankingplätze, sondern „to inspire and stimlate community life“ steht im Mittelpunkt. Nicht die Bestandswünsche von Nutzerinnen und Nutzern, nicht die Informationskompetenz, sondern ein vitales „community life“ gilt als Leitziel. Und das, obwohl diese Bibliothek an vielen Stellen selber historisch aussieht.

Eingang der (noch) geschlossenen State Library of South Australia (Adelaide).

Auch in Bendigo, einer Kleinstadt „in der Nähe“ von Melbourne (was halt so Nähe heisst in Australien, zwei Stunden zügige Fahrt, zweieinhalb, wenn man die Mautstrassen umfährt) wird aktuell die Bibliothek komplett umgebaut und zwar genau zu dem Community Center, dass in Mount Gambier quasi schon steht. Insoweit scheint es sich um eine gewisse Tendenz zu handeln, auf die Community zu hören.

Ankündigung: Die Library in Bendigo wird ganz anders.

Ankündigung: Für die Bauzeit wird umgezogen.

Hier (direkt an die Hauptstrasse gegenüber dem grossen Park in der Mitte der Stadt) zieht sie solange hin.

Wie gesagt: Nicht alles ist perfekt down under, aber einige Bibliotheken sind grossartig. Zu fragen wären, ob daraus auch etwas für kleine Gemeinden in Europa zu lernen ist. Das ist keine einfache Frage. In Museums, Libraries and Urban Vitality wird immer wieder die These aufgestellt, dass europäische Städte, auch kleine, eine urbane Lebendigkeit hätten, die in den USA, Kanada oder Australien teilweise erst (wieder) über Bibliotheken oder Museen hergestellt werden müsste. Nimmt man das ernst, bräuchte es in Europa keine Bibliotheken als Community Center. Mir scheint aber, dass die Vorstellung von der urbanen Lebendigkeit in kleinen Gemeinden in Europa vom US-amerikanischen Fokus der meisten Autorinnen und Autoren her in dem Buch vollkommen überschätzt wird. Zudem ist die lokale Gemeinschaft auch nicht alles. Aber: Das ist eine andere Diskussion. Ich kann hie rnur kurz andeuten, dass sie geführt werden sollte.

Jetzt erstmal: Wer zufällig mal in Mount Gambier (oder demnächst auch Bendigo) vorbeikommt, sollte in die dortigen Bibliotheken schauen. Sie sind sehr erfrischend offen und lebendig.