Neu ist das nicht unbedingt (oder: Warum Bibliotheksgeschichte als Ideengeschichte ihren Sinn hat.)

Eine eher unangenehme Angewohnheit der heutigen Bibliothekswesen ist ihre grosse Ungeschichtlichkeit. Viel Geschichte der Bibliotheken ist den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren einfach nicht mehr präsent. Dabei geht es mir gar nicht um die Sammlungs- und Institutionengeschichte (im Sinne von: 1756 hatte die Bibliothek des Fürsten XYZ 352 Bücher, inklusiver dreier Papyri, 1892 als sie in die Bibliothek der Stadt ABC überführt wurde war sie auf 744 Bücher und zwölf Papyri gewachsen), sondern um Ideengeschichte. Soviele Debatten und Diskussionen im Bibliothekswesen sind vergessen worden, soviele Ansätze ausprobiert, ohne das noch jemand von den Ergebnissen weiss. Manchmal ist das erstaunlich, manchmal erschreckend.

So wird in Texten gerne davon geredet, dass irgendetwas zum ersten Mal getan wurde (eine Untersuchung, eine Veranstaltung, ein Angebot) oder total neu und innovativ ist, obwohl das oft nicht einmal stimmt. Aber das „erste Mal“ gilt offenbar als Wert an sich. Dabei wird verdrängt, dass wir die Vergangenheit nicht nur als Vergangen und Veraltet wahrnehmen müssen. Wenn wir zum Beispiel sehen, dass bestimmte Debatten immer wieder aufkommen, können wir auch sehen, welche Argumente und Lösungen funktionieren und welche nicht. Zudem können wir sehen, dass Probleme mit bestimmten gerade als innovati geltenden Lösungen gerade nicht gelöst wurden. Wir können auch oft viel genauer abwägen, was mittelfristig von bestimmten Trends und Debatten zu halten ist. Dabei geht es gar nicht darum, alles als Wiederholung verstehen zu wollen. Sicherlich gibt es immer wieder gewichtige Unterschiede. Aber so neu ist es meistens nicht.

(Wie Butters lernen musste, stimmt es vielleicht, dass die Simpsons alles schon längst getan haben, bevor Southpark es tut, aber es ist trotzdem anders, wenn es in Southpark getan wird.)

Zwei kurze Beispiele zu dieser Bemerkung.

Wiederkehrende Erwartungen

In Wiederkehrende Erwartungen schreibt Jan-Felix Schrape darüber, wie verwunderlich es ist, dass seit einigen Jahrzehnten mit neuen Medien immer wieder die gleichen Versprechen auf (a) Demokratisierung, (b) massenhafte und schnelle Verbreitung und (c) wirtschaftliches Potential aufkommen, obgleich sie sich im Zeitverlauf als ungenügend herausstellen. [Schrape, Jan-Felix / Wiederkehrende Erwartungen : Visionen, Prognosen und Mythen um neue Medien seit 1970 (Kleine Reihe). Boizenburg: vwh, 2012] Die Voraussagen bei Videorekorden, BTX und Web 2.0 waren ähnlich, die Ergebnisse auch: Die Medien hatten einen Einfluss, aber nie den, der vorhergesagt wurde. Weder trat mit ihnen alleine Demokratisierung ein, noch wurden sie zu den Geldmaschinen oder verbreiteten sich in der Geschwindigkeit, die vorausgesagt wurde. Und in gar nicht so langer Zeit waren sie dann wieder überholt. Trotzdem kamen die Versprechen jedesmal neu auf, so als hättte es ähnliche Hypes mit ähnlichen Argumenten nicht schon zuvor gegeben.

Schrapes argumentiert nun, dass es Aufgabe des Sozialwissenschaften sei, nicht einfach auf die Versprechen des nächsten Mediums aufzuspringen, sondern kritisch zu bleiben und auf die vergangenen Medienhypes zu verweisen, aber das kann man getrost auf Bibliotheken und Bibliothekswissenschaft übertragen. Hierzu allerdings muss ein Wissen über die Medienhypes, Versprechen und späteren Realitäten vorliegen, das – ohne die tatsächlichen Potentiale jeweils neuer Medien zu übersehen – bei den nächsten Medien (aktuell wohl wieder einmal E-Books und Patron Driven Acquision) erinnert werden müsste.

Dirk von Gehlen betonte desletzens in einer Veranstaltung in Zürich zu seinem Buch Mashup: Lob der Kopie, dass auch die negativen Versprechen sich bei vielen Medien widerholten. Als gedruckte Bücher aufkamen, so sein Beispiel, gab es mehrere Stimmen, die darauf hinwiesen, dass damit zuviele Informationen produziert würden, die weder von den Menschen gewünscht wären noch verarbeitet werden könnten, einfach weil es zuviele wäre. Das ist tatsächlich interessant, wenn heute bei weit grösserer Buchproduktion davon ausgegangen wird, dass das Internet eine Informationflut bedeuten würde (und nicht der Buchmarkt, der jetzt offenbar okay ist), die von den Menschen nicht bewältigt werden könnte.

Bücher und Bibliotheken

In der Broschüre Bücher und Bibliotheken versuchte Alfred Tschabold 1946 in die Nutzung von schweizerischen Bibliotheken einzuführen. [Tschabold, Alfred / Bücher und Bibliotheken : Eine praktische Wegleitung zum Benützen und Auswerten. Thalwil-Zürich: Emil Oesch-Verlag, 1946] In der Broschüre finden sich selbstverständlich viele veraltete Angaben zu Beständen und Ausleihbedingungen grosser Bibliotheken, es wird in Zettelkataloge eingeführt und Katalogisierungen vorgestellt, die heute nicht mehr vorgenommen werden. Aber es finden sich auch solche Absätze:

Die Berufsbildung liegt im Interesse des Einzelnen und des Staates. Das berufliche Lernen darf nicht mit der Lehre abgeschlossen werden. Weiterbildung fördert den Berufsmann und führt ihn vorwärts. […]

„Les voyages forment la jeunesse“, hiess es in der guten alten Zeit. Die Zeiten, da der junge Berufsmann auf die Wanderschaft ging, sind vorüber. Die Verhältnisse des Arbeitsmarktes haben sich gewandelt.

Bücher und Bibliotheken haben eine neue Aufgabe zu erfüllen. Die Weitung des Horizontes, das Vertrautmachen mit den Lebensgewohnheiten, der Kunst, Technik, Kultur und Wissenschaft fremder Städte und Länder muss weitgehend durch die Bücher vermittelt werden. „Les livres remplacent les voyages“ ist man heute versucht zu schreiben.

Schulung ist Pflege und Förderung der Verstandeskräfte, des Wissens und Könnens in Beruf und Leben. Die Jahre nach der Lehre müssen Jahre der Weiterbildung sein. Der Ueberdurchschnittliche [sic!] wird Fachkenntnisse erweitern, nach Neuerungen und Verbesserungen forschen wollen. Der fleissige, begabte Arbieter trachtet nach der Meisterprüfung; Strebsame werden sich Vorgesetzten-Fähigkeiten aneignen. Berufsmann und Bürger müssen die Zusammenhänge der Volkswirtschaft erfassen lernen. Das Wissen um die Rechte und Pflichten von Meister und Geselle verlangt das Studium von Büchern. Hausfrauen und Angestellte haben in Familie und Beruf Aufgaben zu lösen, wobei ihnen Bücher und Bibliotheken helfen können. (Tschabold 1946, S. 10f.)

Das ist zwar eine wenig andere Terminologie – halt noch sehr Geistige Landesverteidigung, ausserdem Hausfrauen ohne Hausmänner, Berufsmänner ohne Berufsfrauen –, aber eigentlich ist das genau die gleiche Idee, die heute als Lebenslanges Lernen verkauft wird. Weiterlernen nach der Ausbildung. Warum? Wegen der „Verhältnisse des Arbeitsmarktes“, die sich gewandelt hätten. Wozu? Um in „Beruf und Leben“ besser dastehen zu können. Vor allem Beruf, dann erst irgendwie das Leben. Und dies in einem Buch zur Benutzung der Bibliotheken, denen eine wichtige Aufgabe bei der Umsetzung dieses Gedankens zugeschrieben wird.

Wie kann das sein, dass 1946 (in der Schweiz, anderswo in Europa war die Situation etwas anders) etwas als sinnvoll verstanden wird, weil es ein neuer Gedanke wäre, während es auch 2012 als neuer Gedanke, der aufgrund der „Verhaltnisse des Arbeitsmarktes“ notwendig sei, gilt? Einfach weil es nicht neu im Sinne von einmalig ist, sondern weil man es als neu gegenüber einer Vergangenheit verstehen kann, die so, wie man sie darstellt bestimmt nicht gewesen ist. Das vorgeblich Neue, dass in Texten zu Lebenslangem Lernen und Bibliotheken als Ergebnisse einer vorgeblich neuen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt beschrieben wird, ist nicht per se neu. Deshalb wäre es auch sinnvoll, zurückzublicken und zu schauen, wieso dieses „Neue“ als neu formuliert wird, was sich wirklich gerade verändert und verändert hat, wie Bibliotheken früher auf diese Vorstellungen reagiert haben und vor allem, was diese früheren Strategien eigentlich gebracht haben.

(Das lässt sich mit der gleichen Broschüre und „Informationskompetenz“ übrigens auch zeigen, nur klingen die Zitate dazu nicht ganz so schön ungleichzeitig.)

Bibliotheksgeschichte neu fassen

Ausser zu zeigen, wie falsch manche Behauptungen über Neuheiten im Bibliothekswesen sind, sollte dieser Text eigentlich nichts. Sicherlich kann man tiefer hinabtauchen, aber darum geht es hier nicht. Kurz sollte nur gezeigt werden, welche Form von Bibliotheksgeschichte sinnvoll wäre, würde sie mehr betrieben: Eine, die sich nicht hauptsächlich auf einzelne Institutionen konzentriert, sondern auf Ideen, Konzepte und Diskurse. Es scheint, als wäre das ein lohnendes Feld der Bibliotheksgeschichte, die auch die heutige Praxis korrigieren und verbessern könnte.

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