Zahlen, was ich wichtig finde. Das Netz als Tool zur Spendenorganisation.

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Fernsehkritik.tv – eine der erfolgreichsten Internetserien in Deutschland, welche im letzten Jahr immerhin den Grimme-Pubikumspreis gewann – hat seine Ankündigung wahr gemacht und ein Bezahlsystem für seine Homepage eingeführt. Dieses Bezahlsystem ist ein gutes Beispiel für den Trend zur Mikrofinanzierung gesellschaftlichen Engagements über und im Zeitalter des Internet. Es verhindert nicht wirklich den Zugang zu Content, aber es ermöglicht, sehr schnell die Projekte, die jemand wichtig erscheinen, finanziell zu unterstützen.

 Die Couch bei fernsehkritik.tv, auf der man die aktuellste Folge einige Tage früher sehen kann.

Fernsehkritik als Beispiel

Die Lösung bei Fernsehkritik.tv besteht darin, dass man sich für einen geringen Betrag einen Account erstellen kann, über welchen man den Zugang zur jeweils aktuellen Folge einige, wenige Tage früher erhält, als diejenigen Nutzerinnen und Nutzer, die nichts bezahlen wollen. In diesem früheren Zugang zu einer qualitativ leicht besseren Version einer Folge besteht der ganze sichtbare Gewinn dieses Accounts. Wer einige Tage wartet, braucht nichts zu bezahlen, sondern schaut sich kurz Werbung an, bevor die Folge läuft.

Trotzdem wird die Möglichkeit genutzt werden. Fernsehkritik.tv ist beliebt, in den letzten Monaten fanden mehrere regionale Fantreffen mit den Machern der Serie statt, die gut besucht waren; das Forum der Seite ist beständig in Benutzung; teilweise kommt die Kritik am aktuellen Fernsehen, gerade auch dem öffentich-rechtlichen, sowie der GEMA auch an den betreffenden Stellen an – obgleich sie dies wohl nie zugeben würden. Diese Popularität erkauft sich das Projekt neben sehr intensiver Arbeit mit hohen Kosten, sowohl im Bezug auf Streamingkosten als auch auf Gerichtskosten für Klagen von kritisierten Firmen. Der Versuch, diese Kosten unter anderem mit Hilfe dieses Finanzierungssystems zu refinanzieren, geht einher mit einer großen Transparenz: Immer wieder stellt „Der Fernsehkritiker“ in den einzelnen Folgen, im Forum und im Blog der Homepage die aktuelle Situation im Bezug auf finanzielle Engpässe dar, gerade auch, wieso sie anfallen. Und damit stellt er die Nutzerinnen und Nutzer direkt vor die Entscheidungen: Wollen sie, dass die Sendung bleibt, können sie diese unterstützen. Das ist keine Drohung, sondern die Realität eines solchen Projektes.

 

The Long Tail of Social Engagement

Wie gesagt ist Fernsehkritik.tv ein Einzelfall, allerdings einer, der mit diesem Bezahlkonzept wohl wirklich sein Überleben sichern wird. Das dieses Konzept aber denkbar und sinnvoll wurde, steht für eine Entwicklung, die nicht unterschätzt werden sollte. So, wie Chris Anderson vor einigen Jahren in The Long Tail [Anderson, Chris / The Long Tail : Why the Future of Business is Selling Less of More. – New York : Hyperion, 2006] die These aufstellte, dass sich mit den Mikrogeschäften, welche sich auf das Internet und damit einer potentiell viel größeren Käuferinnen- und Käuferschicht stützen und dabei Lagerkosten gering halten können, neue Verkaufsmöglichkeiten insbesondere für selten gehandelte Güter entstanden seien, die es beispielsweise möglich machen, von der Herstellung von Kuschelmonstern oder mit Spezialdruckereien im Netz zu überleben, hat sich auch für die Finanzierung von gesellschaftlichen Initiativen (zu denen hier Fernsehkritik gezählt werden soll) eine ganze Anzahl von Möglichkeiten entwickelt, mittels des Einsammelns von Mikrobeträgen politische oder gesellschaftliche Projekte zu unterstützen.

Sicherlich: Spenden an Projekte, die man unterstützen wollte, waren immer möglich. Aber es ist eine Transformation zu beobachten: Den Spendenden wird immer öfter transparent klargemacht, was genau sie mit ihrem Geld unterstützen können. Helpdirect ist zum Beispiel eine von mehreren ähnlichen Seiten, auf denen verschiedenste unterstützungswürdige Projekte vorgestellt und ein direktes Spenden ermöglicht wird. (Sicherlich wird hier auch viel Unsinn betrieben. So macht beispielsweise der christlich-fundamentalistische Verein „Geschenke der Hoffnung“ auf dieser Seite Werbung für seine Projekte, ohne klarstellen zu müssen, dass er seine Arbeit immer mit einer Evangelisierungskampagne vor Ort zu verbinden sucht, obwohl das keine unwichtige Nebensächlichkeit ist.) Flattr.com basiert direkt auf der Idee, Geld an Internetprojekte zu spenden, und zwar gerade Mikrobeträge.

Wen ich bezahle, ist eine politische Entscheidung, die ich aufgrund von Kommunikation treffe

Dabei geht es nicht nur um Geld. Wir leben bekanntlich in einer Gesellschaftsform, in welcher der Großteil der sozialen Beziehungen marktförmig organisiert ist. Oder anders gesagt: Über den Tausch von Geld funktioniert. Wem ich Geld gebe, ohne dafür einen direkten Gegenwert zu erwarten, ist eine politische Entscheidung. Auch wenn es sich nur um geringe Beträge handelt, ermöglicht gerade das Netz offenbar, dass viele Menschen relativ schnell klare Entscheidungen darüber Kundtun, was sie gesellschaftlich richtig und unterstützungswert finden.

Diese eher technische Entwicklung geht nicht nur mit einer immer größeren Transparenz bei zumindest einigen Initiativen einher, sondern auch mit einer langfristigen Veränderung des Ehrenamtes. Bekanntlich wandelt sich das Ehrenamt zum bürgerschaftlichen Engagement. Obgleich es weiterhin viele Menschen gibt und geben wird, denen es vor allem wichtig ist, sich ehrenamtlich zu engagieren, nicht so sehr, wo; gibt es auch immer mehr Menschen, die ein Engagement von Ihrer Seite aus als gesellschaftliche Entscheidung ansehen. Sie engagieren sich zielbezogen und eher in Projekten als in potentiell unendlichen Aufgaben. Eher also in einer Gruppe, die einen Spielplatz kindgerecht aufbaut als bei einem Sportverein als Trainerin oder Trainer. Dieser Trend ist seid Jahren zu beobachten: Während die Zahl der Engagierten bei Parteien und etablierten sozialen Organisationen, die auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen sind, zurückgehen, nimmt die Anzahl der bürgerschaftlichen Projekte und Engagierten zu. Dies geht einher und ist gleichzeitig bedingt (im bekannten Henne-Ei-Paradigma) mit dem Zuwachs an politischer und organisatorischer Kompetenz (hier tatsächlich als Kompetenz im Sinne der Verbindung von Fähigkeiten, Wissen, kritischem Bewusstsein und intrinsischer Motivation gemeint) bei einer steigenden Zahl von Menschen. Oder anders ausgedrückt: Mit einer Zunahme der basis-demokratischen Tendenz innerhalb der Gesellschaft.

Die Menschen engagieren sich vor allem da, wo sie es als sinnvoll ansehen. Dazu verlangen sie aber auch eine möglichst große Transparenz und zumindest potentiell Mitbestimmungsmöglichkeiten, auch wenn diese indirekt über aktive Foren geboten werden und nicht über klare Abstimmungsbestimmungen auf Vereins- oder Parteisitzungen.

Diese beiden Trends – die Zunahme des bürgerschaftlichen Engagements, auch außerhalb von festen Strukturen und die technische Machbarkeit des einfachen Mikropayments – treffen nun in den letzten Jahren im Netz zusammen. Das sich das Engagement im Netz dadurch verändert hat, ist jetzt schon zu sehen. Dass beispielsweise, wie im Aufhänger vermerkt, Fernsehkritik.tv sich ein solches Bezahlsystem geben konnte, ohne dass dies irgendwelche Proteste hervorrief, sondern als berechtigt akzeptiert wurde für die Arbeit, welche mit dem Magazin geleistet wird, ist dafür nur ein sehr greifbares Beispiel. Mikropayments sind zum akzeptierten Mittel des gesellschaftlichen Engagements geworden, Transparenz in der Arbeit von Initiativen zum Teil auch. In gewisser Weise hat sich ein weiteres Stück Kommunikation in die Beziehung zwischen Aktiven in und Unterstützenden von gesellschaftlichen Initiativen etabliert.

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