Selfpublishing-Verlage ziehen schlimme Menschen an. Eine Polemik.

Bei der gestrigen Langen Buchnacht in Kreuzberg stellte unter anderem ein Selfpublishing-Verlag seine Angebote in einer Präsentation vor. Der Name ist egal, denn bei anderen Selfpublishing-Verlagen wird es ähnlich sein; auch ist es irgendwie vertretbar, dass so ein Verlag eine explizite Kulturveranstaltung für eigene Werbung nutzt, immerhin haben auch die anderen Verlage ihre Büchertische bei den Lesungen ihrer AutorInnen aufgestellt und der Selfpublishing-Verlag bot selber neben der Produktpräsentation Lesungen an. Zudem muss ein solcher Verlag Werbung für die Selbstpublikation machen, schließlich ist das sein Produkt.

Ich habe die Präsentation aus Interesse gesehen. Nicht, weil ich literarische Ambitionen hätte, sondern um die Unterschiede zwischen diesen und „richtigen“ Verlagen einmal live zu sehen. Das war unerfreulich. Noch nicht einmal wegen der aktuellen Produkte und Arbeitsabläufe, die vorgestellt wurden. Dass man selber zu Layouten hat, außer man zahlt mehr; dass man selber Korrektur zu lesen hat, außer man zahlt mehr; dass man selber für sein Buch Werbung machen muss – geschenkt. Das ist es ja, was man von solchen Verlagen erwartet. Unangenehm war das ständige Grinsen und gut-drauf-sein der hippen, jungen Verlagsangestellten. (Die ehrlich gesagt so hip nun auch nicht waren, aber vielleicht bin ich da zu Berlin-verwöhnt.) Sie strahlten die ganze Zeit weniger ein Interesse an Kultur, Büchern, Literatur aus, sondern eigentlich nur eine Verkaufs- und Dienstleistungsmentalität. Der Verlag halt als reines Unternehmen und weniger als Literaturhaus, aber auch das sehr unentspannt im Gegensatz zum Beispiel in den Kleinverlagen, die ich sonst so näher kenne. Andererseits war dieser Habitus auch vollkommen passend. Und zumindest die Bücher, die dieser Verlag ausgelegt hatte als Beispielprodukte, waren qualitativ vollkommen tragbar, teilweise tatsächlich überraschend kreativ. Insoweit habe ich vielleicht einfach zu wenig diverse Vorstellungen von Verlagsarbeit, dass mir dieser Habitus überhaupt als negativ aufgefallen ist. Zugleich muss man diesem Verlagsmodell zugute halten, dass hier sehr schnell klar wird, was man kauft und was nicht – im Gegensatz zu anderen Verlagen, wo teilweise Leistungen nicht erbracht werden, man das aber sehr spät herausfindet. (Ich schaue da mal heimlich zu einigen Wissenschaftsverlagen ‚rüber, die im Ruf stehen, die Korrektur und das Lektorat praktisch eingespart zu haben.)

Wobei kaufen das richtige Stichwort ist. Wirklich unangenehm scheinen die Menschen zu sein, die sich für diese Selbstpublikationsverlage und deren Angebote interessieren. Selbstverständlich gibt es immer auch sinnvolle Projekte – beispielsweise zahlreiche Jahrbücher und Kataloge, die in diesem Verlag gedruckt und weit qualitativer verarbeitet sind, als die Jahrbücher und Kataloge aus dem Copyshop – und Menschen, die Bücher aus Interesse verlegen. Bei der Veranstaltung gestern fiel allerdings auf, dass die Menschen die ganze Zeit von den Kosten redeten beziehungsweise davon, was sie verdienen könnten. Kein Wort während der ganzen Veranstaltung fiel über Inhalte, keines über Literatur oder pädagogische Zielsetzungen oder Ähnliches. Einzig, wie der Verlag finanziell gegen andere Verlage stehen würde, wo man mehr verkaufen könnte, wo man Dinge einsparen könnte – das schien von Interesse zu sein. Das ganze inklusive einiger Menschen, die immer wieder betonen mussten, dass sie schon soundsoviel Bücher im Selbstverlag publiziert hätten (Ist das eigentlich etwas, worauf man stolz sein kann, heutzutage?), die aber trotzdem in diese Veranstaltung gingen, wohl um zu schauen, ob sie noch zwei Cent sparen oder irgendwelche Leistungen extra kriegen und den kostenlosen Sekt trinken könnten. Zumal diese Menschen dann auch so allgemeine Sachen, wie beispielweise was eine ISBN-Nummer ist und wozu die gut sein könnte, nicht nur nicht wussten, sondern auch nicht verstanden, als es erklärt wurde.

Ich bin ja eigentlich abgestoßen von dem Gejammer, dass Dinge immer schlechter werden, die Jugend immer dümmer etc. (Und sie werden es ja auch nicht. Wie gesagt, gibt es weiterhin relaxte Kleinverlage, die Bücher aus politischen und / oder ästhetischen Interessen verlegen und ungefähr bei Plus-/Minus-Null rauskommen.) Aber es ist doch auffällig gewesen, dass diese Selfpublishing-Verlage einen sehr unschönen Menschenschlag anziehen, zumindest unschön bezogen auf ihr literarisches Verständnis. Menschen, die vergessen – oder auch nie gewusst – haben, dass Geschichten geschrieben werden, weil etwas gesagt werden muss; dass Gedichte gedruckt werden müssen, weil sie etwas aussagen; dass Photobände publiziert sein müssen, weil die ganze Welt das alles sehen muss; dass wissenschaftliche Texte gedruckt werden, um eine wissenschaftliche Kommunikation zu ermöglichen. Das Buch ist diesen Menschen zum reinen Produkt geworden, offenbar nur vorhanden, um sie zu finanzieren oder auf ihrer Publikationsliste zu stehen. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ flüstert der innere Adorno mir zu. „Die Inwertsetzung aller Produkte ist eine Konstituente der kapitalistischen Gesellschaft.“ (Mein innerer Adorno hat sich zum Teil von der Postmoderne anstecken lassen.) „Schon richtig“, raune ich zurück. Aber wie Martin Büsser immer wieder einmal betonte: Das ist auch kein Grund, nur noch falsch zu leben. Es gibt so etwas wie das falschere Leben im falschen. Und offenbar bringt das Angebot der Selfpublishing-Verlage Menschen zusammen, die sich nicht sehr um das richtigere Leben kümmern. Da mögen die Verlage nichts für können und wie gesagt, werden auch Menschen mit anderen Ansprüchen deren Angebote annehmen, aber es ist kein Menschenschlag, dem man oft begegnen möchte.

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