Ist eine bibliothekswissenschaftliche Unkonferenz notwendig? Zur frei am 10.06.2011

Ein Team aus dem Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaften der Humboldt-Universität und der Redaktion der LIBREAS ruft bekanntlich für den Freitag, an dem der diesjährige Bibliothekstag in Berlin endet, zu einer bibliothekswissenschaftlichen Unkonferenz, frei<tag>, auf. Nach dem Ende der großen Fachtagung des Bibliothekswesens soll ermöglicht werden, die Forschenden und potentiellen Forschenden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft zusammenzubringen. Die Frage, ob das sinnvoll ist, ist ein wenig rhetorisch gestellt – schließlich organisiere ich die Veranstaltung mit. Insoweit ist meine Position klar. Aber ich würde die Veranstaltung gerne noch einmal begründen.
Wichtig ist: frei<tag> ist keine Konkurrenz zu irgendeiner anderen Veranstaltung. Sie ist als potentieller Anschluss gedacht. Es gab einige Stimmen, die anderes behaupteten. Aber der Grund, warum die Veranstaltung nach allen anderen Angeboten des Bibliothekstages durchgeführt wird, ist ja, dass sie sich nicht als Ersatz für irgendetwas anderes oder gar als Alternative versteht. Die Chance ist nur einfach zu gut, um sie einfach vorbeigehen zu lassen. Mit der Universität in Berlin und der Fachhochschule in Potsdam haben wir in und um Berlin wohl die größte Konzentration von bibliothekswissenschaftlich Interessierten im deutschsprachigen Raum, inklusive der Studierenden dieser Fächer. Zudem werden zum Bibliothekstag zahlreiche andere Interessierte in Berlin anwesend sein.
Gleichzeitig ist der Bibliothekstag keine wissenschaftliche Veranstaltung, trotz wissenschaftlichem Beirat. Es ist eine Fachtagung und in gewisser Weise auch ein sozialer Event. Nicht, dass die Wissenschaft gar nicht vertreten wäre. Sie ist es, aber doch sehr ausgewählt, halt unter dem Blickwinkel, was für Bibliotheken sehr praxisnah zu verwenden ist. Dieses Vorgehen ist gewiss sinnvoll. Aber: die Bibliothekswissenschaft ist selbstverständlich mehr.
Es ist nicht zu bestreiten, dass die Bibliothekswissenschaft in vielen Forschungsfragen sehr nah an der bibliothekarischen Praxis bleibt. Doch im Gegensatz zu dem Ruf, den sie teilweise hat, ist sie weder nur die Ausbildungswissenschaft für das höhere Bibliothekswesen, noch eine spezialisierte Verwaltungslehre. Wissenschaft ist, und das ist ihre explizite Differenz von der Praxis und systematisierten Verwaltungslehren, ein erkenntnisgeleiteter Prozess. Bei allen Versuchen, die Wissenschaft zu ökonomisieren oder zur reinen Beratung der Praxis zu reduzieren, kann doch als konstituierende Eigenschaft der Wissenschaft nicht gestrichen werden, dass es den wissenschaftlich Tätigen in ersten Linie um Erkenntnis geht. Sie wollen etwas herausfinden, was noch nicht herausgefunden wurde und zwar in einem strukturierten Erkenntnisprozess. Die Anwendbarkeit dieser Erkenntnisse steht nicht im Mittelpunkt der Forschung. (Deshalb entwickeln sich ja auch beständig Einrichtungen beziehungsweise Abteilungen und Projekte in und bei wissenschaftlichen Einrichtungen, die eine solche Beratungsfunktion für die Praxis übernehmen – weil sich Wissenschaft im Allgemeinen eben nicht darauf reduzieren lässt.) Ich zum Beispiel mache meine jährliche Schulbibliotheksstatistik für Berlin nicht, weil solche Daten eventuell in der politische Argumentation für Schulbibliotheken verwendet werden könnte, sondern weil ich es interessant finde zu verfolgen, wie sich die Zahl, Verteilung, Ausstattung, Zielsetzung et cetera von Schulbibliotheken entwickelt. Allerdings habe kein Problem damit, wenn jemand anders diese Daten verwendet, um politisch zu argumentieren oder aber, um einem Berliner Bezirk Schulbibliotheken zu finden. Dafür stelle ich die Daten ja auch zur Verfügung.
In diesem Zwiespalt zwischen Erkenntnis, welche Forschung vorantreibt, und der relativen Anwendungsnähe vieler Ergebnisse bewegt sich die Bibliothekswissenschaft. (Ben Kaden möchte, wenn ich es richtig verstanden habe, in seiner Reihe zu den Aufgaben der Bibliothekswissenschaft auf eine Erkenntnisfunktion fokussieren, welche etwas weiter von der direkten Praxis entfernt ist, was zu diskutieren wäre.) Aber diese von mir gerade beschriebene Differenz zwischen Erkenntnisinteresse und Praxis ist es, die es auch verständlich macht, warum die Bibliothekswissenschaft auf dem Bibliothekstag nur zum Teil vertreten ist: die Veranstaltung hat nun einmal einen anderen Fokus, als es ein explizit bibliothekswissenschaftliches Treffen haben könnte.
Gleichzeitig ist die Kommunikation zwischen den aktiv Forschenden in der Bibliothekswissenschaft in Deutschland nicht wirklich ausgeprägt. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir kaum, wer alles an welchen Themen arbeitet. Sicherlich versuchen wir in der LIBREAS durch unsere Schwerpunktsetzungen jeweils interessante Schwerpunktbereiche anzusprechen und haben in der Redaktion auch erfreulich diverse Interessen. Aber das reicht nicht aus, um wirklich zu sagen, was es an Forschungsrichtungen und -inhalten tatsächlich gibt. Zumal viele Bibliothekswissenschaft bis heute in den Abschlussarbeiten von Studierenden durchgeführt wird. Diese Studierenden lassen dann leider oft ihre wissenschaftlichen Interessen – falls sie vorhanden sind – nach dem Abschluss wieder fallen. Dies wird auch damit zu tun haben, dass es nicht nur kaum Karrieremöglichkeiten – und damit, sagen wir es doch einmal klarer, wenig Möglichkeiten, von der Wissenschaft zu leben – in der Bibliothekswissenschaft gibt. Es gibt auch keine richtigen bibliothekswissenschaftlichen Diskurs, der antreibend und anregend wirken könnte. Der Großteil der wissenschaftlichen Arbeit müsste neben anderen Karrieren – ob jetzt im bibliothekarischen Feld, in anderen Wissenschaften oder in angrenzenden Feldern – unternommen werden. Aber das muss nicht unbedingt schlecht sein. Die Soziale Arbeit zeigt zum Beispiel, dass das sehr gut möglich ist, wenn nur genügend Infrastrukturen aufgebaut werden, um solchen Arbeiten zu unterstützen, sei es durch kurzfristige Finanzierungen, durch Publikationsmöglichkeiten oder aber durch die Anregung von wissenschaftlichen Debatten. Auch die Forschung zur Sozialen Arbeit ist sehr eng mit der Praxis verbunden, aber nicht mit dieser identisch.
Aus dieser Situation heraus wird aber auch klar, dass man nicht einfach eine bibliothekswissenschaftliche Konferenz mit wissenschaftlichen Beirat, Themensetzung et cetera organisieren könnte. Wer sollte dort entscheiden, welche Themen sinnvoll und für die Bibliothekswissenschaft repräsentativ sind? Wer sollte entscheiden, wer alles bibliothekswissenschaftlich tätig ist und wer nicht (mehr)? Zumal: das Unkonferenzen funktionieren können und Ergebnisse hervorbringen, hat nicht nur die Free Software Bewegung gezeigt, sondern im Bibliothekswesen auch sehr explizit das Bibcamp, welches heutzutage als verankert angesehen werden kann.
Deshalb – und selbstverständlich auch, weil wir in gewisser Weise der junge Nachwuchs sind, der alles anders machen will (beziehungsweise machen wollen muss, dass ist ja oft auch eher eine Annahme, dass der Nachwuchs immer erst einmal alles ändern will) – wollen wir diese Unkonferenz veranstalten. Diejenigen, die sich auch für die „reine Bibliothekswissenschaft“ oder die Grauzone zwischen Erkenntnisinteresse und Anwendungsbezug interessieren, sollen die Möglichkeit haben, zusammen zu kommen und einmal zu bestimmen, welche Themen und Forschungsfragen für sie interessant sind. Es soll auch (wieder einmal) ein Anstoß gegeben werden, die Bibliothekswissenschaft von ihrem Image als Verwaltungslehre zu befreien und klar zu machen, dass der Bereich Bibliothek und Information genügend Raum für wissenschaftliche Fragestellungen gibt. Zudem soll die Nähe zum Bibliothekstag klar machen, dass zwar eine Differenz zwischen Praxis und Forschung besteht, aber keine, die nicht immer wieder in beide Richtung überschritten werden könnte, wenn die Spezifika beider Bereiche akzeptiert werden.
Letztlich ist dieses Posting also auch eine Einladung, nach dem Freitag des Bibliothekstages (an dem ich übrigens meinen Vortrag halte, falls das jemand interessiert: früh morgens in der 9.00 Uhr Session zur Leseförderung – was nicht ganz dem Thema „Grenzen der Bildungswirkungen“ entspricht, aber so ist das halt), nach Mitte zur frei<tag> zu kommen. Es wird gewiss eine interessante Veranstaltung.

frei<tag>: 10.06.2011, 14-18 Uhr, im Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, Dorotheenstraße 26 (Bahnhof Berlin-Friedrichsstraße)
Mehr Informationen und Wiki zur weiteren Planung: www.bibliothekswisschaft.eu
Die Einladung zum Ausdrucken: [hier]
Logo zu frei<tag>

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