Wie die Freie Software Bewegung einmal aus dem Oracle auszog ins gelobte Land der Freiheit. Eine Pessachgeschichte (quasi).

Zur Pessachzeit passt eine aktuelle Geschichte, die erzählt zu werden lohnt, denn sie zeigt, dass man sich nicht immer den Vorstellungen anderer unterordnen muss, um erfolgreich zu sein. Es ist eine Geschichte davon, wie ein wichtiges Projekt der Freien Software Bewegung einmal zu einem finanziellen Zugpferd einer großen Software-Firma werden sollte, sich aber von diesem Schicksal befreite und am Ende richtig gewann.
Die ganze Geschichte begann mit einigen Gerüchten im Frühjahr 2009. Oracle, eine Firma, die mit Datenbanksystemen und Bürosoftware groß geworden ist, hätte vor, Sun Mircosystems zu kaufen.
Sun war vor allem eine Hardwarefirma, die aber auch Software verkaufte. Seit Längerem folgte Sun einer Open Source Strategie: Freie Software wurde teilweise massiv gefördert, Entwickler für diese Software wurden extra angestellt. Dabei profitierte Sun von der Verbreitung dieser Software, aber auch von den Entwicklerfähigkeiten, die in den Open Source Communities vorhanden waren. Bekannt war das Betriebssystem OpenSolaris, welches eine freie Version der jeweils aktuellen Entwicklungsversion des von Sun vertriebenen Betriebssystems Solaris darstellte. Hier wurden Neuigkeiten getestet und – so zumindest die Theorie – Verbesserungen integriert, die dann dem kommerziellen Produkt Solaris eingegliedert wurden.
Den guten Ruf von Sun in der Freien Software Bewegung etablierte allerdings ein anderes Produkt: OpenOffice.org. 1999 hatte Sun den Hersteller der Office-Suite StarOffice gekauft, 2000 wurde – obgleich StarOffice weiter verkauft wurde – mit OpenOffice.org eine Open Source Variante veröffentlicht. Diese hatte besonders am Anfang ihre Probleme, aber durch die massive Förderung von Sun, die Entwickler – und bestimmt auch Entwicklerinnen – einstellte, eine Community organisierte und OpenOffice.org massiv bewarb, wurde das Programm zu einem der Vorzeigeprogramme der Freien Software Bewegung. Für die breite Öffentlichkeit gab es in der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts neben Firefox wohl kein anderes Programm, dass die Potentiale Freier Software besser repräsentierte, als OpenOffice.org. (Das hat sich durch Google, genauer Chrome und Android, etwas geändert. Aber die erschienen beide erst 2008 das erste Mal.)
Selbstverständlich gab es auch immer Bedenken. War es gut, dass die Community direkt bei einer Firma angesiedelt war, auch wenn die Firma offensichtlich ein sehr großes Interesse an Freier Software hatte? War OpenOffice.org tatsächlich die bestmögliche Office Suite? (Es gab und gibt daneben auch immer andere freie Office Suites wie Abiword. [http://www.abisource.com] Die Alternativen beschränkten sich nie auf Word oder OpenOffice.org, auch wenn manchmal dieser Eindruck entstand.) Aber alles in allem war OpenOffice.org eine sehr gute Werbung für Freie Software und das dahinter stehende Modell: Eine sinnvolle und nutzbare Office Suite und ein Firma, die trotz der massiven Förderung von Freier Software Geld verdiente. Eine Symbiose.

Die dunklen Wolken ziehen auf am Sommerhimmel
Allerdings verdiente Sun nicht genug Geld (was nicht unbedingt an der Freien Software lag). Zumindest gab es länger anhaltende Probleme mit der Firma und im Januar 2010 kaufte Oracle – nachdem auch andere Bieter im Gespräch waren – Sun. Nun hatte Oracle in der Freien Software Bewegung nicht den guten Ruf, den Sun hatte, aber auch nicht den schlechtesten. Oracle ist nicht Mircosoft. Es war also nicht so richtig klar, was mit der OpenSource-Strategie von Sun geschehen würde, zumal Sun nicht vollständig in Oracle eingegliedert, sondern als Tochterunternehmen weitergeführt werden sollte.
Im Januar 2010 verkündete Oracle noch, dass weiterhin Geld in Open Source Projekte investiert werden sollte. Aber es wurde sehr schnell klar, dass die Firma eine andere Strategie hatte. Den Anfang macht OpenSolaris. Im August 2010 wurde klar, dass es nicht weitergeführt würde, im August löste sich das OpenSolaris Governing Board auf, nachdem Oracle quasi jede weitere Kommunikation verweigert hatte. Es wurden mit Illumos und OpenIndiana Projekte gestartet, um OpenSolaris außerhalb von Sun/Oracle am Leben zu halten. Die Frage drängte aber: was wird mit OpenOffice.org geschehen?
Im Sommer 2010 sah es noch relativ gut aus. Die erste neue Version mit Oracle aus Hauptsponsor der Community (Version 3.2.1) wurde veröffentlicht. Auch wurde der nächste größere Versionssprung auf die Version 3.3 angekündigt.
Doch zu dieser Zeit gab es schon intern große Spannungen zwischen Oracle und Community, die auch an die interessierte Öffentlichkeit drangen. Oracle hatte klar gemacht, dass sie die Oberhand über OpenOffice.org verstärkt ausüben wollten. Es ging darum, aus OpenOffice.org ein kommerziell erfolgreiches Produkt zu machen, bei dem eine bezahlte Version weit vor einer jeweils freien Version erscheinen sollte. Das ist kein ungewöhnliches Modell und Oracle wollte offenbar von dem guten Namen OpenOffice.org profitieren. Allerdings: die Community wollte dies nicht. Sie hatte nicht an der Suite gearbeitet, damit jetzt eine Firma, die noch nicht einmal richtig in diese investiert hatte, aus ihr Profit schlagen konnte.

Let my people go
Das Unbehagen mit Oracle zog sich eine Weile hin, dann entschloss sich ein großer Teil der Community zum nächsten Schritt: Sie gründeten eine Stiftung, die Document Foundation. Diese Stiftung sollte die Arbeit an OpenOffice.org weiterführen. Auch das ist kein neues Modell: die Linux Foundation und die Free Software Foundation sind nur die zwei größten Stiftungen der Freien Software Bewegung. Es gibt hunderte andere, die sich damit beschäftigen, einzelne Software zu entwickeln und zu verbreitetn. Allerdings ist der Schritt, eine Community quasi auszugründen immer ein gewagter. Die Stiftung hoffte darauf, dass Oracle auf diesen Schritt positiv reagieren würde und lud die Firma ein, der Stiftung beizutreten und die Rechte am Namen OpenOffice.org mit einzubringen. (Die Software selber stand und steht unter einer freien Lizenz, so dass es ohne Probleme möglich war, diese weiter zu pflegen beziehungsweise zu forken.) Oracle allerdings lehnte ganz offen ab und verkündete, OpenOffice.org künftig selber herausgeben zu wollen.
Daraufhin begann der Exodus. Die Entwickler und Entwicklerinnen verließen Oracle und wechselten zur Stiftung. 40 Tage und 40 Nächte berieten sie und kamen mit dem Plan hernieder, die Office Suite unter einem neuen Namen weiter zu betreiben: LibreOffice wurde geboren. Firmen aus dem Open Source Bereich traten sehr schnell der Stiftung bei. Es war eine Wüste, durch die die Open Source Community schritt, aber dann brannte ein Busch und veröffentlichte im September 2010 die ersten Zahlen und es teilte sich das Wasser vor ihnen: 80.000 mal wurde die erste Beta-Version des ersten LibreOffice allein in der ersten Woche heruntergeladen.
Der Pharao Oracle spie Gift und Galle: Wer sich an der Document Foundation beteilige, könne sich nicht gleichzeitig an der OpenOffice.org-Community beteiligen. Wer immer das Projekt verlassen würde, wäre ersetzbar. Noch im März 2011 ließ der Pharao verkünden, dass die Personalverluste praktisch ausgeglichen worden seien.

I’ve Been to the Mountaintop
Doch alles dies half nichts. Die Document Foundation hatte auf dem Berg gestanden und im Tal das gelobte Land der Freiheit und Selbstbestimmung gesehen. Es gab kein Zurück. LibreOffice bekam ein neues, helleres Aussehen – den Engeln gleich in weiß – und es erschienen nach und nach Release Candidates für das erste richtig LibreOffice. Oracle hielt im Dezember 2010 der Veröffentlichung der Version 3.3 von OpenOffice.org dagegen. Aber gerade dort, wo sich die meisten Entwicklerinnen und Entwickler tummeln, die zur Weiterentwicklung des Programms hätten beitragen sollen, reagierte man negativ auf Oracle: in der Open Source Bewegung selber. Beispielsweise entschieden quasi all die Linux-Distributionen, die bislang OpenOffice.org als Standard-Office-Suite benutzten, zu LibreOffice zu wechseln, nachdem im Januar 2011 die erste stabile Version erschienen war. Ubuntu tat es, OpenSuse tat es, Fedora tat es – und dies ging immer so weiter, wenn eine Distribution in den letzten Monaten grundlegend geupdatet wurde.
Die Hoffnung von Oracle, OpenOffice.org unter Kontrolle halten und damit Geld machen zu können, schwand immer mehr. Ende März 2011 veröffentlichte die Document Foundation ihren ersten Halbjahresbericht und konnte fast nur Positives berichten. Alles sah danach aus, als würden sich aus dem alten OpenOffice.org zwei unterschiedliche Office Suite entwickeln. Eine betreut von der Stiftung, eine von Oracle. Doch dann geschah das – etwas verführte – Pessachwunder: Oracle gestand praktisch ein, dass die Kommerzialisierungs-Strategie bei OpenOffice.org nicht aufgegangen war. LibreOffice im gelobten Land prosperierte, während OpenOffice.org am Leben erhalten werden musste. Am 16.04. kündigte das Unternehmen an, OpenOffice.org einer freien Community zu übergeben. Keine kommerzielle Version mehr, so eine – jetzt schon nicht mehr zu erreichende – Meldung. Genau das, was die Firma vor einigen Monaten noch explizit abwehrte, will sie jetzt einführen. Doch die freie Community kam nicht einfach zurück. Vielmehr lud sie Oracle ein, der Document Foundation beizutreten. Ansonsten würde sie einfach weiter machen wie geplant. Schließlich entwickelt sich LibreOffice ganz prächtig. Es wurde verschont von dem Untergang.

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