Netzaktivismus ja, aber fehlende Forschungspraxis

Der Netzaktivismus – als Sammelbegriff der gesamten quasi-politischen Aktivitäten im Internet – ist aktuell zu Recht oft Thema der Berichterstattung. Einerseits ist das alles immer noch neu und in bestimmten Zusammenhängen offenbar erfolgreich, andererseits ist auch schon wieder alt genug, um über die Realität des Netzaktivismus zu reflektieren. Der Medienkongress, den vor allem die taz letztes Wochenende in Berlin veranstaltete [http://www.heise.de/newsticker/meldung/Die-Blogger-Revolution-spricht-1224939.html], war dafür ein ganz gutes Beispiel: Da finden in der arabischen Welt Revolutionen statt, die mit dem dortigen Netzaktivismus eng zusammenhängen, gleichzeitig werden in Demokratien wie Deutschland Bewegungen wie die Anti-Stuttgart-21-Kampagne sehr einflussreich, auch weil sie auf den Aktivismus im Netz basiert und zahllose Menschen sind von alldem begeistert – und dann macht eine Zeitung, die einst als Medium einer Gegenöffentlichkeit angetreten war, aber über die Jahre ihr kritisches Potential praktisch auf Bioladentipps und Gutmenschentum reduziert hat [1] und bis heute noch nicht mal weiß, ob sie diese arabischen Revolutionen gut finden soll oder nicht, einen Kongress darüber, der selbstverständlich mit der Haltung: „Ist ja alles ganz schön und gut, am Anfang viel zu wollen, dass wollten wir auch mal, aber irgendwie ist dann auch mal gut“ einhergeht. Wie gesagt: dass passte.

Eines der großen Probleme bei allem Netzaktivismus ist ja, dass es bei allen Erfolgen immer auch zahlreiche Bedenkenträgerinnen und -träger gibt, die fragen, was das jetzt eigentlich bringt und was daran neu sein soll. Die taz ist da halt eine der besten Beispiele, weil sie dieses Bedenkentragen schön selbstironisch verpacken und trotzdem mit einigem Recht sagen kann, dass sie selber ein gutes Beispiel dafür ist, warum es halt nicht nur Gemecker, sondern ein sinnvolles Fragen ist, das quasi aus der historischen Erfahrung hergeleitet werden kann.

Selbstverständlich: alles ist komplex. (Außerdem: Remember McLuhan.)

Ganz so einfach ist es selbstverständlich nicht. Der Netzaktivismus ist keine Kopie des Aktivismus in Alternativmedien, auf der Straße, den Vereinen und Parlamenten. Zudem sind sich die Aktivistinnen und Aktivisten im Netz bewusst, was es für andere Formen de Aktivismus gab und gibt, welche nicht gehaltenen Versprechen, aber auch – dafür steht die Freie Software beispielsweise als Erfolg ja auch – welche Möglichkeiten tatsächlich im Netzaktivismus stecken. Sie reflektieren die Erfahrungen des vorhergehenden Aktivismus. Insbesondere erheben sie kaum noch den Anspruch, die einzig sinnvolle und funktionierende Form des gesellschaftlichen Aktivismus zu sein.

Zumal in dem Jahr, in welchem Marshall McLuhan 100. Jahre alt geworden wäre, kann man daran erinnern: The content of a medium is always another medium. Das gilt beim Netzaktivismus mit erschreckender Genauigkeit. Wir reden vom einem explizit neuen Medium, dass aber als Inhalt die alten Medien aufgenommen und in quasi dialektischer Weise transformiert hat.

Henrik Serup Christensen hat in der Februar-Ausgabe der First Monday zu diesem Thema eine zusammenfassenden Text geschrieben: Political activities on the Internet: Slacktivism or political participaton by other means? (In: First Monday 16 (2011) 2, http://www.uic.edu/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/article/view/3336/2767) fragt danach, was einerseits das neue am Netzaktivismus ist, gleichzeitig aber auch, was an welchen Vorwürfen, die dem Netzaktivismus gemacht werden, berechtigt ist. Es fehlt dem Text in gewisser Weise ein eigenständiges Ergebnis, aber ansonsten ist er als sehr tiefgehender Überblicktext unbedingt zur Lektüre zu empfehlen.

Christensen bemerkt, dass sich die Forschungen zum Netzaktivismus auf die westlichen Demokratien beschränken. Das ist einsichtig, nicht nur, weil der Text wohl vor den arabischen Revolutionen geschrieben wurde, sondern weil sich auch die Fragen anders stellen. In einer etablierten Demokratie, in welcher – bei allen realen Einschränkungen – die Teilhabe an der Gesellschaft durch Alle als positives Merkmal angesehen und direkt gefördert wird, wo teilweise sogar die Politik sich über zu wenig politische Teilhabe beschwert, meint beim Netzaktivismus immer auch etwas anderes, als Bewegungen, die sich einen freien Diskussions- und Meinungsraum in Diktaturen erst erkämpfen müssen.

Netzaktivismus: Was ist das? Ist das schecht?

Im Text selber stellt Christensen fest, dass sich die Bedeutung von politischem Engagement durch das Netz geändert hat. Zum einen heißt „sich engagieren“ etwas anderes, als zuvor. Zum anderen ist aber auch die Bedeutung des Politischen für die Einzelnen anders geworden. Gesellschaftlicher Aktivismus war immer eingelassen in soziale Praxen, historisch kann man aber eine Fortbewegung von den geschlossenen politischen Milieus (beispielsweise das sozialdemokratische Milieu: Sozialdemokratische Partei, sozialdemokratische Gewerkschaft, sozialdemokratische Baugenossenschaft, sozialdemokratischer Singe- und Turnverein, sozialdemokratische Kneipe et cetera) am Anfang des 20. Jahrhunderts über die politische Gesamtidentität eines Individuums in den 1970er Jahren („er ist ein Sozialdemokrat durch und durch“) bis hin zum gesellschaftlichen Engagement als Teil der Individualität („Sie ist Chefin, im Sportverein aktiv, Mutter sowie aktives Mitglied im Naturschutzbund und der SPD“) feststellen. Aus dieser Position heraus ist es immer einfach, mit einem älteren Politikverständnis dem jeweils Jüngeren vorzuwerfen, dass das eigentlich alles kein ernsthaftes gesellschaftliches Engagement darstellt, was von diesen jungen Menschen gemacht wird. Und genau dieser Vorwurf wird auch aus Richtung der etablierten gesellschaftlichen Initiativen und Forschenden, die ein älteres Politikverständnis haben, gegen den Netzaktivismus erhoben. Nicht ungebrochen, nicht unreflektiert, aber doch relativ kontinuierlich.

Christensen stellt dabei zwei zentrale Kritikpunkte heraus: Erstens wird behauptet, das Netzaktivismus weniger effektiv wäre als herkömmlicher Aktivismus; zweitens wird behauptet, dass der Netzaktivismus allgemein zu einem geringen Level von Partizipation führen würde – sowohl was die Anzahl der Aktiven angeht als auch die Form des Engagement. Es wird postuliert, dass die Menschen eher die Formen gesellschaftlichen Engagements wählen würden, die weniger Aufwand, persönlichen Einsatz und langfristige Mitarbeit erfordern würden. Also eher auf einen „I like“-Button drücken, als an einer Demonstration teilnehmen, lieber ein Blog aufsetzen und drei Monate lang betreiben als über Jahre in Plena und Planungsgremien zu verbringen.

Aber stimmt das überhaupt? Selbstverständlich ist die Antwort nicht einfach und eindeutig zu geben. Aber letztlich, dass auch das Ergebnis der Zusammenfassung von Forschungen bei Christensen, lautet die Antwort: Nein. Richtig ist, dass sich die Formen des Aktivismus durch das Netz transformiert haben. „Alte“ Formen – wie Petitionen, Unterschriftensammlungen, Informationssammlungen, Publikationen – und „neue“ Formen wurden zusammengeführt. Dabei muss betont werden, dass das eine das andere nicht ersetzt hat. Das Internet hat Vereine und Parteien, Aktive auf der Straße, in autonomen Zusammenhängen und Stiftungen et cetera nicht verdrängt, sondern deren Aktivitäten mit neuen Formen der Partizipation ergänzt. Was bei Christensen anklingt, aber nicht weiter ausgeführt wird, ist das Phänomen, dass zahlreiche Bewegungen im Netz über kurz oder lang auch Offline-Strukturen ausbilden. Die Freie Software Szene mit ihren zahllosen Stiftungen (Linux Foundation, KDE e.v., GNOME Foundation, Free Software Foundation et cetera) ist dafür ein anschauliches Beispiel.

Get involved, have fun.

Christensen konstatiert, dass eines der Hauptkritierien für den Großteil des Netzaktivismus sei, Aktivitäten zu ermöglichen, die (auch) dazu beitragen, das die Partizipierenden sich besser fühlen. Dies allerdings ließe sich auch auf zahlreiche gesellschaftliche Aktivitäten außerhalb des Netzes beziehen. Nicht umsonst gibt es das verbreitete Negativbild von den „Gutmenschen im Prenzlauer Berg“, die Bionade trinken und sich deshalb gesellschaftlich verantwortlich fühlen, obgleich sie es nicht sind. Allerdings konstatiert der Artikel, dass solche Arten des Engagements im Netz einfacher geworden sind. Christensen zählt zum Beispiel Onlinepetitonen dazu und bemerkt berechtigt, dass auch Offline das Unterschreiben einer Petition keiner großen Anstrengung bedarf (wir reden hier wie gesagt immer von Demokratien, nicht von Diktaturen), aber durch das Netz die Möglichkeit der Verbreitung von Informationen zu einer Petition leichter geworden ist.

Weiterhin verweist Christensen darauf, dass Netzaktivismus oft mit einer gewissen Politiklosigkeit einhergeht. Der Aktivismus selber steht teilweise im Vordergrund, ohne das die Ziele unbedingt politisch sein müssten. Das ist schon richtig: Raids (Demos/Besetzung von Foren, Boards und so weiter), Pranks (Streiche, eher heftige), Lulz (quasi die Währung für Lacher: je lustiger eine Aktion ist, je mehr Lulz werden eingesammelt) sind Bestandteil der Netzkultur, zumindest bestimmter, allerdings sehr aktiver Teile (beispielsweise der Szene um die Imageboards), die allerdings große Teile der Internetszene beeinflussen. Unter sehr bestimmten Umständen entstehen aus diesen Teilen der Internetszene auch direkte politische Bewegungen, die dann allerdings sehr schnell als Fremdkörper ausgelagert werden. (Die bekanntesten waren beziehungsweise sind die gegen Scientology und die für Wikileaks.) Die Frage, die Christensen aus der Forschung ableitet, ist nun, wann diese Bewegungen zu gesellschaftlichen relevantem Aktivismus werden (nicht beachtet wird bei ihm, dass sie auch Einfluss auf die Gesellschaft nehmen, beispielsweise als Geburtsort von Internetmemes, ohne direkt Aktivismus sein zu müssen.) Der umgekehrte Vorwurf an diese Szene ist nämlich der, dass ihre Aktivitäten keinen realen gesellschaftsverändernden Einfluss hätten.

Allerdings lässt sich fragen, ob das ein gerechtfertigter Vorwurf ist. Wer glaubt, dass in aktivistischen Strukturen „alter Art“ ernsthaft die ganze Zeit über versucht würde, gesellschaftlich einflussreich zu sein oder nur Aktionen zu planen, die Einfluss haben, steckte offenbar nie in solchen Strukturen. Auch sie haben immer „Müll“ produziert, Müll im Sinne von zielloser Aktivität, Streichen, Witzen und – zumindest in den Strukturen, die ich kannte und kenne – einen grundständig immer vorhandenen Zynismus. Nicht vergessen werden darf, dass die „alten“ Strukturen selbstverständlich immer auch Sozialbeziehungen herstellten. Das alles ist im Netzaktivismus nicht anders: Freundschaften, Beziehungen, Hassbeziehungen, an denen man sich abarbeiten kann ent- und bestehen in beiden Formen des Aktivismus. Es ist vielleicht heute sichtbarer. Aber der Besuch jeder Vereins- oder Parteisitzung, jedes Antifa-Soli-Konzerts und jeder Anti-Atomkraft-Demo wird sichtbar machen, dass genau solche Pranks und Sozialbeziehungen, wie sie im Netzaktivismus verbreitet sind, auch wichtiger Bestandteil „alter“ Strukturen des Aktivismus sind. Dies wird bei Christensen nicht erwähnt, was einigermaßen überrascht. Vielleicht hat es damit zu tun, das die Analysen des Netzaktivismus ebenso wie des gesamten politischen Aktivismus eher die Oberfläche der Strukturen analysieren und nicht das reale Handeln in ihnen.

Die Hände dreckig machen.

Eine weitere Kritik am Netzaktivismus, die Christensen anführt, ist die, dass die Netzaktivistinnen und -aktivisten sich eher hinter ihren Bildschirmen verstecken und versuchen würden, „sich nicht die Hände dreckig zu machen“. Insbesondere würden sie sich nicht auf die Mühen der Bürokratie und der parlamentarischen Wege einlassen, sondern – wieder – vielmehr auf schnell und einfach zu unterstützende Kampagnen (Emails schicken, I like-Buttons drücken et cetera) beschränken. Dabei würden sie auch keine richtige Lobbyarbeit betreiben. Christensen drückt sich um eine klare Aussage in diesem Punkt, aber beachtet werden sollte hier – wie richtig bemerkt –, dass auch der „alte“ Aktivismus gerne solche Mittel eingesetzt hat, beispielsweise bei Unterschriftenkampagnen. Allerdings erwähnt Christensen, wie schon angemerkt wurde, nicht den Fakt, dass sehr viele Netzkampagnen, wenn sie nur länger existieren, auch anfangen, Offline-Strukturen zu organisieren, die sich dann – halt nach einer gewissen Vorlaufzeit – sehr wohl die Hände dreckig machen. Neben den schon erwähnten Vereinen und Stiftungen kann da auf die „Freiheit statt Angst“-Demonstrationen verwiesen werden.

Allerdings bleibt, wie Christensen auch erwähnt, die Frage bestehen, welchen Effekt der Netzaktivismus eigentlich für die reale Welt hat. [2] Hier stehen sich zwei Annahmen gegenüber: 1.) Der Netzaktivismus hat keine Einfluss oder hält die Leute sogar davon ab, sich weiter mit einem Thema zu beschäftigen, weil sie sich mit einem Klick schon sich als aktiv begreifen können. 2.) Der Netzaktivismus mobilisiert mehr Menschen, die dann immerhin die Chance haben, sich mehr mit einem Thema zu befassen. Untersucht sind, so Christensen, allerdings hauptsächlich explizite Kampagnen und Kampagnenseiten (wo beispielsweise die Mailadressen von Verantwortlichen für ein Thema gesammelt und Standardmails vorgeschlagen werden). Ob und wenn ja, wie der Netzaktivismus neben diesen doch sehr traditionellen Kampagnen einen Effekt auf die politischen Entscheidungsprozesse hat, ist laut Christensen noch nicht untersucht. Dies ist ein bedeutsames Forschungsdesiderat: Wir haben eine verbreitet soziale Praxis, wissen aber nicht, was genau sie hervorbringt.

In der Gesamtschau bemerkt Christensen, dass es zwar keine richtigen Aussagen über den tatsächlichen Effekt des Netzaktivismus gäbe, dass aber jetzt schon klar wäre, dass es keinen negativen Effekt – auch nicht für den „herkömmlichen“ Aktivismus – gäbe. Im schlimmsten Fall würde der Aktivismus im Netz einfach keine gesellschaftlichen Effekt haben. Es scheint aber eher – wie das bei Debatten darum, wer eigentlich Musik kauft, wenn man Musik auch runterladen kann, schon als Argument verwendet wurde –, dass diejenigen, die sich aktiv online betätigen mit höherer Wahrscheinlichkeit auch offline betätigen.

Was allerdings der Artikel von Christensen sehr klar macht, ist, dass wir es beim Thema Netzaktivismus mit einer relevanten Forschungsthema zu tun haben, zu dem es noch lange keine ausreichende Forschungspraxis gibt. Die wenige, die vorhanden ist, scheint immer nur sehr eingeschränkte und oft auch am „herkömmlichen“ Aktivismus orientierte Forschungsfragen zu bearbeiten. Auch wenn es Christensen nicht so sagt, wird klar: Wir brauchen eine Forschung auf dem Gebiet des Netzaktivismus. Diese wird sich dann auch in die Tiefen des Netzaktivismus und der Internetkulturen eintauchen müssen.

Fußnote

[1] Meine Lieblingsgeschichte aus der taz-Redaktion ist immer noch die, wie vor einigen Jahren jemand dort Praktikum machte, Terminhinweise zusammenstellte (wie es seine Aufgabe war) und dann ein ziemlich großes „Konzert gegen Rechts“, dass späterhin in den Feuilletons einiger Hauptstadtblätter auftauchte und auch in mehreren Radiostationen explizit angekündigt wurde, von der verantwortlichen Redakteurin mit den Worten gestrichen wurde: „Wir machen doch hier keine Werbung für die Szene.“ – Und das bei einer Zeitung, die auf dem Tunix-Kongress 1978, der als Initialveranstaltung der alternativen Bewegung der 1980er in West-Berlin gilt, quasi begründet wurde. (So wurde es zumindest berichtet und ehrlich gesagt kann ich mir das nachdem, was ich von der taz-Redaktion mitbekomme, auch vorstellen.)

[2] Auch hier könnte man es sich einfach machen und auf den mobilsierenden Effekt des Netzaktivismus in der arabischen Welt verweisen, der ja über Demoankündigungen hinausging und vielmehr erst den sozialen Zusammenhang und -diskursraum herstellte, aus dem heraus erst die Protestbewegungen organisiert wurden. Nur reden wir dann wieder von Diktaturen, nicht von Demokratien.

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