Bestandsaufbau Lyrik, eine Klage

Lyrik ist – zu meinem Leidwesen – allgemein unterrepräsentiert, insbesonders aktuelle, überall. Das schlägt sich leider auch in der Lyrikproduktion selber wieder, die ohne einen breiteren Bezugsrahmen in den letzten Jahren zum Teil erstaunlich schlechte und vor allem unfundierte Werke hervorgebracht hat. Das auf Literaturbühnen Autorinnen sitzen, die ernsthaft sagen: „Ein Programm hab ich nicht, das war einfach nur ein Tag, da bin ich mit meinem Mann in so einem Haus gewesen, dass fand ich halt schön.“ hat ja auch damit zu tun, dass es kaum noch eine Resonanzraum gibt, in dem Lyrik anhand lyrischer Kriterien bewertet und bearbeitet wird. Wie soll man lyrische Programme ausarbeiten, wenn niemand korrespondiert? So aber wird das rein subjektive „das fand ich schön“ schon zum Kriterium, etwas nicht nur zu schreiben, sondern es gar zu veröffentlichen und vorzutragen – allerdings ohne programmatische Aussage, beispielsweise über das Subjektive.
Auch im bibliothekarischen Feld finden sich kaum Diskussionen dazu, ob und wie Lyrik gesammelt und vermittelt werden kann. In den Beständen, zumindest denen, die ich kenne, überwiegen die Klassiker und Klassikerinnen, die man aber leider schon kennt und Anthologien, die nicht immer sinnvoll sind. Doch das ist nicht nur ein Problem der Bibliotheken, auch der Buchhandel scheint kaum noch gewillt, Lyrikproduktionen in das Barsortiment aufzunehmen. Sicherlich gibt es Ausnahmen, Buchhandlungen, die sich durch ein breites Angebot an Lyrik auszeichnen und vor allem kleinen Verlagen eine Chance einräumen. Aber in vielen Buchhandlungen, und da gerade den großen, gibt es noch nicht einmal ein eigenes Regal für Poesie. (Genauso wie es dort keine literarischen Zeitschriften mehr zu erwerben gibt.)
Warum das so ist, habe ich ehrlich gesagt nie so richtig nachvollziehen können. Sicherlich gibt es viele Menschen, die mit Grausen von Gedichtinterpretationen in Deutschunterricht berichten und meinen, danach würde sie keinen Zugang mehr zur Poesie gefunden haben. Mir scheint das ehrlich gesagt ein vorgeschobenes Argument zu sein, zumal viele dieser Menschen ständig Romane lesen, obgleich die Romaninterpretationen im Schulunterricht oft genauso entmotivierend wirken können.
An sich sollte man die Posie als Literaturgattung mehr herausstellen. Sie ist nun mal nicht für Liebesbriefe und Sammlungen „lustiger“ (Anführungsstriche!) Reime geeignet, wie das teilweise unterstellt wird. Vielmehr scheint mir die lyrische Form für Reflexionen der post-modernen Identitätskonstrukte und Lebensweisen weit besser geeignet, als beispielsweise der Roman.
Aber das ist eine Klage, die ich seit Langem führe. Wieso komme ich darauf, sie jetzt nochmal zu formulieren? Im Current Content-Dienst des Journal of Academic Librarianship findet sich gerade ein Artikel zur Frage des Bestandsaufbaus für den Lyrikbereich in akademischen Bibliotheken in den USA. (Golomb, Liorah (2011) / Collecting Poetry for the Academic Library: An Evaluation of Poetry Prizes as Selection Tools. – In: Journal of Academic Librarianship, in Print) Sicherlich: der Text spricht von einer gänzlich anderen Situation der Literaturproduktion. Und zudem nicht von Öffentlichen Bibliotheken, wo man Lyrikbestände viel eher verorten würde. Insoweit ist das alles nur eingeschränkt wahrzunehmen. Dennoch kann auch aus diesem Text einiges gelernt werden.
Die Autorin liefert in der Literaturdiskussion eine Übersicht zu den wenigen Texten, die sich mit dem Bestandsaufbau von Lyrikbeständen befassen. Sie hält fest, dass sich Besprechungen von Lyrik kaum als Auswahlinstrument eignet, einfach weil der überwiegende Teil positiv ist. Dieses über-positive Darstellen von Werken, bei dem jede kleine Kritik schon als Verriss erscheint – dass sich ja nicht nur in englischen Sprachraum oder im Bereich Lyrik zu finden, sondern fast schon zum Merkmal des zeitgenössischen Feuilletons und der Rezensionsrubriken in unterschiedlichsten Zeitschriften geworden –, mache es praktisch unmöglich, diese Besprechungen zur Auswahl von Medien heranzuziehen. Wenn fast alles gut ist und kaum etwas differenziert dargestellt wird, was soll man dann auch für Informationen aus den Besprechungen heraus ziehen? Ins Inhaltsverzeichnis kann man auch so schauen.
Außerdem stellt die Autorin einen Text von Hank Lazar vor, der argumentiert, dass sich Bibliotheken praktisch gegen den Trend größerer Verlage stellen müssten, die Klassikerinnen und Klassiker der Poesie immer wieder neu in Anthologien zu verpacken und praktisch kaum noch neue Poesie zu vertreiben. Stattdessen sollten Bibliotheken eher sich darauf konzentrieren, kleine Verlage und experimentelle Literatur zu erwerben. Das ist – obwohl es im Text von Golomb nicht weiter ausgeführt wird – meines Erachtens eine berechtigte Forderung. Sicherlich sollten alle einmal Brecht und Goll (beide) gelesen haben, sollte jede und jeder einmal die Menschheitsdämmerung und Howl in der Hand gehabt haben, sollte jeder und jede wissen, welches das treffenste Gedicht für das eigene Lebensgefühl ist – aber das alleine ist nicht die Lyrik. Schon gar nicht die des 21. Jahrhunderts. Interessante Literatur, die an der Zeit selber sich anlegt und auf die Verwerfungen des Lebens heute hört, findet sich eher bei kleinen, engagierten Verlagen, in kleinen Pressen, nicht bei den großen. Wenn Bibliotheken als öffentliche Einrichtungen zur Literarisierung der Gesellschaft beitragen wollen, wenn sie die Möglichkeit zur Poeisierung des Alltags aufrecht erhalten wollen, dann ist die Forderung, sie sollten sich nicht nach großen Verlagen richten, sondern nach kleinen Ausschau halten, berechtigt. Zumal der Erwerb von 10 Büchern bei Kleinverlag XYZ mehr ins Gewicht fällt, gar zum Teil das Überleben ermöglicht, als bei Suhrkamp oder Fischer (wobei diese beiden immerhin noch regelmäßig Lyrik bringen). Hier scheinen mir Steuergelder auch als Kulturförderung besser angelegt.
Golomb verweist dann noch auf einen Text, der bespricht, wie man praktisch in den literarischen Untergrund abtauchen und Bestände mit grauer Literatur im Bereich Poesie aufbauen kann. Späterhin sagt sie direkt, dass alles das Arbeit macht. Berechtigt, dieser Einwand wird wohl auch vorgebracht werden, wenn man in Deutschland von den Öffentlichen Bibliotheken eine solche Arbeit verlangen würde. Dennoch! Es ist ein Argument, auf kleine Verlage, auf entlegene Literatur, auf das Experiment, und die Graubereiche zu achten, weil das auch Kultur und Kulturentwicklung fördert.
Golomb geht in ihrem Text weiterhin auf den Wert von Lyrik-Preisen als Auswahlkriterium ein. Das ist dann sehr USA-spezifsch, um es so zu sagen. Ein solches System von Lyrik-Preisen, vergeben von Privatinitiativen und Verlagen, wie von Golomb besprochen, gibt es in Deutschland nicht. Gleichwohl sie darauf verweist, dass diese Preise – bei denen bei Einreichung jeweils eine Gebühr berechnet wird – zu einer Einnahmequelle für einige Verlage geworden ist und auch sonst einiges an ihnen schwierig wäre, zeigt sie auch, dass die Preiskommitees sich darum bemühen, dass die Qualität der Lyrik als Auswahlkriterium herangezogen wird, nicht persönliche Kontakte oder Ähnliches. Gleichwohl kommt sie zu dem Ergebnis, dass schon durch die Vielzahl und Intransparenz der meisten Wettbewerbe die Auszeichnungen sich kaum als Kriterium für den Bestandsaufbau eignen.
Weiterhin führte die Autorin eine Fragebogenumfrage unter Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, die in Wissenschaftlichen Bibliotheken für die Entwickung des Lyrik-Bestandes zuständig sind, durch. Thema waren die Kriterien für die Auswahl der Medien: Welche werden als wichtig, welche als unwichtig angesehen? Welche werden herangezogen, welche nicht? Die Lyrik-Preise, welche die Autorin des Artikels interessieren, haben kaum einen Einfluss auf die Bestandsentscheidungen. Dies gilt vor allem für solche Preise, die vor der Publikation vergeben werden. Preise, die schon publizierte Lyrik prämieren hingegen werden als Qualitätskriterium herangezogen. Am wichtigsten allerdings ist den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, dass sie mit den Werken der Autorin, des Autors bekannt sind, dass sie den jeweiligen Verlag vertrauen. Außerdem sind Hinweise aus den Fakultäten und von Kolleginnen und Kollegen ein wichtiges Mittel der Bestandsentwicklung. Gleichwohl schließt Golomb mit der Bemerkung, dass es keine Ersatz gäbe für das Wissen von Spezialistinnen und Spezialisten. Das ist folgerichtig. Allerdings wirft es die Frage auf, wer dieses Spezialwissen hat. Es bedarf offenbar lyrisch interessierter Bibliothekarinnen und Bibliothekare, um einen Bestand Lyrik aufzubauen, der über Anthologien und Werkausgaben der Klassikerinnen und Klassiker hinausgeht. Immerhin wäre dies einmal aufzuschreiben, so wie es in dem Artikel von Golomb getan wurde.

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