Mubarak Public Library und Bertelsmann Stiftung (1990er Jahre)

Ägypten: Die Revolution hat gewonnen, Mubarak ist (zur Zeit) verschwunden, die Hoffnung liegt darin, dass die Armee tatsächlich nichts anderes tun wird, als den Aufbau der Zivilgesellschaft zu ermöglichen. Wetten für die nächste fallende Diktatur im Nahen Osten werden angenommen. (Ich persönlich tippe auf den Nord-Sudan [heißt das jetzt so?], aber auch, weil niemand anders darauf setzte und hoffe auf den Iran. Wer wettet dagegen?)

Zeit, um an eine andere, nicht allzulange vergangene Situation zu erinnern. 1993 war die Bertelsmann-Stiftung noch sehr daran interessiert, das deutsche, aber auch andere Bibliothekssysteme zu beraten. Oder auch, wenn man es anders formulieren möchte, Einfluss auf die Bibliotheken zu gewinnen und die sehr einseitig marktradikalen Vorstellungen der Stiftung zur Arbeit von Öffentlichen Einrichtungen auch in Bibliotheken umzusetzen. Das deutsche Bibliothekswesen gab dem Drängen der Stiftung in den folgenden Jahren auch zum Teil nach. Das „Bibliothek 2007“-Projekt [1] war eines der Ergebnisse, der Bix-Index ein anderes [2]. Später dann beschloss die Stiftung, dass sie ihre Interessen von den Bibliotheken (und anderen Projektbereichen) verlagern würde.

1993 aber war die Bertelsmann Stiftung noch dabei, ihr Wissen über Bibliotheken aufzubauen und Projekte zu initiieren. Unter anderem auch in einigen Diktaturen wie eben Ägypten. In Giza, eigentlich der drittgrößten Stadt in Ägypten, nahe Kairo gelegen, die aber bei der Bertelsmann Stiftung als Stadtteil von Kairo beschrieben wird, wurde die Mubarak Public Library (benannt offenbar nach Hosni Mubarak) aufgebaut. Diese Public Library sollte ein moderne Bibliothek darstellen:

„Für die Bertelsmann Stiftung ist die Mubarak Public Library nach der Modellbibliothek Can Torró in Spanien sowie der Modellbibliothek in Breslau in Polen das dritte Modellprojekt außerhalb Deutschlands und zugleich das erste im arabischen Raum. Hier wird das Konzept einer modernen Publikumsbibliothek, das sich schon in der Stadtbibliothek Gütersloh vielfach bewährt hat, in einem anderen Kulturraum erprobt.“ [3]

Der vollständige Aufbau der Bibliothek zog sich offenbar bis 1999 hin, zudem wurde eine Filiale in einem Stadtteil von Kairo aufgebaut. Dann zog sich die Stiftung zurück und wollte nur noch Beratung anbieten. Dies ist das normale „Geschäftsmodell“ der Stiftung, die (eigentlich) nur Projektfinanzierungen und Beratungen bietet. Die Bibliothek sollte die Dinge anbieten, die man in modernen Bibliotheken in Deutschland auch kennt.

Es gibt nicht viel Text über die Bibliothek und das Projekt selber. Vor einigen Tagen noch war die Homepage der Bibliothek inklusive der Bilder mit Hosni Mubarak online, jetzt ist sie es nicht mehr. (Und angesichts der erstaunlichen Gewaltlosigkeit der Pro-democracy-Protestierenden ist allerdings nicht zu vermuten, dass dies daran liegen würde, dass dies erzwungen wurde.) Die sehr kurze Projektbeschreibung der Bertelsmann-Stiftung ist aber selbstverständlich weiter erreichbar. [4]

Interessant ist aber doch, dass das Wort „Demokratie“ oder „demokratisch“ in dieser Projektbeschreibung nicht vorkommt. Die Stiftung bezieht sich darauf, dass Öffentliche Bibliotheken Zugang zu Informationen zur Verfügung stellen:

„Sie ermöglichen den freien Zugang zu Informationen und einen selbstverständlichen Umgang mit Medien: Aspekte, die eine wesentliche Voraussetzung für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Weiterentwicklung darstellen.“ [5]

Der Fokus lag allerdings bei der Leseförderung und der Orientierung auf die Nutzer:

„Dass die Bibliothek dabei sehr viel Wert auf eine individuelle Beratung und Betreuung ihrer Kunden legt, ist selbstredend. Darüber hinaus leistet die Bibliothek durch den freien Zugang zu Medien aller Art einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der freien Meinungsbildung. Seit einigen Jahren ist das Internetcafé der Bibliothek und das Zentrum für Neue Medien ein integraler Bestandteil des Medienangebotes.“ [6]

Man erkennt in diesem Teil der Projektbeschreibung die Ausrichtung der Stiftung auf „Beratung und Betreuung [von] Kunden“, aber gleichzeitig auch den positiven Bezug auf „freien Zugang zu Medien“. Hier stellt sich die interessante Frage: Wie ernst ist das gemeint? Wie ernst wurde es umgesetzt? (Das ägyptische Kultusministerium gehört beispielsweise mit zum Library Board.) Das lässt sich aus einer Projektbeschreibung selbstverständlich nicht ableiten. Aber es ist auch sichtbar, dass diese Aufgabe für die Bertelsmann-Stiftung nicht im Mittelpunkt ihres Interesses stand. Es geht eigentlich um etwas anderes: Effizienz.

„Ein gutes Angebot setzt auch eine effiziente Organisation und Verwaltung voraus. Daher liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der erfolgreichen wirtschaftlichen Betriebsführung.“ [7]

Außerdem sollte (auch) diese Bibliothek als Modellbibliothek ein Vorbild bilden, an dem sich andere Einrichtungen ausrichten sollten. Dies war immer ein Ansatz, den die Bertelsmann-Stiftung auch anderswo verfolgte. Ob das funktioniert hat? Das ist nicht klar.

Wie gesagt: das ist Geschichte. Zumindest zur Zeit hat die Bertelsmann-Stiftung andere Schwerpunkte gewählt. Aber es bleiben doch für Bibliotheken Fragen offen: Was hält man den davon, dass eine Stiftung mit Diktaturen zusammen arbeitet und zwar mit den Modellen, die sie in demokratischen Staaten auch aufgebaut hat? Ist es eigentlich moralisch tragbar, mit einer Stiftung zusammen zu arbeiten, die dies tut? Warum gab es auch über diese Bibliothek keine richtige Debatte, als die Stiftung sehr massiv im deutschen Bibliothekswesen aktiv wurde?

Und weiter, allgemeiner: Kann man eine „moderne“ Bibliothek tatsächlich einfach so aus einer Demokratie in einer Diktatur verpflanzen (mit expliziter Hilfe der Diktatur)? Wenn ja: Was sagt das über die tatsächliche Wirkung der modernen Bibliotheken aus? Es scheint ein banale Aussage zu sein, aber doch eine wichtige: Eine (Öffentliche) Bibliothek ist vielleicht nicht einfach demokratisch und wirkt auch nicht per se als „Schule der Demokratie“, wie dies manchmal angeführt wird. Offenbar bedarf auch dies immer der expliziten Überzeugung und Arbeit der jeweiligen Bibliothek. Wäre dem nicht so, könnte man nicht einfach die gleichen Modelle von Bibliotheken in Demokratien und Diktaturen aufbauen. Was allerdings ist dann die „demokratische“ Arbeit und Wirkung, die in Bibliotheken betrieben werden kann und soll?

Demokratien, freie Gesellschaften müssen auch aktiv erhalten werden. Nicht unbedingt immer erkämpft, wie dies gerade in Tunesien und Ägypten getan wurde. Das ist zum Glück nicht so oft notwendig. Aber eines, was aus den beiden Revolutionen zu lernen ist, ist, dass moderne Medien und betriebswirtschafltiche Abrechnungsmethoden (und moderne Bibliotheken) keine moderne Gesellschaft ausmachen, sondern Menschen mit einem modernen Menschenbild und dem Wunsch, gut und moralisch menschenwürdig zu leben. Bibliotheken mögen dies unterstützen, aber nicht automatisch. [8]

Fußnoten:
[1] http://www.bideutschland.de/download/file/bibliothek_2007/strategiekonzept_langfassung.pdf Siehe auch: Stünkel, Michael / Bibliothek 2007: „Ein realistischer Entwurf für die Zukunft“. – In: BuB 55 (2003) 5, S. 291-292. Seefeldt, Jürgen / Die Bibliothek von morgen. – In: B.I.T. online 8 (2005) 1, S. 11-18. Anonym / Projekt „Bibliothek 2007“ – Evaluationsbericht. – In: Bibliotheksdienst 40 82006) 12, S. 1375-1376.
[2] Vgl. Klug, Petra / BIX – der Bibliotheksindex. – In: BuB 51 (1999) 9, S. 522. Klug, Petra / BIX oder : Was kann ein Ranking bewirken? – In: Benkert, Hannelore ; Rosenberger, Burkard ; Dittrich, Wolfgang (Hrsg.) / Die Bibliothek zwischen Autor und Leser : 92. Deutscher Bibliothekartag in Augsburg 2002. – Frankfurt am Main : Klostermann, S. 351-356.
[3] Bertelsmann Stiftung / Eine Modellbibliothek in Ägypten. – ohne Datum. – http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-38D47B87-F540CD3E/bst/xcms_bst_dms_12783_12784_2.pdf, S. 1.
[4] http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID-5EFAFB43-04474896/bst/hs.xsl/8195.htm.
[5] Bertelsmann Stiftung / Eine Modellbibliothek in Ägypten. – ohne Datum. – http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-38D47B87-F540CD3E/bst/xcms_bst_dms_12783_12784_2.pdf, S. 1.
[6] Bertelsmann Stiftung / Eine Modellbibliothek in Ägypten. – ohne Datum. – http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-38D47B87-F540CD3E/bst/xcms_bst_dms_12783_12784_2.pdf, S. 2.
[7] Bertelsmann Stiftung / Eine Modellbibliothek in Ägypten. – ohne Datum. – http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-38D47B87-F540CD3E/bst/xcms_bst_dms_12783_12784_2.pdf, S. 2.
[8] Ein Reisebericht in dänisch zur Mubarak Library in Giza findet sich, inklusive einiger Bilder aus der neuen Location, hier: Junckers, Læs Beth / Rejsedagbog fra Cairo. – In: Insight IVA (2009) 3-12. – http://www.iva.dk/omiva/nyheder/insight/artikel/default.asp?cid=25004

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